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|
LU
This volume should be quoted as
SHMUEL SAMBURSKY
Ce volume doit être cité comme
ERANOS 48-1979
AY À
LEITMOTIVE
WISSENSCHAFTLICHER THEORIENBILDUNG
Wissenschaftliche Theorien sind Gedankensysteme, deren rationaler Charakter an ihrem logischen Aufbau zu erkennen ist. Beson|
ders klar ersieht man dies aus den physikalischen Theorien, die eine
mathematische Darstellung zulassen, welche die logische Struktur
|
des Ganzen deutlich widerspiegelr. Die Theorie geht von gewissen
Voraussetzungen oder Behauptungen aus, die häufig als fundamentale Sätze formuliert werden. Aus diesen werden dann eine Reihe
|
von Folgesätzen deduziert, deren Konsequenzen man schliefilich
|
mit der Erfahrung vergleichen kann. Nun kônnte man sagen, daf
auch die Anfänge der Theorie sich aus der Empirie herleiten; denn
die grundlegenden Hypothesen des Forschers werden ja durch
Erfahrungstatsachen angeregt. Dies ist aber nur bedingt richuig,
denn bei näherer Betrachtung wird man fast immer feststellen kôn-
|
nen, daf die Awswabl dieser Tatsachen und die Art und Weise, wie
|
|
ce
SAMEURS VAS
sich diese Auswahl im Kopfe des Theoretikers zu einer Behauptung
kristallisiert, mit der die Theorie beginnt, von Motiven entschieden
nicht-rationaler Natur diktiert ist, die mit mythischen Vorstellungen verknüpft sind. Die Geschichte der antiken Naturphilosophie
ist das klarste Beispiel für den mythischen Charakrer der Leitmotive, die zur Bildung einer wissenschaftlichen Theorie führen. Denn
im naturwissenschaftlichen Denken der Antike überdeckten sich
noch weitgehend die Welt des Mythos und die der Ratio, und der
Prozell der Ablôsung des rationalen Denkens von mythologischen
Ideen und Begriffen vollzog sich im Laufe von Jahrhunderten und
führte nicht zu einer vollständigen Trennung beider Welten. Man
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View in PDF(opens in a new window)denke an die drei oder vier Jahrhunderte
von Thales und
seinen
mulesischen Nachfolgern bis Zenon und Chry
sipp, den Begründern
der Physik der Stoiker, deren Theorie von
den mythischen ideen
vorsokratischer Philosophen becinfluit wurd
e.
lan der Wissenschaft der Neuzeit, die seit
der Renaissance
von
rationalen Überlegungen weitgehend beherrsc
ht war, hegen die
Zusammenhänge von rationalem Denken und
irrationalen Vorstellungen zwar nicht so klar Zutage wie in der
Antike, Die Geschichte
der physikalischen Theorienbildung in
den dreihundert Jahren von
Galilei bis Einstein zeigt jedoch, daf auch in
dieser Periode die groBen physikalischen Systeme, die auf ein
umfassendes, die ganze
Realität darstellendes Weltbild hinzielten,
auf Vorstellungen und
leitenden Ideen beruhten, die a priori logisch
nicht begründbar und
aus dei Erfahrung allein nicht beweisbar ware
n. Die Leitmotive, die
zur Aufstellung des jeweiligen wissenschaft
lichen Weltbildes führten, waren viclinehr Glaubenssätze und unbe
weisbare Überzeugungen, deren Berechtigung erst post fact
um, nach dem Gelingen
des ganzen Wurfes erkannt werden konnte,
Manche dieser Glaubenssätze erfüllen die Funktion des Mythos
der Antike. {in ersten
Teil meines
Vortrages will ich meine These an drei
der Zeit der Vorsokratiker erläutern: An den
Beispielen aus
Lehren von Hera
klit,
Empedokles sowie Pythagoras und seine
r Schule, deren Wirken
eine Zeitspanne von etwa ; 50 Jahren umfa
fr (550-400 v. Chr.)
Heraklit hat wie kein anderer Philosoph der
griechischen Antke
den dauernden Wechsel betont, der das
gesamte Gefüge
des matericllen Universums kennzeichner, Dicser ewig
e Wechsel ist das am
meisten hervorstechende Phänomen
der sichtbaren Welt, dessen
ÂAnzeichen man an allen Gegebenheiten
und Vorgängen am Himmel
und auf der Erde erkennen kann. Einer der
Sprüche Heraklits ist schon von Plat
on
bekanntesten Auszitiert: ,Heraklit sagc
irgendwo, dal alles in Bewegung sei und daf
nichts stilisteht,
und,
die existierenden Dinge mit dem Strô
men eines Flusses vergleichend, sagt er, daf du niemals zwei
mal
in denselben Flu tauchen
kannst.“! Ein anderer Ausspruch: ,Der
1 Platon, Kratylus 402 À
Krieg ist der Vater aller
Lesumouve
3
Dinge, der Kônig aller Dinge,
die einen macht
er zu Güttern, die
anderen zu Menschen,
die einen zu Sklaven,
die anderen zu
Freien“?, fiufc auf denselben Ged
anken binaus, denn nKrieg“ ist
Heraklits Metapher für die Her
rschaft des Wechsels in der Wek
.
Dieser ewige Wechsel, dieser dau
ernde Fluf aller Dinge ist aber
nach Heraklit keine chaotisch
e Erscheinung, sondern er wei
st
Merkmale auf, an denen das Wir
ken eines Welgesezes, cines alluml
assenden Planes oder einer
mafhalten
den Anordnung erkennbar ist. Das Mag, das alle Wec
hsel innewohnt, verleihe thin
die
Subilität, die von entscheidend
er Bedeutung für die Summe alle
s
physikalischen Geschehens ist.
Dieses Mal, diese Proportionie
rtheit aller Vorgänge, ist ein uni
versaler Grundzug, der allen Din
gen
der Welt gemeinsam ist. Herakl
it bezeichnet diese mychische,
alle
s
cinigende und regelnde Gegebenhe
it mit dem Wort »Logos“. Wenn
man diesen Logos begreift, so wir
d Man verstehen, dal durch sein
Wirken die Vielfalt der wechse
lnden Erscheinungen zu eineme
inz:gen, kohärenten Komplex wir
d. Die Menschen jedoch, bet
ont
FHeraklit, verstehen weder den
Logos noch seine Bedeutung
als
Schopter des Germcinsa
men, dessen Walten auch den
Menschen
cie sie cinigende Vernunft
verleiht. Dies ist der Sinn der
bciden
wichtigsten der uns erhaltene
n Fragmente: Die Menschen
haben
kein Verständnis für
den Logos, wie ich
ihn beschreibe, weder che
Sie davon gehôrt haben, noch
nachher. Denn obwohl alle Din
ge
gemäË dicsem Logos geschchen
, sind die Menschen, als wären
sie
ohne Erfahrung.“ Und ferner:
»Daher muf man dem Gemein
samen folgen: aber obwohl
der Logos pemeinsam ist,
leben die meiken haben, das nur ihnen
eigriet.“?
Sen 50, als ob sie ein Den
Das Walten des mychischen
Logos erk
ennt man nach Heraklit am
simultanen Auftreten und inhäre
nten Zusammenhany entgegeng
esetzter Tendenzen des kosmische
n Geschehens. Die antithetisch
en
Spannungen, die man an
vielen Naturvorgängen beo
bachtet, verBleicht Heraklit in seinem ber
ühmten Bild des gespannten Bog
ens
oder der gespannten Saite einer
Leier; ohne die Spannung und
die
2 Hippolye.,
Refue. IX, 9,4
3 Sextus, ady, math. VIR, 132
Page 3
View in PDF(opens in a new window)ihnen innewohnende Harmonie des Entgegengeserzten gäbe es
kein Geschehen, keinen Wechsel, der eben in der Auslôsung dieser Spannung besteht. Diesen Aspekt der simultanen Gegensätzlichkeit in der Natur habe ich in einem meiner ersten Eranos-Vortrâge besprochen. Andere Fragmente von Heraklit illustrieren in
verschiedenen Formulierungen die Einheit der Gegensätze, so
z.B. ,Der Weg aufwärts und abwärts ist ein und derselbe“*, oder
die entgegengesetzten Wirkungen ein und derselben Dinge, z.B.
»Das Meer ist das reinste und das unreinste Wasser, es ist trinkbar
und heïlsam für Fische und untrinkbar und verderblich für Menschen“.® Und schliefilich: , Verbundenes ist ganz und nicht ganz:
etwas, Was vereint und getrennt ist, was im Gleichklang und im
Zweiklang ist; aus allem kommt Einheit, und aus der Einheit
alles.“* Mit anderen Worten: Alles Zusammengefalte besteht wesentlich aus Gegensätzen; ferner kann es sowohl als ein Ganzes als
auch als eine Komponente des Ganzen aufgefafit werden. Miteinander verbundene Dinge kônnen als eine Einheit gesehen werden, während eine Einheit als Summe vieler Komponenten oder
Aspekie dargestellt werden kann.
Eine andere Metapher Heraklits für das allem Wechsel zugrunde
legende und einheitliche Maf der Dinge, oder anders ausgedrückt,
eine konkrete Darstellung des abstrakten Logos, ist das Feuer, das
den ewig mafhaltenden Wechsel der Weltordnung symbolisiert. In
einem Fragment heilt es: ,Diese Weltordnung schuf weder einer
der Gôtter noch einer der Menschen, sondern für immer war, ist
und wird sie sein, ein ewig lebendes Feuer, nach Mafen aufflakkernd und nach Mafen erlôschend.“” Das Feuer, die dauernde
Quelle aller Narurprozesse, dessen Brennen zwar kein konstanter,
aber ein regulärer Vorgang ist, verkürpert die Herrschaft des Males
im Wechsel der kosmischen Erscheinungen, die stabilisierende
Leitmative
$
Macht des Logos. Das Feuer bestimmt die Struktur und das Verhalten der Dinge, durch die sowohl die Gegensätze als auch die
Éinheit dieser Gegensätze erhalten bleiben. Aus einem anderen
Fragment scheint hervorzugehen, daf dieses Feuer, das alles
Geschehen steuert, gôttlichen Ursprungs ist: ,Der Blitz steuert alle
Dainge.“* Andere Fragmente deuten auf die Éigenschaft des Feuers
als der kontinuierlichen Grundlage aller Wandlungen hin, denen
die Materie unterliegt, das Wasser der Meere und die Erde mit eingeschlossen. In diesem Sinne mu man auch das bekannte Fragment
verstehen: , Alle Dinge sind ein Austausch für Feuer, und Feuer für
alle Dinge, wie Waren für Gold und Gold für Waren.“? Die vielleicht absichdich schwere Verständlichkeit der heraklitischen Aussprüche zwingt fast immer zu verschiedenen Interpretationen, und
das zulerzt zitierte Fragment kônnte auch so gedeutet werden, daf
Heraklit dem Feuer die Rolle eines Elements zugeschrieben hat,
ähnlich wie Thales dem Wasser oder Anaximenes der Luft. Jedenfalls tritt es bei Empedokles als eines der vier Elemente auf, aus
denen sich alle Materie zusammensetzt.
Schliefilich môchte ich darauf hinweisen, daf nach Heraklit auch
die menschliche Seele aus Feuer besteht, und dal dieses Feuer der
Seele eng mit dem kosmischen Feuer zusammenhängt. Auf diese
Weise wird auch der Mensch mit seinen Eigenschaften und Wandlungen zu einem integralen Teil des Kosmos, und die Anthropologte wird zu einem Kapitel der Kosmologie. Die Weisheit des
Menschen besteht im Erfassen des Logos, im Erkennen der gemeinsamen Struktur der kosmischen und menschlichen Vorgänge,
und seines materiellen Aspekts, des Feuers.
Heraklits häufig kryptische AuRerungen wurden zur Grundlage
einer wissenschaftlichen Betrachtung der Dinge, die sowohl Physik wie Ethik umfafit. Zweihundert Jahre nach seinem Wirken hat
Zenon, der Begründer der stoischen Philosophie, diese poetisch
4 Hippolyt., a.u.Q., EX, 10, 4
$ A.4.0. IX, 10,5
6 De mundo, 396b 10
7 Clemens, Strom. V, 104, 1
verbrämnten Ideen zur Basis einer Wissenschaft gemacht, die eine
Generation später durch Chrysipp weiter ausgebaut wurde, Der
8 Hippolyt., 4.4.0. IX, 10,6
9 Plutarch, de E, 388 D
Page 4
View in PDF(opens in a new window)heraklitische Mythos als Leitmotiv der wissenschaftlichen
Theorie
der Stoiker ist trotz der nur fragmentarisch erhaltenen
Doktrin von
Zenon und Chrysipp klar erkennbar. Diese Fragmente zeigen
, daf
die Begründer der Stoa an den zwei mychischen Begriffen Herakl
its
festhielten. Einerseits ist der Logos der Gestalrer der
leicet sich die Physik der Stoiker her, sowie ihre
Welt - von da
Normen für das
menschliche Handeln, von denen die stoische Ethik ausgeh
t - und
andererseits wurde auch die zentrale Stelle des Feuers beibe
halen.
Die schôüpferische Kraft des Feuers, das ,auf metho
dische Weise
zum Schaften schreitet“!, zeigt sich am gesamten Naturgesch
ehen.
Darüber hinaus wurde aber der Gedanke der Aktivität des
Feuers
systematisch erweitert. Seine wärmende Eigenschaft war
der Ausgangspunkt einer Reihe von thermodynamischen Begriffen,
mit
denen die ersten Stoiker vor allem die Funktion der Wirme
in organischen Prozessen darstellen. Cicero zitiert cinige dieser
Aussagen:
Es ist ein Naturgesetz, daf alle Dinge, die Nahru
ng aufnehmen
und wachsen, einen Vorrat an Wärme enthalten |...)
Denn alles,
was heiB und feurig ist, ist seine cigene Quelle der
Bewegung und
Akrivität {...]. Daraus mul man schliefien, daf
dieses Elernent der
Wärme eine vitale Kraft enthält, welche die ganze
zieht.*!!
Welt durch-
Zur aktiven Natur des Feuers gesellt sich im stoischen
System die
der Lufr; ihre elastischen Eigenschaften, ikr Zusammenhang mit
dem
Atem und daher auch mit der Seele machen die Luft neben
dem
Feuer zum aktiven Element. Eine fundamentale Konzepuon
der
Stoiker war die Hypothese eines alldurchdringenden Substr
ats, das
aus einer Mischung der aktiven Elemente Feuer und
Luft besteht des Pneumas. Das Pneuma mit seiner Spannkraft hat
zwei primäre
Funktionen. Seine totale, kontinuierliche Durchdring
ung des
gesamten Kosmos macht die Vielfalt der Dinge zu einem
einzigen
kohärenten Ganzen, und andrerseits verleiht es
der formlosen
Ürmaterie ihre verschiedenen Qualitäten, je nach
dem kontinuierlich varierbaren Verhälinis der beiden Komponenten
10 Diogenes Laen., VII, 156
11 Cicero, de nat. deor. IX, 23 ff.
Feuer und
Leitmouve
7
Luft. An diesen beiden Funktionen erkennt man
die Herkunft des
stoischen Pneumas vom heraklitischen Logos und
dessen Konkretisicrung als Feuer. Das Pneuma verleiht der Vielf
alc der Erschein
ungen eine einigende Kohärenz, und es reguliert
und proportioniert
die Gesamtheit des Wechsels.
Das Pneuma schafft nichr nur die Kontinuitä
t aller kosmischen
Gegcbenheiten, sondern es ist auch der Ursprung
der Kontinuität
alles materiellen Geschehens, vermôge seiner
Eigenschaft, eine
Wechselbeziehung zwischen allen Vorgängen, auch
den räumlich
voneinander entfernten herzustellen. So erfährt
der Logosbegriff
Heraklits eine weitere Präzisierung in der stois
chen Physik. Die
einigende und regulierende Eigenschaft des Logo
s wird zum alles
verbindenden Kausalnexus, der Gesamtheit der
Relationen von
Ursache und Wirkung. Die Welt wird so zu einer
Einheit, deren
Ursa
chenreihen miteinander verkettet sind,
und zwar ist hier die
Funktion des Pneumas als Medium, das die kausa
len Bezichungen
vermittelt, sowohl infolge seiner Konti
nuität als auch der ihimiinnewohnenden Spannungen klar erkenntlich.
Die Formulierung des Kausalgesetzes und die
Begrunduny seiner universellen Geltung sowi
Betonung und
e die daraus folgende
Doktrin des Determinismus war die Krônung der
stoischen Kontinuumsphysik. Über den Determinismus
der Stoiker und
den
Begriff des unerbitilichen Schicksals des gôttlichen
und geordneten
Ineinandergreifens der Folge aller Ereignisse habe
ich schon früher
in dicsem Kreise gesprochen, Ich will jetzt
nicht näher darauf
zurückkommen, denn in diesem Kont
ext liegt es mir nur daran,
kurz zu skizzieren, wie die mythischen Vorst
ellungen Heraklits
zum Leitmotiv der stoischen Naturwissenschaf
t wurden, der dritten umfassenden wissenschaftlichen Theorie der
Antike, nach der
des Aristoteles und der auf dem Atomismus
beruhenden Theorie
der Epikureer.
Etwa fünfzig Jahre jünger als Heraklit war Empe
dokles, dessen
Reifezeit in die Mitte des fünften vorchristlichen
Jahrhunderts fälle.
Die Besprechung der Lehre dieses sizilianischen
Philosophen, in
der sich naturwissenschaftliches Denken, myst
ische Vorstellungen
Page 5
View in PDF(opens in a new window)und dichterische Kraft zu einer grofartigen Synthese vereinten,
mu notwendigerweise summarisch sein, wenn sie sich aut den
Rahmen unseres Themas beschriänken soil. Von Empedokles sind
uns leider nur Fragmente zweier grofer Dichtungen erhalten, des
Gedichts , Über die Natur“, das physikalischen Inhalts ist, und des
Lesbmotsue
y
religiôs-mystische Vorstellungen mit physikalischen Ideen, wobei
die ersteren zu Leitmotiven für die letzteren werden. Die religiôse
Mysuk fand ihren poetischen Niederschlag wohl schon im 6. Jahrhundert v. Chr. und gelangte unter dem Sammelnamen ,orphische
Dichtung“ im hellenistischen und neuplatonischen Zeitalter zu
Gedichts ,Reinigungen“ (Katharmoi) oder ,Entsühnungen",
grofier Bedeutung, vor allem aufgrund ihrer kosmogonischen
mythologisch-religiôsen Inhalts. Sowohi die Unvoliständigkeit wie
die poetische Form des uns Erhaltenen hat zu verschiedenen Interpretationen beider Gedichte und der Bedeutung ilires Zusammenhangs gefühn. Wenn ich mich an eine dieser Interpretationen halte,
so bin ich mir bewult, daf ich strittiges Gebiet betrete.
Mythen.
In unserem Kontext ist der Seelenglaube der Orphik von Wichtigkeit wWegen seines Einflusses auf Empedokles. Die Scele ist gôutlicher Natur, und ihr ursprüngliches Dasein in vollkommener Rein-
Diese Einschrinkung vorweggenommen, bieten beide Dichtunheit ist das Kennzeichen des oft besungenen Goldenen Zeitalters,
das Pindar in einer seiner orphischen Oden mit der Allegorie der
gen des Empedokles ein ideales Beispiel für irrationale Vorstellungen, die zu Leitmotiven für die Konzeption physikalischer Begrifte
überirdischen Existenz verwandelt den menschlichen Kôrper, in
wurden. Diese Gedichte handeln von einem Zyklus oder Kreislauf:
dem sie eingeschlossen ist, in ein Gefängnis. Platon laft Sokrates
Insel der Seligen beschrieben hat.!? Der Sturz der Seele von ihrer
die ,Reinigungen“ beschreiben den Urzustand der Seecle, den
sagen, daf die ,Anhänger des Orpheus“ glauben, die Seele tue Buffe
Zustand ihrer Reinheit und Unschuld, ihren Sündenfall und ihre
für ihre Sünden und der menschliche Leib halte sie getangen, ,bis
Rückkehr zur Seligkeit, die durch Askese und andere Entsühnunsie geschuldete Strafe abverdient hat“. Die Sehnsucht nach der
Erlôsung aus diesem Zustand und der Rückkehr zum gôulichen
Dasein hat zur Askese der orphischen Sekte geführt, die vor
gen ermôglicht wird. Das Gedicht , Über die Natur“ schildert einen
kosmologischen Kreislauf. Der Zustand der Liebe hält die materielle Welt in einer alles einigenden Kugel zusammen, die dann
durch das Éindringen und Überhandnehmen des Streites gesprengt
wird, woraus sich die Vielfalt des physikalischen Geschehens entwickelr. Diese wird dann wiederum infolge der wachsenden Vorherrschaft der Liebe zu einer Einheit.
Eine plausible Annahme ist, daf bei diesem offenkundigen Parallelisrmus beider Zyklen der mythische Kreislauf der Seele die primäre Vorstellung war, aus der Empedokles seinen kosmologischen,
durch zwei entgegengesetzte
Mächte bestimmten
Kreislauf
entwickelte - durch die Liebe und den Streit. Diese beiden Mächte
sind die Vorbilder zweier physikalischer Begriffe, der Anzichungskraft und der Abstoflungskraft, welche die Physik der Neuzeit
weitgehend beherrscht haben und noch heute beherrschen. Auf
diese Weise verbinden Empedokles’ Dichtungen im Zeitalter des
Übergangs von der Mythologie zum wissenschaftlichen Denken
allem in strenger Enthaltung von jeder Fleischnahrung bestand,
die ja mit BlutvergieBen verbunden ist. Im orphischen Mythos
haben die Titanen diese Ursünde begangen, als sie das Kind Dionysos zertleischten und verzehrien. Bei Empedokles ist die Ursünde
verallgemeinert und wird mit dem BlutvergieRen überhaupt und
insbesondere mit dem Genuk von Fleisch assoziiert.
Nach diesen Andeutungen des orphischen Ursprungs der ,Entsühnungen“ von Empedokles môchte ich einige typische Zitate aus
dieser Dichtung bringen. Zunächst die Schilderung des Urzustands
der Seele: ,Bei ihnen gab es noch keinen Gott des Krieges oder
des Schlachigetümmels, keinen Kônig Zeus oder Kronos oder
Poseidon, sondern Liebe war die Kônigin [...]. Da wurde kein
Alrar mit reinem Stierblut getränkt, denn dies galt den Menschen als
12 Pindar, Olymp. Oden Il, 61 ff.
13 Platon, Aratylos 400 B-C
Page 6
View in PDF(opens in a new window)Wesentliche môchte ich hier zitieren: ,Zweierle: will ich dir künden. Einmal wächst ein einziges Sein aus Mehrerem heran, ein
andermal scheidet es sich wieder und wird so aus Einem zu Mehrerem, Zweifach ist also der sterblichen Dinge Entstehung, zweifach
auch ihre Abnahme [...]. Und diese ständige Wandlung kommt
nimmer zur Ruhe: bald vereinigt sich alles zu Einem durch die
Liebe, bald aber trennen sich wieder die einzelnen Stotfe im Haf
des Streites. Insoweit [...]aus dem Zerfall des Einen wieder Mehreres entwächst, entstehen sie, und ihr Leben bleibt nicht unverändert; insofern aber ihre ständige Umwandlung nie aufhôrt, bleiben
sie während des Kreislaufs unveränderlich [...] Feuer, Wasser,
Erde und der Luft unendliche Hôhe; von diesen aber abgesundert
der unselige Streit, der überall gleich gewichtige, und inmitten die
Liebe, in Länge und Breite die gleiche [...]. Diese alle sind gleich
stark und von gleicher Entstammung. Jedes aber von ihnen hat ein
anderes Amt und sein besonderes Wesen, eins ums andere gewinnen sie Macht im Umlauf der Zeiten.“?
Leimotuve
1}
nach seinem natürlichen Ort hin, also z.B. das Streben schwerer
K6rper nach unten, und die erzwungene Bewegung, deren Ursache
auferhalb des Kôrpers liegt. Diese bezeichnet Aristoteles mit dem
Namen ,Das Bewegende“ oder auch mit dem Terminus dynamis,
also Kraft. In der Neuzeit hat Newton in der Einleitung zu seinem
Hauptwerk den folgenden berühmten Satz formuliert: ,Der Kern
der Physik besteht offenbar darin, aus den Erscheinungen der
Bewegung die Kräfte der Natur zu erforschen und hierauf durch
diese Kräfte die übrigen Erscheinungen zu erklären.“#
Auch die Postulierung zweier gegensätzlicher Kräfce hat in der
neuzeithichen Phynik eine lange Nachfolge gehabt, Lin der Mikrophysik sind es die Attraktions- und Repulsionskräfte der elementaren Teilchen, sowohl die der elektrischen Ladungen als die der im
Atomkern zusammengehaltenen Partikeln, und in der Makrophysik die Gravitationskraft, die immer anzichend wirkt und die der
universellen Fliehbewegung entgegengesetzt ist. Die lerztere ist die
Folge des explosiven Urknalls, der zur Expansion unserer Welt
Hierzu sei noch einiges bemerkt: Die beiden entgegengesetzten
führte. In der heutigen Kosmologie spekuliert man über eine müglischen, und so wird eine enge Verbindung des Universums, des
che Kontraktion des Universums, die seiner Expansion folgen
kônnte. Das würde also ein Oszillieren kosmischer Mächte bedeuten, einen Weltproze, der aus nacheinander folgenden Phasen der
Abstoflung und Anziehung besteht. Empedokles nimmt in seiner
Kosmogonie diese zyklische Aufeinanderfolge von Liebe und Streit
Naturkräfte werden von Empedokles als triebhafce Mächre aufgefat, analog den gegensätzlichen Gemütsbewegungen des Men-
Makrokosmos, mit dem menschlichen Mikrokosmos hergestelle.
Andrerseits aber sieht Empedokles die beiden Kräfte als kôrperlich
an, als Gegebenheiten, die eine räumliche Erstreckung haben. Dies
sind jedoch Umstände, die nur sekundär sind angesichts der
wesentlichen Tatsache, daf hier zum ersten Mal in der Geschichte
des physikalischen Denkens zwischen Stoff und Kraft unterschieden wird, zwischen der Materie, die aus unveränderlichen Elementen besteht, und dem bewegenden Prinzip zweier, miteinander in
ewigem Kampf liegenden Kräfte. Der Kraftbegriff des Empedokles
wurde so zum ersten Glied einer langen Kette von konzeptuellen
im wesentlichen aus dem Grunde an, weil damit ein vollkommener
Parallelismus von kosmischem Kreislauf und dem Zyklus der Seele
statuiert wird. Dieser Parallelismus erscheint etwas forciert, denn
Empedokles hätte ja auch ein simultanes dynamisches Gleichgewicht von Liebe und Streit postulieren kônnen, durch das der Weltprozel erhalten wird, ein Gleichgewicht ähnlich dem, das die heu-
Entwicklungen, von der ich nur zwei weitere Glieder erwähnen
will. Aristoteles Physik unterscheidet zweierlei Bewegungen: Die
natürliche Bewegung als Folge des inneren Strebens eines Kürpers
tige Mikrophysik annimmt. Wie ich schon vorher erwähnte, spricht
dieser forcierte Parallelismus dafür, daf der primäre Gedanke
in der Lehre des Empedokles der des seelischen Kreislaufs war;
er diente als Vorbild für einen physikalischen Kreislauf, der zum
Kern des wissenschaftlichen Begriffs der Kraft wurde.
19 Simpl., Phys. 138, 1 ff.
10 1. Newton, Die math. Prinzipien der Physik (1687), Einloitung
Page 7
View in PDF(opens in a new window)SchlieRlich sei die Lehre des Pythagoras als drittes der Antike entnommenes Beispiel dafür herangezogen, dal ein Mythos zum Leitmotiv für die Bildung einer Theorie wird. In diesem Falle ist das
Wort »#Theorie« zu eng gefaft, denn es handelt sich darum, dafi eine
ganse:wissenschafdiche Disziplin, nämlich die Mathematik, mit
einem Mythos begann, der eine zentrale Stellung im pythagoreischen Denken und Handeln einnahm. Als Pythagoras etwa in der
Mitte des sechsten Jahrhunderts v. Chr. seinen Geburtsort, die
Insel Samos, verlie8 und nach Kroton in Unteritalien ging, war
diese Umsiedlung mit der Griündung eines religiôsen Bundes oder
Ordens verbunden, der, viele Wechselfälle überdauernd, noch zu
Platons Zeit fortbestand. Die Entstehung und Anfangsperiode dieses Bundes ist in Dunkel gehüllt, und seine Glaubensartikel und
Verhaltensregeln waren nur den Adepten bekannt, denen sie mündlich weitergegeben wurden. Die Annahme, daf dieser Geheimbund
nach dem Vorbild orphischer Sekten gebildet war, ist durchaus
naheliegend, denn auch bei den Pythagoreern spielt die Reinheït der
Seele eine für ihren Lebenswandel richtunggebende Rolle, ein
Lebenswandel, der sittlich-religiôse Ziele verfolgte und den übrigens auch Platon im Staat erwähnt.
Die Seele kann nur rein sein, wenn sie einem Prozeli der Reinigung unterworfen wird. Über diese Reinigung spricht Platon verschiedenclich in seinen Dialogen. Im Sophist heift es, dal es zwei
Arten von Reinigung gibt, die eine bezieht sich auf die Seele, die
andere auf den Leib?!; und im Krarylos wird von den vier Wirkungsarten Apollons gesprochen, der Musik, der Manuk, der Medizin
und der Kunst des Bogenschützen, die zusammen eine Harmonie
bilden. In der Medizin und der Mantuk gebe es verschiedene Reinigungsmethoden, welche dieselbe Aufgabe haben - den Menschen
an Leib und Seele rein zu machen.?? Ein Fragment des Musiktheoretikers Aristoxenos, cines Aristotelesschülers, sagt ausdrücklich:
Leitmouve
:
»Die Pythagoreer praktizierten die Reinigung des Kôrpers mittels
der Medizin und die der Seele mittels der Musik.“2
Der Hauptzweck dieser Reinigung der Seele war der, sie für die
Betrachtung des Kosmos, also der harmonischen Anordnung des
Universums, instand zu setzen. Die Bezeichnung ,Kosmos"“ für die
Welt als ein geordnetes Ganzes soll zum ersten Mal von Pythagoras
selbst eingeführt worden sein.* Dieser Begriff der Ordnung, die
der Welt innewohnt, ist der zentrale Mythos der Pythagoreer, von
dem ich vorher sprach. Da der Mensch ein integraler Teil dieser
Weltordnung ist, kann er sich nur dann ihrer Betrachtung in vollem
Malle hingeben, wenn auch seine Scele sich im Zustand der Ordnung befindet, in jenem ungetrübten Zustand, in den sie durch die
angemessenen Reinigungszeremonien versetzt wird. Jetzt kann
man auch verstehen, warum die Musik das geeignere Mittel ist, die
Scele zu reinigen, denn die musikalischen Harmonien sind der Teil
der universellen Harmonie, welcher der Sinneswahrnehmung des
Menschen unmittelbar zugänglich ist. Das Anhôüren von Musik
stummt die menschliche Seele auf die gesamte Harmonie der kosmischen Ordnung ab.
Der Begriff der Ordnung ist nicht mit einer Qualität assoziiert,
z.B. der eines materiellen Elements, sondern mit der Quantität,
also, allgemein gesprochen, mit der Zahl. Die Zahl, und nicht die
Materie, wurde so für die Pythagoreer zum Urgrund aller Dinge,
und zwar nicht nur die ganzen Zahlen und alle anderen Objekte der
Arithmetik, sondern auch die Proportionen, die sehr anschaulich
durch geometrische Gegebenheiten, wie Verhältnisse von Strecken,
dargestellt werden künnen. Das Studium arithmetischer und geometrischer Beziehungen wurde so, neben dem der Musik, zu einer
der Formen der Kontemplation, die nach Pythagoras und seiner
Schule dem Menschen die wahre Weltordnung erschliefu. In seinem
Kommentar zu Euklid sagt Proklus: ,$o machte Pythagoras die
Wissenschaft der Geometrie zu einer Form der Erziehuny zur Freiheit, indem er ihre Prinzipien in einer hôhcren Realitüt er26 Platon, Sophist 227 C
13 Aristoxenos,
fr. 26 (Wehrli)
22 Ders., Krarylos 405 À
24 Aeuusll,:,u
Page 8
View in PDF(opens in a new window)Leitmotive
forschte.“® Ergänzend muf man hinzufügen, daf ja die Geometrie als die angewandte Wissenschaft einer niederen Realität begann,
nämlich der Landvermessung.
Da ich schon häufig im Eranos über die Pythagoreer gesprochen
habe, will ich mich jerzt mit einem Zitat von Aristoteles begnügen:
,Die sogenannten Pythagoreer beschäftigten sich mit Mathematik
und waren die ersten, die diese Wissenschaft entwickelten. Durch
ihr Studium kamen sie zum Glauben, daf die Prinzipien der Mathematik diejenigen aller Dinge seien. Und da die Zahlen von Natur
aus die ersten dieser Prinzipien sind und sie glaubten, in ihnen viele
Âhnlichkeiten mit Dingen, die sind und werden, entdecken zu künnen[...], so nahmen sie an, dal die Élemente der Zahlen diejenigen
von allem seien und da das ganze Universum eine Harmonie oder
Zahl sei.“?®
Zahlentheorie und Geometrie wurden von den Pythagoreern als
wissenschaftliche Disziplinen entwickelt, aus denen schlietilich in
Antike und Neuzeit die Mathematik als eine der fundamentalen
Wissenschaften hervorging, als Produkt der wahren Kontemplation, die den Mythos der Weltordnung zum Gegenstand hatte. Lim
Griechischen heift Kontemplation ,theoria“ und ist gleichbedeutend mit Sehen, Schauen, was auch geistige Schau mit einbegreift.
So wird der Ausspruch von Pythagoras verständlich, der das Leben
mit den olympischen Festspielen vergleicht, die von drei Kategorien von Menschen besucht werden: ,Einige gehen dorthin, um in
den Wettkämpfen Erfolge einzuheimsen, andere, um Handel zu
treiben, die Besten aber kommen als Zuschauer; so sind im Leben
die sklavischen Menschen Jäger nach Ruhm und Gewinn, aber die
Philosophen erstreben die Betrachtung der Wahrheit.“?
(el
Zwei grundlegende und umfassende Ideen, die der Einheit und die
der Eintachheit, haben gro$en Naturwissenschaftlern der Neuzeit
thren Weg zu neuen Erkenntnissen und zur Aufstellung von neuen
Theorien gewiesen. Diese beiden Ideen waren à priori nicht logisch
zu begründen, und a posteriori konnten sie erst durch ihren Erfolg
gerechtfertigt werden. Man kann mit einer gewissen Zuspitzung
Finheit und Einfachheit in ihrer Anwendung auf die Naturforschung als Mythen bezeichnen, aber Mythen von grofier heuristischer Bedeutung für den Weg rationalen Erkennens. Ich beginne
mit Galilei, der mit seiner Entdeckung der Fallgesetze die moderne
Mechanik eingelcitet hat. Der Gedanke der Éinheit spielt bei ihm in
zwei Zusammenhängen eine wichtige Rolle, einmal in seinem
Kampf um die Unabhängigkeit der Naturwissenschaft und ihrer
Etablierung als einem autonomen Bezirk menschlichen Denkens
und dann in sciner Polemik gegen die aristotelische Physik, die
zugleich auch die Physik der Scholastik war.
Nach der Aufstellung des heliozentrischen Systems drehte sich
ein Teil der Auseinandersetzungen der Anhänger des Kopernikus
mit den Vertretern der Kirche um die Frage, wie verschiedene
Bibelstellen mit der Hypothese von der Ruhe der Sonne und der
Bewegung der Erde vereinbart werden künnen. Galilei, ein frommer Katholik, hat sich zu diesem Thema mehrfach geäuflert, z.B. in
seinem Brief an Christina, die Grofiherzogin von Toscana. Der
Kern seiner Ausführungen ist der: Es gibt nur eine Wahrheit, die uns
jedoch in zwei Aspekten erscheint, in den Worten der Heiligen
Schrife und in den Naturvorgängen; beide Aspekte haben ein und
denselben Ursprung, nämlich das gôtiliche Wort. Galilei fährt nun
fort: , Da es die Art der Schrift ist, dafi sie — um mit dem allgemeinen
25 Proklos, In Eucl., p. 6; (Fricdicin)
26 Aristoteles, Metaph. 98$b 23ff.
27 Diog. Laert., VIE, 8
Verständnis übereinzustimmen - viele Dinge sagt, die offenbar von
der absoluten Wahrheit abweichen, insofern man die Schrift würtlich versteht, da aber andrerseits die Natur unerbittlich uad unwandelbar ist, die Grenzen der ihr auferlegten Gesetze niemals über-
Page 9
View in PDF(opens in a new window)schreitet und sich nicht darum kümmert, ob ihre verborgenen
Gründe und Wirkungsarten dem Verständnis der Menschen zugänghich sind oder nicht: darum scheint es, da keine der Naturerscheinungen |...] in irgendeinen Zweifel gezogen oder bestritten
werden kann, weil einige Stellen in der Heiligen Schrift - würtlich
genommen — damit nicht übereinstimmen, Nicht alles, was in der
Schrift gesagt ist, scheint der gleichen Genauigkeit verpflichtet zu
sein, wie jede Naturerscheinung es ist; Goct aber offenbart sich in
nicht geringerem Male in den Naturerscheinungen als in den heiligen Worten der Schrife. Dies môglicherweise meinte Tertullian, als
er sagte: Wir behaupten, da8 Gott zunächst aus der Natur zu erkennen, dann aus der Lehre wicderzuerkennen sci — aus der Natur
durch seine Taten, aus der Lehre durch seine Aussagen.“?#
In dieser bemerkenswerten Argumentation hat sich Galilei
zum Vertechter einer Auffassung gemacht, deren historische
Konsequenzen bekannt sind. Nach dieser Auffassung gibt es
selbstverständlich nur eine Wahrheit, aber in der Bibel wird sie in
menschlicher Sprache ausgedrückt, die verschiedene Auslegungen zuläfit, während die Sprache der Natur eindeutig ist. Daf auch
die Sinneswahrnehmungen Interpretationen unterliegen, daf auch
die Schrift der Natur richtig gelesen werden mul - davon ist bei
Galilei allerdings nicht die Rede. Jedenfalls war die von ihm nicht
beabsichsigre Folge die, da es für die Naturwissenschaft vôlligirrelevant wurde, was in der Bibel geschrieben steht, und daf sie schlieflich zu einem autonomen, von der Vormundschaft der institutionellen Religion unabhängigen Gebiet menschlichen Denkens wurde.
Von nicht geringerer Tragweite war Galileis Negierung mehrerer
Grundsätze der aristotelisch-scholastischen Physik, darunter der
Behauptung von der Dichotomie von Himmel und Erde. Er bestritt
energisch die These von der Unveränderlichkeit der Himmelsregion als hervorstechendem Merkmal ihrer Vollkommenheit, im
Gegensatz zur Veränderlichkeit der unvolilkommenen sublunaren
Region. Die Unveränderlichkeit der Himmelskôrper wurde von
Anistoteles damit begründet, daË sie aus dem fünften Element, dem
28 Siche: Der Weg der Physik (hrag. S. Sambursky, Zürich 1975), S. 184
Letmorive
19
unzerstôrbaren Âther bestehen, im Gegensatz zu den irdisch
en
Kérpern, die aus den vier wandelbaren Elementen Feuer, Wasser,
Erde und Luft zusammengesetzt sind. Ferner seien die Bewegungen
der Sterne kreisfôrmig, hätten also weder Anfang noch Ende und
sind mit der ewigen Ruhe vergleichbar, während die Bewegungen
irdischer Kôrper unregelmälig sind, einen Anfang haben und ein
Ende nehmen,
Galilei argumentiert gegen diese Auffassung von zwei Ausgangspunkten her, einem empirischen und einem prinzipiellen. Mit
seinem Ende 1609 konstruierten Teleskop hatte er zu Beginn des
folgenden Jahres mehrere bedeutende astronomische Entdekkungen gemacht, darunter auch die Existenz der Sonnentlecken.
Diese wurden kurz danach von mehreren Astronomen unabhängig
voneinander beobachtet und verschiedentlich gedeutet, darunter
auch von dem jesuitischen Theologen und Astronomen Christoph
Scheiner aus Ingolstadt, der behauptete, die Sonnentlecken seien
Planeten, die in dem Raum zwischen Erde und Sonne um die Sonne
kreisen. Galilei hingegen wies überzeugend nach, daf die Flecken
sich dauernd verändern, entstehen, ihre Grôfe und Form ändern
und sich dann auflôüsen. Die Flecken, so schlof Gallei, befinde
n
sich auf der Sonnenoberfläche, und ihre Bewegung rührt von der
Rotation der Sonne um ihre Achse her. In seinen Brieten an Scheiner konnte er diesen richtigen SchluR mit den beobachteten Tatbeständen ausführlich begründen. Zwanzig Jahre später, im Jahre
1632, publizierte er den ganzen Sachverhalt in seinem Dialog über
die zwei bauptsächlichen Weltsysteme, das ptolemäische und das
kopernikanische.® Die Entdeckung und richtige Deutung der Sonnenflecken machte somit dem Glauben an die ewige Unveränderlichkeit der Himmelsregion ein Ende und wurde zu einem der Meilensteine auf dem Wege zur Erkenntnis der Einheit von Himmel
und Erde, welche die aristotelische Zweiteilung dieser Regionen
endgültig demolierte,
In demselben Werk fafte Galilei das gleiche Thema von einer
29 Àa.O.,S. 218ÿ-287
Page 10
View in PDF(opens in a new window)prinzipiellen Sicht aus an.” In seinem brillanten Stil argumentiert er
zugunsten der Überlegenheit der Veränderung gegenüber der
Lertmotive
21
platoniker in Alexandria, antizipiert, der seinen Glauben an die
Einheit beider von Gott erschaffenen Regionen physikalisch zu
Unveränderlichkeit in der Kosmologie. Er läfit einen der Teilfundieren suchte. Die Sterne, 50 argumentierte er, sind feurige
Kürper, und die Verschiedenheit ihrer Farben beruht auf der Verschi
estreben anhôren, daff die Eigenschaften des Unbecinflufibaren,
Unveränderlichen, Unwandelbaren usw. den Naturkôrpern,
Die These von der Einheit von Himmel und Erde wurde im 6. Jahrnehmer am Dialog mit folgenden Sätzen beginnen: ,1ch kann
nur mit grôfiter Verwunderung, ja mit grôfêtem innerem Widerwelche das Weltall zusammensetzen, als etwas Vornehmes und
Vollkommenes zugeschrieben werden, und im Gegensatz dazu die
Wandelbarkeir, Erzeugbarkeit, Veränderlichkeit usw. als etwas
sehr Unvollkommenes gelten sollen. Ich für mein Teil halte die Erde
für hôchst vornehm und bewundernswert gerade wegen der vielen
verschiedenartigen Wandlungen, Veränderungen, Erzeugungen
usw., die ohne Unterlaf auf ihr sich abspielen. Wäre sie im Gegenteil keiner Anderung unterworfen [...], so würde ich sie für ein auf
der Welc unnützes Ding, für müfig und, um es gerade herauszusagen, für überflüssig erachten, so gut als wäre sie in der Natur
gar nicht vorhanden; sie würde mir wie ein totes Wesen verglichen
mit einem lebenden erscheinen [...]. Welche grôkere Torheit kann
man sich vorsiellen, als wenn man Edelsteine, Silber und Gold für
Kostbarkeiten erklärt, die Erde und den Schlamm aber für vôllig
wertlose Dinge? Komimt es denn solchen Leuten gar nicht in den
Sinn, daË, wäre die Erde so selten wie die hôchst geschäczten Kleinodien und Metalle, es keinen Fürsten gäbe, der nicht gérne eine
Menge von Diamanten hingäbe, um nur so viel Erde zu erkaufen,
als man braucht, um einen Jasminstrauch in ein kleines Gefäf zu
pflanzen oder einen Pomeranzenstrauch zu säen, um zu beobachten, wie er keimt, wächst, so schônes Laub hervorbringt, so
duftende Blüten und so liebliche Früchte!“
Galileis Kampf um die Einheit von Himmel und Erde, die beide
veränderliche Erscheinungen einschlieBen, beschleunigte die Entwicklung, durch die sich im 17. Jahrhundert das neue physikalische
Welrbild zu kristallisieren begann. Schon im sechsten Jahrhundert
wurde Galilei durch Johannes Philoponos, den christlichen Neu30 4.4.0. S. 287-288
denheit des Brennstoffs, genau wie bei den irdischen Feuerquellen.
hundert durch die Glaubenssätze der monotheistischen Religion
motiviert, im 17. Jahrhundert durch ein neues, vom Rationalismus
getragenes Weltgefühl. Von Newton an wurde diese These zu einer
wissenschaftlichen GewifRheir.
Ein anderes Beispiel für die Einheit als Leitmotiv wissenschaftlicher Theorienbildung ist die Überzeugung, da sowohl die organische wie die anorganische Natur von denselben Vorgängen
beherrscht werden, die mit den Begriffen und Gesetzen der Physik
und Chemie erklärbar sind. 1m 19. Jahrhundert nahm diese Überzeugung feste Formen an, nachdem durch die Arbeiten von Joule,
Robert Mayer und Helmholtz das Gesetz von der Erhaltung der
Energie als einer der Grundsätze der Naturwissenschaft aufgestellt
wurde. Helmholtz hat seine klassische Abhandlung ,Über die
Erhaltung der Kraft“ im Jahre 1847 publiziert (in welcher ,Kraft'im
heutigen Sinne von ,Energie‘ benutzt wird), Zu Beginn spricht er
davon, daf einer der môglichen Ausgangspunkte seiner theoretischen Überlegungen der Satz ist, ,daf es nicht môglich sein kônne,
durch die Wirkungen irgendeiner Kombination von Naturkôrpern
aufeinander in das Unbegrenzte Arbeitskraft zu gewinnen“.?!
Helmholtz hat in den nachfolgenden Jahren den Satz von der
Érhaltung der Energie immer wieder in wissenschaftlichen und
populären Abhandlungen und Vorträgen ausführlich erläutert und
begründer. Gleich grof als Physiker und Physiologe, hat er auch
autoritativ die Gülrigkeit des Energiesatzes in der organischen
Natur behauptet, z.B. in einem Vortrag, den er 1861 in London
hielt.? Er betonte, daf die durch einen chemischen Prozel umgewandelte Energie unabhängig davon ist, auf welchem Wege dieser
31 À.a.0,,5. si6
32 Au.O.,S. $18-$22
Page 11
View in PDF(opens in a new window)Lertmotrve
13
+
Prozel verläuft, und da8 auch lebende Kôrper unter demselben
Hans Driesch zu Beginn unseres Jahrhunderts unter Berücksichti-
Gesichtspunkt betrachtet werden müssen.” Nachdem er dies näher
ausgeführt hat, sagt er zusammenfassend: ,Bis jetzt kônnen wir
noch nicht beweisen, da8 die durch lebende Kôrper geleistete
Arbeit genau den chemischen Kräften äquivalent ist, die in Bewegung gesetzt worden sind {...]; wir dürfen aber hoffen, dafi es in
nicht zu ferner Zukunft einmal môglich wird, dies mit grôkerer
Genauigkeit zu ermitteln [...]. Jetzt schon dürfen wir, glaube ich,
mit grofer Zuversicht vermuten, dail das Gesetz der Erhaltung der
Kraft auch für lebende Kürper gilt.“ Sieht man diese Tatsache als
gesichert an, so muf man nach Helmholtz die von vielen Physiologen der vorigen Generation vertretene Hypothese des Vitalismus
ablehnen. ,Sie vermuteten, da die physikalischen Kräfte im lebenden Kôrper zu jeder Zeit durch den Einfluf des ,vitalen Prinzips'
unterbunden oder ausgelüst werden künnten und daf dieses Agens
auf diese Weise Anderungen im Inneren des Kôrpers herbeiführe.*
guny des Satzes von der Erhaltung der Energie vertreten. Helm-
Dies ist aber, wie Helmholtz ausführt, mit dem Gesetz der Erhaltung der Energie unvereinbar, denn es würde die Postulierung eines
Perpetuum mobile im lebenden Kôrper implizieren. ,Die gegenwärtige Generation hingegen [...] ist nicht der Ansicht, da irgendwelche anderen Unterschiede zwischen den chemischen und den
holtzens Ausführungen trugen mit dazu bei, da auch heute die meisten Biologen die vitalistische Lehre ablehnen und an dem Prinzip
der Einheit der Natur festhalten. Obwohtf die biologische Forschung bis heute ausschliefilich auf der Theorie und Anwendung
von Physik und Chemie beruht, hat sie in den hundert Jahren nach
Helmholtz enorme Fortschritte gemacht. Wie ich aber schon bei
einer früheren Gelegenheit bemerkte, ist die vôllige Elimination
aller Minalität in der Biologie unbefriedigend angesichts der unleugbaren Tatsache, daf zumindest das Deriken und Handeln des Menschen von zielgerichteten Bestrebungen bestimmt ist. Es bleibt
noch eine offene Frage, ob vielleicht eine zuküntige Biologie zu
Vorstellungen führen wird, die den Rahmen der physikalisch-chemischen Begrifiswelt sprengen werden.
Nach diesen Beispielen von der Rolle, die der Begriff der Einheit
als Leitmouv der Forschung gespielt hat, môchte ich zum Leirmotiv
der Einfachheit und dem damit verbundenen der Symmetrie übergehen. Auch über dieses Thema habe ich schon vor cinigen Jahren
vor dicsem Forum gesprochen, und ich will mich daher im wesenulichen auf die Leitgedanken zweier groRer Physiker beschränken,
mechanischen Wirkungen innerhalb und auferhalb des lebenden
Kôrpers bestehen als solche, die durch die komplizierteren
Umstände und Zusiände erklärt werden kônnen, unter welchen
deren wir dieses Jahr gedenken. 1979 sind es hundert Jahre her, dal
diese Wirkungen stattfinden.“**
anderes Jahr eines solchen Zusammenfallens miteinander assoziierter Daten; 1642 war das Todesjahr Galileis und das Geburtsjahr
Soweit Helmholtz, der seine Behauptung vom einheitlichen Charakter der Naturvorgänge in der gesamten Natur, der belebien
sowie der anorganischen, mit einem Angriff auf den Vitalismus
verband, der Hypothese von einer besonderen Wesenheit, welche
die Kraft hat, organische Form zu erzeugen und zu erhalten, die
auch die Existenz eines ziclgerichteten Strebens in lebenden Orga-
Albert Einstein geboren wurde und James Clerk Maxwell starb.
Meines Wissens gibc es in der Geschichte der Physik nur noch ein
Newtons. So wie Newton von sich sagen konnte, daf er ein wenig
weiter sah als andere, weil er auf den Schultern von Riesen stand,
wobei er wohl auch an Galilei gedacht hatte, kann man sagen, dal
Einstein in seiner allgemeinen Relativitätstheorie weiter sah als
andere, weil er auf den Schultern von Maxwell stand,
nismen mit einbegreift. Der Vitalismus hat eine lange Geschichte,
Maxwell stellte in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
von Aristoteles bis Oken im 19. Jahrhundert, und wurde auch von
seine mathematische Theorie des Elektromagnetismus auf, deren
endgültige Form durch Symmetrieerwägungen bestimmt wurde.
Nachdem Faraday 1831 die elektromagnetische Induktion entdeckt
33 4.0.5. s19ff.
34 A.a.0., 5. 524-525
Page 12
View in PDF(opens in a new window)hatte, entwickelte Maxwell die Hypothese des elektromag
netischen
Feldes, das er als einen Spannungs- und Bewegungsz
ustan
d des
Âthers ansah, der den ganzen Raum kontinuierlich erfüli
t. Die
Einführung der Idee des physikalischen Feldes als einer
kontinuierlichen Gegebenheit anstelle der Newtonschen Vorst
ellung, daf
die physikalische Realität durch materielle Punkte und
die sie
bewegenden Kräfte erklärt werden kann, bedeutete einen
Wendepunkt in der Geschichte der Naturwissenschaft, an
Bedeutung
ähnlich dem zweihundert Jahre früheren von
Newtons Lehre.
Zunächst versuchte Maxwell, die beobachteten
Phänomene des
Magnetismus und der Elektrizität sowie ihres Ineinander
greifens
mechanisch zu erklären, indem er das Wirken des clekt
romagnetischen Feldes mittels mechanischer Modele darstellte.#
In der letzten Fassung seiner Theorie, die 186; publiziert wurde,
lie er aber
jede Bezugnahme auf mechanische Bilder fallen und begnü
gre sich
mit der Aufstellung und Interpretation seiner berühmten
beiden
Folgen mathernatischer Gleichungen. Die eine Folge
erklär
t die
kontinuierliche Natur elektromagnetischer Felde
r, die andere die
Art und Weise, wie Anderungen des magnetisch
en Feldes Ânderungen des elektrischen hervorrufen und umgekehrt.
Dies war in der Tat eine historische Wendung im physi
Denken. Maxwell war zur Überzeugung gclang
kalischen
t, dal das elektromagnetische Feld eine grundlegende physikalische Gegeb
enheir
die mechanisch zwar veranschaulicht, aber nicht
ist,
erklärt werden
kann. Die wahre Erklärung liefern die von ihm aufges
tellien mathematischen Gleichungen, deren symmetrische Form
alle Grundtatsachen des Élektromagnetismus widerspiegelt und
die man als Ausgangspunki für alle Berechnungen nehmen mu, aus
denen sich die
bekannten Erscheinungen ableiten lassen. Die mathe
matische Symmetrie wurde so zu einem Leitmotiv, das Maxwells
physikalische
Intuition und seinen mathematischen Genius zur
Aufdeckung der
wesentlichen Geseze führie, welche die elektrischen
und magnetischen Phäniomene und ihre Zusammenhänge beher
rschen. Wie ich
weiterhin ausführen werde, wurde die Kontinuums
auffassung der
35 Siche z.B. s.3.0.,5, 553-560
Lestmotnve
25
Maxwellschen Feldtheorie das Vorbild für Einsteins allgemeine
Relativitätstheorie und einheitliche Feldtheorie, die
ich am Schluf
meines Vortrags kurz besprechen will.
Die Symmetrie kann als ein Spezialfall der Einfachheit angesehen
werden, zu der ich folgendes bemerken môchte. Auf
die Natur
angewandt ist dieser Begriff ein ausgesprochen dialcktischer,
wie
ich in einem früheren Eranos-Vortrag kurz erwähnte. Die Fortschritte der Wissenschaft decken neue Bezichungen zwisch
en
anscheinend nicht verknüpften Dingen auf und bestätigen so
die
Idee der Einfachheit; andrerseits aber Zeigt eine immer mehr verfeinérté Experimentiertechnik, daf anscheineñd einfache Erscheinungen in mehrere Komponenten zerlegt werden kônnen, also kompli
zierter sind, als man vorher angenommen hatte. Line nähere
Betrachtung des Naturgeschehens legt die Vermutung nahe, dal
die
Natur, Weit entfernt davon cinfach zu sein, viclmehr äulberst komplex ist. Man kann daher von einem Mythos der Einfachheit sprechen; dieser Mythos aber war das Leitmotiv der Forschungen
Albert Einsteins, das ihm den Weg zu seinen epochemachenden
Theorien wies, der Theorie der Lichtquanten und der Kelativitätstheorie,
Gestatten Sie mir, das soeben Gesagte genauer zu präzisi
eren.
Zu dem Zwecke werde ich einige Passagen von dem ziticren, was
Einstein in den fünfzehn Jahren nach dem Hôëhepunkt seiner
Forschungen über seine Philosophie der Physik geäuRert hat. Diese
Philosophie kristallisierte sich als gedankliches Nebenprodukt
seiner theoretisch-physikalischen Arbeiten heraus, vom Jahre 190$
an
(Lichiquantentheorie und spezielle Relativitätsthcorie)
bis zum
Jahre 1916, in dem seine allgemeine Relativitätstheorie publizi
ert
wurde.
Zunächst sei betont, daf Einstein sich der Komplexität
der
Gesamterscheinungen der Natur durchaus bewuft war. In
einer
Rede, die er 1918 zum 60. Geburtstag von Max Planck
hielt, sprach
er vom Wektbild des theoretischen Physikers: ,Es stellt die hôchsten Anforderungen an die Straffheit und Exaktheit der Darstellung
der Zusammenhänge, wie sie nur die Benutzung der mathem
Page 13
View in PDF(opens in a new window)schen Sprache verleiht. Aber dafür mu sich der Physi
ker stofflich
un so mehr bescheiden, indem er sich damit begnü
gen mu, die
allereinfachsten Vorgänge abzubilden {...)}, währ
end alle komplexeren Vorgänge nicht mit jener subuilen Genau
igkeit und
Konsequenz, wie sie der theoretische Physi
ker fordert, durch
den menschlichen Geist nachkonstruiert werde
n kônnen. Hôchste
Reinheit, Klarheit und Sicherheit auf Kosten
der Vollständigkeit.** Einstein fragt nun: Wenn man nur einen 50
kleinen Ausschnitt der Natur genau erfassen kann, verdiens das
Érgebnis noch
den Namen ,Weltbild‘? Seine positive Antwort auf diese
Frage
berührt einen wesentlichen Punkt seines wissenscha
ftlichen Credos: ,Der stolze Name ist wohlverdient, denn die
allgemeinen
Gesetze, auf die das Gedankengebäude der theor
etischen Physik
gegründet ist, erheben den Anspruch, für jedes Natur
geschehen
gültig zu sein. Auf ihnen sollte sich auf dem Wege reiner
gedanklicher Deduktion [...] die Theorie eines jeden Naturproze
sses einschlieflich der Lebensvorgänge finden iassen [-..} Der
Verzicht
des physikalischen Welrbildes auf Vollständigkeit ist
also kein prinzipieller,“?7
Diese Sätze zeigen klar den radikalen Intellektualisinus
auf den sich seine Philosophie gründet. im Prinz
Einsteins,
ip, so behauptet er,
kann der Theoretiker die Gesetzmäkigkeit der gesam
schen Realicät gedanklich deduzieren, wenn es
ten physikaliihm nur gelingt, die
richtigen mathematischen Ansätze zu finden. »Hôch
ste Autgabe
der Physiker“, so fährt Einstein fort, .ist das Aufsuchen
jener allgemeinsten elementaren Gesetze, aus denen
durch reine Deduktion
das Wekbild zu gewinnen ist. Zu diese
n elementaren Gesetzen
fühnt kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfü
hlung in die
Erfahrung sich stützende Intuition.“ Hier grenzt
sich Einstein
implizite gegen Newtons Auffassung von der theor
etischen Physik
ab, die er in einem anderen Essay ausdrücklich
der seinen gegenüberstelle®, die den rein fiktiven Charakter der Grund
lagen
36 Albert Einstein, Mein Weitbild (Berlin 1977), S.
108
37 À.a.0O.,5. 109
38 À.a.O.,S. 113-119
einer
Lettmotive
27
physikalischen Theorie betont, Newton, der
erste Schôpfer eines
umfassenden, leistungsfähigen Systems der theor
etischen Physik,
glaubte noch daran, daf die Grundbegriffe und
Grundgesetze seines Systems aus der Erfahrung abzuleiten seien
. Sein Wort >hyp
otheses non fingo‘ ist wohl in diesem Sinne zu
interpretieren [.…].
Die Begriffe Masse, Trâgheit, Kraft und ihr geset
zlicher Zusammenhang schienen der Etfahrung unmittelbar entle
hnt zu sein.“ In
einem späteren Artikel”, betitelr -Physik und Reali
tät“, betonte
Einstein noch ausdrücklicher die Unabhängigke
it von theoretischen Begriffen und Sinneswahrnehmungen. Die
physikalischen
Begriffe und Gesetze werden nicht aus der Érfahrun
g abgeleitet, sie
sind keine Abstraktions- oder Extraktionsprodu
kte der Sinneserlebnisse. Es handelt sich hier nicht, wie Einsteins
sehr handfester
Vergleich lautet, ,um eine Beziehung wie die der
Suppe zum RindÎleisch, sondern eher wie die der Garderobennu
mmer zum Mantel“. Mit anderen Worten: Es liegen hier
zwei voneinander
gétrennte Komplexe von Gegebenheiten vor, die
man einander eindeutig zuordnen mul. Dem richtigen mathemat
ischen Spürsinn
muf und wird es gelingen, diese voneinander unab
hängigen Bereiche des reinen Denkens und der Naturgesetzlich
keit zu vollständiger Deckung zu bringen.
Der hier skizzierte Standpunkt Einsteins ist im Grun
de genommen derselbe, den der Begründer der symbolis
chen Logik George
Bool
e in der Mitte des vorigen Jahrhunderts vert
reen hat und den
Man étwa so wiedergeben kann‘': Würden wir die
Gesetze des richüigen Denkens strikt befolgen und sie in die ange
messene mathematische Sprache übersetzen, so werden sich die
Operationen des
Intellekts und die der Natur vollständig decken. Dann
wird sichuns
die Herrschaft der Notwendigkeit in der Welt des
Verstandes und
der Empirie zugleich in ihrer Vollkommenheit
offenbaren. Während uns aber die Beobachtung der Aufenwelt in
steigendem Male
39 Albert Einstein, Aus meinen späten Jabren (Stutig
art 1979), S. 63 ff.
40 À.a.O., 5. 68
41 George Bocle, An Investigation of the Laws of
Thoughr (Cambridge 1854),
Page 14
View in PDF(opens in a new window)Leitmotive
29
zeigt, daff in allen Bezirken der Natur eine ausgesprochene Ge-
AI diese gingen von der metaphysischen Annahme aus, daf im
setzlichkeit herrscht, sind uns die mathematischen Gesetze des
Einstein bezeichnete zuerst die Grundbegriffe und Grundgesetze
Universum eine mathematische Harmonie herrsche, die durch
Vollkommenheit und Einfachheit gekennzeichnet ist und z.B. im
symmetrischen Bau physikalischer Gesetze und mathematischer
der theoretischen Physik als ,freie Erfindungen des menschlichen
Gleichungen ihren Ausdruck findet. Es ist durchaus verständlich,
Geistes“, ähnlich den Axiomen der Geometrie. Diese Bezeichnung
schränkte er später wieder ein, indem er sie wie folgt charakterisierte: , Mit dieser Freiheit ist es nicht weit her; sie ist nicht ähnlich
der Freiheit eines Novellen-Dichters, sondern vielmehr der Freiheit
eines Menschen, dem ein gut gestelltes Worträtsel aufgegeben ist.
daf Einsteins Worte zum dreihundertsten Todestag Keplers (1930)
nicht nur sein Gefühl der Verehrung, sondern auch das der Liebe zu
richtigen Denkens noch nicht bekannt.
Er kann zwar jedes Wort als Lôsung vorschlagen, aber es gibt wohl
nur eines, welches das Rätsel in allen Teilen wirklich auflôst.**? Dic
diesem Forscher durchblicken lassen. ,Gerade in so sorgenschwerer und bewegter Zeit wie der unsrigen*, so heiflt es da, ,[...] ist es
besonders trôstlich, eines so überragenden sullen Menschen wie
Keplers zu gedenken [...]. Ein Einsamer, von niemand Gesrützter
und wenig Verstandener! [...| Zur Bewunderung für diesen herrlibisherigen Erfolge der Wissenschaft, so schliellt Einstein, berechtichen Mann gesellt sich noch ein anderes Gefühl der Bewunderunyg
gen uns zum Glauben, daË die Natur diesen Charakter eines solund Ebrfurcht, das aber keinem Menschen gilt, sondern der rätselhatten Harmonie der Natur, in die wir hineingeboren sind [...].
chen gut gestellten Rätsels habe.
Nachdem Einstein mehrfach betont hatte, dal die axiomatische
Aus Keplers wunderbarem Lebenswerk erkennen wir besonders
Grundiage der Physik nicht aus der Erfahrung erschlossen werden
schôn, daB aus blofier Empirie allein die Erkenntnis nicht erblühen
kann, stellt er die Frage, ob wir dann überhaupt hoffen diürfen, den
kann, sondern nur aus dem Vergleich von Erdachiem mit dem Berichtigen Wey zu finden, und beantwortet sie positiv:" Nach unnerer bisherigen Erfahrung sind wir nämlich zum Vertrauen berechobachteten.*“*?
uigt, da8 die Natur die Realisierung des mathematisch Einfachsten
ist. Durch rein mathematische Konstruktion vermôgen wir nach
meiner Überzeugung diejenigen Begriffe und diejenige gesetzliche
Verknüpfung zwischen ihnen zu finden, die den Schlüssel für das
Verstehen der Naturerscheinungen liefern [...]. Das eigenclich
schôpferische Prinzip liegt [...] in der Mathematik. In einem gewisgetreu er seine erkenntnistheoretischen Maximen befolgt hat. Die
Ausgangspunkte seiner Überlegungen waren nicht rein empirischer, sondern theoretischer, prinzipieller Natur, und Analogiebetrachtungen und Symmetricargumente spielen in ihnen eine grofle
Rolle. Man kann sagen, dafi die Grundlage dieser Überlegungen die
Idee der Einfachheit ist. In den einleitenden Sätzen seiner Abhandlung über die Quantentheorie des Lichts weist Einstein darauf hin,
daf man bei wägbaren Kôrpern, z.B. bei der Erklärung der Gassen Sinne halte ich es also für wahr, daff dem reinen Denken das
Erfassen der Wirklichkeit môglich sei, wie es die Alten geträumt
haben.“#*
Die Lektüre von Einsteins wichtigsten Arbeiten zeigt uns, wie
gesetze, heute von der Annahme ausgehe, daË ein Gas aus Atomen
dieses Dogma Einsteins, das zum Leitstern seines wissenschaftlichen Lebenswerks wurde, stellt ihn in die lange Reihe groker Denker, die ihm vorangingen, von Pythagoras bis Kepler und Maxwell.
und Molekülen besteht, während man vorher Gase als kontinuierliche Kôrper ansah. Demgegenüber werde bei der Erklärung von
Lichterscheinungen ausschliefilich die Kontinuumshypothese des
elektromagnetischen Feldes zugrunde gelegt. Analog zur Korpus-
42 Aibert Einstein, Aus meinen späten Jabren, $. 69
43 Albert Einstein, Mein Welthild, S, 147-151
»Die Natur als Realisierung des mathematisch Einfachsten“ -
Page 15
View in PDF(opens in a new window)Leitmotive
Zeit zusammen, den beiden Grundpfeilern der Newtonschen
Physik.
Ferner postulierte Einstein die Konstanz der Lichtgcschwindigkeit als Naturgesetz — ihre Grôe muf unabhängig vom Bewekulartheorie wägbarer Kürper müften aber auch die Erscheinungen
des Lichts von der Hypothese seiner quantenhaften Struktur abgeleitet werden. Dabei betont Einstein, dal bei der Erklärung man-
Planck fünf Jahre vorher (1900) aufgestellt hatte, um die Gesetze
end ms ne
enr M SU ere
gungszustand des Beobachters sein, was mit dem negativen Resultat
ES BP
cher Erscheinungen die Vorstellung von der wellenfôrmigen Natur
des Lichts zu gro$en Schwierigkeiten führt, während die Lichtquantenhypothese eine einfache Deutung der Phänomene ermüglicht. So kann man z.B. alle Einzelheiten des photoelektrischen
Effekts befriedigend erklären, wenn man annimmt, da bei der
Bestrahlung einer Metallfläche mit Licht eine Wechselwirkung der
auffallenden Lichtquanten und der Elektronen im Metall stattfindet. Die überzeugenden Ergebnisse von Einsteins Arbeit vom Jahre
1905 verhalfen der Quantentheorie zu einem Durchbruch, in dessen Gefolge sich die Quantenmechanik entwickelte. Diesen Durchbruch hätte die Hypothese ad hoc wohl kaum erzielen künnen, die
der Wärmestrahlung den beobachteten Tatsachen anzupassen.
det. Ein wesentlicher Spezialfall einer beschleunigten Bewegung ist
die Fallgeschwindigkeit eines Kôrpers im Gravitationsfeld, und
daher wird die allgemeine Relativitätstheorie zu einer Theorie der
Gravitation. Zunächst gibr Einstein zum ersten Mal eine physikalische Deutung der altbekannten Tatsache, da8 alle Kürper im Gravitationsfeld gleich schnell fallen, unabhängig von ihrer Masse. Die
trâäge Masse eines Kôrpers, der in einem gravitationsfreien Gebiet
seine spezielle als seine allgemeine Relativitätstheorie. Seine Feststellung, daf ein Naturgesetz unabhängig vom Bewegungszustand
eines Beobachters sein muf, hatte schon die Newtonsche Physik
implizite für mechanische Vorgänge und für Beobachter postuliert,
die sich relativ zueinander in gleichfôrmig-geradliniger Bewegung
befinden, die physikalisch äquivalent dem Ruhezustand ist. In der
ruht, ist gleich seiner schweren Masse, die unter dem Einflu£ der
DRE ERETS PTS
speziellen Relarivitätstheorie (190$) erweiterte Einstein dies Postuhat aber bisher diese beiden Fälle, die ein und dieselbe Érscheinung
hervorrufen, verschieden erklärt, was erkenntnistheoretisch unbeder Versuche übereinstimmte, einen Einfluf der Bewegung einer
Lichtquelle auf die Geschwindigkeit des Lichts nachzuweisen.
Diese beiden Postulate der speziellen Relativitätstheorie führten zu
einer Vereinheitlichung mechanischer und elektromagnetischer
Gesetze, also zu einer grôfieren Einfachheit des physikalischen
Weltbildes, und zu so revolutionären, von der Erfahrung bestätigten Konsequenzen wie dem Satz von der Âquivalenz von Masse und
Energie.
An die Spitze der allgemeinen Relativitätstheorie (1916) stellt
Einstein das verallgemeinerte Postulat, dafl Naturgesetze unabhängig von Jedem beliebigen Bewegungszustand eines Beobachters sein
müssen, auch wenn er sich in einer beschleunigten Bewegung befin-
Weitere Beispiele für die prinzipiellen Erwägungen Einsteins, die
er zu Ausgangspunkten seiner Theorien machte, bieten sowohl
lat auch auf die elektromagnetischen Erscheinungen. Die Erklärung
der elektromagnetischen Induktion, so argumentierte er, mul ein
und dieselbe sein, gleichviel ob relativ zum Beobachter der Magnet
ruht und der elektrische Leiter sich bewegt oder umgekehrt. Man
31
Gravitation beschleunigt fällt, Dann macht Einstein ein ingeniôses
Gedankenexperiment: Ein im Gravitationsfeld frei fallender Beobachter wird feststellen, daf alle Kürper in seiner Umgebung, wenn
sie ebenfalls frei fallen, sich relativ zu ihm im Ruhezustand befinden. Er kônnte also nicht entscheiden, ob sowohl er als auch diese
müssen also unabhängig vom Bewegungszustand des Beobachters
KGrper sich im gravitationsfreien Raum befinden und dem Trigheitsgesetz gehorchen, oder ob sich alle im Gravitationsfeld
beschleunigt bewegen. Als Gegenstück hierzu kann man sich mit
Einstein einen Beobachter denken, der sich im gravitationsfreien
sein. Damit brach die Idee vom absoluten Raum und der absoluten
Raum befindet, und zwar in einem Kasten, der durch ein am Dach
friedigend ist. Es kônnen nur Relativbewegungen existieren, und
die elektromagnetischen Gesetze, genau wie die mechanischen,
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View in PDF(opens in a new window)befestigtes Seil nach oben hin beschleunigt gezogen wird. Diesem
Beobachter wird es so erscheinen, als ob alle im Kasten schwebenden Gegenstände ein und dieselbe nach unten hin beschleunigte
Fallbewegung ausführen, und daf er selbst auf dem FuRboden, auf
dem er steht, einen Druck verspürt. Er wird also den Schluf ziehen,
daf er und der Kasten in einem Gravitationsfteld ruhen. Es handelt
sich um zwei iquivalente Vorgänge, und aufgrund dieses Gedankenexperiments stellte Einstein sein Âquivalenzprinzip auf: Eine
beschleunigte Bewegung im gravitationsfreien Raum ist einer Trägheitsbewegung (die auch die Ruhe einschliefit) im Gravitationsfeld
äquivalent.
Durch eine kühne Verallgemeinerung zog Einstein die Schlufifolgerung, daf jede Bewegung eine Trägheitsbewegung sei, auch die
unter dem Einflu8 der Gravitation stattfindende. Konzeptuell führt
dieser Schluf zu einer grôkeren Einfachheit des Weltbildes, weil
damit die Zweiteilung Trägheit-Gravitation aufgehoben wird. Im
gravitationsfreien Raum, fern von allen Himmelskôrpern, ist die
Trägheitsbewegung cine gleichfôrmig-geradlinige, denn dort ist die
Metrik des Raumes eine ebene, d.h. seine Mafiverhältnisse kônnen
mit der euklidischen Geometrie beschrieben werden. In der Nähe
grofer Massen, wie z.B. der Sonne, ist aber die Metrik eine nichteuklidische, Die Bahnen der um die Sonne kreisenden Planeten sind
daher gekrümmt, und ihre Bewegung ist ungleichfürmig; denn die
Trägheitsbewegung erfolgt da auf geodätischen Linien, d.h. auf den
geradesten Bahnen, welche die dort herrschende Metrik zulafit.
Einstein schaffte somit die Gravitationskraft ab, indem er sie geometrisierte und als bedingt durch die Weltmetrik erklärte, die von
der Verteilung der Massen im Raum bestimmt ist. Für die mathematische Darstellung der ganzen relativistischen Mechanik, inklusive
der Gravitationserscheinungen, benutzte Einstein den Tensorkal-
Lettmotive
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Darüber hinaus aber wurde die Einsteinsche Gravitationstheorie
zum natürlichen Ausgangspunkt einer Kosmologie, deren Entwicklung in den letzten sechzig Jahren die moderne Astrophysik
und unsere Vorstellung vom Bau des Universums revolutioniert
hat.
Trotz dieser groBen Erfolge der allgemeinen Kelativitätstheurie
sah Einstein, der radikale Verfechter einer Kontinuumsauftassung
des Weltalls, seine Aufgabe noch nicht als beendet an. Es galt, analog zu den mechanischen Kräften, die elektrische und die magnetische Kraft zu geometrisieren, wobei auch die Existenz elektrisch
geladener Teilchen aus der Kontinuumstheorie heraus erklärt werden mufte. Dies versuchte Einstein mit seiner einheitlichen Feldtheorie zu erreichen, der mathematischen Beschreibung einer
erweiterten raum-zeitlichen Metrik, die sowohl die Erscheinungen
der Gravitation als die des Elektromagnetismus in ein einheitliches
System zusammenfassen sollte, in ein Weltbild, das die Idee der
Einheit mit der Realisierung des mathematisch Einfachsten verbindet. An dieser Theorie arbeitete Einstein unablässig von 1929 bis zu
seinem Tode im April 195$, unbekümmert um die ganze Entwicklung der Quantenmechanik und der Physik der Elementarteilchen;
er konnte jedoch mit dieser grandiosen Konzeption zu keinem
greifbaren Ergebnis kommen.
Es liegt ein tragischer, aber auch erhebender Zug in diesem Streben eines genialen Denkers nach äuferster Konsequenz, dem kein
endgültiger Erfolg beschieden wurde. Andrerseits dürfen wir aber
nicht vergessen, da8 auch die entgegengeserzte Konzeption der
Quantenmechanik, welche die physikalische Realität durch Elementarteilchen und verschiedene Typen von Kräften erklären will, bis
heute noch keine befriedigenden Resultate gezeitigt hat. Einstein
hat Grokes gewollt und erfafit, und es war dieser Wille und
kül, mit dem er seine Ideen klar entwickeln konnte. Diese Geomediese Intuition, die seinen Genius in der begrenzten Spanne eines
trisierung der Gravitation führte zu Ergebnissen, die vollständiger
und genauer sind als die der Newtonschen Gravitationstheorie;
Menschenlebens so viel Unverhofftes hat erreichen lassen. Sein wisunter den Tatsachen, die sie voraussagte, sind auch die Lichtablensenschaftliches Werk kann man, um einen Ausspruch Heraklits
(Fr. 18) zu paraphrasieren, mit den Worten kennzeichnen: Nur wer
kung und die Verlangsamung des Zeitablaufs im Gravitationsfeld.
das Unverhoffte erhofft, wird es finden.