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Band VII (1994)Spalten 1045-1049 Autor: Adolf Lumpe
PTOLEMAIOS, Klaudios [Claudius Ptolemaeus], griechischer Astronom, Geograph, Physiker,
Philosoph und Astrologe, * um 100 n.Chr. in Ptolemaïs in der Thebais (Oberägypten), † um
178 in Alexandria. - P. studierte und wirkte in Alexandria. Sein berühmtestes Werk ist eine
systematische Darstellung der Astronomie in 13 Büchern. Im Gegensatz zu Aristarchos von
Samos und Seleukos von Seleukia, die bereits das heliozentrische Weltbild vertreten hatten,
hält P. am geozentrischen System in der Form, die ihm Hipparchos von Nicäa gegeben hatte,
fest: die Erde ruhe unbeweglich im Mittelpunkt des Weltalls; um sie drehe sich die Sonne in
einem exzentrischen Kreis; Mond und Planeten bewegen sich nach diesem System auf
Epizyklen, deren Mittelpunkte exzentrische Kreise um die Erde durchlaufen. Die Reihenfolge der
Planeten (zu denen auch Sonne und Mond, aber nicht die Erde gezählt wurden) von der Erde
aus ist nach P. von der kürzesten bis zur längsten siderischen Umlaufszeit: Mond, Merkur,
Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn; die ebenfalls die Erde umkreisende Fixsternsphäre, für die
P. einen großen Sternkatalog bietet, umschließe das Ganze. Man nennt diese nacharistotelische
Form des geozentrischen Weltbildes nach P. das »ptolemäische Weltsystem« im Unterschied
zum »kopernikanischen (heliozentrischen)« und zum »tychonischen Weltsystem«; letzteres ist
das von Tycho Brahe aufgestellte Weltbild, das im Kern geozentrisch ist, aber Elemente des
heliozentrischen Systems übernimmt und eine Zeitlang große Anerkennung fand, bis Kepler
dem von ihm verbesserten heliozentrischen System zur Geltung verhalf. P. bestätigte die von
Hipparch erkannte Präzession der Äquinoktien; er selbst entdeckte die Evektion des Mondes
(eine hin- und hergehende Bewegung, durch welche die Mondbahn leicht verändert wird; sie ist
nach jetzigem Erkenntnisstand durch die Anziehungskraft der Sonne bewirkt). Die Nachwirkung
des astronomischen Werkes des P. im Mittelalter war groß; wahrscheinlich schon im 6. Jh.
wurde es ins Syrische, seit dem 8. oder 9. Jh. wiederholt ins Arabische und im 13. Jh. aus dem
Arabischen ins Lateinische übersetzt. P. hatte ihm den Titel MaJhmatik2 suntaxiV
(»mathematische, d.h. astronomische, Zusammenstellung«, Syntaxis mathematica) gegeben;
wegen seines großen Umfangs mmrde es später Megisth suntaxiV (»sehr große
Zusammenstellung«) genannt; aus »megístß« wurde im Arabischen unter Hinzufügung des
Artikels »al-Maåas÷æ«, woraus im Okzident die Bezeichnung »der Almagest« entstand. Ferner
verfaßte P. verschiedene kleinere astronomische Schriften, von denen besonders die oceiroi
kanoneV (»handliche Tafeln«) zur bequemen Berechnung von Planetenpositionen Erwähnung
verdienen. In seiner Gewgrajik2 :j/ghsiV (»geographische Anleitung«, Explicatio geographica)
in 8 Büchern verzeichnet er nach einer allgemeinen Einleitung die Länge (nach dem Meridian
der kanarischen Inseln) und Breite von etwa 8.000 Orten (einschließlich Flußmündungen,
Bergen usw.) in Tabellenform und gibt eine Anleitung zum Kartenzeichnen (daher der Name
des Werkes); auch waren dem Werk Karten beigegeben, denen die Erdkarte des Eratosthenes
in der um 120 n.Chr. durch Marinos von Tyrus verbesserten Gestalt zugrunde lag. In dieser
Schrift findet sich die älteste Erwähnung der Langobarden, Sachsen und Friesen sowie des
Sudetengebirges. In seiner 3 Bücher umfassenden »Harmonik« faßte P. die Musiktheorie des
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Altertums zusammen; nach den auf Zahlenspekulation und experimenteller Beobachtung
beruhenden Erkenntnissen der Pythagoreer werden die Intervalle dargestellt und daraus die
Tonleitern erklärt; der Neuplatoniker Porphyrios schrieb dazu einen Kommentar. Ferner
verfaßte P. eine »Optik«, die nur in einer lateinischen Übersetzung erhalten ist, die ihrerseits
auf eine arabische Übertragung des griechischen Originals zurückgeht; hier werden die Gesetze
der Reflexion und Refraktion des Lichtes experimentell bewiesen und mathematisch dargestellt
und auch die optischen Täuschungen behandelt. P. hat auch über die philosophischen
Grundlagen seiner fachwissenschaftlichen Tätigkeit nachgedacht und hierüber eine Schrift mit
erkenntnistheoretischem und psychologischem Inhalt unter dem Titel Per<< krithriou ka<<
5gemoniko* (»Über das Kennzeichen der Wahrheit und das leitende Prinzip im Menschen«, De
iudicandi facultate et animi principatu) veröffentlicht. Ähnlich wie sein gleichberühmter etwas
jüngerer medizinischer Kollege Galenos folgt er in der Hauptsache dem peripatetischen
System, mit dem er mittelplatonische, neupythagoreische und stoische Anschauungen
verbindet; dies geschieht jedoch in einer Weise, die die Lehren der verschiedenen Schulen
innerlich miteinander verknüpft, so daß von einem Eklektizismus höherer Art gesprochen
werden kann. Bemerkenswert ist die Annahme eines doppelten leitenden Prinzips in der
menschlichen Seele, eines solchen für das Leben überhaupt, dessen Sitz nach stoischer Lehre
im Herzen angenommen wird, und eines Prinzips für das gute Leben, das er mit den
Platonikern im Gehirn lokalisiert. Schließlich verfaßte er auch ein astrologisches Werk, die
»Apotelesmatikß« (»die zur Voraussage aus der Stellung der Gestirne gehörigen Dinge«,
Neutr. Plur.), auch »die Tetrßbiblos« (»die aus vier Büchern bestehende Zusammenstellung«,
Fem. Sing.) genannt, in der er eine Einwirkung der Gestirne auf das menschliche Leben
annimmt, diese jedoch im peripatetischen Sinne als durch die freien Willensentscheidungen des
Menschen beeinflußbar betrachtet, so daß eine fatalistische Denkweise vermieden wird. Diese
Auffassung fand den Beifall Philipp Melanchthons, der die Schrift ins Lateinische übersetzte und
mit einer Vorrede versah (s.u., Werke). - P. hat das Wissen der Antike auf den Gebieten der
angewandten Mathematik in eindrucksvoller Weise zusammengefaßt und darüber hinaus durch
eigene Forschungsergebnisse bereichert; in seinen Schriften bedient er sich der literarischen
Koine, vermeidet rhetorischen Schwulst und versteht es, seine Gegenstände klar und
verständlich darzustellen. Wenn auch sein astronomisches Weltbild heute im räumlich-realen
Sinn überholt ist, bleibt es doch für die projektive Darstellung der Stellungen und Bewegungen
der Gestirne mit Bezug auf die Erde weiterhin von Bedeutung.
Werke: Almagest: Des Claudius Ptolemäus Hdb. der Astronomie, aus dem Griech. übers. u. mit
erklärenden Anm. versehen v. Karl Manitius, 2 Bde., b. Teubner, Leipzig 1912-1913, Neudr.
mit Korrekturen u. Bemerkungen v. Otto Neugebauer, ebd. 1963; Ptolemy's Almagest, transl.
and annotated by G. J. Toomer, London 1984; Claudius Ptolemäus, Der Sternkat. des
Almagest. Die arab.-ma. Tradition I: Die arab. Überss., hrsg., ins Dt. übertr. u. bearb. v. Paul
Kunitzsch, b. Harrassowitz, Wiesbaden 1986 (mit weiterer Lit.); II: Die lat. Übers. Gerhards v.
ona, hrsg. v. dems., ebd. 1990; Geographie: Claudii Ptolemaei Geographia, edidit Carl F. A.
Nobbe, 3 Bde., b. Tauchnitz, Leipzig 1843-1845, Nachdr. mit Einl. v. Aubrey Diller, Hildesheim
1966, 21991; Die Geographie des Ptolemaeus: Galliae, Germania, Raetia, Noricum, Pannoniae,
Illyricum, Italia. Hss., Text u. Unters. v. Otto Cuntz, b. Weidmann, Berlin 1923; Des K. P.
Einführung in die darstellende Erdkunde, dt. u. mit Erklärungen versehen v. Hans v. Mþik unter
Mitarbeit v. Friedrich Hopfner (Klotho 5), Bd. I: Theorie u. Grundlagen der darstellenden
Erdkunde, Wien 1938; Harmonik: K. P., Die Harmonielehre, hrsg. v. Ingemar Düring
(Göteborgs högskolas årsskrift 36, 1930, 1), Göteborg 1930, Nachdr. Hildesheim 1982; Optik:
L'optique de Claude Ptolémée, éd. crit. et exégétique par Albert Lejeune (Recueil de travaux
d'hist. et de philologie de l'Univ. cath. Leuven, sér. 4, fasc. 8), Löwen 1956; Astrologie:
Claudius Ptolemaeus' astrologisches System (Tetrabiblos), aus dem Griech. v. Julius Wilhelm
Pfaff, in: Astrologisches Taschenbuch f. das J. 1822 u. 23, hrsg. v. dems., Erlangen 1822,
neuer Abdr. hrsg. v. Hubert Korsch, Düsseldorf 1938; Claudius Ptolemaeus, Tetrabiblos, nach
der v. Philipp Melanchthon besorgten u. mit einer Vorrede versehenen (richtig müßte es
heißen: v. Joachim Camerarius besorgten u. v. Philipp Melanchthon mit einer Vorrede u. lat.
Übers. versehenen) seltenen Ausg. aus dem J. 1553, griech. u. lat., ins Dt. übertr. v. M. Erich
Winkel, 4 Bde., Berlin-Pankow 1923; GA: Claudius Ptolemaeus, Opera quae exstant omnia,
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hrsg. b. Teubner, Leipzig: I/1 u. 2: Almagest, v. Johann L. Heiberg, 1898 u. 1903; II: Kleinere
astronomische Schrr., v. dems., 1907; III/1: Apotelesmatika, v. Franz Boll u. Emil Boer, 1940;
III/2: Perì kritßrín kaì hßgemonikû, v. Friedrich Lammert, 1952, 19612.
Lit.: Franz Boll, Stud. über Claudius Ptolemaeus. Ein Beitrag z. Gesch. der griech. Philos. u.
Astrologie, in: Jbb. f. klass. Philologie, Suppl. 21, 1894, 51-244; - L. Schönberger, Stud. z. 1.
Buch der Harmonik des Claudius Ptolemaeus, GProgr. Metten 1914; - Friedrich Lammert, P.
perì kritßríu kaì hßgemonikû u. die Stoa, in: Wiener Stud. 39, 1918, 249-258; - Ders., Krit.
Unters. z. P. perì kritßríu kaì hßgemonikû, in: Hermes 82, 1937, 450-465; - Ders.,
Hellenistische Medizin b. P. u. Nemesios, in: Philologus 94, 1940, 125-141; - Ingemar Düring,
P. u. Porphyrios über die Musik (Göteborgs högskolas årsskrift 40, 1934, 1), Göteborg 1934; Albert Lejeune, Euclide et Ptolémée: deux stades de l'optique géométrique grecque, Löwen
1948; - Ernst Zinner, Astronomie. Gesch. ihrer Probleme (Orbis academicus 2,1), Freiburg i.
Br. 1951, 24-58; - Paul Kunitzsch, Der Almagest. Die Syntaxis mathematica des Claudius
Ptolemäus in arab.-lat. Überl., Wiesbaden 1974; - Jürgen Hoevermann, Das geographische
Praktikum des Claudius Ptolemaeus u. das geographische Weltbild der Antike, in: Abhh. der
Braunschweigischen Wiss. Ges. 31, Göttingen 1980, 83-103; - Alfred Stückelberger,
Sterngloben u. Sternkarten: zur wiss. Bedeutung des Leidener Aratus, in: Museum Heloetium
47, Basel 1990, 70-81 (üb. den Sternkart. des P.); - Pauly-Wissowa XXIII, 1788-1859; - A. de
Pace, Elementi aristotelici nell'Ottica di Claudio Tolomeo, in: Rivista crit. di storia della filos. 36,
Florenz 1981, 123-138; 37, 1982, 243-276; - Kl.Pauly IV, 1224-1232; - Stählin 896-904; Ueberweg I, 557. 563. 155*. 177*; - LThK VIII, 893; - NewCathEnc XI, 996 f.
Adolf Lumpe
Werkeergänzung:
Handbuch d. Geographie. Griechisch-Deutsch. Hrsg. von Alfred Stückelberger u. Gerd Graßhoff.
2 Teile. Basel 2006.
Literaturergänzung:
2001
Hendrik G. Schipper, Melothesia. A chapter of manichaean astrology in the West, in: Augustine
and manichaeism in the Latin West. Leiden 2001, S. 195-204.
Letzte Änderung: 21.07.2009