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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)CHo Medica, Vol. 3, pp. 1-20, 1968.
Pergamon Press.
Printed in Great Britain.
L
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INES yr.
\GLc8
Der Arzt des Körpers und der Arzt der Seele
FRIDOLF KUDLIEN
WORUM es uns hier geht, das ist die Untersuchung einer präzis umgrenzten Frage:
Welche geistigen Auswirkungen auf die antike Medizin konnte gegebenenfalls jener
seit alters gefühlte Zwiespalt zwischen Körper und Seele haben, jener so einflußreich
gewordene Dualismus, von dem man (sehr pointiert) gesagt hat, er sei—notabene
in seiner spezifisch europäischen Gestalt—das weitreichendste, aber wohl auch
problematischste geistige Geschenk der Griechen an die menschliche Kultur
gewesen?! Wir wollen hier also nicht primär Philosophie-oder Religionsgeschichte
treiben (in deren Ressort natürlich der Dualismus recht eigentlich hineingehört).
Wir wollen uns auch nicht etwa auf eine eingehendere Erörterung der antiken
Vorstellungen über die Seele und ihre Leiden (Affekte; geistige Störungen) einlassen;
sondern wir wollen, immer nur unter dem allgemeinen Aspekt des Dualismus,
möglichst nahe an der Medizin und ihren grundsätzlichen Belangen bleiben.?
Allbekannt dürfte in solchem Zusammenhang die christliche Vorstellung von Jesus
dem “Arzt” oder, genauer, dem '"'Seelenarzt” sein; ebenso bekannt ist die
frühchristliche radikale Entwertung des Körpers zugunsten der Seele. Schließlich
weiß man natürlich auch ganz im allgemeinen, daß sich antike Philosophen (und
nicht nur antike) oft genug ausdrücklich oder stillschweigend als “Seelenärzte”
gefühlt und gesehen haben (manchmal offenkundig in einer gewissen Konkurrenz
zur Medizin). Weniger bekannt sind jedoch demgegenüber vielleicht die konkreten
Einzelzüge dieses geistesgeschichtlichen Phänomens und vor allem die Reaktionen
der Medizin auf jenen philosophischen, und religiösen Anspruch—einen Anspruch,
welcher denn doch zumal im 2. und 3. ‚Jahrhundert n. Chr. zu einem regelrechten
geistigen Dilemma der Medizin gegenüber der Gesellschaft beigetragen zu haben
scheint. Wir wollen daher hier noch einmal im Zusammenhang darzustellen
versuchen, welche Entwicklung im einzelnen diese krisenhafte Erscheinung (wenn
man die Sache so nennen darf) genommen hat, und welche Lösung sie dann fürs
erste in der Spätantike fand. Vielleicht ist es gerade für das so gewählte Thema gut,
vorweg noch ganz ofen zu bekennen, daß der Verfasser gewohnt ist, von Texten
und
ihren
Befunden,
auszugehen
und
bei
der
Interpretation
die
eigene
Weltanschauung möglichst aus dem Spiel zu lassen.
Wenn wir die von dem platonischen Sokrates im Theätet fingierte Rede als auf
einer einigermaßen historischen Basis ruhend ansehen dürfen, dann mag im
5. Jahrhundert v. Chr. der Sophist Protagoras tatsächlich die Ärzte als “über die
Körper Bescheid Wissende” bezeichnet haben (Platon, Theätet 167 b 5f.). Bedeutete
aber dies nun etwa schon eine Ressortfestsetzung und -beschränkung in dem Sinne,
daß Protagoras damit den Bereich der Seele ausdrücklich den Ärzten aberkannt
(und den Philosophen zugeteilt) hätte? Halten wir zunächst einmal eines fest:
Zur Zeit des Protagoras war auch die Anschauung vertreten, daß zwischen Körper
und Seele kein fundamentaler Zwiespalt, sondern ein fester Zusammenhang,
Página 2
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)womöglich sogar eine Art von Identität (“psyche” und “‘soma” sozusagen nur als
zwei Aspekte ein und desselben “Lebenden”) bestehe. Zur gleichen Zeit gab es
jedoch auch ganz andere Anschauungen. Die psychophysische Einheit selber war
offenbar, als Begriff, an und in sich vage, wertneutral, vieldeutig. Hört man etwa
aus jener Zeit cine Formulierung wie die dem Pythagoreer Philolaos zugeschriebene
(Vorsokratiker frgm. 14 Diels-Kranz)
“die Seele ist mit dem Körper zusammcengebunden”, so klingt so etwas ja in der Tat, allein für sich genommen, durchaus
neutral und ließe dann ohne weiteres zwei ganz verschiedene Deutungen zu—eine
neutral-positive und eine engagiert-negative.
Nun dürfte doch wohl die Annahme berechtigt sein, daß gerade Ärzte am
ehesten dazu geneigt haben werden, von vornherein das Körper/Seele-Verhältnis
“naturwissenschaftlich”, das heißt eben neutral-positiv aufzufassen. Sie werden
also die Seele im engsten Bund mit dem Körper, als Funktion eines bestimmten
Organs beispielsweise, haben sehen wollen. Da gibt es in der Tat für die Antike
genügend (und genügend bekannte) Belege; wir brauchen hier nicht näher auf die
Versuche frühgriechischer Naturphilosophen und Ärzte, die Seele im Körper zu
lokalisieren (im Herzen, im Zwerchfell, im Gehirn, im Blut usw.), einzugehen.
Wichtiger und für unsere Zwecke belangreicher ist es, aus älteren Schriften des
Corpus Hippocraticum (also wiederum aus der Zeit des ausgehenden 5.
Jahrhunderts) einige wesentlichere Äußerungen über die Seele und ihre Beziehung
zum Körper zu zitieren: Die Seele “schlüpft... in den ganzen Menschen hinein”
(repi Suufıng I 25); so wie der Körper aus Elementarbestandteilen zusammengesetzt ist, so ist auch die Seele “eine Mischung aus Feuer und Wasser” (ebd.). Sie
wächsi zugleich mit dem Körper in der Jugend und nimmt entsprechend im Alter
ab (ebd.; vgl. auch an anderen Stellen dieser Schrift). Aus solcher überaus engen
Verbindung ergeben sich Konsequenzen: Wenn zusammen mit dem Körper auch
die Scele im Verlaufe einer Krankheit von dieser ergriffen wird, dann “zehrt sie
den Körper auf” (Epidem. VI 5,2). Oder, von einem anderen Gesichtspunkt aus
gesehen: Eine seelische Emotion versetzt körperliche Organe wie Herz oder Lunge in
Mitleidenschaft und bringt, sozusagen, das physiologische Gleichgewicht (der
Grundqualitäten des Körpers) durcheinander (Epidem. VI 5,5). Es ist also für
eine seelische Ruhelage zu sorgen; und da bietet sich dem Arzt zum Beispiel eine
schlagende Parallele aus der Diätctik des Körpers an: Genauso wie ein Spaziergang
wichtig für die körperliche Gesundheit ist, so ist “das Sichkümmern für die Menschen
ein Spaziergang (sc. im therapeutischen Sinne!) der Seele” (Epidem. VI 5,5%).
Kurzum: Das Gebiet der Seele gehört mit zum Aufgabenbereich des Arztes: er hat
sich um ihre Äußerungen und deren Zusammenhänge mit dem Körper zu kümmern
(De humoribus 9).
Hier ist also die Körper-Seelc-Einheit in einer geradezu selbstverständlichen
Weise vorausgesetzt,’ erklärt und medizinisch ausgewertet. Jeder Versuch, eine
Prävalenz der einen vor dem anderen (oder umgekehrt) zu statuieren, scheint bei
diesen Ärzten von vornherein ausgeschlossen, gleichsam ihrer Techne unangemessen
zu sein.° Ganz anders jedoch bei den Philosophen: Der vorhin zitierte Philolaos
etwa, ein Pythagoreer um 400 v. Chr., hat zwar auch (wenn man der Überlieferung
glauben darf) ebenso wie andere vorsokratische Naturphilosophen die Seele im
Körper organisch lokalisiert (im Herzen; s. frgm. 13 D.-Kr.). Aber an jener Stelle,
wo er vom Zusammengebundensein zwischen Körper und Seele sprach, heißt es
3
Der Arzt des Körpers und der Arzt der Seele
dann bezeichnenderweise (mit Berufung auf die alten “Theologen” und Seher)
weiter, daß jene Verbindung eine für die Seele negative sei—es ist dies für die Seele
eine “Strafe”, und sie ist im Körper “begraben” (frgm. 14 D.-Kr.). Da erscheint
der alte Dualismus in seiner krassesten Form (Seelenwanderungsvorstellung!), mit
der dazugehörigen radikalen Entwertung des Körpers zugunsten der Seele.
Diese Entwertung des Körpers als eines Gefängnisses der Scele, welche dann
später im geistigen Umkreis des frühen Christentums eine für unser Thema so
bedeutsame Rolle spielen sollte, ist jedoch im 5. Jahrhundert v. Chr. sicherlich
nur auf bestimmte Lehren und Kreise beschränkt gewesen. Wie die Zeit um 400
v.Chr. im ganzen uneinheitlich, voller revolutionärer ebenso wie restaurativer
geistiger und weltanschaulicher Ideen war, so herrschte ganz offenbar auch in
Bezug auf das Verhältnis zwischen Körper und Seele damals keine einheitliche
Meinung.
j
Uns kommt es nun zunächst darauf an, die ersten deutlichen Anzeichen dafür
zu finden, daß die Philosophie den Bereich der seelischen “Krankheiten” und ihrer
Heilung ausdrücklich und gegenüber der Medizin für sich beanspruchte.
Wenn
man dabei von der Krankheits- und Arzt-Metaphorik ausgeht, wie sie in der
platonisch-sokratischen Ethik und den Fragmenten einiger Vorsokratiker so deutlich
faßbar wird, dann wird man summarisch sagen dürfen, daß der Begriff “Krankheit
der Seele” bei den Griechen in der philosophischen Ethik des 5. Jahrhunderts
v. Chr. zum ersten Male systematisch durchdiskutiert worden ist (wobei man sich
freilich daran erinnern muß, daß hinter dieser Diskussion letztlich die uralte,
vorphilosophische, religiös-magische Vorstellung von der Krankheit als Folge einer
“Sünde” in der Ferne aufzutauchen scheint.) Die Philosophie setzt hier in gewissen
Grade
eine
alte Tradition fort,
innerhalb
deren und für
die
die innere,
nichttraumatische Krankheit als solche nicht bloß ein rein körperlich fundiertes
Phänomen war, dessen Heilung eben deshalb auch nicht eigentlich dem Arzt (und
das heißt, für die alten Zeiten, dem einfachen Wundarzt-Typ homerischer Prägung),
sondern dem “Schamanen” (das heißt einem Manne, der, wie etwa Empedoklcs,
Weiser, priesterlicher Seher und naturkundiger Heiler in einem war) oblag.
Hier im 5. Jahrhundert scheint uns demnach der Keim für einen gewissen
Zwiespalt zwischen Medizin und Philosophie zu liegen. Die eigentliche Medizin
hatte sich damals von ihren schamanistischen und naturphilosophischen
Geschwistern (wenn dieser Ausdruck einmal hilfsweise erlaubt ist) zumal mit
dem Auftreten des Hippokrates so deutlich wie nur möglich gelöst.® Aber in der
gleichzeitigen Philosoplzie, vor allem bei Platon, gehen Krankheit und “Sünde”,
Medizin und Ethik, Körper und Seele eigentümlich in-und durcheinander; dies hat
uns in letzter Zeit vor allem Pedro Lain Entralgo (selber ein leidenschaftlicher
Psychosomatiker) sehr eindrücklich klargemacht.? Eine für unser spezielles Anliegen
höchst belangreiche Aussage Platons steht im Charmides (156 d 4ff.): Die thrakischen
Ärzte sollen, nach der Darstellung Platons, ihre griechischen Kollegen zwar gelobt
haben, weil diese bei der Behandlung eines erkrankten Körperteils niemals “das
Ganze” außer Acht ließen. Allerdings: Bei den griechischen Ärzten bedeute dieses
Ganze” nur den Körper. Man müsse aber stattdessen das wahre Ganze, und das
heißt den Körper und die Scele, behandeln; weil die griechischen Ärzte dies
versäumten, seien sie zahlreichen Krankheiten gegenüber machtlos.
Página 3
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Es ist sehr die Frage, ob Platon trotz seiner notorischen Hochschätzung des
Hippokrates (die sich ja übrigens an jener anderen, hochberühmten und
vieldiskutierten “Phaidros”-Stelle 270 c gerade auch ausdrücklich auf den Begriff
eines “Ganzen” bezieht) nicht eigentlich selber der Meinung war, daß die
griechischen Ärzte sich allzu schr auf den Körper (unter Vernachlässigung der
Seele als mehr oder weniger eigenständiger und vor allem höherwertiger Wesenheit)
beschränkten. Was Platon demgegenüber im Charmides und vor allem in den
Gesetzen (720 a-e; 857 cd) für den wahren Arzt propagiert, das ist eigentlich nicht
bloß
“Psychotherapie” in dem uns bekannten Sinne, sondern eine moralpädagogische, und das heißt im echt platonischen Sinne Phulosophische Heilkunde,
der es vorwiegend um die Seele des Kranken geht; ihr setzt Platon zumindest in
den Gesetzen die übliche Medizin sehr schroff gegenüber.
Eine sehr naheliegende Konsequenz aus solcher Haltung ist nun zwar nicht bei
Platon, aber bei Demokrit gezogen beziehungsweise klipp und klar ausgesprochen.
Dieser Philosoph scheint (wenn wir recht sehen) als erster deutlich gesagt zu haben:
“Die ärztliche Kunst heilt die Krankheiten des Körpers; die Philosophie dagegen
befreit die ‚Seele von ihren Leiden” (fr. 31 Diels-Kranz). Hiermit war nun doch
wohl ohne Zweifel nicht nur eine Analogie, sondern bereits eine klare Ressorttrennung intendiert. Ohne daß freilich dadurch an und für sich sogleich auch ein
Kompetenz- oder Wertstreit inauguriert sein mußte, deutet doch die von uns
skizzierte geistige Situation in ihrer Unklarheit auf mehr als einen ganz konkreten
künftigen Streitpunkt hin: Was ist denn “die Scele’—ist sie eine vom Körper
unabhängige eigene Wesenheit oder eine organische Funktion des Körpers? Ist
Gesundheit ein psychosomatisches oder ein somatisches Phänomen, oder gibt es
davon zwei ganz verschiedene Arten? Wird die Seele durch körperliche Krankheiten in Mitleidenschaft gezogen? Und schließlich: Ist die Seele etwas
Wertvolleres, Höheres als der Körper? Philosophen und Ärzte werden in solchen
Fragen, ihren eigenen Ausgangspositionen entsprechend, von jeher zunächst
verschiedene Ansichten gehabt haben. Und wenn zudem noch weltanschaulichreligiöse Aspekte ins Spiel kommen— welche konkreten Auswirkungen konnte der
Dualismus dann womöglich auf die Medizin, auf ihre Einschätzung innerhalh der
Gesellschaft und auf ihre eigene geistige Sicherheit haben?
Den stärksten Einfluß auf die folgende Entwicklung dürfte in dieser Beziehung
unstreitig die stoische Philosophie genommen haben;!° sie wurde ja überhaupt
unter allen antiken Philosophien wahrhaft am populärsten, und ihre Gedanken
hatten die breiteste Wirkung auf die allgemeine Kultur. Es scheint uns nun ein
sehr folgenreicher Schritt gewesen zu sein, daß der Begründer dieser philosophischen
Richtung, Zenon von Kition (um 300 v.Chr.), die Gesundheit an sich nicht mehr
für ein echtes Gut (und ihr Fehlen für ein Übel), sondern daß er sie für indifferent
(üdıapopov), das heißt also für a priori wertfrei erklärte (Stoicorum Veterum
Fragmenta Bd. I S.47, 25 ed. v.Ärnim). Dies widersprach zunächst einmal alten
popularethischen Wertvorstellungen, nach denen die Gesundheit ganz einfach zu
den höchsten Gütern zählte.!! Freilich waren diese sozusagen noch aus der guten,
alten Zeit stammenden Wertvorstellungen wohl auch schon vor Zenon nicht mehr
so ganz und unverändert gültig geblieben; der Zusammenbruch der attischen Polis
etwa, dauernde schwere Kriege und politischer Hader, wirtschaftliche Unsicherheit,
eine schon im 4, Jahrhundert sich ausbreitende, zum Pessimismus neigende Skepsis
Der Arzt des Körpers und der Arzt der Seele
5
werden ganz allgemein zu einer Relativierung der sogenannten äußeren Güter des
Lebens beigetragen haben.
Zenons Neubewertung der Gesundheit blieb nun zwar innerhalb der Stoa
keineswegs unwidersprochen, sondern wurde lebhaft diskutiert (s. den Index bei
v. Arnim Bd. IV, s.v. öyteıa). Aber sie war hinwiederum, einmal ausgesprochen,
auch nicht mehr aus der Welt zu schaffen und konnte tatsächlich ganz wesentlich
zu einer Um- und Entwertung des Körpers und damit natürlich auch zu einem
gewissen Rangverlust der Medizin im allgemeinen Bewußtsein beitragen, zumal
wenn sie auf den Körper/Seele-Dualismus unmittelbar Bezug nahm. Und gerade
dies könnte vielleicht schon bei Zenon selber der Fall gewesen sein; möglicherweise
hat auch er, wie dann manche Stoiker nach ihm, die Gesundheit als die richtige
Mischung der vier Elementarqualitäten des A’örpers definiert und dieser somatischen
Gesundheit eine andersartige der Seele gegenübergestellt (vgl. StVF I 37, 13 u.
III 68, 27£.).
Hieran schlösse sich dann also die andere Frage: Wird die Seele durch
körperliche Krankheiten in Mitleidenschaft gezogen? Ist sie also abhängig vom
Körper oder nicht? Diese Frage bekommt nunmehr aber für uns eine noch
wesentlichere Bedeutung, da ja bekanntlich eben in der Stoa sehr starke Tendenzen
zur Erhöhung der Seele (als eines Ätherisch-Reinen, Kosmisch-Unsterblichen im
Menschen usw.) sich entwickelt haben. Zunächst ist noch einmal zu betonen, daß
in der älteren Stoa einige Philosophen die Gesundheit ausdrücklich als ein rein
somatisches Phänomen gewertet haben (StVF III 31, 4 u. 33, 2). Ferner muß
beachtet werden, daß im: Anschluß an die Feststellung der eigentlichen
Wertfreiheit der Gesundheit erklärt werden konnte, an und für sich nütze die
Gesundheit weder noch schade sie, man brauche also auch gar nicht unbedingt
nach ihr zu streben (StVF IIl 28, 13; 47, 7).
Zumindest diese in dem Gedanken von der Indifferenz der Gesundheit (der
körperlichen, wohlgemerkt!) bereits vorgegebene gedankliche Konsequenz mutet
uns denn doch auf den ersten Blick recht erstaunlich an, und man könnte sich hier
unwillkürlich fragen, ob dies alles nicht doch bloß rein esoterische, auf einen relativ
kleinen Kreis beschränkte Geistesetüden-gewesen und geblieben sind. Aber es
darf, wie schon gesagt, auf keinen Fall übersehen werden, daß in Wirklichkeit die
Stoa und dann zumal auch ihr vulgärer Ableger, die kynisch-stoische Moralphilosophie, eine enorme geistige Wirkung in breiten Kreisen der Bevölkerung
hatten. Verachtung aller äußeren Umstände, vor allem der körperlichen
Bedürfnisse und Nöte, zugunsten der Freiheit und des Glücks der Seele, waren
ein Hauptanliegen dieser Lehren. Ohne bier auf die allgemeine geistige Situation
jener Zeit näher eingehen zu können, müssen wir summarisch sagen, daß wohl
Stoa und stoisierende Popularphilosophie gar nicht einen derartigen Anklang
hätten finden können, wenn sie nicht gerade auch in dem uns speziell
interessierenden Punkte auf eine verwandte, schr breit gestreute Grundstimmung
bei den damaligen Menschen gestoßen wären. Dies alles hat ja dann schließlich,
wic genugsam bekannt, das Aufkommen und den Erfolg des Christentums bedeutend
erleichtert und gefördert.
Doch kehren wir zu unserem engeren Thema zurück; es wird nun einleuchten,
daß es tatsächlich im Hinblick auf die damalige allgemeinere Einstellung zum
Leib/Seele-Verhältnis und zu Gesundheit und Krankheit wichtig ist, die
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)"Der Arzt des Körpers und der Arzt der Seele
wir späteren
betreffenden Ansichten der Stoa eingehender zu referieren. Wenn
von
Clemens
wie
chen
christli
und
Plutarch
wie
schen
Berichterstattern—heidni
ältere Stoiker auch
Alexandrien und Theodoret—glauben dürfen, dann haben
n, weil
gesagt, daß Schmerzen und Krankheit nicht gemieden zu werden brauchte
durch den
die Seele
sie gar nicht “schädlich” seien (StVF III 35, 29£.), und daß
habe (ebd. 36, 6-8
sfalle,
Krankheit
im
nicht
auch
,
Körper weder Nutzen noch Schaden
der Dualismus
Seite
hischer
philosop
von
wohl
dann
ja
konnte
Krasser
u. 13).
) in seinem
letzteren
der
ndigkeit
Eigenstä
zwischen Körper und Seele (und die
gar nicht
it
Krankhe
und
eit
Gesundh
von
Bereich
den
auf
besonderen Bezug
ausgedrückt werden.!?
So ist es nur folgerichtig, wenn auch mindestens einer
t ausdrücklich als
dieser Philosophen (wie schon vorher Demokrit) die Heilkuns
15) und wenn
120,
IIT
(StVF
eine “Techne für den kranken Körper” defininiert
das ist der
(und
”
Körpers
des
“Arzt
einen
es
der gleiche Mann feststellt, daß
Philosoph) gäbe
der
ist
das
(und
Seele”
der
“Arzt
einen
und
Arzt)
iche
gewöhnl
sehr deutlich
(ebd. 120, 18-22). Anders als bei Demokrit sehen wir jetzt aber dahinter
gen nun
trennun
Ressort
e
derartig
welchem
auf
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auftauch
d
tergrun
einen Werthin
g
Richtun
eine
für
st
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eben
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ein schärferes Profil bekommen: Der Körper
en
überleg
Seele
die
dem
rtiges,
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rochen
ausgesp
etwas
unter den Stoikern
den Körpern
ist; so ist denn diesen Stoikern auch die Heilkunst, da sie sich nur mit
befaßt, höchstens ein ‘'meson”, das heißt eine nicht unbedin
gt und an sich gute
Sache (StVF III 184, 31£.).
vom Körper
Nicht alle Stoiker freilich haben die Seele in einem solchen Maße
sein lassen.
getrennt beziehungsweise von ihm unabhängig und unbeeinträchtigt
ein enges
über
ungen
Vorstell
auch
hie
Philosop
n
Wir finden in der älteren stoische
Verhältnis zwischen, beiden, Vorstellungen,
die mit den oben zitierten der
g aus
althippokratischen Ärzte identisch sind: Die Seele ist eine Mischun
Elementarbestandteilen (Feuer und Luft, vgl. StVF II 219,
4 u.ö.) und.ist mit
in Mitleidendem ganzen Körper “vermischt” (StVF I 40, l u.ö.); daher steht sic
m die
wiederu
auch
wird
eits
Anderers
2fR.).
117,
I
(ebd.
Körper
dem
mit
schaft
das
(z.B.
ehoben
hervorg
lich
ausdrück
eigene, spezifische Substanz der Seele
Substanz
dieser
In
26).
155,
II
auch
vgl.
u.ö.;
33
138,
ebd.
a”
berühmte “Pneum
beim
diesen
verläßt
und
u.ö.)
27
155,
gestalt “geht' die Seele durch den Körper (IX
Verhältnis
Tode unversehrt. Der Grad jener “Mischung” und damit das gesamte
ohne
nicht
und
ich
zwischen Körper und Secle ist in der Stoa ausführl
Referate
antike
eiche
umfangr
gibt
es
und
worden,
t
Widersprüchlichkeiten diskutier
ist, daß
darüber (vgl. etwa StVF II 154, 6ff.). Gleichviel: Für uns am wichtigsten
us, die Abwertung
bei diesen innerstoischen Diskussionen eben auch der Dualism
schärfer formuliert
immer
Seele
der
gigkeit
Unabhän
und
Eigenart
die
des Körpers,
herausund gerade am Beispiel der Medizin und des ihr zukommenden Bereichs
dieser
wie
werden,
geprüft
uns
von
also
jetzt
muß
Es
konnte.
gearbeitet werden
fortentweiter
dung
Einklei
n
stoische
Strom von altem Gedankengut sich in seiner
wickelt und unmittelbar auf die Medizin eingewirkt hat.
Doch bevor wir dies tun, müssen wir noch kurz auf einen Arzt
zu sprechen
n
kommen, von dem gewisse Anschauungen vielleicht nur dann voll zu verstehe
n auf den
und richtig zu bewerten sind, wenn man sie als eine bewußte Reaktio
seinen
“‘psychiatrischen” Anspruch der (stoischen) Philosophie mitsamt
lebenden
Implikationen begreift. Wir meinen den im 1. Jahrhundert v. Chr.
n und ganzen berechtigt sein, diesen
Asklepiades von Bithynien. Es dürfte im große
chen Psychiatrie zu bezeichnen.’
Arzt als den eigentlichen Begründer einer ärztli
sch orientierten Mitteln (statt
somati
mit
n
heite
krank
Wenn aber hier die “Geistes”
n sind, dann muß dieser
worde
delt
auf psychologisch-philosophische Weise) behan
des Körpers begriffen
ion
Funkt
eine
als
strikt
e”
Arzt den “Geist” oder die “Seel
tion, die uns durch
defini
seine Seelen
haben. Dafür spricht denn auch tatsächlich
Graeci p. 387 a7
raphi
Doxog
(vgl.
ist
spätere Doxographen erhalten geblieben
nehmungen”
Wahr
Verarbeitung der
Diels): Die Seele ist die “gemeinsame
tion, in der
Defini
ante
prägn
aber
e,
(suyyonvasia EV aiodncswv). Diese knapp
jedenfalls ganz
und
h
aftlic
sensch
turwis
sch-na
alisti
ration
die Seele bemerkenswert
aus diesem Grunde der doxo‘untranszendent” begriffen wird, scheint eben
n zu sein. Wir könnten uns
worde
ten
gehal
wert
für
graphischen Aufbewahrung
te Reaktion auf stoische Lehren
gut vorstellen, daß sie geprägt worden ist als bewuß
beeinflußt waren. Wir dürfen
Stoa
der
von
e
und gegen ärztliche Kollegen, welch
rgehen: Caclius Aurelianus, der
dabei sogar, glaube ich, noch einen Schritt weite
wahrt hat (Morb. acut. 1115:
aufbe
lls
die Scelendefinidon des Asklepiades ebenfa
zusätzlich, daß Asklepiades
uns
tet
berich
”),
coetus
um
omni
Die Secle ist “sensuum
ung von “unsichtbaren”
nehm
Wahr
sich in diesem Zusammenhang auch über die
rum ganz rationalistisch,
wiede
etwas,
so
er
habe
zwar
und
Dingen ausgelassen habe;
um”) erklärt, ein Spiel,
sensu
motus
einfach als freies Spiel der Sinne (“solubilis
ener, real sichtbarer
enomm
wahrg
r
frühe
schon
at
das aber sozusagen auf dem Substr
nun ganz konkret
uns
t
schein
s
Dinge basiere. Diese Feststellung des Asklepiade
Fähigkeit von
sche
seheri
die
über
Ärzte
er
gegen die stoisierende Ansicht gewiss
hen haben
sprec
zu
näher
ch noch
Sterbenden gerichtet zu sein, worüber wir soglei
werden.
die stoische Philosophie (genauer:
Denn wir müssen nun davon berichten, daß
en Vertreter in der 1. Hälfte des
mtest
die mittlere Stoa) durch einen ihrer berüh
Gründung einer neuen Ärzteschule
1. Jahrhunderts v. Chr. unmittelbar zur
ist bezeugtermaßen der Lehrer des
eia
beigetragen hat: Poseidonios von Apam
er die sog. pneumatische Schule
Welch
en,
gewes
ia
Attale
Arztes Athenaios aus
zeigen, daß diese Ärzteschule sich
ch
begründet hat.!* Es läßt sich in der Tat vielfa
ein beträchtliches Interesse für
(der
s
donio
Posei
an
eng an die Stoa und zumal
sen hat.
Medizin gehabt haben muß") angeschlos
Für unser Thema ist, wie auf,
zwischen Stoa und Medizin besonders
der Hand liegt, diese spezielle Verbindung
en nahezu vollständig erhaltenen
interessant: Wirklich findet sich bei dem einzig
os (Mitte des 1. Jahrhunderts
Aretai
isten
Pneumatiker der Kaiserzeit, dem Intern
das Verhältnis zwischen Seele und
n. Chr.), eine schr bezeichnende Ansicht über
. Danach ist das normale,
diesem
vor
Körper und über die Prävalenz jener
Aretaios sich ausdrückt—
wie
gboıc,
eine
hen—s
Mensc
physiologische Leben des
haltene “Spannung”
menge
zusam
bedingt durch die gleichsam in einer Fessel
“Normalspannung”
diese
für
an
alorg
Zentr
Das
rs.
(16vog) aller Elemente des Körpe
e gewisser
sitzt im Herzen; dort ist auch die Seele
lokalisiert.‘ Wenn nun infolg
ung sich löst, dann wird die Seele
schwerer Krankheiten diese gebundene Spann
geschärfte Sinne und werden zu
‘‘treiner” (xudupwrspn); die Kranken haben dann
ft blicken (Aretaios a.O.p.
Zukun
die
in
sogar
n
“Wahrsehern”, das heißt sie könne
agen auf; alle animalischen Feuchtig29,27Ef.). Der Körper löst sich dabei sozus
Dunkelheit”
e vorher “in Schlamm und
keiten trocknen aus, und die Seele, welch
Página 5
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)sich befand, kann nun klar blicken, weil sie ‘nackt’ (youvA) ist.
Der Arzt des Körpers und der Arzt der Seele
Fridolf Kudlien
der gar nicht mein eigentliches Wesen, ja der von Natur zum Sterben bestimmt
ist?” (Arr./Epikt. Diss. p. 266, 1-11 der editio minor von Schenkl; vgl. auch ebd.
p- 265, 20ff.).
AI dies kennen wir jetzt genauso schon aus der älteren stoischen Philosophie
und aus der stoisch-pneumatischen Medizin—die Indifferenz der Gesundheit, das
Sterben als Freiwerden der (unsterblichen) Seele, den wertlosen Körper, und
schließlich den Arzt als allein für diesen Körper Zuständigen. Aber nunmehr
sind diese Anschauungen wirklich unmittelbar und unmißverständlich für das
Publikum, das heißt auch für den einfacheren Menschen, vorgetragen. Und sie
sind verkündet in einer Zeit, als die verachtungsvolle Abwertung des Körpers
sowohl bei Heiden wie bei Christen tatsächlich einen Kulminationspunkt erreicht
hatte.!s Das dürfte ohne Zweifel nicht eben günstige Rückwirkungen auf Ansehen
und Selbstsicherheit der Medizin und ihrer Vertreter gehabt haben; Epiktet
jedenfalls und gleichgesinnte Denker konnten bestimmt damit rechnen, auch mit
derlei Ansichten Beifall und Zustimmung im Publikum zu finden.
Auf diesem Hintergrund also muß man dann auch bestimmte frühchristliche
Freilich: Die in
einem derartigen Zustand sich Befindenden sterben meistens (2.0.5. 23,30f.).
Die referierten Anschauungen des pneumatischen Arztes Aretaios gehen,
zumindest soweit hier die Weissagefähigkeit Sterbender angesprochen ist, in der
Tat auf den mittelstoischen Philosophen Poseidonios zurück.!” Aber für uns wird
in ihnen noch weit mehr und Bedeutungsvolleres offenbar: Diejenigen Gedanken
innerhalb der steischen Philosophie, welche wir besonders auf einen scharfen
Dualismus, auf die Abwertung des Körpers und die Transzendierung der
höhergeschätzten Seele hinsteuern sahen, haben nun in der pneumatischen Medizin
eine sichtbare und sehr bemerkenswerte Wirkung hinterlassen. Denn anders wird
man doch wohl kaum Aretaios’ fast mystisch erhöhte Schilderung von der durch
die Krankheit aus ihren Fesseln befreiten, wieder “rein’” gewordenen Seele erklären
können—der Seele, welche die unreine (“Schlamm’” und “Dunkel”) und sich
infolge der Krankheit auflösende Körperlichkeit zu verlassen im Begriff ist. Wir
werden diesen Passus kaum von vornherein als einmalig (Aretaios ist, wie gesagt,
der einzige vollständig erhaltene Pneumatiker aus dieser Zeit!) oder als “poetischen”
Ausrutscher verdächtigen dürfen—so befremdlich auch immer eine solche
Anschauung bei einem Arzt klingen mag. Lassen sich doch, wie wir schen werden,
Äußerungen über die Ärzte, über Krankheiten und über Körper und Seele sehen.
Ich möchte dafür ein paar vielleicht weniger bekannte, aber nichtsdestoweniger
sehr bezeichnende Zeugnisse aus den apokryphen Apostel-Akten (cd. LipsiusBonnet, Nachdruck Wissensch. Buchges. Darmstadt 1959) beibringen. In den
Thomas-Akten zum Beispiel (a.O. Bd. II, 2 8. 208, 17ff.) fragt der heidnische
Höfling Charisius seine Frau, die von einem unverhofften Ausgang nach Hause
noch andere Indizien beibringen, welche deutlich machen, wie sehr sich die Ärzte
gerade in jener Zeit tatsächlich einer immer mehr wachsenden Verachtung des
Körpers gegenübersahen. Was für Möglichkeiten einer Reaktion darauf (falls sie
reagierten) blieben ihnen? Der pneumatische Arzt zum Beispiel konnte hier also auf
eine gewisse Schultradition zurückgreifen. Was Aretaios sagt, trifft ja die Medizin
zurückkehrt: * "Wo warst Du?’
keineswegs in ihrem Kern, ihrer Existenzberechtigung; man wird ja auch wohl
von einem Arzt nicht gut erwarten können, daß er selber in einem Passus wie dem
“Fremden”, dem “Arzt der Seelen”, Christus gemeint. Er ist der für die “kranken
Andere Denker dieser Zeit haben jedoch eine solche
Du ihn nicht bei seinem Ressort lassen—wie dem Schuster den Fuß, dem
Zimmermann das Haus, so also dem Arzt diesen belanglosen Körper (tö owpärıov),
Er sagte
Seelen” zuständige Arzt (a.O. Bd. II,2 8. 114, 8f.), ebenso wie der Philosoph
(besonders der stoische) bis dahin für sich die gleiche Aufgabe in Anspruch
genommen hatte. Die Mißachtung des Körpers und der allein für diesen zuständigen
“profanen” Ärzte ist hier in frühchristlichen Texten (die apokryphen Apostelgeschichten dürften zwischen dem 2. und 6. Jahrhundert n. Chr. entstanden sein)
genau in der gleichen Weise ausgedrückt!? wie bei den von uns zitierten Stoikern,
zumal bei Epiktet. Das fügt sich glatt in einen längst beobachteten, allgemeinen
geistigen Zusammenhang zwischen stoischer Popularphilosophie und frühchristlicher
Literatur ein, welcher sich bekanntlich in vielen Einzelheiten konkret nachweisen
ae ni
erstrebenswerten Zustand.
Sie aber antwortete ‘Zu dem Arzt’.
‘Jener Fremde ist ein Arzt?’ Sie antwortete Ja, er ist ein Arzt der Seelen. Die
meisten Ärzte behandeln ja die der Auflösung anheimgefallenen Körper, dieser
aber behandelt die unvergänglichen Seelen”. Natürlich ist hier mit dem
zitierten die (an sich nicht eben fernliegende) Folgerung zieht, man brauche also
eigentlich, zumindest für schwere Krankheiten, gar keine Medizin mehr, denn jene
Krankheiten befreiten ja in Wirklichkeit den einzig edlen Teil des Menschen aus
den körperlichen Niederungen und führten so erst den Menschen in einen wahrhaft
Folgerung ganz offen gezogen, und manche Ärzte wiederum scheinen sich davon
in dieser oder jener Weise betroffen gefühlt zu haben. Wir wollen dem nun im
einzelnen unter dem Blickpunkt unseres Themas weiter nachgehen, soweit die
betreffenden Zeugnisse und Hinweise es gestatten.
Im 2. Jahrhundert n. Chr. hat der sehr bekannte und einflußreiche stoische
Popularphilosoph Epiktet (dessen Diatriben uns durch seinen Schüler Arrian
überliefert sind) sich in einer seiner Moralpredigten auch über das Thema "Wie
man Krankheiten ertragen muß’ ausgelassen (Arrian/Epiktet Diss. III 10). Er
gibt seinem Publikum den aufschlußreichen Rat, man solle sich vor allem geistig
nicht allzu schr vom Arzt (und damit also auch vom irdischen Leben) abhängig
machen. “Denn als Du gesund warst—was war daran Gutes? Sei nicht
niedergeschlagen, wenn der Arzt sagt, daß es Dir schlecht geht. Was bedeutet
denn dies ? Daß die Seele im Begriff steht, sich vom Körper zu lösen. Was ist
daran schlimm? ....... Warum sagst Du (sc. zu dem Arzt) ‘wenn Du willst, Herr,
wird es mir gut gehen’? Was gibst Du ihm Gelegenheit zur Arroganz? Solltest
9
läßt.
Aber: Jesus Christus ist nicht nur (wenn auch vorwiegend) ein Arzt der Seele;
er vermag auch körperliche Krankheiten zu heilen (man denke nur an die
allbekannten Wunderheilungen in den Evangelien) und scheint damit nun
tatsächlich den Ärzten Konkurrenz zu machen. Das ist wirklich auch so aufgefaßt
worden: ich zitiere, wiederum aus den apokryphen Apostelgeschichten, wenige
besonders typische Belege dafür: Jesus ist der Arzt, welcher immer unentgeltlich
behandelt (& iarpög dänıodog, a.O. Bd. II, 2 S. 265, %)—ein sehr wichtiger
praktischer Gesichtspunkt für die Patienten! Jesus ist ferner der Arzt für alle
sichtbaren und unsichtbaren Leiden (a.O. Bd. II, 2 S. 249, 22f.); er behandelt sogar
Página 6
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)die schwersten, sonst als unheilbar geltenden Krankheiten und Verkrüppelungen
“ohne Medikamente, nur mit dem Wort”2° (a.O. Bd. IS. 279, 5f.).
Freilich; Wenn wir hier von Konkurrenz zu den eigentlichen Ärzten sprechen,
so natürlich nur cum grano salis. Es ist dabei selbstverständlich nicht zu vergessen,
daß die Medizin im ganzen auch in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten ein
nicht unerhebliches gesellschaftliches Ansehen und vor allem einen beträchtlichen
Patientenzulauf zu verzeichnen hatte. Wir kennen die Namen von ausgesprochenen
und hochdotierten Modeärzten des 1. Jahrhunderts n. Chr. (Charmis, Archigenes
u.a.”!); und wir wissen natürlich, wie geschätzt allein schon ein so berühmter Arzt
wie Galen gewesen ist. Von daher geschen mag es mindestens übertrieben klingen,
wenn wir zu Anfang unserer Untersuchung sogar Andeutungen über eine Krise
der Medizin in dieser Zeit machten.
Aber es ist andererseits auch zu bedenken,
daß in jener so verworrenen Zeit viele Widersprüche nebeneinander bestanden.
Die Reichen gingen zu den Ärzten, und zumal zu denen, welche mit spektakulären
Kuren und Medikamenten aufwarten konnten; aber ebensogut konnten die Reichen
und Gebildeten bei schweren, lebensgefährlichen Erkrankungen ihre Zuflucht zum
Wunderheiler nehmen—gleich welcher Art er war (man denke nur an den von
Lukian wohl ein wenig allzu bösartig porträtierten Alexander von Abonuteichos,
den Konkurrenten des Heilgottes Asklepios). Oder man hing eben stoisch-christlichen Gedanken an und wartete lieber auf den Tod als Erlösung der Scele, statt
sich überhaupt einem Arzt anzuvertrauen.
Und wie stand es vollends mit den Armen, die ja sowieso kaum Honorare,
geschweige denn Riesenhonorare, zahlen konnten und an die vor allem sich die
neue Religion so besonders erfolgreich wandte? Kurzum: Es gibt doch wohl
manche Gründe und Anzeichen dafür, daß in dieser Zeit allgemein die KörperArzte nicht durchweg geschätzt und frequentiert wurden. Man traute unter
Umständen ihrer Kunst und deren Möglichkeiten ganz einfach nicht viel zu. Wir
wissen zum Beispiel, daß auch damals wieder das alte Problem der Behandelbarkeit
oder Unbehandelbarkeit einer langdauernden Krankheit sowohl die Ärzte wie die
potentiellen Patienten beschäftigte, und daß manche Ärzte da sehr zur Resignation
neigten, während man von Seiten der Gesellschaft deswegen frei über sie spotten
konnte?” Jesus aber (und neben ihm allerdings auch heidnische Götter wie
Asklepios oder manche wundermächtigen Propheten) schien natürlich über derlei
Unsicherheit und Versagen ganz und gar erhaben.
Außerdem waren damals besonders viele Patienten (und überhaupt viele
Menschen) auf der Suche nach etwas Höherem, nach Überwindung ihrer hinfälligniederen Körperlichkeit, nach Wundern und irrationaler Zuversicht.
Dies alles
aber glaubten sie offensichtlich bei den eigentlichen Ärzten nicht finden zu können.
Dem Galen ist dazu einmal, eher beiläufig, eine höchst aufschlußreiche Bemerkung
entschlüpft (Corp. Med. Graec. V 10, 2, 2 p. 199, 4fl.): ‘'So sehen wir bei uns in
Pergamon, wie die vom Gott (sc. Asklepios) Behandelten diesem gehorchen, sogar
wenn er ihnen öfters befichlt, fünfzchn Tage lang überhaupt nicht zu trinken—
einem Arzt würden sie niemals darin gehorchen! Für den unbedingten Gehorsam
gegenüber allen solchen Verordnungen macht es sehr viel aus, wenn der Kranke
fest überzeugt ist, ihm werde beträchtlich geholfen werden”.
Über Asklepios werden wir weiter unten noch ein Wort zu sagen haben,
insbesondere über seine Rolle als Konkurrent Christi (und der Ärzte). Jene feste
Der Arzt des Körpers und der Arzt der Seele
.
1l
Überzeugung jedenfalls, von der Galen spricht, der “Glaube” (gebrauchen wir
dieses Wort ruhig mit allen ihm anhaftenden religiös-irrationalen Untertönen)
scheint also unleugbar damals nicht wenigen Menschen gefehlt zu haben, sobald
es sich um die “Ärzte des Körpers’ und ihre Macht handelte; in diesem Sinne
wollten wir von einer kritischen Situation der Medizin sprechen. Der Dualismus
mit seiner Abwertung des Körpers und eine scharfe frühchristliche Polemik gegen
die Medizin, wie sie bekanntlich von mancher Seite geübt wurde (man denke nur
an Tertullians Schrift De anima), taten ein übriges. Wir können uns des Eindrucks
nicht erwehren, daß man auf dem Hintergrunde solcher Zusammenhänge auch
ein weiteres bemerkenswertes Phänomen sehen und verstehen muß, nämlich daß
in den ersten drei Jahrhunderten n. Chr. allem Anschein nach einige Ärzte ihrem
Beruf untreu geworden sind. Wenn das stimmt: Waren dann diese Ärzte
unbefriedigt darüber, daß ihre Techne nur den Körper betreffen sollte? Fühlten
sie sich unsicher in ihrem Wissen und Tun? Machte sie eine entsprechende Haltung
vonseiten des Publikums irre an ihrem Beruf? Suchten auch sie etwas ""Hlöheres’”,
Geistigeres, Wertbeständigeres?
Vielleicht der erste, der hier für die Zeit des aufkommenden Christentums zu
nennen wäre, mag der Evangelist Lukas gewesen sein. Daß er Arzt war, scheint
alt und gut bezeugt zu sein (z.B. wird Lukas im Brief an die Kolosser 4, 14 als
d intpög 6 üyunnrög bezeichnet”), Er war dann bekanntlich (wenn nicht alles trügt)
ein Begleiter des Apostels Paulus auf dessen Reisen und schließlich der Verfasser
zweier Schriften des Neuen Testaments. Ist dieser Lukas als einer der allerersten
christlichen Ärzte
anzuschen?
Sicherlich
nicht im korrekten Sinne;
denn
es dürfte im Gegenteil viel dafür sprechen, daß er seine ärztliche Tätigkeit
im wesentlichen aufgab, als er dem Paulus folgte—weil er in dessen geistigem
Umkreis etwas fand, was ihn tiefer befriedigte als die profane, körpergebundene
Medizin.
Wir kennen nämlich anderseits aus jener Zeit nicht wenige Berichte über Leute,
die sich von den “eitlen” Wissenschaften weg zur Religion oder zur Mystik
hinwandten.°* Dazu gehört auf dem‘ medizinischen Sektor ein merkwürdiger,
inmitten astrologischer Texte überlieferter Brief eines Arztes Thessalos.° In
diesem bekennt der Verfasser, er habe zwar in gewöhnlicher Weise Medizin
getrieben, sei aber davon nicht befriedigt worden und habe dann nach langem
Suchen sein Seelenheil bei einem Priester in einer göttlichen Offenbarung der
Wahrheit gefunden. Vom gleichen Typ wird der Arzt Paetus (Anfang des 2.
Jahrhunderts n. Chr.) gewesen sein, der ein treuer Anhänger des religiös-magischen
Scktierers und Propheten Alexander von Abonuteichos war (Lukian Alex. 60) und
zumindest mit einigen der auf den Namen des Hippokrates gefälschten “Briefe”
‘in Verbindung steht.2° Und schließlich ist hier zu erinnern an jene Ärzte, welche
um 200 n. Chr. als gläubige Jünger zu Plotin stießen und mit diesem Philosophie
trieben (Porphyrios Vita Plotini $ 7)—zu Plotin, von dem sein berühmtester Schüler
Porphyrios sagt, er habe “jemandem geglichen, der sich schämt, daß er im Körper
ist”, und der auch während seiner Todeskrankheit ärztliche Behandlung ablehnte,
so daß sein Schüler Eustochios nicht als Arzt (der er ursprünglich war), sondern
als Philosoph bei dem sterbenden Meister weilte (Porph. 2.0. $ 1 u. 2).
Von allen den genannten Ärzten ist es, wie gesagt, wohl kaum anzunehmen,
daß sie unter solchen Umständen ihre praktische ärztliche Tätigkeit beibehielten;
Página 7
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Stimmt diese Vermutung, so wäre das unter anderem auch die krasseste Reaktion,
mit der ein Arzt sich dem Dualismus und seinen geistigen Auswirkungen beugen
konnte.
Der Pneumatiker Aretaios hatte uns bereits eine andere, demgegenüber
sehr viel weniger negative Möglichkeit ärztlicher Reaktion auf das geistige Problem
der Körper-Seele-Diskrepanz gezeigt. Er war, freilich in den Grenzen und der
Eigenart seiner Schule, auch ein Hippokratiker.°” Nun erhebt sich die Frage:
Wie reagierte der größte und eigentlichste Hippokratiker der Kaiserzeit, Galen von
Pergamon, auf den Dualismus?
Indem wir diese Frage zu beantworten suchen, muß zuvor noch daran erinnert
werden, daß der methodische Arzt Soran, wenige Jahrzehnte vor Galen, eine
(leider verlorene) Schrift Über die Seele verfaßt hat, mit der sich der Christ Tertullian
in De anima auseinandersetzt. Soran faßte die Seele, anscheinend im Gegensatz zu
Asklepiades (s.0.8. 7) und in Übereinstimmung mit manchen Stoikern, als eine
körperhafte Wesenheit auf, die auch (und dies ist nun wieder ein Unterschied zur
stoischen Auffassung) rein körperlich (corporalibus, nicht incorporalibus, wie z.B.
sapientiae studiüs) sich nährt (vgl. Tertull. a.O. 6, 6). Soran hat damit, wie
Tertullian richtig sagt, die Seele ihrer Unsterblichkeit beraubt. Ob er in dieser
Schrift unter ausdrücklichem Bezug auf den Dualismus die entsprechenden
Konsequenzen für die Medizin gezogen hat, wissen wir freilich nicht.?®
Bei Galen finden wir dann wiederum, so scheint es uns, eine andere Art, dem
Dualismus zu begegnen. Auch bei ihm trifft man, genauso wie in den von ihm als
authentisch verehrten alten Schriften des Corpus Hippocraticum, nirgends auf ein
ärztliches Anerkennen der Prävalenz einer eigenständigen Seele vor einem
minderwertigen Körper—ganz im Gegenteil: Für den Arzt sei es durchaus überflüssig, sich über die Frage einer eigenen Substanz (oösta) der Seele Gedanken
zu machen; es genüge, zu wissen, daß es bei allen seelischen Regungen nur auf die
jeweilige “Mischung” (kpäcıc) des Körpers beziehungsweise eines bestimmten
Körperorgans ankäme (Galen Corp. Med. Graec. V.10, 2, 2 p. 271, 19ff. Wenkebach-Pfaff). Diese Anschauung hat Galen näher in seiner kleinen Monographie
Daß die Kräfte der Seele eine Folge der Mischungen des Körpers sind (TV 767-822 Kühn)
ausgeführt; sie beruht, wie man ohne weiteres sieht, ganz auf der Basis der
Humoralpathologie.
“Mischung” ist das Verhältnis der “Säfte” und der
Elementarqualitäten (kalt, trocken usw.) des Körpers. Dieses Verhältnis wird
entscheidend durch die Lebensweise (Nahrung, Wachen und Schlaf usw.)
mitbestimmt. Aus dieser Voraussetzung zieht Galen den lapidaren und von ihm
schr energisch vorgetragenen Schluß, daß die von solchen körperlichen Mischungen
unbedingt abhängige Seele also auch (wie der Körper selber) auf diätetischem Wege
beeinflußt werden könne. Galen nennt als Zeugen und Vorläufer für diese seine
These eine Menge älterer Philosophen und Ärzte und beruft sich besonders auf
die materielle (dem Körper analoge) Seelenvorstellung gewisser Stoiker—er
verschweigt jedoch bezeichnenderweise, daß gerade in der Stoa (wie wir gezeigt
haben) auch der krasse Dualismus, d.h. die Eigenart und Unabhängigkeit der
Seele vom Körper und ihre Überlegenheit gelehrt worden ist.
In Wirklichkeit
verfährt Galen in der genannten Schrift mit einer selbst für ihn nicht gewöhnlichen
souveränen Willkür, die eben eine bestimmte These unter allen Umständen und
von vornherein als Wahrheit hinstellen will. Man hat das sehr richtig hervorgehoben?? und vor allem auch darauf hingewiesen, daß Galens Hauptthese—die
Der Arzt des Körpers und der Arzt der Seele
13
Seele ließe sich (nicht nur in puncto Geisteskrankheiten, sondern in all ihren
Regungen und Affekten) primär auf dem Wege über den Körper beeinflussen und
behandeln—in dieser strikten Form anscheinend doch keine Vorgänger hat.?®
Gerade eine derartige These aber muß nun doch in jenem durch den Dualismus
verursachten geistigen Dilemma der kaiserzeitlichen Medizin auffallend wirken.
Sie widerspricht ja in der Tat ganz offen der Auffassung, die Ärzte seien bloß
Ärzte des Körpers und könnten mit ihren Mitteln die Seele nicht behandeln.
Sollten wir unter diesen Umständen nicht zumindest konjizieren dürfen, daß wir
in jener so energisch verfochtenen These Galens tatsächlich auch seine unmittelbare
Antwort auf die Herausforderung vor uns haben, welche der damaligen Medizin
durch das Schlagwort vom “Arzt der Seele’’ entstanden war ??!
In jedem Falle war sie damals die einzig mögliche Antwort auf den Dualismus
für einen Arzt, falls er seine Techne wirklich ungeschmälert erhalten und selber
uneingeschränkt Arzt bleiben wollte. Daß dies in jener Zeit ein echtes geistiges
Problem sein konnte, glauben wir hinreichend gezeigt zu haben. Die Bevölkerung
hielt, wie wir hörten, wenigstens teilweise die Macht und den Wirkungsbereich
der Ärzte für recht eingeschränkt. Das ist wohl auch einer der Gründe für den
enormen Zulauf gewesen, den damals die Asklepieien wieder, geradezu in einem
Neuaufschwung, erlebten. Der Gott Asklepios schien als solcher natürlich von
vornherein weit mehr als die Ärzte zu vermögen—er war wirklich ein allmächtiger
Arzt des Körpers und der Seele, wie man ihn sich wünschte.
Diese Feststellung veranlaßt uns nun auch dazu, noch einige Worte über
Asklepios als Konkurrenten Christi zu sagen. Dies ist ein Aspekt der AsklepiosTradition, dem L. Edelstein einen eigenen und besonders interessanten
Abschnitt in seiner großen Monographie gewidmet hat.?”” Es ist, wie Edelstein
zeigt, tatsächlich so, daß der heidnische Gott Asklepios gerade in seiner Funktion
als “Arzt” (ebenso wie auch sonst in manchen Zügen) außerordentlich der religiösen
Gestalt Christi gleicht. Das haben die frühen Christen selber natürlich sehr deutlich
empfunden, und sie haben daher in ihrer Polemik gegen das heidnische Göttertum
besonders den Asklepios scharf aufs Korn genommen. Dabei kam es darauf an,
gegenüber den vielen und großen Gemeinsamkeiten zwischen Asklepios und
Christus die entscheidenden Unterschiede so kraß und augenfällig wie möglich
herauszustellen. Und hier eben ist (was Edelstein nicht eigens erwähnt) wiederum
der Dualismus, die Antithese “Arzt des Körpers- Arzt der Seele” beteiligt gewesen:
Christus war anerkanntermaßen beides, und sein Konkurrent Asklepios konnte
ebenfalls, im Gegensatz zu den einfachen Ärzten, anerkanntermaßen Einfluß auch
auf die Seele nehmen—aber: heilie er diese auch wirklich? Auf solche präzise Frage
lautet die schärfste Antwort des frühen Christentums: “Aesculapi ... non
remediantis anımas, sed perdentis” (vgl. Edelstein, Asclepius Testim. 330). Damit
war ein wesentlicher Unterschied zwischen Asklepios und Christus statuiert;
vielleicht hängt diese Unterscheidung im Grunde auch mit jener anderen zusammen,
auf die es dem Christentum damals ebensosehr ankam, mit der wichtigen Feststellung nämlich, daß Asklepios ja erklärtermaßen keine Sünder behandelte (vgl.
Edelstein, Asclepius II 5. 134),
Auch dies trennte ihn selbstverständlich & fonds
von der christlichen Lehre; mit solcher Haltung hatte sich Asklepios für radikale
Christen zweifellos von vornherein jeder Möglichkeit begeben, ein rechter “Arzt
der Seele’ zu sein.??
Página 8
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)So stand es denn in jenen ersten Jahrhunderten n. Chr. recht eigentlich
problematisch um die geistig-weltanschauliche Anerkennung und Einordnung der
Der Arzi des Körpers und der Arzt der Seele
15
dürfte in diesem Zusammenhang auch gewesen sein, daß Gregors eigener Bruder
Kaisarios ein bekannter Arzt war®’—und zwar nun eben ein christlicher Arzt! Hier
war etwas erreicht, was jeder Christ geistig akzeptieren und was daher in der Breite
weiterwirken konnte: Die Körper-Medizin trug nun ihre Rechtfertigung vor Gott
Medizin. Zumindest für einen Teil des jungen Christentums war der Dualismus
mit seiner Körperfeindschaft sozusagen ein dogma fidei. Die Ärzte waren für
diese Christen nur “Ärzte des Körpers” und konnten also nur wenig oder nichts
gelten; und der alte Gott der Ärzte, Christi Konkurrent Asklepios, war nun gar
zu einem Seelenverderber geworden. Auf welchem Wege konnte es da zu einer
ehabilitation der Medizin kommen?
Denn daß in dieser Situation über kurz oder lang eine Apologie der Heilkunde
stattfinden mußte (wie sie ja auch tatsächlich stattgefunden hat?*) liegt auf der
Hand. Die Christen waren schließlich ebenso Menschen wie alle anderen und
hatten nun einmal ein irdisches Leben “im Körper” zu leben. Weltverachtung
oder nicht: Wenn nicht ein radikaler (und dann aber auch für das Christentum
selber gefährlicher) Lebensnihilismus Platz greifen sollte, dann mußte sich die
christliche Haltung zum Körper, zum animalischen Leben, modifizieren. Uns
scheint, daß es dabei vor allem zwei Argumente waren, die gerade auch mit dem
Bezug auf unser spezielles Thema die Medizin für das frühe Christentum geistig
gerettet haben. Zunächst begann eine Wiederaufwertung des Körpers ganz
allgemein mit dem Gedanken, daß auch der Körper (ungeachtet seines
möglicherweise niedrigeren Wertes) eine Schöpfung Gottes und daher also nicht
an sich verabscheuenswert sei.?®° Insbesondere habe der Körper des Menschen als
ein Seelengefäß oder —kleid zu dienen und besitze daher durchaus seine funktionelle
Berechtigung und Notwendigkeit.’ Damit war erst einmal grundsätzlich der Weg
erhebliche Rangerhöhung der Medizin; und sie tun das mit dem betonten Hinweis
darauf, daß die Medizin selber nicht nur den Körper, sondern auch die Seele als
Objekt ihrer Bemühung vor sich habe (ohyarog ppovrilen, yuxfis ode äysiei, s.Ideler
auch für die Rehabilitierung der “Körper-Medizin’” gewiesen; diese hatte demnach,
als Bewahrerin und Betreuerin des ““Seelen-Kleides”, immerhin eine (wenn auch
a.0.S. 52 Z. 8£). Die dualistische Auffassung als solche wird freilich durchaus
beibehalten; aber die Medizin erhält hier nun ihren hohen Rang auch und gerade
der “Scelen-Medizin”” nachgeordnete) gottgewollte und daher schätzenswerte
Aufgabe.
Zu solcher allgemeinen Differenzierung und Korrektur der Körperbewertung
kam sodann aber noch eine neue Einschätzung des Arztes in seinem Verhältnis
zum Patienten hinzu. Man entdeckte sozusagen in jener Zeit und innerhalb jener
geistigen Auseinandersetzungen das ärztliche Mitleid neu. Dabei ergab es sich
innerhalb einer solchen Auffassung dadurch, daß sie, wie es heißt, eigentlich eine
aber fast unversehens, daß sogar schon die alten, heidnischen Arzte für die
mitleidsvolle ärztliche Anteilnahme eine überraschend “christliche” und sehr
eindrucksvolle Formel gefunden hatten: “Der Arzt sieht Schreckliches, berührt
Unangenehmes und schöpft aus fremden Leiden eigene Sorgen”. Dieser rhetorisch
pointierte Satz aus dem 1. Kap. der älteren hippokratischen Schrift nepi puoav ist
bei den frühen Christen immer wieder mit beinerkenswertem Nachdruck zitiert
worden.?” Auch er half ohne Zweifel zur Rehabilitation der Medizin und der
Ärzte.3® Vielleicht dürfen wir zur Kennzeichnung des schließlich erreichten,
versöhnlichen Standpunktes der Christen eine einzige Aussage (aus dem 4.
Jahrhundert n. Chr.) unter vielen herausgreifen, die uns typisch zu sein scheint:
Gregor von Nazianz (orat. II apolog., 27; Migne Patrologia Graeca Bd. 35, S. 436 B)
unterscheidet zwar nach wie vor zwischen “Ärzten des Körpers” und “Ärzten der
Seele”; und nach wie vor stehen die letzteren für ihn höher, weil sie eine
schwierigere und wertvollere Aufgabe haben.
Aber die Ärzte des Körpers sind,
nach Gregor, ebenfalls sehr zu schätzen; denn sie üben eine eminent menschlichaufopfernde Tätigkeit aus (mit Berufung auf Hipp. nepi puoßv 1). Von Bedeutung
in sich; und wenn sie zumal von einem Christen ausgeübt wurde, dann konnte sie
letzten Endes sogar über sich selbst, und das heißt bis in den Bereich der SeelenMedizin, hinauswachsen.
Auf solchem Hintergrunde möchten wir ein letztes Zeugnis beleuchten, zwei
eng verwandte Texte, in denen eine derartige geistige Verschmelzung von Körperund Seelen-Medizin wie die eben angedeutete in einer eindrucksvollen Weise
propagiert und begründet wird. Es handelt sich um zwei als “Proömien” firmierende
Stücke: 1. um die Einleitung zum 2. Buch der unter dem Namen des Alexander
von Aphrodisias stehenden iarpıra Aropfpara kat puoıci mpoßArnara (Physiei et
Medici Graeci Minores Bd. I p. 52. Ideler); 2. um eine anonyme Vorrede zu den
Aphorismen des Hippokrates (Scholia in Hippocratem et Galenum Bd. II p. 244£.
Dietz). Beide Texte sind neuerdings durch H. Flashar*® der Vergessenheit entrissen
und einer sorgfältigen Betrachtung unterzogen worden. Leider läßt sich über ihr
Datum nicht mehr sagen, als daß sie in spätantik-frühbyzantinischer Zeit entstanden
sein werden. Für uns sind jedoch vor allem die Tendenzen wichtig, welche in
diesen Stücken zum Ausdruck kommen: Beide bemühen sich um eine ganz
“göttliche”, auf die Seele bezogene, philosophische Wissenschaft sei, die sich jedoch
notwendigerweise auch mit der unreinen Materie des Körpers befassen müssc und
dadurch, in einem gewissen Abstieg, gleichzeitig zur Techne werde (vgl. Flashar
a.0.8. 410).
Du
Besonders interessant für uns ist noch, daß in dem an zweiter Stelle genannten
Text (dem Aphorismen-“Proömium”) der Lobpreis der Medizin mit der Person
des Hippokrates verknüpft ist: Er ist der eigentlich “Göttliche”, der philosophische,
seelenkundige Wissenschaftler, der sich auch dem hinfälligen Körper widmete und
durch Gottes Gnade der leidenden Menschheit geschenkt war als die “fNleischgewordene Natur” (besonders in diesem Text ist der christliche Einschlag nicht
zu übersehen; vgl. Flashar a. O. S. 406f.). Wir müssen sagen, daß hier nun
Hippokrates offenbar an die Stelle des Asklepios getreten ist—des heidnischen
Gottes, den die frühen Christen, wie wir sahen, leidenschaftlich bekämpften. Was
dieser Gott bei ihnen zunächst auf gar keinen Fall sein konnte, das konnte
andererseits der “unbelastete”’ Hippokrates zumindest manchen Christen also ohne
Schwierigkeiten sein: ein echter Arzt des Körpers und der Seele auch im christlichen
Sinne, inkarniertes Symbol einer gottgewollten, geistig erhabenen Wissenschaft.
So warin jener Zeit des ausgehendeu Altertnms die Medizin für das Christentum
trotz des Körper-Seele-Dualismus schließlich doch nicht bloß zu einer wenigstens
vernünftigerweise geduldeten Techne, sondern sogar zu einer hächstrangigen
Wissenschaft geworden. Die geistigen Faktoren, die dazu beitrugen, haben wir
Página 9
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hichtlich
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ismu
Dual
des
t
punk
Gesichts
neben
Medizin noch einmal unter dem
abe
Aufg
ne
dies, wie gesagt, eine eige
weiterzuverfolgen.‘! Doch wäre
anderen der gleichen Art.
9,
sowie
vgl. sein Buch Heilkunde in geschichilicher Entscheidung, Salzburg _0.J-., S.SSft.
Gesch.
Arch.
Sudhofs
in
und
S.298-323
(1958),
86
Hermes,
im
Aufsätze
beiden
seine
Med. Naturw., 46, S. 193-210 (1962).
10.
Schüler,
Wenn wir richtig sehen, so scheint die Philosophie Epikurs und seiner
Thema zu
soweit sie uns faßbar ist, nichts unmittelbar Signifikantes für unser
3 Bücher
ergeben. Nur auf einen Punkt muß vielleicht hingewiesen werden: Die
npos tobg iarpoig, die Epikurs engster Freund und Schüler Metrodor
11.
12.
von Lampsakos
verfaßt hat (vgl. Diogenes Laertios X 24), mögen in demokriteischer Tradition (wie
wäre
sie für die Epikureer ja auch sonst typisch ist) und mit scharfer Polemik—das
weitergeSeele”
der
Arzt
Körpers—
des
“Arzt
Thema
Art—das
übliche
Metrodors
führt haben. Mehr als diese Vermutung läßt sich freilich nicht geben.
Skolion
Ich erinnere nur an jenes berühmte, dem Dichter Simonides zugeschriebene
t die
(Nr. 8 in der Anihologia Lyrica Graeca von E. Diehl), wo die Gesundhei
fr. 56
höchste Stufe auf einer materiellen Wertskala innehat (vgl. auch Simonides
der
Diehl). Vielleicht ist es nicht von ungefähr, daß dann im 4. Jahrhundert v.Chr.
t
Gesundhei
die
folgt,
übrigen
im
Wertskala
dieser
der
12,7),
(or.
Redner Isokrates
spezifiziert als die “an Körper und an Seele”.
weder in
Vielleicht ist es hier am Platze, die Feststellung einzuflechten, daß sich
der
der antiken Medizin noch in der antiken Philosophie eine deutliche Spur
Vorstellung vom “Seelenverlust”” als Krankheitsursache zu finden scheint—jener
'
Vorstellung, die in der primitiven Medizin so verbreitet ist (s. F. E. Clements,
Primitive Concepts of Disease, Univ. Calif. Public. in American Archeology and Ethnology,
1951,
32,2 (1932) 225ff. und H. E. Sigerist, A History of Medicine, vol. 1, New York,
es bezeichnet
S.131£.). Die Griechen haben zwar das Wort awuxia “Seelenlosigkeit”’;
n
NOTES
5.29.
in an Age of Anxiety, Cambridge, 1965, hen
ian
Christ
and
n
Paga
s,
Dooo
.
R
E.
gleic
den
s.
chen
Grie
den
bei
r/Seele-Dualismus
" Fir die rühgeschichte des Körpe Berkeley/Los Angeles, 1964, Kap. V. Eine kurze
e et des
Verf., The Greeks and the Irrational.
Le dualisme dans l’histoire de la philosophi , les
Gesamtdarstellung gibt S. Pötrement,
dualisme chez Platon
Le
1947
ebd.,
ien
ersch
n
elbe
religions. Paris, 1946 (von dems
et les manicheens).
sit
verstorbene
uf hingewiesen werden, daß der
antiken
Ecke hier noch anders dara
der
ltnis
Verhä
das
über
icke
mtüberbl
1-246
5.20
5,
]. Edelstein zwei brillante Gesa
Med.,
Hist.
(Bull.
hat
ben
sophie gege
weit
über
Medizin zur Religion und zur Philo
egen
demg
e
unser
kann
). Vielleicht
(1937); ıbid., 26, 5.229-316 (1952
gerade auch zu Edelsteins
gen
nzun
Ergä
e
einig
hwohl
gleic
engere Fragestellung
.
Darstellung liefern.
Belegen.
S.138 mit den notwendigen
s. Donps, The Greeks .. .
Med. Naturw.,
Gesch.
Arch.
js.
Sudhof
in
ich
habe
.
Diesen hippokratischen Aphorismus interpretiert.
.
her
46, 5.289-294 (1962) ausführlic
er und Scele
Körp
hen
zwisc
gen
ehun
Bezi
n
enge
eistigen
Wie die gleiche Anschauung von den
“freig
bei
ches
Berei
ichen
rein ärztl
einer
lich
zur selben Zeit auch außerhalb des
anläß
33)
(IT
dot
Hero
e, zeigt
Joniern durchaus heimisch sem konnt seine angeborene Epilepsie: Es wäre
und
sinn
Wahn
’
Kyros
Erörterung über
des Körpers
bei einer schweren Erkrankung
keineswegs unwahrscheinlich, daß
u
ist”.
auch der Geist nicht gesund
wenigstens auf den
en hippokratischen Medizin, wo
e, scheint mir
6. Die einzige Stelle in der älter
könnt
sein
ar
spürb
ssung
Auffa
ersten Blick eine echt dualistische sser jenes merkwürdigen Traumbuches ist der
repi dinieng IV 86 zu sein. Der Verfa en Zustande “dem Körper dient”, im Schlaf
Auffassung, daß die Seele, die im wach verwaltet’’; damit begründet er dann die
Haus
e,
sich frei bewegt und “ihr eigenes
ist es auch bei den Griechen ein alter Glaub
Wichtigkeit der Traumdeutung. Nun des Körperschlafs als Wahrsagerin arbeitet
end
währ
daß die “göttliche” Seele
die Träume
und daß man daher besonders auf
(s. Dodds, The Greeks . . . , 5.135),
in seiner mediziniist
ch
jedo
g
dtairn
nepi
von
sser
achten müsse. Der ärztliche Verfa
risch sehr
Dualist, sondern— wenn auch in denke
humoralschen Traumdeutung letztlich kein
der
chter
Verfe
ein
lls
e—ebenfa
unbefriedigender und konfuser Weis ee
Diller in seiner Hippokratesund
er
Körp
von
it
elementaren Einhe
1962, $.228).
Übersetzung, Hamburg (Rowohlt),
(1962).
Bemerkungen im Hermes, 90, S.113f
7. Vgl. dazu Zum eine
Heilige Krankheit oder
die
Über
wie
ften
Schri
m
ticu
ocra
s aus älterer
8. Vgl. aus dem Corpus Hipp
unst. Ferner ist auf das (zweifello
das 20. Kap. von Über die Alte Heilk
ntiae hinzusapie
o
studi
ab
rare
“sepa
e)
innerhalb
doxographischer Tradition stammend
prooem.) die Rolle des Hippokrates
weisen, womit bei Celsus (De medicina,
wird.
siert
kteri
der frühgriechischen Medizin chara
17
Der Arzt des Körpers und der Arzt der Seele
13.
on
+ ©
14.
15.
16.
17.
jedoch etwas, das für sie nichts mit Krankheit sensu stricto zu tun hat— nämlich
entweder Ohnmacht oder Feigheit.
en Theorien
Vegl. zuletzt H. Frasmar, Melancholie und Mielancholiker in den medizinisch
der Antike, Berlin, 1966, S.75 und 135.
m igitur
Vgl. Galen De sausis continentibus, pP. 8, 1-4, ed. Kalbfleisch: “Athineu
conAttaleum, qui spiritualem nominatam heresim in medicativa primo cepit,
junctam vocare causam egritudinum decens est ceu a Stoicorum heresi deductum
vgl.
(conversatus enim fuit cum Posidonio)”, Zur Authentizität dieser Nachricht
den Index
V£., Hermes, 90, 420 (1962); über den Begriff ouvertieä uftıa in der Stoa s.
bei v.Arnim Bd. IV, s.v. ouvertixöc.,
(1966), außerdem
Vgl. zuletzt Vf., Hermes a.O. 419-429 und Che Medica, x, 319-324
he Schule
natürlich allgemein M. Wellmanns »Monographie über die Preumatisc
bedarf.
ung
Berichtig
der
Punkten
hen
wesentlic
in
allerdings
die
(Berlin, 1895),
meinen
Corp. Med. Graec. 11, p. 23, 9. mit den Textverbesserungen, die ich in
Untersuchungen zu Aretaios von Kappadokien, Wiesbaden, 1964, S.56f. vorgeschlagen
habe.
5.218, 223
s. dazu K. Rrınmarnr, Poseidonios S.460f. und Kosmos und Sympathie,
n
besproche
Aretaios
und
63
1
divinatione
De
Cicero
zwischen
Parallele
die
wo
1.3226,
ıst,
18.
19.
Vel.E. R. Donns, Pagan and Christion . . . . 8.29 mit Anm. 3, wo einige
Belege gegeben sind.
wesentliche
.
auf
Frühchristlicher Abscheu gegen die (heidnischen) Ärzte kann sich besonders
der
Anatomie und Chirurgie, also sozusagen gegen den “körperlichsten” Bereich
der
Medizin richten. Bekannt in dieser Hinsicht sind Tertullians Schmähungen
lanius (!),
Ärzte in seiner Schrift De anima: Herophilos ist bei ihm “ille medicus aut
qui... . hominem odiit (!), ut nosset”” (de anima 10, 4); die operative Geburtshilfe
beschimpft Tertullian unter anderem als caecum latrocinium (25, 5). In Prudentius’
mit
Märtyrergeschichten (vgl. Peristephanon 10, 498f.) werden die Mediziner
Folterknechten verglichen (num mitiores sunt manus medentium, laniena quando
scheint,
saevit Hippocratica?). In solchen kaum zu überbietenden Schmähungen
mindestens bei Prudentius, nicht nur Chirurgie und Anatomie, sondern
im Grunde
die gesamte Medizin getroffen zu sein. Man sieht im übrigen, wie hier das
Mitleid,
Página 10
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)die seelische Anteilnahme, sofort zu einem
Angelpunkt der Diskussion wird (s. dazu
dann auch u.S. 14).
20.
24,
25.
26.
27.
28.
29.
.
Das erinnert ubrigens sehr an Platon, welcher
legte, die den Kranken mit ängdui und
nn
\
ja auf diejenigen Ärzte großen Wert
-
Aöyoı, das heißt eben vor allem im geistig
cd und 0.8. 4 sowie P, Lain Entralgo,
seelischen Kontakt, behandelten (s. Gesetze 857
u
‚86, 298-323 (1958).
der Medizin, Bd. I S.578f.
oa hat in A onanns Handbuch der Geschichte
a
Riesenhonoraren kaiserzeitlicher
eine instruktive kleine Zusammenstellung von
.
geben.
Ärz
des medizinischen Denkens
Beginn
Der
Buches
meines
5
,
Abschn
IV
Val dazu Kap.
.
$.124£.).
bei den Griechen, Zürich/Stuttgart, 1967 (bes.
isch ärztliche” Terminologie oder
Verfehlt sind freilich alle Versuche, eine “spezif
Lukas’ neutestamentlichen Schriften
eine "Häufung medizinischer Ausdrücke” in
Brockhaus (16. Aufl. von 1955, s.v.)
Große
der
noch
etwa
woran
,
weisen
nachzu
52, 143-148 (1965) (hier auch
glaubt; vgl. dazu zuletzt G. A. Lindeboom, Janus, list Lukas Arzt war).
Evange
der
daß
dafür,
sse
Zeugni
n
die übrigen antike
IT, 139. (1916).
Vgl. dazu F. Borr in der Zeitschr. f. neutestamentl.n Wiss.,
Aufl.) .532f. mit reichen
(2.
II
Religio
griech.
d.
Darüber s. M. Nırsson, Gesch.
.
iteraturanagaben.
eyelopädie Suhplem. X (1965).
rn meinen Artikel “Paetus” in Pauly-Wissowa’s Real-En
ff, (1964).
kien, Wiesbaden, S.33
s. dazu meine Untersuchungen zu Areiaios von Kuppado
s deanimavgl.1.H. Waszink
vuri
repi
tnis
Verhäl
zum
und
lian
Tertul
bei
Zu Soran
chrift, Amsterdam, 1947, 5.22 fi.
in seiner großen Ausgabe von Tertullians Seelens
tzung der genannten GalenÜberse
ihrer
zu
tung
Einlei
kurzen
der
Vgl. E. Hauke in
n/Ruska/Schuster/Artelt,
Diepge
von
hrsg.
Wiss.,
Nat.
u.
schrift (Abh. Gesch. Med.
.
IRBERHENG FILE ERUUNE
12.71.00
Fridolf Rudlien
18
Der Arzt des Körpers und der Arzt der Seele
34,
36.
Baltimore, 1945, S.132-138.
im frühen Christentum und
Daß aufs Ganze gesehen die Einschätzung des Asklepios
schwankte beziehungsklung
Entwic
en
weiter
der
Laufe
dann vor allem auch im
näher beschäftigen
nicht
hier
uns
das
men,
Phäno
weise sich modifizierte, ist ein
ein christlicher Neuplatoniker
kann. Es sei allenfalls darauf hingewiesen, daß etwa
ios-Opfer des sterbenden
wie Olympiodor (um 500 n.Chr.) das berühmte Asklep
allgemein vgl. über die Medizin und das frühe Christentum vor allem die klassische
Monographie von A. v. Harnack (Medisinisches aus der ältesten Kirchengeschichte,
Berlin, 1892) und neuerdings die Dissertation von H. J. Frings, Medizin und Arzt
bei den griechischen Kirchenväiern bis Chrysostemos, Bonn, 1959.
B. R. Dopps (Pagan and Christian... . 3.29 Anm. 3) zitiert einige Belege für diese
Argumentation sowohl von heidnischer wie von christlicher Seite (aus Plutarch
sowie aus Clemens Alexandrinus und Origenes).
Ein paar Belege dafür bei H. Schadewaldt a. O.$.123f, Für den Körper als
“Seelenkleid’’ ist übrigens an das zu erinnern, was wir oben (S. 7) aus dem Arzt
Aretaios zitiert haben (wenn der Körper zerfällt, ist die Seele “nackt’”). Dieser
38,
Pneumatiker, fast noch ein Zeitgenosse von Christus selber, steht geistig in der Tat
in beinahe erregender Weise zwischen Stoa und allerfrühestem Christentum.
Vgl. dazu H. J. Fries, Sudhoffs Arch. Gesch. Med., 43, 1-12 (1959) und
K. Samusring, Hermes, 88, 451-455 (1960); beide lassen unerwähnt, daß schon
E. Nachmanson in den Symbola Philologica O. A. Danielsson dicata, Upsala, 1932,
S.186-190 dem christlichen Nachleben dieser hippokratischen Sentenz nachgegangen ist.
Was das intensive, seelische Mitleid betrifft, welches fremdes Leid wie eigenes
empfindet, so unterscheiden sich übrigens gerade in diesem speziellen Punkt stoische
und christliche Auffassung sehr deutlich: Der Stoiker lehnt nämlich eben dies ab,
die aAAöıpıu ohne Distanz zu ide zu machen und daher über fremdes Leid "innerlich
30.
Asclepius and Christ, in: Aselepius, vol. II,
Sokrates, von dem Platons Phaidon erzählt, ohne weitere Skrupel so deuten konnte,
daß Asklepios hierdurch aufgefordert war, die ‘durch die körperliche Inkarnation
krank gewesene Seele” (sc. des Sokrates) zu heilen (Olymp. in Plat. Phaedonem
Comment., p. 205, 24f., ed. Norvin).
s. dazu zuletzt H. Somapewapr, Die Apologie der Heilkunst bei den Kirchenwätern, Veröff. d. Internat. Gesellsch. f. Gesch. d. Pharmazie, Bd. 26, 115-130 (1965),
wo freilich bei weitem nicht alle Aspekte des Themas ausgeleuchtet sein konnten;
Heft 21, Berlin, 1937, S.3£.).
auch vor Galen schon die antiken
Selbstverständlich darf nicht vergessen werden, daß
Betrachtungen und Empfehlungen
en,
schrieb
öluıre
öyısıv
über
sie
wenn
Ärzte.
l dafür ist etwa der von uns schon
für den Körper und die Seele gaben. Ein Beispie
a (vgl. das Fragment bei Oribasius
Attalei
von
ios
Athena
tiker
Pneuma
erwähnte erste
beachten ist aber, daß 1. wort
Zu
9).
,
18-141
138,
P2,
2,
VI
Cord. Med. Graee.
(wuxfi steht übrigens bei
werden
t
erörter
i
gelrenn
g
ständi
und osna bei Athenaios
}; daß 2. keine primär
Stellel
erster
an
immer
tiker
diesem stoisierenden Pneuma
en für die allgemeine
hlung
Empfe
n
sonder
ärztlich ausgerichteten Anweisungen,
ersten Geschlechtsverkehrs usw.)
Lebensführung (Schulausbildung, Zeitpunkt des
die Seele von den “Mischungen
gegeben werden; daß 3. nie davon die Rede ist, daß
somatischem Wege behandelt
rein
auf
primär
damit
und
t
abhäng
s
des Körper
so viel zitierte antike Wort
das
hierbei
Leser
einem
n
übrige
im
Falls
werden kann.
erinnert, daß dessen
daran
sei
so
sollte,
en
einfall
sano”
e
“mens sana in corpor
in einem gesunden
(“nur
ptung
Behau
als
nicht
es
Präger Juvenal (Sat. X 356)
( orandum est
Götter
die
an
Bitte
als
n
sonder
,
Körper wohnt eine gesunde Seele”)
en Körper
gesund
einem
neben
uns
“gib
also
ut sit mens sana in corpore sano”, d.h.
in Büchmanns Geflügelten Worten
auch eine gesunde Seele”) gemeint hat! (Daraufist
en dieses Wortes mit Recht
der Leser angesichts zahlreicher Fehlinterpretation 1900, 5.444).
Berlin,
Aufl.,
20.
die
etwa
vgl.
iesen;
hingew
besonders
bei Galen keinen Bezug auf den
31. Ich kann das freilich nicht beweisen, da ich sonst
arzt”” gelunden habe, und
Seelen
rarzt—
“Körpe
em
Dualismus und auf das Probl
Fall steht aber Galen, wie
stelle meine Hypothese daher zur Diskussion. In jedem
sung hier in ein und derselben
inan sieht, mit seiner “untranszendenten” Scelenauffas Soran.
und
Linie mit seinen ärztlichen Kollegen Asklepiades
19
mitzustöhnen”; vgl. Epiktet Diatr, III, 24 (p. 322, BFH, ed. min. Schenkl) und
Encheiridion 16 (dazu s. auch L. Edelstein in seinem nachgelassenen Buch The Meaning
of Stoicism, Cambridge/Mass., 1966, 3.2£,). Auch hier scheint der frühkaiserzeitliche
Arzt Aretaios den Christen doch fast noch näher zu stehen als den Stoikern (s. Anm.
36), wenn er anläßlich einer hoffnungslos schrecklichen Krankheit sagt “in solchen
Fällen, wo man nicht mehr helfen kann, leide man nur noch mit—das ist des Arztes
großes Unglück” (Corp. Med. Graec., TI, p, 7, 22f.).
39.
40,
Über ihn s. in PauLv-Wissowas, Real-Encyclop., III, 1, S.1298£.
Beiträge zur spätantiken Hippokratesdeutung, Hermes, 90, 402-418 (1962). Ich
möchte im Vorbeigehen doch notieren, daß beide Proömien anscheinend eine
Topik aus- und umgestalten, welche schon in der Hippokrateslaudatio des 2. ps.
hippokratischen Briefes anklingt (vgl. dort etwa die Worte “dieser brachte, im
Besitz einer göttlichen Natur, die Medizin aus Kleinem und Privatem zu etwas
Großem und Wissenschaftlichem voran”). Da die beiden ersten ps. hippokr. Briefe
unter dem Namen eines Paetus stehen, könnten sie—wenn man dabei an den
41.
gleichnamigen Arzt denkt (zu diesem s.o. Anm. 26)—aus dem 2. Jahrhundert
n.Chr. stammen.
Der spätantike Neuplatoniker David beispielsweise (6. Jahrhundert n. Chr.) hat den
oben erwähnten Satz aus der hippokratischen Schrift nepi yuoöv, der bei der geistigen
Rehabilitation der Medizin eine so positive Rolle spielte, ganz negativ, nämlich
kraß dualistisch interpretiert (“fremd” sind bei ihm die Leiden des Körpers im
Hinblick auf den Bereich der Seele; vgl. K. Schubring, Hermes, 88, S.453f. (1960).
Sein von uns oben schon herangezogener Zeit- und Schulgenosse Olympiodor sah
ebenfalls, gerade auch am Beispiel der Krankheit, das Verhältnis von Seele und
Körper scharf dualistisch (Comm, in Platonis Phaedonem, p. 73, 2ff. Norvin). Die Seele
war ja für ihn schon durch ihren Eintritt in einen Körper krank geworden
(s.o. Anm. 33); wenn dann der Körper selber erkrankt, so entsteht nach Olympiodor
bei dem Betreffenden ein totaler Erinnerungsverlust (=Scelenverlust). Interessant
Página 11
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)ist, daß Olympiodor als Zeugen für eine solche rein philosophische Anschauu
(s.o. Anm.
(“Seelenverlust” als Ausdrucksform bzw. Folge—nicht etwa als Ursache
ischen Pest12)—einer Krankheit) ausgerechnet jene Stelle aus der thukydide
von der Beobachtung
schilderung (Thuk. I, 49, 8) nennt, wo der Historiker
bisweilen vollberichtet, daß bei jener schweren Erkrankung die Überlebenden
da ein schönes
kommen die Erinnerung verloren hätten. Olympiodor gibt uns
en Beobachtung !—
Beispiel für eine philosophische Mißinterpretation einer nüchtern
iß: Die Ärzte
Der Neuplatoniker Elias wiederum formuliert eine Art von Komprom
ie aber als
selber hätten die Medizin als “Körperphilosophie”, die Philosoph
(1935) —Für
“Seelenmedizin” definiert (s.O. Temkin, Bull, Hist. Med,, 3, 5.418
auf Ficino zu
allem
vor
natürlich
wäre
nce
Renaissa
der
nismus
Neuplato
den
usquam contra
verweisen (vgl. z.B. Epist. lib. IV, p. 729 b: quamobrem non reperitur
e divinum; ebd.
terrenos morbos medicina sufficiens, praeter amorem cultumqu
730 a wird dem Arzt allenfalls zugestanden, daß er vielleicht
in dieser oder jener
geistiger
körperlichen Schwäche (languor) helfen könne). Wie und warum Ficinos
-Medizin”
Schüler Agrippa von Nettesheim in recht massiver Weise die ‘“Körper
versucht.
verurteilt, habe ich im Gesnerus, 23, 86-90 (1966) kurz zu zeigen