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In: Musiktheorie.
p 73-
Laaber, Laaber-Verl. 2005
Page 2
View in PDF(opens in a new window)wegs: sie suggeriert, die analog verzeichneten Intervalle seien
IDDAs WIEDERAUFLEBEN PYTHAGOREISCHER
gleichartig oder -wertig (beispielsweise 2:1, Oktave, und 1:6, Dop-
TRADITIONEN IM 20. JAHRHUNDERT
peloktavquinte), hebt also die wesentlichen Konsonanzen innerhalb und bis zur Oktave nicht hervor; auch bleibt die zweifelsfrei
Andreas Holzer
konsonante kleine Sexte mit der Proportion 8:5 hier gänzlich
abseits.
Zarlino kann gewiß nicht als »Pythagoreer< gelten, doch zeigt
er beispielhaft, in welcher Weise pythagoreische Prinzipien und
Anstöße die musikalische Theorie auch unter denkbar gewandelten Voraussetzungen weiter inspirierten: Von einer »objektiv-gegebenen« Grundlage aus — die für Pythagoreer und ihre Nachfolger
die »Zahl[enproportion]« ist — soll Musik möglichst eindringlich
Wo im vergangenen Jahrhundert pythagoreisches Denken aufzuspüren ist, hängt zuallererst vom Verständnis dieses Begriffs ab. Das
sich in diesem Kontext eröffnende Bedeutungsspektrum ist von
einer beachtlichen Breite, die wohl in Entsprechung zur schwer zu
rational erfaßt und begründet werden, um ihre geheimnisvolle,
aber immer wieder erfahrbare Wirkung verstehen zu lernen. Und
mit dieser ihrer Wirkung verweist die Musik über ihre klingende
Realität hinaus auf etwas Umfassenderes, Übergeordnetes, Metaphysisches - in pythagoreischen Vorstellungen die »Harmonia« - ,
für das die Musik als ein Abbild oder Symbol empfunden wird'”,
und sei es auch im Sinne jener Musikästhetik, wie sie sich äußert
in jener Notiz aus dem Nachlaß Artur Schopenhauers: »allgenugsam ist diese Kunst, und die Welt ist vollständig wiederholt und
ausgesprochen in ihr«.'?
127Sehr umfassend hierzu
Leo Spitzer, Classical and
Christian Ideas of World
Harmony. Prolegomena to
an Interpretation of the
Word »Stimmung«, Baltimore 1963.
128 Zitiert nach Carl Dahlhaus, Klassische und romantische Musikästhetik,
Laaber 1988, S. 19.
fassenden Figur des Pythagoras selbst gesehen werden kann. Je
nachdem, ob man ihn eher als von alchimistischen Traditionen
beeinflußt sieht, oder den Mathematiker (womit unter den Pythagoreern allerdings weniger Rechenkünstler als die engeren Eingeweihten gemeint waren) hervorkehrt, wird sich auch im 20. Jahrhundert der Blick entweder auf esoterische oder auf mathematische
Konzeptionen richten. Allerdings gilt zu bedenken, daß gerade
diese Polarisierung pythagoreischem Denken widerspricht.
Das den nachfolgenden Ausführungen zugrunde liegende Begriffsfeld sche ich im wesentlichen durch vier zentrale Momente
geprägt: erstens die kosmologische Dimension, zweitens die Zahl
als das allem zugrunde Liegende, drittens die Analogie (und nicht
Kausalität) als Denkprinzip und viertens die Tendenz zum Kontemplativen (die ja offenbar der ursprünglichen Bedeutung von
»theorein« entspricht). Der Zugang erfolgt dabei gewissermaßen
durch einen Scheinwerfer mit zwei unterschiedlich eingestellten
Blenden: Das erste Aufblenden geschieht mit breitem Strahlwinkel
und erfaßt damit Bereiche, die zumindest in Teilaspekten mit pythagoreischen Denktraditionen korrelieren; das zweite Aufblenden
fokussiert den Strahl auf Persönlichkeiten, deren geistiger Hrizont
überwiegend durch obige Momente geprägt ist. Ausgeklammert
werden überdies zahlensymbolische oder kryptographische Ebenen, da die Zahl im Sinne der pythagoreischen Tradition nicht
etwas Symbolhaftes, sondern »die Sache selbst« ist, Ausdruck einer
allumfassenden Ordnung.
Der Frage, warum nach einem Rückgang zumindest im 18. und
19. Jahrhundert im vergangenen das Pythagoreertum auf recht breiter Front wieder auflebt, sei nicht aus dem Weg gegangen; sie läßt sich
allerdings angesichts der Vielfalt unterschiedlicher Erscheinungsformen, wie sich zeigen wird, keinesfalls generalisierend beantworten.
Page 3
View in PDF(opens in a new window)Pythagoreisches Denken als Teilaspekt
künstlerischer Konzeptionen
Individuelle kosmologische Konzepte
Auf universelle Prinzipien ausgerichtete künstlerische Konzepte
gibt es im 20. Jahrhundert in kaum überschaubarem Ausmaß. Auffallende Häufungen sind insbesondere in Zeiten kulturgeschichtlicher Umbrüche anzutreffen, etwa in der Moderne am Beginn des
Jahrhunderts (Anton Webern, Alexander Skrjabin, Josef Matthias
Hauer) oder auch im Kontext postmoderner Tendenzen der
1960er und 1970er Jahre (John Cage, La Monte Young, Karlheinz
Stockhausen, Peter Michael Hamel, Arvo Pärt). Ein Blick auf die
hier stellvertretend genannten Komponisten läßt aber erkennen,
daß sich fundamental unterschiedliche Ausprägungen in der
künstlerischen Umsetzung übergeordneter Vorstellungen zeigen;
Ausprägungen, die sich in Hinblick auf folgende Aspekte differenzieren lassen: das Selbstverständnis als Künstler, das Verhältnis zum
musikalischen Material, das Maß an historischem Bewußtsein oder
auch den Willen zur Theoriebildung.
Bei Anton Webern beispielsweise ist das Bemühen erkennbar,
ein Höchstmaß an Subjektivismus in übergeordnete Prinzipien
Das WIEDERAUFLEBEN PYTHAGOREISCHER TRADITIONEN IM 20. JAHRHUNDERT
1
Heinrich Husmann, Vom
Wesen der Konsonanz, Heidelberg 1953.
RudolfHaase, Über das dis‚ponierte Gehör, Wien 1977.
Siehe in diesem Band S.
421f.
75
Schriften Heinrich Husmanns! und des Kayser-Schülers Rudolf
Haase? als bewiesen betrachtete.
Auch La Monte Young spricht immer wieder davon, daß von
ihm gesetzte musikalische Konstellationen sich auf »Schwingungen des Universums« beziehen. Dabei entfernt er sich immer mehr
von zeitlich begrenzten werkhaften Gebilden - hin zu einer Beschallung von » Iraumraum, Spielraum und Arbeitsraum«: In The
Tortoise, his Dream andJourneys erzeugen Generatoren Frequenzstrukturen auf der Basis von stehenden Sinuswellen, deren Überlagerung Kombinationstöne entstehen läßt; wobei die Lautstärke
überdies vom Luftdruck abhängig gemacht wird. Im Raum befindliche Personen könnten diese dynamischen Veränderungen wohl
kaum bewußt wahrnehmen, allerdings ließe sich auf dem Weg
über das Unterbewußtsein der »Stimmungshaushalt« beeinflussen.
Musik wird auf harmonische Abläufe und deren angenommenes
Wirkungspotential reduziert. Die ontologische Qualität von Tönen
und Klängen verdrängt damit den Sprachcharakter von Musik
ebenso wie ein historisches Bewußtsein, das mit einer subjektiven
Positionierung notwendig verbunden sein müßte. Gerade diese
subjektive Gebundenheit will aber (etwa bei Young, John Cage oder
auch Arvo Pärt) abgestreift werden zugunsten eines überindividuellen Verständnisses vom Klang als Träger zeitloser, universaler
Wahrheiten — oder eben eines »kosmischen Geheimnisses«.
einzubetten, verbunden mit einem starken historischen Bewußtsein. Die Notwendigkeit der aus der Tradition begründeten prozeßhaften Weiterentwicklung des kompositorischen Materials
stand innerhalb des Schönberg-Kreises ebenso wenig in Frage wie
die zur Theoriebildung. Eine weitgehende Umkehrung der Verhältnisse trifft man bei der zweiten oben genannten Gruppe an, oft
genug als bewußte Gegenströmung zu einer »Materialfortschrittsdoktrin«, wie etwa Peter Michael Hamel mit Blick auf die Darmstädter Szene oder auch Theodor W. Adorno eher abschätzig verlautbart. Statt einer Erneuerung des musikalischen Materials soll
die Wirkung der Musik wieder in den Vordergrund rücken, ein
Versenken in die Töne soll zu einer Bewußtseinserweiterung und
letztlich zu einer »Akroasis«, einer »Weltanhörung« führen. Durch
die der Musik innewohnenden Analogien zur Natur könnte sowohl eine heilende Wirkung erzielt werden als auch eine Integration verschiedener Erfahrungsebenen — des Magischen, Mythischen und Mental-Rationalen. Hamel sah sich nicht zuletzt durch
die harmonikalen Prinzipien Hans Kaysers angeregt, die er durch
Kombinatorische Verfahren
In der seriellen Musik: steht die Zahl als rechtfertigender Bezugspunkt hinter dem sinnlich erfahrbaren Phänomen.? Das Zurückdrängen des Subjekts zugunsten rational darstellbarer »objektiver«
Strukturen, eng verbunden mit der kulturpolitischen Situation
nach 1945, stellt den vielleicht höchsten Anspruch an die Autonomie eines musikalischen Werkes in der Musikgeschichte dar. Das
Bemühen um eine veinwandfreie Konstruktion« ist vielleicht am
stärksten bei Karel Goeyvaerts und seinem Konzept einer »Statischen Musik« zu beobachten. In seinem Opus2 voor 13 instrumenten (1951) sind neben den durchweg auf Zahlendispositionen
zurückführbaren musikalischen Grundstrukturen auch achsensymmetrische Bildungen von maßgebender Bedeutung, die in
ihrem statischen Charakter wohl auf das Unveränderliche, Absolute verweisen sollen. Allerdings dürfte bei Goeyvaerts damals doch
Page 4
View in PDF(opens in a new window)77
Chord Catalogue (1985) beispielsweise sind alle 8.178 innerhalb
stärker der Aspekt der rationalen Kontrolle im Vordergrund geeiner Oktav möglichen Akkorde, die er in einer logischen Abfolge (etwa zwei Stunden lang) erklingen läßt. Meist geht es ihm um
die Umsetzung (überwiegend sehr einfacher) mathematischer
Modelle, basierend unter anderem auf Zahlenreihen (Counting
Keys, 1982) oder dem »Pascal’schen Dreieck«:
standen haben als metaphysische Komponenten, die bei Karlheinz
Stockhausen von Anfang an bemerkbar waren. Kosmologische
oder kontemplative Momente waren für Stockhausen nur die
andere Seite derselben Münze. Schon in seinem Text Situation des
Handwerks (1952) gibt er zu verstehen, daß die »ständige Anwestellt« nur den Zustand meditativen Hörens hervorrufen könne.
Olivier Messiaens Quatre etudes de rythme waren für ihn nicht nur
ein Vorbild an rationaler Durchdringung, sondern auch phantam
m
stische »Sternenmusik«. Insofern kann man die Bezugsetzung des
[m
Makrokosmos der Tondauern mit dem Mikrokosmos der Tonm
[|
höhen, etwa in Zeitmaße für 5 Holzbläser (1956), durchaus im
umfassenden Sinne als Anknüpfung an eine pythagoreische Tradition verstehen. In der Begründung für diese Verknüpfung (...wie
die Zeit vergeht...) geht Stockhausen von dem akustischen Phänomen aus, daß durch eine Verkürzung der Phasendauer zwischen
Impulsen aufetwa 1/32 sec. diese nicht mehr als Dauern, sondern
Vgl. Christian Martin
Schmidt, Brennpunkte der
Neuen Musik, Köln 1977,
S. 61f. Schmidt bestreitet
hier zwar die Triftigkeit von
Stockhausens physikalials Höhen wahrnehmbar seien.‘
In den 1960er und 1970er Jahren wendet sich Stockhausen
deutlich ab von abstrakten Prinzipien hin zu Dimensionen des
Erlebens von Musik, die Werkästhetik weicht einer Wirkungs- und
Wahrnehmungsästhetik. In Kompositionen wie dem Tierkreis
(1975/76) werden durchaus Teilaspekte serieller Techniken beibehalten, zuallererst allerdings sollen die recht einfachen Melodien
schen Ableitungen, ohne
aber das kompositorische
Verfahren »desavouieren«
zu wollen.
Karlheinz Stockhausen, 7exte zur Musik 1970-1977;
so etwas wie ein Katalysator für intuitives Musizieren sein. Stockhausen sieht sich in dieser Zeit mehr als Medium für kosmische
Schwingungen sowie als Organisator und Regler intuitiver Prozesse, die den Musiker in Verbindung mit dem »Überbewußten« bringen sollen (»wir wissen von den Ergebnissen her, daß sie das wirklich sind«5). Musiktheoretische Fragestellungen, Reflexionen über
Aspekte des musikalischen Materials verschwinden hinter Bezugnahmen auf esoterische Literatur von Hazrat Inayat Khan oder Sri
Aurobindo, Musik wird Mittel zur »Versenkung des Einzelnen ins
kosmische Ganze«‘, Stockhausen als Person immer mehr Mittelpunkt einer eingeschworenen »Gemeinde«.
Auch Tom Johnson sieht sich einer pythagoreisch-platonischen
Tradition verbunden, wenn er auf die hinter seinen minimalistischen Strukturen stehenden Ideen verweist. Da diese unabhängig
von der Subjektivität des Komponisten existieren, spricht er lieber
von »gefundener« als von komponierter Musik: Das Fundstück in
Köln 1978, S. 130.
6
DOoNCOA\WMAMNDN
senheit von durchgeordneter Musik, die keine Entwicklung dar-
1
3
6
10
15
2,
28
36
1
=
10
20
35
56
84
1
>
15
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70
126
1
6
21
56
126
1
7
28
84
1
8
36
1
9
1
Basierend auf diesen Zahlenfolgen werden in Pascal Triangle vom
Pianisten alle aus zwei Intervallen (großer Sekund, kleiner Terz)
ableitbaren Akkorde innerhalb der »greifbaren« Möglichkeiten gespielt; das Stück findet demnach mit dem letzten Zehnton-Akkord
sein Ende. Entscheidend ist für Johnson eine vom Komponisten
unabhängige Systematik, die allerdings zumeist weniger auf eine
verborgene, abstrakte Ordnung verweisen will als vielmehr gerade umgekehrt auf Nachvollziehbarkeit bedacht ist. In Symmetries
(1981) etwa soll durch die zusätzliche Visualisierung der achsensymmetrischen Strukturen der Musik während des Vortrags (durch
eine »Musikschreibbmaschine«) der Wahrnehmung auf die Sprünge
geholfen werden.
Ebenda, S. 172.
Symmetrie als Ordnungssystem
Bei Platon war die Symmetrie der fünf regelmäßigen Körper die
Grundlage für kosmologische Beziehungen; in ähnlicher Weise sah
Johannes Kepler in den Symmetrien der Euklidischen Geometrie
kosmische Grundprinzipien widergespiegelt, die in einfachen
Naturgesetzen formuliert werden könnten. Wo auch immer in den
Künsten symmetrische Konstellationen anzutreffen sind, ist der
(oft rechtfertigende) Verweis auf Analogien zur Natur nahe. Deutlich zu sehen ist das etwa innerhalb des Schönberg-Kreises, wo
gerade in den frühen atonalen Kompositionen symmetrische for-
Page 5
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male Anordnungen den Zerfall der tonalen Ordnung bis zu einem
umkehrbare Rhythmen.), oft aber auch die formale Anlage eines
gewissen Grad kompensieren sollen. Insbesondere bei Anton Webern ist häufig der Verweis auf Analogien zur Natur zu beobachten: »Aufgrund der Entsprechungen ist die Welt für mich zu fassen.«’ In der Zwölftonmusik, deren Reihen immer wieder symmetrische Bildungen erkennen lassen, sah Webern vielmehr als
Schönberg eine Widerspiegelung grundlegender Prinzipien - nicht
zuletzt im oftmaligen Verweis auf die Entsprechung zu Goethes
Bild von der »Urpflanze«.
Auch Olivier Messiaen verweist im Rahmen der Erläuterung der
symmetrischen Konstellationen seines musikalischen Vokabulars auf
ähnliche Analogien zur Natur, auf die Anordnung der Adern der
Baumblätter, die Flügel der Schmetterlinge oder auch auf alte Zauberformeln?, die er auf einem Papyrus im Britischen Museum in
London entdeckt hatte: »Ablamatamalba« — »Cramacamarc«.
Symmetriebildungen betreffen bei Messiaen sowohl die melo-
Stücks, oder zumindest eines Abschnitts (vgl. dazu den Abschnitt
»Eigensysteme von Komponisten«). Die Verbindung mit Prinzipi7
Brief an Alban Berg vom
8
Olivier Messiaen, Vortrag
14. Juli 1920.
in
Brüssel
(1958),
8-
s
Bun
8
den Taktlängen systematisiert, werden die kombinatorischen Pro9
te. 7 Studien über variable
Ol ivier Messiaen, Vingt Regards sur L’Enfant-Jesus, Nr.
f 2,1 ul
H
Im Vorwort zu: OrnamenMetren für Klavier (1950)
T
PIANO
Rahmen seiner »Variablen Metrik«, die den Umgang mit wechseln-
1982, S. 3-6.
2
retrogradable)
tiker, dem pythagoreisches Gedankengut wohl eher fern liegt. Im
Rainer Riehn (MusikKonzepte 28), München
(4°! theme)
(Rythme non
ganze Sätze umfassend — wie im Klaviertrio (1970) oder in den 24
Preludes (1974) —, dann steht dahinter der experimentierende Prakin:
Olivier Messiaen, hrsg. von
Heinz-Klaus Metzger und
dische (sieben »Modi«) als auch die rhythmische Ebene (nicht
Presque vif (2182)
en der Natur oder mit metaphysischen Ebenen muß aber nicht
notgedrungen die Arbeit mit symmetrischen Konstellationen begleiten. Wenn Boris Blacher mit Spiegelungen arbeitet, manchmal
S
N
S
gibt Blacher einige Beispiele:
234...9 (und rückläufig)
234345...678(und
rückläufig)
235813 (und rückläufig).
10 Ebenda.
11 Guerino Mazzola, Geometrie der Töne. Elemente der
Mathematischen Musiktheorie, Basel 1990, S. XI.
12 Ebenda, S. 152.
re
=:
" (en gerbe rapide) 4
(amplifie
a gauche)
See=
Sn.
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(et a droite)
8-- u 2
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"
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(etädroite)
ter sichtbar werden. Eine systematische Darstellung dieser Phänomene wird durch die Bezugnahme auf unterschiedlichste mathematische Verfahren ebenso erschwert wie durch völlig divergierende »Umgangsformen« einzelner Komponisten mit dieser Materie
— das sich daraus ergebende weitgefächerte Spektrum kann hier nur
Musiktheorie »MaMuTh«), »in welcher die Durchdringung und
Ti
c
IE ya ba h4 ’ Li;
»
5
über einfache Proportionen oder kombinatorische Prozesse hinaus
komplexere Versuche einer Formalisierung musikalischer Parame-
Verwebung systematischer Musikwissenschaft mit der Sprache,
/
DS
5
Die uralte Beziehung der beiden Bereiche gewinnt insbesondere in
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine neue Dimension, da
zer Musiktheoretiker Guerino Mazzola mit seiner Mathematischen
=
5
Mathematik und Musik
sten Versuch einer Systematisierung unternimmt wohl der Schweiae ©;
F
4
&;
höherer Ebene stehenden Symmetrie«' unterworfen.
andeutungsweise erfaßt werden. Den wahrscheinlich umfassendii
J
E
j
2
zesse (arichmetische Reihen, Summationsreihen)? oft einer »auf
den Methoden und den Erkenntnissen der modernen Mathematik angestrebt«!! wird. Es geht nicht zuletzt darum, zu zeigen, daß
Musik »nicht das eindeutig Unbestimmte, sondern das im Vieldeutigen Bestimmte«'? sei, wobei der Versuch einer formalen Beschreibung sowohl elementarer musikalischer Strukturen als auch individueller Kompositionen unternommen wird. Trotz aller Vorsicht
“ J
\
=
in der Beurteilung, die dem Nicht-Mathematiker gebührt, muß
letzteres aber doch als schr fragwürdig diagnostiziert werden.
Beispielsweise versucht Mazzola eine systematische Begründung
für die herausragende Rolle des Streichquartetts am Ende des
Page 6
View in PDF(opens in a new window)lia-Menge« (aus: Michael FE
zu Bogendruck und Vibrato im wesentlichen nicht hinaus und
formuliert am Ende bloß das Ergebnis, daß zumindest vier Streicher, aber auch nicht mehr, für die Realisierung einer idealen Satzbei er weit in spekulative Gefilde vordrang bis hin zu einer mathematischen Begründung einer Weltfriedensordnung. Als Komponist ging es ihm (ähnlich wie dem späten Hauer) vor allem darum,
Verfahren - oft auf Basis geometrischer oder algebraischer Strukturen — zu finden, die einen musikalischen Ablauf weitgehend
unabhängig vom schöpferischen Subjekt gewährleisten sollten”;
der Erfolg des Lehrers und Theoretikers überwog dabei weit den
des Komponisten.
1995, S. 358).
FEW
13 Ebenda, S. 278.
14 Joseph Schillinger, The Mathematical Basis of Arts,
New York 1948.
Ders., The Schillinger Sys-
Ar
ir
Me
Zr
1
-
-
i
1 3
We
tem of Composition, New
York 1946.
16 Ionisation ist der Vorgang
der Ionenbildung durch
ER
Ee
Abtrennen mindestens eines Elektrons aus einem
ER a
Als immer wieder schwierig erweist sich der Versuch einer Beschreibung der Transformation mathematischer Modelle in sinnlich erfahrbare musikalische Strukturen. Weniger problematisch ist
ronnene Zeit und Narration, in: Neue Zeitschrift
die Situation bei Komponisten, die in naturwissenschaftlichen
oder mathematischen Phänomenen eine Inspirationsquelle sehen.
Bei Edgard Vareses Jonisation kann und muß man sich wohl damit
für Musik 149 (1988),
Heft 5, $S. 19-25.
!
WERL,
E
neutralen Atom oder Molekül bzw. durch Anlagerung eines oder mehrerer
Elektronen an ein neutrales Atom oder Molekül.
17 Vgl. Denys Bouliane, Gebegnügen, eine Analogie zwischen atomaren Prozessen'° und musikalischen Strukturen herzustellen. Ebenso verbleiben György Li-
$
Barnsley, Fraktale. Theorie
und Praxis der deterministischen Geometrie, Heidelberg
spektren, Hüllkurven und Fourierspektren oder Untersuchungen
eine mathematische Wurzel aller Künste herauszuarbeiten'‘, wo-
81
‚Mandelbrot-Menge« mit Ju-
18. Jahrhunderts zu geben, kommt aber de facto über eine »parametrische Beschreibung von Klängen« mittels Amplitudenstruktur notwendig seien.'?
Noch weiter ausgreifend war der Versuch Joseph Schillingers,
Das WIEDERAUFLEBEN PYTHAGOREISCHER TRADITIONEN IM 20. JAHRHUNDERT
18 Iannis Xenakis, Formalized
‚Music, Stuyvesant 1992, S.
202.
19 Ebenda, S. 202.
»We are all Pythagoreans«'® - hinter diesem Slogan von Xenakis
steht seine Überzeugung, daß jede geistige Aktivität, die Künste
eingeschlossen, durch die Welt der Zahlen durchdrungen sei (vis
actually immersed in the world of numbers«'?). Jedes künstlerische
Phänomen muß in rationale Komponenten übersetzt werden
können, sonst ist es nichts wert. Wie sich bereits im Aufsatz La crise
de la musique serielle (1955) zeigt, war die Einbeziehung mathematischer Prozesse von Anfang an vor allem auf formale Ideen ausgegetis Bezugnahmen auf die Chaostheorie oder die »Fraktale Geometrie« auf der Ebene bloßer Analogie. Für Ligeti waren wohl vor
richtet. Xenakis sah in der seriellen Musik eine starke Diskrepanz
allem die Bilder — etwa in The Beauty ofFractals von Heinz-Otto
Pleitgen und Peter H. Richter — die entscheidende Anregung; die
Umsetzung in das musikalische Erscheinungsbild erfolgte jedes
inadäquaten Formen bzw. einer Wahrnehmung, die eher aufIndetermination hindeuten würde. Er verweist auf statistische Metho-
Mal ohne Anwendung mathematischer Prozesse (Ligeti distanzierzwischen streng determinierten Strukturen und diesbezüglich
den, die den Klang (der den seriellen Komponisten zu entgleiten
drohe) steuern könnten — und die er bereits in Metastaseis (1954)
te sich diesbezüglich deutlich von Komponisten wie Clarence
zur Zähmung der Klangmassen eingesetzt hätte. Insbesondere in
Barlow oder Iannis Xenakis, er wolle keine »szientistische« Musik
schreiben, so wichtig eine stringente Konstruktion auch sei). So
wären etwa Verdichtungsvorgänge im vierten Satz des Klavierkonzerts (1985-1988) von »Fraktalen« inspiriert; generell waren es vor
allem harmonische Ideen, die Ligeti in Analogie zu Phänomenen
der »Fraktalen Geometrie ausarbeitete: »[...] ich habe nämlich
zugleich versucht, eine Art neuer Harmonik zu entwickeln. All das
seinem Buch Musique Formelles (1963) beschreibt Xenakis verschiedene mathematische Verfahren (Stochastik«, »Siebtheorie«
u.a.) zur Regulierung von Tondichten, Dauern, Registern oder
ist indirekt [...] von vergrößerten Details der Computerbilder der
immer auch Kommunikationsmittel war, ein Transportmittel für
Botschaften, die den Hörer unmittelbar, »wie ein Donner«, anspre-
Mandelbrot-Menge beeinflußt.«'
Geschwindigkeiten. Viel diskutiert ist diesbezüglich das Verhältnis von mathematischen Dispositionen zum sinnlich erfahrbaren
Phänomen. Dabei gilt es zu bedenken, daß Musik für Xenakis
nicht nur Spiegel einer sinnfälligen, universalen Ordnung, sondern
Page 7
View in PDF(opens in a new window)versitätslehrgangs »Harmonik« (Wien) versteht darunter »die Verchen sollen. Die Hinweise freilich, die Xenakis zur Erstellung dieser Botschaften immer wieder gibt, lassen den konkreten kompositorischen Akt, der gewissermaßen als Scharnier zwischen den
mathematischen Berechnungen und der Transformation in die
sinnlich erfahrbaren musikalischen Strukturen liegt, trotzdem oft
im Dunklen oder zumindest Dämmrigen:
»GRUNDLEGENDE ARBEITSPHASEN?®
1.
Anfängliche Konzeption (Intuitionen, provisorische oder definitve Daten);
2. Definition der Klangeinheiten und ihrer Symbolik kommunizierbar mit den
Grenzen der möglichen Mittel ...;
3.
22 Werner Schulze, Logos —
20 Ebenda, $. 22. »FUNDAMENTAL PHASES OF A MusıCAL WORK:
1.
provisional or definitive data);
Mikrokomposition (Wahl und detaillierte Fixierung der funktionalen und
stochastischen Beziehungen der Elemente von 2.) ...;
5. Nachfolgende Programmierung von 3. und 4. ...;
6. Implementierung der Berechnungen, Verifikationen, Feedbacks und endgültige Modifikation der Programmsequenzen;
7. Endgültiges symbolisches Ergebnis der Programmierung (Ausarbeitung von
Musik: auf Papier in traditioneller Notation, als Zahlenausdruck, Grafik oder
4.
Definition of and their
symbolism
of possible means ...;
Definition ofthe transformations which these
sonic entities must undergo in the course of
composition ...;
Microcomposition
Diese auf Stochastische Komposition bezogene Liste ist natürlich
keineswegs als stures Kompositionsschema zu verstehen, vielmehr
als »Werkzeugkasten«, als Ideenpool, in dem sich logische Prozesse mit unbewußten Komponenten untrennbar verbinden würden.?! Vor allem die Punkte 3 und 4 sollen aber einerseits das notwendige Mindestmaß an rationaler Kontrolle gewährleisten, andererseits die Möglichkeit des »Fortschreitens« eröffnen.
(choice and detailed
definitive modification of the sequential
programm;
Final symbolic result
of the programming
(setting out the music
nik« zum genannten Bereich zwar verfestigt, ohne daß sich dadurch
allerdings ein einheitlicher Sprachgebrauch eingebürgert hätte.
Werner Schulze, der Leiter des zur Zeit (weltweit) einzigen Uni-
8.
eine »Entsprechungslehre«, die nach übergreifenden Gesetzmäßigkeiten in verschiedenen Seinsbereichen sucht, andererseits ein
metaphysisch-mystischer Überbau, der insbesondere in den späteren Jahren, etwa im posthum erschienenen Orphikon (1973) in
eine Art religiöser Einweihungslehre mündet. Zentrale Charakteristika seines Denkgebäudes lassen sich vielleicht am besten durch
den Blick auf zwei fundamentale Modelle erkennen, die auch über
ältere pythagoreische Traditionen hinausweisen: die sog. ’Iontions, feedbacks, and
(Die harmonikale Symbolik des Alterthums, 1868) meint der Begriff
Auflage wurde eingestampft), so daß das Aufgreifen der Materie
durch Kayser abermals als »Wiederbelebung« gesehen werden
kann. Grundpfeiler der »Kayserschen Harmonik« sind einerseits
zahlen: und das »Lambdoma«.
Das Wesen der »Tonzahlen« beruht darauf, daß nicht nur, wie
in der üblichen Sichtweise, Tonverhältnisse bestimmten Zahlen-
Sequential programming of 3. and 4. ...;
Implementation of
calculations, verifica-
Insbesondere durch die umfassende Schrift Alberts von Thimus
1980, S. 108.
Plantologie, Kristallographie u.a.) als zentrales, dem Wesen des
Fachs entsprechendes Anliegen verstanden.
Die breit angelegte, weit ins Spekulative ausgreifende Schrift
von Thimus traf auf äußerst geringe Resonanz (der Großteil der
al or stochastic relaof 2.) ...;
Die harmonikale Tradition
Mesotes — Analogia. Zur
Quaternität von Mathematik, Musik, Kosmologie und
Staatslehre bei Platon, in:
ders. (Hısg.), Festschrift
Rudolf Haase, Eisenstadt
knüpfung von verstandesmäßig erfaßbaren Quantitäten und gehörsmäßig wahrnehmbaren Qualitäten, näherhin die Verbindung
von mathematischen Proportionen und musikalischen Intervallen
als ihr grundlegendes Element«.”? Darüber hinaus wird die enge
Verbindung mit anderen Forschungsrichtungen (Somatometrie,
fixing of the functiontions of the elements
Pythagoreisches Denken als zentraler weltanschaulicher Aspekt
ser (1891-1964) hat sich die Zuordnung des Terminus »Harmocommunicable with the limits
als anderes Hilfsmittel klanglicher Realisierung);
Klangliche Realisierung des Programms.«
des »Harmonikalen« — oder auch der »Harmonik« — die auf die
pythagoreische Tradition bezogene Auffassung von Harmonie als
Ausdruck einer kosmischen Ordnung. Vor allem durch Hans Kay-
Initial sonic entities conceptions (intuitions,
Definition der Transformationen, welchen die Klangeinheiten im Verlauf einer
Komposition unterliegen ...;
8.
83
proportionen entsprechen, sondern umgekehrt diese Zahlen als
Töne seelisch erlebbar seien. Das heißt: Aus mathematisch darstellbaren Quantitäten, die für »intellektuelle Gewißheit« sorgen sollen, werden psychophysisch wahrnehmbare Qualitäten. Im Nachspüren dieser psychischen Erlebnisqualitäten, die auf eine »seelische Erfassung der Welt« hinauslaufen, geht Kayser weit über Kepler hinaus, der in den Zahlen eher Anzeichen für Höheres, für
on paper in traditional
einen göttlichen Plan gesehen hatte. Im Grundriss eines Systems der
notation,
harmonikalen Wertformen (1938), das er bezeichnenderweise sein
wichtigstes Buch nannte, knüpft er ein weites Netz einer harmoninumerical
expressions, graphs, or
other means of solfeggio);
Sonic realization of
the program.«
21 Ebenda, S. 22.
kalen Ethik nach neuplatonischem Muster: Ausgehend von der
»Akroasis« eines reinen Intervalls führe ein stufenförmiger seelischer
Erkenntnispfad zu einer ganzheitlichen Schau der Welt.
Die Figur des Lambdoma hatte Thimus im Kommentar des
Jamblichus (4. Jahrhundert n. Chr.) zu einer verschollenen arithmetischen Schrift des Nikomachos (und danach auch bei Boethius, De
institutione musica libri V, Il, 19) wiederentdeckt. In einer dem grie-
Page 8
View in PDF(opens in a new window)chischen Buchstaben Lambda (A) ähnlichen Form der Anordnung
begegnet man zunächst folgenden einfachen Zahlenreihen (links),
die Thimus dann nach einer Andeutung von Jamblichus »ausfüllte«
und aus praktischen Gründen um 45 Grad drehte (rechts):
vı
142
13
14
15
1
1/2
1/3
2
3
4
1/4
5
1/5
21
22
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45
Aus diesem Diagramm leitet Kayser Bedeutungen ab, die weit in
metaphysische, letztendlich religiöse Dimensionen führen: Beispielsweise liegen alle identischen »Tonwerte< auf geraden Linien
— dementsprechend »Gleichtonlinien« genannt -, die sich im Punkt
0/0, dem »obersten harmonikalen Wert« oder auch »Eidos« (von
5/1
5/2
5/3
5/4
5/5
23 Kayser hat diesen Begriff
vom deutschen Mystiker
Jakob Böhme (1575-1624)
übernommen.
24 Rudolf Haase, Geschichte
des Harmonikalen Pythagoreismus, Wien 1969, $. 5.
Aus diesen beliebig ausdehnbaren Zahlenreihen lassen sich nun
zahlreiche arithmetische (und auch geometrische) Operationen
und Beziehungen ableiten; wichtiger noch sind die darin verborgenen akustischen Eigenschaften: Sieht man in den Brüchen der
fett gedruckten Spalte die entsprechenden Saitenteilungen eines
Monochords, versteckt sich dahinter die Obertonreihe (während
die waagrechten Reihen von den Harmonikern als dazu rezipro-
Aus: Hans Kayser, Orphikon,
Basel 1973, S. 43.
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allerdings bemüht, die mehrfache »mathematische, logisch einwandfreie« Legitimation dieses Punkts zu betonen, der auf der
(senkrechten) »Zeugertonlinie« liege und überdies eben am Kreuzungspunkt der »Gleichtonlinien«. Damit könne man auf mathematisch-rationale, naturhafte (Obertonreihe) und psychophysische
(da die Obertonreihe ja auch aus »Tonzahlen« besteht) »Realitäten«
blicken, die von einer metaphysischen Instanz, dem »Eidos« überstrahlt werden. Darauf errichtet Kayser ein umfassendes theologisches Weltbild, in dem er immer wieder Bezüge zu anderen (vor
allem fernöstlichen) Religionen und Geheimlehren (Kabbalistik)
das Lambdoma folgende Form:
SAN.
Kayser mit »Ungrund.” übersetzt) treffen. Zunächst ist Kayser
herzustellen versucht.
Das Lambdoma wird auch nach Kayser immer wieder als das
ke ‚Untertonreihen« bezeichnet werden). In Kaysers Orphikon hat
RR
85
Zentrum der Harmonik bezeichnet, allerdings tendenziell verbunden mit einer Gewichtsverlagerung innerhalb des Fachs. Als repräsentativ für diese Trendwende können die vom Kayser-Schüler
Rudolf Haase?‘ postulierten Akzentverschiebungen im Rahmen
einer »Harmonikalen Grundlagenforschung: gelten:
Kaysersche Harmonik
Harmonikale Grundlagenforschung
Philosophie
Metaphysik
Deduktion
Theorie
Esoterik
Spekulation
Wissenschaft
Erkenntnistheorie
Induktion
Empirie
Exoterik
Grundlagenforschung
Wie weit diese Trendwende zu »strenger Wissenschaft« tatsächlich
stattgefunden hat, läßt sich generell ohnehin nicht beantworten.
Innerhalb der Musikwissenschaft wird die »Harmonik« nach wie
vor fast durchwegs als Metier eigenbrötlerischer Esoteriker angesehen, das modernen wissenschaftlichen Kriterien nicht standhält.
Ohne hier eine umfassende Diskussion eröffnen zu können, sei mit
Blick auf das Lambdoma auf einige problematische Aspekte hingewiesen: Die meisten wissenschaftstheoretischen Modelle (z.B.
das Poppersche) gehen davon aus, daß am Beginn einer wissenschaftlichen Arbeit eine klare Problemstellung stehen muß, die
darlegt, warum man welche Dispositionen trifft und welches Ziel
Page 9
View in PDF(opens in a new window)in allen alten orientalischen Kulturen alles Wissen durchdrungen
habe. Mit dem Aufkommen des Idealismus im alten Griechenland
sei diese Fähigkeit des unmittelbaren Erfassens immer mehr verschüttet worden zugunsten eines geschmacklosen Ästhetizismus,
der nur mehr über äußere Formen hin und her räsoniere. Den
Höhepunkt dieser Entwicklung, und damit die weiteste Entfernung vom »Urerlebnis« der absoluten Musik, ortet Hauer bei
Beethoven und Wagner, wo Musik zum bloßen Ideenträger verman auf diese Weise erreichen möchte. Im Falle des Lambdomas
sind die beiden Reihentypen gewissermaßen von selbst da. In weiterer Folge entdeckt man alle möglichen arithmetischen und geometrischen Beziehungen (was im übrigen bei einer Anordnung von
regelmäßigen Zahlenreihen auf einem regelmäßigen geometrischen Raster nicht weiter verwunderlich ist), deren Sinn man aber
nicht diskutieren kann, da ja keine Fragestellungen bekannt sind
und auch kein beschreibbares Verfahren vorliegt. Schließlich scheikommen sei. Gespeist wurden diese Gedankengebäude aus vernen auch die Ergebnisse an sich weniger interessant zu sein als
schiedensten Quellen, zu nennen wären etwa die Bekanntschaft
vielmehr die Ähnlichkeit mit anderen Ergebnissen (z.B. der Kristallographie oder der Kybernetik). Insgesamt erinnert das an die
»hermetische Abdrift« im Sinne Umberto Ecos, die er als die »unkontrollierte Fähigkeit, von Bedeutung zu Bedeutung, von Ähnlichkeit zu Ähnlichkeit, von einem Zusammenhang zu einem
anderen weiterzugleiten«”° beschreibt:
»Eine Pflanze wird nicht nach ihren morphologischen und funktionalen Merkmalen definiert, sondern aufgrund einer, und sei es nur partiellen, Ähnlichkeit mit
einem anderen Element des Kosmos. Ähnelt sie entfernt einem Teil des menschlichen Körpers, so hat diese Pflanze Sinn, weil sie auf den Körper verweist. Doch
dieser Teil des Körpers wiederum hat Sinn, weil er auf ein Gestirn verweist, dieses
hat Sinn, weil es aufeine Tonleiter verweist, diese, weil sie auf eine Engelshierarchie
verweist, und so weiter bis ins Unendliche.«*°
mit dem Sinologen Richard Wilhelm (über den Hauer wohl das
] Ging kennenlernte), der Verkehr in Richard Kraliks (Altgriechische Musik) »Gralsbund«, die Kenntnis der Schrift Die harmonikale
Symbolik des Alterthums von Albert Freiherr von Thimus, oder auch
25 Umberto Eco, Die Grenzen der Interpretation, München 1995, S. 426.
26 Ebenda, S. 64f.
27 Beitext zum Zwölftonspiel
vom 8. Juli 1957.
28 Josef Matthias Hauer,
Musikalisches Denken, in:
Josef Matthias Hauer —
Musik als Offenbarung der Weltordnung
»Gott hat von Ewigkeit her die absolute Musik ein für alle mal
komponiert, vollkommen vollendet. Wir Menschenkinder bemühen uns im Laufe eines Kulturäons, diese göttliche Vatersprache zu
erlernen.«?” Hauer hat die zentralen Aspekte seines musikalischen
Weltbildes in späteren Jahren mehrmals in manifestartiger Form
kundgetan, nicht ohne eine gehörige Portion an Sendungsbewußtsein. Immerhin sah er in der »unveränderlichen absoluten Musik«
_ materialisiert nicht zuletzt in seinen »Zwölftonspielen« — eine
Widerspiegelung, eine Offenbarung der Weltordnung, die tiefe
Einsichten gewähren könne, etwa die »Völker weise zu führen«.
Die nicht ganz zu Unrecht immer wieder als naiv apostrophierte
Konstruktion seiner Weltanschauung setzt sich aus einer, salopp
ausgedrückt, großzügigen Vermengung historischer, philosophischer und metaphysischer Ebenen zusammen: In den Mittelpunkt
der Menschheitsgeschichte setzt er die musikalische Intuition, die
87
Musikblätter des Anbruch
5 (1923), S. 79f., oder:
ders., Atonale Musik, in:
Die Musik 16 (1923), S.
103-106.
die monistischen Vorstellungen des Religionsphilosophen Ferdinand Ebner.
Neben den weit ins Spekulative ausgreifenden historischen
Deutungen ist es der eigenwillige Umgang mit zentralen Begriffen,
der den Zugang zu Hauers Denken erschwert. Bezeichnend ist
diesbezüglich das offenbar auch durch fernöstliche Traditionen
beeinflußte Denken in polaren Beziehungen - in mehreren Texten’? geht Hauer von folgender »Polaritätentafel« aus:
Ton
Geräusch
Intervall
Klang
Rhythmus
Melos
absolute Tonhöhe
be-ton-t
tonal
relative Tonhöhe
wohltemperiert
atonal
Obertonspektrum
Klangfarbentotalität
Geige, Horn ...
jodeln, brüllen
Regeln, Konvention
Harmonielehre, Kontrapunkt
Gegenstand
Klavier, Orgel ...
singen, sagen
Gesetz, Nomos
Melodienlehre, Melosdeutung
Bewegungsmoment
Hauer will mit diesem Diagramm zwei polare Bereiche umreißen,
zwischen denen sich jede denkbare Musik bewegen müsse. Zugleich verweise die linke Hemisphäre auf die Sackgasse der abendländischen Tradition, die jegliches Maß verloren habe; der rechte
Abschnitt dagegen zeige Möglichkeiten der »Läuterung«. Ungeachtet der vielen Fragen, die diese Tafel aufwirft, beschränke ich
mich auf die beiden fett gedruckten Begriffspaare, die ins Zentrum
der musiktheoretischen und kompositionstechnischen Konzep-
Page 10
View in PDF(opens in a new window)treten, ansonsten entstehe (wie bei Beethoven oder Wagner) »materialistische Musik für »musikfremde Menschen«.
tionen Hauers führen. Befremden dürfte zunächst einmal die
Auffassung des Terminus »tonak, die erst nach und nach eine Verbindung mit dem traditionellen Verständnis von Tonalität erkennen läßt: »Rein tonal« wäre einerseits eine Musik, die sich auf
»einen« Ion beschränkt, ohne Intervalle, ohne Melodie — etwa das
Trommeln auf einem Ton. Tonak ist andererseits in weiterer Folge
aber auch eine Musik, die ihr melodisches Material gewissermaßen
»aus dem Ton heraus« aus dem Obertonspektrum ableitet, etwa in
Schlußendlich führt Hauer den Begriff des »Melos< weit über
die Sphäre des Musikalischen hinaus in philosophische Dimensionen, die wieder deutlich fernöstliche Anklänge erkennen lassen.
»Melos< entspreche dem chinesischen »Tao«, verweise auf den »Urgrund alles Seins«, von dem sich alle Erscheinungen der Welt geistig herleiten lassen würden.
Die wahre Dimension des »Melos«, so Hauer weiter, sei ihm
nach der Entdeckung des »Zwölftongesetzes« (1919) bewußt ge-
Form des Dur-Dreiklangs (der Moll-Dreiklang sei bereits eine erste
Stufe der Vergeistigung). »Atonal« dagegen sei jene Musik, die nicht
auf den Schwingungsgesetzen des Tons aufgebaut und damit, weit
worden. Um alle »Melosfälle: überschauen zu können, gelangt er
zu den 44 »Iropen«, wobei er jede dieser Zwölftonkonstellationen
von der Natur entfernt, etwas »rein Geistiges« sei. Dementsprechend spricht Hauer auch bei gleichschwebend temperierten Instrumenten (Klavier, Orgel ...) von vatonalen Instrumenten«, »tonale Instrumente« sind wiederum jene (Geige, Horn ...), bei denen
die Töne, Intervalle, Griffe, das Überblasen, Intonieren usw. von
in zwei Hexachorde unterteilt, deren Tonvorrat unbeschränkt
permutiert und transponiert werden darf. Hauers Behauptung,
daß »bei genauer Berücksichtigung der Tropeneigenheiten die
der Obertonreihe abhängig seien.
30 Ebenda, S. 14.
31 Ricarda Rätz, Josef Matthias Hauers Theorie und
Der Begriff des »Melos« ist schon im alten Griechenland nicht
eindeutig zu fassen — noch weniger bei Hauer. Seinen Vorstellungen am nächsten kommt vielleicht eine Definition in der Schrift
Vom Melos zur Pauke”: »Melos nennen wir das musikalische Erleben und Geschehen, die Spannung zwischen Tönen verschiedener
Höhe; wohlgemerkt: das Erleben und Geschehen und die Spannungen, die sich »in uns vollziehen.« Gemeint ist demnach offenbar vor allem ein geistiger Vorgang im Menschen - allerdings verschweigt uns die genannte Definition jeglichen Hinweis auf die
musikalischen Gestalten, die diesem geistigen Vorgang zugrunde
liegen sollen. Im Sprachgebrauch Hauers kann sich »Melos auf
ganz verschiedene musikalische Phänomene beziehen: Das »Melos«
eines Intervalls beispielsweise deute auf den »Kern seiner Bewegung, auf die Gebärde«. Andererseits berge die Anordnung der
89
Musik, Berlin 2003, S$.
153-160.
29 Ders., Vom Melos zur Pauke, Wien 1925, S. 9.
479.001.600 Melosmöglichkeiten der zwölf Töne herauskommen«, ist erst jüngst bestätigt worden.?! Die Gesetzmäßigkeit
6Nomos«) im Umgang mit den Tropen besteht im wesentlichen
nur darin, daß alle zwölf Töne in Nachbarschaft zueinander vorkommen müssen, jede Regelhaftigkeit ist von Hauer zunächst
vermieden worden. Wie Webern (»im übrigen wird so komponiert
wie bisher«) weist er darauf hin, daß der Umgang mit den zwölf
Tönen die musikalische Vorstellungskraft herausfordert, kompositionstechnische Vorgangsweisen seien in altbewährten Mitteln
gegeben: Variation, Kanon, Spaltung, Verschiebung, Umkehrung,
Vergrößerung, »kadenziöse Wendungen« usw. Darüber hinaus gibt
er in seiner Schrift Zwölftontechnik (1925) Empfehlungen, die
offensichtlich in selbstverständlicher Weise auf die Einbeziehung
tonaler Komponenten verweisen: Für dreistimmige Stücke empfiehlt er Dur- oder Molldreiklänge, für vierstimmige große Septakkorde als Schlußklänge. Sollte es »programmeln« - wie gelegentzwölf Töne der temperierten Halbtonskala 479.001.600 »Melosmöglichkeiten; eine Reihe wäre demnach ein ‚Melosfalk oder ein
‚melischer Grundgedanke. Demgemäß verwendet Hauer den
lich auch bei ihm selbst —, wären auch andere Varianten gerechtfertigt. All das weist darauf hin, daß Hauer zunächst noch keinen
Begriff oft deckungsgleich mit atonaler Musik, die in ihrer Vergeiauch geht es ihm in seinen Schriften offenbar weniger um eine
Reflexion über das musikalische Material in Hinblick auf den
stigung aber auch den Inbegriff von absoluter Musik: darstelle. Ein
»melischer Mensch« schließlich ist der, der diese »Melosfälle« durch
seine musikalische Phantasie deuten kann, wobei sich diese Phantasie zunächst wiederum nur auf innere Vorstellungen bezieht. Die
Materialisierung dieser Vorstellungen müsse aber so ausfallen, daß
die Transporteure — die Klangkörper — nicht in den Vordergrund
in sich geschlossenen kompositionstechnischen Kosmos vorlegt,
Kompositionsprozeß als vielmehr um allgemeine Gesetzmäßigkeiten, die sich in grundlegenden Manifestationen (wie den »Tropen.) zeigen. Er hatte auch immer wieder Haltungen geändert,
etwa daß nicht temperierte (also stonale«) Instrumente keine atonalen Melodien spielen dürften, auch mit seinen Opern (Salambo,
Page 11
View in PDF(opens in a new window)Die schwarze Spinne) hat er sich denkbar weit von seinem Ideal der
absoluten, ideenfreien Musik entfernt.
Mit dem Konzept des »Zwölftonspiels< (ab 1940) verwirft er
nochmals alles vorher geleistete:
»[...]weil ich nur die grosse, vollkommene, kosmische, ewig unveränderliche absolute Musik, die wirkliche Sphärenharmonie, das Heiligste, Geistigste, Wertvollste auf
der Welt, die Herz und Verstand befriedigende Offenbarung der Weltordnung als Religion, die Ursprache, das Unmittelbare, die Vernunft ansprechende, die Wissenschaft
aller Wissenschaften, kurz gesagt, weil ich nur das Zwölftonspiel anerkenne.«”
Zur Prädisposition des Materials kommen nun konkret nachvollziehbare Regeln hinzu, die eine »melische Entfaltung« für jedermann ermöglichen und ein Höchstmaß an Entsubjektivierung
gewährleisten.
Erst jetzt hat sich Hauer vom »dialektischen Wesen der Musik«? endgültig entfernt und damit auch vom musikalischen
Kunstwerk als Produkt einer Auseinandersetzung mit Traditionen.
Hauer hat sein ganzes vorangegangenes CEuvre nicht zuletzt deshalb verworfen, weil er immer wieder Entfernungen vom »Absoluten« (etwa durch Einsickern von »Ideen«) feststellte, die einer
Objektivierung im Wege stünden. Mit dem Abstreifen der individualistischen Reste wird aus dem Komponisten nunmehr ein
Deuter einer ohnehin »ein für allemal komponierten göttlichen
Vatersprache«.
Daran anknüpfend noch einmal zurück zur eingangs gestellten
Frage, warum pythagoreische Traditionen im 20. Jahrhundert so
häufig auftreten. Erschwert wird die Beantwortung dieser Fragestellung wohl dadurch, daß äußerst unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten mit völlig divergierenden kompositorischen
Ausprägungen damit in Beziehung gebracht werden können; eine
Annäherung an die Frage durch den Blick auf die kompositionstechnische Ebene kann daher kaum zu Ergebnissen führen. Am
ehesten scheint hinter dem Phänomen eine bestimmte Haltung zu
stehen, nämlich die der Rechtfertigung. In allen angesprochenen
Fällen geht es (auch) darum, den eingeschlagenen künstlerischen
Weg durch eine übergeordnete Ebene zu untermauern, in einem
Jahrhundert, das in seinen vielfältigen Aufbrüchen, Verästelungen,
einem Nebeneinander des »Inkommensurablen« (im Sinne von
Jean Francois Lyotard) dem Künstler einfache Anknüpfungspunkte an etablierte Traditionen verwehrt oder zumindest erschwert.
32 Manifest vom 16. März
1947 (Hauer Archiv, Innsbruck).
33 Ernst Bloch, Über das mathematische und dialektische Wesen der Musik, in:
Beiträge zur Erkenntnis der
neuzeitlichen
Tonkunst,
Köln 1923, S. 15.
Kapitel 2
Ars combinatoria — Rhetorik —
Sprachcharakter der Musik