Renaissance Variationen uber ein Thema von Pythagoras

Author
Molina Moreno, F.
Published in
Kreis der Freunde um Han Kayser Bern Mitteilungen
Year
2001
Subject
RENAISSANCE
Language
Deutsch
Category
C13 Art
Archive number
8082

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Inhalt Seite Symposion vom 3. November 2001 in Bern Der Teilungskanon als Schlüssel zur Harmonik Martin Gabele: Haus zur Sonne, Ausschnitt 3+4 5+6 7-8 Dr. FM. Moreno, Renaissance-Variationen über ein Thema von Pythagoras — 9-16 —— Bücherbesprechungen: Hans-Helmut Decker und Josef Escher: Neue Klänge in der Medizin Gottfried Bergmann, Die Blüte menschlichen Bewusstseins Dr. Lotti Sandt, Mythos und Symbolik im Zauberberg von Th. Mann 17 18 19/20 Guy Planta, Kritik der Trialogischen Vernunft 21 Robert Gansler, Der Tarot als harmonikales Universalschema Brief von Hans Kayser Bestellung L 21 22/23 24 Die Verantwortung für die einzelnen Beiträge tragen jeweils die Verfasser Liebe Freunde der Harmonik Entsprechend der Auswahl der Themen und Redner, die Sie beim letztjährigen Symposion getroffen haben, werden am 3. November a.c. diejenigen Referenten zu uns sprechen. die die grösste Zustimmung erhalten haben. Wir hoffen, auch dieses Jahr wieder eine grosse Zahl von Ihnen begrüssen zu dürfen. Mit freundlichen Grüssen bralter Dura Lola Yard Die MITTEILUNGEN erscheinen jährlich zweimal. Richtpreis im Jahr Fr. 15.-/ DM 20.-. Bitte möglichst mit Giro überweisen. Freunde in Deutschland zahlen auf Postbank NL Frankfurt, 300’453’605, Bankleitzahl 50’010’060, in andern Ländern auf das Gelbe Konto international Nr. 91-13879-4 KREIS DER FREUNDE UM HANS KAYSER BERN. Wenn Sie die MITTEILUNGEN nicht mehr zu erhalten wünschen, möchten Sie diese bitte im gleichen Umschlag, damit der Absender ersichtlich ist, frankiert an uns zurückgehen lassen, wofür wir Ihnen bestens danken. KREIS DER FREUNDE UM HANS KAYSER BERN Drei Aufsätze Studers: Der erste beleuchtet, wie der Mensch auf drei verschiedenen Wegen zu den geistigen Wirklichkeiten KRITERIEN EINER INTEGRALEN ARCHITEKTUR WERK UND TRANSZENDENZ gelangt. Im zweiten geht er der Frage nach: Was bleibt von Andr& M. Studer Im dritten spricht er von der Kunst des Architekten und über dessen ganzheitliche Sicht als Psychologe, Arzt, VON DER IDEE ZUR GESTALT Schriften über Harmonik Nr. 10 Bern 1984 unserem Tun, wenn wir es vom Stofflichen entkleiden? Philosoph, Harmoniker und Mystiker bei der Gestaltung eines integralen Hauses. 64 Seiten, 44 Abbildungen, br., Fr. 16.-

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KREIS DER FREUNDE UM HANS MITTEILUNGEN Nr. 47 KAYSER BERN November 2001 Walter Ammann Biderstrasse 3l1 CH-3006 BERN Telefon 031 931 1278 PC Bern 30-12710-8 Postgiroamt Frankfur /M. 300 453 605. Bankleitzahl 50'010'060 « Posıkonto International 91-13879-4 FREUNDE sr as andere erlebt und mir A dann erzählt haben, geht | mir oft tiefer ein und ver| gessc ich weniger, als wenn ich es sclbst mitgemacht > hätte. Diese meine Anlage H ist vielleicht derGrund dap für, daß ich so manchen W Freund nicht nur gewonae JB nen, auch behalten habe. Indem ich das Wort ausspreche, denke ich vor allem an die drei, meine ersten und letzten Freunde. Zwar übten sie ihren größten Einfluß erst nach der Zeit, die ich hier schildere. Wir befreundeten uns aber nur darum so gut, weil wir durch die gleiche Jugend, Schule, Umwelt und Heimat fast wie blutsverwandt waren. Ob Bube, König oder As, wage ich nicht zu entscheiden, aber wir paßten zusammen wie die vier Figuren im Kartenspiel, verschieden in Gestalt, Tracht und Kennzeichen, doch von gleicher Stichkraft und Wesenheit alle vier. So beginnt Martin Gabele (1890-1966) im vorwiegend autobiographischen Werk «Haus zur Sonne» das Kapitel, in dem u.a. auch von seinem Freund Hans Kayser die Rede ist.

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FREUNDE RISA AEN E A zn. as andere erlebt und mir | à ve L 4 dann erzählt haben, geht mir oft tiefer cin und veri gessc ich weniger, als wenn fi ich es selbst mitgemacht EN hätte. Diese meine Anlage 7 +} ist vielleicht der Grund daD für, daß ich so manchen i Freund nicht nur gewonA km QË nen, auch behalten habe. Indem ich das Wort ausspreche, denke ich vor allem an die drei, meine ersten und letzten Freunde. Zwar übten sie ihren größten Einfluß erst nach der Zeit, die ich hier schildere. Wir befreundeten uns aber nur darum so gut, weil wir durch die gleiche Jugend, Schule, Umwelt und Heimat fast wie blutsverwandt waren. Ob Bube, König oder As, wage ich nicht zu entscheiden, aber wir paßten zusammen wie die vier Figuren im Kartenspiel, verschieden in Gestalt, Tracht und Kennzeichen, doch von gleicher Stichkraft und Wesenheit alle vier.

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Inhalt Seite Symposion vom 3. November 2001 in Bern Der Teilungskanon als Schlüssel zur Harmonik Martin Gabele: Haus zur Sonne, Ausschnitt Dr. F.M. Moreno, Renaissance-Variationen über ein Thema von Pythagoras 3+4 5+6 7–8 9–16 Bücherbesprechungen: Hans-Helmut Decker und Josef Escher: Neue Klänge in der Medizin Gottfried Bergmann, Die Blüte menschlichen Bewusstseins Dr. Lotti Sandt, Mythos und Symbolik im Zauberberg von Th. Mann Guy Planta, Kritik der Trialogischen Vernunft Robert Gansler, Der Tarot als harmonikales Universalschema Brief von Hans Kayser Bestellung 17 18 19/20 21 21 22/23 24 Die Verantwortung für die einzelnen Beiträge tragen jeweils die Verfasser Liebe Freunde der Harmonik Entsprechend der Auswahl der Themen und Redner, die Sie beim letztjährigen Symposion getroffen haben, werden am 3. November a.c. diejenigen Referenten zu uns sprechen, die die grösste Zustimmung erhalten haben. Wir hoffen, auch dieses Jahr wieder eine grosse Zahl von Ihnen begrüssen zu dürfen. Mit freundlichen Grüssen Die MITTEILUNGEN erscheinen jährlich zweimal. Richtpreis im Jahr Fr. 15.– / DM 20.–. Bitte möglichst mit Giro überweisen. Freunde in Deutschland zahlen auf Postbank NL Frankfurt, 300’453’605, Bankleitzahl 50’010’060, in andern Ländern auf das Gelbe Konto international Nr. 91-13879-4 KREIS DER FREUNDE UM HANS KAYSER BERN. Wenn Sie die MITTEILUNGEN nicht mehr zu erhalten wünschen, möchten Sie diese bitte im gleichen Umschlag, damit der Absender ersichtlich ist, frankiert an uns zurückgehen lassen, wofür wir Ihnen bestens danken. KREIS DER FREUNDE UM HANS KAYSER BERN KRITERIEN EINER INTEGRALEN ARCHITEKTUR WERK UND TRANSZENDENZ VON DER IDEE ZUR GESTALT André M. Studer Schriften über Harmonik Nr. 10 Bern 1984 2 Drei Aufsätze Studers: Der erste beleuchtet, wie der Mensch auf drei verschiedenen Wegen zu den geistigen Wirklichkeiten gelangt. Im zweiten geht er der Frage nach: Was bleibt von unserem Tun, wenn wir es vom Stofflichen entkleiden? Im dritten spricht er von der Kunst des Architekten und über dessen ganzheitliche Sicht als Psychologe, Arzt, Philosoph, Harmoniker und Mystiker bei der Gestaltung eines integralen Hauses. 64 Seiten, 44 Abbildungen, br., Fr. 16.–

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KREIS DER FREUNDE UM HANS KAYSER BERN Walter Ammann, Biderstrasse 31, 3006 Bern, Telefon 031 931 12 78 Samstag, den 3. November 2001, von 10–17 Uhr Geographisches Institut, Hallerstrasse 12 (Trolleybus Nr. 12, Falkenplatz) SYMPOSION 10.00–11.30 Harald Jordan, Leiter des Instituts für transformierende Baukunst, Worpswede RÄUME DER KRAFT SCHAFFEN, Bereiche der Harmonik und der geometrischen Gesetzmässigkeiten 13.30–15.00 Dr. med. Josef Escher, ehem. Chefarzt des Spitals Brig DIE BEDEUTUNG DER KUNSTTHERAPIE, im Besonderen der Musiktherapie in der modernen Medizin 15.15–17.00 Frau Margret Löwensprung, München DAS «TONOSKOP» ALS ERZEUGER VON KLANGFIGUREN mit der menschlichen Stimme in Forschung und Therapie Mittagessen im «O sole mio» oder im «Beaulieu» Möglichkeit zum Picknicken im Haus Eintritt: Ganze Tagung: Fr. 45.–, Studenten, AHV Fr. 30.– nur Vormittag: Fr, 15.–, Studenten, AHV Fr. 10.– nur Nachmittag: Fr. 30.–, Studenten, AHV Fr. 20.– Die Anmeldung erfolgt ● durch Einzahlung auf Postkonto Bern 30-12710-8 oder Postgiroamt Frankfurt/M. 300 453 605 Zahlung für Symposion und evtl. Beitrag für MITTEILUNGEN Fr. 15.– / DM 20.– Quittung gilt als Eintrittskarte ● im Vorverkauf: Buchhandlung Weyermann, Bubenbergplatz 8 Telefon 031 / 311 37 46 an der Tageskasse

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Harald Jordan Räume der Kraft schaffen Bereiche der Harmonik und der geometrischen Gesetzmässigkeiten Geboren 1935, Maurerlehre, Erwerb des Bauingenieur-Diploms. Seit 30 Jahren selbständiger Statiker. Vereidigter Sachverständiger, Lehrvertrag für Architektur: Von den geistigen Gesetzen im Bauen und Dozent der schule für Geometrie HAGIA CHORA. Lebt und arbeitet in Worpswede und Griechenland. Gründer von ELIKON, Institut für transformierende Bau- und Lebenskunst. Publikationen: Räume der Kraft schaffen 1998, s. Besprechung von Dr. Charles Hummel in den MITTEILUNGEN Nr. 43, Nov. 1999. Dr. med. Josef Escher Die Bedeutung der Kunsttherapie im Besonderen der Musiktherapie in der modernen Medizin Geboren 1932 in Brig, tätig an verschiedenen Spitälern in Zürich, Paris, Solothurn, zuletzt Chefarzt des Spitals in Brig-Glis. Mitverfasser des Buches: Neue Klänge in der Medizin, das auf S. 19 besprochen ist. In meinem Vortrag über die Bedeutung der Kunsttherapie werde ich nach einem geschichtlichen Rückblick insbesondere über die Musiktherapie und einige Erläuterungen über das Empfangsorgan, das Ohr, auf die Wirkungen der Musik und Farben eingehen. Dann werden die verschiedenen Formen der Musiktherapie aufgelistet und ihre Einsatzmöglichkeiten in der Medizin aufgezeigt. Das Schwergewicht liegt in praktischen Beispielen auf dem Gebiete der Musik- und Maltherapie. Dias und Videoaufnahmen werden dazu eingesetzt. Margret von Löwensprung, München Das «Tonoskop» als Erzeuger von Klangfiguren mit der menschlichen Stimme in Forschung und Therapie Margret Löwensprung beschäftigte sich schon in der Schulzeit mit Musik, Naturkunde und Kunst als Erfahrungszusammenhang. Im Münchener «Arbeitskreis Harmonik» war sie von Anfang an aktiv. Sie entwickelte und baute Geräte zur Erzeugung von Klangfiguren (u.a. Tonoskope) und setzte sie in der gehörlosenpädagogischen Praxis ein. Bei der Untersuchung von Schwingungsvorgängen entdeckte sie frappierende Ähnlichkeiten mit Formen in der Natur. ACHTUNG! Wir suchen ständig Wer hat vergriffene Werke HANS KAYSERS abzugeben, vor allem: Grundriss eines Systems der harmonischen Wertformen Harmonia Plantarum Paestum Sich bitte melden bei WALTER AMMANN, Biderstrasse 31, CH-3006 Bern, Tel. 031/931 12 78

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Der Teilungskanon als Schlüssel zur Harmonik Hans Kayser: Der harmonikale Teilungskanon3 Zeichnen (Geometrie) und Hören (Obertonreihe) im Zwiegespräch Töne, Hören (Ohr) –> Weltanhörung (Akróasis) Bild 3: Zeichnen, Schauen (Auge) –> Weltanschauung (Aisthesis) –> siehe Hans Kayser, Akróasis S. 6 Die Strecke AB bzw. BC eines beliebigen Rechteckes wird halbiert, indem die Diagonale AC und BD gezeichnet wird. Die waagrechte und senkrechte Linie durch den Schnittpunkt ergibt die Punkte E und F sowie S und T. Die Verbindung von S mit D und C teilt die Diagonalen und die Längsseiten in G und H im oberen Drittel. Die Linien SE und SF erzeugen in ihren Schnittpunkten mit den Diagonalen die Vierteilung. Die Verbindung G und H mit S ergibt die Fünfteilung. Dieser Teilungsmodus ad infinitum fortgesetzt, ergibt immer eine rationale Teilung. Dabei werden nicht immer nur die beiden Längs- und Querseiten des Rechtecks geteilt, sondern auch alle schrägen Linien unterliegen derselben Teilung.

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Mit Staunen stellen wir fest, dass die Obertonreihe den gleichen Gesetzen folgt wie die geometrische Konstruktion, nämlich 1 /2 oder reziprok: 2 /1 1 beziehungsweise 1 2 c c’ 1 /3 1 /4 1 /5 1 /6 ... nach Saitenlängen 3 /1 4 /1 5 /1 6 /1 ... 3 g’ 4 c’’ 5 e’’ 6 ... g’’… nach > Schwingungszahlen Dazu Julius Schwabe: Die Harmonik als schöpferische Synthese, Schriften über Harmonik Nr. 12, 1985:4 «Materielle Schwingung (Zahl) und Tonempfindung (Ton) gehören an sich zwei verschiedenen Welten an: der materiellen und der seelischen. Aber sie sind gesetzmässig verbunden. Und eben diese Gesetzmässigkeit bildet den Ausgangspunkt aller harmonikalen Untersuchungen … Die Harmonik ist eine Wissenschaft, die die Dinge mit dem Herzen versteht und mit dem Verstand empfindet … Der zu allen Zeiten zu beobachtenden Tendenz zur Absonderung, Vereinzelung, ja schärfster Trennung von Religion, Wissenschaft, Philosophie und Kunst stellt die Harmonik den Versuch eines Brückenschlages, einer Verständigungsmöglichkeit auf allgemeiner seelisch-menschlicher Grundlage gegenüber.» Rudolf Haase: Harmonikale Synthese5 Verlag Elisabeth Lafite, Wien 1980 aus dem Vorwort: «Die Wahrheit der Harmonik … wird für die Zukunft eine viel grössere Bedeutung haben. Letzteres ist gemeint im Hinblick auf eine wesentliche Erweiterung unseres Weltbildes, das bisher allzu einseitig kausal-quantitativ durch die Naturwissenschaften dargestellt wurde. Vergleicht man die Naturgesetze mit einem Teppichgewebe, so fallen darin den Naturwissenschaften die Längsfäden zu, der Harmonik jedoch die Querfäden, da sie Analogien, Querverbindungen zwischen den Einzelwissenschaften aufzuzeigen vermag, die bisher nicht in den Griff kamen.»

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Renaissance-Variationen über ein Thema von Pythagoras1 Dr.phil. Francisco Molina Moreno, Madrid Präludium Bei diesem pythagoreischen Thema handelt es sich um die Lehre der Sphärenharmonie. Hier werden wir, nach einer kurzen Darlegung des Themas, von drei Variationen erfahren, wovon zwei von spanischen Renaissance-Dichtern, die letzte von einem deutschen Astronomen verfasst sind. Die spanischen Dichter sind San Juan de la Cruz (Johannes vom Kreuz, Mystiker und Dichter, 1542–1591, Priester und Erneuerer des Karmeliterordens, Seelenfreund der hl. Theresia von Avila), dessen Variation wir in dem Cántico espiritual finden, und Fray Luis de León (Bruder Luis Ponce de León, Mystiker und Lyriker, Augustiner, 1528–1591), in dessen Oda a Salinas wir die zweite Variation zu lesen bekommen. Diese Autoren schöpfen aller Wahrscheinlichkeit nach eher aus patristischen (Patristik = Wissenschaft von den Schriften und Lehren der Kirchenväter) denn aus klassischen Quellen; aber beide setzen diese himmlische Musik in einen Zusammenhang, der sehr ähnlich demjenigen ist, in dem einige der klassischen Schriftsteller sie gehört haben wollen, nämlich während einer Seelenreise. Die dritte Variation wurde von Johannes Kepler (Kepler Johannes, Astronom und Astrologe, 1571–1631) verfasst, von einem der Koryphäen der wissenschaftlichen Revolution. Diese Fassung der Sphärenharmonielehre befindet sich im V. Buch seiner Harmonice Mundi und basiert nach Keplers eigener Angabe auf den Harmonica von Claudius Ptolemäus. Es handelt sich nicht um die mystische Verzückung zweier Dichter, sondern um die genauen Betrachtungen von Wissenschaftlern. Aber auch Pythagoras selbst war Wissenschaftler, und die Nachwirkung der ihm zugeschriebenen Lehren auf dichterische Werke im Laufe der Geschichte des abendländischen Denkens zeigt, dass die Wissenschaft poetische Ergebnisse suchte und die Dichtung in der Wissenschaft ihre Inspiration finden konnte. Thema «Ad harmoniam canere mundum, ut Pythagoras existimat.» «Dass die Welt nach einer Tonart singt, wie Pythagoras meint.» Cicero, De natura deorum, 3,11 I. Variation: «La música callada, la soledad sonora…» «Die stille Musik, die klingende Einsamkeit» San Juan de la Cruz Die Verse 68f des Cántico espiritual von San Juan de la Cruz spielen nach unserer Meinung, wenn nicht eben auf eine Stern-, so doch zumindest auf eine Weltmusik an. Nach 1 Vom Verfasser erstellte deutsche Übersetzung. Ich danke Frau Dr.phil. Roxana Beatriz Martínez Nieto für die Durchsicht meiner deutschen Fassung.

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der Erklärung desselben Verfassers zu seinem Gedicht scheint es sicher, dass unser Dichter der Welt ein harmonisches, und zwar ein musikalisches Wesen zuerkannt hat: «In dieser Ruhe und Stille der schon angedeuteten Nacht, und bei dieser Erkenntnis des Gotteslichtes bemerkt die Seele eine wunderbare Zusammenstellung und Anordnung der Weisheit in den Unterschieden aller Seiner Kreaturen und Geschöpfe. Denn sie alle sind mit einer gewissen Entsprechung zu Gott begabt, tun durch die ihnen eigentümlichen Stimmen kund, was in ihnen göttlich ist, so dass es ihr (nämlich der Seele) die erhabenste musikalische Harmonie zu sein scheint…» Hier tritt uns die Musik als eine Metapher entgegen, die dazu dient, die Weltordnung, die Harmonie der Gegensätze auszudrücken. Bereits Heraklit war der Meinung, dass der Ausgleich von entgegengesetzten Elementen der Welt zugrundeliege (vgl. Heraklit, Fr. 10 und 50–51 DK) und benannte diesen Ausgleich mit dem Wort harmonía, dessen ursprüngliche Bedeutung «Verfügung, Verbindung» ist. Hiermit war der erste Schritt von einer blossen Erwägung einer harmonischen Natur der Welt hin zum Glauben an ihr musikalisches Wesen vollzogen, da harmonía doch «Verbindung», aber auch einen «gestimmten Klang» oder eine «Tonart» bedeutete1. Dieselben Bedeutungen haben sich gehalten, als harmonía als ein Lehnwort von der lateinischen Sprache übernommen wurde2. Und obschon es sich bei San Juan de la Cruz nicht um ein Schlagwort handelt, hat er wegen eines derartigen Prozesses von Gedankenverbindungen zu dem Zweck über die Musik gesprochen, um den kosmischen Ausgleich auszudrücken, durch den die verschiedenen Wesen ein einheitliches Weltall bilden. Erörtern wir nun die Einzelheiten (und damit die Unterschiede). Die Seele hat, nach unserem Schriftsteller, «eine wunderbare Zusammenstellung und Anordnung der Weisheit in den Unterschieden aller Seiner Kreaturen und Geschöpfe» bemerkt. Das liegt nahe an den oben angeführten Ideen über einen Ausgleich von entgegengesetzten Elementen. Aber diese «wunderbare Zusammenstellung und Anordnung in den Unterschieden», dieses Gotteswerk offenbart die göttliche Weisheit. In diesem Zusammenhang kann man sagen, dass die Natur spricht; deshalb schreibt San Juan, dass sie alle und eine jede durch die ihnen eigentümlichen Stimmen kundtun, was in ihnen göttlich ist. Hierbei kann uns auch die Musik entgegentreten, «so dass es ihr die erhabenste musikalische Harmonie zu sein scheint». Auf diese Weise hat unser Mystiker im christlichen Sinne von der Weltharmonie und von der Weltmusik sprechen können, genau so wie die patristische Literatur musikalische Metaphern verwandte, um von der Weise zu reden, in der die Geschöpfe ihr göttliches Wesen offenbaren. Es sei uns nun gestattet, hierfür einige Beispiele anzuführen. Der griechische Apologet Athenagoras3 beschreibt das Weltall als ein Saiteninstrument, dessen Rhythmus ihn dazu zwingt, den Spieler dieses Instruments (d.h. Gott) wegen seiner Fähigkeit zu verehren. Clemens von Alexandrien sagt, dass Abraham Gott aufgrund der symphonía der Himmelskörper erkannte (Strom, 6, 10, 80, 3), und dieselbe Idee stellte Eusebius von Cäsarea, De laudibus Constantini, 11, 14, dar. Vorher hat Eusebius die Existenz Gottes mit Hilfe einiger Beispiele für die in der Verschiedenheit der Natur herrschenden Einheit bewiesen (vgl. Athanasius, Contra gentes, 36)4; dann aber beschreibt Eusebius die Weltschöpfung allegorisch wie die Erschaffung und Stimmung eines Musikinstrumentes5, und spricht ausdrücklich vom Sternlaufe als Anzeichen der göttlichen Weisheit. Das Sinnbild entwickelt sich in Kap. 12 (Abt. 10–11) von Eusebius’ De laudibus Constantini, wo wir lesen, dass der Logos die kosmische Leier schlägt und auf diese Weise die dem Vater angemessene Musik erklingt. Auch deuten die lateinischen Kirchenväter auf die

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Weltmusik als auf eine Metapher vom Ausgleich oder der Harmonie der Welt hin (vgl. Augustins De musica, 6, 11, und Epist., 3, 138, Kap. I, 5; Ambrosius Hexameron, 2, 2, 6–7). Wir wollen nun den pythagoreischen6 Ursprung dieser Weltmusik betrachten; denn zumindest schrieb Aristoteles den Pythagoreern eine ähnliche Lehre zu, wonach die Himmelskörper musikalische Töne erzeugten (De caelo, II, 9, 290 b 12-291 a 28; Metaphysica, Met., I, 5, 985 b 27-986 a 13). Diese Musik hört man nach San Juan de la Cruz nicht sinnlich, aber geistig. In seiner Erklärung des Verses «la soledad sonora» («die klingende Einsamkeit») sagt er: «Obschon diese Musik nach Massgabe der natürlichen Sinne und Fähigkeiten still ist, ist sie durchaus klingende Einsamkeit für die geistigen Fähigkeiten; denn weil sie einsam und frei von jeglichen natürlichen Gestalten und Wahrnehmungen sind, dürfen sie gut den geistlichen Sinn sehr laut im Vortrefflichkeitsgeiste von Gott an sich und an seinen Geschöpfen empfangen.» Wir haben gesagt, dass die Sphärenmusik nicht von den Sinnen wahrzunehmen ist7. Bei den alten Schriftstellern wird diese Musik nicht im normalen Bewusstseinzustand gehört: So hört beispielsweise im Traum des Er (Plato, Staat, 616c–617d) die Seele diese Musik im Jenseits, und dasselbe finden wir in der berühmtesten lateinischen Nachahmung des Traumes des Er (in einem anderen Traum, namentlich dem Traum des Scipio bei Ciceros De re p., VII, 18) und im Traume des Timarchos (Plutarch, De genio Socratis, 589f–592c). Ferner wird uns überliefert (in einem Scholion zur Odyssee, I, 371), dass Pythagoras nach dem Verlassen seines Körpers die Gestirnmusik hörte. Auf ähnliche Weise hat San Juan de la Cruz diese Weltmusik während einer mystischen Erfahrung gehört, und in seinem Gedicht ist davon genau in dem Teil die Rede, welcher der unio mystica gewidmet ist8, d.h. in dem Stadium, in dem die Seele sich ausserhalb des Körpers befindet. Es gibt allerdings einen Beiklang dieser Musik, den man fast nie im heidnischen Altertum, sehr häufig aber bei den Kirchenvätern finden kann. Die Weltmusik lobpreist Gott. Das wird, soweit wir wissen, nie von heidnischen Autoren gesagt und ist nur bei Philon von Alexandrien (vgl. z.B. De somniis, I, 6–7) zu lesen. San Juan de la Cruz gibt aber von sich aus an, woraus er diese Deutung der Weltmusik entnommen hat. Nach seiner Erklärung zum Vers «la soledad sonora» («die klingende Einsamkeit») ist die klingende Einsamkeit die der Seele, wenn diese einsam und entleert aller natürlichen Gestalten und Wahrnehmungen ist, «denn auf diese Weise darf sie den geistlichen Sinn sehr laut im Vortrefflichkeitsgeiste von Gott an sich und an seinen Geschöpfen empfangen, gemäss dem, was, wie wir oben gesagt haben, der heilige Johannes in der Apokalypse im Geiste gesehen hat, nämlich Stimmen der Harfenspieler, die auf ihren Harfen spielen9, was geistlich war, keineswegs von stofflichen Kitharen, sondern eine gewisse Erkenntnis der Lobpreisungen der Seligen, die stets jeder auf seine Weise Gott singt». Unser Autor hat auf Ap. 14, 2–3 angespielt. Es gibt noch mehrere biblische Vorbilder für den Gedanken, dass die Welt ein Lobpreis der göttlichen Weisheit darstelle: Nach Ps. 18,2 machen die Himmel den Ruhm Gottes bekannt; Ps. 148 wird die ganze Schöpfung ermahnt (in V. 3–4 sind die Sonne, der Mond, die Sterne und die Himmel erwähnt), Gott zu preisen. Und dieser Lobpreis ist musikalisch: In Dn. 3,62–3, wird die Sonne, der Mond und die Sterne ermahnt, Gott Hymnen zu singen. So glauben wir denn, dass San Juan de la Cruz die Weltmusiklehre aus der Bibel kannte, worauf die patristischen Deutungen auf die pythagoreische Lehre zurückgehen. Diese

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Weltmusiklehre war unserer Meinung nach den Griechen und den Juden gemeinsam; sie hatte aber bei den Juden viel stärkere theologische Konsequenzen als bei den Griechen. II. Variation: «Aquesta inmensa cítara» «Diese unermessliche Kithara» Fray Luis de León Auch Fray Luis de León spielt in seiner Oda a Salinas, V. 16–2510, auf die Sphärenharmonie «Traspasa el aire todo, an: hasta llegar a la más alta esfera, y oye allí otro modo de no perecedera música que es de todas la primera. Ve cómo el gran maestro, a aquesta inmensa cítara aplicado, con movimiento diestro produce el son sagrado con que este eterno templo es sustentado.» Sie strebt durch allen Dunst empor, bis sie auf höchster Höhe steht: dort lauscht sie einer Kunst die nicht im Wind verweht, die nach den ältesten Gesetzen geht. Sie sieht den Meister dann, wie er die ungeheuern Saiten schlägt und rührt sie kunstvoll an, dass sich hervorbewegt der Urton, der das ewige Bauwerk trägt.11 Und seinen Worten nach hat er diese Musik (V. 18ff.) während einer wenn nicht mystischen, so doch übersinnlichen Erfahrung gehört. Es handelt sich also um eine Erfahrung, die den Autor von der unmittelbaren Wirklichkeit entfernt, und dabei begreift die Seele eine vom Menschen in alltäglichem Zustand nicht erreichbare Erkenntnis (vgl. V 8–10): «torna a cobrar el tino y memoria perdida de su origen primero esclarecida» Und jetzt das ewige Ziel sie wiedersieht und find’t den Ort, wo ihre ersten Quellen sind. (Deutsch von Karl Vossler; vgl. Anm. 11). Hiermit weisen die Umstände, unter denen Er, Scipio und Timarchos die Sphärenharmonie hörten, eine grosse Ähnlichkeit auf. Ebenso wie die heidnischen Protagonisten (vgl. Pl., R., 617b; Cic., Somnium Scipionis, in De republica, VI, 18; Plutarch, De genio Socratis, 590c, und De sera numinis vindicta, 563e 10-f2) hörte Fray Luis de León diese Weltmusik nach den V. 16f., während einer Himmelfahrt.

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Die Anspielung geht weiter als bei San Juan de la Cruz und äussert sich in der schon im Altertum entwickelten Allegorie der Leier als einem Sinnbild der Welt, deren Spieler Gott ist. Wir haben oben einige klassische und patristische Texte erwähnt, durch deren Vermittlung die spanischen Autoren Kenntnis von diesem Sinnbild erhalten konnten. Nun ist allerdings zu bemerken, dass die Musik der Weltleier bei Fray Luis de León kein Loblied des Kosmos auf Gott ist, wodurch unser Dichter in grössere Ferne von der biblischen Gedankenwelt rückt, dagegen aber der griechischen Fassung der himmlischen Musik näherkommt. In dem vortrefflichen Kommentar von Dámaso Alonso12 werden zwar die Quellen nicht erwähnt, doch hat Alonso den pythagoreischen Ursprung des Leierbildes aufgezeigt und auf einige diesbezügliche Texte hingewiesen, die Fray Luis de León mit ziemlicher Sicherheit gelesen hat, und zwar u.a. die Schriften des heiligen Augustinus, über die wir schon im vorhergehenden Teil gesprochen haben. Der Einfluss des heiligen Augustinus auf einen Augustiner, dessen Temperament demjenigen des Bischofs von Hippo sehr ähnlich war, ist sehr wahrscheinlich. Das hat E. Orozco (1954, S. 154) bemerkt, der darauf hingewiesen hat, dass wir als weitere Quelle für Fray Luis mit grosser Wahrscheinlichkeit die Quaestio II des von Honorius von Autun, dem berühmten Platoniker des XII. Jh., verfassten Liber XII quaestionum (PL, 172, 1179) anzusehen haben. Andererseits ist Honorius von Autun der einzige Schriftsteller seines Jahrhunderts, von dem wir mit Sicherheit wissen, dass er Platon kommentiert hat13. SeineWerke wurden im XVI. Jh. herausgegeben und sehr häufig gelesen14. Neben einer allgemeinen Darstellung der Sphärenharmonielehre (De imagine mundi, 80-1, in PL, 172, 140), finden wir bei Honorius in der oben angeführten Stelle das Leierbild in einer Weise verwendet, die den Anschein erweckt, Fray Luis de León habe in der Oda a Salinas die Honoriusstelle übersetzt und in eine poetische Form gebracht. III. Variation: Johannes Keplers Harmonices Mundi liber V. Wir wollen nun das Werk eines Astronomen durchsehen, dessen Name wie kein zweiter in der abendländischen Kulturgeschichte mit der wissenschaftlichen Revolution verbunden ist. Diese wissenschaftliche Revolution bedeutet keinen Bruch mit der antiken Welt, da die Lehren von Galileo und Kopernikus ihren Zeitgenossen eine Wiederbelebung der pythagoreischen Wissenschaft zu sein schien15. Ganz allgemein stellt die Renaissance keinen Bruch mit der Vergangenheit dar; sie bedeutete vielmehr die Rückkehr zu Traditionen des Altertums, die im Mittelalter ihre zentrale Rolle eingebüsst hatten, nämlich die der (neu)platonischen und (neu)pythagoreischen Philosophie. So hatte z.B. Kopernikus die Idee der universalen Harmonie zum Fundament seiner Beweisführung zugunsten des Heliozentrismus gemacht, womit er die von Aristoteles bevorzugte sinnliche und empirische Betrachtung durch das rein mathematische Denken der platonisch-pythagoreischen Richtung ersetzte16. Er hatte Glück, denn die Tatsachen stimmten hiermit überein. Johannes Kepler hat, genauso wie Galileo und Kopernikus, mit modernen Elementen der Mathematik und wissenschaftlicher Methode auf den vorgefassten mystischen Ideen der Weltharmonie ein Gebäude errichtet, in dem sich zwei Denkweisen überlagerten17. Auf diese Weise hat Kepler nicht nur die nach ihm benannten Gesetze entdeckt, sondern auch an die Sphärenharmonie «geglaubt», von der er seine persönliche Auffassung im V. Buch

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seiner Harmonice mundi geäussert hat. Nach seiner Meinung entsprechen sich mit grosser Annäherung das Verhältnis zwischen den von der Sonne her gemessenen grössten und kleinsten Winkelgeschwindigkeiten der Planeten und das der Längen der Saiten, die, wenn sie geschlagen werden, Töne erzeugen, deren Frequenzen mit Vervielfältigungszahlen ausgedrückt werden können. Es scheint, dass die Sphärenharmonie bei Kepler kein Teil der mystischen Erfahrung, sondern das Ergebnis des mathematischen Denkens ist. Aber die Denkart Keplers war noch religiös, und in dem Proömion des V. Buchs seiner Harmonice mundi behauptet er, dass sein Werk ein Lobpreis der Vollkommenheit der göttlichen Schöpfung sei, und die Überschrift des 4. Kapitels dieses V. Buches sagt, dass die harmonischen Zusammenklänge von Gott selbst in den himmlischen Bewegungen ausgedrückt werden. Somit befindet sich auch Kepler in demselben Zusammenhang der biblischen und patristischen Vorstellungen, die wir in unseren I. und II. Variationen dargestellt haben. Der Anreiz zur Erforschung der Analogien zwischen den akustischen und himmlischen Erscheinungen fand Kepler im Werke eines Wissenschaftlers, der auch Vorurteile über die Harmonie des Weltalls hatte. Nach Keplers Selbstaussage im Proömium zum V. Buche der Harmonice mundi war die Anregung dafür die Lektüre einer vom bayerischen Kanzler geschenkten Handschrift der Harmonika von Klaudios Ptolemäos. Er wollte, so sagte er, das Werk dieses berühmten Astronomen den Fortschritten der derzeitigen Astronomie anpassen; denn er meinte, dass Ptolemäos wohl einen schönen pythagoreischen Traum verfasst, jedoch keinen wissenschaftlichen Fortschritt erreicht habe. Endlich bearbeitete er auch das «pythagoreische Thema» für die Musik seiner Zeit, als er in den 7. u. 8. Kapiteln des V. Buches seiner Harmonice mundi der Sternenmusik eine wirkliche Mehrstimmigkeit zuschrieb. Zum Ende dieses Beitrags möchten wir die von Kepler gelesene Ptolemäos-Handschrift identifizieren. Zu diesem Zweck folgen hier einige Worte zur Textüberlieferung der ptolemäischen Harmonika, III, 16, wo die Sphärenharmonie behandelt wird. Van der Waerden18 hat gezeigt, dass diese Stelle in der ältesten Familie der Handschriften dieses Werkes (der sog. m-Familie) fehlt; aber sie ist in der Handschrift der sog. Neapolitanus III C 4 ohne Erwähnung des Namens Ptolemäos erhalten. In der sog. f-Familie, die auf eine frühbyzantinische Ausgabe zurückgeht, ist dieser Text in III, 9 eingeschaltet. Da Nikephoros Gregoras (XIV. Jh.) bemerkte19, dass die Passage hier nicht am richtigen Ort stand, versetzte er sie in seiner Abschrift nach III, 16. Dass sich die Stelle aber auch hier nicht im richtigen Zusammenhang befinde, hat Jan20 mit sprachlichen Argumenten dargelegt: Die Verwendung des Wortes mousiké statt harmoniké; lógos análogos statt hóros análogos; diastémata lógon statt diaphoraí lógon. Also scheint es, dass die von Kepler gelesene Handschrift zur f-Familie gehören muss. Eine genauere Identifizierung ist aber problematisch, da wir vom Schicksal von Keplers persönlichem Bücherbestand nach dessen Tode keinerlei Kenntnis haben. Koda Diese Variationen über ein pythagoreisches Thema haben uns drei Beispiele für die Art und Weise vorgestellt, wie in der Renaissance ein klassisches Thema in den Bereichen der Mystik und der Wissenschaft wiedererscheinen konnte, nachdem sich diese Bereiche durch christliche und klassische Einflüsse einander angenähert hatten.

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Anmerkungen 11 vgl. MacLachlan, B., 1991, S. 10ff., und Verf., 1998 12 Seit Cicero wurde harmonía im allgemeinen «Zusammenstellung» genannt (z.B. bei Lukrez, IV, 1248), und im physiologischen («Ausgleich von den Körperteilen» (bei Cicero, Tusc., I, 14), psychologischen («Seele», Lukrez, III, 98–100) und musikalischen («Tonart», Cicero, Tusc., I, 41) Sinne verwendet (vgl. Luque Moreno, J., 1994, S. 118ff.) 13 Legatio, 16, 3. Der Gedanke, dass Gott aus seinen Werken zu erkennen sei, ist diesen Schriftstellern aller Wahrscheinlichkeit nach aus der Bibel (vgl. z.B. Sap., 13, 2) bekannt; er findet sich jedoch auch bei anderen Autoren (Cic., De nat. deor., 2, 7). Die Leier als Sinnbild des Weltalls tritt uns schon bei Heraklit entgegen und war auch im Altertum sehr geläufig (Alexander von Ephesos, Fr. 21 SH; Macrobius, I, 19, 15); in einigen heidnischen Zeugnissen dieses Sinnbildes ist genau davon die Rede, dass ein Gott diese kosmische Leier spielt (Scythinus, Fr. 1 West). vgl. unseren Aufsatz von 1995. 14 Enantíon syndromé, sagt Eusebius; im abendländischen Mittelalter sprach man von coincidentia oppositorum (Zusammenfallen entgegengesetzter Elemente); vgl. schon Heraklit, Fr. 8 u. 53 Dk, und 10 und 51 Dk, für die Musik und die Leier als Sinnbild dieses Zusammentreffens. 15 Die Weltschöpfung wird schon von Platon als die Bildung einer musikalischen Tonart beschrieben (Timaeus, 35b–36d). 16 Aber wir haben schon die Leier als Sinnbild der Welt auch bei Heraklit gefunden. 17 vgl. Aristoteles, De caelo, 290 b 12; Cicero, De re p., VI, 5, 18, und Censorin, De die nat., XIII, 1. 18 vgl. San Juans eigene Anmerkungen vor seinem Kommentare zu den Strophen. 19 Wir haben diese Übersetzung aus der Lutherbibel 1545 umgeschrieben (Internet http://home.tonline.de/home/Michael.Bolsinger/). 10 Über die textkritischen Probleme der V. 21ff., vgl. Alonso, A., 1950, S. 391ff.; Alonso, D., 11951, S. 183ff. von der im Literaturverzeichnis angeführten Ausgabe, und Orozco Díaz, E., 1954, S. 133f., die die Echtheit dieser Verse überzeugend festgestellt haben. Der Aufsatz von Orozco Díaz bietet einige Parallelstellen aus anderen Werken von Fray Luis de León an, wo die musikalischen Metaphern wiederholt werden, die zeigen, dass das Kitharabild mit dem Gedanken unseres Schriftstellers zusammenpasste. 11 Übersetzt von Karl Vossler: Luis de León, München, 1943. Wir danken Herrn Prof.Dr. Bernhard Teuber, der uns diese Übersetzung geschickt hat. 12 1950, S. 170–88 und 619–21 der im Literaturverzeichnis angeführten Ausgabe. 13 vgl. PL., 172, S. 47 A und 245–6 14 vgl. die Prolegomena zum 172. Bande der PL. 15 vgl. Burkert, W., 1962, S. 1 16 vgl. Garin, E., 1984, S. 266 u. 282 der spanischen Übersetzung 17 vgl. Koestler, A., 1959, S. 144 u. 152 der spanischen Übersetzung 18 1959, bes. 1846–7, und vgl. das Vorwort Dürings, I. (Hrsg.), 1930 19 Das bestätigt auch Jan, C. von, 1894, S. 33, Anm. 79, mit Hilfe eines von Wallis angeführten Scholions der Handschriften G und J. 20 1894, S. 34, Anm. 84 Literaturverzeichnis ALONSO, A., 1950: «Fray Luis de León: Ve cómo el gran maestro…», in Nueva Revista de Filología Hispánica, 4, S. 391–4 – 11950 (4. Nachdruck, 1987, aus der 5. Ausgabe, 1966): Poesía española. Ensayo de métodos y límites estilísticos, Madrid, Gredos. BOGAERT, P.M. et al. (Centre Informatique et Bible, Abbaye de Maredsous), 1987: Dictionnaire encyclopédique de la Bible. Turnhout, N.V. Brepols I.G.P. (von M. Gallart in spanisch übersetzt, von Isidro Arias durchgesehen, Barcelona, Herder, 1993). BURKERT, W., 1962: Weisheit und Wissenschaft. Studien zu Pythagoras, Philolaos und Platon. Nürnberg, Verlag Hans Carl. Engl. von E.L. Minar: Lore and Science in Ancient Pythagoreanism. Cambridge-Massachusetts, Harvard University Press, 1972. DGE = RODRÍGUEZ ADRADOS, F. (dir.) et al., 190ff.: Diccionario Griego-Español. Madrid, C.S.I.C. DUERING, I. (ed.), 1930: Die Harmonielehre des Klaudios Ptolemaeus. Göteborg, Elanders Boktryckeri Aktiebolag.

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FRAY LUIS DE LEÓN: Poesías, hrsg. von F. García, Madrid, B.A.C., 1957. GARIN, E., 1984: La revolución cultural del Renacimiento. Spanisch von Domènec Bergadà (aus der italienischen Ausgabe, Florenz, G.C. Sansoni SpA; Neapel, Morano Editore, und Rom, Gius. Laterza e Figli SpA, 1967–75), Barcelona, Crítica. GLARE, P.G.W., 1985 (rpr. de la ed. de 1982): Oxford Latin Dictionary, Oxford, Clarendon Press. JAN, C. VON, 1894: «Die Harmonie der Sphären», in Philologus, 52, S. 13–37 KEPLER, J., 1619: Harmonices Mundi libri V; vgl. Opera omnia, ed. de Ch. Frisch, Frankfurt-Erlangen, 1858–71. Engl. von WALLIS, CH.G., et al. (übers.): Ptolemy: The Almagest. N. Copernicus: On the Revolutions of Heavenly Spheres. J. Kepler: The Harmonies of the World, V. Chicago, Encyclopaedia Britannica Inc., Chicago, 1991 KOESTLER, A., 1959: Sleepwalkers. Londres, Hutchinson Publishing Group Ltd. Die dabei Kepler gewidmeten Kapitel sind in spanisch von D. de Santos übersetzt, unter dem Titel Kepler, Barcelona, Salvat, 1985 veröffentlicht. LSJ = LIDDELL, H.G.; SCOTT, R., y JONES, H.S., 1985 (Nachdruck der Ausgabe von 1940): A GreekEnglish Lexicon. Oxford, Clarendon Press. LUQUE MORENO, J., 1994: «Música celestial: astronomía y psicología en la teoría musical de los romanos», in PÉREZ JIMÉNEZ, A. (hrsg.), 1994: Astronomía y astrología. De los orígenes al Renacimiento. Madrid, Ediciones Clásicas, S. 111–142. MACLACHLAN, B., 1991: «The Harmony of the Spheres: dulcis sonus», in WALLACE, R.W., und MACLACHLAN, B. (hrsg.), 1991: Harmonia mundi. Musica e filosofia nell’Antichità – Music and Philosophy in the Ancient World, Rom, Edizioni dell’Ateneo, S. 7–19. MOLINA, F., 1995: «La analogía entre la lira y el Universo, en el pensamiento antiguo» («Die Analogie zwischen Leier und Kosmos im Denken des Altertums»), den 7. Juli 1995 in «Aetherea: el mundo celese en la Antiguedad» («Aetherea: die himmlische Welt im Altertum», von Centro Asociado de la U.N.E.D. «Lorenzo Luzuriaga» [Valdepeñas, Ciudad Real, Spanien] geleiteten, vom 5. bis zum 7. Juli 1995 ebenda stattgefundenen VII. klassisch-philologischem Studentenkolloquium) vorgetragen, in «Aetherea»: el mundo celeste en la Antiguedad. Actas del VII Coloquio de Estudiantes de Filología Clásica (Valdepeñas, 5–7 de julio de 1995) [= Universidad abierta. Revista de estudios superiores a distancia (publicaciones, serie R, núm. 15), 1995], S. 157–168 veröffentlichte Mitteilung. – 1998: «Somnium pythagoreum: en torno a la armonía de las esferas» («Pythagoreischer Traum: zur Sphärenharmonie»), den 30. September 1995 im IX. spanischen Kongress für klassische Studien (Madrid, vom 27. bis zum 30. September 1995) vorgetragen, in Actas del IX Congreso Español de Estudios Clásicos (Historia y arqueología), Madrid, Ediciones Clásicas, 1998, S. 187–192 veröffentlichte Mitteilung. – 1998b: «Variaciones renacentistas sobre un tema de Pitágoras» («Renaissance-Variationen über ein Thema von Pythagoras»), den 6. Juni 1996 im von der Universität León, Spanien, veranstalteten, vom 4. bis zum 8. Juni 1996 ebenda stattgefundenen internationalen Kongress über Humanismus und Renaissance vorgetragene, in Matas Caballero, J.; Trabado Cabado, J.M.; González Álvaro, Ma.L., y Paramio Vidal, M. (hrsg.), 1998: Actas del Congresso Internacional sobre Humanismo y Renacimiento, León, Universidad, II. Band, S. 509–517 veröffentlichte Mitteilung. OROZCO, E., 1954: «Sobre una posible fuente de Fray Luis de León. Nota a la estrofa quinta de la Oda a Salinas», in Revista de Filología Española, 38, S. 133ff. STRAYER, J.R. (hrsg.), 1982ff.: Dictionary of the Middle Ages. Nueva York, Charles Scribner’s Sons. SAN JUAN DE LA CRUZ: Obras, hrsg. von Ruano, L., 71973: Vida y obras completas de San Juan de la Cruz, Madrid, B.A.C. VV.AA., 1963: Enciclopedia de la Biblia, Barcelona, Eds. Garriga. WAERDEN, B.L. VAN DER, 1959: «Klaudios Ptolemaios, Harmonika», in Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Stuttgart, Alfred Druckenmüller Verlag, XXIII, 2, 1840–7 WEGE ZUR HARMONIK Rudolf Stössel Schriften über Harmonik Nr. 15, Bern 1987, Format 17x23,5 cm, 86 S., über 100 Abbildungen, broschiert, Fr. 27.–

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BÜCHERBESPRECHUNGEN Hans-Helmut Decker und Josef Escher (Hrsg.): Neue Klänge in der Medizin Dieser Bericht über ein vier Jahre dauerndes Projekt mit Musiktherapie an der internmedizinischen Abteilung des Kreisspitals Brig ist eine sammlung von Aufsätzen der beteiligten Personen und von Untersuchungsergebnissen. Er vermag in vielerlei Hinsicht zu beeindrucken: Da sind das begeisterte Engagement des Chefarztes und Hobby-Pianisten Josef Escher auf der Suche nach einem ganzheitlichen Konzept für die innere Medizin und die sorgfältige Planung und Durchführung unter der Leitung des Hamburger Professors für Musiktherapie Hans-Helmut Decker-Voigt, da staunt man über die intensive Zusammenarbeit zwischen den Ärzten, den Musiktherapeutinnen und dem Pflegepersonal und den Einbezug der Musiktherapeutinnen in die medizinische Fortbildung. Das Spektrum der Krankheiten auf der inneren Medizin ist sehr breit. Entscheidend für den Einsatz der Musiktherapie waren aber die besonderen Bedingungen bei jedem einzelnen Patienten, z.B. wenn die emotionelle, psychische Seite im Krankheitsbild eine wichtige Rolle spielte und wenn es darum ging, die Selbstheilungskräfte zu stärken. Zunächst war wichtig, dass die Musiktherapeutinnen für die Patienten Zeit hatten und sich ihnen zuwenden konnten. Durchschnittlich dauerte ein Spitalaufenthalt 14 Tage; die Patienten kamen 2 bis 4 mal wöchentlich in die Musiktherapie. Die Arbeit der zwei Musiktherapeutinnen mit psychoanalytischem Hintergrund umfasste weit mehr als eigentliche Musiktherapie. Zeitlich gewichtet standen an erster Stelle Gespräche (auch stützende Form), an zweiter Stelle kam rezeptive Musiktherapie (das gemeinsame Hören von Musik), an dritter Stelle psychotherapeutische Bearbeitung und erst an vierter Stelle aktive Musiktherapie mit dem Spielen von Instrumenten, schliesslich folgten Musikeinsatz zur Entspannung und Vorspielen oder Vorsingen. In den vier Jahren wurden 182 Frauen und 143 Männer musiktherapeutisch betreut, meist waren es Einzeltherapien. Der Einstieg erfolgte häufig über Entspannung, was den Weg zur rezeptiven oder gar aktiven Musiktherapie öffnete. Gelegentlich wurde einem Patienten eine vertiefte Psychotherapie empfohlen. Einen besonderen Stellenwert hatte die Musiktherapie bei den Chronischkranken und den Sterbenden. Therapieberichte legen davon ein bewegendes Zeugnis ab. Die Ergebnisse einiger medizinischer Untersuchungen belegen, dass mit Hilfe von geeigneter Musik vor und bei Eingriffen die Ausschüttung von Stresshormonen geringer ist, die Angst also abgebaut werden kann. Ferner können durch Musiktherapie die Immunabwehr gestärkt und die positiven Ressourcen des Patienten gehoben werden. Das geschilderte Projekt hat ohne Zweifel sowohl die Ärzte wie die Pflegenden für die psychischen Probleme der Kranken sensibilisiert und das holistische Verständnis des Menschen gefördert. Ernst Waldemar Weber

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Gottfried Bergmann • Evolution des Menschlichen Eine Studie zu unserer Herkunft. 91 S., kart., Freier Päd. Arbeitskreis, 8496 Steg, Fr. 28.– Die Blüte menschlichen Bewusstseins – Ein harmonikaler Zugang zur «Evolution des Menschlichen» Auch zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung stehen sich naturwissenschaftlich orientierte Evolutionstheorie und religiös fundierte Auffassungen unversöhnlich gegenüber, wenn es um die Frage nach Entstehung und Entwicklung der Menschen geht: Sind Menschen von Gott geschaffene Wesen, die sich von Tieren und der gesamten Schöpfung radikal unterscheiden? Gibt es also einen Bruch zwischen den Menschen und der Natur um sie herum? Oder sind sie vielmehr eine Spielform der natürlichen Artenvielfalt, welche die Evolution hervorbringt, und stimmen also wesentlich mit den Tieren überein? Gleichsam vermittelnd zwischen den religiösen und den naturwissenschaftlichen Sichtweisen bewegt sich philosophisches Fragen, wie es beispielsweise von Karl Jaspers als Grundzug jeder Philosophie umschrieben worden ist. Diesem Fragen nach dem Zwischen, nach den Übereinstimmungen wie den Unterschieden, nach dem Verbindenden und dem Trennenden ist auch Gottfried Bergmann verpflichtet. Dass er ein aufmerksamer und gründlicher Beobachter ist, hat er schon früher mit faszinierenden Pflanzenstudien bewiesen; gezeigt hat er dabei auch, wie aufschlussreich und ergiebig das Vergleichen und behutsame Verbinden von scheinbar Unverbundenem sein kann: Genau darum geht es aber in der pythagoräischen Harmonik, dessen Tradition sich etwa auch hans Kayser verpflichtet weiss. Gottfried Bergmann verzichtet zwar in seinem jüngsten Werk über die «Evolution des Menschlichen» auf explizite Bezüge zum harmonikalen Denken und Erkennen; implizit beruht seine Morphologie der Entfaltung menschlicher Phänomene freilich in mehrerer Hinsicht auf Erkenntnissen und Gedanken pythagoräischer Harmonik: So sind etwa die Betrachtungen zur Gesamtgestalt des menschlichen Körpers und der Vergleich von Körperproportionen und Goldenem Schnitt ebenso wie die vergleichende Darstellung von Tendenzen und Gegentendenzen, welche Motive der Gestaltbildung «in polarer Weise variieren und differenzieren», zweifellos harmonikalem Verständnis zuzurechnen. Darüber hinaus ist die Wahrnehmung von Ähnlichkeiten und Entsprechungen, das Gespür und Gehör für Resonanzen oder Anklänge im Sinne der Akróasis also, für Gottfried Bergmanns Auseinandersetzung mit menschlicher Entwicklung ebenso massgebend wie für die harmonikale Betrachtung und Deutung von Naturphänomenen und Kulturgestaltungen. Und hier liegt nun zugleich das Einzigartige und Besondere der vorliegenden «Studie zu unserer Herkunft» – in der vergleichenden Gegenüberstellung des Wachstums einer Blütenpflanze und der Phylo- wie der Ontogenese des Menschen: Eine Blüte – etwa beim Gold-Hahnenfuss – stellt nämlich sowohl einen ungeheuren Bruch mit oder Sprung aus der bisherigen Entwicklung der Pflanze dar, steht aber zugleich in einer natürlichen wachstumsfolge ebendieser Pflanze; genauso verhält es sich mit dem Erwachen menschlichen (Selbst)Bewusstseins – es entfaltet sich gleichsam natürlich im individuellen Werdegang und stellt doch gleichzeitig einen unerhörten Sprung aus oder Bruch mit der gesamten Entwicklung dar, weil hier die Natur gleichsam zu einem Bewusstsein ihrer selbst findet. Solcher Bruch oder Sprung bleiben rätselhaft, und es ist gerade eine der Qualitäten der Studie Gottfried Bergmanns, dass das Rätsel wohl gedeutet und in der Entsprechung von Pflanze und Blüte verstanden, aber nicht gelöst und schon gar nicht zerstört wird: Wo sich eine religiöse Weltsicht von der Natur abwendet, während die Naturwissenschaften sich analytisch und empirisch darin verbeissen, wählt Bergmann den Weg des Staunens und Fragens, des Vergleichens und Besinnens – einen harmonikalen Weg im besten Sinne des Wortes, dem zu folgen beglückend und bereichernd ist. Dr. Johannes Gruntz-Stoll

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Dr. phil. Lotti Sandt Mythos und Symbolik im Zauberberg von Thomas Mann Reihe Sprache und Dichtung, Paul Haupt Verlag, Bern und Stuttgart 1979, 365 S. statt wie bisher Fr. 45.– jetzt Fr. 25.– In Thomas Manns Novelle «Der Tod in Venedig» vollzieht sich der Übergang von einer naturalistisch-psychologischen Jugendphase zum Mythos. Die «Jaakob-Josef-Romane» sind nur noch vom Mythischen her verstehbar. Der «Zauberberg» steht mitten zwischen diesen beiden Romanen. Vom Gegenstand her sind im «Zauberberg» noch naturalistische Züge vorhanden, tatsächlich aber hat sich Thomas Mann bereits weit davon entfernt. Bei genauem Studium werden symbolische und mythische Zusammenhänge immer deutlicher sichtbar. Ihnen nachzuspüren und dazu eine neue Interpretation des Romans zu schaffen, ist die Aufgabe, die sich die Autorin gestellt hat. Im einleitenden Kapitel werden Betrachtungen über das Symbolische in Bezug auf den Roman dargestellt und die Verwendung der Symbole bei Thomas Mann sowie deren Verwandtschaft mit Goethes Symbolbegriff und u.a. dem Zahlensymbolbegriff z.B. bei Pythagoras, Dante u.a. Thomas Mann spielt im «Zauberberg» bewusst mit den Bezügen und Bedeutungsmöglichkeiten. Im zweiten Kapitel widmet sich die Autorin bereits einer ganzen Fülle von Bezügen und zeigt den Bedeutungsreichtum der Gegenstände im grossväterlichen Kabinett und vor allem der Taufschale. Taufe, Grals-Mysterien und Initiationsriten sind damit verbunden und der siebenjährige Hans Castorp, die Hauptperson des Romans, hat den Übertritt vom Kindes- ins Jünglingsalter vollzogen. Das Kapitel leitet über zur bedeutungsvollen Stelle im Roman, wo Hans Castorp vor einer neuen Einweihung steht, die sein ganzes Wesen steigern wird, nämlich die auf dem «Zauberberg». Das dritte Kapitel befasst sich mit Hans Castorps Reise in die Bergwelt. Die Autorin zeigt wie diese Reise mehr und mehr zu einer Hadesfahrt wird und schafft Bezüge zu Homer, Vergil und Dante. Als höchst beziehungsreich erweist sich das Sanatorium. Es ist Labyrinth, Felsengrotte, Höhle, wobei Vergleiche zum Palast von Minos, zum Hörselberg, zu Tannhäuser oder zur Venus erscheinen. Wichtig wird auch der Persephone-DemeterMythos, welcher sich auf die Gestalt der Clawdia Chauchat bezieht. Settembrini wird Hans Castorps «Vergil». Das vierte Kapitel ist dem Mondbezogenen im «Zauberberg» gewidmet. Der Raub der Persephone wird in Beziehung gebracht zu den Mond-Mythen. Beide gehören in den Bereich der Vegetationsmythen mit ihren Gezeiten und Zyklen. Auch ergeben sich Verbindungen zum ägyptischen Isis-Kult. Auf höchst originelle Weise erklärt die Autorin die Gestalt der Adriatica von Mylendonck und ihr zyklisch spriessendes Gerstenkorn aus den Gezeiten der Vegetationsmythen. Das fünfte Kapitel befasst sich mit der Musik im «Zauberberg» und ihrer symbolischen Bedeutung. Die Autorin weist auf die Wichtigkeit Richard Wagners für den «Zauberberg» hin, aber auch auf Nietzsches Kritik des Phänomens Wagner. So z.b. wird Settembrini seine Zweifel und seinen Verdacht gegenüber der Musik nie los und sieht in ihr eine fortschritts- und zivilisationsfeindliche Macht. Mit Settembrini befasst sich vor allem das sechste Kapitel. Er ist einer der wichtigsten Gestalten des Romans neben Hans Castorp. Er stammt aus der Zeit der italienischen Renaissance und zugleich aus der Zeit der Aufklärung; er kämpft für Zivilisation sowie für Fortschritt und Vernunft.

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Ausserdem weist die Autorin auf die Bedeutung Heinrich Heines für die Entstehung der Settembrini-Gestalt hin und im weiteren auf den Heine-Kult in Italien, dessen Haupt Carducci war. Settembrini, der Jünger von Carducci, wird dadurch als Mann der Freiheit, des Humanismus und der Humanität gezeigt. Von hier aus betrachtet die Autorin die Freimaurerei und das Illuminatentum und sie weist auf die mit Settembrini verbundene Lichtsymbolik hin. Sie stellt fest, dass Settembrini im hermetischen Raum des «Zauberbergs» der einzige weltzugewandte Mensch ist. Für die Bedeutung des «Zauberberg»-Romans ist das siebente Kapitel besonders wichtig: «Hermes». Der «Zauberberg» ist ein hermetischer Roman. Hermes-Merkur wird vorgestellt, der Mittler und Vermittler, der Meister im Kombinieren, Erfinder des logischen Denkens und der Schrift; der Begründer der Bücher des Wissens, vor allem des Geheimwissens mit Bezügen zu den magischen Wissenschaften der Alchemie und Astrologie. Auch wird Hermes als Führer des Menschen vorgestellt, vor allem auch als Seelenführer der Verstorbenen: Hermes Psychopompos. Der hermetische Raum des Zauberbergs ist auch ein Raum der Steigerung und der Einweihung, indem sich die Zeit auflöst. Besonders wird Settembrini unter anderem auch als Hermes-Verkörperung dargestellt. Das abschliessende Kapitel befasst sich mit Mynheer Peeperkorn, der im Roman erst spät auftritt. Peeperkorn ist die über den Gegensätzen stehende Persönlichkeit, in der sich Dionysos und Christus vereinen. In der Tat vollzieht Peeperkorn eine Art von imitatio Christi. Sein Ende aber bringt die Autorin in Zusammenhang mit den Eleusinischen Mysterien, wobei erneut Bezüge zu Demeter und den ägyptischen Isiskulten nachgewiesen werden, eine Bestätigung, wie Thomas Mann mit dem Mythos spielt und spielerisch umgeht. Am Schluss zeigt die Autorin mit einer Zusammenfassung den Erziehungsweg von Hans Castorp, der eine Folge von Stationen der Einweihung bis zum Ausbruch aus dem hermetischen Zauberberg nach dem grossen «Donnerschlag», dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs, ist. Die Autorin ist sehr belesen und hat im mythologischen Bereich ein grosses Wissen zur Verfügung, das ihr erlaubt, die Hintergründe und Verborgenheiten des «Zauberberg» auszuloten. Sie deckt auf, wie Thomas Mann sein Wissen in spielerischer Kombinatorik in sein Werk einfliessen lässt in Übertragungen und Andeutungen, als Variationen und ironische Improvisationen, mittels Montage oder mit Zitaten, deren Herkunft aufzufinden ist. Nicht zu unterschätzen sind auch die derbkomischen und humorvollen Passagen, die den Roman zu einer erquickenden Lektüre machen. Es steht ausser Zweifel, dass die Arbeit der Autorin wertvolle Resultate enthält, die der Leser, besonders was die Symbolik und den Mythos in diesem Werk von Thomas Mann betrifft, sich gerne aneigenen wird. Walter Ammann HANS KAYSER – Aus meinem Leben Schriften über Harmonik Nr. 26 200 S., 28 Abb., br., Bern 2000, Fr. 24.– Die rückhaltlose Offenheit in den beiden autobiographischen Fragmenten, die Ergänzungen durch seine Frau und verschiedene Briefwechsel mit Mäzenen und Freunden machen das Buch zu einer Fundgrube über den Menschen Hans Kayser. Im Gesuch an den Nationalfonds und auch andernorts wird sodann seine Harmonik auf engstem Raum zusammengefasst. Gottfried Bergmann

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Guy Planta Kritik der Trialogischen Vernunft Eine heliozentrische Hermetik, Zürich, 1997, 87 S., geb., Fr. 78.– Weisheit zwischen Vernunft und Natur – Harmonik, Hermetik und Trialogik als universelle Kosmologie Es gibt Bücher, deren Inhalt beim Lesen ohne weiteres zugänglich ist, und andere, deren Behalt sich der Leserin oder dem Leser erst bei der zweiten oder dritten Lektüre erschliesst; daneben gibt es auch jene eher seltenen Werke, auf welche die Bezeichnung «Buch mit sieben Siegeln» zuzutreffen scheint: Das Lesen gleicht hier dem Bezwingen eines märchenhaften Glasbergs, dessen glatte Steilhänge jedes Fortkommen verunmöglichen. Mit Guy Plantas «Kritik der Trialogischen Vernunft» ergeht es mir etwa so: Ich lese, lese wieder, folge den Gedanken, bewege mich auf abschüssigem Gelände und finde mich unversehens wieder am Anfang, komme nicht weiter und schon gar nicht zum Ende. Mein Lesebericht bleibt darum bruchstückhaft; denn ich vermute, dass mir Wesentliches der «heliozentrischen Hermetik» verborgen und verschlossen bleibt. Und dies obwohl zahlreiche Abbildungen, die mir grossteils aus anderen Zusammenhängen vertraut sind, die Lektüre begleiten; und obschon mir weder harmonikales Denken noch heliozentrisches Weltbild oder kosmologische Analogien fremd sind. Also lese ich nochmals, wandere durch Textkapitel und über Bildseiten, versuche den Gedankengängen des Autors Satz für Satz, Seite um Seite zu folgen und stosse schliesslich auf der Rückseite des Buches auf die folgenden wegweisenden Sätze: «Die Subjekt–Objekt-, bzw. Mann–Frau-Spaltung ist trialogisch, vierdimensional im Herzsonnenchakra unsterblich aufgehoben. Die Probleme und Chancen unserer Schwellenzeit zum Neuen –, zum Wassermannzeitalter, werden global, bzw. universell hergeleitet.» Hier finde ich zwar nicht den Schlüssel zum Verständnis des Buches, aber doch einen Hinweis auf die möglichen Gründe meines eigenen Unverständnisses: Verhaftet im Bisherigen und Herkömmlichen fällt es mir schwer, im Gefolge des Autors den «Durchbruch zur Zukunft zu wagen» und «in den Rhythmus der todlosen Herzensonne im Neuen Zeitalter ein(zu)schwingen». Denn es ist ein «neuer und uralter, ganzheitlicher Interpretationsschlüssel für das Lesen der Symbole und der Universellen Sprache», welchen der Autor mit seinem Werk vorlegt – also eine Verständnishilfe für die Geheimnisse des Universums, wie es die pythagoräische Harmonik als Kunst der Verbindung von Unverbundenem seit über zweieinhalb Tausend Jahren versucht. Vielleicht finde ich so doch noch einen Zugang zu Guy Plantas «Kritik der Trialogischen Vernunft». Dr. Johannes Gruntz-Stoll Robert Gansler Der Tarot als harmonikales Universalschema Vom Spiegel individueller Möglichkeiten zur «höheren Formel» des Weltverstehens Preussisch Oldendorf, Verlag für aussergewöhnliche Perspektiven, 2000, 204 S., Fr. Wer weder mit der Kabbala noch mit dem Tarot vertraut ist, begegnet im Buch des Entwicklungsingenieurs und Forschers Robert Gansler Geheimnissen, die sich interessierten Leserinnen und Lesern auch in einem zweiten und dritten Anlauf nicht ohne weiteres erschliessen: Sowohl der Tarot wie auch die Kabbala stellen – je für sich betrachtet – geheimnisvolle Deutungsversuche des Weltganzen mit vielhundertjähriger Überlieferung dar, welche sowohl esoterische Dimensionen wie auch exoterische Qualitäten besitzen. Wo sie aber harmonikal und holographisch, mathematisch und musikalisch interpretiert und mit den apokalyptischen Visionen, mit Farben und Klängen, mit Physik und Geome21

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trie in Verbindung gebracht werden, wie dies Robert Gansler im Hinblick auf eine «höhere Formel» des Weltverstehens unternimmt, da kommen zu den exo- und exoterischen Elementen auch Anforderungen an Wissen und Verstand, an fundierte interdisziplinäre Fachkenntnisse also und geschultes sprachlogisches Denkvermögen, die zugleich hoch und umfassend sind. Hier zeigen sich denn auch die Grenzen des vorgestellten ‘harmonikalen Universalschemas’: Für mich – als der Harmonik kundigen, an Kabbala und Tarot interessierten Leser – stellt Ganslers Arbeit ein Buch mit sieben Siegeln dar, von denen ich noch nicht einmal das erste gelöst zu haben glaube; vielmehr taste ich mich lesend und werweissend von einem Absatz zum nächsten, versuche Berechnungen, Gegenüberstellungen, Formeln und Schemata zu verstehen und bleibe ein ums andre Mal im Dickicht der Buchstaben und Zahlen, der Proportionen und Sätze hängen. Unter diesen Umständen ist es vermessen, eine Buchbesprechung zu verfassen, die mehr ausdrückt als eben diese Lektürerfahrung. Dass das Buch im ‘Verlag für aussergewöhnliche Perspektiven’ erscheint, dies immerhin lässt sich als zutreffend erwähnen: Denn in der Tat handelt es sich beim Versuch, vom Tarot als Spiegel individueller Möglichkeiten zu einem universalen Schema des Weltverstehens zu gelangen um ein einzigartiges Unterfangen und ein aussergewöhnliches Werk. Prof. Dr. Johannes Gruntz-Stoll Im letzten Augenblick vor dem Druck ergeben sich unerwartet noch anderthalb leere Seiten. Vielleicht können auch wir Sie mir einer kleinen Überraschung erfreuen, indem wir einen Brief von Hans Kayser an seinen alten Sigmaringer-Studienfreund wiedergeben. Herrn Johann Schmid Redaktor Schwäbische Zeitung D-Regensburg 10. Februar 1961 Mein lieber Johannes – Namensbruder in Christo, Mitstreiter auf diesem Planetenpunkt im Universo, den man, ins Komische übersetzt, nicht einmal mit dem stärksten Elektronenmikroskop entdecken würde – ja was sagst Du zu unserem Vornamen überhaupt? Erst in meinem «Greisenalter» beginne ich darüber nachzudenken und nahm mir neulich ein Lexikon vor. Da ist der erste Johannes, der Täufer, offenbar ein Fanatiker und wüster Kerle. Er frass Heuschrecken, machte sich auch sonst durchaus nicht beliebt und wurde von Herodes geköpft – ganz sicher nicht auf Wunsch der schönen Salome, sondern weil er ein verdammter Kommunist war; damals wie heute Grund genug zur Körperreduzierung. Der schlimmste unter allen Johanniden war aber Papst Johann der XXIII., der am Konstanzer Konzil abgesetzt wurde. Den Berichten nach ein richtiger Sauhund – offenbar hat der heutige Papst den Namen wieder aufgenommen, um ihn zu rehabilitieren. Der grossartigste Johannes war aber zweifellos der 4. Evangelist, dem die Religionswissenschaftler soviel Federn ausgerupft haben, dass er als Zeuge Christi schon fast anrüchig geworden ist. Für mich verkörpert aber dies 4. Evangelium den christlichen Gedanken in seiner herrlichsten Reinheit und Schönheit – «nuff sed» sagt der Engländer; ich weiss zwar nicht genau, was das heisst, nehme es aber als einen Schirm gegen alle weiteren Einwände. Und wir heissen einfach «Hans». Das hat so etwas Einfaches, Gemütliches, «thumbes», obwohl wir uns nichts darauf einbilden können: Denn es gab früher ganz verdammte «Hansen», siehe Zimmersche Chronik, die es ohne weiteres verdient hätten, um einen Kopf kürzer gemacht zu werden, aus umgekehrten Gründen allerdings wie der Täufer.

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Und nun schaue ich wieder auf Deine schöne Neujahrskarte mit den musizierenden Engeln, die schon 1 1/2 Monate auf meinem Schreibtisch liegt. Hast Du Dir die Hände der beiden Engel links unten und rechts oben einmal genau angesehen? Ist das nicht höchste, einmalige Meisterschaft und schon Musik an sich, ohne dass man sie hört? Übrigens wirst Du mir glauben, wenn ich Dir und den Deinigen ebenfalls alles Schöne und Gute wünsche, auch wenn es dich etwas verspätet erreicht. Das Leben ist nicht nur ein Jammertal, sondern hat, wie wir alle wissen, auch seine erfreulichen Seiten. Aber wenn man Kinder hat, funkt oft genug der Teufel dazwischen. An meine jüngere Tochter (44) hat sich in Turin, wo sie sich seit einem halben Jahr im Italienischen vervollkommnen will, ausgerechnet ein Ägypter (27) angehängt, lässt nicht locker und will partout heiraten. Vater ein reicher Baumwollhändler in Kairo und Araber, Mutter eine Türkin. Resultat: ein sympathischer aber vollkommen verzogener und indolenter Junge, der nichts lernen will, sich für nichts interessiert und nur in Kaffeehäusern herumsitzt. Ruth hat das Menschenmögliche versucht, um ihn zu einem Examen (Druckereibranche) zu bringen – aussichtslos. Neulich zog er in Turin um und hatte seinen Gebetsteppich verloren. Als Ruth zu ihm kam, kniete er völlig verzweifelt auf dem Boden und leierte eine Sure nach der anderen herunter. Da nahm sie ihn am Kragen, stellte ihn auf die Beine und schleppte ihn von einem Polizeiposten zum andern, bis sie mit zwei Operettenpolizisten zu seiner früheren Pension kam. Der Teppich kam da plötzlich zum Vorschein. – Hoffentlich geht das alles gut aus – aber was willst Du machen? Ruth hat meinen Kopf – «Gring» wie man hier sagt – und da weiss ich selber am besten, dass alle Ratschläge in den Wind gesprochen wären. Meine einzige Hoffnung besteht darin, dass es dem Papa Mohammed endlich zu dumm wird, seinem Sprössling Ali noch weiter Geld zu schicken, wenn er endlich einsieht, dass da Hopfen und Malz verloren ist. Leider hat der Ali hinten im Sack immer ein langes Messer und rollt die Augen, wenn andere Männer Ruth ankieken. Wir schrieben Ruth, sie möge, wenn sie mit ihren Studien fertig ist, Turin bei Nacht und Nebel verlassen und hierherkommen. Hier in der Schweiz kann der Ali nicht leben, da Ägypten nur nach Italien Devisen ausführt, für Studenten. Na, Du siehst, lieber Freund, auch wir haben unsere Sorgen. Es sind weitaus nicht die einzigen, aber die «laufenden», sozusagen. – Ja, und was tut man sonst? Ich arbeite immer noch an meinem letzten grossen Werk, der «Harmonikalen Symbolik». Ich werde wohl noch bis Ende meines Lebens daran arbeiten, was aber mindestens noch 10 bis 15 Jahre benötigt. Ob mein Atem dazu ausreicht? Momentan sieht es nicht danach aus. Erst jetzt stellte es sich heraus, dass ich von unserer Griechenlandreise einige nette und für die Bakteriologen höchst interessante Bazillen im Blut mitgebracht habe – daher auch meine andauernde Müdigkeit. (Zwei verschiedene Paratyphusbazillen.) Nun heisst es, diese herauszubringen, aber das erfordert eine Kur und dazu muss ich erst das Geld zusammenscharren, da wir hier in keiner Krankenkasse sind. Sonst habe ich mich von Radio Basel überreden lassen, einen Kurs von 6 Vorträgen über die Harmonik aufs Band zu sprechen – dies geschieht am nächsten Dienstag, ausgerechnet an der Fastnacht! Als Symboliker denke ich tief darüber nach, welcher Form der Narrheit meine Harmonik zuzuordnen wäre, bin aber noch zu keinem Schluss gekommen. Höchst einfach wäre es ja zu sagen, dass Jeder eine Narrenkappe trägt und insbesondere die heutige Weltpolitik eine einzige Fastnacht am laufenden Band ist. Aber bringt das einen weiter, und – wozu schreibt man Bücher? Wozu schreibt man Bücher? Wie stehts mit den Deinigen? Hat der Verleger am Bodensee weitergemacht und Deine und Gabeles Werke weiter herausgebracht? Ich weiss gar nichts und mir scheint, es ist höchste Zeit, dass ich wieder einmal mit Dir fische und in Wangen Leberkäs esse! Wenn ich den grandiosen Bazillenmord hinter mir habe, dann sicher im Spätsommer oder Herbst. Schon um den Lobgesang der Frösche in Eurem Weiher wieder einmal zu hören, ein einzigartiges Phänomen, welches mich, wäre ich ein Romanschriftsteller, sicher zu einem dreibändigen Opus angeregt hätte oder haben würde! Nun sei mit Deiner lieben Frau und Deinen Kindern aufs herzlichste gegrüsst, und schreibe bald einmal wieder! Dein alter Hans