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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)grundlegenden Unterschiede in der Musiktheorie der Pythagoreer und des Afistoxenos wird
gezeigı, dass die physikalische a mes in der « Sectio canonis »_
auf einem Fehischluss basiert.
STEFAN HAGEL / WIEN
‘Zur physikalischen Begriindung der pythagoreischen
Musikbetrachtung
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit musikalischen Gegebenheiten
ist in der griechischen Antike vom Gegensatz zweier Denkrichtungen geprägt, die gemeinhin mit den Namen des Pythagoras und des Aristoxenos
verbunden werden. Die pythagoreische Schule ist von der Erkenntnis
bestimmt, daß Wohlklang sich mit Hilfe einfacher Zahlenverhältnisse beschreiben läßt. Ihre Anhänger suchen nach mathematisch geftilligen Stimmungen, die den in der Musikpraxis gebräuchlichen Tonleitern unterlegt
werden; das aus der Musik gewonnene Prinzip, daß Harmonie Zahl sei,
wird analog auf den gesamten Kosmos übertragen. Von ganz anderen Fragestellungen geht die ,aristoxenische' Denkschule aus, die in Wahrheit auf
Ansätze zurückgeht, die wesentlich älter sind als die ihre Vorgänger schon
im Rückblick der Antike überstrahlende Gestalt des Aristoteles-Schülers
Aristoxenos. Hier steht die Lehre von den Skalen im Mittelpunkt, die Anordnung von Intervallen zu regulären Tonleitern sowie die Verbindung
solcher Tonleitern zu größeren modulierenden Systemen.' Ausgangspunkt
sind die in den erhaltenen Werken letztlich nicht näher hinterfragten Gegebenheiten zeitgenössischer Musikpraxis, die systematisch auf möglichst
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wenige Grundannahmen zurückgeführt werden. Letztlich ist die aristoxenische Theorie*daher als deskriptive Wissenschaft von größerem Quellenwert für antike Musik als die mathematisch orientierten und so von vornherein stark präskriptiven pythagoreischen Nachrichten. Die antike Noten-
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schrift etwa steht völlig auf aristoxenischen' Voraussetzungen.
Die unterschiedlichen Ansätze beider Schulen äußern sich am deutlichsten in ganz konträren Auffassungen, wie man Intervalle zu betrachten
habe. Dem Pythagoreer sind Töne natürliche Zahlen, und Intervalle als
' Für eine ausführlichere Darstellung vgl. S. Hagel, Modulation in altgriechischer
Musik, Frankfurt/Main 2000, 16-38,
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Musikbetrachtung
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit musikalischen Gegebenheiten
ist in der griechischen Antike vom Gegensatz zweier Denkrichtungen geprägt, die gemeinhin mit den Namen des Pythagoras und des Aristoxenos
verbunden werden. Die pythagoreische Schule ist von der Erkenntnis
bestimmt, daß Wohlklang sich mit Hilfe einfacher Zahlenverhältnisse beschreiben läßt. Ihre Anhänger suchen nach mathematisch gefälligen Stimmungen, die den in der Musikpraxis gebräuchlichen Tonleitern unterlegt
werden; das aus der Musik gewonnene Prinzip, dad Harmonie Zahl sei,
wird analog auf den gesamten Kosmos übertragen. Von ganz anderen Fragestellungen geht die ‚aristoxenische‘ Denkschule aus, die in Wahrheit auf
Ansätze zurückgeht, die wesentlich älter sind als die ihre Vorgänger schon
im Rückblick der Antike überstrahlende Gestalt des Aristoteles-Schülers
Aristoxenos. Hier steht die Lehre von den Skalen im Mittelpunkt, die Anordnung von Intervallen zu regulären Tonleitern sowie die Verbindung
solcher Tonleitern zu größeren modulierenden Systemen.' Ausgangspunkt
sind die in den erhaltenen Werken letztlich nicht näher hinterfragten Gegebenheiten zeitgenössischer Musikpraxis, die systematisch auf möglichst
wenige Grundannahmen zurückgeführt werden. Letztlich ist die aristoxenische Theorie daher als deskriptive Wissenschaft von größerem Quellenwert für antike Musik als die mathematisch orientierten und so von vornherein stark präskriptiven pythagoreischen Nachrichten. Die antike Notenschrift etwa steht völlig auf ‚aristoxenischen‘ Voraussetzungen.
Die unterschiedlichen Ansätze beider Schulen äußern sich am deutlichsten in ganz konträren Auffassungen, wie man Intervalle zu betrachten
habe. Dem Pythagoreer sind Töne natürliche Zahlen, und Intervalle als
| Für eine ausführlichere Darstellung vgl. S. Hagel, Modulation in altgriechischer
Musik, Frankfurt/Main 2000, 16 — 38.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Stefan Hagel
Verhältnisse von Tönen dementsprechend Verhältnisse von Zahlen.’ Aristoxenos verwirft derartige Ansichten als unnötige Spekulation, die mit
dem Wissenschaftsgebiet der Harmonik von vornherein nichts zu tun hätten.? Für ihn sind ebenso wie für seine Vorgänger Intervalle nichts anderes
als ‚Abstände‘ zwischen Tönen: in der graphischen Veranschaulichung
also Strecken zwischen Punkten auf der prinzipiell unendlichen Geraden
des Tonraumes.* Abstände lassen sich aber beliebig addieren, subtrahieren
und auch teilen: Aristoxenos spricht also unbedenklich von Halb-, Viertelund Dritteltönen, wie es wohl auch jeder ausübende Musiker tat.
Die pythagoreischen Voraussetzungen verboten dagegen die gleichmäßige Teilung der Grundintervalle: Wenn ein Ganzton dem Verhältnis
der natürlichen Zahlen 9 und 8, beziehungsweise deren Vielfachen 18
und
16, 27 und 24 usw. entspricht, läßt sich keine natürliche Zahl finden,
die
dieses Verhältnis in der Hälfte teilt und so zwei gleiche Halbtöne
erzeugt.
Eine derartige Teilung könnte zwar geometrisch mit Strecken
der Länge 9
und 8 leicht durchgeführt werden,’ das Ergebnis ist aber
eine Strecke irrationaler Länge und als solche nicht mit den Axiomen
pythagoreischer
Theorie vereinbar.
Die aristoxenische Denkweise hatte somit einige
unleugbare Vorteile,
Zunächst war sie wesentlich einfacher zu handhaben,
da das Zusammenzählen der zwölfHalbtöne einer Oktave oder auch
der 30 Zwölfteltöne einer
Quart keinerlei Anforderungen stellt, während
pythagoreische Verhältniszahlen schnell den Umgang mit vier- und
mehrstelligen Brüchen verlangen. Dann war sie aber auch der Musikpraxis
von vornherein schon im
Vokabular viel näher: Ein öitovov war eben
die Summe zweier Töne und
nicht etwa ihr
Produkt, ebenso waren etwa zwei
Oktaven nichts anderes als
? Zur sangieichenden Seinsidentifikation‘
von Zahl und Ding anstelle eines
sprechungsverhältnisses vgl. O. Busc
Enth, Logos syntheseds, Die euklidis
che Sectio canonis, Aristoxenos, und die Rolle der
Mathematik in der antiken Musikthe
orie, Berlin
1998, 120-122.
3 Harm. 2,32, p. 41, 18
42,3 da Rios: … où Ka0arrep
TpıoAoyoßvreg kai tiv pèv oïoOnow
of EunpooBev, of HÈv &o-
EKKÄIVOVTEG de odoav oùk àkpiff,
vontac Bé karaavrwréroug Toic Paivouévo
is… ,,... nicht wie die Früher
en, die an der Sache vorbei
ng beiseite schoben, da sie nich
t exakt wäre, dafür
aber theoretische Erklärungen
erfanden und behaupteten,
es wären irgendwelche Zahlen- und Geschwindigkeitsverh
ältnisse, die dem Hohen
und Tiefen zugrunde läge
wobei sie Behauptungen aufstell
n,
ten,
redeten und die Sinneswahrnehmu
die überhaupt nicht zur Sac
he gehören und überdies den Erfahrungstatsachen
völlig widersprechen … “,
; Harm. 1,15, p. 20, 116 da
Rios.
Vgl. Busch (o. Anm. 2), 115
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)zwei Oktaven und mußten nicht mit der Zahl vier in Verbindung gebracht
werden. Und daß es ein utróviov gar nicht gebe, mußte der Pythagoreer
dem Musiker wohl mühevoll nahebringen.® Auch machte die Modulation
über einige Tonarten hinweg, die sich schon gegen Ende des fünften
Jahrhunderts vor Christus in der griechischen Musik durchsetzte, den
Aristoxenikern keine Probleme, da ihre temperierte Oktave dafür so gut
geschaffen war wie jedes moderne Tasteninstrument. Die Pythagoreer
dagegen scheinen vor den Anforderungen modulierender Musik von vornherein kapituliert zu haben.’
Demgegenüber stand auf pythagoreischer Seite nichts weiter als die
Evidenz, daß man die Tatsache, daß wohlklingende Intervalle einfachen
Zahlenverhältnissen entsprechen, jederzeit in der Praxis zeigen Konnte.
Dazu konnte man die Verhältnisse der schwingenden Längen an gleichgestimmten Saiten ebenso einsetzen wie die Längenverhältnisse der Luftsäulen an Blasinstrumenten wie der Syrinx oder dem Aulos? — wo allerdings
eine exakte Demonstration schon unmöglich gewesen wäre. Dieser experimentelle ‚Beweis‘ hatte jedoch neben seiner ohne elektronische Hilfsmittel unumgänglichen Ungenauigkeit noch einen weiteren Schönheitsfehler: In allen Fällen werden geometrische Längen zueinander in Beziehung gesetzt und nicht etwa diskrete Einheiten, wie sie pythagoreische
Theorie voraussetzt.
Jedoch, selbst wenn man die Längen für natürliche Zahlen nahm,
konnte diese Koinzidenz von einfachem Verhältnis und Konsonanz, so
schlagend sie auch erscheinen mochte, die Position des Aristoxenos nicht
ohne weiteres aushebeln: Die Differenz zwischen den theoretischen reinen
Quarten und Quinten der Pythagoreer und den temperierten Intervallen des
Aristoxenos ist so gering, daß dieser ebenfalls mit einem Experiment aufwarten konnte, in dem sich der Quintenzirkel dann ohne hörbare Unreinheiten ‚ausging‘. Wenn man also nicht a priori und aus metaphysischen
6 Vgl. etwa die Formulierung bei Theon, Util. Math. p. 53 Hiller: Tô pévrot qu
TOVIOV oùx WC fiou TÓvou AéyeTat, Gomep "Apıotößevog Tyetroa „Der Halbton heißt
nicht etwa so, weil er ein halber Ganzton wäre, wie Aristoxenos glaubt“,
7 Einzig Ptolemaios versucht in seinem eigenständigen System pythagoreische
Intervallbetrachtung mit aristoxenischer Systematik zu verbinden, was ihn allerdings
dazu zwingt, letztere auf sieben Transpositionsskalen zu beschneiden.
8 Vel. etwa Ps.-Arist., Pr. 23, wo der Terminus oöpıy& zudem einmal die Flöte mit
Grifflöchern, dann die Panflöte meint; zu den in Experimenten verwendeten Saiten‚Instrumenten‘ vgl. M.L. West, Ancient Greek Music, Oxford 1992, 240f.; zu Metallplatten unterschiedlicher Dicke ebd. 128 u. 234.
9 Vgl. Hagel (o. Anm. 1),15f. Die Frage nach temperierten versus reinen Terzen,
die den Unterschied der Stimmungen deutlich hörbar machen, stellte sich in der antiken
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Gründen der pythagoreischen Position zuneigte,!° hatte Aristoxenos offenbar die besseren Argumente.
Daher pflegten pythagoreische Autoren im allgemeinen ihr Axiom von
den natürlichen Zahlen stillschweigend und wohl auch meist unbewußt
zugrunde zu legen, um auf seiner Basis zu zeigen, daß Aristoxenos und
seine Nachfolger einfach nicht begriffen hätten, wie man mit ganzen Zahlen zu rechnen hätte.!! Eine wirkliche Diskussion konnte aber nur auf der
Anbindung der Tonlehre an die Physik beruhen. Diese Verbindung ist in
den erhaltenen Schriften des Aristoxenos nicht gezogen: Wir besitzen von
ihm nur Teile seiner Werke über die Harmonik, und in diesen Zusammenhang gehört nach des Aristoxenos eigener Aussage die Physik des Schalles
einfach nicht hinein.'? Es ist allerdings gerade deswegen sehr wahrscheinlich, daß sich einschlägige Aussagen in den zahlreichen verlorenen Werken des Aristoxenos fanden."
Sehr wohl aber haben wir die Grundlegung der Tonlehre auf der Physik
aus pythagoreischer Sicht erhalten: Die Einleitung der Sectio canonis (koraTour Kavövog), die unter anderem dem berühmten Mathematiker Eukleides
zugeschrieben wurde,'* dient eben diesem Zweck. Die darin enthaltene
Beweisführung ist so verführerisch, daß noch O. Busch in seiner ausführlichen Untersuchung der pythagoreischen und aristoxenischen Ansätze sie
für schlüssig — und damit offenbar für eine gültige Widerlegung des aristoxenischen Ansatzes hält.'? Eine kurze Analyse der in der Sectio gegebenen
Musik nicht: Terzen wurden ohnehin nicht zu den konsonanten Intervallen gerechnet;
sie hatten aber auch im Skalensystem keine Funktion, die ihre Größe zu einem (zumal
überprüfbaren) Streitpunkt machen hätte können.
10 Vel. Porphyrios, Comm. in Ptol. Harm. p.129, 18-20 Düring, der damit zugleich die Durchführbarkeit des aristoxenischen Experimentes zugibt: 6 d& Adyoc, à&Ëo-
MIOTÖTEPOG Ov för Th atoOoewe év Taic obtw Bpaxuraraic Siaopaic, éAéyxet TODTO
pi
oürux Exov „Der Verstand aber, auf den man sich bei derart kleinen Differenzen
mehr
verlassen kann als auf die Wahrnehmung, beweist, daß es sich nicht so verhält“,
u Vel. z.B. Sect. can. 8, p.157 Jan; Ptol., Harm. 1,10, p.21,21-24 Düring
(Giapaprävouar);, Schol. Ptol. Harm. 1,9, p.19 ad 18 Düring (où kaküg 006° de éxpñv}:
Boéthius, Inst. Mus. 2,31, p.265, 19-21 Friedlein,
12 Zur Kritik des Aristoxenos an der Vermengung von Harmonik und Physik (dAAoTpwräroug Aöyovg), die offenbar genau jenen Standpunkt voraussetzt, den
wir in der
Sect. can. ausgeführt finden, vgl. o. Anm. 3.
ia Die Werke des Aristoxenos umfaBten laut Suda nicht weniger als 453
Bucher.
Zur Diskussion tiber die Einheit des Werkes, die Abfassungszeit und den
Verfasser vg]. A. Barbera, The Euclidean Division of the Canon: Greek
and Latin Sources,
Greek and Latin Music Theory, 8, Lincaln/Nebraska 1991, 3-36.
15 Busch (o. Anm. 2), bes. 120 und 130 („Sobald diese akustischen
Sachverhalte
von der Harmonietheorie berücksichtigt werden, ist sie gezwungen,
die Bewegungen —
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Argumente sowie der entsprechenden Passage bei Boëthius soll im folgenden zeigen, wie geschickt der Autor der Sectio im Gegenteil gerade über
das Fehlen einer Grundlage für die pythagoreische Denkrichtung hinwegtauscht.!¢
Die Sectio canonis beginnt mit folgenden Sätzen (p. 148,3 — 149, 11 Jan):
Ei hovyxia ein kat dxivnoia, own àv ein’ ownfic dE obonc Kai undevög
xivoupévov obdév &v dkovorto’ el &pa pEAAEl TE dKovodnasodaı, TANYAV Kai
kivnow mpotepov Set yev&odon.
"QOote, êneiÔh mavtec oi bAdyyor yivovraı mAnyfig Tıvog yrvopévne,
nAnyiv de éuhxoavov vevéoOa ur Obxi Kivhoews TTPÖTEPOV YEVOLÉVNG, TOV dé
krvhoewv ai EV muxvotepal eiow, ai dE àponótepou, kai ai EV TUKVÔTEPAI
dEvTEpovG TOI! TOds MAdyyous, ai BE aponórepon Bapurépouc, dvayKattov
tobe Ev dEvtépouc elvan, Erreimep EK TUKVOTÉPUV Kal MAELOVWV GUYKEIVTAI
Kıynoswv, Tods Se Bapurépouc, eneimep EE apouotépwv Kal Ekaocdvwy
ODYKEIVTAL KIVOEWV.
“Qore Todc pév dEvTEpoUs TOD SEovTOG GVIEHÉVOLG Ähaıpeoeı KIVAOEWG
ruyxáverv TOD Béovtoc, Todc 5& Papvtépove Emiteivopévovg mpoodEcE!
KIVAOEUWG TUVXÉVEIV TOD GÉOVTOC.
Atônep Ek popiwyv tobs HOÓyyovg ovyKetoba paréov, Eneiön poodéoer
Kai dhaipéoer Tryxdvovol Tod Béovroc. nüvra dE TH Ex LOpiwy GDyKEileva
&piOuod Adyw Aéverou mpôc GAANAG, Gore Kai Tob HOdyyoug ävaykolov Ev
&piBuoD Abyw AéyeaOau rpög GAATAOUG.
„Wenn Ruhe herrschte und Bewegungslosigkeit, würde auch Stille herrschen; wenn
aber Stille herrschte und nichts sich bewegte, würde man auch nichts hören. Wenn man
aber etwas hören soll, muß es zuerst einen Stoß und Bewegung geben.
Wenn also alle Töne durch eine Art von Stoß hervorgebracht werden, ein Stoß aber
unmöglich geschehen kann, wenn es nicht vorher eine Bewegung gibt, von den Beweund damit die Töne — diskret zu quantifizieren und Intervalle in Zahlenverhältnissen zu
betrachten“).
16 Die bei Porphyrios, Comm. in Ptol. Harm. p.30,1-31,21 Düring, zitierte ausführliche Darlegung des Herakleides gehört letztlich nicht hierher, da die Verbindung
zwischen Bewegung und Zahl nur gestreift wird. Herakleides faßt die Begriffe so exakt
(die mnyai sind zumindest für die Wahrnehmung in der Zeit ausdehnungslos, zwischen
ihnen liegen Staorpara), daß eine Argumentation analog der der Sectio nicht mehr
möglich wäre, Ebensowenig berühren jene antiken Theorien das Thema, die die Tonhöhe unmittelbar an die Geschwindigkeit binden, da hieraus ebenfalls keine Diskretheit
abgeleitet werden kann: Allenfalls läßt sich die Konsonanz auf rationale
Verhältnisse
gegenüber den ebenso möglichen irrationalen zurückführen (vgl. Ailianos bei
Porph.,
Toufñç Tv ovvComm. in Ptol. Harm. p.36,32—37,5 Düring: eig äreıpov 8 obonc tic
àpiOpv ewAbyov
Sid
otppetpa
pèv
Ta
Koi
dobpmerpa
8
&
obupetpa,
ciot
uev
peîron, Tà 8 &oúpperpa oùk Eotiv Ev AÓyors àp Ov).
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)gungen aber die einen dichter sind, die anderen dünner, und die dichten toners (sch
fere‘) Töne hervorbringen, die dünneren aber tiefere (‚schwerere‘), folgt no ven ig,
daß manche Töne deshalb höher sind, weil sie aus dichteren und daher einer größeren
Anzahl von Bewegungen bestehen, die anderen aber deshalb tiefer, weil sie aus weniger dichten und daher einer geringeren Anzahl von Bewegungen en m Heras
Folglich erreichen Töne, die zu hoch sind, die gewünschte Tonhöhe eim a 2 >
stimmen durch die Wegnahme von Bewegung, Töne aber, die zu tief sind, beim Erhöh die Zugabe von Bewegung.
er muB man sagen, daB die Tône aus Teilen zusammengesetzt sind, weil sie ja
eine gewünschte Höhe durch Dazugeben und Wegnehmen erreichen. Alles aber, was
aus Teilen zusammengesetzt ist, kann in seinem Verhältnis zueinander durch Bruchzahlen ausgedrückt werden; folglich Können auch Töne notwendig durch Bruchzahlen
zueinander in Verhältnis gesetzt werden.“
Den Anfang macht die Herleitung des Schalles von der Bewegung,
sowie die Verknüpfung der Häufigkeit der Bewegung (Dichte in der Zeit)
mit der Tonhöhe, wie man sie etwa aus der Beobachtung der schwingenden Saite gewinnen konnte. Soweit deckt sich die Formulierung der Sectio
völlig mit moderner Schalltheorie. Der folgende Satz zieht daraus den
Schluß, daß, wenn Tonhöhe gleich Häufigkeit von Bewegung sei, eine
Änderung der Tonhöhe folglich durch Wegnahme und Zugabe von Bewegung geschehe. Ausgegangen wird von den gebräuchlichen Termini für
Steigen und Fallen der Tonhöhe, ëmiraoic und &veoic, die ebenso vom Vorgang beim Stimmen eines Saiteninstruments wie vom Erleben der physischen Vorgänge beim Sprechen und Singen her verstanden werden können, also aus der allgemeinen Erfahrung gewonnen sind.'? Diese Vorgänge
werden also nach dem Vorhergehenden als npoodeoıg und àbaipeoic
kıvfjoswg verstanden. Das kann aber im Zusammenhang nichts anderes
bedeuten als Zugabe und Wegnahme von Häufigkeit beziehungsweise
Dichte der Bewegung, zumal ‚Bewegung‘ an sich ja nicht quantitativ
ist,
wie auch der Singular kivnoig anzeigt.
Was durch Dazugeben und Wegnehmen veränderbar sei,
sei weiters
aus Teilen zusammengesetzt. Das ist nun insofern
richtig, als es teilbar sein
muß. Der folgende Schluß allerdings, daß alles,
was aus HOpia zusammengesetzt sei, zugleich auch durch einen Aöyog Apıönoß,
ein Verhältnis natürlicher Zahlen bestimmbar sei, setzt einen ganz anderen
Begriff von uöpıov
voraus. Zuvor war es der umgangssprachliche ‚Teil‘,
aus dem alles besteht,
was man tatsächlich oder gedanklich auseinandernehmen
kann. Solche
uopta sind als Einzelteile zwar abzählbar,
aber keineswegs notwendig
7 Vgl. Aristox., Harm. 1, 10, p. 15,68 da
Rios (von der Stimme) mit 1,11, p. 16f.
da Rios (vom Saiteninstrument).
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)91
einander völlig oder auch nur in einer bestimmten Hinsicht gleich.!® Der
nun vorausgesetzte Begriff aber ist ein Teil, der in seinem Verhältnis zu
den anderen Teilen durch eine natürliche Zahl ausgedrückt werden kann.
Er enthält also eine natürliche Anzahl von Einheiten, vermittels derer auch
die Gesamtheit gemessen werden kann, die also ebenfalls ein Vielfaches dieser Einheit enthält. Mit diesem Begriff des Messens (uetpetv)
operiert die Sectio auch in ihren Beweisführungen.'” Der so in seinem genauen mathematischen Sinn definierte Begriff des nöpıov findet sich dann
auch in dem sogleich eingeführten Terminus ëmuôpioc ‚überteilig‘, wie
auch in den üblichen Teilungszahlen Tpirnuópioc, Teraprnuóptos usw.
Die Folgerung, daß auch Verhältnisse zwischen Tönen, also Intervalle,
stets durch Bruchzahlen ausgedrückt werden können, beruht demnach auf
dem versteckten Wechsel der Bedeutung des Begriffes uöpıov innerhalb
des Abschnittes. Was nur für Teile beliebiger (auch irrationaler) Größe
galt, wird von ganzzahligen ‚Teilern‘ verstanden. Dieser logische Fehler
wird allerdings durch die verwaschene Verwendung des Terminus kivnoig
schon vorbereitet: Diese kivnoıg besteht ja eigentlich aus einzelnen Bewegungen, die in der Zeit dichter (muKvöc) oder dünner (&paıöc) angeordnet
sein können. Diese Einzelbewegungen sind nun tatsächlich abzählbar und
verschiedene Anzahlen könnten als Bruchzahlen ins Verhältnis gesetzt
werden. Da der Leser diese Vorstellung des Tones als aus diskreten Einheiten zusammengesetzt noch im Ohr hat, fällt der folgende Fehlschluß nicht
leicht auf. Dort ist allerdings kivnoig als Dichte und nicht als Zahl von Bewegungen vorausgesetzt. Der Unterschied ist evident: In der Dichte zeigt
sich die Anzahl der Bewegungen je Zeiteinheit, und diese ist für die Tonhöhe verantwortlich. Die reine Anzahl hängt
ja von der Tonhöhe und von
der Tondauer ab: Ein langer tiefer Ton besteht letztlich aus mehr Einzelschwingungen als ein kurzer hoher. Was also für die Tonhöhe ausschlaggebend ist — und das ist mit den Begriffen muxvdc und üpaıög gegeben —,
ist nicht die diskrete Anzahl der Bewegungen, sondern deren Abstand von-
18 Vgl. etwa Plat, Symp. 205c4-8 (uouoi ist Hépiov méonç Thc momoeux; für
Teilwissenschaften und ähnliches ist póptov der stehende Ausdruck); Parm. 142d5 etc.
(Ev und eivaı sind popia des dv); Arist., Kat. 5a15 — 24 (udpia geometrischer Strecken,
Flächen und Körper, die ja auch irrationale Größen haben können), Cael. 270a5
(B@hoc und yf). Besonders deutlich Plat, Tim. 36b, wo von der Quart nach der Füllung
mit zwei großen Ganztönen ein uöpıov von 256:243 bleibt: In der Vermengung von
pythagoreischer Rechnung und (natürlicher) ‚aristoxenischer‘ Betrachtungsweise werden die als Verhältnisse angegebenen Intervalle gleichsam als Strecken gedacht, die in
ganz ungleiche uôpia zerfallen.
19 Sect. can. 1, p.150, 8. 10 Jan; 2, p.151, 9. 11 Jan.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)einander in der Zeit; und dieser ist jedenfalls nicht abzählbar, sondern kann
im Prinzip wie jeder geometrische Abstand auch irrational sein.2° Dieser
Unterschied wird nun durch den Gebrauch des Begriffes kivnoıg in beiden
Zusammenhängen verwischt und so der Umdeutung von udpiov der Boden
bereitet.
Wie wir also sehen, erweist sich der ,Beweis‘ für die pythagoreischen
Axiome als keineswegs haltbar:?! Die Zeit führt den irrationalen Faktor
wieder in die Rechnung ein, den man durch den Rekurs auf einzelne Bewegungen als Ursache des Schalles ausgeschaltet zu haben glaubte.
Ein Vergleich mit der Darstellung des gleichen ‚Beweises‘ durch
Boéthius zeigt allerdings, daß die Sectio, mag sie auch einen Fehlschluß
enthalten, doch auf vergleichsweise hohem Niveau arbeitet: Bei Bo&thius
liest sich die Argumentation so (De musica 4, 1 p.301, 12-27 Friedlein):
Si foret rerum omnium quies, nullus auditum sonus feriret, id autem
Jieret, quoniam cessantibus motibus cunctis nullum inter se res pulsum
cierent. Ut igitur sit vox, pulsu est opus. Sed ut sit pulsus, motus necesse est
antecedat. Ut ergo sit vox, motum esse necesse est. Sed omnis motus
habet
in se tum velocitatem tum etiam tarditatem. Si igitur sit tardus inpellendo
motus gravior redditur sonus. Nam ut tarditas proxima
stationi est, ita
gravitas contigua taciturnitati. Velox vero motus acutam voculam
praestat.
Praeterea quae gravis est, intentione crescit ad medium, quae
vero acuta,
remissione decrescit ad medium. Unde fit, ut omnis sonus
quasi ex
guibusdam partibus compositus esse videatur. Omnis autem
partium
coniunctio quadam proportione committitur. Sonorum
igitur coniunctio
Proportionibus constituta est. Proportiones autem Principal
iter in numeris
considerantur.
Zum aus der Sectio übernommenen Fehlschluß kommen
in dieser Fassung noch andere, auffälligere argumentative Mängel.
Vor allem der Bezug zwischen Geschwindigkeit und Tonhöhe, der in
der Sectio korrekt an
Erfahrungstatsachen geknüpft wurde, findet hier
nur eine ganz unzureichende Begründung: si igitur geht zunächst ins
Leere, die Begründung
wird mit nam nachgetragen und klingt eher metap
horisch als physikalisch:
Warum tiefe Töne der Stille näher stehen sollen
als hohe, müßte wenigstens angedeutet werden. Ein Echo der Begründung
der Sectio findet sich
20 Dagegen lieB sich nur mehr dogmatisch argum
&pıöuoß yiverau, Herakleides bei Porph.,
Sectio versucht das nicht,
21 Ein vergleichbarer logischer Fehler findet sich
vgl. Busch, bes. 128,
entieren (fh dE Kivnoic obk Sven
Comm. in Ptol. Harm. p.30,8f. Düring);
auch in Sect, can. 11, p.158f. Jan,
Page 10
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)pes reren
danach (intentione — remissione), aber ohne daß die Verbindung zum
zuvor Gesagten klar würde: Es fehlt eben die Gleichsetzung mit der
Zugabe oder Wegnahme von xivnoic, die den Fortgang der Argumentation
erst erlaubt. So hängt schließlich das unde fit vollkommen in der Luft, da
man intentio und remissio ja eben nicht als aus Teilen zusammengesetzt
denken wird.
Diese spätantike Form des Beweises der Sectio stellt sich demnach als
weitgehend mechanische Übernahme ihres Argumentationsgangs dar, dem
aber an der entscheidenden Stelle das verbindende Glied geraubt wurde.
Da Boëthius also das eigentliche Anliegen des Beweises offenbar nur
ungenügend verstanden hat, können wir annehmen, daB auch ihm keine
ausführlichere Darstellung des Problems vorlag; es kann auch nicht
ausgeschlossen werden, daß die Fassung des Beweises, die er kannte, nicht
völlig mit der der erhaltenen Sectio canonis identisch ist.
Dennoch erwies sich uns auch die in der Sectio erhaltene Version,
wiewohl weit besser komponiert als die des Boëthius, als logisch nicht
haltbar. Ein besseres Verständnis der schwierigen Frage nach der Ursache
der Korrelation zwischen Konsonanz und einfachem Zahlenverhältnis ließ
sich aber in der Antike nicht finden. Da also mit antiken Mitteln nicht zwischen der ‚temperierten‘ aristoxenischen und der ‚reinen‘ pythagoreischen
Position entschieden werden konnte — und das, obwohl letztere ihren Ursprung eigentlich von einer empirischen Erkenntnis herleitete — muß die
Arbeit des Aristoxenos wesentlich differenzierter gewürdigt werden, als
dies bisweilen noch in unserem Jahrhundert geschehen ist:?? Wenn Aristoxenos die Musiktheorie primär auf der Musikpraxis aufbaute und unbeweisbare metaphysische Grundlagen über Bord warf, sobald sie zu dieser
in Widerspruch traten, erwies er sich letztlich nur als dem wissenschaftlichen Anspruch seines Lehrers Aristoteles verpflichtet, sinnvolle Zusammenhänge an die Stelle von Zahlenspielen zu setzen.”
22 Vel. etwa R.P. Winnington-Ingram, Aristoxenus and the Intervals of Greek
Music, CQ 26 (1932), 195-208 (208): „such an unscientific author as Aristoxenus";
M. Litchfield, Aristoxenus and Empiricism: A Reevaluation Based on His Theories,
Journal of Music Theory 32 (1988), 51-73.
23 Vgl. etwa Met. 1093 ab.