Abstraction und Korperlichkeit bei Pythagoras. Gesprach mit Christoph Riedweg

Author
Hiltgruber, M.
Published in
Das Dreiech der Liebe
Year
2015
Subject
RIEDWEG
Language
Deutsch
Category
C7 Philosophy
Archive number
7761

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Abstraktion und Körperlichkeit bei Pythagoras. Gesprach mit Christoph Riedweg, in: M. Hiltgruber, Das Dreieck der Liebe (Katalog zur Ausstellung “Das Dreieck der Liebe. Korperlichkeit und Abstraktion in der Zürcher Kunst", Helmhaus Zürich, 25.9.-22.11.2015), Zürich 2015, 117-123 Pythagoras of Samos, his philosophy of numbers, based as it were on the discovery of the numerical nature of the musical proportions; the importance of social justice in Pythagoreanism; Pythagorean influences in Plato, the JudeoChristian traditions, down to the harmonical Pythagoreanism of the 20th century; Pythagoras and sexuality

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Christoph bei Pythagoras. Christoph Riedweg, Riedweg, Abstraktion Abstraktion und und Körperlichkeit Körperlichkeit bei Pythagoras. Gespräch Gespräch mit mit Christoph Christoph Riedweg, Riedweg, in: in: M. M. Hiltgruber, Hiltgruber, Das Das Dreieck Dreieck der der Liebe Liebe (Katalog (Katalog zur zur Ausstellung Ausstellung "Das “Das Dreieck Dreieck der der Liebe. Liebe. Körperlichkeit Körperlichkeit und und Abstraktion Abstraktio in der Zürcher Kunst", Helmhaus Zürich, 25. September bis 22. November 2015), Zürich 2015, 117–123. in der Zürcher Kunst", Helmhaus Zürich, 25. September bis 22. November 2015), Zürich 2015, 117-123. RICHARD PAUL LOHSE, Dreissig systematische Farbtonreihen, 1950-1955

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Gespräch mit Christoph Riedweg Abstraktion und Körperlichkeit bei Pythagoras Wer war Pythagoras? Pythagoras, geboren auf Samos (heutiges Griechenland), unternahm wohl ausgedehnte Bildungsreisen im Nahen Osten, und kam dann nach Kroton im heutigen Siiditalien in eine «Polis», wie die Bürgergemeinden im damaligen Griechenland hiessen. Dort wurde er zu einer Art Politberater, und die Krotoniaten setzten seine Ratschlage im politischen Alltag um. Er schulte gleichsam die Polis, damit diese Bürgerschaft so funktionierte, wie es seiner Uberzeugung entsprach. Grundlage bildete eine naturphilosophische Welterklärung in Verbindung mit hohen ethischen Ansprüchen und der Observanz zahlreicher religiöser Vorschriften. Pythagoras war ohne Zweifel ein Ritualist, das Leben ist bei ihm total durchritualisiert. Zumindest die Elite der Gemeinde lebte wohl fast wie eine Priesterkaste. Exzess kommt bei Pythagoras nicht in Frage. Wie verlasslich sind Aussagen zu Pythagoras, da wir von ihm keine eigenen Texte haben? Wegen der problematischen Uberlieferungslage lassen sich weithin nur Mutmassungen anstellen. Je weiter weg wir von Pythagoras selber sind, desto mehr und Wunderbareres wissen die Quellen über ihn zu erzählen. Die Pythagoras-Bilder in der Wissenschaft sind entsprechend unterschiedlich. Ich habe versucht, in meiner Forschung zunächst die bunten Erzählungen zu Pythagoras sprechen zu lassen und mich von da langsam zurückzubewegen, bis zu den ältesten Zeugnissen, und so ein Bild zu erhalten. Trotzdem gilt Pythagoras als wichtiger Begründer der Philosophie? Pythagoras war, glaube ich, grundlegend für Platon. Und Platons Timaios ist wohl der am stärksten an Pythagoras orientierte Dialog. Dort spricht nicht Sokrates selber, sondern der Pythagorcer Timaios von Lokroi, das heute in Kalabrien liegt, Locri. Er hält diese Rede und Sokrates hört zu. Der Timaios-Text ist sehr spannend aber auch sehr komplex, es ist gewissermassen die Summe aller vorsokratischen Philosophie, zu der auch Pythagoras gehört. Die Vorsokratiker hatten eine unglaubliche intellektuelle Neugier, sie wollten wissen, was ist und wirklich existiert, was die Urmaterie ist, der Ur-Anfang, das Prinzip von allem. Und dann sagt Pythagoras: Es ist die Zahl. Das ist eine geniale Erweiterung, nachdem ‘Thales, vereinfacht gesagt, es im Wasser sah, Heraklit gemeint hatte, alles sei Feuer, und andere gesagt haben, alles sei Luft, und so weiter. Das besondere der Zahl liegt im Abstraktionspotenzial, was die Pythagoreer aber noch ganz materiell, also körperlich sahen. Wie verstanden die Pythagoreer die Zahl? Die Zahl wurde durch Zählsteine dargestellt. Selbst einen Menschen kannst du mit Zählsteinen darstellen, wenn du ihn auf wesentliche Merkmale «abstrahierst». So ist, glaube ich, nach pythagoreischem Verständnis die Zahl 250 die Zahl des Menschen. Diese Zählsteine, yrboı (pséphoi) sind selbst für die ersten vier Zahlen aufschlussreich, weil 1, 2, 3, 4 in Zählsteinen angelegt ein gleichschenkliges Dreieck ergibt. Die tergantüg (tetraktys), die Vierheit, war so heilig bei den Pythagoräern, dass man auf sie schwor, «bei dem, der uns die ‘Tetraktys gezeigt hat». Diese Zahlen haben nämlich sehr verschiedene wichtige Eigenschaften. So etwa ergeben

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die 10, bei Pythagoreern die perfekte Zahl. In den ersten vier Zahlen sind aber auch die Grundharmonien Oktave, Quinte und Quarte enthalten. Ich habe sogar den Eindruck, dass die Entdeckung der Zahlenhaftigkeit von Musik die Basis der pythagoreischen Idee der Zahlenhaftigkeit der Welt ist. Die Musik war also grundlegendfür die Idee der Zahlenhaftigkeit der Welt? Die Entdeckung, dass auch Musik mit Zahlen zu tun hat, muss berauschend gewesen sein. Dies zeigt sich schön am Monochord, dem einsaitigen Instrument der Altgriechen. Unterteilst du die Saite in der Hälfte, also zwei zu eins, klingt sie eine Oktave hôher. Machst du drei zu zwei, ist es die Quint, machst du vier zu drei, die Quart. Und das sind die Grundharmonien. Von da aus erfolgt die Ubertragung auf den Himmel, an dem man in den Gestirnen dieselben Konstellationen entdecken zu kénnen glaubte. Alles, was gut funktioniert, ist nach pythagoreischem Verstandnis diesen Harmonien entsprechend gebaut. Selbst das Seelische: Du kannst mit Musik auf seelische Zustände einwirken, weil sowohl die Seele zahlenhaft verfasst ist als auch die Musik. Diese Entdeckung können wir wohl Pythagoras zuschreiben. Der Satz des Pythagoras hingegen, a? + b? = c?, existierte zwar schon vorher, etwa bei den Babyloniern schon 1000 Jahre früher, aber er wurde offenbar nicht theoretisch reflektiert. Pythagoras oder seine Schule haben dieses Wissen vermutlich theoretisch einfach gefestigt. Kann die Philosophie von Pythagoras als ein früher Materialismus gesehen werden? Wir können es nicht «Materialismus» im engeren Sinne nennen, da die Pythagoreer noch nicht von Materie gesprochen haben. Der Materie-Begriff, auf Griechisch tin (hyle), kommt erst bei Aristoteles auf. Trotzdem sind Zahlen bei ihnen, im Unterschied zu Platon, tatsächlich noch kein ideelles Konzept, sondern mit der Wirklichkeit identisch, fast wie Elementarteilchen. Bei Platon sind sie dann losgelöst von der Wirklichkeit, die Zahlen sind intermediär, zwischen den Ideen und der Materie. Was machte denn dieses Denken aus? Im Grunde genommen, so denke ich mir, ist es bei den ganzen Vorsorkratikern so, dass sie die Unterscheidung zwischen Oberflachenwahrnehmung machen, so wie wir die Sachen sehen, und dem, was darunter ist, was im eigentlichen Sinne ist. Sie haben gelernt, zwei Ebenen zu unterscheiden, fast so wie wir es in der Literaturanalyse kennen, die ja ebenfalls in dieser Zeit ihre Wurzeln hat. Zwischen dem Wortsinn und dem allegorischen Sinn, der in einer solchen Auslegung als der eigentliche gilt. Auch die Pythagoreer unterschieden zwischen der Oberflächenwahrnehmung aller, auch der ideellen Dinge und dem, was sie wirklich sind: Zahlen. Die unsichtbare, alles begründende Wirklichkeit fassten sie mit Zahlen — wir tun das ja auch, erkennen in den Gegenständen Elementarteilchen, die durch Nanotechnologie nutzbar gemacht werden. Für Physiker wie Werner Heisenberg und Wolfgang Pauli war übrigens Platons Timaios-Text wichtig, und sie liessen sich davon inspirieren. Diese Wirklichkeit unter der Oberfläche konnten die Pythagoreer wirklich schon zeigen? Ja, diese Wirklichkeit, die Zahl ist, konnten sie zeigen, etwa am Monochord. Die Zahlen übertrugen sie so auch auf den geistigen Bereich, die Zahlen haben eine Symbolik, werden selbst mit dem Göttlichen verbunden, was die Babylonier auch getan hatten. Die Zahl 7 steht bei den Pythagoreern etwa für die Göttin Athene, und somit auch für das Jungfräuliche, was zur Primzahl passt — Athene war bekarntlich eine Kopfgeburt des Zeus, also eine Geburt ohne Frau. Gleichzeitig beschrieben sie mit Zahlen auch Konzepte wie die Gerechtigkeit, für die etwa die Zahl 4 steht, weil 2 x 2 = 4, oder auch die 9, weil 3 x 3 = 9. Gerechtigkeit ist Gleichheit.

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Spielten die griechischen Götter überhaupt noch eine Rolle? Die Pythagoreer sahen sie in einer Einheit. Sie haben den Göttern Zahlen zugewiesen, wie Attribute der Götter, und das im Kosmos sichtbare göttliche Wirken in Zahlen zu fassen versucht. Bei Pythagoras wird ebenfalls der Kult der Musen sehr hoch gehalten. Und das im Sinne einer Gleichheit unter ihnen. Er sagt, Politiker sollen sich ein Modell an den Musen nehmen, dass alle gleich sind unter sich. Es sind neun, die völlig gleich sind und harmonisch zusammenspielen. Die Bedeutung dieser Aufforderung geht natürlich viel weiter. Wir hatten 2013 in der Schweiz die Iniative 1:12 — Für gerechte Löhne. Ich habe Ja gestimmt, obwohl die Forderung übertrieben war, 1:20 wäre vielleicht eher angebracht gewesen. Aber der Gedanke ist richtig, und wir wissen von Pythagoras und vom Platon-Freund und Pythagoreer Archytas von Tarent, dass er eine Reichtumsverteilung realisierte, nach Zahlenverhältnissen. Archytas sagte, es darf eine bestimmte Zahl nicht überschritten werden zwischen dem Ärmsten und dem Reichsten. Sonst bricht die Harmonie und es gibt keine Kohäsion mehr in der Gesellschaft. Archytas soll das in Tarent mustergültig aller gemacht haben, nach einem bestimmten Aoyıonög (lound zur Zufriedenheit gismos), was ein Zahlenverhältnis ist. Die Überzeugung, dass die Spanne zwischen den Ärmsten und den Reichsten nicht überzogen werden darf, teilten später auch Platon und Aristoteles. Im Pythagoreismus findet sich also eine ausgeprägte soziale Gerechtigkeit? Immer unter Ausklammerung der Sklaven, wir sprechen hier von der Bürgerschaft, die negativen Seiten der Antike dürfen wir nicht vergessen. Ich habe nicht in Erinnerung, dass bei Pythagoras bewusst etwas über Sklaven gesagt wird, doch die Sklaverei war eine Realität, bei der ich aber aus heutiger Perspektive betonen möchte, dass wir wenig Grund haben, hochmütig zu sein — wie zum Beispiel unsere Hemden in Bangladesch hergestellt werden, ist von Sklavenhaltung kaum verschieden. Bei den Pythagoreern von enormer Wichtigkeit waren interessanterweise die Frauen, die sonst in der Antike weitgehend marginalisiert waren. Wir haben einen Katalog von Persönlichkeiten bei den Pythagoreern, Frauen sind dabei zwar zahlenmässig schwächer vertreten, aber eine stattliche Anzahl Namen sind erhalten. So werden spätere Reden teilweise auch Frauen in den Mund gelegt, etwa Theano, die entweder die Tochter oder Frau des Pythagoras gewesen sein soll. Die Genderforscherin Sarah B. Pomeroy hat 2013 in Pythagorean Women versucht, das herauszustellen, aber leider ist die Faktenlage dünn. Es ist auf jeden Fall ausserhalb des Normalen für damalige Verhältnisse, wie stark Frauen in die Öffentlichkeit eingebunden waren. Aber teilweise auch mit typisch frauenhaften Themen, etwa man solle nicht in protzigen Kleidern in den Tempel gehen. Bei den Griechen drehte sich ja vieles um rituelle Reinheit und Befleckung. So durfte eine Frau mit Menstruationsblut nicht in den Tempel. Auch Geschlechtsverkehr galt als Verunreinigung. Aber Pythagoras soll dieser Annahme eine moralische Wende gegeben haben: Eine Frau, die von ihrem eigenen Mann komme, dürfe jederzeit in den Tempel, sie sei immer rein. Die Ausrichtung seiner Lehre scheint allgemein sehr stark ethisch gewesen zu sein, im Sinn allerdings einer Aristokratie, nicht einer Demokratie. In der Polis wirkte Pythagoras als eine Art Guru, als eine Art Sektenführer, ein Charismatiker, wie etwa ein Baghwan in unserer Zeit. Die durch Rudolf Steiner begründete Anthroposophie beschreibt ebenfalls eine umfassende Lebensweise und regelt das Leben bis weit in den Alltag. Bei den Pythagoreern war es genau so. Man soll zuerst den rechten und dann den linken Schuh schnüren. Weil die rechte Seite als höherwertig gilt. Es gibt die Sache der Wertigkeit. Die Wertung gibt es auch bei männlich — weiblich, aber auch bei den Zahlen, es gibt Gewichtungen. Bei Aristoteles finden wir eine Zehnerliste von Gegensätzen, bei denen immer klar ist, welches die bessere Seite ist.

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Die Wertigkeit in den Gegensätzen führt nicht zu einer Ungerechtigkeit? Die Frage nach Gleichheit und unterschiedlicher Wertigkeit, das ist auch typisch Platon, und es ist vielleicht gar nicht so falsch, wenn wir es zu aktualisie ren versuchen. Etwa in der Gleichmacherei im Bildungswesen. Eine höhere Maturand enquote führt nicht automatisch zu mehr Gleichheit, sondern zu vermehrtem individuellen Scheitern. Wichtiger ist, dass das Schulsystem durchlässig ist. Es ist für ein erfülltes Leben fundamental, dass man eine Sache sehr gut machen kann, egal was. Das gibt jedem innere Zufriedenheit und ein Qualitätsbewusstsein, das übertragbar ist. In einem gewissen Sinn also suum cuique— jedem das Seine. Das Entscheidende ist, dass du irgendwo gut bist und das zu deiner Erfüllung realisieren kannst. Es gibt Unterschiede, und die soll man angemessen berücksichtigen. Kommunismus wäre trotz allem nicht Platons Sache, obwohl er in seinem Werk Der Staat Ähnlichkeiten dazu aufweist, etwa mit der Gütergemeinschaft. Aber er spricht von einer geometrischen Gerechtigkeit. Wenn jemand supergute Leistungen erbringt, ist es auch richtig, dass er verhältnismässig mehr Lohn erhält, innerhalb gewisser Grenzen. Das wurde auf die Mann-Frau-Rollen übertragen, wo es ebenfalls Anregungen für die Gegenwart geben kann. In der Genderforschung wird ja heute die Differenz wieder stärker betont, was nicht Lohnungleichheit bedeuten darf, aber es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, unterschiedliches Empfinden. Dies ist auch ein wichtiger Grund, warum die Beteiligung beider Geschlechter in Berufen und an der Universität wichtig ist, weil es ein anderes Betriebsklima schafft, wenn Frauen wie Männer mitarbeiten. Wie leben pythagoreische Vorstellungen heute weiter? Ich ging im Kloster Einsiedeln aufs Gymnasium und hatte dort als Musiklehrer einen Hindemith-Schüler, Pater Daniel Meier, ein überzeugter harmonikaler Pythagoreer. Er zeigte mir Kristalle und meinte, schau, wie diese Kristalle wachsen, sie entsprechen den Proportionen der Obertonreihe. Der Schweizer Architekt André M. Studer wiederum baute Häuser mit dem Monochord, dies aus der Überzeugung, dass das Gebäude auf die Seele des Gegenübers musikalisch abgestimmt werden soll. So baute er zum Beispiel um 1970 das von Jesuiten geführte LasalleHaus, ein Zentrum für interreligiöse Begegnung im Kanton Zug. Etwa um dieselbe Zeit hat er auch ein Rundhaus in Schindellegi gebaut und Mitte der sechziger Jahre katholische Kirchen in Uster und Kilchberg. Er war befreundet mit dem gelernten Komponisten und Kunsttheoretiker Hans Kayser, der ein Schüler von Engelbert Humperdinck und Arnold Schönberg gewesen war und mit Paul Hindemith verkehrte. Wohl unter dem Eindruck des harmonikalen Pythagoreismus verschloss sich Hindemith der Dodekaphonie, der von Arnold Schönberg begründeten Zwölftonmusik. In der harmonikalen Auffassung sind die Obertonreihen nämlich Naturgesetze, die man nicht negieren darf. Wurde also diese harmonische Auffassung, die den Körper einschloss, schon bei Platon wieder negiert? Man denkt immer, dass Platon eine negative Sicht auf den Körper hat, und nicht völlig falsch. Das Philosophieren ist auch ein Einüben des Sterbens, das ist dass man sich vom Körper lösen sollte. Aber gerade zum Beispiel im erwähnten Timaios-T ext gibt es auch extrem viele Beobachtungen zum Funktionieren des Körpers. Der Dialog enthält nicht nur eine Summe der Naturphilosophie, sondern auch zur Medizin dieser Zeit. Platon sagt viele bis heute überlegenswerte Sachen zur körperlic hen und geistigen Gesundheit und deren Zusammenwirken. Platon sehnt sich nach der Harmonie von Pythagoras. Aber er macht auch eine schonungslose Analyse der politischen Wirklichkeit im Athen seiner Zeit, und die ist rabensch warz. Er beschreibt eine politische Situation, am Anfang seines siebten Briefes und ähnlich auch im Gorgias, mit lauter Berlusconis und Putins. Getrieben von Grössenwahn-

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sinn, finden sie, das Leben als Tyrann sei das glücklichste Leben überhaupt. Es ist also eine Analyse des Istzustands, von dem Platon wegkommen möchte. Seine Akademie war sicher im Sinne eines pythagoreischen Zusammenlebens konzipiert, innerhalb der Akademie lebte man gewissermassen die heile Welt der Freundschaft und des vertieften Nachdenkens über die Grundlagen des menschlichen Lebens. Ich lese Platon im Wesentlichen als einen politischen Philosophen. Und die Akademie als Rückzugsraum für potenzielle Politiker, wo sie die nötige Musse fanden, um die Wirklichkeit in alle Richtungen geistig durchdringen zu können und so selber besser zu werden. Wie sieht denn eine solche geistige Gesundheit aus? Eine Umkehrung der Blickrichtung nach oben, zum höchsten Guten, aus dem heraus alles entstanden ist, wird propagiert. Die geistige Gesundheit wird bei Platon, durchaus in einer Analogie zum Pythagoreismus, befördert, indem man die Sterne betrachtet. In Platons pythagoreischem Weltmodell sind die Sterne in dieser immer gleichbleibenden Kreisförmigkeit des Himmels die ideale Visualisierung, wie der mit dem Guten identifizierte Geist funktioniert. Astronomie hat für Platon daher eine heilende Funktion. Wenn man den Planeten auf die Spur kommt und merkt, dass sie nur vermeintlich herumirren, dann entdeckt man, dass es auch absolute Logik gibt. Bei Pythagoras durchwirkt die harmonische Bauart, die Ordnung, was x60p06 (kosmos) bezeichnet, nicht nur die ganze Erde, sondern auch das ganze All. All dies ist ein sinnvolles Konstrukt, so perfekt zusammengefügt vom Weltenbaumeister, dem Demiurgen, dass es schlimm wäre, wenn man es auseinandernehmen würde. Diese Idee stammt wohl von Pythagoras und ist bei Platon als ewige Ordnung beschrieben, gerade im Unterschied zur jüdisch-christlichen Tradition, die eine Apokalypse kennt. Pythagoras steht also im Gegensatz zur jüdisch-christlichen Tradition? Nicht nur. Ein wichtiges Element bei Pythagoras, das im Christentum eine Kontinuität findet, ist zum Beispiel die Gewissenserforschung. Es gibt in den Goldenen Versen von Pythagoras, die über die Jahrhunderte äusserst beliebt waren, auch in der Renaissance, etwa die Aufforderung, dass man nicht ins Bett gehen solle, bevor man nicht drei Mal das ganze Tagewerk durchgegangen ist und sich gefragt hat, was habe ich gemacht, wo habe ich einen Fehler gemacht, und was habe ich nicht getan, was ich dringend hätte erfüllen müssen. Dies alles genau zu überlegen, ist ein Erinnerungstraining. Auch zur Stärkung der Seele, denn das Erinnerungsvermögen geht nach platonisch-pythagoreischer Überzeugung durch den Tod nicht verloren und ist fiir die Reinkarnation wichtig. Es wird den Menschen auch konditionieren bei der Wahl des nachsten Lebensloses. Deshalb war es wichtig, wie man lebte. Aber diese Selbstbefragung gilt auch im Sinn einer ethischen Vervollkommnung. Wenn du etwas am besten machst, ist es am besten fiir dich und fiir den anderen und fiir das Göttliche, im Sinne auch eines pythagoreischen Gesamtweltbildes. Du bist dann im gesamten Weltbild drin, denn alles hängt mit allem zusammen, und es gibt ein Bestfunktionierendes. Und darin gibt es eigen und fremd nicht mehr, sondern es ist alles gemeinsam. Sich auf das Beste auszurichten, ist fiir alle das Beste, das ist genau so wie bei Platon die absolute Orientierung an 16 dya0óv (to agathón), das Gute. Das verleiht erst jedem Ding und Leben Sinn und Existenz. Ohne das Gute gäbe es die ganze Welt nicht. Ich wiirde vermuten, dass die Gewissenserforschung über stoische Ethik in das Christentum einfloss und dann bis in die Beichtpraxis weiterlebt. Natürlich findet sie sich auch in anderen Traditionen, etwa in der Meditation. Welche Rolle spielt darin die Kunst? Kunst scheint bei Platon auf den ersten Blick keinen Wert an sich zu haben, man denke nur an seine Dichtungskritik. Ich glaube aber, dass seine Dichtungskritik

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missverstanden wird. Sie ist eigentlich eine Medienkritik. Lm Zentrum steht ja die bis heute hochaktuelle Frage, ob beispielsweise das Zeigen von Emotionen und Gewaltdarstellung Konsequenzen hat. Platon ist überzeugt, dass es Konsequenzen hat. Platon lehnt die Dramen ab, sie haben für ihn direkt negative Folgen für die Gesellschaft und das moralische Empfinden des Einzelnen. Was Theater oder Drama bei Platon, ist heute Fernsehen oder Videogames und YouTube, und auch heute stellen sich Fragen nach der potenziellen Schädlichkeit von Gewaltdarstellung. Platon ist also gegen eine «Dramatisierung» der Gesellschaft? Wenn man die Dramatisierung als Betonung falscher Emotionen sieht, die im Theater gepflegt und erweitert werden, ja. Richtig und allein wichtig ist fiir ihn dagegen die konsequente Ausrichtung auf das Gute. Das heisst, Platon wiirde auch Zwingli gutheissen, sein Bilderverbot in den Kirchen? Das Bilderverbot ist eigentlich — und zwar bis heute — nur von einer strengen Auslegung des zweiten Gebots im Alten Testament her verständlich. Insofern ist etwas Vergleichbares im Griechenland des Pythagoras undenkbar. Etwas anderes ist die Zensur. Platon sagt, die Dramen seien für die Erziehung der Jugend gefährlich. Er wäre da ganz klar für Zensurmassnahmen, etwa bei gewaltverherrlichenden Spielen und so weiter. Aristoteles sieht es dann ein bisschen anders, im Bezug auf die Affektkultur, die man im Rahmen des Dramas kultivieren kann. Dazu kommt die positive Eigenschaft der Katharsis, der inneren Reinigung. Wie gingen denn die Pythagoreer mit Sexualität um? Sexualität war bei ihnen, wie es scheint, in erster Linie zur Produktion von Nachwuchs da, nicht um Freude zu machen. Pythagoras war grundsätzlich auf werthaft ethisches Verhalten ausgerichtet. Und vertrat eine eher konservative Ethik für die Frauen im Verhältnis zu den Ehemännern. Homosexualität wiederum war bei den Griechen in bestimmten Bahnen allgemein selbstverständlich, gerade als Päderastie in einem Erziehungsverhältnis. Diese körperliche Intimität zwischen einem Erwachsenen und einem Jugendlichen gleichen Geschlechts war bestimmten Regeln unterworfen. Analverkehr zum Beispiel war in diesem Rahmen verpönt. Päderastie war bei Männern nur bis zum Alter des Bartwuchses erlaubt. Frauen wiederum führten Frauen in die Erotik ein, da ist etwa der Sappho-Kreis, der hier dazugehört, also zur lesbischen Liebe, benannt nach der Insel, auf der die Dichterin Sappho gelebt hatte. Die Päderastie erlaubte eine gleichgeschlechtliche Einführung in die Sexualität, bevor es dann später zum Kontakt mit dem anderen Geschlecht kam. Darin zeigt sich vielleicht etwas Archaisches bei den Griechen. Es ging also nicht um Lust? Das kommt darauf an. Eros spielt natürlich im antiken Griechenland eine wichtige Rolle, und das Lusthafte wird in vielen Texten seit frühester Zeit gefeiert. Zugleich ist Eros für Sokrates ein Saiumv (daimön), ein Verbindungsglied zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Der Daimon gilt als Mittelwesen zwischen Göttern und Menschen, der die grundlegende Aufwärtsdynamik hin zum Guten im Menschen auslösen kann. Eine lustorientierte Sexualität wiederum haben die griechischen Männer mit Hetären ausgelebt, étaigar (hetairai), eigentlich «Gefährtinnen», wie diese anerkannten Prostituierten genannt wurden. Daneben gab es diverse Formen von Prostitution, auch unter Männern, der Analverkehr beispielsweise gehörte eher in diese Kategorie. Wie fänden die Pythagoreer unsere Beschäftigung mit Körperlichkeit und Abstraktion? Die Pythagoreer hätten zum einen wohl Freude an diesem Projekt zum Dreieck der Liebe, weil hier Abstraktion der Körperlichkeit gegenübergestellt und aufeinander

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bezogen wird. Das Zahlenmodell ist ja eigentlich ein potenzielles Abstraktionsdes modell, du schaust damit, was hinter der Realität ist. Auch spielt in der Rede eine darin bilden Dreiecke Timaios das Dreieck eine ähnliche Rolle wie das Atom. . Zum Art Atom-Struktur. Diese Dreiecke sind die Basis alles Seins im Materiellen anderen würden die obszönen Darstellungen die Pythagoreer sicher stören. Wie heute in unserer Gesellschaft weltweit eine starke Entliberalisierung stattfindet, waren die Pythagoreer in der Tendenz sehr konservativ eingestellt. Ihnen würde deshalb wohl leider auch die aktuelle politische Richtung eher gefallen, zwar nicht der Rechtspopulismus, sondern der Wunsch nach geordneten Verhältnissen. Es ist nicht auszuschliessen, dass sie über die westliche liberale Gesellschaft so sprechen würden, wie die orthodoxen Mönche, die Putin beraten. Aber in der Haltung kaum so rechtsextrem, sondern «wertkonservativ» und auf das Gemeinwohl bedacht, gewiss ohne den heute so beklemmenden Wunsch nach der reinigenden Kraft eines neuen Kriegs. Geführt von Michael Hiltbrunner in Zürich am 4. September 2015 Pythagoras, * -570 v. Chr. auf Samos; T nach 510 v. Chr. in Metapont (Süditalien) Theano, * spätes 6. Jh; + - frühes 5. Jh. v. Chr, Kroton oder Metapont (Süditalien) Sokrates, * 469 v. Chr. in Alopeke, Athen; ? 399 v. Chr. in Athen Platon, * 428/427 v. Chr. in Athen oder Aigina; t 348/ 347 v. Chr. in Athen Timaios (ungesichert), 5. Jh. v. Chr., Lokroi (Siiditalien) Archytas, * ~435-410 v. Chr., t -355-350 v. Chr., Tarent (Süditalien) Aristoteles, * 384 v. Chr. in Stageira; t 322 v. Chr. in Chalkis