Das Problem der geistigen Wahrnehmung bei Goethe und Pythagoras

Autor
Schattenmann, J.
Publicado en
Goethe und die Mystik
Año
1990
Tema
GOETHE
Idioma
Deutsch
Categoría
C12 Religión
Número de archivo
4547

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A5Sua ICH ITTEN MAN, - [ N Goethe und Pythagoras 37 UI. DAS PROBLEM DER GEISTIGEN WAHRNEHMUNG BEI GOETHE UND PYTHAGORAS 1. Der Tatbestand In dem Briefwechsel GOETHEs mit Frau von Stein erscheint plötzlich ein Wort, über das man zunächst achtlos als über eine anspruchslose Floskel hinwegliest, das uns aber eine geheimnisvolle Aufmerksamkeit abnötigt, denn es kehrt immer wieder. Am 28. Jänner 1776 verabschiedet er sich von seinem «Engel» mit dem Satz: «Adieu, Gold, - Du begreifst nicht, wie ich Dich lieb hab'.» Hatte er an den Tagen vorher sie mit «Liebe Frau» oder «Liebste Frau» angeredet, so ist sie jetzt sein «Engel». Seine steigende Leidenschaft und Liebe strömt somit in eine religiöse Dimension ein und es taucht zum erstenmal das Wort «Gold» auf, das wir als ein rhetorisches Bildwort zu nehmen geneigt sind. Daß seine Liebe ihm ganz neue Erkenntnisse, ja ungeahnte Tiefblicke gebracht hat und ihm in ihren «Engelsarmen» ein «neuer Zustand» im chellsten Tag» geschenkt worden ist, so daß seine Sinne sich «erhellen» und bis in vergangene Urzeiten vordringen konnten, enthüllt uns der Dichter 10 Wochen später in einem wunderbaren Liebesgedicht vom 16. April 1776, das wie ein metaphysischer Hymnus erklingt: «Warum gabst Du uns diese tiefen Blicke unsre Zukunft ahnungsvoll zu schaun» mit den merkwürdigen, visionären Zeilen: «Ach, du warst in abgelebten Zeiten Meine Schwester oder meine Frau.» Wenn er von seiner Geliebten rühmt, daß sie «spähen kann, wie die reinste Nerve klingt» und sein Wesen «mit einem Blick zu lesen» vermag, so gilt dies in gleicher Weise, ja noch viel mehr von ihm selbst. Er empfindet sich in seinem Liebesrausch wie ein tönendes Instrument, wie einen geistigen Organismus in seinem Innern. Nicht unerwartet

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taucht in diesem Zusammenhang am 1. Mai 1776 der Begriff des «Heiligen» auf. Inzwischen ist GOETHE als Legationsrat in weimarische Dienste getreten. Auch HERDER ist in Weimar angekommen und hat seine erste Predigt gehalten. Die große Zeit für Weimar hat begonnen, eine hohe Zeit für das Seelenleben des Dichters. Er schwebt in ewig klingender Existenz (16. Juli 1776). Und dann regt sich so nebenbei, aber tiefgründig wie ein musikalisches Leitmotiv Richard WAGNERSs, das Gold wieder. Am 27. April 1777 verabschiedet er sich von Charlotte mit den beiden kurzen, aber vielsagenden Worten: «Adieu, Gold.» Und dann kommt GOETHE immer wieder auf dieses Kernwort zurück. Er schreibt Schlange, zu der ich mich aus meinen Sünd- und Fehlen aufrichte und gesund werde» (vgl. 4. Mose 21 und Joh. 3). Noch einmal verwendet GOETHE dieses Symbolwort am 14. Juni 1780: «Adieu, Gold.» GOETHE wird am 24. Juni 1780 in den Freimaurerorden aufgenommen. Am 8. September 1780 zitiert GOETHE die dem Philosophen PYTHAGORAS zugeschriebenen «Goldenen Sprüche», und zwar die Verse 48 - 5381, Dann folgt noch der Brief aus Schmalkalden vom 11. September 1780: «Gute Nacht, Gold», und am 12. September 1780: «Liebes Gold», 39 und am 18, September 1780: «Gute Nacht, Gold». tember 1777: «Adieu, Gold», am 7. November 1777: «Lieber Engel ... Ein geradezu entscheidender Brief folgt am 21. September 1780 aus Ostheim: «Wir wurden von einer solchen Verklärung umgeben, daß die vergangene und zukünftige Not des Lebens und seine Mühe wie Adieu, Gold», von der Harzreise im Winter am 2. Dezember 1777: Schlacken uns zu Füßen lag und wir, im noch irdischen Gewand, schon «Lieb Gold», am 9. Dezember 1777: «liebes Gold», am 17. Juli 1778: die Leichtigkeit künftiger seliger Befiederung durch die noch stumpfen Kiele unserer Fittiche spürten.... Gute Nacht, lauteres Gold. Ich möchteim dreifachen Feuer geläutert werden, um Ihrer Liebe wert zu sein.» Zum Abschluß schreibt er am 13. Oktober 1780 nachts: «Gute Nacht, am 6. September 1777: «bestes Gold», von der Wartburg am 15. Sep- «Adieu, liebes Gold» und am 13. September 1778 von der Wartburg: «lieb Gold». j Es folgt nun 1779 die Entstehung der «Iphigenie». Die Uraufführung erfolgte am Osterdienstag, den 6. April 1779. Das Drama war in sechs Wochen niedergeschrieben worden und GOETHE erreichte mit diesem Evangelium der Humanität die Höhe der Klassik. Nicht unerwartet stoßen wir in der «Iphigenie» auf den gleichen Sachverhalt. GOETHE spricht von der Überredung goldener Zunge (I, 3), von goldenen Wolken (II, 1), von goldener Sonne (Ill, 1), von goldenen Himmelsfrüchten (TI, 1), von der ewigen Quelle, die vom Parnaß von Fels zu Fels ins goldene Tal hinabsprudelt (III, 1), von goldenen Schalen (IV, 5), vom goldenen Stuhl, von dem Tantalus fiel (IV, 5) sowie entscheidend im Lied der Parzen, in dem die goldenen Tische der Götter bei ihren ewigen Festen zweimal erwähnt werden (IV, 5). Im letzten Aufzug (V, 5) wird noch das goldene Fell («Vlies» in der späteren Bearbeitung) erwähnt. Zehnmal leuchtet also in der «/phigenie» das geheimnisträchtige «golden» auf. Im Dezember beendete GOETHE seine Schweizerreise. Von Mannheim aus schrieb er seiner Geliebten am 22. Dezember 1779: «Adieu, Gold. Gott im Himmel, was ist Weimar für ein Paradies.» Am 5. Juni 1780 tauchte das Wort wieder auf: «Adieu, liebes Gold... Und wenn ich heimlich mit mir nicht zufrieden bin, so sind Sie wie die eherne Gold». Dann verschwindet dieses seltene und seltsame Wort für immer im Briefwechsel mit Charlotte von Stein. “ Dieses Wort muß in dem Zeitraum von Januar 1776 bis Oktober 1780, also innerhalb 4 1/2 Jahren Ausdruck einer Tiefenschicht des Dichters, was sein seelisches Erleben betrifft, in der Liebe zu dieser außergewöhnlichen Frau gewesen sein, die später wieder versank. Achtzehnmal strahlt uns dieses Symbolwort in den Briefen an. Es ist die Zeit, in der die «/phigenie» entstand, noch bevor der erste. Entwurf zu «Tasso» niedergeschrieben war. Das ist die nüchterne Bestandaufnahme. 2. Die Sinndeutung Wie steht es mit der Qualität der Vorstellung «Gold»? Welche Seinsweise verbirgt sich hinter ihr? Aufschlußreich ist hier das zentrale 61 Die Übersetzung der Zeilen 48 - 53 durch GOETHE ist ungenau und manchmal mißverständlich. Unmittelbar davor las er den bekannten, sicher auf PYTHAGORAS selbst zurückgehenden Eid, die Tetraktys: «Wahrlich, bei dem, der gelegt in unsere Seele die Vielzahl. Sie die Quelle der ew’gen Natur.»

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Wort aus der «Iphigenie» (V, 3): «Die Stimme der Wahrheit hört jeder, geboren unter dem Himmel, dem des Lebens Quelle durch den Busen rein und ungehindert fließt.» Wenn wir Iphigeniens Aussage (III, 1) dazunehmen: «denn es quillt heller nicht vom Parnaß die ew’ge Quelle spannes und seines Führers». «Alles, was Seele ist, waltet über alles 40 sprudelnd von Fels zu Fels ins goldene Tal herab», dann erkennen wir, daß das irdische Tal des Menschenlebens durch das Quellwasser eines ewigen Lebens den Charakter des goldenen Seins annimmt.®2 Gold ist der Ausdruck für ein göttliches, festliches Leben, das mit dem Organ der Wahrheit empfangen werden kann. Wir sind somit bei dieser Betrachtung mitten in einem religiösen Bereich.®3 Gold ist für GOETHE das Korrelat für das göttlich-geistige Leben, entsprechend seinem thematischen Satz im Westöstlichen Diwan (Suleika): «Denn das Leben ist die Liebe und des Lebens Leben Geist!» Das alles sagt er mit dem symbolträchtigen Wort «Gold»! Gold meint die Lichtsubstanz göttlich-geistigen Lebens. GOETHE bewegt sich hier in der Sphäre der Offenbarung und wir stehen vor dem Problem einer geistigen Wahrnehmung dieser goldenen Lichtsubstanz. Darum müssen wir uns die Frage vorlegen, ob wir im Verlauf der religiösen Tradition schon auf ähnliche Erfahrungen gestoBen sind, so daß wir sie zum Vergleich heranziehen können. GOETHE selbst weist uns auf eine wichtige Spur, er deutet in seinem Brief vom 21. September 1780 sehr klar auf den Ursprung dieser geistigen Wahrnehmung hin, wenn-er den neuen Zustand als eine «Verklärung» bezeichnet, ihm also das Urerlebnis Jesu auf dem Berg Tabor vor der Seele steht. Bei’ Matth. 17,2 heißt es: «Und er war vor ihnen verwandelt und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.» Lukas betont in 9,29: «Das Aussehen seines Angesichts ward anders.» Auf der anderen Seite müssen wir die Erfahrungen PLATOs, die in ein mythisches Gewand gekleidet sind, heranziehen, um GOETHE zu verstehen. Im Phaidros führt er den Beweis für die Unsterblichkeit der . Seele (Kap. 23 und 24). In gleichnishafter Weise redet er im Blick auf die Seele «von der zusammengewachsenen Kraft eines befiederten Ge- 4 Unbeseelte und durchzieht den ganzen Himmel, verschiedentlich zu verschiedenen Gestalten sich zeigend. Der Vollkommene nun und Befiederte schwebt in den höheren Gegenden und waltet über die ganze Welt.» Auf diesem Hintergrund empfängt GOETHEs Äußerung Farbe und Kontur: «....und wir im noch irdischen Gewand, schon die Leichtigkeit künftiger seliger Befiederung durch die noch stumpfen Kiele unserer Fittiche spürten.» (21. Sept. 1780) Was bei GOETHE unmittelbare, lebendige Erfahrung und geistige Wahrnehmung war, von der er Zeugnis ablegte, dürfen wir getrost auch einem PLATO zutrauen, auch wenn seine Ausführungen in einem mythischen Gewand einhergehen. Aber noch ein anderer Bericht aus der Antike bekommt von GOETHE her eine neue, ungeahnte Aktualität, ja wird geradezu zum Kommentar für unseren Tatbestand. Ein helles Licht fällt auf einen Bericht über das Leben des PYTHAGORAS, dem moderne Exegeten ratlos und hilflos gegenüberstehen und ihn immer wieder achtlos als legendär beiseite schieben oder ihn einem magischen Schamanentum zuweisen. JAMBLICHOS schreibt in seiner Lebensbeschreibung des PYTHAGORAS zweimal, daß dieser «seinen goldenen Schenkel dem Hyperboreer Abaris gezeigt hat» (8135 und $ 140). «Dieser hielt ihn für den Apollon der Hyperboreer: (8135). Die egöttliche Natur» des PYTHAGORAS wird also durch das Merkmal bestätigt, daß er selbst goldene Schenkel hatte. Auch beim Wettkampf in Olympia sei er, so schreibt JAMBLICHOS (8140), aufgestanden und habe als hyperboreischer Apollon seinen Schenkel gezeigt, der aus Gold war. Wir haben es hier mit einer echten Tradition und nicht mit einer späteren Legendenbildung zu .tun. Sie geht sicher auf PYTHAGORAS selbst zurück. Das Kapitel 140 hat ausgesprochen archaischen Charakter. " Hier wird also ein Mensch als Gold erlebt, nicht mit Gold behängt, bekleidet oder-geschmückt. Diesem Tatbestand liegt eine neue Form geistiger Wahrnehmung zugrunde. Wahrlich ein singulärer Fall auch in der Antike, der uns nun durch GOETHE faßbar wird.®* 62 In Iphigenie Il, 1 greift GOETHE die griechische Sage vom goldenen Zeitalter auf. 63 Im poetischen Sinne hatte GOETHE schon im Reisetagebuch vom 15. Juni 1775 am Zürichersee von «goldenen Träumen» und 1776 in der Abhandlung über die bildende Kunst, «Nach Falconet und über Falconets, von «der ganzen Welt golden geschienen» gesprochen. 64 In modernen Zeiten wurde eine ähnliche geistige Wahrnehmung bei dem Maler und Schriftsteller Joseph Anton SCHNEIDERTRANKEN (1876 — 1943) lebendig, der unter seinem geistigen Namen B6 Yin RA seine Werke veröffentlichte.

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3. Der Humanist Goethe und der Christ Lavater durch eine Veränderung und eine neue Sicherheit gewann, ersehen innerhalb eines christlichen Glaubens legitime Überzeugungen. Wir haben es hier also mit zwei Arten von Theologie zu tun. GOETHE und LAVATER waren bereits acht Jahre in innigster Freundschaft verbunden und beide kannten sich äußerlich und innerlich bis auf das Letzte und Tiefste. Warum kommt es erst jetzt wegen der Christusauffassung zum Bruch? Wer trägt die Schuld am Zerwürfnis? Müssen wir sie im Bekehrungseifer und in der Schwärmerei LAVATERs suchen? St. CHAMBERLAIN meint in seinem Goethebuch auf LAVATERs religiöse Unduldsamkeit, auf «das Pfäffisch-Glatte in seinem Wesen» hinweisen wir aus seinem Verhältnis zu LAVATER in Zürich, das sich mit einem zu müssen, aber er hat sicher recht, wenn er gesteht, daß man «das Wa- Mal ohne scheinbar ersichtlichen Grund schlagartig änderte.6° von man lange gute Folgen spüren wird. Die Trefflichkeit dieses Menrum» nicht finden könne. Kirchliche Kreise schieben auf der anderen Seite GOETHE die Schuld zu, indem sein mangelndes religiöses Interesse und sein der Welt zugekehrter Egoismus den Bruch mit dem «Gottesmann Lavater» herbeigeführt habe. Aber in den Charaktereigenschaften der beiden großen Männer wird man schwerlich die Ursache für das Auseinanderbrechen der Freundschaft finden können. Es muß ein reales Ereignis eingetreten sein, das auf der einen Seite LAVATER schen spricht kein Mensch aus; wenn durch Abwesenheit sich die Idee den Weg zu GOETHE:verbaute, auf der anderen Seite GOETHE eine von ihm verschwächt hat, wird man aufs neue von seinem Wesen überrascht. Er ist der beste, größte, weiseste, innigste aller sterblichen und unsterblichen Menschen, die ich kenne.» Und wenige Tage später fährt er in seinem Lob für ihn fort: «Wir sind in und mit Lavater glücklich, es ganz neue Standfestigkeit und Unabhängigkeit gab. Dieses Ereignis kann nur die «Verklärung» sein, die GOETHE als geistige Wahrnehmung erlebte und die Krönung seiner «Golderfahrung» geworden war. Hier befinden wir uns im Bereich einer Offenbarung, Für LAVATER ist uns allen eine Kur, um einen Menschen zu sein, der in der Häuslichkeit der Liebe lebt und strebt... Wenn man wieder einmal so einen gab es Offenbarung nur durch und in Jesus Christus, der für ihn «Haupt der Schöpfung und König der Menschheit» war. Nur der Glauganz wahren Menschen sieht, meint man, man käme erst auf die Welt». be eines Petrus war der Felsen, auf dem Christus seine Gemeinde gegründet hatte. Neun Monate nach seiner «Verklärung» konnte GOETHE am 22. Juni 1781 an LAVATER geradezu antithetisch zum Petrusbekenntnis in Caesarea Philippi schreiben: «die wir uns einer jeden, durch Menschen und dem Menschen offenbarten Weisheit zu Schülern hingeben und als Söhne Gottes ihn in uns selbst und allen seinen Kin- 42 Diese reale Wahrnehmung einer realen substantiellen geistigen Welt unter dem Symbol des Goldes mußte im Innenleben GOETHEs eine Wendung herbeiführen, denn er empfand dies alles als eine Art göttlicher Offenbarung, die ihm zuteil geworden war. Einen Maßstab für dieses Erleben holte er sich aus dem Leben Jesu. An dessen Verklärung orientierte er seine «Verklärung». Daß sein religiöses Leben da- Wenige Monate vor seiner «Verklärung», am 21. September 1780, schrieb GOETHE am Ende seiner Schweizerreise aus Zürich an die geliebte Freundin am 24. November 1779: «Die Bekanntschaft mit Lavater ist für den Herzog und für mich, was ich gehofft habe, Siegel und oberste Spitze der ganzen Reise und eine Weide am Himmelsbrot, wo- Und vor dem Rheinfall von Schaffhausen gesteht er am 7. Dezember 1779: «Es ist mit Lavater wie,mit dem Rheinfall: man glaubt auch, man habe ihn nie so gesehen, wenn man ihn wiedersieht; es ist die Blüte der Menschheit, das Beste vom Besten.» ‚ Aber nun zeigen sich im Jahre 1781 in der Freundschaft zwischen GOETHE und LAVATER plötzlich Risse, die dann sehr bald zum endgültigen Bruch führen. Die Auseinandersetzung der beiden über ihre Stellung zu Christus nimmt schärfere Konturen an. Mit einem Mal stehen die beiderseitigen Standpunkte klar umrissen vor uns, und zwar ohne philosophischen und spekulativen Ballast, sondern vielmehr als zwei 65 Vgl. Otto HUBERT: «Humanismus und Christentum. Goethe und Lavater, die Tragödie einer Freundschaft». - Meiringen / Stuttgart: Loepthien Verlag 1949 43 dern anbeten. Ich weiß wohl, daß Du Dich dadrinne nicht verändern kannst und daß Du vor Dir recht behältst; doch find’ ich es auch nötig, daß Du Deinen Glauben und Lehre wiederholend predigst, Dir auch den unserigen als einen ehernen, bestehenden Fels der Menschheit, wiederholt zu zeigen, den Du und eine ganze Christenheit mit den Wogen Eures Meeres vielleicht einmal übersprudeln, aber weder überströmen, noch in seinen Tiefen überschütten könnt!» Christus ist ihm

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Heiß’ mich nicht reden, heiß’ mich nicht schweigen, Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht; Ich möchte Dir mein ganzes Innre zeigen, Allein das Schicksal will es nicht. 45 Die Worte, die er Mignon in den Mund legt, sind ja sein eigenes Lebensbekenntnis: Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu, das acrystallhelle Gefäß» - wir dürfen hinzufügen - der Gottheit, die er setzte Wege, Du so sicheren Schrittes als ich. Wir gelangen einsam, der Person Christi ausging und die so göttlicher Art, wie nur je das Göttliche auf Erden erschienen ist. Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, ihm anbetende Ehrfurcht zu erweisen, so sage ich: Durch- Tod, ablegte: «Dennoch halte ich die Evangelien alle vier für durchaus echt, denn es ist in ihnen der Abglanz einer Hoheit wirksam, der von das er Eckermann gegenüber am 11. März 1832, 11 Tage vor seinem Aber letzten Endes müssen wir doch von dem Bekenntnis ausgehen, Aspekten betrachten. Sie wechseln in den Epochen seines Lebens. Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen. Auch hier müssen wir auf die Antike zurückgreifen und daran erinnern, daß die Mysterien nicht ausgeplaudert und nicht ausgetanzt werden dürfen, daß ein Verrat unter Umständen mit dem Tod bestraft werden konnte und daß diese Arcan-Disziplin noch in die altchristliche Kirche Eingang gefunden hatte. Wir müssen hier wiederum auf den Philosophen PYTHAGORAS hinweisen. Seine Lehren werden nur mündlich dem engsten Schülerkreis mitgeteilt und nicht schriftlich niedergelegt und weitergegeben. Wir müssen annehmen, daß sich GOETHE einem ähnlichen Verbot verpflichtet fühlte und sein Schweigen über innerste Erlebnisse nicht gebrochen hat. Nur verschlüsselt kann man vieles in seinen Werken, vor allem im Faust finden. Er hat hier, wie er selbst in einem Brief an Zelter vom 26. Juli 1828 sagt, viel «hineingeheimnist». Er blieb zeit seines Lebens ein Dichter und kein . «Offenbarer» oder Prediger. Es ist hier nicht der Ort, ein Bild der religiösen Entwicklung GOETHES zu zeichnen. Sie durchlief viele Stadien, hatte aber eine geheime Mitte, ein Zentrum, von dem aus sdie Wellen ewiger Ströme» ausgingen und sein Leben befruchteten. Seine Stellung zu Jesus Christus kann man unter verschiedenen positiven und negativen in geistiger Wahrnehmung erfahren hat. So fühlt sich GOETHE auf dem Felsboden einer Offenbarung stehend und er beschreibt von diesem Standpunkt aus sein Verhältnis zu LAVATER geradezu mit einer wissenschaftlichen Klarheit und Schärfe. Er schreibt am 8. August 1782: «Wir berühren uns beide so nahe als Menschen können, dann kehren wir uns seitwärts und gehen entgegengeohne aneinander zu denken, an die äußersten Grenzen unseres Daseins; ich bin still und verschweige, was mir Gott und die Natur offenbart, ich kehre mich um und sehe auf einmal das Deinige gewaltig lehrend... Du hältst das Evangelium, wie es steht, für die göttlichste Wahrheit, mich würde eine vernehmliche Stimme vom Himmel nicht überzeugen, daß - ein Weib ohne Mann gebiert und daß ein Toter aufersteht, vielmehr halte ich dieses für Lästerungen gegen den großen Gott und seine Offenbarung in der Natur. Du findest nichts schöner als das Evangelium, ich finde tausend geschriebene Blätter alter und neuer, von Gott begnadeter Menschen ebenso schön und der Menschheit nützlich und unentbehrlich. Nimm nun, lieber Bruder, daß es mir in meinem Glauben so heftig ernst ist wie Dir in Deinem, daß ich, wenn ich öffentlich zu reden hätte, für die nach meiner Meinung von Gott eingesetzte Aristokratie mit eben dem Eifer sprechen und schreiben würde, als Du für das Einreich Christi schreibst.» Zum Schluß schreibt GOETHE «vom Hinausschließen, hinaus wo die Hündlein sind, die des Herrn Tische mit Brosamen genährt werden, für die abgefallenen Blätter des Lebensbaumes, getrübtere Wellen der ewigen Ströme, Heilung und Labsal sind.» Hier läßt uns GOETHE einen kleinen Blick wie durch einen Spalt in sein Allerinnerstes tun. Er öffnet ein wenig die Türe zu seinem geistigen Innenraum. Wir dürfen getrost das, was er hier mit «den Blättern des Lebensbaumes und den Wellen der ewigen Ströme» sagt, zur Verdeutlichung seiner «Verklärung» heranziehen. Im übrigen waltet nach seinen unzweideutigen Worten über allem das Geheimnis. Er hat nicht den Auftrag zum öffentlichen Reden in religiösen Dingen bekommen, er ist still und verschweigt sein Geheimnis.

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Jesus und Pythagoras aus! Ich beuge mich vor ihm, als der göttlichen Offenbarung des höchsten Prinzips der Sittlichkeit.» Hier beantwortete GOETHE also unsere Frage, welchen Platz er Jesus in seiner am 8. August 1782 erwähnten «von Gott eingesetzten Aristokratie» zuweisen würde. Eine sachgemäße Analyse muß aber jene geheimnisvolle Entfaltung einer geistigen Wahrnehmung miteinbeziehen, die die Liebesempfindung mit dem Symbolwort «Gold» erfaßt und in den religiösen Erfahrungsbereich einer «Verklärung» hineinführt. ‚8, Ccetae vB De Mystmıız IV. JESUS UND PYTHAGORAS Die Perikope über die «Gütergemeinschaft», Apg. 4,32-37 beginnt mit einer schlagwortartigen, unbiblischen Formel: «sie hatten alles gemeinsam». Dieses panta koina ist dem Neuen Testament ganz fremd, kommt auch im Alten Testament nicht vor, geschweige denn in den Worten Jesu, so daß wir annehmen müssen, daß Lukas diese Wendung in einer bestimmten missionarischen Absicht gewählt hat. Sie war im Hellenismus geläufig. Sie kommt in den zum Teil utopischen Theorien des PLATON und ARISTOTELES vor, wurde aber vor allem im Neupythagoreismus für den Lebensbund der Jünger des Philosophen eine gestaltende Wirklichkeit. Der gebildete Leser der Apostelgeschichte wurde bei dieser Wendung sofort an die Neupythagoreer erinnert. Lukas wollte sagen: Was dort vorgebildet sich abzeichnet und geahnt wird, wird in der Bruderliebe der christlichen Gemeinde Wirklichkeit. Mit Scharfblick erkannte Lukas in dieser damals neu aufbrechenden Bewegung, die nicht nur zu neuen philosophischen Vorstellungen, sondern zu Gemeinschaftsbildungen führte, eine Verheißung, die nur in der christlichen Gemeinde ihre Erfüllung finden konnte. Tatsächlich hat sich später der Neupythagoreismus als Konkurrent gegenüber dem aufstrebenden Christentum gefühlt, und er suchte durch Idealisierung des Apollonios von Tyana die christliche Verkündigung zu überbieten. Den Neupythagoreern ging es nicht um eine neue, philosophisch begründete Gesellschaftsordnung, sondern um den «Weg nach oben». Sie