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BERSTT LAERIDER NY.
Leioa
V.KAPITEL
Die Entdeckung der universellen Berechenbarkeit
a) Die Verbindung von Arithmetik und Geometrie
Nur auf einem Wissenschaftsgebiet scheint dieses dialektische lortschreiten
nicht die Regel zu sein —- auf dem der Mathematik. Denn Mathematik ist keine
Wissenschaft von empirischen Objekten, also kónnen mathematische Sátze auch
nicht durch
Beobachtung oder Experiment bewiesen bzw. widerlegt werden.
So finden wir denn in den Entstehungszeiten der mathematischen Wissenschaft
nicht 30 sehr den Widerspruch zu vormals aufgestellten Behauptungen als vielmehr deren Erhebung auf eine höhere Ebene.
Was dies bedeutet, ließe sich an vielen Beispielen illustrieren. So wurde etwu
der „Satz des Thales‘ von einigen Autoren dem ‘Thales ab- und dem Pythagoras
zugesprochen, dem gleichen Pythagoras von Samos, auf den der nach ihm benannte
Lehrsatz
zurückgeführt
wird
(cine
Datiorung,
dio
nicht
über
ullon
Zweifel erhaben ist). Wenn sich nun ein relativ zuverlässiger antiker Gewährsmann, der Philosophichistoriker Apollodoros von Athen,
einem
Work
aus
der
zweiten
Hälfto
des
in seiner ,,Chronile”,
2, Jahrhunderts
u. Z.,
dafür
verbürgt, daß der sogenannte Satz des Thales etwa ein halbes Jahrhundert später
als meist angenommen, nämlich von Pythagoras und nicht von Thales, gefunden
sei, so traut er eben den Denkern der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts das mathematische Niveau noch nicht zu, das gegen Ende des gleichen Jahrhunderts erreicht, war.! Wir können heute nicht mehr entscheiden, ob Apollodor mit seiner
späteren Datierung recht hat oder nicht. Aber als geeigneten Ankniipfungspunkt
zur Verdeutlichung des Spezifischen der hellenischen und insbesondere der pythagoreischen Mathematik «dürfen wir den genannten Lehrsatz benutzen. In ihm wird
behauptet, daß jeder Peripheriewinkel im Halbkreis ein Rechter sei. Es wäre leicht.
vorstellbar, daß man auf solche Behauptung kommt, nachdem man es nacheinander mit ein paar Dutzend verschiedenen Sohoitelpunkton auf dor Kroispevipherie versucht. und jedesmal einen Winkel von 90° festgestellt hat. So etwas
konnten die Ägypter auch, und aus Ägypten könnte es Thales heimgebracht, ja,
er könnte dio Konstruktion des Peripheriewinkols ala erster, wenn auch nach
ägyptischer Verfahrensart, ersonnen haben. Auch dann wäre dies immer noch
nicht spezifisch griechische, noch nicht die eigentlich wissenschaftliche Geometrie,
Vorsokr. 11 A 1, 25.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Dis Verbindung von Arithmetik und Geometrie
vielmehr nur erst empirische Beobachtung, auf geometrische
Miguren bezogen.
Was fehlt, ist der mathematische Beweis. Um ihn zu führen,
muß man eine
Hilfslinio ziehen, die Verbindung zwischen dem Kreisinit
telpunkt und dem
Scheitelpunkt des Winkels an der Peripherie des Halbkeeis
es,
zerteilt
das
ungleichschenklige Dreisck
in
Diese Streeke PM
zwei gleiehschenklige,
und «danach
läßt sich der Beweis führen, daß der Peripheriewinkel im
Halbkreis ein Rechter
sein muß, dall keine spätere Beobachtung diesen Satz widerlege
n kann. Aus der
empirischen Wahrscheinlichkeit ist eine apodiktische Gewißhei
t geworden, eine
Bvidenz, die nicht. etwa nur subjektiv überwältigend, sondern
objektiv unübertrell'bar ist.
gültigkeit.
Das nennen
wir:
mathomatischo Notwendigkeit
Allgemeingültig heißt
oder lesenden Subjekte
-
nicht: gültig im
Bewußtsein
und
Allgemeinaller hörenden
sf
und seinen Schülern, von der noch zu reden sein wird —, duß sie die Synthese
von Arithmetik und Geometrie
vollzogen haben. Mit Zahlen operieren und
Piguren konstruieren, das ist zweierlei. Die Pythagoreer haben in systematischer Denkarboit das Rechnen und das Zeichnen miteinander vorbunden zur
Mathematik.
Wir können das am ehesten nachvollziehen, wenn wir uns einmal die ganze
algebraische Symbolik wegdenken, die uns die Lösung mathematischer Aufgaben
so sehr erleichtert, die aber im Altertum unbekannt war. Vielleicht war das ein
Glück insofern, als man infolgedessen die generelle Gültigkeit von Gleichungen
statt, wie wir es tun, durch (kleine) Buchstaben vielmehr durch Figuren bezeichnete.! So schrieb man nicht:
denn
wer es nicht begreift, der läßt. es auch nicht
gelten —, sondern: gültig in ausnahmslos allen gleichartigen
Fällen, zum Beinpiel
(a + 0)? = a? + 2ab -- 62,
für alle die unzähligen möglichen Peripheriewinkel im Halbkreis
.
Höchst bedeutsam nun, wenn auch beim ersten Hören kaum verständli
ch,
sondern man zeichnete ein großes Quadrat, dessen Seite man in die Abschnitte a
ein Jahrtausend später diese ganze Methode versieht. Er
einzeichnete, daß die Summe a? + b? -+ 2a6 daraus anschaulich wurde:
ist
der Kommentar, mit dem der Philosoph und Historiker der Mathemat
ik Proklos
sagt nämlich: Pythagoras
hat dia Geometric „übergeführt in die Form einer Bildung
für freie Menschen”!
»Geometria’, im wörtliehen Sinne »Landmessung”,
trieben auch die ägyptischen
Peldvermesser, wenn sie im Auftrag des Pharao bestimmt
e Berechnungen ausführten. Aber weder hat das etwas mit. „Bildung“ (paideia)
zu tun, noch setzt es
und b unterteilte und dem man je 2 kleinere Quadrate und zwei Rechtecke su
A
den „freien Menschen’ voraus, denn es kann auch
in strenger Unterwerfung unter
D
und zufriedenstellend
erledigt werden. Aber Geometrie als ein Teil der Mathematik
enthält die zunächst,
überflüssig scheinende Zutat des unverbrüchlich gültigen
um
absolute
GewiBheit,
um
den
Höchstgrad
Beweisen.
Dieses
wissenschaftlicher
kommenheit ist einmal etwas Bildendes, ein Bestandteil der
A
a
b
b
die Vorschrift eines despotischen Gebieters ganz sorgfältig
mähen
B
b
a
El
b
|F
Bo.
Voll.
puideia, zum anderen
beruht es auf einer aus freien Stücken geleisteten Hingabe
der Person an die
Sache, einer Hingabe, die der nicht aufbringt, der nur gewohnt.
ist, fremden Gea
a
boten zu gehorchen. Das, was wörtlich bloß Landver
messuny heißt, die Geometria,
macht eine radikale Wesensverwandlung dureh
sie wird ,,mathematineh®,
In dem Worte „Mathematik" steckt der Stamm „math-",
der niemals ein bloßen
Auswendiglernen, sondern stets ein begreifendes Erfassen
meint. A-mathia ist der
außerste Gegensatz zur sophia, der amathés ist nieht
der, der niehts oder wenig
weiß, sondern der Begrillsstutzige, der nichts versteht,
nichts ergründet. Als
Porm einer Bildung für freio Menschen scheint die Mathema
tik in der Tat eine
Schöpfung des Pythagoras zu sein, des Mannes, bei dem der hierzu
erforderliche
pädagogische Ernst für uns zum ersten Male klar erkennba
r wird.
Sieht man näher zu, so ist es eine charakteristische Leistung der Pythagore
er
gewesen
G
H
K
Hiermit hatte man einen zahlenmäBigen Sachverhalt durch eine Figur dargestellt oder, allgemeiner ausgedrückt, man hatte eine arithmetische Notwendigkeit geometrisch symbolisiert. Die Genugtuung über die Konkretisierung des Abstrakten ist hier der spezifische Bcgleitaffekt der Erkenntnis.
Andererseits wird aber der mathomatische Vorrang der Arithmetik vor der
Geometrie überall dort deutlich, wo, wie die Pythagoreer es auffassen, die Zahl
-- ich mache hier noch nicht die Unterscheidung zwischen
Pythagoras
' Vorsokr. 58 B 1.
1 Vgl. J. L. Heiberg, Naturwissenschaft und Mathematik im klassischen Altertum, Leipzig
Page 3
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)die räumlichen Gebilde gleiehsam regiert.! Dieser Gedanke hat von Haus aus nichts
Mystisches. Handelt es sieh beispielsweise um die „pythagoreisehen Zahlen“
(3, 4,5; 5, 12, 13 usw.), so läßt sich die vollständige Reihe solcher rechtwinkliger
Dreiecke mit ganzzahligen Seiten sehleehterdings nicht hinzeichnen, denn sie ist
unendlich; kurz: die geometrische Anschauung versagt uns den Anblick der Vollständigkeit. Dagegen kann man auf einen erschöpfenden Ausdruck, das heißt auf
eine Pormel bringen, was das Gesetz arithmetisch bedeutet. Wir mit unserer
algebraischen Symbolik schreiben das so; von allen x, y, 2, auf die die Gleichung
si | y — 22 zutrillt, gilt — soweit sie nach dem oben angedenteten Reihengesetz
gefunden werden —:
33
zugeben. Dieses in Zahlwörtern nicht Sagbare, A-logische, Trrationale läßt sich
aber adäquat darstellen, wenn wir auf der Diagonale die Quadratseite mit dem
Zirkel abtragen; dor Rest, um don die Diagonale länger ist, veranschaulicht das
Unaussprechliche. Seht hin! den Augen ist es gegeben — dem Reden nicht! Freilich müssen es Augen sein, die im Bewußtsein des vollbegriffenen Beweises hinblicken. Wenn dieser Boweis ebonfalls dem Pythagoras oder seinen Schülern zugesprochen werden darf, was nach dem antiken Mathematiker Pappos für wahrscheinlich zu halten ist, so hätten die Pythagoreer in streng logischer Weise ein
indirektes Beweisverfahren (deductio ad absurdum) geübt, mittels dessen sie
zeigten, daß die Annahme, die Quadratseite und die Diagonale hätten ein gemeinsames Maß (seien „kommensurabel‘), auf einen Widerspruch führt; die Quadrat-
— |
x*
y=—,
—ann
Pythagoras als Nouapolliniker
5
seite müßte dann, wie sich zeigen läßt, zugleich eine gerade und eine ungerade
Zahl sein — eine kontradiktorische Unmöglichkeit, die nur die Inkommensurax {1
2
=
bilität als denkbar übrigläßt.!
----$)
Dies konnte man aber auch ohne die Buchstaben der Algebra ausdrücken, es
spricl und liest. sich nur umstándlicher, wenn man - wie es den Pythagoreern
statt wc sagt: „die erste Zahl”, statt y , die
noch nicht anders móglich war
zweite Zahl”, state: „die dritte Zahl”. Für das Gesetz der Reihe ist ausschließlich
in arithmetischer Sprache, das heißt in abstracto, nicht aber in der konkreten
geometrischen Anschauung ein erschöpfender Ausdruck möglich. Was nicht hindert, da man an jedem einzelnen hingezeichneten reehtwinkligen Dreieck, welb) Pythagoras als Neuapolliniker
Das Problem,
wieviel
dem Pythagoras,
wieviel seinen Schülern zukomme,
wurde bisher nur gestreift. Denn bei dem Versuch, die Schöpfung dessen, was seitdem mathematische Wissenschaft heißt, in aller Kürze historisch zu fixieren,
konnte die Frage, ob os ein oder mehrere Schöpfer waren, noch zweitrangig scheinon. Mratrangiy wird sio, sobald wir uns erinnorn, daß der erstaunliche Mann aus
ches die Gültigkeit der Pormel bestätigt, das geistige Wohlgefühl der Ilustrierung
Samos ja keineswegs nur Mathematiker gewesen ist. Auf mindestens drei weitere
|
empfindet.
sprachlos bleibt
gewissermaßen
Aritlmetik
die
wo
Mall,
ls gibt aber auch den
Aspekte seiner Persönlichkeit muß hingewiesen werden, wenn seine Bedentung
ond wir auf die Sprache dor Geometrie angewiesen sind, Auch davon wußte man
in der pythagoreischen Schule, Ich meine die dem Pythagoras oder einer der auf
ihn folgenden Schülergenerationen zuzusehreibende Entdeckung der irrationalen
Zahlen. Pythagoras, so heißt es, fand heraus, daß die Diagonale des Quadrats
nicht auf eine gemeinsame Maßeinheit mit der Quadratseite zurückgeführt werden
kann (mit ihr „inkommensurabel” ist). Man kann mit Zahlwörtern nicht sagen,
um wieviel größer die Diagonale ist als die Quadratseite. Der Betrag ihres Übersehusses ist nieht. etwa das „Anderthalbfache" -- das ließe sich aussprechen —
er ist „unatissprechlich": álogos. Wir nennen ihn y2 und wissen, daf es absolut
unmöglich ist, für diesen Betrag die Stellen hinter dem Komma vollständig an—
um
I Wenn HL Frankel (D. u. Ph. 359) davon spricht, daß für die Pythagoreer „Geometrie und
Algebra noch ungeschieden waren‘ und „das mathematische Denken sich in einer beide
vermischenden Terminologie bewegte", so muß hiergegen bemerkt werden, daß die bahnbrechendo Leistung der altpythagoreischen Mathematik darin besteht, an die Stelle eines
Nebeneinander von (Geometrie und Arithmetik den Vorrang der Arithmetik und den ihr
dienenden Veranschaulichungswert der Geometrie gesetzt zu haben.
für das „Worden der Wissenschaft’ oinigormalon in Sicht kommen soll. Kinmal:
Pythagoras ist Philosoph gewesen, ja, durch ihn oder wenigstens im Kreise seiner
Schüler soll überhaupt das Wort ,,philosophia' allererst geprägt worden sein.
Und ferner (zweitens) drückt der Name „Pythagoreer" aus, daß Pythagoras als
erster hellenischer Denker eine Gemeinschaftsform ins Leben rief. Sie ist übrigens
mit unseren Begriffen nicht ganz leicht zu umschreiben, denn sie hat ebensoviel
von „Schule“ an sich wie von ,,Bund", „Sekte“, „Bruderschaft“, ‚Orden‘. Diese
soziologische Seite der pythagoreischen Bewegung zu würdigen, ist für dus geschichtliche Verständnis des Werdens von Wissenschaft von größtem Interesse.
Und endlich (drittens) beschränkt sich die Bedeutung des Pythagoras und der
Pythagoreer für die Ausbildung der Spezialwissenschaften nicht auf den Sektor
der Mathematik. Mindestens die Musiktheorie, die Medizin und die Astronomie
sind in der pythagoreischen Schule auf das stärkste gefördert worden. Es sind
sogar, wie ich glaube zeigen zu können, auch Impulse für die Theorie des Rechts
und der Erziehung von dort ausgegangen.
1 v. d. Waerden, Erwachende Wissenschaft, Basel 1056, 182.
Schottlaender
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dhe räumlichen Gebilde gleichsam regiert! Dieser Gelanke hat von Haus aus nichts
zugeben. Dieses in Zahlwörtern nicht Sagbare, A-logische, Irrationale läßt sich
Mystisches.
aber adäquat darstellen, wenn wir auf der Diagonale die Quadratseite mit dem
Handelt es sich
beispielsweise
um
«ie
„pythagoreischen
Zahlen"
(3, 4,5; 5, 12, 13 usw.), so läßt sich die vollständige Reihe solcher rechtwiukliger
Zirkel abtragen; der Rost, um don dio Diagonale länger ist, veranschaulicht dus
Dreiecke mit ganzzuhligen Seiten schleehterdings nicht hinzeichnen, denn sie ist
Unaussprechliche. Seht hin! den Augen ist es gegeben — dem Reden nicht! Freiunendlich; kurz: die geometrischo Anschauung versagt uns den Anbliek der Vollständigkeit. Dagegen kann man auf einen erschöpfenden Ausdruck, das heißt auf
lich músson es Augen sein, die im Bewußtsein des vollbegriffenen Beweises hinblicken. Wenn dieser Beweis obonfulls dom Pythagoras odor soinon Nohilora zueme
Wir mit unserer
gesprochen werden darf, was nach dem antiken Mathomatiker Pappos für wahralgebraischen Symbolik schreiben das so: von allen x, y,z, auf die dio Gleichung
scheinlich zu halten ist, so hätten dio Pythagoreer in streng logischer Weise vin
y
Kormel bringen, was das Gesetz arithmetisch
bedeutet.
y = 2° zutrillt, gilt — soweit sie nach dem oben angedeuteten Reihongesetz
indirektos Beweisvorfahron (deduotio ad absurdum) godbt, mittols dosson aio
zeigten, duß die Annahme, die Quadratseite und die Diagonale hätten ein gomeingefunden werden —:
sames Maß (seien ,,kommensurabel*), auf einen Widerspruch führt; die Quadratseite müßte dann, wie sich zeigen läßt, zugleich eine gerade und eine ungerade
Zahl sein -- eine kontradiktorische Unmöglichkeit, die nur die Inkommensurabilität uls denkbar übrigläßt.!
x?!
Hz4) " y
de
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at
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Dies konnte man aber auch ohne die Buchstaben der Algebra ausdrücken,
apricht une fest sich nur umständlicher, wenn man
noch nicht anders möglich war
-
-
b) Pythagoras als Neuapolliniker
es
wie es den Pythagoreorn
statt e sagt: ,die erste Zahl, statt Y „die
zweite Zahl”, statt 2 „die dritte Zahl”. Für das
Gesetz der Reihe ist uusschließlich
in arithmetischer Sprache, das heißt. in abstracto, nieht aber in der konkreten
geornetrischen Anschauung ein erschöpfender Ausdruck möglich. Was nicht hindert, daß man an jedem einzelnen hingezeichneten rechtwinkligen Dreieck, welches die Gültigkeit der Formel bestätigt, dus geistige Wohlgefühl der Hlustrierang
empfindet.
Ks gibt aber auch den Fall, wo die Arithmetik gewissermaßen sprachlos bleibt.
und wir auf die Sprache der Geometrie angewiesen sind. Auch davon wußte man
in der pythayoreischen Schule. Ich meine die dem Pythagoras oder einer der auf
ihn folgenden Schülergenerationen zuzuschreibende Entdeckung der irrationalen
Ziblen, Pythagoras, so heißt es, fand heraus, daß die Diagonale des Quadrata
nicht auf cine gemeinsame Maßeinheit mit der Quadratseite zurückgeführt. werden
kann (mit ihr „inkommensurabel" ist). Man kann mit Zahlwörtern nieht. nugen,
um wieviel größer die Diagonale ist als die Quadratseite. Der Betrag ihres Überschusses ist nicht, etwa das ,, Anderthalbfache” —
das ließe sich aussprechen - -
er ish „unaussprechlieh”: alogos. Wir nennen ihn Ya und wissen, daß es absolut.
unmégheh ist, für diesen Betrag die Stellen hinter dem Komma vollständig an-
Das Problem,
wieviel dem Pythagoras,
wieviel seinen Schülern zukomme,
wurde bisher nur gestreift. Denn bei dem Versuch, die Schöpfung desson, was neitdom mathematische Wissenschaft heißt, in aller Kürze historisch zu fixieren,
konnte die Frage, ob es ein oder mehrere Schöpfer waren, noch zweitrangig scheinen, Erstrangig wird sie, sobald wir uns erinnern, daß der erstaunliche Manu aus
Samos ja keineswegs nur Mathematiker goweson ist. Auf mindestens drei weitere
Aspekte seiner Persönlichkeit muB hingewiesen werden, wenn seine Bedeutung
für das „Worden der Wissenschaft" einigermaßen in Sicht kommen soll. Kinmal;
Pythagoras ist Philosoph gewesen, ja, durch ihn oder wenigstens im Kreise seiner
Schüler soll überhaupt das Wort „philosophia“ allererst geprägt worden sein.
Und ferner (zweitens) drückt dor Name ,,Pythagorcer” aus, daß Pythagoras als
erster hellenischer Denker cine Gemeinschaftsform ins Leben rief. Sie ist übrigens
mit unseren Begriffen nicht ganz leicht zu umschreiben, denn sie hat obensoviol
von, Schule“ an sich wie von ,, Bund, ,,Sokte”, „Bruderschaft“, Ordon. Diese
soziologische Seite der pythagoreischen Bewegung zu würdigen, ist für das goschichtliche Verständnis des Werdens von Wissenschaft von größtem Interense.
Und endlich (drittens) beschriinkt sich die Bedeutung des Pythagoras und der
Pythagorcer für die Ausbildung der Spezialwissenschaften nicht auf den Sektor
der Mathematik. Mindestens die Musiktheorie, die Medizin und die Astronomie
! Wenn HH. Fränkel (1), u. Ph. 359) “aan spricht, daß für die l’ythagoréer „Geometrie und
Algebra noch ungeschieden waren” und „das mathematische Denken sich in einer beide
vermischenden Terminologio bewegte“, so muß hiergegen bemerkt werden, daß die bahnbrechonde Leistung der altpythagoreischen Mathematik durin besteht, an die Stelle
cines
sind in der pythagoreischen Schule auf das stärkste gefördert worden.
und der lörziehung von dort ausgegangen.
Nebeneinander von Geometrie und Arithmetik den Vorrang der Aritlimetik und den ihr
dienenden Veranschaulichungawert der Geometrie gesetzt zu haben.
Es sind
sogar, wie ich glaube zeigen zu können, auch Impulse fiir die Theorie des Rechts
1 v.d. Waerden, Erwachende Wissenschaft, Basel 1956, 182.
Nohottiuondor
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Indem wir uns diesen Ausstrahlungen des Pythagoreertoms zuwenden, haben
wir im Auge zu behalten, dall es nur zu einem sehr kleinen Teil möglich ist, den
Apollon vergöttert.
Pythagoras mit GewiBbeit als persönliehen Urheber zu erweisen. Kr ist früh eine
legendäre Gestalt geworden. Unsere Überlieferung darüber ist sehr vielsehichtig
die Heilkunde und die Seherkunst. Dementsprechend liegen die groBen Leistungen
und der fremde Besucher habe ihn zum Dank dafir als eine Inkarnation des
Dem Gott Apollon werden vor allem drei Kiinste zugeschrieben: die Musik,
und von ungleicher Glaubwürdigkeit. Soweit sich in die teilweise unaufhellbaren
Anfänge überhaupt hincinleuchten lit, kommt es entscheidend auf das religionsdes Pythagoras und seiner Schüler auf diesen drei Gebieten.! In der Musiktheorie
geseluchtliche Verständnis des 4 pollonkults an. Wir müssen uns dazu vergegenwartigon, dali wir mit der Lebenszeit des Pythagoras (570-497, wie man neuer.
daß den Harmonion, dio wir als schön ompfindon, insbesondore der Oktavo, der
dings annimimt!), schon in das Zeitalter der Pyrannis hineinkommen. In das
Jaber 531 wird für seine Heimatinsel Samos der Höhepunkt — die ,akmé" -- des
‘Tyrannen Polykrates gesetzt. Und Polykrates ist nicht der einzige seiner Art, os
Verkürzt man eine Suite auf drei Viertel ihrer Länge, so liegt ihr ‘Ton eine Quarto
ist für die griechische Nation das Jahrhundert der großen Tyrannen, in Hellas
wie in Kleinasien — nur, zum Glück für die Wissenschaft, noch nicht in Unteritalien und Sizihen. Diese geographisch bedingte Verspätung in dem zuletzt besiedelten westlichen Kolonisationsgebiet der Hellenen bot dem Pythagoras nach
seiner Plucht vor dem ‘lyrannen seiner Heimatinsel gewissermaßen die Startbedingungen. Dort in Unteritalien empfand man eine übermächtige Neigung,
ihn geradezu als den menschgewordenen Apollon zu verehren.
In der althellenischen Religion hat das Attribut der Allwissenheit, das fast
überall der höchsten Gottheit zugeschrieben wird, sich im Laufe der Zeit verselbstandigt zu dem besonderen Gott Apollon. Sein uralter Beiname „Phoibos'', das
heißt der Erleuchtende, erleichterte die Vergeistigung. Zugleich ist er von Haus
aus der „Übelabwehrer” (Apotropaios, Alexikakos) und insofern ein Heiland
(Sotér). Das übermenschliche Wissen, dessen bewahrende, rettende und heilende
Wirkung die Menschen erfahren, wird ihnen nur dureh eine Vermittlung zuteil.
Soweit dies in Delphi geschah, war die gottbesessene Pythia die Mittlerin; ihre
Orakel stammelte sie in einem Zustand, den man mit dem eines Mediums in der
Trance vergliehen hat? Daneben finden sich an zahlreichen anderen Kultorten
wie für die Götter überhaupt so auch für Apollon die üblichen Tieropfer und die
Kingeweideschau als Verfahren zur Gewinnung prophetischen Wissens. Nun wird
in der Pythagorasbiographie des Jamblichos der Orakel- wie der Opfersprache des
Apollonkults die Zahlensprache zur Seite gestellt. „Gleichwie der Pythier und die
Natur selbst’ habe Pythagoras die Wahrheit vermittelst kurzer Sprüche ver:
kúndet, in denen das Wesen der Zahl, die Kigentümlichkeit bestimmter Zahlen
und besondere arithmetische Relationen im Mittelpunkt stehen.® Rin andermal
heißt. es: dem Apollonpriester Abaris aus dem Lande der Hyperboreer habe
Pythagoras an Stelle der Opferprophetie durch Beschauung der Kingeweide (besonders von Hähnen) vielmehe die Prognose vermittelst der Zahlen beigebracht ®,
Vgl. Veberweg-Praechter, Grundriß der Geschichte der Philosophie des Altertums!, 61.
= Vgl. E. Rt. Dodds, The Creeks and the Irrational, Berkeley (USA) 1951, 73.91.
* Jamblichos, Vita L'ythugorae, ed. A. Nauck $$ 161£.
t Jumblichos, Vita Pythayorae, 93. 147.
wird dem Pythagoras selber mit einiger Sicherheit die Entdeckung zugeschrieben,
Quinte und dor Quarte, gewisse allereinfachsto Zahlenverhältnisse entsprechon.?
höher; wird sio auf zwei Drittel ihrer Länge verkürzt, so ergibt sich die nächsthöhere Quinte; bei der Verkürzung um dio Hälfte die náchsthóhero Oktuvo.
Höchst bezeichnend ist nun die geometrische Gestalt, in der die Pythagoreer div
an sich nur dem Gedanken zugänglichen Zahlenverhältnisse dem Auge darstellten
und sie damit faßbar machten ganz analog der Weise, in der sie bereits das Ohr
erfaßt vermittelst der musikalischen Harmonie. Das Symbol hierfür, von ihnen
heilig gehalten und in einer Eidesformel auf Pythagoras zurückgeführt, ist die
„Tetraktys‘“.® Denkt man sich ein gleichseitiges Dreieck erzeugt aus je vier
Punkten einer jeden Seite und steigt man von der Basis zur Spitze auf, so ergibt,
sich folgende Figur:
Dem entspricht in der Harmonienlehre die fortschreitende Verkürzung, beginnend im Verhältnis 4:3 (Quarte), danach im Verhältnis 3:2 (Quinte), schließlich im Verhältnis 2:1 (Oktave). Der Versuch, der dies beweist, wurde auf die
primitivste, von jedem nachprüfbare Weise angestellt, auf dem Monochord, einem
Instrument, dessen einzige Saite mit einem verschiebbaren Steg versehen ist.‘
Hier schien also der Beweis geführt, daB die Schönheit bloß der sinnlich faßbare
Ausdruck eines unsichtbaren, rein rationalen Zahlenverháltnisses ist. Von
hier
aus scheint nun Pythagoras einen äußerst kühnen Sprung gewagt zu haben
--
von der Musiktheorie zur Sternenkunde. Er vermutete, dal die Abstände der
Gestirnumläufe voneinander, zum Beispiel der Sonnenbahn von der Mondbahn
und von dort zur Erde, in analogen Zuhlenverhältnissen ausdrückbar seien wie die
Tonabstände der Akkorde. Also auch da: einfache Proportionen zwischen ganzen
Zahlen. So kam es zu der Vorstellung von der „Sphärenharmonie‘®, die bei aller
!
Vorsokr. 581) £.
2 Vgl. Zeller- Nestle, Die Philosophie der Griechen I, 17, Leipzig 1923, 406. 434. Ältester
Gewährsmann Xenokrates, ed. R. Heinze, 6ff. und fr. 9.
4 Vorsokr. 58 B 16.
Vgl. Th. Gomperz, Griechische Denker 14, Berlin 1922, 85.
® Vgl. Zeller- Nestle 435.
Page 6
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Ist es möglich, dem Pythagoras auch eine rationale Prophetie, das heißt ein
Phantastik doch im hóchsten Grade stimulierend auf die Mathematisierung der
Himmelskunde gewirkt hat.
37
neuapollinisches Analogon zur altapollinischen Mantik zuzuschreiben?
Worin
Wir wissen ferner, daß unter den Pythagoreera berühmte Ärzte waren; und
könnten seine, des Zahlendenkors Leistungen bezüglich ihrer gesellschaftlichen
hier ist es der Zusammenhang zwischen Musik and Medizin, der uns besonders
Wirkung denen der Pythia ähneln? -- Eine freilich allzu kurze Nachricht bosagt,
auffallen muß. Die Musik galt. bei don alten Griechen als eine seolenheilende Kunst
von der gleichen intensiven Wirksamkeit wie die kórperheilendo Kunst der Medifundon: sio sei „io mit sich selbst multiplizierto Zahl'.! Au einer anderen Stolle
Pythagoras habe für das Weson der Gerechtigkeit ein arithmetisches Symbol gozin. Ms sind dies die heiden Wissenschaften und Künste, die man als die vorzugsfindet, sich bei Aristoteles eine Angabe, die zur Erläuterung dienen könnte, wenn
weise „apollinischen" bezeichnen muß. Denn der Gott Apollon führt die Musen
sie nicht ebenfalls so übermäßig kurz wäre: das Gerechte sei nach den Pythagoreern
an (die der Diehtung und der Kontemplation ebenso wie die der musikalischen
dus, „was wiedererlitton hat durch ein anderes‘. Die Deutung scheint mir darin
Künste im engeren Sinne) und gilt zugleich im Mythos als der Vater des Heilgottes
zu liegen, daß das Wiedererleiden mit dem Wiederempfangen und Wiederbekom-
Asklepios, ja, selber als der Arzt der Götter (Paion) in ähnlicher Weise wie sein
Sohn als der Arzt der Menschen. Nun ist diesor Gott aber zugleich der des Ornkola.
men zusammengehórt. Wiedererleiden ist eine Zusammenfassung von ,,Entgelt*
Denn Mantik, Medizin und Musik sind nach antiker Auffassung durch die Kraft
und Böse, was man getan hat, erhält man ein Äquivalent zurück. Im geschältder Obelabwehr verbunden; dies gerade ist. ihr gemeinschaftlich Apollinisches.
lichen Verkehr ist das Äquivalent ein bestimmter Geldbetrag oder auch Ware
Und eben Musik, Medizin und Mantik waren es, die von den Pythagoreern am
mit einem bestimmten Geldeswert. In der Rechtsprechung ist dus Äquivalent.
die Buße für die Tat. Ohne solches Äquivalent ist Gerechtigkeit nicht hergestollt..
höchsten geschätzt wurden. Zur Reinigung des Leibes haben sie die ärztliche, zur
und „Vergeltung“. Für das Nützliche und Gute obonso wie für das Schiidliahe
Reinigung der Seele die musische Kunst gebraueht.? Reinigung aber ist nichts
Immer wird man etwas schuldig oder erwirbt einen Schuldtitel. Und der Ausanderes als Obelaustreibung. Und immer dient als Mittlerin dio Zahl. Jin arithgleich, das Quittgewordensein, bei dem Gleiches für Gleiches entgolten, Gleichen
metischer Apollinismus ist der objektive Grund der Autorität, die jene Schule
philosophischer Musiker-Mediziner zwei, vielleicht drei Generationen lang ausaus zwei „gleichen“, nämlich äquivalenten, Faktoren. Besteht Gerechtigkeit also
mit Gleichom vergolten ist, kann sehr wohl aufgefaßt werden ale das Produkt.
strahlte. Wie dies in der Medizin gemeint. war, geht aus der Angabe hervor, dal
in solehem Ausgleich, den das Wiederompfangene für das nützlich oder schädlich
die Pytlugoreer besonders die Lehre von der Diät. pllogton und darin „schr exakt”
Gotano bietet, so kann man sio passond als „das Produkt aus zwei gleishen Pakwaren; womit gemeint ist, daß sie für die rechte, das heißt. arithmetisch festtoren‘ bezeichnen — und das ist nichts anderes als was der Ausdruck ‚die mit
gelegte Proportion (,,symmetria') von fester und flüssiger Nahrung, ferner für
sich selbst multiplizierte Zahl‘ (oder auch „Quadratzahl‘‘) besagt.? Die zunächst
bestimmte Zeiten des Aussetzens mit dieser oder jener Art von Speise oder "Trank,
rätselhafte Gleichsetzung der Gerechtigkeit. mit der Quadratzahl ermöglicht es
endlich auch für wissenschaftliche Methoden der Zubereitung Sorge trugen. Für
also dem Pythagoras, das metaphysische Wesen des Rechts in einem kurzen Ausihre seelenärztliche Autorität auf dem Gebiete der Musik ist die Beziehung zu
druck zu verdichten und somit auf philosophische Weise etwas Ähnliches zu tun
Apollon als dem göttlichen Meister der Lyra offenkundig (vgl. besonders Pindars
wie in unphilosophischer Irrationalität die Pythia, wenn sie die gerechte Lösung
1. Pythische Ode?). Die Schönheit der Harmonien, die der von Apollon begeisterte
eines einzelnen praktischen Problems in einen Orakelspruch zusammendrängt.
Sanger kraft irrationalen Könnens hervorbringt, erzeugt methodisch mit Hilfe
Wenn Aristoxenos von Tarent uns berichtet, Pythagoras habe seine ethischen
der Mathematik der weiss Proportionenkenner und wird dadurch zum Vater der
Lehren von der ,,Themistokleia in Delphi‘ übernommen *, so ist daran nur soviel
Musik wissenschaft und der aus ihr entspringenden Kräfte der Reinigung, Verunbestreitbar, daß er den älteren, unphilosophischen Apollinismus an Ort und
söhntung, Befreundung. Denn daß musikalische Schönheit soelenentsühnend wirke,
Stelle studiert haben muß, um ihn durch seine neue philosophische Semantik der
war dem Pythagoras wie übrigens der gesamten auf ihn folgenden antiken Musik-
Zahlensprache zu überbieten. Auch das war apollinische Frömmigkeit, doch nun
theorie, gewiß. Entsprechend dem weiten antiken Begriff vou, musikó” bezogen
die Pythagoreer die Dichtung mit ein, Wörtliehe Zitate aus Homer und Hesiod
wurden in der Absicht auf Seelenheilung verwendet*; offensichtlich also ist an
she Wirkung des Rbythmus als des am ehesten arithmetisierbaren Elements der
Poesie und Musik gedacht.
t Aristoxenos ed. Wehrli fr. 26,
* Vorsokr. 58 D 1 (467, 7).
* Jamblichos, Vita Pythagorae, 164, Vorsokr. 58 D 1.
'
Aristoteles, Magna Moralia p. 1182 a 14. Zur Frage der Echtheit der Magna Moralia vyl.
jetzt 1. Dirlmeiers Kommentar zu seiner Übersetzung, Berlin 1958, besonders 8. 147.
3 Aristoteles Nikomachische Ethik 5, 8, p. 1132 b 21f.
2 Vgl.
R. Schottlaender, Apollon und Pythugoras, Ztschr. f. philosoph.
Forschung
10
(1956) 337, und danach Dirlmeier zustimmend a. a. O. 160. — H. Frankel weist darauf
hin, daß dio pythagoreische Identifikation des Quadrats mit der Gerechtigke noch heute
in dem englischen Ausdruck “a square deal" fortlebt (D. u. Ph. 359).
* Fr. 15 Wehrli.
Page 7
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)V. Dio Matdeokung dor universellen Borochenburkeit,
mit dem Ergebnis, dal sich daraus die Prinzip
ien der Rechtswissenschaft ableiten
ließen. Man begreift hiernach,
Magna Moralia den
warum Aristoteles an der genannten Stelle
der
Pythagoras als den ersten
von ihm für nennenswert gehaltenen Ethiker und Rechtsphilosophen einführt
. Gerechtigkeit fungiert als ein
Wesensbestandteil der Vertrauenswúrdigkeit bereits in
den kleineren Kreisen der
Familie und Kreundschaft, mehr aber noch in den
größeren der Gesellschaft und
des Stuates. Hat man das intensive Verständnis des Wesens
der Gerechtigkeit in
einem Symbol der Zahlensprache auf eine unvergeßbar knappe
Forme! gebracht
so ist damit auch dem sozialen und politischen Vertrauen ein
Dienst. rin,
der jene irrationale Vertrauenserzeugung, wie sie einem treflend
en Spruch dor
Pythia zu verdanken war, um soviel übertrifft wie
die Rechtswissenschaft die
einzelne Rechtsfindung. -- Man kann an diesem
Beispiel recht gut zeigen
wo eigentlich die Entdeckung der semantischen Mittlers
chaft der Zahlen zum
Zublenfetischismus ontartet. Es kommt. nämlich gar nicht
darauf an, gerade die
Zabl vier als Symbol der Gerechtigkeit zu nehmen,
woraus das vulsàrpythagoreische Schwärmen für die »heilige VierzahlTM (Vetrakty
s) schließlich ein Sektenerfordernis macht. Es könnte ja jede andere Quadratzahi ebensogut
sein. Wesent.
lieh ist nur, daß der einfache arithmetische Begrilf
der zweiten Potenz dazu
dient, das schwierige Verhältnis des Ausgleichs zwischen
áquivalenten Tat- und
Leidensquanten für das Gedáchtuis zu fixieren. —
Dio Orakel sind teils zeitlos gültig, teils prophezeien sie die
nrithmetischen Symbolisierung der Gerechtigkeit nun
Zukunft. Von der
führt ein direkter Weg zur
pythagoreisch-neuapollinisehen Form der rationale
n Prophetie. Unter dem Wust.
von Wundergeschichten über die Schergahe des Pythagoras
findet. sich eine sehr
nuchterne und glaubhafte Mitteilung: seine Übersied
lung von
Kroton nach Metapontion habe er, schon in hohem Alter stehend,
damit begründet, daß er einen
Aufruhr in Kroton voraussehe. Dieser Bürgerkrieg, der
dann auch wirklich eintrat, sei das Werk eines tyrannischen Frevlers Kylon gewesen,
der verlangt habe
iu den Bund der Freunde des Pythagoras aufgenommen zu werden,
olpeicatos
aber zum grimmigsten Peind der Pythagorece geworden
sei.
Der ‘Tyrann, der
mehr begehrt, als ihm zukommt, und dann das Nichtgewährte
denen, rath, dic
es verdientermaßen
besitzen
-
er ist der Stórer jenes „Ausgleichs“, der von
Pythagoras als das Wesen der Gerechtigkeit. erkannt. und
im Symbol der «Quadratzahl” ausgesprochen worden war. Wer da sieht, daß in einer
Gesellschaft den
ntitzlichen, aber auch den schädlichen Gliedern für ihr Fun
tit Gleichen
und Lassen nicht mehr
vergolten wird, der kann auch den revolutionären
Zwist voraussehen, zu dem es bei dauernd gestórter Gerechtigkeit einmal kommen
muß. Sa
hat die Kinsieht, die sich zu dem neuapollinischen Spruch
„Das Gerechte ist die
Quadratzahl“ verdichtet, unmittelbar zur Folge die politische
Voraussage, welche
die Möglichkeit der Vorbeugung in sich enthält, ganz im
!
Fr. 18 Wehrli.
Sinne der „übelabwehren-
31
den“ Grundkraft des Gottes Apollon. Autorität und Vertrauen also, die seit Jahrhunderten dem Heiligtum in Delphi zugewachsen waren, sind nunmehr auch dem
apollinischen Arithmetiker gewiß. „Heiland“ ist schon der Gott selbst; als eine
Heilandsgestalt erschien auch Pythagoras und deswegen als Apollons Sohn oder
Inkarnation. Seine Verehrer formulierten diesen Eindruck so: er stelle zwischen
Gott und Mensch eine dritte Art von vernunftbegabten Wesen dar (offenbar einen
Halbgott oder Gottmenschen).!
Daß in allen echt pythagoreischon Betätigungen, so verschieden sio im übrigen
sein mögen, das intensive Verständnis durchwog vorherrscht, läßt sich ablesen
an der Bedeutung, die Pythagoras dem schweigenden Zuhören beimaß. Aufmerksames Lauschon muß beim musischen ebenso wie beim mathematischen Aufnehmen der Eindrücke gewährleistet sein. Immerhin wechselt der Musiker zwischen dem Still- und dem Lautsein, dem Hören und dem Singen periodisch ab.
Das mathomatische Lornen aber kann zu einem Maximum des schweigenden Verstehens gesteigert werden. Das also, was schon in der Hingabe an die apollinische
Musik geschah: das Verweilen in selbst vergessener Gespanntheit, wird in der damit
einhergehenden jahrelangen mathematischen Unterweisung vollends zur festen
Gewohnheit, die den Menschen für immer prägt. Es geschah das Erstaunliche,
daß inmitten des redefreudigen Griechenvolkes einem erlesenen Kreise das schweigende Lernen auferlegt. und von einer intellektuellen Elite freiwillig innogehalten
wurde. Doch wurde bei den Pythagoreern das Schweigen hauptsächlich des Zuhérens wegen eingeschärft und schloß keineswogs den Verzieht auf Beredsanikeit
ein. Diese wird vielmehr als eine Frucht pythagoreischer Erziehung gerühmt, beispielsweise bei dem Thebaner Epaminondas, der als ein Schüler des Lysis vor
‘l'arent, eines der letzten Altpythagoreer, die Fähigkeiten erwarb, die ihn in eine:
großen Rede Griechenland zum Freiheitskampf gegen die spartanische Tyrannei
begeistern ließen. Man hat von dieser Rede gesagt, sie habe zu dem Sieg, der sich:
an den Namen Leuktra knüpft, die erste, unblutige Hälfte beigesteuert. Es ist
derselbe Epaminondas, dem sein Biograph Cornelius Nepos bezeugt, er habe gan:
besonders die Fähigkeit. besessen, still zuzuhören und im Zuhören auch das Frem
deste und Schwierigste zu verstehen.?
Wie das intensive Verstehen das Schweigen zur Voraussetzung hat, so hat er
das Behalten im Gedächtnis zur Folge. Die Sorge für das Gedächtnis: das de
Herzens nicht minder als das des Kopfes, ist wiederum ein apollinischer Zug ai
Pythagoras. Denn die Musen, die ja unter der Führung Apollons stehen, gelteı
zugleich, wie der Athener Solon es uns durch eine Anrufung verrät?, als 'Töchte:
der Göttin „Krinnerung‘“ (Mnemosyne). Die Vorstellung von einer übermensch
lichen Gedächtniskraft des Pythagoras führte dazu, ihm die Selbstgleichsetzun;
mit längst, verstorbenen Geistesheroen zuzuschreiben, deren Seele durch Seelen
! Vgl. Aristoteles fr. 187 (Bekker- Rose).
2 Nepos, Epaminondas 2, 2. 3, 2. (ed. Halm-Fleckeisen 56f.).
3 Fr. 12 ed. Hiller-Crusius.
Page 8
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Berechenbarkeil
Pythagoras als Neuapolliniker
init dem Ergebnis, daß sich daraus die Prinzipien der Rechtswissenschaft
heben,
Man
begreift hiernach,
Magna Moralia den
39
ableiten
den” Grundkraft des Gottes Apollon. Autorität und Vertrauen also, die seit Jahrwarum Aristoteles an der genannten Stelle der
hunderten dem fleiligtum in Delphi zugewachsen waren, sind nunmehr auch dem
Pythagoras als den ersten
von ihm
für nennenswert gohaltonen Ethiker und Rechtsphilosophen einführt. Gerechtig
keit fungiert als ein
Wesensbestandteil der Vertrauenswürdigkeit bereits in den kleineren
Kreisen der
Familie und Freundschaft, mohr aber noch in den größeren der
Gesellschaft und
des Stantos. Hat man das intonsive Verständnis des
Wesens der Gerechtigkeit in
einem Symbol der Zahlensprache auf eine unvergeBbar knappe
Porinel gebracht,
so ist damit auch dem sozialen und politischen Vertrauen
ein Dienst erwiesen,
der jene irrationale Vertrauenserzeugung, wie sie einem
treffenden Spruch der
Pythia zu verdanken war, um soviel übertrifft wie die
Rechtswissenschaft die
einzelne Rechtsfindung. — Man kann an diesem Beispiel
recht gut zeigen,
wo eigentlich die Entdeckung der semantischen Mittlersch
aft der Zahlen zum
Zahlenfetischisnius entartet. Ks kommt nämlich gar nicht darauf
apollinischon Arithmetiker gewiß. „Heiland“ ist sohon der Gott selbst; als vino
Heilandsgestalt orschien auch Pythagoras und deswogen als Apollons Sohn oder
Inkarnation. Seine Verchrer formulierten diesen Eindruck so: er stelle zwischen
dott und Mensch eine dritte Art von vernunftbegabten Wesen dar (offenbar einen
Halbgott oder Gottimenschen).!
Daß in allen echt pythagoreischen Betätigungen, so verschieden sie im übrigen
sein mögen, das intensive Verständnis durchweg vorherrscht, läßt sich ablesen
an der Bedeutung, die Pythagoras dem schweigenden Zuhören beimaß. Aufmerksames Lauschen muß beim musischen ebenso wie beim mathematischen Aufnehmen der Kindrücke gewährleistet sein. Immerhin wochselt der Musiker zwischen dem Still- und dem Lautsein, dem Hören und dem Singen periodisch ab.
an, gerade die
Das mathematische Lernen aber kann zu einem Maximum des schweigenden Verworaus das vulgärpythestehens gesteigert. werden. Das also, was schon in der Hingabe an die apollinische
gorcische Schwärmen für die „heilige Vierzahl“ (Tetraktys) schließlich
ein Sektonerfordernis macht. Es könnte
ja jede andere Quadratzahl ebensogut sein. Wesenteinhergehenden jahrelangen mathematischen Unterweisung vollends zur festen
Zuhl
vier als Symbol der Gerechtigkeit zu
nehmen,
Heh ist nur, daB der einfache arithmetische Begriff
der zweiten Potenz dazu
dient, das schwierige Verhältnis des Ausgleichs zwischen
äquivalenten ‘Pat. und
Ledensquanten für das Gedächtnis zu fixieren.
—
Dio Orakel sind teils zeitlos gültig, teils prophezeien sie
die Zukunft. Von der
arithmetischen Symbolisierung der Gerechtigkeit nun führt
ein direkter Weg zur
pythagoreisch-neuapollinischen Form der rationalen Prophetic.
Unter dem Wust.
von Wundergeschichtan über die Sehergabe des Pythagoras
findet sich eine sehr
nichterne und glaubhafte Mitteilung: seine Übersiedlung von
Kroton nach Metapoution habe er, schon in hohem Alter stehend, damit. begründet,
daß er einen
Aufruhr in Kroton voraussehe, Dieser Bürgerkrieg, der dann auch
wirklich eintrat, sei das Werk eines tyrannischen Prevlers Kylon gewesen,
der verlangt habe,
in deu Bund der Freunde des Pythagoras aufgenommen zu werden,
abgewiesen
aber zum grimmigsten
Feind der Pythagoreer geworden seit
Der Tyrann, der
Wehr begehrt, als ihm zukommt, und dann das Nichtgewährte lane
eel, die
es
verdientermaßen
besitzen
er ist der Stórer jones
„Ausgleichs,
der
Musik geschah : das Verweilen in selbstvergessener Gespanntheit, wird in der damit.
Gewohnheit, die den Menschen für immer prägt. Es geschah das Erstaunliche,
daß inmitten des redefreudigen Griechenvolkes einem erlesenen Kreise das sch weigende Lernen auferlegt und von einer intellektuellen Elite freiwillig innegehalten
wurde. Doch wurde bei den Pythagoreern das Schweigen hauptsächlich des Zuhörens wegen eingeschärft und schloß keineswegs den Verzicht auf Beredsamkeit
ein. Diese wird vielmehr als eine Frucht pythagoreischer Erziehung gerühmt, beispielsweise bei dem ‘Thebaner Epaminondas, der als ein Schüler des Lysis von
Tarent, eines der letzten Altpythagoreer, die Fähigkeiten erwarb, die ihn in einer
großen Rodo Griechenland zum Freiheitskampf gegen die spartanische Cyrannoi
begeistern ließen.
Man hat von dieser Rede gesagt, sie habe zu dem Sieg, der sich
an den Namen Leuktra knüpft, die erste, unblutige Hälfte beigesteuert. Es ist.
derselbe Epaminondas, dom sein Biograph Cornelius Nopos bezeugt, or habe ganz
besonders die Fähigkeit besessen, still zuzuhören und im Zuhören auch das Fromdeste und Schwierigste zu verstehen.?
von
Wie das intensivo Verstehen das Schweigen zur Voraussetzung hat, so hat es
Symbolder ‚Quadrat
das Behalten im Gedächtnis zur Folge. Die Sorge für das Gedächtnis: das des
zahl” ausgesprochen worden war. Wer da sieht, daß in
einer Gesellschaft den
nützliehen, aber auch den schädlichen Gliedern für ihr Tun und
Lassen nicht mehr
mit Gleichem vergolten wird, der kann auch den revolutio
nären Zwist voraus-
Pythagoras. Denn die Musen, die ja unter der Führung Apollons stehen, gelten
Pythagoras
als das Wesen der Gerechtigkeit erkannt und im
sehen, zu dem es bei dauernd gestörter Gerechtigkeit einmal kommen
muß. So
bat die Eiusieht, die sich zu dem neuapollinischen Spruch „Das Gereehte
ist die
Quadratzahl” verdiehtet, unmittelbar zur Kolge die politische Voraussage
, welche
die Mögliehkeit der Vorbeugung in sich enthält, ganz im Sinne der
Herzens nicht minder als das des Kopfes, ist wiederum ein apollinischer Zug an
zugleich, wie der Athener Solon es uns durch eine Anrufung verrät?, als Töchter
der Göttin „Erinnerung“ (Mnemosyne). Die Vorstellung von einer übermenschlichen Gedächtniskraft des Pythagoras führte dazu, ihm die Selbstgleichsetzung
mit längst verstorbenen Geistesheroen zuzuschreiben, deren Seele durch Seelen-
„übelabwehren'
!
kr. 18 Wehrli.
Vgl. Aristoteles fr. 187 (Bekker- Rose).
* Nepos, Epaminondas 2, 2. 3, 2. (ed. Halm-Fleckeisen 56f.).
3 Fr. 12 ed. Hiller-Crusius.
Page 9
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)* wanderung auf ihn übergegangen sei. In diesem Sinne versteht Kia pedokles die
pythagoreische Seelenwanderungslehre
(31 B 129.
s.u 8.67).
41
Pythagoras als Nouapolliniker
Das Gedächtnis
* für das Begriffene, für das mit Kopf und [Herz voll ErfaBte folgt notwendig der
Aufmerksamkeit, der selbstvergessenen Hingabe an die jeweilige Sache oder Aufgabe. Man kann geradezu von einem pythagoreischen Kult des Gedächtnisses
sprechen. Die Pythagoreer pllegten die Krinnerung besonders in der Form der
Selbstbesinnung und rückschauenden Prüfung: „Worin hab’ ich gefehlt.? was hab’
den Krieg wagten und gewannen. Es ist cinleuchtend, daß einem Manno, dor sich
in einem geschichtlich hochkritischen Augonblick mit einer so echt väterlichen
Entschiedenheit fiir den Schutz der Schwachen einsetzte und dadurch sogar den
Sieg herbeiführte, die Eltern gern ihre Kinder anvertrauten.!
Vielleicht der folgenreichste Zug in den mannigfachen Einflüssen, die von
Pythagoras ausgingen, ist die neuartige Bezichung zwischen Wissenschaft und
Freundschaft. Die freundschaftliche Seelenverbindung erlebt der Pythagoreer am
ich getan? welche Pflicht. blieb mir unerfiillt?", so lautete der Spruch, mit dem sie
überzeugendsten im gemeinschaftlichen Vollzuge mathematischen Erkennen». Niesich ständig mabnten. Also: eine methodiseh durchgeführte Gewissenhaftigkeit,
mals sind wir so gewiß, daB wir einander verstehen, daß wir etwas bis zur Ununterdie sieh Schritt für Schritt rückwärts auf die Begegnungen, Handlungen une
schiedenheit miteinander gemein haben, wie wenn wir, der eine lehrend, der andere
Unterlassungen erstreckte!
hérond, einen mathematischen Lohrsatz als strong bewivsen einsehen. Wenn wir
als Naturschwärmer zum Himmel aufblicken, may der eine dies, der andere jones
dabei fühlen; wenn wir aber mathematische Himmelskunde treiben, so wissen
So kommt es, daB Pythagoras auch zum Begründer der Pädagogik wird. Auf
der Suche nach Beispielen für äußerste Absurdität greift Plutarch einmal (in der
Schrift gegen Epikurs Wahlspruch „Lebe im verborgenen!) zu der
Fiktion, es
könnte jemand wohl gar befehlen: „Pythagoras, erziehe nicht! Sokrates, führe
keine Gespräche!"2 Hier gilt also dus Paideutische als ebenso tief im Wesen des
Pythagoras wurzelnd wie das Dialogische im Wesen des Sokrates. In der Tat ist
Pythagoras als Ahnherr jeglicher Brziehungswissenschaft (einschließlich der Pheowir, daß wir genau dasselbe meinen. Darum ist die gemeinsam betriebene rationale
Musiktheorie, die gemeinsam betriebene Arithmetik, Geometrie und Astronomie
der beste Nährboden der Eintracht und damit der Kreundschuft. Was sollte Menschen trennen können, die ständig diese Tätigkeiten und die ungezwungen damit einhergehenden Freuden gemeinschaftlich erleben! Mathematik und Lebensgriechische Ileerkönig angetan hat, mit stärkstem Erfolg die Hilfe und Rache des
gemeinschaft zusammen ergeben Eintracht; darum ist diese Verbindung von so
großer, auch und vor allem politischer Bedeutung. Und hieraus erklärt es sich,
daß Pythagoras und seine Freunde jahrzehntelang eine führende Gruppe im politischen Leben Unteritaliens darstellten — solange, wie es bei dem ihnen eigentümlichen Gehaben dor spréden Gowaltlosigkeit® überhaupt möglich war. Aber
selbst nach Zersprongung des Bundes übten noch einzelne Pythagoreor politische
Macht aus; wohl der bedeutendste war Archytas von Tarent, Platons Zeitgenosse
und Freund, von dem das Wort. berichtet wird®: und läge der ganze Himmel vor
seinen Blicken, so würde ihm das keine Freude machen, wenn er nicht einen Freund
Gottes anruft.3 Als Beschützer erscheint Apollon auch in den „Kumeniden‘ des
dabei hätte, mit dem zusammen er Astronomie treiben könnte.*
rie der Krwachsenenbildung) anzusehen, und die Urheberschaft gerade hieran
Bt sich besonders leicht und sicher auf die Apollonfrómmigkeit zurückführen.
Apollon wirkt durch sein Orakel in Delphi wie ein väterlicher Ratgeber der hellenischen Gesamtnation. Wie Kinder, die nieht. weiter wissen, kommen aus Criechenland und bald auch nus nichtgriechischen Ländern die Menschen mit ihren Fragen
zu iban. Apollon ist Übelabwehrer auch insofern, als er dio Schwächeren in Schutz
nimmt gegen die Angreifer und Frevler. Damit beginnt schon die Hias, in deren
Anfang der Apollonpriester Chryses gegen das Unrecht, das ihm der gewaltige
Aischylos, wo er dem von den Furien verfolgten Orestes Zuflucht gewährt: „Ich
gebe dich nicht preis“ lautet sein tröstliches Wort4; und so wird er ihn denn vor
dem Gericht der Göttin
Athena verteidigen.
In gleicher Weise betätigte sich
Pythagoras. Der Krieg der Krotoniaten gegen die Sybariten nämlich wird von
dem Historiker Diodoros darauf zurückgeführt, daß Pythagoras in einem Augenblick, als die Leute von Kroton schon bereit waren, dem übermüchtigen Telys
von Sybaris die zu ihnen geflüehteten Gegner dieses Tyraunen auszuliefern, eingegriffen habe mit dem Rat, die Sehutzflehenden zu retten: hierdurch habe er
dio Wendung herbeigeführt, daß die Krotoniaten gegen eine dreifache Übermacht.
!
Vorsokr. 68 1) 1.
* Moralia, De latenter vivendo 1128 F (ed. Pohlenz-Westman, Leipzig 1959, VI 2, S. 218,
11f.).
3 1, 4711.
% Eumeniden 64.
! Vorsokr. 14, 14 (4), vgl. Isokrates Busiris 24.
2 Hierfür ist besonders charakteristisch der authentische Bericht des Aristoxenos über dus
Preundespaar Phintias und Damon. Von dieser auf den Tyrannon Dionysios den Jüngeren zurückgehenden Erzählung weicht die Umgestaltung in Schillers „Bürgschaft!“ in
entscheidenden Punkten ab (vgl. Aristoxenos ed. W., fr. 31). Näheres bei R. Schottlaender,
‘Theorie dos Vertrauens, Berlin 1957, 106f.
In Ciooros Dialog Laellus (Dv umioitie) 23, BB.
wv- Zum Abschnitt Vb im ganzen vgl. KR. Sohottlaonder 98-- 107 und die 8.3% in Anm. 3
genannte Abhandlung.
iy. FR netti
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