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696. BLERSCH K., Wesen und Enıstehung des Sexus im Denken
der Antike (Tübinger Beiträge zum Altertumwissenschaft hrsg. von
O. Weinreich, 29): Stuttgart-Berlin Kohlhammer 1937 IX-104p.r°
C.R.: Isis 27 1939 Diller / PhW 59 19
27739
Kind.
I. ABSCHNITT.
Aufstellung der grundlegenden Gesichtspunkte durch die
vorsokrafischen Nafurphilosophen und Ärzte.
1. Die Vererbungstheorie.
a) Grundgesetze.
Wir beginnen die geschichtliche Darstellung der drei Theorientypen mit der Vererbungstheorie. Aus dem Bericht des Aristoteles, der als ihren typischen Vertreter Demokritos, den Philosophen der Atomistik, nennt, sind folgende Grundgesetze für
diesen Lösungstypus abzuleiten:
j
1. Die Geschlechtsbestimmung ist ein Vererbungsvorgang,
bei dem die Anlage zu männlichem oder weiblichem Geschlecht
als bestimmter stofflicher Zustand oder in präformierter Gestalt
von den Elternindividuen im Sperma weitergegeben wird.
2. Die Verwirklichung des männlichen oder weiblichen Geschlechtscharakters ist das Ergebnis der Dominanz einer der
beiden Geschlechtsanlagen.
3. Die Vererbungsfunktionen beider Eltern sind sich gleichwertig und parallel. Das weibliche Individuum produziert ein
dem männlichen genau entsprechendes Sperma !),
b) Alkmaion von Kroton und die Milesische Naturphilosophie.
Alkmaion ist für uns der historisch faßbare Ausgangspunkt
in der Entwicklung der Sexustheorien. Wir stellen daher seine
Theorie an den Anfang, um so für die Beurteilung der wissenschaftlichen Fragestellung des ausgehenden 6. Jahrhunderts v. Chr.
einen Ankntipfungspunkt zu gewinnen.
. 3) Gen. anim. A 1. 7642 6: Anpöxpırog de 5 "Aßönplms ev nev TH unrpi
riveodal pnor Av diapopdv ToD Hrkcoc al tod Gppevog, ob nevror did Beppdnd Te xal wuxpörnte 75 ev Yirveadar OfAu 6 V’&ippev, AAA dmotepov. Av
xpariioy TO oneppa To And Tod poplou E&ABdv, WB diapepouav aAkrıkwv To OfAu
xal TO üppev.
Grundgesetze. Alkmaion von Kroton
5
Als Physiologe zeigt Alkmaion echten wissenschaftlichen
Forschergeist, der die Grenzen und Weiten menschlicher Erkenntnismöglichkeit bewußt und sachlich sich festlegt!). Entschlossene Beschränkung des Wissenwollens auf die Bezirke der
pücıg charakterisiert den Geist dieser Wissenschaft. Seine Sexustheorie muß epochemachend gewesen sein; denn die antike Biologie knüpft an seinen Namen die Lehre vom Vorhandensein
eines gleichwertigen väterlichen und mütterlichen Spermas2).
Von exakter Einfachheit ist das Gesetz, das Alkmaion für den
embryonalen Geschlechtsbestimmungsvorgang aufstellt: „Wer von
den beiden Eltern eine größere Menge Samen beiträgt, dessen
Geschlecht wird im Kinde verwirklicht8).“ So lautet die erste
uns und der antiken Wissenschaft bekannte, aus reinem wissenschaftlichen Fragen erwachsene Geschlechtsbestimmungstheorie.
Wir erkennen darin die Grundgesetze des von Aristoteles formulierten vererbungstheoretischen Lösungstypus: die Geschlechtsbestimmung ist ein Vererbungsvorgang, und zwar vererbt jedes
Elternindividuum sein Geschlecht. Verwirklicht wird die dominierende Anlage. Das Dominieren selbst beruht nach Alkmaion
auf quantitativen Vorgängen.
Jener kürgliche Satz erscheint zunächst als das einzig
Sichere, was wir heute noch, durch den Glauben an die doxographische Überlieferung, über die Sexuslehre des Alkmaion
wissen können. Tatslichlich läßt sich aber mit Hilfe anderer
Lehren des Krotoniatischen Arztes und auf Grund von nah verwandten späteren Theorien eine Geschlechtsbestimmungstheorie
für Alkmaion rekonstruieren, die sich als geschlossen und innerlich notwendig erweist. Aus dem für das biologische Denken
des 6. Jahrhunderts äußerst charakteristischen Gesetz der Dominanz durch die Quantität der vererbenden Samenmasse müssen
wir die Frage nach dem spezifisch männlichen oder weiblichen
Stoffzustand ableiten: in welchen Merkmalen des Samens sah
Alkmaion die unterscheidenden Bestimmungsfaktoren männlicher
und weiblicher Geschlechtsvererbung? Diese Frage findet ihre
Antwort durch die uns erhaltene Lehre des Alkmaion über die
Ursachen der Unfruchtbarkeit bei den männlichen Mauleseln,
1) DV1i4Bi1cd 1868).
2) Cens. d. d. nat. V, 4.
8) Cens. d.d, nat. VI, 4.
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Er sieht sie in einer anormalen Dünnflüssigkeit (Aentörng) des
keit des Samens von den Elternindividuen weitergegeben werden
und nach dem Gesetz des quantitativen Überwiegens sich vererben. Es ist ein ganz charakteristisches Denken, auf dem diese
Theorie aufgebaut ist. Drei Merkmale kennzeichnen dieses Denken:
1. Das Sperma ist ein in seiner Struktur einheitlicher
männlichen Samens‘). Die Dünnflüssigkeit ist also für den
männlichen Samen ein Zustand, welcher die Ausübung seiner
spezifischen Zeugungs- und Vererbungsfunktionen unmöglich
macht. Dieser physikalischen Bestimmung des pathologischen
Samenzustandes muß auf der normalen Seite als Bedingung der
Fruchtbarkeit der Zustand der Dickflüssigkeit entsprochen haben;
in diesem Zustand vermag das männliche Sperma seine normale
Funktion auszuüben: zu zeugen und, nach den uns schon bekannten
Gesetzen, männliches Geschlecht zu vererben. Dieser Schluß
von der anormalen Beschaffenheit des männlichen Spermas auf
den theoretisch normalen Zustand wird gestützt durch einen Satz
des Aristoteles, worin er die Unfruchtbarkeitstheorie des Alkmeion auf den Menschen übertrügt: die Unfruchtbarkeit der
Männer sei vorwiegend in einer weiblichen Grundanlage der betreffenden Individuen begründet, die sie nur zur Erzeugung dunnflüssigen Spermas befühige. Die Bedingung für die Fruchtbarkeit des männlichen Spermas sei eine bestimmte Dickflüssigkeit
(näxog)2).
Mit Sicherheit dürfen wir also folgende Lehre aufstellen: dem männlichen Sperma kommt als normaler Zustand
die Dickflüssigkeit, dem weiblichen Sperma die Dünnflüssigkeit
zu Der Geschlechtsgegensatz fügt sich demnach in der physikalischen Formel „Dicht— Dünn“ als grundlegendes Gegensatzpaar in die Reihe der zahllosen Gegensätze ein, die Alkmaion
aus Pythagoreischen Vorstellungen heraus in selbständiger Weiterbildung der naturwissenschaftlichen Betrachtung des Weltgeschehens zugrunde legte: z. B. weiß—schwarz, süß—bitter,
gut—schlecht, groß—klei3).
n
Aus dem vorhandenen Material läßt sich die Sexustheorie des
Alkmeion in folgender Form rekonstruieren: der Geschlechtsunterschied ist an zwei physikalisch definierbare gegensätzliche
Stoffzustände gebunden, die als Dickflüssigkeit oder Diünnflüssig1) At. Plac. V 14,1 (DD 424, 80): "AAkpalwv Tüv Amövwv Touc nev
&ppevas äyövous napk TAv Aemrömta TAG Bopfis A yuxpöınra. Der Zusatz
A vuxpömra* ist wohl eine später hinzugekommene, aus Gesetzen der
Aristotelischen Physiologie abgeleitete Interpretation: vgl. Arist. gen.
anim. B 8. 7480 81 ff.
2) Arist, gen. anim. B 7. 746b 34 ff.
8) DV 45 BS5 (I 847, BB),
7
Stoff!), aus dem sich, wie aus einem Urstoff, das werdende
Individuum herausdifferenziert. Der Geschlechtsunterschied beruht auf einer physikalischen Abwandlung, auf einer Verschiedenheit des Aggregatzustandes dieses gemeinsamen Grandstoffes.
2. Die embryonale Geschlechtsbestimmung vollzieht sich nach
den Gesetzen der Quantität.
3. Der spezifische Geschlechtszustand erhält eine physikalisch— ,
mechanische Formulierung.
Diese offensichtlich auf einer geschlossenen Stofflehre aufgebauten Sätze über die Vererbung des Geschlechtes aus den
wissenschaftlichen Denkformen des 6. Jahrhunderts zu verstehen,
wird uns ermöglicht durch eine unter dem Namen des Parmenides überlieferte Theorie über die Urzeugung der Geschlechtswesen. Die doxographische Überlieferung berichtet diese Theorie
in folgender Form: „Die im Norden entstandenen Wesen haben
sich männlich entwickelt (denn sie haben größeren Anteil am
Dichten), während die in südlichen Zonen entstandenen Lebewesen entsprechend ihrer feinen und dünnen Struktur weiblichen
Charakter annahmen2).“ Wir verwerten diesen Bericht über
eine Theorie, die im 2. Teil des Parmenideischen Lehrgedichtes
niedergeschrieben war, als wichtige Quelle für unsere Kenntnis
über den Stand der Sexuswissenschaft am Ausgang des 6. Jahrhunderts, jedoch nicht als Theorie des Parmenides selbst®). Das
Problem der Urzeugung, das hier aufgeworfen wird, ist ein
Grundproblem der Naturphilosophie des 6. Jahrlunderts. Für
1) Diese Auffassung vom Wesen des Spermas spricht aus seiner Lehre,
daß das Sperma ein Teil des Gehirns sei (Aöt. Place, V,8 = DD 417,10).
2) Abt. Plac. V 7, 2.
8) Die Deutung und Zuordnung der Parmenideischen Theorienreste
war von jeher strittig. Zeller hat auf die Widersprüche dieser Sexuslehren
hingewiesen (Philos. d. Griech. I1. S. 719 Anm.). Trotzdem versuchen
Zeller und Diels, aus den vorhandenen Fragmenten eine einheitliche Theorie
zu rekonstruieren (DD 194 u. Zeller a, a. O.). Eine genaue Analyse der
Grundgedanken des bei Caelius Aurelianus (Morb. chron. IV 9 = DV 18
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unsere Betrachtung stellen wir fest, daß innerhalb der naturphilosophischen Forschung dieser Zeit eine Lehre existierte,
welche die gesamte körperliche Struktur des männlichen und
weiblichen Geschlechtes nach dem Grad der Gewebedichtigkeit
unterschied, und daß eine physikalische Wesensbestimmung des
Sexus durch die quantitativ-mechanischen Begriffe der Verdichtung und Verdünnung unternommen wurde. Empirische Beobachtungsgrundlage ist die Feststellung des festeren und widerstandsfähigeren Baus des männlichen Körpers und der zarteren
und weicheren weiblichen Struktur. Diese Eigenschaften werden
auf meßbare, quantitativ bestimmbare Formeln gebracht. Die
naturphilosophische Stofflehre wendet für diesen beobachteten
Geschlechisunterschied die physikalischen Grundbegriffe Dicht
in die Balınen der Milesischen Naturphilosophie
eindeutig
gewiesen. Der Grundstoff für die Urbildung beider Geschlechtsarten ist der Erdboden, als dessen Aggregatzustand der Sexus
und Dünn an (nuxvov—dpaıöv und naxö—kentöv: das erste Begriffspaar als Bezeichnung für den bestimmenden Gewebezustand des
ausgebildeten Individuums, das andere Bezeichnungspaar als
Formel fir den Geschlechtsunterschied im Sperma). Nach typisch
naturphilosophischer Methode wird ein charakteristisches Einzelmerkmal zum allgemein gültigen wesensbestimmenden Moment
erhoben.
Wenn wir nun nach den philosophischen Voraussetzungen
für diese Behandlung des Stoffproblems fragen, so werden wir
B 18.1168, 10) überlieferten Parmenidesfragmentes und eines von Galenos
zitierten Verses (Galen. XVII A 100 Kilhn) sowie der doxographischen Notiz
des Adtius (DD 420, 1) ergibt jedoch, daß hier zwei grundverschiedene
theoretische Voraussetzungen vorliegen. Schon die metaphysische Distanzierung des Parmenides gegenüber dem 2. Teil seines Lehrgedichtes berechtigt zu der Frage, ob es sich bei den überlieferten Fragmenten um
Bestandteile einer einheitlichen Theorie des Parmenides handelt oder ob
wir in ihnen Reste der Theorien von Naturphilosophen sehen missen, die
er zitiert als Beispiel für die Irrgänge der „döEar dvdpWv“. Die sachliche
Unvereinbarkeit seiner Sexuslehren zwingt zu der letzteren Annahme. Die
Theorien des Parmenideischen Lehrgedichtes werden daher in dieser Abhandlung nicht unter dem Namen des Parmenides berichtet, sondern als
namenlose, höchst wichtige Zeugnisse für die Sexuswissenschaft am Ausgang
des 6, Jahrhunderts. — Die symbolische Bedeutung des Geschlechtsgegensatzes im Rabmen seiner Ontologie kann nicht Gegenstand dieser Abhandlung sein. (Vgl. dazu Diels, Parmenides S. 101. Döring, Das Weltsystem
des Parmenides (Zeitschr. f. Philos. Bd. 104. 1894]. Reinhardt, Parmenides
und d. griech. Philos. S. 32. Eine Zusammenstellung der verschiedenen
Ansichten über die Bedeutung des 2. Teils des Parmen. Lehrgedichtes
findet sich: Zeller-Nestle, Philos. d, Griech. I 1 S. [729] ff.)
9
erscheint: „2k tg ic“ heißt es in der doxographischen Formulierung. Im Zusammenhang mit der Erwärmung dieses Grundstoffes steht die Lockerung und feinere Strukturierung des Stoffgefüges, während mit der Abkühlung die Verdichtung verbunden
ist. Das ist nichts anderes als die Anwendung der physikalischen
Grundgesetze aus dem Weltbild des Anaximenes. Dieser
leitete alle Erscheinungen des Naturgeschehens, auch die Bildung
der organischen Wesen in ihrer verschiedenartigen Differenzierung
aus der Verdichtung oder Verdünnung des Urstoffs ab und
schrieb den einzelnen Verdichtungs- oder Verdünnungsstufen entsprechende Grade der Abkühlung bzw. Erwärmung zu. !).
Die Gesetze der vorliegenden Urzeugungstheorie sind also
aus der Anaximeneischen Physik abgeleitet. Daß Aneximenes
tatsächlich das Problem der Urzeugung geschlechtlich differenzierter Wesen aufgeworfen hat, kann mit großer Sicherheit behauptet werden. Denn schon Anaximander war mit einer
Theorie vorangegangen, welche die erste Entstehung männlicher
und weiblicher Individuen mit ausgesprochen rationaler Denkmethode aus natürlichen Ursachen zu erklären suchte: nach
seiner Theorie bildeten sich zunächst aus dein feuchten Erdschlamm fischartige Wesen; in diesen entwickelten sich die
Menschen bis zur Geschlechtsreife und kamen dann als vollentwickelte Männer und Frauen ans Tageslicht?2). Gemeinsam
ist beiden Theorien die Vorstellung, daß beide Geschlechter
gleichzeitig, aus dem gleichen Stoff und als sexuell vollständig
differenzierte Individuen auftraten. Bei Anaximander gehen sie
mittelbar aus dem Erdstoff hervor, während sie nach den Gesetzen der Anaximeneischen Urzeugungstheorie direkt aus der
Erde entstehen. Leider ist uns nicht überliefert, ob Anaximander
die geschlechtliche Differenzierung der in den Urfischen sich entwickelnden Individuen aus bestimmten stofflichen Vorgängen
1) vevväodal Te mdvra xard rıva nükvwavy ... . xal madlıv Apaluorv
(I 28,7), DV 3 A 5 (I 22,24).
DV8A6 (I 28,8), und DV8 Bi
2) DV2 H30 (I 21,10) = Cens. d. d. nat. IV, 7. DV2 H 30 (I 21,13)
= Plut. Symp. VII 8, 4 p. 730 E.
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View in PDF(opens in a new window)Ausbildung des Begriffs der Geschlechtsanlage
abgeleitet hat. Jedenfalls aber steht fest, daß aus dem Denken
der Milesischen Naturphilosophie heraus zum ersteninal der kühne
Versuch gemacht wurde, das Wesen des Sexus in einer naturwissenschaftlichen Formel festzulegen und die Bildung der Urgeschlechtswesen aus rational faßbaren Naturgesetzen abzuleiten.
Das Wagnis einer solchen Theorie hat die Problemstellung aller
nachfolgenden Naturphilosophen in Bewegung gebracht. Darum
wurde). Diese Lehre fand zahlreiche Anhänger?) und kehrt auch
10
ist es auch nicht denkbar, daß Anaximenes von diesem Problem
unberührt geblieben wäre. Das Gesetz von den Aggregatzuständen
als den bestimmenden Faktoren des wesenhaften Gestaltunterschiedes der Geschlechter ist so sehr aus seinen physikalischen
Gesetzen und aus der Lehre vom einheitlichen Urstoff herausgewachsen, daß man mit gutem Recht diese von Parmenides
überlieferte Theorie seinem Weltbild einfügen kann. Bezeichnend
ist es, wie die Grundproblemstellung der Milesischen Naturphilosophie auch in dieser biologischen Teilfrage zum Ausdruck
kommt: die Frage nach dem Grundstoff und den Gesetzen seiner
Umwandlung ist der Kern dieser Sexustheorie Mit kühner
und strenger Konsequenz werden die rätselhaften Vorgänge,
um die der Mythos sich legte, auf meßbare Gesetze zurückgeführt.
’
“
Die Grundgesetze der Sexustheorie des Alkmaion verstehen
wir nun aus dem Geist der zeitgenössischen Naturphilosophie:
die Geschlechtsbestimmung im Samenstoff vollzieht sich nach den
gleichen Gesetzen wie die erste Bildung männlicher und weiblicher Wesen im Makrokosmos. Diese grundsätzliche Übereinstimmung des Alkmaion mit der Milesischen Urgeschlechtstheorie berechtigt uns dazu, auf ihn auch jene Physiologie und Pathologie des
weiblichen Körpers zu beziehen, die Aristoteles unter dem Namen
des Parmenides (elso aus dem 2. Teil des Parmenideischen Lehrgedichtes entnommen) berichtet und die nichts anderes ist als
eine medizinische Weiterbildung der Milesischen Theorie; es heißt
darin, der weibliche Körper sei wärmer als der männliche, und
aus seiner hohen Körpertemperatur und seinem Blutüberschuß
seien die Frauenkrankheiten zu erklären), Begründet wurde
diese Behauptung aus der Tatsache der Menstruation, die als
Folgeerscheinung dieser physiologischen Verhältnisse angesehen
1) Arist. part. anim. B 2. 648» 29.
bei späteren Ärzten in kausaler Verknüpfung mit dem Unterschied der Gewebsdichte wieder. — Es ist ferner anzunehmen,
daß Alkmaion das Vorhandensein eines weiblichen Samens nicht
bloß auf vererbungstheoretischen Erwägungen, sondern auch auf
physiologisch-anatomischen Beobachtungen aufgebaut hat. So
ließe sich auf ihn als einen dem Pythagoreerkreise nahestehenden,
Anatomie treibenden Arzt jene doxographische Notiz beziehen,
wonach „Pythagoras“ die Existenz weiblichen Samens durch die
Beobachtung bestimmter sezernierender Drüsen nachgewiesen
habe). Diese Beobachtung, die sich auf das Vaginalsekret bezog‘), findet sich bei späteren Forschern immer wieder6) und
bildete eine wichtige Grundlage der Vererbungstheorie.
<) Ausbildung des Begriffs der Geschlechtsanlage.
Die von der Milesischen Naturphilosophie in Fluß gebrachte
Fragestellung nach dem Wesen und der Entstehung des Sexus
muß überaus lebhaft weitergeführt worden sein; denn in der
kurzen Zeit, die zwischen Alkmaion und der Niederschrift des
Parmenideischen Lehrgedichtes liegen kann, entstand eine tiefgreifende Modifizierung der von Alkmaion aufgestellten Vererbungstheorie. Auch die Kenntnis dieser Theorie verdanken
wir Parmenides. Nach ihr soll der Geschlechtscharekter der
beiden Elternindividuen in der Besonderheit des Blutes begründet
sein. Im Unterschied von der Theorie des Alkmaion ist hier die
Vererbung des Geschlechtes nicht an einen physikalischen Zustand des Samens gebunden, sondern an sogenannte „Kräfte“
(virtutes, griech. wohl duväpeig), die unabhängig von den übrigen
Verschmelzungs- und Befruchtungsvorgüngen ihre Entwicklungs1) Arist, gen. anim. A 2. 765b 17.
2) Arist.a,a.0.: Erepol rıves. Sie wurde auch in der Knidischen Schule
verwertet (m. yuvaı. I:c. 1. VHI 12 L).
3) Ast. Plaoc. V 5,1 (DD 418,5): Tu9ayspas "Enikoupog Anpöxpıros Kal
7d HAAU mpoleodar aneppa‘ fxeı Yap napaordras ATEeoTpanpevous.
did Tobro xal öpekiv Exeı mepl TAG Xpraeig.
Galen. u. onepparog B 6 (IV 642 K) erwähnt diese Organe: axeyıbnedo d’EENS mepl tüv Adevwbuv mapadrardbv.
4) Arist. gen. anim. A 20. 727b 38,
5) Vgl. Anm. 3: Demokritos und Epikuros. Galenos (a. a. O.) bezeichnet
sie als übereinstimmende Lehre aller anatomischen Forscher.
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View in PDF(opens in a new window)Die Sexustheorie der Atomisten
tendenz entfalten. Jedoch ist diese Geschlechtsanlage nicht ein
isolierter Vererbungsfaktor, sondern sie hat die Bedeutung einer
führenden Kraft, welche alle keimplasmatischen Vorgänge in
ihrer Entwicklungsrichtung bestimmt. Diese souveräne Rolle
der Geschlechtsanlagen kommt dadurch zum Ausdruck, daß es
von dem Grad ihrer Verschmelzung abhängt, ob der wachsende
Keim die Grundlage für eine harmonische Körperform legt oder
ob in ihm die unheilvolle Gestalt des Intersexen sich entwickelt
(nascentem gemino vexabunt semine sexum). Das letztere tritt
ein, wenn durch irgendwelche unglinstigen Umstände die beiden
Geschlechtsanlagen als getrennte Kräfte nebeneinander bestehen
bleiben 1).
13
d) Die Sexustheorie der Atomisten.
Die Milesischen Naturphilosophen mit ihrer Urzeugungstheorie und ebenso Alkınaion waren von der Voraussetzung ausgegangen, daß ein Grundstoff durch gesetzmäßige Umwandlung
die verschiedensten Erscheinungsformen annehmen könne. Dadurch wurde der Gedanke möglich, daß aus der Verdichtung
oder Verdiinnung desselben Grundstoffes (z. B. Erdboden) die
gesamte Verschiedenheit des Geschlechtes herzuleiten sei. An
der Unbefangenheit dieser blühenden Spekulationen setzte Parmenides mit der scharfen Kritik seiner Ontologie an, indem er
der jungen Wissenschaft vom Werden den Satz entgegenstellte,
daß es ein stoffliches Umwandeln nicht gebe, daß die Vorstellung,
ı Diese Gesetze können mit Sicherheit aus der mehr dramatischen
als biologisch klaren Schilderung des in lateinischer Übersetzung überlieferten Parmenidesfragmentes entnommen werden:
femina virque simul Veneris cum germina miscent,
venis informans diverso ex sanguine virtus
temperiem servans bene condita corpora fingit.
nam si virtutes permixto semine pugnent,
nec faciant unam permixto in corpore, dirae
nascentem gemino vexabunt semine sexum.
(Cael. Aurelian. Morb. chron. IV 9,
S. 116 Sichard = DV18 B 18),
Die Einzelinterpretation des Fragmentes war nie eindeutig. Was hat man
sich z. B. unter der geheimnisvollen, schicksalhaft wirkenden Kraft vorzustellen, die das körperliche Geschehen bestimmt? Ist es eine körperliche oder unkörperliche Kraft? Das letztere nahm der Überlieferer des
Fragmentes, Caelius Aurelianus, an: „vult enim seminum praeter materias
esse virtutes, quae si se ita miscuerint, ut eiusdem corporis faciant unam
congruam sexui generent voluntatem, Si autem permixto semine corporeo
virtutes separatae permanserint, utriusque veneris natos adpetentia sequatur
(DV 18B 18). Danach hätten wir hier eine frühe Vorwegnahme der später
von Aristoteles ausgebauten Lehre, wonach die wirkende Kraft des Samens
unkörperlich sei. Tatsächlich bestätigt die doxographische Überlieferung
das Bestehen einer derartigen Samenlehre in der voraristotelischen Zeit,
und zwar unter dem Namen des Pythagoras: Adt. Plac. V4,2 (DD 417, 21):
TTudarspas, TAdrwv, ‘ApisrortAng Aolınarov pev eva iv büvanıy TOD
onepnarog Wonep voDv Töv Kivodvra, Owparınıy de Tv ÜAnv TAV TTpoxeonevnv
.
Bemerkenswert ist ferner die Bedeutung, die in dieser Theorie das Blut
alsTräger der Vererbungsfaktoren hat. Auch dafür gibt die doxographische
Überlieferung eine Parallele in einer gleichfalls „Pythagoreischen“ Lehre,
wonach die Dinge auseinander sich entwickeln und ineinander
übergehen könnten, auf Schein und Sinnentrug beruhe. Diese
Kritik des Parmenides mußte auf dem Gebiet der Sexusplilosophie
wirksam werden durch die schwierigste Frage, die sich für die
Milesische Theorie und für Alkmaion erhob: wie kann aus einem
allgemeinen, physikalisch bedingten Stoffzustand die anatomische
Verschiedenheit der Genitalien entstehen? Aristoteles bezeichnet
dies in seinem geschichtlichen Überblick als die Grundfrage der
Sexuswissenschaft!). Als erste und einzige Schule vor Aristoteles
versuchten die Atomisten eine Antwort auf diese Frage zu geben.
Sie hielten sich dabei streng im Rahmen der neuen Seinsgesetze
der Parmenideisch-Eleatischen Ontologie. Unter diesem geschichtlichen Gesichtspunkt gewinnt jener Satz. des Leukippos Bedeutung, daß die Verschiedenheit in der Gestalt der Genitalien
das Wesentliche am Geschlechtsunterschied ausmache. Aus der
Tatsache, daß Leukippos sich auf diesen einen, zunächst nicht
sehr inhaltsschwer anmutenden Satz beschränkte?), muß geschlossen werden, daß er ihn demonstrativ jener früheren Sexusauffassung entgegenstellen wollte.
welche das Sperma als „Schaum des brauchbarsten Blutes“ bezeichnet:
Aet. Plac. V 3,2 (DD 417, 6). Diese Auffassung findet sich dann wieder
in der Knidischen Schrift nepl yovis (VII L).
1) Arist. gen. anim. A 1. 764 a 23.
2) A&t. Plac. V 7,5 (D 420) = DV 54 A 36 (II 9,27): Acbwınmog bia
hv mapaklayıvy rWv noplwv, xaß’ Mv 5 ev xauadv, dh dE juitpav Exei.
TogoDdTov rap uövov Afret.
Page 6
View in PDF(opens in a new window)Die Sexustheorie der Atomisten
Auf dieser Grundlage weiterbauend gelangt des Leukippos
Schüler Demokritos zu einer Theorie der embryonalen Geschlechtsbestimmung, deren Kernproblem lautet: wie entsteht
Den Grundgesetzen seines Weltbildes gemäß sah Demokritos
in der Gestalt des menschlichen Körpers das Ergebnis einer
bestimmten Lagerung und Anordnung der verschiedensten Atomgrößen und -gestalten). Es beruht also auch der Unterschied
der Genitalien auf einer Verschiedenheit der Atomanordnung,
deren Prinzip bereits im Sperma durch unsichtbar kleine Körperteile angelegt ist. In genauer Analogie zu der freien Beweglichkeit der Atome im Weltall läßt Demokritos diese als Atomverbindungen präformierten Körperteile durch freie Bewegung
unabhängig von den übrigen Körperteilen in den neuen Organismus ülbergehen. So schuf die von Parmenides ausgehende Umschulung der naturphilosophischen Grundbegriffe die formalen
Voraussetzungen für die Entstehung einer exakten Vererbungswissenschaft. Der unter dem Eindruck der Eleatischen Ontologie
neu gefundene Gedanke der Präformation vereinigte sich mit
den angesammelten physiologischen und vererbungstheoretischen
Beobachtungen zu einem der grundlegendsten Sätze der antiken
Vererbungswissenschaft vor Aristoteles: jeder Körperteil ist durch
einen von ihm abstammenden Anteil im Sperma vertreten?). Auf
diesem Gesetz bauten die beiden großen Ärzteschulen von Kos
und Knidos ihre reichen Vererbungsforschungen auf®).
der anatomische Unterschied der Genitalien? (intei Yüp Taurns
ts vev&oewg TV diapopäv xai meipätor Atyeıv)). Die konsequente
Schlußfolgerung, die er unter dem Einfluß der Eleatischen Ontologie zog, lautet: wenn keine Umwandlung des Spermastoffes
in die einzelnen Körperteile möglich ist, so missen die einzelnen
Körperteile bereits im Sperma präformiert sein: „Die Geschlechtsvereinigung ist ein kleiner Schlaganfall: da führt ein Mensch
aus einem Menschen heraus und reißt sich los wie mit einem
Schlage abgespalten2).“ Im Augenblick der Begattung spaltet
sich von jedem elterlichen Körperteil ein ihm gleicher unsichtbar
kleiner (dvaioenra di opıkpörmte)8) Körperteil ab, so daß die
Eltern ihren Körper im Sperma real vorgebildet weitervererben 4).
Dies ist die exakteste und auch gröbste Formulierung der Kontinuität der Erbmasse. Im väterlichen Sperma sind also die
männlichen, im mütterlichen Sperma die weiblichen Genitalien
präformiert. Das Zusammentreffen stellt sich Demokritos als einen
Kampf zwischen den Anlagen der Genitalien vor, der sich im
Uterus vollzieht. Je nach deın Überwiegen der Anlage für den
männlichen oder weiblichen Körperteil wird das Geschlechtsschicksal für die Zukunft entschieden. Demokritos sieht also in
der Geschlechtsbestimmung einen einfachen Vererbungsvorgang.
Und zwar vollzieht sich dieser Vorgang ganz unabhängig von
der Vererbung der tlbrigen Körperteile5).: Die Ursache für das
Überwiegen oder Unterliegen scheint Demokritos in der verschiedenen Bewegungsgeschwindigkeit der entsprechenden Körperteile gesehen zu haben).
1) Arist. gen. anim. A 1. 764 a 20.
2) Dieses Sperma wird von Aristoteles als Einschmelzungsprodukt des
betreffenden Körperteils bezeichnet (sövmrua): Arist. gen. anim.& 18. 7124b34,
3) In der Hippokratischen Schule wurde das erbliche Auftreten der
Epilepsie und anderer Krankheiten untersucht, sowie die Vererbung von
Konstitutions- und Reaktionstypen, von Schädelformen, Kallköpfigkeit,
Augenfarbe, Schielen. Die Erklärung dieser Vererbungserscheinungen erfolgte nach den Gedetzen der Atomistischen Vererbungstheorie (m. lepiis
voboov c. 2 VI 364 L. 1. Adpwv, übdrwv, rönwv c. 14. I 60 L). Über die
2) DV 56 B 82 (II 71,8).
Knidische Schule s. 8.16 #. Auch bei Euripides werden diese Fragen ge-
3) So formuliert Philoponus (Comment. in Arist. Graec. XIV parc. II
S. 171, 27) den präformistischen Gedanken im Anschluß an eine Formulierung bei Platon (Tim, 91 d).
4) At, Plac. V 8, 6 (D 417, 15) = DV 55 A 141 (IT 49, 14), Arist, gen.
anim. Al. 764b 10,
1) DV 55 A 97 (II 22,28) = Simpl. de caelo p. 294,33 Heib. DV 55 A 67
(II 26, 33): galveodaı ruv &dporZonevwv To ev Ddwp TO dE mÜp To de purdv
To d’ Avdpuntov.
."
5) Arist. gen, anim, A 1. 7643 6. Ast. Plac. V7, 6 (D 40) = DV 55
A 148 (II 49, 24). Arist, gen. anim. Al, 764b 20.
6) Censorin. d. d. nat. VI, 5 = DV655 A 148 (II 49,23). Textkrit. Bemerkungen: DD 198.
streift (Ion 406 ed. Wilam. vgl. auch S. 109).
Folgende physiologischen und vererbungstheoretischen Begriindungen
wurden für die Lehre, daß der Same von allen Körperteilen komme, angeführt:
a) Aus der Heftigkeit der Geschlechtslust wurde auf eine plötzliche
Samenabsonderung von allen Körperteilen geschlossen,
b) Die Vererbbarkeit von Verstümmelungen (Fehlen eines „Gens“).
c) Die Ähnlichkeit mit den Eltern in einzelnen Körperteilen.
d) Vererbung erworbener Merkmale (Arist. gen. anim. A 17. 721b 11).
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View in PDF(opens in a new window)Schule von Knidos
‚So bedeutsam die Atomistische Lehre vom Sperma für die
Antike Vererbungswissenschaft wurde, das Problem der Geschlechtsbestimmung erfuhr durch ihre Exaktheit eine unhaltbare Einengung. Denn die Theorie der isolierten Vererbung
gab weder eine Erklärung für die Bildung eines aus verschiedenen Organabschnitten zusammengesetzten, einheitlichen Genitalapparates!), noch zog sie die den ganzen Körper bestimmenden
sekundären Geschlechtemerkmale in ihr Bild®2). Des Demokritos
eigene Beobachtungen über die verändernde Wirkung der Kastration auf den Hornwuchs und die Gefäßversorgung der Hornwurzelknochen bei den Rindern mußten auf die Unmöglichkeit
einer Isolierung der Genitalien aus dem Gesamtgefüge des Organismus hinweisen 8). Auf dem gemeinsamen Boden einer vererbungsmäßigen Erklärung der Geschlechtsbestimmung stehen
sich daher weiterhin die Theorie des Alkmaion und die Atomistische Theorie gegenüber). Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist eine eigenartige Verknüpfung der beiden Theorien
die in der Knidischen Schule vollzogen wurde.
e) Die Schule von Knidos.
Altknidische Theorie.
Aristoteles kennt eine Theorie, die aus den Grundl
Vererbungstheorie des Demokritos und aus dem Geschlechte
bestimmungsgesetz des Alkmsion zusammengesetzt ist. Das
quantitative Überwiegen des väterlichen oder mütterlichen Samens
17
genommen wird. Diese Tatsache muß aus der oben erwähnten
Unzulänglichkeit der Atomistischen Sexustheorie verstanden
werden. Eine solche Vermischung der beiden großen Vererbungstheorien findet sich innerhalb sämtlicher voraristotelischer Theorien nur noch in der Knidischen Schule, deren Sexuslehre
in der Schriftenreihe «. roväc, rn. pinog maıblov, 1. voucwv d')
niedergelegt ist. Und in der Tat hat der Wortlaut des Aristotelischen Berichtes eine merkwürdig genaue Ähnlichkeit mit Ausführungen jener Knidischen Schriften?), so daß man versucht
ist, anzunehmen, Aristoteles habe seinen Bericht aus diesen
Schriften entnommen. Dies ist jedoch nicht der Fall; sondern
Aristoteles muß eine ältere Schrift aus der Knidischen Schule
zur Vorlage gehabt haben. Denn jene im Original erhaltenen
Knidischen Schriften füllen gerade die Lücke in den vererbungstheoretischen Möglichkeiten aus, die Aristoteles an der ihm vorliegenden Theorie aufgedeckt hatte: die Frage der Ähnlichkeit
der Söhne mit der Mutter und der Töchter mit dem Vater?).
Wir kommen im folgenden also bereits zu einer Theorie, die
dem Aristoteles nicht mehr bekannt war.
Jungknidische Theorie.
Auf den Grundgesetzen der Theorie seines älteren Schulgenossen weiterbauend gelangt ein jüngerer Knidischer Arzt zu
seiner wichtigsten theoretischen Neuerung: zu der Lehre von
der bisexuellen Potenz beider Eltern. Damit gibt er der Frage,
die sein Vorgänger nicht beantwortet hatte, eine einfache Lösung.
wird hier als Ursache sowohl für die geschlechtliche Bestimmung
als auch für die Vererbung einzelner Merkmale und der ganzen
Körpergestalt angegeben. Mit Demokritos lehren die Vertreter
dieser Theorie, daß alle Teile des elterlichen Körpers durch
Aus dem Grundgesetz, daß beide Eltern männliches und weibliches Sperma produzieren (£orı xai ev ru Avdpl rd Hu omeppa
1) Über die Herkunft dieser Schriften aus der Knidischen Schule s.
Um so aufdes 1. Buches der Schrift x. yuvaıxelwv gehört mit diesen Schriften zusammen.
eigene Samenabsonderung sich weitervererbens).
fallender ist es, daß das Vererbungsgesetz des Demokritos auf
die Geschlechtsbestimmung keine Anwendung findet, sondern
daß für dieses Problen die Lehre des Alkınaion wieder auf1) Arist. gen. anim. A 1. 764b 22,
2) Arist. gen. anim. A 1. 764b 27.
rk 29) = Ael. H. N. XU 19.
ist. gen. anim. A 3. 769b 17. Ps.-Galen. öpor larpıx. 439 (XI
5) Arist. gen. anim. A 8. 769a 9 s. Anm. 8,
Pr
IRA.
Ilberg, Ärzteschule von Knidos $. 10, 19 ff, 28. Auch das 1. und 24. Kapitel
kp’
2) Vgl. z. B. Arist..gen. anim. A 3. 7690 9: Zmıor ptv dp Yacıy,
dnorepou Av EA9n ameppanAdov, Tobrwy ylveodaı nüAAov eorkdg, duolwg mavri TE
mav xal peper piepog mit m. yovfig c. 8 (VII 480,14 L): öxörepog d’äv nAdov
T&
Zuußdinran ds TO Eoikevaı xal And mAcsvwv xwpflwv Tod odparog, xelvw
nrelova Koıke,
’
8) Arist. gen. anim. A 8, 70698 19: ol d& 1@ nAelov fi EAarrov Amevar
Ad Tod äppevog A BrAcog, xal did rodro yiyveadaı rd nev OnAu TO 8" üppev,
xal ro
obx Av Exorev Anobeikar tiva Tpörtov TO TE OnNAu rw natpl Eoıköc Earat
&ppev ) unrpl’ Ana vap E&Adeiv nAdov An’ äumorepwv Abbvarov.
Blersch.
Page 8
View in PDF(opens in a new window)Schule von Knidos
kal Tb dpoev, kal &v ri yuvanki Ööpolws) %) leitet er alle Vererbungsbestätigen zu können: „Viele Frauen schon haben bei ihren
erscheinungen an männlichen und weiblichen Nachkommen ab.
Während er nun die Theorie seines älteren Schulgenossen
ohne weitere Begründung übernimmt2), sucht er die Richtigkeit
seiner neu aufgestellten Gesetze eindringlich zu beweisen. Sein
Gedankengang ist eine gerade und konsequente Erweiterung der
früheren Theorie: wenn eine Tochter dem Vater gleicht, so
stammt sie in ihrer stofflichen Zusammensetzung überwiegend
vom Vaterkörper ab, und der von den Körperteilen des Vaters
ausgehende Samen trug weiblichen Charakter. Das Analoge
gilt, wenn ein Sohn vorwiegend der Mutter ähnlich ist. „Von
welchem Körperteil des Mannes zufällig eine größere Menge
Samen in die Samenflüssigkeit gelangt als von dem entsprechenden des Weibes, darin gleicht das Kind mehr dem Vater; und
wenn von einem Körperteil des Weibes mehr Samen komıint, so
gleicht das Kind darin mehr der Mutter. Es ist aber ausgeschlossen, daß das Kind in allen Teilen der Mutter gleicht, dem
Vater aber in keinem Teil, oder umgekehrt, oder daß es überhaupt keinem der Eltern irgendwie gleicht; vielmehr muß das
Kind notwendig beiden Eltern irgendwie älnlich sein, wenn
schon der Samen von beiden Körpern auf das Kind tbergeht.
Wer nun von beiden eine größere Menge Samen und aus einer
größeren Anzahl von Körperteilen zur Vererbung (&; Tö &oıketva)
beiträgt, dem gleicht das Kind vorwiegend. Und es kommt vor,
daß ein Mädchen entsteht, das mehr dem Vater als der Mutter
gleicht, und daß ein Knabe entsteht, der mehr Ähnlichkeit hat
mit der Mutter als mit dem Vater. Diese und so viele Beweise
habe ich für meinen früher ausgesprochenen Satz, daß in der
Frau und im Mann Samen sowohl für männliche wie auch für
weibliche Nachkommen vorhanden ist (d11 Eveon xai 2v A yuvaıkl
Kat ev rip dvdpi Kai Koupoyovin kai OnAuyovin)*2). Durch Beobachtungen aus der gynükologischen Praxis glaubt er diese Theorie
1) nm. rovfg oc. 6 (VII 478 L).
2) In der medizinischen Anwendung der Atomistischen Lehre, daß der
Samen von allen Körperteilen komme (m. vobowv d c, 32, VII 542 L.
n. vovfc c. 8, VII 474L. o. 8. VII 480), folgt die Knidische Schule der
Hippokratischen Vererbungslehre. Nach deren Vorbild dehnen die Knidier
das Vererbungsgesetz auch auf die vier Körpersäfte aus.
8) m. rovfic c. 8 (VII 480LL).
19
eigenen Männern andauernd weibliche Kinder zur Welt gebracht;
nachdem sie aber mit fremden Männern verkehrt hatten, bekamen
sie männliche Nachkommen; und eben jene Männer, bei denen
die Frauen dauernd weibliche Kinder zur Welt gebracht hatten,
erzeugten plötzlich einen männlichen Nachkommen, sowie sie
mit fremden Frauen verkehrten. Desgleichen zeugten solche
Männer, die nur männliche Nachkommen .erhielten, ein Mädchen
aus dem Verkehr mit anderen Frauen .. . diese Erwigung sagt
uns, daß sowohl der Mann als auch die Frau männlichen und
weiblichen Samen in sich haben“). Die Ursache dieser einseitigen Zeugungsmöglichkeiten bei bestimmten Ehepaaren sieht
er darin, daß in der Mischung der betr. elterlichen Samen stets entweder das männliche oder weibliche Element überwiege, daß
also bei manchen Eltern die Samenmischung dauernd eine einseitige Tendenz nach der männlichen oder weiblichen Richtung
habe2). Die Notwendigkeit dieser aus statistisch anmutenden
(moA\ai) Beobachtungen gezogenen Schlußfolgerung wird leider
nicht näher erklärt. Zur weiteren Begründung führt er lediglich die Tatsache an, daß aus einer einzigen Befruchtung
Zwillinge verschiedenen Geschlechtes entstehen können?).
Von jedem einzelnen Körperteil beider Eltern wird ein Sperma
. produziert, das sowohl die stofflichen Anlagen des betreffenden
Körperteils in sich hat und zugleich durch seinen allgemeinen
Charakter männlich oder weiblich vorbestimmt ist. Den biologischen Charakter der männlich oder weiblich vorbestimmten
Samenteile kennzeichnet der Knidische Arzt durch die Bestim
cher“
mungen „stärker“ (loxup6tepov) = männlich, und „schwä
des
fenheit
Beschaf
re“
„stärke
Die
ch).
weibli
(d0deveorepov) =
en
dichter
und
n
festere
seinem
auf
beruht
männlichen Samens
Stoffzustand, der „schwiichere“ weibliche Samen erhält die physikalische Forinel der Dunnflüssigkeit®). Die Knidische Schule
folgt also dem Alkmaion®). Als Ausgangspunkt dieser Samen2) m. yoviis c. T (VII 4T8L).
2) Ebda.
8) m. pbnnog naıblou c. a1As 641 L).
c. 6 (VII 478
4) ou. voväc
L).
Br n. ee nardlou c. 31 (VII 540L) c. 21 wu 610 L).
zurück,
6) Auf seine Samentheorie geht: wohl auch die Knidische Lehre
zuBedeutung
besondere
eine
Samenbereitung
daß dem Gehirn
Page 9
View in PDF(opens in a new window)lehre und Geschlechtsauffassung war auch für den Knidischen
Arzt die Beobachtung maßgebend, daß der ausgebildete münnliche Körper einen festeren Gewebebau habe als der weibliche).
Knidos geht also in den Bahnen alter naturphilosophischer Lehren.
Dieser Auffassung iiber das Wesen des Sexus entspricht es, wenn
die Verwirklichung des männlichen oder weiblichen Geschlechtes
Schule von Knidos
21
Samen wechselt zu verschiedenen Zeiten !). Worauf dieser Wechsel
beruht, ferner was man unter den starken = männlichen und
schwachen = weiblichen Körperteilen zu verstehen hat, wird
nicht näher erklärt. Wahrscheinlich sah er die festen Körperteile als die männlichen Samen erzeugenden, die weichen Körperteile als die weiblichen Samen erzeugenden an2), eins Unterauf das quantitative Überwiegen der stärkeren = dichteren oder
scheidung, die wir auch bei Hippon wiederfinden (8. 27£.).
steht männliches Geschlecht, kommt von beiden die schwächere
führung der Milesisch-Krotoniatischen Sexustheorie zum Ausdruck kommt, zeigt der Knidische Arzt auch in der Erforschung
der Entwicklungszeiten der männlichen und weiblichen Föten.
schwächeren = dünnflüssigen Samenart zurückgeführt wird:
„Wenn von beiden Eltern die kräftigere Samenart kommt, so entSamenart, so bildet sich weibliches Geschlecht. Welche von
beiden Samenarten der Menge nach überwiegt, deren Geschlecht
wird auch verwirklicht. Wenn nämlich die schwächere Samenart an Menge bedeutend größer ist als die kräftigere, so wird
die kräftige Samenart überwunden, und, nachdem sie sich mit
der schwachen Samenart vermischt hat, in die Richtung weiblicher Entwicklung gelenkt; überwiegt jedoch die kräftige Samenart quantitativ die schwache und unterliegt die letztere, so wird
diese in die männliche Entwicklung mit hineingezogen“2). Bei
demselben Begattungsakt wird von jedem Eiternindividuum sowohl männliches als weibliches Sperma ausgeschieden®). Die
Summe der Samenanteile aus allen Körperteilen der elterlichen
Individuen bestimmt den Geschlechtszustand der Mischung: „In
der gleichen Samenflüssigkeit geht sowohl von der Frau als auch
vom Manne aus dem ganzen Körper Samen ab und zwar von
den schwachen Teilen schwacher, von den starken Teilen starker:
in dieser Weise muß der Samen dem Kinde zugeteilt werden.“
Der Anteil der beiden Eltern an männlichem oder weiblichem
komme (xwpeeı yäp 7 nAelgrov Tod Yovou And TÄg Kepakfic: VOL 472 L). Die
zwei Theorien iiber die Herkunft des Samens (Entstehung in allen Körperteilen — Entstehung im Gehirn), deren Vertreter von den antiken Doxographen atreng auseinandergehalten werden (Ps.-Galen. XIX 449K), sind
in der Knidischen Theorie vereinigt.
1) m. yuvaxelwv I. c. 1 (VIII 12 L).
2) w. yoväls c. 6 (VII 478 L). Warum mit dem Überwiegen der minnlichen oder weiblichen Samenart zugleich auch die Ausbildung des
entsprechenden Genitalapparates zusammenfällt, wird in dieser Theorie
nicht erklärt.
8) m. yovfis c. 8 (VII 480 L),
Die quantitativ-berechnende Methode, die schon in der Weiter-
Der männliche Fötus ist nach 30 Tagen, der weibliche nach
42 Tagen in allen Körperteilen differenziert®), Als empirische Unterlagen für dieses Gesetz dienen ihm genaue Untersuchungen ilber Zeitdauer und Menge des Wochenflusses: „Denn
die Frauen milssen nach der Geburt für gewöhnlich die Reinigung durchmachen, und zwar bei einem Mädchen 42 Tage
lang, dies ist ihre längste Dauer bei vollstündigem Abgang ...,
bei einem Knaben vollzieht sich die Reinigung in 30 Tagen:
das ist ihre längste Dauer bei vollständigem Abgang . . ;
in dem letzten Teil dieser Frist geht die Reinigung nur in
äußerst geringer Menge ab... Die Reinigungsprozesse nach
der Geburt haben die Frauen deshalb durchzumachen, weil in
der Zeit vorher, bis zum Ablauf von 42 Tagen beim Mädchen,
von 30 Tagen beirn Knaben, nur eine ganz geringe Menge Blut
dem Kinde zum Zweck des Wachstums zugeht, von da ab jedoch
eine größere Menge bis zum Zeitpunkt der Geburt: notwendig
muß daher die Reinigung in den Lochien zum Ausgleich eintreten und in einer entsprechenden Periode von Tagen nach
außen abgehen)... „Diese Untersuchungen habe ich deshalb
in dieser Weise angeführt, um zu beweisen, daß bei den Kindern
die Gliederung der Körperteile sich längstens in 42 Tagen beim
2) m. rovfis c. 7 (VII 480 L).
2) m. yovfis c. 8 (VII 474 L): Av Yovriv prmu Anorpiveodn Ad ravrdc
TOD auyarog Kal And TWv orepeuv xal änd rubv naAdardıv, xal And Tod UTpod
ravrös Tod ev TG apart,
3) ıt. pGorog maıblou c. 18 (VII 498 L).
4) 1. plorog narblou c, 18 (VII 500 L). Dies kehrt in anderen Schriften
wörtlich wieder (VIH 152 und 446 L).
Page 10
View in PDF(opens in a new window)Schule von Knidos
Mädchen, in 30 Tagen beim Knaben vollzieht: Beweis und Erkenntnisquelle dieser Lehre ist der Wochenfluß und zwar die
Tatsache, daß er beim Mädchen in 42 Tagen, beim Knaben in
30 Tagen längstens abgeht!),*“ Wir wollen hier von der sachlichen Richtigkeit dieser Untersuchungen absehen und uns in
erster Linie die Forschungsmetkode vor Augen führen. Es spricht
aus diesen Beobachtungen und Schlußfolgerungen ein Suchen
Als Beweis dienen die Fehlgeburten und der Abgang des Wochenflusses).“ Die langsamere Gliederung und Festigung sowie die
später auftretenden Kindsbewegungen (bei weiblichen Föten nach
vier, bei männlichen nach drei Monaten)2) bei den weiblichen
Föten führt er auf die schwächere und feuchtere Beschaffenheit
des Samens zurück, während die krüftigere und dickflüssigere
Struktur des männlich bestimmten Samens eine raschere Gliederung und Festigung ermöglicht®). Durch die Untersuchung
früher embryonaler Entwicklungsstufen hat er die antike Forschung auf einen Weg gewiesen, auf dem klare Kenntnisse auch
über die Geschlechtsentwicklung gewonnen werden konnten.
nach berechenbaren Gesetzen, nach Zahl und Maß, sowie eine
ungehemmte Freude am wissenschaftlichen Forschen und Mitteilen (peAAw dr Tö deutepov vüv ÖvondZerv gapnving Evera).
Diese
Charakterzüge erkennt man auch aus seiner nächsten Beweisführung, in der er durch genaue Untersuchungen über die Menge
des abgehenden Lochialsekretes den kausalen Zusammenhang der
Lochien mit den ersten embryonalen Entwicklungsvorgängen zu
beweisen sucht: „Ein weiterer Beweis für die Richtigkeit dieser
Behauptungen ist folgendes: in den ersten Tagen, nachdem
der Samen in den Uterus gelangt ist, fließt von der Frau
nur äußerst wenig Blut zum Uterus, dann aber nimmt die
Menge zu. Denn wenn es in gedrängter Masse und in großer
Menge auf einmal käme, so könnte der Samen keine Atmung
haben, sondern würde infolge des reichlich fließenden Blutes
erstickt werden. Der Ausgleich vollzieht sich bei der Reinigung
in umgekehrter Abfolge: der Wochenfluß geht nämlich in den
ersten Tagen überaus reichlich ab, dann verliert er an Menge,
bis er dann überhaupt aufhört 2).* Diese Kenntnis über embryonale Entwicklungstermine ergänzt er durch Beobachtungen, die
er bei Fehlgeburten gemacht hat: „Viele Frauen haben schon
kurz vor Ablauf von 30 Tagen die Fehlgeburt eines männlichen
Fötus erlitten, und dieser erschien ohne körperliche Gliederung;
alle Fehlgeburten jedoch, die zu einem späteren Zeitpunkt oder
mit 30 Tagen abgingen, zeigten eine offensichtliche Körpergliederung. Und bei einem Mädchen zeigt sich die Gliederdifferenzierung zum Termin von 42 Tagen. Mag nun die Fehlgeburt früher oder später erfolgen, stets zeigt sich in dieser
Weise sowohl nach theoretischer Berechnung als auch durch eine
naturgesetzliche Notwendigkeit der Zustand der körperlichen
Gliederung, beim Mädchen in 42 Tagen, beim Knaben in 30 Tagen.
1) VI 602 L.
2) VII 504 L.
23
Noch Galenos, der dieser Methode entscheidende Erkenntnisse
verdankt, sieht in diesem Knidischen Forscher das klassische
Vorbild der Methode®). Der Knidier selbst hat ferner durch genaue
Untersuchung eines durch ktinstlichen Abortus gewonnenen menschlichen Eies dessen Ähnlichkeit mit dem Hühnerembryo festgestellb5) und ausdrücklich — bei gleichzeitigem Hinweis auf die
Beschränktheit menschlicher Erkenntnismöglichkeiten in diesen
Fragen®) — auf die Bedeutung der vergleichenden Embryologie
als Erkenntnisquelle hingewiesen, indem er sie bis auf die Pflanzen
ausdelhnt (mv plcıv mäcav mapanınolav koddav TÜY TE &K Ts vs
Quoptvwv xal tuv 2E dväpıbmwv)
7).
Der Versuch, die männliche oder weibliche Vorbestimmung
des Samens aus seiner stofflichen Grundstruktur herzuleiten
(Dichtflüssigkeit — Dünnflüssigkeit) weist auf einen engen Zusammenhang der Schule von Knidos mit der 200 Jahre älteren
Lehre des Alkmaion von Kroton hin. Wie bei der Krotoniatischen
Sezustheorie ist auch in der Knidischen Schule der Einfluß der
alten Milesischen Naturphilosophie deutlich zu erkennen. Wie
‚ sehr die physiologischen Begriffe der Knidischen Schule durch die
physikalisch-mechanische Naturauffassung der Anaximenischen
1) VO 504 L.
2) VE 510 L.
8) VII 604 L.
4) Galen. IV 525 und 653 Kühn.
5) m. pbaog maıbiou c. 18 (VII 488 ff. L).
6) n. pboog maıdlou c. 13 (VII 492 L): Ws elmeiv AvBpwrov nepl Totobrou
apdynarog.
7) m. pboios mordlou c. 27 (VIE 528 L).
Page 11
View in PDF(opens in a new window)Schule von Knidos
Urzeugungstheorie geformt sind, zeigen folgende Ausführungen:
„Ich behaupte, daß das Fleisch der Frau lockerer und zarter ist
als beim Manne, und infolgedessen zieht der Körper des Weibes
rascher und in größerer Menge die Flüssigkeit aus der Bauchhöhle als der Körper des Mannes. Wenn man nämlich über einem
Wasser oder ilber einem feuchten Ort zwei Tage und zwei Nächte
reine Wolle und ein reines Gewand von dichtgefügtem Gewebe,
das genau gleich schwer ist wie die Wolle, anbringt, so wird
logischen Vorstellungen der Knidischen Schule: „Folgendes Naturgesetz verursacht die Milchbildung: wenn der Uterus durch das
Kind einen großen Umfang annimmt und gegen die Leibeshöhle
der Frau drückt, und wenn der Druck außerdem bei voller Leibeshöhle geschieht, so quillt das Fetteste von den Speisen und
Getränken nach außen durch in das Netz und in das Fleisch.
24
man, wenn man sie wegnimmt, beim Abwiegen finden, daß die
Wolle bedeutend schwerer ist als das Gewand. Die Ursache
dieser Erscheinung liegt darin, daß von dem Wasser, das sich
in einem Gefäße mit weiter Öffnung befindet, ständig etwas
nach oben entweicht, und daß die Wolle, da sie locker und
weich ist, ein größeres Quantum der entweichenden Flüssigkeit
aufsaugen wird, während das Gewand infolge seines engen und
dichten Gewebes sich sättigen wird, ohne eine besonders große
Menge von dem entweichenden Wasser in sich aufzunehmen.
In dieser Weise zieht nun auch das Weib, da es lockerer gebaut
ist, mit seinem Körper aus der Bauchhöhle mehr Flüssigkeit
und rascher als der Mann, und da das Weib ein lockeres und
. weiches Gewebe hat, so entstehen bei ihm, falls der Körper mit
Blut überfüllt ist und dieses nicht von ihm geht, infolge der
Überfüllung und Erhitzung des Fleisches Beschwerden !).“ Mit
der Dichtigkeitstheorie übernimmt die Knidische Schule auch
die damit von Anfang an verkntipfte Lehre, daß der weibliche
Körper wärmer sei als der männliche2). Die Menstruation verhindert die infolge des lockeren Gewebebaus und durch die hohe
Körperwärme drohenden Gefahren: Plethora, Überhitzung, Hypertonied). Wenn der Knidier den Gewebebau des Weibes mit
einem lockeren Wollgefüge, den männlichen Körper mit einem
dichten Gewebe vergleicht, so erkennen wir hier die wissenschaftliche Denkform jener alten Milesischen Theorie wieder,
welche durch Verdichtung und Verdilnnung des Erdbodens die
beiden Geschlechter sich bilden ließ. Dieses physikalisch-mechanische Erklärangsprinzip beherrscht auch alle übrigen physio1) m. yuvanelwv I, c. 1 (VIII 121).
2) Ebda.
3) m. yuvaxelwv Ic. 1 (VIII 14 L): ... . üneprovea ... . Ömepdeppalverar
önd mAndıbpns.
25
Wie wenn man ein Fell stark mit Öl einreibt, desselbe in sich
einsaugen läßt und dann das Fell, wenn es das Öl eingesogen
hat, preßt: wie dann durch den Druck auf das Fell das Öl nach
außen durchquillt, genau so quillt auch, wenn auf die Leibeshöhle, welche die fetten Bestandteile von Speise und Trank enthält, vom Uterus ein Druck ausgeübt wird, das Fett in das Netz
und in das Fleisch durch.“ Voraussetzung für einen ungehinderten
Verlauf dieses mechanischen Laktationsprozesses ist der lockere
Gewebebau des weiblichen Körpers‘). Durch die Art der angewandten Vergleiche werden die Vorstellungen zwangsmäßig
im Bereich des Physikalisch-Meßbaren gehalten. Aus diesem
Streben nach exakter quantitativer Berechnung der physiologischen Vorgänge verstehen wir den Vergleich, durch den er den
geschlechtsbestimmenden Vorgang des quantitativen Überwiegens
erläutern will: „Wie wenn man Wachs und Talg zusammenmischt,
wobei man die Menge des Talges größer nimmt, und dann die
Masse am Feuer schmelzt: solange sie flüssig ist, wird das Überwiegende nicht deutlich sichtbar; ist aber die Masse fest geworden, dann zeigt sich deutlich, daß der Talg das Wachs
der Menge nach überwiegt: in dieser Weise verhält es sich
auch mit der männlich und weiblich bestimmten Samenfüssigkeit2).“
Mechanisch-physikalische Gesetze sind es auch, nach denen
die weitere Embryonalentwicklung abläuft. Unter der physikalischen Wirkung eines dauernden Luftstromes, der die embryonale Stoffmasse von innen her bearbeitet, vollzieht sich das
Wachsen, Festwerden, die Anordnung und Gliederung). Die
Tatsache, daß die erläuternden Vergleiche durchweg aus physikalisch-mechanischen Vorgängen geschöpft werden, erhält dadurch
ihre tiefere Bedeutung, daß die Entwicklung des Menschen und
1) m. pborog naıdiov c. 21 (VII 512L).
2) m. yoväc c. 6 (VU 478 L).
8) u. po. maıdiou c. 17 (VII 496 f. L).
Page 12
View in PDF(opens in a new window)Die Sexustlieorie des Hippon
der Tiere, das Wachstum der Pflanzen und die anorganischen
Naturvorgänge ausdrücklich von gemeinsamen Grundgesetzen
abgeleitet werden.
Einfluß der Parmenideischen Ontologie geschaffenen Systeme
des Empedokles, Demokritos und Anaxagoras beiseite setzend,
die Milesische Lehre von dem einen endlos wandelberen Grundstoff wieder aufgriff, indem er als das plıysikalische Weltprinzip
das Feuchte (brpöv) setzte !).
Während er durch diese Theorie über die Atomisten hinweg
sich an die Begriffe der ersten naturphilosophischen Denker anschließt, verläßt er durch seine Lehre über die Bedeutung
des „weiblichen Samens“ die von Alkmaion und den Atomisten
f) Die Sexustheorie des Hippon.
Es hat den Anschein, daß die auffallende Übereinstimmung
der Knidischen Sexuslehre mit der Milesischen Urzeugungstheorie
und mit Alkmaion in Zusammenhang steht mit einer zeitgemäßen
Richtung der Naturphilosophie. Wir können hier jedoch in der
Gestalt des Hippon lediglich eine naturphilosophische Parallele,
keine gegenseitige philosophische Abhängigkeit feststellen. Denn
die in der Knidischen Schule vollzogene originelle Verbindung
der Sexustheorie des Alkmaion mit der Atomistischen Vererbungslehre ist, wie aus der Art ihrer Beweisführung hervorgeht, aus
vererbungstheoretischen Erwägungen erwachsen, und die aus der
Naturphilosophie der Milesier entnommenen Formulierungen dienen
lediglich als begriffliche Grundlagen des naturwissenschaftlichen
Denkens der Schule. Aus einer grundsätzlichen philosophischen
Betrachtungsweise heraus ist jedoch die zur Zeit des Perikles
von dem aus Kroton stammenden Naturphilosophen und Arzt
Hippon aufgestellte Sexuslehre erwachsen, die hier als Parallele
zu der knidischen Theorie angeführt werden soll. Wenn Hippon
in direktem Anschluß an seinen Landsmann Alkmaion die Geschlechtsbestimmung mit dem allgemeinen Stoffzustand des Samens
ursächlich verknüpft, „je nachdem er konzentriert und kräftig
oder dünnflüssig und schwach ist“1), so muß man dieses Zurückgreifen auf die Milesisch-Krotoniatische Sexusauffassung aus
seinem gesamten Weltbild verstehen, worin er, die unter dem
1) Abt, Plac, V 7,3 (DD 419) = DV 26 A 14 (1 200, 18) Cens. d. d.
nat. VI, 4. Es liegt kein zwingender Grund vor, mit Wachtler (De Alecmaeone Orotoniata. 1896. S. 96 Anm. 1) in dem doxographischen Bericht
eine Textverderbnis anzunehmen und an die Stelle von Hippon den Namen
Hippokrates zu setzen (entsprechend der Ps.-Hippokrstischen Schrift
7. vovig. m. pbo, naıbiov). Wenn Hippon in dem doxographischen Text
zweimal mit scheinbar verschiedenen Theorien zitiert wird, so ist dies aus
der Einteilung des Berichtes zu erklären, der bei der Aufzählung der Geschlechtsbestimmungstheorien im ersten Absatz die Frage der Wesensbestimmung des Sexus erörtert, im zweiten Abschnitt die Lehren über den
embryonalen Bestimmungsvorgang darlegt. So fügen sich die beiden unter
dem Namen des Hippon überlieferten Lehren zu einer Theorie zusammen,
237
gelehrten, durch die Ärzteschulen von Kos und Knidos aufrechterhaltenen Grundgesetze über die gegenseitige Beziehung des
männlichen und weiblichen Zeugungsstoffes. Zwar gibt er zu,
daß der weibliche Körper ein dem männlichen entsprechendes
„Sperma“ erzeuge, jedoch fließe dieses aus dem Uterus heraus
und könne daher nicht an der Zeugung teilnehmen‘). Durch
diese Beobachtung geleitet kam er zu dem Satz, daß die typische
Zeugungsleistung des Vaters durch das Sperma, die mütterliche
durch die Ernährung des Kindes repräsentiert sei3). In diese
beiden Zeugungsstoffe legt er die Fähigheit, das Geschlecht ihres
Ursprungskörpers zu vererben: die Bildung männlichen Geschlechtes erklärt er aus dem Überwiegen des väterlichen Samens,
die weibliche Differenzierung aus dem Überwiegen der mütterlichen Nahrung‘). Er verknüpft diese Unterscheidung der
Zeugungsleistungen (männlicher Samen — weibliche Nahrung)
mit der von ihm übernommenen Dichtigkeitstheorie, indem er
den Satz aufstellt, daß das Knochengerüst vom Vater, die Weichteile von der Mutter kommen$). Der Samen des Vaters hat also
die Aufgabe, gewissermaßen den Rohbau und damit den Grundplan aufzustellen, während die mütterlichen Nahrungsstoffe der
Ausfüllung und Auskleidung des vorgezeichneten Bauplanes
dienen. Wenn also das väterliche Sperma infolge seines dichten
Stoffzustandes überwiegt, so kommt dies im fötalen Organismus
1) Vgl. Zeller-Nestle S. 383.
2) At. Plac. V 6, 8 (DD 418) = DV 26 A 18 (I 290, 18). Er gibt an,
daß er den Ausfluß des „weiblichen Samens“ vor allem bei Witwen beobachtet habe. Der Beschreibung nach handelt es sich um den Fluor.
8) Adt. Plac. V 7, 8 (DD 420) = DV 26 A 14 (1 280, 21).
4) Siehe Anın. 3.
65) Siehe Anm. 2.
Page 13
View in PDF(opens in a new window)Geschlechtsprognose.
In der später stark überarbeiteten und erweiterten Schrift
„Über die Frauenkrankheiten“, der als Grundstock eine Abhandlung jenes Knidischen Arztes vorgelegen hat!), finden sich einige
Rezepte für die Prognose des Geschlechtes; sie dürfen zwar
nicht als Eigentum des Knidischen Arztes angesehen werden,
doch geben sie einen interessanten Einblick in das weitere Bemühen der ärztlichen Praxis. In einer Notiz wird das Chloasma
uterinum als prognostisches Zeichen angegeben: „Schwangere
Frauen, die eine Verfärbung auf dem Gesicht haben, tragen ein
Mädchen; diejenigen aber, welche eine gesunde Hautfarbe behalten, sind in der Regel mit einem Knaben schwanger“ 2).
Schwanger sein mit einem männlichen Kinde wird aus der nach
oben gerichteten Brust geschlossen, während die hängende Brust:
ein weibliches Kind anzeigen soll3). Auf Grund der Krotoniatisch--
Knidischen Sexuslehre wird eine Milchprobe angegeben: „Milch
(einer Schwangeren) ist mit Mehl zu vermengen und diese Masse
auf schwachem Feuer zu backen. Wenn die Masse anbrennt,
so ist das Kind: männlich; klafft sie auseinander, so ist die Frau
mit einem Mädchen schwanger.“ Bei einem ähnlichen Verfahren
wird das Festwerden der Masse als Symptom der Knabenschwangerschaft, das Zerfließen als Prognose weiblicher Nachkommenschaft angegeben®). Der Milch einer Frau, die einen
Knaben geboren hat, wirdeeine besondere Heilkraft zugeschrieben).
Es ist unverkennbar, wie von jenem kühnen naturphilosophischen Versuch, das Wesen des Sexus als einen Aggregatzustand
zu erfassen, bis zu dem kuriosen prognostischen Rezept der
Milchprobe die Dichtigkeitstheorie als eine gemeinsame Sexusauffassung in den Vorstellungen lebt.
2. Die Wärmelheorie.
a) Empedokles.
Den extremen Gegensatz zu der Atomistischen Sexusauffassung stellt die von Empedokles ausgehende Theorie dar.
Sie wird von Aristoteles in folgender Formulierung berichtet:
1) Dberg, Ärzteschule von Knidos, S. 20 ff,
2) n. yuvaıx. II, 216 (VIII 416 L). Vgl. Soran. I 45, 8 (OMG. IV 82).
8) m. yuvan. II, 216 (VIII 416 L).
4) Siehe Anm. 2 und 8.
6) m. yuvax. I, 75 (VIII 166 L) und II, 168 (VIE 886 L).