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Fritz Krafft
13
RAR ETE.
ley
Die Anfänge einer theoretischen Mechanik
handelt, Bewegungen, zu denen die ,Natur‘ eines Kôrpers nicht von sich
aus in der Lage ist, ja die der ‚Natur‘ eines Körpers entgegenwirken und
für deren Zustandekommen sich der Mensch auf kunstvolle Weise ‚mechanischer Hilfsmittel‘ (unyavat) bedienen muß. Die ‚Mechanik‘, uaxavuch
téxvn, ist für die Antike eine ‚Kunst‘, die zur wissenschaftlichen Erkennt-
|
und die Wandlung ihrer Stellung
die ‚Natur‘ (püac) der Dinge, ihr ‚Wesen‘ und ihre ‚natürlichen‘, ,naturnis der ‚Natur‘ nichts Wesentliches beizutragen vermag.
Diese Auffassung von der ‚Physik‘ und ‚Mechanik‘ hat auch für STRATON
von Lampsaxos noch ihre Gültigkeit*. Gegen seine: Autorschaft würden
also die gleichen Einwände sprechen wie gegen jene des ARISTOTELES, und
sie hätten gleich viel und gleich wenig Gewicht.
Überhaupt wird man zu einer falschen Beurteilung antiker ‚Physik‘ und
‚Naturwissenschaft‘5 verleitet, überträgt man den modernen Begriff
Mechanik auf die Antike und beschreibt als antike ‚Mechanik‘ neben der
‚ungavoch téxva auch die Erörterung von Vorgängen, mit denen sich die
neuzeitliche Mechanik. als Teilgebier der Physik seit GALILEO: GALILEI beschäftigt. Gern werden dann die angeblich erlahmenden geistigen Kräfte
in der Zeit des ‚Untergangs der antiken Welt‘ angeführt, um nach diesem
methodisch falschen: Ausgangspunkt verständlich zu machen, warum die
Spätantike jene vielfältigen Ansätze antiker ‚Mechanik‘ — von der neuzeitlichen Mechanik her gesehen — nicht besser und umfassender habe
anwenden können. Zwischen ‚Physik‘ und ‚Mechanik‘ stand jedoch: in der
Antike — und im wesentlichen auch noch bis zur späten Renaissance —
eine unüberbrückbare Schranke: Die ‚Mechanik‘ war keine ,Naturwissenschaft‘, keine Wissenschaft von der Natur in antikem Sinne und konnte
deshalb. auch keinen: entscheidenden Einfluß auf ‚naturwissenschaftliche‘
gemäßen‘ (Eigen-)Bewegungen, also solche Körper, die das Prinzip ihrer
Betrachtungsweisen der Antike ausüben.
Bewegung in sich selbst haben, wie es ARISTOTELES definiert, während die
Der Unterschied zur neuzeitlichen Naturwissenschaft Mechanik wird
schon deutlich, wenn man sich einmal die Teildisziplinen antiker ‚Mechanik‘ vor Augen führt. Wir würden sie heute fast alle nicht mehr der
Mechanik und Physik, sondern vielmehr der Technik und Mechanischen
Technik zuweisen. Im wesentlichen übereinstimmend unterteilen nämlich
zur Wissenschaft von der Natur
Das älteste Werk über Mechanik, das wir noch besitzen, sind die innerhalb des Corpus Aristotelicum überlieferten ‚Mechanischen Probleme‘
(rpoßinuera unxavıxk, Quaestiones mechanicae). Wann diese peripatetische Schrift entstanden ist, wird wohl immer umstritten bleiben. Man
spricht sie heute in der Regel dem überlieferten Autoren ARISTOTELES ab
— als Hauptgrund für die Unechterklärung wird angeführt, daß der
große attische Philosoph sich nicht mit technischen und handwerklichen
“a
Fragen beschäftigt haben könne — und weist sie STRATON VON LAMPSA-
|
Kos, der etwa von 286 bis zu seinem Tode um 269 y. Chr. als Nachfolger
von THEOPHRAST Schulhaupt des Peripatos. war, oder gar. erst einem
seiner Schüler zut, werde doch STRATON in der Antike selbst schon als
der ‚Physiker‘ bezeichnet.
Doch ist das, was die ‚Mechanischen Probleme‘ behandeln, keine ‚Physik‘
in antikem Sinne, sondern ‚Mechanik‘, und beides läßt sich für antikes
Denken in der Zeit nach PLATON und ARISTOTELES im allgemeinen nicht
mehr vereinen. ‚Physik‘ behandelt, wie schon das Wort selbst andeutet,
‚Mechanik‘, wie man schon aus der Einleitung der ‚Mechanischen Probleme‘ ersehen kann, ‚naturwidrige‘, d. h. künstliche Bewegungen beı Vgl. z.B. P. Moraux, Les listes anciennes des ouvrages d’ Aristotle. Löwen 1951,
à
S. 120, dem sich auch H. FLasHar (Aristoteles. Werke in deutscher Übersetzung.
Bd. 19: Problemata physica, übersetzt von H. FLasHar. Berlin 1962, S. 310 f.)
anzuschließen scheint. — [Korr.-Zusatz: Zur Geschichte der Echtheitsfrage vgl.
jetzt H. M. Nosıs, Die wissenschaflshistorische Bedeutung der peripatetischen
‚Quaestiones Mechanicae‘ als Anlaß für die Frage nach ihrem Verfasser. Maia
Nr. 5 Bd. III, Jg. 18, 1966, 265—276.]
4 Auch die auf STRATON zurückgehende Einleitung zur ‚Pneumatik‘ des PHILON
von Byzanz spricht von dem Gegensatz naturalis/innaturalis; vgl. PHiLoN,
Pneumatica, in: Heronis Alexandrini opera quae supersunt omnia. Vol. I, Leip-
2 Vgl. W. WIELAND, Die aristotelische Physik. Göttingen 1962, S. 231 ff.
zig 1899, S. 470,3:
2 In diesem Zusammenhang ist eine Stelle aus der aristotelishen ‚Physik‘ be-
5 Vgl. dazu R. Hoovxaas, Das Verhältnis von Physik und Mechanik in historischer Hinsicht. Wiesbaden 1963 (Beiträge zur Geschichte der Wissenschaft und
sonders interessant (© 4 2552 21 ff.): ta ev yap rapà púnv adri xn ried
tav, olov è m6yAoc où pice tot Bdpous xtvyTixdc, ta Sè quae, olov rè.évepvela Depudv xiwnmxdv Tod Suvauet Sepuoë.
der Technik, Heft 7), und meinen Artikel ‚Naturwissenschaft‘ im Lexikon der
Alten Welt, Zürich und Stuttgart 1965.
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View in PDF(opens in a new window)„Mechanik im eigentlichen Sinne“ bezeichnet wurden, ist besonders deshalb interessant, weil uns dadurch ein sicherer Anhaltspunkt dafür gegeben ist, daß an dem Bedeutungswandel des Wortes unyavn umgekehrt
auch die Entwicklung der praktischen ‚Mechanik‘ der Antike abgelesen
Geminos ®, ein Stoiker des ersten vorchristlichen Jahrhunderts, dem sich
Proxtos in der Einleitung seines Kommentars zum ersten Buch der ,Elemente‘ EuxLms anschließt, und der spätalexandrinishe Mathematiker
Parros? die ‚Mechanik‘ in die Baukunst, die Kunst der Hebewerkzeuge,
werden kann:
unyavy bedeutete ursprünglich lediglich "Mittel‘, "List, und zwar unabhängig davon, ob man sich bei der Anwendung einer solchen nxev% nur
des Geschützbaus, des Bauens von Be- und Entwässerungsmaschinen und
von ‚Wunderwerken‘ (Automaten) — mit Hilfe von Luft (Luftdruck),
Sehnen und Seilen, Waagen oder Schwimmern — des Bauens von Wasserund Sonnenuhren und schliefilih die Kunst des Bauens von Sphären
(Armillarsphären, Planetarien, Globen u..ä.). Gemmos fügt das „Wissen
geistiger Mittel bediente oder auf geschickte Weise auch irgendwelcher
Werkzeuge. Neben dieser allgemeinen Bedeutung entwickelte sich allmählich eine speziellere, welche die allgemeine jedoch nie gänzlich verdrängen konnte. unyavñ wurde so zur ’geschickten Anwendung von Werkzeugen‘®, dann in übertragenem Sinne auch zum ’Produkt einer solchen
geschickten Anwendung von Werkzeugen‘ 1°, schließlich zum "Werkzeug‘
und zur ’Verbindung mehrerer Werkzeuge‘, zur ’Maschine‘. In den hippokratischen Schriften erwa werden chirurgische Geräte mit unxæwn bezeichnet 11, und bereits bei HERODOT (um 430 v. Chr.) ist es dann eine ’Hebemaschine‘ (II 125), wohl in der Art, wie sie der Autor der ‚Mechanischen.
Probleme‘ im 18. Kapitel beschreibt, wo er sagt, eine mit einer losen Rolle
über einen Seilzug verbundene feste Rolle finde, kombiniert: mit einer
Winde, im Bauhandwerk vielfältige Verwendung'?. Heropor kennt
unxavh jedoch auch schon für "Kriegsmaschinen‘ #5, etwa Schutzdächer,
Rammböcke, Leitern, Schleudern und dergleichen; man vergleiche besonders III 152, wo es heißt, Darzıos habe gegen Babylon r&vra copiopata
xal mácas unxavés vergebens angewendet: unxavn ist hier in der Bedeutung
bereits deutlich von séqiopa der "List" geistiger Art, getrennt, während
es ursprünglich beide Arten von ‚Listen‘ umfaßte. Auch die Theatermaschinen, mit deren Hilfe in der Spätzeit der klassischen artischen Tragödie der ‚deus ex machina‘ zur mythengerechten Wendung des festgefahvon der Ermittlung des Gleichgewichts überhaupt und des Schwerpunktes“
hinzu, von dem Parros im Anschluß an die Diskussion seiner Einleitung
zum 8. Buch der ‚Collectiones‘ sagt, daß sie Voraussetzung für alle Teildisziplinen der ‚Mechanik‘ sei. Zur ‚Mechanik‘ zählt letzterer dann auch noch
die geometrische Konstruktion mit Hilfsmitteln, die über Zirkel und
Lineal, welche den ‚einfachen Figuren‘ Kreis und Gerade entsprechen,
hinausgehen (dpyavach sc. téyvy: Coll. VIII 25 ff.). — Solche Konstruktionen wurden ja seit PLATON aus der eigentlichen Mathematik (Geometrie) verbannt, und auch ARCHIMEDES nannte seine heuristische Methode
eine ‚mechanische‘ 8.
Interessant an den Bezeichnungen für die einzelnen Teildisziplinen bei
Papros (3./4. Jahrhundert n. Chr.) ist, daß das jüngste Teilgebiet, welches
auch PHILON von Byzanz (1. Hälfte des 3. vorchristlihen Jahrhunderts)
noch nicht behandelt. hatte, nämlich Konstruktion und Bau von Schöpfgeräten, allein als „Mechanik im eigentlichen Sinne“ bezeichner wird:
À ray llos mew xaloupevovy ungavororsv (téyvn). Von den Vertretern der
anderen Teildisziplinen sagt PaPPos dann jeweils, daß auch sie von den
Alten ‚Mechaniker‘ genannt worden seien: unyavızavxal abrüvxark rode
deyatoug Acyouévev
u. i.
Daß im Verlaufe der Zeit offensichtlich verschiedene Teildisziplinen als
€ Bei ProxLos im Kommentar zum ersten Buch der Elemente Euxuins S. 41, ed.
FRIEDLEIN.
taDIleEed
Quorópo: unyavat), die aber auch selbst wieder als ein geschickt angewendetes
7 Coll. VIII 2 (S. 1024 f. ed. HurrscH). Eine ähnliche Unterteilung liegt der
Bucheinteilung PHILONS von Byzanz (manche Disziplin kennt er allerdings noch
Gerät aufgefaßt werden.
11 Einige Belegstellen bei G. H. Knutzen, Technologie in den hippokratischen
nicht oder hat er nicht bearbeitet) und der Stoffauswahl von Vrrruvs De arditectura zugrunde.
® Auch PHILON von Byzanz behandelt im ersten Buch seiner oúvtalic unxawıcn
schon ein instrumentelles Verfahren (dpyavxéc) zum Auffinden der beiden
mittleren Proportionalen (Delisches Problem), das er im 4. Buch (Belopoiika,
Kap. 7) noch einmal anführt, woher wir es kennen, da das erste Buch verloren
gegangen ist.
® Vgl. AiscHyLos, Perser v. 722; Heropor I 94,6.
10 Bei ArscHyLOS (Perser v. 114) z.B. bedeuter unXxavn ein ‚Schiff‘, eine ‚Brücke‘
Fe"
Schriften...., Wiesbaden 1964 (Abh. d. [Mainzer] Ak. d. Wissensch. u. d. Lit.
Geistes- und sozialwiss. Kl., Jg. 1963, Nr. 14), S. 65.
12 Dazu vgl. meine Bemerkungen zur Mechanischen Technik und ihrer Darstellung in der Klassischen Antike. Technikgeschichte 33, 1966, S. 142 ff.
13 Vgl. weiterhin TuukyDipes II 76, IV 13 u.ö.; XenorHon, Kyropaideia I 6,
38 und VIII 6,17; später z.B. Porysıos I 48,2.
Page 3
View in PDF(opens in a new window)renen Geschehens auf die Bühne geschwenkt wurde, hießen unyavatis —
sische und ägyptische Herrscher für ihre großen Bauvorhaben gern und
oft seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert griechische Ingenieure verpflichteren. Zu den bekanntesten unter ihnen gehören MANDROKLES VON
Samos und Harpatos, die den Bosporos für Darzıos beziehungsweise
Xerxes überbrückten. — Erwähnt werden soll von den griechischen Ingenieuren dieser frühen Zeit noch EuPALINOS VON MEGARA, der für die
Wasserversorgung von Samos einen langen Tunnel durch den oberhalb der
Stadt gelegenen Berg Kastros trieb, wobei er von beiden Enden aus zugleich mit dem Vortrieb begann, ohne später nennenswert von der gewünschten und berechneten Richtung abgewichen zu sein !®,
Diese Leistungen griechischer Ingenieure des 6. und 5. vorchristlichen
Jahrhunderts setzen zumindest eine geschidste Anwendung der mathematischen Kenntnisse (Geometrie) ihrer Zeit und einfacher und zusammengesetzter Maschinen 1” voraus. Sollte eine theoretische Behandlung dieser
Werkzeuge, die Berechnung ihrer Wirkweise, dann erst durch STRATON
von LAMPSAKOS zum ersten Mal erfolgt sein? Auch vor ARISTOTELES, dem
überlieferten Autoren jener ältesten erhaltenen Schrift, welche mechanische
Probleme. theoretisch behandelt, muß es eine solche Behandlung schon
gegeben haben; denn sein Lehrer PLATON gibt uns Hinweise auf eine
bereits zu seiner Zeit vollzogene Verknüpfung von Mathematik und
Mechanischer Technik — speziell genannt wird im Philebos (55 DE)
es waren wohl nur an einem Galgen befestigte Rollen.
Be- und Entwässerungsmaschinen wurden dagegen erst in späthellenistischer und alexandrinischer Zeit mit dem Worte erfaßt. Sie bilden eine fiir
den hellenischen Bereich ungebräuchliche Maschinengattung und wurden
sicherlich erst aus primitiven Anfängen (Ziehbrunnen, Schaduff, achtkammriges Wasserrad) von Griechen konstruiert, als sie in ptolemäischer
Zeit in Unterägypten vor Probleme des Wasserbaus gestellt wurden 5.
Da die alexandrinischen Ingenieure zu dieser Zeit in der antiken Welt des
Mittelmeerraumes führend waren und ihre Aufgaben sich in den nachchristlichen Jahrhunderten des Römischen Reiches allmählich von der
Kriegstechnik, die bei PHILON von Brzanz und den Poliorkerikern bis
hin zu. ATHENAIOS im 1. Jahrhundert v. Chr. noch vorherrschte, mehr auf
den zivilen Sektor des Tatigkeitsbereichs eines antiken Ingenieurs (‚Architekten‘) verlagert harten, konnte so unyavorotla (unxavoupylæ), das noch
bei ATHENAIOS nur den Bau von Geschützen und anderem Kriegsgerät
umfaßte, zur ausschließlichen Bezeichnung für den Bau von Schöpfmaschinen werden.
Das Wort unyavi wurde in hellenistischer Zeit dann über die in Unteritalien gesprochene dorische Form uäxav& von den Römern als ‚machina‘
übernommen. Dieses ‚machina‘ konnte aber als Fremdwort natürlich nur
die zur Zeit der Übernahme und für das Übernommene übliche Bedeutung
_
$ oraruch téyvn — und ARISTOTELES spricht schon von ‚mechanischen Be-
‚Maschine‘ haben, wie auch in den modernen Sprachen, die dieses Fremdweisen‘18, d. h. geometrischen Beweisen für die aufgrund geometrischer
Betrachtungsweise zu abstrahierenden Größen an ‚mechanischen‘ Bewegungsabläufen. — Von pyyavnal drodel£ez sollte später auch wieder
PHILON von Byzanz sprechen, und seine Worte? sind deshalb für diesen
wort. direkt. oder indirekt aus dem Lateinischen übernahmen. Dem griechischen unyavh dagegen haftete zu allen Zeiten noch die ursprüngliche
und allgemeinere Bedeutung des ,Listigen', des ‚Nicht-Narürlichen‘ an.
Die speziellere Bedeutung hatte sich mit all ihren Nuancen allmählich seit
der ersten Hälfte des 5. vorschristlichen Jahrhunderts herausgebildet, und
16 Vgl. H. Diets, Antike Technik. Leipzig und Berlin *1920, bes. S. 9 ff., und
den Bericht über jüngste archäologische Untersuchungen an dem noch gut erhalihr Wandel kann somit auch die Entwicklung der antiken Technik und
Ingenieurtätigkeit dokumentieren helfen. Daß die griechischen Ingenieure
aufgrund dieser Entwicklung in Griechenland ihren. Kollegen aus den
anderen Kulturreichen des Mittelmeerraums trotz deren großen technischen
Leistungen sehr bald weit überlegen waren, zeigt die Tatsache, daß per-
14 Vgl. z.B. ARISTOPHANES, Frösche v. 188, Frieden v. 174 und 790; PLATON,
Kratylos 425 D.
15 Viele Belege für unxavn und Verwandtes in dieser Bedeutung finden sich
deshalb in ägyptischen Papyri des 1. vorchristlichen bis 6. nachchristlichen Jahrhunderts. Solche unxaval sind die Archimedische Wasserschnecke (vgl. zulerzt
Verf. in: Technikgeschichte 33, 1966, S, 137 Anm. 36) und die aus den Werken
von Vırruv und HERON VON ALEXANDRIA bekannten Schöpfmaschinen.
rSe,r
tenen Tunnel von J. GooprieLD und ST. TouLin in: Isis 56, 1965, 46—55
(How was the tunnel of Eupalinus aligned?). Abbildungen findet man bei J. Goon-
FIELD, The tunnel of Eupalinus. Scientific American 210, June 1964, S. 104—112.
17 Vel. für das Ende des
5. Jahrhunderts die wohl echte Schrift des HirroxRaTEs
Über Knochenbrüche, Kap. 31 (Vol. III, S. 528, 16 ff. Littré): éxéca yap dvIpwrroiz Épueva neunyavnra, mkvtwv loyvpétata ¿om tele tabra, bvou te
repıeyayhxal péyAevargxal oxjpwae. éveu dì tobteav, À évès SH tivosÀ Tévrwv,
oúdiv tiv Épycov róv laxuporéruv ol Evdpwro, Emreléovaw, (Vgl. Anm. 36.)
18 Analytica posteriora A 9 762 24; vgl. außerdem bes. Metaphysik M 3 10782
14 ff. (A 1 981b 13 ff.).
19 Belopoiika 21, S. 59, 16 ff. THev. in: Philons Belopoiika (Viertes Buch der
Mechanik), Griechisch und deutsch von H. Diets und E. Schramm. Abh. Preuß.
Ak. d. Wissensch., Jg. 1918. Phil.-hist. Kl. Nr. 16, Berlin 1919.
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View in PDF(opens in a new window)Zusammenhang von besonderem Interesse, weil er jene Beweise neben die
pvamot Ayo: stellt, wodurch der Gegensatz von ‚Mechanik‘ und ‚Physik‘
deutlich zum Ausdruck kommt: Die ‚Mechanik‘ als angewandte Mathematik kann einen Sachverhalt ‚beweisen‘, darf andererseits aber selbstverständlich ebensowenig wie etwa mathematische Astronomie und geo2° gegen ‚Grundgeserze‘ (Aóyo:) der ‚Physik‘ verstoßen,
metrische Optik
obgleich sie wie jene umgekehrt nichts Wesentliches zur Erkenntnis der
‚Physik‘ der natürlichen Körper (des Himmels, des Lichtes) beitragen
kann, weil sie ja nur deren naturwidrige Bewegungen, die ihnen aufgezwungen wurden, betrachtet.
1
Nach diesen Zeugnissen gab es also schon mindestens zur Zeit des älteren
PLATON (zwischen 365 und 350 v. Chr.) eine theoretische ‚Mechanik‘ als
angewandte Mathematik — welcher Art auch immer die theoretische Behandlung gewesen sein mag. PLATON spradi im Philebos. speziell von der
otamxi téxvn, die er im Charmides als das , Wissen vom schwereren und
leichteren Gewicht“ definierte?1.. Am wichtigsten für unseren Zusammenhang ist jedoch eine Stelle aus den ‚Gesetzen‘ PLATONS. Im zehnten Buch
finder sich dort eine systematische Behandlung aller Formen von ‚Bewegung‘ in antikem Sinne*?: Acht Bewegungsformen werden dihairetisch
auseinander abgeleitet, Rotation, Translation durch Rollen und Gleiten
und weitere ‚Bewegungen‘,. die zu Wachstum, Schwund, Entstehen und
Vergehen der Dinge führen. Für all diese ‚Bewegungen‘ gelten dann die
beiden. Formen der Ursache, Selbstbewegung und Bewegtwerden durch
anderes. Also gilt auch für die Kreisbewegung, die Rotation, daß sie durch
Selbstbewegung entsteht
— dies sei die der Seele und den Himmelskörpern
eigentiimliche Bewegungsform — oder durch einen äußeren Beweger
(mechanisch) verursacht wird. Sie ist als die höchste und ursprünglichste
Bewegungsform in den Ausführungen des den Dialog führenden ,Atheners‘
auch zuerst angesprochen (893 CD):
„Steht nun nicht an einer gewissen Stelle das Feststehende fest un
sich das Bewegte? — Wie sollte es denn nicht?“ antwortet sich careta
RPrALQEeNtR
ner. — „Und das eine tut dies doch wohl irgendwo an einer einzigen
Stelle, das andere aber an mehreren? — Du meinst wohl, werden wir
antworten, daß sich etwas an ein und derselben Stelle bewegt, wenn es
in seiner Mitte das Vermógen des Feststehenden erlangt,
so wie die Peripherie von den sogenannten feststehenden Kreisen sich
dreht? — Ja. —
Wir lernen aber, daf eine solche Bewegung, da sie bei dieser Umdrehung
den größten und den kleinsten Kreis zugleich herumführt, sich verhältnismäßig unter die kleinen undpe (Kreise) verteilt, indem sie kleiner
und größer gemäß dem Verhältnis ist (7 totavry xivnaıs ava ASyov ¿murhv
Siapéver. opuxpolc
ve xal pellom, Ebitrov te odoa xal mielmv nat Abyov).
Deshalb ist sie ja zur Quelle aller Wunder geworden (rúv davuació
áxdvrov my), weil sie den großen und den kleinen Kreisen entsprechende
Langsamkeiten und Schnelligkeiten zugleich in Bewegung setzt — eine
unmögliche Eigenschaft (mi$oc), wie mancher wohl erwarten würde. —
Eine große Wahrheit sprichst du aus.“
Stelle man neben diese Stelle aus dem Alterswerk PLaTONS die Einleitung
der peripatetischen Schrift ‚Mechanische Probleme‘, so erscheint sie wie
ein Hinweis auf jene.Schrift, wie eine Zusammenfassung ihrer Ergebnisse;
denn dort: war ebenfalls von den ‚wunderbaren Eigenschaften der Kreise‘
die Rede, und die wunderbarste dieser Eigenschaften war ihrem Autoren,
daß die verschieden: großen Kreise (bei gleicher Winkelgesdrwindigkeit)
verschiedene (Linear-)Geschwindigkeiten haben, daß kein Punkt eines
Fahrstrahls. die gleiche Geschwindigkeit aufweist. wie ein anderer, daß
vielmehr ein Punkt desta schneller wird, je weiter er vom ruhenden
Zentrumentfernt ist. Es war dann in der Schrift gezeigt worden, daß die
Geschwindigkeiten der Kreise, d.h. die in gleichen Zeiten durchlaufenen
Bögen, im Verhältnis ihrer Halbmesser wachsen; und diese Eigenschaft
der Bewegung konzentrischer Kreise wurde als die Ursache aller Wunder
‚mechanischer‘ Bewegungen erkannt und fand durch den Autoren eine
qualitativ-‚dynamische‘ Erklärung.
20 Vgl. Verf., Der Mathematikos und der Physikos. In: Alte Probleme — Neue
Ansätze. Drei Vorträge von... Würzburg 1964. Wiesbaden 1965, S. 5 ff. (Beiträge zur Geschichte der Wissenschaft und der Technik, Heft 5).
Die peripatetische Schrift ist in der Form, wie sie uns vorliegt, aber sicherlich nachplatonisch, der oben zitierte Passus aus den platonischen ‚Gesetzen‘ deutet also, zumal er für den eigentlichen Zusammenhang nichts
hergibt und somit kaum für diesen erstmals konzipiert worden sein kann 24,
#1 Charmides 166 B 1 ff.: xal why ad y oraux tod Bapurépou te xal xoupotépou otaduod don atanxy (sc. Emoräun). Erepov Sé Eorıv td Bapd te xai
auf die Kenntnis, einer Schrift hin, die ‚mechanische Wunder‘ auf ähnliche
KOUHOV Tic orar TAG.
Weise mit der verschiedenen Lineargeschwindigkeit von konzentrischen
2 Vgl. zu diesem Abschnitt (Gesetze 893 B ff.) zuletzt F. SOLMSEN, Aristotle’s
System of the Physical World. A Comparison with his Predecessors. Ithaca und
New York 1960, S. 30 ff., und K. Gasser, Platons ungeschriebene Lehre. Studien
zur systematischen und geschichtlichen Begriindung der Wissenschaft in der Platonischen Schule. Stuttgart 1963, 173 ff.
23 Vgl. vorerst zu dieser Schrift und ihrem mathematischen Gehalt Th. Hearn,
Mathematics in Aristotle. Oxford 1949, S. 227 ff.
2 Vgl. bei PLATON etwa schon Timaios 40 B.
Page 5
View in PDF(opens in a new window)Kreisen verschiedenen Durchmessers mit gleicher Winkelgeschwindigkeit
zu erklären versuchte wie die ,Mechanischen Probleme‘.
>
Kann es eine solche Schrift gegeben haben? — Ich vermute, daß
ARCHYTAS* eine Schrift diesen Inhalts verfaßt hatte, die dann dem Autoren der peripatetischen Schrift ‚Mechanische Probleme‘ als Anregung und:
Quelle diente.
Da wir aber heute keine Schriften und fast keine wörtlichen Fragmente
von ARcHYTAS mehr besitzen und die Doxographie der Antike gerade
für ARCHYTAS von vielem mit. Sicherheit Unechtem überwuchert ist,
wird dies immer nur eine Vermutung bleiben können. — jedoch eine
Vermutung mit recht hohem Wahrscheinlichkeitsgrad, wie ich, wenn in
diesem Zusammenhang auch vorerst nur andeutungsweise, zeigen zu
können hoffe.
Jede Wissenschaft und jede wissenschaftliche Außerung wird nämlich durch
zwei — wechselweise jeweils mehr oder weniger stark zur Geltung kommende — Faktoren unverkennbar geprägt, durch ihren Urheber und
Schöpfer und durch den Historischen Raum, in dem sie entsteht. Sie läßt
sich dadurch mit den methodischen Mitteln des Historikers und Philologen
jeweils ihrem Schöpfer und Urheber, aber‘ auch ihrem bestimmten Historischen Raum zuordnen, bleibt jedoch andererseits ohne jene historischphilologischen Hilfsmittel nur verständlich, solange die sie konstituierenden Präsentabilien alle noch Bestandteil des gegenwärtigen Historischen
Raumes sind oder sich doch nicht wesentlich von den entsprechenden jenes
|
Raumes unterscheiden.
Für die Anfänge der theoretischen Mechanik ist uns der erste Faktor, die
Person ihres Begriinders, vorerst nicht greifbar. Wir miissen uns also indirekter Methoden bedienen, um die Hintergriinde ihres Entstehens aufdecken zu können, und so bleibt uns nur der Historische Raum zu erkunden, in dem die theoretische Mechanik der Antike mit ihren spezifischen
Methoden und Deutungen entstanden sein kann und muß. Diese spezi25 Schon E. Frank (Plato und die sogenannten Pythagoreer. Halle 1923, S. 379
Anm. 365) sieht als Quelle jenes „Abrisses der Mechanik bei Paro, Ges. 893
B ff.“ ArcHyras an. Doch beruhen seine umfangreichen Zuweisungen überwiegend auf bloßen, stark verallgemeinernden Spekulationen, auch können wir
ARCHYTAS nur für die Rotation als Vorlage wahrscheinlich machen (vgl. jedoch
Anm. 24). E.Frank weist dort auch auf PsEuDO-ARISTOTELES, Problemata
physica XVI 9 hin (jetzt = Arcuytas, VS 47 A 23 a).
fischen Eigenarten sind ihrerseits jenen spateren Zeugnissen antiker thearetischer Mechanik zu entnehmen, die noch auf uns gekommen sind. Der
mit deren Hilfe sondierte und naher zu kennzeichnende Historische Raum
wird dann seinerseits helfen, vom Ursprung her die antiken Auferungen
zur theoretischen Mechanik besser verstehen und ihre Stellung in der
Wissenschafts- und Geistesgeschichte überhaupt charakterisieren
und bestimmen zu können.
Unter Historischem Raum soll hier das Ganze eines geographisch-klimatischen und geistig-kulturellen Bereiches verstanden. werden; dessen Komponenten unter anderem auch die Präsentabilien für alle Arten von geistigen und sinnlichen Erfahrungen beeinflussen. Allerdings werden im
Wandel der Zeit und für verschiedene Zweige der Wissenschaft. jeweils
auch andere Komponenten in stärkerem Maße als die übrigen wirksam,
weil sie die jeweils. konstituierenden Präsentabilien und: den einzelnen
Forscher und ‚Spezialisten‘ mehr oder weniger stark beeinflussen. Der
erfahrene und beobachtete Gegenstand:
der sozusagen unveränderlichen
‚Natur‘ mit ihren unveränderlichen: Naturgesetzen bleibt ja in der Regel
derselbe oder doch der gleiche, aber der Blick- und Standpunkt des Beobachters ändert sich ständig mit dem Historischen Raum. und aufgrund
individuell wirksamer Faktoren. Dadurch ändern sich auch Erfahrung
und. Beobachtung; die ihrerseits wieder auf einzelne Rompocenten. des
Historischen Raums ändernd. wirken können.
Sobald sich neben dieser allmählichen: und wechselseitig bedingten Anderung einzelner Komponenten andere oder dieselben sprunghaft verändern,
und zwar soweit, daß die Grundlagen für das Verständnis einer Erfahrung oder Beobachtung verschoben oder gänzlich genommen werden, können höchstens — eigentlich notwendig unverständliche — Ergebnisse oder
Anregungen zu Beobachtungen, die auch in dem neuen Historischen Raum
möglich sind, aus dem alten übernommen werden..Sind doch: die geistigen
Leistungen eines. Historischen Raumes diesem unverkennbar eigen, nicht
in einem anderen genau wiederholbar und nur so weit in anderen Räumen
erkennbar, wie auch. diesen Gemeinsames sie konstituierend beeinflußte.
So kann aus einer Erfahrung und ihrer Deutung bei der Übernahme in
einen anderen Historischen Raum etwas ganz anderes und Neues entstehen, wie besonders deutlich der Wandel der antiken Wissenschaft von
der Natur und der antiken ‚Künste‘ zur neuzeitlichen. Naturwissenschaft
seit der Renaissance zeigt: Das gilt auch für die antike Kunst ‚Mechanik‘,
die jetzt zu einer ‚Natur‘-Wissenschaft wird.
Ganz am Anfang der Traditionskerte, die uns mit der griechisch-römischen Antike verbindet, beginnt der Weg dessen, was wir seitdem unter
Wissenschaft verstehen. Dazu gehört von Beginn an auch und vornehmlich
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die Mathematik ?9, die — ursprünglicdı von empirisch gewonnenen Kenntnissen der Praxis ausgehend — wieder auf die Praxis selbst angewendet
werden konnte. Ein Zweig dieser angewandten Mathematik ist schon in
der Antike die theoretische ‚Mechanik‘, deren älteste Teildisziplin sich mit
sagt
dem Heben und Bewegen schwerer Lasten beschäftigt, denen ihrerseits
auch die älteste erhaltene ‚mechanische‘ Schrift fast ausschließlich ihre
Erörterungen widmet.
Wir haben jedoch schon gesehen, daß diese Schrift wahrscheinlich nicht die
älteste überhaupt gewesen ist, die ‚mechanische‘ Probleme künstlicher
Bewegungen theoretisch behandelte. Es soll deshalb im folgenden der Versuch unternommen werden, durdı das Aufzeigen mir für die Zeit ihres
Entstehens wesentlich erscheinender Komponenten Ursprung und Entwicklung dieses ältesten Zweiges: antiker Mechanik und theoretischer
Mechanik überhaupt zu beleuchten und jene oben geäußerte Vermutung,
daß ArcHyTAs der Begründer einer theoretischen Mechanik sei, mit einigen
Y)DT
A
vi
nach Anderung einiger für ihr Entstehen ursprünglich wesentlicher geistiger Faktoren nämlich die neuzeitliche Klassische Mechanik: entstanden,
die neue Betrachtungsweise wesentlichen Faktoren vielleicht auch zum
Verständnis dieser neuen, für den Bereich der Makrophysik in Grenzbereichen noch unumschränkt;,gültigen‘ Betrachtungsweise und zum Selbstverständnis neuzeitlicher Mechanik und Physik überhaupt beitragen:
+
Die ‚Gesetze‘ PLATONS, in denen sich der oben zitierte Hinweis auf eine
Erklärung der Wirkweise ‚mechanischer‘ Geräte durch die unterschiedliche
Lineargeschwindigkeit konzentrischer Kreise verschiedenen Durchmessers
aber gleicher Winkelgeschwindigkeit fand, die älter als jene aus den
‚Mechanischen Problemen‘ sein muß, entstanden in seinen letzten Lebensjahren, also vermutlich zwischen den Jahren 350 und 347 v. Chr. Daß
PLATON mehrmals mit ARCHYTAS zusammentraf, ist gut. bezeugt — wäh-
Diese unteritalienischen Pythagoreer scheinen andererseits aber auch starken Anteil an der sprunghaften Entwidclung in der Konstruktion von
großen Geschützen aus Bogen, Armbrust und Schleuder gehabt zu haben,
die in Syrakus erfolgte, wohin DIONYSIOS DER ÄLTERE (405—367 v. Chr.)
die besten griechischen Ingenieure berufen hatte, um unter anderem wirksame Waffen zur Abwehr der Karthager konstruieren zu lassen. Auf den
Einfluß jener Pythagoreer wird dabei das später von alexandrinischen
Ingenieuren zur Zeit des Kresisios (1. Hälfte des 3. vorchristlichen Jahrhunderts) — wieder nach umfangreichem und aufwändigem Experimen-
Argumenten zu stützen. Aus dieser ‚mechanischen‘ Betrachtungsweise ist
und so. könnte der Nachweis des Ursprungs und auch nur eines der für
23
'
tieren und Probieren — verbesserte Einheitsmaß zur Bestimmung der
Abmessungen aller Einzelteile der Geschütze zurückgehen ”,
Wir wissen daneben aus der Geschichte der Mathematik, daß gerade
ARCHYTAS sich mit den aus verschiedenen. Einzelbewegungen resultierenden Bewegungen (Bewegungskurven) beschäftigte. Auf diese Weise gelang
ihm ja seine ‚mechanische‘ Lösung des: Delischen Problems. der Würfelver28. Sein Schüler Eupoxos von Knipos, der in der ersten Hälfte
doppelung
des 4. vorchristlichen Jahrhunderts wirkte und zeitweilig als Gast der
Platonischen Akademie angehörte, ließ erstmals die verwickelten Planetenbewegungen aus. den verschieden gerichteten gleichförmigen Kreisbewegungen mehrerer jeweils einem Planeten zugeordneter Sphären resultieren.
PLATON macht ähnliches im Timaios, wo jeder Planet zwei Kreisbewegungen ausführt; er kennt im Zusammenhang mit den Planetenbahnen
auch die Abhängigkeit der gegenläufigen Lineargeschwindigkeit von dem
Erdabstand des Planeten (,Gesetze VII 822 AB). Die Zerlegung einer
Bewegung in ihre einzelnen Komponenten gibt aber auch dem Autoren
der ‚Mechanischen Probleme‘ die Möglichkeit der ‚dynamischen‘ Erklärung
‚mechanischer‘ Bewegungen, indem nach dem Vorbild des Parallelogramms
der Bewegungen die Kreisbewegung der konzentrischen Kreise ungleichen
Durchmessers in eine ‚natürliche‘, tangential gerichtete, und eine ‚unnatürliche‘, zum Zentrum gerichtete, Komponente zerlegt werden, deren wechselnde Verhältnisse die unterschiedlichen Gesdrwindigkeiten auf den
Kreisperipherien ergeben sollen — und eine ähnliche Zerlegung der Kreisbewegung wird auch in jener Schrift den Ausgangspunkt der Erörterung
rend seiner letzten Sizilienreise in den Jahren 361/360 v.Chr. war er
sogar auf dessen Hilfe angewiesen. Beide scheint eine enge Freundschaft
und reger Gedankenaustausch verbunden zu haben. Auch sonst ist Plato-
27 Vgl. H. Diets, Antike Technik. Berlin und Leipzig * 1920, S. 19 ff. und 91 ff.
daneben meinen: Artikel ‚Mechanik [B 4]° im Lexikon der Alten Welt. Zürich
nisches Denken in vieler Hinsicht durch pythagoreisches der unteritalieniund Stuttgart 1965.
schen Schule um ARCHYTAS beeinflußt.
28 Vgl. dazu J. Mrrretstrass, Die Entdeckung der Möglichkeit von Wissenschaft.
22 Vgl. O. Becker, Das mathematische Denken der Antike. Göttingen 1957,
S. 76—82 (Studienhefte zur Alterrumswissenschaft, Heft 3). Auch die Quadratrix des Hırrıas von Etis (vor 400 v. Chr.) wird durch zwei Bewegungen
Archive for History of Exact Sciences II, Heft 5 (1965), S. 410—435.
erzeugt.
Page 7
View in PDF(opens in a new window)gebildet haben, deren mit jenem der ,Mechanischen Probleme‘ iibereinstimmenden Grundgedanken Platon in den ‚Gesetzen‘ wiedergab.
Eupemos bezeugt (fr. 60 WeHRLI = VS 47 A 232%), daß ARcHYTAs im
Ungleichmäßigen (rd dvógadov) und Ungleichen (rd ämoov) die Ursachen
(atria) der Bewegung gesehen hat, nicht schon die Bewegung selbst, wie
beliebt gewesen zu sein. Worin sich ein ‚Problem‘ von einem bloßen
dann später PLATON. Die ungleichen konzentrischen Kreise sind aber
blem dagegen auch nach dem, aufgrund dessen dieser Sachverhalt besteht
letztlich die Ursache der Bewegung auch in den ‚Mechanischen Problemen‘.
Besonders interessant ist für diesen Zusammenhang das 8. Kapitel, wo
demnach mit rives vermutlich ARCHYTAS gemeint ist (851? 35 f.):
Warum sind runde und kreisförmige Formen am beweglichsten? ... Ferner behaupten einige (rivec), daß die Kreislinie genau so. ständig in Bewegung sei, wie das Ruhende in Ruhe bleibe, weil es fest aufliegt, wie es
auch für die größeren Kreise im Vergleich zu den kleineren zutrifft.
Schneller nämlich werden von einer gleichgrofen ‚Kraft‘ (loytc) die größeren bewegt und bewegen sie die Gewichte, weil der Bogen des größeren
Kreises im Verhältnis zu dem des kleineren eine gewisse ‚Bewegungskraft‘
(ein gewisses ‚Übergewicht‘: oh) besitzt, und zwar in. dem: Verhältnis
wie der Durchmesser zum Durchmesser. Aber jeder Kreis ist ja ein größerer
im Vergleich zu irgendeinem kleineren, sind es doch jeweils unbegrenzt
viele, die (noch) kleiner sind. (D. h. für jeden Kreis kann man sich unbegrenzt viele kleinere vorstellen, über die er ein ‚Übergewicht‘ har, so daß
er sich von selbst bewegen muß.)
In den gleichen Zusammenhang gehört Problem 9 des XVI. Buches der
unter dem Namen des ARISTOTELES überlieferten peripatetischen Schrift
‚Problemata physica“ (9152 25 ff. = VS. 47, ArcHYTAS,. A: 23.2), wo der
Name des Arcuyras auch ausdrücklich genannt ist. Noch in weiteren
Fällen ist jenes für die Problemata-Literatur typische Frage-und-Antwort-Spiel für ArcHYras bezeugt (vgl. VS 47 A 22 und 24), und es läßt
sich nachweisen, daß es die Literatur-Gattung der Problemata für die verschiedensten Gebiete bereits von der Zeit der Sophistik an gegeben hat 3.
Besonders unter den Mathematikern und ‚Physikern‘ state diese Methode
der Behandlung von solchen Problemen, die als zusammenhängend gelten, weil sie auf die gleiche Ursache zurückgeführt werden können, sehr
=> F. WEHRLI, Die Schule des Aristoteles. Texte und Kommentar. Heft 8: Eudemos
von Rhodos. Basel 1955. — VS = Die Fragmente der Vorsokratiker. Griechisch
und deutsch von H. Drets. 9. Auflage, hg. von W. Kranz. Berlin 1952 u. 6.
30 Vel. H. FLASHAR, a. a. O. (s. Anm. 1), S. 298 ff., wo entsprechende Belege aus
der Zeit der zweiten Hälfte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts zusammengestellt
‚Iheorem‘ unterscheidet, ist jedenfalls schon in der Mitte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts festgelegt; aus der Schule des Omoripes stammt
nämlich jene bei ProkLos32 erhaltene Unterscheidung, wonach ein
‚Iheorem‘ nur nach den „Anzeichen“ für einen Sachverhalt sucht, ein Pro(... tò pav Sebpnua Entel, tt gor oburtapa cd xammyopovpevov tig dv wir
Aye, td Sè mpdBAnua, thvog Svtog ti Eonw). In der Form des Frage-und-
Antwort-Spiels sucht man also schon im 5. vorchristlichen Jahrhundert
nach den Ursachen (airta) eines Sachverhaltes oder Vorganges, und zwar
besonders dann, wenn dieser Sachverhalt oder Vorgang seltsam (Savuéotos)
erscheint, als ein Wunder
®.
Die in den-,Mechanischen Problemen‘ faßbare Methode zur Behandlung
gleichartiger Probleme ist demnach bereits zur Zeit des ARcHYTAS, der ja
wenig älterer Zeitgenosse PLATONS war, ausgebilder gewesen; und wenn
Geminos — bei Papros, Coll. VIII 3 — sagt, ARCHIMEDES.
habe für alle
Arten von ‚mechanischen‘ Apparaten und Automaten „Ursache und Berechnung“ (dv alrlav xal tov Adyov) erkannt, so zielt das nicht auf die
Begründung einer theoretischen ‚Mechanik‘ durch ARCHIMEDES, sondern
auf die der zu seiner Zeit axiomatisch aufgebauten Statik. Daß diese nicht
den Anfang einer theoretischen Behandlung ‚mechanischer* Probleme überhaupt bildete, haben wir bereits an der anders aufgebauten peripatetischen
Schrift gesehen, die nach Problemata geordnet den Wirkweisen mechanischer Geräte eine qualitativ-‚dynamische‘ Erklärung zuteil werden ließ.
Damit schien sie aber wieder auf einer älteren Schrift des ArcHrras zu
basieren.
So sagt denn auch Diogenes LAERTIOS
% nach älteren Quellen, Archytas
„habe als erster die Mechanik unter Heranziehung mathematischer Prinzipien methodisch behandelt“ (ottog npürog rà unyauxà mais pabmuamxaîe
mpooxpnodwevos dpyaic uewôevoe).
Das kann
sich nicht — wie z.B.
I. L. HEIBERG * meint — auf die ‚mechanische‘ Lösung des Delischen Problems beziehen, weil diese von Diogenes LaERTIOS als zweite Leistung
des ArcHyTas unabhängig davon angeführt wird. Vielmehr wird man
ARCHYTAS in der Tat als den Begründer einer theoretischen Behandlung
32 In Eucl. elem. I, S. 80,15 ff. ed. FRIEDLEIN = Omoripes, VS 41 fr. 12.
3 Vgl.
XENOPHON, Symposion VII 4.
sind.
% Vitae philosophorum VIII 83 = Arcuytas, VS 47 A 1.
31 Nach diesem Gesichtspunkt sind auch die einzelnen Bücher der unter dem
35 I.L. Hemerc, Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaft im Alter-
Namen des ARISTOTELES überlieferten unechten Problemata physica zum Teil
noch geordner und zusammengestellt.
tum. München 1960 [1925] (Handbuch der Altertumswissenschaft. Bd. 5, Teil 1,
Abteilung 2), S. 67.
Page 8
View in PDF(opens in a new window)‚mechanischer‘ Probleme anzusehen haben. — Ich hoffe, daß die vorangestellten Argumente, die sich noch um manche vermehren ließen, womit
jedoch der Rahmen dieser Arbeit gesprengt werden würde, dazu ausreichen, die Aussage des Diogenes LAERTIOS zu bestätigen und die Vermutung zu bekräftigen, daß die archyteische Schrift, mit der die theoretische ‚Mechanik‘ begründet wurde, zum Teil frei exzerpierte Quelle der
peripatetischen Schrift ‚Mechanische Probleme‘ gewesen ist, von der ich
annehme, daß sie eine wohl von späteren Peripatetikern erweiterte Schrift
des ARISTOTELES selbst ist. — Doch die Entscheidung der Echtheitsfrage
spielt für diesen Zusammenhang keine wesentliche Rolle.
Diocenes Laertios führt unter dem Namen- des ARCHYTAS eine Schrift
repl ungavig an, die allerdings teilweise einem anderen ARCHYTAS, und
zwar ArcHyras dem ‚Ingenieur‘ (&pxır&xtuv), zugewiesen werde.Sollte es
sich bei diesem Titel nicht doch um jene erschlossene Schrift des ARCHYTAS
handeln? In der Einleitung zu den ‚Mechanischen Problemen‘ heißt es
nämlich — für spätere Zeit eigenartig und. eigentlich unverständlich —,
derjenige Teil der Kunst, welcher gegen die Natur eines Körpers Gerichtetes vollbringen könne, werde unyavh (nicht unxaveñ sc. téxvn,, wie
dann schon bei Arrsrotetes. selbst!) genannt, ’Hilfsmittel‘: 8:6 xal
uadobpev Tic tens To mpd toimitag drroplag Bondoüv ¡époc. unyaviy
(8472 18 f.). Spateren Generationen erschien es sicherlich unwahrscheinlich,
ja als Verunglimpfung, daß der Pythagoreer ArcHyras, Mathematiker,
Philosoph und Staatsmann, sich auch als ‚Ingenieur‘ (‚Mechaniker‘) betätigt haben sollte, weshalb die Schrift für unecht erklärt worden sein
kann: Ein neuer ArcHYras wurde erschlossen, um jene Tätigkeiten des
Pythagoreers zu verkörpern, die in späteren Zeiten nicht mehr als mit dem
Philosophen und Theoretiker vereinbar galten.
Doc wissen. wir glücklicherweise aus anderen Quellen von seiner Tatigkeit als praktischer ‚Mechaniker‘, als Ingenieur. Die mechanische Klapper
oder Rassel, von der ARISTOTELES in seiner ‚Politik‘ berichtet (O 6 1340b
26 ff. = ArcHYTAS, VS 47 A 10), mag als Kinderspielzeug nicht unbedingt dafür sprechen. Dodi die bei GeLLIUS (Noctes Atticae X 12,8 =
Arcuytas, VS 47 A 11) und Favormus erwähnte fliegende Taube aus
Holz ist der erste ‚Automat‘, von dem wir wissen. Wie ihr Mechanismus
auch immer funktioniert haben mag — GeLLIUS spricht, im Anschluß an
Favorinus (?), von Waagen und pneumatischen Einrichtungen, die in
ihrem Innern verborgen gewesen seien (a. a. O.: affirmatissime scripserunt
simulacrum columbae e ligno ab ARCHYTA ratione quadam disciplinaque
mechanica factum volasse; ita erat scilicet libramentis suspensum et aura
spiritus inclusa atque occulta concitum.) — ihre Konstruktion und ihr
Bau setzt auf alle Fälle praktisches Können und theoretische Einsicht in
Pe
MceoLiratesy
27
die Wirkweise und Berechnung ungleicharmiger Waagen und dergleichen
voraus. — Praxis und Theorie in der téyvq waren es auch, welche die
Medizin dieser Zeit als: gleichwertig und gleichermaßen notwendig für
ihre ‚Kunst‘ betrachtete 3,
Das Bild der Wissenschaft und Technik dieser Zeit um 400 v. Chr., das
sich auf die im vorigen Abschnitt skizzierte Weise gewinnen läßt, legt
nahe, die Entstehung einer theoretischen ‚Mechanik‘ in eben: dieser Zeit
anzusetzen.
Die ‚Mechanik‘ galt, wie schon gesagt wurde, in der Antike und im Mittelalter als eine Kunst und harte als Kunst dort einzugreifen, wo die Natur
das vom Menschen Erwünschte nicht von sich aus vollbringen konnte. Das
Künstliche ist damit erwas Nicht-Narürliches, ja erwas Naturwidriges:
Im Falle der ‚Mechanik‘, der sich Mittel und Werkzeuge zur ‚Überlistung‘
der Natur bedienenden Kunst der Antike, ist diese Auffassung dann endgültig erst von GALILEO Gariter und seinen Nachfolgern überwunden
worden, die aufzeigten, warum man auch mit mechanischen Hilfsmitteln
nur etwas erreichen kann, wenn man der Natur folgt, sich nach ihren ‚Gesetzen“ richtet. Auch bei der Anwendung einer Maschine geschehe: nidhts.
Widernatiirliches.
Eine entgegengesetzte Auffassung herrschte jedoch, wie oben skizziert
wurde, in der Antike,
und wir haben uns zu fragen, wann, d.h.
in wel38 Vgl. dazu besonders die in Anm. 11 zitierte Arbeit von G. H. KNUTZEN, in
der die Autorschaft des Hırpokratss für die drei Schriften des Corpus Hippocraticum
mepl Staltng
dEéuv,
mepl
dyuév
und
mepl
&pSpwv
¿Bok
sehr wahrscheinlich gemacht wird (s.a. oben Anm. 17). Auffallend an diesen
drei Schriften ist die von KNUTZEN ermittelte gemeinsame Auffassung von der
rexvn (Inrpuch), die als gleichzeitiges „Tun und Denken“ (ppoveïv xal roreiv)
lediglich die (einzelne oder als solche allgemein aufgefaßte) ‚Tätigkeit des Arztes‘
bezeichner (téxvn = &pyalsatar), jedoch noch nicht die dieser Tätigkeit zugrundeliegende und getrennt von ihr bestehende abstrakte ‚medizinische Kunst (Wissenschaft)‘, die dann erst in der späteren (unechten?) Schrift wept dpxalng Inrpueñc |
und in den Platonischen Dialogen mit dem Wort t&xvn erfaßt wird. ARCHYTAS
ist jüngerer Zeitgenosse des HiPPOKRATES, und auch er scheint demnach nodi
nicht von einer enxavuch téxvy als ‚Mechanischer Kunst‘ gesprochen haben zu
können. In Verbindung mit dem oben zitierten Ausdruck in den Mechanischen
rar erhielte somit der Titel repl unyavñc für ArcHyras aus dem technologischen Schrifttum seiner Zeit eine Bestätigung.
der Arbeit von Knutzen: DLZ 88 [1967], Heft 4.) ci
(Vgl. dazu meine Besprechung
Page 9
View in PDF(opens in a new window)chem Historischen Raum und vor welchem geistigen Hintergrund, diese
Auffassung entstanden sein kann; denn sie ist mit einer Wertung verbunden und hat dadurdı die Entwicklung antiker ‚Naturwissenschaft‘
und ‚Mechanik‘ entscheidend beeinflußt, daß sie eine Wechselwirkung
zwischen beiden verhinderte.
Die ‚Physik‘ hatte als Wissenschaft von der ‚Natur‘ der Dinge in der
Antike nachweisbar seit PLATON eindeutig den Vorrang gegenüber der
Beschäftigung mit künstlichen Dingen, die zum Nutzen und Ergötzen des
Menschen erfunden werden. Da. die ‚Natur‘ als ein organisches Ganzes,
der Kosmos als ein Lebewesen aufgefaßt wird, kann die ‚Natur‘ auch
eines einzelnen Dinges danach nicht mehr isoliert betrachtet werden. Greift
der Mensch künstlich in den organischen Zusammenhang und den narürlichen. Ablauf ein, so kann er dann nicht mehr ‚Natur‘ erkennen, sondern
nur noch menschliche ‚Kunst‘. Die ‚Mechanik‘ als die Herstellung und
theoretische Erörterung von unyavat, von. Mitteln zur ‚Überlistung‘ der
Natur, kann für die Antike also keine ‚Naturwissenschaft‘ sein und ist es
auch nie gewesen.
Diese Beurteilung und Bewertung. des Unnarürlichen an der ‚Mechanik‘
kam schon in den ‚Mechanischen Problemen‘ deutlich zum Ausdruck. Wir
kennen die Gegeniiberstellung von pborz und tiyw auch aus den aristotelischen, platonischen und hippokratischen Schriften. Ihre Bewertung
scheint aber noch älteren Ursprungs zu sein; denn in der zweiten Hälfte
des 5. vorchristlichen: Jahrhunderts: überschritt die Anwendung geschickt
und listig eingesetzter Mittel die den Griechen eigentlich stets recht weit
gesteckten Grenzen der Schicklichkeit so weit, daß es zu einer heftigen
Reaktion kam. copés bedeutete um 400 v. Chr: nicht mehr ’weise‘, sondern
’klug‘, ’gerissen‘; ,Sophist* konnte.
so zu einem Schimpfwort werden, und
coplopata zu unxavhuæræ. Diese "Listen und Machenschaften der Sophisten, die durch ihre geistigen Mirtel alles erreichen zu können meinten
und versprachen, wurden verpónt: Es gebe: nicht für alles und gegen alles
ein Mittel, die Natur lasse sich nicht beeinflussen, man- müsse ihr vielmehr
Folge leisten, sich nach ihr richten. Das gilt für das Gebiet der- Medizin
ebenso wie für die innermenschlichen Beziehungen: Geradliniges, natiirliches Verhalten und Handeln sollten an die Stelle der entarteten sophistischen Machenschaften und gewaltsamer Heilmethoden treten.
Sehr anschaulich und eindringlich wird diese aktuelle Diskussion um den
Gegensatz von ungavn beziehungsweise téxvn und gua und ihre Bewertung. in den attischen Tragódien und Komödien. des letzten Drittels des
5. vorchristlichen Jahrhunderts — in den Intrigendramen eines EURIPIDES,
bei ARISTOPHANES, der seinen beißenden Spott sich über Wissenschaftler,
Ingenieure und Politiker seiner Zeit ergießen läßt und ihre Methoden an-
29
prangert, aber auch bei SorHoxLEs. Sein Drama ‚Philoktet‘ mag als Beispiel besonders angeführt werden, in dem das geradlinig-natürliche, seiner
púas (seinem Adel, seiner Herkunft) entsprechende ehrliche Verhalten des
Neoptolemos sich allmählich gegen die ihm von Odysseus aufgezwungene
und vorerst angenommene unlautere Haltung gegenüber dem hilflosen
Philokter durchsetzt und dann, als Neoptolemos sich ihrer bewußt wird,
eindeutig über die Listen und betrügerischen Machenschaften des Odysseus
triumphiert
37 — eines Odysseus, dessen listenreiches Handeln in: früheren
Zeiten und teilweise auch später wieder dem Griechen als: vorbildlich
gegolten hatte.
Im Geschichtswerk Heropors, das um 430 y. Chr. abgeschlossen wurde,
werden aus der gleichen Einstellung heraus die großen und zum Teil von
Griechen ausgeführten technischen Leistungen, mit denen die Perserkönige
ihre Griechenlandziige: ermöglichten — nämlich die Überbrücung des
Bosporos und der Kanalbau, welcher der Flotte die beim ersten Versuch so
verhängnisvolle Umschiffung des Athos ersparen sollte und diese Halbinsel zur Insel machte — als frevelhafte, gottlose Eingriffe
in die Natur
angesehen. Heropor sah so in diesen Eingriffen auch Mitursachen für den
zweimaligen Untergang des. Perserheeres 38.
37 Durch die Überwindung der vorher nur angenommenen — allerdings bereitwillig angenommenen — List, nach dem Fehlschlagen auch der Überredung, wird
sich Neoptolemos, an der Standhaftigkeit des Philokter gewachsen, der Schlechtigkeit seiner Auftraggeber und damit auch des eigenen zum Durchbruch gekommenen Andersseins bewußt: Die gúats triumphiert über die unXaævn; doch nicht so,
daß sie sich an deren Stelle setzt — wie es vor dem Auftreten des ‚deus ex
machina‘ erscheint — sondern so, daß sie trorz deren Gegenwärtigkeit in stets
von neuem zu erkämpfendem Sieg über jene: besteht. Herakles, der ‚deus ex
machina‘, gibt mit seinem Schicksal. das Beispiel dafür und führr Philokter (und
Neoptolemos) zu der Erkenntnis, daß nur der zweite Triumph ein echter Sieg
ist: Philokret und Neoptolemos fahren nicht in die Heimat, sondern nach Troja. —
Vgl. dazu H. Erase, Neoptolemos und Philoktet bei Sophokles. Hermes 94,
1966, S. 177—201.
38 Vgl. bes. VII 22,3 und 35,2, außerdem das Orakel der PrrHIA, welches die
Knidier sich nach Heropor (I 174,5) erbeten hatten, weil die Arbeiter beim Bau
eines Kanals durch die Halbinsel von Knidos (Südwestecke von Kleinasien), der
sie vor der Eroberung durch Harracos schützen sollte, ungewöhnlich viele
Unfälle erlitten: — *IoQudy 32 wh rupyoëre und dpbowereZeig yép x’ ESyxe, el x’ ¿Boúdero.
(‚Baut keine Mauer auf dem Isthmos, hebt keinen Graben aus; denn Zeus hätte
ibn zur Insel gemacht, wenn er es gewollt hätte‘) Dazu vgl. L. Huser, Religiöse und politische Beweggründe des Handelns in der Geschichtsschreibung des
Herodot. Diss. Tübingen 1965, S. 34 Anm. 1, S. 139 und 161.
Page 10
View in PDF(opens in a new window)In dieser extremen Form findet sich die Bewertung der téyva auf allgemeiner Ebene jedoch nur als unmittelbare Reaktion auf die im letzten
Drittel des 5. Jahrhunderts entartete Sophistik. Schon bei PLATON ist sie
sehr viel positiver. Daß die Wertung fiir die theoretische ‚Mechanik‘ noch
lange beibehalten wurde, weist doch wohl deutlich darauf hin, daß sie
nur in diesem Historischen Raum Griechenlands um 400 v. Chr. entstanden sein kann — oder doch so starke Impulse erhielt, daß diese lange nachen
31
matische ‚Naturwissenschaft‘ des Platonischen Timaios durch ARISTOTELES
abgelehnt und für die Folgezeit weitgehend widerlegt worden war. Die
Mathematik gehörte nach ARISTOTELES einem anderen Seinsbereich als
die ‚natürlichen‘ Dinge an. Sie kann deshalb nichts zur Erkenntnis der
‚Natur‘, der Ursachen ‚natürlicher‘ Vorgänge beitragen und im sublunaren
Bereich nicht einmal der Beschreibung solcher Vorgänge dienen. Die natürlichen, d. h. mit allen Umweltseinflüssen ablaufenden Vorgänge des irdiwirken konnten. Es ist die Zeit,in der ARCHYTAS, aufwuchs.
schen Bereichs als solche sind auch viel zu komplex, um ihnen von vorn-
Vor dieser Zeit, etwa bei EMPEDOKLES undin einigen. der hippokratischen
herein mathematische Gesetzmafigkeiten unterlegen zu können. — es sei
Schriften — ganz zu schweigen von ANAXIMANDER aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert, der sich die Welt mit Bildern aus der Technik und
dem Handwerk deutete —, galten technische Vorgänge durchaus als Analoga zu solchen in der Natur und konnten deren Ablauf exemplarisch
dokumentieren ®, Die strenge Scheidung von technisch-künstlichen und
natürlichen Dingen ist dann erst in jenem von einigen Seiten her skizzierten Historishen Raum entstanden. und anschließend philosophisch begründet worden. Überwunden wurde die Scheidung erst wieder
in der
Spätrenaissance um 1600; jetzt konnte ähnlich wie bei den genannten
älteren antiken Naturphilosophen an künstlich-technischen und experimentell ausgelösten Vorgängen Beobachtetes zur Erklärung, von Vorgängen in der Natur herangezogen werden — und davon machte das 17. Jahrhundert dann ja auch ausgiebigen Gebrauch.
Da die praktisch-technische ‚Mechanik‘, die Technik, älter als die theoretische ‚Mechanik‘ war, blieb sie von dieser negativen Wertung auf die
Dauer frei. Die Ingenieure und Baumeister waren zu fast allen anderen
Zeiten und in allen Schichten des. Volkes bei den Griechen hoch angesehen
— auch wieder bei den großen attischen Philosophen PLATON und ArıstoTELES, wie ihr Werk zeigt. Doch der Gegensatz zwischen naturgemäßer
und naturwidriger Bewegung hatte inzwischen eine ‚philosophische‘ Begründung erfahren. Die theoretische ‚Mechanik‘ war sozusagen, betrachtet
man es vordergründig, in einem ungünstigen Augenblick entstanden und
ist deshalb in der Antike und im Mittelalter nie zu einer ,Naturwissenschaft‘ geworden — doch wahrscheinlich hat sich der Augenblick ihres
Entstehens gar nicht so ungünstig ausgewirkt; denn aufgrund der strengen
Scheidung von den natürlichen, narurgemäßen Bewegungsvorgängen
konnten die ‚unnatürlichen‘, ,nicht-natiirlichen‘, d. h. ‚mechanischen‘, weiterhin mathematisch behandelt werden, nachdem jene idealistische mathedenn gewaltsam und aufgrund voreiliger Verallgemeinerungen, wie etwa
in den Spekulationen der älteren Pythagoreer, die narürlich als Vorstufe
nicht wegzudenken sind. Ihre, sämtliche Bereiche, die materielle wie die
immaterielle Welt, umfassende, symbolträchtige und oft nur pseudomathematische Betrachtungsweise führte sich nach ihrem immer wieder
faszinierenden und in der Folgezeit bis hin zu JoHANNES KEPLER vielfältig
und oft anregenden Höhepunkt bei PLATON schon bei dessen Schülern,
den älteren Akademikern, selbst ad absurdum. Faßte man den sinnlich
wahrnehmbaren Bereich als ‚Natur‘ auf, so war eine mathematische Behandlung jetzt ausgeschlossen — ‚mathematische Naturwissenschaft‘ gab
es nur für einen idealen Bereich, die ‚Natur‘ PLATONS und der Neuplatoniker und -pythagoreer, die aber mit der sinnlich wahrnehmbaren Welt
wenig gemein hatte und auch. nichts gemein haben sollte. Mathematische
Betrachtungsweise war im sinnlich wahrnehmbaren sublunaren Bereich
nur noch für nicht als natürlich angesehene Vorgänge möglich, nur noch
auf dem Gebiet von vornherein nach mathematischen Prinzipien aufgebauter r&xvaı, z.B. in der ,Mechanik‘ 4. Hier konnten aber — wie ich
meine — mathematische Geserzmäßigkeiten nur deshalb entdeckt werden,
weil im Gegensatz dazu als ‚natürlich‘ geltende komplexe Vorgänge keinen störenden Einfluß auf die Exaktheit mehr auszuüben vermochten —
gehörten sie doch einem ganz anderen Seinsbereich an.
Die ‚Mechanik‘ hatte so als angewandte Mathematik zwei verschiedenartige theoretische Behandlungen erfahren, die ältere ‚dynamische‘ (ARCHYTas (?), ‚Mechanische Probleme‘) und die jüngere statische des ARCHIMEDES.
Jene mehr qualitative ‚dynamische‘ Betrachtungsweise hatte ARCHIMEDES
durch seine mehr quantitative, streng mathematisch deduzierende statische
% Ähnliches gilt auch für die Astronomie, Optik und Musiklehre mit jeweils
einem mathematisch-technischen und einem in antikem Sinne physikalischen Teil,
wobei uns der erstere, beschreibende, als (exakt) ‚naturwissenschaftlich‘ erscheint,
5 Vgl. O. Recensocen, Eine Forschungsmethode antiker Naturwissenschaft.
Quellen und Studien... B, 1,.1930,5.131—182 (wieder abgedruckt in: O. REGENBOGEN, Kleine Schriften. München 1961, S. 141—194).
ohne es jedoch für die Antike gewesen zu sein. An gescheiterten Versuchen einer
Synthese hat es allerdings besonders für die Himmelskunde seit der Zeit um
Christi Geburt nicht gefehlt; vgl. dazu die in Anm. 20 angegebene Arbeit.
Page 11
View in PDF(opens in a new window)Betrachtungsweise zu widerlegen gemeint, indem er die Geschwindigkeit
als ihm unwesentlich erscheinenden Faktor unbeachtet ließ. Die statischquantitative Methode erwies sich für den Augenblick als brauchbarer, die
‚dynamische‘ geriet für diesen Bereich antiker Mechanik, der sich mit dem
Bewegen schwerer Lasten beschäftigt, in Vergessenheit. Sie kam eigentlich
— sieht man von dem sicherlich ohne nennenswerte Wirkung gebliebenen
Zwischenspiel Jorpanus NEMORARIUS einmal ab — erst wieder in der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zum Tragen, als man sich nach den
ersten Drucken lateinischer Übersetzungen. der ‚Mechanischen Probleme‘
und der archimedischen Schrift ‚Über das Gleichgewicht. ebener Flächen‘
mit beiden antiken Betrachtungsweisen auseinandersetzte und beide als
gleichwertige Möglichkeiten nebeneinander standen — die ‚Mechanischen
Probleme‘ waren ja erst später, erstmals zu Beginn des 18. Jahrhunderts,
ARISTOTELES ernsthaft als seiner nicht. würdig abgesprochen worden. Man
ging — glücklicherweise, wie ich meine — nicht pseudo-historisch vor und
sah die vorarchimedische Schrift nicht als Vertreter einer von ARCHIMEDES
überwundenen Frühform theoretischer Mechanik an. So konnte mit
GALILEO GALILEI sowohl die ‚dynamische‘ als auch die ‚statische‘ Betrachtungsweise zu neuem Leben erweckt werden.
Zu neuem Leben: deshalb, weil eine für die Beurteilung der Möglichkeit
einer Wissenschaft von der: Natur wesentliche Komponente des geistigkulturellen Raumes sich seit der Antike grundlegend gewandelt hatte. Die
kurze Skizze einiger mir wesentlidr erscheinender Komponenten des
Historischen Raums zur Entstehungszeit. theoretischer Mechanik sollte ja
men nicht näher ausgeführt werden 41. Doch scheinen mir die entscheidenden Impulse für die oft von ihren Vertretern so genannte neue Wissenschaft der Zeit GaLILEIS und seiner Nachfolger wesentlich gerade daher zu
rühren, daß die relativ weit ausgebildete mathematische Wissenschaft von
den Hilfsmitteln zur Überlistung der Natur, die antike ‚Mechanik‘, durch
die neue Auffassung von der Natur, von der Natürlichkeit mechanischer
Prozesse, die — wie in der Antike nacheinander — jetzt nebeneinander
teils statisch, teils dynamisch gedeutet wurden, plötzlich zu einem Bestandteil der Naturwissenschaft werden und als eine solche auf alle anderen
Bereiche dieser Naturwissenschaft starken Einfluß ausüben konnte. — In
diesem Zusammenhang sei nur auf die im 17. Jahrhundert, in der Zeit
zwischen GaLizeı und NEWTON, entstehende Himmelsmechanik hingewiesen, eine Wissenschaft, die schon vom Begriff her für die Antike einen
Widerspruch in sich selbst gebildet hätte — bewegten sich doch die Himmelskörper auf narürliche Weise, nicht aufgrund: eines künstlichen, ‚mechanischen‘ Zwanges.
versuchen, aufzuzeigen, wo und als Kind welcher Zeit die wissenschaft-
Hierin sieht man vielleicht am besten den Unterschied.in der Auffassung
von der ‚Mechanik‘ und ihrer Stellung innerhalb beziehungsweise außerhalb einer Wissenschaft.
von der Natur. Dem Bereich der Gültigkeit der
‚Mechanik‘ waren aufgrund jener erst von GALILEI überwundenen Auffassung für die Antike feste Grenzen gesetzt. Aber man darf nicht vergessen, daß die ‚Mechanik‘ ohne diese Grenzen wahrscheinlic in der
Antike nie zu einer angewandten Mathematik, wir würden sagen: zu
einer exakten Naturwissenschaft, geworden wäre und dann auch jener
späteren Zeit. nicht als Muster einer mathematischen Naturwissenschaft
liche Mechanik auf der Grundlage von Erkenntnissen der schon weit entwickelten Praxis entstanden war, um verständlich zu machen, wo in der
Natur sicherlich viel höher zu veranschlagen ist als jener der mathemati-
Antike ihre Grenzen lagen und in welchem Zusammenhang oder unter
schen Astronomie, die noch längere Zeit danach im Vergleich zur Mechanik
welchen Voraussetzungen diese Grenzen wahrscheinlich nur überwunden
im antiken Rahmen des vorwiegend Kinematischen verblieb.
Und die since Voraussetzung dafiir war jene ganz andere Auffassung
werden konnten.
41 Vgl. hierzu besonders die in Anm. 5 zitierte Arbeit von R.Hooykaas und
von der Natur und dem Menschen in ihr und der Stellung der ganzen
Schöpfung zu ihrem Schöpfer, die seit dem Ausgang des 16. Jahrhunderts
dahingehend zum Tragen kam, daß dem Künstlichen die prinzipielle Andersartigkeit gegenüber der ebenso ,kunstvollen* Schöpfung Natur abin: Sonne steh still. 400 Jahre Galileo Galilei. Sein heutiges Bild durch Beiträge
gesprochen wurde. Die ‚Natur‘, der Kosmos, steht für den Christen ja
nicht mehr als eine Gottheit über dem Menschen.
Für die Mechanik wurde die Gleichartigkeit, die Ablehnung eines ‚Unnatürlichen‘ neben dem Natiirlichen, erstmals von dem jungen GALILEO
GALILEI in seiner Frühschrift ‚Le mecaniche‘ von 1593 (1600 überarbeitet‘
generell ausgesprochen. Wie es dazu gekommen ist, kann in diesem Rahhätte vorliegen können, dessen Einfluß auf die neue Wissenschaft von der
F. Kıemm, Der junge Galilei und seine Schriften „De motu" und „Le mecaniche“,
n... gezeichnet. Hrg. v. E. Brüche. Mosbach 1964, bes. S. 76 ff. Angeschnitten wurde das Thema auch in meinem Vortrag ‚Die Wandlung des Begriffs
Mechanik‘ auf dem Congressus internationalis Antiquitas Graeco-Romana ac
tempora nostra.in Brno. Er wird demnächst in den Kongreßberichten erscheinen:
Antiquitas Graeco-Romana ac tempora nostra. Acta congressus internationalis
habiti Brunae diebus 12—16 mensis Aprilis MCMLXVI. Pragae Academia 1967.
(Diesen Ausführungen liegt
ein Vortrag zugrunde, der auf der 48. Jahrestagung
der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und
Technikin Lübeck am 28. 9. 1965 gehalten wurde.)