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View in PDF(opens in a new window)THURN, N. —Die siebensaitige Lyra. Mnemosyne 1998 Ser. 4 51 (4): 411-434.
* Die Annahme einer bestimmten Spielform (pAoxBapiotuai) auf der
Kithara
und Lyra mithilfe der Anspannung der durch den Fingernagel halbierten
Seiten hat
sich im Experiment
als möglich erwiesen. Es wird auch durch Vasenabbildungen,
das System der griechischen Instrumentalnoten sowie Teilen der literarischen
Jberlieferung und Musikdenkmäler gestützt. Diese Spielform wird bei
weitem
nicht die einzige gewesen sein, die in der griechischen musikalisch
en Praxis
verbreitet war, aber sie ist Jene gewesen, mit der die 28 Téne gespielt
werden
konnten, die es nach Nikomachos, Harm. 274 Jan, über alle Genera hinweg auf der
Kithara und Lyra gegeben habe.
[69-12680
DIE SIEBENSAITIGE LYRA
VON
N. THURN*)
Die Frage nach der Praxis des antiken Saitenspiels, einstmals kontrovers ausgefochten, scheint gegenwärtig an einen toten Punkt gekommen zu sein, an dem bestehende Lösungsansätze sich als unwahrscheinlich erwiesen haben, das gesicherte Wissen aber nicht
hinreichend ist, den anzunehmenden Tonumfang eines Saiteninstrumentes wie der Lyra zu erklären.
Gesichert ist, daß die antiken Saiteninstrumente Kithara, Lyra
und Barbiton gewöhnlich sieben Saiten hatten!). Eine ganze Reihe
von Indizien sprechen aber dafür, daß auf diesen Instrumenten
wesentlich mehr Töne erzeugt wurden, als die freien Saiten zur
Verfügung stellen. Bereits die sogenannten Damonskalen?) lassen an
9 Töne denken; die Transpositionsskalen, die Alypius überliefert?),
n
(Si2ra%)TRUAN,N.
und die ja gerade für die musikalische Praxis aufgestellt wurden,
erstrecken sich über 2 Oktaven; von den wenigen Zeugnissen an-
&ata
*) Ich danke an dieser Stelle insbesondere Prof. Jürgen Leonhardt für fruchtbare
Diskussionen, die der Klarheit des Textes und seiner Gedankenführung hoffentlich
zugutegekommen sind. Ferner bin ich Felix Meier-Hedde für scine ethnologischen
Bemerkungen schr zu Dank verpflichtet. Der Aufsatz ist die stark gekürzte Fassung
einer längeren Untersuchung, dic ich an anderer Stelle zu veröffentlichen vorhabe.
1) M. Maas / J.M. Snyder, Stringed instruments ofAncient Greece (New Haven / London 1989), 62 f.; vgl. dagegen die Besprechung von M.L. West, AJPh 112 (1991),
273-276, der von mehrsaitigen Lyrai ausgeht, aber lediglich anhand von literarischen Belegen, die ich im folgenden auf die siebensaitige Lyra beziehe. Ich
werde der Einfachheit halber nur von der Lyra sprechen, meine aber, daß auch
die anderen Instrumente Kithara und Barbiton eine im Grundprinzip gleiche
Spieltechnik erforderten.
2) Überliefert von Arist. Quint. 1,9,18.5-19.10 (Winn.-Ingr.). Dorisch und Phrygisch haben 9, Lydisch und Mixolydisch 8 Töne. Die Skalen sind analysiert von
M.L. West, Ancient Greek Music (Oxford 1992), 174: er spielt die Bedeutung des Tonumfanges herab, indem er den Tonumfang aus ursprünglich beschränkteren Ursprüngen ableitet: das mag historisch seine Richtigkeit haben oder auch nicht; was
bleibt, ist die Tatsache, daß zu einer bestimmten Zeit eben ncun Tönc das Dorische ausmachten—für die Lyra zwei zuviel.
3) Alypius Isagoge 367 ff. (Jan); Arist. Quint. 1,11,24-27 (Winn.-Ingr.).
© Koninklijke Brill NV, Leiden, 1998
Mnemosyne, Vol. LI, Fasc. 4
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View in PDF(opens in a new window)Die Frage nach der Praxis des antiken Saitenspiels, einstmals kontrovers ausgefochten, scheint gegenwärtig an einen toten Punkt gekommen zu sein, an dem bestehende Lösungsansätze sich als unwahrscheinlich erwiesen haben, das gesicherte Wissen aber nicht
hinreichend ist, den anzunehmenden Tonumfang eines Saiteninstrumentes wie der Lyra zu erklären.
Gesichert ist, daß die antiken Saiteninstrumente Kithara, Lyra
und Barbiton gewöhnlich sieben Saiten hatten1). Eine ganze Reihe
von Indizien sprechen aber dafür, daß auf diesen Instrumenten
wesentlich mehr Töne erzeugt wurden, als die freien Saiten zur
Verfügung stellen. Bereits die sogenannten Damonskalen2) lassen an
9 Töne denken; die Transpositionsskalen, die Alypius überliefert3),
und die ja gerade für die musikalische Praxis aufgestellt wurden,
erstrecken sich über 2 Oktaven; von den wenigen Zeugnissen an*) Ich danke an dieser Stelle insbesondere Prof. Jürgen Leonhardt für fruchtbare
Diskussionen, die der Klarheit des Textes und seiner Gedankenführung hoffentlich
zugutegekommen sind. Ferner bin ich Felix Meier-Hedde für seine ethnologischen
Bemerkungen sehr zu Dank verpflichtet. Der Aufsatz ist die stark gekürzte Fassung
einer längeren Untersuchung, die ich an anderer Stelle zu veröffentlichen vorhabe.
1) M. Maas / J.M. Snyder, Stringed instruments of Ancient Greece (New Haven / London 1989), 62 f.; vgl. dagegen die Besprechung von M.L. West, AJPh 112 (1991),
273-276, der von mehrsaitigen Lyrai ausgeht, aber lediglich anhand von literarischen Belegen, die ich im folgenden auf die siebensaitige Lyra beziehe. Ich
werde der Einfachheit halber nur von der Lyra sprechen, meine aber, daß auch
die anderen Instrumente Kithara und Barbiton eine im Grundprinzip gleiche
Spieltechnik erforderten.
2) Überliefert von Arist. Quint. 1,9,18.5-19.10 (Winn.-Ingr.). Dorisch und Phrygisch haben 9, Lydisch und Mixolydisch 8 Töne. Die Skalen sind analysiert von
M.L. West, Ancient Greek Music (Oxford 1992), 174: er spielt die Bedeutung des Tonumfanges herab, indem er den Tonumfang aus ursprünglich beschränkteren Ursprüngen ableitet: das mag historisch seine Richtigkeit haben oder auch nicht; was
bleibt, ist die Tatsache, daß zu einer bestimmten Zeit eben neun Töne das Dorische ausmachten—für die Lyra zwei zuviel.
3) Alypius Isagoge 367 ff. (Jan); Arist. Quint. 1,11,24-27 (Winn.-Ingr.).
© Koninklijke Brill NV, Leiden, 1998
Mnemosyne, Vol. LI, Fasc. 4
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View in PDF(opens in a new window)tiker Musik überliefert der zweite delphische Hymnus in Instrumentalschrift 15 Zeichen (14 Noten) aus dem Bereich Hypolydisch und
Lydisch4); und endlich muß es auch möglich gewesen sein, von
einer Tonart in die andere zu wechseln, aber auch vom enharmonischen oder chromatischen ins diatonische Genos und zurück5). Mit
unseren bisherigen Vorstellungen von der Spielweise der Lyra lassen
sich diese Anforderungen aber nicht vereinbaren; denn die Bauweise des Instruments scheint eine Veränderung der Tonhöhe auf
einer Saite, wie etwa bei der modernen Gitarre, auszuschließen, zumindest aber sehr einzuschränken.
Zur Lösung der Frage, wie auf einem Instrument von beschränkter Saitenzahl mehr Töne gespielt werden konnten, als Saiten vorhanden waren, haben C. Sachs6) wie O. Gombosi7) Vorschläge vorgelegt. Beide gingen davon aus, daß die Lyra pentatonisch gestimmt
gewesen sei. Sachs nahm an, die Zwischentöne seien von der linken
Hand durch Griffe erzielt worden und bringt als Beispiel den afrikanischen Musikbogen und die Bogenharfe, deren Töne durch Verkürzung der Saite dicht unterhalb des Jochs variiert werden. Gombosi dachte an eine andere Spielpraxis: Wie beim japanischen
Koto-Spiel habe die linke Hand die eigentliche Melodie gezupft,
während die Rechte mit dem Plektron Druck auf eine Saite zwischen Saitenhalter und Steg ausübt und so die Tonlage verändert.
Gegen die Vorschläge von Sachs und Gombosi hat R.P. Winnington-Ingram8) eine ganze Reihe von Einwände vorgebracht, denen
jede neue Theorie der Spielbarkeit der Lyra Rechnung tragen muß.
Seine Kritik zeigt die Unhaltbarkeit ihres Ansatzes; es bleibt aber
nichtsdestoweniger die Notwendigkeit, einen Weg zu finden, wie auf
der griechischen siebensaitigen Lyra mehr als sieben Töne erzeugt
werden können.
Eine Reihe von Vorschlägen sind bereits zur musikalischen Praxis
4) Vgl. dazu M.L. West (wie Anm. 1), 275, der hierin einen Beweis für eine vielsaitige Kithara sehen will.
5) Metabole: Kleoneides 13, 204 f. (Jan); A. Neubecker, Altgriechische Musik, 2.
durchges. und um einen Nachtr. erw. Auflage (Darmstadt 1994), 112; West (wie
Anm. 2), 165.
6) C. Sachs, Die griechische Intrumentalnotenschrift, ZfMw 6 (1923-24), 289-301.
7) O.J. Gombosi, Tonarten und Stimmungen der antiken Musik (Kopenhagen 1939).
8) R.P. Winnington-Ingram, The Pentatonic Tuning of Greek Lyre, A Theory Examined,
CQ 6 (1956), 169-186.
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View in PDF(opens in a new window)vorgetragen worden, sie reichen aber offenkundig nicht aus, bei
einer siebensaitigen Lyra einen Tonvorrat von über zwei Oktaven
zu erklären. Mehrfach ist vermutet worden, der sogenannte ‘Ellbogen’, der sich an den Kitharas späterer Zeit befindet, habe zur
Variation der Tonhöhe beigetragen9). Dies würde aber nur für jenes
Instrument gelten. Für die musikalische Praxis aller siebensaitigen
Instrumente wichtig ist dagegen das mögliche Abdämpfen der unerwünschten Töne, wie dies bei dem afrikanischen Kind der Kithara,
der Kisir, durchaus üblich ist10). Dies kann jedoch nur für das
Schlagen der Saiten—also der krou'si"—in Anspruch genommen
werden und erzeugt auch keinen höheren Tonvorrat. Winnington9) Neben der auch von Neubecker (wie Anm. 5) 73 favorisierten Erklärung, der
‘Ellbogen’ habe zur Verbesserung der Akustik beigetragen, wären zwei Erklärungen denkbar, die ihn in Verbindung mit einer Tonhöhenveränderung brächten: er
könnte—ähnlich wie bei der heutigen Pedalharfe—eine mechanische Vorrichtung
zur Tonerhöhung darstellen (vgl. Neubecker [wie Anm. 5] 73), er könnte aber
auch—als Federung wirkend—ein Abstimmen einer Saite ermöglichen, wenn man
die benachbarten Saiten anspannt und so das Joch herunterzieht (vgl. dazu B.
Lawergren, Leiern, MGG 5 [1996], Sp. 1032-1034). Es gibt dagegen grundsätzliche
Einwände: erstens kann dies nur für einen bestimmten Typ der Kithara angenommen werden und läßt bereits Barbiton und Lyra unerklärt; zweitens ermöglicht
eine solche Technik das Spiel nur innerhalb einer Oktave; drittens werden mit
Verstimmen eines Tones automatisch alle anderen mitverstimmt. Ich glaube (ähnlich wie B. Lawergren), daß der ‘Ellbogen’ einen Ersatz für die als Bogenfeder
wirkende Spannung der Arme bei Lyra und Barbiton darstellt, und zwar ähnlich
wie eine Blattfeder, und damit eine elastische Spannung erzeugen soll. Aber wie
bei der Bogenharfe, Bogenlaute und den afrikanischen Musikbögen wird dies nur
aus akustischen Gründen notwendig gewesen sein—die Federung verleiht dem
Instrument einen besonderen Klang—und diente nicht zur Tonveränderung. Auch
bei der sogenannten ‘Zylinder-Kithara’ (B. Lawergren Sp. 1029) glaube ich, daß
der ‘Zylinder’ als Blattfeder diente. Das Material könnte bei diesen fortgeschrittenen Instrumenten durchaus metallen gewesen sein.
10) Die Idee kommt von Camille Saint-Saëns in: Lavignac’s Encyclopédie de la musique 1 (Paris 1913), 538-40. Vgl. U. Wegner, Afrikanische Saiteninstrumente (Berlin
1982), 106. Winn.-Ingr. (wie Anm. 8), 183 läßt diese Möglichkeit gelten, weist aber
darauf hin, daß keine positive Evidenz bestehe. West (wie Anm. 2) 67 betont mit
Nachdruck die Tatsache, daß die Töne damit nicht völlig stumm sind. Zur Evidenz
reicht ein Vergleich von Vasenbildern mit Photographien neuzeitlicher Leierspieler
(für gute Abbildungen der afrikanischen Lyra mit Halteband: Leni Riefenstahl, Die
Nuba [München 1973]); die Tatsache, daß die Töne nicht völlig verstummen, hält
zumindest die afrikanischen Kisir-Spieler nicht davon ab, ihre Musik auf dem
System des Dämpfens aufzubauen. Und warum sollten sie? ist es doch das einzige
Mittel, die Saiten zum Verstummen zu bringen: ein Wegziehen kommt bei der Saitenlänge nicht in Frage, denn selbst eine aus der Mitte heraus weggezogene Saite
wird noch vom Plektrum erfaßt.
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View in PDF(opens in a new window)Ingram ist geneigt, zumindest das Produzieren von Flageolettönen
in Rechnung zu stellen11). Auf diese Weise könnte die linke Hand
den um eine Oktave höheren Ton und jenen um eine Oktave und
eine Quinte höheren produziert haben:—die Stellung der linken
Hand an der Mitte der Saite ist hierbei ausgesprochen günstig. Bei
der Einbeziehung von einfachen Flageolettönen muß man allerdings
folgendes bedenken. Nimmt man eine beliebige Saitenbespannung,
etwa: c d e f g a b, und errechnet den so erzeugbaren Tonvorrat,
so kommt man auf: c, d, e, f, g, a, b Normalton, c’, d’, e’, f’, g’, a’,
b’ Flageoletton der Oktave, und g’, a’, b’, c’’, d’’, e’’, f’’ Flageoletton
der Oktave und Quinte, also auf jeweils den Ton und seine Oktaven. Um einen höheren Tonvorrat zu erreichen, muß man darauf
bedacht sein, möglichst wenig Saiten auf einen Ton zu stimmen,
der eine Quint höher liegt als der einer anderen Saite; mit dem
Ergebnis, daß nun die Quinttonabstände der freien Saiten untereinander fehlen. Bei einer Musik, die besonders die Tonabstände
der Oktave, Quarte und Quinte als harmonisch empfand, ist eine
solche Besaitung unwahrscheinlich. Und endlich: mit einer solchen
spielerischen Praxis lassen sich noch immer nicht einmal die
Damonskalen vollständig erklären. Für Dorisch12) ist lediglich ein
Ton vorhanden, der einen anderen oktaviert, und damit sind
zumindest acht Saiten für die Erzeugung aller in dieser Skala aufgeführten Töne nötig, wenn man lediglich den einfachen Flageoletton
als zur spielerischen Praxis gehörig anerkennt. Darüber hinaus muß
man doch wohl annehmen, daß die Saiten auf einen größeren
Tonabstand als z.B. den Vierteltonabstand (der ja überhaupt eine
Eigenart der griechischen Musik ist) von e zu e* gestimmt waren,
und es bleibt also stets die Frage, wie sich die Zwischentöne auf der
Lyra produzieren lassen.
Es muß folglich nach weiteren Möglichkeiten gesucht werden,
den Ton auf einer Saite zu erhöhen, so daß sich auch Viertel- und
11) Winn.-Ingr., 186 (wie Anm. 8); postuliert auch von Sachs (wie Anm. 6), 293;
belegt zumindest in zwei Fällen: Ps.-Arist. Pr. 19,12; Ath. 14,42 (vgl. unten). Maas/
Snyder (wie Anm.1), 92 f. haben eine ganze Reihe von Abbildungen gefunden, die
man mit Flageolettönen erklären könnte. Dort, wo eine Messung möglich ist, sollen
sich die Finger auf etwa einem Drittel oder einem Viertel der Saitenlänge befinden, was die Flageolettöne der Oktave und Quinte sowie der Doppeloktave ergibt.
12) Zur Notation: ich setze e*, etc., für den Ton um einen Viertelton höher als
e, etc.: West (wie Anm. 2), 174: d e e* f a b b* c’ e’.
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View in PDF(opens in a new window)Halbtonschritte erzeugen lassen. Für das Vorhandensein einer solchen Technik scheinen einige, wenige literarische Zeugnisse zu
sprechen. Das deutlichste ist Quintilian Inst. Or. 1,12,313). Quintilian
spricht davon, daß bei der Erziehung eines Kindes mehrere Fächer
gleichzeitig gelehrt werden können, da ja auch ein Kitharaspieler
mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausführe: An vero citharoedi non simul
et memoriae et sono vocis et plurimis flexibus serviunt, cum interim alios nervos
dextra percurrunt, alios laeva trahunt, continent, praebent, ne pes quidem otiosus certam legem temporum servat, et haec pariter omnia? (‘Achten denn
nicht die Kitharaspieler gleichzeitig auf die Erinnerung, den Ton
der Stimme und viele Veränderungen, während sie dabei die einen
Saiten mit der Rechten percurrunt, die anderen mit der Linken trahunt, continent, praebent, und nicht einmal der Fuß ruhig bleibt, sondern auf das rechte Maß der Zeiten achtet; und geschieht dies nicht
alles gleichzeitig?’) Nimmt man an, daß die durchstrichenen Saiten
nicht identisch sind mit den gegriffenen, dann fällt ‘dämpfen’ als
Erklärung von continent weg. Aber selbst, wenn die von Quintilian
angegebene Tätigkeit der Rechten gleichzeitig zu den drei Tätigkeiten der Linken stattfindet, bleibt die Tatsache, daß neben den
13) Man mag dagegen einwenden, daß diese Beobachtungen aus der Spätzeit
der Lyratechnik stammen und deshalb kaum geeignet sind, für die klassische Technik des Lyraspieles herangezogen zu werden. Angesichts des Fehlens vergleichbar
aussagekräftiger Zeugnisse der klassischen Zeit müssen aber alle Informationen,
deren wir nur habhaft werden können, ausgewertet werden. Es findet sich außerdem zumindest eine Parallele auch aus früherer Zeit (Plato Pol. 531 A-B), die mit
dieser Beschreibung in Zusammenhang zu bringen sein dürfte. Ähnliche Beschreibungen sind auch bei Philostratos Imag. 1,10,4 und Philostratos Iun. Imag. 7,3 erhalten, so daß wenig Grund zur Annahme besteht, bei der von Quintilian beschriebenen Technik würde es sich um eine später entwickelte handeln, die im 5. Jh.
noch nicht bekannt war. Bei Quintilians Beschreibung handelt es sich auch nicht
um einen Sonderfall, etwa einen außergewöhnlich virtuosen Kitharaspieler; das
Kitharaspiel dient ihm im Gegenteil als ein Beispiel, das die Alltäglichkeit einer
eigentlich schwierigen Handlung veranschauen soll. Und so kommentiert auch
West (wie Anm. 2) 69: “Quintilian is speaking of citharodes and of the Imperial
age. But there is no particular reason to think that he is speaking of the special
technical tricks developed by a few exceptional virtuosi. What he describes may
have been the normal strumming technique on all types of Greek lyre from the
beginning. It is consistent with our expectations of variety in the strumming, and
with the evidence of the vase-paintings.”
Für die Stelle vgl. auch F. H. Colson, M. Fabii Quintiliani institutionis oratoriae lb.
1 (Cambridge 1924); E. K. Borthwick, Katavlhyi", a neglected term in Greek Musik, CQ
1 (1959), 23-29, hier: 26 f.; G. Wille, Musica Romana (Amsterdam 1967), 213; Gombosi (wie Anm. 7), 119, Anm. 1.
Page 7
View in PDF(opens in a new window)erklärbaren Tätigkeiten continere und praebere eine dritte, trahere stattfindet, die auf irgendeine Weise ein Anziehen der Saiten zu umschreiben scheint, und auch in diesem Fall ist die Annahme, mit
continere wäre ‘dämpfen’ gemeint, unwahrscheinlich. Die Erklärung,
es könnte sich bei continere um den Fingeraufsatz zur Erzeugung des
Flageolettons handeln, gewinnt an Wahrscheinlichkeit14). Praebent
wäre dann natürlich das Freigeben der leeren Saite zum Zupfen,
trahunt ein noch ungeklärter Vorgang.
Um ihn zu klären, soll der wichtigste Beleg für eine Art Flageolettöne in der antiken Spielpraxis genauer betrachtet werden. Nach
Athenaios 14,637f-638a habe Lysander von Sikyon die sogenannte
‘Psilokitharistike’ eingeführt: Luvsandro", fhsivn, oJ Sikuwvnio" kiqaristh;" prw'to" metevsthse th;n yilokiqaristikhvn, makrou;" tou;" tovnou" ejnteivna" kai; th;n fwnh;n eu[ogkon poihvsa", kai; th;n e[naulon kiqavrisin h/|
prw'toi oiJ peri; ∆Epivgonon ejcrhvsanto. (‘Er sagte: Lysander, der Kitharist aus Sikyon, führte als erster die Psilokitharistike ein, indem
er die großen Saiten einspannte und so einen vollen Klang schuf
und ebenso das Spiel auf der Kithara zu einem mit dem Aulos vergleichbaren machte, dem sich als erste die Kitharisten um Epigonos
widmeten.’15)) Lysander war damit als erster in der Lage, die Metabole durchzuführen, und er spielte die ‘Magadis’ sowie das ‘Syrigmon’, für das fünf ‘Chordai’ verwendet würden16). JH yilokiqari14) H. Roberts, The Technique of Playing Ancient Greek Instruments of the Lyre Type,
British Museum Yearbook 4 (1980), 55 meint, eine ganze Reihe von Beispielen
gefunden zu haben, die mit dem Erzeugen des Flageolettones in Verbindung zu
bringen sind; ebenso Maas/Snyder (wie Anm. 1) 92 f.
15) Das Wort tovno" läßt sich auch mit ‘Ton’ übersetzen, eu[ogko" weist dann
darauf hin, daß es die ‘tiefen Töne’ waren, die Lysander in das Spiel einführte.
Beide Deutungen weisen aber auf denselben Vorgang. Vgl. dazu auch E. K. Borthwick, Some Problems in Musical Terminology, CQ 9 (1967), 152.
16) Die Magadis ist nach Ath. 14,634C ff. entweder ein Aulos oder eine Kithara, nach moderner Ansicht eine Art Harfe; sie soll zwanzig Saiten gehabt haben. Ich halte mich allerdings an die von Ath. 14,635D mitgeteilte Erklärung des
Poseidonios: danach ist es eine Spielart, bei der man die Metabole nach Dorisch,
Phrygisch und Lydisch durchführen kann, und deswegen wird sie zwanzig-tönig
genannt, auch wenn man auf sieben Saiten spielt. Das Instrument dagegen, mit
dem sie gespielt wurde, hat nach Telestes (Ath. 14,637A) fünf Chordai (fünf verschiedene Töne innerhalb einer Oktave, aber mehr Saiten?). Eine solche Spielart
kann gut nach einem gleichnamigen vielsaitigen Instrument genannt worden sein.
Das surigmovn ist nach Düring (I. Düring, Die Harmonielehre des Klaudios Ptolemaios
[Göteborg 1930]), 172-3 eine Spielart, die den Einsatz von Flageolettönen erfordert: suvrigma auf der Kithara bezeichnet die durch Flageolettöne erzeugten
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View in PDF(opens in a new window)stikhv scheint aber genau das zu sein, was Platon Leges 669D-670A
wiedergibt: yilh/| kiqarivsei spielt man wie aujlhvsei, es ist die Melodie
im Unterschied zum Durchschlagen der Saiten, und damit der Vorgang des Spielens mithilfe—aber nicht ausschließlich—der linken
Hand. Wenn Lysander nun die makroi; tovnoi eingefügt hat, dann—
da diese ja nicht makrovteroi genannt werden—heißt das möglicherweise, daß er neben einige gewöhnlich gestimmte Saiten andere gespannt hat, die um eine Oktave tiefer lagen und die vielleicht auch
dickere Saiten als die üblichen waren17). Nur ergibt sich dabei das
anfangs beschriebene Problem nun umso deutlicher: wenn neben
einer Saite jene um eine Oktave tiefer gelegene Saite gespannt wird,
so erzeugt der Flageoletton lediglich denselben Ton wie die bereits
frei zur Verfügung stehende Saite. Soll dies etwa zur Erweiterung
des Tonumfanges, zur Möglichkeit des Melodiespieles beitragen?
Die Bedeutung der Flageolettöne ist meiner Meinung nach direkt
Oktavtöne; beim Aulos scheint su'rigx eine Vorrichtung zur Erzeugung der
Obertöne zu sein. Vgl. auch E.K. Borthwick, Some Problems in Musical Terminology,
CQ 9 (1967), 152.
17) Unterstützt wird diese Annahme durch Ps.-Arist. Pr. 19,42: Dia; tiv ejavn ti"
yhvla" th;n nhvthn ejpilavbh/, hJ uJpavth movnh dokei' uJphcei'n… (......) th;n me;n ga;r neavthn i[smen o{ti
ouj kinei'tai ejpilhfqei'sa, th;n de; uJpavthn aujth;n oJrw'nte" ajkatavlhpton ou\san kai; fqovggon
aujth'" ajkouvonte", tauvthn oijovmeqa hjcei'n. Wenn man den Ton Nete erzeugt und dann
einen Vorgang vollzieht, der mit ejpilabhv bezeichnet wird, dann erklingt als
Resonanz der Ton Hypate, dh. jener um eine Oktave tiefer gelegene. Das heißt,
daß auf einer Lyra zwei Töne in Oktavunterschied vorhanden waren. Vgl. dazu
auch Borthwick (wie Anm. 13), 26: ejpilambavnein soll nach Borthwick mit katalambavnein identisch sein, welches er mit dem Abstoppen des Tones direkt nach seiner
Erzeugung identifiziert. Angemerkt sei aber, daß Borthwick a.a.O. seine eigene
Definition von katavlhyi" nur erhalten kann, wenn er die Erklärung des Scholiasten
zu Arist. Nu. 318 textlich verändert: katavlhyin de; eijwvqasin oiJ mousikoi; levgein ejpeida;n plhvxante" toi'" daktuvloi" h] tw/' plhvktrw/ ta;" corda;" katalavbwsi kai; ajpoteivnwsi to;n
fqovggon. Im musikalischen Kontext heißt ajpoteivnein eben das Gegenteil von ‘Abstoppen’, nämlich ‘den Ton zum Schwingen bringen’, ‘den Ton verlängern’, aber
auch ‘anspannen’. Borthwick löst das Problem, indem er in den Text eingreift und
ajpotevmwsi liest; das kann jedoch nur das allerletzte Mittel sein, wenn sich der Text
nicht anders erklären läßt. Richtig weist Borthwick allerdings auf den Aorist von
plhvxante" hin: es muß sich also um einen Vorgang handeln, der nach dem Anschlagen der Saite vollzogen wird. Parallele Erwähnungen des obenbehandelten
Phänomens finden sich auch in Ps. Arist. Pr. 19,24 (vgl. dazu: Aristoteles, Problemata
Physica, übersetzt von H. Flashar [Berlin 1962], hier: 615); Anth. Graec. 11,352, v.34: Dexitevran uJpavthn, o{pote plhvktroisi donhvsw, ⁄ JH laih; nhvth pavlletai aujtomavtw". Aus
Anth. Graec. 11,352 scheint für mich hervorzugehen, daß sich die in die Tiefe
oktavierende Saite vom Spieler aus gesehen rechts von der anderen befand. Ferner
könnte man spekulieren, daß die tiefe Saite als solche stets mit Hypate, die hohe
stets mit Nete bezeichnet wurde, unabhängig von ihrem relativen Namen.
Page 9
View in PDF(opens in a new window)mit Quintilians trahunt verbunden: wie erklärt man trahunt, wenn die
Theorie von Sachs—also die Annahme von Fingergriffen auf der
Saite dicht unterhalb des Jochs—sich vor allem deswegen als unhaltbar erwiesen hat, da die linke Hand des Spielers durch ein
Tragband etwa auf mittlerer Saitenhöhe fixiert war?
Ich habe mich bemüht, diese Frage experimentell zu untersuchen. Dafür stellte ich das Modell einer Lyra her, die zwar nicht
in der Tonqualität, den Baudetails und den verwendeten Materialien, wohl aber in der Struktur den uns bekannten antiken Instrumenten entspricht. Als das eigentlich Besondere bei der antiken
Lyra habe ich einerseits die Verwendung von sieben frei zwischen
Joch und Steg aufgespannten Saiten, die am Joch gestimmt werden,
verstanden, und andererseits das Vorhandensein des Haltegriffs, der
die linke Hand in ihrer Bewegung behindert. Die Saiten wurden am
Joch auf Stimmknebel gespannt, wie es bei der afrikanischen Leier
üblich ist; die Arme beim Bau des Instruments so gebogen, daß sie
unter einer gewissen Spannung standen. Ich habe dann zuerst den
Flageoletton benutzt, nicht jedoch mit der Fingerkuppe, sondern
mit dem Fingernagel, wie es meines Erachtens auf Vasen dargestellt
wird, auf die ich im folgenden näher eingehen werde. Daraufhin
habe ich ausprobiert, welche Möglichkeiten es bei dieser Handposition für die Beeinflussung der Tonhöhe gibt. Es zeigte sich folgendes: Wenn man den Fingernagel genau auf der Mitte der Saite,
also auf dem ersten Schwingungsknoten aufsetzt,—und zwar nicht,
wie beim Flageoletton, nur leicht, sondern so fest, daß die Saite
ganz abgeteilt wird—, dann entsteht ebenfalls der erste Oberton,
nur daß dieser klarer klingt als beim gewöhnlichen Flageoletton.
Wenn man daraufhin eine mit Fingernagelaufdruck am Schwingungsknoten halbierte Saite mit demselben Fingernagel leicht
anzieht, dann verstummt der Ton nicht, noch verliert er merklich
an Qualität, sondern schwingt einfach auf höherer Tonlage weiter.
An jedem Schwingungsknoten kann man also bei einer Lyra die
Spannung der Saite erhöhen und auf diese Weise höhere Töne
erzeugen. Da das physikalische Phänomen, das hier ausgenutzt
wird—Druck auf die Saite am Schwingungsknoten, so daß der
Oberton zum Grundton wird—, engstens mit dem Flageoletton verbunden ist, nenne ich dies im Folgenden mangels eines besseren
Ausdruckes den ‘Flageoletton’ sowie den ‘angezogenen Flageoletton’, wohl wissend, daß der einfache Flageoletton durch leichtes
Page 10
View in PDF(opens in a new window)Aufsetzen der Fingerkuppe auf die Saiten erzeugt wird, nicht durch
Verkürzung der Saite mit dem Fingernagel (der dann wie ein Steg
wirkt) und dem Anspannen der Saite (was einer Verschiebung des
Steges wie beim Koto-Spiel vergleichbar ist). Je nach Spannung der
Saite lassen sich so beliebige Töne erzeugen, die bis zu mindestens
einem Ganzton höher liegen als der ‘Flageoletton’18); bei Saiten mit
geringer Spannung ist die Varianz höher; die Qualität des Tons ist
bei den unter höherer Spannung stehenden Saiten geringer als bei
den unter tieferer Spannung stehenden. Ferner läßt sich ein an
dieser Stelle bereits gespannter Ton anschlagen. Er eignet sich dann
allerdings akustisch weniger für den Akkord und vor allem für den
Einzelanschlag, auch wenn dies grundsätzlich und bei sauberem
Spiel möglich ist19). Der Wechsel von der leeren Saite zur durch
18) Dazu vergleiche man einmal Aristox. 1,11 (Meibom 14): Dei' de; peira'sqai
katanoei'n eij" aujto; ajpoblevponta" to; gignovmenon tiv pot∆ ejsti;n o} poiou'men, o{tan
aJrmottovmenoi tw'n cordw'n eJkavsthn ajniw'men h] ejpiteivnwmen. Dh'lon de; toi'" ge mh; pantelw'"
ajpeivroi" ojrgavnwn, o{ti ejpiteivnonte" me;n eij" ojxuvthta th;n cordh;n * a[gomen, ajnievnte" d∆ eij"
baruvthta: kaq∆ o}n de; crovnon * a[gomevn te kai; metakinou'men eij" ojxuvthta th;n cordhvn, oujk ejndevcetaiv pou h[dh ei\nai thvn ge mevllousan e[sesqai ojxuvthta dia; th'" ejpitavsew". tovte ga;r
e[stai ojxuvth" o{tan th'" ejpitavsew" ajgagouvsh" eij" th;n proshvkousan tavsin sth'/ hJ cordh; kai;
mhkevti kinh'tai. Meibom übersetzt aJrmottovmenoi selbstverständlich mit ‘beim Stimmen’; daß dies aber zumindest nicht ohne Probleme ist, zeigt Aristox. 1,43 (Meibom 60 f.): w{sper ga;r ejn tai'" cordai'" oujk e[sti to; hJrmosmevnon, eja;n mhv ti" aujto; dia; th'"
ceirourgiva" prosagagw;n aJrmovshtai, ou{tw" oujde; ejn toi'" truphvmasin, eja;n mhv ti" aujto;
ceirourgiva/ prosagagw;n aJrmovshtai. Hier übersetzt er das Spiel auf Flöteninstrumenten mit ‘herabstimmen’.
19) Dazu möge man Ps. Arist. Pr. 19,12 ( Jan 84) vergleichen: Dia; tiv tw'n cordw'n
hJ barutevra ajei; to; mevlo" lambavnei… (a]n ga;r devhtai a/\sai th;n paramevshn su;n yilh'/ th/' mevsh/,
givnetai to; mevson oujqe;n h|tton: eja;n de; th;n mevshn devon a[mfw, ªyila;º ouj givnetai.)—‘H o{ti to;
baru; mevga ejstivn, w{ste kraterovn. kai; e[nestin ejn tw/' megavlw/ to; mikrovn. kai; th'/ dialhvyei duvo
nh'tai ejn th/' uJpavth/ givnontai. Jan hat den Text nicht vollständig verstanden (“parentheseos pars prior haud scio an dicere velit: si quis, ubi oportet canere paramesen,
in lyra simul pulsat mesen, accidit ut voce quoque capiat mesen”); und er ist wohl
auch ohne Annahme des ‘Flageolettonspieles’ unverständlich. Eine Lösung, die
cordhv im weiteren Sinne als ‘Ton’ nimmt, schlägt H. Flashar (wie Anm. 17), 605
f. vor, er bietet aber—wie er auch selbst eingesteht—keine einleuchtende
Erklärung, warum gerade der Unterschied des einen Tons von Mese zu Paramese
für die Frage von Bedeutung ist. Er zeigt auch keine Verbindung von Problem und
Lösung auf. Mit der im folgenden aufgeführten Stimmung könnte man den Text
vielleicht besser verstehen. Dabei möge die Notierung 1H etc. bedeuten, daß man
auf der Saite, die auf den Ton H gestimmt ist, den Flageoletton nimmt, so daß der
nach oben oktavierende Ton h entsteht. Den Text könnte man somit folgendermaßen übersetzen (in Klammern füge ich stets die Erläuterung des Vorganges
hinzu): ‘Weswegen reißt die tiefere Saite stets die Melodie an sich? Wenn man
Page 11
View in PDF(opens in a new window)‘Flageoletton’ verkürzten ist selbstverständlich leichter als jener zwischen zwei durch ‘Flageoletton’ verkürzten Saiten, aber letzterer ist
mit einiger Übung dennoch zu verwirklichen, selbst, wenn zwischen
zwei unterschiedlich angespannten Saiten gewechselt werden muß.
Soweit die experimentellen Ergebnisse der Spielmöglichkeiten.
Bemerkenswert im Hinblick auf die oben diskutierte QuintilianStelle ist, daß hier tatsächlich drei Tätigkeiten der linken Hand stattfinden; man könnte also unter Annahme einer solchen Technik die
Stelle bei Quintilian vielleicht leichter verstehen: Die Kitharaspieler
schlagen mit der Rechten bei der krou'si" die Saiten an (percurrunt),
beim Melodiespiel geben sie mit der Linken entweder die Saite frei
(praebent), erzeugen mit dem Fingernagel den einfachen ‘Flageoletton’ (continent) oder den ‘angezogenen Flageoletton’ (trahunt). Das von
Quintilian benutzte Verb trahere drückt dabei die Tätigkeit des
Spannens der Saite aus (die sich ja zusammenzuziehen scheint)20).
Ein wirkliches ‘Heranziehen zum Körper’ findet allerdings nur mit
dem Daumen statt, während die Bewegung mit den Fingern eher
ein seitliches Wegdrücken darstellt. Properz 2,1,9-10 (Sive lyrae carmen digitis percussit eburnis / miramur facilis ut premat arte manus) dürfte
denselben Vorgang mit der Wendung manus premere klarer beschrieben haben.
Es stellt sich die Frage, ob ein solcher Gebrauch des Fingers in
nämlich Paramese (durch ‘Flageoletton’ auf der Saite H erzeugt: 1H = h) in
Verbindung mit der durch ‘Flageoletton’ erzeugten Mese (1A = a) spielen muß,
dann klingen beide Töne in Folge gleich stark; wenn aber beide (und nun ist nicht
gesagt, welche beiden, ich nehme aber auf Grund der folgenden Erklärung von
Dialepsis und der Problemstellung an, es ist dieselbe Saite, auf der Paramese durch
‘Flageoletton’ erzeugt wird, und die im folgenden auch erwähnt wird, also Hypate
hypaton H, und darauf wieder die Paramese h) in Verbindung mit der Mese (a)
gespielt werden, dann nicht (dann nämlich klingt die volle Saite H stärker als a
und h—die yilav—und reißt die Melodie an sich). Das ist so, weil das Tiefe das
Große (H) ist und stärkere, und weil im Großen (H) das kleine enthalten ist (nämlich 1H = h), und weil durch den ‘Flageoletton’ zwei Töne Nete (eigentlich e’, aber
hier: h; oder besser: ‘zwei Saiten’, da sowohl die obere wie die untere Hälfte
schwingt) auf der Saite Hypate (Hypate meson: e; Hypate hypaton: H) enthalten
sind.’ Vgl. ferner Ps. Arist. Pr. 19,23.
20) Möglicherweise kann man die Vorstellung vergleichen mit der Wendung
lanam trahere: wie dort der Faden gezogen wird, so wird hier die Saitenspannung
erhöht. Für die Bedeutung von ‘spinnen’ vgl. Hor. Carm. 2,18,8; Ov. Met. 14,265;
13,511; Ov. Her. 3,75; Iuv. 2,54.
Page 12
View in PDF(opens in a new window)der bildlichen Überlieferung nachweisbar ist; denn Gombosis Theorie scheiterte ja nicht zuletzt an fehlenden Nachweisen auf Vasen.
Dagegen lassen sich für den Gebrauch des Fingernagels schon bei
oberflächlicher Sichtung des Materials Belege finden, die teilweise
auch bereits als Erzeugung des Flageolettons interpretiert worden
sind21). Das deutlichste Beispiel, Athen Nat. Mus. Acr. 609 (Maas/
Snyder 76, Nr. 14) zeigt einen Kitharaspieler, der Zeige- und Mittelfinger nach oben abspreizt und mit dem Fingernagel des Ringfingers die von ihm gesehen dritte Saite berührt, während der kleine
Finger, vielleicht zur Unterstützung, am Ringfinger liegt, wobei er
möglicherweise die vierte Saite abdämpft. Die nach oben abgespreizten Finger könnten dazu dienen, den Ton gleich nach der
Erzeugung wieder zu dämpfen. Schwerin, KG 708 (Maas/Snyder
107, Nr. 17) zeigt einen Lehrer und seinen Schüler beim Unterricht
an der Lyra. Die Finger der Linken von beiden sind gegen die
Saiten gekrümmt:—man könnte die Szene so deuten, als unterrichte
der Lehrer den Schüler eben in der Erzeugung des ‘Flageolettones’
und der dazu notwendigen Fingergrundhaltung22). Florenz 128 (7.
B29; Maas/Snyder 111, Nr. 26) zeigt zwei Spieler, die Daumen und
Zeigefinger zusammengenommen haben, ohne an einer Saite zu
ziehen, sondern offensichtlich, um mit dem Nagel des Daumens
gegen die Saite Druck auszuüben. Die übrigen Finger sind nach
oben gespreizt. New York 07,286.78 (Maas/Snyder 112, Nr. 30)
zeigt einen Spieler mit gekrümmten und zur Saite hingewendeten
Fingern; möglicherweise berührt der Daumen eben die äußerste
Saite. Cambridge, Harvard 1960.236 (Maas/Snyder 129, Nr. 2)
21) Aus Gründen der guten Zugänglichkeit beschränke ich meine Beispiele auf
die von Maas/Snyder (wie Anm. 1) vorgestellten. Angegeben werden Seitenzahl
und Nummer. Eine Diskussion für das 6.-5. Jh. vgl. Maas/Snyder 92-94. Alle hier
erwähnten Beispiele datieren vom späten 6. Jh. abwärts. Vorher finden sich nur
Beispiele, die sich mit ‘Dämpfen’ erklären lassen. Maas/Snyder 93 stellen fest, daß
zwei Drittel der Fälle später als 475 v. Chr. zu datieren sind (sie deuten den
Vorgang als Zupfen oder Erzeugung des Flageolettons). Vgl. auch Roberts (Anm.
14). Dies läßt sich gut in Übereinstimmung mit der Notiz bei Athen. 14,637-8 bringen, daß das Spiel der Melodie eine spätere Erfindung wäre, man muß aber auch
damit rechnen, daß die traditionsgebundene Darstellung immer der Praxis hinterherhinkt. Weiterführende Materialsammlung: D. Paquette, L’instrument de musique
dans la céramique de la Grèce antique. Études d’organologie, Univ. de Lyon II (Paris
22) Ähnlich Roberts (wie Anm. 14), 57, Anm. 65.
Page 13
View in PDF(opens in a new window)zeigt einen barbitonspielenden Satyrn beim Spiel mit gekrümmten
Fingern; ebenso Toronto 356 (919.5,21; Maas/Snyder 130, Nr. 3)
einen anderen Spieler. Florenz 81947 (Maas/Snyder 194, Nr. 10)
zeigt einen Kitharaspieler, der hier entweder mit Ring- und Mittelfinger einen Ton erzeugt, oder mit Daumen und Zeigefinger. Die
Position des Plektron deutet auf ersteres, aber Ring- und Mittelfinger, auch der kleine Finger, gehen anscheinend durch die Saiten
hindurch und scheinen die Töne eher abzudämpfen; endlich befinden sie sich nicht auf etwa der halben Höhe der Saiten, wohingegen Daumen und Zeigefinger auf etwa halber Saitenhöhe befindlich
gut die äußerste Saite berühren können. Die Fingerhaltung aller
Beispiele ist deutlich unterschieden von der zeitgleichen Darstellung
einer Zitherspielerin (London E 271; Maas/Snyder 102, Nr. 5; vgl.
auch Ruvo 1554, Maas/Snyder 197, Nr. 17); es kann also kaum an
Konvention und mangelnder Durchführung liegen, wenn die linke
Hand in einem Winkel und die Finger in einer Position dargestellt
sind, die das Zupfen auszuschließen scheinen. Könnte man die
zusammengenommenen Daumen und Zeigefinger zur Not noch mit
dem Vorgang des Zupfens in Zusammenhang bringen—wer jedoch
bräuchte schon zwei Finger, um an einer Seite zu zupfen?—, so gilt
dieses nicht mehr für die vollständig gekrümmten Zeige- und Mittelfinger. Nach meiner Auffassung geben sie einerseits die Erzeugung
und das Anziehen des ‘Flageolettones’ wieder, andererseits das Abdämpfen unerwünschter Saiten; und das Halteband der griechischen Kitharas und Lyras—anfänglich gewiß zum Halten gedacht—fixiert nun eher, als daß es zur Stabilisierung des Instrumentes dient, die Hand auf eben der Mitte der Saiten, und hilft
damit beim Greifen.
Wenn die Annahme einer solchen Technik also durch Vasenabbildungen unterstützt wird, stellt sich die Frage, wie eine Besaitung
ausgesehen haben könnte, um im erforderlichen Umfang Töne zu
erzeugen. Die oben behandelte Stelle bei Athenaios 14,637F638A23) sowie Ps.-Aristoteles Pr. 19,24 und Pr. 19,4224) lassen vermuten, daß jeweils zwei Saiten im Oktavabstand vorhanden gewesen sein müssen. Am einfachsten wäre es dann, jeden zweiten Ton
23) Siehe auch Anm. 19.
24) Siehe Anm. 17.
Page 14
View in PDF(opens in a new window)wie bei der zwölfsaitigen Gitarre in seiner tiefen Oktave jeweils daneben zu spannen, damit man erstens beim Durchschlagen keine
unharmonischen Zwischentöne hört, und zweitens beim Erzeugen
des ‘angezogenen Flageolettones’ die freie, danebenliegende Saite
gleich mit abdämpfen kann25). Man käme so auf vier hohe und drei
tiefe Töne. Diese einfache Lösung erweist sich aber als falsch, sobald man den Versuch unternimmt, aus den griechischen Instrumentalnoten die Besaitung der Lyra zu rekonstruieren26).
Ich nehme im folgenden mit West an, es habe eine Grundform
der Instrumentalnotenschrift gegeben, die auf einige wenige Transpositionsskalen begrenzt war. Diese Grundform findet man z.B. im
Hypolydischen, dessen Zeichen, mit Einbezug des höheren Tones
für Enharmonisch und Chromatisch folgendermaßen lauten (Um25) In meiner Rekonstruktion gehe ich vom Prinzip der aufsteigenden Reihe bei
der Besaitung ab, wenn auch nur für die Zeit nach Einführung dieser Spielweise.
Die u.a. bei Nikomachos Encheiridion 3 (Jan 241) überlieferte Reihenfolge der Töne
und ihr Bezug zu Saitennamen und Planeten gilt erstens für eine ‘ursprüngliche’
Zeit, und würde gut zu einer Lyra vor der mit Lysander in Verbindung gebrachten Neuerung stimmen, zweitens ist überhaupt das Pythagoräische des Gedankens
offensichtlich und spricht damit nicht unbedingt für Praxisnähe. Festzuhalten bleibt
auch, daß sich bei einer Besaitung in aufsteigender Reihe am Prinzip der Tonerzeugung nichts ändert, nur daß sie das praktische Spiel erschweren würde, weil
nun z.B. der Ton H* an einer ganz anderen Seite der Lyra erzeugt werden müßte
als der Ton A oder H. Ich nehme dagegen an, daß (a) die Saiten von der—vom
Spieler her gesehen—rechten Seite an aufwärts gestimmt waren, (b) die oktavierende, tiefe Saite sich direkt neben der anderen befand und (c) die in die Tiefe
oktavierende Saite rechts von der anderen aufgezogen wurde (vgl. Anm. 17). Eine
vergleichbare Stimmung weist übrigens die siebensaitige chinesische Zither Qin
(Ch’in) auf, auch wenn die Ordnung der Saiten eine andere ist: dort ist die Grundstimmung halbtonlos pentatonisch, wobei die unteren beiden Saiten (die vom
Spieler abgewandten) die oberen oktavieren, so daß der Grundton auf der dritten
Saite liegt, z.B.: CDFGAcd. Für meine Annahme, daß die Stimmung in der obenaufgezeigten Reihenfolge erfolgte, so daß der Proslambanomenos A die dem Körper des Spielers nächste Saite war, und zu seiner Modulation der Daumen benutzt
wurde, spricht der häufige Gebrauch ausgerechnet des Daumens auf Vasendarstellungen in Kombination mit der musikalischen Bedeutung der ‘Mese’ a als tonales
Zentrum.
26) Ich halte mich stets an die Übersicht bei E. Pöhlmann, Griechenland, MGG
3 (1995), Sp. 1627, hier: 1657-1663. Für das Instrumentalnotensystem siehe sonst:
R. Westphal, Metrik d. Griechen, Bd. 1, Griech. Rhytmik und Harmonik (Leipzig
21867), 321-476; O.J. Gombosi (wie Anm. 7); A. Bataille, Remarques sur les deux notations mélodiques de l’ancienne musique grecque, Recherches de papyrol. 1 (1961), 5-20; J.
Chailley, Nouvelles remarques sur les deux notations musicales grecques, Recherches de
papyrol. 4 (1967), 201-216; West (wie Anm. 2), 36-46.
Page 15
View in PDF(opens in a new window)schrift für Diatonisch und Enharmonisch ohne Tetrachord Synhemmenon)27):
Übertragen auf unsere heutigen Notenbezeichnungen (auf dem
Grundton A; h* sei der Vierteltonschritt über dem h) werden
dadurch folgende Töne repräsentiert:
A H H* c d e e* f g a h h* c’ d’ e’ e*’ f’ g’ a’.
Vergleicht man nun die Noten und ihre Stellung innerhalb des In27) Die Reihenfolge ist streng genommen eine enharmonisch-diatonische Leiter,
und das scheint gegen die Annahme zu sprechen, Enharmonisch, Diatonisch und
Chromatisch wären als drei verschiedene Tonsysteme empfunden worden. Es handelt sich aber um einen Versuch, eine Stimmung zu rekonstruieren, die den Wechsel von einem Genos in ein anderes möglich machte, wozu die Instrumentalschrift
nur einen Hinweis geben kann. Ferner ist der Ton d’ zumindest Teil des verbundenen Tetrachords Synhemmenon auch im enharmonischen Genos des Hypolydischen (Nete Synhemmenon) und taucht als Hyperhypate im Oktavabstand in jeder
Tonleiter der Mitteloktave auf (so jedenfalls Düring [wie Anm. 16], 252: “Nach
Aristeides und dem aus gleicher Quelle schöpfenden Bryennios wissen wir aber,
dass jede Tonleiter der Mitteloktave unter der Hypate eine uJperupavth einzuschliessen pflegte, die zur Nete synemmenon im Oktavverhältnis stehen sollte”). Ferner
findet sich in den Damonskalen im Mixolydischen (e e* f g a a* b e’, Umschrift
Pöhlmann [wie Anm. 26], Sp.1654; West [wie Anm. 2], 174) der erste Tetrachord
(e-a) ebenfalls als enharmonisch-diatonische Leiter konzipiert. Man könnte ihn mit
der dorischen Nete in Zusammenhang bringen, die von Terpander ‘erfunden’
wurde (vgl. Plutarchi Moralia vol. 6, fasc. 3, rec. K. Ziegler et M. Pohlenz [Leipzig
1953], hier: Plut. Mor. 1140. Ferner wird von ihm behauptet, er habe das Mixolydische erfunden). Ich nehme also an, daß (a) die Instrumentalschrift (entwickelt
wohl im 5. Jh., vgl. West [wie Anm. 2], 174) für das Enharmonische konzipiert
wurde, und (b) bei der praktischen Komposition der Wechsel vom enharmonischen
ins diatonische Genos und umgekehrt die Regel war. Ebenso ist für das 3. und 2.
Jh. der Wechsel vom chromatischen ins diatonische belegbar (West [wie Anm. 2],
165), nicht aber mit derselben Natürlichkeit vom enharmonischen ins chromatische, gegen das die Notenschrift eindeutig ein Zeugnis ablegt. Die Notiz bei Dion.
Hal. Comp. 132, daß Timotheus, Philoxenus und Telestes in der Lage waren, in
alle drei Genera zu modulieren, gewinnt gerade dadurch an Gewicht, daß dies
eine—mit enharmonischer Stimmung praktizierbare—spätere Entwicklung war,
die bemerkenswert schien. Festzuhalten bleibt aber auch, daß mit enharmonischer
Stimmung praktisch alle drei Genera sowie deren ‘Schattierungen’ (croaiv) erreichbar waren, und daß in den Harmonielehren der Wechsel in alle Genera behauptet
wird. Für diatonisch-chromatische und andere Einstimmungen vgl. auch Ptol.
Harm. 2,15-16, und dazu Düring, 200 ff. Die Erfindung des Enharmonischen durch
Olympos (vgl. unten Anm. 33) beweist aber, daß in dieser Zeit nur in ganz bestimmten Tonverhältnissen von chromatisch auf enharmonisch gewechselt werden
konnte.
Page 16
View in PDF(opens in a new window)strumentalnotensystems, und bezeichnet man die drei Formen, in
denen ein Zeichen auftreten kann, mit 1 : Grundform; 2 : umgelegte Form, 3 : gewendete Form, so erhält man folgendes Schema:
1 123 1 123 1 / 1 123 1 123 1 / 1.
Nimmt man ferner an, daß 1 die Grundposition, 2 und 3 Zeichen
für die Spannung des ‘Flageolettones’ wären28), so kommt man auf
eine notwendige Saitenbespannung (1H repäsentiert hier den nach
unten oktavierenden Ton auf H) für eine siebensaitige Lyra von:
A 1H H d E e g.
Bei einer solchen Lyra werden die Notenzeichen 1,2,3 jeweils
einer Saite zugerechnet, wobei das Zeichen 1 in seiner Grundform
immer entweder die freie Saite oder den einfachen ‘Flageoletton’
bezeichnet, die Zeichen 2 und 3 die Anspannungen des ‘Flageolettones’. Da man grundsätzlich, insbesondere bei den tieferen Tönen,
nicht beliebig in alle Skalen wechseln kann, und da die Metabole
mit Ausnahme des Synhemmenontetrachordes ursprünglich auch
nicht üblich war, erfordert eine jede Skala eine andere Besaitung:
die bei Gombosi und Sachs vorhandenen Probleme offensichtlich
unsinniger Vorschriften treten hier jedenfalls am Anfang einer angenommenen historischen Entwicklung nicht auf, da es so viele Stimmungen wie Transpositionsskalen gibt29).
28) Die Parhypatoeide sind stets die zweiten, die Lichanoeide die dritten Töne
eines Tetrachords: enharmonisch stellen sie bei dieser Besaitung auch immer die
beiden Anspannungen des ‘Flageolettones’ dar. Ist ihre Benennung mit der Musikpraxis in Zusammenhang zu bringen? Eine ähnliche Frage ist, ob Quintilian mit
traho nicht auf die andere, pythagoräische, Bezeichnung der Kinoumenoi, ferovmenoi, anspielt. Schließlich sind nach Porph. Com. (Düring 27): kai; ejn eJni; fqovggw/
metevcesqai (codd. : katevcesqai Düring), die Pyknoi in einem Ton—also einer
Saite?—enthalten.
29) Wenn man die verschiedenen Skalen betrachtet, fällt auf, daß nicht alle
Anspannungen durch die Folge 1 2 3 bezeichnet werden. Nach der oben gebrauchten Notierung (1 für 1. Position in der Dreiergruppe der Zeichen, etc.) und wenn
man die jeweilige Notierung auf ein System vereinfacht (Hypolydisch: 1 123 1 123
1 / 1 123 1 123 1 / 1 zu: 1 (123-1 / 123-1) 1), so gilt 1 (123-1 / 123-1) 1 für Hypophrygisch, Hyperlydisch, Lydisch, Hypolydisch. Für Dorisch gilt 3 (123-3 / 1233) 3; für Hypodorisch und Hyperphrygisch 1 (123-3 / 123-3) 1; für Phrygisch 1
(123-1 / 123-3) 1; für Hyperionisch (-iastisch): 1 (313-1 / 123-1) 1; für Iastisch
(Ionisch): 1 (313-1 / 313-1) 1; Hypoiastisch, Hyperaeolisch: 3 (313-1 / 313-1) 3;
Aeolisch: 3 (313-3 / 313-1) 3; Hypoaeolisch: 3 (313-3 / 313-3) 3; und Hyperdorisch: 3 (123-3 / 313-3) 3. Es gibt somit (123)- und (313)-Gruppen. Beinahe allen
(313)-Gruppen ist gemeinsam, daß das Zeichen und die Note ihrer Position 1
gleichbedeutend mit demselben Zeichen und der Note in Hypolydisch sind; Hyper-
Page 17
View in PDF(opens in a new window)Andererseits ist die Instrumentalnotenschrift für die Praxis keine
reine Griffeschrift, sondern eine Mischung aus Noten- und Griffeschrift, oder besser, eine so systematisierte Griffeschrift, daß ihr
ursprünglicher Vorteil, die Handgriffe anzuzeigen, bereits durch die
Systematisierung eingeschränkt war, und mehr noch im Laufe der
musikalischen Entwicklung verlorengegangen ist: Es gibt keine
Sonderzeichen für die freie Saite, so daß die Grundposition eines
Zeichens abhängig von der Höhe des Tones und teilweise auch der
Entscheidung des Spielers entweder eine freie Saite oder den ‘Flageoletton’ anzeigt (z.B. läßt sich der Ton H sowohl auf der Saite H
wie auf der Saite 1H spielen). Dies ist allerdings unvermeidlich,
wenn man bedenkt, daß zur Erzeugung aller Töne ja nur sieben
Saiten zur Verfügung stehen. Umgekehrt würde die Aufnahme von
sieben Sonderzeichen, die die freien Saiten repräsentieren könnten,
das in sich geschlossene System der Zeichen sprengen. Eine Konsequenz dieses Systems ist dann allerdings, daß für die beiden tiefsten Saiten (hier 1H und E) keine eigenen Zeichen vorgesehen sind
(ein Indiz dafür, daß sie wohl ursprünglich auch nicht im Melodiespiel als freie Saiten benutzt wurden). Zweitens kann der höchste
Ton, der im System auftaucht (hier a’), nur durch Anspannung der
höchsten Saite (hier der ‘Flageoletton’ auf g) erzeugt werden, obwohl er als Zeichen—der Logik des Systems gemäß—in Grundposition vermerkt ist. Dies läßt sich möglicherweise aus einer noch
ursprünglicheren Stimmung der Lyra erklären, bei der man noch
nicht über den Proslambanomenos verfügte und stattdessen eine
Saite auf—um beim Beispiel Hypolydisch zu bleiben—den Ton a
stimmte. Drittens verliert das System seinen praktischen Nutzen teilweise bei einer späteren Erweiterung der Spieltechniken: Ungenügend ist es einerseits bei einigen Metabolai (so z.B. von enharmonisch Hypolydisch zu Dorisch, denn beispielsweise ist der Ton c
dorisch stellt dabei diatonisch eine Ausnahme dar, da ein Ton der Position 1 (ces’)
im Hypolydischen nicht auftaucht. Die 1 (123-1 / 123-1) 1 Konstellation scheint
mir demnach die in dem System zuerst aufgestellte zu sein. Alle übrigen ergaben
sich, da die Variationsmöglichkeiten der Dreiergruppe eines Zeichens der (123)Gruppe erschöpft waren, und man statt dessen die (313)-Gruppe zusätzlich einiger
Variationen einführte, aber nie eine (212)-Gruppe bildete. Das System bietet also
nur vom Ausgangspunkt ein Griffesystem, das für enharmonisch-diatonisch konstruiert ist. In dieser Form taucht es allerdings bei gleich mehreren Skalen auf,
während die anderen Formen nur für jeweils eine Skala gelten.
Page 18
View in PDF(opens in a new window)dort mit der dritten Position und hier mit der ersten vermerkt), und
zwar immer dann, wenn die fremde Tonart auf einem Ton aufbaut,
der nicht im Quart- oder Quintverhältnis zur vorherrschenden
Tonart steht. Andererseits ist es ebenfalls ungenügend in dem Augenblick, wo der Spieler die Flageolettöne auf dem zweiten Oberton
benutzte (z.B. erzeugt er dann den Ton a’ auf der Saite d). Insofern
soll nicht behauptet werden, daß das System in der späteren Praxis
als eine Griffeschrift verwendet wurde, sondern lediglich, daß seine
historischen Wurzel in einer solchen zu suchen sei. Es ist so systematisiert, daß aus dem System fallende Sonderzeichen für die
freien Saiten einerseits, wie ebenfalls eigentlich notwendige Sonderzeichen für eine bestimmte Metabole (welche ursprünglich ja nicht
üblich war) oder für die Verwendung des zweiten Obertons andererseits nicht geschaffen wurden, mit der Konsequenz, daß in der
Praxis das System sich einer Notenschrift annäherte.
Mit der oben aus dem System rekonstruierten Besaitung30) lassen
sich nun alle Töne der Hypolydischen Oktave spielen, und zwar
(ich bezeichne im folgenden immer mit 0 = die freie Saite; 1 = den
reinen ‘Flageoletton’; 2-3 = den ‘angezogenen Flageoletton’):
30) Für die Existenz eines Stimmvorgangs mithilfe der Flageolettöne vgl. auch
Schol. Pind. Ol. 9,59 (uJpokrevkein: uJpokrevkein ga;r kurivw" ejsti; to; hjremaivw" uJphcei'n ejn
tw'/ aJrmovzein th;n kiqavran). Eine Lyra mit der vorgestellten Stimmung läßt sich tatsächlich ausschließlich mithilfe der Flageolettöne stimmen, was bei einer Lyra, die
beispielsweise in Halbtonabständen gestimmt wäre, nicht der Fall ist. Beim Stimmvorgang muß man zuerst die Saite stimmen, auf der der Proslambanomenos (A)
und die Mese (a) gespielt werden. Dies läßt sich in Übereinstimmung mit Dion
Chrysostomos 68,7 bringen: crh; de; w{sper ejn luvra/ to;n mevson fqovggon katasthvsante"
e[peita pro;" tou'ton aJrmovzontai tou;" a[llouJ": eijv de; mhv, oujdemivan oujdevpote aJrmonivan
ajpodeivxousin, ... Man geht vom Proslambanomenos (hier: A) aus und setzt damit
gleichzeitig die Mese fest (a). Man nimmt dann den zweiten Oberton der Saite A
(= e’) und stimmt die Saite e, indem man den ersten Oberton von dieser Saite produziert. Die Saite d stimmt man, indem man von dieser den zweiten Oberton
nimmt (= a’) und diese mit dem ersten oder dritten Oberton der bereits festgelegten Saite A (= a oder a’) vergleicht. Nun nimmt man den zweiten Oberton auf
der Saite g (= d2) und kann sie so durch Vergleich mit dem ersten oder dritten
Oberton auf der Saite d stimmen. Am Ende stimmt man die Saite H, indem man
von der Saite E den zweiten Oberton (= h) nimmt und diesen mit dem ersten
Oberton der Saite H vergleicht. Für die Praxis des Stimmens möchte ich auf die
Excerpta Neapolitana (Jan 420), und den Cod. Monacensis 104 (Jan 421) hinweisen; ich
hoffe zu einem späteren Zeitpunkt näher auf die dort angegebenen Tonfolgen
eingehen zu können, sie scheinen mir teilweise Anleitungen zum Umstimmen einer
Lyra von Hypolydisch auf Lydisch zu enthalten.
Page 19
View in PDF(opens in a new window)A = 0A; H = 0H / 11H; H* = 21H; c = 31H; d = 0d; e = 0e /
1E; e* = 2E; f = 3E; g = 0g;
a = 1A; h = 1H; h* = 2H; c’ = 3H; d’ = 1d; e’ = 1e; e*’ = 2e;
f’ = 3e; g’ = 1g.
Der Ton a’ wird als Anspannung in Tonabstand von g genomen
(3g)31). Der Synhemmenontetrachord
(a a* b c’ d’)
kann erzeugt werden durch a = 1A; a* = 2A; b = 3A, c’ = 3h; d’
= 1d. Es wird damit klar, warum die Töne des Synhemmenontetrachordes nicht auch auf der tieferen Oktave vorkommen: sie lassen
sich eben nur mit der Saite A, dem Proslambanomenos, erzeugen.
Der Proslambanomenos, im System der Tetrachorde eigentlich ein
überflüssiger Ton, erhält eben hierdurch seine Bedeutung. Die
Töne (ohne Oktavunterschiede) verteilen sich folgendermaßen auf
die Saiten: Saite A: a-h; Saite H: h-c; Saite D: d(-e); Saite E: e-f;
Saite G: g-a. Die Tonfolge dieser Besaitung ist, nebenbei bemerkt,
viel besser für das Durchschlagen der Saiten (krou'si") geeignet, als
etwa der Zusammenklang einer einfachen Besaitung für beispielsweise das Mixolydische der Damonskalen, das mit sieben Saiten
auch nach der klassischen Theorie spielbar wäre (e e* f g a a* b e’;
der Ton e’ wäre erzeugbar als Flageoletton von e): sie ist pentatonisch und enthält Ganztonabschnitte, Quarten und Quinten; die
Terz gäbe frei oder abgedämpft dem Akkord einen besonderen
Klang. Eine solche Besaitung könnte weiterhin erklären, warum für
das chromatische wie für das enharmonische Genos dieselben
Zeichen vorgesehen sind. Die umgelegte Form drückt lediglich die
Tatsache aus, daß, nicht aber, wie sehr die Saite angespannt wird.
Für die chromatische Tonfolge A H c cis d e f fis g a, etc. ist aber
auch eine alternative Stimmung denkbar32): A H C c e F f; die
Töne werden erzeugt:
31) Anzumerken sei, daß nach Nikomachos Encheiridion (Jan 274) der endgültige
Tonumfang der Lyra mit 18 ‘Saiten’ angegeben wird. Ohne den Ton a’ hätte nun
das oben rekonstruierte System eben 18 Töne.
32) Die Alternativbesaitung enharmonisch / chromatisch würde den Unterschied zur Gesangsnotenschrift noch besser erklären als die obere Annahme, es
würden lediglich Saitenanspannungen verzeichnet: Anders als bei der Instrumentalnotenschrift kennt die Gesangsnotenschrift ja verschiedene Zeichen für die chromatischen und enharmonischen Zwischenstufen. Mit einer chromatisch gestimmten
Lyra kann man jedoch die enharmonischen Vierteltöne der jeweiligen Tonart nicht
erzeugen.
Page 20
View in PDF(opens in a new window)A = 0A; H = 0H; c = 0c / 1C; cis = 2C; d = 3C; e = 0e; f =
0f / 1F; fis = 2F; g = 3F;
a = 1A; h = 1H; c’ = 1c; cis’ = 2c; d’ = 3c; e’ = 1e; f’ = 1f; fis’
= 2f; g’ = 3f; der Ton a’ ist durch Anspannung nicht erreichbar.
Da bei einer solchen Stimmung die enharmonischen Vierteltonabstände nicht erzeugt werden können, schließt sie die Verwendung
des enharmonischen Genos aus. Für die Existenz einer solchen
Stimmung spricht die von Ps.-Plut. Mor. 1134F ff. überlieferte ‘Erfindung’ des enharmonischen Geschlechtes durch Olympos33). Eine
solche wäre nicht notwendig gewesen, wenn auf dem Instrument
schon immer ein Vierteltonabstand vom ersten Ton des Tetrachordes erreichbar gewesen wäre, wohl hingegen, wenn der nächste Ton auf einer freien Saite einen Halbtonschritt höher gelegen
hätte. Die schwerverständlichen Berechnungen des Archytas für die
Tonabstände des enharmonischen, chromatischen und diatonischen
Genos34) würden sich damit leicht erklären: er könnte für seine
33) Vgl. Plut. Mor. 1134F. Hätte Olympos eine chromatische Stimmung wie die
oben beschriebene verwendet und beim Spielen die diatonische Lichanos, also d
oder g auf den Saiten C oder F, verfehlt (parabaivnonta th;n diavtonon licanovn), dann
hätte er auf der Saite C und F mit c* oder f* die Kinoumenoi des enharmonischen
Tetrachordes C—f oder f—b der dorischen Transpositionsskala erhalten (ejn touvtw/
poiei'n ejpi; tou' Dwrivou), während wiederum die Töne einen Dreiviertelschritt höher
als der erste Ton des hypolydischen Tetrachordes H—e oder e—a standen.
Anders: R.P. Winnington-Ingram, The Spondeion Scale, CQ 22 (1928), 85. Er mißt
aber der Angabe, es hätte einer eigentlichen ‘Erfindung’ bedurft und wäre nur auf
bestimmte Weise möglich gewesen, keine Bedeutung zu. Man könnte auch an
Arist. Pol. 4,3 denken: nach ihm gibt es zwei Grundharmonien—frugistiv und dwristiv—im Gegensatz zur Tradition, die von drei, vier oder sieben spricht. Ebenfalls
würde diese Stimmung besser der Bedeutung der griechischen Bezeichnungen
kinouvmenoi für die Binnentöne, eJstw'te" für die Außentöne entsprechen (ähnliches
bemerkt schon Sachs [wie Anm. 6], 295): Ein Tetrachord besteht tatsächlich aus
vier Chordai. Beim Tetrachord H—e werden H und e durch offene, und damit
feststehende Saiten erzeugt, die Binnentöne c, cis und diatonisch d dagegen durch
Bewegen der Saite C.
34) Vgl. Ptol. Harm. 13 (Düring 30-31); West (wie Anm. 2), 168; bei Archytas
sind die Abstände des ersten zum zweiten Ton für alle drei Genera gleich: das
ergäbe sich, wenn die Lyra chromatisch gestimmt wäre und die besondere Eigenschaft des Enharmonischen von Archytas in der Verwendung von Vierteltonabschnitten gesehen wurde. Um es einmal grob darzustellen, auch wenn bei Archytas
der Tonabstand der ersten beiden Töne stets eine Drittelnote ist: bei einer Stimmung von e F f a erhielte er für chromatisch: e f fis a, für diatonisch: e f g a, enharmonisch: e f f* a. Auch für die Verwendung einer solchen Stimmung gibt es ein
Indiz: die überlieferten Namen der Töne aller drei Genera haben bei Arist. Quint.
(1,6), Kleoneides (Jan 182), Nikomachos (Jan 280) für den jeweils dritten Ton eines
Page 21
View in PDF(opens in a new window)Berechnungen stets von einer einheitlich ‘chromatisch-diatonisch’
gestimmten Lyra / Kithara ausgegangen sein, bei der die ersten beiden Töne des Tetrachords (Hypate hypaton; Parhypate hypaton)
freie Saiten waren, und dann den durch Anspannung erzeugten
nächsthöheren Ton mit dem Monochord verglichen haben.
Auf einer so bespannten Lyra—sei es in enharmonischer oder
chromatischer Stimmung— befinden sich aber genau fünf Töne der
diatonischen Leiter (wenn man die Oktavtöne nicht als eigene
wertet), deren Zwischenräume durch das Anspannen des ‘Flageolettones’ gefüllt werden; und nichts anderes ist es vielleicht, was
Quintilian vorschwebte, als er schrieb35): eademque musicis ratio est, qui
cum in cithara quinque constituerunt sonos, plurima deinde varietate complent
spatia illa nervorum, atque his, quos interposuerunt, inserunt alios, ut pauci illi
transitus multos gradus habeant. Ebenfalls läßt sich so Ps.-Plut. Mor.
1145D 39 erklären: malavttousi ga;r ajei; tav" te licanou;" kai; ta;" paranhvta". h[dh de; kai; tw'n eJstwvtwn tina;" parania'sin fqovggwn, ajlovgw/ tini;
diasthvmati prosanievnte" aujtoi'" tav" te trivta" kai; ta;" paranhvta", kai; th;n
toiauvthn eujdokimei'n mavlistav pw" oi[ontai tw'n susthmavtwn crh'sin ejn h/|
ta; polla; tw'n diasthmavtwn ejsti;n a[loga, ouj movnon tw'n kinei'sqai
pefukovtwn fqovggwn, ajlla; kaiv tinwn ajkinhvtwn ajniemevnwn, wJ" e[sti dh'lon
toi'" aijsqavnesqai tw'n toiouvtwn dunamevnoi"36). Ps.-Plutarch unterscheidet hier drei Gruppen von Tönen, die man diatonisch auffassen
sollte, da dieses Genos für die besprochene Zeit das Übliche gewesen ist: die Lichanoi und Paranetai sind die Lichanoeide des Tetrachords (d, g, d’, g’); es folgen die Akinetoi (H, e, h, e’) und dann die
Parhypatoeide (c, f, c’, f’). Wenn die Übersetzung von malavttw und
Tetrachords die Zusatzbezeichnungen ejnarmovnio", crwmatikhv und diavtono". Alle
beide Stimmungen scheint Nikomachos (Jan 264) zu berücksichtigen: dort bauen
sich auf der Parhypate gleichermaßen wie auf der Lichanos (hier eine unbezeichnete Saite) drei Töne mit den Zusatzbezeichnungen auf. Die jeweils folgenden
Erklärungen der Tonabstände muß man dabei allerdings von den traditionell überlieferten Notennamen lösen.
35) Inst. Or. 12,10,68; vgl. dazu Winn.-Ingr. (wie Anm. 8), 172; gemeint könnten
allerdings auch die fünf Tetrachorde des Systema teleion meizon sein.
36) ‘Denn sie stimmen stets die Lichanoi und Paranetai herab. Aber sie stimmen auch schon einige der Hestotes-Töne herab, wobei sie mit ihnen die Tritai
und Paranetai zu einem irrationalen Tonverhältnis herabstimmen, und eine solche
Praxis der Systeme halten sie für die beste, in der die meisten der Tonverhältnisse
irrationale sind, und zwar nicht allein der Töne, die dazu da sind, bewegt zu werden, sondern auch einiger Akinetoi, die herabgestimmt werden, so wie es den diese
Dinge zu verstehen Fähigen klar ist.’
Page 22
View in PDF(opens in a new window)paranivhmi mit ‘herabstimmen’ richtig ist37), dann wurden von den
Musikern stets die Lichanoeide herabgestimmt. Da keine absolute
Tonhöhe gemeint sein kann, muß man sich fragen, in Bezug auf
welchen Ton sie herabgestimmt wurden. Von allen möglichen Tönen wurde von Plutarch der Proslambanomenos (A) nicht genannt;
der ganze Vorgang muß sich also auf ihn beziehen. Ferner wird gesagt, daß auch einige Akinetoi herabgestimmt werden, von denen
aber—und das ist das Wichtigste—die Parhypatoeide völlig abhängig sind, so daß diese gleichzeitig mit jenen gestimmt werden.
Mit Annahme einer Besaitung von A 1H H d E e g ist die
dargestellte Vorgehensweise leicht zu verstehen: die Saiten d und g
haben die Gemeinsamkeit, keine oktavierende Nebensaite zu haben,
sie werden also einerseits genannt. Die Akinetoi H und e sind dagegen die andere Kategorie, und die Parhypatoeide c und f sind, als
lediglich durch Griffe zu erzeugende Töne, völlig abhängig von der
Stimmung der Akinetoi. Wenn Ps.-Plutarch also von den
Stimmungen redet, so bezieht er sich nicht auf Töne, sondern auf
genau jene sechs Saiten in Bezug auf die siebte, den Proslambanomenos.
Schließlich bedarf es für jede Transpositionsskala, jedenfalls um
sie ganz zu erzeugen, einer eigenen Stimmung, und somit einer
eigenen Notation, um aus der Instrumentalschrift auch gleich die
Grundstimmung abzulesen; während umgekehrt einige Tonarten
(z.B. Hyperlydisch, Hypolydisch, Lydisch und Hyperdorisch) in
einem gewissen Umfange von einer einzigen Grundstimmung erzeugt werden können. Das System liefert also auch gleich die
Grundstimmung der Lyra mit, und ist damit praktischer, als unsere
Notenschrift hätte sein können. Praktisch läßt sich nun zwar für
jede Stimmung eine eigene Skala finden. Andererseits ist aber jede
Stimmung in der Lage, in einem bestimmten Umfang Tonfolgen
einer anderen Transpositionsskala zu spielen, die dann mit dieser
intoniert werden können. Das ist immer der Fall beim Tetrachord
Synhemmenon, aber bleibt nicht auf ihn beschränkt38). In solch
einem Fall mag es dann vorkommen, daß ein und derselbe Ton
durch verschiedene Zeichen repräsentiert wird, die sich nach dem
37) Vgl. schon Gombosi (wie Anm. 7), 20 f.; und dagegen Winn.-Ingr. (wie
Anm. 8), 172, Anm.2.
38) Nach Aristox. 29,10; 54,5; Kleoneides (Jan 204,11 ff.); Ptol. Harm. 2,9 wohl
in allen in Quart- und Quinttonabständen liegenden Skalen.
Page 23
View in PDF(opens in a new window)näheren Umfeld des Tones richten; und in diesem Fall haben die
‘Anspannungszeichen’, die ja für eine andere Stimmung gelten,
natürlich keinen unbedingten Wert.
Wie fügen sich aber die Damonskalen in diesen Zusammenhang?
Sie sind alle in hypolydisch notiert, drücken aber nur Intervallverhältnisse aus39), so daß Informationen über die absolute wie zueinander relative Tonhöhe nicht vorhanden sind. Zu ihrer Erzeugung
müßte also eine hypolydisch gestimmte Lyra (A 1H H d E e g) ausreichen. Dies trifft nun allerdings nur auf eine, nämlich die erste der
Skalen, zu (Umschrift Pöhlmann; e* ist der Viertelton über dem E):
Lydisch: e*=2E, f=3E, a=1A, h=1H, h*=2H, c’=3H, e’=1e, e*’=
2e. Die übrigen erfordern eine lydische Stimmung (d E e g A a c),
mit der sich allerdings alle Tonarten leicht verwirklichen lassen. Dorisch: g=0g, a=1A, a*=2A, b=3A, d=0d, e’=1e, e*’=2e, f’=3e, a’=
1a; phrygisch: g=0g, a=1A, a*=2A, b=3A, d’=1d, e’=1e, e*’=2e,
f’=3e, g’=1g; iastisch: e=0e/1E, e*=1E, f=2E, a=0a, c’=1c, d’=1d;
mixolydisch: e=0e/1E, e*=2E, f=3E, g=0g, a=0a/1A, a*=2A,
b=3A, e’=1e; syntonolydisch: e=0e/1E, e*=2E, f=3E, a=0a/1A, c=
0c. Selbst das Lydische ließe sich ‘lydisch’ spielen, wobei allerdings
die Spannung zur Erzeugung des Tones h=2A und h*=3A höher
sein müßte als bei den übrigen Anspannungen: e*=2E, f=3E, a=
a/1A, h=2A, h*=3A, c’=1c, e’=1e, e*’=2e. Nun sind Lydisch und
Hypolydisch engstens miteinander verwandt (die Notation des
Lydischen bildet den Tetrachord Synhemmenon für Hypolydisch),
und damit läßt sich wohl erklären, daß bei diesen Harmoniai eine
hypolydisch aufgezeichnete Skala sich mit einer lydischen Stimmung spielen läßt40).
39) West (wie Anm. 2), 174; Pöhlmann (wie Anm. 26), Sp.1654.
40) Wenn man aber wohl hier doch lieber zugeben sollte, daß die Gründe für
den Wechsel von Hypolydisch und Lydisch nicht klar zutage liegen, so bleibt festzuhalten, daß sich all diese Skalen mit einer ganz bestimmten, nämlich der ‘lydischen’ Stimmung der Lyra verwirklichen lassen und mit keiner anderen, und daß
die Pyknoi sich allesamt als ‘Flageoletton-Anspannungen’ erklären lassen (woher
der Name kommt?). Die scheinbare Absurdität, daß sich ausgerechnet das ‘Lydische’ der Damonskalen nicht mit dem ‘Lydischen’ der aristoxenischen Transpositionsskalen spielen läßt, darf dabei nicht verwirren, handelt es sich doch um zwei
verschiedene Systeme, die historisch nicht aufeinander projizierbar sind. Es könnte
aber Anlaß zu Vermutungen geben, ob ähnlich wie bei den Kirchentonarten nicht
auch hier eine Bedeutungsverschiebung stattgefunden habe, in deren Folge aus
ursprünglich ‘Lydisch’ ‘Hypolydisch’ wurde.
Page 24
View in PDF(opens in a new window)Man sollte nun auch fragen, ob man mit einer solchen Besaitung
in der Lage gewesen wäre, die uns überlieferten Musikstücke zu
spielen. In diesem Zusammenhang bietet es sich an, den ersten delphischen Hymnus (ich halte mich im Folgenden an die Rekonstruktion und Umschrift von E. Pöhlmann41): hier Nr. 19, 58 ff.),
der ja in Vokalnotenschrift überliefert ist, gegen den zweiten delphischen Hymnus (Pöhlmann Nr. 20, 68 ff.) zu stellen. Es zeigt sich
nämlich, daß der instrumental notierte Hymnus leicht in der für
seine verwendete Leiter anzunehmenden Stimmung gespielt werden
kann, der in Vokalnotenschrift dagegen nicht. Das Tonmaterial des
ersten delphischen Hymnus ist: es, g, as, h, c’, des’, d’, es’, f’, ges’,
g’, as’. Es bewegt sich in Phrygisch und Hyperphrygisch. Folgende
Stimmungen wären denkbar, wenn man das oben angenommene
Besaitungssystem zugrundelegt: enharmonisch-diatonisch Phrygisch:
c D d f G g b; chromatisch-diatonisch Phrygisch: c d Es es f g As
as; enharmonisch-diatonisch Hyperphrygisch: f G g b c c’ es’; chromatisch-diatonisch Hyperphrygisch: f g As as des’ es es’. Bei allen
genannten Stimmungen läßt sich der Ton h nicht erzeugen, der
aber im Hymnus auftaucht; die Kithara hätte anders, nämlich c D
d f G g h, gestimmt sein müssen, wofür aber im Instrumentalnotensystem keine Leiter vorgesehen ist. Die Tonstufen des zweiten
delphischen Hymnus sind e, f, g, a, b, h, c’, d’, es’, e’, f’, g’, a’, b’.
Ohne Spannung der ‘Flageolettöne’ oder anderer, uns unbekannter
Möglichkeiten der Tonveränderung bis auf den gewöhnlichen
Flageoletton benötigte man neun Saiten: d es e f g a b h c’. Das
Stück ist im Hypolydischen und Lydischen geschrieben, mögliche
Stimmungen sind also enharmonisch-diatonisch Hypolydisch: A 1H
H d E e g, enharmonisch-diatonisch Lydisch d E e g A a c’, sowie
chromatisch-diatonisch Hypolydisch A H C c e F f und chromatisch-diatonisch Lydisch d e F f a B b. Die Töne a’ und b’ sind in
Hypolydisch nicht praktizierbar, diese Besaitung fällt also weg,
sofern man nicht mit dem Erzeugen der ‘Flageolettöne’ der Oktave
und Quinte oder der Doppeloktave rechnen möchte (was grundsätzlich denkbar wäre, aber nicht weiter verfolgt werden soll)42). Enhar41) E. Pöhlmann, Denkmäler altgriechischer Musik (Nürnberg 1970), 68 ff.
42) Die Verwendung der zweiten Obertöne könnte das entscheidende Merkmal
gewesen sein, durch das sich das Spiel auf der Kithara von dem auf der Lyra unterscheidet. Arist. Pol. 1341A lehnt die Kithara als tecniko;n o[rganon für den Mu-
Page 25
View in PDF(opens in a new window)monisch Lydisch wie chromatisch Lydisch sind dagegen gleichermaßen geeignet, alle Tonstufen zu spielen. Für enharmonisch: d E
e g A a c’ erhält man: : e = 0e/1E; : f = 2E; : g = 0g;
:
a = 0a/1A; : b = 2A; / : h = 3A; : c’ = 0c’; : d’ =
1d; : es’ = 2d; : e’ = 1e; : f’ = 2e; ( I ): g’ = 1g; ( ): a’
= 1a; : b’ = 2a. Für chromatisch: d e F f a B b (der besseren
Vergleichbarkeit stelle ich hier Zahl und Buchstabe um) erhält man:
: e = e0/E1; : f = f0/F1; : g = F3; : a = a0; : b = b0/B1;
/ : h = B2;
: c’ = B3;
: d’ = d1; : es’ = d2;
:
e’ = e1; : f’ = f1; ( I ): g’ = f3; ( ): a’ = a1; : b’ = b1.
Der Unterschied in der Notierung könnte also tatsächlich in diesem
Fall darauf zurückgeführt werden, daß in Vokalnotenschrift ein
Stück geschrieben wurde, welches mit der Kithara innerhalb der
angenommenen Gesetzmäßigkeiten des Notensystems nicht gespielt
werden könnte.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Annahme einer
bestimmten Spielform (yilokiqaristikhv) auf der Kithara und Lyra
mithilfe der Anspannung der durch den Fingernagel halbierten
Seiten sich nicht nur im Experiment als möglich erwiesen hat, sondern auch gestützt wird durch Vasenabbildungen, das System der
griechischen Instrumentalnoten sowie Teilen der literarischen Überlieferung und Musikdenkmäler. Diese Spielform wird bei weitem
nicht die einzige gewesen sein, die in der griechischen musikalischen
Praxis verbreitet war, aber sie ist jene gewesen, mit der die 28 Töne
gespielt werden konnten, die es nach Nikomachos über alle Genera
hinweg auf der Kithara und Lyra gegeben habe43).
18057 ROSTOCK, Wismarsche Straße 11
sikunterricht ab: Vielleicht läßt sich die Bauart der Wiegenkithara damit erklären,
daß diese dem professionellen Spieler das mühelose Erreichen der unteren Hälfte
der Saiten mit der Linken ermöglichte, womit er einen größeren Tonumfang verwirklichen konnte.
43) Nikomachos Encheiridion (Jan 274): AiJ me;n ou\n pa'sai cordai; kata; ta; triva gevnh
(...) ei[kosi kai; ojktw; to; plh'qo".
Page 26
View in PDF(opens in a new window)monisch Lydisch wie chromatisch Lydisch sind dagegen gleichermaßen geeignet, alle Tonstufen zu spielen. Für enharmonisch: d E
e g A a c’ erhält man: : e = 0e/1E; : f = 2E; : g = 0g;
:
a = 0a/1A; : b = 2A; / : h = 3A; : c’ = 0c’; : d’ =
1d; : es’ = 2d; : e’ = 1e; : f’ = 2e; ( I ): g’ = 1g; ( ): a’
= 1a; : b’ = 2a. Für chromatisch: d e F f a B b (der besseren
Vergleichbarkeit stelle ich hier Zahl und Buchstabe um) erhält man:
: e = e0/E1; : f = f0/F1; : g = F3; : a = a0; : b = b0/B1;
/ : h = B2;
: c’ = B3;
: d’ = d1; : es’ = d2;
:
e’ = e1; : f’ = f1; ( I ): g’ = f3; ( ): a’ = a1; : b’ = b1.
Der Unterschied in der Notierung könnte also tatsächlich in diesem
Fall darauf zurückgeführt werden, daß in Vokalnotenschrift ein
Stück geschrieben wurde, welches mit der Kithara innerhalb der
angenommenen Gesetzmäßigkeiten des Notensystems nicht gespielt
werden könnte.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Annahme einer
bestimmten Spielform (yilokiqaristikhv) auf der Kithara und Lyra
mithilfe der Anspannung der durch den Fingernagel halbierten
Seiten sich nicht nur im Experiment als möglich erwiesen hat, sondern auch gestützt wird durch Vasenabbildungen, das System der
griechischen Instrumentalnoten sowie Teilen der literarischen Überlieferung und Musikdenkmäler. Diese Spielform wird bei weitem
nicht die einzige gewesen sein, die in der griechischen musikalischen
Praxis verbreitet war, aber sie ist jene gewesen, mit der die 28 Töne
gespielt werden konnten, die es nach Nikomachos über alle Genera
hinweg auf der Kithara und Lyra gegeben habe43).
18057 ROSTOCK, Wismarsche Straße 11
sikunterricht ab: Vielleicht läßt sich die Bauart der Wiegenkithara damit erklären,
daß diese dem professionellen Spieler das mühelose Erreichen der unteren Hälfte
der Saiten mit der Linken ermöglichte, womit er einen größeren Tonumfang verwirklichen konnte.
43) Nikomachos Encheiridion (Jan 274): AiJ me;n ou\n pa'sai cordai; kata; ta; triva gevnh
(...) ei[kosi kai; ojktw; to; plh'qo".