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View in PDF(opens in a new window)Kerkhoff, Manfred
Way Rus
In: Zeitschrift fur philosophische Forschung,
27 - 1975 - p. 256 — 274
a
NER OE m
D
Markhof M 7
Pals.
Kerkove M., Zum’antiken Hegriff des Kairos [chez les Py Uhayorivens] :
ef. Philosophie.
|
Kenxuorr M., Zum antiken Begriff des Kairos : ZPhF XXVII 1973 256274, | Ausgehend von der etymologischen Ableitung des Wortes von xatpog
seinem Ge= Einschlag am Webstuhl wird die Geschichte des Begriffes von
rn,
brauch bei den Lyrikern, besonders von Pindar an, bei den Pythagoree
Platon und bis zu Aristoteles dargestellt.
|
L'esfs chrril le Dis Forschu
es iJ
vVs5b/
Page 2
View in PDF(opens in a new window)Von Manfred Kerkhoff, Puerto Rico
Bei der Rekonstruktion der antiken Theorie der Handlung hat man wohl
davon auszugehen, daß die allen frühen Kulturen gemeinsame Vorstellung
von der Eingelassenheit des privaten und öffentlichen Lebens in die Natur
auch die griechische Zeitvorstellung bestimmt. Die Natur ist noch der Hauptfaktor unter den zu berücksichtigenden
Umständen
eines Vorhabens und
dient zugleich als Muster für die Zeiteinteilung; ihre regelmäßigen Rhythmen
geben die ersten Haltepunkte ab für die Aufstellung von Agrar- und Ritualkalendern?). Ob das Naturgeschehen als Handeln göttlicher Mächte oder unser
Handeln
als
Naturgeschehen
gedeutet wird — in beiden
Fällen
liegt
zugrunde die Anschauung, daß überall eine natürliche Begrenzung, ein natürliches Zeitmaß für alles und jedes herrscht, das nicht überschritten wird, weil
es schicksalhaft festgelegt und zu unserem Besten ist. Wenn für alle wichtigen
Handlungen sakraler und profaner Art innerhalb der Tages- und JahreszeitenZyklen der geeignete Moment feststeht, so ist es nur natürlich anzunehmen,
daß die Zeiten, in denen die Natur in Blüte steht, als heilige oder Hoch-Zeiten
gelten?), die auf Grund ihres Festcharakters Fixpunkte im Ablauf der alltäglichen Zeit bilden; an ihnen sich zu orientieren, ist deshalb geboten, weil in
der ihnen eigenen Grundstimmung der Erhobenheit die Nähe der göttlichen
Naturmächte besonders gespürt wird, und weil die Welt aus der Perspektive
des Festes in einem sonst nicht so klar bemerkten Ordnungsaspekt erscheint,
der allen Unternehmungen im voraus einen Glanz verleiht, den sie von sich
aus nicht haben. Von hier aus ist die enorme Bedeutung der Kalender zu
verstehen,
die keineswegs
wáhlerei”
hatten. Diejenigen, die zuerst die für bestimmte kultishe oder
nur den Sinn
einer heute belächelten
„Tagesprofane Handlungen günstigen oder ungünstigen Zeiten festlegten, wurden
nicht von ungefähr bei vielen Völkern als Kulturgründer und Ureltern verehrt. Nur wer sich hypothetisch in eine Welt ohne Kalender versetzen kann,
begreift, was die Schaffung eines solchen bedeutet haben muß. Der Drang,
von den vage unterschiedenen Trocken- und Regenzeiten fortzuschreiten zum
Sieben-Jahreszeiten-Zyklus
z. B.
und
zur
naturgerechten
Einteilung
der
Lebensalter und Weltepochen, hat sich bis zur Besessenheit steigern können,
wofür die Kalenderspekulationen der mittelamerikanischen Maya-Stämme ein
nicht übertroffenes Beispiel liefern‘). Bei diesen Einteilungen ist von den
1) Teil eines Vortrags, der am 23. 6. 1971 in der Ruhruniversität Bochum gehalten wurde.
2) Vgl.
W. Hirschberg
„Die Jahreszeiten in Zeitrechnung,
Mythus
und Festbrauch
der
Primitiven“, Studium Generale 9, 1956, p. 5 ss.
3) Vgl.
E. Cassirer
„Philosophie
der
symbolischen
Formen“
II
Oxford?
1953;
M. Eliade
„Der
Mythos der Ewigen Wiederkehr”, Düsseldorf 1953.
4) Vgl. F. Anders „Das Pantheon der Maya“, Graz 1963; U. Schlenther „Die geistige Welt der
Maya“, Berlin 1965;
J. E. Thompson „Maya hieroglyphic writing”, Oklahoma (Univ. of)?, 1970.
Das kairös-Phänomen gehört natürlich zur Weisheit aller Völker. Vgl. z. B. den entsprechenden chinesischen Begriff des „shih chung” (von „chung yung” = Maß) aus dem I King. Vgl.
Fung Yu Lan
„History of
Chinese Philosophy”,
1937, vol. I, p. 371, 391, und J. Needham
Page 3
View in PDF(opens in a new window)Forschern ein immer wiederkehrender Vorgang bemerkt worden: Irgendwann
war man von vornehmlich räumlichen Orientierungen —
,ungltinstig"
war
dann z. B. alles, was mit dem Norden zu tun hatte — zu einer zeitlichen übergegangen, indem die Wechselbeziehungen zwischen heiligen Gegenden sozusagen
ins
Historische
projiziert,
die
Lokalgötter
mit
Geschichte
versehen
wurden, so daß aus Weltgegenden oder -reichen Weltzeitalter wurden?). Die
ursprünglichere Orientierung lebte aber fort in der heute noch feststellbaren
Erscheinung, daß die Mehrzahl der mit dem Zeitphänornen verbundenen Worter eigentlich Raum-Wörter sind.
Das läßt sich nun sogleich für die griechische Zeitauffassung®) an Beispielen zeigen: So wird jede durch natürliche Gesetze und Abläufe fixierte Zeitperiode,
sei
es
des
Tages,
des
Jahres
oder
des
Lebensganzen,
mit
dem
Wort „hora” (wea) bezeichnet, das mit unserem „Jahr” verwandt ist und
etymologisch aus der Wurzel ,ei” = gehen, d. h. wahrscheinlich vom Sonnenlauf abgeleitet wird’). Spezieller heißt dann „hora“ schon bei Homer, Hesoid
und Äschylos „Zeit der Reife, Blüte”, d. h. die durch Witterung, Klima und
Jahreszeit besonders begünstigte und daher allgemein günstige Zeit’). Hier
kommt also zu dem Aspekt des Regelmäßigen und Wiederkehrenden in Geschehen und Handlung der des Erfüllenden, Gelingenden, Vollendenden, eben
dessen, was die Zeit heiligt und zum Fest erhebt, hinzu; dem entspricht, daß
gewisse Beinamen z. B. von Apollo und Demeter den reife- und glückbringenden Aspekt dieser Mächte hervorheben?). Der Übergang von der als reif,
blühend und beglückend aufgefaßten Zeit zum Begriff der rechten Zeit ist
leicht zu machen, und so wird „hora” auch in diesem Sinne gebraucht: Homer
spricht von der rechten Zeit für Schlafen, Essen, Reden, Heiraten usw.!°),
Hesiod betont die günstigen Zeiten für Landarbeit, Seefahrt, Kriegsführung
und Gebet!!). Die Lexika zählen fünf verschiedene Möglichkeiten für die adverbielle Bildung „zur rechten Zeit” auf!?), und von „hora“ abgeleitete Adjektive!?) haben dieselbe dreifache Bedeutung wie das Substantiv: (A) was
regelmäßig wiederkehrt, (B) was reift und blüht, (C) was zur rechten Zeit geschieht!4).
Die in , hora" angedeutete Beziehung der Zeit zu einem Höhepunkt drückt
„Time and knowledge in China and the West“ in „Voices of time“, ed. J. Fraser, New York
1966.
5) Vgl. B. Gatz , Weltalter, goldene Zeit und sinnverw. Vorstellungen“, Hildesheim 1967.
6) Vgl. H. Frankel ,Die Zeitauffassung der friihgriechischen Literatur” in ,Wege und Formen
frühgriechischen Denkens”, München 1960, p. 1 — 22.
= Vgl. av. yáre, got. jer, ahd. jar, engl. year, russ. jara; lat. hornus = ,heurig”, aus hiu jaru =
dieses Jahr: idg. Wurzel ie-ro zu ei (vgl. gr. eimi) nach H. Frisk ,Griech. Etym. Wörterbuch“
1960.
©—
Vgl. Lidell/Scott Greek-English-Lexikon Sp. 2035.
Zu Apollon
@peotd@mng
(Hymn.
IX 525), zu Demeter
«wenpópos
(Hymn. Hom. Cer. 54,
192, 493); vgl. auch @pdteo~og (Hymn. Orph. VII 10).
10)
Od. III 334, XI 330, 373, 379, XIV 407, XIX 510.
11) Erga 30, 75, 409, 462, 494, 577, 584, 664, Theogonie 58, 574 u. a.
12) tv Gen, tiv Genvy = Tv @patny, elc Geac, Opxot (— Hipaar)
13) @ptatoc, proc, @Exds, Werwos
14) A Homer Od. 931, Hesiod Erga 32, 309, 392, 394, 494, 545, 617, 631, 642, 665, 695, u. a. vgl.
Pindar Pyth. IX 101.
Page 4
View in PDF(opens in a new window)der Grieche zugespitzt in dem Wort
,akmé”
und seinen Ableitungen aus;
auch hier liegt ursprünglich eine räumliche Bedeutung vor (Spitze, Schärfe,
Schneide, Höhe), die dann auf die Zeit übertragen wurde‘). Das von „akme”
abgeleitete Adjektiv!® hat denselben Sinn wie das von „hora“ und ,kairós”
abgeleitete, nur betont es besonders das Element des Höchstzeitigen; auch das
entsprechende Verb kann diesen zeitlichen Sinn haben”).
Auch bei kairös selbst hat sich die zeitliche Bedeutung erst später herausgebildet; die etymologische Ableitung des Wortes ist umstritten, sechs Möglichkeiten bieten sich an:
1. zu kyro (x0p0) treffen (lautlich schwierig)
ONAR
zu kare (xa¢7) Haupt (vgl. tempora-Schläfen)
zu keiro (xelpw) schneiden (dazu ,krisis”, lat. dis-crimen)
zu Ker (xjp)
Todeslos (weil kairios = tödlich)
zu kerännymi (xepavvvpi) mischen (vgl. temperare-tempus)
zu kairos (xaîpog) Einschlag (am Webstuhl)
Mir persönlich scheint die letzte Ableitung nach den Argumenten, die
Onians!*), von dem der Vorschlag stammt, anführt, die suggestivste zu sein,
weil sie erklären würde, einmal: Wie das bei Homer und Äschylos vorkommende Adjektiv ,kairios" zu der Bedeutung „tödlich“ (verwundbare Körperstelle)!*) kommt, sodann: Wie man von dieser sehr speziellen Bedeutung zu der
geläufigeren (richtige Stelle, Zeit, Proportion) gelangt?°). Onians glaubt, daß
B
Hesiod Erga 396, 697, vgl. Asch. Spt. 517, Suppl. 975; Pindar OL IX 101, davon abgeleitet
C
Hesiod Erga 422, 618, 644, 632, 667, 697, 394, 424, 699, Sophokles fr. 446, davon abgeleitet
@®eata gute Jahreszeit, Kriegszeit (auch wpriç und Mpadtne (Ooptuórnc)
tà
@patx
das Gebührende =
15) Vgl. die Wurzel ak in
&xpos
tà xxípta
(Eur. Suppl. 187).
Höhe, äxwv Schild,
&xtic
Strahl,
&xtH
Fels, und vgl. lat.
acer, acies, agna (Ähre).
16)
axpatos
duxpaotic
=
axpaotixdg
z.B. in Soph. Ajax 904, 921, 811,
(vgl.
dxuns
1338, Phil.
= frisch,
12; Asch. Ag.
dxunté¢
=
ausgewachsen)
1353, Pers. 407 Isocr.
13 II-33;
Dem. IV-41; mit Infinitiv konstruiert: Asch. Pers. 399, Ag. 1326; Soph. El. 1330; mit Genetiv:
Soph. El. 22, Aj. 798, Phil. 12.
17) Vgl.
dxudter Bpetéwv Exeodar (Asch. Spt. 94).
18) R. B. Onians The origins of European thought about the body, the mind, the soul, the world,
time and fate, Cambridge 71954, bes. p. 303
— 469.
19) Vgl. zum Wortgebrauch allgemein Lidell/Scott Sp. 859, Pape Sp. 1926 und F. Pfister ,Kairos
und Symmetrie“ in Festschr. f. H. Bulle, Würzburger Studien zur Altertumswiss.
13,
1938,
p. 131 ss.; dazu auch H. Fränkel „Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums“, 1962,
p. 509 ss. und W. Schmid „Geschichte der griech. Lit. III, 1940 p. 65.
Das Adjektiv
xalpıos : Homer Ilias II 122, IV 185, VIII 83, 326, XI 439, XVII 115; Hesiod
Erga 619,
Asch.
694;
Ag.
1032,
1265,
1292,
1316,
1343,
1317,
1372;
Spt.
601
Asch.
Choeph.
575, 582, 1064, Suppl. 446; Sophokles, Ant. 720, El. 227, Phil. 565, 637, 633, 850, 862, Aj. 120,
1084, Od. Tyr. 631 — Od. Col. 808; Euripides Phoin. 1431, 1440, El. 598, I. A. 829; Herodot III
64; Xenophon, Kyr.
IV, 5, 49; Polyb.
II 33,
3 — 69, 2; vgl.
auch Index bei Diels/Kranz
Fragmente der Vorsokratiker III p. 223.
20) Hier waren die Speziellexika zu Aschylos, Sophokles, Euripides, Herodot, Pindar usw. zu
vergleichen. Die wichtigsten Stellen zu kairös folgen:
a) in der Bedeutung ,MaB": Asch. Ag. 365, 761, 785, 987; Prom. 379, 506, 523; Phoin. 471,
Choeph. 710, Suppl. 1046, 1061
b) in der Bedeutung „richtige Zeit“: Asch. Spt. 65, Prom. 521, 879, Medea 125, Soph. Phil.
151, 4681, 837, 1263, 1279, 1436, 1450, Trach. 59, El. 22, 31, 75, 1259, 1292, 1929, Aj. 34, 38,
1168, 1295, 1316, Od. Tyr. 1050, 1516, Od. Col. 809, 813, 830, Euripides Andr. 1120, Medea
128, Troad. 739, Hippol. 368, Suppl.
745, Or. 384, Aristoph. Plut. 255; Herodot IV 139,
VII 144, VIII 144.
Page 5
View in PDF(opens in a new window)kairos ursprunglich die dreieckige Offnung meinte, die beim Weben entsteht,
wenn die Kettfaden gehoben bzw. gesenkt werden, um den SchuBfaden oder
Einschlag hindurchzulassen. Von dieser Vorstellung der räumlich kleinen und
zeitlich kurz dauernden Öffnung kommt man unschwer zu der von der ,einschlägigen" Stelle am Körper, von der her (nicht: zu der hin, kairös ist nicht =
sköpos) man zum Leben selbst vordringen kann, um tötend zu treffen. Dazu
gehört nicht nur gutes Zielen, sondern auch Kraft,
die z. B. nur Odysseus
besaß, als er beim Wettschießen durch die eisernen Öffnungen von zehn Streitäxten hindurch als einziger das Ziel traf?!). Die Kürze des Einschlags beim
Weben und das Treffen der entscheidenden Körperstelle beim Schießen könnten dann zu der Vorstellung der entscheidenden, kurzen Offnung in der Zeit
geführt haben, von der her allein, als dem günstigsten Moment, das Ziel
(einer Aktion)
getroffen werden kann. Auch der entsprechende lateinische
Terminus ,opportunus” leitet sich von einem Wort ab, das ursprünglich „Offnung, Durchgang“ bedeutet hat, nämlich „porta"??).
Der einschnitthafte Charakter des kairös zeigt sich auch im seltener gebrauchten Adverb ,harmoi” (%ppot) = „zu eben der Zeit, zur angemessenen
Zeit”, das von harmós” „Fuge, Ritze, Gelenk" und harmötto (apporto) „fügen,
ordnen, anmessen“??) herkommt; das zugehörige Adjektiv (äpudçwy) „passend,
angemessen“ wird auch von der Zeit gebraucht und ist später, wie auch kairios”,
identisch mit
sprichwörtlich?®)
,symmetros“;
gewordene
von daher wird verständlich,
Aufforderung
zur
Beachtung
des
wieso
kairös
die
zum
Synonym für Maßhalten überhaupt werden konnte, wieso das Verbleiben im
Naturrhythmus
(„harmo"-nia)
von der Erfüllung dieses Gebotes abhängen
konnte.
Die von Onians vorgetragene etymologische Deutung von kairös findet
auch darin eine Stütze, daß die Urtätigkeit des Webens schon früh mit der
Vorstellung der schicklichen Zeit, des Schicksals verbunden wurde. Hier ist
das Wirkliche ursprünglich noch das Gewirkte, Gewobene, so wie die Erde
überhaupt, nach einem schönen mythischen Bild), als ein Gewand gedeutet
werden konnte, das der Hochgott (Zas) der Erdgöttin zur Hochzeit schenkt.
Von Homer bis Platon ist die Vorstellung geläufig, daß das Schicksal sozusagen an einem Faden hängt, auf den Knien der Götter gesponnen, geknüpft,
gewoben wird; das Ereignisse, z. B. Schlachten?®), von ihnen geknotet werden,
21) Od. XIX 756.
22) Onians
ss.
zieht
auch
in der römischen Rhetorik
op.
cit.
p.
auch
,fenestra”
braucht wird (=
Offnung“
xatpoc
oder
338
=
(also
Hafen hinzu und
auch
=
Offnung)
dare locum); das Gegenteil ,importunus”
„den Durchgang
führt er als Parallelfálle
ebenso wie aus
,portus”
guplor
pópia
blockierend”.
Snuós
(gr.
erinnert
für
daran,
daß
„Gelegenheit“
ge-
&ropoc) heißt dann „Ohne
Zur Akzentdifferenz zwischen
(Fett) an, aus dem
ôfuos
xatp6s
und
(Volk) entstanden ist,
entstand.
23) bei Asch. Prom. 618 und Theokrit IV 51 (=
ä&prı) vgl. auch
dpua Gespann; zu dpuól wmv
vgl. Pind. Pyth. IV 129; Isocr. IV 38; Pol. I, 44, 4 II 16,15 (= Theognis 401).
24) Hesoid, Erga 694:
dazu px im gleichen Sinn Erga 30 (vgl. Kommentar Mazon 119, 140 und Frankel op. cit. p.
179; vgl.
auch P. Philipson „Genealogie und mythische Form”
Heitsh WBG 1966 (Wege der Forschung Bd. XIV).
25) Pherekydes von Syros fr. 2 (DK I p. 47 s.).
26) z. B. Homer Ilias XIII 347-360; dazu Onians op. cit. p. 303 ss.
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jetzt in „Hesiod“
Page 6
View in PDF(opens in a new window)kurz, daß wir schicksalhaft gebunden sind zu tun, was schon für immer festgeschlungen ist, daB unser Lebensmuster ebenso festliegt wie unser ZeitAnteil (moira). Dike, die Macht des Fügenden, Ordnenden, Bindenden, Wahrenden miBt allem und jedem seine Zeit zu, bestimmt die Höhe und Dauer der
Lebenskurve, realisiert die „Ordnung der Zeit" (ta&t¢ xpóvov) die von Anaximander und Heraklit erwähnt wird?’); zur Not, d. h. im Falle der Nichtbeachtung, macht sie erst am Ende des Geschehens, als Richterin, diese Ordnung
wahr. Sie ist von daher die Gottheit der angemessenen, zugeteilten Zeit, wie
sie ja auch tatsächlich als eine der von Themis stammenden ,Horen" gilt, die
den Sonnenlauf bewachen und darauf achten, daB alles diesem Lauf entsprechend je zu seiner Zeit geschieht, damit Gleichgewicht (Eiréne) und Wohlverfaßtheit (Eunomia) bewahrt bleiben’). Durch Dike als Hore erhält das kairösPhänomen die Bedeutung des Schicklichen, Zugemessenen, Endgültigen.
Kairos, auch von den griechischen Lyrikern sowohl im Sinne des Zeitpunkts als auch des Zeitabschnitts gebraucht”’), ist besonders in der Sphäre
des Agonalen (Wettkampf und Krieg) beheimatet. Der Dichter Ion von Chios
hat ihm eine (nicht erhaltene) Hymne gewidmet?°), um ihn zur Einsetzung
seines Kultes in Olympia zu feiern;
dem vergöttlichten Kairös wurde
ein
Altar am Stadioneingang gegenüber dem Altar des Gottes der Palestra, Hermes Enagonios, errichtet. Erhalten geblieben ist die Beschreibung einer Kairós-Statue von Lysipp?'): Sie stellt einen nackten Epheben im Lauf auf einer
Kugel oder einer Messerschneide dar, der in der Rechten ein Schermesser
hielt und möglicherweise
lange
Stirnlocken trug
(bei kahlem Hinterkopf),
Zeichen der beim Schopf zu packenden Gelegenheit. Die Statue, die nach
einem dem Kanon des Polyklet entgegengesetzten Proportionssystem gefertigt wurde, sollte beweisen, daß „alles Rechtzeitige auch blúhend”, jung und
schön sei, und daß daher „der Kairös alleiniger Urheber der Schönheit” sei?).
Hier deutet sich bereits die Identifizierung von kairös und Symmetrie an, die
den kairös zum ästhetischen Prinzip erhob. Ohnehin waren ja bei den Griechen die Bereiche des Ethischen und Ästhetischen nicht getrennt, da sie auf
die gleiche Grundbedeutung des angemessenen Maßes zurückgehen. Würde
der kairös ethisch definiert als „Norm der treffsicheren Wahl und weisen Beschränkung” oder als „taktvoller Sinn für das jeweils Angemessene“*’), so
war diese Norm ja nur von einem ästhetisch zu nennenden Spürsinn für das
Passende und Schöne zu treffen; das ethisch Geforderte war ja zugleich das
instinktiv Gesuchte und Bewunderte**), und sowenig das Agonale vom Kultischen getrennt war, so sehr war das Künstlerische religiös zu fassen: Kairös
als agonale und ästhetische Norm war ja in der Natur mit ihren „horai“ und
„akmai” gegründet.
27) Anaximander fr. 1 (DK I p. 89) Heraklit fr. 28, 94 (DK I 157 bzw. 172).
28) Vgl. dazu E. Wolf ,Griechisches Rechtsdenken“ Bd. I Frankfurt 1950.
29) Vgl. z. B. Simonides fr. 5 (D), Bakchylides XIII 204, XVIII 45, Solon 3, 15 (24, 3).
30) nach Paus. V, 14, 9.
31) Vgl.
dazu Pfister op.
cit.
und Roscher,
Lexikon der griech.
und röm.
Mythologie Bd.
p. 897-901.
32) nach Kallistratos Descr. VI p. 29 K.
33) so Frankel op. cit. p. 509.
34) agathon (&ya96v) = „gut”, kommt ja von ,agamai” (&yauat) = bewundern.
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View in PDF(opens in a new window)BUCHBESPRECHUNGEN
„äußeren
mung“.
und
So
inneren
steht
der
Wahrneh-
Verfasser
zu
gute
Einführung
in
die
modernen
physikalischen Probleme. Außerdem
einer Identitätshypothese, die nur im
gibt es eine
Transzendentalen eine Identität zeigt
des psycho-physischen Problems. —
überzeugende
Deutung
und sich in der Erscheinungswelt je
Ich möchte noch
nach dem Zugang verschieden maniaus
festiert. Dies nennt der Verfasser in
Physik her die Offenheit eines philo-
Anlehnung
sophischen
das
an die moderne
Physik
„Schema der Komplementaritát”
(146).
Der
Verfasser
bemerkt
dann
den
anfügen,
Erkenntnissen
Systems
daß auch
der
gefordert
neuen
werden muß. Der Gedanke der Offenheit
ist an sich beim Positivismus vorhannoch, daB auch der Thomismus sich
den, bei dem dies leicht ist, da er ja
heute zum kritischen Realismus bealles Spekulative ablehnt. Diese Ofkennt und sogar die Leib-Seele-Einfenheit muß aber in moderner Sicht
heit,
anbei allen philosophischen Systemen
gelegt sei, anerkenne. Dies zeigt, daf
vorhanden sein. In der Arbeit von
auch bei anderen Systemen eine Kon-
Del-Negro
vergenz der Gedanken zu erkennen
deutli zum Ausdruck. Gerade bei
die
schon bei
Aristoteles
kommt
dies
ebenfalls
ist, die in einen kritischen Realismus
allen Fragen, die über das Positive
einmundet.
hinausgehen, ist diese Offenheit er-
Das Buch stellt nicht nur eine klare
und
überzeugende
Darstellung
der
Konvergenzen verschiedener Ansichten
zu
dar,
sondern ist zugleich auch eine
einem
kritischen
Realismus
forderlich. Man kann wohl von Möglichkeiten sprechen, darf dies aber
nicht, wie es im Diamat immer noch
geschieht, als Wahrheitsanspruch angeben.
Hans Titze, Wettingen
Die Autoren dieses Heftes
Dalfen, Joachim, Univ.-Prof. Dr. phil., Salzburg, Institut für klassische
Philologie der Universitat
Echternach, Helmut, Univ.-Prof. Dr. phil., Hamburg 50, BernadottestraBe9
Engelhardt, Hartmut, Dr. phil. Univ.-Ass., Hannover, DreihornstraBe 3 A
Exner, Kurt, Dr. phil., Weiterstadt b. Darmstadt, MozartstraBe 6
Grenz, Friedmann, Dr. phil, Hamburg 63, Hummelsbütteler Kirchenweg 83
Hempel, Hans-Peter, Dipl.-Politol., Berlin 12, Carmerstraße 14
Hoerster, Norbert, Univ.-Doz. Dr. phil., Munchen 40, KraepelinstraBe 63
Friedrich, Univ.-Prof. Dr. phil., Philosoph. Seminar der UniKaulbach,
versität, Münster/Westfalen
Helmut, Univ.-Dozent
Kohlenberger,
Dr.
phil,
Freilassing/Obb.,
Michael-Pacher-Straße 8
Mansilla, H.C.F., Dr. phil. Berlin 30, Keithstraße 36—38
Mayr, Franz K., Prof. Dr. phil., 9105, N. Tyler, Portland/Oregon, USA
Nessler, Gerhard, Dr. phil., Mainz, Psycholog. Seminar der Universitat,
SaarstraBe 21
Nickel, Rainer, Dr. phil., Landesinstitut Schleswig-Holstein für Praxis und
Theorie der Schule, Kiel, Schauenburger Straße 112
Rau, Fritz, Oberstudienrat Dr. phil., Leverkusen III, Diisseldorfer StraBe 292
Riedel, Manfred, Univ.-Prof. Dr. phil. Philosoph. Seminar der Universitat,
Erlangen
Titze, Hans, Dipl.-Phys. Dr. phil, CH — Wettingen 1, Rosenauweg 2
W olandt, Gerd, Univ.-Prof. Dr. phil., Philosoph. Seminar der Universität,
Bonn
Page 8
View in PDF(opens in a new window)DIE FRAGE NACH DEM AGATHON, DEM GUTEN
BEI ARISTOTELES*
Von Fritz-Joachim von Rintelen, Mainz
1. Problemlage
Aristoteles ist der griechische Philosoph der Mitte, des MaBes, des
Ausgleiches, der nesötng, der sich bemüht, die betonten platonischen
Wert- und Seinsgegensätze zur inneren Einheit in der konkreten Wirklichkeit zu verbinden!. Seine Philosophie tritt in einen direkten Bezug
zum endlichen Sein, in welchem das ayaddvzu einem rpaxtèy ayatdy
wird (Eth. Nic. 1095a 16; 1097a 23). Er will das Problem des Guten in
objektiver Weise auf alle ontologischen Gegebenheiten übertragen
mit metaphysischem Bezug. Somit vermeidet er symbolische Deutungen, worin seine betont intellektuelle Ausrichtung deutlich zum Ausdruck kommt. Es wird auch der rational aufweisbare Zweckgedanke
mit dem Guten in Verbindung gebracht, ohne sich mit einem bloßen
Nutzwert, somit Relationswert zu begnügen‘.
Wir fragen nach der Allgemeinbegrifflichkeit der Form (Logik), die
uns das Sein der Wesenheit, der odofg
(Ontologie) vermittelt. Das
„Allgemeine ist im höheren Grade das Prinzip",aei tà xaddiov paXXoy
apy at). Hier können wir das einen Zweck insich einschließende Gute
(Axiologie) aufweisen. So entsprechen einander die Grade der Wahrheit, des Seienden und des Guten. Es liegt eine, wenn auch nicht gegenständliche Entsprechung vor als Vorbereitung der späteren Transzendentalien?).
2. Das Sein und das Gute
Die Welt des Werdens und des sich gleichbleibenden Seins sind
nicht Gegensátze und begegnen uns in der raum-zeitlichen Wirklichkeit. Platos Ideen werden zu immanenten Formen im Seienden und wir
* Frau Dr.
Kahl-Furthmann
zum 80. Geburtstag gewidmet.
1) Eth. Nic. 1105 b, 26.
2) Daß Aristoteles den Vorrang der reinen Erkenntnis ( Sewola )
sieht, liegt bereits im Dialog
Protreptikos vor. Vgl. W. Jaeger, A. Grundlegung einer Geschichte seiner Entwicklung (1955,
2. Aufl.) 63. Whitney J. Oates, A. and the Problem of Value (Princeton U. O.
1961) 369.
J. During, A. (1966) 242, 251, Interpretation von E. J. Schdcher, Ist das Corpus aritsotelicum
nach-aristotelisch? (1957) 10, 19, 34.
3) Metaph. 998b, 17. Vgl. E. Rolfes, Philos. des A. (1923) 347, 350. P. Aubenque, Le probleme
de l'être chez A.
(Paris
1962)
176 f., 204: das Sein und das Gute homonym. Vgl. Top.
I,
15, 107 a 5f. K. v. Fritz, Philos. u. sprachl. Ausdruck bei Democrit, Plato u. A. (1963) 64 f.,
71. H. J. Kraemer, Das Verhältnis von Plato zu Aristoteles in neuerer Sicht (Z. f. philos.
Forschung 26,3 (1972) 332.
4) Metaph. II, 1, 993b, 29f, 31. Die Frage nach den Transzendentalien vgl. David Ross, A. (1960)
156. Düring 336: die Grade der Werte.
32 ZphF XXVII
Page 9
View in PDF(opens in a new window)Einen Paradefall für die Übereinstimmung der den kairös betreffenden
Bereiche (Sport, Kunst, Kult) stellt der Wortgebrauch Pindars dar*). Gesang
als solcher ist der eigentliche Höhepunkt des besungenen Geschehens, durch
ihn erhält der im Wettkampf errungene Sieg erst den erfüllenden Glanz, der
das individuelle Ereignis ins Allgemeine (%otvév ) hebt, d. h. mit der mythischen Vergangenheit des Volkes verbindet, dem der Sieger entstammt. Für
den feiernden Sänger, der hier zugleich Rhapsode und Prophet ist, kommt alles
darauf an, diesen kairös des Siegesgesanges richtig zu fassen und angemessen zu begehen; daher wird der kairös bei Pindar zum Kompositionsprinzip
der Oden, in denen jedes Ereignis, jede geäußerte Ansicht (yv) ihren festgelegten Piatz hat, der sie zum Ganzen in Beziehung setzt. Pindars Sorge ist,
daß er die Dinge ungehörig, d. h. im falschen Moment vorbringen könnte und
durch solches Verfehlen des kairös des Wortes auch den kairös der zu feiernden Tat mitverfehlt. Wegen der Kürze des kairös®®) ist der jeweilige Moment
für das je Anzubringende nicht leicht zu treffen, weswegen die Kürze und
Dichte?) die für solche Momente angebrachte Redeform ist; in solchen zugespitzten Sätzen, die oft die akmé des betr. Gesanges bilden, konzentriert
sich dann das erfüllende Wissen um den Sinn einer Tat, die in mythische
Vergangenheit und Zukunft reicht. Der kairös des Gesanges wird so zur Zeitmitte, in der ein langsam an- und auslaufendes heroisches Geschehen kulminiert; als „telos“ einer Kette von vaterländischen Handlungen ist sie zugleich
„arche“ einer ruhmreichen Zukunft und Garantie der in diesem Moment beginnenden Unsterblichkeit des Besungenen, Einbruch der Ewigkeit in die Zeit.
In solchem kairös erkennt man am besten das zu allem gehörige MaB*), und
35) Stellen zu kairös (vgl. W. J. Slater Lexicon to Pindar, Berlin 1960): OL II 17, 54, 60,
VII 94, VIII 24, XIII 44; Nem. II 59, IV 43, VII 58, VIII 4 (I 18) Pyth. 157, 81, IV 286, IX 76,
VII 7, X 4; Itshm. II 22; Paian II 44 fr. 123, 127, 159, 168, 346; &pa OL VI 28; Pyth. IV 43,
247; Nem IV 34; Ist II 23 zu @eatog OL IX 101, Pyth. LX 101; Paian III 14, Thr. IIT 2.
36) Pyth. IV 286 x. Bpaxd merpov Exeı; an dieser Stelle zeigt sidi, daß kairós bei Pindar nicht
durchgehend mit „Maß“ zu übersetzen ist (vgl. die Diskussion bei R. W. B. Burton ,Pindar's
Pythian Odes’, Oxford 1962 p. 46). Man vgl. z. B. die Übersetzung von W. V. Humboldt
(„schnell verblüht der Gelegenheit flüchtiger Augenblick”) mit der von O. Werner („des rechten Zeitpunkts Blüte ist bei den Menschen nur kurz") und von Wolde („Gelegenheit hat
unter Menschen kärglihes Gedeihn”).
setzt das Bild
xatpdv el gSéyEato moAA@y relpara ouvravioatr, ty Boaxel
37) Pyth. I 81
vom Weben voraus (vgl. Onians op. cit. p. 338 ss); der Sinn ist also, daB hier der dichte
Gesang dem dicht gewobenen Gewand entspricht. Pindars Auffassung von dieser Analogie
spricht sich oft genug aus (vgl. OL III 8, Pyth IX 77, Nem IV 14, IV 44, V 42, VIII 15, fr. 179,
194).
38) OL XIII 46 Erretar Sév éxdotw wétpov | voñaat Se xarpós derato¢g vgl. die Ubersetzungen:
Werner: Es verknüpft sich mit allem ein Maß; dies einzusehen zur Zeit ist das Beste.
Wolde: Jedes Ding hat sein Maß; doc gilt's wohl zu merken, wann reif seine Zeit ist.
Schadewaldt: Bei Jeglichem ist ein Maß gegeben, und wahrzunehmen den rechten Anlaß, ist
das Beste.
Burton: In each thing there is a measure which suits and the right mark is the best thing
to
know.
Slater:
..., and kairös is the best time to know it.
vgl. Pyth. IX 79, wo v. Humboldt kairós mit „der Gelegenheit schicklicher Augenblick" übersetzt, während Treu, Wolde, Burton und Frankel „Maß” vorziehen; Bowra hat dagegen
wieder „moment“. (C. M. Bowra ,Pindar”, Oxford 1964).
18 ZphF XXVII/2
Page 10
View in PDF(opens in a new window)gerade der Dichter muB wissen, wann er wem wieviel Ruhm zuzumessen
hat?)
Mit dieser religiös zu nennenden kairös-Idee und der ihr zugrunde liegenden
strengen
Maß-Auffassung
wurzelt
Pindar
möglicherweise
in
pythagoreischer Überlieferung“), und von daher mag auch die zunächst seltsam
anmutende Nachricht des Aristoteles verständlich werden, daß die Pythagoreer den kairós mit der Siebenheit gleichgesetzt hätten®!); der Kommentar
des Alexander bemerkt dazu“),
daß
(nach Ansicht der Pythagoreer)
die
Naturphänomene durchweg den Siebenerzyklen folgen und daher die Sieben
Zeichen der Vollendung (einer Periode)
geworden sei; entsprechend stehe
auch die Sonne, als „Ursache“ dieser Zyklen, innerhalb des Weltgebäudes
an der siebten Stelle der „Sphären“
(von der Mitte des Zentralfeuers her
gesehen). Kairös wäre demnach sowohl der „richtige (d. h. zukommende, rechtmäßige) Ort” als auch die „richtige (d. h. er-füllende) Zeit(phase)”. Anderen
Nachrichten zufolge vertritt die Siebenheit, als (Ver)Mitte(lung) zwischen der
heiligen Tetras und der heiligen Dekas, die Gesamtzahl, d. h. den Vollendungsaspekt des Seienden; mythologisch ist sie gleichgesetzt mit Athene, der
Vorsehung” ( Ipövor@) und ,Allkenntnis” ( Zbveotg ) des die Monas repräsentierenden Zeus, der „Anfang, Mitte und Ende” von allem ist. Fügt man dem
die theo-kosmologische Spekulation hinzu, dergemäß die Gesamtheit der
Weltzeit von sieben Weltaltern (Göttergenerationen) gebildet wird“) und
39) Vgl. OL VIII 24 89% dtaxprvaı ppevi ui mapa xarpóv Suarradée
Werner: rechten Sinns zu richten, nicht wider Gebühr, ist ein schweres Amt.
Wolde: mit geradem Sinn zur schicklichen Stunde zu richten ist schwer.
Thiersch: geraden Sinns zu entscheiden und wider Gebühr nicht, ist schweres Amt.
Hölderlin: ... und nicht außer der Zeit, (ist) mißkämpfend.
Vgl. auch Pyth. X 4, wo die Übersetzer ebenfalls sich nicht einig sind darüber, ob sie
mapà xatpév mit „zur Unzeit” oder mit „übermaßen“ wiedergehen sollen.
40) Daß der kairös-Gedanke im Zentrum der pädagogischen Aktivität des Pythagoras selbst
stand, hat H. de Vogel („Pythagoras and early Pythagoreism”, den Haag 1968) kürzlich
wahrscheinlich zu machen versucht.
41) Metaph. 985 b 27 (= DK I 425, 5) vgl. auch Metaph. 989 b 29 (= DK I 456, 36).
42) Alex. in Arist. Met. 74, 13 (vgl. auch 38,4). Zum Thema vgl. u. a. W. Burkert „Weisheit und
Wissenschaft", Nürnberg 1962, p. 441-456. H.
J. Krämer „Der Ursprung der Geistmetaphysik”,
Amsterdam 1964 p. 28, 268, 280.
43) Obwohl die Generationsfolge bei den einzelnen Autoren variiert, läßt sich folgende kosmogonishe
Sukzession rekonstruieren:
1.
Chronos;
2. Eros
(Phanes);
3.
Nyx; 4.
Uranos;
5. Kronos; 6. Zeus; 7. Dionysos. Zu erinnern ist an die Legende, nach welcher das Dionysoskind mit 7 Spielzeugen von 7 männlichen und 7 weiblichen Titanen aus seinem Versteck
gelockt und in 7 Teile zerrissen wird. Dionysos, Erlösergott der siebten Epoche, ist mit diesen sieben ,Teilen” die Weltseele; noch bei Platon lassen sich die Reste dieser Hepta-Mystik
erkennen: Die Siebenheit dominiert in den die Weltseele konstituierenden Mischungen des
» Timaios”, in der Architektonik der sog. ,Dimensionsfolgen” (Gaiser) des Seins und in der
auch bei Hegel und Schelling wiederkehrenden Siebenstufigkeit der Dialektik. Noch Nietzsche
zählt vom historischen bis zum mythischen (d. h. Nietzsches) Zarathustra sieben Epochen der
Geistesgeschichte, die im „Großen Mittag”, der neuen ,Adhsenzeit” gipfelt (vgl. „Götzendámmerung”: „Wie die wahre Welt endlich zur Fabel wurde’).
Zum Thema der kosmogonischen Generationen und Weltzeitalter vgl.
W. K. C. Guthrie: „Orpheus and Greek religion” London!) 1952.
H. Staudacher: „Die Trennung von Himmel und Erde” Tübingen 1942.
H. Schwabl: ,Weltshópfung”
(Artikel in RE, Suppl. IX, 1962) sowie (mit orientalischen
Parallelen) B. Gatz op. cit. (Anm. 15).
Page 11
View in PDF(opens in a new window)nimmt man noch die wunderlichen Auskünfte der sog. hippokratischen Schrift
über die Siebenzahl‘) hinzu, so kommt man hier einem Phänomen auf die
Spur,
das,
von orientalischer Astronomie und Mystik ausgehend,
in orphischen, gnostischen, jiidisch-christlichhen Geheimlehren weitergelebt und sich
bis in die Romantik hinein erhalten hat#. Das diesen Spekulationen Gemeinsame scheint die Überzeugung zu sein, daß die Siebenheit eine Ganzheit und
Heil versprechende Macht ist, die, zeitlich d. h. vom kairós hergesehen, an
alle Strukturen, Aktionen und Prozesse angemessen werden kann und ihnen
dadurch ein Glücks- und Erfüllungsaspekt verleiht, der sie als sanktioniert,
legitimiert erscheinen lassen muß: Alles, was siebenmal vorkommt, sich
siebteln läßt, ist eo ipso unter ein universelles Gesetz des Gelingens gestellt;
das gilt auch für die Komposition von Dichtungen‘).
|
Den besonderen Implikationen dieses für das sog. mythische Bewußtsein
typischen Phänomens soll hier nicht weiter nachgegangen werden; aber eine
Folgerung ist zu ziehen: War den bisherigen Charakterisierungen des kairösBegriffs noch nicht anzusehen, ob er als erkennbar galt, so zeigt sich nun, am
Beispiel der Siebenheit als des idealen Zeitmaßes, daß der Aufforderung nach
Erkenntnis und Anerkennung des kairös durchaus eine, wenn auch mythische
Erkennbarkeit desselben gegenüberstand. Sieht man sich z. B. die Verba an,
die im Zusammenhang mit dem kairös gebraucht werden, so fällt auf, daß
einerseits von intuitivem Zupacken oder Treffen gesprochen wird, andererseits von einer passiven, das plötzliche Ein- oder Zutreffen erwartenden Haltung‘); in beiden Fällen ist an rationale Erkenntnis offenbar nicht gedacht,
44) Vgl. W. H. Roscher „Die hippokratische Schrift von der Siebenzahl*, Studien zur Geschichte
und Kultur des Altertums VI, Paderborn 1913. Roscher glaubt, daß sich die Notiz des Aristoteles von der Bedeutung des 7. (kritischen) Tages bei Krankheiten und bei der Embryobildung (4 x 10 x 7 Tage!), d. h. letztlich von den 7-Tage-Phasen des Mondes ableitet, die
Grundlage
aller lunaren,
Siebenheit auch „Hygieia“
d.
h.
meist sakralen Kalender waren.
Dem
entspricht,
daß die
(Gesundheit, Heil), „Nike“, ,Krisis” und ,Adrasteia” hieß. Vgl.
auch die Hebdomadenlehre Solons, Vorbild aller späteren „Stadien“-Theorien.
45) Vgl.
z.
B.
U.
Gaier
„Der
gesetzliche
Kalkül.
Hölderlins
Dichtungslehre*,
der
Hölderlins
Denk- und Sprachrhythmus, den sog. „Wechsel der Töne“, von einem siebenstufigen Offenbarungsrhythmus ableitet, der von dem schwäbischen Theosophen Oetinger nach dem Vorbild der Kabbala und des jüdischen Neuplatonismus
(Philo v.
Alexandrien
„De opificio
mundi“) entwickelt wurde.
46) Vgl.
die von dem legendären griech.
Lyriker Terpander eingeführte
Siebenerteilung
der
(chor)lyrischen Gesänge, die sich z. T. auch noch bei Pindar nachweisen ließe. Fr. Pfister
(„Studien zum homerischen Epos” Würzburger Jahrb. 3, 1948 p. 137 ss.) hat gezeigt, daß die
zeitliche
Dauer
der
Ereignisse
der
Ilias
(7x7
Tage!)
symmetrisch
3x7 Tage der Entstehung bzw. Aufhebung des Zorns des Achilles
verteilt
ist
auf
je
(1. bzw. 14. Buch) und
daß die zentralen 7 Tage (2.— 13. Buch), welche die Auswirkungen des Zorns beinhalten,
gipfeln
im
25.
Tag,
der
jeweils
umgeben
von
symmetrisch
angeordneten
Schla@tund
Ruhetagen, das tiefste Unglück der Achäer darstellt, das zum Wendepunkt in A@hills Haltung
und damit in der gesamten Kriegsentwicklung wird. Ähnliche Konstruktionen hat derselbe
Autor („Der Begriff des Schönen und das Ebenmaß*, Würzb. Jahrb.
1, 1946 p. 341 ss.) bei
Aschylos (Hiketiden) Herodot, Thukydides und Platon (,Phaidros”) entdeckt.
47) Beispiele: a) negativ: maptévat, dparpriodat, xadupitvat, mpoSbvvat, Örrepß dAÂetv
b) positiv:
tuxetv, AaBetv, dpondlev, Yvooëtar, xpnuaodar
Vgl. dazu die Substantive: a) gen. subj. petaBoArh, Suvantc, pétpa
b) gen. obj.
Aoyiouéc, Stéyvootc, sdAdferx
Auf die Berechenbarkeit des „rechten" Augenblicks könnte die etymologishe Ableitung des
Wortes „recht“ (.Richtig”) hinweisen: lat. rectus, gr. orektös air. rasta, aind. rju aus der
Page 12
View in PDF(opens in a new window)deren Möglichkeit ja auch für diese vorsokratische Epoche nicht ohne weiteres
vorausgesetzt werden darf. Vielmehr scheint aus der Empfindung der ,plôtzlich“ oder ,endlich" sich ereignenden Ankunft dieses Moments zugleich dessen Erkennbarkeit zu resultieren: Nur der Getroffene trifft auch, das zufällig
scheinende Eintreffen ist in der Vorsehung beschlossen gewesen; nur der hier
erkennt, kann auch den zukünftigen kairös berechnen: Ist z. B. durch die kosmische Ordnung alles auf Siebenheit hin angelegt, so erlést die Erkenntnis
und Praktizierung dieses Prinzips von aller Unsicherheit.
Während so der kairös in den mystisch zu nennenden Auffassungen meistens als der alles entscheidende Hôhe-, Tief- oder Wendepunkt eines auf
Erfüllung hin ,konstruierten” Ablaufs gilt — wobei diese Vollendung auch
in ihrer vorlaufigen Abwesenheit, oder gerade ihretwegen, anwesend ist —
rückt in den ,profaneren” Auffassungen statt des Zeit-Punktes die Vorstellung von einem ausgedehnteren Zeitabschnitt in den Vordergrund; die Erkennbarkeit der richtigen Zeit wird hier eher skeptisch beurteilt, und nur wo
schon feste Zeiteinteilungen vorliegen, weicht der Eindruck eines unmotivierten
,Glückens"
dem
Kalkül
des
zu
erringenden
Erfolges.
Die
praktische
„Weisheit"?) in bezug auf den kairós fußt hier mehr auf empirischer Erfahrung als auf spekulativer Konstruktion. Da aber, wie schon gesagt, die Natur
Muster für alle geregelten Prozesse bleibt, kommt mit der zunehmenden
Naturerkenntnis auch ein Optimismus für den Fall des analog interpretierten
menschlichen Handelns auf. Es mußten erst radikale Zweifel an der menschlichen Erkenntnisfähigkeit überhaupt aufkommen, damit auch die Unerkennbarkeit des kairös zum Prinzip erhoben werden konnte; diese Infragestellung
der Meßbarkeit des Angemessenen geschieht durch die Sophisten, und ihre
Zweifel heben auch die Diskussion des Phänomens auf eine neue, ,philosophischere” Ebene.
Von der aus der pythagoreischen Gegensatzlehre entwickelten Überzeugung ausgehend, daß es über alle Phänomene zwei gleichwertige, aber entgegengesetzte Urteile gibt, kommt Protagoras zu dem Schluß, daß nur das
private oder Öffentliche Interesse des Augenblicks über die Wahrheit einer
der beiden Thesen entscheidet: Im richtigen Moment benutzt, können beide
je auf ihre Art die jeweils andere besiegen. Menschliche Weisheit besteht in
der Kenntnis der Zusammenhänge, die in einem bestimmten Moment zwischen
den Handelnden und der Umwelt sich bilden können; ihre Funktion ist die
Aufhebung des Streitcharakters der antithetischen Begriffe. Der kairös tritt
der Konvertibilität der für absolut geltenden Gesetze oder Haltungen entgegen, empfiehlt das jeweilige ,prépon” (reérov ) und macht so auch bei individuellen Fällen ein praxisbezogenes Urteil möglich*). Obwohl der wertende
Mensch bekanntlich „das Maß aller Dinge ist”, bestimmt der kairös über das
Wie der Wertung; sein Kriterium gilt absolut, er selbst aber ist schwer erWurzel reg, die sowohl zu „recken“
wie zu „rechnen“ und „richten“ gehört. Das passive
Entgegengetragenwerden bzw. Entgegenkommen betr. den kairös drücken die Präfixe der
lateinischen Termini (op- portunitas, oc- casio) gut aus.
48) Als téxuap
coging
definiert das Certamen Homeri et Hesiodi (ed. Wilamowitz p. 40) die
Kunst der Kairös-Erkenntnis.
49) Zum kairös-Thema bei den
Sophisten vgl.
M.
(Index).
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Untersteiner
Sophists“,
1954 Oxford
Page 13
View in PDF(opens in a new window)kennbar.
auf einer
methodisch
herausgearbeiteten,
265
professionell
ausgeübten Kenntnis ließe sich z. B. eine rhetorische Kairologie aufbauen*). Das
Prinzip solcher ,Situationsethik” — der profanen oder sákularisierten Entsprechung zur eschatologischen Interims-Ethik — spricht sich sehr deutlich in den
sog.
,Dialexeis“ mit, in denen nach protagoreischem Schema in Reden und
Gegenreden die Unmöglichkeit begrifflicher Klärung der maßgebenden Normen und das Gewicht des kairós dargetan wird®!); ähnliche Argumentationen
finden sich in dem ps.-platonischen Dialog „Über das Gerechte”, wo die protagoreische Relativierung der Rechtsbegriffe umgebogen ist ins Sokratische*?).
Platon, der von Pythagoreern die Problematik des Maß-Begriffs — nämlich
die Beziehung zwischen métron, péras und apeiron — übernimmt, faßt die
Ideale
des
Angemessenen
und
Gehörigen
unter dem Prinzip des MittelmaBes
(pétptov,
(pesótns)
xalprov,
TpÉérov,
déov
)
zusammen, das auch für die
aristotelische Ethik bindend bleiben wird. Die Philosophie, als metaphysisch
unterbaute Ethik der
,mesótes”, wird zur MeBkunst, die sich statt auf die
gegenseitige Messung der Extreme (d. h. des GroBen durch das Kleine) ganz
auf die Messung beider im Hinblick auf das „Entstehen des Angemessenen“®)
gründet. Im Streit um die beste Lebensführung, der im ,Philebos” ausgetragen
wird, erscheint die rechte Mischung oder Proportion von Vergnügen (hedoné)
und Erkenntnis als das Ideal; allerdings setzt seine Erreichung die Kenntnis
des rechten Maßes (der Mischung) voraus, welche wiederum ohne Kenntnis
des Maßhaften
(= Schönen), Rechten
(= Guten)
und Richtigen
(= Wahren)
unmöglich ist. Da nun die philosophische Erkenntnis nicht nur Teil der idealen
Mischung ist, sondern schon für sich strukturell eine Mischung des Begrenzenden (Messenden) und Unbegrenzten (Maßlosen) darstellt, ist sie dem Ideal
jedenfalls
näher
als
das
Vergnügen.
Sie
bestimmt
nicht
nur
das
Unbestimmte — z. B. das Maß oder Unmaß von Lust — durch Feststellung einer
Grenze, eines MaBes als Bestimmungsgrund, sondern ist außerdem, als „erotischer“ Impuls, Ursache von Bestimmung, Begrenzung, Messung überhaupt.
In
diesem
Zusammenhang
kommt
Piaton
zur
Aufstellung
der
bekannten
Hierarchie der , Werte“*‘), in welcher an erster Stelle das dem Einen entsprechende ,métrion” und „Kairion“ figuriert, an zweiter Stelle die davon abzuleitenden
Begriffe
des
,symmetron”,
,téleon”
und
,hikanón.
Da
diese
beiden Reihen nach. Meinung der Interpreten zusammengenommen werden
50) Der kairös gibt dem Redner das rechte Wort ein, bestimmt Wert und Form der Rede. Die
Diskussion über die Erkennbarkeit des kairös zieht sich durch die ganze antike Rhetorik;
Gorgias gilt als der Erfinder einer téchne des kairös
scheinlichkeit
272 a;
(doxa),
nicht
Aristoteles Rhet,
1361 a 32,
dörfer Die philosophia des
ophrastos“
51) Dial. I, 1, 8
auf Wissenschaft
(vgl. DK fr.
(episteme)
gründet
1408b, Top. I, 15 — 107,
Isokrates”,
Bonn
1940 und
O.
13)
(vgl.
die sich auf Wahr-
Platon,
,Phaidros
18). Zum Thema vgl. H. Wers-
Regenbcgen RE-Artikel
„The-
(Suppl. VII 1940).
oùdëv Av raven xadbdv odd’ aloxoóv, aAAd tat’ Emxotnoes Aaßav 6
xatpôdc, alcavà
Hal Sadázac xadd.
52 Su De iusto 374 c/d &uol uèv totvuv Soxai tv uèv TG Séott «al ra xao Exacta TEUTWY YLYVOUEXP
Sixaca elvar, Ev SÈ tq ur dEovrı &ôtxa.
53)
„Politikos“ 284 e;
(vgl. auch 375 b).
vgl. zum Thema H. G. Gadamer „Platos dialektische Ethik“, Leipzig 1931;
W. Szilasi ,Macht und Ohnmacht des Geistes“, Bern 1954;
H. J. Krämer ,Areté bei Platon und Aristoteles”, Heidelberg 1959.
54)
,Philebos* 24 a
— d (vgl. 25 e).
Page 14
View in PDF(opens in a new window)kônnen — eben unter dem Begriff des méson — haben wir in diesem Begriffsfeld die Quintessenz der griechischen Maß-Ethik vor uns‘). Es mag rätselhaft
erscheinen, daß hier das ,Redtzeitige” — so übersetzt jedenfalls Schleiermacher — fast wie bei den Sophisten Prinzip von Erkennen und Handeln sein
soll, m. a. W. daß hier ein so von Zeitlichkeit infizierter Begriff im Bereich
des Zeitlosen auftaucht**’); aber natürlich ist der Inbegriff des Rechtzeitigen
nicht selbst etwas Zeitliches, und Platon hat hier nicht den empirischen Gehalt
irgendeines richtigen Augenblickes, sondern das die Richtigkeit der richtigen
Augenblicke erst ermöglichende Richtige selbst vor Augen; dies allerdings ist,
qua Prinzip der Erkenntnis, ebenso unerkennbar, wie das Maß allen Messens
selbst unmeßbar bleibt. Hier muß erinnert werden an alles, was Platon über
den Unterschied zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und überwissenschaftlicher Schau geäußert hat: Das Erste ist nie Objekt der Erkenntnis, es wird in
der ekstatischen Erfahrung (mania) mystischer Einung erlebt und nur indirekt
als das alle Erkenntnis Zurückstoßende gewußt. Solches Erleben des Einen ist
zeitlos, es geschieht in einem jener Umschläge (petafodal) der Zeit, die sich
durch ihre Plötzlichkeit auszeichnen; dieses „Plötzlich“ (2&atpvng), von dem
Platon im zweiten Teil des ,Parmenides” spricht?”), ist der mystische Augenblick,
in welchem
Sein und Nichtsein zeitlos
mathematische Jetzt
(vöv)
ineinander umschlagen;
das
mit seiner Punktualität ist der symbolisch entsprechende Aus-druck des mystischen „Plötzlich“, nur daß seiner qualitativen
Leere dessen Fülle gegenübersteht, in der alles auf einmal (¿qáral) und für
immer geschieht. Von dieser Fülle leiht jeder menschliche kairös sich seine
blitzartig einschlagende, Glanz verbreitende Vollendungsqualität. Hier deutet
sich an, daß nur auf dem Umweg über dieses ein-malige und einshafte „Plötzlich” die problematische Verbindung des physikalischen und ethischen Jetzt
angemessen begriffen werden kann; dies dem „überseienden“ Einen entsprechende Prinzip aller Zeitlichkeit und Zeitigkeit bedeutet für den, der es erlebt, den alles entscheidenden, unwiderruflichen kairös seiner Existenz, und
55) Gerade im ,Philebos”
nähert sich Platon der aristotelishen Weltanschauung insofern an,
als er das Ideal der Weltüberwindung sichtlich aufgibt und, entsprechend dem Maßkriterium
des Eingefügtseins ins Ganze, das Sicheinrichten in der Welt an seine Stelle setzt. Aristoteles seinerseits nähert sich Platon genau dort wieder an, wo er über das Maß (das Eine) zu
sprechen sich anschickt, nämlich im 10. Buch der „Metaphysik“. Vgl. zur Ethik des Mittelmaßes die Einleitung Dirlmeiers zu seiner Übersetzung und Kommentierung der AkademieAusgabe der ,Nikomachischen Ethik”.
56) Ein weiteres, hier nicht zu erörterndes Problem besteht darin, daß nicht klar wird, wie sich
das mit dem Unbestimmten zu mischende Bestimmte von dem Ergebnis der Mischung, das
ja
auch
etwas
„peras“
,Bestimmtes”
sein
muß,
(Bestimmendes, Bestimmtheit)
perasménon”
unterscheiden
bezeichnet wird
soll.
Selbst
wenn
das
Erstere
(gegenüber dem Letzteren als
als
„pe-
[Bestimmtes]), ist zu vermuten, daß jedes ,péras” auch ein ,peperasménon"*
ist, wie ja auch die von der philosophischen Erkenntnis angestrebte „Bestimmtheit” sowohl
Ziel als auch Voraussetzung
(qua Bestimmung)
scheinlich ist hier die
ontische
(Seinscharaktere
sicht zu
Gadamer
op.
(Phys.
trennen
(vgl.
IV 10— 14)
cit.
p.
der Mischung (= Bestimmung)
betreffende)
170).
In
der
von der
ist. Wahrontologischen Hinaristotelishen
Zeit-Abhandlung
wird sich die gleiche Problematik in der Konstellation Messendes —
Maß — Gemessenes wiederholen.
57)
„Parmenides“ 156 e. Von hier hat Kierkegaard seinen Begriff des „Augenblicks” abgeleitet,
fälschlicherweise,
wie
M.
Theunissen
(Artikel
,Augenblick”
Philosophie, ed. Ritter, Bd. I, 1971 p. 648) behauptet.
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im
Histor.
Wörterbuch
Page 15
View in PDF(opens in a new window)von der unzeitlichen, transzendentalen Rechtzeitigkeit — alles ist auf einmal
und fur immer begriffen und entschieden — haben alle empirisch erfahrbaren
Hohepunkte der Zeit ihren Kulminationscharakter und ihre wôrtlich einzigartige Wirkung, die den Moment (quantitativ) und das Moment (qualitativ) zu
paradoxer Einheit bringen*).
Im vierten Kapitel des ersten Buches der ,Nikomachischen Ethik"5) definiert Aristoteles den kairös®®) als das Gute in der Kategorie der Zeit, wobei
eben das Gute hier nicht der platonischen „Idee der Ideen” entspricht, deren
Kritik ja in eben diesem Kapitel vorgetragen wird, sondern das jeweils Gute,
Nützliche®!), Taugliche im Sinne des „gut zu...“ oder „gut fiir..." Da nun jede
Handlung (präxis) auf ein Gutes (ihr Gutes) zielt, das auch ihr telos, ihr sie
vollendendes Ende und, in der bei Aristoteles üblichen techne-Analogie, ihr
„Werk“ (ergon) bedeutet, ergänzt sich der Aspekt des Tauglichen und Geeigneten (an der Zeit) durch den des Vollendenden und Erfüllenden. Da weiterhin nach Aristoteles’ Ansicht das telos durchaus nicht nur am zeitlichen Ende
der präxis (oder kinesis, da präxis und poiesis Sonderfälle der kinesis sind)
stehen muß, sondern auch als ihre Mitte (akme zwischen genesis bzw. aüxesis
und phtisis bzw. phtorä, besonders bei Naturvorgängen®?) d. h. als Anfang
und Ende vermittelnder Höhepunkt und Maß der Bewertung gesehen werden
kann, haben wir hier wieder die schon bemerkte Doppelperspektive des kairos: einmal ist er die alles gut machende, voll-endende Zeit (finitiv), sodann
(und oft zugleich) der zu etwas gute, geeignete Moment (inzeptiv); und zwar
ist der als Ausgangspunkt einer wahrsceinlich glückenden Aktion angesehene kairös, auf Grund seiner ausgezeichneten zeitlichen Position im Gesamtablauf der Handlung, an der Hervorbingung des ,agathon” oder ,télos”
derselben so mitbeteiligt, daß in ihm der Möglichkeit nach schon anwesend
ist, was dann aktual verwirklicht wird. Voraussetzung solcher teleologischer
Perspektiven ist die griechische Ganzheitsvorstellung in bezug auf die Ord58) Vgl. die Definition des kairós in ps. plat. Definitiones (Horoi) 414 a 6:
tò
ovugepov
dyadov
mit den sie ergänzenden Definitionen von evxatpla
414e 9,
œpéAtuos
414e6,
oúupepov
414e7,
túxn
xpóvov
413 c 12,
&xuà
uérpov
mode
415 a 6,
411b11 vgl. H. G. Ingenkamp „Unters. zu den ps. plat. Definitiones“, Wiesbaden 1967.
59) Zum Verständnis der Nik. Ethik, besonders der Passagen über den kairös, habe ich außer
den Kommentaren von Dirlmeier, Joachim und Moreaux folgende Bücher herangezogen, in
denen weitere Hinweise zu finden sind:
H. Weiss: Kausalität und Zufall in der Philosophie des Aristoteles, Basel 1942.
K. Ulmer: Wahrheit, Kunst und Natur bei Aristoteles, Tübingen 1954.
H. v. Kracht: Ansätze zu einer situationsethischen Betrachtungsweise in der Nik. Ethik des
Aristoteles, Diss. Köln 1961.
P. Aubenque: La prudence chez Aristote, Paris 1963.
T. Ando: Aristotle’s theory of practical cognition, Den Haag 1958.
P. M. Schuhl: Le dominateur et les possibles, Paris 1960.
J.D. Monan: Moral knowledge and its methodology in Aristotle, Oxford 1968.
Vgl. auch A. R. White (ed.): The philisophy of action, Oxford 1968.
60) Außer an den hier ausdrücklich erwähnten Stellen benutzt Aristoteles ,kairós” sehr oft in
der
allgemeineren,
später
geläufigeren
Bedeutung
von
„Gelegenheit“,
„Situation“,
„Umstande“; seltener auch als „springender Punkt“, „Pointe“ vgl. Bonitz, Lexicon Aristotelicum
(wie auch Ast, Lexicon Platonicum).
61) Zur
agathôn-Problematik vgl.
die
Kontroverse
zw.
H.
A.
Prichard und J.
J. M. E. Moravcsik (ed.) Aristotle, London 1968 p. 241 — 269.
62) Vgl. „De anima“ 532 b 24 und Rhet. 1361 b 11. Zu ,akmé" siehe Bonitz, Lex. Ar.
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Austin
Page 16
View in PDF(opens in a new window)nung von Geschehen und Handeln: Jeder Art von Prozeß (kinesis) ist vom
„proton kinoun“ (npörov xıvöuvv) her eine Tendenz auf Einordnung und Zuordnung mitgegeben, die auch im Menschen naturhaft arbeitet als das instinktive Aufspüren von Sinnvollem,
Seinsangemessenem,
Grundveranlagung
sich
differenziert
nur
im
Wie
Gestalthaftem;
der
Praxis
(im
diese
ej
des
TPATTELV ), und der Grad von Selbstverwirklichung, die jemand anstrebt, zeigt
sich darin, wie man die zur Naturordnung gehörenden Grundgesetze zu erkennen und anzuerkennen vermag, um von ihnen her Situationen erfassen,
einschätzen und beherrschen zu können, die die Möglichkeitsgrundlage der
Verwirklichungen bilden; denn da der Gott des Aristoteles nicht willentlich
handelt, können épog und repag der Aktion nicht vom wesenhaften Sein abgeleitet werden; das inhaltsleere „Gute“ ist durch ein Feld möglicher Verhaltensweisen bestimmt,
die
wiederum
durch
die
jeweilige
Situation
ihre
charakteristischen Züge erhalten. Es hängt vom Weitblick des Handelnden
ab, wieviel Wahrheit er dem Einzelfall verschaffen kann, d. h. wieweit er ihn
als Repräsentant von Situationstypen erkennt; denn zu der erwähnten Ganzheitsvorstellung gehört,
daß
die
Situationen als
untereinander zusammenhängend gedacht werden und deshalb als Aufforderung zum Sich-einfühlen
in das erspürte Sinnganze gelten können. In jeder der vor eine Entscheidung
stellenden Situationen begegnen sich verschieden abgezweckte Abläufe und
Tendenzen, und sie kann sowohl das beglückende Ende, als auch die gipfelnde
Mitte oder der schon alles entscheidende Anfang einer Handlung sein. Als
Regel gilt hier, daß alles für uns Wertvolle durch ein Zuviel oder Zuwenig
gefährdet werden kann, was auch die Wahl des rechten Augenblicks betrifft;
da der Handelnde aber in Fragen der Praxis mit einem festen System von
Regeln und Vorschriften nicht rechnen kann, ist er auf sich gestellt und muß
sich nach den Erfordernissen des Augenblicks richten*3). Wirft man z. B. noch
zur rechten Zeit Waren über Bord, um Schiffbruch zu vermeiden, so wird diese
an sich sinnwidrige Handlung durch die Rechtzeitigkeit des Eingreifens zur
sinnvollen Aktion). Die immer neue Gegenwart fordert so Entscheidungen, die
von keiner Ethik vorausgesehen werden können; im Gegenteil müssen evtl.
aufgestellte Regeln rechten Verhaltens möglichst flexibel gehalten werden. So
ist es nicht zu verwundern, daß Aristoteles zwar von einer Wissenschaft des
kairös spricht‘), aber sogleich hinzufügt, daß das Gute in der Kategorie der
Zeit von den verschiedenen Einzelwissenschaften je verschieden bestimmt
wird; durch solche Fragmentierung verlierteine wenn auch nur hypothetisch angesetzte Kairologie viel von ihrem Wissenschaftscharakter (4xpífPera). Allerdings gibt es Grundhaltungen, aus denen der Mensch sich erst als Ganzheit
aufbaut,
und
ihre
Formulierung
könnte,
jenseits
des
,opportunistishen”
Atomismus, ein Wissen begründen, das sich auf das Notwendige im Kontingenten®®) bezieht, eben das praktische Wissen. Zu diesem gehört u. a. daß
63) Nik. Ethik 1104 a9
—
12.
64) Nik. Ethik 1110 a 13; über die Freiwilligkeit oder Unfreiwilligkeit von präxis.
65) Nik. Ethik 1096 a 32.
66) Neben dem schlechthin Notwendigen, das immer ist, wie es ist, gibt es bei Aristoteles das
aus Voraussetzung Notwendige, das
den Grund seiner Notwendigkeit nicht in sich selbst
hat und bei dem das Nötigende selbst nicht auf Notwendigkeit beruht (z. B. muß ein Embryo nicht ein Mensch werden). Von diesen Phänomenen des bedingt Notwendigen gibt es
Page 17
View in PDF(opens in a new window)Umstände
miteinkalkuliert,
da
ja
die
269
absolute
Feststellbarkeit
richtiger oder verfehlter Handlungen sowieso unmöglich ist und eher von
der Technik und Taktik der gegenseitigen Anpassung von Mitteln und Zielen
im Hinblick auf das momentan Gute abhängt; das im Augenblick Bestmögliche,
nicht das absolut Gute soll ja realisiert werden. Es scheint daher, daß das Gelingen oder Mißlingen solcher Taktik nicht moralisch, sondern eher technisch
oder ästhetisch bewertet werden muß.
Da Aristoteles behauptet, die praktische Einsicht (phrönesis) habe es nur
mit Phänomenen zu tun, die „auch anders sein kónnen”*”), muß er die Zeitlichkeit und Zeitigkeit der Handlung miteinbeziehen in die Bestimmung menschlichen Glücks (eudaimonia). Etwas zu früh oder zu spät tun bedeutet nicht nur
den
rechten
Augenblick
verfehlen®),
sondern
eine
derart
mißglückende
Handlung ist überhaupt keine Handlung, die zählt, denn jede präxis zielt von
sich aus auf Erfolg (eupragia), und es ist ein Zeichen von Tüchtigkeit (arete),
wenn man beim Handeln darauf achtet, wo, wann, und mit wem man etwas
tut®). Da das Ziel der Handlungen unter Umständen vom Augenblick bestimmt wird, muß man dessen Hauptmerkmale überblicken können und die
Zeit der Ausführung der Lage der Dinge gemäß bestimmen können. Das ist
nicht jedermanns
Sache,
sondern Anzeichen hoher Persönlichkeit; nur der
„phrönimos” (ppöviınog), der zu handeln weiß, „wie es sich gehört” (w¢ dei)
wählt den
richtigen
Zeitpunkt der bestmöglichen Handlungsweise”);
dazu
gehört auch, daß z. B. vitale Dränge dem Logos des vernünftigen Handelns
unterworfen sind, daß neben dem unmittelbaren Erleben (aisthesis) der Einzeltatsachen
(hékasta)
ihr Wertaspekt
herausgefunden,
die
Situationsmaterie
gestaltet wird. Kurz, die areté des Handelnden, ontologisch eine ,mesótes”
und axiologisch eine
(Ausmittelns)
,akrótes”, besteht in der Fähigkeit des Ver-mittelns
von situativen Möglichkeiten, welches Extremtendenzen vermeidet und dadurch die Handlung
,richtig"
praktikés" oder „dianoia praktiké" ist
die
beste,
auf
das
macht: phrönesis”!), als
„logos
hier eine ,héxis” (#65), und zwar
Einkalkulieren {( Aoyıopös, BobAevorg) der
Umstände
ein relativ sicheres Wissen, das sich auf bestimmte beständige Bedingungen des Seins, wie
z. B. die
y&veoıs —» pdopá
- Struktur des Werdens, gründen kann. Es handelt sich um den
Bereich dessen, das „meistens“ (ws Ertl 7ó rodó) so geschieht, wie es geschieht.
67)
1197 b 8, 1140 b 27
68)
1106 b 35
69) 1104 a 8, 1106
b 21, 1109 a 28
70) Es ist typisch für Aristoteles, daB er der erkenntnistheoretischen Bestimmung des
noch eine empirische Beschreibung des sie inkarnierenden Menscientyps
Ppdvnatc
(œoéviuoc)
hinzufügt; dieser soll nämlich nicht nur erst die Normen des Handelns bestimmen, sondern er
ist die Norm selbst, aber nicht weil sich in seiner Seele eine transzendente Welt abspiegeit,
sondern weil in inm das ernstliche Bestreben (orovdatoc )
zur ,Bestheit” am stärksten
ist, weil er Meister ist in der Erkenntnis des jeweils für uns Wichtigen. Diese Meisterschaft
verdankt er seiner Naturanlage (ebpula ) und einer in langer Erfahrung erworbenen Vertrautheit mit den Umständen (ouv - deta ).
Gesundheit und soziale Anerkennung sind
Mitbedingung seiner Meisterschaft.
71) Es ist aufgefallen, daß die œpévrois, die in den Ethiken gegen téxvy
und
ÉTIOTUAN
abgegrenzt wird, in der „Physik“ und „Metaphysik“ als Wissen (Yvóots ) oder Wissenschaft
ETLOTAUN )
vom Unveränderlichen aufgetaucht; es scheint sich um später aufgegebene Aniehnungen an Platons
peévynats - Begriff zu handeln, der den vorsokratischen
(und später aristoteliscien} Wortgebrauc aufgehoben hatte.
Page 18
View in PDF(opens in a new window)spezialisierte Haltung”?), und sie macht eine Handlung richtig oder „wahr”
( dp%6¢ Adyog; dindevew ), indem sie die Mittel für das instinktiv
( dpegte)
gewuBte Ziel bestimmt. In diesem Sinne gibt das rechte Wie (€) der Handlung, als Bedingung geglückter Existenz ( edxpakia = edruxía = evdarpovia)
dem Handelnden Rang.
Der kairös als Inbegriff der umweltlichen Momente einer Situation wird
somit durch ein suchendes Abzielen auf die Mitte zwischen „zu früh” und
„Zu spät” getroffen ( éxitvyxavw ); diese Mitte ist das Ziel (
xéxoç) im Sinne
des gut scheinenden Moments ( @yaddv parvéuevev
), wobei der subjektive
Faktor ( npös Hpac) der Zielsicht der für das gelingende Treffen
(edoto x)
entscheidende ist. Im Gegensatz zur abzielenden Sichtung dieser Zielmitte ist
die Zielbestimmung vom Bezug zum objektiven (4x6 tóv npäynatos) Guten
(ayatev &Andés) abhängig, m. a. W. der 6p%6¢ oxéxos
töyn
ist der Macht der
mehr ausgeliefert als der öp%ög Aöyog, der besagte Mitte erst explizit
als Mittleres zwischen Extremen feststellt, während die im Sichten und Zielen
wirkende
6pe&¢
uns zwar immer schon auf diese Mitte hin ausrichtet
( Speke ¿ed ), aber nicht die Abmessung des Angemessenen selbst vornimmt.
Das naturhaft auf das Rechte gerichtete Handeln wird gesteuert von einer
aus der Erfahrung kommenden und sich zugleich auf ein fehlerfreies Kalkulieren stützenden Treffsicherheit (4petyotoxacriny Tod pécov).
Die Rolle des Zufalls oder des Glücks ist in diesem Zusammenhang zwielichtig; einerseits verweist Aristoteles hier im traditionellen Sinne auf die
Gunst der Götter”?), andererseits hält er ,tyche“ für einen bloßen Namen
unserer Ignoranz (betr. die Ursache von Geschehen oder Handlung), so daß
hier anstatt von einer dämonischen”*) Macht, vom unbekannten Resultat einer
Reihe von Tatsachen und unbeabsichtigten ,Zwecken” geredet werden kann.
Allgemein gehört Tyche als Begleitursache zu den Phänomenen, die unbe-
72) Die
(
BobAevatç
BotAnots
betrifft
die
uns
möglichen
Mittel
zur
Erreichung
eines
vom
Willen
) gesetzten Zieles; es handelt sich um ein aussuchendes Überlegen, das sich
am antizipierten Ziel orientiert und daher weder Wissenschaft noch pure Divination ist, sondern die Willensentscheidung zur Zukunft als unserer ermöglicht; ein approximatives Wissen, das, ethisch neutral, von der guten Absicht (
eúfovAla
) geleitet, zur
rpoalpeaız
führt, die einem der vielen möglichen Mittel den endgültigen Vorzug gibt, d. h. Richtigkeit
zuspricht (xardpaarc).
73) Vgl. Weiss op. cit., die den definitorischen Unterschied zwischen túxn
: altla xarà ouußeßnx66 ev toîc xatà rpoalpeotv und adbtépatov: artia xatà ouußeßnxödc Ev tote xat& pÜatv betont.
74) Vgl. die ps. platonische Definition von
evxatola: xpdvou enlteufic - - -
TÔXN: h Ex tod avroudtov altla Saruovías redes (411 b 11).
in Anal.
Pr.
I
36
(48b 35)
zu denken,
Hier
wäre
die
Passage
wo Aristoteles den kairös zu theös
in Bezug
setzt, indem er verneint, daß der kairös die „gehörige Zeit” ( xpévoc
für
Gott
ein
kairös
existiere,
nicht
(413 c 12) und
aber
im
Sinne
des
zu
an
Séwv) sei, weil zwar
etwas
geeigneten
Augenblicks; denn bei Gott spielt Nützlichkeit keine Rolle. Der hier nur angedeutete religiöse
kairös-Begriff — als
bei
Aristoteles
Zeit der entscheidenden Intervention Gottes — taucht sonst nicht
auf und könnte
an
der zitierten
Stelle
auch
nur
hypothetish
gemeint
sein. Dennoch behält auch der profane kairös den Beigeschmack des Fatalen oder Dämonischen; hinterläßt er doch oft den Eindruck, als zögere in ihm der Lauf der Zeit, als entstünde
eine Lücke, in der alles möglich ist, ohne in unserer Hand zu sein. Der dabei auftretende
eventuell-zerstörerische Aspekt solcher Momente wird wettgemacht dadurch, daß ein solcher
kairés sich wiederholen kann und dann als oûvepyoc «¿yadóc (Nik. Ethik 1098 b 24) wirken
kann; (während nach frühcristlicher Auffassung der zeitunterbrechende kairös einmalig ist
— vgl. Matth. XXV 1 — 3, XIV 45; Mark XIII 33).
Page 19
View in PDF(opens in a new window)stimmt
bleiben
(dreıpa)
und
als
bloß
,dazugekoramen”
gelten, weswegen es von ihnen
keine
Tyche (und mit ihr die
und jede Art von
edtvxfe
271
dewpla
geben kann.
(ovpBefnxós
)
Obwohl
also
ettltev§t¢) nichts Selbstständiges darstellt, ,lenkt” sie in gewisser Weise z. B. die Vorgänge, denen
ein bestimmtes
,Umwillen”
(4x6 tot abtopatov)
( BodAnorg)
(&vex&
tov)
abgeht,
zu ihrer Bestimmung hin
nicht zur Entscheidung
(
sozusagen
„von
selbst”
(wenn z. B. von der Absicht
rpoalpesıs
)
fortgeschritten wird und
doch das gewünschte Ergebnis noch eintritt).
Das Tyche-Element im Treffen des kairös verweist so auf ein uneigentlich
Seiendes”*), das zwar einem der vielen Sinne von „Sein“ entspricht, aber
nichts
notwendig
Begründetes,
Wahrsceinlichkeit basiert,
kommt; in der
edruyfa
Selbst-Ständiges
darstellt
und
so
nur
auf
der man nur mit Statistik und Stochastik beibzw.
8votvyfa
beim Treffen des kairös spielt so
eine schicksalshafte”®) Macht mit, und zwar notorisch””), von der aber gerade
die Quintessenz der
eddatpovfa 78) abzuhängen scheint, nämlich das Erreichen
des Lust- oder Triumphgefühls beim Gelingen oder Glücken.
Dies uns über uns hinaushebende, oft unvorhergesehene, plötzlich”®) eintretende Glücksgefühl scheint mit dem Erlebnis der Zeitlosigkeit verbunden
zu sein; so jedenfalls sieht es Aristoteles am Ende der „Nik. Ethik” anläßlich
seiner Diskussion des hedoné-Begriffs8°): Das Typische solcher Erfúllungsmomente ist nämlich, daß das Glücksgefühl in jeder Sekunde der glückhaften
Erfahrung vollständig da ist, d. h. daß das Erfüllende an der Erfüllung nicht:
davon abhängt, ob sie länger oder kürzer dauert; es läßt keinen Raum für
Zu- oder Abnehmen, für kinesis also, und da diese immer un-voll-ständig ist
und mit Zeit (als ihrer ,Zahl“) verbunden wird, muß Glück (Freude, Lust) als
unteilbar, unentstehbar, außerzeitlich angesehen werden. Mit solchen Überlegungen zur Unzeitlichkeit eines ausgezeichneten Jetzt, das zugleich Gipfel
aller zeitlichen Anstrengung ist, treten wir in bereits in die ,physikalische”
und metaphysische Betrachtung des kairös ein; denn wenn dieser auch in der
Bedeutung „günstige Zeit” mehr als nur den Zeitpunkt meinen kann, so spitzt
sich doch ohne Zweifel das Günstige eines Zeitabschnitts schließlich auf ein
entscheidendes Jetzt zu, in dem die blitzhafte Vorentscheidung über das
Glücken fällt. Es scheint daher legitim, bei der ontologischen Betrachtung
des kairós, der damit zunächst nur als infinitesimales ,nyn” diskutiert wird,
seine von der jeweiligen Betrachterperspektive abhängigen Aspekte (finitiv, inzeptiv, axial, funktional, faktisch etc.) beiseitezulassen. Die Frage ist
75) Met. V 30 wird das ovußeßnxös
als eine der formalen Kategorien des Seins erwähnt,
Met. VI 2 nennt das cvuBeBnxéc ein zur Vierfachheit des Sinns von Sein gehöriges Phánomen (vgl. die drei Definitionen 1025 a 14, 23, 29). Ubrigens hat die lat. Ubersetzung von
,accidens" — zur deutschen Gleichsetzung mit ,zu-fàllig* geführt, wo—
ouußeßnxösc
durch toxn
und
ovufefinxés
ununterscheidbar wurden; den Zu(sammen)fall von Nichtzusammengehörigen nennt Aristoteles
cup - TT@UA.
76) Vgl. die Definition Phys. 197 b 3: dváyxn mepl ta mpaxtà (rôxn) (vgl. Kon-tingenz).
77) Es gibt bei Aristoteles das notwendig immer Mitvorhandene, die oùola als ürdpxov Mitkonstituierende.
78) evtuxta
und
eúdatuovia
sind nicht identisch, aber zugehörig. Vgl. Nik. Ethik 1099 b 6,
1101 a 7, 1100 b 7, 1105 a 5, 1153 b 21.
79) Vgl. Eud. Ethik 1111 b 29: tà t&alpyvne où xatà mooalpeaiy, dd EEıv
80) Vgl. Nik. Ethik 1174b 5 und dazu den Kommentar von Joachim p. 277 ss.
Page 20
View in PDF(opens in a new window)jetzt also, ob sich von der „physikalischen“ Seite dieses Begriffes her, der ja
auf der „ethischen“ Seite nicht bis ins Letzte klärbar ist, Anzeichen größerer
Erkennbarkeit
anzeigen
lassen,
die
dem
Gesamtphänomen
mehr
Kontur
gäben. Dabei soll das eben erwähnte Phänomen der unzeitlichen Zeitigkeit
eines Jetzt im Auge behalten werden?!).
Gleich zu Anfang seiner Abhandlung®?) erwähnt Aristoteles eine Aporie,
die dann immer wieder auftaucht, nämlich die Frage nach der Identität oder
Differenz der Jetzte8?); eine solche Fragestellung zeigt sogleich, daß im
Grunde von den Ausagen über das Jetzt, nicht von seiner „Natur“ die Rede
ist, da nur dem kategorisierenden Vergleichen die Jetzte als einander gleich
oder ungleich gelten können. Zugleich ist damit aber indirekt auch zugestanden, daß das Jetzt trotz seiner angeblichen Dauerlosigkeit, ja Nicht-Existenz
für erkennbar gilt. Da es nun ein Jetzt-sein nicht an sich, sondern nur an
Dingen gibt, wird deren Identität oder Differenz auf das Jetzt abfärben, so
farblos man es sich auch vorstellen mag; tatsächlich bezieht Aristoteles das
Jetzt inhaltlich auf einen Träger®®) besser: auf einen immer anderen Träger
als Substrat der Bewegung, und durch die Verschiedenheit der Träger erhält
jedes Jetzt einen anderen Erlebnisinhalt; einerseits gibt dieses Substrat also
dem Prozeß in allen seinen Punkten Einheit und identischen Zusammenhang
— es ist ja der Prozeß desselben Trägers — während andererseits die „Stelle“,
die dieses Jetzt in der Zeitreihe einnimmt, gerade die Verschiedenheit der
Jetzte begründet. Weiterhin gleichen sich alle Jetzte in ihrer Qualität der
Augenblicklichkeit (Jetztheit), während sie sich darin unterscheiden, daß nur
eines von ihnen je erlebt wird, d. h. aktual existiert, während die anderen
nur in der Vorstellung existieren, potentiell sind (imaginiertes Jetzt); nur
in ihr gibt es also das Jetzt in der Mehrzahl, das durch Erfahrung subsistierende Jetzt. Der erwähnte Unterschied zwischen aktualer und imaginierter
Zeit wird meistens dadurch verwischt, daß die Zeit verräumlicht als Linie
vorgestellt wird, bei der alle
„Teile“
immer aktual koexistieren, während
in Wirklichkeit gerade die Sukzession, also die laufende Existenzaufgabe das
Faktum ist. Von diesem wohl unvermeidlichen Dilemma rührt es auch her,
daß wir uns die Zeit als ununterbrochenes Kontinuum vorstellen möchten, was
aber eben die potentiell unendliche Teilbarkeit der Linie in überbrückende,
potentiale
Jetzte
voraussetzt;
die
Realität der Zeit hängt
aber nicht von
diesen, sondern von der aktualen Dauer, der überpunktuellen Ausgedehntheit ihrer Teile ab; dabei ist noch garnicht miteinbezogen, daß ein Jetzt soviel
Vergangenheit und Zukunft in sich hineinziehen kann, daß ein ganzes Leben
81) Die Ewigkeit als Maß des Glücks erwähnt auch Plotin Enneaden I, 5, 20. Bei den Stoikern
gibt der kairös höchstens einen Vorgeschmack der Ewigkeit, insofern als er maß-gebend
wirkt,
als Gelegenheit zur moralischen Initiative sein eignes Maß
halb zeitunabhängig wirkt. Vgl.
dazu V.
Goldschmidt
(modus)
„Le systeme stoicien
hat und deset l'idée du
temps”, Paris *), 1969.
82) Phys. IV 10
— 14. Vgl. außer dem Kommentar von H. Wagner (Akademie-Ausgabe)
:
P. F. Conen: Die Zeittheorie des Aristoteles, Miinchen 1964 (Zetemata 35).
J. Moreau: L’espace el le temps selon Aristote, Padua 1965.
G. Eigler: Metaphysische Voraussetzungen in Husserls Zeitanalysen, Meisenheim 1961.
83) 218 a 10, 219 b 12 et. al.
84) Bekanntlich zieht Aristoteles zur Klärung des Verhältnisses Zeit-Jetzt die Analogie Bewegung — Bewegtes und Größe-Punkt heran: 219 a 1 — 220 a 27.
Page 21
View in PDF(opens in a new window)in ihm konzentriert scheint. Doch sollen diese das totalisierende Erleben des
Augenblicks betreffenden Vorstellungsschwierigkeiten hier beiseite bleiben®).
Eine
weitere
Differenzierung
im
Jetztpunkt-Begriff
kommt
dadurch
zustande, daß das Jetzt zugleich als End- und Anfangspunkt, also als trennender
Mittelpunkt zwischen Vergangenem und Zuktnftigem vorgestellt wird, der
aber gerade durch die Absetzung der kontraren Abschnitte gegeneinander
sie miteinander vermittelt und eint°®). Wie die Eins einerseits die kontinuierlich ins Unendliche laufende Zahlenreihe erst dadurch begründet, daß sie in
jeder Zahl anwesend ist (als das x-fache ihrer selbst), und andererseits als
je neue, um Eins vermehrte Einheit die Kontinuität der Zahlenreihe aufhebt,
figuriert auch das Jetzt als Zeit erzeugende und Zeit erkennbar machende
Instanz: Zeit entsteht, sagt Aristoteles®”), wenn wir in einen Prozeß Schnitte
legen und zuvor- und danachliegende Prozeßphasen voneinander unterscheiden und das zwischen den Einschnitten Liegende als Maßmitte setzen, wodurch
die eine der Phasen als früher, die andere als später erscheint. Daß Zeit als
das Zahlmoment an der Bewegung definiert wird®®)
verdankt man nämlich
dem Jetztpunkt, von dem her die Bewegung sich in eine Anzahl von Phasen
aufgliedert. Von dieser Vorstellung her dürfte es nicht mehr unmöglich sein,
daß man sich ein Jetzt als prozeßbegründend vorstellt, wie es der kairös
eventuell tut. Rein formal gesehen, liegt also gerade in der Punkt- und Einshaftigkeit des Jetzt der Grund für die mögliche Erkenntnis der Ganzheit
eines Ablaufs, von der her wieder rückwirkend ein Jetzt als identisch mit,
oder verschieden von anderen Jetzten erkannt werden kann.
Das Jetzt, das ausdrücklich mit dem Einen (oder der Eins) als Unteilbarem
in Analogie gesetzt wird?°), verhält sich zur Zeit, die als unendlich gilt, wie
das Maß zum Maßlosen. Tatsächlich hat Aristoteles bei der Analyse des
Einen®)
die pythagoráisch-platonishe Gleichsetzung von
hEerpov
übernommen. Da nun die kinesis, zu der die Zeit als ihre Zahl gehört
&v (póvag) und
und auf die Aristoteles anläßlich des Verhältnisses Eines-Vieles zu sprechen
kommt, mit praxis gleichgesetzt werden darf?!), könnte man bezüglich der
Zeitlichkeit der Aktion zu dem Schluß kommen, das sich das für den Hand85) Vgl. dazu H. Conrad-Martius: Die Zeit, München 1954.
F. Kümmel: Über den Begriff der Zeit, Tübingen 1952.
W. Perpeet: Was ist Zeit?, „Studium Generale 8, 1955, p. 531 ss.
J. N. Findlay: Die Zeit — zur Behandlung einer Gruppe von Rätseln in „Philosophie und normaler Sprache“ ed E. v. Savigny 1969 p. 63 ss.
H. U. Hoche: Gegenwart und Handlung, Festschr. Landgrebe 1971.
Die oft beklagte Verräumlichung der Zeit mag z. T. in der Tatsache begründet sein, daß die
meisten Zeit-Ausdrücke auf Raumwörter und -vorstellungen zurückgehen, die die Zeit als
nach innen projizierten Raum erscheinen lassen.
86) — 219 a 25, 220 a 1, 222 a 10
87)
218 b 23
88)
219 al
89) 220 a 5
90) Met. X vgl. den Kommentar von L. Elders ,Aristotle's theory of the one“, Assen 1961, besonders p. 71 ss. und 139 ss. Vgl.
auch N. White ,Aristotle on sameness and oneness”
Philos. Review, April 1971.
91) Von den Fällen, wo praxis = energeia ist, also praxis, deren telos in ihr selbst liegt, sehe
ich hier ab.
Vgl. J. L. Ackrill
,Aristotles distinction between kinesis and enérgeia”
in
New Essays on Plato and Aristotle“ ed. R. Bambrough, London 1965, p. 121 — 141, und F.
Kaulbach „Der philosophische Begriff der Bewegung”, Köln 1965.
Page 22
View in PDF(opens in a new window)lungsbeginn günstige Jetzt zur ganzen Handlung verhält wie das MaB zum
Gemessenen, besser: wie das Angemessene zum Zu-messenden, zumal ja in
diesem Anfangspunkt das télos der Handlung der Möglichkeit nach voranwesend ist; dieses télos — nun als Anfangs- und Endpunkt begriffen — grenzt
die Handlung auch zeitlich aus, aber seine wesentlichere Funktion ist der in
einem bestimmten Moment aufscheinende Erfüllungscharakter der Handlung.
Dieses Aufscheinen zeichnet das betreffende Jetzt vor anderen aus, von ihm
her wird die Aktion beurteilbar, ausmeBbar; dieser Moment ist der angemessene, d. h. der Verwirklichung des Möglichen als vorweggenommenes
Ziel
zugemessene,
weil
er
als
die
qualitative
MaBeinheit fungiert,
durch
welche erst das Handlungsganze Kontinuität gewinnt. Im idealen Falle ist es
erst der kairös, der die präxis schöpferisch setzt, während der den kairös
erlebende oder erfassende Mensch dem eher rezeptiv gegenübersteht.
Eine eingehendere Untersuchung, die jetzt nicht vorgenommen werden
kann, müßte nach allem, was hier angedeutet ist,
an dem Phänomen des
Messens und des Maßes ansetzen, um den gesuchten Ubergang vom angemessenen Augenblick des Handelns zum mathematisch messenden Jetzt der
„Physik“ zu finden. Auch in den stoischen Theorien zu diesem Phänomen
wird das Anmessen, Zuordnen, Einpassen das zur Erfassung bewußt gelebter
Gegenwart befähigende Kriterium abgeben; denn die Kunst, von der Natur
zur
lebendigen Aktion zu
kommen,
also
der Übergang von
,Physik”
zu
„Ethik“ ist die Grundlehre der Stoa. Das Sicheinleben in Naturbewegungen,
die Idee
dieser Analogie
zwischen Natur und Leben als Aktion gedacht,
heißt ,com-mendatio”; sie wird ermöglicht durch die angenommene Homogenität und Kontinuität des Wirklichen, in dem eins auf das andere verweist.
Da dasselbe Schicksal über Natur und Leben waltet, wird praktisch jede
Entscheidung zur Beobachtung (der Natur); denn das Sein enthält das Sollen,
das Vorgeschriebene ist das Gut-beschriebene, die Praxis ist Theorie. In einer
solchen Weltsicht ist die höchste Maxime des Daseins? die Erkenntnis und
Ausfüllung meiner „Stelle“ in der Gesamtzeit, und diese Ausfüllung realisiert
sich durch Interpretation dessen, was in einem jeweiligen Jetzt mit Bezug auf
den Gesamtprozeß gegeben und deshalb aktualisierbar ist. Die Ahnung der
Zusammenhänge sieht jedes Jetzt als ein Zeichen von Vergangenem und
Zukünftigem an, identifiziert das Bezeichnete mit dem Zeichen, schaltet das
Sukzessive simultan. Von Aristoteles abweichend, nehmen die Stoiker nämlich an, daß jeder Prozeß jederzeit perfekt ist, daß in jedem Moment alles
erreicht ist, daß keine Diskrepanz zwischen Absicht und Vollendung besteht.
So fällt alles Gewicht auf das je intensiv zu lebende gegenwärtige Jetzt als
den Ort des zu realisierenden Glücks. Diese Gleich-Gültigkeit aller Jetzte,
die in ihrer Gleichvollkommenheit liegt, holt die Ewigkeit in die Zeit herab
und führt logisch zur Konzeption der Ewigen Wiederkehr des Gleichen; bei
Nietzsche zeigt sich eine ähnliche Verlagerung des ethischen Schwergewichts
auf den erfüllten Augenblick, in dem sich je eine Ewigkeit vollendet. Dem soll
hier nicht weiter nachgegangen werden‘).
92) M. Aurel IV 25; zur „commendatio” vgl. Cicero de fin. III 7, 23.
Zum Thema vgl. Goldschmidt op. cit., besonders p. 168 — 211.
93) Vgl. K. Schlechta: „Nietzsches Großer Mittag”, Frankfurt 1954.
J. Stambaugh: „Untersuchungen zum Problem der Zeit bei Nietzsche” Den Haag 1959.