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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Erklärung der Muſiktafel
Raffael's „Schule von Uthen.“
Yon Emil Naumann.
wag) 1 Raſſael'8 „Schule von Athen“ befindet ſich zur Linken des Betrachters
PR; 1110 im Vordergrunde des Bildes eine Gruppe, in welcher ein älterer
VG ſizender Mann nach einer Tafel, die ihm ein halb knieend vorgebeugter
(
MADE Zitmgling hinhält, Aufzeichnungen zu machen ſcheint.
Die Tafel ſowohl
0 ZZ) IE auch die ſchreibende Figur haben im Lauſe dreier Jahrhunderte die
mannigfachſten und einandex widerſprechendſten Erklärungen gefunden. Zu Naffael's
und ſeiner unmittelbaren Schüler Zeiten konnten natürlih noch keine Meinungsverſchiedenheiten über die Bedeutung der Perſonen, Bücher und Gegenſtände in dem genannten
großen Gemälde auffommen. Nach des Meiſters und der Seinen Tod dagegen und ganz
beſonders ſeit der Zeit, da an die Stelle der aus der Kultur der Nenaiſſance hervorgegangenen künſtleriſchen Weltanſchauung eines Julius 11. und Leo X. die von jeſuitiſchem
Geiſte genährte Tendenz des Zeitalters der katholiſchen Neſtauration getreten war, erſchien
es den Frömmlern und Fanatikern unerträglich, in den Prunkgemächern des Oberhauptes
der Chriſtenheit noch fernerhin eine Apotheoſe de8 Heidenthums, wie ſie in ihren Augen
Raffael!'s Schule von Athen darſtellte, uneingeſchränkt zu dulden. So mußte denn des
Meiſter Bild durc<h eine neue, von bigotter Tendenz erfüllte Deutung ſeiner Hauptperſonen und Gruppen dem hieratiſchen Geiſte jener Tage angenähert und mundgerecht
genmtacht werden.
'
Nur auf dieſe Weiſe iſt es verſtändlich, daß bereits Vaſari jenes von Raffael aufgezeichnete Schema, deſſen Erklärung ich weiter unten gebe, als eine der Tafeln 'bezeichnete, auf welche die Aſtrologen „allerlei auf VorausSberechnung der Zukunft
und auf die
Aſtrologie bezügliche Zeichen“ geſchrieben hätten, und den abſchreihbenden Mann zum
Evangeliſten Matthäus machte, welchem die Gelehrten der.zur Rechten befindlichen. entgegengeſeßten Gruppe jene Tafel dur<h einen Engel hinüberſendeten..
Aber auch nach den Zeiten der katholiſchen Reſtauration -- ja. bis zum heutigen
Tagge =- haben die DiS8cuſſionen und einander ausſchließenden Conjecturen, namentlich
über die zur Linken des Betrachters im Vordergrunde befindliche 'Grüppe und die Bedeutung der in ihrer Mitte befindlihen Tafel, keinen Abſchluß, 'gefunden. Eine unbefangene und objektive Würdigung der Dinge hatte eben leider, nach der tendenziöſen
Zeitſchrift ſür bildende Kunſt. X1V,
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Umſtellung und veränderten Deutung des Bildes in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, zu exiſtiren aufgehört.
Na< meiner Meinung liegt nun aber der Schlüſſel zu einer Nichtigſtellung der
Perſonen in der ſoeben erwähnten Gruppe (und ſo wiederum durch dieſe auch in anderen
Theilen des Bildes) in einer ganz unzweideutigen Beautwortung der Frage: Was iſt
der eigentliche Sinn oder die wirkliche Bedentung der Linien, Worte und Ziſſern auf der
in der Mitte jener Gruppe von einem Knaben vorgezeigten Tafel, deren gegenſeitige Beziehungen kein Commentator bi8sher -- ſei es im Einzelnen, ſei es im Zuſammenhang -ausreichend zu erklären vermochte?
Wir laſſen hier zunächſt eine Abbildung des auf der Tafel befindKILODPAONN
lihen Scenta's folgen, da wir uns
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wiederholt auf daſſelbe zurückzubeziehen
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haben und der Leſer eine erläuternde
Zeichnung daher kaum entbehren kann.
Das Schema im Ganzen iſt eine
graphiſche Darſtellung der Grundlagen
|
des Tonſyſtems der Griechen, wie ſich
|
daſſelbe zuerſt durch Terpander und
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hierauf dur; Pythagoras entwickelt
AIATE
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hatte.
Die eigentliche Grundlage der
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| | griechiſchen Scala war das Tetrai
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E%<ENTEAIALAUQON
' | <ord, d. h. eine melodiſch verbundene
Jeihe von vier nebeneinander liegenden
Tonſtufen.
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Aus dieſem Grunde exblifen wir auf dem unteren Theile
der Tafel eine viermalige, in pyramidaliſcher Form Hruppirte Aufſtellung
der römiſchen Ziffer 1, welche leztere,
durch ihre einmalige, zweimalige, dreimalige und viermalige Aufzeichnung,
„Tafel
ige,
in p
TAJ die Intervalle darſtellt, die in tinem
Tetrachord enthalten ſind: nämlich die
Prim, Sekunde, Terz und Quarte. Da nun die durch dieſe „Zntervalle repräſentirteSumme
von Einheiten, nicht nur auf die Ziffer I, ſondern auch auf die Geſammtzahl der in den oben
genannten Intervallen enthaltenen Tonſtufen bezogen, die Zahl 10 ergiebt, ſo befindet
ſich zwiſchen den beiden Horizontalſtrihen, welche unſere Zeihnung nach unten abſchließen,
die römiſche Ziffer X !). Eine ſolche ſchlichte Verſinnbildlihung des Tetra<hord8 war
aber hier aus dem Grunde geboten, weil angedeutet werden. ſoll, daß das. darüber befindliche complicirtere Schema, obwohl es ein verhältnißmäßig weit entwi>elteres Tonſyſtem darſtellt, troßdem ebenfalls -aus jener einfa<en Grundlage der griehiſ<en Muſik,
nämlich aus dem Tetrachord, hervorgegangen ſei. Ueberdies erklärt ſich, bei der in
1) In welcher Weiſe manche Commentatoren vieſem Theile der Tafel gegenüber verfahren, mag
eine Aeußerung W. Scherer's darthun, der ohne irgendwelche Ahnung vom Tetrachord das untere
Schema mit den Worten abfertigt: „Eine einfache Addition:; Arithmetit!e
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Von Emil Naumann.
Raffael's Bild unzweifelhaſt hervortretenden Beziehung der Muſiktaſel auf den ſchreibend
dahinter ſigenden Pythagoras, die Hervorhebung des Tetrachords in des Malers
Zeichnung noch dadurch, daß Pythagoras die Zahl vier (auf welcher eben dieViertoureihe oder das Tetrachord baſirt iſt) als „die große Zahl“, die „heilige Tetrakty8“ bes
zeichnet. Denn zu den erſten drei Zahlen addirt giebt ſie die Grundzahl zehn, ſie iſt die
erfie Quadratzahl, die Beſtimmung der Körper liegt in ihr, ſowie in der Drei die Beſtimmung der Fläche, -in der Zwei der Linie, in Eins der Punkt liegt; ſie iſt daher die
Wurzel der ganzen Natur und liegt darum auch den Wirkungen der Muſik zu Grunde ').
„Jedenfalls wird aus dieſer Definition der pythagoreiſchen Vierzahl erſichtlich, daß ſich das
Tetrachord und die Tetraktys ebenſowohl durc< ihre Namen (Tetrachord, Tetraftys), wie
mittelſi ihrer aus dieſen hergeleiteten Bedeutung berühren,
Der Erklärung der eigentlichen Zeichnung Naffael's, die, in Geſtalt eines Shema's
gefälliger Linien, welche ſich in ihren unteren Theilen runden und vielfach verſchlingen,
die beiden oberen Drittel ſeiner Muſiktafel füllt, wäre Folgendes vorauszuſenden.
Eine Ueberlieferung der griechiſchen Muſikgeſchichte ſagt uns, daß das Tetrachord
zu den Zeiten des Orpheus, deſſen Lyra ebenfalls vierſaitig beſpannt geweſen ſei, noch
nicht aus vier nebeneinander liegenden Tönen beſtanden habe, ſondern daß die drei
höheren Saiten gegen die tieſſte vielmehr die Jntervalle der Quarte, Quinte und Oktav
hätten hören laſſen, d. h. die von der ſpäteren Muſiklehre anerkannten vollkommenſten
Conſonanzen
?). Eine ſolc<e Stumung wäre in Noten dargeſtellt z. B. die nachfolgende;
Man drückte ſie in der muſikaliſchen Theorie der Alten vielfa; durch die Zahlen
YI, VII, IX, XU aus, und dieſe Progreſſion galt für den Inbegriff aller BVollfkommenheit ?).
Halten wir dieſen lezten Punkt feſt, ſo iſt das ganze Schema erklärt. Gerade nämlich
1) Vergl. Brandis, Ueber die Zahlenlehre der Pythagoreer. Rheiniſches Muſeum, Band 11, 1825
Ambros, Geſchichte der Muſik, Band 1, S. 271. Breölau 1862.
2) Auch Boethius, Ho muzica [, iſt dieſer Meinung. Vergl. ferner Reißmann, Geſchichte der
Muſik 1, 47
3) Plutarch, Vo muziean 23 und 21 führt die Ziffern V1, VIII, IX, XII als die der Prim,
Quarte, Ouinte und Oktav zu Grunde liegende Progreſſion an. So geheimnißvoll dieſe Zahlen in
ihren Beziehungen auf die genannten Touſtufen im erſten Augznbli> erſcheinen, ſo einfac) läßt ſich doc<
bei näherer Prüfung das hier vermeintlich exiſtirende Räthſel löſen. ES handelt ſich dabei nämlich nur
um das Verhältniß der Schwingungszahl des (Grundtons zu den Schwingungözahlen ſeiner Quarte,
Quinte und Oktav. Dies iſt auch für den Laien nicht allzuſchwer darzuthun, wie die nachfolgender von
Schloemil mir freundlichſt gelieferte gedrängte Darlegung beweiſt, Dieſelbe lautet, an die bekannten
Schwingungsverhältniſſe ankuüpfend, in denen der Grundton zu ſeiner 4te, 5te und 8ve ſteht, wie
folgt: „Die Schwingungsmengen von Prim und Quarte verhalten ſich wie 3 zu 4 oder wie 1 zu 4/3.
In ganz gleichem Sinne verhalten ſich die Schwingungszahlen von Prim und Quinte wie 2 zu 3 oder
wie | zu 3/2, und die Schwingungszahlen von Prim und Oktav wie 1 zu 2, Alles zuſammengenommen
ſtehen mithin die fte von Prim, Quarte, Quinte und Dktav zu einander in denſelben
Verhältniſſen wie 1:3:3:2. Die Alten hahen dieſe Proportion gekannt, aber die vorkommenden Brüche
zu vermeiden geſucht, theils wegen der Unbequeulichkeit ver Bruchrechnung nach antiken Zahlenſyſtemen,
theils wegen der größeren Anſchaulichkeit, welche ganzen Zahlen innewohnt. Das einfache Mittel beſtand
in der Multiplication mit 6, wodurc< die Verhältniſſe nicht geſtört werden; | es yerhalten ſich nunmehr
die Schwingungözahlen von
C:P:G;c = 8:8:9: 12,
So weit unſer Mathematiker. Man ſieht- die ſcheinbar. geheimniſvolle Hahlenreihe. 6, 8, 9, 1?
findet hiermit ihre einfache Erklärung als muſikaliſch bedeutſame Proportion.
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)jene Zahlen 6, 8, 9, 12, durch welche die griechiſche Theorie die vollkommenſten Conſonanzen ihres Harxmonieſyſtems umſchrieb, ſtehen in römiſchen Ziffern über dent Schema
NRaffael's, und warum ſie dort ſtehen, wird uns aus den Verſchlingungen der Linien
klar, durch welche die“"erwähnten römiſchen Ziffern untereinander verbunden werden.
Man ſehe ſich in dieſer Beztehung zunächſt einmal die Linien an, welche von den
Ziffern VI und VIII nach den Ziffern IX und XRU1 hinführen. Dieſelben umſchreiben
beiderſeits, wie man ſofort erkennt, das Intervall einer reinen Quinte. Denn da die
römiſchen Ziffern VI, VU, IX, XI, wie wir wiſſen, das Verhältniß der Prime, Quarte,
Quinte und Oktav zu einander ausdrücen, ſo müſſen folglich die Linien von VI. nach IX
(d. h. von der Prime zur Quinte) und von YI nac< XII (d. h, von ver Quarte zur
Oktav) zweimal den tonalen Umfang einer reinen Quinte bezeichnen.
Nicht weniger deutlich umſchreiben die von VI nac< VIN und von IX nach XII
hinführendenLinien zweimal die reine Quarte, ſowie endlich die von V1 nach X11 ſich
hinſ<wingende Linie, die zugleich) die Umrißlinie des ganzen Schemas bildet, die Oktay.
Das Leßtere iſt ſymboliſch bedeutſam, da ja die Oktav, aum als Intervall, die in
unſerm Schema enthaltenen Quinten und Quarten in ihren tonalen Umfang einſchließt.
Damit uns aber darüber, daß die Ausgang8- und Endpunkte der ſoeben näher bezeichneten Linien ſich wirklich uur auf die von uns namhaft gemachten Intervalle beziehen,
auch nicht der leiſeſte Zweifel mehr übrig bleibe, ſet Naſſael über die betreffenden
Curven, mit welchen dieſe Linien in ihren unteren Theilen ſi umſ<hwingen, die beſtätigenden Worte Diapente (FAL AILEN TPE), Diatessaron (JLATESSAPON) und Diapason CILAIAZUN), d. h. die Namen der griechiſchen Muſiktheorie für die Intervalle
derQuinte , Quarte und Oktave.
Ueberall alſo die Betonung jener drei vollkommenſten
Conſonanzen, welche die Griechen, (im Widerſpruch mit unſerer modernen Muſiklehre,
welche die Conſonanz und Diſſonanz nicht nach mathematiſchen Proportionen, ſondern nach
der Wirkung auf das Ohr feſtſtellt) angenommen hatten.
Aber hiermit iſt das, was unſer Schema uns ſagen will, bei weitem noch nicht erſchöpft. Wir bemerken nämlich, daß es ſeinem Aufzeichner entſchieden auc) mit darauf
ankam, deutlich zu machen, daß die oben beſprochenen reinen Quinten und Quarten
in dem Umfange einex Oktave nicht blos einmal, ſondern zweimal enthalten ſeien und
daß er uns zugleich vor Augen ſtellen will, wie gerade. durch dieſes zweimalige. Vor- .
handeuſein die jchöne Symmetrie, die ſanften Verſ<hlingungen, ſowie die zwiſchen den beiden
inneren Hauptlinien vorhandene Kreuzung im. linearen Mittelpunkt des-Ganzen. entſtehen,
welche dem Schema ein ſo überaus gefälliges Anſehen verleihen. Nächſtvem erbliden
wir zwiſchen. den römiſchen Ziffern VH... und'TXY einen: Bogen, der vie von. dieſen Ziffern :
nach unten ausgehenden Linien von oben her verbindend überwölbt, während doch Aehnlihes weder bei den von den Ziſſern VI und vii, noh bei den von den Ziffern IX
und XI1 ausgehenden Linien ſtattfindet.
Es handelt ſich alſo nunmehr erſtens Um die Erklärung jenes doppelten Vorhandenſeins der vollkommenſten Conſonanzen der griechiſchen. Muſiktheorie, fowie zweitens
um die Deutung des in der oberen Region unfexes Schema's nur einmal vorhandenenVerbindungsbogens, der, in' Folge ſeiner centralen: 'Stellung, gewiſſermaßen auch von
dieſer Seite her das ganze Schema nochmals entſchieden zuſammenſcließt. „hv glaube .
Tu
'eine „ausreichende Erklärung beider Punkte in Nachſtehendem geben zu:Fönnen::
Es iſt bekannt, daß Terpand er (der erſte zweifellos Giſtorif <e Künſileename ver
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Schema's, jondern auch die darüber befindlichen römiſchen Ziffern weiſen in entſcheidender
Weiſe auf das pythagoreiſc<he Tonſyſtem hin.
Kommen wir jedoch wieder auf die Erklärung des oberen mittleren Bogens in
unſerem Schema zurück:
„Zn der pythagoreiſchen Tonleiter liegen, wie man ſieht, die beiden Tetrachorde
nebeneinander und der ſie beim Zeichen 3; trennende Gunzton erweiſt ſich demnach
als ein zwiſchen die vierte und fünfte Stufe der Scala, oder =- bliken wir auf Raffael's
Schema -- als ein zwiſchen deſſen römiſche Ziffern Y1U11 und IX eingeſchobener, welche
leztere Zahlen ja, wie wir wiſſen, den Griechen das Verhältniß der Quarte zur Quinte
ausdrücken. Der über dieſen Ziffern befindliche Bogen ſoll mithin beſagen, daß hier die
wichtige Stelle ſei, hier der entſcheidende Punkt liege, dur< welchen Pythagoras ſein Tonſyſtem von demjenigen Terpander's (troß ſeiner principiellen Anknüpfung an daſſelbe)
für immer geſchieden habe.
Jenem Bogen wohnt IMdeſſen nicht nur eine unterſcheidende und trennende,
ſondern weit mehr noch eine verbindende und zuſammenſ<hließende Kraft innc.
Man kann übrigens au ſicher ſein, daß Naffael, um einen bloßen Abſtand zu martiven, fic) nicht eines Symbols bedzjent haben würde, das in ſo ausdrüclicher Weiſe, wie
der Bogen, das Berknüpfen von Zuſammengehörigem ausdrückt. Daß es ſich hier aber
gerade in erſter Linie unt Zuſammengehörendes handelt, lehrt uns ebenſowohl ein Nückbli auf die oben aufgezeichnete pythagoreiſche Tonleiter mit ihrer lü>enlos fortſchreitenden
Melodie und ihren in allen ihren tonalen Verhältniſſen identiſchen Tetrachorden, als auch
ein abermaliger Bli& auf Naffael's durc< die reinſte Symmetrie der linken und rechten
Seite ſich auszeichnendes Schema. Eine ſolche Uebereinſtimmung aller ſeiner Theile mangelte
Terpander's Syſtem noch völlig, denn die beiden Hälften ſeiner Scala waren ſo ungleicher
Art, daß ſie ſich weder ergänzten, 1uo< anders als nur locker und äußerlich verbanden.
Der von Pythagoras eingeſchobene Ganzton iſt ſomit erſt der eigentlihe Durhbildner und Berſ<melzer des ganzen griechiſchen Tonſyſtems. Und was finden wir
nun, ſowohl in Uebereinſtimmung mit dieſer Behauptung, als auch damit, daß es ſich hier
nur um des Pythagoras Syſtem handeln kann, als Ueberſchrift der ganzen Muſiktafel
Naffael'S? Nur das eine, aber gewiſſermaßen triumphirend über dex Mitte des ganzen
Schema's thronende Wort: Epogdoon (EITOT4OLN), d. bh. das griechiſche Wort für
Ganzton, gleichſam als ſolle uus damit zugerufen werden, daß erſt durch dieſes Tones
geniale Einſchiebung das von Texpander noh unklar angeſtrebte Syſtem zu völliger Harmonie und Schönheit entwikelt worden ſei.
Und nun erklärt ſich auch erſt der wahre innere Zuſammenhang der beiden Hauptgeſtalten jener Gruppe, die in Naſfael's Schule von Athen zur Linken vom Beſchauer
den Vordergrund füllt. Der auf ihrem äußerſten rechten Flügel ſtehende Mann, der nicht
ſchreibt, ſondern mit der Hand auf eine Textesſtelle in einem Buche hinweiſt, das
er mit
etwas gebogenem Knie ſtüßt, iſt Terpander. Jenes Zurückweiſen auf das Buch iſt
die denkbar bezeichnendſte Geſte dafür, daß es ſich hier ſchon um etwas Abgeſchloſſenes
handelt, es iſt die Berſinalihung der hiſtoriſchen Thatſache, daß Terpander's Syſtem
bereits feſtſtand und anerkannt war, als ſein Nachfolger ein neues Syſtem vorzutragen
begann. Dies wird noh deutlicher dur< das Verhältniß unſerer Figur zum Pythagoras.
Dieſer Letztere iſt no<; nicht fertig, weiſt keine8wegs, wie Terpander, auf ein ſchon voll»
endetes Werk hin, ſondern iſt im Gegentheil no< mit Screiben beſchäftigt.
Raffael
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Bon Gmit Naumann,
wollte ebe hierdurch darſtellen, daß Pythagoras dem Terpander gegenüber der geſchichtlich
ſpätere Theoretiker geweſen, ſowie daß das pythagoreiſche Syſtem nur eine Verbeſſerung
und Ergänzung des Terpander'ſchen ſei.
Kann er uns dies unzweideutiger ſagen, als
indem er den eutſcheidenden Ergänzungspunft ſelber dur<) das Wort Kpowdoon auf der
Muſiktafol hervorhebt? I< wüßte wenigſtens nicht, wie dies auf einem anderen Wege
in gleicher Klarheit zur Anſchauung zu bringen geweſen wäre. Und damit endlich der
lezte Zweifel ſhwinde, bemerke man die etwas zur Seite geneigte vorgebeugte Haltung
des Oberkörpers und den geſpannten Bli>, womit Terpander den Aufzeichnungen des
Pythagoras folgt. Der Maler wollte uns hier das Intereſſe verfinnlicen, welches der
Begründer einer Lehre ſetbſtverſtändlich an vem Nachfolger nehmen muß, ver, obwohl
er auf des älteren Meiſters Theorie fußt, dieſelbe doch erſt dur<bildet und abſchließt.
Und wie fein iſt dex Zug im Vilde, der uus deutli) macht, daß ein bloßes Schema,
wie wir es auf der Muſiktafel erblicken, no< nicht dazu ausreihe, der Welt ein ganzes
Syſtem zu vermitteln, ſondern daß ſein Erfinder daſſelbe zu dem Ende erſt erklären und
commentiren müſſe.
Kann doch jeder an ſich erfahren, daß der Entwurf eines neuen
und umfaſſenden Gedankens mit wenigen Strichen und Andeutungen feſtzuhalten iſt, die
Schwierigkeiten dagegen erſt mit deſſen Ausführung und Mittheilung an die Welt beginnen.
Gerade aber einer ſolchen Ausführung ſeines Entwurfs, mit deren Niederſchrift
Pythagoras beſchäftigt iſt, wendet ſich die Aufmerkitamkeit des Terpander zu, und zwar
mit einem Ausdru>, als vergleiche er das von Jenem niedergeſhriebene Neue mit dem
Alten, welches ſein eigenes Syſtem bereits enthielt = ja, man könnte ſelbſt glauben,
daß unfer Beobachter zuweilen auch der WMuſiktafel, welcye ver Knabe dem Pythagoras
vorhält, einen Blick ſchenke, um ſich zugleich auf dem Wege der Anſchauung des neuen
Syſtems deutlich bewußt zu werden.
Es muß faſt wunderlich erſcheinen, daß Niemand bisher auf eine ſo naheliegende
und natürliche Erklärung dieſes Theile8 des Nafſael'ſ<en Bilde8 gekommen iſt. Der
Grund hiervon dürfte darin zu finden ſein, daß man, wie ſaſt immer bei ſolchen Gelegenheiten, die Dinge viel weiter ſuchte, als ſie in Wahrheit liegen. Zwar tauchen bei einigen
früheren Erklärern des Bildes die Namen Terpander und Pythagoras wohl gelegentlich
ſhon einmal auf; jedoch immer nur als Conjektur und nirgends gerechtfertigt durch
die Theorie oder eine begründete Beziehung beider Tonlehrer aufeinander. Am unbegreiflichſten jedoch iſt e8 mir, wie ſich gewiſſe Commentatoren dahin haben verirren können,
den Terpander für den Boethius zu nehmen.
Wie käme dieſer Muſiktheoretiker, der
455 bis 524 nach Chriſtus lebte, mitten in die Schule von Athen? Aud der Vorwand:
Boethius habe de8 Pythagoras Theorie auf die Zriſtliche Muſiklehre übertragen, iſt
nicht ſtichhaltig, da Boethius nicht nur die pythagoreiſche, ſondern ebenſo ſehr die Muſiktheorien des Ariſtoxenos und Ptolemäus in ſein Syſtem zog, das er noch überdies
dur eigene tiefgreiſende Spekulation bereicherte und umbildete. Vor Allem ſpricht das
entſcheidende Wort Upogdoon gegen den Boethius und ſeine Beziehungen zu Pythagoras.
Denn Boethius, der nac< jenen Erklärern der Gruppe nur darum neben Pythagoras
geſtellt iſt, weil er deſſen Lehre auf die <hriſtlihe Muſik fortgeſekt, ſpricht den eingeſchobenen
Ganzton, auf dem doch das ganze pythagoreiſche Syſtem beruht, dem Pythagoras geradezu
ab und ſchreibt deſſen Einſchiebung ausdrüt>lich dem Lykaon von Samos zu).
1) Boethins, De mugica 1, 20.
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Erklärung der Muſiktafel in Raffael's „Schule von Athen“.
Es ſcheint mir hier der Ort zu ſein, darauf hinzuweiſen, welch ein reines künſtleriſches und hiſtoriſches Gefühl und welche hohe Objektivität Rafſael darin bekundet, daß
er, obwohl er in einer Zeit lebte, da die Sexte und Terz, dieſe von der griechiſchen
Theorie ſo ſtiefmütterlich behandelten Zntervalle, in der muſikaliſchen Praxis längſt in ihre
Rechte eingeſezt waren, doch von dieſen völlig abſieht und ausſchließlich die Quarte,
Quinte und Oktave in ſeinem Schema berüdſichtigt. . Zwar war er in dieſer Beziehung
im Großen und Ganzen durch die Quellen, na<h venen er arbeitete (namentlich den Marfilius Ficinus und Plutarch, De musica) gebunden, ſowie annähernd wohl auch durch ein
Paar ſchon von Andern vor ihm aufgezeichnete Schemata des pythagoreiſchen Tonſyſtems,
unter denen beſonders eines in der Margarita philogophica dem ſeinen ſehr ähnelt. Hätte
er ſic jedoch ſo viele Freiheiten im Einzelnen erlauben wollen, wie manche ſeiner Zeitgenoſſen, ſo wäre ihm demungeachtet hinreichender Spielraum zu einer Anknüpfung des
antiken an das <riſtliche Muſikſyſiem geblieben.
I< mache ferner noch darauf aufmerkſam, daß der Dur<ſchneidungspunkt der beiden
Diapentenlinien, welche das Schema enthält, ebenfalls eine im Sinne des pythagoreiſchen
Tonſyſtems in die Augen ſpringende Bedeutung beſißt, indem dieſer Kreuzungspunkt auf
das Anſchaulichſte verſinnbildlicht, in welcher Weiſe die beiden Quintenintervalle des
Syſtems aus dent unteren in das obere und aus dem oberen in das untere Tetrahord
übergreifen. Denn die Grenzen der beiden Tetra<horde felber ſind in. Naffael's Zeichnung
dur<Hh die beiden Quartenlinien umſchrieben und reichen darin nicht über den ſie
trennenden Ganzton, der darum von der griechiſ<en Theorie auch diazeuktiſcher Ton
genannt ward, hinaus.
Und uun zum Schluß noch eine Erklärung der Muſikergruppe im Ganzen. Betrachten wir dieſelbe in ihrer Totalität, fo bemerken wir, daß ſie ſe<s8 Perſonen umfaßt:
den ſtehenden Mann mit dem Buche, den Jüngling mit der Tafel, die dann folgende,
ſihend ſchreibende Hauptfigur, den halb hinter dieſer kauernden abſhreibenden Alten,
einen nicht griechiſch koftümirten vorgeneigten Mann, der den zuleßt genannten drei Pexſonen im Rücken ſteht, ſowie endlich eine ruhig dahinſchreitende idealſ<öne Jünglingsgeſtalt, welche die im Hintergrunde gebliebene Lü>e zwiſchen dem Knaben mit der Tafel
und dem ſtehenden Manne mit dem Buche ausfüllt.
|
Es iſt mix kaum eine zweite Gruppe in einem Bilde bekannt, die, obwohl Glied
eines größeren Ganzen, ſich zugleich ſo vollkommen in ſi ſelber abſchließt und rundet.
Bewegung, Geberden und Thätigkeit der drei vorderen Figuren dieſer Gruppe ſtehen in
der unmittelbarſten Wechſelbeziehung, ſv daß hier geradezu eines aus dem anderen hervorgeht.
Man beruft ſich auf bereit8 Vorhandenes, man führt dies Gegebene weiter aus,
man kopirt endlich das in gereiſterer Form Ueberlieferte )). Aber auch die beiden im
Rüden dieſer vier Perſonen befindlichen Geſtalten zeigen ſich mit der Gruppe als ſol<her
1) ES will mir, dieſem ſo feſt verketteten Zuſammenhange gegenüber, nicht re<t zuläſſig erſcheinen,
ven Terpander in einen Philoſophen, etwa den Anaxagoras oder Parmenides, umzutqufen, der die .
Verbindung zwiſchen oben und unten im Bilde herzuſtellen habe. Denn die fragliche Figur kehrt der
oberen Philoſophengruppe nicht nur, wie Heraklit, den Rücken (bei dem die3 durch ſein gänzliches Verſunkenſein in ſich ſelber motivirt iſt), ſondern wendet. ſich aucß no< weit prägnanter und entſchiedener
als jener von ihr ab; und zwar dadurch, daß ſie mit geſpanntem Intereſſe und vorgebeugtem Oberleibe
den Aufzeichnungen |des Pythagoras folgt. Hätte Raffael aber dieſe Figur vermittelnd zwiſchen vie
bei ver Muſik anknüpfenden Weltmeiſen und die Philoſophen auf vem Gipfel der Treppe hinſtellen
wollen, ſo würde er ſie zweifellos mit beiden „Gruppen in Beziehung geſetzt haben.
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auf das Junnigſte verknüpft.
Einmal ſchon durc< ihre räumliche Nähe, daun durch ihre
völlige Gleichgiltigkeit gegen alle übrigen Perſonen int Bilde, ſowie endlich durch die
beſondere Stellung einer jeden derſelben zu der Gruppe im Ganzen. Der herbeieilende
Orientale bli>t über die Schultern des Knaben und des Pythagoras hinweg in das Buchund folgt den Aufzeichnungen des Lekteren mit einer Geberde der Verehrung; der idealihöne Jüngling freilich, der die geſammte Gruppe im Hintergrunde überragt, ſcheint
weder der in ihrer Mitte thronenden Hauptfigur, noch einer ihrer anderen Perſonen ein
Intereſſe zu ſchenken. Zunächſt jedoch gehört er ihr maleriſ< an, da er, wie ſchon
geſagt, die zwiſchen Terpander und dem Knaben gebliebene Lü>e ausfüllt, und wollten
wir ihn nicht auc< innerlich auf den Kreis beziehen, in den er äußerlich hineintritt, ſo
würde er aus Raffael's Schule von Athen überhaupt herausfallen.
Wie erklären wir nun dieſe ſo verſchiedenen Perſonen? Die Jdentität der beiden
wichtigſten Geſtalten mit Terpander und Pythagoras wies ich ſhon oben na<m. Der
Knabe oder Jüngling mit der Muſiktafel ſcheint mir no< etwas mehr zu ſein, als ein
ſolher nur äußerlich nothwendiger Scildhalter, er hat mir vielmehr das Anſehen eines
jugendlihen Shüler8 des Pythagoras und in unſerem beſonderen Falle daher offenbar
eines Zöglings der berühmten Muſikſchule des Meiſters. Hierfür möchte ſelbſt der
freudige Stolz ſprechen, mit welchem der junge Pythagoreer, während er dem verehrten
Lehrer willig den begehrten Dienſt leiſtet, auf jenen herbeieilenden Ausländer das Haupt
zurüdwendet, der, in vorgeneigter Stellung und die Hand in orientaliſcher Weiſe betheuernd auf das Herz legend, der Niederſchrift des Pythagoras ſeinen Antheil ſchenkt.
Wer iſt nun aber jener im Scatten ſitzende Alte auf dem linken Flügel unſerer
Gruppe, der, indem ex Feder, Pergament und Tintenfaß auf ſeinem Soße feſthält, troß
dieſer unbequemen Situation mit geſpannteſtem Jntereſſe den Aufzeichnungen des Pythagoras kopirend folgt? Cbenſowenig wie Terpander Boethius iſt, ebenſowenig kann
dieſer Alte Boethins8 ſein, denn Raffael war ein zu normal gebildeter und zu harmoniſc<h zujammenfaſſender Geiſt, um hier von ſeinem Thema abzugehen oder aus dem
Zuſammenhang ſeiner Darſtellung herauszufallen, wenn auch zugegeben werden joll, daß
jene in ihrem dunkeln Winkel verborgen kauernde Geſtalt, die dem größten griechiſchen
Tonlehrer ablauſcht, was ſpäteren Zeiten überliefert werden ſoll, weit eher zu dem Jrrthum hätte verführen fönnen, daß damit Boethius gemeint ſei, al8 der in das offene
Bild ſo weit vorgeſc<hobene, frei daſteheunde Terpander, der daher völlig den Männern
beizuzählen iſt, die in Naffgel's Bild die Blüthe Griechenlands repräſentiren.
Meine Antwort nun auf die Frage nach der Bedeutung der in Rede ſtehenden, noc<
unaufgeklärten Figur geht dahin, daß ich ſie für Ariſtoxenos halte.
Die geſammte griechiſche Muſikgeſchichte theilt ſich nach den drei Männern Terpander,
Pythagoras und Ariſtoxenos in drei Hauptabſchnitte. Die älteſte derjelben, mit Terpander
beginnend, reicht von 645 bis 584 vor Chriſtus, d. h. bis zu Pythagoras' Geburt; die
mittlere von Pythagoras bis auf Ariſtoxenos, 349 v, Chr.; die jüngſte endlich von
Ariſtoxeno8 bis zum Ausgang der griechiſchen Bildung. Dieſem ihrem Alter. gemäß fiellt
Raffael, der, ſtet8 beziehung8reich und ſinnvoll, nichts in der Anordnung ſeiner Gruppen
dem Zufall überläßt, die geiſtigen Führer jener drei Epochen nebeneinander. Am meiſten
zurüd (ih meine am titefſten in das Bild hineingeſchoben) finden wir Terpander, als den
die ganze griechiſche Muſik begründenden Meiſter; ihm reiht ſich, ſchon etwas weiter
auf den Beſhauer zu, Pythagoras, als der Führer der mittleren Schule an; und dann
Zeitichrift für vitdende Kunſt, X1V,
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Von Emil Naumann.
taliſchem Koſtüm im Rücken dex drei Haupttonlehrer Griechenlands. Wäre der in
Aegypten zu Peluſium geborene Ptolemäus nicht. eine viel zu gewaltige und umfaſſende
Natur, um eine ſekundäre Stellung in irgendeiner Gruppe zu erhalten, und ſtünde derjelbe nicht überdies vorne rechter Hand im Bilde unter den Naturforſ<hern, wo wir- ihn
als den großen Geographen erbliken, der vie Erdkugel in der Hand trägt, ſo würde ich
ſagen, jener mit ſo warmem Antheil dem Pythagoras über die Schulter blikende Mann
ſei Ptolemäus, weil dieſer, der zugleich auch Muſiker war, des Pythagoras. Tonſyſtem
gegen die Angriffe des Ariſtoxeno3s- vertheidigte und demſelben wieder volle Gerechtigkeit
widerfahren ließ; beſonders auch dadurch, daß er das Beſte aus des älteren Tonlehrers
Syſtem mit den Neuerungen des Ariſtoxenos zu verſchmelzen ſuchte. Nun iſt es ja aber
befannt, daß Pythagoras nicht nur beim Ptolemäus, ſondern bei den Alexandrinern
überhaupt in hohem Anſehen ſtand, und ſo dürfen wir uns unter jenem DOrientalen
einen ſeiner Anhänger in Aegypten vorſtellen, der, in ähnlichem Sinne wie Ptolemäus,
der Tonlehre des Pythagoras ſeine bewundernde Anerkennung zollt.
Wer iſt nun aber jenex idealſchöne Jüngling im Hintergrunde, der, obwohl an den
Geiſte8bezügen und Vorgängen in der Gruppe ſelber keinen unmittelbaren Antheil nehmend,
derſelben doH jo deutlich angehört? Marſilius Ficinus bezeichnet ſein Weſen mit den
Worten: harmonica compositiv animi, und in der That, wir haben hier den durch die
Wirkung der Töne harmoniſch geſtimmten und für das Schöne empfänglich gewordenen
Menſchen vor uns, der daher ſelber auch Schönheit ausſtrahlen muß. Cine ſolche Perfönlichfeit nun, die eine im Sinne des Ariſtoteles reinigende und im Geiſte des
Plato verſittlichende und verklärende Wirkung der Tonkunſt auf ihr Gemüth und
auf ihr Empfinden, Denken und Wollen erfahren hat, iſt gerade der Typus, welchen die
Griechen durch eine muſikaliſche Erziehung heranbilden zu können glaubten, da ſie die
Muſik als die große Bildnerin aller Weſen und Dinge betrachteten und derſelben, in ihrer
dreifachen Offenbarung: als muzsica saltatoria, musica harmoniea und musica metrica,
die weitreichendſten Einflüſſe auf Körper und Seele zuſchrieben.
So ſtellt uns denn jene
an Raffael ſelber mahnende Geſtalt einen Jüngling dar, dex unbekümmert um die verſchiedenen Syſteme der Tonlehrer, ſich an den daraus gewonnenen Neſultaten erquidt;
ſie zeigt uns den durch die Eintracht ſüßer Töne mit ſich und der Welt in Einklang geſezten Menſchen, den nichts Unlautere3, Unſc<önes oder Widerwärtiges mehr anzufechten
vermag.
Da hiermit unſere Gruppe in allen ihren Gliedern annähernd erklärt iſt, fo dürfte
eine abermalige Deutung der Tafel aus dem Muſikaliſchen in's Mathematiſche oder Kabbaliſtiſche nunmehr, da ſich herausgeſtellt, daß ſie unzweifelhaft de8 Pythagoras Tonſyſtem
enthält, nur noh in gewaltſamer Weiſe wieder verſucht: und durchgeführt werden
können. Daſſelbe gilt aber auc< von den verſchiedenen Geſtalten dieſer Gruppe, welche
außer jeder Beziehung zur Muſik zu denken künftig ebenfalls niht mehr möglich ſein
dürfte. Oder commentirt Pythagoras etwa die ihm gegenüber befindliche Tafel
nicht? Denkt er gar nicht an dieſelbe, obwohl ſie ihm von dem Knaben .doHh nur darum
ſo direkt vox die Augen. hingeſtellt wird, damit er ſie; ſchreibend und erklärend, jeden
Moment über ſein Buch hinaus bequem zu Üüberbliden vermag? I< glaube, eine
natürliche Anſchauung der Dinge und der geſunde Menſchenverſtand geben auf. ſolche
Fragen ſofort die einzige ungeſuchte Antwort, die darin beſteht, daß Pythagoras hier als
Erklärer ſeines Syſtems dargeſtellt
ſei. Wäre dem nicht fo, ſo würden Knabe und Tafel
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)niht nur überflüſſig, ſondern ſinnlos erſcheinen. Wenn aber Pythagoras hier als Erläuterer des feinen Augen gegenüber aufgeſtellten Schema's gedacht iſt, ſo würde es mehr
als gezwungen ſein, jene Männer und Jünglinge, die ſich voll Intereſſe um ihn drängen,
anders, als ebenfalls aus einer ihnen nach irgend einer Seite hin innewohnenden Beziehung zur Tonkunſt zu erklären.
Doch ich glaube, hier angelangt, ſchon die Stimmen derer zu vernehmen, die der
Meinung ſein dürften, daß meine Auffaſſung mehr den Tonkünſtler als den Kunſthiſtoriker
verrathe, da es ſchlecht zu der Jdee des ganzen Bildes ſtimme, in welchem es ſich um
die Verherrlichung der höchſten Geiſteskultux Griechenlands, ſowie namentlich der griechiſchen
Philoſophie handele, eine ſo wichtige Gruppe, wie die links im Vordergrund befindliche,
nur aus Muſikern beſtehen zu laſſen = |
Als Entgegnung hierauf diene Folgendes. Jn der zur Linken befindlichen der beiden
großen Niſchen, in welchen, erhaben über die ganze Verſammlung, Göttergeſtalten ſtehen,
bemerfen wir Phoebus Apollon, den Führer der Muſen, -unter denen bekanntlich nicht
weniger als drei: Euterpe, Volyhymnia und Terpſichore, der Muſik eng verknüpft ſind.
Um den Gott jedoHh noch unmittelbarer als Schüßer und Vorbild der Sänger zu kennzeichnen, gab ihm Naffael eine zehnſaitige Lyra in den Arm. Aber auch hiermit ſchien
ihm noch nicht hinreichend die Beziehung des Muſagetes auf die Muſik ſymboliſirt. Aus
dieſem Grunde erblicken wir unter der Niſche des Götterſtandbilde8 zwei Reliefs, die uns
die beiden für griechiſche Begriſſe wichtigſten und verſittlichendſten Wirkungen der Muſik
darſtellen. Dieſe beſtanden den Alten darin, daß die Kunſt der Töne ebenſowohl. wollüſtige, räuberiſche Begierden zu zähmen, als die bloße rohe Kraft zu bändigen, zu mäßigen
und dem Guten dienſtbar zu machen vermöge. Und was ſagen uns die Neliefs? In
dem oberen erbliken wir wildkämpfende, einander mordende Männergeſtalten, von denen
eine einen wuchtigen Stein über dem Haupte ſchwingt, in dem unteren einen von
lüfterner Begierde erfaßten Flußgott, der eine vor ihm fliehende Nymphe verfolgt und
troß ihres Widerſtrebens an ſich reißt. Ueber beiden Darſtellungen aber thront in erhabener Nuhe der lichte, die Leyer umfaſſende Gott, der mit den beſc<hwichtigenden Klängen
ſeiner Saiten die dunkle ungezügelte Naturkraft und ihre Ausbrüche reinigt und verklärt,
indem er Mordluſt in edle Tapferkeit, raſende Begierde in die dem Schönen zugewandte
Liebe wandelt. Denn die Muſik negirt den Griechen nicht etwa nur das Rohe und
Unſittliche, ſondern ſie preiſen auc ihre poſitiven Wirkungen, die ſie vornehmlich darin
erkennen, daß ſie den Mann zur Hingabe ſeines Lebens für das Vaterland und zu einer
reinen Freude am Schönen entflamme.
Sollte es endlich --- nachdem ich die rein muſikaliſchen Beziehungen der Reliefs auf die
Bildſäule des Apollon dargethan -- no< eines weiteren Zeugniſſes dafür bedürfen, daß
Raffael eine Deutung derſelben nur in dem von mir gegebenen Sinne zuläßt, ſo verweiſe ich nochmals auf den Marſilius Ficinus, So wenig wir auch die Quellen, nach
denen Raffael arbeitete, überall aufzuweiſen vermögen und wie häufig er ſich in ein-«
zelnen Fällen auch mit ſolchen darunter in Widerſpruch ſekt, die uns im Uebrigen 1inzweifelhaft erſcheinen, ſo muß doch angenommen werden, daß dem Meiſter (gleichviel ob
direkt oder indirekt, d. h. gleichviel ob er ſelbſt Einſicht genommen oder der CardinalBembo und andere ſeiner gelehrten Freunde die Vermittler machten) ein Autor wie
-Marſilius, als eine der wichtigſten Duellen damaliger Zeit, bekannt geweſen ſei.“ Mar- .
ſilius aber enthält zwei Stellen, die ganz ausdrüclich jener rohen Kräfte und wilden
Página 11
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Von Cmil Naumann.
Begierden gedenken, deren Berſinnbildlichung Naſſael in den beiden Neliefs unternahm
und als deren Bändigerin der obengenannte Autor ebenfalls die Tonkunſt der Griechen
anführt '). Und nun wird man wohl endlich überzeugt ſein, daß der große Urbinate auch
dex Muſik auf dieſer Seite ſeines Bildes einen hervorragenden Plaßz hat einräumen wollen.
Allein ich vergeſſe hier, welche Begriſſe noch in män<en Bildungsſphären (und zwar
ſelbſt unter ſolchen Männern, die in ihrem eigenen Fache auf der Höhe gründlichen Wiſſens
ſtehen) über die Bedeutung der Muſik überhaupt und insbeſondere wieder über die
Stellung der Muſiker in Griechenland walten. Für dieſe wird der Gedanke, daß
Raffael einer „Muſikergruppe“ eine ſo glänzende Stellung in ſeinem Bilde habe geben
wollen, immer noch unannehmbar ſein. Es wird daher nöthig ſein, hier ſchließlich noc<
ein Paar Worte dem ſhon Geſagten hinzuzufügen, die geeignet ſind, Mißverſtändniſſen
vorzubeugen.
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Gerade die Alten können uns Moderne lehren, wie wir eigentlich über Muſik denken
ſollten. J<< berührte bereits die umfaſſende Bedeutung, die die Griechen ver Muſik beimaßen, eine Bedeutung, die ſo weit ging, daß Ariſtotele8 das ganze 8. Bud) ſeiner
Politik nur von dem Verhältniß der Muſik zum Staate handeln und Plato .derſelben
in ſeiner Republik die denkbar höchſte Würdigung angedeihen läßt. Da nun Ariſtoteles
und Plato die Mitte von Naffael's Schule von Athen in dominirender Stellung behaupten, ſo würde -- ſhon um jener beiden Männer Anſchauungen von der Tonkunſt
willen = unſere im Vordergrunde des Bildes befindliche Muſikergruppe nicht der direkteſten Beziehung zu den beiden großen Philoſophen ermangeln. Aber eine ſolche Beziehung zeigt ſich noH in anderer Weiſe. Die Muſik galt bekanntliß den Griechen als
das von den Göttern ſelbſt ihnen verliehene Maß aller Dinge, weßhalb auch das Maßhalten im Thun und Genießen und die Bändigung der Leidenſchaften an ſie geknüpft
waren. Als Muſik galt ihnen darum nicht nur Geſang und Saitenſpiel, ſie kannten auch
eine von Tönen hervorgerufene Muſik der Seele, einen von ihr ſtammenden Glei<hmuth
in Glü> und Unglück, eine Muſik der Bewegung, der Mimik, der Nhythmen und der
Sprache. Mit der Muſik ſtanden außerdem die Philoſophie, die Mantik (Aivinatio), die
Geſeßze der Symmetrie, die Mathematik und die Aſtronomie in engſter Verbindung. Daher
beruhte ihnen ſelbſt das Weltall und die Schwingung der Bewegungen der Himmelskörper
(die pythagoreiſ<e Sphärenharmonie), ſowie vor Allem eine vollkommene Durchbildung
philoſophiſcher Weltanſ<hauung auf den Geſehen der muſikaliſchen Harmonie. Der zuleßt
angeführte Geſicht8punkt würde es ſc<on allein rechtfertigen, daß Raffael ſeine Muſiker
unter die Philoſophen bringt; es fommt aber noch hinzu, daß Pythagoras, Terpander
und Ariſtoxeno8 nicht nur Muſiker oder etwa gar Sänger und Saitenſpielex waren,
ſondern tiefſinnige Theoretiker, ſowie auch mehr oder weniger Dichter, Mathematiker und -was hier am ſchwerſten in'S Gewicht fällt -- Philoſophen. Wer einwenden wollte, daß
Raffael, im Hinbli hierauf, dann wohl auch weniger die Muſiker, als die Denker
Pythagoras, Terpander und Ariſtoxenos in ſein Bild zu ſtellen beabſichtigt haben dürfte,
in welchem Falle ſie ſich einfa< nur unter ihres Gleichen befänden, den verweiſen wir
1) Marſilius Ficinus im Comment. Do ropubliea, p. 1404. Plato Phocheus hümani goneris
medieus, p. 1400 H. (Muſik als Mittel gegen Ubidinos und rapinas). =- Man vergleiche hiermit die
bekannte Erzählung, daß Pythagoras (und dieſer iſt in Raſfgel's Bild ja ver Mittelpunkt ſeiner
Muſikergruppe) die Wuth eines jungen Menſchen, der das Haus ſeiner Geliebten
aus Eiferſucht anzünden
wollte, durc) Muſik beſänſtigte.
Página 12
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)abermals auf die Muſiktafel, ſowie auf den ſie erklärenden Pythagoras, die zuſammen
ja den Mittelpunkt des Jntereſſes dex ganzen Gruppe bilden; wir verweiſen ihn überdies
"darauf, daß die drei Genannten auch als Philoſophen ihr Syſtem auf Muſik gründeten. Selbſt aljo wenn Raffael dieſe Männer nur als die geſetzegebenden Tonlehrer
ihres Volkes aufgefaßt hätte, würde ihre Darſtellung in der Schule von Athen nicht blos
zuläſſig, ſondern geradezu geboten erſcheinen. Hierzu kommt nun noh, daß man die
Tonlehrer in Griechenland als die Führer und Erzieher der Jugend wie die Muſik als
die große Menſc<henbildnerin und Ordnerin der Welt anſah. Zhre Wirkungen in dieſer
Beziehung wurden ſo hoch veranſchlagt, daß Plato (Republ. IV) behauptet, die Einführung
einer neuen Tonart vermöge einen ganzen Staat in Gefahr zu bringen, denn nirgends verändere
man die Tonarten, ohne daß die wichtigſten Geſeße im Staate mit verändert würden. Ariſtoteles (Polit. VI11) endlich empfiehlt bei der Erziehung der Jugend vornehmlich die doriſche
Tonart, weil aus ihr ethiſche Melodien hervorgehen und weil ſie am meiſten den Charakter
der Ruhe und ſittlichen Würde beſitzt. Männer aber, die gleich Terpander, Pythagoras
und Ariſtoxenos die Geſeße einer Kunſt feſtſtellten, die man ſolcher Einflüſſe auf das
allgemeine Wohl für fähig hielt, verdienten ſicherlich einen hervorragenden Plat in einer
Schule von Athen. Wollte man ſich an die den drei genannten Tonlehrern von mir im
Bilde zugeſprochene Alters8folge ſtoßen, die allerdings einen <ronologiſchen Fortgang
von oben nach unten vorausſeßt, während do< Raffael eine, auc durd) die Treppe
verſinnbildlichte AlterSfolge von unten nach oben ſcheint haben darſtellen zu wollen, die
fich namentlich in der Mitte durchgeführt erweiſt, da wir hier ein Emporgehen von Heraklit, als dem Philoſophen einer älteren Zeit, zu Plato und Ariſtoteles erbli>en, ſo
ſind auch ſolHe Bedenken leicht zu zerſtreuen. Niemand wird vorausſetzen, daß Raffael
uach einer Schablone oder als Doktrinär gearbeitet habe, ſondern man darf eher an. nehmen, daß er ſic) überall, wo es ihn paßte, die künſtleriſche Freiheit vorbehielt, nach
Gutdünken zu verfahren, daher auch einmal in der Altersfolge die umgekehrte Richtung
einzuſchlagen. Dies geſchieht ſelb/t ſchon auf den Stuſen, denn der auf dieſe hingelagerte
Diogenes iſt jünger als der obenſtehende Plato. In einer folhen Meinung beſtärkt
mich aber ferner die zu der Gruppe der Naturforſcher gehörende Geſtalt des Ptolemäus.
Der große Aegypter ſteht, obwohl ſpäter wie Ariſtoteles geboren, am Fuße der Treppe.
Warum aber ſollte, was auf dem rechten Flügel des Bildes möglich war, ſich der Meiſter.
niht auh auf dem linken Flügel geſtattet haben?
So fügt ſich denn alles zum harmoniſchen Ganzen. Wie der Gott-der Muſen in
unſerem Bilde auf die muſiſchen Künſtler hindeutet, die ſich als eine Gruppe von Dichtern
und als eine Gruppe von Muſikern zu ſeinen Füßen ordnen, ſo bezeugt die auf dem entgegengeſeßten Flügel des Gemäldes befindliche Statue der Pallas Athene die Anweſenheit
der Mathematiker, Aſtronomen, Geographen und der ſich ihnen anſchließenden Architekten
und bildenden Künſtler. Erhaben aber über dieſe wie über jeve erbliken wir die Philoſophen, als die Vermittler zwiſchen den Gegenſäßen und geführt von den berühmteſten
Vertretern der zwei von Alters her einander ergänzenden- Geiſtesrihtungen, von Plato
und Ariſtoteles, die uns durch ihren zwiefach verſchiedenen Hinweis -- hier auf das, was
über uns, dort auf das, was unter uns iſt -- verſinnbildlihen, daß nicht die, eine
oder die andere Weltanſchauung, ſondern beide in ihrer Ver] Pmeolzung erſt den Geiſt
der Menſchheit in ſeiner Tytalität bedeuten.