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— Die Stellung der griechischen Philosophie zur Lust von den Pythagoreern * | :
bis auf Aristoteles : Gymnasium LXVI 1959 128-137. | Bref aperçu de l’évolution et de la continuité de la notion de plaisir pendant la période envisagée.
Gopo Lreserc : Torino
Die Stellung der griechischen Philosophie zur Lust
von den Pythagoreern bis auf Aristoteles
Innerhalb der vorsokratischen Philosophie wird der Lust erst bei den
s” Pythagoreern, sowie bei Heraklit und Empedokles Beachtung geschenkt.
Dem ethischen Charakter der pythagoreischen Schule? entsprechend, tritt die
Lust dort ausschließlich unter den Gesichtspunkt, ob sie als Zweck (= oxôxos)
des Handelns in Betracht komme. Diese Möglichkeit stößt auf radikale Ablehnung: Nach der Seelenwanderungslehre gilt die Periode jeweiliger Inkorporation der Seele wesentlich als Gelegenheit zur Sühne für frühere Verfehlungen. Die Lust zu bejahen, würde bedeuten, daß man der Sühne aus dem
Wege gehen wollte. Weiter unterwirft die Bejahung der Lust den Menschen
seinen Leidenschaften und macht ihn so zu einem asozialen und überhaupt
moralisch skrupellosen Wesen?.
Schließlich ist Lust, als dem Körper verhaftet, Gegenprinzip des Geistes
im Menschen und also auch daher scharf abzulehnen. Mit der Konfrontierung
Lust-Geist ist ein Gesichtspunkt eingeführt, der später, bei Platon und
Aristoteles besonders, aufgenommen wird‘.
Bei Heraklit tritt der ethische Aspekt merklich zurück, wenngleich körperlich-sinnliche Lust als der Natur des Menschen nicht gemäß verurteilt wird,
und andererseits bestimmte, nicht näher bezeichnete Lustformen für den
Menschen passen sollen?.
1 Für das Bedeutungsfeld der Lust und die darauf bezügliche griechische Terminologie ist eine Stelle bei Aristoteles (Topik B 6, 112b, 22) aufschlußreich. Hier verurteilt A. das Verfahren, im Grunde identische Dinge nur wegen ihrer verschiedenen sprachlichen Benennung als wesentlich geschieden zu betrachten. Dementsprechend muß er die Ansicht des Prodikos ablehnen, nach der ñ6ovf sich in xagá,
séowic und evpoocówn aufspalte; für ihn handelt es sich dabei nur um verschiedene Namen ein und desselben, der hdovñ. Alexander von Aphrodisias vergleicht
im Kommentar zur Topik-Stelle (181, 2) Prodikos mit der stoischen Schule, welche
xao als vernunfigemäße Erquickung (Exagotc), jéovn als unvernünftige, tÉeyis
als die durch das Gehör vermittelte ñôovñ und eúvpeocóvn als die aus dem Gespräch fließende hdovh definierte. Alexander hält diese Begriffsspaltung für willkurlich und logisch „ungesund“.
2 vgl. Platon R 600 a/b und Magna Moralia 1182a 11.
3 Dreust I, S. 464, 34—85; Aristoteles fr. 60 (Rose); Porphyrios, V. P. 42; Drets? I,
S. 474, 32—40.
Die Stellung der griechischen Philosophie zur Lust
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Eigentlich wichtig wird fir Heraklit die Lust erst als Bestatigung seines
Prinzips vom Zusammenfall der Gegensätze. Es zeigt sich nämlich, daß der
positive Charakter eines psycho-physischen Zustandes als solcher erst erfahren,
d. h. lustvoll erlebt werden kann, wenn geistige Präsenz des komplementären
Gegensatzzustandes vorliegt®. Ferner wird die Identität der 6605 &vw und der
8805 xáro durch die Lust bestätigt, insofern letztere auf beiden Wegen auftritt. Dafür ist der Gedanke beispielhaft, daß die Seele ihr Sterben und Entstehen gleichermaßen als lustvoll wahrnimmt. Damit verknüpft Heraklit die
Lust mit der Kategorie des Werdens: Plato nimmt diese Verbindung auf,
um sie zu verfeinern und in bestimmter Richtung zu verwerten’.
Für Heraklit bleibt festzuhalten, daß er die Lust erstmalig objektiv in
ihrem Wesen zu erfassen sucht. Dabei werden philosophische Kategorien
benutzt und psycho-physische Zusammenhänge beachtet, welche beide in der
Folgezeit weiterwirken.
.
Bei Empedokles verfeinert sich die Lustbetrachtung weiter. Das Phänomen riickt in den Zusammenhang der Wahrnehmungslehre unter Zugrundelegung der Elemententheorie®: Lust entsteht bei Berührung gleicher Elemente
oder Elementenmischungen. Physiologisch bedeutet dies, daß Lust beim Mangelleidenden in Hinsicht auf die Auffüllung erzeugt wird®. Heraklit hat
offensichtlich den gleichen Vorgang im Auge, wenn er z. B. Sättigung erst auf
Grund des Hungers als lustvoll gelten läßt. Während er aber dabei die gegenseitige Bedingtheit der Gegensätze hervorheben will, sieht Empedokles, von
seiner Elementenlehre her, eine Berührung von ‚Gleich‘ und ‚Gleich‘1°.
Die empedokleische Formel von der an eine physiologische Auffüllung gebundenen Lust wird von Platon im Philebost! aufgenommen, entwickelt und
zur ethischen Beurteilung der Lust verwandt. Demgegenüber kann ein wertmäßiger Gesichtspunkt für Empedokles nur erschlossen werden. Die Lust
läßt sich nämlich als die gefühlsmäßige Wahrnehmung der durch die Philia
begründeten Verbundenheit der Dinge untereinander erweisen. Da so die
Lust der positiven Weltkraft innig verbunden erscheint, muß sie selbst auch
als eminent wertvoll aufgefaßt sein’.
Rückblickend zeigt sich trotz starker Unterschiede im Einzelnen das für
Pythagoras, Heraklit und Empedokles Gemeinsame: Die Lust wird meistens
beiläufig und in Verbindung mit thematisch andersartigen Zusammenhängen
behandelt. Für ihre Beurteilung und Erkenntnis sind über den menschlichen
Bereich hinausgehende philosophische Konzeptionen maßgebend.
8 Diets? fr. 111.
7 Duets? fr. 77, fr. 76, fr. 12, fr. 36, fr. 117, fr. 118.
® Diets? fr. 105.
® Dırıs A 86 § 9.
10 Dreus® A 95.
11 vgl. besonders 32.
#2 Dies ergibt sich bei Hinzuzichung von DreLs* fr. 20, 21, 27—30, 71, wo Empedokles
von „Liebe“ und „Haß“ handelt. Zu Empedokles vgl. meinen Aufsatz „Il ruolo
4 Drecs® I, S. 424, 1f. und Cicero, Cato m. 12, 39.
del piacere nella filosofia di Empedocle“, der für Heft 3, 1958, der Zeitschrift
3 Dists® fr. 4, fr. 9, fr. 13.
„Sophia“ vorgeschen ist.
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Bei Demokrit dagegen wird die Lustbetrachtung thematisch. Der Grund
dafür liegt in der erstmaligen Herausarbeitung der Ethik aus dem Gesamtbereich der Philosophie. Philosophie gilt von nun an auch immer als Weg zur
Eudamonie, dem ethischen Zentralbegriff der Griechen. Die Ethik bekommt
der Philosophie. Es entsteht das Dreierschema ‚Lust, Tugend und Eudämonie‘.
Die ethische Hauptfrage geht fortan nach dem Verhältnis von Lust und
Tugend und deren Bedeutung für die Eudämonie. Für die Betrachtung der
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jetzt die feste Aufgabe, das Wesen der Eudämonie zu entwickeln. Dadurch
erhält auch die Lust erhöhte Bedeutung, weil man die Frage beantworten
muß, ob und inwieweit sie Bestandteil der Eudämonie sei.
Demokrit versteht die Eudámonie als Euthymie!3. Diese wird gewährleistet
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Lust entwickelt sich der von da regelmäßig wiederkehrende Schrifttypus
„Ilegi “Hóovñs”.
Die ältere Sophistik, vertreten durch Protagoras und Prodikos, geht über
die Substanz der demokriteischen Anschauung nicht hinaus. Protagoras
läßt nur dasjenige Leben als ein áyadóv gelten, welches nicht von beliebiger
durch maßvolle Zulassung der Lust im Leben*!. Damit ist die Lust mit einem
Begriff verbunden — dem des Maßes also —, der ihre ethische Beurteilung
wesentlich erleichtert: Bei Platon und Aristoteles ist er nicht fortzudenken.
Maßvolle Lust — wahrscheinlich nur geistiger Art — kann von Demokrit
geradezu zum Kriterium des Zutraglichen, Guten erhoben werden'®. Sie
entspringt aus dem Bewußtsein sittlichen Verhaltens und aus den Bereichen,
wo sich das Göttliche im Menschen kundtut: Dem rechten Reden, Denken .
abzuheben sucht. Allerdings hat sich dieses Verfahren, wie die Kritik des
Aristoteles zeigt, nicht durchsetzen kónnen*. Ferner kleidet Prodikos in neuer
und Handeln'®.
Weise die Beurteilung der Lust in die Form des Mythos: Herakles am Scheide-
Genaue Selbstbeobachtung führt zur Aufdeckung bisher unbeachteter Lustquellen. Als solche nennt Demokrit das Seltene, den unter Anstrengung
errungenen Erfolg, die Betrachtung von Kunstwerken und den Logos in seiner
wege in den ‚Horen‘2!. Darin wird der demokriteische Gedanke noch schärfer
Aktualität als Denken!?.
Gegenüber dem Positiven übersieht Demokrit nicht die negativen Züge an
der Lust: Alles Unmaß in der Lust muß mit einem Überwiegen der Unlust
Lust, sondern von der Lust am sittlich Schönen erfüllt ist. Eine wesensmäßige
Identität von ‚Gut‘ und ,Lustvoll' bzw. ‚Schlecht‘ und ‚Schmerzvoll‘ lehnt
er ab!9,
Prodikos bringt einen neuen Gesichtspunkt in die Lustbetrachtung,
indem er die Synonyma der griechischen Sprache für die Lust voneinander
gefaßt, nach dem auch in der Lust das sittliche Leben den Vorrang verdient??,
Eine radikale Veränderung des Standpunktes zeigt dann der im geistigen
Raum der Jungsophistik stehende Kallikles: Unter Berufung auf den
sophistischen Begriff des Naturgemäßen identifiziert er das Gute mit dem
Lustvollen, das sich für ihn in der Erfüllung der Leidenschaft erschöpft2.
bezahlt werden. Die sinnliche, aus der Erfüllung verwerflicher Leidenschaft
Der Sokrates der Memorabilien stimmt mit den älteren Sophisten und
kommende Lust ist relativ auf den jeweiligen Träger der Lustempfindung
bezogen. Sie hat deshalb mit dem Wahren und Guten, die allgemein sind,
Demokrit darin überein, daß erst aus der in der Selbstbeherrschung verwirknichts zu tun’®,
sammen, daß Lust immer nur als unbeabsichtigte Folge ethisch richtigen Verhaltens zu bejahen ist“.
.
Demokrits Lustbetrachtung bezeichnet einen Wendepunkt in der Geschichte des griechischen Lustdenkens. Er zuerst führt mit Erfolg und Energie
die Aufspaltung der bis dahin wesentlich einförmig gesehenen Lust in sehr
unterschiedliche Einzelformen durch. Auf diese Weise macht er die Einfachheit einer absoluten Lustverneinung oder Lustbejahung unmöglich. Wer nach
Demokrit die Lust untersucht, muß das Aufspaltungsverfahren übernehmen,
lichten Tugend das Höchstmaß an Lust zu gewinnen ist. Damit hängt zu-
1% Über die Lustanschauung des historischen Protagoras kann mit Sicherheit kaum
etwas ausgemacht werden, weil er sich in den wenigen Fragmenten, die wir von
ihm besitzen, nicht über sie ausspricht. Daß er es getan hat, ist aus dem Umstand
zu vermuten, daß er, wie Diogenes Laertios IX, 55 mitteilt, ein Buch „Über die
Tugenden“ geschrieben hat. Unsere Aussagen stützen sich auf den nach dem Sophisten benannten platonischen Dialog (351 b—d), in welchem Nesrze — Kommentar S. 28f. und ,Myth. und Logos‘ S. 229 u. 301 — und Gicon — Phyllobolia
um ernstgenommen zu werden.
Ferner spricht Demokrit die für die Folgezeit entscheidende These aus,
für v. D. Minit, S. 91ff. — einen historischen Kern ansetzen. Ein Problem bleibt
daß das sittliche Leben mehr Lust gewährt als die moralisch verwerfliche
Seinsweise. Die im Grunde positive Bewertung der Lust hat sich mit Demokrit
jedoch, ob sich die von uns zugrundegelegte Dialogstelle mit dem sicher bezeugten
erkenntnistheoretischen Relativismus des historischen Protagoras vereinbaren läßt;
im Dialog nämlich werden Protagoras allgemeingeltende Begriffe wie „sittlich
schön“, „gut“ und „schlecht“ in den Mund gelegt, die sich bei einem Relativisten
merkwürdig ausnehmen.
ın der griechischen Philosophie durchgesetzt.
In der mit Demokrit gleichzeitigen Bewegung der Sophistik gewinnt
nun das ethische Denken die Oberhand über die physikalische Komponente
22 Drets® fr. 4.
3 Drets® fr. 191.
15 fr. 188.
19 fr. 174, 182, 189; vgl. dazu R. Prison, Hermes 1924, 397.
11 fr. 232, 243, 194, 146.
10 fr, 191, 71, 235.
Res
vgl. o. Anm. 1.
Bei Xenophon, Mem. II, 1, 21—34 und dem Scholion zu Aristophanes Nub. 861.
Überraschend ähnlich äußert sich Platon im Lustkapitel der Nomoi, 782d — 734e.
Nimmt man noch Demokrit fr. 211 und bei Aristoteles etwa E. N. 1176a 17—19
hinzu, darf man folgern, daß hier ein Gemeingut griechischer Reflexion über das
wahre Wesen der Lust vorliegt.
# vgl. Platons Gorgias 495 d.
# Xenophon, Mem. IV, c. 5.
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Der letzte Gesichtspunkt kehrt bei dem Haupt der kynischen Schule,
Antisthenes, wieder, der im übrigen als radikaler Lustgegner gelten muß.
Seine Lustfeindschaft entspringt der Überzeugung, daß Lust als Motiv des
Handelns die absolute Autarkie des Sittlichen gefährdet, in der sich für ihn
die menschliche Glückseligkeit erschöpft. Die Bejahung der Lust erscheint
Antisthenes mit der inneren Freiheit des Menschen nicht vereinbar?5.
Eben dies bestreitet Aristipp der Ältere. Er glaubt, daß der Mensch
durch die Ausscheidung der Lust sich der Möglichkeit beraubt, seine innere
Selbständigkeit und Freiheit zu erproben und zu bewähren. Die Lust abzulehnen, geht außerdem gegen den evidenten Wertcharakter dieses Phänomens.
Freilich ist Maßlosigkeit im Genuß körperlicher Lust tierisch, mithin verächtlich. Die Abstempelung Aristipps als eines radikalen Hedonisten widerspricht also der historischen Wirklichkeit. Aristipp hat die Lust nicht als Telos
Die Stellung der griechischen Philosophie zur Lust
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Charakter Gottes als Verkôrperung des Lustprinzips: Indem alles Belebte
einerseits nach Lust trachtet, andererseits in Gott der letzte Zielpunkt alles
Strebens liegt, müssen diese beiden Prinzipien in einer Wesenheit zusammenliegen. Da alles Belebte zu Gott strebt, muß er Quellpunkt aller Lust sein*s.
Unter den wenigen radikalen Hedonisten der griechischen Philosophie hat
Eudoxos den beeindruckendsten Versuch unternommen, die Lust als höchstes
Gut zu erweisen. Das konnte ihm nur gelingen im Zusammenwirken dreier
Elemente: In ihm verbanden sich logische Denkschärfe, ethisch-biologisches
Naturverständnis und eine natur-immanente Gottesauffassung. Da es dabei
um Dinge geht, die dem griechischen Geist in besonderer Weise eignen, wäre
es kurzsichtig, Eudoxos nur als genialen Außenseiter griechischer Ethik verstehen zu wollen.
Ich bemerkte schon, daß Eudoxos bei Platon und Aristoteles die stärksten
*"betrachtet und kein System des Hedonismus entwickelt. Dieses geht erst auf
Wirkungen hinterlassen hat. Daneben tritt noh Speusipp in einen engen,
seinen Enkel, den jüngeren Aristipp, zurüc. Er wagt auch eine Definition
der Lust: Sie soll eine sanfte Bewegung sein, vergleichbar einem günstigen
Fahrtwinde®*,
Aufs ganze gesehen, läßt sich nicht verkennen, daß die Lustbetrachtung
bei Antisthenes wie bei Aristipp im Vergleich zu Demokrit in gefährlicher
Weise verarmt und vereinseitigt erscheint. Beide Denker gelangen, paradoxerweise vom gleichen Begriff der ¿devdegía ausgehend, zu Extremen, mit denen
sich nur ein Geist zufriedengeben kann, der nicht mehr umfassend und subtil
zu sehen vermag.
Eine ähnliche Einseitigkeit finden wir bei Eudoxos, dem berühmten
Mathematiker und Zeitgenossen Platons. Seine Lustanschauung, die bei
Platon und Aristoteles einen gleich starken Eindruck hervorgerufen hat, ist
ein Gebäude von imponierender Geschlossenheit. Das Sein zieht sich für
Eudoxos zum sinnlich wahrnehmbaren Bercich der Physis zusammen. Die
Ziele der dieser Physis eingepflanzten Neigungen und Strebungen sind zugleich die ethisch richtigen Ziele. Unter dieser Voraussetzung vermag Eudoxos
in logischer Folgerung die Lust als höchstes Gut darzustellen. Die Lust erfüllt
die Bedingungen, die an das Wesen des höchsten Gutes zu stellen sind. Sie
wenn auch polemischen Bezug zu Eudoxos. Eudoxos hatte behauptet, der
ist einmal das am meisten und überall Erstrebte und ebenso das als reiner
Zweck Gewollte??, In einem weiteren Gedankenschritt entwickelt er den
phänomenologische Gegensatz zu einem Unwert müsse notwendig ein Gut
sein: Da Schmerz anerkanntermaßen der Unwert schlechthin sei, müsse sein
genauer Gegensatz, die Lust, der Wert schlechthin sein. Demgegenüber vertritt Speusipp die These, daß zwei Unwerte einander phänomenologisch
durchaus entgegengesetzt sein können. Also können Lust und Schmerz, obwohl
entgegengesetzt, doch beide ethische Unwerte sein. Sie stehen gemeinsam
einem Dritten gegenüber, dem Guten??, Damit hat Speusipp die genaue Vorform der aristotelischen Mesotes-Lehre entwickelt.
In Platon erscheint nun nach Demokrit der zweite Gipfel griechischen
Lustdenkens. Er hat dieses Phänomen sein ganzes Leben hindurch immer
von neuem durchdacht. Den Höhepunkt erreicht seine Lustbetrachtung im
Spätdialog Philebos. Sie steht, so diffizil und weit ausgreifend sie auch sein
mag, doch nur unter einem Gesichtspunkt: Wie verhält sich die Lust zum
Guten?
In der Zeit vor dem Philebos kehrt Platon vorwiegend die negativen Züge
an der Lust hervor*, Unter Aufnahme pythagoreischer Gedanken betrachtet
er sie unter der Voraussetzung der leib-seelischen Geschiedenheit des Menschen®!, Sie erscheint ihm als Fessel, mit der der Körper die Seele an sich
bindet, um sie so aus der Bahn eines Denkens zu werfen, dem sich die wahren
Wirklichkeiten enthüllen.
85 vgl. praep. evang. Eusebii XV, 18; Clem. Alex. Strom. II, 20; sowie Dion Chrysostomus, oratio VIII, 20, der nach K. v. Fritz, Quellenuntersuchungen zu Leben
und Lehre des Diog. von Sinope, Philologus, Suppl. Bd. 18, 2, 1926, 82f. und
84f., fir Antisthenes selbst in Anspruch genommen werden darf.
# vgl. dazu die am ehesten auf den älteren Aristipp zu beziehenden Stellen bei Xen.
Mem. II, 1, 9, und 11, Horaz, ep. I, 1, 18/9 sowie I, 17, 23f. und die Anekdotensammlung bei Diogenes Laertios, II, c. 8. Die wichtigsten neueren Arbeiten zu
Aristipp sind die Dissertationen von E. ANTONIADES, Aristipp und die Kyrenaiker,
Gott. 1916, A. MAUERSBERGER, Cyrenaica, Lpz. 1922 und E. MAnnesachH, Aristippi
et Cyrenaicorum fragmenta, Bonn 1948; siehe ferner meinen Artikel „Aristippo e
la scuola cirenaica” in: „Rivista critica di Storia della Filosofia", fasc. I, 1958.
8? vgl. Aristoteles’ Referat E. N. 1172b, 9—26.
Im Philebos dagegen versucht der Philosoph, dem Phänomen in seiner
Vielschichtigkeit gerecht zu werden. Von der ethischen Grundfrage ausgehend, ob Lust, Vernunft oder ein Drittes das Glückseligkeit gewährende
höchste Gut sei, gelangt er zu der Erkenntnis, daß nur ein aus Lust und Vernunft gemischtes Leben dafür in Frage kommen kénne**.
# vgl. Aristoteles’ Referat E. N. 1101 b, 27—81.
2° vgl. Aristoteles’ Referat E. N. 1153b, 4—7.
- # Bes. im Gorgias, Phaidon u. Phaidros.
12 Besonders im Phaidon: 60a, 9—, 7; 65c; 69a; 83b, c, d; 114e.
32 vgl. etwa 27 d.
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Die richtige Mischung, die die Eudämonie ausmacht, vereinigt sämtliche
fällt die Parallele zu Demokrit und der älteren Sophistik auf, wo auch der
Vorrang der Lust im sittlich höchsten Leben betont wurde.
Damit ist die Stellung platonischen Lustdenkens zum vorangehenden soweit
angedeutet, daß versucht werden kann, eine prägnante Formel für dieses
Verhältnis zu finden. Mir scheinen drei Elemente wichtig:
1) In der Fragerichtung hält sich Platon an das in der Sophistik entwickelte
Dreierschema von Eudämonie, Lust und Tugend, wobei freilich an die Stelle
der Tugend die Vernunft tritt.
2) In der Methode der Urteilsfindung lebt die Denkweise der vorsokratischen Philosophen auf, insofern Grundkategorien des Denkens und Seins der
Untersuchung eines Einzelphänomens zugute kommen.
8) In der Beurteilung des Gegenstandes setzt sich schließlich der traditionelle griechische Standpunkt durch, daß die sittlich höchste Lebensform den
Primat der Lust auf ihrer Seite hat*.
Wenn man von Platon kommend der Lustanschauung seines Schülers
Xenokrates begegnet, ist man erstaunt, wie wenig Spuren platonischer
Subtilität und Energie des Denkens dort noch zu finden sind. Es erinnert an
den Standpunkt eines Antisthenes, wenn von Xenokrates die Eudämonie
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Erkenntnisformen mit wenigen, streng ausgewählten Lustformen, den wahren
und reinen Lüsten. Diese stehen in der umfassenden Wertordnung des
Seienden hinter der Vernunft auf dem fünften Platz. Die unreinen, unwahren Lüste gehören überhaupt nicht in den Bereich des Guten.
Die Lösung Platons gibt dem Prinzip des erkennenden und ordnenden
Geistes den eindeutigen Vorrang gegenüber der Lust. Trotzdem aber ergibt
sich auch für ihn, daß die menschliche Glückseligkeit ohne edle Lust undenkbar ist. Damit kehrt, in der Substanz des Gedankens jedenfalls, die demokriteische Lustanschauung wieder.
In den Einzelheiten der Lehre treten bei Platon ebenfalls Gedanken wieder
auf, die uns bereits früher begegnet sind; so besonders die empedokleische
Varstellung, daß die Lust mit physiologischen Auffüllungsprozessen verbúnden sei. Platon nimmt diese Bestimmung umformendin seine Konzeption
hinein: Lust ist Wiederherstellungin die Natur®*. Doch ist sein Blick schärfer:
Er sieht, daß damit nur körpergebundene Lustformen gefaßt werden können.
Daneben gibt es rein geistige Lustarten, die in die Seinsgattung des Maßhaltigen gehören®.
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Gegenüber der Ausformung oder Aufnahme von Vorstellungen, die im
ganz und gar nur auf die Tugend begründet wird. Ihr gegenüber tritt alles
griechischen Lustdenken traditionell sind, darf das spezifisch Platonische nicht
andere weit in den Schatten. Die Beimengung der Lust zur Eudämonie beubersehen werden. Es bezieht sich hauptsächlich auf Methode und Begrifflichkeit. Platon versucht den Wert der Lust auf dem Wege der Seinsanalytik
zu ermitteln. Er stellt die Gattungen des Seienden zusammen, die fiir ihn
wertmäßig abgestuft sind, und sieht dann zu, welcher Gattung die Lust zuzuordnen ist. So fügt er die Körperlust zur Gattung des wertleeren Apeiron%;
die reine, wahre Lust, wie schon bemerkt, zum Eidos des MaShaltigen*. Oder
er postuliert als Komponenten der Idee des Guten Schönheit, Wahrheit und
Symmetrie*, um dann zu fragen, ob Vernunft oder Lust diesen Komponenten
deutet eine Entwürdigung der Tugend, die autark sein soll. Diese Ablehnung
der Lust speist sich aus der jetzt schon zur Genüge bekanntgewordenen Überordnung des Geistes über den leidenschaftsdurchsetzten Körper, dessen Gier
nach lustvoller Triebbefriedigung die Herrschaft des Geistes im Menschen
gefährdett!.
Eine neuartige Form der Lustbetrachtung tritt bei Herakleides Pontikos auf. Herakleides sieht die Lust als Grundelement einer soziologisch
fixierten Lebensform, deren Charakter durch die tovgy bestimmt wird. In der
‚Gesetze‘ dar®. Eine deutliche Milderung des Standpunktes ist spürbar. Der
Form kleiner Anekdoten und an Hand von Beispielen aus der Geschichte
sucht er darzulegen, daß zügelloses Genußleben zum Ruin ebenso des individuellen wie des politischen Lebens werden kann. Dazu tritt noch der Gesichtspunkt, daß Lust in der Illusion des Wahnsinns ihren Gipfel erreicht.
Das Neuartige bei Herakleides besteht darin, daß er nicht das Wesen der
Lust analysiert, um ihren Wert zu bestimmen, sondern daß er an der Erfahrungswelt von Geschichte und Einzelleben die Folgen beobachtet, zu denen
sittlidh höchsten Lebensform des Philosophen wird das Höchstmaß wahrer
eine Preisgabe an den Genuß führt“,
näherstünden.
|
Die Entscheidungskriterien also, an Hand welcher Platon den Wert der
Lust ermittelt, liegen über der Empirie. Die Lust wird eingestuft, je nachdem,
ob sie einen Bezug oder keinen Bezug zu den ideellen Gestalten des Seins
schlechthin besitzt.
Eine letzte Stufe platonischen Lustdenkens stellt die Lustabhandlung der
Lust zugesprochen. Auch die anderen Lebensformen habenje ihre eigentümliche Lust, deren Maß und Wert aber niedriger sind. An dieser Anschauung
3 66c.
# 51/2.
vgl. 52c.
3 ebenfalls 52c.
* siche Anm, 35.
33 65a.
2 739
d — 754e.
Bei Aristoteles“ erreicht die griechische Reflexion über die Lust eine
Zur Lust bei Platon vergleiche H. G. Gapamer, Das Wesen der Lust nach den platonischen Dialogen, Diss., Marburg 1922.
41 vgl. die fr. 77, 78, 86 bei R. Hemvze, Xenokrates, Darstell. der Lehre u. Sammlung
der Fragmente, Lpz. 1892.
42 Meine Darstellung geht von F. Wenrti, Die Schule des Aristoteles, Heft 7: Herakleides Ponticus, Text und Kommentar, aus.
4 vgl. meine Dissertation, Ober die Lehre von der Lust in den Ethiken des Aristoteles, Tübingen, 1953, und ihre Neufassung mit dem Titel: Die Lehre von der
Lust in den Ethiken des Aristoteles, Zetemata 19, München (Beck) 1958.
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Franz Xaver Herrmann : Eine neugefundene römische Grabinschrift
7. Buch gewonnene Formulierung über sich hinaus: Lust ist jetzt „zusätzliche
Vollendung der Energeia“. Ihre Identität mit der Energeia wird als Irrtum
zurücgewiesen. Schließlich findet Aristoteles ein klares Kriterium für den
Wert der verschiedenen Lustformen: Der Wert jeder Lust richtet sich nach
neue Stufe, ja, ich möchte hinzusetzen, eine Art systematischer Abrundung.
Die Behandlung der Lust wird integrierender Bestandteil des umfassenden
Gebäudes einer empirisch-philosophischen Ethik. Das bisher herrschende
Denkschema der Alternative Lust oder Tugend wird aufgegeben. Stattdessen geht es nun darum, die Lust als Wesenselement der doer) aufzuweisen. Die früber getrennten Begriffe sind in die Einheit eines umgreifenden
dem Wert der zugehörigen Tätigkeit (évégyeia).
Diese neuen Bestimmungen ergeben eine wesentliche Milderung des Standpunktes im Vergleich zum 7. Buch: Die Lust ist weder höchstes Gut, noch
Ganzen aufgegangen. Lust ist jetzt sozusagen der ungebärdige Stoff, in dessen
energischer und umsichtiger Formung sich der auf das Gute gerichtete Mensch
ständig zu bewähren hat.
Mit Aristoteles wird die Reflexion über die Lust aber auch bewußt historisch. Wohl hatte sich auch Platon häufig mit fremden Ansichten auseinanderimmer erstrebenswert: sie kann nur Bestandteil, niemals Grundlage der Glükseligkeit sein. Damit ist eine Anschauung ausgesprochen, die Aristoteles in die
Reihe der Denker stellt, bei denen sich die traditionelle Richtung griechischen
Lustdenkens Besonders klar ausgeprägt hat — Demokrit, Sokrates und Platon.
Die Kontinuität griechischen Lustdenkens beruht auf der jeweiligen Neubegesetzt. Aber dies geschah meist in einer im Wesen seiner dialektischen Denkgründung der gleichen Grundanschauung.
und Darstellungsweise wurzelnden Zurückhaltung. Das fremde Gedankengut
wurde in den Prozeß der dialogischen Bewegung eingeschmolzen. Aristoteles
hingegen setzt mit schroffer Markierung das Eigene vom Fremden ab, indem
e;
er die Aeysueva mit Hinzufügung der sie stützenden Argumente an den Anfang der jeweiligen Lustbetrachtung stellt. Die eigene Argumentation ver-
Bemerkung: Eine Untersuchung zur Lust bei den griechischen Dichtern und Prosaschriftstellern fehlt meines Wissens bisher.
läuft am Faden der fremden Ansichten; erst aus der sorgfältigen Prüfung,
die zu Ablehnung ebenso wie zu Annahme führen kann, geht der eigene
Standpunkt hervor.
Der Gehalt aristotelischer Reflexion über die Lust stellt sich uns in drei
Phasen eines immer subtiler die Sache aus ihren Verhüllungen herausschälenden Denkens dar: 1) Rhetorik“, 2) Siebentes Buch der Nikomachischen Ethikts
(wahrscheinlich einmal der Eudemischen Ethik zugehörig) und 3) Zehntes
Buch der Nikomachischen Ethikt*, Diese Linie beinhaltet eine zunehmende
Verselbständigung gegenüber Platon. Während Aristoteles in der Rhetorik die
platonische Denkbewegung gleichsam mit dem Mittel der exakten Definition
zum Stehen bringt, geht er in der 1. Abhandlung der E. N. zur Kritik gegen
die Lustgegner, insbesondere Platon*’, über. Die früher angenommene Definition Platons — Lust wahrnehmbares Werden in die Natur — gilt nicht mehr.
Jetzt wird die Lust als ungehinderte Aktualisierung naturgemäßen Verhaltens gefaßt. Damit soll sie auch als ¿yadóv erwiesen sein; ja, die Möglichkeit wird betont, daß eine bestimmte Lustform das höchste Gut sei. Und doch
bleibt die Argumentation des 7. Buches noch widerspruchsvoll und unsicher.
Die Abwehrstellung gegen die lustfeindliche Philosophie macht die Polemik
‘ überzeugender als den eigenen Standpunkt. Demgegenüber spricht im 10.
Buch der ans Ziel langer Bemühung gekommene Denker. Die Darlegung der
eigenen Anschauung kann sich frei entfalten, nachdem die Argumente der
Gegner mit leichter Hand entkräftet sind. Die Auseinandersetzung mit
Platon erscheint auf einer neuen und letzten Stufe: Die Lust wird endgültig
aus jeder Bewegung, jedem Werden herausgenommen; ihr Eidos steht außerhalb der Zeit; es ist in einem Nu vollendet. Die Lustdefinition führt die im
.4 1869b, 33—72a,3.
% 1152a, 36—1154 b, 31.
4 11724, 15—1176a, 29.
Platon kann, wie schon hervorgehoben, nur bedingt als Gegner der Lust gelten;
hier erscheint er nur der Vereinfachung halber als solcher.