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IIPQTOI EYPETAI - Götter, Heroen, Menschen?
Leonid Zhmud (St. Petersburg)
Das, was ich heute vortragen möchte, stellt eine Erweiterung eines Themas aus
meinem zukünftigen Buch dar, das der antiken Wissenschaftsgeschichte gewidmet ist.
Es ist wohl bekannt, daß in Griechenland nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die
Geschichte der Wissenschaft entstanden ist, die in erster Linie durch die Werke von
Aristotelesschülern repräsentiert ist: Eudemos, Theophrast, Aristoxenos und Menon.
Leider ist es so, daf man zwar das wissenschaftshistorische Material dieser Werke benutzt, dies aber nur als Quelle für die weitere Rekonstruktion der griechischen Wissenschaft und nicht als Gegenstand spezieller Untersuchungen. Übrigens ist die ganze frühere Historiographie der Wissenschafl, d. hi. die wissenschafishistorischen Werke der
Antike, des Mittelalters und der Neuzeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, noch nicht
zum Thema zusammenfassender Studien gemacht geworden.’ Obwohl meine eigenen
Interessen sich in erster Linie auf die antike Wissenschaftsgeschichte beziehen, mußte
ich mangels umfassender Arbeiten über die späteren Perioden auch die Quellen des
16.-18. Jahrhunderts zumindest flüchtig anschauen.
Was beim Lesen der wissenschaftshistorischen Literatur dieser Zeit auffällt, ist die
bemerkenswerte Kontinuität von Themen, Ideen und Ansätzen, die bis in die Antike
zurückreicht. Es ist sicher nicht übertrieben zu sagen, daß die antike Wissenschaft die
vormodernen Historiker beinahe mehr interessiert hat als die zeitgenössische. In der
Regel setzen sic an dem Punkt an, an dem Celsus, Pappos oder Proklos geendet haben,
indem sie von ihren griechischen und römischen Lehrern sowohl das wissenschaftshistorische Material als auch die Hauptproblematik dieses Genres übernehmen. Noch
wichtiger als diese konkreten Entlehnungen war die Gesamtperspcktive, in der die antike Wissenschaft weiterhin als ein Integralbestandteil der Wissenschaft als solcher
galt. In diesem Sinne wird die antike Wissenschaft mindestens bis zum Ende des 18.
—a2um.-.
Jahrhunderts als modern und zeitgemäß betrachtet.
Die Universalgeschichte einer bestimmten Wissenschaft, z.B. der Mathematik,
wird zu dieser Zeit normalerweise in folgende Perioden unterteilt: Mathematik bei den
Hebräern, angefangen von vorsintflutlichen Zeiten, Mathematik der Ägypter und
Babylonier, die sie von den Hebräern entlehnt haben, Mathematik der Griechen, die sie
bei den Agyptern und Babyloniern gelernt haben, usw. Diese Perspektive hat ihren Ursprung bei den frühchristlichen Apologeten, wie Clemens von Alexandria und Eusebios, welche die antike Philosophie und den Pentateuch zu vereinbaren versuchten, in-
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Nur die Medizingeschichte stellt eine der wenigen Ausnahmen dar. S. z.B.: E. Heischkel, Die
Medizinhistoriographie im XVI. Jh., Janus 35, 1931, 67-105, 125-151; eadem, Die Medizingeschichtsschreibung von ihren Anfängen bis zum Beginn des 16. Jh.s. Berlin 1938; eadem, Die
Geschichte der Medizingeschichtsschreibung, in: Einführung in die Medizinhistorik. Hrsg. von
W. Artelt, Stuttgart 1949, 202-237; Ancient Histories of Medicine. Essays in Medical Doxography and Historiography in Classical Antiquity. Hrsg. von Ph. J, van der Eijk, Leiden 1999,
Página 2
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)dem sie den hebräischen Autoren wie Aristobulos, Philon und besonders Josephus Flavius folgten.? Nachdem sie über die fabelhaften Entdeckungen von Kain, Abraham und
Moses berichtet hatten, gingen die Wissenschafishistoriker der Neuzeit zu Thales und
zur griechischen Überlieferung über, wo sie sich auf verläßlichere Quellen zu stützen
vermochten und nicht nur ihre Gelehrsamkeit, sondern auch ihre kritische Urteilskraft
demonstrieren konnten.
Aber.auch in Bezug auf die Antike blieb die Grenze zwischen der mythologisierten
und der wirklichen Geschichte noch lange Zeit dort, wo sie die Spätantike gesetzt hatte. Der Begründer der modernen Medizingeschichte, Daniel Le Clerc, der solchen Autoritäten wie Celsus und Galen folgte, hat seine Geschichte nicht mit Hippokrates, sondern mit Asklepios angefangen.’ In dem soliden "Historischen Wörterbuch der antiken
und modernen Medizin" kann man neben den Biographien hervorragender Ärzte auch
Artikel über die legendären Begründer der Medizin finden, über Asklepios und den
Kentauren Chiron,‘ G. Matthias fängt seinen Conspectus historiae medicorum chronologicus mit den folgenden Namen an: Adam, Seth, Cham, Zoroaster, Hermes, Osiris,
Moses, Vulkanus, Apollon, usw." Nicht wenige durchaus gelchrte Werke dieser Zeit
haben die Geschichte der griechischen Astronomie mit Allas, Uranos und ähnlichen
Gestalten begonnen.!
So läßt sich feststellen, daß in der wissenschafishistorischen Literatur bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts ein Charakteristikum fortbesteht, das auch die Mehrheit der
antiken Geschichtswerke kennzeichnet, und zwar das Fehlen einer klaren Grenze zwischen legendärer und faßbarer Geschichte. Das bedeutet übrigens nicht, daß ein solcher
Ansatz für alle historischen’ bzw. wissenschafishistorischen Werke der Antike charakteristisch ist. Gerade beim Begründer der Wissenschafisgeschichte Eudemos von Rhodos finden wir keine mythologischen oder legendären Namen. Seine Geschichte der
Geometrie, der Astronomie und der Arithmetik fängt mit Thales, Anaximander und
Pythagoras an, als Vorläufer hat er durchaus historische. Völker erwähnt, nämlich
Ägypter und Babylonier. Dabei hat er sich gerade für die Anfänge der Wissenschaft
und für die xp&tot evpetai interessiert, seine Historien sind eigentlich ihren Entdekkungen gewidmet.’ Im Unterschied aber zur sogenannten Heurematographie, einem
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kungen kurz beschreibt, o
Genre, das in katalogartigem Stil ganz verschiedene EntdecPersone
n und ihre Entdekschen
histori
die
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eudemische Wissenschaftsg
kungen behandelt.
Nichtsdestoweniger ist der Einfluß der Heurematographie auf die eudemische Wisstets wiederholenden
senschafisgeschichte nicht zu übersehen, vor allem in einem sich
Ausdruck, der den Cha-
Ausdruck "dieser hat als erster das und das entdeckt", einem
Geschichte der
rakter einer Formel gewinnt. Von neun Fragmenten der eudemischen
gupnua (eüpnoig,
Geometrie" enthalten sieben solche Wörter wie TPETOG oder logie auch im “a
Termino
evpioxw) bzw. ihre Kombinationen.* Klare Spuren hat diese der
Eudemos Lou rihmten "Katalog der Geometer" bei Proklos hinterlassen, deraufAstron
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daß zuerst die
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i der antiken Heurematographie gedie
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Ausgehend von den zahlreichen Studien,
widmet sind," kann man zum Ergebnis kommen, daß die Zahl der Götter-Entdecker
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( fr. 136), copiata
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Cyrjoavtes... eopiicaciv (fr. 139), dp ‘Innoxpétouc éypapnouv mporov (fr. 140),
'Apxútou eipnoais (fr. 141).
2
S.: F. J. Worstbrock, Translatio artium. Über Herkunft und Entwicklung einer kulturhistorischen
Theorie, Archiv für Kulturgeschichte 47, 1965, 1-22. Aristobulos behauptete, daß Platon und Aristoteles sich auf Mosaisches Recht stützten: R. Goulet, Aristoboulos, Dictionnaire des philosophes Grecs I, 1994, 379-380.
OWàNw
7
D. Le Clerc, Histoire de la medicine. Genève 1696 (Amsterdam 21702, *1729).
N. F. J. Eloy, Dictionnaire historique de la médicine ancienne et moderne, T. 1-4, Liège 1755.
G. Matthias, Conspectus historiae medicorum chronologicus, Göttingen 1761.
S. z.B.: P. Estéve, Histoire générale et particulière de l’astronomie, V. 1-3, Paris 1775; M. Norberg, De origine astronomiae apud Orientales, Lund 1790.
L. Zhmud, Eudemus’ History of Mathematics, in: Rutgers University Series in the Classical Humanities, Bd. 11. Hrsg. von W. W. Fortenbaugh, I. Bodnar, New Brunswick 2001 (im Druck).
9
In Eucl., p.
Pythagoras (p.
64.18 Friedlein), npútos und ebpev — über Thales (p. 65.7f.), avedpe — tiber
65.21), edpov und npòtog — über Hippokrates von Chios (p. 66.41.), mp@tos — über Eudoxos (p.
( Procl.
A
— über
ú diei Entdeckung der Geometriei beibei den Agyptern
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npàtov edpñolot
67.2f.), &veüpe — über Hermotimos (p. 67.20f.).
ich mich auf das häufige
10 Ps.-Heron. Deff. IV, p. 167.9 Heiberg = Eud, fr. 145 Wehrli. Indem
ng mit den anderen
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sprachlichen und sachlichen Charakteri
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Zeugnisse zu identifizieren, in denen sein Name fehlt. S. ZB. Proc!. In Eucl., p.En<a
sa =
(npötog und ebpnoic); Schol. in Eucl., p. 273.3-13, bis (Eüpnua): Procl. In Eucl.,
3, p. pp
(np&toc), p. 213.7. (mpatog und ebpev), Eutoc. In Archim. De sphaer.
Jf.
(mpatoc); Archim. 2, p. 430.5f. (np@tog); D.L. 8,83 (npòtog); Archim. 2, p.
(EEnvpnkev npéroc).
11 J.C. Brusskern, De rerum inventarum scriptoribus graecis, Bonn 1864; P. Eichholtz, De scripto-
Página 3
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)(Athena, Hephaistos, Apollon) und der Kulturheroen (Palamedes, Daidalos, Orpheus)
sich fast den zwei anderen Hauptgruppen nähert: den historischen Erfindern und den
griechischen bzw. barbarischen Städten und Völkern. Meine Berechnungen, die sich
auf einen Namenindex in Kremmers Dissertation stútzen,'? ergeben die folgenden
Zahlen: Menschen - 56, Städte und Völker — 43, Heroen — 33, Götter — 56. Diese Zahlen sind natürlich sehr ungenau, weil Kremmers Index unvollständig ist und sich meistens auf späte Quellen bezieht, in denen viele historische Persönlichkeiten fehlen."
Und trotzdem geben auch diese primitiven Berechnungen einen Eindruck davon, wen
die Griechen für np&toı edpetat gehalten haben: Menschen, Städte und Völker sind in
dieser Liste immerhin etwas stärker verireten als Götter und Heroen.
Man muß aber gleich zugeben, daß ab dem späten Hellenismus die Zahl der Zeitgenossen in den Heuremata-Katalogen sinkt, so daß man in der Spätantike überwiegend über die Erfinder der Vergangenheit schrieb. Das bedeutet selbstverständlich
nicht, daß es in dieser Periode gar keine Erfindungen gab (es reicht, nur die Wassermühle und das Glas zu erwähnen), aber die Autoren dieser und vieler anderer Entdekkungen jener Zeit sind eben unbekannt. Im Gegensatz dazu sind die archaischen und
klassischen Perioden an Namen von Menschen-Erfindern sehr reich. Die Biographien
der Sieben Weisen und ersten Philosophen verweisen sehr oft auf ihre ebprjuarta, die
sich auf die Sphäre der Kultur im weitesten Sinne beziehen: von den astronomischen
Entdeckungen bis zur Einführung der Maße und Gewichte und zur Erfindung des Ankers.'* Es ist bezcichnend, daß die Namen der berühmten Wissenschaftler und Philosophen auch mit solchen Erfindungen verknüpfi sind, die von der geistigen Sphäre sehr
weit entfernt sind: Demokrit hat den Bogen erfunden (Sen. Ep. 90, 32), Protagoras eine
besondere Art, Gewichte zu tragen (D.L. 9,53, cf. 4,2), Archytas ein Kinderspielzeug
und eine mechanische Taube (47 A 10), Platon eine Wasseruhr (Athen. 4,174c), Eudoxos hat als erster bei einem Gastmahle die halbkreisförmige Anordnung der Plätze
eingeführt (D.L. 8,88). Obwohl einige dieser Angaben von den Leuten stammen, die
mit miBigem Geschwätz nichts zu tun haben, z.B. von Aristoteles, ist jetzt für uns
nicht ihre historische Zuverlässigkeit wichtig, sondern eine bis zum äußersten getriebene Tendenz, in jedem, sogar dem ganz unbedeutenden Element menschlicher Kultur
ribus Tlepi eópnuárov (Diss.), Halle 1867; M. Kremmer, De catalogis heurematum (Diss.),
Leipzig 1890; E. Wending, De Peplo Aristotelico (Diss.), Strasburg 1891; A. Kleingünther,
MPQTOZ EYPETHZ, Berlin 1933; E. Kienzle, Der Lobpreis von Städten und Ländern in der
älteren griechischen Dichtung (Diss.). Kallmünz 1936; K. Thraede, Erfinder, RAC 5, 1962, 1191-
1278, idem, Das Lob des Erfinders. Bemerkungen zur Analyse der Heuremata-Kataloge, RhM
105, 1962, 158-186.
12
Kremmer (wie Anm. 11) 113f.
13
Außerdem habe ich fast alle Fälle ausgelassen, wo die genaue Identifikation nach den Gruppen
problematisch scheint, und in die Göttergruppe habe ich solche Gestalten wie Kureten, Kentauren, Kyklopen usw. aufgenommen.
14
NIPQTOI EYPETAI - Götter, Heroen, Menschen
Leonid Zhmud
Thales (D.L.
1,23-27); Solon (1,58); Chilon (1,68); Periandros (1,98); Anacharsis (1,105);
Pherekydes (1,116); Anaximander (2,1-2); Pythagoras (8,12, 14, 48); s.: F. Leo, Die griechischrömische Biographie nach ihrer literarischen Form. Leipzig 1901, 46ff.
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Angefangen vom letzten Drittel des 5. Jahrhunderts hat dieund
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men historischer Persünlichkeiten vot. In diesem Sinne istr und
historischer als vicle
schafts- und Philosophiegeschichte viel rationalistische
Werke des 17. und sogar des 18. Jahrhunderts.
15 Prodikos (84 B 5), Kritias (88 B 25); Demokrit (68 A 77-79, B 166, 297); Thracde, Erfinder (wie
Anm. 11), 1218f.
aufcinanderfolgend dem Kadmos,
16 Im Laufe des 6.-4. Jh. wurde z.B. die Erfindung der Schrift
zugewiesen (FGrHist 1 F 20,
Kadmos
wieder
und
Thot
Akteon,
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Promethe
s,
Danaos, Palamede
10 F 9, 476 F 3: PI. Phdr, 274c-d; Arist. fr. 501 Rose)
17 Thraede. Lob des Erfinders (wie Anm. 11), passim.
ich Tlepi tOv dpyalwv romtàv Kal pouaixüv des Glaukos von Rhegion (Ende
pre-platonica.
und Poesiegeschichte enthält (G. Lanata,gePoetica
Ñ = x ha die cnA.Musik.
1984, 2051f.). es
Firenze 1963, 270-281; Barker, Greek Musical Writings, V. 1, Cambrid
of Rhegion, GRBS ,
Glaukos s. auch: Kleingünther (wie Anm. 11), 21 ff; G. Huxley,4, Glaukos
. Cf. die pe
1093-1094
1998,
Pauli
Neue
Der
Rhegion,
von
1968, 47-54; S. Fornaro, Glaukos
wavtav> von sg es
patetische Musikgeschichte: Evvayoyh tOv Ev pouvoir} <diadop
Pontikos (fr. 157-163 Wehrli), epi povouiis von Aristoxenos (fr. 71-89 Wehli) und Dikaiar.B,
chos, fr. 75-76, 85 Wehrli.
Página 4
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Gleichzeitig haben sich die Peripatetiker außer mit Wissenschafts- und Philosophiegeschichte auch mit der Heurematographie beschäftigt, auch Aristoteles hat über
dieses Thema geschrieben.” Es stellt sich dabei heraus, daß die peripatetische Heurematographie sich nicht prinzipiell von den früheren Mustern dieses Genres unterscheidet: sie enthält dieselben Namen von npòrtor evpetai und dieselben Gedankengänge,
weil die Hinwendung zur vorhistorischen Periode an sich selbst die kritische Prüfung
von Fakten unmöglich macht. So schrieb z.B. Theophrast in Mepi ebpenätov, dal
Prometheus der Philosophiebegriinder war (fr. 729 FHSG), während es in seinem
doxographischen Werk natürlich gar keinen Prometheus gab - die Philosophie fing mit
Thales an.
Eine deutliche Bevorzugung menschlicher Erfinder vor den göttlichen ist nicht nur
für die peripatetische Wissenschafts- und Philosophiegeschichte charakteristisch. Sie
zeigt sich schon bei Herodot, für den die griechischen Götter und Heroen überhaupt
nicht als np@tor evpetat gelten, zu denen er in der Regel barbarische Völker zählt, in
erster Linie Ägypter. Nicht weniger kennzeichnend ist die hippokratische Schrift "Über
die alte Medizin", die eine Theorie vom Ursprung der Medizin entwickelt.” Der Verfasser dieser Schrift hält die Medizin für eine Entdeckung, die von den Menschen gemacht wurde,” unter dem Einfluß von Not und Notwendigkeit (xpeía, ávdyxn). Noch
interessanter ist, daß er behauptet, die Entdecker der Medizin (oi np&toı evpdvtec,
14) hätten sie selber dem Gott zugewiesen, der bis jetzt als ihr Begründer gilt.”
Mir scheint, daß die letzte Idee logisch die Entwicklung der np&tog evpeticTradition vollendet, die wie folgt dargestellt werden könnte. Die ersten faßbaren Ent- :
deckungen vermehren den Ruhm ihrer Schöpfer; danach tauchen die göttlichen Erfinder auf, denen man das zuweist, was Menschen entdeckt haben; später kommen in der
Überlieferung mehr und mehr historische Figuren vor, bis man zu dem Schluß gekommen ist, daß die Entdeckungen der göttlichen np&tor súpetai ihnen in Wirklichkeit von den Menschen zugeschrieben wurden,
Diese Rekonstruktion benötigt aber einige Vorbehalte. Erstens, môchte ich auf eine
Tendenz hinweisen, die sich als eine "sekundäre Sakralisierung" bezeichnen läßt. In ihr
hat sich Protest gegen die Zuweisung aller bedeutenden texvaı an die Menschen niedergeschlagen. Die Reaktion auf aufkommenden Rationalismus und Agnostizismus
19
Theophrast (fr. 728-734 FHSG), Heraklides Pontikos (fr, 152 Wehrli), Straton (fr. 144-147
Wehrli), Aristoteles (fr. 382, 479, 501, 600, 602 Rose = fr. 924 Gigon).
20
5. H. W. Miller, On Ancient Medicine and the Origin of Medicine, TAPA 80, 1949, 187-202; H.
Herter, Die kulturhistorische Theorie der hippokratischen Schrift von der Alten Medizin, Maia
15, 1963, 464-483 (mit umfassender Bibliographie), Hippocrate. L'ancienne medicine. Hrsg. von
J. Jouanna, Paris 1990.
21
22
ot Sè Entioavtés te Kal ebpövteg intpucry (5). CL: De arte 1,12.
gnàmemna
FIPOTOI EYPETAI - Götter, Heroen, Menschen
hôrt man besonders deutlich im polemischen Ton der pscudo-cpicharmischen Gedichte, die ans Ende des 5. Jahrhunderts gehören (23 B 57 DK):
6 A6yog a vOportoug kußepväi xatà tponov Canter T dei,
¿ori &vOponren doyiopòc, Eon Kat Betog Aöyog'
0 Sé ye tAVOPOTOU répuxev Gnd ye tod Beiov Adyou,
<xal> pépet <rôpouc Exdatwt> nepi Biou kai TÄG TPOWÜG,
6 dé ye taîg téyvarc onda guveneran Aeiog AdyOS,
ExSSdoKov abtds abdtovs, 6 ti nolelv del GUHPÉPOV.
où yúp ävüpworoc téxvav tiv’ edpev, à Sè ded tondv.”.
Wie aus diesem Gedicht deutlich hervorgeht, gab es im 5. und 4. Jahrhundert nicht
wenig Leute, die sich mit der Entfernung der Gütter aus dem Schaffen der Kultur nicht
abfinden wollten. Zu ihnen gehörte auch Platon. Während die Mehrheit von Autoren
die Erfindung der Schrift, Arithmetik und Astronomie dem berühmten Heros Palamedes zugeschrieben hat,” und Herodot die Ägypter für die Erfinder der Geometrie und
Astronomie hielt (2,4, 108), gilt im platonischen "Phaidros" der ägyptische Gott Thot
als npötog sUpetitg der Schrift, Wissenschaften, Gesetze und sogar der Sprache
selbst. Indessen gibt es in der ägyptischen Literatur kaum Angaben über Thot als e1nen Erfinder dessen, was ihm die antiken Autoren so gerne zuweisen.”
23 "Die Vernunft lenkt die Menschen nach Gebühr und enthält sie immerdar. Der Mensch hat seine
Berechnung, es gibt aber auch eine göttliche Vernunft. Doch die menschliche Vernunft ist aus der
göttlichen geboren und sie bringt einem jeglichen die Mittel zum Leben und zur Nahrung. Aber
die göttliche Vernunft zieht mit allen Künsten mit. Denn sie allein belehrt die Menschen, was
man Fördersames zu tun hat. Denn kein Mensch hat irgendeine Kunst erfunden, vielmehr stets
nur Gott” (übers. von H. Diels).
24 Kleingünther (wie Anm. 11), 78f. Stesichoros (fr. 34 Bergk); Aischylos (fr. 182 N2), Sophokles
(fr. 399 N2), Euripides (fr. 578 N2), Gorgias (76 B | la, Z. 30), Alkidamas (Od. 22).
25 v0... tpdtov dpidudv te kai Aoytopov evpeiv... En Se nerreías te kai kußeiag, Kal SnKal
ypéuuata (Phdr. 274 c-d); ypàppara... pwn, te yap Kal copias paplarcov (2740). Uber
Palamedes macht sich Platon lustig (Resp. 522c-d). Über den göttlichen Ursprung der texvat s.
auch: Menex. 238b, Phileb. 16c, Polit. 274e.
26 Antike Belege s.: A. Rusch, Thoth, RE 7 A, 1936, 351-362, bes. 356-362. S. auch: G. Roeder,
Urkunden zur Religion des Alten Agyptens, lena 1915; idem, Thoth, Roscher’s Lexikon der Mythologie 5, 1924, 825-863, bes. 849ff.; Hans Bonnet, Reallexikon der Agyptischen Religionsgeschichte. Berlin; New York 1971, 805-812; C. J. Bleeker, Hathor and Thoth, Leiden 1973, 140f.;
D. Kurth, Thoth, Lexikon der Ägyptologie, 6. 1986, 497-523, bes. 503ff. In der Literatur über
Thot ist eine starke Tendenz deutlich, ihn zu einem griechischen Gott-Erfinder zu stilisieren: alles, was zu seinem Wissen und Können gehört, wird automatisch als seine Entdeckung betrachtet.
So wird er z.B. aus dem "Zähler der Zeiten, Monate, Jahre" zum Erfinder des Kalenders und der
Astronomie; "Das Epitheton ‘der alle Dinge berechnet‘ kennzeichnet Thot als Erfinder der Rechenkunst" (Kurth, op. cit., 506). Es gibt zwar in der ägyptischen Literatur Hinweise, daß Thot
den Menschen die Sprache gab und die verschiedenen Sprachen schuf (J. J. Cerny, Thot as
Creator of Languages, Journal of Egyptian Archeology, 34, 1948, 12-122; Blecker. Op. cil., | 40),
Indes ist in der Skizze der Medizingeschichte, die wir bei Celsus finden, Asklepios als ihr Beverläßliche Angaben über seine Erfindungen wird man kaum finden; s. übrigens: "Das Schreiben
gründer genannt (Proem. 2), der als solcher bis zum Ende des 18. Jahrhunderts fungierte.
begann am Uranfang" (Kurth, Op. cit. Sp. 506).
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)17
Das ist eigentlich nicht verwunderlich. Die Agypter wie auch andere altorientaliund gewachsen ist. Nach den uns zugänglichen Quellen zu urteilen, sind die Schöpfer
sche Völker haben ihre Götter als Schützer, Gönner und Bringer von weisen und nützder kulturellen Neuerungen — Erfinder, Dichter, Musiker, Maler, Bildhauer — erst in
lichen Dinge betrachtet, nicht aber als deren Erfinder. Die altorientalische Überliefeder ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts zum Gegenstand des gesellschaftlichen Interesses
rung bringt uns viele Namen von Göttern und Heroen, die man mit den Grundlagen der
geworden.
Zivilisation verband. In einem sumerischen Mythos hat sich zum Beispiel die Göttin
Inanna vom Gott der Weisheit Enki über einhundert göttliche Gesetze durch eine List
verschafft, darunter verschiedene Künste, die Schrift, die Musik und die Sprache, die
sie alle an die Menschen weitergibt.” Es folgt aber aus diesem Mythos nicht, daß Enki
alle diese Dinge selber entdeckt hat. Eine Vorstellung vom Goit-Erfinder, die der traditionellen Religion ganz fremd scheint,” ist nur in der griechischen Tradition entstanden und festgelegt.
Kennzeichnend in dieser Hinsicht ist ein Fragment von Alkman, der sich für seine
Vorgänger begeistert, die "den Menschen hervorragende, milde und neue Töne gezeigt
hatten".” Die Lexik dieses Fragmentes, besonders der Ausdruck d«vBpórorc...
ESewav, ist sehr nah an der, welche auch in der mp@tot ebpetai-Tradition vorkommt,” wenn auch das Motiv des ersten Erfinders hier nur implizit auftritt. Obwohl
die Dichter neue Töne entdeckt haben, geht es bei Alkman eher um eine relative als um
eine absolute Neuerung: die Schlüsselbegriffe np@toı und ebpov fehlen noch in die-
Jetzt kommen wir zu unserer zweiten Bemerkung hinsichtlich der Reihenfolge
sem Fragment. Übrigens finden wir in einem anderen Fragment Fern táde Kai uédos
"Götter — Heroen - Menschen". Es ist bekannt, daß bei Homer und Hesiod, und selbst-
"AAkyav ebpe (fr. 39 Page), woraus folgt, daß Alkman selbst auf den Status cines Erverständlich vor ihnen, die Götter nicht die Entdecker, sondern nur die Bringer der
finders Anspruch erhob. Der homerische Hymnos weist die Entdeckung der siebensai-
Güter (Sotñpeg EGwv) und Gönner der texvaı waren, die sie den Menschen beigebracht haben. So ist z.B. in der "Odyssee" ein Meister erwähnt, "den Hephaistos und
Athena mancherlei Kunst gelehrt haben". Dementsprechend finden wir bei Homer
und Ilesiod keine Spuren der mp@tog ebperng-Tradition. Diese Tatsache ist nicht zu
tigen Leier dem Hermes zu (2,24-61), indessen gab es bestimmt schon zu dieser Zeit
bestreiten, obwohl Helmut Schneider gerade das versucht, indem er sich auf ein Fragment des pscudo-hesiodischen Werkes "Über die Idäischen Daktylen" stützt (fr. 282
M.-W.).” Ich glaube aber, daß es dafür keinen Grund gibt. Ein solches Werk gab es
bei Hesiod bestimmt nicht," und fr. 282 wiederholt nur das, was in einem Fragment
der "Phoronis" steht, eines argivischen Epos (Wende des 7. zum 6. Jahrhundert).” Auf
die "Phoronis" als erstes Zeugnis über die np@to1 eLpetai kommen wir später zurück,
jetzt möchte ich die Prozesse betrachten, die eigentlich die rpòtog ebperng-Idee hereine Tradition, die diese Neuerung mit Terpandros verband.”
Daß die Götter sich nur allmählich in die aptos edpetai verwandeln, zeigt der
homerische Hymnos auf Aphrodite.” Hier geht es darum, daß Athene als erste die irdischen Handwerker belehrte (rpwtn ¿didaEs), wie man Kampfwagen herstellt, und
Mädchen lehrte sie die Handarbeit (5,12f). Obwohl der Begriff npwrn auf Athene bezogen ist, geht es hier, wie auch bei Homer, nicht um die Erfindung der &xvaı, sondern um ihre Lehre.” Das bedeutet aber keinesfalls, daß die Erfindung dabei vorausgesetzi ist: woraus die göttlichen téxvou stammen, hat sich die frühgriechische Dichtung
einfach nicht gefragt.
Die griechische Literatur ist bis zum 6. Jahrhundert nur durch poetische Gattungen
vorgebracht haben.
Das Interesse an den Entdeckern der Metallurgie, des Ackerbaus oder der Musik
erwacht allmählich, indem es durch die wachsende Aufmerksamkeit für die kulturellen
Neuerungen als solche und für die Priorität in ihren Schöpfungen angeregt ist. Obwohl
die schnelle soziale und kulturelle Entwicklung Griechenlands im 9.-7. Jahrhundert
viele Neuerungen in allen Lebensbereichen hervorgebracht hat, war ein gewisser Zeitrepräsentiert, deshalb wissen wir viel mehr über solche Personen, die in der Dichtung
und Musik Neuerer waren. Und trotzdem zeigt die mündliche und cpigraphische Überlieferung, die sich bis ins 5. Jahrhundert erhalten hat, daß man Erfindungen auch in den
anderen Gebieten überliefert hat. Der Ruhm des argivischen Königs Phaidon (erste
Hälfte des 7. Jahrhunderts), den man für den Autor des verbesserten Systems von Maabschnitt notwendig, bevor ein breites Interesse an solchen Phänomenen entstanden
27
28
33
Bav]uaotà § vB pórors)... yapupata naAotardı... veóxu' Ebeiforv... (Aleman, fr. 4.1 Page).
S.N. Kramer, Sumerian Mythology, Philadelphia 1944, 61f,
34
M. Davis, The Motif of the np@tog ebperñs in Aleman, ZPE 65, 1986, 25-27.
Die ägyptischen Berufsgütier waren auch keine Erfinder der téxvar: W. Hieck, Berufsgötter, Le-
35
Der Hermes-Hymnos wird normalerweise ins 6. Jh. datiert (W. Schmid, O. Stählin, Geschichte
xikon der Ägyptologie, 2, 1974, 641f. Vgl. aber die Tradition über den legendären ägyptischen
der griechischen Literatur, Bd. 1,1, München 1974, 236f.; Homère. Hymnes. Hrsg. von J, Hum-
Entdecker Imhotep, der später vergöttert wurde: D. Wildung, Imhotep, Lexikon der Ägyptologie,
bert, Paris 1953, 115; R. Janko, Homer, Hesiod and the Hymns, Cambridge 1982, 140f.). Als Erfinder ist Terpandros zum ersten Mal bei Pindar erwähnt (fr. 125 Snell), diese Tradition aber geht
3, 1980, 145f.
29
dv "Hgpatotog Séduev kai Madras 'A0ñvn / téxviv mavtoinv (Od, 6,233f.).
30
H. Schneider, Das griechische Technikverstandnis, Darmstadt 1989, 46.
31
A. Rzach, Hesiod, RE 8, 1912, 1223: J. Schwartz, Pseudo-Hesiodea, Leiden 1960, 246f.
32
Schol. Apoli. Rhod. 1,1129f. = fr. 2 Bernabé. S.: Kleingünther (wie Anm. 11), 26ff.
gewiB ins 7. Jh. zurück.
36
Der Hymnos auf Aphrodite ist meistens ins 7. Jh. datiert (Humbert [wie vorher. Anm.], 146; Janko [wie vorher. Anm.], 180).
37 Über die Götter, die den Menschen texvan beigebracht haben, s. auch: H. 14. 20,2f. (Hermes),
Solon. fr. 13, 49 (Athena und Hermes), Pind. Ol. 8, 50f. (Athena).
Página 6
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Ben und Gewichten hält, der sogenannten pétpa Peibovia," geht deutlich dem Ruhm
des Palamedes als Erfinder von Massen und Gewichten voraus.” In die Mitte, wahrscheinlich sogar in die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts gehört die Tätigkeit des
bzw. Heroen angewandt.” Solche Reihenfolge entspricht auch der alten Regel der Re-
Schiffsmeisters Ameinokles von Korinth (Thuc. 1,13.3). Die Überlieferung über die
Erfindung der Goldmünzen durch die Lydier, der berühmten Kpoicaion otatñpec
(Xenoph. 21 B 4 DK; Hdl. 1,91), geht auch in das 7. Jahrhundert zurück.
Beginnend in den ersten Jahrzehnten des 7. Jahrhunderts halten es die Vasenmaler
und Töpfer, danach auch die Bildhauer, für selbstverständlich, ihre Werke zu unterschreiben, *' so daß die Mehrheit der Namen von frühen npötoı evpetat auf die von
ihnen stammenden Inschriften zurückgeht.‘ Zu ihnen gchört z.B. der legendäre Erfinder der Tonplastik Butades von Sikyon, dessen unterschriebene und im Tempel geweihte Werke sich in Korinth bis zum Hellenismus befanden.” Der berühmteste Meister des frühen 6. Jahrhunderts Glaukos von Chios, den Herodot als Erfinder des Eisenlötens (o1Sijpou k6AÀ NO) nennt, hat einen silbernen Krater mit einem eisernen
Untersatz verfertigt und unterschrieben, der im Delphischen Tempel geweiht wurde
(Hdt. 1,25; cf. Paus. 10,2-3).
Wenn auch die Zeugnisse der Archaik sehr lückenhafl sind, zeigen sie ziemlich
deutlich, daß die Suche nach np@roı ebperoi ein Streben nach Priorität widerspiegelt,
das für die ganze griechische Kultur charakteristisch ist. Auf diese Weise ist die
npòtog ebpernc-Tradition nicht nur mit der Wissenschaflsgeschichte verbunden, sie
führt uns zu einem viel allgemeineren Problem, und zwar zur Frage nach der Priorität
in der Schöpfung verschiedenster kultureller Neuerungen, die das Thema von Alexander Zaicevs Buch über das "griechische Wunder" darstellt.“
Wie sich aus dem vorgelegten Material schließen läßt, wurde das Denkmodell vom
mp@toc ebperng ursprünglich nicht auf dem mythologischen, sondern auf dem historischen Material formuliert und zuerst auf die Menschen, und erst später auf die Götter
19
ligionsgeschichte: Man projiziert auf den Himmel nur das, was aus der "irdischen" Erfahrung bekannt ist. In diesem Zusammenhang wird es noch interessanter, woraus sich
das erste erhaltene Zeugnis über die noto: evpetat bezieht. Wer sind die Entdecker
des Eisens, die im 2. Fragment der "Phoronis" erwähnt sind?
Eva yóntes
Taîor Ppôyes Gvip|ec dpéotepor oixt’ Evaiov,
KéApig Aauvapevebs te péyas Kal brépBtos “Akpwv,
concdAapot Depanovreg ópeins Aöpnoteing,
ol rpütot TÉXYNV roAuuntog 'Hpaiotoio
EUpov Ev obpeinot vanarg idevta ciónpov
Ec nip T fveykav Kai apinpento Epyov étevEav.
Dieses Fragment wurde zwar sehr oft im Zusammenhang mit der mpatoc ebpetñcTradition behandelt. Man ging dabei davon aus, daß es hier um die Götter bzw. um
mythische oder dämonische Wesen geht und daß sie dementsprechend auch die ersten
apto! ebpetai waren. Ich glaube aber, daß eine solche Interpretation mindestens cinseitig ist. Zuerst sollte man den Kontext der ganzen Dichtung beachten: sie ist dem
Phoroneus gewidmet, dem "Adam und Prometheus der argivischen Sage". Dem Adam,
weil er hier als erster Mensch, und damit als Stammvater der gesamten Menschheit
hervortritt;‘ dem Prometheus, weil der Dichter ihm aller Wahrscheinlichkeit nach die
Entdeckung des Feuers zuschreibt.” Das Motiv des np@tog eúperiis hat sich auch in
den anderen Fragmenten der "Phoronis" niedergeschlagen, die Kleingünther leider
nicht berücksichtigte: fr. 7 erzählt, daß Phoroneus als erster die Menschen zusammengebracht hat, die früher einzeln lebten;* im fr. 4 ist eine gewisse Kallithoe erwähnt, die
als erste die Säule der Hera geschmückt hat.” Das bedeutet, daß sic den ältesten Kult
= argivischen Hera gestiftet hat, als cs noch keine bildliche Darstellungen der Göttin
gab.
Nun handelt es sich in den vier Fragmenten der Dichtung, die dem Urahnen der
Menschheit und seinen Nachkommen gewidmet ist, um verschiedene, darunter auch
38
S.: Hdi. 6,127; Her. Pont. fr. 152 Wehrli; Arist. Pol. 1310b19f; Ephor. FGrHist 70 F 115, 176.
W. Schwabacher, Pheidonischer Münzfuß, RE 19, 1938, 1946ff.; A. Andrewes, The Corinthian
Actaeon and Pheidon of Argos, CQ 43, 1949, 74ff.
epochale euprjuata, die nicht den Göttern, sondern den Menschen gehören. Aus dieser
Perspektive sollte man auch das Schlüsselfragment beurteilen, in dem die Idäischen
39
Kleingünther (wie Anm. 11), 82,
40
S.S. A, Hornblower, A Commentary on Thucydides, Oxford 1991, 42f.
45
L. H, Jeffery, The Local Scripts of Archaic Greece, Oxford 21990, 62, 83, 230f; H. Philipp,
46
41
Tektonon Daidala, Berlin 1968, 77f.; E. Walter-Karydi, Die Entstehung des Beschrifteten Bildwerks, Gymnasium 104, 1999, 289-317.
42
Thraede, Erfinder (wie Anm. 11), 1181. Pausanias (6,30.6) erwähnt eine Familie von Bildhauern
und Architekten aus Chios (Mitte des 6. Jh.s), S.: H. Svenson-Evers, Die griechischen Architekten archaischer und klassischer Zeit, Frankfurt 1996, 108ff.
43
C. Robert, Butades, RE 3, 1897, 1079: W. Fuchs, J. Floren, Die griechische Plastik, Bd. 1, München 1987, 197.
44
A. Zaicev, Das griechische Wunder. Die Entstehung der griechischen Zivilisation, Konstanz
1993,
Vel. aber: Schneider (wie Anm. 30), 103.
Tlatépa Gvnrüv avOpamov (fr. | Bernabé) Cf. Akusilaos: tpörog üvOpwnog (FGrHist 2 F
23a). F. Stoessl, Phoronis, RE 20.1, 1941, 646f.
47 où yap Tt opokoyodot
(sc. où 'Apyeîor)
Sodvar nip Mpopnléa avOpadmoic, GALA Es
Dopwvea tod nupds peráyerv EGéAovot mv ebpeciv
Stoessl (wie Anm. 46), 647,
(fr. 8 Bernabé = Paus. 2,19,5). S:
48 Popwvebs be © Tváxov tods avOpanous TUVÍyaye mpdtov Eq Koivôv, onopddus téws Kai
Ep EULTÖV ÉKGOTOTE oikodvtac, Kal 10 xwplov dq è np@tov HEpoiaSnoay Lory bvondadn
Dopovwxôv (fr. 7 Bernabé = Paus. 2,15,5). S.: Stoessl (wie Anm. 46), 647f.
49 KaXX106n KAcıdoöxog OAuuntadog Baoıkeing, “Hpng ‘Apycing, À otéupaoi Kai fuokvoroi
RPWTN KOOHNOEV TEpi xiova paxpòv avaoang (fr, 4 Bernabé). Stoess! (wie Anm. 46), 649f.
Página 7
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)TIPOTOI EYPETAI - Götter, Heroen, Menschen
Daktylen erwähnt sind, die man aber hier mit den phrygischen Zauberern identifizicrt
(yontes ISaior Opbyec &vSpec). Gerade sic haben, laut dem Verfasser, als erste die
ausländischen Spezialisten, die übernatürliche Fähigkeiten besitzen. Warum verwandeln sich eigentlich die Daktylen aus griechischen Zwergen in phrygische Zauberer?
Schmiedekunst erfunden (ot rp&toı téxvnv noAuuntog ‘Hpaictoro ebpov). Es ist
Es ist schon augenfällig, daß der Autor sie nicht 5a«tvAo1 nennt, dieses Wort kommt
im fr. 2 überhaupt nicht vor, und sie sehen gar nicht wie Zwerge aus — einer ist uéyac,
der andere UnépBioc. Für diese Transformation gibt cs mehrere Gründe.
offensichtlich, daß das traditionelle Material in diesem Fragment stark umgestaltet
wird. Die Idäischen Daktylen sind uralte griechische Dämonen, etwa wie Schmiedekobolde.” Darauf sind auch ihre Namen zurückzuführen: Damnameneus — Hämmerer
(von Sapvaw, Saale), Akmon — Amboß. Sowohl die Daktylen als auch ihre Namen
kommen zum ersten Mal in der “Phoronis” vor. Wie aus unlängst erschienenen Arbeit
über die Zwerge in Ägypten und Griechenland hervorgeht,’ ist die Tradition über verschiedene Arten von fabelhaften Zwergschmieden — Daktylen, Kabiren, Telchinen —
sehr alt. Es scheint aber, daß der Dichter in den Daktylen eher die Sterblichen sah, was
aus der Bezeichnung yóntes Dpbyeg àvôpes hervorgeht.
oenmawt)e
21
Erstens haben die Griechen eine bestimmte Vorliebe, selbst ihre eigenen Entdckkungen ihren Nachbarn zuzuweisen.TM In diesem Fall geht cs dabei um das Eisen, das
wirklich aus Kleinasien gekommen ist, wenn auch nicht aus Phrygien. Zweitens gchört
das Ende des 7. Jahrhunderts zu einer orientalisierenden Epoche, wie sie Burkert bezeichnet,” als die Zahl der Entlehnungen aus dem Osten, darunter auch im Bereich der
zexvou, wirklich sehr beeindruckend war. Drittens stammen die Idäischen Daktylen
höchstwahrscheinlich nicht aus Kreta, sondern aus der Troas in Kleinasien,“ wo es
Das Wort yónc, "Zauberer", das hier zum ersten Mal vorkommt,” bezieht sich
auch ein Idagebirge gab. Gerade aus der Troas ist im 7. Jahrhundert der Kult der Kyüberwiegend auf Menschen, wenn auch Euripides in den "Bakchoi" (234) Dionysos
yong als Stifter seines eigenen Kultes nennt.’ Das Wort &vöpeg kann sich nur auf die
Sterblichen beziehen, also entweder auf Menschen oder auf Heroen. Warum bevorzuge
wurde. Adrastea, der unsere Zauberer dienen, ist auch eine phrygische Göttin, die mit
bele gekommen, der Großen Mutter, die bald mit der kretischen Rhea identifiziert
Kybele verwandt ist, und ihr Kult existicrte ausgerechnet auf dem troianischen Ida. Im
ich in diesem Fall Menschen, und wo liegt der Hauptunterschied zwischen Menschen
fr. 3 gibt es auch ein Indiz für die gleiche kultische Umwandlung. Auf Kreta waren die
und Heroen? Man muß zugeben, daß dieser Unterschied ziemlich gering ist, da im
Kureten die Priester der Rhea, während in Phrygien die Korybanten als die Pricster der
Prinzip jede bedeutende Persönlichkeit heroisiert werden kann. Ich glaube aber, daß
Kybele galten. Und der Dichter macht vor unseren Augen sozusagen den ersten Schritt
die Zeit, um welche es im gegebenen Kontext geht, als ein entscheidendes Merkmal
zu ihrer Identifizierung: er nennt die Kureten die "phrygischen Aulcten", d.h. die Kodienen kann.
rybanten.”
Sind die phrygischen Zauberer irgendwelche vorhistorischen, epischen Gestalten,
Es ist offensichtlich, daß dieselbe Transformation auch mit den Daktylen geschah:
oder gehören sie zu einer "modernen" Epoche? Die Eisenarbeit begegnet am Ende der
Erfindungenkette, die in der "Phoronis" dargestellt ist, was eher auf die nicht weit ent-
Aus fabelhaflen griechischen Zwergen haben sie sich in die hochmütigen und kräftigen
phrygischen Zauberer verwandelt, die Fortschrittsträger, die die Schmiedekunst erfunfernte Zeit deutet. Das entspricht auch der Periodisierung von Hesiod, demgemäß wir
den haben — selbstverständlich nachdem Phoroneus das Feuer entdeckt hat, d.h. im
in einer eisernen Periode leben. Dabei ist das ganze Fragment nicht nur durch neue
Laufe menschlicher Geschichte. Wenn also meine Interpretation. richtig ist, dann
Wörter markiert, sondern es verweisen diese Wörter auf die Phänomene, die gerade
scheinen die ersten xpatot evpetai der griechischen Tradition näher zu den Menschen
zum 7. Jahrhundert gehören, wie z.B. die Verbreitung der orientalischen Kulte in Griezu sein (wenn auch ursprünglich fabelhaften Menschen), als zu den Göttern oder Herochenland.
en.
Obwohl der Dichter weiß, daß die Eisenarbeit eine téyvn noAuuntiog "Hpaiotoıo
ist, schreibt er sie nicht ihrem göttlichen Gönner zu, sondern, modern ausgedrückt, den
50
Das Material über die Daktylen hat Bengt Hemberg gesammelt: Die Idaiischen Daktylen, Eranos
50, 1952, 41-59. S. auch: Otto Kern, Daktyloi, RE 4, 1901, 2018-2020; L. Preller, C. Robert,
Griechische Mythologie, Bd. I, Berlin 1887-1894, 657f.
51
52
54
Illyrier, Kappadokier, Karer, Libyer, Lydier, Memphiten, Mysier, Pelasger, Perser, Phrygier,
Phoinikier (im einzelnen — Bewolmer von Tyros, Sidon und Karthago), Samniten, Sizilier, Syrer,
V. Dasen, Dwarfs in Ancient Egypt'and Greece, Oxford 1993, 194ff.
Das frühe Material ist bei Burkert gesammelt: Walter Burkert, TOHZ. Zum griechischen 'Scha-
Thraker.
manismus', RhM 105, 1960, 36-55 (yöng ist aber kein “Schamane”, wie es früher Burkert dachte;
s.: L. Zhmud, Wissenschaft, Philosophie und Religion im alten Pythagoreismus, Berlin 1997,
55
W. Burkert, Die orientalisierende Epoche in der griechischen Religion und Literatur, Heidelberg
56
Hemberg (wie Anm. 50), 47T.
57
05€ tiv Dopwvida ypüyas abAntas kai DBpbyag cobs Koupiitag Akyeı (fr. 3 Bernabé =
1984.
107f.); s. auch: André Bernand, Sorciers grecs, Paris 1991.
53
Später bekam yöng einen deutlichen pejorativen Sinn, so daß, wenn Aischines und Demosthenes
sich gegenseitig yong nennen, das einfach "Betrüger", "Lügner" bedeutet (Aischin. 3,137; Dem.
18,276; 19,109).
Eine bestimmt unvollständige Liste der Völker, die in den Heuremata-Katalogen vorkommen,
enthält u.a. Afrikaner, Araber, Assyrer, Babylonier, Chaldäer, Etrusker, Gallier, Hebräer, Isaurer,
Strab. 10,3,19, p. 472).