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View in PDF(opens in a new window)Jahnn
Franz Paul Lachner (1
Complete Organ
Innegrales
des oeuvres
Sämtliche Orgel
Prelude and Pages (1356)
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je auskommen? (Quelle wird ergänzt)
Selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass kein Orgelbauer des 18. oder 19.Jh.bewusst
und kenntnisreich irgendwelchen Ästhetiken hinterhergelaufen ist, sondern, dass harmonikale
Grundsätze genauso wie die daraus resultierende Geometrie im Menschen verankert sind wie
Archetypen, wie Grundmuster, mit denen die Menschen über Raum und Zeit hinaus miteinander
verbunden sind.
Schon lange überlegte ich mir, wie unbedarft wir doch im Orgelbau seit dem Verblassen der
„Harmoniker“ und ihren Lehren vor uns hinwurschtelten, ohne jemals in die tiefen Hintergründe
hinabzuspäen, aus denen solche großartigen Orgelprospekte hervorgegangen sind, wie die
Orgel der Marienkirche in Lübeck (1492), Orgel im Mailänder Dom (1610), Orgel in Siena (1518)
um nur ein paar Werke zu nennen. Noch düsterer stellt sich die Behandlung dar, welche den
klanglichen Teil der Orgel ausmacht: "es wurde nie ein gründliches Buch über Orgelmensuren
geschrieben, weil der harmonikale und geometrische Aspekt dieser Sache völlig ignoriert
wurde." Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass Klaus-Jürgen Sachs, in Mensura
fistularum, die Mensuren des Mittelalters erschöpfend dargestellt hat. Die phytagoräischen
Grundlagen werden von Sachs eindrucksvoll wiedergegeben. (Klaus Jürgen Sachs, Mensura
fistularum, Die Mensurierung der Orgelpfeifen im Mittelalter, Murrhardt 1980, siehe auch
Nachträge)
Es gibt Orgelgestaltungen, die sagen uns den Klang, der sich hinter der Fassade verbirgt, und
die sprechen in solch klarer Proportionierung zu uns, dass uns die zweifache Proportionierung
der Orgel in Architektur und Klang doppelt angenehm in Erinnerung bleibt. Oft aber ist es nur
eine Dimension, der Klang oder die Gestalt. Dass die Orgel zweigesichtig ist, und diese beiden
Dimensionen ebenfalls in Proportion zueinander stehen können, dies ist ihr großes Geheimnis,
und wir wollen mit unserer Arbeit besonders auf dieses "klingende Bild" hinweisen.
Die Gründe, warum der heutige Orgelbauer sich nicht mehr an historischen Proportionen anlehnt
sind nur schwer zu durchschauen. Einesteils möchte der Gestalter sich modern geben, das heißt
„Originalität“ um jeden Preis produzieren, andererseits verschwendet er nicht eine Sekunde Zeit
damit, seine Gegenwartsbezogenheit zu untermauern, indem er historische Wurzeln zur
Diskussion freigibt. Dieses Paradoxon geht so weit, dass wir im modernistischsten Orgelwurf oft
das platteste Dispositionsschemata vorfinden. Außerdem sind einfach grundlegende
Proportionsgesetze dem Orgelbauer heutzutage unbekannt. Diesen Umstand habe ich auch bei
mir selbst feststellen müssen, weswegen ich meine gesammelten Erfahrungen in einem
komplexeren Artikel fassen und vorstellen möchte, was nicht Gegenstand dieser kürzen
Erläuterung sein kann.
Maßlos, zahllos, gottlos....Begriffe, wie wir sie schnell auf unsere heutige Zeit übertragen, aber
damit haben wir schon einen Zipfel der Wahrheit gefasst: es ist nur schwer vorstellbar, dass es
eine Welt gibt, in der Harmonie, Maß, Zahl und Proportion herrschen, in der es aber keinen Gott
geben soll. Proportion ist sehr klar vorstellbar, wenn wir Gott und den Menschen als sein Abbild
erblicken. Der von Gott abgefallene Mensch fällt von der Proportion ab, er ist ohne Harmonie, er
wird maßlos.
Aus diesem Grunde entstammen alle grundsätzlichen Proportionslehren aus Zeiten und Völkern
die tief in einem Gottglauben verankert waren. Ignoriert man dieses übergeordnete Glaubensoder Denksystem, und interessiert man sich nur für das rein technische Verfahren der
Proportionserstellung, so gewinnt man keinerlei wesenhafte Idee[5].
Hier zunächst ein Geschichtsrückblick. Wie alles Wesentliche in unserer europäischen Kultur
stammt auch das Wort harmonia aus dem Griechischen, es bedeutet, Anpassung, Verbindung,
Verknüpfung, Vereinigung von verschiedenen oder entgegengesetzten Dingen zu einer
geordneten Ganzheit. Mit diesem Wort können wir auch unsere Orgel umschreiben. Für
Athanasius Kircher(1601-1680) [6] wird die Orgel zur „Harmonia Nascentis Mundi“, einem
tiefgründigen Symbol, bei der Gott zum Orgelbauer und Organisten wird. (Abbildung OrgelWeltenharmonie)
In der griechischen Mythologie ist Harmonia (Mythos der Harmonia siehe Nachträge) die
Tochter des Zeus und Mutter der Musen. Als Beschützerin und Bewahrerin der Wissenschaften
und Künste genießt sie so höchste Verehrung. In allen Mythen[7] erscheint Harmonia als aus
Wesenverschiedenheiten erwachsen in Schönheit übergehend, aus Gegensätzlichem
entstehend.
Auf diesem Mythos der Harmonia bauen die Phytagoräer ihre grundlegende Verbindung von
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Harmonie und Kosmos zu einem umfassenden Weltbild aus[8]. Phytagoras von
Samos(ca.550v.Chr.)und seine Schule begründeten einen neuen Harmoniebegriff darin, indem
dieser mathematisch fassbar gemacht wurde. Sie glaubten in den Zahlen, in der Mathematik
seien alle Prinzipien des Seins festgelegt. Mit dem Urgrund der Welt drückt sich in der
musikalischen Harmonie die metaphysische Ordnung aus[9].
Die beiden griechischen Philosophen Platon(427-347v.Chr.) und Aristoteles(384-322v.Chr.)
erheben Harmonie zu einem Universalbegriff. Platon[10] übernimmt die phytagoräische
Konzeption der Zahlenharmonie und baut sie weiter aus. In seinem letzten Werk, dem Timaios,
beschreibt er die Schöpfung der Weltseele, die Gott nach den Idealzahlen bildet. Die Idealzahlen
der berühmten „Timaios-Tonleiter“ entsprechen den musikalischen Konsonanzen, bilden eine
absolute Harmonie[11]. Die Harmonie der Weltseele findet nach Platon ihr Abbild in der
menschlichen Einzelseele, und dass der Mensch mit Sinn für Ordnung, Maß, Proportion und
Harmonie ausgestattet ist, sei ein Zeichen seiner Verwandtschaft mit den Göttern[12]. Außer in
der Timaios-Tonleiter nennt Platon im Dialog „Menon“ geometrische Formen, aus Dreiecken und
Quadraten gebildete Körper[13].
Endlich kommt mit dem Römer Vitruv[14](1.Jh.v.Chr.), mit dessen Architekturtraktat uns das
einzige Schriftstück der antiken Schönheitslehre erhalten bleibt, eine Person ans Licht, die unter
hellenistischen Vorstellungen systematisch Proportion und Baukunst der Antike erläutert. Hier
taucht erstmals der Begriff „Symmetrie[15]“ auf, der allerdings das rechte Maßverhältnis
bezeichnet anstelle der uns bekannten „Spiegelbildlichkeit“. Eurhytmie, was sich von
Rhythmos ableitet, kehrt ein, und wird später von Schiller mit „Anmut“ und „Würde“ übersetzt.
Es gestaltet sich im Zuge der Aufklärung recht schwierig die erweiterten „Harmoniebegriffe“
angemessen zu übersetzen: „anständig, angemessen, geziemend etc.“ sind Beispiele dafür, wie
man vom Griechischen ins Lateinische und dann später ins Deutsche Erscheinungen der
Harmonie mit dem Wort darzustellen versuchte.
Wichtig ist, dass mit Vitruv ein Kompendium an antiker Schönheitslehre sich findet unter dem
pythagoräisch-platonischen Leitgedanken einer objektiv-gesetzesmäßigen, auf Zahlen und
Proportionen beruhenden und auch verstandesmäßig erfassbaren Schönheit. Diese objektive
Schönheit triumphiert vor jedem Individualismus, der ein Kennzeichen unseres heutigen
Zeitalters ist, wenn man diese beiden Zeitalter miteinander vergleicht.
An der Schwelle von der Antike zum Mittelalter wendet sich Plotin (205-270n.Chr.)gegen die
Vorstellung „Schönheit sei Übereinstimmung von Teilen“, seiner Ästhetik nach sei Schönheit eine
Qualität, deren Quelle Geist und Seele sei. Schönheit sei sinnlich erfahrbar.[16] Hier liegen die
Wurzeln der späteren mittelalterlichen Mystik.
Auf der Plotinschen Emanationsvorstellung, welche die Ausstrahlung des absoluten Schönen
auf die irdische Schönheit reduziert, und den nachfolgenden Gedanken und Erläuterungen vieler
mittelalterlicher Denker[17] und Kirchenväter beruht hauptsächlich die Ästhetik des gesamten
Mittelalters. Aus dem jüdischen Weisheitsbuch und dem Phytagoräismus entwickelt sich das
mittelalterliche Weltbild, welches in dem Satz des liber sapientiae[18] gipfelt: „alles hast Du nach
Maß, Zahl und Gewicht geordnet.“ Wie Athanasius Kircher, der Gott als Orgelbauer und Organist
sah, schildern die Platoniker der Kathedralschule von Chartres gegen Ende des 12.
Jahrhunderts Gott als Baumeister, der die Welt im wesentlichen nach mathematischen Gesetzen
schafft.
Der italienische Humanist, Baumeister und Universalgelehrte Leon Battista Alberti(1404-1472)
[19] war der erste bedeutende Theoretiker der Renaissancearchitektur. Er entwarf Bauwerke in
reinem Klassizismus, die auf planmässigen Studien der Architektur der klassischen Antike
beruhten. Sein Gedanke zur Schönheit ist von Musik durchwoben: „Die Schönheit ist eine
gewisse Übereinstimmung und ein Zusammenklang der Teile zu einem Ganzen gemäß einer
bestimmten Zahl, Proportion und Ordnung, so wie es die concinnitas, d.h. das absolute und
oberste Naturgesetz fordert“. … dass dieses Gesetz in der Musik und ihren Zahlenverhältnissen
seine klarste Ausprägung erfahren habe.“[20]
gwm 28.x.2004
(Ende des I.Teils)
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Fussnoten :
[1] in Hans Henny Jahnn, Fluß ohne Ufer, Eine Dokumentation in Bildern und Texten, Band 1 der
Schriftenreihe der Hamburgischen Kulturstiftung Dölling und Galitz Verlag, Seite 284
[2] „Dem Zerschlagen der Harmonik durch Insekten gemäß, den mechanischen Ekstaseapparat
aus dem Perrudja alludieren und so eine Entwicklungs-, die Verfall-Linie ist, aufzeigend,
destruiert und entlarvt Jahnn im Februar-Kapitel die Harmonik endgültig durch eine Maschine.“
Seite 286. Als einen besonderen Witz sehe ich es, dass mir vor einigen Wochen ein Aufsatz
über „Insektenverhalten“ gelang, mit der Absicht „schematisches Verhalten“ zu kritisieren, das
der menschlichen Wärme entbehrt. Und hier habe ich auf eine bestimmte Art von
Orgelsachverständigen gezielt, ohne jedoch zu wissen, dass sich Jahnn intensiv mit dieser
Materie „Insekten“ auseinandergesetzt hat.
[3] OW an Dr. Hans Kayser, unveröffentlichter, Auszug:“ Ich habe mit Prof. Dr. Gurlitt in
Freiburg(Breisgau, dem ich auch Ihre Adresse verdanke, schon eingehend über dieses Problem
gesprochen. Er ist der Meinung, dass bei dem rein harmonikalen Fragen, auch die
geschichtlichen und traditionellen Momente beim Entwerfen von Orgeldispositionen keinesfalls
über Bord geworfen werden dürfen.
[4] Hans Kayser, Grundriss eines System der harmonikalen Wertformen, Seite 117
[5] Paul von Naredi-Rainer, Architektur und Harmonie, Seite 11 „Jede noch so scharfsinnige
Entschlüsselung verschiedener im Laufe der Architekturgeschichte angewandter, of
geheimnisumwitterter Entwurfs-und Proportionierungsverfahren muß vordergründig bleiben,
wenn man diese Verfahren nur als technische Hilfsmittel betrachtet und ihren tieferen Sinn
übersieht, die Idee einer höheren Ordnung und Harmonie auf die Architektur zu übertragen bzw.
diese Idee in der Schönheit der Architektur Ausdruck zu verleihen.
[6] Athanasius Kirchner, Musurgia universalis, Rom, 1650 (von der wunderbaren Kraft der
Wirkung der Konsonanzen und Dissonanzen) entwickelt Kircher die Vorstellung von Gott als
Orgelbauer und Organist und parallelisiert das Sechs-Tagewerk der Schöpfung mit den sechs
Registern einer Welt-Orgel. Wie Fludd teilt Kircher die verschiedenen Zonen von Himmel und
Erde in Oktaven ein. Die Kunst des Organisten erschließt sich vor allem in der
Zusammenstimmung der vier Elemente untereinander. MGG: Kircher war einer der großen
Universalgelehrten seiner Zeit wie Mersenne, Fludd oder Kepler. Im Rahmen seiner naturwiss.,
hist. und geographischen Interessen ist die Musik nur ein Teilgebiet. Hier wie in anderen
Gebieten suchte er das Wissen seiner Zeit zusammenzutragen. Sein musik. Hauptwerk ist die
Musurgia Universalis.
[7] Hesion, Theogonie 937 (Pindar, Aischylos, Euripides, Apollodor, Diodor, Ovid etc.)
[8] Burkert, Walter, Weisheit und Wissenschaft. Studien zu Phytagoras, Philolaos und Platon,
Nürnberg 1962 und Haase, Rudolf, Geschichte des harmonikalen Phytagoreismus, Wien 1969 –
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Neue Forschungen über Phytagoras, in : Antaios 8/1967, 401-420
[9] Naredi-Rainer, Architektur, Seite 13“Entscheidend für den Ausbau der Phytagoräischen
Zahlenlehre war die Entdeckung der wechselseitigen Entsprechung von Tönen und Zahlen.
Schwingende Saiten erklingen in musikalischen Intervallen, wenn ihre Längen zueinander in
einfachen Zahlenverhältnissen stehen: Beträgt das Verhältnis 1:2, hört man die Oktave, bei
Verhältnis 2:3 eine Quinte, beim Verhältnis 2:4 eine Quarte etc. . Es ist anzunehmen, dass die
allgemein der phytagoräischen Tradition zugeschriebene Entdeckung der Analogie von Tönen
und Zahlen im Orient schon längst bekannt war. Entscheiden aber ist die Erklärung dieses
Phänomens durch die Phytagoräer. (Frank 1923), (Burkert 1962), (Haase 1967)
[10] Ernst Sack, Platons Philosophie der Musik, liegt mir in einem konzeptionellen Aufsatz über
66 Seiten vor, und beschreibt alles Wesentliche Platons Musik betreffend.
[11] Meyer, Bonaventura OSB, APMONIA, Bedeutungsgeschichte des Wortes von Homer bis
Aristoteles, Zürich 1932 „So bildet die Weltseele gleichsam das Substrat der Idealzahlen und
umschließt als Harmonie (Oktave) alle Konsonanzen dieser Tonleiter. Sie ist die Harmonie
katexochen und wird damit zum Inbegriff der Platonischen Harmonie nach den verschiedensten
Gesichtpunkten: etymologische Harmonie als Idealzahl, musikalische Harmonie als
Oktavenkonsonanz, musikalische Harmonie im eigentlichen Sinn von Tonleiter (Inbegriff der
musikalischen Intervalle in der absoluten Tonleiter)“
[12] Platon, Nomoi
[13] Platon, Timaios und Platon, Menon
[14] Vitruvii de architectura libri decem
[15] Vitruv I/2,4(1964,29)“Symmetria… ist der sich aus den Gliedern des Bauwerks selbst
ergebende Einklang und die auf einem berechneten Teil(modulus) beruhende
Wechselbeziehung der einzelnen Teile für sich gesondert zu Gestalt des Bauwerks als Ganzem.“
[16] Plotin, Enneaden
[17] Pseudo-Dionysius, De divinis nominibus. Augustinus(354-430),De ordine. Thomas von
Aquin(1224-1274). Bonaventura(1217-1274)
[18] liber sapentiae 11,21: „Omnia in mensura et numero et pondere disposuisti.“
[19] L.B.Alberti, de re aedificatoria libri decem
[20] Wittkower, Rudolf: Grundlagen der Architektur im Zeitalter des Humanismus, München 1969
Nachträge
Klaus Jürgen Sachs, Mensura fistularum. Band 2, Seite 120: Schon die Akusmata, der
älteste (seit um 400 v.Chr. greifbare) Niederschlag pythagoreischer Lehre in Form von Leitsätzen
und Sprüchen (Burkert), enthalten "jene Formel, die als Inbegriff pythagoräischer Weisheit galt:
die Tetraktys"; sie wird mit dem Delphischen Orakel in Verbindung gebracht und umschrieben
als "Harmonie, in der die Sirenen singen". (nach Kayser "die Harmonie, bevor die Engel
sangen", der es von Dante ableitet, mit dem ausgesagt werden soll, "die Gesetze der Musik sind
ewig"[gwm]) Wie die Folgezeit enthüllte(..ich meine, wie die Harmoniker von Thimus, Kayser und
Haase enthüllten [gwm]), verbarg sich hinter dem Geheimnis der Tetraktys die "Vierheit" der
Zahlen 1-2-3-4. Mannigfache Beziehungen und Bedeutungen verliehen ihr Sinnfülle: der
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Symbolgehalt der Vier, die Folge einfachster Zahlen, das "Ungerade" und das "Gerade"
vereinigend, die figürliche Abbildbarkeit im "vollkommenen Dreieck", die Summe Zehn als Chiffre
für die gesamte Natur der Zahlen, nicht zuletzt die in Reihe enthaltenen Intervallverhältnisse von
Oktave(2:1), Quinte(3:2) udn Quarte(4:3). Dass im Pythagoreerkreise der Eid geleistet wurde bei
Pythagoras (i h m, denn man nannte nicht seinen Namen [gwm]) als demjenigen, "der unserem
Geschlecht die Tetraktys überbrachte", zeigt ihre Dignitität.
Sachs, Band 2 Seite 122 geht weiter auf die musikalische Variante der Tetraktys ein, die in
den "Harmonikalen Studien" von Theo Reiser, Das Geheimnis der Pythagoräischen Tetraktys,
Verlag Lambert Schneider, 1967 und Julius Schwabe im Symbolon, Jahrbuch für
Symbolforschung ausführlich behandelt wird. Grundlage hierfür war die Entdeckung Hans
Kaysers, dass die pythagoräische Tetraktys in Raffaels "Schule von Athen" in einer gemalten
Tafel enthalten ist, die eine Person dem Philosophen Pythagoras vorhält. Erst später entdeckt
Schwabe, dass bereits der Kunstschriftsteller Anton Springer im Jahre 1883 diese Tafel fand und
veröffentlichte, ohne allerdings genau zu wissen, um was es sich hier handelt. Kayser glaubte in
der Raffaelschen Tetraktys die "esoterische" Variante gefunden zu haben, während er das pyth.
Dreieck als exoterisch "für die Dummen" benannte, das ihn nicht weiter interessierte. In meinen
weiteren Nachforschungen fand ich zufällig heraus, dass bereits William Oughtred in seinem
Werk "Key of Mathematics" erschienen 1701, eine exakte, aber spiegelbildliche Kopie und damit
verdrehte musikalische Variante der Tetraktys darstellt. Oughtred nennt die Autoren "antike
Schreiber" und es sind auch Fehler in der Darstellung der Intervalle enthalten, ohne sie als
solche zu benennen und auch ohne das "vollkommene Dreieck" zu erwähnen. Sicher ist, dass
Oughtred andere Quellen besaß, was den Eindruck bestätigen könnte, dass diese Tetraktys ein
gängiges Symbol im Mittelalter bis zur Renaissance war. Der interessante Aspekt bei Sachs ist,
dass er all die mathematischen Reihen, welche durch die Tetraktys dargestellt werden können,
ausgiebig erläutert. Die Darstellung der Tetraktys und ihre Verwendungsmöglichkeit im Orgelbau
sowie das aus dem Tetraktys sich ableitende Lambdoma soll an späterer Stelle gründlich
untersucht werden. [gwm]
Abbildung der Raffaelschen Tetraktys
Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie, Quellen und Deutung, rororo 1994,
beschreibt auf Seite 177 den Mythos "Kadmos und Harmonia".Nachdem Kadmos in die
Mysterien, die Zeus Iasion gelehrt hatte, eingeführt war, heiratete er Harmonia, die Tochter der
Aphrodite. Dies war die erste Hochzeit eines Sterblichen, an dem die Olympier teilnahmen.
Aphrodite schenkte Harmonia das berühmte goldene Halsband, das seinem Träger
unwiderstehliche Schönheit verlieh, dazu einen Satz Flöten. Hermes schenkt ihr eine Leier. Die
Mutter Iasions lehrte sie die Riten der Großen Göttin. Dionysos prophezeit Kadmos und
Harmonia das Herrschertum über die Barbaren.
Schwaebische Orgelbaukunst von Willibald Gurlitt