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Das Eine als Einheit und Dreiheit
ASS
ED ,
53
ser ‚Enzyklopädie‘ sind in einem Florentiner Codex (Laurentianus
86,3) das vollstindige Inhaltsverzeichnis und die vier ersten Bücher erhalten: die Pythagorasbiographie, der ,Protreptikos‘, der
Traktat De communi mathematica scientia sowie der Kommentar
zu Nikomachos’ Introductio arithmetica. Die von O’Meara identifizierten Exzerpte des Psellos Megi tod quoixot depot, megi tig
fus dores xal Deohoyrxijg stammen dagegen aus dem 5., 6.
und 7. Buch von Jamblichs Werk, also aus dem verlorenen Teil.
Die neu aufgefundenen Fragmente enthalten zwar vor allem Zahlen-Spekulation, sind aber teilweise auch fiir die Ontologie und die
Prinzipienlehre Jamblichs aufschlußreich: sie belegen nämlich, daß
Jamblich die „göttlichen Zahlen“ noch über dem intelligiblen Sein
angesetzt hat?); damit bestätigen sie John Dillons 1972 aufgestellte,
aber von Saffrey und Westerink bestrittene These, daß bereits Jamblich die dann von Proklos breit entfaltete Theorie von den zwischen dem reinen Einen und der Seinsvielheit vermittelnden Henaden vertreten hat"). Die philosophisch erregendste Perspektive, die
das neue Material eröffnet, liegt aber wohl darin, daß Jamblich, der
den Neuplatonismus zu einer mit dem Christentum konkurrierenden Philosophen-Religion umformte*), offenbar eine Trinitàt i
göttlichen Einen angesetzt hat: Eotiv odv 16 neWrov xal xvolwg Ev, è
Chalcidensis In Platonis Dialogos Commentariorum Fragmenta, Leiden 1973. —
Verwiesen sei auf die jüngste Gesamtdarstellung der Philosophie Jamblichs durch
J. M. Dillon, Jamblichus of Chalcis (ca. 240-325 A. D.), in: ANRW II 36.2, Berlin
1987, 862-909 (dort auch weitere Literatur) sowie auf den Sammelband: The divine
Jamblichus, hrsg. von H.
J. Blumenthal und E.G. Clark, London 1993.
2) Jamblich, De eth. theol. arithm. 53-58 (AJPh 102, 38): ’Ianfàiyog dè 6
(pikocogos xai xgeittovwy quoewy pr ayu Eyoupey, ... (Gt) (doro tó
THY x0ELTTÓVOY yévos ¿Eonia néons odoius, obte xai 6 dprdpòs adtdv AnoAutög fori xui xa
0" favtov. — Hierzu O’Meara, Pythagoras Revived (wie Anm. 1)
82-84.
3) J.M. Dillon, Jamblichus and the Origin of the Doctrine of Henads, Phronesis 17 (1972) 102-106. Auch als Appendix B in: ders., Jamblichi Chalcidensis In
Platonis Dialogos Commentariorum Fragmenta (wie Anm. 1) 412-416. H. D.Saffrey und L.G. Westerink, Proclus. Théologie Platonicienne. Livre III, Paris 1978,
Introduction p. XVII-XL. — Zu dem von Saffrey und Westerink bestrittenen Ergebnis, daß die Henadenlehre älter als Syrian (von dem Proklos sie übernahm) sein
muß, kam bereits E. R. Dodds, Proclus. The Elements of ‘Theology. Oxford 71963,
Addenda et Corrigenda 346.
4) Hierzu ist jetzt grundlegend B, Nasemann, Theurgie und Philosophie in
Jamblichs De Mysterüs (Beitr. zur Altertumskunde 11), Stuttgart 1990. Vgl. ferner
C. Zintzen, Die Wertung von Mystik und Magie in der neuplatonischen Phitosophie, in: ders. (Hrsg.), Die Philosophie des Neuplatonismus, Darmstadt 1977,
391-426; ders., Bemerkungen zum Aufstiegsweg der Seele in Jamblichs De mysteriis, in: Platonismus und Christentum. Festschr. für Heinrich Dórrie (JAC Ergänzungsbd. 10), Münster 1983, 312-328.
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View in PDF(opens in a new window)V. 69: in niveas adstrictum
cogere glaebas
Calp. ecl. 2, 70: niveus premitur
mihi caseus
Wie in seiner ersten und zweiten Ekloge wahlt Nemesian den
Sonnenuntergang als natürlichen Ausklang. Damit endet das Gedicht auch von einem zeitlichen Rahmen umspannt in bukolischer
Manier”).
Innsbruck
Martin Lackner
35) Ich danke Prof. G.W.Most und Prof. C. W. Müller für Anregung und
Kritik.
DAS EINE ALS EINHEIT UND DREIHEIT
Zur Prinzipienlehre Jamblichs
Hans Krämer zum 65. Geburtstag
I
Vor einigen Jahren gelang Dominic J. O’Meara eine Entdekkung, die unsere Kenntnis des schillernden Neuplatonikers Jamblich um einen wesentlichen Aspekt bereichert: O’Meara fandin
einer Schrift des byzantinischen Philosophen und Polyhistors Michael Psellos (11.Jh.) Über die Zahlen Exzerpte aus den verlorenen Büchern von Jamblichs umfassendem Werk Über die Pythagoreische Philosophie (Megi tig Hvôayoouis aigéoews)!). Von die1) D.J. O’Meara, New Fragments from Jamblichus’ Collection of Pythagorean Doctrines, AJPh 102 (1981) 26-40. Kritische Edition der neuen Fragmente
dort 35-40. O’Meara hat seine Entdeckung ausgewertet in dem Buch: Pythagoras
Revived. Mathematics and Philosophyin Late Antiquity, Oxford 1989 (Text der
neuen Fragmente mit engl. Übersetzung und Testimonien, ohne kritischen Apparat
dort 217-229). Vgl. hierzu die Rezension von W.Burkert, Freiburger Zeitschrift
für Philosophie und Theologie 38 (1991) 502-506. — Kommentierte Ausgaben der
Fragmente der Platonkommentare Jamblichs: B. Dalsgaard Larsen, Jamblique de
Chalcis, Exégète et Philosophe, 2 Bände, Aarhus 1972; J.M.Dillon, Jamblichi
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View in PDF(opens in a new window)ser „Enzyklopädie“ sind in einem Florentiner Codex (Laurentianus
86,3) das vollständige Inhaltsverzeichnis und die vier ersten Bücher erhalten: die Pythagorasbiographie, der ,Protreptikos‘, der
Traktat De communi mathematica scientia sowie der Kommentar
zu Nikomachos’ Introductio arithmetica. Die von O’Meara identifizierten Exzerpte des Psellos Hegi tot pvowoù deuduot, seoì tic
nous Govduntixtig xai Beohoyuis stammen dagegen aus dem 5., 6.
und 7. Buch von Jamblichs Werk, also aus dem verlorenen Teil.
Die neu aufgefundenen Fragmente enthalten zwar vor allem Zahlen-Spekulation, sind aber teilweise auch für die Ontologie und die
Prinzipienlehre Jamblichs aufschlußreich: sie belegen nämlich, daß
Jamblich die „göttlichen Zahlen“ noch über dem intelligiblen Sein
angesetzt hat); damit bestätigen sie John Dillons 1972 aufgestellte,
aber von Saffrey und Westerink bestrittene These, daf bereits Jamblich die dann von Proklos breit entfaltete Theorie von den zwischen dem reinen Einen und der Seinsvielheit vermittelnden Henaden vertreten hat>). Die philosophisch erregendste Perspektive, die
das neue Material eröffnet, liegt aber wohl darin, daß Jamblich, der
den Neuplatonismus zu einer mit dem Christentum konkurrierenden Philosophen-Religion umformte*), offenbar eine Trinität im
göttlichen Einen angesetzt hat: &otıv oùv 16 me@tov nai xvotos Ev, ö
Chalcidensis In Platonis Dialogos Commentariorum Fragmenta, Leiden 1973. Verwiesen sei auf die jüngste Gesamtdarstellung der Philosophie Jamblichs durch
J.M. Dillon, Jamblichus of Chalcis (ca. 240-325 A.D.), in: ANRW II 36.2, Berlin
1987, 862-909 (dort auch weitere Literatur) sowie auf den Sammelband: The divine
Jamblichus, hrsg. von H. J. Blumenthal und E. G. Clark, London 1993.
2) Jamblich, De eth. theol. arithm. 53-58 (AJPh 102, 38): IäußAıyog de 6
PUooogos xaì KOELTTOVWV pÚoewv Govduntixty Eyoawyev, ... (StL) Goneg TÔ
TOV AQELTTOVOV YEVOS EEHontat zóons oùotas, ottw xaì 6 KELWWUÖT AUTWV dnóAUTÖG Eott zaì Kad” Eavtóv. — Hierzu O’Meara, Pythagoras Revived (wie Anm. 1)
82-84.
3) J.M. Dillon, Jamblichus and the Origin of the Doctrine of Henads, Phronesis 17 (1972) 102-106. Auch als Appendix B in: ders., Jamblichi Chalcidensis In
Platonis Dialogos Commentariorum Fragmenta (wie Anm. 1) 412-416. H. D. Saffrey und L.G. Westerink, Proclus. Théologie Platonicienne. Livre III, Paris 1978,
Introduction p. XVII-XL. - Zu dem von Saffrey und Westerink bestrittenen Ergebnis, daß die Henadenlehre älter als Syrian (von dem Proklos sie übernahm) sein
muß, kam bereits E.R. Dodds, Proclus. The Elements of Theology. Oxford 71963,
Addenda et Corrigenda 346.
4) Hierzu ist jetzt grundlegend B. Nasemann, Theurgie und Philosophie in
Jamblichs De Mysteriis (Beitr. zur Altertumskunde 11), Stuttgart 1990. Vgl. ferner
C. Zintzen, Die Wertung von Mystik und Magie in der neuplatonischen Philosophie, in: ders. (Hrsg.), Die Philosophie des Neuplatonismus, Darmstadt 1977,
391-426; ders., Bemerkungen zum Aufstiegsweg der Seele in Jamblichs De mysteris, in: Platonismus und Christentum. Festschr. für Heinrich Dörrie (JAC Ergänzungsbd. 10), Münster 1983, 312-328.
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View in PDF(opens in a new window)di} painuev àv hueic 6 Peds, Evag ai tordic>). Nach O’Meara stammt
die Zwischenbemerkung von Psellos, der Rest des Satzes aber von
Jamblich. Walter Burkert bemerkte dazu: „Wenn dies zutrifft, ware eine der erstaunlichsten Parallelen mit der christlichen Theologie festzustellen. Leider läßt die Spärlichkeit des Exzerptes Sicherheit nicht zu“).
Im folgenden soll nun untersucht werden, was Jamblich unter
der ‚Einheit und Dreiheit‘ des Einen verstanden haben könnte.
Hierzu werden ein Referat im Parmenideskommentar des Proklos
(1107, 9ff. Cousin) und ein Passus aus Marius Victorinus’ Schrift
Adversus Arium (IV 23, 27-34) herangezogen, die wahrscheinlich
Jamblich wiedergeben und die absichern können, daß der oben
zitierte Satz wirklich Jamblich und nicht eine kommentierende
Bemerkung des Psellos wiedergibt. Vorab sei jedoch daran erinnert, daß das Eine, von dessen Drei-Einheit die Rede ist, für Jamblich nicht das Absolute selbst ist, sondern nur dessen erste Manifestation. Deshalb sei zunächst die merkwürdige Prinzipientheorie
Jamblichs in ihrem problemgeschichtlichen Zusammenhang kurz
skizziert.
II
1. Plotin hatte in engem Anschluf an Platon, speziell an das
Sonnengleichnis und an die als konsequente theologia negativa
gedeutete erste Hypothesis des Parmenides, die absolute Transzendenz des Absoluten, des Einen selbst, so starkt betont, daf eine
begrifflich explizierbare Ableitung des Seins und der für das Sein
mit-konstitutiven Vielheit aus dem Ubersein des reinen Einen unmöglich wurde’). Weil die absolute Transzendenz des Einen seine
absolute Unbezüglichkeit einschließt, hat Plotin dem Absoluten
sogar die Kennzeichnung als Urgrund, Ursprung und Prinzip,
welche eine Relation zum Prinzipiierten oder Entsprungenen ausdrückt, abgesprochen: Das Eine ist „Ursprung und doch auf andere Weise wieder nicht Ursprung ... man dart Jenen (sc. das Eine)
überhaupt nicht als zu etwas in Beziehung stehend ansprechen;
5) Jamblich, De eth. theol. arithm. 70-71 (AJPh 102, 39). - Hierzu O’Meara,
Pythagoras Revived (wie Anm. 1) 82f.
6) W.Burkert, Rez. O’Meara (wie Anm. 1) 506.
7) Hierzu Verf., Der Aufstieg zum Einen. Untersuchungen zu Platon und
Plotin (Beitr. zur Altertumskunde 9), Stuttgart 1992, 12ff. 61ff. 89ff. 107 ff.
151-182. Zur Paradoxie des absoluten Ursprungs bei Plotin dort 98-130.
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View in PDF(opens in a new window)denn Er ist das, was Er ist, und ist vor allem anderen; wir tun ja
selbst das ‚/st‘ von Ihm fort und folglich auch jede Beziehung zu
dem Seienden“*). Plotin nennt das Eine darum konsequenterweise
„das Vorursprüngliche“ (td ngö deyxfis)”) und betont nachdrücklich, daß die Kennzeichnung des Absoluten als Prinzip eine metaphorische Redeweise ist, die lediglich die konstitutive Beziehung
der prinzipiierten Wirklichkeit zum Absoluten benennt: „Denn
auch, wenn wir das Eine als die Ursache bezeichnen, so bedeutet
das nicht, etwas /hm, sondern etwas uns Zukommendes aussagen:
daß wir nämlich etwas von Jenem her haben, während Es selbst in
sich selbst bleibt. Ja selbst ‚Jenes‘ dürften wir Es im eigentlichen
Sinne nicht nennen, wenn wir genau reden wollen, sondern es will
das nur die Auslegung dessen sein, was wir selbst, die wir das Eine
gleichsam von außen umspielen, dabei erfahren, indem wir Ihm
bald nahe sind, bald aber ganz zurückgeworfen werden durch die
Weglosigkeit um Es selbst“!°). — Die Aporie des Absoluten, die
Plotin hier formuliert, ist die notwendige Konsequenz der absoluten Transzendenz des Einen. Plotin war keineswegs der erste, der
sie gesehen hat. Sie folgt bereits aus dem ursprünglichen Ansatz
Platons, demzufolge das Eine selbst in seiner Absolutheit „jenseits
des Seins“ (&réxeuva tfs ovotas) und damit jenseits von allem
schlechthin steht!!). Wie Speusipp berichtet, hat darum bereits
Platon dem Einen selbst die Relationsbestimmung als Prinzip abgesprochen: „Sie glauben nämlich, das Eine sei über das Seiende
erhaben und Vonwoher des Seienden, und sie haben Es sogar von
8) Plotin, Enn. VI 8, 8, 9-15. Vgl. dazu Verf., Der Aufstieg zum Einen (wie
Anm. 7) 107 ff.
9) Plotin, Enn. V 5, 9, 7 nach der überzeugenden Konjektur von W. Theiler,
die durch Parallelen bei Marius Victorinus und Proklos abgesichert wird: Victorinus, Adv. Arium I 3, 25: praecausa. Ebd. I 49, 28: praeprincipium. Proklos, In
Parm. 1210, 11: teoattiov. Ebd. 1123, 37: ünte altıov. Theol. Plat. II 9, 59, 24
Saffrey — Westerink: moooitıog.
10) Plotin, Enn. VI 9, 3, 49-54 (Text nach der Editio maior von HenrySchwyzer und Harder). Dazu K. Jaspers, Plotin, in: ders., Die großen Philosophen
I, München 71981, 669: „Es ist also ein ursächliches Verhältnis, in dem die Ursache
nicht Ursache ist, sondern nur von der Folge her so erscheint. Es ist daher auch die
Beziehung zu uns eine Beziehung, die keine Beziehung ist als nur eine von uns aus
so gesehene.“
11) Vgl. Platon, Politeia 509b; Parm. 137c-142a; Ep. VII 341c; Test. Plat. 50
Gaiser. — Zur Transzendenz des Absoluten bei Platon Verf., Der Aufstieg zum
Einen (wie Anm. 7) 19ff. 193 ff. 221 ff. 257 ff. 277 ff. 302-405. Zum geschichtlichen
Hintergrund der Platonischen Konzeption des absolut transzendenten Absoluten
ist grundlegend H.J. Kramer, Arete bei Platon und Aristoteles, Heidelberg 1959,
Amsterdam 71967, bes. 535-551; ders., "Eméxewva. tij¢ oùotac. Zu Platon, Politeia
509b, AGPh 51 (1969) 1-30.
Page 6
View in PDF(opens in a new window)der Verhaltnisbestimmung als Prinzip befreit. Weil sie aber meinen, daf nichts von den anderen Dingen entstünde, wenn man das
Eine selbst, allein in sich selbst betrachtet, ohne weitere Bestimmungen, rein an Ihm selbst zugrunde legt, ohne Ihm irgend ein
zweites Element hinzuzusetzen, darum haben sie die unbestimmte
Zweiheit als Prinzip der Seienden eingeführt“!?). Nach Speusipp,
der hierbei vermutlich die ersten beiden Hypothesen des Parmenidesim Blick hat), war die Aporie der absoluten Transzendenz für
Platon also das Motiv zur Einführung der &ög10T0g Òvás, um mit
deren Hilfe die Vielheit des Seienden ableiten zu können. Das
Derivationssystem des Platonismus setzt darum die Vielheit als
mit-konstitutives Prinzip des Seienden immer voraus. Zwar konnte Plotin, dabei den monistischen Grundzug des Alten Platonismus aufnehmend und verstärkend, noch die döpıotog Òvás selber
mit guten Gründen von dem Einen abhängen lassen, denn das
Vielheitsprinzip muß selber Einheitscharakter haben"). Den Hervorgang der Vielheit aus dem absoluten Einen konnte Plotin aufgrund der Erkenntnistranszendenz des Einen aber ebensowenig
begreiflich machen wie Platon oder Speusipp!?). Plotin hat — wie
wohl schon Platon — die absolute Transzendenz des Einen selbst
als absolutes Übermaß an Mächtigkeit (üneoßoAn tis Òvvópews)
und Überfülle (éxegmAfjoes) gedeutet: „Darum, weil nichtsin Ihm
(sc. dem Einen selbst) war, eben darum kann Alles aus Ihm kom12) Speusipp bei Proklos, In Parm. VII 40, 1-5 Klibansky-Labowsky =
Speusipp, Fr. 62 Isnardi Parente / 48 Tarán = Test. Plat. 50 Gaiser. — Zu diesem
Fragment als Zeugnis über Platon Krämer, Enéxewva (wie Anm. 11) 4f. und 11 ff.;
Verf., Der Aufstieg zum Einen (wie Anm.7) 282ff. und jetzt Speusipp und die
metaphysische Deutung von Platons ‚Parmenides‘, in: “Ev xau nAndog. Festschr.
für K. Bormann. Hrsg. von L. Hagemann und R. Glei, Würzburg-Altenberge 1993,
bes. 365ff. Nach Proklos (In Parm. VII 40, 6f. mit 38, 33) hat Speusipp dies als
‚Lehre der Alten‘ ausgegeben, Platons Prinzipientheorie also wohl den Pythagoreern zugeschrieben. Vgl. W. Burkert, Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962,
56f.
13) Dazu im einzelnen Verf., Speusipp und die metaphysische Deutung von
Platons ,Parmenides‘ (wie Anm. 12) 365-372. Vgl. auch schon M. Isnardi Parente,
Speusippo in Proclo, Elenchos 5 (1984) 307 ff.
14) Plotin, Enn. V 1, 5, 6-8; II 4, 15, 17-20; V 6, 4, 11-13; auch VI 7, 17,
42f.; V 3, 16, 12f. - Der Einheitscharakter des Vielheitsprinzips ist für Platon
belegt durch Aristoteles, Metaph. 1087b9-12 = Test. Plat. 49 Gaiser und Porphyrios bei Simplikios, In Phys. 454, 8f. = Test. Plat. 23 B; er ergibt sich ex negativo
auch aus Parm. 165e2-166c2. Aufschlufreich ist auch der Bericht des Eudoros über
die Prinzipienlehre der ‚Pythagoreer‘ bei Simplikios, In Phys. 181, 10ff., der in den
Grundzügen auf Speusipp zurückgehen dürfte. Hierzu Verf, Speusipp (wie
Anm. 12) 349ff. 358 ff.
15) Vgl. hierzu G. Huber, Das Sein und das Absolute, Basel 1955, 78 ff.
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View in PDF(opens in a new window)men; gerade damit das Seiende existieren könne, ist Jener selbst
nicht Seiendes, ist aber dessen Erzeuger ... da nämlich Jenes absolat vollkommen ist — denn Es sucht nichts, hat nichts und bedarf
nichts —, so ist Es gleichsam übergeflossen und Seine Uberfiille hat
ein anderes hervorgebracht“!®). Doch ist die Rede von der Uberfille und Übermächtigkeit des Einen ebenso metaphorisch und
uneigentlich wie die Rede vom Einen als Ursprung, und sie vermag
wie diese nur zu zeigen, daf? die Vielheit des Seienden ihren absoluten Ursprung im absolut Einen hat, nicht aber, wie oder warum
die Vielheit aus dem Einen hervorgegangen ist. Die Vielheit gründet auf unbegreifliche Weise in dem absoluten Einen, das in seiner
Transzendenz tiber jede Erkennbarkeit hinausliegt. Die Emanationsmetaphorik Plotins erläutert diesen Sachverhalt!’).
2. Die Unbegreiflichkeit des Hervorganges der Wirklichkeit
aus dem unerkennbaren Absoluten bildet seit Plotin die zentrale
Paradoxie der neuplatonischen Prinzipientheorie; daß sie unauflösbar ist, hat Damaskios mit großer Klarheit herausgearbeitet!®).
Porphyrios dagegen versuchte diese Paradoxie in einem energischen Zugriff zu lösen: Indem er das Absolute als zugleich unbezüglich in seiner Transzendenz und als auf die prinzipiierte Wirklichkeit beziehbar dachte, ermöglichte er einen kontinuierlichen
Ubergang vom überseienden Absoluten zum Seienden, der als
Selbstentfaltung des Einen in die Vielheit, zuhöchst in die geeinte
Vielheit des Intelligiblen, gedeutet werden konnte!®). Porphyrios
dachte die Transzendenz des Absoluten demgemäß nicht mehr wie
Plotin, Speusipp und Platon als reine Transzendenz jenseits aller
Bestimmungen, sondern als Einheit von Bestimmtheit und Unbestimmtheit; für Porphyrios ist zwar das Absolute an sich bestimmungslos, in seiner Beziehung auf die prinzipiierte Wirklichkeit
16) Plotin, Enn. V 2, 1, 5-9. Vgl. auch VI 8, 10, 33: üneoßoAn tic duváuewc. VI 9, 6, 10-12: Anntéov dé nai Ästeuoov adtov ... TH seguhrrw tis
duvéems. — Zur Herkunft des Gedankens des übermächtigen und unendlichen
Absoluten von Platon und Speusipp H.J. Krämer, Der Ursprung der Geistmetaphysik, Amsterdam 1964 (?1967), 338-369; Verf., Speusipp und die Unendlichkeit
des Einen. Ein neues Speusipp-Testimonium bei Proklos und seine Bedeutung,
AGPh 74 (1992) 43-73.
17) Hierzu Verf., Der Aufstieg zum Einen (wie Anm. 7) 118 ff.
18) Vgl. Damaskios, De primis principis, ed. L.G. Westerink, Vol. I, 1,
4-26, 8; auch 99, 1-130, 8. Zum Problem auch J. Combés, Négativité et procession
des principes selon Damascius, in: Recherches sur la tradition platonicienne, Paris
1977, 119-141.
19) Hierzu ist grundlegend P. Hadot, Die Metaphysik des Porphyrios, in:
C. Zintzen (Hrsg.), Die Philosophie des Neuplatonismus (wie Anm.
sowie ders., Porphyre et Victorinus, 2 Bande, Paris 1968.
Page 8
View in PDF(opens in a new window)aber enthält es in sich die in der Sphare der Vielheit getrennten
Bestimmungen auf absolut einige Weise vorweg. Solche Einheit
von Bestimmtheit und Unbestimmtheit erblickt Porphyrios nun in
dem als reinem Akt verstandenen Sein selbst (att6 16 etvau, tragE.c)?°). Das Sein kann nämlich in doppelter Weise betrachtet werden: einmal als das Sein des Seienden (tö etvau tüv Svtwv) in seiner
Beziehung zu diesem; zum anderen in seinem reinen Ansich isoliert von allem Seienden als reine oder absolute Aktuositat. In
seinem reinen, unbezogenen Ansich ist der Seinsakt unbestimmbar
wie das Eine und wird von Porphyrios darum mit diesem identifiziert. „So ist das Sein doppelt: das eine ist vor dem Seienden, das
andere ist hervorgebracht von dem Einen, welches das Transzendente, das absolute Sein und gleichsam die Idee des Seienden ist;
durch Teilhabe an diesem ist ein zweites Eines erzeugt worden,
mit welchem das Sein, das aus jenem absoluten Sein hervorgeht,
gleichursprünglich verbunden ist“?!). Der Seinsakt ist also zugleich unbezüglich und beziehbar und fällt unter seinem unbezüglichen Aspekt mit dem überseienden Absoluten zusammen”). Die
aus dem Absoluten entfaltete intelligible Seinsfülle der Ideen im
Nous gliederte Porphyrios wie schon Plotin triadisch. Beherrschend ist dabei der aus Platons Sophistes (248e ff.) und Timaios
(39e) entlehnte Ternar „Sein — Leben — Denken“ (dv - on — voüg),
dessen erstes Glied Porphyrios genauer faßt als tmagétc, als Existenz oder Seinsakt??). Das einheitstiftende Element der intelligiblen Triade ist nun ihr erstes Glied, das Sein, das in seinem unbezüglichen Ansich, isoliert von den beiden anderen Gliedern der
Triade, mit dem Absoluten selbst zusammenfällt?*). Porphyrios
trug diese Prinzipientheorie — seinem Selbstverständnis als Platoniker gemäß — als Platon-Interpretation vor: in seinem Parmenideskommentar identifizierte er das überseiende absolute Eine der er-
20) Vgl. Porphyrios, In Platonis Parmenidem XI-XII (ed. P. Hadot, Porphyre et Victorinus II, 98-107). Zu dieser Konzeption des absoluten Seins P. Hadot, Die Metaphysik des Porphyrios (wie Anm. 19) 217 ff; J.M.Rist, Mystik und
Transzendenz im späteren Neuplatonismus, in: C. Zintzen (Hrsg.), Die Philosophie des Neuplatonismus (wie Anm.4) 373-390; W.Beierwaltes, Identität und
Differenz, Frankfurt 1980, 61 ff.; ders., Denken des Einen, Frankfurt 1985, 198 ff.
21) Porphyrios, In Parm. XII 29-35; vgl. auch XIII 13-23; XIV 4-16. Vgl.
P. Hadot, Die Metaphysik des Porphyrios (wie Anm. 19) 227 ff.
22) Porphyrios, In Parm. XII 22-27.
23) Hierzu P. Hadot, Etre, vie, pensée chez Plotin et avant Plotin, in: Les
Sources de Plotin. Entretiens sur |’ Antiquité classique V, Vandoeuvres — Génève
1960, 107-141; ders., Die Metaphysik des Porphyrios (wie Anm. 19) 216-228.
24) Porphyrios, In Parm. XIV 4-16; vgl. XIII 1-23.
Page 9
View in PDF(opens in a new window)sten Hypothese (137c-142a) mit dem rein für sich genommenen,
vom Sein (oùota) isolierten Moment des Einen innerhalb des seienden Einen der zweiten Hypothese (143a)?°). Dieses isolierte Einheitsmoment des seienden Einen, d.h. nach neuplatonischer Parmenidesdeutung des Ideenkosmos oder der damit identischen intelligiblen Triade, bestimmt Porphyrios nun als den reinen Seinsakt in Abhebung vom eidetisch erfüllten Sein der oùota: 16 &v 16
ENEXELVA OVOLAG Aal övros Ov uèv oùx ÉOTLV OVdE oùota OVÖE ÉVÉQYELX,
Eveoyei ÖE wöhkov nal AUTO TO Eveoyeiv xadaoóv, DOTE HA aùTÒ TO
eivat TO Qd Tot Övros?®). Das Einejenseits des Seienden sei darum
selber „das absolute Sein und gleichsam die Idee des Seienden“ (16
eivat tO AnöAvTov xaì Woreg Òéa tod Övrog)”).
Porphyrios faßt also die Transzendenz des Absoluten nicht
mehr in der kompromißlosen Radikalität Plotins, wenn er das
jenseitige Eine mit dem absoluten Sein identifiziert, um es als Einheit von Bestimmtheit und Unbestimmtheit fassen und so das
Übersein des Absoluten mit dem Sein des Seienden vermitteln zu
können. Porphyrios bestimmte das jenseitige Absolute aber nicht
nur als „absolutes Sein“, sondern ebenso als „absolute Erkenntnis“, als unbezogenen reinen Erkenntnisakt ohne erkennendes
Subjekt und ohne erkanntes Objekt (yvöoıs AnöAvrog où yıyvooxovtos oùoa xai yryvwoxouévou)#). Die dreigliedrige Struktur des
reinen Denkens und Erkennens seiner selbst hatte Plotin im Rückgriff auf den Platonischen Ternar dv — Cw - voüs analysiert??). Das
sich selbst denkende Denken, der Wesensakt des göttlichen Nous,
ist die dreifaltige Einheit von Denkendem (vooöv), Gedachtem
(vontöv) und Denkakt (vónous), deren Glieder oder Momente einander wechselseitig so durchdringen, daß jedes von ihnen zugleich
das Ganzeist: Ev Gua mévra Eotaı, vods, vónous, to vontévi). Das
einheitstiftende Element dieser Drei-Einheit des Sich-Denkens ist
der Denkakt, der Denkendes und Gedachtes miteinander verbindet*!). Der Denkakt entspricht darin dem „Sein“ des Platonischen
25) Porphyrios, In Parm. XII 22-35; XIV 4-16.
26) Porphyrios, In Parm. XII 23-27.
27) Porphyrios, In Parm. XII 32-33.
28) Porphyrios, In Parm. VI 8-10.
29) Hierzu Th. A.Szlezäk, Platon und Aristoteles in der Nuslehre Plotins,
Basel 1979, 120-135.
30) Plotin, Enn. V 3, 5, 43f. Vgl. V 3, 5 ganz; V 1, 4, 26-33 u.ö.
31) Plotin, Enn. V 3, 5, 44-48: ef oùv à vónous avtod TO vontov, tO Òë
vontöv aûtós, abtds dpa Eavröv vonoer: vonoeı YÜQTÜ vorjoet, Smeg AV aûrós,
xaì vofjoet TO vontóv, Öreg nv aùtós. xa? Exd-tEQOV öga Eavtov voroet, xaddtt
zai À vónous aùtòs Hv, nai xaBdti TO vonTöv adtédc, SEQ ÉVOEL TH voroet, Ö hv
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View in PDF(opens in a new window)Ternars in der Deutung des Porphyrios; Plotin denkt dieses Sein
allerdings nicht (primär) als Seinsakt, sondern — dem genuinen
Sinn des Platonischen navıerög dv gemäß — als das in sich gegliederte Ganze des Ideenkosmos, dessen Struktur als intensivste
Durchdringung von Einheit und Vielheit (&v noAA4, éuoû závra) in
sich selbst Leben und Denken enthält??). Ebenso enthält der Denkakt als solcher die Beziehung auf Denkendes und Gedachtes in
sich. Als Vereinigungsprinzip von voös und vontöv ist die vónous
als reiner Akt jedoch noch nicht selber denkend, sondern in sich
einfacher Grund des Denkendseins??); dieses erfüllt sich erst in der
triadischen Struktur von voös — vönoıg — vontév. Porphyrios löst
nun den einfachen Denkakt von seinen Relata ebenso ab, wie er
den einfachen Seinsakt vom Seienden isoliert; diese „absolute Erkenntnis“ ist für ihn in ihrer Unbezüglichkeit das Eine selbst,
dessen Entfaltung in die Vielheit der Ideen Porphyrios als die
Selbstentfaltung des einfachen Denk-Prinzips in die geeinte Relationalität des Sich-selbst-Denkens deutet**).
Für Porphyrios fällt also die Monade oder das Einheitsmoment der intelligiblen Triade mit dem absoluten Einen zusammen;
er identifiziert das transzendente Prinzip der Einheit mit dem einfachsten Bestandteil der ersten Vielheit, wenn dieser nur ohne die
Vielheit für sich genommen wird?). Das Motiv für diese Identifikation ist Porphyrios’ Versuch, das jenseitige Absolute mit seinen
Prinzipiaten zu vermitteln; der Preis für seine Lösung ist eine
Relativierung der Transzendenz des Absoluten, an der Porphyrios
zwar festhält, die aber bei ihm nicht mehr die reine und absolute
Transzendenz Plotins ist. Porphyrios’ Lösung wurde darum von
Jamblich und später von Proklos und Damaskios im Namen der
platonischen Orthodoxie zurückgewiesen.
3. Die Prinzipientheorie Jamblichs läßt sich nun als der Versuch verstehen, einerseits die absolute Transzendenz des Absoluten in ihrer uneingeschränkten Radikalität zu bewahren, damit
andererseits aber das Porphyrianische Vermittlungsdenken zu verbinden. Das Resultat dieser gegenläufigen Tendenzen ist die merkaùtós. — Hierzu Verf., Geist und Selbstbewuftsein. Studien zu Plotin und Numenios (AbhMainz 1994,10), Stuttgart 1994, 26ff.
32) Vgl. z.B. Plotin, Enn. V 3, 5, 26-43; V 6, 6, 18-23; VI 7, 39, 28 ff.; VI 9,
2, 24 ff. u.ö.
33) Vgl. Plotin, Enn. V 6, 6, 9-10; VI 7, 37, 15-16; VI 9, 6, 53-54. Dazu
R. Arnou, L’acte de l’intelligence en tant qu’elle n’est pas intelligence, in: Mélanges
J. Maréchal II, Paris 1950, 249-262.
34) Vgl. Porphyrios, In Parm. V 1 - VI 15; XIII 1-23; XIV 4-35.
35) Vgl. die Kritik des Damaskios, De princ. II 1, 11-2, 10 Westerink.
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View in PDF(opens in a new window)würdige Verdoppelung des Absoluten in der Prinzipientheorie
Jamblichs, von der Damaskios berichtet: „Hiernach wollen wir
nun die Frage in Angriff nehmen, ob es zwei Erste Prinzipien vor
und über der intelligiblen ersten Triade gibt, nämlich das absolut
unsagbare Prinzip und das der Triade unzugeordnete Prinzip, wie
der große Jamblich im 28. Buch seiner exzellenten ‚Chaldäischen
Theologie“ annahm, oder ob die erste Triade des Intelligiblen unmittelbar nach dem unsagbaren Prinzip — welches (dann) das einzige Prinzip ist — anzusetzen ist, wie die meisten Platoniker nach
Jamblich glaubten; oder sollen wir diese Voraussetzung ganz aufgeben und mit Porphyrios sagen, daß der Vater der intelligiblen
Triade das einzige Prinzip der Totalitat ist?“*°)
Die Einführung der ,Chaldaischen Orakel“ in die neuplatonische Metaphysik geht auf Porphyrios zurück. Porphyrios hatte die
göttliche Triade der ‚Orakel‘: name — öbvanıs — vois mit dem
Platonischen Ternar: dv — Eu — voös gleichgesetzt, zugleich aber
angenommen, daf die drei Glieder der Triade sich wechselseitig so
durchdringen, daß jedes die beiden anderen in sich enthält; Porphyrios kam so zu drei hierarchisch angeordneten Triaden, die
sich durch das jeweilige Vorherrschen des ersten, des zweiten oder
des dritten Gliedes der Triade unterscheiden’’).
Porphyrios hatte nun den „Vater“ der ersten Triade, den
‚Iranszendenten in der Weise der Einheit‘ (änoë ênéxewa) der
Orakel, mit dem absoluten Sein und dem Einen gleichgesetzt**); er
nannte das absolute Prinzip daher auch „den Gott, der über allem
ist“ (6 Eni näoıv dv deöcg)?”).
Jamblich dagegen hatte jenseits der ersten Triade das Platonische Eine und Gute (£v dyatdév) als Prinzip angesetzt, das der
Triade unzugeordnet ist und nicht mit ihrem Einheitsmoment zusammenfällt‘°). Trotz der Transzendenz des &v àyaÿév hatte Jamblich es aber mit der intelligiblen Triade vermittelt, die für ihn
genau wie für Porphyrios und Plotin die grundlegende Struktur
des seienden Einen (év dv) des Platonischen Parmenides, d.h. des
36) Damaskios, De princ. II 1, 4-13 Westerink. Vgl. I 84, 13 ff.
37) Vgl. das Referat des Proklos, In Tim. HI 64, 8ff. Diehl sowie Joh.
Lydos, De mensibus IV 122, p. 159, 5ff. Wünsch. — Zu Porphyrios und den
‚Chaldäischen Orakeln ist grundlegend W. Theiler, Die chaldäischen Orakel und
die Hymnen des Synesios, in: ders., Forschungen zum Neuplatonismus, Berlin
1966, 256ff.; vgl. ferner P. Hadot, Porphyre et Victorinus (wie Anm. 19) I 264 ff.;
ders., Die Metaphysik des Porphyrios (wie Anm. 19) 219 ff.
38) Vgl. Joh. Lydos, De mens. IV 53, p. 110, 18
ff. Wünsch.
39) Vgl. Porphyrios, In Parm. I 4-5; I 18-19; X 14; Vita Plotini 23, 16 u.ö.
40) Vgl. Damaskios, De princ. II 25, 1 ff. Westerink.
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View in PDF(opens in a new window)Ideenkosmos darstellte. Jamblich setzte nämlich zwischen dem év
&yaÿév und dem év dv die beiden entgegengesetzten Prinzipien
néças und d&sevgov oder Ev und roké an*!), aus deren Zusammenwirken die überseienden „göttlichen Zahlen“ entstehen, also die
zehn Ideenzahlen Platons oder die Henaden, die Jamblich entweder (gemäß der Lehre Platons und dem Text des Parmenides,
143d ff.) als oberste Strukturen im seienden Einen oder (gemäß
ihrem überseienden Status) über diesem angesetzt hat. Peras und
Apeiron sind also die konstituierenden Elemente der Ideenzahlen
und des ganzen Ideenkosmos; für Jamblich sind sie aber, wie es
scheint, auf gewisse Weise in dem überseienden Einen enthalten
oder vorweggenommen. Denn das Eine ist nach Platon (Parm.
137d7-8) unendlich (äneıgov), und nach einem Bericht bei Proklos
(In Parm. 1118, 25-33) hat Jamblich dem Einen nur Unendlichkeit
und Unbewegtheit zugeschrieben, diese aber offenbar als positive
Bestimmungen (xatagotin@s) aufgefaßt (vgl. In Parm. 1123,
22 ff.)*?). Zugleich war das Eine für Jamblich aber auch Ursprung,
Mitte (= Maßstab) und Vollendung (&exù xai uéoa ai téAn) der
„göttlichen Zahlen“, also begrenzendes Prinzip (négas) der Ideenzahlen, wie sich aus einem der Exzerpte bei Psellos ergibt*); und
da das Eine als äoxù xai uéoa ai én Eva xai Tord sein soll**), hat
Jamblich offenbar auch diese Bestimmungen xatapatinds als Bestimmungen des Einen in sich aufgefaßt. Das &v àyadóv enthält
also in sich selbst mégacs und äxeigov in positiver Bedeutung, ist
also nicht absolut transzendent, sondern Einheit von Bestimmtheit
(n&oos) und Unbestimmtheit (äneıpov) analog dem ‚absoluten
Sein‘ des Porphyrios. Dies war wohl der Grund, warum Jamblich
dann jenseits des so verstandenen &v &yaÿév das absolut Transzendente ansetzte, das Ev ägontov, das als reine Transzendenz jenseits
aller Bestimmungen schlechthin ist“). Da das absolut Transzendente nach Platon (Parm. 141e 10-12) nicht einmal Eines ist, sondern als das Über-Eine über jede positive Einheit hinausliegt,
nennt Jamblich das Absolute konsequenterweise „das absolut Un-
41) Vgl. Damaskios, De princ. II 25, 1-27, 4 Westerink; Proklos, In Tim. I
77, 24-78, 11 Diehl = Jamblich, In Tim. Fr. 7 Dillon.
42) Hierzu Verf., Speusipp und die Unendlichkeit des Einen (wie Anm. 16)
51-53.
43) Vgl. Jamblich, De eth. theol. arithm. 64 ff. (AJPh 102, 38-39).
44) Vgl. Jamblich, De eth. theol. arithm. 70-72 (AJPh 102,39).
45) Vgl. Damaskios, De princ. I 84, 13 ff. zu II 1, 4 ff.; II 25, 16 ff.; II 28, 1 ff.
Westerink.
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View in PDF(opens in a new window)sagbare“ (16 ndvty Geontov)**), wofür er sich wohl auf Platon berief (vgl. Parm. 142a; VII. Brief 341c). Dieses unsagbare Absolute
manifestiert sich in dem „einfachhin Einen“ (adc év), das positiven Einheitscharakter besitzt*”) und transzendenter Einheitsgrund
der intelligiblen Triade bzw. des seienden Einen ist, liegt selbst
aber noch über dieses positive Eine, das zugleich das Gute ist,
hinaus. Damaskios faßt demgemäß Jamblichs hochkomplexe Prinzipienlehre so zusammen: „Vor und über den zwei Prinzipien
steht nämlich das Eine Prinzip; dieses nun ist das ,einfachhin Eine‘, das Jamblich als Vermittlung zwischen den zwei Prinzipien
und jenem schlechthin unsagbaren Absoluten ansetzt; diese zwei
Prinzipien aber können ‚Grenze‘ und ‚Unbegrenztes‘ genannt
werden oder auch, wenn man will, ‚Einheit‘ und ‚Vielheit‘, wobei
dieses Eine dann aber als der Vielheit entgegengesetzt aufgefaßt
wird, nicht jedoch als das einfachhin Eine vor beiden Prinzipien,
das gegensatzlos ist**).
Der Prinzipiengegensatz von Einheit und Vielheit, Peras und
Apeiron begründet die das Seiende bestimmenden Gegensatzpaare. Das der Prinzipien-Zweiheit vorgängige ursprüngliche Eine ist
also gegensatzlos (dvavıidetov)*?), und zwar, weil es als einfache,
reine Einheit Peras und Apeiron auf nicht-entgegengesetzte, absolut einige Weise enthält; es ist die ursprüngliche Einheit dessen,
was erst nach ihm entgegengesetzt ist. Das „schlechthin Unsagbare“, das Jamblich noch über dem ursprünglich Einen ansetzte, ist
dagegen absolut transzendent, steht also jenseits aller Gegensätze.
Während das positiv Eine zugleich das Gute (t&yadöv) ist, liegt das
absolut Transzendente auch über das Gute hinaus5°).
Historisch ist diese merkwürdige Verdoppelung des Absoluten bei Jamblich durch eine Kombination der Prinzipientheorien
Platons und Speusipps zu erklären, was hier nur thesenartig ange46) Damaskios, De princ. II 1, 6. Vgl. ebd. II 3, 1; II 15, 8; II 25, 17; II 28, 3;
I 84, 16: 10 6’ énéxewa tot Evög nävın AMÖDENTOV.
47) So ausdrücklich Damaskios, De princ. II 4, 10: tedeioav da xatapoewg. Vgl. II 15, 11: tv évoeldf sc. oxy.
48) Damaskios, De princ. II 28, 1-6 Westerink.
49) Damaskios, De princ. II 28, 6 sowie II 25, 24f.: dote xai tO Ev aitiov
elvaı 100 fs dvrdwougéoews. Vel. zum folgenden ebd. II 26, 4-6: à uèv 10d t@v
dvetv doxöv Evag Suod TÉVTA HV go zóvrov, GAKG návra En’ tons. Vgl. auch
ebd. II 15, 1-20, bes. 19f.: &v mévta éxdteQov, GAG TO LEV ofov Ev, TO ÔË otov
nAndog. II 25, 12 ff.
50) Zur Gleichsetzung des positiv Einen mit dem Guten vgl. Jamblich, De
mysteriis VIII 2; sie ergibt sich auch aus De eth. theol. arithm. 59-63 (AJPh 102,
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View in PDF(opens in a new window)deutet sei. Die Gleichsetzung des Guten mit dem Einen ist Platonisch?!); kein Platoniker konnte von ihr abgehen. Für Platon war
— wie für Plotin — „das Eine“ ein negativer Begriff, der durch die
Aufhebung jeder Vielheit die absolute Einfachheit und reine
Transzendenz des Absoluten bezeichnet”); „das Gute“ war für
beide eine reine Metapher, die nicht das Absolute an sich, sondern
das Streben seiner Prinzipiate — an erster Stelle der Ideenzahlen —
nach dem absoluten Einen bezeichnet*). Jamblich verstand jedoch
„das Eine“ und „das Gute“ offenbar als positive Bestimmungen.
Da er dem Einen darüber hinaus Totalitätscharakter zuschrieb™),
kam er zu einer positiven Konzeption des „Einen“, die mit der
konsequenten negativen Theologie, wie Platon und Plotin sie vertreten hatten, nur noch schwer vereinbar war. Da Jamblich die
Kompromißlösung des Porphyrios verwarf, setzte er das unsagbare Absolute der konsequenten Theologia negativa über dem positiv verstandenen „Einen“ an. An diesem Punkt wird nun der Einfluß Speusipps, den Jamblich bestens kannte, deutlich: Speusipp
hatte die absolute Transzendenz des Einen über alle Bestimmungen,
und zwar ausdrücklich auch über das Gute, mit starkem Nachdruck
betont”). Er war also scheinbar über Platon hinausgegangen, der
„das Eine“ und „das Gute“ gleichgesetzt hatte; diese Abweichung
war allerdings bedingt durch Speusipps Restriktion der Bedeutung
des Guten auf die Arete der Seele‘); Inbegriff der ontologischen
Vollkommenheit ist für Speusipp „das Schöne“ (xaddv), über das
er das Eine in seiner Transzendenz ebenfalls hinaussetzte°”). Das
51) Vgl. Aristoteles, Metaph. 1091b13-15; Eudem. Eth. 1218a19-21. 25-26;
Aristoxenos, Harmonika II 30-31 Meibom (nach Aristoteles) sowie Platon, Phaid.
99c5-6. Dazu H.J. Krämer, Über den Zusammenhang von Prinzipienlehre und
Dialektik bei Platon, in: J. Wippern (Hrsg.), Das Problem der ungeschriebenen
Lehre Platons, Darmstadt 1972, 394-448; ferner Verf., Der Aufstieg zum Einen
(wie Anm. 7) 238 ff.
52) Vgl. Platon, Parm. 137c4-5 mit d1-2; auch Parm. 159c5, Soph. 245a8-9.
Plotin, Enn. V 5, 6, 24-34; VI 9, 5, 38-6, 16.
53) Für Platon vgl. Aristoteles, Eudem. Eth. 1218a17-33, Nik. Eth. 109433.
Plotin, Enn. VI 9, 6, 39-42. 55-57; VI 7, 41, 28-29; V 5, 13 ganz; vgl. V 3, 11,
23-25.
54) Vgl. Damaskios, De princ. II 26, 4-6 (Text in Anm.49) und dazu die
Kritik des Damaskios ebd. II 28, 10ff.; ferner Proklos, In Parm. 1114, 1-10 und
1107, 9-20 (dazu unten).
55) Vgl. Speusipp, Fr. 72 Isnardi Parente = Jamblich, De comm. math. sc. IV
15, 7-10; ebd. 16, 10-11; Fr. 62 = Proklos, In Parm. VII 40, 1-5 = Test. Plat. 50; Fr.
57 = Aristoteles, Metaph. 1092a14-15.
56) Vgl. hierzu H.J. Krämer, Der Ursprung der Geistmetaphysik (wie
Anm. 16) 359 ff.
57) Speusipp, Fr. 57-58 Isnardi Parente = Aristoteles, Metaph. 109229 ff.
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View in PDF(opens in a new window)überschöne und übergute Absolute ist aber auch für Speusipp
Wertprinzip®), und nichts anderes hatte seine Kennzeichnung als
„das Gute selbst“ (attd 16 dyadóv) bei Platon ausgedrückt; für
beide stand das Absolute, das Eine selbst, jenseits aller Gegensätze”). Da Jamblich an der Platonischen Gleichsetzung des Einen
und des Guten festhielt, war das Absolute für ihn nicht nur das
Ubergute wie für Speusipp, sondern auch das Übereine, wofür er
sich auf Parm. 141e berufen konnte. Der Einfluß Speusipps zeigt
sich bei Jamblich auch sonst: So unterschied auch Speusipp zwischen dem absolut Einen, das gegensatzlos ist, und dem der Vielheit entgegengesetzten (zweiten) Einen, der „Monade“ (uoväc) als
dem regionalen Prinzip der reinen Zahlen®). Der Vermehrung der
Hypostasen und Prinzipien bei Jamblich entspricht die von Aristoteles kritisierte Vermehrung der Seinsbereiche und ihrer Prinzipien bei Speusipp‘'), auch wenn Anzahl und inhaltliche Bestimmung der Seinsstufen bei beiden Denkern differieren; beide nehmen eine durchgängige Analogizität der internen Strukturen der
verschiedenen Seinsstufen an. Die höchste dieser Seinsstufen bilden bei Speusipp die reinen (mathematischen) Zahlen; die Dekas
der Grundzahlen verwirklicht für ihn — analog den zehn Ideenzahlen Platons — das Höchstmaß an Einheit in der Vielheit und damit
an ontologischer Vollkommenheit; die harmonische Ordnung der
zehn Grundzahlen präformiert ferner alle nachfolgenden Seinsgehalte®?). Jamblichs Lehre von den „göttlichen Zahlen“ zeigt neben
dem Einfluß Platons auch den Speusipps; so bestimmt die Zahl bei
Jamblich — als intelligible, intellektuelle, überhimmlische, kosmische und geeinzelte Zahl — alle Stufen des Seins wie in der matheund a30ff.; Fr. 72 = Jamblich, De comm. math. sc. IV 16, 10-11: td Òë &v oüte
xahov ovte Ayadov AELov xadgiv, dà TO nai tod xahod xai tod dyadod
dreçévo eivat. Zum xaddv als Inbegriff der ontologischen Vollkommenheit ebd.
18, 3-9.
58) Speusipp, Fr. 72 Isnardi Parente = Jamblich, De comm. math. sc. IV 16,
12 ff.; auch 18, 3 ff.; Fr. 63 = Aristoteles, Nik. Eth. 1096b5 ff.
59) Vgl. Platon, Parm. 137c-142a. Speusipp, Fr. 72 Isnardi Parente = Jamblich, De comm. math. sc. IV 16, 10ff.; Fr. 48 Isnardi Parente = Aristoteles,
Metaph. 1028b21-24; Fr. 39 Taran = Aristoteles, Metaph. 1087b27 ff.; Speusipp bei
Proklos, In Parm. 1118, 10-19 mit 1124, 20 ff.
60) Speusipp, Fr. 72 Isnardi Parente = Jamblich, De comm. math. sc. IV 16,
12-16; vgl. Fr. 48 = Aristoteles, Metaph. 1028 b 21-24; vgl. auch Metaph. 1085a13.
61) Vgl. Aristoteles, Metaph. 1028b21-24 mit 1075b37-1076a3 und
1090b19-20 = Speusipp, Fr. 48, 52, 86 Isnardi Parente.
62) Speusipp, Fr. 122 Isnardi Parente = Fr. 4 Lang = Jamblich, Theologoumena arithmeticae 82, 10-85, 23.
RK
Dhain
Mase
£ Dhilal
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View in PDF(opens in a new window)matisierenden Ontologie Speusipps®). Wie bei diesem, so nehmen
auch bei Jamblich die „göttlichen Zahlen“ den höchsten metaphysischen Rang nach den Prinzipien ein, während Platon die Ideenzahlen den ueyıora yévn unterordnete™). Allerdings hatte auch
Speusipp die Zahlen nicht als überseiend angesehen wie Jamblich.
Diese Extravaganz erkärt sich jedoch daraus, daß Jamblich das
eigentliche Sein auf die Ideen beschränkt und daf seine Henaden —
wie die Ideenzahlen Platons — zwischen der Einfachheit des überseienden Einen und dem Seienden als entfalteter Ideenvielheit vermitteln. Die Theorie der überseienden Henaden und ihrer zwei
Prinzipien, Peras und Apeiron, wurde von Syrian und Proklos
aufgenommen und weiterentwickelt®). Proklos deutete die Henaden als Einheitsprinzipien, welche die Entfaltung der Einheit in die
Vielheit auf den verschiedenen Seinsstufen vorzeichnen, bestimmen und auf einfache, unentfaltete Weise präformieren; sie unterscheiden sich vom Absoluten dadurch, daf$ sie positiven Einheitscharakter besitzen, und von den seienden Ideen dadurch, daß sie
keine aktuale Vielheit enthalten; da das Seiende die Entfaltung der
Einheit in die Vielheit ist, sind die diese Entfaltung nur vorzeichnenden Henaden überseiend, aber nicht jenseits von allem wie das
Absolute®). Durch die entfaltete Henadenlehre des Proklos ist
nun aber das positive Eine, das bei Jamblich zwischen dem absolut
Transzendenten und den die Seinsvielheit ordnenden „göttlichen
Zahlen“ vermittelt, überflüssig; Einheit von Bestimmtheit und
Unbestimmtheit ist das Wesen der Henaden, welche den Prinzipiengegensatz von Peras und Apeiron auf nicht-entgegengesetzte
Weise enthalten”).
Jamblichs Verdoppelung des Absoluten wurde darum von den
Neuplatonikern der Athener Schule, Plutarch, Syrian und Proklos,
abgelehnt, die damit sowohl zur platonischen Orthodoxie als auch
zur Position Plotins zurückkehrten, der erst bei ihnen zur höchsten
Autorität nach Platon avancierte, während „Pythagoras“ zumindest
63) Vgl. Jamblich, De eth. theol. arithm. 77-80 (AJPh 102, 39): ñ yag Òvás
... xaì TQOLES N HEV tis Eotı vonth, À ÖE voegá, À Òë dTÈE TOV oùgavóv, À Òë EV
oveava, I ÖE Ev TH xóouw TÜVTN ÔLATEPOÎTNAE.
64) Vgl. Aristoteles, Metaph. 1084a31-36.
65) Dazu E.R.Dodds, Proclus. The Elements of Theology (wie Anm. 3)
257 ff.; H.D. Saffrey, L.G. Westerink, Proclus. Théologie Platonicienne IH (wie
Anm. 3) IX-LXXVII.
66) Vgl. Proklos, Elem. theol. prop. 113-123; Theol. Plat. III 2-6; 6, 14-28,
21 Saffrey- Westerink.
67) Vgl. Proklos, Elem. theol. prop. 90; Theol. Plat. III 8; 30, 15-34, 19
Saffrey- Westerink.
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View in PDF(opens in a new window)für Proklos keine Platon ebenbürtige Autorität mehr ist. In Jamblichs notorischem ‚Pythagoreismus‘ zeigt sich dagegen einmal
mehr der bestimmende Einfluß Speusipps; denn dieser war es gewesen, der die Prinzipienlehre Platons und insbesondere den in ihr
zentralen Gedanken der absoluten Transzendenz des Absoluten
den Pythagoreern zugeschrieben und dadurch erst die pythagoreische Maskierung des Platonismus ermöglicht hattet®).
III
Wir können nun die Bedeutung der ‚Trinität‘ des Einen bei
Jamblich klären. Dabei wird sich zeigen, daß sie die prinzipientheoretische Funktion des positiv Einen erst voll verständlich
macht, weil sie dieses vom absolut Transzendenten unterscheidet
und es in bestimmter Weise mit dem seienden Einen verbindet.
1. Das Exzerpt bei Psellos begründet die ‚Einheit und Dreiheit‘ des ursprünglich Einen damit, daß die Dreiheit das Eine in
Ursprung, Mitte und Vollendung entfalte: ñ yao tot toLäg doyiv ai
uéoa xaì tem nei TO Ev AveXlooeı‘?). Diese Begründung ist freilich
nur dann einleuchtend, wenn Ursprung, Mitte und Vollendung
Bestimmungen des Einen in sich selbst sind, also nicht lediglich
seine Beziehung zu den „göttlichen Zahlen“ ausdrücken. Daß dies
in der Tat Jamblichs Meinung war, beweist ein Referat im Parmenideskommentar des Proklos (1114, 1-10).
Platon hatte im Parmenides (137d4 ff.) dem absoluten Einen
Ursprung, Mitte und Vollendung abgesprochen, weil seine absolute Einfachheit jede Vielheit von Strukturmomenten und mithin
jedwede ontologische Struktur von ihm ausschließt”°). In den Nomoi (715e) aber hatte er gesagt, Gott enthalte Ursprung, Mitte und
Vollendung alles Seienden. Proklos berichtet nun, dies habe einige
Interpreten zu der These veranlaßt, daß das Erste Prinzip Ursprung, Mitte und Vollendung sowohl enthalte als auch nicht enthalte: „Denn es enthält sie auf verborgene Weise, aber es enthält
sie nicht entfaltet und unterschieden; es enthält nämlich in sich
selbst alles auf eine Weise, die unaussprechlich und unbegreiflich
68) Vgl. Speusipp, Test. Plat. 50 Gaiser. Zur Motivation vgl. W. Burkert,
Weisheit und Wissenschaft (wie Anm. 12) 55ff.; H.J. Krämer, Der Ursprung der
Geistmetaphysik (wie Anm. 16) 53 ff.
69) Jamblich, De eth. theol. arithm. 71-72 (AJPh 102, 39).
70) Vgl. dazu Verf., Der Aufstieg zum Einen (wie Anm. 7) 309 ff.
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View in PDF(opens in a new window)für uns ist, aber erkennbar für es selbst“’'). Proklos weist diese
Deutung zurück: sie trage Vielheit in das absolut Eine hinein; erst
die Prinzipiate des Einen enthielten auf verborgene und unentfaltete Weise Vielheit (Proklos denkt wohl an die Henaden), das
Absolute selbst aber sei vollkommen frei von jeder Vielheit’?). Das
zitierte Exzerpt bei Psellos beweist, daß es sich bei dieser von
Proklos kritisierten Meinung um die Lehre Jamblichs handelt, wie
Dillon unabhängig von den neuen Fragmenten vermutete”’). Für
Jamblich ist das Eine also Drei-Einheit, weil es Ursprung, Mitte
und Vollendung, die Strukturelemente alles Seienden, auf verborgene (xovpims)’*), nämlich unentfaltet-ununterschiedene Weise
enthält. Jamblich denkt das Eine damit als inhaltlich erfüllte, nichtleere Einheit, die nur für unser unterscheidendes Denken unbestimmbar ist, aber nicht an und für sich selbst bestimmungslos wie
das absolut jenseitige Absolute Platons, Speusipps und Plotins.
Dabei hat der Gedanke der Trinität schon bei Jamblich die gleiche
Funktion wie im christlichen Platonismus von Victorinus bis Cusanus: er sichert die — wie immer für uns unbestimmbare — Erfülltheit des seinsbegründenden göttlichen Einen, das somit als Einheit
von Bestimmtheit und Unbestimmtheit gedacht wird. Jamblich
konzipiert das Eine als allumfassend, wenn es auf unbegreifliche
Weise alles in sich enthalten soll”*); er denkt offenbar an die ganze
Reihe der Fundamentalbestimmungen, die Platon in der ersten
Hypothesis dem absoluten Einen abgesprochen und die er in der
71) Proklos, In Parm. 1114, 1-5: IIaAıv dh noög tavty thy Arogiav aot
tives Sti xal Eger TO TOWTOV KEXNV xal HEOOV HO TEAEUTNV Kal ovx Eger: HQUplws yao Eger, Oumonuévos ÖE ovx exer’ nÄvra yao apodotwc Ev AUTO nai
AVENLVONTWG tiv, AUTO Òë YVWHOTOS.
72) Proklos, In Parm. 1114, 6-10. Ebd. 14-16: td ÔÈ Ev où nüong éoti
drareésews Ho TEd navrög nAfdouvs, tod TE Tvwuévov zal ÔLAXEAQULÉVOU
uóvws Ev ÜNAEXOV.
73) J.M. Dillon, Proclus’ Commentary on Plato’s Parmenides. Transl. by
G.R. Morrow and J.M. Dillon with Introduction and Notes by J.M. Dillon,
Princeton 1987, 398 und 457 Anm. 93.
74) Proklos, In Parm. 1114, 3. 7. Der Terminus entstammt den Chaldäischen
Orakeln und wurde von Jamblich benutzt, vgl. Dillon a.a.O. (wie Anm. 73).
75) Der Totalitätscharakter des positiv Einen bei Jamblich ist auch durch
Damaskios mehrfach bezeugt: z.B. De princ. II 3, 3-5: to év nüvta devrega doxù
uetà Tv ANÖEENTOV, abtn Òè oùdèv nAAAovV TOÛE À TOÛE, AA nüvra Ent’ tons.
Ebd. II 4, 9-12. 20: Set uèv eivaı uetà viv uiav TOV zóvrwv deytv, dy Tedetoav
dia. zatapdoews Önwg Shrote AvaxaBargopévns xai Tavta Ev Aeyobong eivat
avtyy ... Tv TAGS závra Ev taxtéov Goxrv. Ebd. IT 15, 6-8: tv pev brèe
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oijúTw SL révin Andeentov... Ebd. II 26, 4-6: fj uèv Ed tHV Öveiv GoYXavV Évds
Óuoö TAVITA HV od TÉVTOV, GAAG závra én’ tons.
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View in PDF(opens in a new window)zweiten Hypothesis dem seienden Einen zugesprochen hatte. Aufschlußreich ist, daß Jamblich in diesem Zusammenhang sogar eine
Selbsterkenntnis des Einen postuliert, während Plotin und Proklos
dem Einen Selbsterkenntnis und Selbstbewußtsein absprechen?®).
Gerade die Selbsterkenntnis des göttlichen Einen ist nun im christlichen Platonismus seit Victorinus mit dem Motiv der Trinität
verknüpft; Victorinus konzipierte sie als die trinitarische Selbstdurchdringung der sich erkennend auf sich selbst beziehenden
göttlichen Einheit, welche als „Sein“ in sich verharrt, als „Leben“
aus sich herausgeht und als „Denken“ in sich zurückkehrt”). Die
Herkunft dieses Trinitätsmodells von Porphyrios ist seit den Forschungen von Pierre Hadot bekannt.
2. Die Frage liegt nahe, ob auch Jamblich die Trinität des
Einen in analoger Weise geistphilosophisch expliziert hat oder ob
er bei ihrer begrifflosen Behauptung als futv uèv äyvootov, éavt@
dè yvwotdv’’) stehengeblieben ist; die Denkbarkeit der Selbsterkenntnis des Einen hangt an der Antwort auf diese Frage. Diese
Antwort gibt ein langeres Referat des Proklos, das kritisch über
drei verschiedene Versuche berichtet, dem über alle Bestimmungen hinausliegenden Einen „eine bestimmte Wesenheit und Eigentümlichkeit“ (twa póow xai lölöınta)”?) zuzuschreiben, es also als
erfüllte Einheit zu denken; es handelt sich nach Dillons überzeugender Vermutung um die Theorien des Porphyrios, des Jamblich
und eines dritten Neuplatonikers, entweder des Amelios oder des
Theodoros von Asine (In Parm. 1105, 32-1108, 19)®°).
(1) Die erste dieser Theorien setzte über dem Geist (voüs) die
„Geistigkeit“ (voétns) an; diese sei einfacher (ä&nAovoteoa) als der
76) Zur Negation von Selbsterkenntnis und Selbstbewuftsein des Einen bei
Plotin Verf., Der Aufstieg zum Einen (wie Anm.7) 157-173.
77) Vgl. Marius Victorinus, Adv. Arium I 49,9-51, 27; 52,1-53, 6;
57,7-58,14; 60,1-31. Zur trinitarischen Struktur der göttlichen Selbsterkenntnis
vgl. bes. Victorinus, Adv. Ar. I 57,9-30 mit Porphyrios, In Parm. XIV 16-35.
Hierzu P.Hadot, Die Metaphysik des Porphyrios (wie Anm.19) 217ff.; ders.,
Porphyre et Victorinus (wie Anm. 19) passim; ders., Marius Victorinus. Christlicher Platonismus. Die Theologischen Schriften des Marius Victorinus, übersetzt,
eingeleitet und erläutert, Zürich 1967. Vgl. ferner W.Beierwaltes, Identität und
Differenz (wie Anm. 20) 57-74; zu Porphyrios auch W. Theiler, Die chaldäischen
Orakel und die Hymnen des Synesios (wie Anm. 37) 261 ff.
78) Vgl. Proklos, In Parm. 1108, 25f. mit Jamblich, In Tim. Fr. 88 Dillon.
79) Proklos, In Parm. 1105, 40f.
80) Vgl. J.M. Dillon, Proclus’ Commentary on Plato’s Parmenides (wie
Anm. 73) 395-397 und 451 Anm. 86, 452 Anm. 91. Vgl. auch den ausführlichen
Kommentar zu dem ganzen Passus bei P.Hadot, Porphyre et Victorinus (wie
Anm. 19) I, 355-375, der alle drei Theorien für Porphyrios in Anspruch nimmt.
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View in PDF(opens in a new window)Geist und sei „gleichsam der Zustand des Denkens“ (oiov &&ıg tod
voeiv), d.h. wohl der aktuale Denkvollzug, denn die Akte (&véoyeıaı) gingen den Substanzen (oùotat) wegen ihrer größeren Einheitlichkeit voraus. Uber der vodty¢ setzten sie das vootv an, womit hier aber wohl nicht das denkende Subjekt gemeint war, sondern das selber noch nichtdenkende Prinzip der Denktätigkeit, das
„Bedenkende“ analog dem belebenden oder bewegenden Prinzip
(td puyoöv À tO xıvoüv): also der einfache Denkakt als Grund der
Vereinigung von Denkendem und Gedachtem. Noch über diesen
Grund der Denktätigkeit setzten sie als das erste, weil einheitlichste Prinzip das vónua; da es sich hier ganz offensichtlich um die
Theorie des Porphyrios handelt*!), ist damit wohl der von seinen
Relata abgelöste, unbezügliche reine Denkakt gemeint, also die mit
dem Einen zusammenfallende „absolute Erkenntnis“ (yvöous ämé-
Autos). Wie Proklos berichtet, wurde diese „Methode der Paronyme“#) mit allen Ideen (&p’ éxcotov t@v eidov) durchgeführt; dabei
sei die höchste Stufe: das àyó8wua, xdAhoua, doétwua, TAUTWUA
usf. jeweils als einfache Einheit verstanden worden (In Parm. 1106,
2-18). In seiner Kritik bemerkt Proklos zunächst, es sei unklar,
ob diese Einheitsprinzipien nur dem Namen oder auch dem Sachgehalt nach verschiedene Aspekte des Einen anzeigen sollen; im
ersten Fall seien sie leer (Òuaxevijs), bewiesen also nicht die inhaltliche Erfüllung des Einen (oùôë Aéyovor ti tö Ev), im zweiten Fall
dagegen zeigten sie eine reale Vielheit innerhalb des Einen an, obwohl Platon dem Einen gerade die Vielheit vor allem anderen
abspreche®?). Unplatonisch sei ferner die Prämisse, daß die ovoiat
den &v£pysiaı nachgeordnet seien; Platon lasse die &véoyera vielmehr von der öbvauızs und diese von der ovoia abhängen. Proklos
merkt noch an, diese Lehre sei schon von anderen hinreichend
widerlegt - möglicherweise ein Hinweis auf eine einschlägige Porphyrios-Kritik Jamblichs (In Parm. 1106, 18-32).
(2) Die zweite Theorie unterscheidet zwischen Gott und
„Gott-Sein“: draxetvew HE(woav Bedv xal TÔ Be etvar xal dsrovégeuv
TH nobtp Tò Dec eivar. Das Gott-Sein sei die tôt6tmg des Einen (In
Parm. 1106, 33-35). Die Terminologie ist Aristotelisch, bringt aber
die Platonische Differenz zwischen ideenhafter Wesenheit und ih81) So übereinstimmend Hadot und Dillon (wie Anm. 80) mit Verweis darauf, daß der Terminus voórns (zusammen mit ôvrotns und Cwdtys) bei dem von
Porphyrios abhängigen Victorinus (Adv. Ar. IV 5, 33 und 39) belegt ist.
82) Den Ausdruck prägte Hadot a.a.O. (wie Anm. 80).
83) Proklos bezieht sich auf Platon, Parm. 137c4ff.; dazu Verf., Der Aufstieg zum Einen (wie Anm. 7) 304 ff.
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View in PDF(opens in a new window)rer individuellen Realisierung zum Ausdruck**); Victorinus, der
dieselbe Lehre referiert, sieht in ihr die Differenz zwischen Aktualität und vorgängiger, ermöglichender Potenz ausgedrückt (Adv.
Arıum 133, 4-9). Proklos weist diese Lehre strikt zurück: Es sei
unklar, was hier eivaı in bezug auf das Eine bedeuten könne, da
Platon dem Einen selbst das £otıv abspreche®°); ferner sei unklar,
in welchem Sinne zwischen einer Bestimmtheit und dem Sein dieser Bestimmtheit unterschieden werde und ob diese Differenzierung vom Zusammengesetzten in die Sphäre des Einfachen übertragen werden dürfe. Schon im Falle der Seele sei die Differenzierung zwischen puy und zò etvar pvyij unstatthaft, wie bereits
Plotin klargestellt hatte (vgl. Enn. I 1, 2)%), ebenso im Falle der
Ideen, und in ungleich höherem Maße gelte dies für die absolut
einigen Henaden. Vor allem aber: Wäre das Eine von 16 &vi eivau
unterschieden, so wäre das Eine als solches Nicht-Eines, insofern
es von 16 évi elvaı abgehoben wird, und hätte an diesem als an
einem übergeordneten Prinzip teil (In Parm. 1106, 36-1107, 9).
Diese Lehre läßt sich kaum eindeutig zuordnen. Da Proklos
sie deutlich von der vorher referierten unterscheidet, kann sie wohl
kaum wie diese dem Porphyrios gehören, wie Hadot meint’);
Dillon denkt dagegen an Amelios oder Theodoros von Asine, die
beide von Proklos als Parmenideskommentatoren angeführt werden?®). Für Theodoros würde sprechen, daß dieser sein höchstes
Prinzip über dem Einen — das er mit dem Intelligiblen identifizierte — ansetzte, es aber wahrscheinlich mit dem Seinsakt (ünagEıs)
gleichgesetzt hat®”).
(3) Die dritte Theorie betont stärker als die beiden anderen
die Transzendenz des Einen; gleichwohl schreibt sie ihm als Prinzip die Eminenzmodi seiner Prinzipiate zu. Das Eine liege als
Prinzip von allem zwar über Leben (Go), über Denken (voöc) und
über das Sein selbst (avtd 16 dv) hinaus — transzendiere also die
intelligible Triade — es enthalte aber die Gründe aller dieser Be84) Vgl. Aristoteles, Metaph. 1031a15
ff. und 1043b2 ff.
85) Proklos bezieht sich auf Platon, Parm. 141e9-10.
86) Plotin knüpft damit an Aristoteles, Metaph. 1043b2 (wuyù uèv yuo xaì
yuyxfj eivaı tatôv) an. Vgl. auch Plotin, Enn. VI 2, 5, 10-26.
87) Vgl. P.Hadot, Porphyre et Victorinus (wie Anm. 19) I, 359.
88) Vgl. J.M. Dillon, Proclus’ Commentary (wie Anm. 73) 396. Dillon erwägt auch die Möglichkeit, die erste Theorie Amelios und diese zweite Porphyrios
zuzuschreiben.
89) Vgl. Theodoros von Asine, Test. 9, p. 37, 16f. Deuse. Zu Theodoros
W.Deuse, Theodoros von Asine. Sammlung der Testimonien und Kommentar,
Wiesbaden 1973.
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View in PDF(opens in a new window)stimmungen (Leben, Denken, Sein) auf unaussprechliche, unbegreifliche und absolut einige Weise (äpoóotws xai Avenıvontwg xaì
tov Evixdtatov toérov) in sich, unerkennbar für uns, aber erkennbar für es selbst. Die verborgenen Gründe aller Bestimmungen im
Einen seien napadeiyuara med napaôeryuétov, das sie enthaltende
Eine sei SAov noö SAwv, ohne Teile haben zu müssen; das Ganze
vor den Teilen (16 196 tov ueo@v öXov) bedürfe nämlich in gewisser
Hinsicht der Teile zu seiner inhaltlichen Erfüllung (z.B. die Gattung der Arten), das dieser positiven Ganzheit vorausliegende
Ganze (16 6kov rod 6kwv) dagegen nicht — offenbar weil es die
Momente ununterschieden, in absoluter Einheit (évixdtatov) enthält; Platon habe dem Einen Parm. 137c7 ff. nur den Charakter der
Ganzheit als Inbegriff der Momente abgesprochen, nicht aber diese überganze Ganzheit als Vorbegriff aller Bestimmungen (In
Parm. 1107, 9-20).
3. Diese Theorie konzipiert das Eine selbst als Vorbegriff
der Totalität im Unterschied zum &v dv als ihrem Inbegriff; Dillon hat sie mit überzeugenden Gründen Jamblich zugeschrieben”). Sie stimmt vollkommen überein mit der von Proklos wenig später (In Parm. 1114, 1-10) referierten Lehre, derzufolge das
Eine “ext, u£oov und tékos auf verborgene und unentfaltete Weise enthält, und diese Lehre läßt sich aufgrund des Exzerpts bei
Psellos mit Sicherheit Jamblich zuweisen; die beiden Referate bei
Proklos (In Parm. 1107, 9ff. und 1114, 1ff.) sichern zugleich die
Authentizität des Psellos-Exzerpts. In den beiden Referaten bei
Proklos heißt es übereinstimmend, das Eine enthalte die Gründe
aller Bestimmungen auf verborgene und für uns unbegreifliche,
für es selbst aber erkennbare Weise. Obwohl diese Selbsterkenntnis des Einen für uns unbegreiflich sein soll, gibt Jamblich ihr
doch einen geistanalogen Charakter, wenn er dem Einen die verborgenen, unentfalteten Gründe des Seins, des Lebens und des
90) Vgl. J.M.Dillon, Proclus’ Commentary (wie Anm.73) 396, 452
Anm. 91, vgl. 457 Anm. 93. — Zum Totalitatscharakter des Einen bei Jamblich vgl.
die Belege bei Damaskios in Anm. 75. Auch die Differenzierung zwischen Ev nävta als Vorbegriff und Ev dv als Inbegriff der Totalität ist bei Damaskios für Jamblich belegt: z.B. De princ. II 4, 15-21: Tlavta yüg Erdorn (dexN), Sti xai éEñs
Ev navra Erdorn GOEXT vont ... GAN Sues ÊXET nävra KÖLOELOTWG, HA TOL
HAT TO HVWPEVOV À KATE TO Ev, Mote yon Tuva GAAnv Sraqpoeav Errıvoeiv Ev Taig
doxaïs Enelvaus. Meta Goa tv atic zóvra Ev TAXTEOV KEXNV TV Kata TÜVTO
Ev, xaì un Ón\ös, DOTE ngooderéov Hoy TUG (Ovdtta. Vgl. ebd. II 15, 10-13:
Ópohoyoüpev NV TE uiav (sc. doxiv) ANOEENTOV xaì Tv Evosıöf| wet’ Exelvnv xaì
Tv rnboedf teimv En’ Exelvaus zur Prinzipienfolge Ev Geentov, Ev závra =
dnsEv = Ev dyadóv und révra Ev = Ev dv.
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View in PDF(opens in a new window)Denkens zuschreibt — also eben jener triadischen Struktur, gemaf der sich die erfüllte Selbsterkenntnis des Geistes vollzieht.
Wir erkennen hier den Einfluß des Porphyrios, denn bereits dieser hatte die „absolute Erkenntnis“ des Einen als die urspriingliche Einheit gefaßt, in der Sein, Leben und Denken oder Nous,
Noeton und Noesis ununterscheidbar und in sich selbst ununterschieden ineinander aufgehoben sind”); allerdings enthält diese „absolute Erkenntnis“ für Porphyrios keine Selbstbeziiglichkeit, ist also auch keine Selbsterkenntnis — diese kommt erst
durch die Entfaltung der in der Einheit der „absoluten Erkenntnis“ eingefalteten Strukturmomente des Denkens im Geist zustande”). Jamblich scheint also die einfache und unentfaltete
Einheit dessen, was erst in seiner Entfaltung ad extra als die geeinte Dreiheit denkender Selbstbeziehung und ihrer Strukturmomente erkennbar und unterscheidbar wird, selber als eine latente
Selbstbezüglichkeit des Einen gedeutet zu haben, in der es sich
auf eine für uns unbegreifliche Weise, nämlich ohne Auseinandertreten in die Zweiheit von Denkendem und Gedachtem und
deren Vereinigung im Denkakt, selbst erkennt; gleichwohl enthalt das Eine die Struktur-Dreiheit des Sich-Wissens auf latente
und verborgene Weise in sich, und eben dies scheint der Sinn
der Rede von seiner „Einheit und Dreiheit“ zu sein. Diese Deutung basiert zunächst auf der Kombination der knappen Angaben bei Proklos mit der analog strukturierten Theorie des Porphyrios; sie wird aber bestätigt durch einen aufschlußreichen
Passus bei Victorinus, der das Referat des Proklos erginzt. Der
Passus enthalt die Begriindung, warum die Griinde der intelligiblen Triade im Einen fiir unser unterscheidendes Denken unerkennbar sind:
„Denn alles, was Worte bezeichnen, kommt nach Ihm; darum ist Er (sc. Gott) nicht das Seiende (...), sondern eher das
Vorseiende (no6ov). Ebenso ergeben sich praeexistentia, praeviventia, praecognoscentia; Gott selbst ist vorseiend, vorlebend,
vorerkennend, wobei alle diese Eigentümlichkeiten erst nach
dem Sichtbarwerden der zweiten (sc. Eigentümlichkeiten: Sein,
Leben, Denken) gedacht und benannt worden sind. Denn erst
nach dem Sichtbarwerden der Erkenntnis ist die praecognoscentia gedacht und benannt worden; dasselbe gilt für die praeexistentia und die praeviventia — sie existierten zwar schon
91) Vgl. Porphyrios, In Parm. V 7 — VI 12; XIV 4-16.
92) Vgl. Porphyrios, In Parm. XIII 1-23; XIV 16-35.
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View in PDF(opens in a new window)vorher (sc. in Gott), aber sie wurden noch nicht erkannt und
benannt. Daher ist alles, was Gott ist, unerkennbar“).
Weil das Eine die Gründe der intelligiblen Triade in sich hat,
werden ihm von der entfalteten Triade des Geistes her deren Eminenzmodi zugeschrieben: praeexistentia, praeviventia, praecognoscentia — zurückübersetzt ins Griechische: ngoovola, xooEwórns, Teovodtns—was sowohl sachlich als auch terminologisch
mit den Angaben des Proklos übereinstimmt (In Parm. 1107,
10-12: ötı névrov aitiov Ôv TO nEWTOV tree Cwrv, ÜNEE votv, bee
aùtò tO dv (Öovuévov Eger MMS Tas TOUTHWV aitias...). Für das unterscheidende Denken sind diese Eminenzmodi von Leben, Denken
und Sein im Einen aber nur via causalitatis von ihren entfalteten
Prinzipiaten aus erkennbar, da sie im Einen in der Weise der absoluten Indifferenz (tov évixdtatov tednov)”*) eingefaltet sind;
gleichwohl existieren sie im Einen als nagadetyuata rod magaderyudtwv, und zwar auf eine differenzlose Weise, die nur für unser
unterscheidendes Denken unerkennbar, fiir das Eine selber aber
erkennbar sein soll. Die Unerkennbarkeit des Einen soll also nur
eine Unerkennbarkeit fiir uns, aber keine Unerkennbarkeit an und
fiir sich sein. Ebenso darf man vielleicht vermuten, daß auch die
Indifferenz der nagadeiynara mgd nagadeıynäarwv im Einen nur
eine Indifferenz für uns ist, da das Eine zur Selbstunterscheidung
fähig sein muß, wenn es sich als Shov xoù SAwv erkennen soll. Man
darf vielleicht annehmen, daß Jamblich die Selbsterkenntnis des
Einen ähnlich konzipierte wie der frühe Plotin in Enn. V 4:
„Das Zu-Denkende (d.h. hier das Eine), indem Es in sich
selbst bleibt und nicht bedürftig ist wie das Sehende und das Denkende — bedürftig nenne ich das Denkende nur im Verhältnis zum
Zu-Denkenden -, ist dennoch nicht gleichsam bewußtlos, sondern
alle Seine Inhalte sind in Ihm und bei Ihm, Es vermag sich selbst
durchaus zu unterscheiden, es ist Leben in Ihm und Alles ist in
Ihm, Es ist Selbst Sein eigenes Erfassen, vermöge eines QuasiSelbstbewußtseins, indem Es ein Denken in ewigem Stillstehen ist,
das anders denkt als das Denken des Geistes“
”).
93) M.Victorinus, Adv. Ar. IV 23, 27-34. Übers. nach P.Hadot (wie
Anm. 77).
94) Proklos, In Parm. 1107, 13. Vgl. Damaskios, De princ. II 4, 17: éxet
névra döLoglotwg. 4,20: thy AMADT nóvra Ev taxtéov KEXNY.
95) Plotin, Enn. V 4, 2, 13-19 = Schrift 7 der chronol. Ordnung. - In der
Forschung ist umstritten, ob sich Plotin an dieser Stelle überhaupt auf das absolute
Eine bezieht; dies verneinen K.H. Volkmann-Schluck, Plotin als Interpret der Ontologie Platos, Frankfurt 31966, 124 Anm. 1; K. Corrigan, Plotinus, Enneads V 4, 2
and related passages, Hermes 114 (1986) 196 ff.; A.C. Lloyd, Plotinus on the Gene
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View in PDF(opens in a new window)Ähnlich wie Jamblich expliziert Plotin hier die Selbsterkenntnis des Einen in Analogie zur triadischen Struktur des sich wissenden Nous: Dem Einen kommen tom, xatavonots und das uéveuv èp’
éavtod als vontöv zu, die aber von den analogen Strukturmomenten der entfalteten vónous des voös verschieden sind (étéows) — dies
entspricht der agoöwórms, meovodtns und zgoovoia des Einen bei
Jamblich. Da Sein, Leben und Denken erst im Nous in die Dreiheit des entfalteten Selbstbewußtseins auseinandertreten, bleibt die
xaravónous des Einen év otéoet &ôtw im Unterschied zur sich aktualisierenden Bewegung der entfalteten vönoıs. Gleichwohl bindet Plotin das Quasi-Selbstbewuftsein (otoveì ouvaioônois) des Einen an die Fähigkeit zur Selbstunterscheidung (névin Siaxeitixdv
éavtot), welche die Bedingung der — erkennenden oder vorerkennenden — Selbstbeziehung des Einen ist, seines differenzlosen, präreflexiven In-sich- und Bei-sich-selbst-Seins. Diese Selbstunterscheidung ist nun aber eine unentfaltete Vor-Form der Andersheit
im Einen selbst, das nur durch sie Lebendigkeit und Totalitätscharakter besitzt (fotw adroû nävra év abt xaì ov adit … Cor ev
aùtT® xaì navra Ev aût®)’®).
Die Vermutung liegt nahe, daß auch Jamblich die Selbsterkenntnis des Einen mit dessen Selbstunterscheidung verknüpft
hat; immerhin wirft Proklos Jamblich zweimal vor, er trage Vielheit in das Eine”), und mit genau diesem Argument hatte Plotin
seine zitierte Position alsbald widerrufen und dem Absoluten nicht
nur Selbsterkenntnis und Selbstbewuftsein, sondern sogar das einfache Beisichselbstsein abgesprochen, also jede Form der Selbstbezüglichkeit des Absoluten verneint”). Daß auch Jamblich eine
Selbstunterscheidung des Einen angenommen hat, ergibt sich aber
vor allem aus dessen Trinität; ohne Selbstunterscheidung wäre das
Eine nämlich nicht Drei-Einheit, sondern einfache Einheit. Wenn
wir die Referate bei Proklos und Victorinus mit dem Exzerpt bei
sis of Thought and Existence, Oxford Studies in Ancient Philosophy 5 (1987) 157.
Die arabische Paraphrase (Epistula de Scientia Divina $ 172) bezieht die Stelle auf
den „Ersten Geist“. Vgl. zur Forschungskontroverse Verf., Der Aufstieg zum Einen (wie Anm.7) 158-159 Anm.
24 mit weiterer Literatur.
96) Plotin, Enn. V 4, 2, 15-17.
97) Vgl. Proklos, In Parm. 1108, 2ff.; 1114, 6ff.; vgl. 1107, 30 ff.
98) So schon Enn. VI 9, 6, 42-52 = Schrift 9 der chronol. Ordnung und Enn.
III 9, 9, 12-20 = Schrift 13 chronol. Ferner V 6, 5, 1-5; V 6, 6, 30-32; III 8, 9, 5-15;
III 8, 11, 13-15; VI 7, 37, 22-31; VI 7, 38, 10-25; VI 7, 39, 1-28; VI 7, 40, 35-56; VI
7, 41, 8-17. 25-37; V 3, 10, 16-52; V 3, 11, 15-30; V 3, 12, 47-52; V 3, 13, 6-24.
34-36; vgl. VI 8, 12, 28-37. Vgl. dazu Verf., Der Aufstieg zum Einen (wie Anm. 7)
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View in PDF(opens in a new window)Psellos zusammenhalten, können wir die quasi-noetische Struktur
der Trinitat bei Jamblich nunmehr versuchsweise rekonstruieren:
Das ursprünglich oder positiv Eine ist Einheit und Dreiheit zugleich, weil es sichin seiner Selbsterkenntnis selbstin Anfang,
Mitte und Vollendung unterscheidet, jedoch so, daß diese Strukturmomente noch nichtin die entfaltete Viel-Einheit der Noesis
auseinandertreten, sondern ineinander eingefaltet bleiben und die
Struktur der Noesis nur gleichsam vorzeichnen und unentfaltet
vorwegnehmen. Die selbstbezügliche Noesis vollzieht sich nun
triadisch: Ihre Momente sind das In-sich-Verharren oder SichGleichbleiben des Seins, ohne welches kein Zu-Denkendes wäre;
das Aus-sich-Heraustreten des intelligiblen Seins und seine Selbstentfaltung zur Relationseinheit der Ideenvielheit ist das sich von
sich selbst unterscheidende Leben, das in die Zweiheit von Denkendem und Gedachtem auseinandertritt und sich zur geeinten
Vielheit der gedachten und aufeinander bezogenen Ideen artikuliert. Die Rückkehr des sich als Leben von sich unterscheidenden
Seins zu sich selbst ist das Denken, die Einheit von Leben und
Sein, die sich auf sich selbst beziehende Noesis, in der sich das
Denkende mit dem Gedachten und die entfaltete Ideenvielheit mit
dem als Einheit in sich verharrenden Sein identisch weiß. Die
Selbsterkenntnis des Einen aber ist die diese Struktur als ihr Vor-
Begriff prinzipiierende Selbstbeziehung der Einheit: Ihr Anfang
oder Prinzip ist die mgoovoia: ihr In-sich-Bleiben als Einheit; Mitte oder Vermittlung der Selbstbeziehung der Einheit ist die nooCworys: ihre artikulierende Selbstunterscheidung in die nagadetyuata tod magaderyuatwv, die Eminenzmodi der Ideen, so daß sie
von sich selbst erfüllte, nicht-leere Einheit ist. Die Vollendung der
Selbsterkenntnis des Einen aber ist die noovoötng, in der sich das
die napadeiyuara med nagadetyudtwv unentfaltet in sich enthaltende Eine als öAov 100 ddwv selbst weiß”?). Als Anfang, Mitte und
Vollendung der Selbsterkenntnis des Einen bilden xooovota, neoEwórns und xmeovodtys die unterschiedenen Hinsichten seiner
Selbstbeziehung als erfüllte Einheit: sie sind die Momente der
Selbstunterscheidung des Einen, ohne die keine erkennende
Selbstbeziehung möglich ist, die aber im Selbstbewußtsein des Ei99) Vgl. immerhin das Jamblich-Referat bei Damaskios, De princ. II 26,
12-15: Taxa ÔÈ GUELVOV ovtw TS héyewv, dtu À uév (sc. àoxñ) EOTLV MG LE-
VOVTOV, N TEQUTOELd AS, (À Òë OS TQOLGVTOV, N Östeugoerdfis,) fj ÔÈ Ws Emmiorgepouévov, À tTeity xai xatà tO dv totapévy. Diese doxaí, des Verharrens, Hervorgehens und Zurückkehrens lassen sich leicht mit zgoovoía, nootwótms und xoovoórns des Einen identifizieren.
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View in PDF(opens in a new window)nen immer schon in die einfache Einheit seines Beisichselbstseins
eingefaltet sind, so daß das Eine als die Einheit und Dreiheit von
nooovola, neoLwörng und agovoórms „gleichsam unentfaltet entfaltet“ ist (olov &Behuydèv oùx eEekndryuévov)!™), Für uns aber ist diese
paradoxe differenzlose Selbstunterscheidung des Einen in der
Drei-Einheit ihrer Hinsichten nur von ihrer Entfaltung in der intelligiblen Triade aus erkennbar und unterscheidbar; das Eine in
sich und sein Gehalt bleiben für uns unerkennbar.
Wenn diese Rekonstruktion richtig ist, dann hat Jamblich das
positive Eine in einer Transzendenz suggerierenden Eminenzterminologie doch so geist-analog beschrieben, daß es zwischen dem
absolut Transzendenten, das sich wie bei Plotin nur in Negationen
umschreiben läßt, und dem entfalteten, sich selbst denkenden
Ideenganzen im &v dv vermittelt. Offenbleiben muß vorläufig die
Frage, ob die napaöeiyuata med napadeıyuatov im Einen mit den
überseienden „göttlichen Zahlen“ identisch sind; diese Henaden,
welche die viel-einheitliche Struktur des Ideenkosmos prinzipiieren, und ihre beiden Prinzipien Peras und Apeiron wären dann nur
verschiedene Aspekte des Einen. Der Vorwurf des Proklos, Jamblich trage Vielheit in das Eine, würde zu einer solchen Deutung
gut passen. Wir wissen ferner, daß Jamblich die erste Hypothese
des Platonischen Parmenides auf „Gott und die Götter“, d.h. auf
das Eine und die Henaden bezogen hat'?'); diese Deutung kann
wohl nur dann eine gewisse Plausibilität beanspruchen, wenn sie
die Henaden als Aspekte des Einen selbst auffaßt. Proklos, der in
den Henaden und ihren beiden Prinzipien nur die ersten Prinzipiate des absolut Einen sieht, findet sie nıcht in der ersten, sondern in
der zweiten Hypothese des Parmenides'”).
IV
Proklos kritisiert die Position Jamblichs in einer ungewöhnlich eingehenden Stellungnahme als Abweichung von Platon (In
Parm. 1107,20-1109,20). Indem Jamblich dem absolut Einen die
Eminenzmodi der Bestimmungen des seienden Einen zuschreibe,
durchbreche er die negative Theologie, die Platon in der ersten
Hypothese konsequent durchgeführt habe und die allein der abso100) Die Formulierung findet sich bei Plotin, Enn. VI 8, 18, 18.
101) Vgl. Proklos, In Parm. 1054, 37 ff.
102) Vgl. Proklos, Theol. Plat. III 1-6.
Page 28
View in PDF(opens in a new window)luten Transzendenz des Einen selbst angemessen sei; die Frage
nach der inhaltlichen Bestimmtheit des Einen (önoiöv u 16 Ev) habe
Platon selbst in seinem II. Brief (312ef.) als sinnlos und unangemessen zurückgewiesen (1107,20-29). Proklos wirft Jamblich vor,
er hebe durch seinen Versuch, das Eine als inhaltlich erfüllt zu
denken, das Eine als absolute oder reine Einheit gerade auf. Proklos verteidigt damit die negative Bedeutung der absoluten Einheit
des Einen als absolute Negation jeder Vielheit, wie sie Platon und
Plotin übereinstimmend konzipiert hatten, gegen ihre positive
Umdeutung als absolute Totalität (ov tüv &Awv bzw. &kov rod
&wv)!®) bei Jamblich. Das Eine selbst transzendiere jede Totalitat: aùtò TO Ev €Ejontar nai breoéyer néons Óhómros!®*). Totalitätscharakter besitze erst das intelligible Sein, und zwar unter seinem
mittleren Aspekt als „Leben“, d. h. als in sich artikulierte, entfaltete Ideenganzheit (während der höchste Aspekt des „reinen Seins“
für Proklos noch ungegliederte Einheit ist)!®); diese intelligible
Ganzheit des Seins übergreife die intellektuelle Ganzheit des Denkens, die sich auf sie bezieht und von ihr ermôglicht wird
(1107,29-36).
Jamblich hatte den Totalitätscharakter des Einen damit begründet, daß es die unerkennbaren Gründe des Ternars dv — Con —
voöc und weiterhin die unerkennbaren Gründe aller Ideen als deren Eminenzmodi in sich haben müsse. Proklos kritisiert dies als
eine sinnlose Verdoppelung des Seienden: man habe dann auf der
einen Seite die Ideen im Nous und auf der anderen ihre verborgenen Einheitsgriinde im Einen, das mithin eine ebenso grofe Vielheit enthalte wie der Nous. Damit sei das Eine keine absolute
Einheit mehr. Da die Vielheit der Einheitsgründe in ihm nur geeint
sei (fvorau), müsse man ein Prinzip ihrer Einheit jenseits des sie
umfassenden Einen postulieren. Dieses Prinzip der Einheit des
Einen und seiner Gehalte aber müsse als absolute Einheit über alle
Bestimmungen hinausliegen, dürfe also selbst keinen Totalitätscharakter mehr haben; denn sonst enthalte es wiederum eine verborgene Vielheit und damit ergebe sich ein unendlicher Regreß
(1107,37-1108,13)!%).
103) Vgl. Proklos, In Parm. 1107, 30f.: td yao Tv öAwv ÖAov neguANnTLAMTEQOV ot Tv Shov Evoeıößc. Dies entspricht der Formulierung im Referat
des Damaskios, De princ. II 26, 5: vag Guod nävra HV MEd NAVTWV.
104) Proklos, In Parm. 1107, 32 f.
105) Vgl. Proklos, Elem. Theol. prop. 101, 160, 161.
106) In die gleiche Richtung zielt auch die Kritik des Damaskios, De princ.
II 28, 10-15: Et uèv yùg TÔ noù Tv Övelv Ev, re ovupvoüs, EOTAL xai AUTO
Page 29
View in PDF(opens in a new window)Proklos merkt an, einige Freunde Platons hätten sich zu dieser Verdoppelung des Einen verstiegen (&róhunoav), da jede Vielheit einen transzendenten Einheitsgrund voraussetze und eine
Viel-Einheit wegen ihres Einheitsbedürfnisses nicht das Erste
Prinzip sein könne (1108,14-19). Gemeint ist unverkennbar Jamblich. Die Begründung, die Proklos hier für dessen Verdoppelung
des Einen anführt, besagt wohl, daß Jamblich die Henaden als
immanente Aspekte des positiven (zweiten) Einen aufgefaßt hat,
so daß dieses eine verborgene Vielheit enthält. Wenn Jamblich
dann über diesem einheitlich-vielheitlichen &v ayad6v das absolut
einfache &v äpontov als absolut transzendentes Prinzip ansetzt,
folgt er nur den prinzipientheoretischen Prämissen Plotins, die
auch Proklos teilt. Das absolut transzendente &v doontov und nicht
das positive, die Henaden enthaltende &v àyadóv Jamblichs entspricht somit dem Absoluten Plotins, das nur metaphorisch „das
Eine“ oder „das Gute“ genannt wird (s.o.). Was Proklos an der
Prinzipienlehre Jamblichs kritisiert, ist also nicht eine Übersteigerung des Transzendenzgedankens, sondern die Verdoppelung der
Ideen durch Henaden, die als bloße Eminenzmodi der Ideen konzipiert zu sein scheinen, und die Ansetzung eines positiven zweiten Einen, das wie ein transzendenter Doppelgänger des Nous
wirkt. Proklos’ Kritik bestätigt im übrigen, daß seine eigenen Angaben über die Eminenzmodi der intelligiblen Triade im Einen
und damit auch die Notiz bei Psellos über dessen Drei-Einheit auf
das Ev dyadöv und nicht auf das absolut transzendente &v ägontov
zu beziehen sind; das absolut Transzendente hat Jamblich nach
Damaskios (s. o.) nicht anders konzipiert als Proklos, Syrian und
Plutarch.
Man kann übrigens fragen, ob Proklos’ Verdoppelungsvorwurf die Henadenlehre Jamblichs wirklich trifft, und ferner ob er
sich nicht auch gegen Proklos’ eigene Henadenlehre richten müßte. Proklos konzipiert jedoch seine Henaden als transzendente
Einheitsprinzipien nicht der einzelnen Ideen, sondern der zehn
verschiedenen, einander subordinierten Stufen der intelligiblen
Welt: der drei intelligiblen Triaden, der drei intelligibel-intellektuellen Triaden, der drei intellektuellen Triaden und der transzendenten Seelen!”); von einer Verdoppelung der Ideen kann also bei
Proklos trotz der bei ihm zu konstatierenden Hypostasenvermehovupvés, Hote OVX EV ós, AAO TO OUUUËÈS Ex Öveiv, xäv À TOÙ TV Öveiv
Gorte xal TQd adtod Eotat tO Garde Ev. Ei dè àTADS Ev, tod Exaotayod toLovtov Evög aitiov gotat, GAN odyi tis éx Suvetv ovupboews.
107) Vgl. Proklos, Elem. theol. prop. 162-165 mit dem Kommentar von
Page 30
View in PDF(opens in a new window)rung keine Rede sein. Obwohl die Henaden bei Jamblich noch
nicht die Hierarchie der Hypostasen prinzipiieren, hat dieser doch
keineswegs einfach für jede einzelne Idee einen transzendenten
Einheitsgrund angesetzt, so daß es genau so viele Henaden wie
Ideen geben würde, wie Proklos suggeriert. Jamblichs Henaden
sind vielmehr, wie die neuen Fragmente bei Psellos beweisen,
nichts anderes als die ins Ubersein erhobenen Ideenzahlen Platons!°®): sie prinzipiieren die dihairetisch explizierbare Struktur
der einzelnen Ideen und bestimmen damit das Gattungsgefüge des
Ideenkosmos. So ist z. B. der Grund der Idee des Gerechten, den
Proklos in seinem Referat erwähnt (1108,2), die transzendente
Vierheit!®). Dies entspricht der von der Alten Akademie rezipierten altpythagoreischen Erklarung der Gerechtigkeit als Quadratzahl (vgl. Aristoteles, MM 1182214). Da die Tetraktys aber die
Zehnheit der Ideenzahlen einfaltet und damit den gesamten Ideenkosmos bestimmt, hatte Platon dessen vollendete Ordnung als das
transzendente Urbild (ragáòevyua) der Gerechtigkeit beschrieben
(Politeia 500c), und entsprechend scheint Jamblich im Einen eine
Uber-Gerechtigkeit als Prinzip dieser im Ideenkosmos verwirklichten paradigmatischen Gerechtigkeit angesetzt zu haben, nämlich eben die Tetraktys der überseienden „göttlichen Zahlen“. Wir
haben demnach bei Jamblich nur mit zehn Henaden zu rechnen,
welche keineswegs alle einzelnen Ideen, sondern nur die umfassendsten Charaktere des Ideenkosmos im ganzen, die obersten
Metaideen (uéyiota yévn) präformieren. Die von Proklos genannten nagadelyuara ned nagadeıyudrov — neben den Prinzipien von
dv, Loh, votc, 6kov und Òixauov werden die von xiAAog und dee
genannt (1108,3f.) — scheinen das ebenso zu bestätigen wie die
Terminologie; denn nagdöeıyua ist für Jamblich immer das Seinsganze aller Ideen (aùtò 16 öneo Sv), nicht eine einzelne Idee (vgl. In
Tim. Fr. 35 Dillon). Jamblich scheint also die transzendentalen
Bestimmungen des Ideenganzen, die in den Platonischen Spätdialogen und den Referaten der Aristotelischen Metaphysik über Platon übereinstimmend überliefert sind, auf die zehn „göttlichen
Zahlen“ im (zweiten) Einen zurückgeführt zu haben. In den Exzerpten des Psellos ist neben der Zurückführung der òuxauoovn
Dodds (wie Anm.3) 282ff. (die Stufen des Intelligibel-Intellektuellen fehlen in
dieser Frühschrift noch).
108) Zu den Ideenzahlen Platons zusammenfassend am besten K. Gaiser,
Platons Ungeschriebene Lehre, Stuttgart 71968, 115-145.
109) Jamblich, De eth. theol. arithm. 46-48 (AJPh 102, 38). Vgl. Theol.
arithm. 29, 6-10.
Page 31
View in PDF(opens in a new window)auf die Tetrade auch jene der voegà évéoyera auf die Hebdomade
und der Cw auf die òvás bezeugt, ferner kann die der äget auf die
Pemptade als die „richtige Mitte“ zwischen Monade und Enneade
erschlossen werden!!®). Vermuten kann man darüber hinaus die
Zurückführung des Seins auf die Monade und der Schönheit auf
die Dekade als den Inbegriff der Vollkommenheit!!!). Die Pythagoreisierung des Platonismus bei Jamblich zeigt sich hier darin,
daß die „göttlichen Zahlen“ als die Prinzipien der uéyioto yévn
erscheinen, welche Platon seinen Ideenzahlen noch übergeordnet
hatte (vgl. Aristoteles, Metaph. 1084a31-36).
Ist Proklos’ Verdoppelungsvorwurf gegenüber den Henaden
Jamblichs somit kaum stichhaltig, so ist er dies eher gegenüber der
Ansetzung des zweiten überseienden Einen, das die Henaden auf
verborgene Weise enthält. Denn der Ort der Entfaltung der Henaden ist auch nach Jamblich das seiende Eine als wrtöv aus méoac
und äneıgov. Das die Henaden unentfaltet vorwegbesitzende év
dyadóv Jamblichs ist somit wirklich die in die Unfaßbarkeit der
Transzendenz erhobene Eminenzform des Platonischen &v öv. Gegen das Argument Jamblichs, dem Einen als Prinzip aller Bestimmungen müßten die Eminenzmodi seiner Prinzipiate zukommen,
wendet Proklos ein, gerade als absolutes Prinzip sei das Eine das
Nichts aller seiner Prinzipiate: névrov ya dv aïtuov ovdév got TOV
návrov!!?). Dies ist das von Plotin oftmals wiederholte und konse110) Jamblich, De eth. theol. arithm. 22: fj ÉBÒopùs donee
voeed évéovero. — 75-77: Eotı dé nal Dela dvùs dbvanız Gstere0s, Cofs E0505 dvénkeurtoc, brrodoyh TOD MEMTOV Evög uÉTQOV. — 24-25: El dè év pETELdTHTL Cois aa
teheuórmu TO eldog tic Agerfig Apwguotat. Dies entspricht der Platonischen und
Aristotelischen Bestimmung der Getty als weodtys. An der korrupten Stelle in
Zeile 48 darf man daher sinngemäß neuntog ngoofker tú âge ergänzen, da der
Text fortfährt: péOOS xeinevog tfg uovädos xai tod êvvéa, xai
boteget dovdu@
tov Evvea, TOUT ÖNEQEXWV ts wovedos (48-50). Unmittelbar vorher hatte Jamblich die Vier der Gerechtigkeit zugeordnet, so daß diese nicht zugleich mit der
Fünf verbunden gewesen sein kann.
111) Die Verknüpfung von Sein und uoväg folgt aus derjenigen des Lebens
mit der Òvàg als ÜnodoxH tot newtov Evög uétoov (De eth. theol. arithm. 76-77).
Den aus der Entzweiung in die Einheit zurückkehrenden voös verknüpft Jamblich
ebenfalls mit dem év (ebd. 17), wobei er aus dem Platon-Referat bei Aristoteles, De
an. 404b22-24 zitiert. - Die Verknüpfung von Schönheit und dexäg liegt nahe
wegen der Bemerkung in De phys. num. 19-21: 16 x4AAog 16 &v toïc GeLdpoic, ö
Ev Tf] ovuuergig adr@v ôtapaiveto TO abtagxes, 6 And TWV TEAELWV Goud
&otı xatadyrov (AJPh 102, 35).
112) Proklos, In Parm. 1108, 24f. Vgl. Plotin, Enn. VI 9, 3, 39
£.: yevvntıxn
yaQ À TOD Evög Pboıs 0000 THV TdvtMV oùdév Eotıv adıav. VI 9, 6, 55: TO SE
NÄYTWV aitiov oùdév Eotıv Ereivov. III 8, 10, 28-31: got pév TÔ undév TOTOV,
Ov Eotıv dexN, TOLOUTO HEVTOL, OLOV, UNSEvds adTOD xarnyooeiodu uvauévov,
Page 32
View in PDF(opens in a new window)quent durchgeführte Axiom der negativen Theologie, das bei Jamblich selber zur Ansetzung des év ägontov als des absoluten Prinzips geführt hat. Ein Absolutes mit begrifflich positivem Gehalt ist
nach diesem Grundsatz ein Widerspruch in sich. Gegen die Lehre
Jamblichs, der positive Gehalt des Einen sei unerkennbar für uns,
aber erkennbar für es selbst, erklärt Proklos, dies sei denkunmöglich: „denn wenn es für uns vollkommen unerkennbar ist, so können wir von ihm nicht einmal dies erkennen, daß es für sich selbst
erkennbar ist, sondern auch dies wissen wir nicht“!!?). Für Proklos
ist dagegen sogar die Bezeichnung des Einen als „Quelle aller
Gottheit“ (nnyh 8eétnros néons)!!*) und als „Gott selbst“ (aùróBeos) !1*) strenggenommen mit der Unsagbarkeit des Absoluten
und seiner Transzendenz über alle Benennungen (nach Parm.
142a) unvereinbar. Jamblich dürfte beide Bezeichnungen für sein
&v ägentov gebraucht haben — für Proklos bleiben auch sie wie alle
anderen dem „unerkennbaren Übermaß“ (äyvworos ünegoxn) des
Einen gegenüber absolut inferior und unangemessen (In Parm.
1108,25-1109,4). Wenn überhaupt xarapaux@s über das Eine gesprochen werde, indem man es das Prinzip von allem und das Ziel
allen Strebens nenne, so hätten solche Aussagen nur uneigentliche
und metaphorische Bedeutung, da in ihnen gar nicht das Absolute
als solches, sondern lediglich die konstitutive Beziehung des Späteren zum Absoluten zur Sprache komme: 6v Ov oùx aùtò Méyouev ti
Ba
got, GAN Önwg eet TA HET’ AUTO TEdS AUTO HAL dv got aitLOV 116)
Fir Proklos gibt es darum keine der Transzendenz des Absoluten
angemessene via eminentiae, sofern auf diesem Wege positiv etwas
über das Absolute ausgemacht werden soll: „Es ist also besser, wie
dies Platon getan hat, bei den Negationen zu bleiben und durch
ui) Öövros, un oùotas, um Cwfis, TÒ Inte nävra adt@v (corr. cod. A: tabta) eivat.
Vgl. schon Speusipp, Fr. 72 Isnardi Parente = Jamblich, De comm. math. sc. IV 15,
7-10: 10 Ev Öneg 51 OVSE Sv rw dei nakelv, Sid TÒ Amrodv eivan xai Où TO doxiv
uèv brdoyew tov Svtwv, thy dé GoxTW uNndéxw etvar toradty ola Exeiva Ov
&otıv doyh. Dazu Verf., Der Aufstieg zum Einen (wie Anm.7) 12f. 58 ff. 89-97.
118 ff. 151 ff. 175 ff.
113) Proklos, In Parm. 1108, 25-29: zai oùy hutv uèv Gyvwotov, éaut@ dé
YVWOTÖV Eotıv' et yao ÉOTLV hos UV GyvMotov, OSE ALTO TOÜTO YLYVOOKOUEV
btu Eavta yvwotdv Eotıv, GAAG Ha todto cyvootuev.
114) Proklos, In Parm. 1108, 36; 1109, 7.
115) Proklos, In Parm. 1108, 36f.; 1109, 1.
116) Proklos, In Parm. 1109, 12-14. Vgl. Plotin, Enn. V 3, 14, 1-8: A€youev
uév TI NEEL advtod, où uv AUTO Aéyouev ... Mote Negi AUTOD uÈv AÉyeuv, AUTO Sé
un Aéyew. xai yao Aéyouev 6 un ot: 6 ÒÉ Eotıv, où Aéyopev: Mote Ex TOV
votegov megi avdtod héyouev. Vgl. auch VI 8, 8, 3-8; VI 9, 5, 34; III 8, 10, 34-35;
III 8, 11, 19-23 u.ö. Dazu Verf., Der Aufstieg zum Einen (wie Anm. 7) 34 ff. 177 ff.
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View in PDF(opens in a new window)diese die absolute Transzendenz des Einen zu zeigen“!!’). Proklos
weist somit jede Durchbrechung der negativen Theologie strikt
zurück — ganz im Sinne des Plotinischen äpehe závra (V 3,17,38).
Köln
Jens Halfwassen
117) Proklos, In Parm. 1108, 19-22. Proklos bezieht sich auf die erste Hypothesis des Parmenides, vgl. auch In Parm. 1109, 22 ff.
WAR DER 13. BRIEF DES LIBANIOS AN DEN
SPÄTEREN KAISER JULIAN GERICHTET?')
Die Schriften des Libanios gehören zweifellos zu den zentralen Quellen für die Geschichte des Kaisers Julian. Nicht weniger
als zehn seiner Reden, die größtenteils noch während der Alleinherrschaft Julians oder wenige Jahre danach verfaßt wurden, beschäftigen sich direkt oder indirekt mit Person und Politik des
letzten heidnischen Kaisers’). Diese Zeugnisse sind besonders
wertvoll deswegen, weil Libanios in direktem persönlichen Kontakt zu Julian stand. Die Bekanntschaft des Sophisten mit dem
spateren Kaiser geht zurück auf die Jahre 348/349, als sich Julian
durch einen Mittelsmann Mitschriften von Libanios’ Vorlesungen
verschaffte, weil sein damaliger Lehrer Hekebolios ihm verboten
hatte, den Unterricht des Libanios persönlich zu besuchen. Julian
1) Prof. Malcolm Errington und Prof. Otto Lendle danke ich für die kritische Durchsicht des Manuskriptes.
2) Die Julianischen Reden des Libanios hat auf der Grundlage von
R. Försters Ausgabe (12 Bde., Leipzig 1903-1927) A. F. Norman mit englischer Ubersetzung und erklärenden Anmerkungen herausgegeben: Libanius, Selected Works,
Bd.1: The Julianic Orations, London-Cambridge/Mass. 1969. In Normans Auswahl fehlen jedoch die (nur fragmentarisch erhaltene) Monodie auf den ApolloTempel in Daphne (Or. 60) und die Rede An Polykles (Or. 37), die das Gerücht
widerlegt, Julian habe seine Frau Helena vergiftet. Auch in Libanios’ Autobiographie (Or. 1) spielt Julian eine Schlüsselrolle ($ 118-135).