Die Asthetik der Pythagoreer und Heraklits

Author
Tatarkiewicz, W.
Published in
Geschichte der Asthetik
Year
1979
Subject
HERACLITUS
Language
Deutsch
Category
C13 Art
Archive number
2604

Open PDF(opens in a new window)

Show full text6 pages

Page 1

View in PDF(opens in a new window)
CATARINA CZW. . veLiER. ara +e, arMet WLADYSLAW TATARKIEWICZ GESCHICHTE DER ASTHETIK ERSTER BAND DIE ASTHETIK DER ANTIKE 2.5. Die Asthetik der Pythagoreer und Heraklits 1. Das pythagoreische Motiv: Proportion und Mass. Die Pythagoreer bildeten eine vor allem moralisch-religiöse Gemeinschafi, aber sie trieben auch wissenschaftliche Forschung, hauptsächlich auf dem Gebiet der Mathematik, Ihre Heimat waren die dorischen Kolonien in Unteritalien, ihr Gründer Pythagoras, der im 6. Jahrhundert gelebt hatte. Die wissenschaftlichen Entdeckungen, die man ihm zuschrieb, waren jedoch nicht sein Werk, sondern das seiner Nachfolger im 5. und 4. Jahrhundert. Der Doppelcharakter der pythagoreischen Gemeinschaft — eben der religiöse und wissenschafiliche -- schlug sich auch in ihrer Ästhetik nieder?*. Ein Gedanke aus der Philosophie der Pythagoreer hatte grundlegende Bedeutung für die Ästhetik, nämlich der, dass die Welt mathematisch gebaut sei. «Nachdem sie einmal sich in die Mathematik vertieft hatten, begannen sie, die Prinzipien eTRn aESP der Mathematik für die Prinzipien aller Dinge zu halten» (1), sagt von ihnen Aristoteles. Insbesondere stellten sie eine mathematische Gesetzmässigkeit in der Akustik fest, indem sie beobachteten, dass Saiten harmonisch oder disharmonisch klangen, je nach der Länge der Saite. Sie klingen harmonisch, wenn ihre Länge einem einfachen Zahlenverhältnis entspricht: Beträgt das Verhältnis 1:2, dann hört man eine 24 A. Delatte: Etudes sur la littérature pythagoricienne (1915).

Page 2

View in PDF(opens in a new window)
Oktave, betràgi es 2:3, dann hort man eine Quinte; verbalten sich die Längen wie 1:44:44, dann enistehi der Akkord CGe, den sie «harmonisch» nannten. Dieses rälselhafte Phänomen erklärten sie also mit der Proportion, dem Mass, der Zahl: Harmonie beruht auf dem mathematischen Verhältnis der Elemente. Die Pythagoreer hatten nicht im Sinn, Ästhetik als gesonderte Wissenschaft zu treiben: Die Harmonie war für sie eine Eigenschaft des Kosmos, die sie im Rahmen der Kosmologie erörterten. Den Terminus «schön, gebrauchten sie nirgends, dafür - ls kam zu einer merkwürdigen Situation: Für die Griechen war das Schöne eine Eigenschaft der sichtbaren Welt; aber auf ihre Theorien des Schönen wirkte nicht die bildende Kunst ein, sondern die Musik, die sie in ihrer Überzeugung bestärkte, dus Schöne sei eine Sache der Proportionen, des Masses, der Zuhl. 2, Die Harmonie des Kosmos, In der Überzeugung, das Universum sei hurmonisch gebaut, gaben ihm die Pythagoreer den Namen «kosmos> (xdapog), d.h. «Ordnung». Damit führten sie ein ästhetisches Moment in die Kosmologie ein. Über einer tieferen Harmonie, als Ausdruck der inneren Ordnung im Gefüge der Dinge Ordnung und Harmonie des Kosmos entwickelten sie recht weitgehende Spekulationen. In der Annahme, dass jede regelmässige Bewegung einen harmonischen Ton von sich gebe (7), folgerten sie, dass das ganze Universum töne, diese «Sphärenmusik» erzeuge eine Symphonie, die wir jedoch nicht vernähmen, da sie ständig in unseren Ohren töne. Von denselben Prämissen ausgehend, kamen sie auch zum Schluss, dass auch die Gestalt der Welt regelmässig und harmonisch sein müsse; nun aber sei das die Kugelgestalt, folglich muss die Welt Kugelgestalt haben. Mit Asthetik durchsetzten sie auch ihre Psychologie. Da sie sich die Seele analog zum Leibe vorstellten, nahmen sie an, dass vollkommene Seelen diejenigen seien, die harmonisch gebaut seien, d.h. dass ihre Teile in richtiger Proportion zueinander selbst. stehen. den Terminus (Harmonie), den sie wahrscheinlich selbst erfunden hatten. «Harmonie», sagte der Pythagoreer Philolaos, «ist die Vereinigung verschiedenartiger und gemischter Dinge, die Obereinstimmung verschieden gestimmter Dinge» (2). Etymologisch bedeutet Harmonie soviel wie «Gefüge, Verbindung: Übereinstimmung, Zusammenpassen der Bestandteile). Wegen dieser Einheit war sie für die Pythagoreer etwas Positives und Schönes in der ganzen Breite und Schönheit der griechischen Wortbedeutung. Philolaos sagt weiter: «Unähnliche, nichtverwandte, verschiedenartige Dinge bedürfen der Harmonie, damit sie in wohlgefügter Ordnung bleiben» (3). Die Harmonie der Klänge betrachteten sie lediglich als Offenbarung der Pythagoreer ging aber noch weiter: Sie behaupteten, viertens, die Harmonie sei Die ästhetische These der Pythagoreer wurde überall in Griechenland anerkannt, freilich in einem etwas lockereren Sinn: das Schöne sei eine Suche der Ordnung, der Regelmassigkeit in der Anordnung der Teile. In dieser Formulierung, kann man sagen, wurde diese These ein Axiom der antiken Äsıhetik. Im engeren Sinn jedoch, dass das Schöne eine Sache des Masses und der Zahl sei, blieb diese Auslegung die Losung von nur wenigen Kunstrichtungen und Kunsttheorien, Das Schöne im ersten Sinne benannten die Griechen weiterhin mit dem Terminus der Pythagoreer (Harmonie), und für das Schöne im zweiten Sinn hatten sie den zweieine quantitative, mathematische Anordnung, die von Zahl, Mass und Proportion ten Begriff <Symmetrie). abhänge. Diese These war das eigentliche pythagoreische Motiv, das aus ihrer maschuf die Fundamente der künftigen Asthetik der Griechen, deren Grundmotiv es 3. Das Ethos der Musik. Die Pythagoreer haben sich auch noch durch eine weitere Theorie in der Geschichte der Asthetik einen Namen gemacht. Auch diese hat mit Musik zu tun, steht aber auf einer ganz anderen Ebene. Wahrend die erste verkündete: Musik beruht auf Proportion, so sagt diese zweite: Musik ist eine Macht, wurde. Doch nicht nur die Ästhetik, sondern auch die Kunst wurde durch dieses die an die Seele rührt. Motiv bestimmt, hauptsächlich die Musik (5), aber mittelbar auch die bildende Sie war das Gegenstück der expressiven Kunst der Griechen, jener «dreieinigen Choreia», die durch Wort, Geste und Musik wirkte. Die Wirkkraft der Choreia schrieben die Pythagoreer am meisten der Musik zu. Die Griechen hatten anfänglich geglaubt, die Choreia wirke ausschliesslich auf die Gefühle dessen, der selbst tanzt und singt, wie es im Dionysoskult mit seinen betäubenden Tänzen und Gesängen der Fall war. Die Pythagoreer jedoch beobachteten, dass Tanz und Musik ähnlich auch auf den Zuschauer und Zuhörer wirken. Sie wirkt nicht nur durch die Bewegungen, sondern auch durch das Anschauen der Bewegungen: ein zivilisierter Mensch braucht keine orgiastischen Tänze, das Zusehen genügt ihm. Bin späterer In der Theorie der Pythagoreer war es wesentlich, dass erstens (4) Harmonie, Ordnung, gute Proportion («Symmetrie») in ihren Augen nicht nur eine wertvolle, schöne und nützliche, sondern auch eine objektiv begründete, ja die objektive Eigenschaft der Dinge war. Zweitens waren sie überzeugı, dass die für die Harmonie verantwortliche Eigenschaft der Dinge in ihrer Regelmässigkeit, Regelhaftigkeit, in der Ordnung bestehe. Drittens sei Harmonie nicht eine Eigenschaft einzelner Dinge, sondern die regelmässige Anordnung vieler Dinge und Teile. Die These thematischen Philosophie hervorging und sich auf ihre akustischen Entdeckungen stützte, Es war ein Motiv ihrer Kosmologie, das sie in ihre Ästhetik übernahmen. Es Kunst (6). In der Welt Regeln und Gesetze aufzuspüren und diese in der Kunst anzuwenden, war seit jeher ein Bestreben des griechischen Geistes gewesen; nun kam die pythagoreische Philosophie, verstärkte diese Neigung und verbreitete die Ansicht, dass mathematische Regelmissigkeit eine Garantie für Harmonie sei. Die mathematische Behandlung der Musik war ein Werk der Pythagoreer. Aber auch die Kanones der bildenden Kunst im klassischen Zeitalter, seine geometrischen Ausrechnungen und Konstruktionen waren nicht zuletzt eine Folge pythagoreischer Ideen.

Page 3

View in PDF(opens in a new window)
ken. Mit guter Musik kann man sie besser machen, mil schlechter aber auch verder- 5. Musik - cine Kunst wie keine andere. Die expressive und psychagogische Machi schrieben die Pythagoreer nicht allen Künsten, sondern speziell der Musik zu. Durch Klänge drückt sich die Scele aus, und durch Klänge kann man auf die Seele einwirken; daher hielten sie die Musik für einzigartig, für ein besonderes Geschenk der Götter (10). Sie glaubten, die Musik sei keine menschliche Einrichtung, sondern «von Natur aus» gegeben. Die Rhythmen seien in der Natur vorgegeben und dem Menschen angeboren; man könne sie nicht nach Belieben ausdenken, sondern müsse sich ihnen anpassen. Die Seele spreche sich — so habe es die Natur gewollt - in der Musik aus, Musik sei ihr natürliches Ausdrucksmittel. Die Rhythmen seien die «Abbilder» (önowwpura, homoidmata) der Psyche, «Zeichen» oder ben. Die Griechen gebrauchten dafür das Wort yuxaywyiu (psychagogía, «Seelen- «Wörter» des Charakters. führung»). Der Tanz und noch mehr die Musik hatten psychagogische Machı. Man Die pythagoreische Theorie der Reinigung durch die Musik bildete einen ganzen Komplex von Thesen: I. Die Musik ist ein Ausdruck der Seele, ihres Charakters, ihrer Verfassung, ihres Ethos; 2. sie ist ihr «natürlicher» Ausdruck und zugleich der einzige Ausdruck; 3. die Musik ist gut oder schlecht, je nachdem sie Ausdruck eines guten oder schlechten Charakters ist; 4. da man dank der Verbindung zwischen Seele und Musik durch die Musik auf die Seele einwirken kann, kann man sie ebenso gut bessern wie verderben; 5. der Sinn der Musik ist also nicht das Angenehme allein, das sie gewährt, sondern das Bilden eines Charakters (später wird Athenaios schreiben: «Der Zweck der Musik ist nicht das Vergnügen, sondern der Dienst an der Tugend»); 6. durch gute Musik erlangt man die «Reinigung» und die Befreiung der Seele aus den Fesseln des Leibes, und 7. ist infolgedessen die Musik etwas Ausserordentliches, etwas Einziges, eine Kunst, die keiner anderen Ähnlich Musikhistoriker, der Grieche Quintilianus, berichtet, dieser Gedanke sei schon unter den «anuken» Musiktheoretikern aufgekommen: er kann damit nur die Pythagoreer gemeint haben. Diese waren bemüht, das mächuige Einwirken der Kunst durch die Verwandischaft der Bewegungen und Töne mit den Gefúhlen zu erklaren, dank der Bewegungen und Töne Gefühle ausdrücken könnten. Beide können aber auch Gefühle hervorrufen. Die Töne finden in der Seele Widerhall, und die Seele klingt mit. Es sei wie mit zwei Lyren: wenn wir die eine ertönen lassen, antwortet die andere, welche sich in der Nähe befindet. Daraus die Folgerung: man kann mit Hilfe der Musik auf die Seelen einwirkann, wie sie sich ausdrücken, die Seele in ein gutes oder schlechtes Ethos (n907) versetzen. Aus solchen Beobachtungen und Überlegungen erwuchs die Lehre vom Ethos der Musik, d.h. von ihrem psychagogischen und erzieherischen Wirken. Diese Lehre wurde ein fester Bestandteil des griechischen Musikverstándnisses und brachte es zu grösserer Popularität als ihre mathematische Interpretation. Im Namen dieser Lehre legten die Pythagoreer und jene Zahlreichen, die ihre Ideen hochhielten, einen auffälligen Nachdruck auf die Unterscheidung von guter und schlechter Musik und forderten, dass die gute Gesetz werde, damit in einer moralisch und sozial so wichtigen Sache wie der Musik keine Gesetzlosigkeit einreisse und man alles aufs Spiel setze. So hatten die Pythagoreer auch in dieser Hinsicht Gelegenheit, auf das Schicksal der Musik Einfluss zu nehmen (8). 4. Das orphische Motiv: Reinigung durch die Kunst. Die These der Pythagoreer von der Macht der Musik hatte ihre Wurzel nicht nur in der Kunst der Griechen, sondern auch in ihrer Religion, genauer in den Anschauungen der Orphiker, Das Wesen dieser Anschauungen war: Die Scele ist im Leib gefangen, um ihrer Verschuldigung willen; sie wird befreit werden, sobald sie sich von ihnen reinigt: ihre Reinigung und Befreiung ist das erhabenste Ziel des Menschen. Diesem Ziel dienten die Mysterien der Orphiker, bei denen auch Tänze und Musik eine Rolle spielten. Die Pythagoreer entnahmen nun dieser Religion den Gedanken, dass die Muon=— ist. 6. Die Kontemplation. Mit Pythagoras verbanden die Griechen noch einen anderen für die Ästhetik wichtigen Begriff, nämlich den Begriff der Kontemplation (11). Die Kontemplation stellte er den Tätigkeiten, die innere Haltung des Zuschauers (Seat, theatés) der tätigen Haltung gegenüber. Nach Diogenes Laertios habe Pythagoras das Leben mit einem Festspiel verglichen, zu denen die einen kommen, um an den Wettkämpfen teilzunehmen, andere, um Handel zu treiben, und wiederuin andere einzig dazu, um zuzuschauen. Und diese Haltung hielt er für sie nicht nur eine psychagogische Kraft, sondern auch eine reinigende (xudapuròg, die ehrenvollste, da dahinter kein Streben nach Ruhm oder Gewinn stehe, sondern der Kontemplation, des Betrachtens ausschliesslich nach Erkenntnis. Dieser Begriff (Sewpiu, theoria), umfasste bei den Griechen der Frühzeit die Betrachtung sowohl kathartikôs), nicht bloss in ethischer, sondern auch in religiöser Beziehung. Wie des Schönen als auch der Wahrheit, und erst mit der Zeit wurde er differenziert in Aristoxenos überliefert, wandten die Pythagoreer die Medizin zur Reinigung des einen epistemologischen und einen ästhetischen Begriff‘, Leibes, die Musik jedoch zur Reinigung der Seele an (9). Aus den Rauschzustinden, dieses Motiv mit den orphischen Mysterien zu tun hat, nennen wir es das «orphi- 7. Das Motiv Damons. Die religiöse Auffassung der Musik blieb Eigentümlichkeit der Orphiker und Pythagoreer, aber deren psychologische, ethische und erzieherische Auffassung wurde griechisches Gemeingut, Sie wurde zwar von den empirisch denkenden ionischen Philosophen angegriffen, für die das Ganze zu mystisch sche». war, aber ihre Attacke rief wieder die Verteidigung auf den Plan. Und dies geschah sik zur Reinigung der Seele diene. Für sie, die ja von der Macht der Musik auf die Scele überzeugt waren, hatte dieser Gedanke nichts Fremdes. In der Musik sahen die sie bei der bacchischen Musik beobachteten, schlossen sie, dass sich die Scele unter ihrem Einfluss freimache und für einen Augenblick den Leib verlasse. Da

Page 4

View in PDF(opens in a new window)
im Athen des 5. Jahrhunderts. Der bedeutendste Verfechter der pythagoreischen sätzlichen Kräften (13). Als Beispiele führie er den (Pfeil-)Bogen und die Lyra an: ‘Theorie war dort Damon??. In dieser Phase hatte der Streit zum Teil die theoretische der Bogen schiesse und die Lyra klinge um so besser, je grésser die Spannung sei, Wichtigkeit verloren, dafür aber an sozialpolitischer Aktualität gewonnen. d.h. je widerstrebender die Kräfte seien, die in ihnen (dem Bogen und der Lyra) Die Akme Damons fällt in die Mitte des 5. Jahrhunderts. Seine Schriften sind zum Austrag kämen. Daraus ergibt sich, dass Harmonie auch aus Widersprüchen uns nicht erhalten, doch kennen wir den Inhalt seines Sendschreibens an den Areomöglich sei. Das dritte Fragment spricht von «verborgener» Harmonie (14), und er pag: er warnte seine Mitglieder vor Neuerungen in der Musik und vor den sozialbehauptet, diese sei stärker als die sichtbare. Unter «verborgener Harmonie» verpädagogischen Gefahren. Gestützt auf die pythagoreische Musiktheorie, zeigie er stand er wahrscheinlich keine andere als die, die aus Widersprüchen entsteht. ihren Zusammenhang mit der menschlichen Seele; er wünschte, dass die Musik der Schliesslich das vierte Fragment: dort erklärt er, aus Widersprüchen entstehe eine ölfentlichen Erziehung übergeben werde. Der richtige Rhythmus sei ein Zeichen Symphonie sowohl in der Natur als auch in der Kunst, die darin die Natur nachdalür, dass das innere Leben geordnet sei, er lehre die innere Disziplin (ebvopid, ahme (15). eunomia). Gesang und Spiel lehrten die Jugend nicht nur Mut und Mässigung, In seinem Weltbild spielte die Harmonie keine geringere Rolle als in der des sondern auch - so behauptete er - Gerechtigkeit. Er glaubte, eine Änderung der Pythagoras. Dagegen weist nichts darauf hin, dass er ihr einen mathematischen Musikformen reiche so tief, dass sie eine Änderung der Staatsform nach sich ziehen Charakter zugeschrieben hatte; er hatte eher eine Harmonie in einem freieren und müsse. Diesen letzten Gedanken über die sozialpolitische Rolle der Musik kann qualitativen Sinn im Auge. Dafür legte er Nachdruck darauf, dass die Harmonie man als Damons persönliches Motiv betrachten. aus Widersprüchen zustande komme. Die aus Widersprüchen sich herausschälende Von Damon wissen wir hauptsächlich durch Platon, der seine Anschauungen teilte und wohl aın meisten zu ihrer Verbreitung beitrug. Platon hat auch bewirkt, Harmonie ist in der Asthetik ein eigenes Motiv, das wir das heraklitische nennen wollen. dass die pythagoreische Musikauffassung die ganze griechische Kunsttheorie be- Der Begriff «Harmonie» fand jetzt überall Aufnahme; seit Heraklit bedienten einflusste und sich unter dem Zeichen der Proportion, des Masses und der Zahl sich seiner auch die ionischen Denker: Empedokles schreibt, die Harmonie sei enteinerseits und der Seelenreinigung anderseits entwickelte. Diese erste philososcheidend für die Einheit der Natur, und Demokrit sagt, sie sei entscheidend für das phisch-ästhetische Konzeption der Griechen erwies sich als ihre dauerhafteste. Am Gliick der Menschen. Es war das freilich ein kosmologischer oder ethischer Begriff meisten Jedoch beeinflusste sie die Musiktheorie: Sie ist verantwortlich dafür, dass und kein ásthetischer; man kann höchstens sagen, sie hätten damit ein äsıhetisches die Musik in Griechenland als eine Kunst hors concours behandelt wurde, anders Moment in die Kosmologie und Ethik eingeführt. als alle andern, als einzig expressive, als einzig heilende, als solche, die auch wissen- 9. Ordnung und Chaus. Die griechischen Begriffe Harmonie und ihr Gegenteil, schaftliche Aufgaben hatte, weil sie die Gesetze, die die Welt regieren, enthülle, die die Disharmonie, beruhten auf zwei noch allgemeineren, nämlich: Ordnung und aber auch moralische und soteriologische und erst zuletzi auch noch ästhetische Chaos. Nur das Berechenbare, das Regelmässige, Durchsichtige, was in sich schon Bedeutung hatte. Ordnung und Gleichmass enthält, nur das hielten die Griechen für erfassbar, nur 8. Das Motiv Heraklits. Damon und Platon waren attische Sympathisanten des das Erfassbare für vernúnfug, und nur das Vernünftige für gut und schön. Und um- Pythagoreisinus. Aber auch die Vertreter einer anderen, antagonistischen Kultur gekehrt: gut und schön und vernünftig war für sie nur, was geordnet, regelmässig und Philosophie, nämlich der ionischen, übernahmen von den Pythagoreern ein und umgrenzt war. Das Unregelmässige und Nicht-Umgrenzte war in ihren Augen wichtiges Motiv: das der Harmonie. Noch viele Jahre vor Platon wanderte dieser Chaos, nicht-erfassbar, unverniinfug und konnte weder gut noch schön sein. Dieser Gedanke nach Osten, nach lonien. Dort griff ihn Heraklit von Ephesus auf. Heraklit Glaube war seit den frühesten Zeiten in der Kunst der Griechen verkörpert und in war zu Beginn des 5. Jahrhunderts tätig und war sicher einmal mit den Vertretern ihrer Philosophie ausgesprochen. Er erschien zwar zuerst bei den Philosophen, der pythagoreischen Schule zusammengekommen. Dieser Philosoph, der in der nämlich den Pythagoreern, aber er musste den natürlichen Neigungen der Grie- Welt vor allem die Mannigfaltigkeit, die Veränderlichkeit und Widersprüche erchen entsprechen, denn sonst hätte er nicht so allgemein Aufnahme gefunden und blickie, sah darin auch Einheit und Harmonie. hätte nicht auf viele Jahrhunderte hin ein Grundsatz ihrer Kunst und ein Axioın Es haben sich vier Fragmente von ihm erhalten, in denen von Harmonie die Rede ist. Das eine spricht davon, die Harmonie sei das Schönste, weil sie aus verschiedenen Klängen entstehe (12). Das zweite sagt, Harmonie entstehe aus gegen- 12 K. Jander: Oratorum et rhetorum Graecorum nova fragmenta nuper reperta (Roma 1913). ihrer Asthetik werden können.

Page 5

View in PDF(opens in a new window)
C. TEXTE DER PYTHAGOREER UND HERAKLITS lentlichen Götterlesten die Verwendung der allbekunnten Melodien, die sie 6Gesclzcn nannten, damit ein Mittel sei für die Ständigkeit, indem sie die Gottesdienste cinrichteten, und allein durch den Namen schon kündeten sie an, dass es unverändert bleiben « Symmetries und Harmonie Pythagoreer (Aristoteles, Metaph. A 5, 985 b 23). I. Die sogenannten Pythagoreer, die sich als erste mit Mathematik beschäftigten, fórderien solle. Pythagoreer (lamblichos, Vita Pyth. 169). 9. Sie sollen sich auch bei einigen Krankheiten der Zauberlieder bedient haben. Sic nahdiese Wissenschaft, und da sie von Kind auf damit vertraut waren, glaubten sic, die inen an, dass auch die Musik viel zur Genesung beitrage, wenn man sie richtig anwende. Priazipien der Mathematik seien auch die Prinzipien allen Seins. Und da nun in allen Sic lasen aber auch Verse von Homer und Hesiod, die sie zur Wiederherstellung seelisch übrigen Beziehungen die ganze Natur durch Zahlen nachgebildet zu sein schien, die Zahlen aber die erste Sache der ganzen Natur waren, nahmen sie an, die Elemente der Kranker ausgewählt hatten. Zahlen seien die Elemente aller Dinge, und der ganze Himmel sei Harmonie und Zahl, Pyihagoreer (Cramer, Anecd, Par. 1 172). Die Pythagoreer wandten, wie Aristoxenus sagt, für den Körper die Reinigung mittels der Arzneikunst an, für die Secle aber mittels der Musik. Philolaos (Nikomachos, Arithm. 11 19, p.115; Fre. B 10 Diels). 2. Harmonie ist nämlich die Vereinigung vielgemischter Dinge und die Übereinsimmung verschieden gestimmier Dinge. Theon von Smyrna, Mathem. | (Hiller, p. 12). Die Pythagoreer, denen Platon in manchen Stücken folgt, nannten die Musik die Zusammenfügung von Gegensätzen, die Vereinigung der verschiedenartigsten Dinge, und die Versöhnung des Unversöhnlichen. Denn sie sei nicht nur eine Zusammenordnung Philolaos (Stobaios, Ecl. 121, 7d; Fry. B 6 Diels). 3. Ähnliches und Verwandtes bedurfien also keinerlei Harmonie; das Unähnliche dagegen von Rhythmen und der Melodie, sondern geradezu des ganzen (Welt-)Systems. Denn ihr Zweck sei das Vereinen und das Zusanımenfügen. Denn auch der Gott sei ein Zuund Nichtverwandte und Nichigleichgeordnete muss durch eine solche Harmonie zusammengeschlossen werden, durch die sie in der Ordnung festgehalten werden. sanımenfüger des Widerstreitenden, und das eben sei sein grósstes Werk sowohl in der Pythagoreer (Stobaios IV 1, 40 H., Frg. D 4 Diels) (ähul. lamblichos, Vita Pyth. 203). Musik als auch in der Medizin: das Feindliche zu Freunden zu machen. In der Musik, sagen sie, ist die Eintracht der Dinge, ja sogar die Aristokratie des Universums, und das 4. Ordnung und Proportion sind schön und nutzbringend, Unordnung aber und das Fehlen der Proportion sind hässlich und unnüwz. ist im Kosmos die Harmonie, in der Politik eine gute Verfassung, im Privatleben die Besonnenheit; denn sie vereinigt und vereinheitlichi die vielen Erscheinungen. Denn Philolaos (Swb., Ecl. | prooem. cor. 3; Fre. B 11 Diels). 5. Und nicht nur in dämonischen und göttlichen Dingen sieht man die Natur der Zahlen Wirksamkeit und Anwendung dieses Wissens erfolgt auf vier Gebieten des menschliund ihre Macht, sondern auch in menschlichen Werken und Worten, überall, und bei chen Lebens: in der Seele, im Leibe, im Privat- und im öffentlichen Leben; denn diese sämtlichen kúnsderischen Betätigungen und so auch bei der Musik. Eine Täuschung vier Bereiche bedürfen der Zusammenfügung und Zusammenordaung. dulden sie nicht, die Zahlen und die Harmonie. Pythagoreer (Sextus Emp., Adv. mathent. VII 106). 6. Keine Kunst ist ohne Proporuon zustande gekommen; die Proportion aber besteht in Pyihagoreer (Swabon X 3, 10). 10. Und darum nannte Platon, und noch vor ihm die Pythagoreer, die Philosophie cine Musenkunst, und auch der Kosmos sei, so sagen sei, auf Grund der Harmonie aufgeeiner Zahl; folglich kommt jede Kunst durch eine Zahl zustande ... Es gibt infolgedessen eine Proportion in der Plastik, in gleicher Weise auch in der Malerei, durch welche sie baut, alles Musische halten sie ja für Gouerwerk; so sind denn auch die Musen Gottinnen, und Apollo ist der Musenführer, und die ganze Poesie ist ein Götterhymnus. die Ähnlichkeit und die Unverzerrtheit erzielt. Allgemein gesagt ist jede Kunst ein System von Wahrnehmungen, das System aber ist eine Zahl. Darum trifft es zu, wenn man sagt: «Dank der Zahl ist alles wohlgeraten», d.h. dank dem Verstand, der urteilt und von gleicher Art ist wie die Zahlen, die das Weliganze bilden. So erklären die Pythagoreer. Pythagoreer (Aristoteles, De cael. B 9, 290 b 12), 7. ... Es entstünden durch die Kreisbewegungen der Sterne eine Harmonie (ein harmonischer Klang), da die Rotationsgeräusche zusammenklingend würden ... Indem sie nun Der Begriff der Betrachtung Pythagoras (Diog. Laert. Vill 8). 11. Und das Leben (sprach er) gleiche einer Festversammlung. Wie zu dieser die einen als Wetikämpfer, die anderen des Geschäftes wegen, die besten aber als Zuschauer kämen, so seien auch im Leben die einen, die knechtisch Denkenden, auf Ruhm und Gewinn aus, die Philosophen aber auf Wahrheit. annehmen, dass diese Sterne und ihre Geschwindigkeiten infolge der Abstände die den Wohlklängen entsprechenden Verhältnisse aufweisen, würde der Ton harmonisch. Die Hurmonie der Widersprüche Heraklit (Aristoteles, Eth. Nic. 1155 b 4; Frg. B 8 Diels). Wirkung der Musik 12. Das Widerstreitende ist vorteilhaft, und aus dem Wesensverschiedenen erwächst die schönste Harmonie, wie eben alles aus der Entzweiung entsteht. Pythagoreer (Aristides Quintilianus 11 6; Jahn 42). 8. Da sie also dies (die Wirkung der Musik) beobachteten von Kindsbeinen auf, zwangen 112 Heraklit (Hippolytos, Haer. IX g; Frg. B SI Diels). sie die Schüler, Musik zu treiben, und als Melodien und Rhythmen verwandten sie nur 13. Sie (die Menschen) verstehen nicht, wie das Zwiespiltige mit sich selbst im Einklang geprüfte Musikalien, und sie regetten gesetzlich sowohl bei privaten Festen wie bei Öfsein kann: es ist cine Harmonie des Widerspruchs wie beim Pfeilbogen und der Lyra. Aubeut |

Page 6

View in PDF(opens in a new window)
Herakda Ahhppolytos. Haer. IX g; Er. B 54 Diels). 14. Eine verborgene Harmonte ist starker als cine offenbare. Heraktit (Pseudo-Aristoteles, Mund, 396 b 7). 15. Vielleicht verlangt die Natur nach dem Gegensätzlichen und schafft daraus, mel aus dem Ähnlichen, den Zusanmenklang ... Es scheint aber, dass die Kunst, indem sie die Natur nachahmi, dasselbe tun. 6. Die Ästhetik des Demokrit I. Demokrits ästhetische Schriften. Die ionischen Philosophen, denen Demokrit Zugerechnet wird, bilden die älteste Schule in Griechenland. Demokrit steht bereits an ihrem Ende: weder chronologisch noch inhaltlich war er ein archaischer Philosoph. Seine Lebensdäten kennen wir nicht genau, man weiss nur, dass er am Anfang des 4. Jahrhunderts noch lebte, dass er also Protagoras und Sokrates überlebt und Platons Aufstieg noch mitangesehen hat. Unter den ionischen Philosophen, die alle mehr oder weniger dem Materialismus, dem Determinismus und dem Empirismus zuneigten, war er der enischiedenste Materialist, Determinist und Empirist. Das zeigt sich auch in seinen Gedanken über die Kunst. Er war nicht nur Philosoph, sondern auch cin Polyhistor, der über alle moghchen Gegenstände schrieb, der auf vielen Gebieten wissenschäftliche Forschungen cinleitete oder weiterentwickelte. Eines der von ihm aufgegrillenen Themen war die Theorie der Dichtung und der Kunst. In der tetralogischen Anordnung seiner Schriften (die von seinem Herausgeber Thrasyll, 300 Jahre später, stamnıt) nahın diese Theorie die zehnte und zur Hälfte die elfte Tetralogie ein. Er widmete ihr folgende Schriften: «Von den Rhyıhmen und der Harmonie», «Von der Dichtung), «Von der Schönheit der Wörter, «Von den gut und schlecht klingenden Lauten), «Von Homer, «Vom Gesang». Alte diese Schriften sind verlorengegangen, nur ihre Buchtitel sind uns bekannt sowie kleine Bruchstücke, die uns beweisen, dass er sich nicht allein mit der Theorie der Dichtung, sondern auch mit der der bildenden Künste beschäftigt hat. Die späteren griechischen Historiker sahen in ihm einen Gelchrten, der die Ästhetik begründet habe. Jedenfalls begründete er einige ästheusche Detailforschungen, die nicht so sehr das Schöne als vielmehr die schönen Künste betrafgn. Aus dem reichen Schaffen auf diesem Gebiet kennen wir nur diese paar Gedanken, die der Zufall erhalten hat. | 2. Kunst und Natur. Eine der allgemeinsten Äusserungen Demokrits über die Kunst betriftt ihre Abhängigkeit von der Natur. «Wir sind in den wichtigsten Tätıgkeiten Schüler der Tiere: Schüler der Spinne im Weben und Flieken, der Schwalbe im Hausbau, der Singvógel, des Schwans und der Nachugall im Gesang, und dies jeweals-durch Nachahmung» (1). Demokrit spricht hier von «Nachahmung» der