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PIAN LS RO
SAQABES,S.
I
AGW ert
AL A
ARTE
A KG
Ueber
den Zusammenhang der indisehen Philosophie mit der griechischen.
Von
Richard Garbe.
Die Uebereinstimmungen in den Lehren der indischen und
griechischen Philosophie sind so zahlreich und tiefgehend, dass
sie sogleich bei dem Bekanntwerden der indischen Systeme
bemerkt wurden. Am auffallendsten ist die Achnlichkeit —
man würde besser sagen: Gleichheit — der Lehre von dem
All-Einen in den Upanishaden und bei den Eleaten. Die Lehre
des Xenophanes von der Einheit Gottes und des Weltganzen
und von der Ewigkeit und Unveränderlichkeit dieses Einen,
was in der Vielheit
noch mehr aber die des Parmenides, dass allein dem einheitlicben, ungewordenen, unzerstörbaren und allgegenwärtigen
Realität zukommt, dass dagegen alles.
existirt und der Veränderung unterliegt, nur ein Schein ist,
dass ferner Sein und Denken identisch sind, — diese Sätze
decken sich vollständig mit dem wesentlichen Inhalt der
Upanishaden und des aus diesen herausgewachsenen VedântaSystems '),
Analogien mit der indischen Gedankenwelt lassen sich
jedoch schon früher, bei den ionischen Naturphilosophen nach1) Die Lehren von der illusorischen Natur der empirischen Welt und
Aber schon in den ältesten
von der Identität von Sein und Denken sind noch nicht in den älteren
Upanishaden direot ausgesprochen, sondern erst in Werken, die zweifellos
Jünger sind als Xenophanes und Parmenides.
Upanishaden begegnen uns Ideen, aus denen diese Lehren sich entwickeln
mussten; denn wir finden schon dort die Einbeit und Unwandelbarkeit
des Brahman, sowie die Gleichhait des Denkens (vijñâna) und des
oe
Brahman betont. Es würde mithin meines Erachtens kein Grund vorliegen, in der Herleitung der Philôsophie der Eleaten aus Indien einen
Anacbronismus zu sehen.
Philosoph. Monatshefte XXIX, 9 u. 10.
Página 2
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)weisen. Die Anschauung des Thales, des Vaters der gricchi-
Auch Grundanschauungen des Sainkhya-Systems beschen Philosophie, dass Alles aus dem Wasser geworden sei,
erinnert uns an eine in der vedischen Zeit in Indien gelaufige
mythologische Vorstellung. Ucberaus haufig wird in den Werken
der beiden ältesten indischen Litteraturperioden von dem Urwasser gesprochen, aus dem die ganze Welt hervorgegangen
oder aus dem der Schöpfer die Welt habe entstehen lassen.
gegnen uns bei den Naturphilosophen. Dieses ist das älteste
der indischen Systeme und hat im wesentlichen dem Buddhisnius
zur Grundlage gedient; es muss also bereits vor der Mitte des
sechsten Jahrhunderts vor Chr. eine hervorragende Bedeutung
gewonnen haben. Die Siunkhya-Philosophie ist atheistisch; sie
lässt die materielle Welt in allmahlicher Entwickelung aus der
Prakriti, der Urmaterie, sich bilden, und zwar zunächst die
psychischen Organe und erst aus einem von diesen die fünf
Grundstoffe oder feinen Elemente der groben Materie. Daneben
steht eine unendliche Vielheit individueller Seelen, die alle von
erschaffen, unzerstörbar und ihrem Wesen nach reines Denken
genau derselben Beschaffenheit sind und die Aufgabe haben, die
mechanischen Vorgänge in den inneren Organen zu bewussten zu
machen. Auf diese Weise sind die Seelen — obwohl ewig, unoder Geist — an die Materie gebunden und können von dieser
allein durch die Erkenntniss der absoluten Verschiedenheit ihrer
Natur von der der Materie erlöst werden. Wenn nun Anaximander als den Grund (doy) aller Dinge einen ewigen, unendlichen und unbestimmten Urstoff, das @reigor, annimmt,
aus dem die bestimmten Stoffe hervorgehen und in das sie
wieder zurücksinken, so liegt die Analogie mit der Urmaterie
der Sämkhyas, aus der sich ebenso in eigener Bewegung die
dessen Lehre
freilich
Ferner
materielle Welt entwickelt, um sich wieder, wenn ihre Zeit um
bietet Heraklit, der ‘dunkle Ephesier’,
ist, in die Urmaterie zurückzubilden, auf der Hand.
hauptsächlich an iranische Ideen anklingt, in verschiedenen
Hinsichten Parallelen mit Anschauungen der Sâmkhya-Philosophie. Sein marta gei ist ein treffender Ausdruck für den von
den Särnkhyas gelehrten unablässigen Wandel und Wechsel
der ganzen Erscheinungswelt, und seine Lehre von den unzähligen Weltvernichtungen und Erneuerungen ist eine der
PAS TNO enteren
ka
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RDE gn
.
der indischen Philosophie mit der europäischen
515
Von den jüngeren Naturphilosophen kommt für uns zunächst
Empedokles in Betracht, dessen
Seelen
wander
ungs‘und
‘Entwickelungstheorie sich mit den entsprechenden Anschauun
e
der Sdinkhya-Philosophie vergleichen lässt. Hauptsichlich aber
stimmt seine Lehre,
dass
nichts
entste
hen
künne
das
nicht
schon vorher war, und dass nichts Existirendes vergehen
könne
In ähnlicher Weise
mit einer charakteristischen Samkhya-Theorie überein der Lehr.
von der anfangs- und endlosen Realität der Producte (satkärya-väda) oder — wie wir sagen würden — von d :
Ewigkeit und Unzerstörbarkeit des Stoffes.
auf
lässt sich auch der Dualismus des Anaxag
oras
mit
dem
de
Sarıkhya-Philosophie in Verbindung bringen. Ja selbst Demokr
it
erinnert trotz seiner Atomistik?) in den — allerdings wohl
Empedokles zurückgehenden — Grundsätzen seiner Meta physik
»Aus nichts wird nichts 4); nichis, was ist, kann vernich
tel
werdens an die fast wörtlich
so
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Sârnkh
va
ausges
proehe
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Lehrsätze. Desgleichen stimmt
seine
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der
Götter
die
für ihn nicht unsterblich
sind,
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nur
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cher
‘ond
langlebiger als die Mensch
en,
völlig
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der
Stellun
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über in
die den Göttern im Samkhya-System und überhaupt
in Indien
zugeschrieben wird; denn die Götter unterliegen
nach indis her
sychose
Anschauung ebenso wie die irdischen Wesen der Metemp
und müssen, wenn die nachwirkende Kraft früher
erworben N
Verdienstes erschöpft ist. wieder abwarts steigen #)
”
Dass dann auch hei Epikur die gleichen Ideen uns begegn
en
ist durch seine Abhängigkeit von Demokrit beding
t. Aber
1) Weitere Analogien
zwisch
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de
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Philoso
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Herakli
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und
Shaa-Lehr
Samkhy
d
en glaubte e C Colebrooke, Miscell
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aneous Essays
yet]
* 1 487487 en
zu
2) Die
Die unter keinen
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den
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Indi
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da die indischen atomistischen Systeme (Vaiges
hika
und
Nyâya)
weite
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sehr viel Jünger sind als das Zeitalter des Leukipp und
Demokrit
|
8) Vergl. Sâmkhyasûtra
1.
78.
;
w 4 ee Worte wie Indra u.s, w. bedeuten, ähnlich
wie
z.
B das
yor “Generale, nur das Innehaben eines bestimmten Postens
. Wer
a 80 gerade den betreffenden Posten bekleidet, führt
den Titel Indra u.s. w.e
Camkara zu dem Brahmasûtra 1. 3, 28 nach Deussen’s Veberse
t zung. |
Página 3
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)lichen Natur unvereinbar seien. so spricht er aus, was die
Epikur hat auch noch über andere Dinge Ansichten aufgestellt,
die sowohl als solche wie in ihrer Begründung merkwürdige
Uebereinstimmungen mit Sämkhya-Lehren aufweisen. Wenn
Epikur die Weltregierung durch einen Gott leugnet, weil bei
einer solchen Annahme derGottheit Eigenschaften und Thätigkeiten zugeschrieben würden, die mit dem Begriffe der göttSamkhya-Lehrer nicht müde werden eindringlich zu wiederholen.
Auch die bei ihm beliebte Beweisformel »Dann könnte ja aus
allem alles entstehen« !), finden wir mehrfach in den Werken
der Samkhya-Philosophie.
Ob nun die hier aufgeführten und andere Ideen der griechischen Philosophie wirklich auf einer Beeinflussung von Seiten
der indischen Gedankenwelt beruben oder ob sie, weil in der
Natur des menschlichen Denkens begründet, in Indien und in
Griechenland selbständig von einander entstanden sind, das ist
eine Frage, welehe die vorsichtigste Behandlung erfordert. Ich
bekenne, dass ich mich der ersten Seite dieser Alternative zuneige, möchte mir aber kein apodiktisches Urtheil erlauben.
Ueber die
Das Werk Ed. Röth’s (Geschichte unsrer abendländischen Philosophie (7 1846, 21862), die zahlreichen Arbeiten von Aug.
Gladisch und die Schrift C. B. Schlüters (Aristoteles’ Metaphysik
eine Tochter der Samıkhya-Lehre des Kapila, 1874) ?) schiessen
1) Vergl, Lange, Geschichte des Materialismus ° IL 46.
2) Vergl, auch die Abhandlung des Baron von Eckstein
Grundlagen der Indischen Philosophie und deren Zusammenbang mit den
Philosophemen der westlichen Völker’, Indische Studien, herausgegeben
von A. Weber, II. 369—388, — In noch früherer Zeit behandelte man
Sir William Jones
(Works, 4to ed. 1799, 1. 860, 861) erblickte mit der ihm eigenen Leichsolche Pragen mit einer erstaunlichen Kühnheit.
tigkeit der Auffassung folgende Analogien: »Of the Philosophical Schools
it will be sufficient, here, to remark that the first Nyáya seems analogous
to the Peripatetic; the second, sometimes called Vaiseshika, to the Jonie;
the two Mimämsäs, of which the second is often distinguished by the
name of Vedanta, to the Platonic; the first Sämkhya, to the Italic; and
the second, or Pátanjala, to the Stoic philosophy: so that Gautama
corresponds with Aristotle; Kanäda, with Thales; Jaimini, with Sokrates,
Vyasa, with Plato; Kapila. with Pythagoras; and Patanjali, with Zeno.
But an accurate comparison between the Grecian and Indian Schools
would require a considerable volumec.
an
+
=
3
i
a
LIE ERO AE ARE A
CEE
der indischen Philosophie mit der europäïschen.
517
mit ihrer Ueberschätzung des orientalischen Einflusses und ihren
phantastischen Combinationen jedenfalls über das Ziel hinaus,
beruhen auch auf einer völlig ungenügenden Kenntniss der
orientalischen Quellen. Trotzdem scheint mir in diesen Werken
schaftlicher Genauigkeit herauszulösen sein wird. Die historische
einkern Wahrheit zu stecken, der aber schwerlich je mil wissen-
Möglichkeit eines indischen, durch Persien vermittelten Einden östlicheren Ländern waren in den Zeiten, um die es sich
Nusses auf die griechische Gedankenwelt und damit einer Uebertragung der eben erwälnten Ideen aus Indien ist unbedingt
zuzugeben. Die Verbindungen der kleinasiatischen Ionier mit
hier handelt, so mannigfaltig und zahlreich, dass es an Gelegenheit zum Gedarkenaustausch zwischen Griechen und in Persien
weilenden Indern nicht gefehlt haben kann!) Dazu kommt,
dass von den meisten der hier in Betracht kommenden griechischen Philosophen, von Thales, Empedokles, Anaxagoras,
Demokrit und Anderen, ausdrücklich berichtet ist, dass sie —
zum Theil lange — Reisen nach orientalischen Ländern unternommen hätten, um dort philosophische Studien zu machen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jene griechischen Philosophen
indische Ideen auf persischem Boden angecignet haben, wird
sicherlich durch diese Nachrichten erhôht. Jedenfalls haben sie
es, wenn sie fremde Gedanken entlehnten, verstanden, denselben
das Gepräge griechischen Geistes aufzudrücken.
Ich habe bisher absichtlich einen Namen bei Seite gelassen,
der enger mit dieser ganzen Frage verknüpft ist als irgend
einer der bisher genannten. Während ich bei den griechischen
»Weit eher könnte ein wesentlicher orientalischer Ein-
1) Ich freue mich in Ueberweg's Grundriss der Geschichte der Philosophie, bearbeitet und herausgegeben von Heinze, *1. 36 den folgenden
Satz zu finden:
fluss in der Form einer directen Berührung der älteren griechischen
Philosophen mit orientalischen Völkern angenommen werdene. Die auf
derselben Seite oben ausgesprochene Ansicht, dass eine volle und
gesicherte Lösung dieses Problems von dem Fortgang der orientalischen
Forschungen gehofft werden dürfe, vermag ich leider nicht zu theilen, da
auch bei der genauesten Bekanntschaft mit den orientalischen Systemen
und Religionen die von mir oben S. 387 erwähnte Alternative bestehen
bleibt und uns — mit einer einzigen, gleich näher zu besprechenden
Ausnahme — die Mittel zu einer scharfen Umgrenzung des fremden Einflusses auf die ältere griechische Philosophie fehlen.
Página 4
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)der indischen Philosophie mit der europäischen.
weist auf F. v. Schlegel, »Ueber die Sprache und Weisheit der Indiers
Visionslitterature S, 26, Anm.1 ersehe ich, dass die Vermuthung, Pythagoras habe seine Lehre von der Seelenwanderung aus Indien herübergenommen, in älteren Werken noch öfter geäussert ist. Scherman ver-
1) Aus Lucian Scherman’s »Materialien zur Geschichte der indischen
scheinend ohne seine Vorgänger zu kennen !) — L. von Schroeder
In weit gründlicherer und umfassenderer Art hat — ansein’ bei Plato undin der Sarhkhya-Philosophie übereinstimmen,
insofern sie die Befreiung der Seele von der Materie und das
Gefesseltsein der Seele an die Materie bezeichnen, und dass die
Idee der Metempsychose sowie die der anfangs- und endlosen
Existenz der Seele beiden gemeinsam ist. Auf S. 521 erklärt
Barthélemy dann, dass Plato, der grosse Bewunderer der pythagoreischen Schule, diese seine Lehren von Pythagoras entlehnt
habe; wenn man aber frage, woher Pythagoras sie habe, so
wiesen uns die Anzeichen nach Indien.
Er weist darauf hin, dass die Begriffe ‘Erlösung’ und ‘Gebunden-
Pythagoras bespricht und mit Recht bemerkt, dass die grössere
Wahrscheinlichkeit für deren indische als für deren ägyptische Herkunft spricht. Barthélemy findet ferner Särnkhya-Ideen bei Plato
im Phädon, Phädrus, Timaeus und in der Republik: »les analogies sont assez nombreuses et assez profondes pour qu'il
soil impossible de les regarder comme accidentelles« (S. 514).
1852) S. 512, 513, 521, 592 die Seelenwanderungstheorie bei
519
KR. Garbe: Ueber den Zusammenhang
518
living soul (jivätman): eus and gerr of Pythagoras; the
one an atom and perishing wilh the body, the other immortal.
»Like the Hindus, Pythagoras, with other Greek philosophers,
assigned a subtle etherial clothing to the soul apart from the
corporeal part, and a grosser clothing to it when united with
body, the súkshma (or linga) Sarira and sthula Sarira
of the Sankhyas and the rest ..... I should be disposed to conclude that the Indians were in this instance teachers rather
than learnerse,
Wilson (Quarterly Oriental Magazine IV, 11, 12 und Sinkhya
Cáriká p. XI) streift diese von Jones und Colebrooke hervorgehobenen Analogien nur im Vorbeigehen. Etwas eingehender
wird ein einzelner Punkt behandelt von Barthélemy SaintHilaire, der in seinem Premier Mémoire sur le Sänkhya (Paris
Diese Au-
Naturphilosophen, bei den Eleaten und bei Epikur nicht über
die Annahme einer gewissen Wahrscheinlichkeit der Anlehnung
an indische Ideen hinauskomme, scheint mir die völlige Abhängigkeit des Pythagoras, dessen Lehren ja auch in Griechenland als etwas Fremdartiges empfunden wurden, von indischer
Philosophie und Wissenschaft gesichert zu sein. Auf die Analogien zwischen dem Sâmkhya-System und der Pythagoreischen
Philosophie hat zuerst Sir William Jones (Works, Svo ed., I.
336) ') hingewiesen, indem er an den von dem Worte sarnkhya
“Zahl” abgeleiteten Namen des indischen Systems und an die
fundamentale Bedeutung der Zahl bei Pythagoras anknüpfte.
Dann hat Colebrooke, Misc. Ess, 21. 436, 437, den Gedanken,
dass pythagoreische Lehren aus Indien stammen könnten, mit
grösserer Entschiedenheit ausgesprochen: ».... adverting to
what has come to us of the history of Pythagoras, I shall not
hesitate to acknowledge an inclination to consider the Grecian
to have been .... indebted to Indian instructors«.
folgenden Worten, die mir beachtenswerth genug erscheinen,
sicht begründet Colebrooke weiterhin (a. a. O. 441 ff.) mit den
um sie hier anzuführen:
»It may be here remarked by the way, that the Pythagoreans, and Ocellus in particular, distinguish as parts of the
world, the heaven, the earth, and the interval between them,
which they term lofty and aérial .... Here we have precisely
the heaven, earth, and (transpicuous) intermediate region of
the Hindus.
»Pythagoras, as after him Ocellus, peoples the middle or
aérial region with demons, as heaven with gods, and the earth
with men. Here again they agree precisely with the Hindus,
who place the gods above, men beneath, and spirilual creatures
flitting unseen, in the intermediate region ...... Nobody needs
to be reminded, that Pythagoras and his successors held the
doctrine of metempsychosis, as the Hindus universally do the
same tenet of transmigration of souls.
»They agree likewise generally in distinguishing the sensitive material organ (manas), from the ralional and conscious
1) S. Colebrooke, Misc. Ess, ®I. 241.
Página 5
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)diese Frage behandelt in seiner Schritt ‘Pythagoras und die
Inder’ (Leipzig 1884), die mir in den Hauptsachen trotz Webers
gegentheiliger Ansicht!) durchaus das Richtige getroffen zu
haben scheint. Aus Schroeders Zusammenstellungen geht hervor, dass fast sämmtliche Pythagoras zugeschriebenen Lehren,
die philosophisch-religiösen sowohl wie die mathemalischen, in
Indien bereits im sechsten Jahrhundert vor Chr. und früher
geläufig waren.
Da nun die wichtigsten dieser Lehren bei
Pythagoras unvermittelt und ohne eine erklärende Vorgeschichte
auftreten, während sie in Indien aus dem geistigen Leben jener
Zeiten heraus verständlich werden, zieht Schroeder mit Recht
den Schluss, dass Indien das Heimathland der pythagoreischen
Lehren ist. Einzelne Uebereinstimmungen würden natürlich
keine zwingende Beweiskraft haben — und deshall habe ich
auch nicht gewagt, mich bei den andern vorher besprochenen
Philosophen für ihre Abhängigkeit von Indien mit Bestimmtheit
zu erklären —; aber bei Pythagoras wirkt die Masse, und
um so mehr, als es sich bei diesen Uebercinstimmungen zum
Theil um geringfügige und wunderliche Dinge handelt, bei denen
man nicht gut annehmen kann, dass sie unabhängig an zwei
verschiedenen Orten aufgetreten seien.
Ich muss hier auf die
eingehende Argumentation in Schroeders Schrift verweisen und
kann nur die hauptsächlichsten Punkte herausheben, die Pythagoras und den alten Indern gemeinsam sind: die Theorie der
Seelenwanderung, die selbst in bemerkenswerthen Einzelheiten
hüben und drüben übereinslimmt und von Pythagoras nicht
aus Aegypten entlehnt sein kann aus dem einfachen Grunde,
weil uns die Aegyptologie lehrt, dass trotz der bekannten HerodotStelle die alten Aegypter den Glauben an die Seelenwanderung
nicht gekannt haben; das merkwürdige Verbot des Bohnenessens; das zrods Tor Tergaumeror ur ouxeir; die Lehre von
P- Hi, Chézy in Schlegel’s Ind. Bibliothek I p.261, Dubois, Moeurs,
institutions et cérémonies des peuples de l'Inde II p. 312ff., Uphaw,
The history and doctrine of Buddhism, popularly illustrated p. 27 ff.
Collin de Plancy, Dictionnaire Infernal I p. 86.
|
|
der indischen Philosophie mit der europäischen.
R. Garbe: Ueber den Zusammenhang
1) S. Litterarisches Centralblatt 1884, S, 1563—65, und »Die Griechen
in Indien«, Sitzungsberichte der Kg]. Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin,
XXX VII, 923
926,
521
den fünf Elementen '); dann vor allen Dingen der in den
Culvasûtras*) entwickelte sogenannte pylhagoreische Lehrsatz;
die irrationale Zahl Y 2; ferner der ganze Charakter des von
Pythagoras gestifteten religiös-philosophischen Bundes, der den
indischen Orden jener Zeit analog ist, sowie die der pythagoreischen Schule eigene myslische Speculation , die eine überur
raschende Aehnlichkeit mit den in der Brähmana - Litterat
hat.
n
beliebten phantastischen Combinatione
Schroeder führt noch ein paar weitere Analogien an, die
von geringerer Bedeutung und zweifelhafter Natur sind; und
schliesslich hat er in folgenden zwei Punkten ohne Zweifel fehlgegriffen. Er ist nämlich der Ansicht, dass Pythagoras in
Indien selbst seine Kenntnisse erworben habe, — ein Gedanke,
den die Geschichte der ältesten Verkehrsverbindungen einfach
ausschliesst®). Das einzige Land, in dem Pythagoras seine inich
dischen Lehrer angetroffen haben kann, ist Persien, dem
schon oben die eventuelle Vermittelung indischer Ideen an die
griechischen Naturphilosophen und an die Eleaten glaubte zuschreiben zu müssen. Der andere Punkt betrifft den von
Schroeder angenommenen Zusammenhang dieser Lehren mit
der Sâmkhya-Philosophie. Die Metempsychose und die fünf
Elemente mag Pythagoras von Anhängern dieses Systems kennen
in
1) D. h. die in der pythagoreischen Schule ebenso wie allgemein
.
Elements
fünften
des
als
Aethers
des
Indien herrschende Annahme
Stelle
....
der
in
gar
Ende
am
»Sollte
sagt:
2
Anm.
65
5.
r
Schroede
des Philolaus [bei Zeller, die Philosophie der Griechen 1° 407 Anm. 1]
schon
in dem seltsamen GAxes als Bezeichnung des fünften Elements, das
sich
hat,
rufen
hervorge
ende
befriedig
keine
aber
ren,
Conjectu
so viele
eine Verstümmelung der indischen Bezeichnung des Aethers, d. i. âkâca,
erhalten haben?s
Es ist das eine Vermuthung, die durchaus nicht von
der Hand zu weisen ist.
2) Webers Polemik gegen Schroeders Schrift basirt hauptsächlich
auf einer Unterschätzung des Alters der Çulvasûtras, deren Messungen
auf dem Opferplatze zur Entdeckung des berühmten Lehrsatzes geführt
haben.
Die Gulvasütras sind nicht Anhängsel zu den Grautasütras, sondern integrirende Bestandtheile der grossen, je von einem Verfasser
berrührenden Ritualcompleze; und das in den Gulvasütras gebotene
Material ist natürlich noch weit älter als die Lehrbücher selbst.
3) Die griechische Tradition, dass Pythagoras Indien besucht habe
ist erst in der alexandrinischen Zeit entstanden.
Página 6
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Schroeder sucht
S. 72—76, wie
vor
ihm
Sir
gelernt haben; aber weitergehende Beziehungen sind nicht zu
entdecken.
»Mir scheint es aus dem Namen sâmkhya deutlich hervorzu-
William Jones (s. o. S. 389), die Grundanschauung der pythagoreischen Philosophie, »dass die Zahl das Wesen aller
Dinge seic, mit einer älteren (von ihm fingirten) Form der
Sarnkhya-Philosophie in Verbindung zu bringen. Er sagt S. 74:
Dabei hat Schroeder übersehen, dass die nur ein
gehen, dass in diesem System die Zahl (samkhyä) ursprünglich eine enlscheidende, grundlegende Bedeutung hatte, wenn
auch das spätere System, dessen bezügliche Lehrbücher mehr
als ein Jahrtausend jünger sind als die vorbuddhistische SAmkhyalehre des Kapila, diesen Charakterzug vollständig verloren und
verwischt hats.
paar Jahrhunderte später als Buddha anzusetzenden Upanishaden,
die voll von Sämkhyalehren sind, an den in Betracht kommenden Stellen ebensowenig diesen angeblich ursprünglichen
Charakterzug aufweisen, sondern ganz mit dem von ihm als
das »späteree bezeichneten System übereinstimmen. Schroeder
selbst nennt seine Combination eine sehr kühne, aber in der
That ist sie vollständig grundlos; denn wir besitzen nicht den
entferntesten Anhaltspunkt für die Annahme, dass es einmal
ein anderes Sämkhya-System, als das in unseren Quellen vorliegende und nach der sonderbaren in ihm herrschenden Aufzählungssucht benannte, gegeben hat. Im Gegentheil, triftige
Gründe sprechen dagegen, dass unser System im Laufe der
Zeit irgendwelche nennenswerthe Abänderung erfahren hat.
— Wenn man die pythagoreische Zahl-Philosophie in einen
historischen Zusammenhang mit dem Samkhya-System bringen
will, so könnte man höchstens auf folgenden Gedanken kommen.
Die Lehre des Pythagoras, dass die Zahl das Wesen der Dinge
sei, dass man die Elemente der Zahlen als die Elemente alles
Seienden zu betrachten habe, und dass die ganze Welt Har- *
monie und Zahl sei, steht in der Geschichte des menschlichen
Denkens vereinzelt da und dürfte ein unphilosophischer Gedanke
sein, wenn etwas Anderes in ihm liegen sollte, als dass
alles Existirende vom mathematischen Gesetz beherrscht wird.
Es erscheint mir deshalb nicht ganz unmöglich, dass dieser
Gedanke seine Entstehung einem Missverständniss des Pythagoras verdankt, der die Worte seines indischen Lehrers, die
der indischen Philosophie wit der europäischen.
523
dass in der Sämkhya-Philosophie die Zahl für das Wesen der
Särmkhya-Philosophie trage ihren Namen nach der Aufzählung
der materiellen Principien, irrthünlich so aufgefasst haben kann,
materiellen Prineipien gelte. Doch ist dies natürlich nichts
weiter als eine Vermuthung.
Lassen bestreitet in seiner Indischen Alterthumskunde jeden
indischen Einfluss auf die griechische Philosophie in vorchristlicher Zeit, nimmt dagegen Ill, 379 ff. einen solchen für die
christliche Gnosis und den Neuplatonismus an. Da uns aus
dieser Zeit rege Beziehungen zwischen Alexandria und Indien
zur Genüge beglaubigt sind, so ist allerdings an dem indischen
Einfluss auf die Lehren der Gnostiker und Neuplatoniker nicht
zu zweifeln.
Verweilen wir zunächst bei den Gnostikern. Lassen ist
der Meinung, dass die indischen Elemente in den Systemen derselben aus dem Buddhismus stammen, der (in seiner damaligen
unursprünglichen Form) einen unbestreitbaren Einfluss auf das
geislige Leben Alexandria’s ausgeübt hat. Am deutlichsten erscheint dieser Einfluss bei den Vorstellungen der Gnostiker von
den zahlreichen Geisterwelten und Himmeln, die aus der Kosmogonie des späteren Buddhismus abgeleitet sind. Aber ich
glaube nicht, dass bei der Ausbildung der gnostischen Systeme
der Buddhismus in dem Umfange betheiligt gwesen ist, wie
Lassen annimmt; denn meines Erachtens kommt bei Lassen
die Sâmkhya-Philosophie nicht ganz zu ihrem Rechte. Wenn
wir uns gegenwärtig halten, dass die Jahrhunderte, in denen
der Gnosticismus sich entwickelte, — d. h. das zweite und
drilte Jahrhundert nach Chr. — zusammenfallen mit der Blüthezeit des Sämkhya-Systems in Indien, so werden uns manche
Dinge in anderem Lichte erscheinen, als sie Lassen erschienen
sind!). Lassen bringt S. 385 den bei den Gnostikern erscheinenden Gegensatz zwischen Geist und Materie in Zusammenhang mit buddhistischen Lehren, während es doch viel näher
läge hier an die Anschauung zu denken, die das Fundament
1) Andererseits kann ich nicht in der Lehre der Valentinianer von
der Entstehung der Materie die von Lassen S, 400, 401 gefundenen
Aehnlichkeiten mit der Sâmkhya-Philosophie entdecken; auch die auf
Systems mit dem der Ophiten erscheinen mir sehr zweifelhaft,
den folgenden Seiten zusammengestellten Uebereinstimmungen unseres
Página 7
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)der Särhkhya-Philosophie bildet. Ein anderer Punkt
, der hierher gehört, betrifft die bei den meisten Gnostikern
sich findende
Identifieirung von Geist und Licht. Hierüber bemer
kt Lassen
S. 385 folgendes:
»Es unterscheidet zwar im Allgemeinen die buddhistisch
e
»Religionsphilosophie scharf Geist und Licht und
betrachtet das
»letztere nicht als immateriell; es findet sich jedoch
auch bei
»ihnen eine Ansicht vom Licht, welche der gnosti
schen
ver»wandt ist. Das Licht ist nach ihr das Vehike
l
der
Erschei»nungen in der Materie; die von Licht umhül
lte
Intelligenz
»kommt init der Materie in Verbindung, in welcher
der Licht-
»stoff sich vermindern und ganz verdunkeln
kann, wo dann
»die Intelligenz zuletzt ganz in Bewuss
tlosig
keit
versin
kt.
Von
»der höchsten Intelligenz wird ansges
agt,
dass
sie
weder
Licht
»noch Nichtlicht, weder Finste
ruiss
noch
Nichtf
inster
niss sei,
»denn alles dieses deutet auf Beziehungen der Intell
igenz zum
»Lichte hin, welches zwar
vom
Anfan
ge
an
frei
von
diesen
»Beziehungen ist, jedoch
nachh
er
die
Intell
igenz
einsch
liesst
und
»ihre Verbindung mit
der
Mater
ie
vermit
telt.
Aus
dieser
Stelle
»folgt, dass der höchs
ten
Intell
igenz
nach
der
buddhi
stischen
»Ansicht die Fähigkeit beigelegt wird, Licht aus
sich zu enl»wickeln, so dass auch in dieser Hinsicht eine Ueber
einstimmung
»des Buddhismus mit dem Gnosticismus vorliegt.«
Hier hat Lassen entlegene und
ganz
verein
zelte
Specul
atione
n
aus dem wirren Vorstellungskreis des späteren Buddhismus
herangezogen, um den buddhistischen Einfluss auf
die eben angeführte Lehre der Gnostiker von der Identität des Geiste
s und
des Lichtes glaubh
aft
zu
mache
n.
Gelun
gen
ist
dieser
Versuch
nicht. Wie unendlich viel einfacher und natürlicher
ersche
int
die Combination, die sich uns hier bei einem Blick
auf
die
Sâmkhya-Philosophie darbietet!
Denn diese lehrt
—
was
Lassen jedenfalls nicht bekannt war — dass der
Geist
Licht
(prakäga) sei’), womit gemeint ist, dass er die mecha
nischen
1) Vergl. Sämkby
asûtra
1.
145:
»{Der
Geist]
ist
Licht,
weil die
Begriffe des Ungeistigen und des Lichtes
sich
ausschl
iessens
und VI, 50:
»Das aus Denken Bestehende, von dem Unbeseelten Versch
iedene erleuchtet
Sonne und die
das Unbesceltes, Der Commentator Vijnänabhikshu bemerkt zu
der ersten
Stelle: »Der Geist ist seinem Wesen nach Licht, wie die
ME aT
RIT
der indischen Philosophie mit der europäischen.
525
Vorgänge der inneren Organe erleuchtet, d. h. zum Bewusstsein bringt. Diese Vorstellung der Samkhyas, dass Denken
und Licht dasselbe sind, — mil anderen Worten: dass der
Geist aus Licht besteht
— haben wir zweifellos als die Quelle der
gleichen Anschauung bei den Gnostikern anzusehen,
In einer andern Hinsicht hat Lassen (S. 334, 398 ff.) den
Schon Ferd. Chr. Baur (Die christliche Gnosis S. 54,
Einfluss des Sänmkhya-Systems auf den Gnosticismus richtig
betont.
Samkhyalehre von den drei Gunas bemerkt.
Wegen dieser
158 ff.) hatte die merkwürdige Uebereinstimmung der mehreren
Gnostikern eigenthümlichen Eintheilung der Menschen in die
drei Klassen der zvsvgarixof, wegexof und #Axof mit der
je nachdem in ihnen der
Theorie verweise ich auf ihre eingehende Behandlung in dem
dritten Abschnitt (I. 3) meines demnächst erscheinenden Werkes
über die Samkhya-Philosophie; hier sei nur so viel bemerkt,
dass dieses System die Individuen als in die Sphäre einer jener
drei Potenzen gehörig betrachtet,
überwiegt.
.
lichlbaft- friedlich -freudige oder der leidenschaftlich
- thatig schmerzvolle oder der dunkel-unbeweglich-stumpfe Charakter
Noch eine weitere interessante Parallele finde ich bei
F. E. Hall, »A rational refutation of the Hindu philosophical
systems, by Nehemiah Nilakantha SastriGore, translated« ete. S. 84
erwähnt. Hall weist nämlich darauf hin, dass die Sarnkhya-Doctrin
von der Selbständigkeit der Buddhi, des Ahamkära und
des Manas, d. h. der Substrate der psychischen Vorgänge, ein
Analogon in der Lehre der Gnostiker habe, derzufolge dem
Intellect, dem Willen u. s. w. persönliche Existenz zukomme. —
Ich bin überzeugt, dass bei einem eingehenden Studium der
gnostischen Systeme Kenner der Sämkhya-Philosophie noch
mehrere derartige Berührungspunkte auffinden würden.
Was nun den Neuplatonismus betrifft, so hat schon
Lassen S. 417 ff. den Einfluss der Sämkhya
- Philosophie auf
anderen Gestirne«, und zu der zweiten mit einem Mangel an Consequenz:
»An dem Geiste haftet das Licht nicht als Eigenschaft wie an der
Sonne u. s, w., sondern [der Geist ist] ein aus (Licht =] Denken beleuchtet {als solches] das Unbescelte«.
stehendes, d, h. seinem Wesen nach Denken seiendes Ding, [und] er-
Página 8
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)denselben in vollem Umfange gewürdigt. Die Anschauungen
Plotins (von 204— 269), des bedeutendsten Neuplatonikers, decken
sich zum Theil vollständig mit Sämkhya-Lehren. Hierher gehören
die Sätze, dass die Seele von Leiden und Alterationen frei sei,
dass sie von allem Derartigen nicht berührt werde, dass vielmehr das Leiden der Welt der Materie angehöre. Plotin verspricht ferner, durch seine Philosophie die Menschen von ihrem
Elend zu befreien, und stellt damit dasselbe Ziel in Aussicht
wie das Sämkhya-System, das den Menschen zur unterscheider indischen Philosophie mit der europäischen.
ses
527
Yoga-Systems zurückzuführen.
Kreis der hier behandelten Uebereinstimmungen gehörig erscheinen.
Noch enger als mit der reinen Sämkhyalehre ist der Zusammenhang von Plotins Philosophie mit dem im theistischen
und asketischen Sinne ausgestalteten Zweige des SämkhyaSystems, der unter dem Namen der Yoga-Fhilosophie sich eine
selbständige Stellung in der Reihe der brahmanischen Systeme
errungen hat. Plotins Moral ist durchaus askelischer Natur,
und wenn auch dieser Zug durch Anlehnung an den Stoicismus
erklärt werden könnte, so ist er doch wohl wegen des Zusammenliangs mit den folgenden Punklen auf den Einfluss des
Zwar haben sich alle brahmanidenden Erkenntniss und damit zur Erlösung, d. h. zur absoluten
Schmierziosigkeit führen will.
2) Vgl. Lassen 8. 430 #f.
1) S. Yogasûtra TI. 33.
In den Hauptsachen, auch in der Forderung der Sinnenwaren, erhalten.
ist die pratibhä oder das prätibham jñânam des YogaSystems (die durch methodische Uebung der askelischen YogaPraxis plötzlich erreichte unmiltelbare, universelle Erkenntniss
der Wahrheit) 4).
Neben Plotin kommt hier für uns hauptsächlich dessen
bedeutendster Schüler Porphyrius (von 232—304) in Betrachl®),
der sich in noch höherem Grade als sein Lehrer an die SämkhyaPhilosophie angeschlossen hat. Bei Porphyrius ist uns der indische Einfluss auch dusserlich dadurch beglaubigt, dass er die
Schrift des Bardesanes benutzt und aus dieser eine wichlige
Stelle über die Brahmanen ausgeschrieben hat. Bardesancs
aber hatte authentische Nachrichten über Indien von den indischen Gesandten, die an den Kaiser Antoninus Pius geschickt
oder &riwoıs (das Einswerden mit dem Gölllichen) bei Plotin
Dinge für nichtig und werthlos und verlangt deshalb, dass man
sich dem Einfluss der Sinnenwelt entziehe. Wenn man alle
äusseren Eindrücke von sich fern hält und die auf diesen heruliende Mannigfaltigkeit der Ideen durch Concentration des
Denkens überwindet, so tritt nach ihm die höchste Erkenntniss
in der Form eines plötzlichen ekstatischen Erschauens Gottes
ein. Zwischen dieser Theorie und den Lehren der Yoga-Philosophie besteht nicht die geringste Verschiedenheit; die &xoraoıs
Plotin erklärt alle weltlichen
schen Systeme die Aufgabe gestellt, den Menschen durch Erweckung einer bestimmten Erkenntniss von den Leiden welllichen Daseins zu erlösen; aber in keinem ist der Grundsatz,
dass dieses Leben ein Leben der Schmerzen sei, nur annähernd
Aber es liegt dazu keine Nöthigung vor; denn die Lehre, dass
so sehr betont als im Sämkhya-System; in keinem andern ist
der Begriff der Erlösung mit gleicher Entschiedenheit als »das
absolute Aufhören des Schmerzes« definirt. .
Den Ausspruch Plotins. dass der Mensch auch im Schlafe
glücklich sein könne, weil die Seele nicht schlafe, bringt Lassen
S. 428 mit einer vedanlistischen Anschauung in Zusanımenhang.
der tiefe, traumlose Schlaf mit (der Versenkung und) der Erlösung insofern gleicharlig sei, als die Seele in allen drei Zuständen in ihrem eigenen Wesen ruhe, da dann die Affectionen
des inneren Organs und mithin die Schmerzen geschwunden
seien, gehörl ebenso dem Samkhya-System') an: wir werden also
in Anbetracht der in so vielen Punkten sich zeigenden Abhängigkeit Plotins von der Sänıkhya-Philosophie kein Bedenken zu
tragen brauchen, auch diesen Gedanken aus der gleichen Quelle
abzuleiten.
Freilich haben wir uns bei so zahlreichen Uebereinstimmungen doppelt zu hüten, dass wir die Grenzen dieser Abhängigkeit
nicht zu weit stecken, und ich glaube deshalb bemerken zu
müssen, dass die von Lassen S. 418 ff. zwischen der Emanationslehre Plotins und der Entwicklungstheorie des Simkhya-Syslems
gezogenen Parallelen mir sehr bedenklich und kaum in den
1) S. Samkhyasdtra V. 116.
Página 9
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)der indischen Philosophie mit der europäischen.
welt zu entsagen und durch Contemplation der Wahrheit zuzustreben, stimmt Porphyrius mit Plotin überein; aber er giebt
reiner als dieser die Sämkhyalehren von dem Gegensatze, der
zwischen dem Geistigen und Materiellen besteht, wieder; desgleichen zeigt sich seine Anlehnung an die Samkhya-Philosophie
in den Lehren von der Herrschaft des Geistigen über das
Materielle, von der Allgegenwart der von der Materie befreiten
Seele und von der Anfangslosigkeit der Welt '). Ebenso gehört
hierher das Verbot des Porpliyrius Thiere zu tödten und seine
Verwerfung der Opfer. Lassen meint zwar S. 432, dass Por-
Gedankenwelt zu erwähnen, die weder das Sâmkhya-System
phyrius dabei das buddhistische Gesetz vor Augen gehabt habe;
aber es handelt sich hier um Dinge, die Buddha aus dem
Särmkhya-System übernommen hat?); es liegt also kein Grund
vor, sie eher aus einer secundären als aus der primären Quelle
abzuleiten.
Die Aehnlichkeiten mit indischen Ideen, die Lassen dann
£
5
noch S. 434 ff. bei dem späteren Neuplatoniker Abammon (um
stischen und abergläubischen Lehrer speciell angehörigen Anschauungen nur zweifelhafte Anknüpfungspunkte an indische
Vorbilder darbieten. Von Belang ist hier allein die Ansicht
Abammons, die übrigens schon bei seinen Vorgängern angedeutet erscheint, »dass die vom heiligen Enthusiasmus esfüflten
Menschen Wunderkräfte erlangen« *); denn hier liegt die Uebereinstimmung mit der in Indien allgemein verbreiteten Ueberzeugung, dass durch die vorschriftsmässige Ausübung der YogaPraxis wunderbare Kräfte zu gewinnen sind, auf der Hand.
Die Yoga-Philosophie verheisst als die Frucht soleher Uebung
die Erlangung der Fahigkeit sich unsichtbar, unendlich gross
oder unendlich leicht zu machen, andere Körper anzunehmen,
den Lauf der Natur nach Belieben zu ändern, und sonstiger
übernatürlicher Kräfte.
Ich kann von dem Neuplatonismus nicht Abschied nehmen,
ohne eine hochwichtige Uebereinstimmung mil der indischen
1) Dieser letzte Punkt ist von lassen nicht erwähnt worden.
2) Vergl. die Einleitung zu meiner Uebersetzung der Sämkhya-tattvakaumudî (München 1891) S. 8, 9.
3) S. Lassen S. 438,
cA esate Pe m EN
300) findet, können wir bei Seite lassen, da die jenem phanta-
529
noch den Buddhismus. sondern die älteren indischen Litteraturkreise betrifft. Es handelt sich hier meines Erachtens um eines
der bedeutungsvollsten Glieder in der Kette der griechischen
Entlehnungen aus Indien. A. Weber hat in einem kleinen
Aufsatz »väc und Aoyoss Indische Studien IX. 473—480 — mit
aller Vorsicht, »ohne irgend über diese Frage ein Urtheil damit
abgeben zu wollene — die Vermuthung ausgesprochen, dass
die indische Vorstellung von der vac (Stimme, Rede, Wort)
auf die im Neuplatonismus auftretende und von da in das
Johannes-Evangelium übergegangene Idee des Adyoc von Einfluss gewesen sei. Weber geht von dem Hymnus Rigveda X.
125 aus, in dem bereits die Vac als eine thatige Kraft auftritt,
und weist auf die auch sonst im Veda vorkommende Personificirung der ‘göttlichen Vac’, der Sprache als des Vehikels der
priesterlichen Beredsamkeit und Weisheit, hin.
Er verfolgt
dann die Entwickelung dieses Begriffs durch die BrâhmanaLitteratur, wo die Vac dem Aoyos im Eingang des JohannesEvangeliums immer ähnlicher wird. Hier erscheint nämlich in
den zahlreichen von Weber angeführlen Belegstellen die Vac
als die Genossin Prajäpatis (des Schöpfers) »im Verein mit
welcher und durch welche er seine Schöpfung vollzieht«; »ja
sie ist in letzter Instanz als die geistigste Zeugerin hie und da
geradezu an den Anfang aller Dinge überhaupt, sogar noch
über den persönlichen Trager ihrer selbst geslellte.
Weber. schliesst diesen inhaltsschweren Artikel mit den
Worten: »Jedenfalls nun lässt sich die kosmogonische Stellung
der vâe so, indem man sie nämlich als Höhepunkt der Verherrlichung priesterlichen Dichtens und Wissens ansieht, leicht
und einfach begreifen, während die gleiche Stellung des Aoyos
ohne Vorstufen erscheint, die uns das Entstehen derselben erklärlich machen«. Ich halte diesen Gedanken Webers für einen
ausserordentlich glücklichen und meine, dass er einen anderen
Namen als den einer blossen ‘Vermuthung’ verdient. Es sei
mir aber die Berichtigung gestaltet, dass die Idee des Adyos nicht
erst im Neuplatonismus erscheint, sondern ihre eigentliche Stelle
in den Lehren Philons hat, die ja überhaupt zum grossen Theil
dem Neuplatonismus zu Grunde liegen. Philon seinerseits hat die
Lehre vom ddyoe von den Stoikern entlehnt und diese hinPhilosoph. Monatshefte XXIX, 9 u. 10.
Página 10
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)530 R.Garbe: Ueber den Zusammenhang der indischen Philosophie ete.
wiederum von Heraklit, bei dem der Aoyoc bereits das ewige
Gesetz des Weltlaufs ist’). Meine oben geäusserle Vermuthung,
dass Heraklit durch indische Ideen beeinflusst sei, findet also
hier eine erwünschte Bekräftigung. Wenn die ganze Combination richtig ist, so würde die Entlehnung des Logos-Begriffs
aus Indien um mehr als ein halbes Jahrtausend früher anzusetzen sein, als es nach Webers Darstellung scheinen könnte.
Von den indischen Lehren, die wir glaubten in der grieehischen Philosophie wiederzufinden, gehören bei weitem die
meisten dem Särnkhya-System an; Sâmkhya-ldeen waren auch
ihrer Natur nach am ehesten auf einen fremden Boden zu
übertragen und einem andern Gedankenkreis einzuverleiben.
Ueber die Neuplatoniker reicht der Einfluss des Samkhya und
überhaupt der indischen Philosophie auf die Philosophie des
Abendlandes nicht hinaus; und auch die neueste Zeit lässt —
wenn man von der buddhistischen Farbung der Philosophie
Schopenhauers und von Hartmanns absieht — keine wirkliche
Beeinflussung von Seiten der altindischen Gedankenwelt erkennen.
Selbst die historischen Darstellungen der gesamiuten Philosophie
pflegen die indischen Systeme unberücksichtigt zu lassen. Dass
dies mit Unrecht geschieht, bedarf keines Beweises mehr. Es
findet aber diese Gleichgültigkeit gegen die indischen Systeme
darin ihre Erklärung, dass dieselben in unserem Jahrhundert
erst in den äussersten Umrissen in Europa bekannt geworden
sind und mit Ausnahme der Vedänta-Philosophie, die seit 1883
in Deussen’s trefflicher Darstellung zugänglich gemacht ist, noch
keine eingehende Bearbeitung gefunden haben.
Ich habe mich in diesem Aufsatz darauf beschränken
müssen, die historischen Zusammenhänge zwischen der indischen und griechischen Philosophie aufzusuchen und wahrscheinlich zu machen. Wollte ich den inneren Beziehungen
der ganzen abendländischen Philosophie zu der indischen Gedankenwelt und den zufälligen Uebereinstimmungen in Einzelheiten nachgehen, so würde das eine Aufgabe sein, die innerhalb des mir hier zugemessenen Raumes nicht zu lösen ist.
1) Vgl. Max Heinze, die Lehre vom Logos in der griechischen Pbilosophie, Oldenburg 1872.