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14. DIE PYTHAGOREER
Aristoteles redet meistens von den »sogenannten« Pythagoreern,
was nicht meint, daB sie eigentlich keine seien, sondern nur, daß
er es dahingestellt sein lassen will, wie viel oder wenig diese Leute
mit Pythagoras zu tun haben. Es sind nur wenige Fragmente von
Philolaos, einem Zeitgenossen des Sokrates, und von Archytas,
einem Zeitgenossen Platos, erhalten. Die Archytas-Fragmente enthalten nichts Philosophisches, die Echtheit der Philolaos-Fragmente ist umstritten. Vor Philolaos scheint es keine pythagorcischen
Schriften gegeben zu haben
(von den KRermigungen des
Empedokles abgesehen). Aristoteles erwähnt den Philolaos nur
einmal beiläufig in der Eudemischen Ethik, aber niemals in seinen
Referaten über die pythagoreische Philosophie.
W. Burkert, Weisheit und Wissenschaft, 1962, hält die Fragmente 1 bis
7, 13 und 17 des Philolaos für echt. Da aus ihnen aber nicht allzuviel zu
erfahren ist, bleiben wir auf die Berichte angewiesen. Die kritische Analyse
derselben führt Burkert zu dem Ergebnis: »Als historisch echte Zeugnisse
für Pythagoreisches kommen zumindest im philosophischen Bereich außer
vorplatonischen Zeugnissen und Aristoteles nur solche Aussagen in Frage,
die zu diesen stimmen und vom Platonischen unberührt sind.« S. 73. Zum
Glück ist das aristotelische Referat ausführlich genug, um alle wesentlichen
Züge der pythagoreischen Philosophie für uns erkennbar zu machen.
In seiner Metaphysik (A 5,985 b 23ff.) schreibt Aristoteles:
Gleichzeitig mit den Atomisten und schon früher beschäftigten sich
die sogenannten Pythagorcer mit der Mathematik, und sie waren dic
ersten, die sie forderten. Und ganz in sie eingelebt, glaubten ste, thre
Prinzipien seien die Prinzipien aller Dinge. Da aber von dieser dic
Zahlen ihrem Wesen nach das erste sind, und sic in diesen vieles
Ähnliche zu erblicken glaubten mit dem, was ist und wird, mehr als
in Feuer, Erde und Wasser - denn eine Eigenschaft der Zahlen sollie
die Gerechtigkeit sein, eine andere Seele und Vernunft, eine andere der
rechte Augenblick, usw. — und da sie ferner die Eigenschaften und
Verhältnisse der Töne der Musik in den Zahlen sahen, so kamen
sie zu folgender Ansicht: Da alles andere in der Natur sich den
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Natur seien, so seien die Elemente der Zahlen die Elemente aller
Dinge, und der ganze Himmel sei Zahlverhältnis und Zahl. Und was
sic nun an Entsprechungen fanden in den Zahlen und Zahlbeziehungen zu den Zuständen der ganzen Weltordnung, das sammelien
sie und stellten es zusammen. Wenn es aber irgendwo fehlte, dann
fügten sie etwas hinzu, um überall den Zusammenhang zu haben.
Z. B. da die Zehnzahl das Vollkommene zu sein scheint und das
ganze Wesen der Zahl zu umfassen scheint, so müssen nach ihnen
auch zehn Körper am Himmel umlaufen. Da aber nur neun sichtbar
sind (Erde, Mond, Sonne, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn,
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Fixsternsphäre), so erfinden sie als zehnte die Gegenerde hinzu.
14. DIE PYTHAGOREER
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der Môglichkeit, die Einheit zu halbieren. Wir werden sehen, daB
die Teilung der Einheit in der pythagoreischen Philosophie eine
bedeutende Rolle spielt. Wie anders sollte auch die Zahl aus der
Eins entstehen als so, daß die Eins sich teilt? Aristoteles fährt
fort:
Andere von ihnen erwähnen zehn Prinzipien, dic sogenannic
Gegensatz-Reihe: Grenze-Grenzenloses,
Ungerades-Gerades, Eines-
Vieles, Rechtes-Linkes, Männliches-Weibliches, Ruhendes-Bewegtes,
Gerades-Krummes, Licht-Finsternis, Gutes-Schlechtes, Quadrat-Rechteck.
Das ist eine recht bunte Reihe. Gerade und ungerade Zahlen,
Im Dezimalsystem zählen wir nur bis zehn und beginnen dann
Quadrat- und Rechteckzahlen (das sind alle, die keine Quadratzahlen sind), gerade und krumme Linien, das gehôrt in die Mathevon vorne, indem wir die Zehner zählen usw. Die Auszeichnung
matik. Eines-Vieles, Ruhendes-Bewegtes ist der doppelte Gegender Zehn beruht natürlich einfach darauf, daß wir zehn Finger
haben, aber die Pythagoreer suchen etwas Tieferes dahinter, wie
wir noch sehen werden. Aristoteles fährt fort:
Sie sind offenbar der Meinung, die Zahl sei Prinzip (toy) als
Materie (5An), woraus alles besteht, wie auch als Zustand (rabos)
und Verfassung (€&tc), in der sich das Seiende befindet. Für die
StnhAMpNEeREDra,.
Elemente der Zahlen aber halien sie das Gerade und das Ungerade.
Von diesen sei das eine begrenzt, das andere aber unbegrenzt. Die
Eins aber bestehe aus beiden, denn sie sei gerade und ungerade,
nämlich weil sie dem Geraden zugesetzt es ungerade macht, und dem
Ungeraden zugesetzt dieses gerade macht, - die Zahl aber sei aus
dem Eins, aus Zahlen aber der ganzc Himmel.
Die Zahl ist für die Griechen eine Mehrheit von Einheiten, also
Der umgekehrte Prozeß ist undenkbar.
Der Gegensatz zwischen Grenze oder Ende (régas) und Grenzenlosem oder Unendlichem kommt, wie wir gesehen haben, schon
bei Xenophanes vor,
ist die Eins keine Zahl und also die Drei die kleinste ungerade
Zahl. Die Begründung, die Aristoteles dafür anführt, daß die Eins
beides, gerade und ungerade sei, daß sie nämlich durch ihre Hinzufügung das Gerade ungerade und das Ungerade gerade macht, ist
in Wahrheit nur eine Begründung der Verwandtschaft der Eins
mit den ungeraden Zahlen und genau der Grund, warum wir die
Eins zu den ungeraden Zahlen rechnen. Die Begründung dafür,
daß die Eins auch am Geraden teilhat, fehlt. Man kann sie leicht
erraten. Sie muß darin bestehen, daß man die Eins halbieren kann.
Die Möglichkeit der Halbierung aller ungeraden Zahlen beruht auf
satz, in dem bei Parmenides das wirklich Seiende zum vermeintlich
Seienden steht. Licht und Finsternis treten bei Parmenides innerhalb des vermeintlich Seienden auf. Da treten aber auch auf:
Rechtes-Linkes, Mannliches-Weibliches.
Parmenides B 17: Auf der rechten (vermutlich: Seite der Gebarmutter entstehen) die Knaben, auf der linken die Mädchen.
Die parmenideischen Gegensätze zwischen wirklich und vermeintlich Seiendem einerseits und innerhalb des vermeintlich
Seienden andererseits sind hier zu einer Liste nivelliert worden.
PerAe
wete,TVeO
re
"
B 28: Das obere Ende (n£pas) der Erde erblickt man zu unsern
Füßen, nach unten aber erstreckt sie sich ins Unendliche (5 &rzıpov).
Die Grenze (répac) ist hier und bei Parmenides das Ende, an dem
die Sache aufhört und nicht mehr weiter geht. Bei Philolaos dagegen ist nicht von solcher Grenze (mépac), sondern vom Begrenzenden (repxivov) die Rede (B 1 und 2), und im Sinne des Begrenzenden versteht auch Plato die Grenze (r£pas) im »Philebos«. Dieser
Begriff der Grenze als des ein an sich Grenzenloses Begrenzenden
ist bei keinem einzigen der bisher von uns betrachteten Denker
anzutreffen. Er wird aber von Aristoteles ausdrücklich als pytha-
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goreisch bezeugt. Metaphysik N 3 (1091a 15ff.) sagt er, gleich nach
aus Zahlen bestehen, und insofern nennt Aristoteles die Zahlen
der Entstehung des Einen seien die nächsten Teile des Unendlichen
ihre Materie; die Dinge sollen aber ferner auch die Zahlen nach-
(änsıpov) angezogen und von der Grenze (népas) begrenzt worden
(émepatvero).
ahmen, und insofern bestimmen sie nach Aristoteles ihren Zustand
Nach
K.-H.
llting,
Archiv für Begritísgeschichte 9,
1964, S.
und ihre Verfassung, also daB sie z. B. gerecht oder ungerecht,
schön oder häßlich sind.
119 soll
répac = Éoyxtov jünger sein als népag = repaivov. Dem widerspricht Xeno-
Um die pythagoreische Lehre zu verstehen, müssen wir vor allem
phanes B 28.
bedenken, was die Griechen unter einer Zahl (aptOu6¢) verstehen.
Aristoteles berichtet ferner:
Metaphysik A 6 (987b 111.):
Die Pythagoreer
Sie ist zunächst nichts anderes als eine bestimmte Anzahl von
Dingen, wie wir auch sagen, eine benannte Zahl oder eine Menge.
behaupten, dic
Dinge seien durch Nachahmung von Zahlen.
Eine Zahl ist z. B. die Menge von 5 Schafen, oder von 4 Bäumen.
Metaphysik A 8 (989b 29ff.): Die sogenannten Pythagoreer verwenden zwar unpassendere Prinzipien und Elemente als die Physiologen - der Grund ist, daß sie sie nicht aus der Wahrnehmung genommen haben, denn das Mathematische ist ohne Bewegung mit
Ausnahme des Astronomischen. Alle ihre Untersuchung und Forschung geht aber über die Natur (pbovc). Sie konstruieren den Himmel,
beobachten, was dessen Teile, Eigenschaften und Ereignisse betrifft
und verwenden dazu die Prinzipien und Ursachen, als seien sie mil
den Physiologen einig, daß nur das sci, was wahrnehmbar sei und
was der sogenannte Himmel umfaßt. (Die Physiologen sind die bis-
Daß die Dinge Zahlen sind, bedeutet also zunächst noch gar nichts
anderes als das, was auch die Atomisten behauptet hatten, nämlich,
daß die Dinge Gruppen von Einheiten sind, und zwar sind das, wie
aroenM+17Ist
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Art Zahl, die mathematische, aber sie hallen diese nicht für ctwas
getrennt für sich Seiendes, sondern sagen, die wahrnehmbaren Dinge
bestünden aus ihnen. Sie stellien nämlich den ganzen Himmel aus
Zahlen her, aber nicht aus solchen, die aus Einsen bestehen, sondern
sie meinen, daß die Einheiten Größe haben. Wie jedoch das erste
Eine dazu kam, Größe zu haben, darüber scheinen sie im Unklaren
zu
sein.
Physik A 7 (213b 22ff.): Auch die Pythagoreer behaupten dic
Existenz des Leeren, und es trete aus dem unendlichen Hauche
(veda) in den Himmel ein, als wenn dieser es einatme, - und es
sei das Leere, das die Dinge von einander trennt, als wenn es das
Leere wäre, was das Aufeinanderfolgende trennt und was unierscheidet. Dies sei auch das erste in den Zahlen. Denn das Leere
scheide sie in ihrem Sein.
Die Pythagoreer sollen also gelehrt haben, daß die Dinge sowohl
e
c—ar
Wenn Aristoteles gewöhnlich von den Pythagoreern redet, nachdem
er vorher von den Atomisten gesprochen hat, so liegt es nahe, zu
vermuten, daß es eine Fortbildung der atomistischen Lehre ist, die
wir hier vor uns haben.
Aristoteles unterscheidet in seiner Physik (A 11,219b Of.) cinen
doppelten Sinn des Wortes »Zahl«; danach meint das Wort einmal
her von uns behandelten Philosophen außer den Eleaten.)
Metaphysik M 6 (1080b 16ff.): Die Pythagoreer kennen nur eine
wir hörten, ausgedehnte Einheiten, also eine Art von Atomen.
—Anr
das Gezählte und Zählbare und andererseits das, womit wir zählen.
Das womit wir zählen sind die Zahlwörter oder ihre »Bedeutung«
(wie auch immer die zu bestimmen sein mag, Aristoteles sagt darüber nichts weiter). Aristoteles sagt uns aber ausdrücklich, daB die
Pythagoreer keine anderen Zahlen kennen, als die Zahlen im Sinne
der Mengen irgend welcher Dinge. Auch wenn bei den Pythagoreern
davon die Rede ist, daß die Dinge Zahlen nachahmen, daß also
z. B. die Gerechtigkeit die Vier nachahmt, so kann das nur heißen,
daß das Gerechte eine Atomgruppe von vier Einheiten nachahmt.
Dennoch konnten die Pythagoreer natürlich nicht übersehen, daB
alle Vierergruppen eben dieses Gemeinsame haben, Vierergruppen
cArv
La-ne oys
zu sein, daß die Zahlen also in gewissem Sinne etwas Allgemeines
sind, wenn sie auch diesem Allgemeinen kein Fürsichsein zugeschrieben haben. Diesen Schritt hat erst Plato getan, und Aristoteles ist sich dieses Unterschiedes zwischen den Pythagoreern und
Plato deutlich bewußt. Für die Pythagoreer gibt es genau so viele
Zahlen, wie es Atome gibt. Wenn es drei Atome gibt, dann gibt es
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auch die Zahlen von 1 bis 3 - da es aber unendlich viele Atome
gibt, gibt es auch unendlich viele Zahlen.
Auch noch in der modernen Begründung der Mathematik durch den
Logiker B. Russell gibt es nicht mehr Zahlen als Individuen. Er braucht
daher ein Unendlichkeitsaxiom, das die Existenz von unendlich vielen Individuen postuliert, damit die Zahlenreihe unendlich sein kann.
De€an
Die Pythagoreer haben nun mit großem Eifer die Arten und
III
Die Einteilung der Oktave in Quart und Quint ist das
Fundament
der pythagoreischen Musik. Ein anderer Grund für die Auszeichnung der Vier ist die Dreidimensionalitàt des Raumes, die zum
Zählen bis vier führt, wenn man die Null mitzählt: Der (dreidimensionale) Kérper wird durch (zweidimensionale) Flachen begrenzt,
die Flache durch (eindimensionale) Linien, die Linie durch (nulldimensionale) Punkte. (Aristoteles, Metaphysik N 3, 1090b 5ff.)
Eigentümlichkeiten der Zahlen erforscht. Sie sprechen von Zu-
So kann die Vier als die Zahl erscheinen, die das Weltgeheimnis
ständen (ran), Gestalten (poppat) und auch wohl von Formen
offenbart.
(etön). Der zuletzt genannte Name spielt dann die größte Rolle in
der Philosophie Platos - und es kann kein Zweifel bestehen, daß
zwischen der platonischen Ideenlehre und der pythagoreischen
Wir hôren von Aristoteles, daB nach pythagoreischer Vorstellung
iVea,
die Zahlen entstehen, indem das Unbegrenzte (&rerpov) von außen
in die Welt eintritt und als Dazwischentretendes die ursprüngliche
Philosophie ein enger Zusammenhang besteht.
Einheit spaltet und so die erste Zweiheit erzeugt. Durch weitere
Weil nun aber die Zahlen fiir die Pythagoreer nichts ftir sich
sind, wird bei ihnen die Ableitung der Zahlen zugleich zur Lehre
Zerspaltung entstehen dann immer mehr Einheiten und also immer
von der Entstehung der Welt.
größere Zahlen. Das die Einheit spaltende und ihre Teile trennende
Unendliche wird, insoweit es dazwischen tritt, selbst endlich. Der
Wir hörten schon, daß sie zunächst die Zehn ausgezeichnet haben,
Zwischenraum (die »Luft«) zwischen den Einheiten ist durch die
auf der unser dekadisches System beruht. Sie suchen aber den
Grund dafür nicht in der Tatsache, daß wir zehn Finger haben,
Einheiten, zwischen denen er ist, begrenzt, die Einheiten sind seine
Grenzen. Doch bleibt außerhalb immer unbegrenztes Unendliches,
sondern darin, daß die Zehn die Summe der ersten vier Zahlen ist.
denn jenseits der letzten Einheit folgt Leere ohne Ende. Das End-
Das ist ihr sogenanntes Geviert (rerpaxrus), das durch folgende
Figur symbolisiert wird:
produkt dieses Prozesses sind also die unendlich vielen Atume der
Atomisten. Im Unterschied von der Lehre der Atomisten sind aber
nach der Lehre der Pythagoreer alle Atome gleich. Daraus folgt,
daß sich die verschiedenen Dinge durch gar nichts anderes voneinander unterscheiden können als durch die Anzahl der Atome, aus
denen sie zusammengesetzt sind. Und damit ist die Philosophie der
Pythagoreer auch schon erschöpft. Alles Weitere, so bedeutend es
Das Geviert kam im Schwur der Pythagoreer vor:
auch ist, gehdrt-in die Geschichte der Mathematik, der Musiktheorie
Nein bei ihm, der unserm Geschlecht das Geviert überliefert hat
und der Naturwissenschaft.
(Ait. 13,8).
Burkert a. a. O. hält diese Formel für alt, meint aber von der Fortsetzung
welches die Quelle der ewig sprudelnden Natur und ihre Wurzel enthält, sie
könne kaum älter als Empodekles sein. S. 170,
Die Auszeichnung der ersten vier Zahlen gründet einmal in der
Musik. Bei Philolaos lesen wir
B6: Die Quart hat das Verhältnib 4:3, die Quint 3:2, die Oktave
2:1.
is:
Die
GES
A. hats
PAM LOST
Vo Sowa&tt>d