Show full text14 pages
Page 1
View in PDF(opens in a new window)|
14689
FLaëan M., Eunoe-Mnemosyne : ZAnt IX 1959 57-83. | Chez Dante les
deux fleuves Létè et Eunoé sont les héritiers du couple Léthè-Mnémosyne,
c'est-à-dire de notions issues de la doctrine a
des Ames et appartenant à la mystique antique
A
NAJSTARIJI GRÖKI ACCUSATIVUS CUM
INFINITIVO
_
„Jako infinitivi nisu veoma &esti glag. oblici mikenskog grékog,
ipak se na natpisima iz Pila sreéu nekoliko puta, i to obiëno posle
glagola eùyopar i dpelAw. Na primer:
Eb 297, | i-je-re-ja e-ke-qe e-u-ke-tosge e-to-ni-jo e-ke-e te-o
2 ko-to-mo-o-ko-de ko-to-na-o ke-ke-me-na-o o-na-ta e-ke-¢
(=lépeia Eyer re ebyetat re Pioróvow? Eye Ody?
„rorvobyar? BE xrowswy zexepueviov Ovata Every)
(="EptOx ifpera tycr ebyerat re ?iordviov? Éyew Ody?)
1—2 ka-pa-ti-ja
ka-ra-wi-po-ro...
e-ke-qe
to-so-de
ke-ke-me-no ko-to-no ... 0-pe-ro-sa-de wo-z0-e 0-wo-ze
pe-mo
Ep
Inereputvo xrolvi ... dgstrovar dt Föplew 8? Féster)
704, 7 ka-pa-ti-ja ka-ra-wi-po-ro c-ke ke-ke-me-no 0-pe-ro-sa
Wo-ze-e O-U-WO-ze
Kapradix waFipbpos
Féotew % = Fopler)
ui
A
vexcouéve
ta
dyeldoves,
”
Mund
isà
cije Posle glagola ciyona: i ópelhw (poznata jos od Homera) karakteristiöna je i za gröki jezik mikenske epohe. lako nam sve reti
i poneke
pojedinosti
¿vim jasne (na pr.: wo-Z0-e 0-wo-Ze, du-wo-u-pi
teksta nisu sawo-ze-e o-u-wo-ze).
Iblik wo-zo-e je po svoj prilici pisareva greSka umesto
pravilnoga
vo-ze-e (= Fépdew <*yrgje-en).
a
:p
Autori Documents in the Mycenaean Greek (p. 90) su u Eb 297 i
704
vom
opazili
slucaju
byoust,
a-si
konstrukciju
moze
kriti
akuzativa
obitna
sa
infinitivna
infinitivom,
iako
se u
konstrukcija
uz glagol
Medutim u drugom primeru (Ep 704, 5—6: ... da-mo-de
-mi
ko-to-na-o|
ke-ke-me-na-o
o-na-to
e-ke-e to-so pe-mo
=...
Guos SÈ uly pact xrowdev excpuevéov dvaróv Eyeev +6cov pepuby
»dn, pépux) imamo najstariji zabeleZeni akuzativ sa
infinitivom u
rckom jeziku posle verba dicendi (pul). Tekst je
u poslednjem priıeru i sa leksitke, i sa fonetske, i sa morfoloske
i sa sintaktitke
rane dosta jasan.
Skoptje.
are de la migratigp
basse
époque.
>
LA
EUNOE — MNEMOSYNE
I
Die Wasser der Letè und Eunoè in Dantes Divina commedia
In den letzten Gesängen des Purgatorio, welche der Beschreibung
des Paradiso terrestre und der Vision, der Dante dort teilhaftig wird,
erwähnt, denen im bunten Gewebe der allegorischen Dichtung Dantes
ein besonderer symbolischer Sinn anhaftet. Es sind die aus gemeinsamer, übernatürlicher Quelle fließenden Ströme Leté und Eunoë.
Ihre Bedeutung für Dantes Flug zum Himmel liegt darin, daß diese
tümlichen Lustrationsritus verwendet werden, der, zugleich Vergessen
und Erinnerung bringend, erst die Seele des Dichters zur eigentlichen
Himmelsreise bereit macht und befähigt.
Dantes Beschreibung der Leté und Eunoé ist mit der Beschreibung
Éyer
An 218, | o-da-a, a-na-ke-e o-pe-ro-te.
(=t8ax avaryew dpetovres).
...
Kaoëÿto se vidi iz gornjih primera, upotreba infinitivne konstruknisu poznate (na pr. e-to-ni-jo)
de
s
zwei Ströme gemeinsam, als Bad und doppelter Trunk, zu einem eigen»
( =KapraDio #haFi@bpos ... Eyer ze zoaévde pepuév
du-wo-u
(=
.
gewidmet sind, werden öfters zwei Wasser, zwei Bäche oder Flüsse
Ep 704, 5 e-ri-ta i-je-re-ja e-ke e-u-ke-1o-qe e-to-ni-jo e-ke-e teo...
Eb 338,
.
M. D. P.
der Sphären-, bzw. der Himmelsreise des Dichters und seiner Erlebnisse
während dieser Reise fest verbunden, so daB man an mehreren Stellen.
der Gesänge 28—33 des Purgatorio von diesen Flüssen Kunde bekommt.
Hier mag nur das Bedeutsame hervorgehoben werden, da ja Leté,
öfters nur um der Verdeutlichung der Topographie willen erwähnt
wird. Im 28. Gesang des Purgatorio gelangt Dante, nachdem er mit
Vergil durch eine Einhegung von Flammen in die Höhe des irdischen
Paradieses gekommen war und nachdem ihn Vergil verlassen hat,
an die Grenze des irdischen Paradieses. Diese Grenze bildet ein Bach
oder Fluß. Es ist Leté, die durch einen dunkeln Wald fließt, so daß
kein Sonnenstrahl sich in ihr spiegeln kann. Es ist so recht ein verborgener dunkler Fluß des Vergessens. Und doch muß der Leser hören,
daß das Wasser des Baches an krystallener Klarheit alle irdischen
Gewässer weit übertrifft, daß seine Ufer voll Blumen sind und daß
sich auf der anderen Seite eine wundervolle, sonnige und blumenreiche
Wiese befindet (vgl. Purg. 28: 61—70, 121—144), Solch ein in der
irdischen Wirklichkeit unmögliches Ineinanderspielen zweier grundverschiedener Bilder und Beschreibungen mahnt zur Vorsicht bei der
Interpretation. Es zeigt, daß es sich wohl um Bilder von eigenem symbolichen Wert handelt, die der Dichter auf Grund alter Überlieferung
handhabt. Denn ein Ineinanderfließen des Bildes vom wohlbekannten,
stillen, dunkeln, verborgenen Wasser der Lethe und des in hellenischen
und christlichen Anschauungen wohlbekannten paradiesischen Blumen-
Page 2
View in PDF(opens in a new window)Eunoè — Mnemosyne
gartens altorientalischen Ursprungs muß bei Dante einen Grund und
Sinn haben, umsomehr als Lethe in der antiken und mittelalterlichen
getrunken, die Erinnerung an alle begangenen guten Taten. Beides
macht die Seele zur eigentlichen Himmglsreise, zum Übertritt in das
Oberlieferung in der Regel als Unterweltsflu8 oder Quelle bekannt
war, aber nicht als Grenzwasser des (irdischen) Paradieses, obwohl
Lethe in der Unterwelt der Vergilischen Aeneis schon durch das Elysium flieBt. Das ist cine Eigentiimlichkeit der Topographie des Vergilischen Jenseits, die aus besonderen antiken, mystischen Lehren erwachsen ist. Dieser Ursprung des Bildes, der durch das Elysium flieBenden Lethe bei Vergil, zeigt wiederum, daß man auch Dantes Grenzfliisse des irdischen Paradieses nicht ohne geniigenden Grund als ein
Produkt der Phantasie des Dichters bezeichnen kann, da ja auch Dantes
Jenseitsvorstellungen, gleich jenen Vergils, aus älteren Quellen zum
größten Teil bezogen und keineswegs von vornherein als Schöpfungen
Dantes zu betrachten sind.
Dantes Beschreibung der Letè und Eunoé enthält ganz bestimmte
Anhaltspunkte, die eine Möglichkeit bieten, dem Ursprung des antithetischen Paares auf die Spur zu kommen. Im Purgatorio 31, 91—102
wird berichtet wie Matelda Dante in den Fluß der Leté zieht, ihn ins
Wasser der Let& taucht und wie Dante vom Wasser der Leté trinkt.
So gelangt Dante in das irdische Paradies. Sein Flug durch die Sphären
bis zum Empyreum kommt aber erst nach einem zweiten Trunk, dem
Trunk des Wassers der Eunoé (Purg. 33, 138). Dabei muß man besonders hervorheben, daß von einem Eintauchen in das Wasser der Euno&
59
Jenseits, in eine andere Welt, bereit. Auf den ersten Blick ist dies
scheinbar eine einfach: und leicht verständliche allegorische Beschreibung, die im Grunde der christlichen, kirchlichen Lehre entsprechen
könnte. Doch wenn auch ein Vergessen aller Sünden beim Übergang
ie ha
in den Himmel auch im Sinne der christlichen Lehren wohl als am
Platze empfunden werden konnte, so ist es doch, vom Standpunkt
derselben Lehre, etwas befremdlich, warum die Seele, die sich dem
„sündigen“ Erdenleben entzieht, sich der im Erdenleben begangenen
guten Taten erinnern soll, warum sogar eben solch ein Erinnern der
Seele erst die eigentliche Himmelsfahrt ermöglichen soll. Man kann
wohl oder übel eine Erklärung auf Grund christlicher Auffassungen
geben. Das ist auch meist das Vorgehen der Erklärer Dantes, die damit
aber im Grunde nur mit anderen Worten die Auffassung, die man bei
Dante salbst vorfindet, wiedergeben. Es wird auf diese Weise die Frage,
wozu solch ein Sicherinnern an begangene gute Taten in einer christlichen Himmelsfahrt nötig ist, nicht gelöst, noch wird die Grundvorstellung, die hinter der christlichen Umdeutung, welche man bei Dante
findet, versteckt ist, auf diese Weise bestimmt.
II
bei Dante kein Wort fällt. Erst die Wirkung beider Wasser befähigt
die Seele zur Sphärenreis: und zum Übergang in den Himmel. Die
Worte, die die wundertätige Kraft des Wassers der zwei Flüsse erklären,
müssen hierher gestellt werden:
Neuere und ältere Erklärungsversuche
Indem ich mich mit der Frage des Einflusses der Divina commedia
(als Vermittlerin antiker Überlieferung) auf das Werk des jugoslaviL’acqua che vedi non surge di vena,
che ristori vapor che gel converta,
come fiume ch'acquista e perde lena;
ma esce di fontana salda e certa,
che tanto dal voler di Dio riprende,
quant’ ella versa da due parti aperta.
Da questa parte con virtù discende
che toglie altrui memoria del peccato;
dall' altra d'ogni ben fatto la rende.
Quinci Letè; così dall’altro lato
Eunoè si chiama; e non adopra,
se guinci ¢ quindi pria non è gustato.
A tutt’ altri sapori esto è di sopra.
(Purg.
28,
121—133).
Der symbolische und mystische Sinn dieser Bilder ist klar gekennzeichnet.
Um zusammenzufassen: es handelt sich also um zwei Flüsse von
übernatürlichem „Wasser“ die aus derselben, göttlichen Quelle fließen.
Der eine, Leté, bringt der darin eingetauchten Seele das Vergessen
der Sünde, der andere, Eunoé, bringt der Seele, die von seinem Wasser
schen Dichters Petar Petrovié Njegos (1813—1851) befaßte, mußte
ich auch die Stellen, welche von den Flüssen Leté und Eunoé bei Dante
sprechen, behandeln. Dabei kam ich zum negativen Schluß, daß von
einem nachweisbaren und
unzweideutigen Einfluß Dantes auf das
Werk des jugoslavischen Dichters in diesem Falle, wie auch in anderen
ähnlichen Fällen, nicht die Rede sein kann, ja daß solch ein Einfluß
Dantes auf Njego3 überhaupt nicht wahrscheinlich ist, wie ich noch
im Abschnitt V. dieser Arbeit etwas eingehender zeigen werde. Andererseit abzr kam ich zu einer Erklärung der Geschichte und des Ursprungs von Dantes Leté-Eunoé auf Grund antiker Parallelen. Die
mir in Belgrad zu jener Zeit zur Verfügung sichenden neueren, modernen Kommentare und Untersuchungen über Dante gaben über den
Ursprung von Dantes Eunoé, bzw. Leté-Eunoé, entweder keinerlei
Auskunft, oder sie bezeichneten Eunoé als Dantes Erfindung, oder
es wurde eben einfach festgestellt, daß keine Erklärung von Dantes
Eunoé bislang vorliege. Jetzt habe ich Gelegenheit, eine Reihe neuerer
und älterer Kommentare und Untersuchungen, die Dantes Purgatorio
gewidmet sind, durchzusehen und muß feststellen, daß einige ältere
Erklärer auf die in Frage stehenden antiken Parallelen zum Teil hingewiesen haben. Dennoch habe ich Grund genug, meine Erklärung, die
mir ziemlich wahrscheinlich und einleuchtend erscheint, hier vorzulegen,
Page 3
View in PDF(opens in a new window)Eunce — Mnemasyne
_
Attilio Momigliano’) paraphrasiert in seiner Erklärung cinfach Dantes Text, indem er sagt, daB nach Dante Leté das Vergessen
der Siinden bringt, während Eunoé ,,restituisce la memoria del bene
fatto“, doch warum, auf Grund welcher Gedankenentwicklung sich
die Seelen die Erinnerung an begangene gute Handlungen wiedererobern (riacquistata sagt Momigliano) und was das für die Himmelsfahrt der Seele bedeuten soll, sagen auch diese Erklärungen nicht,
Aus Momiglianos Kommentar zum Purgatorio 33, 127") sieht man,
daß er den zweifachen Trunk von den Wassern der Leté-Eunoé für
eine Erfindung Dantes hält, denn er sagt: „Di qui la genialita ¢ la
convenienza poetica dell'invenzione del doppio lavacro (eigentlich
ist es cin Bad und ein zweifacher Trunk), che cancella il ricordo del
male commesso e libera le anime dall’oppressione che le ha atristate
lungo le cornici del monte, e vi costituisc? quello del bene, che la penitenza aveva spento“. Ganz unbestimmt ist die Bemmerkung in der
von der italienischen Dante-Gesellschaft betreuten Ausgabe der
Divina Commedia’): „Euno&: buona mente, cioè memoria: ossia ricordanza del bene; ed è voce formata di parole greche ben note alla
cultura medisvale“. Daraus geht allenfalls hervor, daß Eunoè keine
antike Bezeichnung sei. Noch unbestimmter ist Henri Longnon”).
Alexandre Masson") weist auf die griechische Herkunft der Flußdenn es hat keine der älteren Erklärungen weder eine möglichst befriedigende Antwort auf die Frage über den Ursprung des Paares
Leté-Eunoé bei Dante gegeben, noch die in dieser Hinsicht wichtigste
gnostische Parallele berücksichtigt, oder einen Ausläufer derselben
Grunvorstellung und desselben mystischen Trunkes im Schrifttum der
mittelalterlichen Platoniker verzeichnet. Weiter tritt noch ein Grund
hinzu. Die modernen, mir jetzt in größerer Zahl zugänglichen Kommentare und Untersuchungen über Dantes Werk, kennen scheinbar
die wenigen älteren Erklärungsversuche, die auf antiken Parallelen
fußen, überhaupt nicht, oder sie verschweigen sie als gänzlich unbefriedigend.
Es zeugen von solch einer Einstellung die neueren Kommentare
und Werke, die auf Vollständigkeit ohne Zweifel Anspruch stellen
und zur Zeit die Resultate der Danteforschung bieten. So sieht Natalino Sapegno in seinem 1956 veróffentlichtem Kommenntar')
in Let& eben den antiken Fluß der Unterwelt, aber Eunoé ist ihm
„nome foggiato da Dante, aiutandosi con quei vocaboli greci che gli
fornivano i lessici medievali: composto di eu e di nous, significa „buona
mente, memoria del bene‘ (analogamente al Protonoe „prima mente“,
di Conv.. II, III, 11)*. Weitere Erklärungen bietet Sapegno nicht. In
den Jahren 1952—1954 wurden die bedeutenden Arbeiten van Augustin Renaudet”) und Paul Renucci) veröffentlicht, die sich mit
den antiken Elementen im Werke Dantes befassen, doch bieten diese
Arbeiten, obwohl man in ihnen Eunoé erwähnt, keinerlei Auskunft
namen Leté-Eunoé hin, wobei er Eunoè mit ,,z5vota, bienveillance,
bon souvenir‘ deutet und findet'*) „que l'Eunoë rend la mémoire des
bonnes actions accomplies''*). Auch Theophil SpoerriTM), obgleich
er eingehend über die letzten Gesänge des Fegefeuers spricht, erwähnt
nur Leté, aber nicht Eunoé. Ja selbst Johannes Oeschger"), dessen
Untersuchung eben antiken und mittelalterlichen Elementen in der
Divina commedia gewidmet ist, erwähnt Leté-Eunoé überhaupt nicht.
über den Ursprung des Namens und der Vorstellung. Ähnlich jenen
bei Sapegno sind die Worte, die Giorgio Siebzehner-Vivanti
in seinem 1954 erschienenen Wörterbuch der Eunoé widmet*)‘
»Eunoè ignoto alla tradizione, è nome coniato da Dante sul greco
eunous (=di buon sentimento) e dato a un ruscello che scorre nel
Paradiso terrestre alimentato dalla stessa fonte da cui proviene Letè;
ma, mentre chi beve l’acqua di questo dimentica il peccato, Eunoè
ravviva la memoria delle azioni buone commesse (o in gen.: del bene)“,
Für Letè') weist er, selbstverständlich, auf den antiken UnterweltsfluB Lethe hin. Die ,, memoria” welche das Wasser der Eunoè erweckt,
ist auch für diesen Erklärer ..memoria d'un’ azione“*).
fälligerweise in ihrem ,,Autoren- und Sachregister“ weder Eunoè noch Letè, und auch
keine von den Stellen, die im Purgatorio über diese Flüsse sprechen. Ebenso findet
man die Stichwörter Flüsse, Mnemosyne, Paradiesflüsse im Sachverzeichnis nicht.
Auch in der mit Bemerkungen über die behandelten Stellen verschenen Bibliographie
von Aldo Valone Gli studi Danteschi dal 1940 al 1949 (Firenze 1950) finde ich in
der Abteilung IV (Studi sulla Divina Commedia, 47—73) keine Arbeiten, die sich
besonders mit den Wassern Letè und Eunoè. bzw. mit den entsprechenden
Versgruppen im Purgatorio 28,31 und 33 befassen.
?) La Divina Commedia di Dante Alighieri commentata di Attilio Momigliano,
II, Purgatorio, Firenze 1953, 481 zu Purg. 123, 127—129.
*) A. Momigliano o.c. 525.
*) Dante Alighieri La Divina Commedia a cura di Natalino Sapegno, Il Purgatorio, Firenze 1956, 322 zu Purg. 28, 130—131.
*) Dante Alighieri La Divina Commedia, testo critico della Società Dantesca
Italiana riveduto col Commento Scartazziniano rifatto da Giuseppe Vandelli (quindicesima edizione completa), Milano 1951, 655 zu Purg. 28, 131.
*) Dante humaniste, Paris 1952, 427, 544.
19) Dante La Divine comédie, Paris, éd. 1951, 618: ,,Eunoè, en grec, veut dire
*) Dante disciple et juge du monde gréco-latin, Paris 1954, 234—235.
‘) Dizionario della Divina Commedia, Firenze 1954, 195.
*) Dizionario 300.
*) Dizionario 328. — Man muß hinzufügen, daß dieses neue Wörterbuch zu
Dante keinerlei Fortschritt in der Erklärung der Doppelflüsse Leté—Eunoé in den
etzten 50 Jahren verzeichnet. Denn auch die am Ende des 19. Jahrh. verfaßten
iammelwerke haben keine Erklärung der Flüsse geboten. Vgl. Paget Toynbee
{ Dictionary of Proper Names and Notable Matters in the Works of Dante, Oxford
898, 222 i 334; G. A. Scartazzini Enciclopedia Dantesca 1, Milano 1896, 73} und.
127. — Nebenbei: Die Bibliographie der deutschen Dante-Literatur von 1416—1927,
ante in Deutschland (Heidelberg 1929), von Theodor Ostermann enthält auf-
6]
ULI
«bonne pensée“, et, donc, mémoire“; et, partant, dans le sens où Dante le prend,
mémoire du. bien“.
11) Dante La Divine Comédie, Purgatoire, Paris 1948, 256 zu Purg. 28, 127—132.
13) A. Masson o. c. 251 zu Purg. 28, 25.
12) A. Masson o.c. 303 zu Purg. 33, 145, wo A. M. sagt, die Scele sei rein, weil
sic ihre Sünden gebeichtet und „il ne se souvient plus que du bien qu'il a fait“.
14) Einführung in die Göttliche Komödie, Zürich 1946.
12) U Antikes und Mittelalterliches bei Dante, Halle 1944.
Page 4
View in PDF(opens in a new window)Eunoè — Mnemosyne
Es mag zuletzt von den neueren Arbeiten iiber Dantes Gedicht
das bedeutende Werk von S. Rüegg'*) noch von dem Standpunkt,
den die moderne Danteforschung beziiglich der Frage vom Ursprung
der Leté-Eunoé einzun:hmen scheint, Zeugnis ablegen. A. Rüegg,
der in seinem Werke ein auBerordentlich reiches Material aus Antike
und Mittelalter zusammengestellt hat und so auch mancher recht
nebensächlichen Einzelheit in Dantes eschatologischen Vorstellungen
eine historische Erklärung gab, findet'”) dennoch keine Erklärung
für Dantes Eunoé. Seine Auffassung kommt in folgenden Worten zum
Ausdruck: „Eine Mischung von hellenischen und jüdischen Einflüssen
ist die Gleichsetzung der Flüsse des Gartens Eden mit den Strömen
der Lethe und Eunoe, wobei es nicht auszumachen ist, woher Dante
Danteforschung um eine Deutung der Eunoé in Verlegenheit war.
die Vorstellung und den Namen der Eunoe hat“. Riieges Auffassung
nimmt den Umstand, daß es sich um Grenzflüsse des irdischen Para-
Es ist nicht ohne Bedeutung festzustellen, daß auch die ersten Erklärer
Dantes, denen ohne Zweifel das mittelalterliche Schrifttum gut bekannt
dieses, die aus derselben Quelle fließen und nicht um die vier Paradiesflüsse der altorientalischen Überlieferung handelt, und zwar um solche,
war, soviel ich weiB, keine Deutung der Eunoé geben. Ja selbst Boccaccio widmet in seiner Erklärung der Lethe (De genealogia deorum
III 17) kein Wort der Eunoè, obwohl er von Dantes Letè spricht:
»Hunc fluvium ponit Virgilius apud Elysios campos et eo illos potari,
die ein Paar mit entgegengesetzen Eigenschaften bilden, nicht in Betracht. Dennoch kann man vielleicht etwas von der Auffassung, daß
das Motiv der Paradiesflüsse etwas zum Bild der Leté-Eunoé beigetragen hat, als begründet ansehen. Neuere und ältere Erklärer finden
nämlich meistens, daß Dante nur von einer Quelle, die der Letè und
Eunoè gemeinsam ist, spricht, weil er dasselbe von Euphrates und
*
er wohl auch mit der Möglichkeit, Eunoë könne eine Erfindung Dantes
sein. Auch Vittorio CianTM), der die Schlußszene des Purgatorio
bespricht, gibt keinerlei Erklärung über den Ursprung der Eunoé und
findet nur Dantes Eunoé ,,doveva ravvivare... la virtü del bene operare e, insieme, la conscienza del ben operato“. Selbst W.W. Verno n**),
der seine volle Aufmerksamkeit und ein auBerordentlich reiches Wissen
in zwei Bänden seiner Vorlesungen über das Fegefeuer Dantes niedergelegt hat, gibt keine Erklärung der Leté—Eunoé, auBer derjenigen,
die man bei Dante findet. Schon diese Beispiele aus der älteren Literatur über Dantes Purgatorio zeigen zur Genüge, daB auch die ältere
Tigris weiß. (Purg. 33, 12). Diese Annahme ist wohl begründet und
Boethius Cons. Philos. V metr. | kann auch die literarische Quelle
sein, aus der Dante sein diesbezügliches Wissen bezogen hat. Dabei
muß man aber auch Isidor Etym. 13, 21 und das spätere christliche
Schrifttum mit in Rechnung ziehen und wohl Sallust als den ältesten
bekannten und von späteren Schriftstellern erwähnten Zeugen anschen'*).
Die gemeinsame Quelle des Tigris und Euphrates war ein Topos der
antiken Geographie, wie uns auch Lucan Phars. 3, 256—259 zeigt.
Auch im größten Teil der älteren Kommentare und Untersuchungen über die Divina Commedia findet man keinerlei Erklärung
für Dantes Eunoé und es wird meistens die Ansicht vorgetragen,
daß es sich um eine Erfindung Dantes handle'*). So spricht Arturo
Graf”) vom Grenzfluß des irdischen Paradieses bei Dante und meint,
daß Dante die nur allzu bekannten vier Flüsse des Paradieses eben
nicht verwendet, sondern etwas neues schafft. Graf findet, Dante habe
Euphrates und Tigris nur erwähnt und Fison und Gehon mit Leté
un Eunoé vertauscht, wobei er Leté „modernisierte“! Woher Dante
Eunoé nimmt, sagt Graf nicht und, da er meint, in dieser Beschreibung
komme zum Ausdruck, daß Dante ,,padrone a casa sua“ sei, so rechnet
18) Die Jenseitsvorstellungen
der Divina Commedia.
und die übrigen
literarischen
Voraussetzungen
17) Jenseitsvorstellungen 2, 157,
1) Vgl. Edward Moore Studies in Dante 1, Oxford 1896, 284.
1) Vgl. auch. Ernest de Lamine, der in seinen Bemerkungen meint, daß Eunoè
eben Dantes Erfindug sei (La D. C., Le Purgatoire, Paris 1914, 386387).
#) Lectura Dantis, Il canto XXVIII del Purgatorio, Firenze 1902, 14.
quos Mercurius vult reverti ad corpora... Dantes vero noster illum
describit in summitate montis purgatorii, et ex illo dicit animas mundas
et caelo dignas potare, ut obliviscantur praeteritorum malorum, quorum memoria felicitati perpetuae praestaret impedimentum...“ Man
kann daraus mit Grund folgern, daß, wenn Dante seine Flüsse Leté—
Eunoé aus ciner älteren Quelle übernommen, diese Quelle vielleicht
keine sehr bekannte und der christlichen Kirche vielleicht auch nicht
ganz genehme war.
Doch der
Umstand, daß die neuere
Danteforschung, ähnlich
wie der größte Teil der älteren, keine Deutung des Ursprungs der
Eunoé bietet, ist auffällig, da am Ende des 19. und am Anfang des
20. Jahrh. einige kurze Bemerkungen und Notizen ein nicht zu unterschätzendes Material an antiken Parallelen zur Letè—Eunoè ans Licht
förderten. Die älteste mir bekannte Erklärung der Letè—Eunoë
auf Grund eines solchen Vergleiches findet man im Werke des italicnischen Spezialisten für antike Epigraphik und Numismatik Celestino Cavedoni, der sich auch mit der Frage, ob Dante des Griechischen einigermaßen mächtig war, befaßt hat”). C. Cavedoni meint,
Dante kam auf den Gedanken von den zwei Flüssen Letè—Eunoë,
indem er Plinius N. /r. 31, 11, oder Isidorus von Sevilla Etym. 13, 13
gelesen, wo die zwei von. Pausanias 9, 39, 8 erwähnten boiotischen
Quellen, deren eine Vergessen und die andere Erinnerung bringt, in
lateinischen Katalogen wundertätiger mineralischer Quellen vorkommen. Doch findet C. Cavedoni, daß Dante den Namen Eunoé selbst
aus griechischen Elementen, die man in mittelalterlichen Quellen vor31) Lectura Dantis, Il canto XXXI del Purgatorio, Firenze 1936, 22.
22) Readings on the Purgatorio of Dante chiefly based on the Commentary o,
Benvenuto da Imola Y, London 1897, 453, 651.
=) Osservazioni critiche intorno alla questione se Dante sapesse di greco, in
Opuscoli religiosi, letterarj e morali, Tomo VIII, Modena 1860, 3 ff.
Page 5
View in PDF(opens in a new window)mmengesetzt hat ‘(ähnlich wie er das auch für Protonoc
der Gedanke, sondern auch der Name Eunoia (d. h. Eunoè) vielleicht
Dante durch eine analoge orphische Ennoia suggeriert wurde, und
meint, es habe Dante möglicherweise von einer Ennoia
— Quelle gewußt und den Namen selbständig zu Eunoia modifiziert.
r
Pat 24ot Diese Erklärung C. Cavedonis war ‚offenba
Jahre
i
dt Gietmann unbekannt, als er fünfundzwanzig
Gerhar
fiir wahrscheinspäter den antiken Ursprung von Dantes Leté—Eunoé
ungen über Dantes
lich hielt. Denn G. Gietmann**) fügt seinen Ausführung
hinzu, die auf
Beschreibung des Paradiso terrestre cine Anmerk
sam macht,
das antike Paar Lethe—Mnemosyne bei Pausanias aufmerklautet: „Bei
aber Plinius und Isidorus nicht erwähnt. Die Anmerkungin der Höhle
Pausanias finden sich die Flüsse Lethe und Mnemosyne oder indides Trophonius; es scheint, daß Dante seine Flüsse direkt
Eunóa,
rekt daher entlehnte und nur Mnemosyne mit Eunoe, richtiger
t A Es
‚bedeute
Denkart
gute
die
gerade
Wort
dieses
vertauschte, weil
sein”), obgleich
wird auch Domenico Palmieri derselben Ansicht Deutung
wiederer nur vorsichtig Gietmanns Meinung ohne weitere
des Problems ist die Frage, die
aa Ein neuer Beitrag zur eLösung
gestellt hat, ohne wieder von den älte3439
1903 ein klassischer Philolog
ren Erklärungsversuchen Cavedonis und Gietmanns Notiz zu nehmen.
den orphischen,
Jane E. Harrison”) erinnert zuerst an die aus und
Mnemosyne,
Lethe
,
Quellen
zwei
en
bekannt
en
ltspiss
Unterwe
analogy“ in Dantes
und findet mit gutem Grund, daB diese eine ,,close
tators
Letè—Eunoë haben. Darauf fährt Harrison fort: „Commen
Can any reader
say-nothing as to whence Dante borrowed his Eunoë.
of the Classical Rewiev supply his source? My immediate reason for
(Kaibel, I. G.
asking this question is that, in another Orphic tablet
Beh E..0t45
S. 1. 642), the words occur: 422. Groza” Yuy7 9805 Teatro
ch Èvvotaz
[eigentli
suvotas
ti
Comparet
Prof.
Set.
bc
sic:0
Kaibel restores
Druckfehler?]; neither seems to me quite satisfactory, and 1 would
of good, seems analosuggest deZtòv Efvjoixc. Eunoia, consciousness
may lurk in some obscure
gous to the Platonic avauvyot and the weil
surviving
Neoplatonic writer. Or is it a local Pythagorean tradition Im
to Dante’s time in Lower Italy, the home of the tablets? hatselben
Jane
Jahre, da diese Frage in der Classical Review gestellt wurde,
n auch ihr Buch Prolegomena to the Study of Greek Religion
E. Harriso
.
veröffentlicht, dessen Einführung sie am 9. September 1903 zeichnete
ausrecht
da
wird
logie*)
Eschato
he
Im Abschnitt über die Orphisc
unoè
Letè—E
führlich von der Möglichkeit gesprochen, daß Dantes
ogie zuEschatol
hen
orphisc
der
Quellen
zwei
die
auf
Endes
letzten
e Blätterhalten
e
teilweis
nur
as
fürd
da
rückzuführen sind. Doch wird
Ennoia
chen aus Sybaris nicht die Vervollständigung Eunoia ,sondern
nur
nicht:
daß
Harrison
E.
J.
findet
Buche
diesem
In
lagen.
vorgesch
4) Die Göttliche Komödie und ihr Dichter Dante Alighieri, Freiburg in Breisgau
Im ER Commento allapeDivina Commedia, II Purgatorio, Prato 1899, 379—380
4) Pants Mina and an Orphic Tablet, Classical Review 17, I, 1903, 58.
zu Purg. SÍ ah
26
pe
E
1) Prolegomena 583 ff
:
65
Auf die Frage, die J. E. Harrison in der Classica! Review gestellt
qe
hat, antwortete im selben Jahre J. A. Stewart”), der sich in seinen
Vorlesungen über Platos Mythologie schon über denselben Gegenstand geäußert hat. Doch ist Stewart zuerst der Meinung, Dante habe
kein Wissen von den orphischen Mythen gehabt, und auch sicher
Pausanias 9,39 nicht gelesen, während er es nicht für ausgeschlossen
hält, daß Dante Plinius N. 4. 31. 15 kannte. So kommt er auch zuerst
zum Schluß, daß Dante wohl die Hydrographie des Paradieses aus
der Genesis mit der Lethe aus Vergils Aeneis VI verbunden hat, und
so „quite independently of mythological tradition“, auf den Gedanken
kam, neben den Fluß des Vergessens einen Fluß der Erinnerung zu
stellen. Dabei meint Stewart, es sei dies eine „very natural idea“, was
mir doch recht wenig einleuchtend scheint, hat man den symbolischen Charakter von Dantes Beschreibung im Sinne. Um so weniger
einleuchtend, als sich Stewart selbst verpflichtet fühlt, seine diesbezüglichen Worte folgendermaßen zu schließen: „although his description
of the attributes of Eunoé as stream of Memory, certainly resembles
Platonic and Neo-platonic passages in which the process of »40x2015
is identified with that of ävzuvscıc“. Ja es geht Stewart in seinen Ausführungen, offenbar durch die Frage von J. E. Harrison beindruckt,
noch weiter, da er auf das Yuypóv d3wp und das refrigerium der vorchristlichen und christlichen Literatur und Epigraphik aufmerksam
macht, und endlich doch meint, es sei geboten, eine nähere Quell
für Dantes Eunoé in den christlichen Grabinschriften zu suchen. Zuletzt wird doch zugegeben, man könne voraussetzen, daß auch eine
orphische Überlieferung mit im Spiele sei.
Jane E. Harrison bekam noch eine Antwort auf ihre Frage, und
zwar von E. G. Parodi”), der aber Stewarts Erklärung nicht annimmt,
sondern auf diejenige von C. Cavedoni zurückgreift. Die von J. E.
Harrison gestellte Frage führte endlich noch zu einem weiteren Deutungsversuch mittels derselben antiken Parallelen. Francesco d’
OvidioTM) meinte, es habe Dante seine Lethe dem VI. Buche der Aeneis
entnommen, und fügte hinzu: „Il Letè ha una non virgiliana antitesi”*)
nell’ Eunoé,.. L'origine meramente psicologica della finzione dantesca
starebbe in codesta conveniente mitigazione del concetto dell’ Eneide,
e nell’ utile contraposto della funzione mistica; ma gli è che insieme
v'è un'origine tradizionale, e di doppia tradicione“. D’Ovidio meinte
dabei dic Quellen Boiotiens, die Plinius und Isidorus erwähnen, aber
deren Namen Lethe und Mnemosyne nur in Pausanias’ griechischem
**) The Source of Dantes Eunoè, Classical Review 17, 1903, 117—118.
30) Bulletino della Società Dantesca Italiana, N. S. 11, 1904, 238.
3) Nuovi studi danteschi, H Purgatorio e il suo preludio, Milano 1906, 423—433.
32) d'Ovidio o.c. 430.
5 Ziva Antika
Page 6
View in PDF(opens in a new window)gDcdskQüeFu(BEGiIJQhLazbvwoDdrsnubPurlemidwonslLw-vrdkepätm,cn-lsäiDhlz.keuvpanMmc-1HnDlridusta-è3hagzmbeocnifWt—uvare,mdlkhGscn1fDiMielog-wh3aHkstdnbzurnPG,DßwimeasBtUgdclearkuelnLs,ihtdvfEarwmznAeslVct.ueirhdoszayckeiwPrnu-dmhuictsHeEoflIäLanhb.GicEmutFeègmrkQay,ohinsrPdlcwIbuiktanrseügWhodRmluvrksEiel,bnädzoaskraltereswzpscbn,uakijeäotlsbhmEenri,cueAwaDBsdrkhiSlcKnetQedumbikhäaorgst,ezbn:NeiohULlcuLrwtgnDhodedleiWSLz.asUbDgmtePkntdwlousiérgarhbönBducestgennlrhaTsibH,u—t.wäermsnVQaediIcatMvzlNnnufwxh.smUbdcgvlorzeiWats.m,wnhfTuglrueDnätdeiüsoaMJgk,rßiFEeTlenedsbmtiaWodroväent.unflzgGa:V,stzveDbnQmiropcleLeyabudzkwritmGhinnsPäocgepuröhi.tlknhezasordLmucitRfkcgßslDenUhiG,rohtuPseaBzabSmLamAdc,rhsonnwleeuèWrtdsi,ctfheb—arnQzoleJstliMmgzhnEbruveddstDiy,usnaeiobrdfsltmeskgaeBGunvwLcapPergzbiädnsmeuaaE„pDowtl.eBhëcifgnnstvsaiIbyulcdramc.,phgsztniébüokeßawhtt,—ruisndmdJlPfa:t4keiEébkhilröEmgcs8tSn,ieBDdaTuvho2ütuUs,zybnofiaWcr)enowßsdimgmkthNnl:uiezoao.bcfsdtimnDhrégewcuopesiktmaih,r.dzcflyegwbonsidudaihneb8zlgteac“adfsosel2uhr.n,rit
gegebenwurdite.imSpieleist.
36ecdonbiMsraTI(lfdkvHEemt‚tDcnCäliasuwbuoehtkmfnglnadsmirzetgdknyrlouhMgeAJistdcnöfaGVe.vtliduhgmyosPnerzkEetcaf,)Rvüluiwrdr,febhmsGgtziaPncvAkeu]wl.hfrdbDcbcsonkia)1t“glecwehr,mdoL.ä9ifPiahnugwpUc0esüolmrdafi8,nusphoQlteaEed)r&nb,filunmgSs“tdopizhb’eynaeM.cfou:lgsérbiaF(wßenhsvptlloSdiDr,cEmg„usüenfodJah,ssicr.MwtuAvoDélzndepisrJhtp,renvawMEdueQBsom,t,.liscuhnaofMe,dsrfmoiwdgtHD,bnaelrz1cdkimoLtbn,iuhe9esaoldLut0rzlgsPedmtfp3nMrDoigbaäyèDW.zraasbeLEtghldißn—zvewèoanmk'urNhiliEgeFcnd(Oatr,fmsbltiHgzdvaeeloaVpbnumw(lBaisegcd1hstLatormesa9idnrkgëbe1oriv,dpuoFAca8n.betgzslu1,)oraegEhnLdupfümi,9lseornsau2tiDncomdzhAetws1ßbiN—nrezlcofa)uhbäpMEenrDto“sdghfrt,ivamw'éQg„eorfrucOHhnbioeesamtrvdnhiwncEboFsauLek.,lilzhdfèAdoneyaiblhsuGgAEcRNetnv,akdcirmhyslo.fdpéuahiwe“tcvSo,lmfEir—ndüezcNsaiudgPpErhuzkelßnctossVmrideaLcfogaPbk)uoitnmqs,elmahcßT3rgiyoun3lit:hfcerg[,Héa'eFosdünhfelcbnairgp.dBnuléo„zisswmaeDc)tSsgu,r—tlfeahwot.erJMnvDbpeicgltsÜ.lunarmpbhdyestgSoici:ute"lbtE+rnaßk,s,-.e
Page 7
View in PDF(opens in a new window)M, Flaÿar
orphischen Vorstellungen für die Deutung der Letè—Eunoë in der
bisherigen Form, trotz der recht ansprechenden Rekonstruktion ciner
selbe gilt auch fiir die Paradicsfliisse”*) und den Fiuß, der das Jenseits
vom Diesseits scheidet”). Doch das antike Paar Lethe—Mnemosyne
hypothetischen orphischen Quelle Eunoia, cben nur eine Vermutung,
der eine annehmbare Begründung fehlt, umsomehr als weder J. E.
Harrison, noch Stewart christliche und mittelalterliche Ausläufer
derselben Vorstellung, d. h. der Vorstellung von einem mystischen
Doppeltrunk der Seele an der Grenze des Diesseits und Jenseits, anhat im Grunde mit diesen Schöpfungen der Volksliteratur nur Wenig
gemeinsam, obwohl solche Paare, die aus der Volksliteratur bekannt
sind, vielleicht auch etwas zur Entstehung des antiken Paares beigetragen haben. M. P. Nilsson hat in seiner Arbeit Die Quellen der
68
führen und selbst recht unentschlossen in ihren Deutungen sind.”*)
Ill
Der hellenistische Ursprung des_Paares Lethe—Mnemosyne und der
mystische Doppeltrunk in der Gnosis und im mittelalterlichen
Platonismus
Die Mängel der im vorigen Abschnitt erwähnten Deutungsversuche, welche auf die antiken Quellen der Lethe und Mnemosyne als
Vorgänger der Letè—Eunoë hinweisen, zeigen, daß ein solcher Ursprung nur so wahrscheinlich zu machen wäre, wenn man die Grund
vorstellung, aus der das antike Paar entstand, auch in Dantes Umdeutung auffinden könnte und, weiter, wenigstens Spuren einer Überlieferung und Entwicklung des Motivs von der heidnischen Antike
bis zum spätantiken und mitellalterlichen Christentum feststellen
könnte. Die folgenden Zzilen bilden einen Versuch diese Forderungen
zu erfüllen.
Eine oder mehrere Quellen gehören zu den weitverbreiteten Motiven der Beschreibungen des Paradieses in der Volksliteratur. Paare
von Quellen mit entgegengesetzten Eigenschaften cbenfalls.”). Das23) Man muß hier noch einen Erklärungsversuch der Letè—Eunoè erwähnen,
der mit der antiken Mnemosyne—Lethe nicht rechnet, sondern den Einfluß muhammedanischer Eschatologie auf Dantes Divina Commedia voraussetzt. Es handelt sich
um eine Erklärung, die man in dem viel besprochenen Buch des bekannten spanischen
Arabisten Miguel Asin Palacios La escatologia Musulmana en la Divina comedia
findet. Palacios hat in der zweiten Ausgabe (Madrid 1943) seines Buches selbst eine
umfangreiche Geschichte der Polemik, welche seine Hypothese hervorgerufen hat,
hinzugefügt. Es ist hier nicht der Platz auf die, die These Palacios selbst angehenden
Grundfragen einzugehen. Um eine Parallele zwischen dem Lustrationsritus bei Dante
und demjenigen in der muhammedanischen Eschatologie festzustellen, hat Asin
Palacios o. c. 65—66 und 112 dem Doppeltrunk aus der Leté—Eunoé, der zur eigentlichen Himmelsreise führt, noch die Reinigung, die Dante beim Übergang aus der
Hölle ins Fegefeuer zuteil wird (Purg. 1. 94—99. 124—129), mit in die Rechnung
gezogen. So bekam er eine dreifache Reinigung, die der dreifachen „Waschung“,
der die Sündigen Seelen in den drei Flüssen des Gartens Abrahams unterzogen werden.
Solch ein Vorgehen, scheint mir, hat man den Umstand, daß eine lustrale Waschung
etwas beim Übertritt ins Paradies recht selbstverständliches ist und daß manim Garten
Abrahams drei Flüsse, aber an der Grenze des Paradieses zwei Flüsse findet, recht
willkürlich, zumal es sich bei Dante doch um Flüsse mit griechischen Namen, von
denen der eine so gut aus antiken Quellen bekannt ist, und bestimmten Funktionen
handelt.
|
|
.
|
35) Eine reiche Sammlung von Beispielen bei Howard Rollin Patch Publications of the Modern Language Association of America, 33, Baltimore 1918, 620—621,
Bemerkungen 65—67, sowie The Other World, Cambridge Mass. 1950, 133, 144, 177.
7
69
Lethe und der Mnemosyne") besonders darauf aufmerksam gemacht,
daß die Quelle der Lethe, obwohl sie heute, wie auch während der
Jahrhunderte von der Spätantike an, zum „eisernen Bestand der griechischen Mythologie zu gehören scheint“, keineswegs im Glauben
und Schrifttum der Hellenen früh bezeugt ist. Nilsson findet im Schrifttum der Hellenen des klassischen Zeitalters nur wenige Erwähnungen
des Hauses (Trag. graec. frg., frg. adesp. 372 Nauck; vel. Anthol. Pal.
VII. 25 Simonides?) und des Gefildes der Lethe (Aristoph. Ranae 186).
Dennoch findet man bei Plato Rep. 631 c, neben dem Ausdruck Gefilde der Lethe, auch den Fluß der Lethe, was man kaum als Fluß im
Gefilde der Lethe deuten kann. Weiter findet Nilsson, es habe erst
Platon die ältere Vorstellung dahin umgebogen, und zwar auf Grund
der Lehre von der Seelenwanderung, daß die Seelen vor ihrer neuen
Verkörperung vom Flusse Ameles (was gleichbedeutend mit Lethe
ist) im Gefilde der Lethe trinken: „Das Neue bei Platon ist, daß man
das Vergessen durch einen Trunk aus dem Wasser des Flusses Lethe
erlangt, eine Vorstellung, die sich leicht einstellte und unschwer verständlich ist, da der griechische Volksglaube viel von den Wunderwirkungen des Wassers zu erzählen hatte. In Griechenland trank man
aber gewöhnlich aus Quellen, aus Flüssen nur, wenn keine Quelle da
war, und es gab eine sehr große Zahl von wunderwirkenden Quellen,
Heilquellen, Orakelquellen, Quellen, die Inspiration oder Wahnsinn,
sogar den Tod bewirkten. So kam es von selbst, daß der Trunk aus
dem Fluß der Lethe gegen den aus der Quelle der Lethe vertauscht
wurde***), Diese Erklärung des großen Kenners griechischer Religion ist recht einfach und einleuchtend. Und es sind dies Worte, die
als strenge Folgerungen aus dem uns überlieferten Material entspringen.
Dennoch, wie es mir scheint, die Möglichkeit, daß schon vor Plato
jemand die beschriebene Umbiegung einer älteren Vorstellung unternommen hat, muß man nicht gänzlich außer Acht lassen. Eine solche
Möglichkeit muß man wohl auch aus dem Grunde zulassen, da ja
auch die Lehre von der Metempsychose und Anamnesis, die zu der
erwähnten Umbiegung führt, dem orphisch-pythagoreischen Gedankengut anzugehören scheint und eben in den, aus dem Anfang der
hellenistischen Periode stammenden, als orphisch bezeichneten Gold3) Vgl. Patch PMLA 33, 621 ff.
32) Vgl. Patch PMLA 33, 627 ff. und St. Thompson Motif Index F 162. 1.2.1;
F 162. 1, 2. 2; vgl. auch A 661. 0. 4. cleansing fountain in heaven, F 162. 8 magic
fountain in otherwold.
35) Eranos 41,
1943,
3*) Eranos
Page 8
View in PDF(opens in a new window)Weisung
blättchen, die Quelle der Lethe bezeugt ist. Es ist ein Blättchen aus
Petelia in Süditalie
n*®),
sowie
ein
zweites
aus
Eleuther
nai
auf
Kreta,
aus dem 2. Jahrh. stammend, die uns dieses Zeugnis bieten.
Wie
bekannt, wird aufdem ersten Blättchen der Seele des Mysten die
gegeben, ja nicht von der links im Hades sich befindenden Quelle
trinken, sondern vom kiihlen Wasser, das da aus dem See der
Mnemosyne fließt. So findet man neben der Quelle der Lethe (denn das
ist ohne allen Zweifel die Quelle zur Linken) auch die Quelle der
Mnemosyne.
Nilsson zeigt, daß die Mnemosyne, d. h. das Paar Lethe—Mnemosyne, auch im Altertum nur auf bestimmte Vorstell
ungen, beziehungsweise Kreise der Mystiker und ihr Schrifttum, beschränkt war,
Andererseits ist die Lethe allein zwar etwas mehr bekannt und etwas
öfter in der antiken Literatur erwähnt worden, aber öfter als Fluß,
denn als Quelle. Doch bedeutend für unseren Gegenstand sind vor
allem die Schlußfo
lgerunge
n,
die
M.
P,
Nilsson
aus
dem
bekannt
en
Material zieht, Er findet, daß die Quelle der Mnemosyne
sich ganz
aus den griechischen Vorstellungen erklären läßt und keinerlei Verwandschaft hat mit der
besonder
s
in
Ägypten
und
Babyloni
en
bekannten Vorstellung vom Durst der Toten, oder mit den dem Märchen
-
bereich angehörenden Vorstellungen vom Lebenswasser und
Jungbrunnen, So ist „die Quelle der Lethe dem mystischen Unterwel
tsglauben [der Hellenen] eigen; sie ist ein cigentiimliches Beispiel
eines
mythischen Bildes, das in moderner Zeit populärer ist als im Altertum,
wo man öfter, der alten Vorstellung folgend, von dem FluB
der Lethe
meinsamen Wurzel, aus demselben Gedankengut, welches auch
in den,
sprach...“*), Weiter „ist die Quelle der Lethe primär und die der
Mnemosyne als Gegenstück zu ihr geschaffen“, und zwar ist der Ort
der Entstehung der Mnemosyne „die Reflexion hellenistischer Mystiker““*),
Die
Ausführ
ungen
M.
P.
Nilssons
decken
sich
im
Grunde
fast völlig in ihren SchluBfolgerungen mit denen, die schon Dieteri
ch
geboten hat”). Hier muß
noch
einmal
die
grundleg
ende
Tatsache
auf
welche Dieteric
h
und
A.
Rüegg'
)
mit
besonde
rem
Nachdru
ck hinweisen, hervorgehoben werden. Es ist die Tatsache, daß das
antithetische Paar Lethe—Mnemosyne auf Grund der orphisch-pythagoreischen Lehre von der Metempsychose und Anamnesis entstand und
daB die platonischen Lehren gleichen Inhalts wohl aus derselben
geaus späterer Zeit bekannten, orphischen Goldblüttchen zum Ausdruc
k
kommt, stammen. Bei solch einer Auffassung kann man ja doch
blei-
Louis Moulinier kam vor einigen Jahren in seiner Untersuchung
ben, trotz der
kaum
grundsät
zlich
zu
lösenden
Frage,
was
eigentlich
der „Orphismus“ der klassischen Zeit in Griechenland
gewesen sei,
“) A. Olivieri Lamellae aureae orphicae 12; Kern. Orph.
fry. 32 a,
#1} Eranas di, 5.
") Eranos Al, 6—7.
*) Nekyia 90-95.
#1) Jensettsvorstellungen 1, 170,
Aer
+
Eunoé — Mnemosyne
71
personne
über diese Frage‘) zum Schluß, den er in folgende Worte kleidete:
»l'Orphisme, à l'époque classique, n° est pas une doctrine, c'
est à
peine un culte, c’ est un culte d’ailleurs souvent attaqué et que
ne défend jamais, ce sont des livres, dont nous ne savons Presque
rien“.
Aber wenn Moulinier auch die
Hypothe
se
von
einer
in
klassisch
Zeit bestehenden orphischen Religion und orphischen Doktrin er
verwirft, so bleibt das unbekannte, ältere „orphische“* Schriftt
um doch
uns bei Plato
eine Realität, mit der man rechnen muß. Doch es ist die Frage
nach
dem Alter der Umdeutung des Wassers der Lethe, die
zum erstenmale entgegentritt, ja selbst die Frage, wann das Paar Lethe—
Mnemosyne zum erstenmal entstand, hier glücklicherweise
ohne
eigentlichen Belang, hier, wo es um die Herkunft des Paares Letè
Eunoè geht.
Wie schon gesagt, zwischen den orphischen Blättchen und Dantes
Beschreibung besteht der bedeutende Unterschied, daß
das Wasser
zum Fall der Seele
der Leté bei Dante, zusammen mit der Eunoé, den Aufstieg der Seele
zum Himmel bewirkt, während die orphische Lethe
in das Erdenleben führt. Man könnte den Unterschied auf
die Rechnung der christlichen, der Lehre von der Metempsychose
feindlichen
Interpretation Dantes stellen. Es ist jedoch durch Pausani
as bezeugt,
daß
es
schon
im
heidnisc
hen
Altertu
m
zu
solch
einer Entwicklung
der Vorstellung von den zwei Wassern der Lethe
und Mnemosyne
gekommen ist. Die Bräuche,
die
bei
der
„Kataba
sis“
in
die
Höhle
des Trophon
ios
üblich
waren,
beschrei
bt
Pausania
s
IX
39,
7 u. w,
wo man zuerst von einem lustralen Bade hört, wonach der
zur Kata.
basis bestimmte Myste
aber
noch
nicht
in
die
Höhle
steigt, sondern
erst zu den zwei Quellen, die sich in der Nähe
der Höhle
befinden,
geführt wird: êvraüla 84 yon riet abrdy Ann
ze Bap xoratpev
Eva
On véonrat of ndvrav & tens 2oodvets, val Ent Tode No allay,dp
river Mynuosives, ded robrou ze Uvquovsver 72 òpDévra
ol xareBdvee.
Die weitere Beschreibung der Katabasis in die Hôhle
des
ist hier nicht von Bedeutung. Nur muB man die ErwähnungTrophonios
des Oadyos
der
Mnemosy
ne,
auf
den
die
Priester
den
aus
der
Höhle zurückkehrenden setzen, um ihn über das, waser geschen, auszufragen,
hervorheben,
Es ist also immer von der Mnemosyne, von der Erinnerung
an das
in
der
Höhle
geschaut
e
die
Rede.
Es
handelt
si
h
also
um eine Vision,
die durch den Trunk von der Lethe
und
der
Mnemos
yne ermöglicht
wird, wobei die Mnemosyne die Anamnesis der Seele
des Mysten bewirkt, Nicht ohne Bedeutung scheint die aus der heutigen
Hydronymie
der Herkynaschlucht bekannte Tatsache, daß eine der zwei
am Eingang
der Schlucht fließenden Quellen heute Kpüx „die
Kalte“ heißt, wie
obgleich
H. Hitzig in seinem Kommentar zur Stelle berichtet‘*), Denn
es wird
das Wasser der Mnemosyne
in
der
Antike
schon
bei
den
Orphike
rn
als ein kaltes Wasser bezeichnet, und so wird man dieses kalte
Wasser
auch in den Werken christlicher Schriftsteller
wiederfinden,
| #) Orphée er l'Orphisme à l'époque classique, Paris
1955, 115-116.
“) Pausaniae Graeciae descriptio HI, Lipsine 1907,
515 zu S. 383, 3.
Page 9
View in PDF(opens in a new window)M. Flañar
_
|
73
-
diese den Namen Mnemosyne selbst nicht erwähnen. Hitzig hat auch
mit Grund das handschriftliche Orchomenon bei Plinius 31, 15 in Hercynnum korrigiert („in Bocotia ad Trophonium deum iuxta flumen
Hercynnum e duobus fontibus alter memoriam, alter oblivionem,
dfert“).
ob man zugleich die irdischen
: tas könnte jetzt die Frage Stelien, und
die Quellen des orphischen
Quellen, von denen Pausanias berichtet,
Jenseits als Parallele zu der Letè—Eunoë Dantes verwenden kann.
Es ist jedoch ein ausschlaggebendes, älteres Zeugnis aus Plutarch hier
beizufiigen. Da es sich um keine Stelle handelt, wo von den Quellen
Lethe und Mnemosyne die Rede ist, so haben sie die Erklärer der
Let®—Euno& ganz übersehen, wie auch den Umstand, daß man bei
Pausanias eben denjenigen Lustrationsritus vorfindet, der auch bei
Dante vorkommt. Man könnte jedoch auf Grund der Stelle bei Pausanias als Unterschied bezeichnen, daß die Beschreibung des Ritus
bei Pausanias auf eine Katabasis hinausläuft, während es sich bei
Dante um eine Anabasis, bzw. eine Sphären- und Himmelsreise handelt. Doch ist dies nur ein scheinbarer Unterschied, wie uns wenigstens
ein ausführliches Zeugnis, eben dasjenige Plutarchs, zeigt.
In des Trophonios Höhle spielt sich die Vision Timarchs von
Haironeia ab, von der Plutarch in der Schrift De genio Socratis
(c. 21 u. w.) berichtet. Und, obwohl es sich um ein Hinabsteigen
in die Höhle des Trophonios handelt, ist diese Vision eine Sphärenund Himmelsreise von ganz ausgeprägtem orphisch-pythagoreischem
Charakter, eine Sphärenreise, die mit so manchen mittelalterlichen
Visionen höchst auffällige Übereinstimmungen aufweist. Wis bekannt,
werden diese Übereinstimmungen auf die in Plutarchs Schriften und
in den christlichen Visionen recht zahlreichen Elemente orphischpythagoreischer Jenseitsvorstellungen zurückgeführt. Hat man noch
dazu im Sinne, daß Plutarch wohl. wie man voraussetzt, eine besondere
Schrift über die heiligen Handlungen, die mit der Höhle des Trophonios in Zusammenhang stehen, verfaßt hat, so rundet sich das Bild,
das uns der jüngere Pausanias und der ältere Bürge Plutarch geben,
zu einem Ganzen, dessen auffällige Übereinstimmung mit Dantes Bericht nicht ohne guten Grund als Zufall bezeichnet werden kann. Aus
den Berichten des Pausanias und Plutarch hören wir, daß nach einer
rituellen Reinigung durch ein Bad und nach einem doppelten Trunk
aus den Zwillingswassern, die Vergessen und Erinnerung bringen und
Lethé—Mnemosyne heißen, die Seele cine visionäre Himmelsreise
antritt. Schon diese auffällige Parallele zeigt, daß ein Ursprung der
Leté—Eunoé Dantes aus den orphisch-pythagoreischen Jenseitsvorstellungen mit Grund vorausgesetzt werden kann. Es wäre dennoch
- damit diese Vorraussetzung keineswegs genügend gestützt. Man kann
aber noch ein weiteres Zeugnis, das auf denselben Ursprung des Doppeltrunkes bei Dante hinweist, hinzufügen.
Solch ein Zeugnis findet man in den Schriften der koptischen Gnosis. in Schriften deren Entstehungszeit wohl in die Jahrhunderte vom
2. bis zum 6. fällt. In der Pistis Sophia. die ich nach der Übersetzung
aus dem koptischen von Carl Schmidt anfiihre‘’), findet man wiederholt an Stellen, wo von der Seelenwanderung die Rede ist, Erwiihnungen eines Trunkes, bzw. eines Bechers und Wassers des Vergessens.
Aus diesem Becher tranken die siindigen Scelen, nachdem sie an einem
Ort der Buße gepeinigt wurden, und fallen so wiederum in neue Körper, kommen aufs neue ins Erdenleben. So lesen wir zum Beispiel im
131. Kapitel“), daß die Seelen „hinab in die Welt“ folgendermaßen
kommen: „so geben die Archonten (&>yovrez) des Ortes (76x05) jenes
Hauptes (xepaky) der alten (%pyatos) Seele (buy) einen Becher der
Vergessenheit aus dem Samen (oxéoux) der Schlechtigkeit (xxx),
angefüllt mit allen verschiedenen Begierden (¿mbbuuiz:) und aller Vergessenheit. Und sofort, wo jene Seele (buyn) aus dem Becher trinken
wird, vergißt sie aller Orte (röror), zu denen sie gegangen, und aller
Strafen (xokäoetc), in denen sie gewandelt. Und jeder Becher des Vergessenheitswassers wird Körper (c&oux) außerhalb der Seele (buy),
und er wird gleichend der Seele (Yuyñ) in allen Formen und ihr ähnlich (öpo:oöv), welches ist das sogenannte ävziuuov rvedua“, Uber
weitere Einzelheiten des Hinabsinkens der Seele in die Welt spricht
noch weitschweifig der Text der Pistis Sophia an mancher Stelle. Hier
ist es noch besonders bedeutsam, daß der Becher des Wassers der
Vergessenheit noch öfters im selben Sinne erwähnt wird‘). Dabei
spricht die gnostische Schrift in der Regel zuerst von einem Gericht,
darauf von einer Strafe im Wasser, das zum ,,siedenden Feuer‘ wird
und „gegen sie [die sündige Seele] frißt, bis es sie gänzlich reinigt“,
worauf der Seele der Becher gebracht wird „gefüllt mit dem Wasser
der Vergessenheit... sie trinkt ihn und vergißt jeden Ort und alle Örter,
zu welchen sie gegangen war“ und sinkt so in den Körper und ins
Erdenleben, d. h. die Geister, die den Becher reichen, „werfen sie hinab
in einen Körper“).
An allen erwähnten Stellen ist immer wieder von sündigen Seelen
die Rede, Seelen die wiederum in einen gebrechlichen, sündigen Körper
müssen, in ein neues „Vergessen“, das wieder zu neuen Strafen nach
dem Tode und zu neuer Verkörperung und neuem Vergehen führt,
wie es eben die orphisch-pythagoreischen und platonischen Lehren
wollen. Am Ende der Pistis Sophia") jedoch stellt Johannes die Frage,
was mit einem Menschen (d. h. mit seiner Seele) wird, der nicht gesündigt, sondern beständig Gutes getan hat, aber die Mysterien „nicht
gefunden hat... wenn er aus dem Körper kommt“. Darauf erwidert
Jesus, daß die Geister im Jubel solch eine Seele umkreisen, sie über
“) Die griechischen christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte,
herausgegeben von der Kirchenväter-Commission der königl. preußischen Akademie
d. Wissenschaften. Koptisch-gnostische Schriften B. 1, Leipzig 1905, herausgegeben
von Carl Schmidt.
48) Koptisch-gnostische Schriften 217, 27 u. w.
dà
**) Koptisch-gnostische Schriften 218, 1 u. w. 219, 1; 247, 9; 248, 3; 249, 27;
, 16.
*) Koptisch-gnostische Schriften 247, 10 u. w.
31) Koptisch-g
ische Schriften c. 147—S. 251—252.
Page 10
View in PDF(opens in a new window)M. Flaïar
Vorstellungen in der Pistis Sophia und in einem Absatz des vierten
Esrabuches”), wo man von einem Kelch feuerfarbigen Wassers, das
Einsicht, Weisheit und Erinnerung bringt, hört. In diesem Wasser
und Kelch sieht Eisler mit gutem Grunde den vypahtos xoxrre des
Logos (Plut. Sept. sap. conv. 13), der der Gegensatz zum &pposbvr;
&xourov roux (Philo De ebr. 95) ist. Aber hier muß man eben nicht
nur die zwei Quellen der lamellae orphicac miterwähnen sondern
neben den aus Pausanias, Plinius und Isidor bekannten boiotischen
Quellen, wie gesagt, auch die plutarchische Vision des Timaios mit
die Geschöpfe der Welt belehren, ihr die Orte der Strafe und die Strafmittel zeigen und sie zur Lichtjungfrau führen, die über die Seelen
richtet und sie ihren rap Anurrx: übergiebt, „daß sie sie werfen in die
Aeonen (al@vec) der Sphära (coxïox)*. Doch damit ist der Weg zum
Reich des Lichtes für die Seele nicht beendet. Das Letzte und Entscheidende kommt erst und öffnet erst den Weg in den „Himmel“,
Ich muß hier den ganzen, für das Verständnis des Bades in der Leté
und des doppelten Trunkes von den Wassern der Leté und Eunoé,
wie es mir scheint, höchst wichtigen Text, niederschreiben: „und die
Lithurgen (Acttougyot) der Sphära (spxizx) führen sie heraus zu einem
Wasser, das unterhalb der Sphära (cpatox) ist, und es entsteht ein siedendes Feuer und frißt an ihr, bis es sie gänzlich reinigt (xx8apitev). Und
es kommt Jahulam, der rasati des Sabaoth, des Adamas, der
in die Rechnung ziehen, obgleich da die Quellen nicht erwähnt werden.*).
Nimmt man so, neben den Zeugnissen, die. man zuerst auf den
orphischen Goldblättchen, dann weit ausführlicher und Dantes Beschreibung der Letè—Eunoë näher, bei Plutarch und Pausanias findet,
auch das Zeugnis der gnostischen Schriften in Betracht, so ist es wohl
den Becher der Vergessenheit den Seelen (Wuyal) gibt, und bringt das
Wasser der Vergessenheit und reicht es der Seele (Yuy7), und sie trinkt
es und vergißt alle Dinge und alle Orter (rörot), zu denen sie gegangen
klar genug, daß man mit einer orphisch-pythagoreischen Vorstellung
von den zwei „Quellen“, „Wassern“, „Bechern“ rechnen muß, die
mit der Lehre von der Metempsychose und Anamnesis fest verbunden
sind (da sie eben aus dieser Lehre entstanden), sowie damit, daß diese
Vorstellung aus der spätantiken Mystik und Philosophie, aus orphischpythagoreischen und platonischen Schriften, auch in christliche Schriften
eindrang. Dabei wurde, in den dem orthodoxen Christentum näher
war. Darnach kommt ein xapxAnuxtys des kleinen Sabaoth, des Guten
(&yx®6c), des von der Mitte (1Eoos), er selbst bringt einen Becher, angefüllt mit Gedanken (vonpxrx) und Weisheit, und Nüchternheit (vfjùtc)
befindet sich in ihm, und reicht ihn der Seele (Luz). Und sie werfen
sie in einen Körper (söux), der nicht schlafen noch (oSé) vergessen
kann wegen des Bechers der Nüchternheit (vus), der ihr gereicht
ist, sondern (204) er wird ihr Herz beständig peitschen, nach den
Mysterien (uuorñoux) des Lichtes zu fragen, bis sie sie findet durch
die Bestimmung der Lichtjungfrau (-mágdevos) und das ewige Licht
stehenden Schriften, die grundlegende Lehre von der Metempsychose
verdrängt und die Bedeutung der zwei Wasser oder Becher umgedeutet. Der Weg, den diese Vorstellung gegangen, ist derselbe, den
so manche orphisch-pythagoreische und platonische Gedanken und
ererbt (xAncovousty)****).
Die Übersetzung ins englische von George Horner”) spricht
Vorstellungen in der Spätäntike und im Mittelalter wanderten.
vom zweiten Becher als „a cup, full of the understanding and wiseness
and watchfullness in it“. Aber Robert Eisler) zitiert, wohl nach
Wie die Überlieferung von den zwei Quellen, Wassern oder Bechern im Mittelalter weiterlebte und zwar in Werken, welche unzweifelhafte Spuren platonischen Einflusses aufweisen, scheint mir, außer
Dante noch eine Stelle aus De mundi universitate sive Megacosmus
et Microcosmus zu zeigen. Bernhardus Silvestris, der Lehrer des bekannten und einflußreichen mittelalterlichen Platonikers Alanus de
Insulis, spricht in diesem Werke von einer Sprähenreise der Göttin
Natura, deren Führerin ‚Urania ist. Da hört man von der Sphäre
des. luppiter folgendes: ,,Amoenitatem circuli blandientis ingressáe
levorsum primo lovis in limine duo dolia conspicantur, quorum alterum tristis absinthii, mellis alterum dulcorati. Circumstabant et
animae alterutrum vicissim poculum, si quando prodirent in corpora,
gustaturae. Ea enim conditione sub love vivendum universis, ut si
quando de temporalibus causae delectationis obveniant, obveniant et
der Neuauflage von C. Schmidts Übersetzung, welche er**) als unmittelbar bevorstehend in einem früheren Abschnitt erwähnt, die Stelle
folgendermaßen: „Becher der Weisheit und Erinnerung“. R. Eisler**)
hat in einem Abschnitt, der die Überschrift „Das Weinsakrament,
Koarnpes, Weltseele und Seelentrank“ trägt, auf die orphisch-pythagoreischen Grundlagen der Vorstellung von den zwei Bechern, die die
Seele bei ihrem Aufstieg oder ihrem Fall an einer der Himmelspforten
leeren muß, hingewiesen. Dabei beruft sich Eisler unter anderem auf
die plutarchische Vision des Aridaios (De sera numinis vindicta 20,2—
563 b ff.), wo Aridaios zuerst einen Ort des „Vergessens“, (A0) meiden
muß und auf seiner weiteren Wanderung zu einem großen -pxr#p, in
den zwei Ströme hineinfließen, kommt. Dann findet Eisler dieselben
52) Koptisch-gnostische Schriften S. 252—253, 23—37 und 1—3,
i Fe a
ee 1924, 198.
rphisch-dionysische Mysteriengedanken in der christlichen Antike
träge der Bibl, Warburg 1922—1923 U Tail, Leipzig 1925, 184,
3) Orphisch-dionysische Mysteriengedanken 139,
bei C. Schmidt anführt.
sh
4,
d
VR
55) Orphisch-dionysische Mysteriengedanken 182 u. w. _
ing
= Vor-
2
5
o
MENS
75
—A—_
7) Kautzsch Pseudepigr. II, 14, 38-—40, S. 400 nach Eisler /. c.
28) Zum Mischkessel des Plutarch-Dialoges vgl. auch das Fragment aus
Ennius : quae cava corpore caeruleo cortina receptat, samt der Erklärung Varros
L. 1, 7,48: cava cortina dicta, quod est inter terram et caelum ad similitudinem Apollinis, Vgl. dic Ausführungen K. Kerényis Pythagoras und Orpheus, Zürich 1950 = Albae Vigiliae NF Heft IX, S. 85.
Page 11
View in PDF(opens in a new window)Mi. Fiasar o
doloris****). Obwohl in der Schrift des mittelalterlichen Platonikers
aus dem 12. Jahrh. cine Umbiegung des Sinnes der zwei pocula vorliegt,
kann man doch ohne weiteres sehen, daB das volkstiimliche Motiv
von den zwei Flüssen oder Quellen des Paradiescs, von denen die eine
bitter, die andere süB ist, sowie dic allegorische, auf die Genüsse und
das Leid des Lebens hinweisende Deutung der zwei Becher, nur cine
Verkleidung des eigentlichen Motivs von den Wassern des Vergessens
und der Erinnerung ist. Dies wird deutlicher und verständlicher, wenn
man hinzufügt, daß man in diesem Werke des mittelalterlichen Platonismus auch unzweideutige Spuren der Lehre von der Anamnesis findet,
sowie andere, besonders dem Platonismus und der spätantiken Mystik
eigene Vorstellungen und Symbole (z. B. die emanatistische Kette des
Seins, die Macrobius als
Homeri aurea catena bezeichnet).
IV
Gnostisches zu den Namen Eunoia und Protonoia.
Das Paar Ameles—Eumeles
Diejenigen Erklärer des mythischen und mystischen Flußnamens
Eunoe, die meinen, Dante habe den Namen selbst aus griechischen,
im mittelalterlichen Latein
bekannten, Elementen zusammengesetzt
(es sind fast alle mir bekannten Erklärer dieser Meinting), berufen
sich oft auf die in Dantes Convito 2,3, 11 vorkommende Protonoé
(=Protonoia). Ich kann wahrlich nicht ausfindig machen, woher man
wieder wissen will, daß Protonoé ein von dem des Griechischen unkundigen Dichter geschaffenes Wort ist. Man kann zwar cbenso sagen,
daß man um eine antike, orphische Eunoia eben nur auf Grund der
durch den Text Dantes bestimmten Wiederherstellung von Jane E.
Harrison weiß, da man sich auf den Namen Eunoa bei Theokritos
(15,2) und Eunoe bei Suetonius (Caes. 52; auch inschriftlich als Frauenname bezeugt) nicht berufen kann. Dennoch rechtfertigen einerseits
die bisherigen Ausführungen eine solche Wiederherstellung zur Genüge,
während andererseits in den gnostischen Schriften auch Namen von
demselben Typus wie Protonoia bekannt sind. Man muß, der vollständigkeit halber, verzeichnen, daß der Name Protonoé in der spätantiken
hellenischen Dichtung vorkommt. Den Namen xpwrovén (mpwrovöcız)
trägt bei Nonnos Dion 26, 17 etc. die Tochter des Inderkönigs Deriades,
sowie, nach Asklepiades und Sudas. die Tochter des Dysaules und der
Baubo (s. V. Gebhardt PWRE XXII,, 1957, 986). Neben den erwähnten
Frauennamen Eunoé Eunoa steht auch die Nymphe Ebvér, von der
Mythographe Pherekydes zu berichter wußte (s. Waser PWRE VI, 1128).
Leider wissen wir über diese Nymphe nichts näheres. Man kann aber
voraussetzen, daB es sich um eine Naiade handelt, da Eunoe die
Frau des kleinasiatischen Flußgottes Sangarios ist.
i
5) De mundi universitate 11, 5, 79—86 ed, C. S. Barach—J, Wrobel = Biblioth.
philosoph. med. aet. 1, Insbruck 1876, S, 42.
Eunoè—Mnemosyne
77
Ein außerordentlich reicher und bedeutender Fund in Ägypten
förderte über 40 bislang unbekannte gnostische Schriften ans Licht
im Jahre 1945. Es sind die koptischen, etwa 15 Jahrhunderte alten
Handschriften von Kenoboskion. Die Geschichte der Entdeckung gibt
Jean Doresse”). Die Handschriften sind noch nicht veröffentlicht,
aber J. Doresse bietet in seinem Buch über diesen Gegenstand eine
recht ausgiebige, wennauch selbstverständlich ungenügende erste
Übersicht. Hier will ich nur auf die Überschrift der Handschrift Nr. 34
aufmerksam machen, die J. Doresse anführt"): Le Triple discours
de la triple Protennoia; Livre sacré écrit par le Pére (c'est-à-dire par
Seth), und an anderer Stelle“) offenbar vollständiger, als: Traité sur
la triple Epiphanie, sur la Protennoia à triple forme, Écriture sacrée
écrite par le Père dans une gnose parfaite. Es ist leider nur ein geringer
Rest von einigen Schlußseiten des Werkes; deren Inhalt nach J. Doresse
eine Kosmogonie ist und wo von der himmlischen Jungfrau deren Name
„Mirothea“, die Rede ist. Es erscheint auch der böse Demiurg und er
wird im Werke nach der Übersetzung eines Abschnittes, die J. Doresse
liefert, folgendermaßen bezeichnet:: „le grand démon qui régne sur
les abimes de l’Amente (= l'enfer) et sur le Chaos, lequel n’a point
de forme etn'est point parfait mais a seulement la forme de c’est-a-dire
Samaél, lalbdabaoth, lequel a une puissance qui est l'Epinoia de la
lumière“, Diese Offenbarung des großen Seth endet mit Worten, die
die Himmelsfahrt des Seth beschreiben.
Es ist kaum nötig auf das offenbar gegensätzliche Paar Protennoia
und Epinoia (das etwa dem antiken Prometheus und Epimetheus ähnlich
sein könnte) aufmerksam zu machen. Es ist zwar nicht Protonoia, da
im ersten Kompositum -ennoia und nur im zweiten -noia den Schlußteil
bildet, aber es scheint doch nach all den bisherigen Ausführungen nicht
ausgeschlossen, daß auch die Protonoé Dantes aus ähnlichen, uns heute
recht wenig bekannten Quellen, stammt, aus denen auch das Paar
Leté—Eunoé stammen muß. Es ist doch allenfalls recht eigentümlich,
daß man den Namen Protennoia, der Dantes Protonoe, bzw. Protonoia
recht ähnlich ist, eben in Werken der koptischen Gnosis findet, wo man
auch eine sehr auffällige Parallele zum lustralen Bad und Doppeltrunk
Dantes findet, die aus der orphischen Vorstellung von der Lethe—Mnemosyne oder Lethe—{Eunoia) stammen. Man muß weiter hinzufügen,
daß auch eine Pronoia in den gnostischen Schriften eine bedeutende
Rolle spielt“). Man kann hier nur auf diese Einzelheiten hinweisen, da
erst eine vollständige Ausgabe der koptischen Handschriften aus Kenoboskion und eine Analyse der griechischen Eigennamen, die sich darin
und in anderen gnostischen Schriften finden, einen festen Grund für
Hypothesen und Zusammenstellungen bieten kann. Es ist jedoch nötig
auf die Reihe, die die orphischen Namen Lethe und Eunoia oder Ennoia(?),
%) Les Livres secrets gnostiques d'Égypte, Paris 1958, 133 ff.
#1) Les Livres secrets 166.
52) Les Livres secrets 198.
#3) Les Livres secrets 190—191.
Page 12
View in PDF(opens in a new window)M. Flaëar
die Protennoia, Pronoia und Epinoia der gnostischen Schriften und
79
Grund bieten, besonders im Zusammenhang mit den im vorigen Abschnitt
behandelten Vorstellungen, um die beliebte Voraussetzung mancher
hellenistischen Mystik zu erschließen, bestehe. Zu Ebuékns wäre der
Gegensatz "Auédnc. Und den mythischen FluBnamen "Aging findet
man in Platos Staat 621 a, wo man zuerst hört, daß sich der Fluß
im Gefilde der Lethe befindet. Plato gibt ihm selbst auch den Namen
als unwahrscheinlich zu bezeichnen. Daraus folgt auch, daß die Rekon-
An0ng roruu6s an derselben Stelle wenige Zeilen weiter. Es ist die
wohlbekannte Geschichte von der Vision des Armeniers Er, und
die
Letè—Eunoè und Pronoè Dantes bilden, da sie doch allenfalls einigen
Forscher, Dante habe die Namen Eunoé und Protonoè selbst geschaffen,
struktion einer orphischen Eunoia = Mnemosyne recht wahrschein
lich
Hier möchte ich noch auf eine Parallele zu der vorausgesctzten
Vertauschung der Namen Mnemosyne und Eunoia aufmerksam machen.
Ameles = Lethe ist der Fluß des Wassers des Vergessens, von dem die
zur Wiedergeburt bestimmten Scelen trinken.
Hat man die orphischen Lehren und das Paar Lethe—Mnemosyne
sowie die gnostischen Vorstellungen von dem Trunke des Vergessens
Es scheint mir wenigstens wahrscheinlich, daB es sich eben um solch eine
Parallele handelt. Die Avipynors Zociuou ele tov Blov riv uaxäeuv bietet
und dem Trunke der Weisheit, Nüchternheit und Erinnerung im Sinne,
so muß man wohl den Schluß ziehen, obwohl von einem Trunk in der
cine interessante Auskunft). Die Schrift ist uns nur in einer
jüngeren
Narratio Zosimi nicht die Rede ist, daß Eumeles, der Fluß, den die zum
Himmel fliegende Seele überschreiten muß, ein Gegenstück zum Ameles=Lethe, von dem die Seelen bei ihrem Fall vom Himmel trinken,
sein kann. So wäre das Paar welches Platons Ameles und der Fluß
Eumeles der Narratio Zosimi bilden, dem Paare Lethe— Mnemosyne, bzw.
Letè—Eunoë, gleichzusetzen. Selbstverständlich kann dies, mangels
anderer mir bekannten Zeugnisse, nur eine Hypothese bleiben, aber,
wie es mir scheint, eine, die man als annehmbar und sogar wahrscheinlich
ansehen kann, hat man im Sinne die reichen Spuren orphisch-pythadas Richtige trifft.
Fassung bekannt, doch sie ist wohl") um das Jahr 250 entstanden. Im
Berichte, wie er zum Orte der Seligen gelangte, erzählt Zosimos, wie er
zu Fuß, auf einem Kamel und zuletzt vom Winde getragen an die
Grenze des Paradieses kam. Er sagt da vom Winde: ... Kat é
ext rénou rorau@Bouc zul Évoux a mora Eduérnc zul ob Bourouévou
po Siépyeatar rdv rorauév, EBönatv +16 che amd tO Údarros Akyav. Zoe,
dvipwre rob Neo’, od Sivaoar dreAdetv dr’ goti.
| Eine Wolkenmauer (reiyos vegéìne) erhebt sich vom Fluß zum
Himmel und die Wolke sagt: 3” ¿105 ob dukpyaraı nereıvöy Ex +00 xécu0v
Toro, obdE mon dvéuos, obdt adrds 6 Huo, OSE è merpilàò dv a 02.7170)
+007 Süvarın SieAGety dr’ 2uod. Es ist so der Fluß und die aus ihm aufsteigende Wolke als Grenze zwischen zwei ganz verschiedenen Welten zur
goreischer und spätplatonischer Überlieferung, die man in den Schriften, denen die Narratio Zosimi angehört, findet. Allenfalls muß man
mit dieser Möglichkeit rechnen und voraussetzen, im Eumeles verberge
eben von solch einem Dualismus beinflußt ist. Selbstverständlich, so
sich noch eine Spur des auf Grund der Lehre von der Metempsychose
und Anamnesis entstandenen Flusses oder Wassers der Erinnerung,
welches die antiken Mysterien dem Wasser des Vergessens hinzugefügt
haben. Diese Spur mußte hier auch darum erwähnt werden, weil der
Fluß Eumeles der Narratio Zosimi, ganz wie der Fluß Eunoé der Divina
Commedia, so ein anderer Name für Mnemosyne wäre und sich ebenso
wie Eunoé an der Grenze zwischen dem Diesseits und dem Jenseits
Zosimos den Wall und kommt in ein Paradies. Das ist selbstverständlich
V
Genüge gekennzeichnet. Und es ist klar, da selbst die Sonne diese Grenze
nicht überschreiten kann, daß es sich nicht einfach um eine Vorstellung
aus dem Bereiche lunisolarer oder astraler Eschatologie handelt, sondern
daß man mit einer Zweiteilung rechnen muß, die dem platonischen
Dualismus des mundus sensibilis und mundus intelligibilis ähnelt, oder
will
es die romanhafte Umkleidung der ekstatischen Vision, durchbricht
in
einer Erzählung,
die
„eine
eigenartige
Verschmälzung
echtester
Mönchsliteratur . .. mit spätjüdischer Sage, die ihrerseits schon romanhaft hellenistisch ausgestaltet ist“, bietet**),
Hier ist vor allem der Name dieses eigentümlichen Flusses interessant. Denn für eine Auffassung, es handle sich um einen wohlklingenden
und melodiósen (eyz2?7%¢) Fluß, hat man weder Anhalt im Texte, noch
Parallelen in anderen Grenzflüssen des Jenseits. Es scheint mir, als ob
eine Möglichkeit, in diesem GrenzfluB des Paradieses eine Parallele zur
Danteschen
Eunoé,
oder
richtiger eine
verwandte
Vorstellung
der
“) Apocrypha anecdota, ed. Montague Rhodes James = Texts and Studies,
Contributions to Biblical and Patristic Literature, Vol. TI, Cambridge 1893,
97.
*) Val. H. R. Patch The Other World 93.
z
“) Richardt Reitzenstein Historia Monachorum und Historia Lausiaca, Göttingen 1916,
181,
1.
befindet.
Die Quelle der Mnemosyne in der jugoslavischen Dichtung
des 19. Jahrhunderts
Das Bestehen ciner recht zähen spätantiken und mittelalterlichen
Uberlieferung von einer Quelle der Erinnerung, die in der christlichen
Apokalyptik der Seele zur höchsten Schau, zum eigentlichen Himmelsflug und zur Erinnerung an den Himmel verhilft, wird auch durch das
Werk Luéa mikrokozma des jugoslavischen Dichters Petar I Petrovié
Njego3 auf eine indirekte Weise bezeugt. Dieses Werk zerfällt in zwei
ungleiche Teile. Den ersten Teil bilden der 1. und 2. Gesang, die den
‘Flug der Seele durch die Sphären zum Empyreum und dem Paradiesgarten des Empyreums schildern, Den zweiten Teil bilden die Gesänge
3—6, die den Aufstand der bösen Engel, ihren Fall und, in aller Kürze,
die Geschichte der Menschen auf Erden von Adam bis auf Christus
Page 13
View in PDF(opens in a new window)nach der Bibel schildern. Es handelt sich also um ein biblisches Epos,
das aber in den Rahmen einer Vision gespannt ist, und zwar einer
Vision der Vergangenheit, jedoch nicht der irdischen Vergangenheit,
sondern der Geschehnisse, die sich noch vor der Schöpfung der Erde
im Himmel abgespielt haben.
Die Verbindung dieser zwei Teile wird dadurch ermöglicht, daß
des Dichters Seele, eigentlich ihr besserer, unsterblicher Teil, am Ende
der Sphärenreise und der Wanderung durch die Gefilde des Empyreums
von einem kleinen, abseits auf dem Gefilde liegenden Quell trinkt.
Das Wasser dieser Quelle (Luca 2, 301—303) erweckt die Erinnerung
an Vergangenes und so beginnt der zweite Teil. In diesem Falle ist
aber der Trunk von der Quelle ganz klar und unzweideutig mit der
Lehre von der Anamnesis verburiden, die in den ersten zwei Gesängen
des Werkes immer aufs neue zum Ausdruck kommt und auch in der
Geschichte vom Aufstande der Engel ihren Ausdruck findet. Dieser
sehr unorthodoxe Ausdruck der Lehre von der Anamnesis der Seele ist
im Werke mit der Lehre vom präcxistenten Adam verbunden, der auf
der Seite der bösen Engel am Aufstand teilnimmt, sich aber mit seinen
Legionen aus dem Kampf zuriickzieht, so daß Adam mit seiner Mannschaft zur Buße nicht in die Hölle, sondern auf die zu diesem Zwecke
geschaffene Erde hinabbefördert wird. Diese zwei.Lehren, die eine
gemeinsame Wurzel haben, fließen im Werke ineinander. Die Seele des
Dichters crinnert sich der Geschehnisse im Aufstande der bösen Engel,
eben weil sie selbst aus jenen himmlischen Gegenden vormals zur
Strafe in das vergessenheitbringende Erdenleben verbannt wurde.
Es haben die bisherigen Untersuchungen, die diesem bedeutenden
und eigentümlichen Werke gewidmet sind, schon genügend gezeigt,
daß die Gesänge 3—6 zum größten Teil derjenigen Beschreibung des
Aufstandes der bösen Engel, die Milton in seinem Paradise Lost gab,
nachgebildet sind. Die Stimmen, die man hier und da, meist durch
die von der Romantik ererbte Originalitätssucht bestimmt, gegen eine
solche Auffassung erhob, können durch jede etwas cingehendere Analyse
entkräftet werden. was wiederum keineswegs die Originalität in der
Grundauffassung Njegoss in Frage stellt, da in Miltons Bericht keine
Spur von einem präexistenten Adam zu finden ist. Hier muß jedoch
ganz entschieden darauf hingewiesen werden, daß jene Forscher, die in
Dantes Divina commedia eine Art Vorlage für die Sphärenreise und die
Beschreibung des Empyreums in den zwei ersten Gesängen der Luéa
mikrokozma sehen, dafür keinen guten Grund haben. Hier kann ich
auf die Unzulänglichkeiten der Argumentation, die zu solch einer
Auffassung geführt haben, nicht eingehen, Das Nötige wird jedoch
schon damit gesagt sein, daß all jene der Divina commedia und der
Luca mikrokozma gemeinsamen Motive, auf die sich die Vertreter
dieser Auffassung berufen, zum allgemeinen Gut, zur Jahrhunderte
alten Topik der europäischen Visionsliteratur und Kommentare zur
Genesis gehören. Andererseits findet man in den zwei Gesängen keine
hinweisen, die aufs tiefste von der spätantiken Mystik,
und zwar besonders vom späten Platonismus, bestimmt ist. Dies zeigt nicht
nur die
Lehre von der Anamnesis der Seele, sondern weiter auch die ganz
klare
Spur der Lehre von den zwei Scelen, von denen nur die
höhere,
bei Njegos Idee genannt, in ihre himmlische Heimat zurückkehrt. Es
ist das eine Lehre, die wohl als erster der Wegbereiter des Neoplatonismus, der Platoniker und Pythagoreer Numenius von Apamea vertreten
hat. Dabei wird diese Idee—Scele bei Njegoë, im Sinne der spätantike
n
Lichtsymbolik, die besonders bei den dem späten Platonismus
verbundenen Schriftstellern gang und gäbe war, als Funke und
Strahl des
mystischen Lichtgottes bezeichnet. Die durch die Überlieferung
der
+
Visionsliteratur bestimmte Beschreibung der himmlischen
Gefilde im
Empyreum enthält Elemente derselben Lichtsymbolik, da
aus diesen
Gefilden Ströme des Lichtes, das ebenfalls als Idee bezeichnet wird,
in die Welt fallen und diese beleben. Ohne allen Zweifel stammt aus
spätantiken platonischen Quellen auch das Symbol des krystallenen
Himmelszeltes, auf dem Gott als Maler, Bildhauer und Weber seine
Ideen schafft, des Himmelszeltes, welches im Sinne der konsequent
dualistischen platonischen
Interpretation des Schöpfunsberichtes der
Genesis als Urbild des materiellen, irdischen Himmels sich im mundus
intelligibilis des Empyreums befindet. Solch einen Himmel findet man
schon in Philos Kommentar (1. Jahrh.), wie auch beim mittelalterlichen
Platoniker Alanus de Insulis (12, Jahrh.), oder in der Vision der „GeistiDR Pet im Werke des russischen Klassizisten Cheraskov (Ende des
_ All diese und manche anderen Gründe zeigen, daß P. Petrovié
Njegos die ersten zwei Gesiinge seiner Luda mikrokozma wohl auf
Grund ciner (oder mehrerer?) von Lehren des spätantiken Platonismus
durchrdungenen Quelle, verfaBte, einer Quelle aus der wohl auch die
Lehre von der Anamnesis und vielleicht auch das Wasser der Erinnerung
an die Präexistenz stammt. A. Schmaus“), der meint, daß die zwei
ersten Gesänge der Luca mikrokozma in manchem von einem Einfluß
der Divina commedia zeugen, findet auch, daß die Quelle des Wassers
der Erinnerung bei Njego Dantes Letè—Eunoë nachgebildet sei,
Wie unwahrscheinlich solch eine Erklärung ist, zeigen folgende Gründe.
In der Beschreibung und Lokation der doppelten Flüsse Letè—Eunoë
und des Lustrationsritus, dem sie dienen, einerseits und in Njegoss Worten vom Wasser der Erinnerung und dessen Funktion, andererseits findet
man keinen einzigen Zug, der einen mehr oder weniger sicheren Anhaitspunkt für die Voraussetzung, daß Njegoë seine Quelle derjenigen der
Doppelflüsse bei Dante nachgebildet habe, bieten könnte. Während bei
Dante der eigentliche, ältere Sinn des Wassers der Erinnerung, der
Mnemosyne einer christlichen Interpretation weichen mußte, so daß
der Leser sich fragen muß, wozu diese Erinnernug an die auf Erden
begangenen Taten der Secle auf ihrer Himmelsreise dienen soll, hat
bei Njegos die Quelle des Wassers der Erinnerung eine Funktion, die
auffälligen Parallelen zu den Beschreibungen und Bildern Dantes, aber
eine Reihe ganz eindeutiger Spuren, die auf eine (oder mehrere?) Quellen
") Niegoseva Luca mikrokozma, Beograd 1927, 49 u. w.
6 Ziva Antika
Page 14
View in PDF(opens in a new window)ganz klar und unzweideutig durch die Lehre von der Anamnesis der
aus dem Himmel stammenden Seele bestimmt ist. Mit anderen Worten:
nach der Deutung von A. Schmaus (obwohl sie die antike Mnemosyne
nicht kennt) hätte eigentlich Njegos, indem er nach dem Vorbild von
Dantes Lete—Eunoé seine Quelle des Wassers der Erinnerung schuf,
die ursprüngliche Verbindung der anderswoher bezogenen Lehre von
der Anamnesis mit dem Motiv des Wassers der Mnemosyne (das aus
dieser Lehre eben enstanden) wiederhergestellt. Selbst wenn man irgendeinen sicheren Anhaltspunkt für die Voraussetzung, daß die Divina
commedia die ersten Gesänge der Luca beinfluBs habe, hätte, wäre es
wohl kaum nötig besonders zu betonen, daß die Annahme, die Erinnerungsquelle Njegoss habe denselben Ursprung wie die anderen platonischen und „orphischen‘‘ Vorstellungen und Motive der ersten Gesänge
der Luéa, viel einleuchtender sei, als die Vorrausetzung, Njegos habe
die Lete—Eunoé Dantes im Sinne gehabt.
So kann man wohl mit Grund sagen, daß die Quelle der Erinnerung,
samt der Lehre von der Anamnesis und anderen platonischen und
durch platonische Lehren und Schriften bestimmte Gedanken, Motive
und Symbole, in das Werk des jugoslavischen Dichters aus einer Schrift
spätantiken oder mittelalterlichen Ursprungs kam. Da der Dichter
Eunoé—Mnemosyne
83
Narratio Zosimi schen. Eumeles ist wohl ein Gegenstiick zu Platos Ameles (—Lethe) ganz wie Mnemosyne und Eunoé Gegenstiicke zur Lethe
( =Ameles) sind. Daher ist es auch wohl möglich, daß Jane E. Harrison
mit ihrer Wiederherstellung des Namens Eunoia im korrupten Texte
eines orphischen Totenpasses aus Sybaris, das rechte trifft. Allenfalls
ist es ganz unwahrscheinlich, daB Dante, des Griechischen unkundig,
die Namen Eunoè und Protonoè selbst aus den im mittelalterlichen
Latein bekannten griechischen Brocken zusammengesetzt hat, da dic
jiingst in Kenoboskion entdeckten gnostischen Texte auch Namen wie
Protennoia, Epinoia, Pronoè aufweisen, und die Übereinstimmung der
antiken, orphischen und gnostischen Vorstellungen von den zwei Quellen,
Wassern, Bechern des Vergessens und der Erinnerung mit der Letè—
Eunoè Dantes eine ganz unzweideutige ist. Bessere Kenner der gnostischen Schriften und besonders der mittelalterlichen byzantinischen
und westeuropäisch-lateinischen Literatur (Visionen u. 4.) werden
wohl noch auf manchen Widerhall des Motivs der Lethe—Mnemosyne
aufmerksam machen.
Belgrad.
zugleich Priester der östlichen Kirche war, so ist es leicht möglich, daß
ihm durch die Vermittlung russischer Übersetzungen sölch eine byzantinische literarische Quelle zur Hand war. Das Auffinden solch einer
literarischen Quelle, mit der man, wie ich an anderem Ort eingehend
zeige, rechnen muß, wird den Entstehungsgang der Luca mikrokozma
erst im vollen Sinne aufklären können. Hier war das Ziel nur zu zeigen,
daß die christliche Überiieferung das Motiv der Mnemosyne—Quelle
offenbar auch in ihrem ursprünglicherem, an die Lehre von der Anamnesis gebundenen Form bewahrt hat, daß man eigentümlicherweise
selbst in der Literatur des 19. Jahrhunderts eine Spur davon findet.
VI
Riickblick
Auf Grund der bisherigen Ausführungen kann man wohl zum
sicheren Schluß kommen, daß Dantes zwei Flüsse Letò—Eunoè Ausläufer des antiken Paares Lethe—Mnzmosyne sind. Es ist eine Vorstellung,
die der orphisch-pythagoreischen und platonischen Lehre von der
Seelenwanderung und Anamnesis der Seelen entsprungen ist, der christlichen Gnosis geläufig war und auch mittelalterlichen, durch die
Lehren des späten Platonismus und der spätantiken Mystik bestimmten,
Schriften Nachklang fand, wie daß die Erwähnungen der zwei Becher
in der Pistis Sophia und bei Bernhardus Silvestris, sowie die Quelle der
Anamnesis im Werke des, wohl Schriften byzantinischen Ursprungs in
russischen Übersetzungen benutzenden, jugoslavischen Dichters Njegos
beweisen. Eine Spur des Motivs vom Flusse der Mnemosyne kann man
vielleicht auch im GrenzfluB des Jenseits der um 250 entstandenen