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Mathematik und Musik und der griechische Geist.
Von
Erich Frank (Heidelberg).
Mathematik und Musik, logische klarste Rationalität und die irrationalste Macht dämonischer Psychagogie, in der Weite dieses Gegensatzes findet der griechische Geist erst den ganzen Ausdruck seines
eigenen Wesens. Wie Mathematik für die Griechen die
Wissenschaft, so war ihnen Musik die Kunst, wie schon der Name sagt. Noch
nie ist einer Zeit Musik so viel, so alles gewesen; in ihrer Welt gingen
sie ganz auf, sie war das eigentliche Element, in dem sie lebten. Wie
sehr, das zeigt allein schon die Tatsache, daß die Griechen das Wort
Musik geschaffen haben. Die Inder benützen wohl Worte wie Stimme,
Pfeife, Gesang im allgemeineren Sinne, aberfür jene rein abstrakte
innerliche Welt der Töne und Rhythmen hatten sie ebensöwenig ein
besonderes Wort wie die Chinesen oder wie die Völker des Abendlandes, deren Musik nicht nur ihrem Namen nach bis auf den heutigen Tag griechisch geblieben ist.
Nicht allein die Tragödie ist aus dem Geist der Musik- geboren,
die Musik ist für deh Griechen
ü
überhaupt nicht eine Kunst neben
anderen, nicht ein künstlerischer Genuß wie für den 'abendländischen
Menschen, sondern die allesüberwältigende kosmische Macht, der
unmittelbare Ausdruck des metaphysischen Urgrundes des Lebens
selbst. Das Wesen der Welt ist Musik, das ist der Sinn der. tiefen
Lehre von der Harmonie der Sphären: . DieWeltseele, die das All
und in ihm uns selbst trägt und durchdringt, ist ihrem Wesen: 'nach
nichts anderes als Musik; wer ihre ewige Melodie kennt wie "Orpheus,
der beherrscht mit ihrer dämonischen Macht Natur und-Menschenwelt.
Von der Musik hängt daher das Schicksal der Staaten, ‘wie das jedes
einzelnen ab, sie ist die Grundlage aller Erziehung und wahren Bildung. ‚Selbst für Plato, der die Gefahr des »phantastischen Selbstbewußtseinse in aller Kunst so unbarmherzig durchschaut und he-
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kämpft, bleibt doch die Musik das selbstverständliche, längst gefundene Fundament aller Erziehung. Sie ist die eigentliche Propädeutik
der Philosophie, die eigentliche Seele des staatlichen Lebens; »auf
ihr muß der Staat aufgebaut werden«, »jede Neuerung in der Musik
erschüttert ihn in seiner Grundlage« (Staat IV. S. 400 fi.). Dieser
echt griechische Satz stammt von keinem Beliebigen, keinem »Pythagoreer«. Damon, einer der großen Musiktheoretiker und zugleich
der bedeutendste Politiker der kimonischen Zeit, hat in ihm den Geist
seiner Politik ausgedrückt und damit den seines von ihm in diesem
Sinne beeinflußten Schülers
Perikles, des größten politischen Genius der Griechen überhaupt. Das griechische Wort für Gesetz »Nomos« ist zugleich das für Tonart. So tief ist diese Anschauung von
der Verwandtschaft von Musik und staatlichem Leben, die sich in
dem Maße sonst vielleicht nur noch bei den Chinesen findet, in der
griechischen Seele verwurzelt. Die Luft, in der der Grieche atmet, ist
Musik, aus ihrem Geiste ist seine ganze Kultur entstanden und allein
zu verstehen. Die Würdigung dieser ihrer fundamentalen Bedeutung für
die griechische Welt sucht man in der Konstruktion, die Spengler im
»Untergang des Abendlandes« von der griechischen Seele gibt, vergebens. Nach ihm wäre die Musik, als die Kunst des Grenzenlosen, neben
der Infinitesimalmathematik und der perspektivischen Oelmalerei der
eigentümliche Ausdruck abendländischer Kultur, erst das 18. Jahrhundert hätte den entscheidenden Sieg der Musik über alle anderen
Künste gebracht. Der »apollinisch-euklidischen Seele des Griechen«
soll dagegen »diese visionäre Art des Kunstgenießens fremd gewesen
sein« (5. 314). Seine Welt sei der anschauliche Körper, er kenne nur
»was er sieht und greifte (S. 120). Was dem Abendlande die Musik,
soll daher. dem Griechen die Plastik sein. Das ist ein völliges Mißverständnis griechischen Empfindens. Für dieses ist die Plastik, wie
Malerei und Architektur, nie in dem Sinne wie die Musik Kunst gewesen. Schöpferischer Künstler (zoıyıng) ist nur der Musiker, der
Dichterkomponist — denn Dichtung und Musik ist eins —, der Bildhauer ist bloß Handwerker (dnuoveyös). Die Auffassung der Plastik
als einer der Musik neben- oder gar übergeordneten Kunst ist gerade
eigentümlich abendländisch und für die klassische griechische. Zeit
.“ kaum vorstellbar.
Erst später, als der lebendige Strom griechischer
Musik allmählich versiegt, vor allem unter den amusischen Römern,
wird es anders. Freilich neigen wir heutzutage um so leichter dazu,
die Bedeutung der Plastik für den Griechen selbst zu überschätzen,
als deren Werke die einzigen sind, die von aller griechischen Kunst
noch heute unmittelbar zu uns sprechen. Von der Musik, dieser ver-
Page 2
View in PDF(opens in a new window)gänglichsten aller Künste, nicht nur im materiellen Sinne, sind uns
nur wenige und kurze Fragmente erhalten. Selbst wenn wir von ihr
mehr Reste hätten, als wir wirklich besitzen, bliebe ıhre Welt unserem
musikalischen Empfinden wahrscheinlich nie ganz verständlich. Läßt
uns die erhaltene Komposition von Pindars herrlicher Ode » Xovoea
yöpuiy&« die Erhabenheit ihrer großen Linie und den Adlerschwung
ihrer rauschenden Rhythmen erst ganz fühlen, so stehen wir vor dem
1892 gefundenen Bruchstück aus des Euripides Musikdrama »Orestes«
völlig ratlos. Mag die Deutung der Noten hier noch nicht ganz gelungen sein, mag es an der hier verwendeten antiken, uns so fremden
Enharmonik liegen, diese Komposition, die gerade zu den berühmtesten dieses von seinen Zeitgenossen umjubelten Musikers gehörte
— rd Ögüna rüv Eni onmvns ebödorıuobvrwv heißt es beim Scholiasten
—, ist für uns nur eine zusammenhanglose Aufeinanderfolge sinnloser
Töne. Hier wo sich das Individuelle der Seele am unmittelbarsten
ausspricht, fühlen wir erst, wie ganz anders ein Grieche empfand. Nur
mit dem Verstand können wir versuchen, es uns begreiflich zu machen, wie jene Musik innerhalb ihrer linearen Homophonie den ganzen
Reichtum der griechischen Seele mit so unwiderstehlicher Wirkung
aussprach. Diese Musik, die mit unserer Instrumentalmusik verglichen,
bei aller starken Betonung und Selbständigkeit der Instrumentalbegleitung, ihrem Wesen nach doch immer V.okalmusik blieb, kennt unsere
Harmonik nicht, bildet aber dafür die Melodik und Rhythmik zu einem
Reichtum und einer Höhe der Vollendung aus, hinter der die moderne
Musik weit zurückbleibt. In den Grenzen ihres linearen Stils bedeutet
ihr Weg vom Volksepos und der Lyrik zur Chormusik mit Aulosbegleitung (ein Instrument wahrscheinlich vom Klang unserer Oboe)
und zum attischen Drama und schließlich zur >nuove musiche« des
Phrynis und Timotheus eine ähnliche Tendenz zu größerer Fülle und
tieferem Volumen und schließlich zur absoluten Musik, wie wir sie in
Mathematik und Musik und der griechische Geist.
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griechische Musik in gewissem Sinne noch in unserer Zeit lebendig
ist, ist sie uns doch ebensowenig wie die des früheren Mittelalters in
ihrer individuellen Gefühlswelt noch faßbar.
X Ganz anders ist es mit der bildenden Kunst, Hier spricht sich
das Empfinden in körperlichen Gestalten, also in einem Medium von
einer gewissen abstrakten Allgemeinheit aus, hier scheinen der Individualität durch das Vorbild der Natur bestimmte Grenzen gesteckt,
und tatsächlich wirkt der unsagbare Reiz griechischer Plastik noch
heute so elementar und unwiderstehlich auf unser Auge, daß wir nicht
zweifeln, hier unmittelbar griechisches Fühlen zu verstehen. In ihren
Werken haben wir tatsächlich den einzigen Zugang in die innere Welt
der griechischen Seele. Aber sah der Grieche seine Bildwerke mit
denselben Augen an wie wir? Was war ihm an ihnen das Wesentliche?
Um diese Frage befriedigend beantworten zu können, ist das
Gebiet der griechischen Aesthetik, Kunsttheorie und -philosophie noch
viel zu ungenügend erforscht, aber soviel kann man schon sagen,
daß der griechische Künstler und Kunstbetrachter an die Werke seiner
Plastik ganz anders herantrat als der moderne Mensch. Ihn interessiert weniger der einzelne dargestellte Körper als die in ihm ausgedrückten Proportionen. Ihn entzückt die Schönheit und der Rhythmus
jener Verhältnisse, die weniger sinnlich als geistig faßbare Harmonie
ihres Zusammenspiels. Daß diese merkwürdige, uns heute so fremd
anmutende Kunstanschauung nicht bloß auf eine kleine Künstlergruppe.
oder philosophische Schule beschränkt, sondern tief im Wesen griechischen Geistes begründet war, zeigen die Worte, mit denen :die
Griechen ihr Gefühl für die künstlerische Schönheit eines Bildwerkes
ausdrücken: »Symmetrie«, »Eurhythmie«e und »Euharmostie«. Daß
diese Begriffe aus der musikalischen Sphäre stammen und welche
eigentümliche Bedeutung sie dort haben, lehren Stellen, wie etwa die
folgende: »Die Dichterkomponisten schaffen alles im Metrum und Rbythmus (uer& u&rgw» xal Övdu@rv)... und dies hat schon an sich so hohen
der Entwicklung des Abendlandes beobachten. Wir können diesen
Siegeszug der griechischen Musik an seinen Wirkungen verfolgen, wir
sehen deutlich, wie sie etwa vom 8./7. Jahrhundert an eine immer
‚größere Macht über die Seele des Griechen gewinnt, ein Gebiet des,
‚Reiz, daß wenn ihre Werke auch in der Diktion und in den Gedanken
nichts taugen sollten, sie doch allein durch die Eurhythmien und
Lebens nach dem anderen erobert und endlich in dem. attischen
(Isokrates, Euagoras 10). »Schönheit der Rhythmike, des »metrischen
Drama ihren künstlerischen Höhepunkt erreicht, Weiterhin .bleibt ihr
Wesen durch das gauze Mittelalter hindurch im gregorianischen Kir-chenichoral erhalten. Aus ihm wieder ist die ganze abendländische
Musik hervörgegangen und noch heute übt er, wenn auch unter stark
veränderter Gestalt, seine Macht über Millionen von Gläubigen in der
‚katholischen Kirchenmusik aus. Obwohl so in mittelbarer Tradition
Symmetrien die Seelen. der Hörer mit sich reißen (Yuyaywyoücır)«
"Aufbaus und der Gliederung« und »Schönheit der Harmonik« machen
also für den Griechen das Eigentümliche gerade der musikalischen
ästhetischen Wirkung aus. Der Grieche spricht nun aber ebenso von
der Eurhbythmie, der Symmetrie und der Euharmostie eines Kunstwerks, eines schönen Körpers, eines Bildes, eines Teppichs, einer
Vase u. ä,, ja sogar von der Eurhythmie eines Panzers oder wieder
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View in PDF(opens in a new window)von »den Rhythmen der Bauwerke« (vgl. etwa Plato, Staat III, go1,
Philo mechanicus IV, 4 Sch., Damianos S. 28 Sch.), Wenn dem
modernen Betrachter in den Werken griechischer Kunst ein fast musikalisch anmutender Sinn für Rhythmus der Linie und Harmonie im
andere Nuance darin, wenn die Griechen von ihr sagen, »sie
zeigt
die Proportionen und ganze Schönheit des männlichen Körpers
in
den Gebäuden« (Vitruv p. 85, 26R).
Das ist überhaupt die uns überall auffallende Eigentümlichkeit
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Aufbau auffällt, so fühlt er tatsächlich das, was dem Griechen selbst
daran das Wesentliche war. Die neueren Forschungen von Puchstein,
Koldewey, Jolles haben gezeigt, wie ein ganzes System bestimmter
zahlenmäßiger Proportionen, gleichsam eine Art plastischer Kontrapunkt der griechischen Kunst zugrunde liegt, und Max Theuer hat
neulich versucht, dieses Zahlensystem an einigen dorischen Tempein
nachzuweisen (Der dorische Peripteraltempel. Ein Beitrag zur antiken
Proportionenlehre, Berlin 1918). So stehen z. B. beim Parthenon die
Triglyphen zu den Metopen nach ihm im Verhältnis von 2:3; Thesis
und Arsis, Licht und Schatten, wechseln hier also im kretischen
Rhythmus. Die anderen Proportionen dieses edlen Bauwerks sind gewissermaßen aus diesem Hauptmotiv abgeleitet. Es verhält sich
Breite und Länge des Unterbaues wie 2?:32; Höhe zur Breite zur
Länge des ganzen Parthenons wie 42:62:9°. Hätten wir noch den
Bericht des Architekten Iktinos über seinen Bau, so würden wir
wahrscheinlich die Wunder- und Zahlenwelt. seiner Rhythmik noch
besser verstehen können. Einen ähnlichen Inhalt muß auch die
Schrift gehabt haben, worin der ungefähr gleichzeitige Bildhauer
Polyklet Rechenschaft über sein plastisches Werk ablegte. Hier
wird er die ganze Musik und rhythmische Schönheit, die sich in
den Proportionen des menschlichen Körpers ausspricht, aufgewiesen
haben. Das scheint schon der Titel des Buches: »Kanone anzudeuten,
denn Kanon ist ein spezifischer Begriff der griechischen Musiklehre,
in der es die reine Normalstimmung — die Tonskala und die sie
bestimmenden mathematischen Zahlenverhältnisse der schwingenden
Saite — bedeutet.
Danach hieß die Tonlehre auch Kanonik und
die Vertreter der mathematischen Richtung in der griechischen Musik
die Kanoniker. Nach dem Vorbild dieser Musikiheorie hat wohl
Polyklet hier bewußt eine Theorie seiner Kunst schaffen wollen,
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des griechischen Geistes: der Grieche denkt recht eigentlich in Proportionen. Der wissenschaftliche Terminus für Proportion ist »Logos
«
(vgl. noch unser »Analogie«), zugleich der eigentliche Ausdruck für
reines Denken überhaupt. Nicht auf die begrenzte Anschauung geht
das griechische Bewußtsein, sondern gerade die unanschauliche Proportion, die Beziehung zwischen den Körpern, jenes geistige Hin
und Her der Dialektik, ist das, was es vorzüglich interessiert. Selbst
die Anhänger der mimetischen Kunstrichtung verstanden unter der
' Mimesis nicht so sehr ein treues Abbilden des Gegenstandes, als die
Wiedergabe seiner objektiven mathematischen Proportionen. Nur
danach, ob die Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse — die
»Symmetrie« — oder die »Eurhythmie« — die Proportionen des schönen
Scheins —, zum Ziel der Kunst gemacht wird, scheiden sich die beiden
großen Kunstrichtungen, die wir mit unseren Begriffen Idealismus,
Realismus oder Naturalismus ganz schief wiedergeben würden. Wir
müssen vielmehr dabei eher an den Gegensatz der beiden sroßen
Musikerschulen denken: auf der einen Seite die strengen »Kanoniker«,
die der sinnlichen Wahrnehmung alle Bedeutung absprachen und nur
die mathematisch zu berechnenden Zahlenverhältnisse als Norm für
die musikalische Wahrheit gelten ließen, ihnen gegenüber die Empiriker, die »Organikere, für die die Schönheit des sinnlichen Klanges
umgekehrt den mathematischen Proportionen das Gesetz gab. Aus
all dem sieht man, wie im tiefsten Grunde ungriechisch, wie »abendländisch«e Spenglers Auffassung der antiken Plastik ist, wenn er meint,
»der Grieche betastet den Marmor mit dem Auge« (S. 314).
Den eigentlichen und für manchen eindrucksvollsten Beweis für
die angeblich »euklidisch-apollinische« Seele der Griechen entnimmt
aber Spengler der griechischen Mathematik: »Der antike Mathematiker kenne nur das, was er sieht und greift« (S. 120); die leibhaft
in der er die absoluten Zahlenverhältnisse, gewissermaßen. die reine
tonale Stimmung des menschlichen ‚Körpers, feststellte, um so die
sinnliche Gestalt, der »Körper«e
Plastik zur Würde einer wirklichen Kunst wie die Musik emporzuheben. Es liegt der tief in griechischer Anschauung verwurzelte
Gedanke zugrunde, daß der Mensch als der Mikrokosmos in den Proportionen seines Körpers die kosmischen Proportionen des Universums
ausdrückt. Wenn Spengler auch nicht unrichtig die dorische Säule
mit einer griechischen Statue vergleicht, so liegt doch eine ganz
“ tesimalmethode sei darum erst die eigentümliche Schöpfung des Abendlandes; auf ihr beruhe die Barockmathematik, »die Schwesterkunst
der. Musik, als der Kunst des Grenzenlosen«.
. Es ist aber heute eine nicht mehr bestreitbare Tatsache, -daß
die Griechen nicht nur überhaupt die Infinitesimalmethode gekannt
und seine »Konstruktion« sei sein
Ziel; die griechische Seele kenne das Unendliche nicht, die Infinihaben, es zeigt sich immer mehr, daß das ‚Infinitesimalproblem von
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View in PDF(opens in a new window)!rüh an eines der wichtigsten Probleme der griechischen Mathematik
gewesen ist. Ihre besten Kenner haben schon immer behauptet, daß
die Griechen sich den heutigen ganz ähnlicher Untersuchungsmethoden
hedient haben, und namentlich das Exhaustionsverfahren des Archiınedes etwas der modernen Integralmethode sehr Verwandtes gewesen
sein müsse, Die Heiberg vor einigen Jahren (1907) auf einem Palimpsest
geglückte Auffindung der verschollen gewesenen Schrift des Archimedes über seine eigene »bei der Erforschung mechanischer Theoreme
g verblüffendster Weise
.in
befolgte Methode« hat diese Vermutun
übertroffen. Denn das
weit
noch
Erwartungen
alle
ja
bestätigt,
Verfahren, das Archimedes hier mit dem vollen Bewußtsein seiner
Bedeutung und dem ausgesprochenen Willen, seine mathematischen
Fachgenossen zu seiner Verwertung anzuregen, auseinandersetzt, ist
N
tatsächlich nicht nur etwas der modernen Methode Analoges, sondern
im Grunde und in ihrem Prinzip identisch mit ihr. Will man diesem
Urteil nicht ohne weiteres trauen, so kann auf eine mathematische
Autorität wie Zeuthen hingewiesen werden, der zusammenfassend
urteilt, daß >die infinitesimalen Betrachtungen des Archimedes in dieser
Schrift dieselbe Gültigkeit haben, wie diejenigen, die sich jetzt auf
Cauchys Infinitesimalbegriff stützen«.
Das Schriftchen des Archimedes tt noch deshalb für uns von
so unschätzbarem Wert, weil es uns zum erstenmal überhaupt einen
Blick auf die Mittel tun läßt, durch die die griechischen Mathematiker
zu ihren Ergebnissen gelangten.
Denn in ihren Veröffentlichungen
geben sie nur die fertigen Beweise und auf deren logisch korrekter
und unantastbarer Form liegt ihr ganzes Augenmerk. Seine Studien
gewissermaßen vor der Oeffentlichkeit zu absolvieren, ist eben nicht
griechische Art. Aber der logisch »gepanzerte« Beweis eines Theorems
sagt uns natürlich nichts über die Art, auf der man zur Erkenntnis desselben gelangt ist. Da ist es bezeichnend, daß auch jene
kleine Schrift des Archimedes über seine eigentliche Methode die
Form eines scheinbar gar nicht für die weitere Oeffentlichkeit bestimmten Briefes an seinen Zeit- und Fachgenossen Eratosthenes trägt.
Auch hierin zeigt sich übrigens eine -auffallende Aehnlichkeit mit
der Gewohnheit, die Leibniz in der Veröffentlichung seiner Forschungen
Be
=
zu beobachten pflegte.
für
Hinsicht
anderer
in
noch
bietet
s
Dieser Brief des Archimede
das wahre Wesen der griechischen höheren Mathematik überraschenden Aufschluß. Nachdem er nämlich auseinandergesetzt hat, wie ihm:
gewisse Dinge durch seine Methode: klargeworden sind, die aller- dings nachher noch »geometrisch bewiesen werden mußten, weil die
Behandlung nach der bewußten Methode allein nicht den vollkommenen Beweis gibte, streift er kurz seine Vorgänger in diesem Verfahren. Und da erfahren wir die überraschende Tatsache, daß kein
anderer als Demokrit es gewesen ist, der zuerst dieses Verfahren
anwandte und der dadurch die Tatsache entdeckte, daß der Kegel der
dritte Teil des Zylinders und die Pyramide der dritte Teil des Prismas mit derselben Grundfläche und Höhe ist. Den »geometrischen
Beweis« dieses Satzes habe dann freilich erst Eudoxos gegeben.
In diesen Worten erfahren wir nun endlich einmal etwas von den
wirklichen Problemen, mit denen sich die schöpferischen Mathematiker
der klassischen Zeit beschäftigten. Da hören wir nichts von Pythagoras oder Plato, nichts von den abgeschmackten Geschichten wodurch Neupythagoreer und Neuplatoniker über die Geschichte der griechischen Mathematik einen schwer zu durchschauenden Nebel gebreitet haben; hier tun wir endlich einmal einen Blick auf den tatsächlichen Entwicklungsgang griechischer, wissenschaftlicher Mathematik: und da steht am Anfang Demokrit, der Philosoph des atomistischen Materialismus, dessen Namen die neuplatonische Tradition,
von der wir leider so sehr abhängig sind, wie den des leibhaftigen
(rottseibeiuns sich auch nur auszusprechen scheut. Demokrit ist
also der eigentliche Begründer der griechischen Infinitesimalmethode.
Und nun werden erst die wenigen Bruchstücke in ihrer Bedeutung
und in ihrem Zusammenhang klar, die uns der Zufall aus seinem großen
Werke gerettet hat. Jenen Lehrsatz über das Volumen von Kegel
und Pyramide fand Demokrit dadurch, daß er sich den Kegel parallel
zur Grundfläche durch unendlich viele Ebenen, die einander unendlich nahe liegen, geschnitten dachte, so daß der Körper aus einer
Summe von unendlich vielen, unendlich dünnen Blättchen von abnehmender Größe bestand (Diels, Vorsokratiker Fr. 55 B 155). Wie
er nun von da weiter zu seinem Satze kam, das läßt sich wenigstens
mit ‚einiger Wahrscheinlichkeit erraten. Er wird wohl gesehen haben,
-daß zwei Kegel oder Pyramiden dann gleich sind, wenn sie die
Summe derselben unendlichen Anzahl gleicher ebener Schnitte sind.
Damit hätte er aber, wie man richtig bemerkte, teilweise schon den Satz
Cavalieris (1685) vorweg genommen. Demokrit, dieses gewaltige und
größte nur noch mit Leibniz zu vergleichende Universalgenie, dessen
überragende Bedeutung für die Entwicklung der griechischen Wissenschaft überhaupt die neueren Forschungen immer deutlicher erkennen
lassen, hat sich also schon einer der modernen ähnlichen Methode
bei seinen mathematischen Untersuchungen bedient, mag sein Verfahren auch noch so unvollkommen gewesen sein. Zum InfinitesimalLogos IX. a.
Page 5
View in PDF(opens in a new window)d-essus:
Liasin.
problem ist er aber durch seine atomistische Philosophie ebenso
notwendig geführt worden, wie zwei Jahrtausende später Leibniz
durch seine Monadologie.
X Wir sehen also die griechische Mathematik schon zur Zeit
Demokrits, d. h. vor 400 v. Chr., mit Problemen beschäftigt, die
Spengler erst der abendländischen Mathematik zutrauen will. Die
eigentliche Absicht und das eigentliche Wesen der Mathematik dieser
frühen Zeit deckt aber eine andere zufällig bei Vitruv gerettete Nachricht auf, deren Bedeutung nicht immer genügend beachtet wurde. In
dem auch sonst viel Interessantes bringenden Prooemium des 7. Buches
lesen wir: »Unter den Besagten hat nun zuerst Agatharchos,
als Aeschylos die Tragödie auf die Bühne brachte, eine perspektivische
Bühnendekoration gemalt und eine Abhandlung über diese Art der
Demokrit und
Malerei hinterlassen. Durch ihn angeregt, haben
Anaxagoras über denselben Gegenstand geschrieben und gezeigt, auf
welche Weise von einem an einem bestimmten Orte angenommenen
Mittelpunkte (der Bildfläche) aus die Linien (perspektivisch) zu
ziehen seien, damit sie dem Blick der Augen, sowie dem Verhältnis der
gradlinigen Ausbreitung der Lichtstrahlen nach dem Gesetz der Natur
entsprechen, so daß über eine unklare Sache klare Abbilder eine
Darstellung von Gebäuden auf der Bühnendekoration wiedergeben
und so die in einer geraden Fläche aufgezeichneten Gegenstände
doch in einzelnen Teilen vor-, in anderen zurückzutreten scheinen.«
(Diels 46 A 39.) Es ist also gar nicht richtig, daß sich die historische
Entwicklung der Mathematik in Wirklichkeit an das Schema gehalten:
hätte, das ihr manche aufzwingen wollten: nach Spengler soll »die antike
Mathematik ursprünglich beinahe rein planimetrisch gewesen sein« (S.91).
Perspektive und Projektion soll sie ebensowenig, wie.die griechische
Malerei gekannt haben; »erst in der geometrischen Analysis und der
projektiven Geometrie des 17. Jahrhunderts« soll sich » dieselbe Ordnung
offenbaren, welche .. . die ihr verschwisterte Oelmalerei durch das Prinzipeinernurdem Abendlande bekannten Perspektive... des Bildraumes ins Leben zu rufen, ergreifen, durch-dringen möchte« {S. 90). Dagegen soll auch »die Planimetrie zum
strengsten Flächenstil Polygnots, der ‚weder Licht noch Schatten,
noch perspektivische Verhältnisse kennt« gehören (S. 321). -Nun sehen
wir aber schon vor 460 (Aeschylos starb 456/455) — also-gerade zur
Zeit Polygnots — griechische Maler sich mit perspektivischen Aufgaben und den Verhältnissen von Licht und Schatten (die perspektivische Malerei hieß auch »Skiagraphie«, d.h. »Licht- und Schattenmalerei») beschäftigen und sie auch theoretisch behandeln. Anaxagoras
Maihematik und Musik und der griechische Geist.
231
dürfte etwa 463 nach Atlıen gekommen sein, also gerade zu der
Zeit, wo die neue Malerei die athenische Bevölkerung noch aufs
lebhafteste erregte. In diese Zeit müssen wir seine Beschäftigung
mit den mathematischen Problemen, die sie aufwarf, setzen. Wir
können hier an einem interessanten einzelnen Fall verfolgen, wie die
griechische wissenschaftliche Mathematik aus der lebendigen Praxis
der griechischen Maler hervorgeht. Auch hier übrigens eine vollkommene Parallele zur abendländischen Entwicklung, die, wie die
interessanten Ergebnisse der Forschungen Olschkis zeigen, ganz denselben Weg aus den Malerschulen hervor genommen hat. (Geschichte
der neusprachlichen wissenschaftlichen Literatur Bd.I. Literatur der
Technik und der angewandten Wissenschaften 1919.) Die Probleme und
Methoden der modernen experimentell-mathematischen Naturwissenschaft der Renaissance gehen danach nicht, wie man bisher meinte, aus
der Spekulation, sondern gerade aus der Optik der Maler und der
praktischen Mechanik der Architekten und Ingenieure hervor. Aus
den Traktaten über Perspektive von Alberti, Ghiberti, Piero
de’ Franceschi und von des Architekten Francesco di Giorgio Martini Militärtechnik führt die Entwicklung durch Vermittlung Leonardo
da Vincis, Dürers und Tartagliaszu Benedetti und schließlich zu Galilei. Ganz ebenso nimmt Anaxagoras die Anregungen
zu seinen mathematischen Forschungen aus den Schriften der Maler
seiner Zeit und wird so der Begründer der wissenschaftlichen Perspektive, d. h. jenes Zweiges der Mathematik, den die Alten
»Skenographie«, aber auch »Optik im engeren Sinne«e nannten
und der die Gesetze unseres perspektivischen Sehens sowie die
gradlinige Ausbreitung der Lichtstrahlen in Form des Kegels mathematisch behandelte. Anaxagoras begreift nun sofort auch die
kosmische Bedeutung dieser Phänomene und wendet die Resultate
seiner Forschungen auf die Optik des Weltraums an. Er konstruiert
init unerhörter Kühnheit als erster Sterblicher den Schattenkegel der
Erde und zeigt mit Hilfe seiner Konstruktion, wie durch Eintreten
in ihn der Mond und ähnlich die Sonne mit mathematischer Notwendigkeit verfinstert werden müsse. Zugleich benutzt er die Gesetze
'perspektivischer Verkleinerung zur Größenschätzung von Sonne und
Mond und erkennt im »Gesicht des Mondes« die Schattenwirkung seiner Berge, auf deren Höhe er daraus, freilich sehr annähernd, schließt.
Damit war ein entscheidender Schritt nicht nur in der Mathematik der
Astronomie und in der Anwendung mathematischer Methode auf die
Erforschung des Weltalls, sondern in der philosophischen Weltanschauung überhaupt geschehen.
An die Forschungen des Anaxagoras
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View in PDF(opens in a new window)PEPPER Oper
knüpft aber unmittelbar Demokrit an und führt sie weiter. Der Perspektive scheint er ein eigenes Werk, die »Aktinographie«, d. i. Konstruktion der Lichtstrahlen (Diels, 55 B ı5b) gewidmet zu haben und
eine andere Schrift (» Ekpetasmata« wörtlich das Ausgebreitete) dürfte
die Projektion der Kugel oder ähnlicher Körper auf die Ebene zum
nn
en
Zweck der Kartenzeichnung (vgl. fr. 14 b, c) behandelt haben, Probleme, die uns leider erst in der späten Bearbeitung des Ptolemäus
erhalten sind.
Es sind also ganz andere Dinge als man gemeinhin denkt, die
die griechische Mathematik im 5. Jahrhundert interessieren. Nicht
»leibhaft faßbare Körper, sondern gerade die Geometrie des Lichts
und die Perspektive des Bildraums. Als Anaxagoras um 460 diesen
neuen Zweig der Mathematik begründete, muß es aber schon eine
mathematische Wissenschaft gegeben haben. Was das Wesen dieser
ältesten archaischen Mathematik gewesen ist, daran läßt sich eigentlich nicht zweifeln. Sie war Proportionenlehre. Die Mathematik wurde
zudem in dieser frühesten für uns schwer erkennbaren Zeit vielleicht
gar nicht »Geometrie« genannt. Damit wurden auch noch alle die
Schlüsse, die Spengler aus dem »nicht zu beseitigenden apollinischen
Sinn des Wortes Geometrie« (S. 108) auf die Bedeutung des sinnlich Konkreten und körperhaft Anschaulichen als »spezifischen Ausdrucks des antiken Grenzgefühls« ziehen zu können glaubt, in sich
Proportionenlehre ist jedenfalls der
zusammen fallen. Die
älteste Bestandteil der griechischen Mathematik. Diese alte Theowie der Proportionen ist aber, wie der grundgelehrte Paul Tannery in einer seiner aufschlußreichsten Untersuchungen gezeigt hat,
der musikalischen Intervalle ausbei Gelegenheit der Erforschung
gebaut worden. Sie hat also ihren eigentlichen Ursprung in der
»Musik«, der Harmonielehre. Diese Musik ist ja bis in die späteste
“Zeit. ein Bestandteil der Mathematik geblieben. Vielleicht schon im
5. Jahrhundert bilden bei den Pythagoreern und später in der Akademie
die vier Schwesterwissenschaften, Geometrie, Arithmetik, Sphärik
(Astronomie) und Musik zusammen die »Mathemata«, und noch im
späten Mittelalter machen diese selben Disziplinen das Quadrivium
aus. Die umständliche und für uns heute nur ‚schwer verständliche-
Art, wie die griechischen Mathematiker in Proportionen denken und
rechnen (Aoyileodarl) z.B. 2:1= 3:2)X (4:3) (di. 2=I3xXN
oder 2:1 = (4:3)? x (9:8). (d.i.2= (x) wird sofort verständlich und natürlich, wenn wir sie in die Sprache der Musiktheorie
umsetzen. Denn die erste Gleichung heißt. nichts anderes als »die .
Oktave besteht aus Quinte und Quart«, die zweite: »die Oktave be-
Mathematik und Musik und der griechische Geist.
233
steht aus zwei Quarten und einem Ganzton«. (Vgl. Philolaos bei
Diels 32B6.) Der Ursprung der griechischen Proportionenlehre ist
also ein wesentlich musikalischer und die Rolle der Musik in der
Entwicklung der reinen Mathematik kann in der Tat, wie Tannery
zeigt, der fundamentalen Bedeutung dieses Prinzips entsprechend, nicht
hoch genug geschätzt werden.
Nichts kennzeichnet besser das eigentliche und tiefste Wesen
griechischer Mathematik als diese Tatsache: der Grieche zeigt auch
in dieser, vielleicht seiner bedeutendsten Schöpfung die ganz merkwürdige Art, in Proportionen zu denken; die Proportion ist aber
nichts sinnlich Anschauliches wie ein Körper, sie kann vielmehr schon
als ein, wenn auch noch einfacher Ausdruck funktionalen Denkens
aufgefaßt werden. Tatsächlich ist die moderne funktionale Mathematik in ihren Anfängen gerade von dieser griechischen Theorie der
Proportionen inspiriert. Wie stark Nikolaus von Oresme, den ja auch
Spengler als den Vater der abendländischen Mathematik. betrachtet,
unter ihrem Einfluß steht, braucht kaum betont zu werden, das zeigt
schon der Titel seines Hauptwerkes »Algorismus proportionum«.
Und der von John Napier (1614) geprägte Ausdruck Logarithmus
— den Grundgedanken des logarithmischen Rechnens hat bereits Archimedes in seiner Sandrechnung ausgesprochen — weist schon in seiner
Form (Aöyov dgwduös d. i. Proportionszahl) auf die griechische Terminologie und seine Herkunft aus der Proportionenlehre hin.
Man sieht, von jener Beschränktheit auf sinnliche Anschaulichkeit, von jenem »antiken Grenzgefühl«e kann bei der griechischen
Mathematik nicht im entferntesten die Rede sein. Die alte griechische
Theorie der Proportionen gerät aber in einen Umbildungsprozeß dadurch, daß in ihre Gedankenentwicklung eine ganz neue Problemreihe einmündet — das Infinitesimalproblem, das nun das eigentlich
treibende. Motiv in der Entwicklung der höheren mathematischen
Theorie wird. Daß schon vor Demokrit infinitesimale Betrachtungen in
der griechischen Mathematik gebräuchlich waren, zeigen dieZenonischen
Paradoxa, die sich gegen eine infinitesimale, allerdings noch diskrete
Auffassung des Raumes wenden: Von Zenon wird den Exhaustionsversuchen die Unmöglichkeit entgegengesetzt, das Stetige durch
fortgesetzte Teilung zu erschöpfen. Die Exhaustionsmethode muß
\ ‚also schon damals den Mathematikern bekannt. gewesen sein, und
der. Sophist Antiphon benutzt sie.auch wie etwas Bekanntes für seinen
. Lösungsversuch der Quadratur des Kreises, dem mathematischen
Paradestück der damaligen Popularphilosophie. Gab es schon vor
Demokrit somit sicherlich nicht unbedeutende Ansätze zur JInfini-
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Erich Frank:
‚dieser Denker den allgemeinen Wert und die Bedeutung dieses Verfahrens als eines heuristischen Prinzips mathematischer Untersuchungen
überhaupt erkannt zu haben. Und seit Demokrit verschwindet nun
dies Problem nicht mehr, vielmehr sehen wir alle schöpferischen
Mathematiker der folgenden Zeit an seiner theoretischen Bewältigung
arbeiten. Der nächste entscheidende Fortschritt über Demokrit hinaus bedeutete hier die alle bisherigen mathematischen Vorstellungen
evolutionierende Entdeckung des Irrationalen.
Seit den befreienden Untersuchungen von Zeuthen, Jung, Vogt und Eva Sachs
wissen wir heute (und zwar aus bester Quelle, nämlich aus Eudems,
des Aristoteles-Schülers Geschichte der Mathematik), daß diese Entdeckung, die Theorie, die Definition und Klassifikation der irrationalen Größen, wie wir sie noch heute im X. Buch des Euklid lesen,
ferner ihre Zuteilung an die Geometrie, Aritmetik und Harmonielehre (!) im großen und ganzen die Leistung des genialen Mathematikers
Theätet war, des früh verstorbenen Freundes Platos, dessen Andenken er den schönen diesen Namen als Titel tragenden Dialog
gewidmet hat. Theätet ist wohl. von Demokrits Raumauffassung ausgegangen, zu dessen Philosophie er, wie wir aus dem vaticinium ex
eventu im »Sophisten«e S. 265, schließen dürfen; in seiner Jugend
überhaupt stark hinneigte. Die Entdeckung des Irrationalen als einer
beweisbaren Eigenschaft des Raumes, macht
allgemeinen und
nun aber die Demokritische Auffassung des Raumes unmöglich.
Denn der Raum kann nun nicht mehr als in letzte Raumelemente
teilbar und durch sie als meßbar gedacht werden, wenn Raumgrößen nachgewiesen sind, die kein gemeinsames Maß haben. Wie
tief der Eindruck dieser Entdeckung auf die wissenschaftliche Welt
jener Zeit war, können wir noch in den Dialogen Platos sehen.
In
den »Gesetzen« erzählt er, wie er selbst erst spät die Lehre vom
Irrationalen kennen lernte, sie mit Eifer studierte und nun über die
Denn
Se
tesinalmethode, an die er anknüpfen konnte, so scheint doch erst
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hier angeführt, um gleich zu zeigen, wie ganz unbekannt dem Griechen der klassischen Zeit jene angebliche Angst vor dem Irrationalen
war, die auch Spengler ihm andichten will. Das Irrationale soll nach
ihm »dem antiken Weltgefühl im tiefsten Innern fremd und darum
unheimliche gewesen sein; »wer dies Gefühl, die tiefe metaphysische
Angst der Auflösung des Greifbar-Sinnlichen und Gegenwärtigen,
mit dem sich das antike Dasein wie mit einer Schutzmauer umgeben
hatte, begreift«, der soll auch »den letzten Sinn der antiken Zahl
des Maßes im Gegensatz zum Unermeßlichen und das hohe religiöse
Ethos in ihrer Beschränkung begriffen haben«. (S. 96.) Nun, von
solcher metaphysischen Angst ist hier bei Plato — und ihm wird
man doch wenn irgend einem ein philosophisches Verständnis für
den antiken Zahlenbegriff zutrauen dürfen — doch nichts zu spüren.
Die Beschäftigung damit ist ihm wahrhaftig nicht »unheimlich«, er
nennt sie ganz vergnügt und etwas boshaft einen angenehmen Zeitvertreib, hübscher als Schach. Man sieht wie ungriechisch im Sinne
der klassischen Zeit jener längst als späte Erfindung erkannte, neupythagoreische Mythos bei Jamblichus ist, wonach der, welcher zuerst
das Irrationale in die Oeffentlichkeit brachte, wegen dieses Frevels
auf dem Meere umgekommen sei. Plato denkt gerade umgekehrt
nur daran, die epochemachende Entdeckung des Irrationalen möglichst
schnell unter allen Hellenen zu verbreiten.
.
heätet starb zu früh (368 v. Chr.), um die durch seine Entdeckung
der Irrationalität notwendig gewordene Reform der ganzen griechischen Mathematik noch selbst m Angriff nehmen zu können. Dies
ist das Verdienst des anderen großen Mathematikers des platonischen
Kreises, des Eudoxus. Er ist mit Recht der Neuschöpfer der Mathematik genannt worden. Seine Leistung besteht aber in der Schaffung
der neuen mathematischen Theorie, die das Irrationale theoretisch
bewältigt, Die alte Theorie der Proportionen kannte nur Verhältnisse zwischen kommensurablen Größen, d. h. zwischen Größen, die
sich wie (ganze) Zahlen zueinander verhalten. Nun galt es den Proportionsbegriff so umzugestalten, daß er auch auf irrationale Größen
anwendbar wurde. Das erreichte Eudoxus durch die neue Definition
der gleichartigen Größen als solcher, »deren Multipla einander übertreffen können« (Euklid V, Def. 3—4). Die Bedeutung des auf dieser Definition beruhenden »Eudoxischen Prinzips«, das also mit Unrecht
tief eingewurzelte ebenso lächerliche wie schimpfliche Unwissenheit
in diesen Dingen sehr erstaunte, »Dieser Zustand schien mir nicht
menschenwürdig zu sein, sondern eher für Schweine zu passen;
und ich schämte mich seiner nicht nur für mich selbst, sondern noch
für alle Hellenen mit,« das müsse nun anders werden; »dieses Problem muß man untersuchen und durchdenken oder man ist gar nichts
wert; indem man es sich immer wieder vorlegt, hat man einen Zeitvertreib, der für alte Leute viel hübscher ist als das Brettspiel, und
diese können ihren Ehrgeiz so in einer dem Alter angemesseneren
“Verstand Stetigkeit und Inkommensurabilität theoretisch zugänglich
Beschäftigung suchen« (Gesetze VII. S. 820), Wir haben diese Stelle
wird.
auch das »Archimedische« genannt wird, besteht darin, daß dadurch
dem in diskreten und kommensurablen Größen denkenden abstrakten
Eudoxus richtet sich aber mit diesem seinem Axiom, wie wir
Page 8
View in PDF(opens in a new window)aus einem zufällig erhaltenen Scholion (Euklid V, 436 Heiberg)
schließen dürfen, gegen die Mathematik der Demokritener, und ihren
Grundsatz, »daß es kleinste Größen gibte: denn aus diesem Axiom
folgt, daß man bei jeder beliebig kleinen Größe, die man annimmt,
immer noch eine erhalten kann, die kleiner ist als jene.
Durch Eudoxus erhält die griechische Mathematik nun jene
Form, die sie uns noch jetzt bei Euklid zeigt. An Eudoxus knüpft
aber unmittelbar wieder Archimedes an, dessen Exhaustionsbeweise
der Sätze infinitesimaler Natur auf diesem eudoxischen Postulat beruhen. Auf dem Postulat des Eudoxus beruht auch jene uns ganz
modern anmutende Ausdrucksweise des Archimedes, daß »die eine
Figur die andere um weniger als jede beliebige Größe übertrifft«.
Zeuthen hat also vollkommen recht, wenn er meint, daß die diesem
oder jenem Verfasser in der neueren Zeit, wie z.B. Wallis (in Arithmetica Infinitorum 1655), zugeschriebene Erfindung dieses Ausdrucks
für einen exakten Grenzübergang in der Tat nur besagt, was schon
Unendliche (drreiwov) ist in der späteren Mathematik verpönt. Welche
Wirkung jener Brief des Archimedes an Eratosthenes über seine neu
gefundene Methode in der mathematischen Welt hervorrief, darüber
wissen wir leider nichts. Archimedes soll unter den rohen Händen
Alten noch kaum alles, was ihnen gebührt, gegeben«,
So ist jetzt die große Linie der inneren Problementwicklung in
der griechischen Mathematik klar geworden. Es ist ein gewaltiger Weg
von innerer Notwendigkeit, auf dem jeder Schritt den folgenden logisch
bedingt. Die wissenschaftliche Mathematik beginnt als Musiktheorie
wohl nicht viel vor 500 — damals soll Lasos von Hermione, angeblich
der Lehrer Pindars, das erste musiktheoretische Werk geschrieben
haben, Auf dem Boden dieser alten Proportionenlehre baut dann
Demokrit kaum vor 440 seine Infinitesimalmathematik auf. Eine neue
Epoche bringt dann die Entdeckung des Irrationalen durch Theätet
wohl spätestens um 380, — denn Theätet scheint nach Platos Darstellung seine bahnbrechende Entdeckung noch in ganz jungen Jahren
gemacht zu haben —, worauf dann Eudoxus die neue mathematische
Theorie schafft und durch sie die Schwierigkeiten des Irrationalen
überwindet (etwa in den Jahren 380—350).
Von dem durch Eumetrischen Figuren ruhig weiter in den Sand zeichnete, umgekommen
sein. Dieser Vorgang hat fast symbolische Bedeutung. Unter dem
Waffenlärm der neuen, nun heraufziehenden Zeit der Römerherrschaft
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im Exhaustionsbeweise der Alten enthalten ist, und »damit sei den
237
römischer Soldaten, da er, ohne des Kampfes zu achten, seine geone
2 36
fand der lebendige Strom griechischen Geistes und schöpferischer
Forschung bald ein Ende. Erst als im Abendlande wieder selbständige Forschung begann, lernte man allmählich die eigentlichen
Gedanken griechischer Mathematik verstehen. Leibniz ist sich wohl
der nahen Verwandtschaft seiner Infinitesimalmethode mit der des
Archimedes bewußt. Er sagt selbst in seinem Brief an Varignon,
den treuen Kämpfer für das neue Verfahren: »Der Vorzug unserer
Infinitesimalmethode liegt darin, daß sie unmittelbar und augenscheiniich in einer Art, die den eigentlichen Quell der Entdeckung
freilegt, dasjenige gibt, was die Alten so z. B. Archimedes auf
Umwegen vermittelst des indirekten Beweises erreichten« (Brief vom
I. Februar 1702). Und in ähnlichem Sinne spricht er in seiner
»Rechtfertigung der Infinitesimalrechnung« 1702 von der Methode
des. Archimedes.
Leibniz ist sich also vollkommen bewußt, daß
sein Verfahren mit dem der griechischen Mathematiker und vor
allem dem des Archimedes eine große Aehnlichkeit besitzt. Ihren
Vorzug vor dem »indirekten Beweise der Alten« sieht er aber gerade
in ihrer größeren Anschaulichkeit. Leibniz empfindet also, wie es
jeder muß, sehr deutlich die merkwürdig logische, unanschauliche Art
des antiken Exhaustionsverfahrens, aber nichts von jenem »euklidischapollinischene Grenzbewußtsein,
Was soll überhaupt dieses Schlagwort »euklidisch« bedeuten?
Euklid ist ein ganz elementares Schulbuch, ein in einer ganz bestimmten didaktischen Absicht zusammengestelltes Elementarsystem
doxus geschaffenen Boden ausgehend, gelangt dann schließlich Archiınedes in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. zu einer
der Mathematik. Der Zweck, auf den es abzielt, ist die Konstrüktion
Methode, die dem modernen Infinitesimalverfahren in seinem Wert schon
Bedeutung ganz zu verstehen, muß man sich erinnern, daß Plato die
ganz nahe kommt. Man sieht, die Infinitesimalmethode ist nicht ein
Einfall, der blitzartig im Kopfe eines Griechen einmal auftaucht und
sonst für das Wesen griechischer Mathematik bedeutungslos wäre, es
ist vielmehr gerade das fundamentale Problem, um das die Griechen
in einem mehr als zwei Jahrhunderte währenden, ununterbrochenen
Gedankenkampf rangen. Nur der (demokritische ?) Terminus für das
der fünf regulären sogenannten platonischen Körper.
Um deren
Natur als die Welt der Körper im Anschluß an Demokrit aus Atomen
konstruiert.
Hatte aber Demokrit die Gestalt der Atome und den
Aufbau der Materie aus ihnen als unendlich verschieden angenommen,
so genügte das Plato nicht.
Er war überzeugt, daß sich hier ebenso
‚mathematische Gesetzmäßigkeit finden lassen müsse, wie sie sich in
den Bewegungen der Himmelskörper zeige, Sie zu erkennen war
Page 9
View in PDF(opens in a new window)aur die mathematische Wissenschaft damals noch nicht weit genug.
gebracht, aber die Stereometrie war über ihre ersten Anfänge bei
Demokrit noch nicht hinaus. Darum stellte Plato den Mathematikern
seines Kreises die Aufgabe, die Gesetzmäßigkeit der irrationalen
Körperlichkeit zu erforschen. Das tat Theätet, und dieser bahnbrechende Genius löste diese Aufgabe nicht nur, sondern: machte
dabei auch die überraschende Entdeckung, daß die Körperwelt nicht
von unendlicher Vielgestaltigkeit sei, wie noch Demokrit angenommen
hatte, sondern daß es nur 5 reine Formen der körperlichen Dimension gäbe: Würfel, Ikosaeder, Oktaeder, Tetraeder und Dodekaeder;
es gelang ihm diese Körper in ihre Kugel, wie Vielecke in ihre
Kreise einzuschreiben und zu konstruieren, allerdings nur mit Hilfe
des Irrationalen.
Damit schien das bewiesen, was man früher nicht
für möglich gehalten hatte, daß auch die empirische, scheinbar so
gänzlich irrationale Körperlichkeit in ihrem Aufbau mathematischer
Gesetzmäßigkeit und nicht der bloßen Willkür des Zufalls folge, daß
sie sich konstruieren lasse.
Der Eindruck dieser Theätetschen
Entdeckung auf Plato war tief. Nun schien das innere Gesetz körperlicher Dimension gefunden.
selben gab es nicht.
Mehr als jene 5 reinen Formen der-
Alles Körperliche ist aber eins der 5 Elemente;
entweder Erde, Wasser, Luft, Feuer oder Aether, die wieder alle ineinander übergehen können. Also kann, so schloß Plato, die Materie
nicht aus verschiedengestaltigen Atomen bestehen, sondern alle
Atome müssen von gleicher Form sein, aber je nachdem sie in der
inathematischen Form eines Würfels, Ikosaeders usw. angeordnet
sind, ergeben sie die verschiedenen »Körpere der Welt d.h, die
Elemente Erde, Wasser, Luft, Feuer, Aether. Eine geniale Intuition,
die merkwürdig an die Ergebnisse der modernsten Forschungen über
den inneren Aufbau der Materie und die Struktur der Kristalle erinnert.
oo
j
ou
Die platonische Philosophie setzt zu ihrem Verständnis also
mindestens so viel mathematische Kenntnisse voraus, als die Konstruktion der 5 regulären Körper erfordert, mit denen sie beginnt. Der
zu dem eigentlichen Studium
junge Akademiker mußte daher, ehe er
der platonischen Philosophie zugelassen wurde, erst einen Lehrgang
in der Mathematik durchmachen, der ihn bis zu der Konstruktion
dieser Körper führte. Euklids »Elemente« enthalten somit die mathematische Propädeutik der platonischen Akademie oder sind zum
nindesten nach dem Vorbild einer solchen verfaßt, und durch diesen
Zweck ist wenigstens das Buch, wie schon der Titel andeutet, in
Form und Inhalt durchaus bestimmt,
FED
a Ze
ß
Sie hatte wohl die Planimetrie zu einem systematischen Abschlu
239
Genau nach den Vorschriften,
die Plato gibt, wird aus einigen wenigen zugrunde gelegten ersten
Voraussetzungen, »Hypothesen«, streng logisch eines nach dem
anderen bis zu diesem seinem »Ziel«e abgeleitet. So bleibt denn
alles, was für diesen Zweck unnötig ist, unberücksichtigt.
Nur die
Lehre vom Irrationalen macht hier vielleicht eine Ausnahme. Ihre
Schwierigkeiten werden mit einer Ausführlichkeit und einer Gründlichkeit behandelt — das zehnte Buch, das diese Lehre bringt, nimmt
fast die Hälfte des Raumes ein, wie die anderen ı2 Bücher zusammen — die über den Rahmen einer Elementarmathematik hinauszugehen scheint. Aber auch hier hat sich Euklid nur streng an die
Forderungen Platos gehalten, der für den propädeutischen Unterricht
ja gerade eine gründliche und genaue Belehrung über das Wesen
des Irrationalen forderte.
So läßt sich Euklid nicht allein aus sich heraus, sondern mit aus
der Philosophie der platonischen Akademie und den besonderen Bedürfnissen ihres Unterrichts heraus verstehen. Aus einem Schulbuch
darf man nicht so ohne weiteres auf das Wesen der wissenschaft“ Tichen und schöpferischen Mathematik, die ihm zugrunde. liegt,
schließen. Das gilt für die griechische Mathematik ebensogut, wie
für die heutige, auch wenn es sich um das beste Schulbuch handelt,
das vielleicht überhaupt je geschrieben wurde. Wenn also im Euklid
allerdings die Stereometrie stark in den Vordergrund tritt, so geschieht dies doch aus ganz bestimmten Gründen und man kann deshalb noch nicht mit Spengler sagen, daß »alle antike Mathematik
im
letzten Grunde Stereometrie iste.
Indessen hat heute im Zeitalter der sog. »nichteuklidischen« Geometrie das Wort euklidisch einen ganz bestimmten Sinn, 'es bedeutet
ein geometrisches System, das auf dem euklidischen Axiom beruht,
daß Parallelen beliebig verlängert, nie zusammentreffen. Wie aber
diese dem Ganzen vorausgeschickten Axiome zu verstehen sind, das
sagt uns wieder Plato: »Die Wissenschaften, die sich mit den Problemen der Geometrie, der (Proportionen ?)rechnung und derartigem
beschäftigen, legen, wie bekannt, Begriffe wie die von »Gerade« und
»Ungerade«, von den geometrischen Figuren, von den drei Arten
der Winkel oder andere diesen verwandte je nach der jeweils notwendigen Methode als Hypothesen zugrunde; diese Begriffe
setzen sie mit dem vollen Bewußtsein als Hypothesen
voraus, ohne von sich oder anderen darüber, als etwas jedem
deutlichen, eine Definition zu verlangen, Indem sie aber nun mit
‘diesen (sc. Axiomen) einmal den Anfang machen, gelangen sie
Page 10
View in PDF(opens in a new window)Schritt für Schritt in streng logischer Ableitung an das Ziel, zu
dessen Untersuchung sie ausgegangen waren«e (Staat VII, 5. sıo).
x Die dem mathematischen System Euklids vorangestellten sogenann-
‘ten öpo: sind als solche »Hypothesen« anzusehen, keine absolute
Wahrheiten, nicht einmal Definitionen — die meisten sind bloße
Tautologien — überhaupt nicht wirkliche Prinzipien (&pxaf), sondern
»Konventionen«, gewissermaßen »Einschritt und Sprungbrett«, mit
denen man beginnt, von denen man sich abstößt, also im wahren
Sinne bloße termini a quo, »Hypothesen«, über die man nun einmal
nicht höher hinaus kann, oder wie Leibniz sie versteht »Pflöcke, durch
die der Wissenschaft ein fester Halt gegeben wurde«e.
Wie wenig
die griechischen Mathematiker sich tatsächlich darüber täuschten,
daß auch das Parallelaxiom keine Selbstverständlichkeit, sondern eine
bloße und sehr bezweifelbare Hypothese war, zeigt seine lebhafte
Zeit. Jedenfalls
Diskussion in der Mathematik der nacheuklidischen
ioms ganz und
Parallelenax
des
Absolutheit
die
an
ist der Glaube
den Eindruck
freilich
man
gar ungriechisch, Aus Spengler könnte
gewinnen, als hätten die antiken Mathematiker, »auf Gegenstände
‘nur über ihre »winzigen
der Nähe und des Kleinen beschränkte,
Figuren« gebeugt, gar nicht bemerkt, daß die Parallelen sich am
Horizont berühren (S. 99). Nun ist aber gerade das Hauptproblem
jenes Teils der projektiven Geometrie, den die Griechen in der Optik
im engeren Sinne behandelten, »der Grund des Zusammenfallens der
Parallelen«. Noch weniger Glück dürfte Spengler mit seiner anderen
Behauptung haben, daß die griechische ‘Seele »vor der Mathematik
der Ferne auswich« und es vermied, sich »etwa auf ein Dreieck zu
berufen, dessen Punkte durch den Standpunkt des Beobachters und
zwei Fixsterne gebildet werden, daß also. weder gezeichnet noch
angeschaut werden kann«.
Denn Philolaos spricht von Dreiecken
und Vierecken, die durch bestimmte Fixsterne des Tierkreises_ge. bildet werden und von dem Zwölfeck, das in den Kreis der Ekliptik
eingeschrieben gedacht, diesen in seine ı2 Teile, die 12 Sternbikder
(zu je 30 Grad) zerteilen. Es ist das von ihm sogenannte »Zwölfeck
des (Planeten). Jupiter«,-‘der diese 12 Zeichen in ungefähr 12 Jahren
durchläuft... (Diels 32 A 14): Als dann Theätet die -Konstruktion
des Dodekaeders gefunden hatte, da zeichnete Plato (Eudoxus?) in
die Fixsternkugel statt des philolaischen Zwöslfecks den Zwölftlächner
ein, vermutlich um auf analoge Weise ihre Oberfläche in ı2 regelmäßige, einander gleiche sphärische Fünfecke zu teilen — eine Konstruktion, die Euklid am Schluß des letzten Buchs als die Krone
des Ganzen lehrt.
Ueberhaupt ist die Lehre vom Kreis und von
241
den ihm eingeschriebenen Figuren sowie die Lehre von der Kugel
nicht, wie Spengler meint, »auf dem Papiere, sondern am Himmel
entwickelt worden. Diese elementare Mathematik, ebenso wie die
Theorie der höheren Kurven ist aus dem Bedürfnis der Astronomen
entstanden, die scheinbaren und wirklichen Bahnen der Himmelskörper mathematisch darzustellen. Ja die Sphärik ist geradezu
identisch mit der sphärischen Astronomie gewesen, so daß dieser
Zweig der Mathematik bald mit diesem, bald mit jenem Namen genannt wird. Erst Menelaos von Alexandria scheint im ersten Jahrhundert nach Christus bestimmte sphärische Probleme aus der Astronomie ausgeschieden zu haben. Und wie die Wissenschaft der Perspektive, die »Optik«e schon von Anaxagoras an den kosmischen
Verhältnissen entwickelt wurde, haben wir eben gesehen; seitdem
hat bei den Griechen immer die »Optik« als Hilfswissenschaft zu
der Astronomie gehört; sogar die Proportionenlehre der Musik
wurde, wie man aus Platos Timäus lernen kann, auf die Astronomie
angewandt.
Wie jede wirkliche wissenschaftliche Mathematik ist
auch die griechische in den Weiten des Weltraums groß geworden.
Man sieht aus dem allem, wie ganz sinnlos jene Meinung ist,
als enthalte Euklid alles, was die Griechen an mathematischem Wissen
bis zu jener Zeit besaßen, eine Auffassung, die letzten Endes aus den
Schriften der späten Neuplatoniker stammt. In der Akademie, in der
Generation für Generation den Lehrgang des Euklid immer wieder
treulich durchmachte, gewann dieses Elementarbuch geradezu kanoni‚sches Ansehen und galt als das A und O alles mathematischen
"Wissens zu Platos Zeit, als eine Art mathematischen Kommentars
zur platonischen Philosophie. Für den etwas beschränkten historischen Horizont dieser Neuplatoniker der späteren Kaiserzeit, deren
philosophisches Interesse sich eigentlich in der Interpretation Platos
erschöpfte, wie ihr mathematisches in der Euklids, existierte außer
diesen beiden höchstens noch Pythagoras, Die allerdings noch junge,
aber in. den letzten Jahrzehnten zu einer eigenen und bedeutenden
Wissenschaft gewordene Geschichte der Mathematik hat hier gründ‚lich aufgeräumt; und ebenso zerstört ist von ihr heute jenes andere
. ‚aus denselben neuplatonischen Quellen geschöpfte Märchen von der
“ »Mathematik des Pythagoras«. Nach diesem wäre das ganze von Euklid
kodifizierte mathematische Wissen das Werk jenes Philosophen, der
schon um 540 das alles entdeckt hätte: also Theätets Theorie vom
Irrationalen ebenso, wie dessen Konstruktion der regulären Körper
oder die Proportionenlehre des Eudoxus, und damit nicht genug
auch noch viele von den Resultaten, die Medizin, Astronomie, Musik-
Page 11
View in PDF(opens in a new window)hatten.
theorie und Philosophie erst des 4. Jahrhunderts gezeitigt
unerrigen
z00jäh
Was in Wahrheit der reife Ertrag eines mehr als
er
Spengl
hört fruchtbaren und intensiven Ringens war, soll nun, wie
dem Nichts
es ausdrückt, von einem einzigen in wenigen Jahren »aus
geschaffen seine.
Das hätte Pythagoras auch nicht gekonnt, wenn
die ihm
er wirklich die fünf Leben zur Verfügung gehabt hätte,
fromme Sage zuschrieb.
In Wahrheit hat Pythagoras selbst mit der wissenschaftlichen
gehabt.
Mathematik und ihrer Entwicklung kaum etwas zu tun
-religiöser
Pythagoras war ein Philosoph, vor allem ein großer sittlich
ihn noch
Erwecker der griechischen Menschheit. Als solchen kennt
Jüngern
»seinen
der
den,
als
Plato, der sehr schön von ihm spricht
sie
lebte;
er
so
ist,
ein Führer in der sittlichen Bildung geworden
liebten ihn über alle Maßen, da er mit ihnen umging,
und sie gaben
en
den Weg des wahren Lebens, wie er ihn gelehrt, an die später
»pythagoweiter, die ihn noch jetzt treulich bewahren und ihn die
hervorsie
durch
und
nennen
«
reische Weise des wahren Lebens
r
diese
gut
So
600.)
S.
X
leuchten unter allen anderen«. (Staat
die
in
derts,
Jahrhun
6.
Pythagoras in die mystagogische Luft ‚des
unvorZeit der Orphiker, des Pherekydes, Epimenides usw. paßt, so
che
chaftli
stellbar ist in dieser archaischen Atmosphäre streng wissens
die sie
Mathematik mit der ganzen souveränen Freiheit des Geistes,
chen
voraussetzt. Der ganze Entwicklungsprozeß der wissenschaftli
Athen
in
nzen
und-ga
großen
im
sich
Mathematik vor Euklid scheint
Matheabgespielt zu haben, wenigstens scheinen fast alle großen.
des
Oinopi
wie
ebenso
matiker, deren Namen wir kennen, Anaxagoras
,
Hippias
und
on
und Hippokrates von Chios, die Sophisten Antiph
‚haben.
zu
dann Theodorus, Theätet und Eudoxus hier gewirkt
des
Selbst Demokrit kann die starken Einflüsse von der Mathematik
der
ung
Bedeut
die
n
danebe
Ist
baben.
Anaxagoras hier erfahren
abderitischen Schule für die Mathematik nicht zu leugnen (Theodor
und Demokrit), so ist dagegen vor dem 4. Jahrhundert auch nicht
ein
historisch
Sicherh
wirklich
faßbarer Mathematiker bekannt,.
der
mit
eit für Unter-Italien in Anspruch genommen werden könnte.
Die »klare, städtisch-intellektuelle Fassung«, die Spengler an der
Jahrgriechischen Mathematik auffällt, dürfte sie also im Athen des 5.
hunderts erhalten haben, das damals der Mittelpunkt - des. großen
attischen Reichs (nicht eines »winzigen Stadtstaats«), das eigentliche
in der
‚Zentrum der -griechischen Geistigkeit jener Zeit war. Und
fast
dem
in
keit,
nhaftig
Tat könnte man in der peinlichen Gewisse
e
gewiss
eine
atik
pedantischen Ordnungssinn der griechischen Mathem
Mathematik und Musik und der griechische Geist.
243
innere Verwandtschaft mit dem attischen Sti] finden.
Jedenfalls muß
die Mathematik um die Mitte des 5. Jahrhunderts in ihren Fundamenten schon als ein festes wissenschaftliches Gebäude dagestanden
haben. Das zeigt Anaxagoras. Damit war zum erstenmal in der
Geschichte das erstaunliche Phänomen der strengen, beweisbaren
Wissenschaft ins Bewußtsein der Menschheit getreten. Die bloße
Logik des abstrakten Denkens hatte die Macht erwiesen, die tiefsten
Geheimnisse der Realität zu enthüllen. Eine ganz neue bisher ungeahnte Welt des abstrakten Begriffs tat sich hier auf und der Eindruck dieses Ereignisses muß eine völlige Umwälzung der Philosophie
zustande gebracht haben. Was ist es denn, was uns Demokrit,
Plato und Aristoteles im Gegensatz zu den archaischen Giganten,
den Parmenides, Anaximander, Heraklit und Empedokles, noch heute
so modern erscheinen läßt? Wie fern schon der Zeit Platos jene
salten« großen Philosophen (cf zaAaol) schienen, das zeigt allein die
Tatsache, daß schon unter ihm im Kreise der Akademie (vor allem
durch den jungen Aristoteles) jene systematische historische Durchforschung der »alten« Philosophen begann, in der die Doxographie
des Theophrast und der anderen Peripatetiker ihre eigentliche Wurzel
hat. Aus der romantischen Sehnsucht einer kleinen Zeit nach der
Größe einer unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit sind auch
jene Neigungen zu einem bewußten Archaismus und Klassizismus zu
erklären, die sich in der Philosophie Platos oft beinerkbar machen.
Welches Ereignis in der Geschichte des Geistes hat diese gänzliche
Aenderung seiner Denkart hervorgebracht? Das kann nichts anderes
gewesen. sein, als das Auftreten der Wissenschaft, der Mathematik.
Anaxagoras ist es, bei dem diese Revolution der Philosophie durch
den mathematischen Geist beginnt. Er ist es darum auch, der das
Prinzip des logisch abstrakten, beweisenden Denkens, den Verstand,
den »Nus- als das Wesen der Wirklichkeit erkennt. Dem feinen
historischen Sinne des Aristoteles ist es nicht entgangen, daß mit
Anaxagoras und Demokrit eine neue Epoche in der Geschichte der
Philosophie beginnt und er merkt ausdrücklich an, wie viel moderner
(naıvonpereotipw;) die Gedanken z. B. des Anaxagoras trotz ihres oft
‘noch altertümlichen Gewandes im Vergleich zu denen etwa des Empedokles im Grunde anmuten. (Aristoteles, Metaphysik A 8 S. 989b, 6
vgl. »Ueber den Himmel«e IV, 2 5. 308b, 31.) Und wenn andererseits
uns heute noch die Philosophie Platos so modern erscheint, daß
man sie sogar mit kantischen Gedanken glaubte interpretieren zu
können, so muß man sich erinnern, daß es fast dasselbe Buch ist,
nämlich der Eıklid, das als das unerreichte Vorbild wahrhaft wissen-
Page 12
View in PDF(opens in a new window)-chaftlicher Methode (more geometrico) sowohl Plato wie fast allen,
ıbendländischen Philosophen und nicht am wenigsten Kant selbst
vorschwebte,
der seine wichtigsten Begriffe (theoretisch, praktisch,
Problem, Postulat u. a.) im Sinne der griechischen mathematischen
Theorie verstand.
Man muß sichdies alles vor Augen halten, um die ganze Un-
‚möglichkeit jener Konstruktion einzusehen, die Pythagoras schon um
lie Mitte des 6. Jahrhunderts die gesamte mathematische WissenNoch die älteren
schaft aus dem Nichts hervorzaubern läßt.
Astronomie,
Musik,
mit
wohl
Pythagoreer Unter-Italiens scheinen sich
Gymnastik und Medizin — die berühmte krotonische Aerzteschule,
der Demokedes und Alkmaion angehören, wird aus ihrem Kreise
hervorgegangen sein — aber kaum mit eigentlich wissenschaftlicher
Mathematik beschäftigt zu haben. Die Titel der Schriften, die uns
von ihnen genannt werden, — denn daß es kein altpythagoreisches
Schrifttum gab, wird sich schwerlich beweisen lassen — wie z. B. »das
heilige (mystische) Worte, die »Höllenfahrt«, das »Weltenkleide
und ähnliches, weisen in eine ganz andere Richtung. Die bewußte
Gestaltung des Lebens nach dem höchsten offenbarten Zwecke, das
»pythagoreische wahre Leben«, war offenbar das Zentrum dieser
Lehre. Leib und Seele zu diesem Zwecke fähig zu machen und zu
reinigen, ist die Aufgabe der pythagoreischen »Kultur« (mardete),
die Harmonie, die die Körper- und Seelenkräfte untereinander und
mit dem All einstimmend macht, zu finden, der Sinn ihrer Beschäftigung mit Gymnastik, Medizin, Musik und Astronomie, Erst
als etwa um die Mitte des 5. Jahrhunderts 'v. Chr. die demokratische
Revolution die in Unter-Italien herrschende theokratische Aristokratie
“der Pythagoreer stürzte, und »überall in Groß-Griechenland - die
Synedrien der Pythagoreer von den Pöbelbaufen angezündet’ wurden«
und die Vertriebenen nach dem griechischen Festland flohen, läßt
sich mit Sicherheit auch bei den pythagoreischen Emigranten (vieljeicht sogar erst unter dem Eindruck der attischen Mathematik) eineintensivere Beschäftigung mit den wissenschaftlichen Problemen der
Mathematik nachweisen. Philolaos ist der erste hier historisch faßbare pythagoreische Mathematiker — vorausgesetzt, daß ‚die ihm
zugeschriebene Schrift nicht erst aus dem 4. Jahrhundert stammt! — .
und, bei ihm zeigt sich schon jene merkwürdige Verbindung, die der
religiös symbolische Geist der alten pythagoreischen Tradition mit‘
dem modernen mathematischen Denken eingegangen ist, jene merkwürdige Zahlenmystik und mathematische Symbolik, die oft für das
besondere Kennzeichen der Philosophie des Pythagoras selbst gilt
245
Mathematik und Musik und der griechische Geist.
Erich Frank:
‚Aber wie wenig in Wahrheit dies alles mit dem echten, alten Pythagoreismus zu tun hatte, zeigt die Ueberlieferung, daß die Anhänger
der alten, wahren Tradition des Pythagoras, die >Akusmatiker«, wie
sie sich nannten, jenen »Mathematikern« als Neuerern und Ketzern
das Recht streitig machten, sich überhaupt Pythagoreer zu nennen, da
ihre Richtung gar nicht auf Pythagoras selbst zurückgehe, der mit
all dem nichts zu tun gehabt habe, sondern erst auf — »Hippasus«,
und noch Aristoteles spricht von ihnen meist nur als den »sogenannten Pythagoreern«. Die »Mathematikere suchten andererseits
diesen Angriffen gegenüber, deren politischer Hintergrund nicht zu
verkennen ist (es handelt sich offenbar hier um die Frage der Rückkehr der Emigranten zur Macht), die Echtheit ihres Pythagoreertums,
schon im 4. Jahrhundert scheinbar dadurch zu beweisen, daß sie
ihre Beschäftigung mit mathematischen Dingen schon dem Pythagoras selbst zuschrieben: Wenn die Ueberlieferung nichts davon wisse,
so liege das daran, daß er seine Mathematik nur einem ausgewählten
Kreise von Würdigen mitgeteilt habe mit der strengen Weisung, sie
vor den anderen geheim zu halten, Es hätte also schon zu den
‚Zeiten des Pythagoras selbst »Mathematiker« unter den Pythagoreern
gegeben, es hätte nur niemand etwas davon gewußt. Ja ihre philosophisch-mathematische Lehre sei gerade die wahre Tradition des
Pythagoras, nur sei die Mathematik als strenges Geheimnis einer
kleinen Gruppe von Generation zu Generation überliefert worden und
erst im 5. Jahrhundert sei sie durch die Indiskretion eines Unwürdigen — nämlich des »Hippasus«, jenes »enfant terriblee, dem beide
Parteien immer alles Böse zuschieben —, in die Oeffentlichkeit gebracht
worden. Daher gäbe es auch »echte« d. h. mathematische pythagoreische Schriften erst seit.Philolaos. Die alten pythagoreischen
Schriften dagegen, wie das »Mystische Wort«, die dem Pythagoras
selbst und seinen nächsten Jüngern zugeschrieben werden und von
all dieser (mathematischen) Tradition scheinbar nichts wissen und
mit ihr so wenig vereinbar scheinen, seien eben gefälscht und dem Pythagoras und den Pythagoreern »sum sie zu verleumden« untergeschoben
(natürlich fehlt auch hierbei nicht der unvermeidliche »Hippasus«).
Ihnen zum Trotz seien die Mathematiker im Besitz. der eigentlichen
und wahren Tradition des Pythagoras, nicht sie hätten die Mathematik als fremdes heterodoxes Element in die pythagoreische Lehre
hineingebracht, sondern gerade umgekehrt; was an Mathematik sonst
auf der Welt vorhanden sei, stamme im Grunde alles von Pythagoras
und alle bekannten Mathematiker des 5. Jahrhunderts wären zu ihrer
Mathematik erst durch jenen Bruch des pythagoreischen Geheimnisses
Logos, IK. 2,
Page 13
View in PDF(opens in a new window)mentonaun
gekommen. So werden Oinopides und sogar Demokrit zu Schülern
pythagoreischer Mathematiker. Diese in ihren Motiven so durchsichtige Version der Mathematiker, wie sie sich aus Jamblichus erschließen läßt!), ist in dieser Form ganz unglaubwürdig und hat auch
die Akusmatiker nicht überzeugt. Die »mathematische« Schule der
Pythagoreer ist dann allerdings, namentlich von 400 an, durch den
starken Einfluß, -den sie auf Plato und den ganzen Kreis der Akademie gewann — auch hierbei vergesse man nicht den politischen
EinAuß auf die äußere Politik der Akademie — von igroßer Bedeutung für die Entwicklung und philosophische Durchbildung der
Mathematik geworden. Das Ende des 4. Jahrhunderts scheint aber
diese »mathematische«e Schule der Pythagoreer nicht überlebt zu
haben. In der literarischen Ueberlieferung hat freilich ihre Tradition,
vor allem durch den Aristotelesschüler Aristoxenos wirkungsvoll propagiert, gesiegt.
Wie nun auch die Entstehung jener Sage von der Mathematik
“ des Pythagoras selbst zu erklären sei, für den, der die neuere Forschung über diese Dinge kennt, ist sie unglaublich. Die Nachricht,
daß Pythagoras den noch heute unter seinem Namen bekannten Lehrsatz vom Hypotenusenquadrat gefunden und bewiesen habe, eine Fabel,
die eigentlich jene Vorstellung von der Mathematik des Pythagoras noch
heute in die Köpfe schon der Schüler so unausrottbar einpflanzt, scheint
zwar bereits im IV. Jahrhundert v. Chr. verbreitet gewesen zu sein, wird
aber darum um nichts glaubhafter. Wenn so von einer wisse nschaftlichen Mathemafik des Pythagoras und überhaupt von einer wirklichen
mathematischen Wissenschaft im 6. Jahrhundert keine Rede sein kann,
so ist damit natürlich nicht die Existenz eines großen Schatzes an prakvorwissenschaftlichem, mathematischem Wissen
tischem,
sogar für noch frühere Zeit geleugnet. Der angrenzende Orient und
besonders Aegypten verfügte über ein hochstehendes mathematider Paraliel1) Jamblichus de communi mathematica scientia 25 P, 76 F. Die Lesart
Jamblichus
könfusen
dem
wohl
kann
2)
8,
(Diels
stelle in der Vita Pythagorea 81 p. 59 N.
‚selbst zugeschrieben werden, seine Quelle aber (Nikomachus }),
die er hier wie dort ausin de communi
schreibt, kann, wie der Zusammenhang lehrt, nur die Lesart der Stelle.
(vgl. auch Nauck zur
math. scientia gehabt haben, deren Sinn wir oben wiedergaben
PythaStelle p. LXVIH). Spuren einer damit übereinstimmenden Unterscheidung zweier
u, a.
uxav« Anden sich
goreerschulen; »of änö IIvdaydgov« und »ol ind TBV ‚uadnuaz
345 .Diels), die vielauch bei den Doxographen (vgl. vor aliem p. 405 b 15, 362, 6LT,
n, daß hier. und
leicht bis auf Theophrast zurückgehen. Es ließ sich nicht vermeide
genauere philoderen
wurden,
benutzt
hungen
auch schon vorher Resultate von Untersuc
verbietet.
erscheint,
Aufsatz
dieser
der
in
Rahmen,
der
bringen,
zu
logische Belege
er verFür diese sei ein für allemal auf eine spätere Arbeit über die Pythagore
wiesen.
:
wu
Jausin
uuu
uch
SIleLuisgNe Geis
247
sches Können. Wie die Griechen vom Orient und von Aegypten
die stärksten Einflüsse auf allen Gebieten, namentlich in ihrer bildenden Kunst, erfuhren, so werden sie auch die Mathematik von dort
übernommen haben. Aber die Notwendigkeit, sich diese fremde höhere
Mathematik anzueignen, ergab sich für die Griechen doch erst in
der Zeit, als ihre Architekten vor größere Bauaufgaben gestellt wurden, die sich in der Art der bisher gebräuchlichen, mehr handwerksmäßigen Bauübung nicht mehr bewältigen ließen. Wie die gotischen
Baumeister des Mittelalters, müssen auch die griechischen Architekten
des 7. und 6. Jahrhunderts schon ansehnliche mathematische Kenntnisse besessen haben.
Denn solche Riesenbauten, wie sie die damalige Zeit gerade in Angriff nahm, verlangten gründlichste Berechnung und exakt konstruierte Pläne, von der hohen Entwicklung
technischen Könnens, das sie voraussetzen, ganz zu schweigen,
Die
lange Bauzeit — am Artemision von Ephesus wurde 120.Jahre gebaut
— setzt zudem Bauhütten voraus, in denen die Leitung dieser Bauten
lag. Hier, in den Bauhütten — daneben höchstens noch in den Buchhaltereien der großen Handelshäuser jener Zeit — werden wir die
ersten Stätten höherer mathematischer (bzw. technischer) Fähigkeiten
‘annehmen müssen. Die drei berühmtesten Monumentalbauten jener
Zeit waren aber das Apollonheiligtum im Milet, das Heräon in
Samos und das Artemision in Ephesus. Hier in Milet, Samos
und Ephesus müssen wir also die Existenz solcher Bauhütten voraussetzen. Daß gerade aus diesen drei Städten die ältesten griechischen
Philosophen hervorgegangen sind, das muß nicht gerade Zufall sein.
Diese galten, wie vor allem Thales, für das Bewußtsein ihrer Zeit- '
genossen vielleicht in erster Linie, als Techniker, Ingenieure, Erfinder.
Die hierzu notwendige mathematische und technische Schulung können sie sich sehr wohl in der Einflußsphäre dieser Bauhütten erworben
haben. Wir besitzen noch einzelne Exzerpte aus der Schrift, in der
- Chersiphron, der Architekt des Artimisions und nicht viel später als
Thales, über seine Bautätigkeit berichtete. Wir ersehen daraus, daß
ihn und seine Zeitgenossen vor allem die Bewältigung der schwierigen
technischen Probleme dabei interessierte, die Konstruktion der Ma- schinen zum Transport der riesenhaften Werkstücke und ähnliches, Hier
in der handwerksmäßigen Ueberlieferung der Bauhütten, wie dann in
_ der Praxis der Musiker, haben wir also einen der ältesten Ursprünge
griechischer Mathematik und Technik zu suchen. Trotzdem wird man
dieser Zeit noch keine .eigentlich wissenschaftliche, d. h, theoretisch
systematische Mathematk zuschreiben können, selbst wenn Thales
die paar primitiven mathematischen Erkenntnisse, die ihm Eudems
Page 14
View in PDF(opens in a new window)Geschichte der Mathematik als dem Vater der Philosophie zuschreibt,
wirklich zuerst gefunden haben sollte. Spengler zieht aber aus jener
Legende über die wissenschaftliche Mathematik des Pythagoras die
kühnsten Schlüsse: »Der ahistorische griechische Geist schuf seine
Mathematik aus dem Nichts; der historisch angelegte Geist des Abendlandes..... mußte die eigne durch ein scheinbares Aendern und
Verbessern der ihm inadäquaten euklidischen gewinnen« (S. 89).
Man sieht: was Spengler über das angebliche Wesen griechischer
Mathematik vorbringt, kann ıman schwer ernst nehmen, und ebensowenig wird man zugeben können, was er von jener angeblichen Beschränktheit des griechischen Geistes auf die statische Grenze und die
anschauliche Gestalt im allgemeinen behauptet; hieße das doch im
Grunde nichts anderes, als den Griechen das Denken überhaupt absprechen, denn die Funktion des Denkens besteht ja in der Ueberwindung der Grenze aller Anschauung, in der Zertrümmerung ihrer
Starrheit, aus der Schule gesprochen, in der Synthesis von Grenze und
Unbegrenztem. Gerade dies Problem ist das Hauptmotiv des griechischen wie alles Denkens von Anfang an. Nie war ihm das Begrenzte das Prinzip. Schon bei Parmenides ist die anschauliche,
starr begrenzte Körperlichkeit (nvxıwov deuag Eußoıdes te fr. 8, 59,
Diels) nicht Sein, sondern Schein des Nichtseins. Das »wahre Sein«
dagegen ist geistig, identisch mit dem Denken (Subjekt- Objekt Identität)
und besteht im Nichtsein jenes Scheins der Materie. In der Sinnenwelt
erscheint ihm darum die Identität des wahren Seins (&wvr@ ndvrooe
taöröv) als Vernichtung der anschaulichen Materie, d.h. als die die
Unterschiedlichkeit der Körperwelt in seine Identität auflösende, die
Materie (die Erde) verzehrende Einheit des Feuers (vgl. fr. 8, 56);
das ist. die grandiose Vision des Parmenideischen Lehrgedichtes,
durch die nun die ganze Welt des Scheins durchdrungen und verstanden ‚wird, von der Entstehung des Weltalls bis zu der des Menschen auf der Erde: alles scheinbare Entstehen ist ihm in Wahrheit
ein Werden zum Nichtsein
(zu Erde), alle scheinbare, materielle Vernichtung (Verbrennung) erst die Entstehung zum wahren Sein (vgl.
Aristoteles, über Entstehen und Vergehen I, 3, S. 318b). Unsere
Geburt als Körper ist für ihn in Wahrheit unser Tod, je mehr
wir aber im Leben das Materielle, die Sinnlichkeit in uns von der
Flamme des Denkens verzehren lassen, je mehr wir also dem Scheine
nach sterben, desto mehr kommen wir zum Denken, zum wahren
Sein, werden wir in Wahrheit, bis endlich unser Tod mit der
Vernichtung unseres Körpers die wahre Geburt unserer Seele bringt,
ie wie Heraklit diesen selben Gedanken ausgedrückt hat: »Hades
249
und Dionysos ist dasselbe.« Wo ist in diesen visionären Gedanken
etwas von der immer wieder berufenen eleatischen Starrheit und
statischen Begrenztheit des Seins zu merken! Man höre endlich auf,
sich dafür auf die sogenannte »Seinskugel« des Parmenides zu berufen.
Wohl nennt er das in sich vollendete identische Sein »einer Kugel
vergleichbare (opaigng Evakiyzıov), aber gerade um mit diesem
Gleichnis die innere Grenzenlosigkeit, die unendliche Identität und
Ununterschiedenheit des Seins der Anschauung verständlich zu machen
(ussoödev ivomalts ndvın fr. 8, 44). Wer das nicht versteht, der lese
den fünften von Giordano Brunos Dialogen della causa, principio ed uno.
Hier gebraucht dieser Philosoph, der doch immer als Vertreter des
dynamischen Unendlichkeitsbegriffs im Gegensatz zur antiken Begrenztheit hingestellt wird, zur Veranschaulichung seines Begriffs des Unendlichen ganz dasselbe Bild: »Es (das All) ist ganz in dem Sinne,
daß es nicht Grenze ist. In ihm ist sicherlich die Höhe nicht größer
als Länge und Tiefe. Daher ist es einer Kugel vergleichbar, ist aber keine Kugel.
In der Kugel ist dieselbe Länge, wie
dieselbe Breite und Tiefe, weil sie eine gleiche Grenze haben.
Im
All ist dieselbe Länge, Breite und Tiefe, weil in ihm alle Dimensionen
unbegrenzt und unendlich sind.e Will man vielleicht aus dieser
Stelle auch Bruno einen Strick drehen? Das absolute Sein ist eben
schon bei Parmenides sowohl begrenzt als unendlich. Wenn
später Demokrit, Philolaos, die Pythagoreer und Plato beides als
gleichberechtigte absolute Prinzipien der Realität nebeneinanderstellen,
so ist damit nur dieser Parmenideische Gedanke weiter ausgeführt.
Gerade am Beispiel der Musik, »der Kunst des Grenzenlosen«, zeigen
Philolaos und Plato, wie alle Harmonie und Einheit im Sein auf der
Synthesis von Grenze und Unendlichem beruht. Und der tiefste Sinn
der platonischen, von so wenigen verstandenen Dialektik besteht
gerade darin, den dialektischen Prozeß des absoluten schöpferischen
Denkens nachzudenken, der aus der Grenze oder dem Prinzip der
diskreten Differenz (dıeigeois, Analysis, Differentiation) als Kette und
dem Unendlichen oder dem Prinzip der stetigen Identität (söuuıdıg,
Synthesis, Integration) als Einschlag das (rewebe der Ideen des wahren
Seins webt.
Daß die ältere griechische Astronomie die Fixsterne zunächst in
der Gestalt einer Kugeloberfläche angeordnet halten mußte, hat mit
diesen philosophischen Prinzipien nichts zu tun. Das ist einfach eine
empirische Tatsache wissenschaftlicher Beobachtung, über die man
ohne Fernrohr nur schwer herauskommen kann.
Aber für die grieehische Philosophie in der Epoche der Wissenschaft bedeutet die an-
Page 15
View in PDF(opens in a new window)schauliche Himmelskugel nie die Grenze der Welt oder des Seins.
die Basis der Welt, durch den Gedanken bewegt wird,
Dieses koper-
Daß der Weltraum unendlich ist, lehrt ebenso Demokrit, der den Raum
nikanische Weltbild soll nach Spengler wie nichts anderes Ausdruck
des abendländischen Geistes sein. Aber gerade dieses Weltbild ist
ursprünglich und eigentlich griechisch. Denn das Wesentliche dieses
genialen, die ganze Welt umwälzenden Gedankens ist ja, wie es Kant
250
Erich Frank:
übrigens geradezu das Apeiron, das Unendliche nennt — dies zu der
Bemerkung Spenglers über die tiefe »Symbolik« der Tatsache, daß
die Griechen kein Wort für Raum besaßen! —, wie sein Gegenpart
die pythagoreische Mathematikerschule, die außerhalb der Himmelskugel den unendlichen Weltraum oder eine Vielheit von anderen
Welten annahm. Nikolaus von Cues und Giordano Bruno, die
Väter des modernen abendländischen Unendlichkeitsbegriffs, haben,
wie sie selbst nicht nur einmal betonen, gerade aus diesen voraristotelischen Lehren ihre Ideen über das Unendliche geschöpft. Hier
stehe eine Stelle für viele aus Brunos La cena delle ceneri (Aschermittwochsmahl, 5. Dialog, Anfang): »Diese Verteilung der Weltkörper
(d. h. der Fixsterne, ebenso wie der Planeten und der Erde) im
Aethberreiche (d. h. in” demselben Raume) haben
schon Heraklit,
Demokrit, Epikur, Pythagoras, Parmenides, Melissos gekannt, wie die Fetzen kundtun, die wir noch von ihnen haben;
aus ihnen ersieht man, daß sie einen unendlichen Raum,
ein unendliches Reich, einen unendlichen Wald (öAn!), einen
unendlichen Fassungsraum unzählbarer Welten, ähnlich
dieser, kannten, welche ebenso ihre Kreise vollenden, wie die Erde
den ihren.« Es ist der alte griechische Unendlichkeitsbegriff, der hier
gut formuliert hat, der Einfall, daß, »nachdem es mit der Erklärung
der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte, wenn man annahm,
das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, man versuchte,
ob es nicht besser gelingen möchte, wenn man den Zuschauer sich
drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließe« (Kritik der reinen
Vernunft. Vorrede zur zweiten Auflage S. 16). Dieser Gedanke ist
nie einem abendländischen Gehirn von selbst aufgegangen. Nikolaus
von Cues, wie Kopernikus, beide haben ihn bei den Pythagoreern
gefunden, und Kopernikus führt in seinem Brief an Papst Paul III.
die entscheidende Stelle (bei Diels 32 A 2ı) ausdrücklich mit dem
Bedeuten an: »Inde igitur occasionem nactus coepi et ego de terrae
mobilitate cogitare.« Daß er aber auch das vollkommene heliozentrische System Aristarchs kannte, beweist sein handschriftlicher Entwurf (Boll, »Die Entwicklung des astronomischen Weltbildes«, Kultur
der Gegenwart Ill. 3, S. 36).
wird und nun seinen Siegeszug auch im Abendlande antritt., ”
% Ebenso beginnen sich auch in der griechischen Astronomie schon
die Dimensionen der Fixsternkugel ins Unendliche zu weiten. 'Aristarch
bestimmt. um 280 v. Chr. das Verhältnis der Größe der Erdbahn zur
Entfernung der Fixsterne als das des Mittelpunktes der Kugel zu
ihrer Oberfläche, also als unendlich (vgl. Archimedes’ Sandrechnung).
Es ist auch nicht richtig, daß dieser »kopernikanischee Gedanke,
wie es Spengler darstellt, nur einmal in der griechischen Geschichte
als ein zufälliger Einfall in dem Kopf des einen Aristarch aufgeblitzt
und ebenso schnell und wirkungslos wieder verschwunden wäre (S.100).
Die wesentliche Idee, die scheinbare Sternbewegung durch die wirkliche Bewegung der Erde um ihre Achse zu erklären, taucht vielmehr
schon um 400 in der griechischen Astronomie auf. Die Ueberlieferung nennt einen Astronomen Ekphantus von Syrakus, als den bewundernswerten Mann, der diesen revolutionierenden Schritt getan
Um dieselbe Zeit etwa weichen sogar die starren Mauern des Firma-.
hat; seitdem ist dieser Gedanke nicht wieder aus der wissenschaftments: auf Grund exakter Beobachtungen dringt. in der wissenschaftlichen Astronomie immer mehr die Ueberzeugung durch, daß’ die
sie sich in Wahrheit teils in größerer, teils in geringerer Höhe belichen Astronomie der Griechen verschwunden und hat sich trotz
aller Widerstände hier immer mehr durchgesetzt. Wohl schon vorher
hatte man erkannt, daß die scheinbar so wirren und unregelmäßigen Bahnen der Planeten am Himmel sich mathematisch verstehen
finden, die Region der Fixsterne also unendlich ist (Geminus, »Einlassen, wenn man annahm, daß sie sich in Wi rklichkeit in Kreisführung in die Astronomie« p. 12, vgl. Doxographi pP. 344 und überden Astronomen Seleukos p. 328).
bahnen um den Mittelpunkt ihres Systems bewegten.
von abendländischen Philosophen zum erstenmal- wieder verstanden
Fixsterne nur für das Auge auf einer einzigen Fläche liegen, daß
Aber den entscheidenden Schritt tut der Geist erst da, wo er
sein Prinzip der Ueberwindung der Grenze durch das Denkenin seinem
Weltbild, in seinem Begriff von der Totalität ausdrückt, d.h. wo die
für die Anschauung in den starren Grenzen ihres Seins ruhende Erde,
Plato hat, wie
er selbst erzählt (Gesetze VII S. 821), erst im vorgerückten Alter
(odte vEog odre ndiaı demaocs) diese neuen astronomischen Entdeckungen (xuldv te nal dAmdeg nddnua) kennengelernt und sich
ihrer durch mühsames Studium bemächtigt. Während für ihn im Phädo,
einem seiner früheren Dialoge, die Erde noch ruht, lehrt er bereits im
Page 16
View in PDF(opens in a new window)ietzten Buch des Staates und dann im Timaeus, daß die Erde sich um
ihre mit der Weltachse zusammenfallende Achse dreht, und um sie
in konzentrischen Kreisen Mond, Sonne und die fünf Planeten (Staat
X 5.616, Timaeus 4ob, vgl. Aristoteles, Himmel II, 13). Dieser koperninn en mn
252
kanische Gedanke wurde in ununterbrochener ernster und konsequenter
Arbeit von Astronomen — .nicht von Philosophen — durch die Ergebnisse exakter Beobachtung und mathematischer Berechnung immer
mehr vervollkommnet: um die Mitte des 4, Jahrhunderts war schon
neben der Bewegung der Erde um ihre Achse auch ihre Bewegung
in einer Kreisbahn um einen ideellen Mittelpunkt (angeblich von
Astronomen der pythagoreischen Mathematikerschule) erkannt und
noch von dem greisen Plato angenommen (Theophrast (!) bei
Plutarch »Platonische Fragen« 8, ı p. 1006 C. vgl. Numa c. XI). Nicht
logie, Zoologie, Botanik eine so selbständige schleunige Entwicklung,
daß es den Philosophen ganz unmöglich ist, ihnen in ihren Fortschritten
auch nur zu folgen. Jede dieser Wissenschaften erforderte schon
damals, wie der gute Xenophon warnend hervorhebt, »ein ganzes
Menschenleben« (Memorabilien IV, 7, 3). Demokrit ist der letzte, der
noch alle Einzelwissenschaften in sich vereinigt und fast in allen
schöpferisch tätig gewesen zu sein scheint. Plato schon verzichtet
bewußt auf alle produktive einzelwissenschaftliche Arbeit (vgl. sein
Geständnis am Schluß des »Theätet«e!) und vermag nur noch mit
Mühe, wie er selbst gesteht, den Ergebnissen der Wissenschaften zu
folgen. Die Rede von dem schöpferischen Mathematiker und Astronomen Plato ist ein Märchen, das heute niemand mehr glauben sollte.
Spätere Autoren haben freilich sogar den liebenswürdigen popularviel nach Platos Tode wußte man schon, daß Venus ünd Merkur sich
philosophischen Schriftsteller Heraklides, den Pontiker, der von der
um die Sonne bewegen — das System Tycho de Brahes —, und wieder
nicht viel später, spätestens aber von Aristarch war das Endziel dieses
ganzen Ringens um die Wahrheit erreicht und das heliozentrische
System als mathematische »Hypothesis« aufgestelli. Es kann. also
lesegierigen Jugend verschlungen wurde, zu einem »Astronomen« gemacht, weil er in einem seiner Dialoge von den neuesten Resultaten
und Theorien der astronomischen Wissenschaft seiner Zeit erzählte!
Dem Aristoteles schon war es nicht mehr möglich, alle Wissenschaften
gleichmäßig auch nur rezeptiv zu umfassen. Dieses große historische
und philosophische Ingenium war ein im Grunde unmathematischer
Kopf und hat es nie weit über die elementare Mathematik, die er in der
Akademie gelernt hatte, hinausgebracht. Kein Wunder, daß er den
großen Fortschritten der Mathematik und Astronomie seiner Zeit verständnislos gegenüberstand, und wären wir auf ihn allein angewiesen,
so würden wir nie ahnen, was die Mathematiker dieser Zeit bewegte.
Durch die Autorität, die Aristoteles schon im Altertum genoß, wurde
freilich der natürliche Widerstand gegen das heliozentrische System
noch verstärkt. Wie jeder große schöpferische Gedanke, stieß auch
dieser bei der großen Masse und bei den Philosophen auf erbitterte
Gegnerschaft. Auch innerhalb der Mathematik und Astronomie fand
er allerdings ernste Gegner, aber das unterscheidet die griechische
Entwicklung dieser Idee noch nicht von der des Abendlandes. Trotz
alledem blieb das Aristarchische System in der Wissenschaft lebenkeine Rede davon sein, daß der Gedanke Aristarchs unvermittelt oder
unorganisch in der griechischen Wissenschaft aufgetreten sei, ein solcher
Gedanke wird der Menschheit nicht an einem Tage geschenkt, sondern
ist nur möglich als der Ertrag jahrzehntelanger ernster wissenschaftlicher Arbeit vieler Köpfe. Kopernikus freilich konnte einfach das
fertige Resultat Aristarchs aufnehmen und da anfangen, wo die Griechen aufgehört haben.
Man sieht, wie gering der eigentlich schöpferische Anteil des
abendländischen Geistes an dem kopernikanischen Weltbild ist. Tatsächlich war sich das 16. Jahrhundert darin einig, die kopernikanische
Lehre als eine Erneuerung der antiken zu betrachten. Man darf es
in der Tat für ein echt griechisches erklären. Freilich darf man es nicht
bei den Philosophen suchen, es ist immer nur auf den engen Kreis
der wissenschaftlichen Mathematiker beschränkt geblieben, der damals
noch exklusiver war, als er es je im Abendlande mit seinem organisierten höheren Unterricht sein konnte. Nichts falscher darum als
Spenglers Vorstellung, daß die antike Mathematik im Gegensatz zur .
modernen »populär« gewesen wäre, da ihr »die unendliche Ferne,
die Distanze dieser gefehlt habe (S. 125).
Der Glaube, daß etwa die
griechischen Philosophen noch alle einzelnen Wissenschaften in sich
vereinigt hätten, ist für die spätere Zeit wenigstens eine schöne Täuschung.
Seit dem 5. Jahrhundert nehmen die Einzelwissenschaften,
namentlich Astronomie, Musiktheorie, Optik, Mechanik, Medizin, Geodig. Und um 150 v. Chr. fand der Astronom Seleukos von Seleukia
nz
E*
253
den exakt mathematischen Beweis für die aristarchische »Hypothesis«.
Die römische Zeit hatte freilich für das Feinste und eigentlich Geistige
griechischer Gedanken, gewissermaßen für ihr musikalisches Element,
kein Verständnis. Wie die Originale griechischer Plastik unter der
Hand römischer Kopisten die steife Marmorstütze erhalten, dadurch
ihre innerlich frei bewegte Haltung verlieren und in jeder Beziehung
vergröbert werden, so wird auch das echt griechische Weltbild im
Page 17
View in PDF(opens in a new window)Ptolemäischen System mit einer Marmorstütze wiedergegeben: Die
gar nicht berührt. Denn so fremd uns zunächst diese geometrische
Algebra der Griechen ist, wir verstehen sie ja doch in dem
Augenblick, wo wir begreifen, was mit ihr gewollt ist Sie drückt,
wie überhaupt jede Sprache, gewisse allgemeine Tatsachen in der
Sprache ihrer individuellen Welt aus. Zu »verstehen« d, h. die fremde
Sprache in der eigenen auszudrücken, das ist das Problem aller historischen und hermeneutischen Kunst. Griechische Musik scheint allerdings unübersetzbar; sie unserm musikalischen Empfinden zugänglich
254
KErde, welche der griechische Geist bewegt hatte, wird wieder starr
und unbeweglich. Indem Kopernikus unter den Zutaten der römischen Kopie das griechische Weltbild wieder entdeckt, beginnt nun
jene großartige Entwicklung der abendländischen Wissenschaft, durch
die die geistigen Prinzipien und Voraussetzungen, auf denen es beruht, gewissermaßen in umgekehrter Richtung aufgerolit und wieder
verstanden werden.
»Es gibt keine Mathematik, es gibt nur Mathematiken«, jede
vom »Stile ihrer Zeitkultur nicht von irgendwelchen objektiven Tatsachen bestimmt, so lautet die These Spenglers.
Hätte er diesen
Gedanken konsequent zu Ende gedacht, so müßte er jede allgemeine
Grundlage der Mathematik leugnen. Das kann er- nun nicht, er muß
sogar angesichts jenes Briefes des Archimedes an Eratosthenes über
die Infinitesimalmethode, den er nicht übergeben kann, und seiner
»schönen Berechnung der Spirale« zugestehen, daß Archimedes »gewisse allgemeine Tatsachen berührt, die auch der Methode des bestimmten Integrals bei Leibniz zugrunde liegen«e (5. 101 und 123).
ist aber einmal zuzugeben, daß doch auch »gewisse allgemeine Tatsachen« der Mathematik zugrunde liegen, was will dann die mit. solchem Nachdruck vorgebrachte Behauptung, daß es keine Mathematik
und nur "Mathematiken gibt, besagen?. Etwa die _Trivialität, daß die.
griechische von der abendländischen .in ihrer besonderen Eigenart
verschieden ist? : Das ist sie allerdings, und. die indische und die.
arabische ist es ‘in anderer Hinsicht noch ‚mehr. _Zu verstehen, wie
und warum der indische, der griechische, der abendländische Mathematiker dieselben allgemeinen Tatsachen und Probleme 'so ‚ganz:
anders anfaßt und auf so verschiedenem Wege löst, ist ja:gerade.
“die seizvollste Aufgabe für den Historiker und Philosophen: warum
bedienen sich ‚die Griechen. zur Darstellung etwa der Wurzel oder
gewisser, wie wir es auffassen, algebraischer Gleichungen, jener. merk- -
würdigen- Methode, ‘die man so treffend als eine. Art von. »geometri- :
scher Algebra« bezeichnet hat? Diese fundamentalen Unterschiede in
der Auffassung derselben mathematischen Verhältnisse müssen allerdings tiefin der seelischen Individualität der Völker begründet sein..
Aber solchen letzten Geheimnissen darf man doch nicht meinen mit
so groöb-schematischen Begriffen, wie »begrenzt-plastisch-apollinisch«
und »unbegrenzt-musikalisch-faustische auch nur nahezukommen! Ist
das doch eine Antithese, in der sich überhaupt alles. geistige Leben
bewegt.
Zudem ist das eigentlich hier liegende Problem damit noch
255
machen, indem man sie etwa harmonisiert, heißt ihr gerade das ihr
Wesentliche nehmen. Griechische Dichtung läßt sich wenigstens in
einem gewissen Grade übertragen, aber nur soweit als ihre Worte
(Aedıs) gewisse allgemeine Begriffe auch unserer Sprache ausdrücken,
das ist aber gerade das künstlerisch Gleichgültigere an ihr. Die
Sprache der fremden Mathematik aber läßt sich wirklich verstehen
und auch mit den uns gewohnten Symbolen ausdrücken, etwa die
Figur des Gnomon durch eine Gleichung wie (a-+ b)?= a? -+b?-+2ab.
Denn hier ist die darin gemeinte Sache, nicht die individuell zufällige
Form des Symbols das Wesentliche. Die Möglichkeit solches Verstehens und Uebersetzens ist der Beweis, daß es zwar nicht hinter,
aber in den verschiedenen Mathematiken eine Mathematik, eine einheitliche Wissenschaft gibt. Diese Einheit und Allgemeingültigkeit
der Mathematik darf man sich freilich nicht nach der. Weise des unhistorischen abstrakten Verstandes vorstellen, als wäre die Mathematik
bei allen Völkern und zu allen Zeiten stets in derselben stereotypen
Art angefaßt und gedacht worden. Darin besteht gerade das
Schöpferische aller Individualität, daß sie, um auch nur das Gelernte
wirklich zu verstehen, es in ihrer Welt neu ausdrücken und schaffen
muß. Plato sagt einmal, das Gesetz ist einfältig, denn es sagt bei den
verschiedensten Dingen immer dasselbe. Das gilt überhaupt vom abstrakten Verstand, von jeder Theorie, jedem Dogma. Jede Theorie
ist als feststehendes Dogma betrachtet einfältig d.h. nur einseitig
richtig, nur bedingterweise wahr. Die abstrakte Theorie ist höchstens für den Popularisator und den Laien da. Das wissenschaft‚lich einzig Interessante an jeder Theorie ist das ihr zugrunde liegende
‚Sachliche, das der abstrakte Gedanke in ihr bewältigen will. Die
ganze Macht dieses Sachlichen zeigt sich aber nirgends unwiderstehlicher als in ihrer Widerlegung. Das wahre, objektiv Allgemeine
vermag sich eben nur in der Form des individuellen Schöpferischen
"xu offenbaren.
Gerade weil die antike Mathematik in ihrer Form
vön .der Individualität des Geistes, aus dem sie entstanden,. ganz
durchdrungen ist, ist das eigentlich in ihr Gemeinte nie soa tief von
Page 18
View in PDF(opens in a new window)Mathematik und Musik und der griechische Geist,
Erich Frank:
ihr selbst erfaßt worden, wie in jenem großen Prozeß, durch den
257
auch nicht das Jetzt, sondern die ewige Gegenwart des
Gewesenen
im Bewußtsein des Jetzt. Die Einheit dieses Bewu
ßtseins — und
sich das Abendland von der dogmatischen Autorität ihres Vorbildes
befreite und den darin auch einmal lebendig gewesenen Geist in der
Welt seines eigenen Denkens neu zum Ausdruck brachte. Nicht in
dogmatischer Aneignung, sondern in der schöpferischen Widerlegung
Geschichte.
Auf dem Niveau der Philosophie Spenglers ‚muß
freilich die
dogmatischer Vorurteile zeigt sich der eigentliche Prozeß der Eraber jene »Kulturen«?
kenntnis und die Einheit der. Wissenschaft. Was Spengler vom Geist
des Abendlandes meint, daß er »die angelernte antike Wissenschaft
schon besaß — äußerlich, nicht innerlich —, die eigene durch ein
scheinbares Aendern und Verbessern, durch ein tatsächliches Vernichten der ihm inadäquaten euklidischen gewanns, mit diesen Worten
ist nichts anderes als der schöpferische Prozeß der Tradition
überhaupt beschrieben. Was hier vom Verhältnis der abendländischen zur antiken Mathematik gesagt ist, das gilt überhaupt von dem
Kampf zwischen Zeiten, Völkern, Generationen, Ständen, ja zwischen
Individuen... Darin beruht gerade auf allen Gebieten das eigentliche
Wesen der Geschichte; in diesem Prozeß, in diesem Kampf der Individualitäten gegeneinander offenbart sich die Einheit im Bewußtsein der Menschheit.
Nach Spengler gäbe es allerdings keine Einheit in der Geschichte,
gäbe es nur »Kulturen, Völker, Sprachen, Wahrheiten, Götter, Landschaften so, wie es Eichen und Pinien nebeneinander gibte (29).
Welche Barbarei des Gedankens! Es besteht doch ein gewisser
Unterschied zwischen griechischem, indischem oder arabischem Geist
und einer Eiche. Eichen und Pinien sind freilich außer einander
und außer uns, in der Natur, und haben nichts miteinander und
nichts mit uns zu tun. ‘Was ist aber der griechische Geist?
Etwa
ein historisches »Ding an sich«, wie ein Stein oder ein Baum? Sein
eigentliches Wesen, sein >»An sich« hat er ja gerade darin, daß .er
»für etwase ist.
Er ist nicht einmäl in einem Punkte, in einer .Zeit
gewesen und dann für uns verschwunden wie Eiche und Pinie, son- .
dern hat seine lebendige Existenz heute auf nicht andere Weise in
unserem historischen Bewußtsein, als er sie in dem seiner Zeit ‚batte.
Die Auffassung vom Griechentum ist notwendig in jeder Zeit immer
wieder eine andere. Aber gerade darin hat es seine geistige Reali-
. daß jede Zeit, ja
tät und offenbart es sein objektiv tiefstes Wesen,
es verstehen
erobern,
sich
für
jedes Individuum es stets aufs neue
d. h. seine Bedeutung in der Sprache seiner &igenen Welt schöpferisch
ausdrücken muß. Ein faktisches Ereignis wird zu einem »historischen«
erst dadurch, daß es aufhört, nur für sich zu sein und für.das Bewußt'sein eines anderen etwas wird. Geschichte ist nicht das bloß Gewesene,
das heißt »Menschheit« — ist aber Tatsache, eben
die Tatsache der
»Menschheit ein leeres Wort, ein Phantom« sein.
Was sind dann
Was Spengler antike oder arabische Kultur
oder ähnliches nennt, das hat sicher nie existie
rt außer in seinem
Kopfe, und diese Kulturen sollen das Absolute,
die letzten Individuen, »die eigentlichen Substanzen der Weltgeschichtee
(S. 104) sein,
also unbedingte Monaden, voneinander schlechthin geschi
eden, ohne
jeden gegenseitigen Zusammenhang und wahren Einflu
ß aufeinander.
Dieser, philosophisch doch etwas zu naiven und primit
iven Konstruktion zuliebe muß die Tatsache der Tradition einfach geleug
net werden, die etwa die abendländische Mathematik mit der
griechischen
oder die noch die modernste Musik, wie gerade die musika
lischen
Neuerer des Expressionismus in unseren Tagen es uns deutlic
h zum
Bewußtsein bringen, mit der griechischen Kanonik verbind
et. Für
Spengler darf es eine Tradition nicht geben, nur diskrete
Kulturatome. Nicht nur die »Menschheit« wird so zum Phanto
m, auch die
schöpferische Individualität und Persönlichkeit sinkt
zur bloßen Erscheinung und zum inhärierenden Akzidens der unbedi
ngten Kultursubstanz herunter. Diese Kulturen selbst sind aber in
Wahrheit
nichts als hypostasierte Allgemeinbegriffe, die durch vergle
ichende
Abstraktion ähnlicher Merkmale Sanz heterogener Ersche
inungen eines
äußerlich und schematisch abgesteckten Zeitabschnitte
s gewonnen
werden; auf diese Weise umfaßt etwa die »antike
Kultur«e so im
Grunde verschiedene Dinge wie die griechische und römische Welt.
Und
diese leeren Abstrakta sollen »entstehen, sich entwickeln,
altern und
sterben wie wirkliche -lebendige organische Formen«, wie »Pflanz
en,
Bäume oder Tieree, und in diesem Werden und Vergehen soll
das
letzte Wesen der Geschichte bestehen. Dann wird die Geschi
chte
wieder zur bloßen Natur im Sinne der biologischen Wissen
schaft,
“obwohl wir doch immer wieder versichern hören, daß es gar keine
Natur, kein allgemeines Naturgesetz gibt, daß jede Kultur ihre
be-
‚sondere Natur habe und die Geschichte das unbedingte Primat vor
der Natur besitze, von der sie bloß eine Funktion darstelle.
Was hat der Begriff, der hier. Geschichte genannt wird, noch
mit wirklicher Geschichte gemein? Etwa das Merkmal der
Entwicklung? Aber der naturalistische Entwicklungsbegriff ist gar
nicht
imstande, das eigentliche Wesen eines so eminent geistigen
Phäno-
Page 19
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rmens, wie es die Geschichte ist, zu erfassen. Denn Entwicklungehadt
>
In “ Br
nie etwas wirklich Neues, sondern entfaltet nur das, was schon
war. Aristoteles, der wie kein anderer vielleicht diesen Begri . urchdacht hat, zeigt einmal gegenüber der pythagoreischen a asung
der Welt als ewige Entwicklung und »Aufgabe«, daß das Vollkommene in dem Entwicklungsprozeß z. B. des Kindes nicht erst a
seinem Ende, sondern an seinem Anfang liegt. Dieser An an Fi
eben nicht der Same, sondern der Vater als der Mensch‘ au er
Höhe seiner Kraft oder Gott in der Energie seines einmaligen Sehr
fungsaktes. Die natürliche Entwicklung schafft so nie etwas vr ii
Neues, sondern reproduziert nur das Alte. Der Inhalt der Ser ic v
ist aber nur das Neue, Schöpferische, »die Freiheite, wie der
use e
Idealismus sich ausdrückt, das was noch nicht war, was aus der
bioßen Entwicklung des schon im Alten liegenden allein nie. zu erklären ist. Das schöpferisch Neue ist immer ein unerklärlicher irxationaler Sprung. In seinem Stoff ist es allerdings‘ immer_auf das
Alte, das ihm die Ueberlieferung gibt, angewiesen, mit dem es so von
des Sprungesin stetem Zusammenhange bleibt. Das erklärt aber noc
nicht die neue, schöpferische Form, die aus dem Nichts:entstebt, wie
nergie 'äines_ solchen
y
Die individuelle Energ:
eine generatio aequivoca.
einmaligen: 'Schöpfungsaktes "bleibt Tun in der Geschichte. eihalten,
und die Tradition ist gewissermaßen das historische. "Gesetz, ihrer
allerdings ‚selbst wieder‚schöpferischen Erhaltung: .»Auf-der’ Pantorität
t des-Allge
und Kontinuhdt, derTradition.beruht.‚die;‚Macht
Kraft, in--ihr. Astdie”Quelle aller"Offenbarung überhaupt- und. ‚aller
"historischen Energie; - Für Spengler kann es- in letzt:
Wahrheit in
der -Geschichte . ‘weder schöpferische Persönlichkeit. ‚noch. ‚Religion,
noch Volk noch Staat geben. Die Geschichteist ‚nach ihm: vielmehr
‚nichts als »die Verwirklichung möglicher Kultur«, d.h; die Verkörperung ihrer Idee, ihrer Seele, »die Summe ihres:versinnlich en,räum-
JJich und faßlich ‘gewordenen Ausdrucks als: Taten und:‚Gesinuungen, \
Städte, Religion und Staaten; Künste und. Wissenschaften, Völker
wirtschaftliche und gesellschaftliche Formen,Sprathe, Rech ‚Sitten,
.deßir
“ Charaktere, ‚Gesichtszüge ‚und -Trachten« {S:'80).|
en
und
ommenheit
Versch
ganzen
modernen Kulturbegriftin seiner
ein eben
klarheit. . Wirtschaft und ‚Trachten ‘stehen,
29
söphie der Aufklärungszeit. Als diese die Religion zersetz
t hatte,
blieb ihr als letzter Sinn und Zweck des Menschenlebens
nur- der
Mensch selbst, die Entwickiung aller seiner »Naturanlagen« ohne
jeden Unterschied, die Menschheits- und Fortschrittsidee
im Sinne der
Emanzipation der »Vernunft« und des Individuums von allen
mittelalterlichen und kirchlichen Fesseln, mit einem Wort die
»Kulture,
wie sie noch Kant definiert: »Die Hervorbringung der Tauglic
hkeit
eines vernünftigen Wesens zu beliebigen Zwecken überha
upt, der
letzte Zweck, den man der Natur, in Ansehung
der Menschengattung beizulegen Ursache hat.« Ob diese Kultur als
Totalität in
‚der Fortschrittsidee oder atomistisch aufgefaßt wird, wie
bei Spengler,
als letzter Zweck der Kultur bleibt nichts anderes
als die Kultur
selbst. Diese bloße »Tauglichkeit zu beliebigen Zwecke
n«, dieser
Inbegriff bloßer Mittel zu einem Zweck überhaupt, soll
also Selbstzweck alles Menschenlebens sein. Kultur setzt aber doch
ein Etwas
voraus, zu. dem sie den Menschen bildet. Spengler definie
rt sie als
»die Sümme versinnlichten Ausdrucks möglicher Kultur«
. Aber was
ist. denn nach ihm das,- was sie ausdrückt?
Ihre Seele, ihre. Idee,
u. ‚ Ihre ‚Möglichkeit. heißt es... Und worin besteht diese Möglichkeit für
fin nichts. anderem 'als. in der Möglichkeit der wirklichen
ie; drüc
& ichts ‚anderes als ihr eigenes Ausdrücken
um: 4 ses Ausdrückes willen, dieser ganze Kampf
-=
aufLeben."und-Tod,‚der -‚den:
der,‚Geschichte:aunmncht,Z Fär.:
Kultürbegriff muß,