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View in PDF(opens in a new window)das Verhältnißs des Copernicus
zum Alterthum.
°
Von
Ludewig
Tdeler.
#,
(for Imuseum-alterihumswissenschaft1808/0399
UNIVERSITATS.
BIBLIOTHEK
HEIDELBERG
© Universitarsbibliothek Heidelberg
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View in PDF(opens in a new window)Ueber
das Verliältnifs des Copernicus
zuni Alterthum.
Ii u d o w i ä I d e 1 e r.
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View in PDF(opens in a new window)Digna res est contemplatione, ut sciamüs in quo
rerum statu simus, pigerrimam sortiti an velocissimam sedern: circa nos Deus omnia an nos agat.
Semeca.
In der Reihe der grofsen Männer, denen die
heutige Sternkunde ihre Ausbildung verdankt,
gebührt dem berühmten Nikolaus Gopernicus eine der vornehmsten Stellen. Er hat das
Verdienst, das gothische Gebäude der alten
Astronomie umgeworfen, und, dem Princip der
Bewegung der Erde gemäfs, zu einem einfachem und naturgemäfsern den ersten Grund
gelegt zu haben. Dafs es zur Aufstellung dieses Princips keines geringen Muths bedurfte,
wrrd ein jeder eingestehn, der sich in seine
Zeiten versetzt. Er hatte die Autoritäten des
Ptolemäus, des Aristoteles und der Bibel, mithin die Vorurtheile der Astronomen,
Philosophen und Theologen gegen sich, und
schwerlich würde er, seiner Versicherung ungeachtet, dafs es ihm nur auf eine Hypothese 2.ur
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View in PDF(opens in a new window)Erklärung der himmlischen Erscheinungen, ankomme, den Verfolgungen entgangen seyn,
wenn er nicht unmittelbar nach Vollendung
des Drucks seines Werks *) gestorben wäre.
Es ist der Mühe werth zu hören, wie er sich
selbst über seine Arbeit äussert. „Nachdem
ich, sagt er in der Zuschrift an den Pabst Paul
III., die Unsicherheit der mathematischen Lehren von den himmlischen Bewegungen lange
bey mir erwogen hatte, ward es kränkend für
mich zu sehn, dafs die Philosophen den Gang
der Weltmaschine auf keine genügendere Weise
zu erklären wissen. Ich machte es mir also
zum Geschäft, alle die philosophischen Schriften, die ich nur auftreiben konnte, durchzulesen, um zu sehn, ob nicht irgend jemand den
Weltkörpern andere Bewegungen beylege, als
diejenigen, welche in den Schulen gelehrt
werden. Da fand ich denn beym Cicero, dafs
Nicetas, und beym Plutarch, dafs Heraclides Ponticus und die Pythagoreer Philo1 laus und Ecphantus die Bewegung der Erde
angenommen haben. Hierdurch aufgemuntert
begann ich. auch meinerseits an die Bewegung der
Erde zu denken. Und ob die Meinung gleich
ungereimt schien, so glaubte ich doch, da andere vor mir die Freyheit gehabt haben, bc
*) Nicolai Copernici Torinrnsli (Je rcvoluiionibus orbium coelestium ühri VI. Nürnberg i543» f01>
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View in PDF(opens in a new window)liebige Cirkel zur Darstellung der himmlischen
Erscheinungen zu ersinnen, dafs es auch mir
vergönnt seyn werde zu versuchen, ob ich
nicht bey irgend einer vorausgesetzten Bewegung der Erde zuverlässigere Erklärungen als
die bisherigen von dem Lauf der Weltkörper
geben könne." Wir sehn also, dafs er zur
Verhütung alles Aergernisses seine Hypothese
selbst für ein altes Philosophen! ausgiebt. Hat
er aber nicht vielleicht Recht? Sollte sich nicht
etwa sein ganzes Verdienst darauf beschränken, zerstreute, längst verschollene Ideen alter
Philosophen gesammelt, zu einem Ganzen aufgestützt und aufs Neue in Umlauf gebracht zu
haben? Dies ist in der That die Meinung einiger allzu enthusiastischen Lobredner der Alten. Keiner hat sie plumper geäufsert, als
D u t en s in seinen bekannten Untersuchungen über denUrsprung der Entdeckungen, die den Neuern zugeschrieben
werden. Er sagt, man müsse sich billig wundern, dafs ein so klar von den Alten gelehrtes
System wie das Gopernicanische seinen Namen
von einem neuern Philosophen erhalten habe.
Pythagoras, Philolaus, Nicetas aus Syracus, Plato, Aristarch hätten davon en
mille endr.oits gesprochen. Glimpflicher zwar,
aber im Grunde in gleichem Sinn, urtheilen
verschiedene andere Gelehrte. Es ist daher
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View in PDF(opens in a new window)wol ein nützliches, und, wie ich mir schmeichele, der Versammlung, vor der ich zu lesen
die Ehre habe *), nicht misfälliges Unternehmen, wenn ich die Stellen der Alten, die von
einer Bewegung der Erde handeln, sammele,
prüfe, und mit dem, was Gopernicus geleistet hat, vergleiche. Das Resultat wird ohne
Zweifel die Ueberzeugung gewähren, dafs dieser grofse Mann seinen Vorgängern nichts weiter als höchstens die rohe Idee verdankt, die
ihm allerdings den ersten Impuls gegeben haben mag, dafs aber die fruchtbare Anwendung
derselben zur Erklärung der Himmelserscheinungen ganz ihm angehört. Ich bin nicht der
erste, der eine solche Zusammenstellung versucht; allein ich hoffe der meinigen das Verdienst einer gröfsern Vollständigkeit und einer
genauem Sonderung und Entwickelung der
Begriffe zu geben.
Zuvörderst **) finden wir die Lehre von
der Bewegung der Erde unter den Dogmen
*) Dieser Aufsatz ist in der öffentlichen Versammlung
der p h i 1 o m a t h i s ch e n Gesellschaft vom.4. April
1810 vorgelesen worden,
**) Nach einem in Fahricii Bibliothecä Graeca (Vol.
II. p. 377 d. a. A.) abgedruckten Fragment der von
den Alten öfters citirten Geschichte der Astronomie des Eudemus hat schon der mit Pythagoraa
gleichzeitige Anaximander die Bewegung der Erde
um die Mitte des Weltgebäudes gelehrt. Es findet
sich aljei von einem solchen Dogm in der ioni-
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View in PDF(opens in a new window)der Pythagorisehen Schule, die bekanntlich in Unteritalien ihren Sitz hatte, wo sie seit
der Mitte des sechsten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung blühte. Ihr gebührt der Ruhm,
die Mathematik, zu deren Erweiterung sie beygetragen hat, zuerst auf die Naturkunde angewandt zu haben, so grofs auch die Irrthürner
seyn mögen, in die sie aus Hang zu systematisiren, wo es noch an Thatsachen fehlte, gerathen ist. Diesem Hange hat sie sich ganz besonders bey der Lehre überlassen, die uns hier
beschäftigt, wie aus folgenden Stellen der Alten hervorgehn wird.
In Plutarch's Leben des Numa heifst
es: „man sagt, Numa habe den runden Tempel der Vesta erbaut, um darin das unauslöschliche Feuer aufzubewahren, nachbildend nicht
etwa die Gestalt der Erde als der Vesta *),
sehen Schule ■weiter keine Spur. Simplicius (ad
Arist. de Caelo I, II. p. 124» a) und D i o g. Laertiua
(de n'tt. phil. II, 1) versichern das Gegeatheil, nämlich
dafs Anaxioiander die Erde in der Mitte ruhend angenommen hat.
*) Dafs Vesta, 'Es7o£, die Erde ley, ist eine Ansicht,
die sich schweilich bey den altern Griechen findet,
denen Vesta ein Symbol des im Innern der Wohnungen auf dem Familienheerde lodernden Feuers ist. Jene Ansicht scheint mir eine ursprünglich römische
zu aeyn, der vielleicht die unsratthafte Etymologie:
Stat vi terra sua, vi stando Vesta vocaiur,
Ovid. Fast. VI. 29g.
«um Grunde liegen mag. Da man sich nicht wol die
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View in PDF(opens in a new window)sondern die der gesammten Welt, in deren
Mitte die Pytha goreer das Feuer setzen, das
sie Vesta und Einheit nennen. Die Erde,
die sie weder ruhend noch in der Mitte annehmen, sondern sich um das Feuer bewegt vorstellen, rechnen sie nicht zu den vornehmsten
Bestandtheilen des Weltgnbäudes". *) Zum
bessern Verständnis dieser und anderer anzuführenden Stellen wird es nothig seyn, den
Begriff" des Worts zof/üloc,, das ich hier durch
Welt und Weltgebäude übersetzt habe,
richtig aufzufassen, Es bezeichnet den griechischen Philosophen den durch die scheinbare
Himmelskugel, die sie sich alseine wirkliche
dachten, begranzten Inbegriff der Weltkörper,
der Fixsterne und, Planeten, im Gegensatz der
Vesta ohne Feuer denken konnte, so war man genöthigt, sich das Innere der Erde als einen Feuerbehälter vorzustellen, Vesta, sagtServius zu Virg. Aen,
J. 292, esse dicitur Terra, quam ignem habere non
dubium est, ut ex Aetna Vnlcanocjue et aliis locis ardentibiis datur intelligi (vergl. ad II. 296). Wenn
die Pythagoreer ihr Centraifeuer Er/»* nannten, so
nahmen siq das Wort in seiner gewöhnlichen Bedeu
tung für den lodernden Heerd.
*) P. 67. D. ed, Wech, Plutarch macht hier nach einem
irn Alterthum gangbaren Irrthum den Numa zu einem
Pythagoreer. Ein arger, schon von Livius I, 18
gerügter, Anachronism» Denn Pythagoras lebte, so
schwankend auch die Meinungep über sein Zeitalter
sind (B e n 11 ey 6etztseine Geburt in Ol. 43» 4> Do d w el l
in Ol. >ji, 4), zum wenigsten 150 Jahr später als Numa,
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View in PDF(opens in a new window)nach der gewöhnlichen Meinung in der Mitte
ruhenden Erde, Den Astronomen ist es ein
Synonym von ov^avcg oder qv^clviqc, <t(Qcl7Qcl3
Himmel oder iiimmelskugel. Nach dem
Zeugnifs der Alten hat es Pythagoras zuerst
in dieser Bedeutung gebraucht, wegen der
Herrlichkeit des gestirnten Himmels und der
Begelmäfsigkeit der an ihm vorgehenden Bewegungen:, denn es heilst eigentlich Schmuck
und Ordnung *), Die Römer gebrauchen
ganz analog ihr Miindus, das erst spät auf die
Erde ausgedehnt oder au^h wol blofs von
ihr gebraucht worden ist. Um nuÄ zu den
angezogenen Worten des Plutarch zurückzukehren, so erhellet daraus nur so viel, dafs die
Pythagoreer ein G entralf eu er annahmen, um
welches sie sich die Erde als einen Planeten
laufend dachten. Ob es die Sonne seyn soll
oder nicht ist zweifelhaft.
Aristoteles sagt in seinem Werk über
*) Plut. de plac. phil. II. i. D i o g. Laert. VIII. 48.
Anon. in 'Vita Pylh. ap. Phot, cod. a49> p. i3l6
ed. Büschel. Zu Xenophon'a Zeiten wurde das
Wort »«c-^iaj, in der Bedeutung Himmel, blofs erat
in den Schulen der Philosophen gebort. "O «.AX^ivoi
vtto twv cretpirSv. x-os-ptoi;, heifst es Mrm. Socr. I. 4.
I^ach Marcus Anton in us (1, XI. c. 27) geboten die
Pythagoreer, jeden Morgen zum Himmel emporzuschaun, um sich durch Betrachtung des regelmäfsigen
Lauts der Himmelskörper zur Ordnung und Bewahrung eines reinen Gemüths ermuntert au finden.
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View in PDF(opens in a new window)den Himmel*): „in Ansehung der Lage der
Erde sind die Philosophen nicht durchgängig
gleicher Meinung. Indessen setzen sie die
meisten, die den Himmel für begränzt halten**), in die Mitte. Die italischen Philosophen, die sogenannten Pyth ago re er, dagegen behaupten, in der Mitte sey das Feuer,
und die Erde bewege sich um dasselbe wie ein
Stern, wodurch die Abwechslung von Tag und
Nacht bewirkt werde. Auch nehmen sie eine
andere der unsrigen entgegengesetzte Erde an,
die sie 'Avt/^^wv^ Gegen er de, nennen, indem sie nicht die Ursachen der Erscheinungen
zu erforschen, sondern die Erscheinungen zu
ihren Meinungen hinüber zu ziehn und einem
System anzupassen suchen." Weiterhin heifst
es: „dem vornehmsten Dinge, glauben sie, gebühre die vornehmste Stelle; das Feuer sey
vorzüglicher als die Erde, es gehöre also in die
Mitte." Noch weiterhin: „auch in Ansehung
der Ruhe und Bewegung der Erde sind nicht
*| L. II. c. i3.
**) Ovgccvcs ist dem Aristoteles hier, was gewöhnlich den
Philosophen x-ocrpos hiefs. Dafs der x-orpos begrenzt sey, war die gewöhnliche Meinung. Für u nhegränzt hielten ihn unter andern Heraclides
Ponticus und Seleucus. Stob. Ecl. Phys. c.
22. p. -44° Heeren. Noch andere unterschieden
unter xaV^ia; und ro 7rdiv, und nannten jenen begränzt,
dieses unbegränzt, z.B. Diogenes aus Apollonia.
P 1 ut. de plac. II. T.
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View in PDF(opens in a new window)alle gleicher Meinung. Denn diejenigen, die
sie nicht in die Mitte setzen, lassen sie in einem Kreise um die Mitte laufen, und nicht
blofs die Erde, sondern auch die vorhingedachte Gegenerde'^. Erwägt man diese Stellen
aufmerksam, so sieht man, dafs sie von etwas
ganz anderm als dem Gopernicanischen System
sprechen. Ein Schwung der Erde um das Feuer,
das aus metaphysischen Gründen in die Mitte
gesetzt wird, soll die Abwechslung von Tag
und Nacht bewirken. Wie läfst sich das denken und mit den Erscheinungen reimen? Man
kann mit Montucla sagen, dafs Aristoteles
die Meinung der Pythagoreer entstellt hat *);
aber was sollen wir von der Gegenerde halten, die sie zugleich mit der Erde um das
Feuer laufend annahmen?
Wie sie auf diesen sonderbaren Körper gekommen sind, erhellet aus folgender Stelle der
Metaphysik eben dieses Philosophen
„die sogenannten Pythagoreer, die sich zuerst
mit mathematischen Untersuchungen beschäf*) L'on saii asssz que teile est la coutume de ce philosopke, de ne rendre les opinions de ses prcdjcesseurs
tju accompagnces d'une Joule de circonstances d'une
absurdite palpablc. Histoire des M alhematiqu es
Vol. I. p, 118 d. n. A. In diesem Punkt bat aber
Aristoteles den Pythagoreern gewifs nicht zu viel getlian, wie die Vergleicliung aller übrigen Stellen zeigt.
•») L. I. c. 5.
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View in PDF(opens in a new window)tigfc haben, sagen, der Himmel sey, wie anerkannte Thatsachen lehren, durchaus Harmonie
und Zahl. Wenn sie nun irgendwo eine Lücke
in den Zahlenverhältnissen der Dinge finden,
so füllen sie solche aus, um ein vollständiges
System zu erhalten. Z, B. da die Zahl Zehn,
kiz&Cy eine vollkommene Zahl ist, und die
stanze Natur der Zahlen in sich zu begreifen
scheint, so behaupten sie, dafs der Korper, die
sich am Himmel bewegen, zehn seyn müssen.
Da aber nur neun sichtbar sind, so machen sie
die Gegenerde zum zehnten". Eben dasselbe
versichert Simplicius in seinem Commentar
über das vorhin citirte Werk vom Himmel*).
Seine Worte sind: „da die Pythagoreer die
Zahl Zehn für vollkommen halten, so glauben
sie auch die Zahl der im Kreise bewegten
Körper auf zehn setzen zu müssen. Zu dem
Ende nehmen sie für einen derselben den
Fixsternhimmel, rechnen dann die sieben Planeten, unsere Erde, die Gegenerde, und bringen so die Zahl Zehn heraus K Wir sehn also,
dafs die Gegenerde ein rein metaphysisches
Wesen ist.
Pythagoras und seine Schüler glaubten
in den Zahlen den Schlüssel zur Erkenntnifs
der Natur zu finden. Sie bearbeiteten daher
die Theorie derselben, besonders den Theil,
*) Comraent. $ß, in J. II. p. 124. b.
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View in PDF(opens in a new window)der die Verhältnisse betrifft, mit grofsern Eifer.
Man sollte nicht glauben, dafs ein so nüchternes Stadium die Kopfe so exaltiren könne, wie
es bey ihnen der Fall war» Photius *)
führt aus des Pjthagoreers Nico m a chus
arithmetischer Theologie ein Fragment
an, das von den mystischen Eigenschaften der
Zahlen handelt. Hier werden den Zahlen von
i bis 10 die seltsamsten Prädikate beigelegt.
So erhält die Dekas die Namen Universum,
Gott der Götter, iibergöttlicher Gott
(ß-eÄg vyrt^S-iCc), und dergleichen mehr. Blofs
um der Herrlichkeit dieser Zahl willen werden
zu den acht Redet heilen noch xwey hinzugefügt, nämlich w^ocr^ögicb und 7roLQCt7rK)i^a>iJ.a3
die ganz in die Kategorie der Gegenerde
gehören. Nicomachus war einer der spätem
Pythagoreer. Dafs die frühern nicht weniger
geschwärmt haben, beweist das Bruchstück eigner Lobrede des Philo laus auf die Zahlen,
das sich beym Stobäus aufbewahrt findet **)
und so anhebt: „wir müssen die Wirkungen
und das Wesen der Zahlen nach der Kraft er*
wägen, die der Dekas eigenthümhch ist, Grofs
ist diese Kraft, alles wirkend, alles schaffend,
des göttlichen, himmlischen und menschlichen
Lebens gemeinsame Urheberinn und Leiterinn,"
*j Cod. 187'. . .
**) F.d. Phys. c. 2, p. S.
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View in PDF(opens in a new window)Dieses Fragment verdient hier um so eher zu
stehn, da es uns mit dem Geist eines Mannes
bekannt macht, der unter den Alten, die eine
Bewegung der Erde gelehrt haben, gewöhnlich
zuerst genannt wird.
Es finden sich nämlich mehrere Stellen, die
das Dogm, das wir bisher als ein gemeinschaftliches der Pythagoreer kennen gelernt
haben, als ein eigenthümliches dem Philolaus
zuschreiben. Es ist möglich, dafs es diesem
Philosophen, einem der berühmtesten der Pythagorischen Schule, hauptsachlich seine Ausbildung verdankt; es kann ihm aber auch woi
nur darum beygelegt werden, weil er es zuerst
schriftlich vorgetragen hat. Dafs Pythagoras
selbst nichts geschrieben, behauptenPlutarch,
Lucian und andere. Es ist dies auch um so
wahrscheinlicher, da er viele seiner Lehren dem
grofsen Haufen seiner Schüler sorgfältig entzog, und sie nur den esoterischen, d. i. den
eingeweihten, sorgfältig geprüften, mittheilte.
Eben so wenig scheint irgend einer seiner
Schüler etwas geschrieben zu haben, so lange
der von ihm gestiftete Bund bestand. Als aber
derselbe durch die über ihn ergangene Verfolgung gewaltsam aufgelöst worden war, so widmeten sich die wenigen dem Sturm entronnenen Pythagoreer mit mehr Mufse als zuvor der
Naturphilosophie, und legten die Piesultate ih-
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View in PDF(opens in a new window)res Nachdenkens in Schriften nieder. Der erste, der dies that, war nach Diogenes Laertius und Iambiichus ausdrücklicher Versicherung *) Philo laus aus Cr o ton.
Dieser Philosoph war kein unmittelbarer
Schüler des Pythagoras; denn er blühte wenigstens 100 Jahr später, etwa 43° Jahr vor
unserer Zeitrechnung. Er war nämlich Zeitgenosse des Socrates, indem dessen Schüler
Cebes und Simmias auch ihn gehört hatten.
*; De vit. phil. VIII. i5- Pita Pyth. c. 3i segm. 198.
199. An der letzten Stelle heifst es: „vor Philo laus
hat man keine Pythagorischen Schriften gesehn. Dieser brachte zuerst die berüchtigten drey Bücher ans
Licht, die Dion auf Plato's Geheifs für 100 Minen
von ihm kaufte." Dieses Bücherkaufs gedenken auch
Diogenes Laertius h c, ferner III, ig und VIII,
84; Gellius N. A. III, 17; Tzetzes Chil. X. Hut.
ccclv und andere. Es scheint damit seine Richtigkeit
zu haben. Auch leidet es wol keinen Zweifel, dafs
Plato hin üad wieder, besonders in dem Dialog, der
nach dem redend eingeführten Pythagoreer T i m a e u s
benannt ist, Pythagorische Ideen vorträgt (er hat ja
auf einer seiner Reisen nach Sicilien Grofsgriechenland besucht, und daselbst unter andern Pvtbagoreern
den Archytas gehört); dafs er aber, wie ihm der
Sillograph Timon nachredete, in jenem Dialog ein
Plagiat an den Pythagoreern begangen habe (s. Gellius 1. c. und Proclus im Anfange seines Commentars) ist gewifs Verläumdung. Der grofse Mann bedurfte der fremden Federn nicht.
■J-) S. Plato's Phaedon p. 6t. ed. Steph., p. 23. ed.
Heindorf. Es ist möglich, dafs ihn auch Plato gehört hat, wie Diog. Laertius III, 6 sagt. Wenn
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View in PDF(opens in a new window)Nach Plutarch hat er sich bey der über die
Pythagoreer ausgebrochenen Verfolgung aus
Metapontüm nach Lucanien gerettet *)i Ist
diese Nachricht zuverlässig, so müfs Von einer
spätem, sonst nicht weiter erwähnten, Verfolgung die R.ede seyn; denn die bekannte fand
schon bey Lebzeiten des Pythagoras Statt.
Sonst wissen wir von seinen Umständen nichts.
Ein altes Scholion zum Phaedon des Plato
sagt} er habe nach der Weise der Pythagoreer
in Räthseln gelehrt. Nach Claudianus
Mamertus **), einem Schriftsteller des fünften Jahrhunderts, der noch ein Werk von ihm
unter dem Titel 7Tt{H fjvd-juw ncti ju,ir^a>Vy
über Rhythmen und Mafse, vor Augen
hatte, soll er in einer Sehr dunkeln Sprache
wunderbare Sachen über Mafse $ Gewichte
und Zahlen, welches ihm die Bestandtheile
der Natur waren, geschrieben haben. Alles
ZU-
Cicero (de Oral. Iii, 34) versichert, riafa Archytas
der Lehrer des Pbilolaus gewesen sev, so glaube ich*
dafs er beide Kamen verwechselt. Denn wenn man
das Verzeichnifs der Schriften des Archytas beym I' a -
bricius ansieht (BibL Gr. Vol. T. p, 833 d. n. A.),
so überzeugt man sich,; dafs f'hilolaus von beiden der
ältere seyn müsse, wenn es anders gegründet ist, dafs
er zuerst die Pythagorischen Lehren durch Schriften
bekannt gemacht hat.
*) De Genio Socraiis p. 583» &
**) De statu anikihe Ii II, c. 3 ittid j.
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View in PDF(opens in a new window)zusammengenommen zeigt, woran wir mit ihm
sind, und1 wenn darüber noch der geringste
Zweifel obwaltete, so dürfen wir nur hören,
was er über die Einrichtung des Weltgebäudes
philosophirte*
Diogenes Laertius sagt *): „Philo*
laus aus Croton glaubt, dafs alles nach Notwendigkeit und Harmonie geschieht. Auch soll
er zuerst gelehrt haben, dafs sich die Erde in
einem Kreise bewegt; einige behaupten dies
jedoch von Hicetas dem Syrakuser.'4 Nach
der kurzen Sammlung der Sätze der griechi-*
sehen Philosophen, die den Namen des Plutarch trägt, nahm Pbilolaus an, dafs sich in
der Mitte das Feuer befinde,4 dafs um dasselbe
die Gegenerde und in einer weitern Bahn die
von uns bewohnte Erde laufe, dergestalt, dafs
beide Körper einander gegenüber, d. i. auf
verschiedenen Seiten des Centraifeuers, ständen, wefshalb auch die Bewohner des einen die
des andern nicht wahrnehmen" könnten f).
Hier sehn wir also, wo die sonderbare Gegenerde zu suchen ist. Weislich setzten sie die
Pythagoreer an eine Stelle, wo sie ihre Träume
nicht Lügen strafen konnte -f f). An einem
*) De vil. phil. VIII. &5;
t) De plac. phil. III. tt,
ff) Bey den Geographen, z, B. Ponlponius Möla,
heifst Ant'chihcin etwas ganz anders, iiämljöa ein unserer QiK-i^Uiu oder dem von uns belohnten Erd• 2.1]
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View in PDF(opens in a new window)andern Ort derselben Sammlung heifst es *);
„die gewöhnliche Meinung ist, dafs die Erde
ruht. Philolaus der Pythagoreer dagegen
nimmt an, dafs sie sich wie Sonne und Mond
in einem schiefen Kreise um das Feuer bewegt." Unter dem schiefen Kreise, xvy.Xoq
X6^0(;3 verstehn die Griechen die Ekliptik.
Man würde aber offenbar dem fJhi!olaus zu viel
Ehre erweisen, wenn man hier eine Art von
Copernicanischer Erklärung der Erscheinungen
des Sonnenlaufs suchen wollte. Offenbar ist
der schiefe Kreis erst durch eine spätere Deutung in sein Dogm gekommen.
Nach dem Bisherigen ist es immer noch
nicht ganz klar, ob das Gentraifeuer der Pythagoreer die Sonne seyn soll, oder nicht.
Alle Zweifel hebt folgende Stelle im Stobäus **): Philolaus nimmt ein doppeltes
Feuer an, eins in der Mitte (des kö/t/uoc;)) das
er He erd des We 11a 11 s> Wohnung Jupiters, Mutter der Gütter, Altar, Band
und Mafs der Natur nennt; und ein zweytes, das Ganze von aussen umgebendes Das
mittlere, sagt er, ist seiner Natur nach das vornehmste. Umher bewegen sich im Reihentanz
theil, gegenüber an der andern Seite des Aequator9
liegendes Land, zu dem wir wegen der heifsen Zone
nicht kommen können.
% III. i3.
**) Ecl. phys. c. «3 S. 488-
Page 19
View in PDF(opens in a new window)zehn göttliche Körper, der Fixsternhimmel, und
in immer engern Bahnen die (fünf) Planeten,
die Sonne, der Mond, die Erde und die Gegenerde. Nach allem folgt das Feuer, das sich
gleich einem lodernden Heerde in der Mitte
befindet". Hier drangen sich sogleich einem
jeden, der über das, was am Himmel vorgeht,
nur ein wenig nachgedacht hat, eine Menge
Fragen auf. Es würde vergeblich seyn, sie sich
beantworten zu wollen; Philolaus konnte sie
sich schwerlich selbst beantworten. Doch ja,
auf eine Hauptfrage hatte er eine Antwort, ich
meine auf die, welche jRolIe die Sonne neben
dem Centraifeuer im Weltgebäüde spielt? Die
Sonne, sagte er nach dem Bericht von Plutarch, Stobäusr ,Euse-hius und Achilles
Tat ins *), die Sonne ist- eine glasartige
Scheibe, $£at.M)Q vcLÄOüS'rt^ welche das Licht
und die Warme vom Weltfeuer auffängt und
uns durch Reflexion zusendet. Warum wir das
Weltfeuer selbst nicht sehn, da es doch die
gläserne Sonnenscheibe zu erleuchten vermag,
müssen wir nicht weiter fragen.
Nach einer Stelle der Schrift de animae
*) De plac. II. 20. Erl. phys, c. a6. S. 528. Praep. eV.
XJr. 23; Is°g. in jlrati Phaen. c. iy Man vergleiche
die Bemerkungen von Beckmann und Heeren in
des erstem Geschichte der Erfindungen, Theil
III. S. 3o8 ff.
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View in PDF(opens in a new window)procreatione des Plutarch
gab es Pytha*
goreer, die den Himmeiskörpern eine etwas
andere Ordnung als die eben von Stobäus bemerkte anwiesen. „Die Pythagoreer, heilst es
dort, verdreyfachen die Abstände der Körper
von der Mitte aus. Denn wird das Feuer für
die Einheit (/xovac) genommen, so kommen
auf die Gegenerde 3 Theile , auf die Erde g,
auf den Mond 27, auf den Merkur gf? auf die
Venus 243, auf die Sonne 729 (diese Zahl ist
zugleich Quadrat und Cubus, wefshalb sie die
Sonne auch bald Quadrat, bald Cubus nennen), und eben so gehn sie zu den übrigen
Körpern durch Triplirung fort." Dafs die hier
angegebenen Zahlen keine Resultate von Beobachtungen, Messungen und Berechnungen sind,
bedarf keiner Erinnerung. Von dergleichen
gewöhnlichen Mitteln der Erkenntnifs ist bey
den Pythagoreern wenig die Rede, Sie hängen vielmehr mit der Theorie der Töne zusammen, mit der sich diese Schule viel beschäftigt hat.
Bekanntlich legte ihr Stifter
durch Entdeckung der Verhältnisse der Schwingungen tönender Körper den Grund zur Mathematik der Musik. Diese musikalischen Verhältnisse waren es vornehmlich, die ihm und
seinen Schülern Anlafs gaben, überall in der
Natur, also auch in den Abständen der Weltt) S. 1028, B.
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View in PDF(opens in a new window)korper von der Mitte des jtoVaöC, harmonische Verhältnisse zu ahnen. So wie nun durch
die Intervalle der Töne die Accorde bestimmt
werden, so glaubten sie, dafs in den Intervallen der bewegten, gleichsam schwingenden^
Weltkörper der Qrund zu einem himmlischen
Concert Hege, das wir mit unsern irdischen
Ohren nicht zu hören vermögen. Von dieser
Sphärenmusik, mit der es ganz ernstlich
gemeint gewesen zu seyn scheint, ist bey den
Alten öfters die Rede *)»
Nehmen wir nun alle bisher angeführten
Stellen zusammen und erwägen sie ohne vorgefafste Meinung, so überzeugen wir uns leicht,
dafs sie uns gar nicht berechtigen, den Pythagoreern die Kenntnifs der wahren Weltordnung beyzulegen, wie es von Montucla,
Bailly, Brücket und den meisten andern
Geschichtschreibern der Mathematik, Astronomie und Philosophie geschieht. Kein einziger
Alter sagt uns, dafs ihr Gentraifeuer die Sonne seyn soll; vielmehr geht, wie wir sehn, aus
verschiedenen Stellen ganz unzweydeutig hervor, dafs sie die Sonne zugleich mit der Erde
und dem Monde um das Centraifeuer laufen
*) Die Hauptstellen alnd Arist. de Caelo II. 9. 1*1 u tarch de Musiea am Sihlufs. Somniym Scf.pionis des
Cicero. Plin. H. JV, II. 22. Censorimu de die
r.at. c. i.j. <
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View in PDF(opens in a new window)Helsen *). Dafs die Himmelserscheinungen da«
mit nicht zu vereinigen sind, kümmerte sie
nicht; sie suchten ja, wie Aristoteles sagt, nicht
die Ursachen der Erscheinungen zu erforschen,
sondern die Erscheinungen zu ihren Meinungen hinüber zu ziehn. Ihr ganzes kosmologisches System ist ein Traum , wie ihn Philosophen träumen müssen, die auf dem Wege rein
metaphysischer Spekulation in das Heiligthum
der JNatur eindringen zu können wähnen.
Bailly glaubt**), dafs sich die Lehre von
der Bewegung der Erde aus dem Morgenlande herschreibt, Pythagoras habe sie aus
Indien gehöhlt, wo sie sich, als Tradition einer nicht mehr vorhandenen Sternkunde erhalten. Man kennt seine Hypothese, dals die
ganze Astronomie der Alten bis auf die Zeiten
der alexandrinischen Schule nur aus Bruchstücken einer sehr entwickelten Sternkunde
«ines uralten in der Mitte Asiens wohnenden
•) Dafs die Lehre des Philolaus eine andere sey als
die des Copernicus, bemerkt schon Corsini in
einem Excursws zu Plut. de plac. phil. III. ir. Bulialdus hatte sehr Unrecht, wenn er seine beiden
astronomischen Werke, -worin er die Bewegungen der
Weltkörper der Copernicanischen Hypothese gemafs
untersucht, nachPhi 1 o laus benennt. Philolaus sive
de -vero sjsiemate mundi. Amst. l63g, 4> Attronomia
Philolaica, Paris l645, fol.
*•) Hist. de l'Aurpn, ancienne S. 2(2 und 220.
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View in PDF(opens in a new window)Volks bestanden hat. Er glaubt ferner, dafs
Pythagoras jene Lehre nur den Eingeweihten
unter seinen Schülern vorgetragen habe, während er sich öffentlich nach den Vorurtheilen
des grofsen Haufens bequemte. Erst Philola'us habe den Math gehabt, die anstöfsige
Lehre zu enthüllen, wefshalb die Verfolgung
über ihn ergangen sey, von der Plutarch
spricht. Es ist möglich, dafs Pythagoras die
Kenntnifs der wahren Weltordnung aus dem
Morgenlande nach Griechenland gebracht hat;
denn wenn gleich seine Reise zu den indischen
Gymnosophisten unter die Erdichtungen seiner
spätem Biographen zu gehören scheint, so ist
doch sein langwieriger Aufenthalt in Aegypten
dafür desto sicherer. Es kann auch seyn, dafs
er die wahre Weltordnung seinen Schülern
mittheilte; solche DiDge lassen sich eben so
wenig widerlegen als beweisen. Aber ausgemacht ist es, dafs diese Lehre von seinen Schülern sehr entstellt worden ist, und dafs sie, so
entstellt wie sie sich zu uns fortgepflanzt hat,
unmöglich dem Copernicus zum Vorbilde
gedient haben kann.
Die Pythagoreer theilten sich in ihren naturphilosophischen Ansichten. Einige erklärten
sich für die Unbeweglichkeit der Erde in der
Mitte des x.o<TjUO<;. Plinius, Censorin und
Diogenes Laertius versichern dies vom
Page 24
View in PDF(opens in a new window)Pythagoras selbst*). Es war aber, wie Iamblichus sagt **), die Gewohnheit der Pythagoreer, fast alles ihrem Meister, sehr wenig
sich selbst beizulegen, daher ehemals, ungeachtet er nichts geschrieben hatte, eine Menge
Dogmen vön ihm im Umlauf waren, wahrend
seinen Schülern und Nachfolgern wenig eigene
Lehren zugeschrieben wurden. Nach seinem
ungenannten Biographen beym Photius ^)
machte er sich von der Anordnung des zodfxot;
folgende Vorstellung: zunächst unter dem Fixsternhimmel bewegt sich Saturn, Dann folgen
in .immer engern Kreisen Jupiter, Mars, Venus,
Merkur, die Sonne und der Mond; ferner die
Feuer-p. Luft- und Wassersphäre, und endlich
in der Mitte die Erde,
Andere begnügten sich der Erde blofs eine
Bewegung um ihre Axe beyzulegen. Dahin gehörte Ecphantus, von dem es in den
Philosophumenis des angeblichenOrigenes-j^)
heifst: „Ecphantus der Syrakuser setzt die
Erde in die Mitte des xdo-juoQ und nimmt an,
dafs sie sich gegen Morgen um ihren Mittel-»
punkt dreht." Auch in neuern Reiten haben,
verschiedene, unter andern Tycho's Schüler
*) H. N. II. 22, De die nat, c, 13. De vit. phil, VIII, z6,
**J Fita Pyih. c, 31. segm. igQ,
jf) c. t5. Das Zeitalter und die Lebensumstände des
Ecphantus sind uns ganz unbekannt.
Page 25
View in PDF(opens in a new window)Longomontan, der Erde die blofse Axendrshurig zugeschrieben, um den Himmelskörpern
wenigstens die unbegreifliche Geschwindigkeit
der täglichen Bewegung zu ersparen, durch die
sie bey der damit nothwendig verbundenen
Fliehkraft bald alle zerstreut werden müfsten,
wenn sie nicht etwa, was noch Riccioli, einer der eifrigsten Verfechter der Unbeweglichkeit der Erde, anzunehmen sich genötliigt sah,
an feste Sphären geheftet, von göttlichen In-?
telligenzen umhargeführt würden,
Gleicher Meinung mit Ecphantus war der
weit bekanntere eklektische Philosoph He-r
raclides Ponticus, von dem Diogenes
Laertius versichert f}, dafs er unter andern
die Pythagoreer gehört habe. Plutarch sagt;
,,Heraclides Ponticus und der Pythagoreer Ecphantus geben der Erde eine Bewegung, jedoch keine fortschreitende, sondern eine
rotirende, wodurch sie von Abend gegen
Morgen um ihren Mittelpunkt geführt wird." **)
*) De -vit. phil. V. g6. Heraclides, aus Heraclea am
Pontus gebüitig und daher Ponticus genannt, Zeitgenosse des Aristoteles, schrieb unter vielen andern
Sachen, deren Titel Diogenes anführt, über die Pythagoreer und über die Himmelskörper. In
einer dieser Schriften hatte er vemiuthlicb seine Meinung über die Bewegung der Erde vorgetragen.
**) De vlac, Iii. i3. Diese Stelle findet sichbeym Eusebius wieder/bohlt (Vraep. ev. XV, 58), wo für das
wahrscheinlich verdorbene rgox,* ^ixijt iY^oDiurftityiv
Page 26
View in PDF(opens in a new window)Proclus legt in seinem Commentar über den
Timae\is des Plato *) diese Lehre blofs dem
Heraclides bey. Er disputirt über die Frage,
ob Plato der Erde eine Axendrehung gegeben habe, und setzt, nachdem er sie verneint
hat, hinzu: „dem Heraclides Ponticus
verbleibe das Dogm von der Bewegung der
Erde. Plato nimmt sie unbeweglich an."
Noch mufs ich folgende diesen Heraclides betreffende Stelle anführen, die sich gleichlautend beym Plutarch und S t o b äu s findet **):
„Heraclides und die Pythagoreer betrachten
jeden §tern als eine Welt, die im unermefslichen Himmelsraum schwebend aus Erde, Luft
und Wasser besteht." Ein grofser Gedanke,
der seinen Urhebern um so mehr zur Ehre geriehtiger, wenigsten? verständlicher, gelesen wird: h
*) S. 281. Auch in einem vom Simplicius (Coram.
in l. II. phyi. Arist. p. 65, a) aufbewahrten Fragment
des Auszuges, den Geminus aus dem meteorologischen, d. h. nach dem griechischen Sprachgebrauch, astronomischen Werke des Posidonius gemacht hatte, wird auF die Meinung des Heraclides hingedeutet, wenn es heilst: „Heraclides glaubt,
dafs die Ungleichheit der Sonne sich auch rechtfertigen lasse, wenn man gewissermafsen die Erde in Bewegung und die Sonne in Ruhe setzt", wo das g ewissermafsen, 7r»?f sich dadurch erklärt, dafs er
durch die der Erde beygelegte Axendrehung blofs die
tägliche Bewegung der Sonne aufgehoben hatte.
**) De plac. phü. II. 13. Ecl. phys. c. 25, p. 5l4-
Page 27
View in PDF(opens in a new window)reicht, da sie bey dem zu ihrer Zeit noch sehr
unvollkommenen Zustande der Sternkunde nur
durch eine kühne Abstraction auf ihn kommen
konnten.
Unter den Stellen der Alten, auf die sich
Copernicus beruft, ist auch folgende des Cicero:
„nach Theophrast *) glaubt der Syrakuser
Hicetas (nicht Nicetas, wie die meisten
Ausgaben lesen) dafs der Himmel, die Sonne,
der Mond, die Sterne, kurz alles was über uns
ist, still steht, und sich im Weltraum nichts
weiter als die Erde bewegt, durch deren äusserst schnelle Rotation eben die Erscheinungen
bewirkt werden, als wenn bey stillstehender
Erde sich der Himmel dreht", -f) Hiernach
gehört auch Hicetas zu denen, die der Erde
blofs eine rotirende Bewegung beygelegt haben. Es ist aber befremdend, dafs er ausser
dieser Bewegung die Existenz Jeder andern
läugnete. Wenn er also seinen Satz nicht etwa den Himmelserscheinungen zum Trotz aufgestellt hat, so müssen wir annehmen, dafs uns
*) Dieser hatte eine Geschichte der Astronomie
in 6 Büchern geschrieben.
•j-") QuaesC ^4cad, IV. 3g. Die Spuren der richtigen Lesart Hicetas rinden sich in mehreren Handschriften.
Beym Plutarch steht ebenfalls unrichtig Oixstij? und
beym Eusebius Ixctlrvs. Der wahre Name dieses
Pythagoreers ist lyArm oder dorisch IntTtc;. So lautet er beym Diogenes Laertius.
Page 28
View in PDF(opens in a new window)derselbe nicht vollständig überliefert worden
ist. Dies erheilet auch daraus, dafs er eben so
wie Philolaus sich eine Gegen er de dachte.
„Thaies und seine Schüler, sagt Plutareh *),
sprechen nur von Einer Erde, Hicetas der Py»
fliagoreer dagegen von zweyen, der unsrigen
und der Gegenerde." Ich glaube daher, dafs
er, der Erde auch die Bewegung um das Gentralfeuer beygelegt hat. Dies bestätigt Diogenes Laertius, wenn er an einer schon
ob^n angeführten Stelle sagt: „Philolaus soll
zuerst gelehrt haben, dafs sich die Erde in einem Kreise bewegt; andere behaupten dies jedoch von Hicetas dem Syrakuser."
Cicero setzt zu den erwähnten Worten
noch folgende hinzu: „eben dies soll nach der
Meinung einiger auch Plato im Timaeus sagen, jedoch auf eine etwas dunkle Weise."
Die Stelle des Platonischen Dialogs, auf die
er hier anspielt, lautet in seiner eigenen
Uebersetzung wie folgt: iam vero terrarn, altricem nostram, quae traiecto axe sustinetur,
diei noctisque ejfectricem eandemque custodem} antiquissimam (deorum) voluit esse eorum,
qui (vielleicht quae") intra caelum gigner entur **). Im Original sind die Worte quae
*) De pikt. Iii. 9. Cf. Eusebii Pracp. ev. Xlr. 55.
**") Fragmente aus dem Ti/na^i/s p, icr.5 ed. Em. Im
Original heiEst es: yn> Je rgo^av ftln yftSTtgctv, si^'d^'ti'tir
Page 29
View in PDF(opens in a new window)traiecto axe sustin etur durch ilAxfAvyiv
Tfi^i toV vroLVTog 7roÄÖv TtTduivov ausgedrückt, die auf den ersten Blick dunkel sind;
denn da tiAuv sowohl umwickeln als umdrehen heifst, so ist die Frage, ob Plato sagen wolle, die Erde ruht in der Mitte der
Weltaxe um sie hergewickelt, oder sie
dreht sich um eine Axe, die durch die Mitte
des Weltraums geht? Ueber diese Frage sind
die Meinungen schon im Alterthum getheilt
gewesen, und sie sind es noch jetzt,
Soll die Sache durch Autoritäten entschieden werden, so ist gleich die des Cicero anzuführen, der in seiner Uebersetzung der ersten Erklärung beytritt. Ihr läfst sich aber die
ungleich wichtigere des Aristoteles entgegensetzen, der doch, sollte man glauben, wol
die Meinung seines Lehrers gekannt haben
wird. Bey ihm heifst es nämlich: ..einige sagen, die Erde behnde sich zwar in der Mitte,
drehe sich aber um die durch das Weltall geJs
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i^dVH yeyert. P, ^o, B, ed. Sreph, Für ffAis/uhtiv lesen Plutarch und Timaus in seinem Lexicon
JHatonicum \AAcpivt\<it in gleichem Sinn; denn uAAiit,
i'Xuv, uX$7v, "lAtetv sind einerley Wort, nämlich das
lateinische volvere, Ho>.af ist hier, svie oft, sin Svnonyrn von a%ut.
Page 30
View in PDF(opens in a new window)hende Axe, wie im Timaeus geschrieben steht." *)
Unter den spätem Schriftstellern treten Proclus und Simplicius auf die Seite des Cicero, Diogenes Laertius auf die des Aristoteles. **) Der erste sucht seine Ansicht durch
weitläufige Erörterungen zu begründen. Er
sagt unter andern: „Plato spricht an verschiedenen Stellen seiner Werke von der Unbeweglichkeit der Erde; im Phaedon giebt er selbst
den Grund derselben an, indem er die Erde
einen im Gleichgewicht schwebenden
Körper nennt, der, in der Mitte ruhend, keinen Anlafs habe, sich mehr hie als dorthin zu
neigen, f) Man sieht, dafs Proclus die rotirende und die fortschreitende Bewegung
mit einander verwechselt. In die Mitte setzt
Plato allerdings, auch im Timaeus, die Erde;
dabey kann sie ja aber durch einen göttlichen
Impuls eine rotirende Bewegung um ihren
Mittelpunkt erhalten haben, deren Annahme
der Philosoph, wenigstens durch die Stelle im
Phaedon, keinem verbietet.
Aber abgesehn von aller Autorität, giebt
es denn keine innern Gründe, aus denen sich
*) De caelo L II. c. 13.
**) Der erste an der oben cilirten Stelle des Commentars zum Timaeus; der zweyte ad strikt, dr crielo p.
125, h; p. 126, a; p. 129, b; der dritte de vir. phil.
\) S. 199, A, ed. Stepb. S. 228 ed. Heind,
Page 31
View in PDF(opens in a new window)Plato's eigentliche Meinung entnehmen Iiefse?
Plutarch wirft sich in den Quaestionibus
Platonicis *) die Frage auf, warum die Erde,
so wie der Mond und die übrigen himmlischen
Körper, im Timaeus ein Werkzeug der Zeit
heifse? „Bewegt denn etwa Plato, sagt er, die
Erde eben so wie die Sonne, den Mond und
die fünf Planeten, die er wegen ihrer Umlaufe
Werkzeuge der Zeit nennt? Und müssen
wir seine Worte nicht von einer befestigten
und ruhenden, sondern von einer umgedrehten, sich umwälzenden Erde verstehn?"
Nachdem er, was eigentlich nicht zur Sache
gehört, noch bemerkt hat, dafs Plato nach
Theophrast's Bericht in seinem Alter bereut
habe, der Erde einen ihr nicht gebührenden
Ort im Weltraum angewiesen zu haben **),
erklärt er sich dahin, dafs der Philosoph die
Erde ein Werkzeug^ der Zeit nenne, nicht weil
sie sich umdreht, sondern weil sie den aufund untergehenden Gestirnen Gelegenheit giebt,
Werkzeuge der Zeit zu seyn, so wie die Zeiger der Sonnenuhren, ohne sich selbst zu be♦) P. 1006, B.
**)Auch an der oben aus dem ISuma citirten Stelle heifst
es: ,, diese Meinung (der I^ythagoreer) von der Erde
soll auch Plato in seinem Alter gehabt haben, indem
er den mittelsten und vornehmsten Platz nicht ihr,
sondern einim vorssüglicbern Dinge,. tT-.(>ai to\ x^ilrrcih
anwies."
Page 32
View in PDF(opens in a new window)wegen, Werkzeuge und Mafse der Zeit wären*
indem sie die Bezeichnung derselben durch
den Schatten möglich machten.
Meines Erachtens thut hier Plutarch der
Stelle im T/maeus Gewalt an. Es scheint mir*
vielmehr ganz unzweydeutig darin zu liegen,
dafs Plato wirklich an eine Axendrehung
der Erde gedacht hat. Das göttliche Wesen*
sagt er, hat die Erde zum ^'Mü^yog, d. i. Erzeuger, eigentlich Verfertiger, von Tag
und Nacht gemacht, welcher Ausdruck nicht
auf etwas so Passives gehn kann, wie Plutarch
meint. Ueberdies enthalten die Worte i,]\sfxivAV
u. s. w. den Grund, warum die Erde Erzeuger
von Tag und Nacht ist, weil sie sich nämlich um ihre Axe dreht. Werden sie nicht
so genommen, so stehn sie ganz müfsig. Hierzu kommt endlich noch ein grammatisches Moment, das mich vollends zu dieser Erklärung
bestimmt. Hätte Plato sagen wollen, die an
der Axe befestigte Erde, so würde er nicht
das Participium praesentis ilA^fxivm'i sondern
das Participium perfecti irgend eines andern
Verbi(von s/As&) existirfe wol keine Form, die
er hätte wählen können) gebraucht haben.
T% zlXüfMVYi heilst nicht die umgewickeltes
sondern die sich umwickelnde, umdrehende Erde*
Doch
Page 33
View in PDF(opens in a new window)Doch es ist Zeit, von den Dogmen der
Philosophen, denen wir schon zu viel Aufmerksamkeit gewidmet haben, zu den Lehren
der Astronomen des Alterthums überzu^ehn.
Die Sternkunde bildete sich bey den Griechen erst seit Errichtung des alexandrinischen
Museums unter Ptolemäus Philadelphus
zur Wissenschaft aus; denn einzelne Wahrnehmungen der auffallendsten Erscheinungen des
Sonnen- und Mondlaufs, und unzusammenhängende, zum Theil vom Auslande entlehnte,
astronomische Lehren verdienten früherhin den
Namen der Wissenschaft eben so wenig, als
metaphysische Grübeleien über die Einrichtung
des Weltgebäudes, denen die Grundlage der
Beobachtung fehlte. Es wurde nunmehr das
grofse Problem aufgestellt, eine Theorie zu erfinden, durch die sich für jede gegebene Zeit
die Oerter der Himmelskörper bestimmen liefsen. Die Bemühungen, dieses Problem zu lösen, gaben der theoretischen Astronomie ihre
Entstehung. Man ging von sorgfältigen, mit
Instrumenten methodisch angestellten Beobachtungen aus, und verarbeitete sie mit Hülfe und
im Geist der unlängst zur Wissenschaft erhobenen Geometrie*
Einer der ersten, welche die Lehren derselben auf die Sternkunde anwandten, war
Aristarch von Samos.
Dieser Astronom
Page 34
View in PDF(opens in a new window)beobachtete am Ende des 5osten Jahrs der ersten Kailippischen Periode, d. i. im Jahr a8ö
vor unserer Zeitrechnung, das Sommersolstitium *). Er blühte also zur Zeit des Ptolern aus Philadelphia. Ob er, wie Bailly
meint, zu den Gelehrten des Museums gehört
hat, sagt die dürftige Geschichte seines Lebens
nicht. Aber gewifs ist es, dafs er einer der
erfindenden Köpfe war, die die Gränzen ihrer
Wissenschaft erweitert haben. Wir brauchen
dies nicht blofs auF das Zeugnils des Vitruv
anzunehmen, der ihn mit Männern wie Eratosthenes, Apollonius Pergäus, Archimedes, qui raro inveniuncur, in gleiche
Linie stellt **), sondern dürfen, um uns davon
zu überzeugen, nur einen Blick, in die noch
von ihm vorhandene Schrift werfen, worin er
die verhältnifsmäfsigen Entfernungen und Gröfsen der Sonne und des Mondes mit Hülfe einiger Beobachtungen auf geometrischem Wege
zu bestimmen sucht -f).
*) Jhnagest B. III. S. €3. Bayle, dem diese Notiz
entging, sagt, es lasse sich über sein Zeitalter nichts
Genaueres festsetzen, als dafs er zwischen Plato und
Archimedes (innerhalb eines Zeitraums von fa9t 200
Jahren) gelebt habe. Art. Arislarque.
**) De sfrchit. Lt.
f) fls^ /^.sysB-uv x.xl a.7r er ri parat jj'a/k kx\ rgXwy;, lateinisch, von Gomandinus (Pc>3aro 1.07Q. If) , und
zugleich mit dem Original von John Wallis
(Oxford 16S8» 8 ; auch im dritten Bande seiner O p e. r a).
Page 35
View in PDF(opens in a new window)Er setzt als Princip fest, dafs der Mond
zur Zeit des ersten und letzten Viertels, wenn
er sich zur Hälfte erleuchtet zeigt, 870 von der
Sonne entfernt sey, und folgert daraus nach
richtigen geometrischen Gründen, dafs die Sonne mehr als 18 und weniger als 20 mahl weiter als der Mond von der Erde entfernt seyn
müsse. Da beide Körper von gleicher Gr ifse
erscheinen, so nimmt er eben dieses Verhaltnifs auch zwischen ihren Durchmessern an. Er
setzt ferner voraus, dafs der Durchmesser des
Erdschattens in der Gegend, wo der Mond
durch ihn hingeht, doppelt so giofs sey, als
der des Mondes, und schliefst theil> daraus,
theils aus dem Verhäitnifs der Entfernungen,
dafs der Durchmesser der Sonne grüfser als 6^
und kleiner als
Durchmesser der Erde seyn
müsse. So sehr auch diese Resultate von der
Wahrheit abweichen *) und bey der Unrichtigkeit der gebrauchten Erfahrungssätze **) abweiDer Aristarch's Namen tragende Tractat De mundi
sjsiernate (Paris l644> 8) ist von Roberval untergeschoben.
*) Besser trifft er das Verhäitnifs des Durchmessers
des Mondes zu dem der Erde, indem er es in die
Gränzen 43 : log und 19 : 60 einschliefst.
**) Oer Elongationswinkel, den er auf 870 setzt, beträgt 890 Die Schwierigkeit, den Augenblick anzugeben, wo der Mond halb erleuchtet $(%orofce{) erscheint, ist bedeutend, und mufste es vollends bfy der
Unvollkommenheit der damaligen Beobachtun^swerk
Page 36
View in PDF(opens in a new window)chen mufsten, so gereicht es ihm doch zu grofser Ehre, zuerst einen Weg gezeigt zu haben,
auf dem sich überhaupt dergleichen Resultate
finden lassen. Vor ihm mufste man kaum die
Möglichkeit davon ahnen.
Vermuthlich waren es nun eben diese Untersuchungen, die ihn Yeranlafsten, der Erde
eine Bewegung um die Sonne beyzulegen. Er
fand im Mittel die letztere 5n mahl gröfser
als die erste. Als denkendem Kopfe mufste es
ihm, auch abgesehn von allen mechanischen
Principien, natürlicher scheinen, dafs der kleine
Körper um den viel gröfsern als umgekehrt
laufe. Dafs sich die Erscheinungen der jährlichen Bewegung unter beiden Voraussetzungen
rechtfertigen lassen, begriff er als Mathematiker
zeuge und Methoden seyn. Sehr auffallend ist es, data
er den scheinbaren Durchmesser des Mondes, der sich
noch am ersten mit einer gewissen Genauigkeit bestimmen liefs, in seiner Schrift zu ü°, also vier mahl
grofser als in der Wirklichkeit annimmt. Da er als
Princip die Gleichheit der scheinbaren Durchmesser
der Sonne und des Mondes aufstellt, so mufste er auch
der Sonne einen Durchmesser von 2° geben. Und
doch versichert Archini ed es {Aienarius S. i3 ed.
Wallis), dafs er den scheinbaren Durchmesser der
letztern zu der Ekliptik, d. i. zu einem halben
Grad bestimrut habe, welches der Wahrheit sehr nahe
kommt, Ich weifs mir diesen Widerspruch nicht genügend zu erklären. Hatte vielleicht Archimedes eine
andere, und zwar später abgefafste Schrift des Aristarch
vor Augen?
Page 37
View in PDF(opens in a new window)leicht. Er nahm aber nicht blofs die jährr
liche Bewegung, sondern auch die tägliche
an. Dies, und was er eigentlich gelehrt hat,
ersehn wir aus einigen zerstreuten Stellen der
Alten,* denn in seiner noch vorhandenen Schrift
findet sich davon keine Spur.
Diese Stellen sind folgende. Zuerst heifst
es in der schon einigemahl angeführten kurzen
Compilation der Lehrsätze der griechischen
Philosophen: „Aristarch rechnet die Sonne
zu den Fixsternen und läfst die Erde um sie
laufen." *) Hier ist nur von der jährlichen
Bewegung die Rede. Dagegen spricht Sextus
Empiricus blofs von der täglichen, wenn
er, um die Philosophen über den Satz, dafs die
Zeit nichts anders als die Bewegung der Himmelskugel sey **), zu schikaniren, sagt: „etwas
anders ist die Bewegung des Himmels, etwas
anders die Zeit. Diejenigen, welche die Bewegung des Himmels aufheben und sie der
Erde beylegen, wie Aristarch der Mathematiker, hindern uns darum nicht, die Zeit
zu denken." f) Eben diese Bewegung scheint
*) De plac. II. 24.
Eben dies wiederhohlt Stobäu»
Ed. phys. c. q6. p. 534**) T>)v r« ev^avH (po^&v X^ovov ünti, wie Diogenei
Laertius III, 73 diesen Satz ausdrückt. Es hatte ihn
besonders Plato im Timacus vorgetragen,
f) yldv. Math. 1. IX. p.
der Genfer Ausgabe (1621,
Page 38
View in PDF(opens in a new window)Plutarch an der oben S 421 citirten Stelle der
Quaestiones Platonicae zu meinen, wo er bey
Gelegenheit der Frage, ob Plato der Erde eine
Axendrehung zugeschrieben habe, bemerkt:
,,dieselbe Lehre haben späterhin Aristarch
und Seleucus vorgetragen, jener als Hypothese, dieser als ausgemachte Wahrheit". *)
Aber deutlich von beiden Bewegungen zugleich
spricht Plutarch an einer andern Stelle, welche so lautet: „klage du uns nur nicht gar der
Gottlosigkeit an, wie Cleanth den Aristarch
Von Samos von den Griechen angeklagt wissen wollte, weil er den Heerd (ificfcv) des
KOtr/uot; in Bewegung gesetzt habe, Denn um
den Erscheinungen zu geniigen, hatte er angenommen, dafs der Himmel rqhe, und dafs die
Erde sich in einem schiefen Kreise und zugleich um ihre Axe bewege", **) Der schiefe
-
P, jo 6, C,
**) Dp fncie in orhe lunße p, 922, F. In den Ausgaben
sind die Namen Cleanth und Aristarch mit einander verwechselt, wie schon Mehrere bemerkt haben.
Es
rev IL&piov. Diogenes Laertius cilirt ( VII, [74)
unter den Schriften des Cleanth eine des Tiiels:
7rgo<; 'Ag!rctg%ov, gegen den Aristarch, worin ohne Zweif> l die Beschuldigung enthalten war, deren
Plutarch gedenkt, Die Griechen geheinen nichr darauf geachtet zu ha' en. Aber merkwürdig ist es doch,
dafs es schon im alten Griechenland einen fanatischen
Kopf gib, dem die Lelire von dtjr Bewegung der Erde
aus Reiigionsprincipien anstöfsig war. Was die Efloi
Page 39
View in PDF(opens in a new window)Kreis ist, wie schon bemerkt worden, die
Ekliptik. Man sieht also, dafs Aristarch's
Hypothese wesentlich die Copernicanische
war. Dafs er aber den Gedanken von der Bewegung der Erde im Weltraum in seiner ganzen Grö'fse auffalste, erhellet aus einer Stelle
des nur wenig später lebenden Archim ed es *).
die um so wichtiger ist, da in ihr der Geometer vom Geometer spricht,
In der kleinen Schrift, die den Namen
^ctjUUiTiic; 3 ArenariuSy führt, beweist dieser
scharfsinnige Mathematiker, dafs sich die Zahl
der Sandkörner angeben lasse, welche nicht
blo[s den Erdkörper, sondern den ganzen Weltraum, so grofs man ihn auch annehmen möge,
ausfüllen. Er fängt damit an, dafs er derHirnmelskugel die weitsten Gränzen steckt, wozu
nur der damalige Zustand der Sternkunde die
Gründe darbot, und sagt bey dieser Gelegenheit: „unter x,dcrju.o<; verstehn die meisten
Astronomen die Sphäre, deren Mittelpunkt die
Mitte der Erde und deren Halbmesser die Entfernung der Sonne ist **). Aristarch von
hier dem frommen Cleanth gewesen sey, ist mir
nicht ganz klar.
*) Archimedes starb bey der Eroberung von Syracus
im Jahr 2ii vor Chr. Geb. Seine Jugend kann a'so
das Alter des Aristarch berührt haben.
**) Dies war besonders die Lehre des Empede cles.
Plut. de plac. II. i. Stobäus Ecl. pl/v.r.r.22 p-44°-
Page 40
View in PDF(opens in a new window)Sa mos dagegen behauptet, dafs der %6(T/ulg<;
viel gröfser sey. Denn nach seiner Hypothese
haben weder die Fixsterne noch die Sonne irgend eine Bewegung, sondern die Erde durchläuft einen Kreis, dessen Mitte die Sonne einnimmt; die mit dieser concentrische Fixsternsphäre aber ist seiner Meinung nach so grofs,
dafs der Umfang der Erdbahn sich zur
Entfernung der Fixsterne verhält, wie
der Mittelpunkt der Kugel zu ihrer
Oberfläche." *) Erwäet man die letztern
Worte unbefangen so sieht man, dafs sie eine
Bezeichnung des Unendlichen enthalten,
und nichts anders sagen sollen, als was Copernicus so ausdrückt: sensus aestimatione
terra est respectu coeli, ut punctum ad
corpus et finiium ad inßnitum. **) So nimmt
sie jedoch Archimedes nicht. „Offenbar ist
dies, setzt er hinzu, eine unmögliche Voraus*) Hier ist diese wichtige Stelle im Original: v7ron'S-iTci;
ya^ rct fA-v xtrXcLvr) Tarn cctfvv y.ccl toi tzXiov f&svit»
!rV.-/rf- 1.1 • -\ .-k\>
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>cav a.7Cä9c(iTia.-j, oi&v ifäi ro KtvTgov tu? trip&ig«? tvoti
tm iTritp&Hicili.' Aren rins p. ß.
**) /?<? revo!. orb. cocL B. Ii in dem Kapitel de immensüate coelL
Page 41
View in PDF(opens in a new window)Setzung. Denn da der Mittelpunkt der Sphäre
keine Gröfse hat, so läfst sich auch kein Verhältnils zwischen ihm und der Oberfläche denken." Gerade dies wollte aber Arisrarch von
dem Verhältnifs des Umfangs der Erdbahn zur
Entfernung der Fixsterne sagen. Auch- unter
den Neuern haben ihn Mehrere eines so grofsen Gedankens nicht fähig gehalten, weil derselbe, meinen s;e, gegen die beschränkte Astronomie seiner Zeit zu grell absticht. Warum
sollte aber ein so ausgezeichneter Kopf wie er
mit einem kühnen Gedanken seinem Zeitalter
nicht haben voreilen können? Es läfst sich
auch, dünkt mich, ganz einfach nachweisen,
durch welche Gombination er darauf gekommen ist.
Er nahm die Sonne unbeweglich im Weltraum an, rechnete sie also, wie selbst eine S.427
citirte Stelle ausdrücklich sagt, zu den Fixsternen. Nun konnte er sich durch Beobachtung der augenblicklichen Verschwindung
irgend eines hellen, vom dunkeln Mondrande
bedeckten Sterns leicht überzeugen, dafs der
Durchmesser der Fixsterne für uns kein angebliches Verhältnifs zum Durchmesser der Sonne
hat. Die Idee, dafs die Sterne nur darum so
viel kleiner als die Sonne erscheinen, weil sie
so viel weiter von uns entfernt sind, war sehr
natürlich. Dies drückte er denn der Sache
Page 42
View in PDF(opens in a new window)sehr angemessen so aus: „der Umfang der
Erdbahn verhält sich zum Abstände der Fixsterne, wie der Mittelpunkt der Kugel (der
Lichtpunkt, den wir in jedem Fixstern, auch
dem scheinbar grofsten, wahrnehmen) zur Oberfläche (zur Sonnenscheibe)". Ueberdies mufste
er als beobachtender Astronom die Wichtigkeit
des seiner Hypothese zu machenden Einwurfs
fühlen, dafs wir bey unserer so veränderlichen
Stellung im Weltraum keine Veränderung in
der gegenseitigen Lage der Fixsterne vorgehn
sehn, mit Einem Wort keine Parallaxe wahrnehmen. Diesem Einwurf konnte er nicht anders begegnen als Copernicus, ich meine
dadurch, dafs er die ganze Erdbahn in Vergleichung mit der Fixsternsphäre für einen blofsen
Punkt erklärte.
Wenn er sich übrigens des Ausdrucks
Fixsternsphäre bediente, so scheint er sich
nach dem Sprachgebrauch seiner Zeit bequemt
zu haben, ohne dafs wir ihm gerade die eingeschränkten Begriffe beymessen dürfen, die zu
demselben Anlafs gegeben hatten *). Auch
*) Bailly, der überall in der altern griechischen Astronomie nur Ueberbleibsel der Astronomie primitive
siebt, (eine fixe Idee, die ihn zu manchen Misgriffen
verleitet), will in dem Ausdruck F i x s t e rn s p Ii ä r e einen Beweis finden, dafs auch der grofse Gedanke des
Aristarch zur slslronomie primitive gehört. Celui
tjfü. concoit, sagt er S. 28 des ersten Bandes seiner
Page 43
View in PDF(opens in a new window)beym Copernicus ist von der sphärischen
Gestalt des Himmels die Rede (gleich das erste Kapitel seines Werks ist überschrieben:
qund mundus sir. spkaericusj ; und sprechen die
Astronomen nicht noch jetzt, den richtigem Begriffen unheschadet, von der Hirn m elskugel,
obgleich jedermann weifs, dafs sie eine optische Tauschung ist? Sollte Aristarch, der
sich eine so erhabene Vorstellung von der
GröTse des Weltgebäudes machte, über das
Wesen der scheinbaren Himmelskugel minder
richtig geurtheilt haben, als Gemijnjus, der,
ohne mit ihm seine Hypothese zu theilen, sich
folgendermafsen ausdrückt: „über alle Planeten hinaus befindet sich die sogenannte Fixsternsphäre, welche die Sternbilder in sich begreift. Man mufs sich aber die Sterne nicht
alle an Einer Fläche, sondern einige hoher,
andere tiefer vorstellen; nur weil unser Blick
überall hin sich auf gleiche Weite erstreckt,
Histnire de l'A st ronomie moderne, qui produic
une idee sublime, ne la borne point par une restriclion
puerile: c'est celui qui l'adople et qui la voit a travert
]es prejitges de son tems: eile prend necessairement leur
eoulettr: Mais une verite neuve ne porte ni les vtlcmens de la nation, ni les livrees du siede, eile est nue
en vn'in' au mondr. Man begreift nur nicht, in
welchen Köpfen oder Schriften dieser Gedanke so viel
hundert Jahr schlummernd sich fortgepflanzt habe, ehö
er beym Aristarch von Neuem lebendig wurde-
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View in PDF(opens in a new window)wird der Unterschied der Hohen nicht bemerklich *).
Ob Aristarch ausser der Erde auch die
übrigen Planeten um die Sonne laufen liefs,
sagen uns die Alten nicht; es ist aber sehr
wahrscheinlich. Hatte er einmahi seine grofse
Hypothese von der Bewegung der Erde aufgestellt, so wird er um so weniger Anstand genommen haben, sie auf die übrigen Planeten
auszudehnen, da sie in die scheinbaren Irrgange
derselben eine so herrliche Ordnung und Symmetrie bringt. Dafs er aber einen genügenden
Versuch gemacht habe, diese Irrgänge, ich meine die periodischen Stillstände und Rückgänge,
seiner Hypothese gemäfs zu erklären, bezweifle
ich besonders aus dem Grunde, weil Pto lern 'aus von einer solchen Erklärungsart, die
durch ihre Einfachheit seine Aufmerksamkeit
gewifs auf sich gezogen haben würde, nichts
erwähnt.
Dies sind, st) viel mir bekannt ist, alle die
Stellen der Alten, welche nur irgend die Bewegung der Erde berühren. Wir sehn, dafs
solche zwar von mehreren Griechen angenommen worden ist, dafs sieh aber mit Sicherheit
nur Einer angeben läfst, der diesen Begriff in
seiner ganzen Grofse und Reinheit aufgefafst
hat. Aristarch hatte keinen Nachfolger, den
*) Elem. ajtron. c. i.
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View in PDF(opens in a new window)obscuren Seleucus etwa ausgenommen, von
dem uns oben S.428 eine Stelle des .Plutarch
gesagt hat, dafs er als Wahrheit behauptete,
was der Astronom von Samos nur als Hypothese vorgetragen hatte *). Die beiden grofsten Sternkundigen des Alterthums, Hipparch
und Ptolemäus, erklärten sich für die Unbeweglichkeit der Erde, so wie früherhin unter
den Philosophen Aristoteles **), und diese
Autoritäten waren mehr als hinreichend eine
Meinung zu fixiren, für die noch alle Vernunft*) Dieser Seleucus wird nur ein Paarmahl beylä'ufig
von den Alten erwähnt. Strabo (Gcogr. I, I, pt Q,
ed. Cas.) führt einen Bahylonier des Namens als
einen Gewährsmann an, auf den sich Hipparch wegen eines die Ebbe und Fluth betreffenden Ümstandes berufen habe. Dafs dies eben der Bey, den Plutarch in Verbindung mit dem Aristarch nennt
(Ouaest. Plat. p. 1006, C.), ersehn wir aus einer andern Stelle, wo er die Erklärung anfuhrt, die der
Mathematiker Seleucus von dem Phänomen der
Ebbe und Fluth gegeben hatte, mit dem Zusatz, dafs
derselbe auch die Bewegung der Erde angenommen
habe. De plac. III, 17. Seleücüs lebte also vor,
oder wenigstens gleichzeitig mit Hipparch. Vermutblich hatte er seine Lehre vom Aristarch entlehnt, mit dem er auch darin übereinstimmte, dafs er
den nee-pos unendlich, «5r£<g«s> annahm, wie Plutarch an einer dritten Stelle sagt. De plac. II, r.
St ob aus, der dies wiederhohlt, macht ihn zu einen»
Erythräer. Ecl. phys. c, 22. p. 440,
**) S. besonders de Caelo II, i^, und die kleine Schrift
de Mundo, die, wenn gleich nicht vom Aristotele»,
doch wenigstens nach seinen Ideen abgefafst ist.
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View in PDF(opens in a new window)gründe und Erfahrungen zu sprechen schienen.
Wir wollen sehn, wie sich Ptolemäus über
diesen Fundamentalpunkt der theoretischen
Astronomie in seinem Almagest äussert, jenem grofsen Lehrgebäude, worin er die Resultate der Beobachtungen und des Nachdenkens
seiner Vorgänger mit seinen eigenen Untersuchungen verbunden niedergelegt hat.
Im vierten und fünften Kapitel des ersten
Buchs stellt er den Satz auf, dafs sich die Erde
in der Mitte der Fixsternsphäre befinde, und in
Vergleichung mit derselben als ein blofser
Punkt zu betrachten sej. Die Gründe, wodurch er ihn zu befestigen sucht, sind hauptsächlich daher genommen, dafs der Horizont
überall die Himmelskugel halbirt, und dafs die
Grofsen und Entfernungen der Sterne überall
dieselben zu seyn scheinen, wo wir uns auch
auf der Erde befinden mögen. „Da also, fahrt
et" im sechsten Kapitel fort, die Erde die Mitte
des Himmels einnimmt, so kann sie keine
fortschreitende Bewegung, fXiraßctTixm
ztvn<HVi haben, die sie von der Mitte entfernte.
Wer es paradox findet, dafs ein so schwerer
Körper sich schwebend erhält, ohne irgend wohin zu fallen, bedenkt nicht, dafs sich alle fallende Körper senkrecht gegen die Oberfläche
der Erde bewegen, und zu deren Mittelpunkt,
d, i. zur Mitte der Himmelskugel, fallen wür-
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View in PDF(opens in a new window)den, wenn sie keinen Widerstand fänden. So
wie nun diese Körper eine Tendenz zum Mittelpunkt haben, so würde sich eine solche auch
bey der Erde äussern, wenn dieselbe aus der
Mitte gerückt werden könnte. Dazu kommt,
unsere Erde ist in Vergleichung mit der sie
einschliefsenden Himmelskugel ein blofser
Punkt, und man wird es doch möglich finden,
dafs das Kleinste vom Gröfsten so gehalten und
gestützt werden könne, dafs es nirgends wohin
zu fallen vermöge *). • Auch um ihre Axe
kann die Erde keine Bewegung haben, wie einige wähnen. Die Himmelserscheinungen erlauben zwar eine solche Hypothese, da sie sich
sowohl durch eine Bewegung des Himmels, als
durch eine Bewegung der Erde, oder auch
durch eine Vereinigung beider erklären
lassen. Allein es müfsten, wenn sich die Erde
gegen Osten drehte, alle in der Luft befindliehe Dinge, Meteore, Vögel, geworfene Körper,
eine Bewegung gegen Westen haben, welches
doch keinesweges der Fall ist."
Man sieht hieraus, wie sich eine unvollkommene Mechanik mit einer eben so unvollkommenen Astronomie vereinigte, die Alten
für die Unbeweglichkeit der Erde zu bestim*) So argumentirten schon Parmenides und Democrit (Plut. de plac. phil. III, t&), und nachmals
Plato und Aristoteles.
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View in PDF(opens in a new window)men. Dafs der Erdkörper mit der Himmelsku^
gel verglichen nur ein Punkt sey, entging ihnen nicht, und konnte ihnen bey einiger Aufmerksamkeit auf die himmlischen Erscheinungen nicht entgehn. Zu dem grofsen Gedanken
aber, dafs die ganze Erdbahn in Vergleichung
mit der Fixsternsphäre wol nur ein Punkt seyn
könnte, erhob sich im Alterthum blofs Aristarch von Samos. Diese Vorstellung war
zu sublim und wurde noch zu wenig durch das,
was Beobachtungen und Vernunftschliisse von
den Entfernungen und Grofsen der Himmelskörper lehrten, gerechtfertigt, als dafs sie hätte
Eingang finden sollen. Und was ihr diesen
vollends versagte, war, dafs man auch ohne sie
Mittel ausfindig machte, die dem Anschein nach
so unregelmäfsigen Bewegungen der Planeten
der Rechnung zu unterwerfen. Worin diese
Mittel bestanden, mufs ich hier, um eine Beurtheilung dessen, was CoperniCus eigentlich
geleistet hat, möglich zu machen, in der Kürze
aus einander setzen.
Die alten Astronomen gingen bey ihren
Untersuchungen über den Lauf der V eitkörper
von dem Princip aus, dafs die himmlischen Bewegungen, nicht blofs die tägliche, sondern
auch jede periodische, gleichförmig und
in Kreisbahnen erfolgen *).
Dies Princip,
*) S. Jlmagnt B. IX. c. o.
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View in PDF(opens in a new window)das bis auf Kepler allen astronomischen Theorien und Tafeln zum Grunde gelegen hat, sollen nach Gern in us *) zuerst die Pytha göre er aufgestellt haben. „Bey gottlichen und
ewigen Körpern, sagten sie, läfst sich nicht annehmen, dafs sie sich bald schneller bald langsamer bewegen, bald ganz stdl stehn. Selbst
bey einem vernünftigen und geregelten Manne
findet keine solche Anomalie im Gange Statt.
Zwar veranlassen die Bedürfnisse des Lebens
die Menschen bald zu schnellerer, bald zu langsamerer Bewegung; bey den unvergänglichen
Gestirnen aber ist gar keine Ursache zu einer
veränderlichen Geschwindigkeit vorhanden."
Sie warfen also nun die Frage auf, wie sich
durch gleich förmigeKreisbewegun gen
die Phänomene darstellen liefsen **).
Nachdem man sich vergeblich bemüht hatte, dies Problem durch concentrische Sphären
zu lösen, fiel man auf den eccentrischen
Kreis. Es war nämlich ein sehr natürlicher
Gedanke, dafs uns gewisse himmlische Bewegungen nur defshalb unregelmäßig erscheinen,
weil wir sie nicht aus dem gehörigen Gesichtspunkt ansehn. Es kam darauf an, ob nicht ir*) Eiern, dstr. c. I.
ts* (paiyopA-ya, Nach Simplicius ( Comni. ad st/ist.
de Ccielo li II. p. 120, a) war es Piato, der zuerst
diese Frage den. Astronomen vorlegte.
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View in PDF(opens in a new window)gendwo ausser der Mitte der Bahnen, worin sie
gleichförmig von Statten gehn, sich ein Standpunkt für die Erde finden lasse, aus weichem
betrachtet sie sich gerade so unregelmäfsig
zeigen, wie sie das Auge wahrzunehmen glaubt.
Bey der Sonne glückte es, einen solchen Punkt
durch Beobachtungen zu bestimmen; bey dem
Monde und den Planeten hingegen reichte man
mit der blofsen Eccentricität nicht aus. Um
hier nur bey den letztern stehn zu bleiben, so
mufste ausser der wirklichen Anomalie ihres
Laufs, die man die erste Ungleichheit
nannte, und wie bey der Sonne durch einen
eccentrischen Kreis darstellte, ihr abwechselndes Vorschreiten, Stillstehn und Rückgehn erklärt werden. Um nun dieser zweyten Ungleichheit zu genügen, machte man folgende sinnreiche Hypothese: nicht der Planet
selbst ist es, der den eccentrischen Kreis durchläuft, sondern der Mittelpunkt eines kleineren
Kreises, den der Planet mit gleichförmiger Geschwindigkeit beschreibt. Im obern oder entferntem Theil desselben hat er gleiche, im
untern oder nähern entgegengesetzte Richtung
mit dem leeren Mittelpunkt, den er als Trabant begleitet. Man begreift, dafs dadurch
seine Bewegung für das Auge bald beschleunigt, bald verzögert werden müsse, und dafs
für eine gegebene Periode der Ungleichheit
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View in PDF(opens in a new window)ein Verhältnifs des kleinern Kreises zum gröfsern auszumitteln seyn werde, bey welchem,
wenigstens im Groben, solche Stillstände und
Rückgänge erfolgen, wie wir sie an den Planeten wahrnehmen. Der kleine andern eccentrischen haftende Kreis Wird von den Griechen
Epicykel, l7rhiv>tAo(;} genannt *). Ich vermuthe, dafs maa zu dieser Hypothese, von der
gewohnlich einer Stelle des Almagest zufolge **) der berühmte Geometer Apollonias
von Perga, der Unter Ptolemäus Euergetes
ums Jahr 240 vor Unserer Zeitrechnung blühte,
*) Es ist hier nicht der Ort, in ein genaues Detail der
epicyclischen Theorie einzugehn. Nur nmfs i h bemerken ; dafs Ptolemäus sich schon durch die unvollkommenen Planetenbeobachtungen, die er benutzen
konnte* genötbigt sah, von der gleic föimigen Bewegung des Mittelpunkts des Epicykels im eccentrischen
Kreise abzugehn. Um die Gleichförmigkeit dennoch
zu reiten, fiel er auf den Gedanken> einen dritten,
Kreis anzunehmen, aus dessen Mittelpunkt atigesehn
die wirkliche Ungleichformigkeit in der Bewegung
des Mittelpunkts des Epicykels wenigstens, gleichförmig
schiene. Den Mittelpunkt dieses äquirenden
Kreises nahm er auf der dem ^Standpunkt der Erde
entgegengesetzten Seite des Mittelpunkts des eccentrischen, und zwar in gleicher Eccentricilät mit der Erde,
am Bey dem Merkur reichte er auch mit dem ärjuirenden Kreise nicht aus, um die Erscheinungen mit
der Genauigkeit darzustellen, mit der man sie sehon
damals beobachten konnte. Wie er sich hier • half,
kann jetzt nicht Weiter erklärt werden,
**) L. XU. im Anfange. .
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View in PDF(opens in a new window)als der Urheber angesehn wird, auf folgendem
Wege gelangt ist,
Venns und Merkur zeigen sich beständig in der Nähe der Sonne, entweder ihr folgend am Abendhimrnel, oder vor ihr hergehend am Morgenhimmel, und unterscheiden
sich dadurch auffallend von den übrigen Planeten, die zu jeder Stunde der Nacht in jeder
Gegend des Thierkreises gesehn werden können. Bey einem vorurtheilfreien Nachdenken
über ihre Erscheinungen mufste man bald darauf verfallen, nicht die Erde, sondern die Sonne für den Mittelpunkt ihrer Bewegung zu halten, und wirklich gab es im Alterthum Mehrere,
die zwar die Sonne zugleich mit dem Monde
und den obern Planeten, Mars, Jupiter und
Saturn um die Erde, die untern, Venus und
Merkur, dagegen um die Sonne laufen liefsen.
Die ersten Spuren dieser Vorstellung treffen
wir im Somnium Scipionis des Cicero an *),
wo V enus und Merkur Com it e s der Sonn e h eifsen. Deutlicher entwickelt findet sie sich beym
Vitruv**), Martianus Cap eil a fj und Ma*) Öpp. Tom. IV. p. 1088 ed. Eni.
**) Mercurii autem et P^eneris slellae circa solis radios solern ipsum, ut cenlrum, itineribus coronanles, regressns et
retardationes faciunt. De Arch. IX, 4f) De Nupt, 1. VIII. in tkn Kapiteln De planciarum orbibus und Quod tellus non fit centrum onlritbtts planeüs.
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View in PDF(opens in a new window)Crobius *). Der letztere nennt sie ratio
Aegyptiorum, und defshalb führt dieses System,
das in Ansehung der beiden untern Planeten
mit dem Copeniicanischen übereinstimmt, bey
den Neuern den Namen des ägyptischen **).
Es scheint mir nun natürlich, dafs jemand, der
sich von der Bewegung der untern Planeten
um die Sonne und zugleich mit der Sonne um
die Erde überzeugt,, und sich dadurch erklärt
hatte, wie sie uns bald rechtläufig, bald stillste*
liend, bald rückgängig, bald greiser, bald kleiner erscheinen, auf die Hypothese kam, dafs
auch die obern Planeten Kreise beschreiben,
deren Mittelpunkte sich um die Erde bewegen.
Es konnte ihm bey einigem Nachdenken nicht
entgehn, dafs sich ihre Anomalien dadurch
rechtfertigen lassen. Denn wenn man annimmt,
dafs sie ihre Epicykeln in einem synodischen
Umlauf zurücklegen, Saturn in einem Jahr und
15 Tagen, Jupiter in einem Jahr und 34 Tagen, Mars in 3 Jahren und 4(J Tagen, und dafs
*) In Sorna. Scip. I. ig.
**) Es ist merkwürdig, dafs sich in den Schriften der
Griechen keine Spur von dem ägyptischen System
findet. Sollte die Kenntnifs davon vielleicht durch
Pythagoras nach Italien gebracht warden seyn, und
sich zu den Römern durch Tradition fortgepflanzt ha»
'hen? Es ist dies wirklich um so wahrscheinlicher, da
nach dem Zeugnifs des Plinius (R. N. II. 8) und
anderer, Pythagora« ea war, der zuerst die Identität
des Morgen- und Abendsterns lehrte.
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View in PDF(opens in a new window)sie sich zur Zeit der Opposition in der Mitte
der untern, zur Zeit der Conjunction in der
Mitte der obern Halbcirkel befinden, so müssen bey Voraussetzung eines durch Beobachtung zu bestimmenden Verhältnisses der Durchmesser der Epicykeln und eccentrischen Kreise
die Erscheinungen der zweyten Ungleichheit
ungefähr so erfolgen, wie wir sie erfolgen
sehn, während die erste Ungleichheit von der
Bewegung der Mittelpunkte der Epicykeln abhängt, und erst nach einem tropischen Umlauf, beym Saturn nach zg Jahren 166 Tagen,
beym Jupiter nach 11 Jahren 3i4 Tagen, beym
Mars nach einem Jahr und 321 Tagen, wiederkehrt.
Dies sind zugleich die Grundzüge der Theorie, die Ptolemäus für die obern Planeten
entworfen hat. Was die untern betrifft, so
läfst er sie ihre Epicykeln nicht um die Sonne, sondern gleichfalls um eingebildete Punkte
beschreiben, welche von der Erde aus sich beständig vor der Sonne befinden, also ihren
Umlauf gerade in einem tropischen Sonnenjahr
vollenden, während die Planeten selbst ihre
Epicykeln in einem synodischen Umlauf, Venus in einem Jahr und 21g Tagen, Merkur in
116 Tagen, zurücklegen. Wer es widersinnig
findet, dafs er diese Planeten um unsichtbare
Punkte laufen liefs, da es doch in derselben
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View in PDF(opens in a new window)Richtung einen Körper gab, um den sie sich
bewegen konnten, bedenke, dafs es ihm nicht
auf ein naturgemäfses System der himmlischen Erscheinungen, sondern blofs auf die Lösung des Problems ankam, für jede Zeit den
Ort zu finden, wo ein Planet [von der
Erde aus gesehn wird. Ohne sich in Untersuchungen über die wahren Bewegungen
einzulassen, war er nur darauf bedacht, eine
Theorie der scheinbaren aufzuführen, welche die Oerter der Planeten wenigstens im
Groben darstellte, und dies ist ihm in der That
auf eine Weise gelungen, die nicht den Spott,
den sich einige erlaubt haben *), wol aber unsere Bewunderung verdient.
Was in den astronomischen Lehrbüchern
gewöhnlich das Ptol emäisch e System heilst,
ist diejenige Anordnung der Weltkörper, nach
welcher die Erde unbeweglich in der Mitte
ruht, und die sogenannten sieben Planeten **)*
*) Lalande spricht in der zweyten Ausgabe seiner
Astronomie (§ 1068) von einer absurde, und in der
dritten (§ 1070) von einer etrange complication du
Systeme de Ptolemce.
**) Ptoleraäus redet immer nur von fünf Planeten
mit Ausschlufs von Sonne und Mond. Sein Ausdruck
ist et l TvXdvcofAivoh die 5 Wandel- oder Irrsterne.
Gewöhnlicher, besonders von den Pvömern, wurden
sieben Planeten angenommen, wo denn das Wort
7rXctvu{/*syot, 7rhci)irjTXi, TrXccvyrc&y 7rXxyi}Ti<;, Planetae,
Sidera erratica oder errantia, im Allgemeinen Sterne
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View in PDF(opens in a new window)der Mond, Merkur, Venus, die Sonne,
Mars, Jupiter und Saturn nebst der sie
einschliefsenden Sphäre der Fixsterne ganz so
um sie laufen, wie es die Phänomene der täglichen und eigenen Bewegung mit sich bringen.
Ptolemäus hat nur darum zu diesem System
seinen Namen hergegeben, weil er es bey seiner Erklärung der himmlischen Erscheinungen
zum Grunde gelegt hat, nicht etwa, weil er der
Urheber desselb n ist. Von einem solchen kann
nicht die Piede seyn. Denn es ist diejenige
Weltordnung, die sich dem menschlichen Geist
zuerst darbot, indem er natürlich geneigt war,
die gesehenen Bewegungen so lange für wirkliche zu halten, bis ihm genauere Beobachtung
und reiflicheres Nachdenken die Unmöglichkeit derselben zeigten, und ihn als Schein erkennen liefsen, was er erst für Wahrheit hielt.
W7as die Anordnung der Planeten in diesem System betrifft, so nahm man gewöhnlich,
jedoch nicht allgemein, die eben erwähnte an.
Dals der Fixsternsphäre zunächst Saturn, und
in immer engein Bahnen Jupiter, Mars, die
Sonne und der Mond um die Erde liefen,
schlofs man aus ihren nach eben dieser Ordnung sich vermindernden Umlaufszeiten, und
hierüber fixirte sich die Meinung bald. Nur in
bezeichnet, welche eine eigene Bewegung haben, im
Gegensalz von Fixsternen.
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View in PDF(opens in a new window)Ansehung der beiden untern Planeten, welche
sich immer in der Nähe der Sonne zeigen, und
mit ihr gleichzeitig ihren Umlauf zu rollenden
scheinen, r/ar man zweifelhaft, ob man sie über
oder unter die Sonne setzen solle. Plutarch
behauptet *) , Plato habe von oben herunter
die Planeten so gestellt: Saturn, Jupiter, Mars,
Venus, Merkur, Sonne und Mond. Meines
Wissens spricht der Philosoph von diesem Gegenstande blofs im Timaeus **), wo es allerdings heifst, dafs auf den Mond die Sonne folge, von den übrigen Planeten aber nur Venus
und Merkur mit der Bemerkung erwähnt werden, dafs sie itro^o/uoi mit der Sonne sind,
d. i. mit ihr zugleich ihren Umlauf beendigen.
Für die Meinung, dafs sie sich tiefer als die
Sonne bewegen, erklären sich unter vielen andern-Alten Geminus und Ptolemäus. Letzterer sagt f), es sey dies die ältere Meinung,
der er hauptsächlich aus_ dem Grunde beytrete,
damit die Sonne ihre Stelle einnehme in der
Mitte der Planeten, die sich nur bis auf eine
*) De plac, II. i5. CF, Diog. Laertius III, 74 und
M a c r o b. in Somnium Scip. I. ig.
**) P- 33 ed. Steph. In der Epinomis werden «war die
sämmtlichen Planeten erwähnt; allein dieser Dialog
gehört, obgleich alt und von einem geistreichen Manne
in Platonischer Manier geschrieben, nicht dem berühmten Philosophen an, dessen Kamen er trägt.
f) Almagest B. IX. c. I.
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View in PDF(opens in a new window)gewisse, und denen, die sich bis auf jede Weite,
von ihr entfernen können, worin sich allerdings die einen wesentlich von den andern unterscheiden. Wenn er bemerkt, dafs einige
Neuere die Venus und den Merkur defshalb
über die Sonne setzten, weil sie dieselbe nie
verfinsterten, so ist dies ein Umstand, worüber
sich vor Erfindung der Fernrohre nicht urtheilen liefs.
Nachdem das Gebäude der Astronomie,
wovon ich hier den Grundrifs gezeichnet habe,
durch Ptolemäus etwa 140 Jahr nach Chr.
Geburt seine Vollendung erhalten hatte, wagte
es 13 Jahrhunderte lang niemand etwas Wesentliches daran zu ändern. Die Araber, die
in der Geschichte der Sternkunde zunächst
nach den Griechen auftreten, haben zu einem
neuen und vollkommenem Gebäude zwar einige schätzbare Materialien zusammengetragen,
aber das alte durchaus unangetastet gelassen.
Der spanische im Uten Jahrhundert lebende
Muhamrnedaner G eb er , von dem man eine in
lateinischer Sprache gedruckte Erläuterung
des Almagest hat *), ist, so viel ich weifs,
der einzige, der in der Anordnung der Weltkorper vom Ptolemäus abgewichen ist, und
dies blofs in dem Punkt, dafs er Merkur und
Venus über die Sonne setzte.
*) Nürnberg ]5'J>3, 4.
Es war unaus-
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View in PDF(opens in a new window)bleiblich, dafs man bey Beobachtung des Himmels die Unvollkommenheit der Ptolemäischen
Tafeln erkannte; man suchte aber den Grund
davon nicht in der Theorie, worauf diese Tafeln beruhen, sondern blofs in den Elementen,
die- die Beobachtung der Theorie liefern mufs.
Man Iiefs es sich also angelegen seyn, diese
Elemente zu verbessern, d, h. an den Cirkeln
des Ptolemäus so lange zu zerren, bis man sie
aufs Neue mit dem Himmel in einige Uebereinstimmung gebracht hatte. Die Araber haben viele Versuche dieser Art gemacht, die
aber nothvvendig alle mangelhaft bleiben mufs«.
ten, da ihnen weder der Plan des Weltgebäudes noch die Gesetze der himmlischen Bewegungen bekannt waren.
Auch im Occident wurde ein solcher Ver.such gemacht, der indessen sehr schlecht ausfiel. Der Künig Alphons X. von Castilien,
ein grofser Verehrer der Sternkunde, berief im
Jahr 12 jo eine Anzahl christlicher, hebräischer
und maurischer Astronomen nach Toledo, um
sie unter seinen Augen an der Verbesserung
der Ptolemäischen Tafeln arbeiten zu lassen.
Man sagt, dafs ihm diese Liebhaberey 40000
Dukaten gekostet hat. Nach isjähriger Arbeit
kamen endlich die nach ihm benannten neuen
Tafe'n zu Stande; sie sind aber bis auf einige
Aenderungen in den Epochen, wobey man sich
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View in PDF(opens in a new window)mehr durch geheirnnifsvolle Zahlen der Rabala
als durch astronomischeBeobachtunoen hatte leiten lassen, ganz die unvollkommenen Ptolemäischen. Hat Alphons, was indessen nichts weniger als beglaubigt ist, wie man aus dem Artikel Castille beym Bayle ersehn kann, hät
Alphons aus Verdrufs über die Verwickelung
der Prolemäischen Cirkel wirklich gesagt, dafs
er einen bessern Weltplan entworfen haben
würde, wenn ihn der Schöpfer zu Rathe gezogen hatte, so hat er dadurch eben so viel Beschränktheit als Anmafsung an den Tag gelegt.
Nie hat Ptoleniäus behauptet, dafs die wahre
Bewegung der Himmelskörper aus allen jenen
Cirkeln zusammengesetzt sey; sie sollten ihm
blofs als eine Hypothese, oder, wenn man
will, als eine Fiction, zur Erleichterung der
Rechnung Lienen.
Die allgemeine Wiederbelebung der Wissenschaften seit der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts äusserte ihren wohlthätigen
Einflufs auch auf die Sternkunde. Es standen
mehrere Männer auf, die ihr durch Beobachtungen und durch Erfindung neuer Beobachtungswerkzeuge und Methoden nützlich wurden. Unter diesen nennt die Geschichte besonders dankbar den Deutschen Johannes
Müller, genannt Regiomontan, Aber noch
immer war nichts Wesentliches zur Verbesserung der astronomischen Theorie gcschehn, als
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View in PDF(opens in a new window)Copemicus im Anfange des sechzehnten
Jahrhunderts den Entschlufs fafste, sich zum
Reformator der Wissenschaft aufzuwerfen. Kühn,
sehr kühn war dieser Entschlufs; denn es kam
darauf an verjährte Vorurtheile anzutasten, denen noch allgemein gehuldigt wurde. Er sah
nämlich ein, dafs den Uebeln, die die Astronomie drückten, nicht anders auf eine solide
Art abzuhelfen sey, als durch Aufstellung des
Pxincips der Bewegung der Erde. Er machte
sich dem .gemäfs folgende Vorstellung von der
Einrichtung des Weltgebäudes: es wird von
der unbeweglichen Fixsternsphäre eingeschlossen. Innerhalb derselben bewegen sich in abnehmenden Bahnen Saturn, Jupiter, Mars, dann
die von ihrem Monde begleitete und sich täglich um ihre Axe wälzende Erde, endlich Venus und Merkur. In der Mitte befindet sich
die Sonne. „Denn wer könnte wol, sagt er,
in dem herrlichen Naturtempel dieser Fackel
einen andern Ort anweisen wollen, als den,
von wo aus sie das Ganze erleuchten kann" *).
Alle späterhin, besonders seit Erfindung der
Fernröhre, angestellte Beobachtungen, und alle
darauf gegründete, mit dem Lauf der Himmelskörper genau zutreffende, Theorien haben
nur zur Bestätigung dieser Hypothese gedient
und sie nunmehr zum Range einer Wahrheit
erhoben.
*) De revol. p. g, h.
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View in PDF(opens in a new window)Um Seiner paradoxen Lehre Eingang zu
verschaffen, bemüht er sich selbst, ihr den
Schein der Neuheit zunehmen» Er nennt den
Philo laus, Heraclides, Ecphantus und
Hicetas als seine Vorgänger und Gewährsmanner *_). Aber was konnte er aus allen den
oben angeführten, diese Philosophen betreffenden, Stellen weiter entnehmen, als dafs es unter den Alten einige gegeben hat, die die tägliche und jährliche Bewegung der Erde vermutheten. Nirgends findet sich diese Vermuthung durch einen Beweis unterstützt, nirgends durch Anwendung zur Erklärung der
himmliNchen Erscheinungen begründet. Bedeutender mufste für ihn die Notiz vom ägyptischen System seyn, die er beym Martiaaus Capella fand **), aber doch auch nur in
*) Ib. p. 3, b. Folgende Stelle aus der Schiift De
docta ignorantia des Iöo Jahr vor ihm lebenden Kardinals Nicolaüs Cusa mufs ihm nicht zu Gesicht
gekommen seyn, sonst würde er gewifs nicht unterlassen haben, auch sie anzuführen: ,, es ist uns ganz
klar, dafs sich die Erde bewegt, ob wir es gleich
nicht bemerken, indem wir keine Bewegung Gliders
wahrnehmen können, als durch Vergleicbung mit einem ruhenden Object. Wenn jemand nicht weifs,
dals das Wasser fliefst> und wenn er, mitten auf einem Schiffe befindlich, das Ufer nicht sieht, wie will
er denn erkennen ■, dafs sich das Schiff bewegt?"
Diese Worte stehn in der ij65 zu Basel erschienenen
Sammlung der Werke des Kardinals 8. 3q. Ob dieSchrift,
aus der sie entlehnt sind, schon bey des Copern'icils
Lebzeiten einzeln gedrückt seyn mag, weifs ich nicht.
**! De r-vo!. p. 3, b.
Page 63
View in PDF(opens in a new window)so fern sie ihm bestättigte, was ihm seine Combinationen ohne Zweifel schon vorher gegeben
hatten, so wie er in dem grofsen Gedanken
des Aristarch nur den Ausdruck, des seinigen
wiedergefunden haben würde, wenn derselbe
zu seiner Kenntnifs gelangt wäre. Allein die
Schrift, die ihn uns aufbewahrt hat, erschien
erst ein Jahr nach seinem Tode in der Editio
princeps der Werke des Archimedes *), so
dafs ihm also gerade das Gröfste, seinen Ideen
Analogeste, was sich bey den Alten findet,
entgangen ist.
Wenn das Verdienst des Copernicus gehörig gewürdigt werden soll, so kommt es nicht
sowohl darauf an zu zeigen, was er gelehrt hat
(man kann immer einige Alte nennen, die in
dem einen oder dem andern Punkt mit ihm
zusammengetroffen sind), sondern wie er seine
Lehren entwickelt, begründet und angewandt
hat. In dieser Hinsicht steht er grofs und einzig da. Dafs die Erscheinungen der täglichen
und jährlichen Bewegung der Himmelskugel und
der Sonne genau so erfolgen müssen, wie wir
sie vorgehn sehn, wenn man annimmt, dafs sich
die Erde tätlich um ihre Axe dreht und inzwisehen in einem Jahr um die Sonne läuft; dafs der
Parallelismus der unter einem Winkel von 66 und
einem halben Grad gegen die Ebene der Bahn
geneigten Erdaxe die Abwechslung der Jahrszei*) Basel i544> ^ol-
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View in PDF(opens in a new window)Ueber das Verhältnils etc.
ten und Tageslangen bewirkt; dafs eine sehr
langsame Veränderung dieses Paralielismus die
Vorrückung der Nachtgleichen zur Folge hat;
dafs die periodischen Stillstände und Rückgänge
der Planeten keinen andern Grund haben, als
weil sich die Erde zugleich mit ihnen um einen
gemeinschaftlichen Mittelpunkt bewegt: dies alles setzt er mit einer solchen Klarheit, Bestimmtheit und Vollständigkeit aus einander, dafs die
Nachwelt nichts hinzuzufügen vermocht hat.
Der grofse Mann zollte aber dadurch der
scholastischen Philosophie seines Zeitalters seinen Tribut, dafs er sich von dem Vorurtheil der
gl eich form igen Kreisb e weg un g der Himmelskörper nicht loszumachen wufste. So wahr
ist es, dafs auch die gröfsten, dem Anschein nach
ihr Zeitalter beherrschenden, Geister alle mehr
oder minder einProduct ihres Zeitalters sind ! Er,
der die zweyte Ungleichheit der Planeten, ihr
abwechselndes Vor- und Piückgehn, durch seine
Hypothese so genügend erklärt hatte, behielt zur
Darstellung der ersten oder eigentlichen Ungleichheit noch immer die alten eccentrischeh
Kreise und Epicykeln bey, und sah sich dadurch
in ein Labyrinth verwickelt, aus dem er sich bey
allem Scharfsinn nicht zu finden wufste. Es war
seinem Geistesverwandten K ep 1 e r vorbehalten,
durch Einführung der Ellipse die letzten Spuren der Planetentheorie der Alten zu verwischen*