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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Summen, o:
Venn \
GRIECHISCHE
RELIGIONSPHILOSOPHIE
VON
OTTO GILBERT
m
LEIPZIG
VERLAG VON WILHELM ENGELMANN
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Drittes Kapitel.
Der Gegensatz monistischer und dualistischer Lehre.
Der alte und ursprüngliche Pythagoreismus, wie ich ihn
im vorigen Kapitel zu zeichnen versucht habe, ist deshalb von
so groBer Wichtigkeit, weil er der Grund geworden und geblieben
ist, von dem aus sich die dualistische Weltanschauung weiter
entwickelt hat. Die Form selbst, in der wir die pythagoreische
Lehre kennen gelernt haben, ist nur vorübergehend gewesen.
Die Weltkonzeption, wie sie Pythagoras erfaßt hatte, war zu
kühn, um allgemeine Anerkennung und Annahme zu finden.
Es war vor allem der monistische Gedanke, der sich der pythagoreischen Weltanschauung widersetzte. Se sehen wir denn
die alte Lehre des Pythagoras allmählich Formen annehmen,
die sie der einheitlichen Auffassung der Welt näher und näher
brachte.
Es sind besonders drei Momente, die hier zu erwahnen
sind’). Zunächst ist die gestaltlose Materie, die in der Auffassung
1) Die völlige Vermischung der pythagoreischen Lehre mit der heraklitschstoischen Weltanschauung weist schon die von Alexander Polyhistor Diog. 8, 24 ff.
mitgeteilte Form auf. Aber schon Platos Philebus und Timaeus zeigen, daß der
Pythagoreismus, der in diesen Schriften seinen Ausdruck findet, bereits damals eine
durchaus monistische Tendenz hatte. Bei Diog. a. a. O. geht aus der uovdç die
Aöpıotog dvds (als 6An) hervor; aus der Verbindung beider entstehen die dprOpol,
aus diesen die oxhpata, aus diesen die Körper, die sich nach den vier Elementen
scheiden und aus ihren Wandlungen den x6ouog Euwuxog voepôs erzeugen, dessen
Mittelpunkt die Erde ist. Den Standpunkt, daß auch das &rreipov aus der einheitlichen
Gottheit hervorgeht, vertreten auch — um nur einige Namen anzuführen — Eudorus
Simplic. quo. 181, 10ff. kata tov d&vwtdtw Adyov — Td Ev âpxiv TÜV ndvrwv,
xata dè tov bebtepov Adyov bho àpxdç — TÓ Te Ev Kal Thy évavriav toUTW pbo
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Pythagoreische und Ionische Weltanschauung.
des Pythagoras einen durchaus selbständigen, von der Gottheit
unabhängigen Charakter trug, in ihrem Ursprunge auf die letztere
zurückgeführt, so daB die Gottheit als das schlechthinige Eine,
der letzte Urgrund allen Weltgeschehens wird. Diese Zurückführung des Apeiron auf die Gottheit vollzog sich um so leichter,
nachdem dasselbe zur Zweiheit, zur Dyas, gemacht war, die
sich, wie selbstverständlich, aus der Einheit entwickelt. So geht
nun aus dem Eins, als dem göttlichen Prinzip, zunächst die
Materie selbst, als die Zwei hervor, um dann durch die göttlichen
Formen ihre weitere Ausgestaltung zu erfabren’). Ist in dieser
Umwandlung der alten Lehre zweifellos der Einfluß des ionischen
Monismus zu erkennen, wie derselbe durch Heraklit seine
vollendetste Form erhalten hatte, so zeigt sich diese Einwirkung
auch in einem zweiten Momente: der Rückkehr zum geozentrischen
Standpunkte. Es sind nur einige auserwählte Geister, die an der
Erdbewegung festhalten: im übrigen wird die Erde wieder der
feststehende Weltmittelpunkt, um den sich alles dreht. Und
endlich ist es noch ein dritter Punkt, in dem die alte Lehre
des Pythagoras der herrschenden Weltanschauung der lonier
sich anbequemen muß: es ist dieses die Lehre von der WeltHippolyt (Doxogr. 556); Epiphanius (Doxogr. 590) Oeòv Thv povdda rai diya Tabrnç
undév, wäbrend Galen in seinem Referate hist. philos. 35 (Doxogr. 618) noch den
altpythagoreischen Standpunkt vertritt. Von dem neupythagoreischem Standpunkte
aus sind dann später die Fälschungen der Schriften der alten Pythagoreer vorgenommen.
Demascius, Proklus, Syrian (Schol. Berol. V, p. 925f.) u, a. lassen demgemäß die
alten pythagoreischen Schriften des Philolaos, Archytas u. a. schon die Ansicht vertreten, daß mpd TWV dbo dpxidv (des nepas und Anerpov) fh éviala aitia existiert.
Doch haben wir gesehen (vgl. o. S. 86), daß auch zu Proklus Zeit noch ungefälschte
Exemplare des Philolaos vorhanden waren.
1) Theon expos. rer. math. (ed. Hiller, p. 20, 5fl.) deutet drei verschiedene
Auffassungen der Zahl an: 1. ol uèv Öotepov unterscheiden prinzipiell uovdç und
duds, indentifizierten also jene mit dem wepittév, diese mit dem &ptiov; 2. of and
Tlu@aydpou gaben jeder Zahl, als povdc, einen selbständigen Wert; die Vertreter
dieser Ansicht, die sich als die eigentlichen Pythagoreer betrachtet zu haben scheinen,
21ff., als of mAeioror bezeichnet, mußten dann das Ev als npWrn movds von den
andern Zahlen unterscheiden; so Eurytos Theophr. Metaph. 11 öde uèv âv@pdrrou
& ApiOpdc, Se de frou, öde D &AAou tivds turxdvet; andere Beispiele Aristot.
985-29; 10785 a2; 10925 8; 1093 14; 3. (12 ff.) of dé setzten Ev und povdc
gleich, so Philolaos und Archytas. Die letztere Auffassung erscheint damit als die
ursprüngliche Lehre. Es ist aber schwer, hierin grundsätzlich verschiedene Auffassungen
festzustellen.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Bedingter Sieg der Ionier.
seele. Auch diese Lebre sahen wir schon von Heraklit vertreten.
Und in der Tat diirfen wir die ganze Umgestaltung der altpythagoreischen Lehre auf die zwingende Gewalt der ionischen,
speziell der Heraklitschen Weltanschauung zurückführen, welche
die Geister in ihren Bann zwang und welche der pythagoreischen
Weltbetrachtung ihre dualistische Spitze abbrach, um sie in den
Strom ihrer eigenen monistischen Auffassung hinüberzuleiten.
Aber die pythagoreische Spekulation ist nicht vergeblich
gewesen. Der Gedanke, daß es die Form ist, welche den Dingen
ihren Wert verleiht, indem sie dieselben zu originalen und
charaktervollen Individualitäten prägt, ist die bleibende Wahrheit
der pythagoreischen Lehre. Freilich entspricht diepythagoreische
Definition der Form nicht dem Standpunkte heutigen wissenschaftlichen Denkens. Die Form ist nicht eine aus der Sammlung
von Einzelbestimmtheiten des Dings im Geiste sich vollziehende
einheitliche Ordnung: sondern der selbständige, von der Materie
als solcher unabhängige Seinsfaktor. Sie beruht also für die
Pythagoreer nicht auf einer bloßen Verstandesoperation, sondern
ist das objektiv gegebene Resultat der Wirksamkeit einer
besonderen Formsubstanz, welche, schaffend und gestaltend, in
lebensvoller Aktivität am Stoffe, als der passiven Masse, sich
tätig erweist. Aber gerade in dieser Auffassung der Form als
eines selbständigen Bildungsfaktors hat die pythagoreische Lehre
so bedeutsam auf die Spekulation der folgenden Geschlechter
eingewirkt. Und die Bedeutung dieser Erkenntnis von der
Wichtigkeit der Form wird auch nicht dadurch herabgesetzt,
daß die späteren Pythagoreer diesen Gedanken überspannt und
zu Tode gehetzt haben. Denn sie haben den tiefen Sinn, den
derselbe enthält, immer mehr in Äußerlichkeiten verkehrt; sie
haben die bedeutungsvolle Form zur nichtssagenden Formel
erniedrigt; sie haben so die geniale Idee in den Schmutz der
Karikatur gezogen!).
Ionier und Pythagoreer sind die Begründer der griechischen
Spekulation. Alle spätere Forschung, auch in ihren größten
1) Hierher rechne ich besonders die Zahlenspielereien. Ein Beispiel dieser
der Name des Pythagoras über den Wolfg. Schultz Arch. f. Gesch. d. Philos.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Begründer der griechischen Spekulation.
Geistern, hat auf dem Grunde, den jene Männer gelegt, weiter
gebaut. Die Ionier als die Vertreter monistischer Weltanschauung,
die Pythagoreer als die Träger des dualistischen Gedankens
haben damit diesem Gegensatz monistischen und dualistischen
Denkens, welcher fortan alle Spekulation beherrscht, der Weltarena übergeben. Gemeinsam ist beiden der Gedanke, daß
allem Wandel der Erscheinungswelt ein Bleibendes, allem Werden
der Materie ein Sein zugrunde liegen müsse, welches als das
göttliche den höchsten Rang unter den Weltfaktoren beanspruchen
darf. Für die Ionier war dieses Eine Bleibende und Seiende
in der Materie selbst gegeben, für die Pythagoreer war es ein
räumlich und inhaltlich Getrenntes, welches erst im Laufe der
Weltevolution an die Materie herantritt. Für die Ionier war
deshalb die Bewegung, als das Prinzip der Entwicklung, dem
Stoffe inhärent: für die Pythagoreer liegt der Ausgang aller
Evolution in der von außen an den Stoff herantretenden Form.
Hier ist aber zu unterscheiden. Die pythagoreische Materie,
das Apeiron, ist nicht als die völlig leblose starre Masse aufzufassen; sie ist im Gegenteile als der bewegte, aber als der
ohne Maß und Ziel hin und her wogende ungeschiedene Stoff
zu denken!). Ihr tritt die Form entgegen, der in gleicher Weise’
Bewegung und Stabilität zukommt. Denn als Bewegung bringt
sie den Kosmos in seiner Gesamtheit zum ordnungsmäßigen
‚Kreisen, wie sie zugleich den Stoff ziel- und zweckvoll gestaltet;
als Stabilitätsprinzip ferner schafft sie die ruhelos und ziellos
fluktuierende Stoffmasse in die Bestimmtheiten der Einzeldinge
um, indem sie die, aller Stetigkeit und allem Maße widerstrebenden Stoffteile mit den Banden ihrer Einzelformen umschließt und sie in die Beständigkeit individueller Gestalten
zwingt. Es bleiben eben beide Prinzipien auch in der Bewegung
ihrem ursprünglichen Charakter treu: die Materie maBlos und
gestaltungslos auf und niederwogend, die Form überall Grenzen
und Ziele, Maße und Bestimmtheiten setzend.
1) Daher nach Eudemus bei Simplic. quo. 431, 13 die Pythagoreer Tò Aöpıorov
(d. h. das &rreipov) Emil Tv xivnow émpépouaiv, während die efdn allgemein Aristot.
988b 3 dxivnolas alma. Daß anderseits die Gottheit des mépac die Kreisbewegung
des Kosmos hervorbringt, ist oben S. 111 dargelegt. Allgemein Porphyr. v. P. 38
die uovdç das Toov und uévov, die budç das Avıcov Kal mepipepès Kal pepôuevov.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Gegenseitige Beeinflussung.
Ionien ist die Heimat beider gegensätzlichen Weltanschauungen. Aufionischem Boden ist der Baum der Spekulation
erwachsen, der sich in die beiden Äste spaltet, deren einer sich
zur monistischen, deren anderer sich zur dualistischen Weltauffassung entwickelt. Der gemeinsame Ursprung beider bleibt
in vielen Einzellehren bewahrt. So gebt der Begriff der Welteinheit, mag diese Einheit nun mehr im Stoffe, oder mehr in
der Form gefunden werden; es geht ferner der Begriff des
Apeiron als der unentwickelten Materie; des Kosmos, als der
auf Evolution beruhenden Weltgestaltung, aus der älteren
ionischen Vorstellung in den pythagoreischen Gedankenkreis
über. Der ionischen Lehre ist auch die Idee von der Wiedergeburt aller Dinge entnommen, wenn dieselbe auch im pythagoreischen Dogma eine originale Gestaltung erfährt!). Anderseits
aber hat wieder die ionische Spekulation reiche Anregung von
der pythagoreischen erfahren, und es ist bier speziell Heraklit,
der von Pythagoras eine Reihe bahnbrechender Gedanken übernommen und damit der ionischen Weltanschauung den krönenden
Abschluß gegeben hat. Denn die Gotteskraft, welche die Welt
und die Dinge gestaltet, ist für Pythagoras sowohl wie für
Heraklit wesentlich dieselbe: nur daß jener die lebendige Energie
des Wärmeprinzips selbständig der Materie gegenüberstellt;
dieser sie als die höchste und vollkommenste Evolutionsphase
aus der Materie selbst hervorgehen läßt. Aber für Beide ist
diese Gotteskraft nicht ein bloßer Begriff, eine Idee, ein Gebilde
des denkenden Geistes, sondern als die Feuer-, Licht- und
Wärmekraft eine materielle Substanz, wenn das Materielle an
ihr auch in feinsten, dem Auge verborgenen Atomen und Einzelenergien besteht. Und weiter trägt dieses göttliche Feuer sowohl
in Pythagoras wie in Hyraklits Auffassung insofern denselben
Charakter, als es in seiner höchsten Wesenheit unbeweglich
und unbewegt im Himmel, als den reinsten Regionen alles
Seins und Lebens, seinen Sitz hat, während es nur in Teilen
und Emanationen in die Kosmosbildung hinabsteigt, um hier
1) Das Vorgehen des Kosmos wird von Philolaos Aetius 2, 5, 3 gelehrt;
Porphyrius v. P. 19 bezeichnet die Lebre drı Kata ttepıödoug Tivdç TA Yevönevd note
nddiv yivetor (d. h. die nalıyyeveond), véov & obdev AniWc EoTt als eins der
signifikantesten Dogmen der Pythagoreer.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Transzendenz und Immanenz.
sich wirksam zu erweisen. Es bleibt nur der Unterschied der
Auffassung, daß für Pythagoras die von außen an den Stoff
herantretende Bildung der Oberflächen in Maßen und Zahlverhältnissen das entscheidende Moment ist; während Heraklit
in echt monistischer Anschauung seine göttliche Wärmesubstanz
im Innern und ausdem Innern des Stoffs heraus sich schaffend
und gestaltend betätigen läßt. Und so sind auch für Heraklit
Harmonie und Maß mit der lebendigen und vernünftigen Materie
selbst verbunden, während in Pythagoreischer Auffassung die
Gottheit an die Materie Maß und Harmonie heranbringt. Und
dem entspricht es, daß für Heraklit das Weltgesetz ein immanentes, für Pythagoras dagegen ein transzendentes ist, wenn
diese Transzendenz auch nur in der räumlichen Geschiedenheit,
nicht in der außerkosmischen Wesenheit besteht. Wie eng sich
Heraklitsche und Pythagoreische Weltanschauung berühren,
zeigt Hippasus, der zugleich Pythagoreer und Herakliteer ist').
Es sind namentlich eine Reihe von Einzellehren, welche den
inneren Zusammenhang beider Naturauffassungen klar machen.
Wir rechnen dahin die Erkenutnis von der Bedeutung der Sonne
für das kosmische Leben; die Identifizierung bestimmter einzelner
Phasen und Hypostasen des Natur- und Weltprozesses mit
Gottheiten des Volksglaubens; die Zurückführung der Seele
und ihrer Funktionen auf die materielle Gottessubstanz; endlich
die Bedeutung, die dem Begriffe, der Begriffsbildung zuteil wird.
Dieses letztere Moment bedarf einer näheren Betrachtung.
Solange es Menschen gibt, hat der Begriff eine Rolle
gespielt. Ja, man kann die Fähigkeit der Begriffsbildung geradezu
als
das
charakteristische
Moment
bezeichnen,
welches
den
Menschen über das Tier emporhebt. Auf der Schöpfung und
Formulierung von Begriffen beruht die ganze Sprachentwicklung:
der Mensch hat den Dingen und ihren Eigenschaften, er hat
den Tätigkeiten und Zuständen, er hat den Relationen und
1) Hippasus (Diels Kap. 8) wird von Aristoteles 984® 7 den Ioniern beigezählt;
dagegen Diog. 8, 84; Jamblich. v. P. 81, 88 u. o. als Pythagoreer bezeichnet. Er
scheint der erste gewesen zu sein, der pythagoreische Ideen der ionischen Lehre
vom Einheitsstoffe dienstbar zu machen suchte. Dürfen wir den Angaben trauen, so
ist er älter als Heraklit und der letztere hat danach sein Feuerprinzip als das Ev
jenem entlehnt.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das BewuBtsein unter der Herrschaft des Stoffes.
Verhältnissen der Einzeldinge und ihrer Zusammenhänge Namen
und Bezeichnungen gegeben, welche den Eindrücken, welche
die Erscheinungswelt auf ihn macht, den adäquaten sprachlichen
Ausdruck verleihen. Diese ganze Tätigkeit des Menschen, wie
sie sich in der Schöpfung der Sprache und ihrer Worte äußert,
und wie sie von der elementarsten Formung von Lauten zu
immer vollkommnerer Ausgestaltung der logischen Rede fortschreitet, ist ohne die abstrahierende, von den Einzelerscheinungen
auf das Allgemeine, schließende Tätigkeit des Geistes unverständlich. Aber es kommt hier nicht darauf an, wie wir
die Tätigkeit der Menschenvernunft — ob von evolutionistischem
oder von aprioristischem Standpunkte aus — beurteilen: es ist
allein die Auffassung der antiken Denker selbst, welche uns
hier interessiert und welche für das- Verständnis der antiken
Weltanschauung von entscheidender Bedeutung ist. Und da
ist es zweifellos, daß diese begriffsformende Tätigkeit zunächst
ganz instinktiv sich vollzogen hat, ohne daß der Mensch schon
zum Bewußtsein einer Differenz seines eigenen geistigen Schaffens
und der ihn umgebenden Welt gelangt ist. „Das Bewußtsein
steht noch unter der Herrschaft des Stoffs, der sich dem Geiste
von außen durch die Sinne, von innen durch die Mechanik der
Seele aufdrängt“'). Und in diesem instinktiven Schaffen seiner
Seele glaubt der Mensch, indem er die ihm von den Dingen
der Außenwelt gewordenen Eindrücke in ein einzelnes Wort,
einen einzigen Begriff zusammenfaßt, in ihm den adäquaten
Ausdruck des Wesens der Sache selbst zu besitzen. Aber dieses
Vertrauen auf den Begriff und auf dessen Ausdruck im Worte
birgt eine große Gefahr. Denn niemals erschöpft ein Begriff,
wie er im Worte oder in der Definition seine Prägung empfängt,
den vollen Gehalt dessen was er zum Ausdruck bringen soll;
er ist immer nur ein schwacher und einseitiger Notbehelf für
die unendliche Mannigfaltigkeit der Einzelerscheinungen selbst,
in denen sich der Begriff widerspiegelt. Und was einst als das
wesentliche eines Dings, eines Begriffs erfaßt worden ist, das
erscheint heute vielleicht als ein gleichgültiges, akzidentelles
1) Worte Steinthals in der Zeitschr. f. Völkerpsychol. 2, 280: sie haben noch
heute dieselbe Gültigkeit wie vor 50 Jahren.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Modernes und antikes Denken.
Moment, je nachdem der erstarkende Menschengeist tiefer in
das Wesen von Welt und Natur eindringt So gewiß daher
der Geist in den Anfängen der Menschheitsgeschichte anders
begrifflich definiert hat, als zur Zeit des Sokrates; und so sicher
wieder heute der philosophisch geschulte Denker andere begriffliche Bestimmungen trifft, als es nach Jahrtausenden dem
menschlichen Geiste möglich sein wird: so zweifellos ist das
Vertrauen auf die scheinbare Wahrheit des Begriffs und das
Weiterbauen auf ihm getährlich und trügerisch').
Nun ist ja die Auffassung dieser wechselnden, immer schärfer
und wissenschaftlicher sich vollziehenden Begriffsformulierungen,
als eines methodischen Fortschreitens des allmählich erstarkenden
Menschengeistes und seines logischen Denkens auf dem Wege
zur vollen Wahrheit zweifellos richtig. Die einander abwechselnden
Begriffsbestimmungen der einzelnen Objekte der Erfahrungswelt,
wie der einzelnen Fakta des kosmischen Geschehens erscheinen
so als Etappen, in denen der Menschengeist immer siegreicher
zur Wahrheit vorwärtsschreitet: bleibt die letztere vorläufig auch
in unerreichbarer Ferne, das logische Denken nähert sich ihr
doch mit jeder dieser Etappen mehr und mehr*). Aber diese
moderne Auffassung ist nicht auf das antike Denken übertragbar.
Für die antiken Denker — Xenophanes, Parmenides, Heraklit —
haben Worte, Definitionen, Begriffsbestimmungen nicht relativen,
sondern absoluten Wert. Nur in dieser Überzeugung, daß die
in Worten formulierten Begriffe in vollkommener, in absoluter
Weise den realen Gehalt von Objekten, Dingen und Tatsachen
1) So sagt Enriques, Die Probleme d. Wissensch. 17: „Wer seinen Flug in
die luftigen Höhen des Gedankens nimmt, läuft Gefahr, die Bedeutung der Worte
zu vergessen, die sinnlos werden, wenn sie aufhören die Dinge zu bezeichnen.
Wenn
man an diesem Punkte angelangt ist, dann ist nichts leichter, als formal mit den
Symbolen zu operieren, aber die Entwicklung des Gedankens — wird dann nicht
mehr gezügelt durch die konkrete Welt, der sie sich entfremdet hat.“
Nietzsche Werke
Ähnlich
10, 44ff.: „Die Worte sind nur Symbole für die Relationen der
Dinge unter einander und zu uns und berühren nirgends die absolute Wahrheit.
Durch Worte und Begriffe werden wir nie hinter die Wand der Relationen — gelangen.“
Denn „Erkenntnis und Sinn sind die widersprechendsten aller Spbären.
2) Diese Auffassung wird namentlich von Natorp vertreten, der ihr wiederholt
Ausdruck gegeben hat: ich verweise vor allem auf sein Buch: die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften.
Leipzig 1910.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Identität von Denken und Sein.
wiedergeben, findet das Hauptdogma der Eleaten, daß Denken
und Sein identisch sind, seine Erklärung. Und diese Überzeugung
von der Identität des logischen Denkens mit dem realen Sein
der Erscheinungswelt gründet sich allein auf die Identität der
Seelen — oder Vernunftsubstanz mit der Gottessubstanz. Es
ist eine und dieselbe materielle Substanz, welche als Gottesund Weltvernunft in der Ausgestaltung des Kasmos tätig ist,
und welche als Vernunftseele des einzelnen Individuum in dem
letzteren funktionell wirksam ist. Es ist demnach objektiv und
subjektiv eine und dieselbe Denkkraft, welche in der Welt und
in den Seelen sich schöpferisch erweist. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, ist die in den Seelen der Menschen
schaffende Gottesvernunft an und für sich ebenso unfehlbar,
wie es die der Weltordnung dienende göttliche Vernunft ist:
wir sahen schon, welche Bedeutung für Heraklit der Logos hat,
und wie ihm der in Worte geprägte Begriff, weil durch den
Logos selbst geschaffen, alle Geheimnisse des Daseins zu entschleiern scheint. Und dieselbe Auffassung teilt auch Pythagoras,
der in den Seelen gleichfalls die direkte Schöpfung der gôttlichen
Vernunft erkennt'). Wenn beide, Pythagoras und Heraklit, die
menschliche Vernunft nicht rein zum Ausdruck kommen lassen,
so ist daran der Widerstand der Materie schuld, und es macht
im Ergebnisse keinen Unterschied, ob Pythagoras diese feindliche
Materie prinzipiell der Gottesvernunft entgegenstellt, oder ob Heraklit diesen Widerstand aus der sich vergröbernden Einheitsmaterie
selbst herleitet. Jedenfalls stehen beide Denker auf dem Standpunkte, daB die in der Welt schöpferisch tatige Gottesvernunft
nur Gutes zu wirken fähig ist, und daß trotz aller Hemmungen
durch die Materie der. logische Gehalt aller Weltevolution in
seinem Kerne vernünftig ist. Und so ist auch die Sprache in
ihrer Gesamtheit, es sind die einzelnen Worte und Begriffe
Schöpfungen der Gottheit, und darin liegt die Kraft und der
1) So soll Hippasus die Zahl, d. b. in dieser Auffassung das göttliche Prinzip,
einerseits als napdberyua rpÜtov xooponollag und zugleich als kpıtiköv KoonoupyYod
8eo0 Spyavov bezeichnet haben, Jamblich. de an. bei Stob. 1, 49, 32 (p. 364 W);
Jamblich. in Nicom. arithm. ro. Die Seele mit ihrer Denkkraft ist eben desselben
Ursprungs wie die Weltvernunft, und eben deshalb hat sie die Fähigkeit, die Wirksamkeit der letzteren zu verstehen und kritisch zu beurteilen.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Eleatische Spekulation.
Zauber, den das einzelne Wort auszuüben vermag. So treten
die Worte den Zahlen an Bedeutung zur Seite, und wieder den
Zahlen entsprechen die Buchstaben, mit welchen die Griechen
jene bezeichneten. Denn Zahlen und Buchstaben, Worte und
Begriffe sind Realitäten, die auf die Schöpfung der Gottesvernunft zurückgehen und somit eine geheimnisvolle Kraft in
sich enthalten, die aus dem Begriffe, den sie zum Ausdruck
bringen wollen, ihren Ursprung schöpft). Das Trügerische, was
in diesem Verfahren liegt, ist den Denkern nicht zum Bewußtsein
gekommen: und so hat — um nur diese Beispiele anzuführen —
Anaximander durch sein Apeiron, Pythagoras durch sein Peras
die Welt deuten zu können geglaubt, ohne zu ahnen, welche
Rätsel sie damit allen nachfolgenden Geschlechtern aufgeben.
Dieses Vertrauen auf den Logos ist für die eleatische Spekulation
in erster Linie verhängnisvoll geworden®): sie hat in der Überzeugung, daß dem Worte und Begriffe eine unbedingte Wahrheit
innewohne, für Welt und Gottheit Deutungen schaffen zu dürfen
gewähnt, die sie in unauflösliche Widersprüche mit der Realität
der Erfahrungswelt gebracht haben. Das sehen wir zunächst
in der Lehre des Xenophanes bestätigt.
Xenophanes war aus dem ionischen Kolophon, einer
Schwester- und Nachbarstadt Milets, gebürtig und hat hier den
ersten Teil seines Lebens zugebracht. Es darf daher als selbstverständlich bezeichnet werden, daß er die Lehre der Milesier
gründlich kennen lernte, und das wird durch die Nachricht des
Theophrast bestätigt, Xenophanes sei der Schüler Anaximanders
gewesen. So knüpft die eleatische Lehre, als deren Begründer
einmütig Xenophanes bezeichnet wird, an Ionier und die ionische
Weltanschauung an: auf ionischem Boden ist neben der eigentlich
ionischen und neben der pythagoreischen auch die eleatische
1) Der Zauber beruht auf der Kraft, welche das in sollemmner Weise ausgesprochene Wort, bzw. die nachahmende Handlung als Ausdruck des ihm zugrundeliegenden Begriffs, oder als Wiederholung des betr. kosmischen Vorgangs in sich hat.
%) Dieses Vertrauen drückt sich in dem Parmenideischen Worte (Fr. 5) td
Tàp aùrò vociv (und im Begriffe dasselbe ausdrücken) éotiv te Kai elvan. Joël
nennt einmal (Zeitschr. f. Philos. 97, 169) Wissenschaft den Vermählungsprozeß des
Denkens mit der Welt. Für die Eleaten war die Wissenschaft in noch absoluterer
Weise die Identität von Denken und Welt.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das Dogma von der Einheitssubstanz.
Lehre erwachsen. Die enge Zusammengehôrigkeit der eleatischen
mit der ionischen, wie mit der pythagoreischen Lehre wird die
Betrachtung der Lehrsätze des Xenophanes selbst erweisen').
Von den älteren doniern hat Xenophanes das Dogma von
der Einheitssubstanz übernommen und diese Grundlehre steht
im Mittelpunkte aller seiner Ausführungen. Alles Sein ist seiner
Wesenheit nach Eines. Und dieses Eine ist ewig und ungeworden.
Und weiter: dieses Eine ist die Gottheit schlechthin, welche als
solche lebendig, mit Sinnen und Vernunft begabt, als einheitliche
Persönlichheit und zugleich in all ihren Teilen sieht und hort
und denkt*). Die Gottheit des Xenophanes entspricht demnach
als die Einheitssubstanz dem göttlichen Apeiron Anaximanders,
welches gleichfalls als die unveränderliche einheitliche Substanz
allen Wandlungen des Homers zugrunde liegt*). Denn auch
darin schließt sich Xenophanes eng seinem Lehrer an, daß diese
seine Einheitssubstanz an den Kosmos selbst gebunden, ihm
immanent, aufgepaßt wird.
Sie erfüllt den Kosmos, sie nimmt
selbst seine Gestalt an, sie ist also als eine körperliche, stoffliche
Wesenheit zu verstehen. Denn nur so ist die immer wiederkehrende Betonung der Gestalt der Gottheit zu erklären, welche
letztere als die nach allen Richtungen gleichmäßig gebildete,
als die kugelförmige, als die begrenzte charakterisiert wird. Eben
weil die Gottessubstanz die Kosmoskugel nach allen ihren Teilen
gleichmäßig erfüllt, wird sie selbst zur gleichgeformten Kugel.
Es ist demnach der Kosmos von einer einheitlichen Substanz,
einem substantiellen Stoffe erfüllt, welcher, materiell und körper1) Diog. 9, 21 die Worte ToDrov Oeéppaotos — ’Avakındvbpou pnolv äkoDoa,
ungeschickt den Worten Zevopdvoug biixoude Tlappevidng angefügt, können sich
nur auf Xenophanes beziehen. Über diesen vgl. Diels Kap. 11; die Dissertation
von Mavrokordatos d. Monotheismus des Xenophanes. Diss. v. Leipzig 1910 bietet
keine neuen Gesichtspunkte. Die unter des Aristoteles Namen gehende Schrift mepi
Zevopdvous, nepi Zhvwvos, mepl Topylou enthält p. 9778 12ff. in Kap. 3, 4 (mit
dem falschen Untertitel mepl Zñvwvos) sehr wichtiges Material zur Beurteilung der
Lehre des Xenophanes, welches seinem Kerne nach auf des Aristoteles Schrift npòs
ta Zevupdvous Diog. 5, 25 zurückgeht. Kap. 3 gibt den Beweisgang des X. selbst,
Kap. 4 die Kritik des Aristoteles.
%) Doch vgl. hierzu das später über das Xenophaneische Ev zu sagende.
#) Auf den engen Zusammenhang der ionischen und der eleatischen Spekulation
habe ich Rhein. Mus. 64, 185
ff. hingewiesen: ich verweise auf das dort gesagte.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Xenophanes’ falsche Beweisführung.
lich und zugleich mit allen Sinnen und mit Vernunft begabt,
die Gottheit schlechthin ist *).
Die Milesier — und speziell Anaximander — hatten sich
durch die Erfahrungen und sinnliche Beobachtung bestimmen
lassen, die Einheit der Gottessubstanz anzunehmen: Xenophanes
hat geglaubt, diese Einheit der Gottheit begrifflich erweisen zu
können.
Aber dieser Versuch, aus dem Begriffe selbst die
wesentlichen Bestimmtheiten der Gottheit abzuleiten und zu erklären, ist völlig ungenügend. Xenophanes geht von unerwiesenen Voraussetzungen aus, die er als logisch unanfechtbar
aufstellt, und er zieht zugleich Schlußfolgerungen, die ebenso
unlogisch und unmöglich sind. Und er glaubt auf der einen
Seite selbst begrifflich unwiderleglich entwickeln zu können,
während er anderseits den logischen Definitionen seiner Vorgänger völlig skeptisch sich gegeniiberstellt*). Da die einzelnen
Bestimmungen, welche Xenophanes trifft, für die weitere Entwicklung des Gottesbegriffs von hoher Wichtigkeit geworden
sind, müssen wir dieselben noch etwas genauer betrachten.
Die Hauptthese ist, daß es nur Einen Gott geben könne.
Zum Erweise dieser Behauptung geht Xenophanes von der
Voraussetzung aus, mit dem Begriffe „Gott“ sei die höchste
Macht und Stärke verbunden. Daraus folge aber, daß Gott nur
Einer sein könne. Denn wären es mehrere, so müßten die einen
1) Fr. 23, 24
els Ged, Ev te Beoicı Kal àvOpúmrorar péyioTox,
oÙte déuaç Bvntoioıv dpoltos oùTe vénua*
oökos dpG, oühos dè voet, oùAos dè T’ Axovel.
Vgl. dazu Diog. 9, 19 obolav Beod oparpoedf, undev Syotov Exoucav avOpurmpNov dè ópâv Kai ökov dxoverv, ui pévtor ävanveiv (das letzte gegen Pythagoras
gerichtet)’ obunavrd te eiva voûv Kal ppóvnow rai âldtov; Aristot. 986b 23 els
tov Shov, oùpavòv Amoßkewas td Ev elval noi Tòv Beóv; Hippol. 1, 14, 2 tov
Bedv Aldıov Kal Eva Kal Suoiov ndvtn Kal memepaopévov Kal opapoeidf) Kal mâor
Toîs uoploiç aloOntixév; Galen h. philos. 7 Beòv renepacuévov, AoyiKdv, AuetdßAntov.
*) Plat. Strom. 4 dtopalveran de Kai tag alcOr\cers weudeig Kal xaOddou adv
abraig tov Adyov biaßdAkeı; Sext. m. 7, 14 Td puoixèv dua Kal Aoyıxöv, We pact
Tec, HETHPXETO; 47 Xenophanes, unter denen genannt, welche td xpimpiov ävetlov;
Aristoteles (Euseb. pr. en. 14, 17, 1), Xenophanes denen zugezählt, welche olovrai
deiv tac ev aloëñoes Kal tac pavraclas KarafdAlew, adr@ dè póvov tH Aórw
morteberv. Hier erscheint also Xenophanes einerseits dem Adyos, dem Begrife,
vertrauend, anderseits denselben bekämpfend.
Page 14
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Ein ewiger Gott.
stärker und vollkommener, oder schwächer und unvollkommener
sein als die andern: sie würden also dem Begriffe der Gottheit
nicht mehr entsprechen; und auch mehrere gleiche seien mit
diesem Begriffe unvereinbar. Es kann demnach nur Einer sein,
auf den der Begriff, der mächtigste und vollkommenste zu sein
und über alles zu herrschen, in absoluter Weise zutrifft. Aristoteles
hat dem entgegengehalten, daß die begriffliche Bestimmung der
höchsten Macht und Stärke nicht notwendig in bezug auf andere
gesagt zu werden brauche; sie kônne auch in bezug auf ihrem
Trager selbst verstanden werden, so daß dieser in sich die größtmögliche Vollkommenheit besitze, In dieser Auffassung könne
es aber mehrere Götter geben, da jeder für sich und in sich die
größte Vollkommenheit haben könne. Außerdem setze sich die
Beschränkung auf Einen Gott mit der Volksüberzeugung in Widerspruch, die unter einem höchsten Gotte viele andere Götter in
verschiedenen Abstufungen annehme!).
Die zweite These des Xenophanes betrifft die Ewigkeit
Gottes. Gott kann nicht entstanden oder erzeugt sein. Denn
dann müßte er aus einem gleichen oder aus einem ungleichen
entstanden sein. In ersterem Falle wäre der Erzeuger und der
Erzeugte wesentlich gleich: es wäre damit also nichts Neues
gegeben. Im andern Falle aber wäre der Erzeuger dem Erzeugten gegenüber ein Nichtseiender, aus einem Nichtseienden
kann aber niemals ein Seiendes hervorgehen. Hier liegt der
entscheidende Irrtum in der beschränkten Auffassung des „Sein“:
weil das eine nicht so ist wie das andere, wird ihm überhaupt
das Sein als solches abgesprochen. Diese falsche Auffassung
des Seinsbegriffs ist für die Anfänge der griechischen Spekulation
von verhängnisvollster Wirkung geworden. Aristoteles hat denn
auch die Richtigkeit der Schlußfolgerung des Xenophanes mit
Recht geleugnet; und hat zugleich darauf hingewiesen, daß mit
denselben Gründen das Entstehen und die Existenz aller Dinge
geleugnet oder ihre Ewigkeit behauptet werden könne).
1) Fr. 23 els Oeóg —; die Beweisführung in der Schrift r. Zevopdvous 977%
23—36; Kritik derselben 977b 27—978® 3; vgl. dazu Simplic. pvo. 22, 30—33.
%) Vgl. 9778 14— 23; Kritik 977b 21—26; Simplic. 22, 33 ff. Td uèv Suoiow
Anades pnoiv und tod éuolou); Plut. Str. 4.
Gilbert, Griech. Religionsphilosophie,
Page 15
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Einheit der Gottessubstanz absolut gefaßt.
Aus dem Begriffe der Einheit Gottes hat Xenophanes aber
noch weitere Schlüsse gezogen und diese letzteren werfen auf den
Gottesbegriff, wie er ihn faßt, ein sehr bezeichnendes Licht.
Als
Einer, sagt Xenophanes, muB Gott nach allen Seiten hin gleichmäßig sein und das ist nur möglich, wenn er kugelartig gebildet
ist. Man erkennt aus dieser Bestimmung Gottes, wie sie Xenophanes
als selbstverständlich aufstellt, daß Gott ein Körper, ein körperliches Wesen und damit zugleich eine materielle Substanz ist.
Und dieses körperliche Wesen ist zugleich mit Vernunft und
mit allen Sinnen begabt, welche Eigenschaften jedem einzelnen
Teile seines Körpers zukommen müssen, eben weil sonst der
Begriff des gleichmäßigen nicht zutreffen würde. Wir ersehen
also hieraus, daß Xenophanes alle weiteren Näherbestimmungen
der Gottheit aus der Einheit derselben ableitet. Die „Einheit“,
in absolutem Sinne aufgefaßt, verlangt die völlig gleichmäßige
Bildung: es muß demnach die Substanz eine in sich zusammenhängende, an keinem Punkte durch ein Mehr oder Weniger
oder Anders unterschiedene Gestalt besitzen. Und da diese
Gottessubstanz als ein denkender und mit allen Sinnen begabter
Körper gefaßt ist, so muß diese Sinnes- und Vernunfttätigkeit
wieder mit jedem einzelnen Teile des Körpers gleichmäßig verbunden sein. Denn wären Vernunft und Sinne nur mit einzelnen
Teilen verbunden, so wäre ja die gleichmäßige Bildung des
Körpers nicht in absoluter Weise durchgeführt *).
Auf diesem Wege glaubt Xenophanes den Begriff der
Gottessubstanz, wie ihn die Ionier aufgestellt hatten, beweisen
zu können. Man erkennt daraus — es muß das noch einmal
hervorgehoben werden — daß der letztere für Xenophanes
feststeht, ja die selbstverständliche Voraussetzung ist. Hatte
Anaximander die Kugel des einen Kosmos von einem göttlichen
Einheitsstoffe erfüllt angesehen, so läßt auch Xenophanes seine
Gottheit eine völlig gleichmäßig gebildete Gestalt haben, welche
als solche die Weltkugel erfüllt. Und ist für Anaximander die
Substanz, von der die Kosmoskugel erfüllt ist, die vernünftige,
1) 9778 36 Eva 6’ Svta Syorov eivar mdvm, dpdvta Kai âkobovra Tds TE
Brac aloes Exovta mdvrn — ndvm 9 Spotov Svta oqparpoerdh evar’ où yap
Th uèv thd 00 Totodrov elvat, GAAd ndvrn; daher zusammenfassend dihiov à övra
wai Eva Kai (Suotov Kai) opaipoetbf} (Plat. Str. 4; Hippol. 1, 14, 2); Kritik 9788 3—15.
Page 16
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Xenophanes’ Ablehnung des Apeiron und Peras.
so läßt auch Xenophanes dieselbe mit Vernunft und Sinnestätigkeit ausgerüstet sein, die er aber gleichmäßig mit jedem
Einzelteile der körperlichen Substanz verbunden sich denkt. So
ist die Welt des Xenophanes in allen ihren Teilen von einer
Stoffsubstanz angefüllt, welche, an jedem Punkte gleichmäßig
körperlich sich ausdehnend, zugleich überall sinnentätig und vernunfttätig ist.
Hat Xenophanes so durch Pressung des Einheitsbegriffs
alle weiteren Bestimmtheiten der Gottheit erklären zu können
gemeint, so hat er nun ungekehrt die begrifflichen Bestimmungen
seiner Vorgänger widerlegen zu können gewähnt. Denn Anaximander gegenüber behauptet er den Begriff des Apeiron, dem
Pythagoras gegenüber den des Peras. Jedes Ding, schließt er,
hat als ein seiendes Anfang und Ende; da das Apeiron seinem
Begriffe, d. h. seiner etymologischen Bedeutung nach, ohne
Anfang und Ende ist, so ist es ein nicht seiendes: einem solchen
kann aber Gott nicht gleich sein. Auf den letzteren paßt also
der Begriff des Apeiron nicht; dieser ist für die Gottessubstanz
undenkbar und unmöglich!), Und weiter ist auch der Begriff
des Peras für die Gottheit unmöglich: denn das Peras als Grenze
setzt eine Mehrheit von Dingen und Wesen voraus, weil das, was
eine Grenze hat, eben an ein anderes grenzt. Es kann demnach
der Gottheit auch nicht der Begriff des Peras zukommen, weil
sie sonst nicht Eine sein könnte. Aristoteles hebt dem gegenüber hervor, daß Xenophanes selbst seine Gottheit als begrenzt
annehme: denn als Kugelbildung sei sie ein Körper; ein solcher
müsse aber eine Grenze haben, wie denn überhaupt jede Kugel
ein Zentrum, und dieses wieder eine Peripherie, also eine Grenze
voraussetze*). Wenn also Xenophanes in der Leugnung des
pythagoreischen Peras sich selbst widerspricht, so hebt er nicht
1) Widerlegung des äneıpov etvai 977b 3ff.; Kritik 9788 16ff. Der Unterschied der Substanz des Xenophanes von der des Anaximander ist nur der, daß jener
die
eine Weltkugel annimmt,
während der letztere
unendlich
viele
setzt,
in
Wirklichkeit freilich stets nur die eine bekannte im Auge behält.
%) Widerlegung des nepalverv 977b 6ff. (Xenophanes Gegner des Pythagoras
Diog. 9, 18); Kritik 9788 16ff. Aristoteles weist darauf hin, daß jede opaipa ein
Körper und jedes oWya als solches ein mépac haben müsse 9788 20ff.; 9798 5 ff.
Simplic. @uo. 23, 4fl.
Page 17
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Bewegung und Ruhe.
minder auch seinen Widerspruch gegen das Apeiron dadurch
auf, daß er selbst wiederholt das Wort für seine Welt gebraucht.
Entweder muß man annehmen, daß er sich in der Anwendung
des Worts der Widersprüche, in die er sich damit verwickelt,
nicht bewußt wurde; oder daß er hier das Wort Apeiron in
altem, populärem Sinne gefaßt wissen wollte, wonach es nur
allgemein eine unbestimmte Ausdehnung bezeichnen soll’).
Und weiter richtet sich des Xenophanes Polemik auch
gegen die Begriffe Bewegung und Ruhe, wie diese wechselnd
mit der Gottheit verbunden erscheinen. Daß er in der Bekämpfung der Bewegung die Ionier im Auge hat, darf man als
sicher ansehen; ebenso wird er bei der ruhenden Gottheit an
Pythagoras gedacht haben, der seinen höchsten Gott unbeweglich
verharrend am Pole thronen läßt. Xenophanes deduziert wieder
aus dem Begriffe der Gottheit selbst, daß der letzteren weder
eine Bewegung noch ein Unbewegtsein zukomme. Was zunächst
das letztere betrifft, so zieht hier Xenophanes dieselbe Schlußfolgerung wie bezüglich des Apeiron. Denn da jedes Ding, als
ein Seiendes, sich bewegt, so ergibt sich für ihn die Schlußfolgerung, daß ein Nichtseiendes sich nicht bewege. Gott kann
aber nicht dieselbe Eigenschaft, wie das Nichtseiende haben.
Er kann demnach nicht unbewegt sein. Aber er kann auch
wieder nicht bewegt sein. Denn jede Bewegung oder Wandlung
setzt eine Mehrheit von Dingen oder Wesen oder Zuständen
voraus: das sich bewegende muß sich in ein anderes bewegen,
d. h. in einen anderen Raum oder Zustand oder in ein anderes
Wesen, eine andere Form übergehen. Da Gott aber in absolutem
Sinne Einer ist, so muß ihm überhaupt die Möglichkeit der
Bewegung und Wandlung abgesprochen werden *).
Alle diese Folgerungen, die Xenophanes betreffs Bewegung
und Ruhe, Unbegrenztheit und Begrenzung zieht, müssen uns
1) Fr. 28 td xdtw der Erde “erg &reipov Ixveitar; die Luft ämeipov Bd8oc
Aristot. 976% 32; ebenso läßt er Aetius 2, 24, 9 die Sonne el; Amerpov mpordvar.
Die Späteren schwanken deshalb über des Xenophanes eigentliche Meinung: Nikolaus
behauptet, er lehre Ocdv äteipov (Cic. Ac. 2, 118 infinitum); Alexander dagegen
nenepaouevov (kai opaıpoeıdfj) Simplic. pus. 23, 14. Auch Aristoteles sagt 986b 20
ths ploews Tobtwv ode Etépacg (ob memepaguévov oder &meipov) Eorke Oıyeiv.
®) Widerlegung des xiveia@at und äxivntov eivar 9775 8ff.; Kritik 978b 15 ff;
Simplic. quo. 23, 6ff.
Page 18
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Unwandelbarkeit der Gottheit.
den Eindruck der Spielerei, des nicht ernst gemeinten machen.
Es ist aber durchaus kein Grund anzunehmen, Xenophanes selbst
habe dieselben nicht ernst aufgefaBt. Schon die Bekämpfung
seiner Gründe durch Aristoteles zeigt, daß, die letzteren in vollem
Ernste von Xenophanes aufgestellt sind. Aber wie ist es möglich,
muß man fragen, daß Xenophanes der Gottessubstanz Bewegung
und Unbewegtsein zu gleicher Zeit hat absprechen können? Wird
damit nicht überhaupt die Existenz der Gottheit selbst aufgehoben? Wir kommen damit zu dem entscheidenden Momente
der ganzen eleatischen Lehre und es ist notwendig, diesen Punkt
einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen.
Für die Ionier vollzog sich die Wirksamkeit der Gottessubstanz in einer unausgesetzten Bewegung eben der Gottheit.
Wir wissen aus Platos Kritik, daß es gerade dieses ruhelose
Sichbewegen gewesen ist, welche die Polemik und den Spott
herausforderte: die in ewiger Verwandlung begriffene göttliche
Einheitssubstanz nahm damit einen unwürdigen, ja einen skurrilen
Charakter an. Xenophanes Wort „ewig am selbigen Orte verharrt er, in nichts sich bewegend, denn nicht geziemt es ihm
bald hierhin, bald dorthin zu wandern“ wird also verständlich.
Es ist der Gottheit unwürdig in ewiger Bewegung und Wandlung
zu sein. Denn in einem solchen steten Wechsel des Raums
und des Zustandes kann die Gottheit auch ihrer inneren Wesenheit
nach nicht unberührt bleiben. Xenophanes aber stellt als selbstverständliche Forderung auf, daß die Gottheit erhaben über
allem äußeren und inneren Wandel, und damit unabhängig von
allen Einflüssen, daß sie innerlich frei ist. So läßt er seine
Gottessubstanz selbst unbewegt verharren; erkennt aber zugleich
in ihr die Ursache, den Grund aller Bewegung. Denn es heißt
von Gott: „doch sonder Mühe setzt er alle Dinge durch seines
Geistes Denkkraft in Bewegung“!), Wir ersehen aus diesen
1) Fr. 26, 25
alel 8 Ev tar ijver xrvobpevoc oùdév
oùbè nerepxeodal piv Emmpener äAAote GAAN.
&AN Andveude mévoto véou ppevì ndvra xpabalvan,
Hier bezeichnet das xıveiodar oùbév die absolute Bewegungslosigkeit des göttlichen
Ev, während seine Polemik gegen das dxivntov die Ruhe als den vorübergehenden
Zustand in der Erscheinungswelt der Dinge im Auge hat.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Bewegung und Ruhe.
minder auch seinen Widerspruch gegen das Apeiron dadurch
auf, daß er selbst wiederholt das Wort für seine Welt gebraucht.
Entweder muß man annehmen, daß er sich in der Anwendung
des Worts der Widersprüche, in die er sich damit verwickelt,
nicht bewußt wurde; oder daß er hier das Wort Apeiron in
altem, populärem Sinne gefaßt wissen wollte, wonach es nur
allgemein eine unbestimmte Ausdehnung bezeichnen soll?).
Und weiter richtet sich des Xenophanes Polemik auch
gegen die Begriffe Bewegung und Ruhe, wie diese wechselnd
mit der Gottheit verbunden erscheinen. Daß er in der Bekämpfung der Bewegung die Ionier im Auge hat, darf man als
sicher ansehen; ebenso wird er bei der ruhenden Gottheit an
Pythagoras gedacht haben, der seinen höchsten Gott unbeweglich
verharrend am Pole thronen läßt. Xenophanes deduziert wieder
aus dem Begriffe der Gottheit selbst, daß der letzteren weder
eine Bewegung noch ein Unbewegtsein zukomme. Was zunächst
das letztere betrifft, so zieht hier Xenophanes dieselbe Schlußfolgerung wie bezüglich des Apeiron. Denn da jedes Ding, als
ein Seiendes, sich bewegt, so ergibt sich für ihn die Schlußfolgerung, daß ein Nichtseiendes sich nicht bewege. Gott kann
aber nicht dieselbe Eigenschaft, wie das Nichtseiende haben.
Er kann demnach nicht unbewegt sein. Aber er kann auch
wieder nicht bewegt sein. Denn jede Bewegung oder Wandlung
setzt eine Mehrheit von Dingen oder Wesen oder Zuständen
voraus: das sich bewegende muß sich in ein anderes bewegen,
d. h. in einen anderen Raum oder Zustand oder in ein anderes
Wesen, eine andere Form übergeben. Da Gott aber in absolutem
Sinne Einer ist, so muß ihm überhaupt die Möglichkeit der
Bewegung und Wandlung abgesprochen werden *).
Alle diese Folgerungen, die Xenophanes betreffs Bewegung
und Ruhe, Unbegrenztheit und Begrenzung zieht, müssen uns
1) Fr. 28 td xdtw der Erde erg Grreipov Ixveirar;, die Luft ämeipov Bd6oç
Aristot. 976% 32; ebenso läßt er Aetius 2, 24, 9 die Sonne ei; ärretpov tpotévar.
Die Späteren schwanken deshalb über des Xenophanes eigentliche Meinung: Nikolaus
behauptet, er lehre Oeòv dmeipov (Cic. Ac. 2, 118 infinitum); Alexander dagegen
menepaouévov (kai Gpaıpoeıdfj) Simplic. pus. 23, 14. Auch Aristoteles sagt 986b 20
TAs plaews Tobrwv oddE érépas (ob menepaouévov oder &teipov) Eoixe Oryeiv.
%) Widerlegung des xıveiodar und àxivnrov etvat 977b 8ff.; Kritik 978b 15 £j
Simplic. quo. 23, 6ff.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Unwandelbarkeit der Gottheit.
den Eindruck der Spielerei, des nicht ernst gemeinten machen.
Es ist aber durchaus kein Grund anzunehmen, Xenophanes selbst
habe dieselben nicht ernst aufgefaßt. Schon die Bekämpfung
seiner Gründe durch Aristoteles zeigt, daß, die letzteren in vollem
Ernste von Xenophanes aufgestellt sind. Aber wie ist es möglich,
muß man fragen, daß Xenophanes der Gottessubstanz Bewegung
und Unbewegtsein zu gleicher Zeit hat absprechen können? Wird
damit nicht überhaupt die Existenz der Gottheit selbst aufgehoben? Wir kommen damit zu dem entscheidenden Momente
der ganzen eleatischen Lehre und es ist notwendig, diesen Punkt
einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen.
Für die Ionier vollzog sich die Wirksamkeit der Gottessubstanz in einer unausgesetzten Bewegung eben der Gottheit.
Wir wissen aus Platos Kritik, daß es gerade dieses ruhelose
Sichbewegen gewesen ist, welche die Polemik und den Spott
herausforderte: die in ewiger Verwandlung begriffene göttliche
Einheitssubstanz nahm damit einen unwürdigen, ja einen skurrilen
Charakter an. Xenophanes Wort „ewig am selbigen Orte verharrt er, in nichts sich bewegend, denn nicht geziemt es ihm
bald hierhin, bald dorthin zu wandern“ wird also verständlich.
Es ist der Gottheit unwürdig in ewiger Bewegung und Wandlung
zu sein. Denn in einem solchen steten Wechsel des Raums
und des Zustandes kann die Gottheit auch ihrer inneren Wesenheit
nach nicht unberührt bleiben. Xenophanes aber stellt als selbstverständliche Forderung auf, daß die Gottheit erhaben über
allem äußeren und inneren Wandel, und damit unabhängig von
allen Einflüssen, daß sie innerlich frei ist. So läßt er seine
Gottessubstanz selbst unbewegt verharren; erkennt aber zugleich
in ihr die Ursache, den Grund aller Bewegung. Denn es heißt
von Gott: „doch sonder Mühe setzt er alle Dinge durch seines
Geistes Denkkraft in Bewegung“). Wir ersehen aus diesen
1) Fr. 26, 25
alel d Ev tatty uluver Kıvolnevos oùdév
oùbè nerepxeodal piv Emmpener orte GAA.
GAN Andveude mövoro véou ppevì dvra xpabatvaı.
Hier bezeichnet das xıveiodar oùbév die absolute Bewegungslosigkeit des göttlichen
€v, während seine Polemik gegen das dxivntov die Ruhe als den vorübergehenden
Zustand in der Erscheinungswelt der Dinge im Auge hat.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Scheidung der Gottheit von der elementaren Materie.
Worten, daß er die Bewegung der Materie, die sich in die Einzeldinge wandelt, keineswegs leugnet: er will aber diese Stoffwandlungen nicht aus der eigenen Initiative der Materie hervorgehen lassen, sondern sucht nach einer außer ihr befindlichen
Ursache, aus der sich dieselbe erklärt.
Die Ursache liegt eben
in der Gottessubstanz, deren Denkkraft allein genügt, die Materie
in Bewegung zu setzen. In dieser Auffassung kommen also
Bewegung und Ruhe der Gottheit gleichmäßig zu.
Das wesentliche Moment der Xenophaneischen Weltanschauung ist also, wie sich aus dem Gesagten ergibt, die
Scheidung der Gottessubstanz von der elementaren Materie.
Stand es für die Ionier fest, daß in allen Wandlungen der
Materie die Grundform dieser als das eigentlich Wesentliche
und Göttliche, sich intakt erhalte, die somit zwar in ewiger
Bewegung, dennoch in sich identisch bleibt, so trennt Xenophanes
diese in ihrer Identität verharrende göttliche Substanz von der
Materie: nur die letztere bewegt sich und wandelt sich, die
Gottessubstanz bleibt unbewegt. Diesen dualistischen Gedanken
dürfen wir auf pythagoreische Einflüsse zurückführen. Die den
Kosmos erfüllende Gottessubstanz ist als ein unendlich feiner
Stoff gedacht, der unlöslich mit der Materie selbst sich verbindet,
und der sich unter allen Wandlungen und Bewegungen der
letzteren unverändert und unbewegt erhält. Xenophanes hat
also die räumliche Koexistenz zweier Substanzen, der Gottessubstanz und der eigentlich tellurischen Materie, gelehrt. Und
diese räumliche tellurische Verbindung der beiden Substanzen
wird uns auch direkt als Xenophaneische Lehre bezeugt: Gott,
heißt es, ist mit allen Dingen verbunden, mit allen Dingen und
Wesen organisch verwachsen‘). Es ist also in allen Dingen
und Teilen des Kosmos die Gottessubstanz als die unbeweglich
ruhende mit der ewig wandelbaren Materie organisch verbunden.
Und gerade in diesem Verhältnis der ruhenden Gottessubstanz
zur bewegten Materie glaubt Xenophanes eine Erklärung für
die wechselnde Beziehung von Ruhe und Bewegung zur Gottheit
zu finden. Die Substanz selbst ruht, sie ist aber zugleich Ursache
1) Sext. Pyrrh.
1, 225 tov Oedv ouupuñ Tots mâciv opapoedh Kal
àänaëf «al Auerdßintov Kal Aoyıköv.
Page 22
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wechselverhiltnis von Gottheit und Materie.
der elementaren Bewegung: die Materie als solche ist tot und
unbewegt, ihre Bewegung ist durch die Gottessubstanz bedingt.
Auf welche Weise aber die Materie mit der Gottessubstanz
verbunden ist, darüber hat sich, soweit wir urteilen dürfen,
Xenophanes überhaupt nicht bestimmt ausgesprochen. Er hat
scheinbar die Materie als unbezweifelbare Realität hingenommen:
nur das Wechselverhältnis von Materie und Gottessubstanz hat
für ihn Interesse. Die Materie selbst hat Xenophanes in alter
Weise gelehrt: die vier Grundformen derselben, Erde, Wasser,
Luft, Feuer stehen auch für ihn fest, wie ihm nicht minder die
Tatsache, daß diese vier elementaren Formen ineinander übergehen können, außer Zweifel ist. Es ist also in Wirklichkeit
nur eine Materie: die verschiedenen Erscheinungsformen derselben sind nur Wandlungen der einen Grundform. Und diese
Grundform ist für Xenophanes das Erdelement'). Aus dem
letzteren gehen durch immer zunehmende Auflösung und
Verflüchtigung der Bestandteile Wasser, Luft und Feuer hervor.
Aber während so die tellurische Materie in steter Wandlung
und Bewegung ist, bleibt die göttliche Einheitssubstanz, wie
gesagt, obgleich unlöslich mit der Materie vereinigt, selbst
unbewegt. Und es geht jene Ausscheidung nicht aus der eigenen
Kraft des Erdelements vor sich, sondern es ist allein die mit
demselben organisch verbundene Gottessubstanz, welche diese
Bewegung ins Werk setzt.
Die originale Auffassung des Verhältnisses beider Substanzen,
wonach die Gottessubstanz zwar wesentlich von dem elementaren
Stoff geschieden, dennoch zugleich unlöslich mit diesem vereinigt
ist, hat schon im Altertum eine verschiedene Wertung der
Xenophaneischen Lehre veranlaft. Obgleich der Grundgedanke
dieser dualistisch ist, ist doch die überwiegende Mehrzahl der
Kommentatoren der Ansicht, daß Xenophanes den Monisten
zuzuzählen sei®). Die organische Vereinigung der beiden Substanzen zur Einheit hat für ihr Urteil den Ausschlag gegeben.
1) Vgl. hierüber meine Meteorol. Theorien 86ff. u. 6.
%) Timon fr. 59 @v tatré te Tv —, ulav piov — dyolav; Plato Soph
242D ds évdg Svtog TÔV ndvrwv; Simpl. Mud. 22, 26 ev Td dv Kal mäv; 22, 30
td Ev Toro Kai TÂv tév Gedv Edeyev; Cic. ac. 2, 118 unum esse omnia; Galen
h. philos. 7 ndvra @v xal tofto Undpyeiv Beöv; Sext. Pyrrh. 1, 225 @v Td trav.
Page 23
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Xenophanes’ Dualismus.
Aber Aristoteles bezeugt es, daß Xenophanes nirgends bestimmt
von einem absoluten Einen spricht, sondern daß er nur die
Einheit Gottes, d. bh. der Gottessubstanz, hervorhebt'). Die
verschiedene Charakteristik der einen und der andern Substanz,
d. h. der Gottheit einer-, der elementaren Materie anderseits,
läßt darüber keinen Zweifel, daß Xenophanes trotz der organischen
Verbindung beider an der dualistischen Auffassung festhält.
Ist die Gottessubstanz unbewegt und absolut seiend, so ist die
Materie bewegt und unausgesetzt werdend. Und ist die Einheitssubstanz ewig und unvergänglich, so ist die Materie den zeitlichen
Wandlungen unterworfen. So können die Berichterstatter den
Xenophanes die Ewigkeit und zugleich die Vergänglichkeit des
Kosmos lehren lassen. Denn es ist nur konsequent gedacht,
wenn Xenophanes mit dem göttlichen Seinsgrunde auch die
äußere Gestalt des Kosmos bestehen läßt, weil die Gottessubstanz,
als Kugel gefaßt, den ewigen Bestand der Weltkugel voraussetzt.
Anderseits ist aber der elementare Stoff selbst an diesen Bestand
nicht gebunden, da er aus der Entfaltung in die Einzelelemente
wieder in sein irdisches Grundelement zurückkehren und so die
ganze Erscheinungswelt in die tellurische Urmaterie auflösen
kann. So erklären sich die scheinbar sich widersprechenden
Referate von dem Vergehen und von dem Ewigverharren des
Kosmos’).
Der große und originale Gedanke des Xenophanes ist also
die Annahme zweier unlöslich verbundener Substanzen. Aber
wenn die Pythagoreer die beiden Substanzen der ungeschiedenen
Materie und des göttlichen Formprinzips von Haus aus geschieden
sein lassen, um sie in der Gestaltung des Kosmos und seiner
Einzeldinge miteinander mehr äußerlich in Verbindung zu bringen,
1) [Arist.] de Xenoph. 9798 2 oübauo0 Adyar rt Ev eon pdvov, AM Int
eis mévos Oeós, nach Kern’s geistvoller Ergänzung des korrupten Textes.
9) Das Nacheinander von Kóopot Diog. 9, 19 xéouous ànelpouc, où rapaAkaxtoùs
dé, gegen Anaximander gerichtet; daher Aetius 2, 1, 3 änelpous xöopous Ev T@
êmelpyp xatd mâcav repiaywyiv Yiveodar xal péelpeoôa1 nur auf die in der Zeit
nacheinander entstehenden und vergehenden zu beziehen. Hippol. 1, 14, 3 dmelpouc
flous Kai ceAñvas, weil jeden Tag neu; 1, 14, 6 nach jeder Auflösung des Kosmos
Neuschöpfung. Diog 9, 19 Tûv Td Yıyöuevov plapróv or (die Einzeldinge),
dagegen Aetius 2, 4, II Ayevnrov Kai dldıiov Kal äpaptov tév xdopov, d. h. die
opaipa des Kosmos als solche.
Page 24
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Räumliche Koexistenz.
so läßt Xenophanes beide Prinzipien räumlich und organisch
verbunden sein. Und während Pythagoras auch nach und in
der Vereinigung der beiden Weltfaktoren die räumliche Geschiedenheit derselben insofern festhält, als die Form sich von
außen, wenn auch in feinsten und deshalb unsichtbaren Atomteilchen, der Materie, anfügt, so läßt Xenophanes die räumliche
Verbindung beider Substanzen eine so enge und innerliche sein,
daß eine Scheidung beider unmöglich wird. Diese räumliche
Koexistenz der beiden Substanzen ist, wie schon gesagt, das
eigentlich Originale der Xenophaneischen Weltanschauung.
Denn mag die Gottessubstanz als ein noch so feiner Stoff aufgefaßt sein, er bleibt doch für Xenophanes stofflich und körperhaft
und füllt als Körper den gesamten Kosmos aus. Und da nicht
minder das tellurische Element, sei es in seiner Isolierung, sei
es in seiner Wandlung in die übrigen Elemente, den Kosmos
erfüllt, so sehen wir zwei verschiedene Substanzen oder Stoffe
denselben Raum einnehmen. Die Gottessubstanz erscheint hier
also fast als ein geistiger Begriff: die Verbindung der tellurischen
Materie mit der Substanz der Vernunft bringt die enge Vereinigung
von Körper und Geist, von Stoff und Kraft zum Ausdruck
').
Wir würden aber in einem schweren Irrtum befangen sein,
wenn wir die vernünftige Gottessubstanz des Xenophanes, dem
Scheine folgend, als rein geistig gedacht, ohne ein substantielles
und körperliches Substrat gefaßt, erklären wollten. Die bestimmten
Charakterisierungen dieser Substanz als eineszusammenhängenden,
lückenlosen, in allen Teilen gleichmäßig gebildeten körperlichen
Stoffs widersprechen einer solchen Annahme aufs bestimmteste.
Dennoch bleibt diese Konzeption der Gottessubstanz, wie sie
Xenophanes erfaßt hat, ein großartiger Gedanke, der in den
Anfängen der Spekulation einzigartig ist. Und das kommt auch
darin zum Ausdruck, daß diese Gottessubstanz nur nach ihrer
Sinnen- und Vernunfttätigkeit charakterisiert wird, während jede
weitere Qualifikation ihrer substantiellen Wesenheit vermieden
wird. Denn die Merkmale der Einheitlichkeit und Ewigkeit, der
Homogenität und Kugelbildung, sowie des Begabtseins mit
1) Daher Simplic. quo. 22, 25 où tepl œquowxoD otorgelou Aeyovres obtor
(die Eleaten); daher nach Theophr. 22, 29 étépac mâAAov À ths repl pboewg loropiac.
Page 25
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Gottessubstanz ein „Denkstoff“.
allen Sinnen und mit Vernunft, wie sie allein von der Gottessubstanz angesagt werden, gehen jeder näheren Bestimmung
der substantiellen Wesenheit aus dem Wege. Auf keinen Fall
ist dieses göttliche Eine mit Pythagoras und Heraklit als Feuerund Wärmeprinzip zu fassen, da das Feuerelement nach Xenophaneischer Lehre erst durch die Einwirkung der Gottheit aus
dem tellurischen Elemente sich herausbildet. Die Gottessubstanz
ist eben als ein aller sinnlichen Qualifikation entrückter Denkstoff gefaßt, und insofern hat Simplicius in gewisser Weise
recht, wenn er ihn nicht physikalisch, sondern metaphysisch
erklären will‘) Es bleibt nur der Unterschied, daß die Gottessubstanz dem Kosmos selbst immanent sich verhält und unlöslich
mit der tellurischen Materie und den aus dieser hervorgegangenen
Einzeldingen verbunden ist.
Sehr bestritten ist die Frage, ob Xenophanes außer dem
einen Gotte, der einheitlichen Gottessubstanz, noch andere untergeordnete Gottheiten angenommen habe’). Der steten energischen
Betonung gegenüber, mit der er die Einheit der Gottheit hervorhebt, ist es prinzipiell nicht nur unwahrscheinlich, sondern geradezu
unmöglich, daß er weitere Götter gelehrt habe. Seine Deduktion,
es widerspreche dem Begriffe der Gottheit sich unterzuordnen,
macht durchaus den Eindruck einer Polemik gegen die Volksmeinung, welche neben und unter Zeus andere Götter statuierte.
Und damit stimmt die Verachtung, mit der Xenophanes über
den herrschenden Glauben der Menge sich ausläßt. Alles, sagt
er, haben Homer und Hesiod den Göttern angehängt, was
immer bei den Menschen Schmach und Schimpf ist, Stehlen
und Ehebrechen und Betrügen. Und weiter spottet er über
1) Simplic. puo. 23, 9ff. bezieht die hpeula des xıveiohar oùbév, die absolute
Bewegungslosigkeit, auf die metaphysische Wesenheit der Gottheit.
Den Ausdrack
„Denkstoff“ hat, soviel ich weiß, Windelband zuerst gebraucht: er trifft durchaus
das Richtige.
*) Vgl. im allgemeinen J. Freudenthal, die Theologie des X., Breslau 1886
(== Jahresbericht d. Fränkel-Stiftung); Arch. f. Gesch. d. Philos. ı, 322ff. Freudenthal vertritt die Ansicht, daß auch Xenophanes den Grundgedanken des Polytheismus
festgehalten habe. Gegen ihn Zeller das. 2, iff. Gegen die unwürdige Auffassung
der Götter Fr. 11—16; vgl. auch Plut. Js. 70, p. 379B; de superst. 13. p. 171E
gegen das Sterben der Götter, wie es der Kult annimmt. Fr. ı, 21 die Kämpfe der
Titanen, Giganten, Kentauren nAdouata TÜV TPoTepwv.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Aghon Ledaaarls Amaysrip Surimg er ‘e “ar zoqep ‘sne yqora TQNjoS qs
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Page 27
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Gottessubstanz ein „Denkstoff“.
allen Sinnen und mit Vernunft, wie sie allein von der Gottessubstanz angesagt werden, gehen jeder näheren Bestimmung
der substantiellen Wesenheit aus dem Wege. Auf keinen Fall
ist dieses göttliche Eine mit Pythagoras und Heraklit als Feuerund Wärmeprinzip zu fassen, da das Feuerelement nach Xenophaneischer Lehre erst durch die Einwirkung der Gottheit aus
dem tellurischen Elemente sich herausbildet. Die Gottessubstanz
ist eben als ein aller sinnlichen Qualifikation entrückter Denkstoff gefaßt, und insofern hat Simplicius in gewisser Weise
recht, wenn er ihn nicht physikalisch, sondern metaphysisch
erklären will!). Es bleibt nur der Unterschied, daß die Gottessubstanz dem Kosmos selbst immanent sich verhält und unlöslich
mit der tellurischen Materie und den aus dieser hervorgegangenen
Einzeldingen verbunden ist.
Sehr bestritten ist die Frage, ob Xenophanes außer dem
einen Gotte, der einheitlichen Gottessubstanz, noch andere untergeordnete Gottheiten angenommen habe’). Der steten energischen
Betonung gegenüber, mit der er die Einheit der Gottheit hervorhebt, ist es prinzipiell nicht nur unwahrscheinlich, sondern geradezu
unmöglich, daß er weitere Götter gelehrt habe. Seine Deduktion,
es widerspreche dem Begriffe der Gottheit sich unterzuordnen,
macht durchaus den Eindruck einer Polemik gegen die Volksmeinung, welche neben und unter Zeus andere Götter statuierte.
Und damit stimmt die Verachtung, mit der Xenophanes über
den herrschenden Glauben der Menge sich ausläßt. Alles, sagt
er, haben Homer und Hesiod den Göttern angehängt, was
immer bei den Menschen Schmach und Schimpf ist, Stehlen
und Ehebrechen und Betrügen.
Und weiter spottet er über
1) Simplic. quo. 23, 9ff. bezieht die hpeula des xıveiodar obbév, die absolute
Bewegungslosigkeit, auf die metaphysische Wesenheit der Gottheit. Den Ausdruck
„Denkstoff“ hat, soviel ich weiß, Windelband zuerst gebraucht: er trifft durchaus
das Richtige.
*) Vgl. im allgemeinen J. Freudenthal, die Theologie des X., Breslau 1886
(== Jahresbericht d. Fränkel-Stiftung); Arch. f. Gesch. d. Philos. 1, 322ff. Freadenthal vertritt die Ansicht, daß’ auch Xenophanes den Grundgedanken des Polytheismus
festgehalten habe. Gegen ihn Zeller das. 2, ıfl. Gegen die unwürdige Auffassung
der Götter Fr. 11—16; vgl. auch Plut. Js. 70, p. 379B; de superst. 13, p. 171E
gegen das Sterben der Götter, wie es der Kult annimmt. Fr. 1, 21 die Kämpfe der
Titanen, Giganten, Kentauren tAdouata Tv Tpotépwv.
Page 28
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Xenophanes und der bestehende Kult.
die Menschen, welche
meinen, Gôtter würden
171
geboren und
hätten Kleidung, Sprache und Gestalt wie die Menschen. Dementsprechend sagen die Äthiopen, die Götter seien schwarz und
stumpfnasig, die Thraker dagegen, sie seien blauäugig und
rothaarig. Ja, hätten die Ochsen und Rosse, fügt Xenophanes
voll Spott hinzu, Hände und könnten malen und plastische
Werke schaffen, wie die Menschen, so würden die Rosse ihre
Götter roBähnlich, die Ochsen die übrigen ochsenähnlich malen
und formen. Wenn Xenophanes trotzdem wiederholt von Göttern
spricht und selbst am Kulte derselben sich beteiligt, so kann
daraus nicht auf seine philosophische Überzeugung ‚geschlossen
werden. Die größten und freisten Denker haben oft auf den
bestehenden Glauben und Kult Rücksicht genommen, ohne
damit ihrer innerlichen Überzeugung Gewalt anzutun!). Und
Xenophanes hat bei aller Selbständigkeit seines Denkens anerkannt, daß das Wesen der Gottheit und ihre Verbindung mit
der Welt auf einem Geheimnisse beruhen. Nur Gott, sagt er,
hat die Wahrheit; von Sterblichen gibt es niemand, der sie in
bezug auf die Götter und den Zusammenhang der Dinge wüßte.
Und spräche jemand auch einmal zufällig das Allervollkommenste,
so weiß er es selbst nicht; denn uns Menschen ist nur Wahn
beschieden und über eine gewisse Wahrscheinlichkeit kommen
wir nicht hinaus. Denn nicht von Anfang an haben die Götter
den Sterblichen alles Verborgene offenbart, sondern allmählich
nur finden sie tastend und suchend das Bessere ?).
In solcher Resignation kann Xenophanes sehr wohl den
Göttern des bestehenden Kults huldigen, ohne seiner philosophischen Überzeugung untreu zu werden. Denn indem er
1) Fr. 1, 13
xp dè npWtov uèv Beöv Unveiv ebppovas ävòpas
ebpuots HUBO Kal xadapoisı Aóyors;
@eol Fr. 18, 34; Philo prov. 2, 39 von den Eleaten überhaupt vitam omnem ad
pietatem laudemque deoram dedicantes; Cic. div. 1, 3, 5 Kenophanes unus qui deos
esse diceret. Diese Angaben können aus der Erwähnung des Xenophanes von 6eo{
geschlossen sein.
3) Fr. 18, 34. Daher seine Aussprüche Diog. 9, 19 ta moAhà fioow vod
20 Axardinnta ta ndvra; Fr. 35 seine Lehre nur éowôta; Arius bei Stob. 2, 1
18, p. 6, 14W. Beds ev olde thr äAhOetav. Diese Resignation schließt sein
Selbstgefühl nicht aus, daher Fr. 2, 12 Duns Anelvwv huetépn oopin.
Page 29
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Mantik und Göttlichkeit der 4 Elemente verworfen.
jenen dient, will er damit doch nur der Gottheit als solcher
dienen, die für ihn allein der Grund alles Seins und Lebens ist
und bleibt.
Kamen für Xenophanes überhaupt andere Gôtter in Betracht,
so könnte man nur an die stofflichen Elemente, als die Phasen
des durch die Allgottheit bewirkten Naturprozesses, denken.
Nichts aber deutet an, daß dieselben als göttlichen Wesens,
wenn auch in untergeordnetem Sinne, aufgefaßt sind. Die
Elemente repräsentieren die Materie und diese ist an sich tot
und irdisch. Nur die von der Gottesvernunft ausgehende Kraft
setzt auch sie in Bewegung und schafft so den Naturprozeß.
Mit dieser Auffassung der Materie, als der selbst der göttlichen
Natur ermangelnden, wird es zusammenhängen, daß Xenophanes
ein entschiedener Bekämpfer der Mantik war, die doch nur
dann berechtigt erscheint, wenn der Stoff selbst in sich die
Fähigkeit trägt, den Willen der Gottheit widerzuspiegeln?).
Xenophanes hat den gesamten Stoff, wie er in den vier Elementen zur Erscheinung kommt, soweit wir erkennen können,
völlig der göttlichen Natur, in der die Ionier dieselbe aufgefaßt
hatten, entkleidet, und hat alle Gottheit ausschließlich der einen
Seins- und Lebenssubstanz vorbehalten. Die Verbindung dieser
mit der tellurischen Materie und den aus ihr hervorgegangenen
Einzeldingen ist und bleibt ein unergründliches Mysterium.
Xenophanes ist ein originaler Denker *). Hat er auch zunächst
an die ionische und pythagoreische Lehre angeknüpft, so hat er doch
seine Weltanschauung völlig selbständig ausgestaltet. Indem er
Stoff und Gottheit zu zwei nebeneinander bestehenden Wesenheiten erhob, die er zugleich als räumlich koexistent organisch
vereinte, hat er eine Geistesschöpfung vollbracht, die ihn den
ersten Philosophen Griechenlands an die Seite stellt. Anaximander, Pythagoras und Xenophanes stehen als die gleichberechtigten und bahnbrechenden Denker nebeneinander: die
1) Cic. divin. 1, 3, 5; Aetius 5, 1, 1. Wie die Mantik, so hat Xenophanes
auch die Unsterblichkeit der Seele verworfen.
Denn da diese Macrob. S. Scip. 1,
14, 19 ex terra et aqua entsteht, d. h. mveOua Diog. 9, 19 von der tellurischen Urmaterie sich ablöst, so muB dieselbe gleich allen Dingen vergänglich sein.
%) Eine volle Anerkennung findet derselbe bei Frz. Kern kl. Schr. 2, 109 ff,
der durch Xenophanes die Identität von Gott und Welt gelehrt annimmt.
Page 30
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Parmenides.
drei von ihnen begründeten Gedankenströmungen hat Heraklit
später in ein gemeinsames Bett zu leiten versucht.
Parmenides, der Schüler des Xenophanes, hat die Forschung
seines Lehrers weitergeführt. In der Erfassung des Grunddogmas
von der gôttlichen Einheitssubstanz stimmt er mit Xenophanes
durchaus überein, in andern Fragen geht er seinen eigenen Weg.
Sehen wir, wie sich seine Spekulation im einzelnen gestaltet 1).
Aus des Parmenides Schrift ist gerade seine Deduktion über
die Einheitssubstanz erhalten, und so ist es uns möglich, dem
Gange seiner Beweisführung selbst zu folgen. „Auf dem Wege,“
sagt er, „der zu der Überzeugung von der alleinigen Wahrheit
des Seienden (d.h. eben der in absolutem Sinne allein existierenden
Gottessubstanz) führt, stehen viele Kennzeichen: das Seiende ist
nâmlich ungeworden und unvergänglich, es ist absolut, einzig,
unveränderlich, ohne Ende — denn es war weder, noch wird
es sein, da es in seiner Allheit nur im Jetzt verharrt —; es ist
endlich eines und in sich zusammenhängend“ ?). Diese Summe von
Prädikaten wird dann aber im folgenden in drei Kategorien zusammengefaßt und näher begründet. Zunächst wird das „ungeworden“ und „unvergänglich“ bewiesen*). Das Seiende, d.h.
die göttliche Grundsubstanz, ist ungeworden, weil das Werden
und Entstehen eines Seienden überhaupt unmöglich ist. Denn
erstens: Aus einem Seienden kann das Seiende nicht entstanden
sein, da dieses letztere, in absolutem Sinne gefaßt, die Annahme
jedes andern Seins für alle Zeiten ausschließt. Das Seiende, wie
1) H. Diels Parmenides griech. u. deutsch, Berlin 1897; Fragm, d. Vors. Kap. 18,
Nietzsche Werke 10, 44f. Parmenides gibt seine Ausführungen in der Form einer
Vision, über die vgl. meinen Aufsatz im Arch. f. Gesch. d. Philos. 20, 25 ff.
9) Die Worte Fr. 8
podvos d’ Erı uOBos ddoi0
Aelneraı dic Eotiv: Tab D mi ofuat, Eacı,
TOAMG WAN, Ds dyévnrov édv Kal avwAEepdv Eartıv
ovAov pouvoyevés TE Kal âtpeuêg Hd’ atédcoTOvovd€ nor Ay odd’ Écran, Enel vOv Eotiv dy00 wav,
Ev, ouvexéc’ bilden das Thema, welches im folgenden ausgeführt wird.
©) Fr. 8, 6—21. Die Lücke V. 7 nach Diels Parmen. 77 so auszufüllen:
ott’ Ex Teu Eövrog Eeyevr Gv Go yap dv npiv Env. Die Alternative V. 16 Eotuv
A otk Eorıv° xékpirai D obv, Wonep Avdyan, Tv uèv dvéntov àvbvuuov: weil
ein Nichtseiendes weder gedacht werden kann, noch einen Namen hat; der Name
drückt die Realität der Dinge aus.
Page 31
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Der Begriff des Seins.
es heute als die göttliche Grundsubstanz den Kosmos erfüllt, ist
demnach das einzige, das ausschlieBliche für alle Zeiten. Zweitens:
Auch aus dem Nichtseienden kann dieses Seiende nicht entstanden sein. Ein solches Nichtseiendes kann zunächst überhaupt nicht gedacht werden. Wollte man aber dennoch dasselbe
denken und ihm das Zeugen eines andern beimessen, so könnte
aus einem Nichtseienden immer nur wieder ein Nichtseiendes
hervorgehen. Und endlich: welcher Zwang ist zu denken, der
die Entstehung eines Seienden aus einem Nichtseienden bewirkt
haben sollte? So bleibt nur die Alternative übrig: das Seiende
ist in absolutem, ausschließendem Sinne, oder es ist überhaupt
nicht. Die Entscheidung liegt eben in diesen Worten: „es ist
oder es ist nicht“. Denn mit der Aufstellung dieser Alternative
ist auch zugleich die Entscheidung über sie gegeben: da aus
dem Begriff des Seienden sein Sein folgt, so ist damit zugleich
sein Nichtsein ausgeschlossen.
Wir sehen also, wie Parmenides, ebenso wie Xenophanes,
auf den Begriff des Seins selbst seinen Beweis aufbaut. Ein
Sein in absolutem Sinne schließt jede Veränderung des seienden
Zustandes aus. Was in diesem ausschließlichen Sinne ist, muß
dieses Sein in sich festhalten und damit auf jede Veränderung,
jeden Wandel in Raum und Zeit verzichten. Das zeitlich Unverändertsein wird gleich hier hervorgehoben und begründet.
Parmenides hatte an einer anderen Stelle seines Gedichts diesen
Punkt noch näher ausgeführt und dargelegt, daß es für die
Gottheit keine Vergangenheit und keine Zukunft gebe, weil
beides ein Nichtsein in sich schließe: jenes ein Nochnicht, dieses
ein Nichtmehr. Denn die Zeit als solche bringt ein Entstehen
und ein Wandeln, sie ist demnach mit dem absoluten Sein,
welches als solches ein unverändertes Sosein und Jetztsein in
sich schließt, unvereinbar.
Die Gottessubstanz ist demnach ungeworden und ewig und über allem Wechsel der Zeit erhaben!).
1) Die Ähnlichkeit der Parmenideischen Beweisführung mit der des Xenophanes
oben S. 161 leuchtet von selbst ein. Über die Zeitlosigkeit der Gottheit in Parmenideischem Sinne Ammonius de interpret., p. 133 Busse oùdév &orı mapa Toig Beoig
odre mapeAnAußös odre péAlov. Diese Worte bilden den Kommentar zu dem Worte
àréleotov (d. h. ohne zeitliche Begrenzung)‘ o0dé or’ Av odd’ Eotat, Emei vOv Eotiv
öÖuod wav: für die Gottheit existiert nur das vOv.
Page 32
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Gottessubstanz das allein Seiende.
So kann Parmenides von ihr sagen: „das Werden ist verlöscht,
das Vergehen verschollen“, d. h. Werden und Vergehen schließt
sich für die Gottessubstanz aus; oder wie er sich in andern
Worten ausdrückt: „so hält Dike Werden und Vergehen für
das Seiende in Fesseln und läßt sie nicht frei“. Werden und
Vergehen erscheinen hier wie zwei Dämonen, die an dem
Seienden sich gern vergreifen möchten, die aber von der Weltgottheit in Banden gehalten werden, so daß sie dem Seienden
nicht schaden können.
In einem zweiten Teile gibt Parmenides sodann eine Begründung aller derjenigen Prädikate, welche die Einheit und
Zusammengehörigkeit der Gottessubstanz, als des allein Seienden,
hervorheben. Diese Einheitlichkeit wird noch durch die Hervorhebung seiner innerlichen Homogenität verstärkt. Die Gesamtheit
des Seienden ist so gleichmäßig, so frei von jeder Differenz in
seinem Gefüge, durch den Kosmos hin verbreitet, indem es sich
in seinen Teilen lücken- und unterschiedslos aneinanderfügt, daß
jede Scheidung seines Zusammenhangs sich ausschließt. Man
sieht, wie Parmenides auch hierin sich eng an Xenophanes anschließt, und wie er nicht minder gleich dem letzteren keinen
Zweifel darüber läßt, daß seine Gottessubstanz nur als eine stoffliche Substanz verstanden werden kann. Die göttliche Einheitssubstanz ist als eine in sich zusammenhängende stoffliche Bildung
gedacht, welche in ihrem lücken- und differenzlosen Bestande
den ganzen Kosmos gleichmäßig erfüllt *).
Ein dritter Teil endlich begründet alle diejenigen Prädikate,
welche der Unbewegtheit der Gottessubstanz gelten. „Als ein
Selbiges im Selbigen verharrt es ruhend in sich selbst und verharrt so unerschütterlich an seiner Stelle.“ Dieses Unbewegtsein
wird aber noch durch ein neues Moment weiter ausgeführt.
1) V. 21—25: daher nAv d’ Eumthedv éoniv &övrog, das Seiende erfüllt gleichmäßig den ganzen Raum, wie es zugleich Öuoiov, in sich homogen, ist. Auch dieser
Teil entspricht der Ausführung des Xenophanes oben S. 162. Dasselbe Thema wird
auch Fr. 2 ausgeführt. Man kann, heißt es hier, das Seiende nicht aus dem Zusammenhange mit dem Seienden lostrennen, weder so, daß es sich in seinem Gefüge
hier oder dort lockere, noch so, daß es sich zusammenballe. Es wird damit die
völlig gleichmäßige Bildung des Seienden, als der Grundsubstanz des Kosmos, zum
Ausdruck gebracht.
Page 33
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Begrenztsein des Kosmos und der Gottessubstanz.
Die starre Notwendigkeit hält das Seiende in mächtigen Fesseln
und gibt ihm damit den äußeren Abschluß. Das ist nur in bezug
auf das Begrenztsein des Kosmos zu verstehen, welches, wie oft
hervorgehoben wird, Parmenides energisch betonte — im Gegensatz zu Xenophanes, der über diese Frage sich nicht klar
aussprach. Denn jedes Ding, fügt Parmenides hinzu, bedarf, um
vollkommen zu sein, der dasselbe äußerlich begrenzenden und
abschließenden Form, und so muß auch der Kosmos selbst und
die ihm immanente Gottessubstanz durch eine Form, die zugleich
ihre Schranke ist, abgeschlossen sein!) Wir dürfen annehmen,
daß Parmenides zur Betonung dieses Gesichtspunkts durch
pythagoreische Einflüsse veranlaßt worden ist. Dem äußerlich
Begrenztsein des Kosmos und der ihm immanenten Substanz
entspricht das innerlich Unberührtbleiben von allen Veränderungen. Daher es zum Schlusse van dem Seienden selbst
heißt: „alle Vorgänge, denen die Menschen Namen geben, als
Werden und Vergehen, Sein und Nichtsein, Ortsveränderung
und Farbenwechsel, trifft das wahrhaft Seiende (d. h. die Gottessubstanz) nicht“®). Wenn hier auch das Sein selbst als dem
Seienden nicht zukommend bezeichnet wird, so ist es eben das
Sein, wie es die Menschen auffassen und benennen, die einen
scheinbaren Stillstand im Wandel der Naturvorgänge schon mit
1) Fr. 8 V. 29—33:
tadtév T’ Ev Todr te pévov Ka®’ éautd TE Keitat
x oörws Eumebov aver never kpatep yap ’Avdyn
meipatos Ev deopoioıv exer, Td miv mols éépyer.
obvexev oùx Atekeumrtov Td édv Berg elvar'
eotı yap ob Embeues [un], dv d’ dv mavròs edeito:
das ärteleutmrtov bezeichnet die räumliche Begrenzung, den Abschluß durch ein
mépas; fehlte ihm dieses, so wäre es eben mangelhaft, da jedes vollkommene Ding
der äußeren Form bedarf. Auf diese Kugelbildung des Kosmos bezieht sich wohl Fr. 3
Euvòv dé pol eotiv
ónnóôev GpEwyare 461 yap mov fEopar adr.
Nach dem dxivntou bezeichnet Plato die Eleaten als otaowitat, Aristoteles bei
Sext. 10, 46 als otacwWtat Kal dpbaıkoı und charakterisiert ihre Lehre als die von
der äpxh éxkivntos 1845 16.
3) V. 34—41 noch einmal das oöAov (absolut) àkivnrôv 7’ Euevar hervor:
auf die Anfangsworte tattév d’ éotl voeiv te Kal oüvexev eott vônua ist zurückzukommen.
Page 34
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Homogene Kugelbildung des „Seiemden“.
dem Worte Sein bezeichnen, während das letztere doch nur
dem ewig unveränderlichen Seienden zukommt.
So kann Parmenides, nachdem er die einzelnen Prädikate
der Gottessubstanz, als des allein in absolutem Sinne Seienden,
näher begründet und ausgeführt hat, seine Deduktionen mit
folgenden Worten abschließen: „Da eine letzte Schranke für
das Seiende vorhanden ist, so ist dies nach allen Seiten hin in
sich vollendet und begrenzt, vergleichbar dem Umfange eines
wohlgerundeten Balls, von der Mitte aus überallhin gleich.
Denn es darf ja nicht (als in sich homogene Kugelbildung) hier
oder dort größer oder geringer sein (d. h. an einem Punkte
mehr als an jedem andern eine stoffliche Verdichtung aufweisen),
Denn da gibt es nicht etwa eine Stelle, welche (durch eine Lücke)
seinen Zusammenhang aufhôbe, noch ist es möglich, daß ein
Seiendes (d. h. ein Teil der Substanzmasse) hier mehr, dort
weniger als ein anderes Seiendes (d. h. ein anderer Teil der
Substanz) wäre, eben weil alles (d. h. die Substanz in ihrem
ganzen Zusammenhange) in sich unversehrt und gleichmäßig ist.
Denn der Mittelpunkt, wohin es von allen Seiten gleich weit
ist, befindet sich in gleichen Abständen von allen Teilen der
Peripherie“*). Parmenides will also in diesen Worten einmal
die mathematisch abgemessene Kugelbildung des Kosmos und
der ihm einlagernden Substanz zeichnen; er will zugleich auch
die völlige Homogenität seines Inhalts an Seiendem darlegen.
Die Grundsubstanz erfüllt die Hohlkugel des Kosmos so vollständig und so gleichmäßig, daß nirgends in ihrem Zusammenhange eine oder eine Lücke Unebenheit sich findet,
1) V. 4249:
adräp énei meipas nüuatov, Tereleouevov éortt
ndvrodev, eùxükAou opalpes Evaltyxıov Syxw,
neooödev loonalt; mdvm‘ Td yap oÖte Ti neiZov
oûte ti Boarórepov nekévar xpedv dont th A Th.
otte yap où teov Eon, T6 Kev mabor piv Ixveiodar
eis dudv, oùr” édv Eotiv önws eln Kev éóvros
TH) uâÀAov th d’ focov, Enel mâv éonv &ovhove
ol yap ndvroBev Toov, Suwe Ev melpaor KÚper.
Das Leugnen jeder Lücke ist auch polemisch gegen die Pythagorcer, welche aus
dem außerkosmischen xevöv die leeren Räume innerhalb des Kosmos herleiteten.
Das Sdov nerepaouévov Aristot. 2078 15.
Gilbert, Griech. Religionsphilosophie.
Page 35
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das Seiende begrifflich fixiert.
Die vorstehend wiedergegebenen Ausführungen des Parmenides, die uns ein giitiges Geschick unverkirzt aus seiner
Schrift erhalten hat, werden nun durch eine Reihe von Referaten
bestatigt, die von verschiedenen Seiten aus des Parmenides Weltanschauung zeichnen. Wir können danach nicht zweifeln, daß
als des Parmenides Hauptdogma die Annahme einer göttlichen
Grundsubstanz feststeht, welche, ungeworden und unvergänglich
und demnach ewig, unbeweglich und unveränderlich dem Kosmos
immanent, den letzteren in allen seinen Teilen erfüllt. Entsprechend
der Bildung der Weltkugel selbst, nimmt diese Grundsubstanz
selbst Kugelform an: sie bildet den ewigen göttlichen Grund
alles kosmischen Seins und ist so selbst das eine absolute
Seiende?).
Wenn Parmenides in all den einzelnen Prädikaten, die er
dem Seienden als der göttlichen Einheitssubstanz gibt, sich an
Xenophanes anschließt, so zeigt er auch darin seine Übereinstimmung mit dem letzteren, daß er seine ganze Beweisführung aus dem Begriffe selbst entwickelt. Denn das Denken,
sagt Parmenides, einerseits, und das Objekt des Denkens anderseits ist ein und dasselbe: das Seiende muß sich in seiner Realität
mit dem Begriffe decken, den die Vernunft, das vernünftige
Denken, vom Sein formuliert hat. Das logische Denken, will
Parmenides damit sagen, ist, weil aus der Gottesvernunft selbst
stammend, so sicher und wahrhaftig, daß die Wirklichkeit und
die qualitative Bestimmtheit des Seienden ihren völlig adäquaten
Ausdruck in dem Ergebnis des Denkens, nämlich dem formulierten
Begriffe, erhält. Und da der Begriff das Seiende in absolutem
Sinne als das Verharrende und das Bleibende charakterisiert, so
folgt daraus, daß ihm jede Wandlung in Zeit und Raum abzusprechen ist: es ist zeitlich ungeworden und unvergänglich;
es ist räumlich unbeweglich; es muß zugleich in sich völlig
1) Vgl. Alex. in Metaph. p. 31, 4 Hayd. @v 1d näv xal dyevntov Kai opaipoebés; Simplic. pud. 28, 6 Ev Kal Axlvntov Kal &yévnrov Kal menepaouevov TO Trav;
[Plut.] Str. 5 àldtov td mäv Kai dxivntov; Hippol. 1, 11 @v td Av Aldıöv te Kal
ayévntov Kal opaipoeidés xal Suoiov, oùx Exov dE tétov Ev éauTw, Kal dxivntov
xal menepaouévov; Arist. 3254 15 Ev Kai Axlvntov; Aetius 1, 24, 1 Td wav
äxivntov; Plut. adv. Colot. 13., p. 1114D dv dx àlbiov Kal äpOaprov.
Page 36
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Verachtung des Werdenden.
homogen und ohne jede Lücke und Differenz verstanden werden,
All das folgt aus dem Begriffe des „Seienden“ selbst !),
Diese Überwertung des begrifflich fixierten Seins hat zu
der Verachtung des gegensätzlichen Werdens geführt, der
Parmenides so oft und so energisch Ausdruck gibt. Dem Nichtseienden als dem Werdenden wird jede Existenzberechtigung
abgesprochen, da es als Nichtseiendes überhaupt undenkbar
und demnach unaussprechbar sei. Dieses vollkommene Unvermögen, den Entwicklungsgedanken zu fassen und als berechtigt
anzuerkennen, welches Parmenides veranlaßt, allein auf seine
Begriffsformel sich verlassend, den realen Dingen der Welt verständnislos sich gegenüberzustellen, hat Aristoteles denn auch
wiederholt aufs schärfste gegeißelt, Er bezeichnet es geradezu
als Wahnsinn, den wirklichen Verlauf des Weltgeschehens zu
verkennen und in seinem wahren Wesen zu übersehen‘).
1) Fr. 8, 34
« rabröv 8 Earl voeîv te xal obvexev dori vönna.
où yap äveu tod Eövrog, Ev D Teparıonevov éotiv,
eöphoeıg Td voeîve obdev yap (A) eotiv À Eoraı
GAdo mdpeE TOO éévros. Dasselbe Thema erörtert auch Fr. 5 1d yap aùtò voeîv
éotiv te xal elvar; und Fr. 6
xph TO Aeyeıv TE voeiv T’ dv Eupevar Ear yap elvan
undev © oùx Eotive td 0° eyw ppdZeodar ävwya.
nps Tdp 0’ aq’ 5800 Taúrns diZhotos (elpyw),
atrrap Ener’ And thc, Av bn Bporol elbéres oùdèv
aAdrrovran, dixpavor: Aunxavin yap ev adrdv
orhBeorv lObver mAaxtdv vóov: of dè Popodvran
xwpol duwg Tuploi te, TEONTÓTEG Sxpita pOha
ols td nélev TE Kai ot elvar Tadròv vevönotar
xob raûrtóv, mdvtwv dè naklvrporés dott xeAeudos.
Die letztere Polemik ist gegen Heraklit gerichtet, der sein @v dv, das Op, einem
steten Werden, der xdtw und ävw àbôç, unterwarf. Vgl. zu dieser Identifizierung
von voeîv und efvat Nietzsche a. a. O., der des Parmenides „furchtbare Energie des
Strebens nach Gewißheit“ hervorhebt, obgleich doch „Erkenntnis und Sein die sich
widersprechendsten aller Sphären“.
2) Daher unterschieden Fr. 1, 29
h pev ‘AdnOeing evxunrdos Atpenes Atop
h dè Bporidv dóEas, tats ote Evi tlotic GANOrs:
den letzteren entsprechen v. 35 die Sinne, der ersteren xpivar Adyw moAübnpiv
Berxov. Vgl. dazu Fr. 4, 2 die beiden 6bol diZhoros:
h pév Stews éonv Eorıv te Kal We oùx Eart uf etvar
Ta600ç éon xeAeudog, (AAndein yap dmnbeî),
Page 37
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Eine einzige Grandform des kosmischen Seins.
Die immer wieder hervorgehobene Beziehung und Verbindung des Seienden mit der Kosmoskugel durch Parmenides
läßt aber die Deutung jenes als eines rein begrifflichen, als eines
logisch-transzendentalen Seins völlig ausgeschlossen sein, wie
auch die Urteile des Aristoteles das eleatische Sein in organische
Verbindung mit dem Kosmos selbst und der Wirklichkeitswelt
der Dinge bringen. Das Seiende kann demnach nur als die
gôttliche Grundsubstanz verstanden werden, die, dem Kosmos
immanent, die Trägerin alles realen Seins ist. Nicht metaphysisch,
sondern physikalisch will Parmenides sein Seiendes verstanden
wissen.
Könnte man hierüber noch in Zweifel sein, so wird jede
Ungewißheit durch die nähere Bestimmung beseitigt, welche
das Parmenideische Seiende nach seiner Substantialitat naher
charakterisiert. „Die Menschen“, sagt Parmenides, ,glauben
zwei Formen, welche den Dingen zugrunde liegen, annehmen
zu müssen; eine, meinen sie, geniige nicht.“
„Mit dieser Meinung
aber“, nämlich daß zwei Formen nötig sind, fügt Parmenides
hinzu, „irren die Menschen.“ Parmenides will also nur eine
Form als berechtigt anerkennen und wir können nicht zweifeln,
daß er mit dieser einen Grundform des kosmischen Seins eben
seine Gottessubstanz im Auge hat. Diese eine allein berechtigte
Grundform des Seins ist nun aber, wie Parmenides des näheren
ausführt, „das ätherische Flammenfeuer, das milde, leichte, sich
selbst überall gleiche.“ Hier erscheint also das Feuerprinzip,
d. h. die Wärmeenergie, als die Grundsubstanz, welche als das
fh 8 ds oök Eorıv te Kal We xpebv dort pr etvar
Thv òh Tot ppdlw mavaneudea Eupev àtaprôv:
oöte yap dv rvoins Tó ye un édv (où yap avuatév),
odre ppdoats. Ebenso Fr. 7
où yap uñmote toto dapfy eTvar un edvtaGAA où Ths 8 aq’ 5500 bilhotos elpye vónua.
Gegen die Wahrheit der Sinne und der d6Ea Diog. 9, 22; Alex. Metaph. a. a. O.
Kar AArderav und xatd d6Eav gegenübergestellt; Simplic. quo. 28 td ph dv unde
Znteîv ouyxwpöuvrwv; 115, I1ff.; 39, 10 dokagtóv und Th¢ vontis AAnbelas;
Plut. Strom. 5; Aristot. 9865 18 td xatd Adyov; dagegen 28 td pr dv oùbèv dEudv
Eva; 2985 14 ff. véveorg und pBopd aufgehoben; ebenso Aetius 1, 24, 1. Aristot.
325% 18 paviqa TapanAhgtov elvar td dokdZerv oÖtws.
Page 38
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wärme und Kälte: Seiendes und Nichtseiendes.
eigentlich Schöpferische den Kosmos zusammenhält'). Und daß
tatsächlich für Parmenides das unverändert Seiende, d. h. die
göttliche Grundsubstanz, mit
dem Feuer
oder der Wärme
zusammenfiel, bezeugt Aristoteles ausdrücklich mit den Worten
Parmenides nehme zwei Ursachen und zwei Prinzipien an, nämlich
Wärme und Kälte, oder Feuer und Erde: dem Warmen gebe
er den Rang des Seienden, dem Kalten den des Nichtseienden.
Während also Xenophanes über die Substantialität der Gottheit
sich nicht näher ausspricht, glaubt Parmenides dieselbe als die
Wärme bestimmen zu dürfen. Es ist demnach der in unendlich
kleinen Atomen bestehende Feuerstoff völlig gleichmäßig durch
. den Kosmos verbreitet; seine mehr oder weniger latente Wärme
ist das Ewige, das Beständige, das wahrhaft Seiende, welches
als die Grundsubstanz allem kosmischen Sein als bleibendes
Substrat dient. Ihr tritt die in stetem Wechsel befindliche Stoffmasse als das Nichtseiende, d. h. die ewig wandelbare, niemals
in den Zustand des wahren Seins gelangende Materie gegenüber.
Diese wandelbare Stoffmasse sieht Pärmenides in der Erde
konzentriert: die Erde wird ihm — ebenso wie dem Xenophanes — der Ausgangspunkt aller Stoffumwandlung, aller
Veränderungen des Naturprozesses; und insofern ist die Erde,
als die Vertreterin auch der Elemente von Wasser und Luft,
das absolut Werdende und damit das Nichtseiende *).
2) Fr. 8, 53
Hoppäs yap xaredevro S00 yvibuas òvoudZew,
Wv pilav où ypedwv éoniv (Ev D memhavnuévor elolv).
rävria d’ éxpivavro béuas Kal ovat Edevro
xwpic am’ dAAhAwv, th mev phoyòs aldepıov Op,
hmiov dv, ner &appöv, Ewurd ndvrooe twitdv,
To 9 erépw uh Twdrév: atdp käkeîvo Kar’ add
tavavtia voxT ddah, tuKivdv deuas eupprOds te.
%) Diog. 9, 18 d00 7 Etvar ororxeia np Kal yfiv* Td uèv dnmioupyod TdEıv Exerv,
Thy dé Aric; Aristot. 986> d00 Tds aitlas Kai dbo tac dpydc nv Tenor, Bepudv
xal puxpóv olov nûp Kal yAv Adywv. téutTwv dè Kara pèv TÒ dv Td Beppòv
tdttel, Odtepov dè Katd Td ph Sv; Simplic. quo. 25, 15 TÔP Kal yfv À mAAov
pls xal oxdtoc; Aristot. 3368 3 êrerdi) mépuxev, We paar, Td ev Oeppdv dtaxpiverv, Td dè wuxpdv ouviordvar Kal Tv Gdkwv TO pèv moteîv Td dE mdoxerv,
ex Tobrwv Aéyouor Kat did Tobrwv dravra TäAAa ylyveoBar Kai pBelpeoBat; Cic.
Ac. 2, 37, 118 ignem qui moveat, terram quae ab eo formetur.
Page 39
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das Parmenideische Feuer.
Man darf es als sicher ansehen, daß Parmenides zu dieser
Näherbestimmung der Gottessubstanz durch seine Abhängigkeit
von pythagoreischen und heraklitschen Einflüssen veranlaßt
worden ist. Das parmenideische Feuer ist seiner Substantialität
nach dem pythagoreisch-heraklitschen Feuer gleich. Aber während
Pythagoras sein formendes Feuerprinzip in Oberflächen, Maßen
und Zahlen sich mit der ungeschiedenen kalten Materie von außen
verbinden läßt; Heraklit dagegen sein Feuer als die Weltmaterie
schlechthin erklärt, die von innen heraus alles Werden gestaltet
und deren wechselnde Phasen der Erhitzung oder Erkaltung den
verschiedenen Wert der Dinge bestimmt: erkennt Parmenides im
Feuer den Grundstoff, der als Gottessubstanz durch den ganzen
Kosmos gleichmäßig verbreitet ist, um als das eigentlich
schöpferische Prinzip auf die träge und kalte Materie einzuwirken.
Die Art aber, wie die feurige Gottessubstanz die Materie
bewegt und bestimmt, ist und bleibt für Parmenides ein unlösbares
Rätsel, ein unergründliches Mysterium. Ja, er lehnt prinzipiell,
d. h. vom Standpunkte ‘des Begriffs, des logischen Denkens, die
Möglichkeit einer Verbindung zwischen dem Seienden und dem
Werdenden ab. Denn ist das Seiende in parmenideischer Auffassung die absolute und damit jeder Veränderung und Bewegung
unfähige Substanz, so kann dieselbe, soweit man der strengen
Logik des Gedankens folgt, auch keine Beziehung zu dem
elementaren Stoffe haben, als dessen wesentliche Eigenschaft
gerade Bewegung und Veränderung erscheint. So klafft zwischen
dem Sein der göttlichen Substanz und dem Werden der Erscheinungswelt eine unüberbrückbare Kluft, die auszufüllen
Parmenides unfähig gewesen ist, oder nicht den Mut gehabt hat.
So ist es zu verstehen, daß Parmenides der Erklärung der
Erscheinungswelt sich nur zögernd zuwendet. Für ihn ist dieser
Weg nur ein solcher des Scheins, vor dem er warnt, während
er das Ergebnis seines Denkprozesses bezüglich des Seienden
als unzweifelhaft und wahrhaftig preist!). Man ginge aber fehl
1) Fr. 1, 31
GAN Eumms Kal Tadra pabiyceat, Ws TA d0K00vTA
xpfiv dokudg elva did mavròg ndvra Tepdvra;
Fr.-8, 60 Tóv cor yd didxoouov doixéta ndvra pariZw,
ds où uh more tic oe Bpotwy Yyvılun rapeldoon.
Page 40
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Werden und Wandeln des elementaren Stoffes.
wenn man die Erklarung des Werdens, wie Parmenides sie,
wenn auch nur als scheinbar und unsicher, gibt, deshalb unbeachtet lassen wollte. Parmenides betont, daB seine Erklärung,
obgleich an sich ungewiß, dennoch unter allen bisherigen
Erklärungen die größte Wahrscheinlichkeit für sich habe. Der
springende Punkt, um den es sich hier handelt, ist, wie schon
bemerkt, die Frage: wie ist es möglich, daß das seinem Wesen
nach unbewegte Seiende in Beziehung zu dem elementaren
Stoffe, als dem sich bewegenden, tritt? Die Beantwortung dieser
Frage unterläßt Parmenides, weil sie für ihn unmöglich ist.
Anderseits aber erkennt er an, daß eine Erklärung des Weltgetriebes, d. h. des Werdenden oder Nichtseienden, nur durch -
die Annahme einer Einwirkung der göttlichen Substanz auf die
Weltmaterie möglich ist. So sehen wir ihn denn diese Einwirkung selbst statuieren und von ihr bei der Erklärung des
kosmischen Werdens ausgehen: das Moment selbst dieses Eintretens der göttlichen Wirkung umgeht er, weil es ihm unverständlich ist.
Nur die Tatsache selbst
also
kann,
wenn
überhaupt eine Erklärung versucht werden soll, nicht geleugnet
werden.
Das Werden und Wandeln des elementaren Stoffs erklärt
sich hiernach so, daß die göttliche Substanz als der ursächliche,
der schöpferische Faktor, wie Theophrast sie bezeichnet, zu der
Erde, als der Materie schlechthin, in Beziehung tritt!). Jene
schöpferische Kraft bearbeitet die starre Materie und führt sie
aus ihrer Unbelebtheit zum Werden und zu bestimmten Einzelgebilden. Die beiden Faktoren, welche so zur Bildung der
Erscheinungswelt in Wechselbeziehung treten und welche wir
schon als Feuer und Erde, als Gottheit und Materie, kennen
gelernt haben, werden von Aristoteles zugleich als Wärme und
Kälte, als wirkend und leidend, als auflösend und zusammenballend, charakterisiert, während andere Referate diesen Prädikaten noch Licht und Dunkel, locker und fest hinzufügen.
Theophrast scheint klar und bestimmt den göttlichen Faktor
1) Theophr. bei Alex. a. a. O. TTüp «al yiiv, td pev ds ÖAnv, td dé dx
alrıov xal norodv; Hippol. 1, 11 Thy pev yfiv dig ÖAnv TÔ dè Op the alrıov Kal moto0v.
Page 41
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Weltschöpfang.
als den Demiurgen, die Materie als Hyle bezeichnet zu haben.
Wir ersehen daraus, wie Parmenides .den Anschauungen, die
wir als die herrschenden schon kennen gelernt haben, treu
bleibt: die Materie, an sich eine feste und starre, dunkle und
kalte Masse, wird durch das feinteilige lichte Feuer und seine
Wärme zerteilt, aufgelöst, zu lebensvollen Formen und Bildungen
gestaltet.
Es ist uns bestimmt bezeugt, daß Parmenides die Weltbildung in ihrem Werden und Entstehen eingehend dargestellt
habe. Und wir haben noch die eigenen Worte des Parmenides,
in denen er den ursprünglichen Zustand der Welt zeichnet !).
Es stand dem milden, lichten, sich selbst gleichen ätherischen
Flammenfeuer, d. h. der Gottessubstanz, die lichtlose Nacht als
eine dichte, schwere körperliche Bildung gegenüber. Diese
beiden gegensätzlichen Mächten, die an Kräfte einander gleich
erscheinen, erfüllen ursprünglich das ganze Weltgebäude: keinem
von beiden kommt am andern ein Anteil zu. Aus der Verbindung
beider Mächte gehen dann die einzelnen Weltsphären, wie die
Einzelorganismen und Dinge hervor. Und zwar vollzieht sich
diese Verbindung in Form der Mischung: die schöpferische
göttliche Substanz vermischt sich mit der starren, in der Erdmasse konzentrierten und kondensierten Materie, löst sie mehr
oder weniger auf, und verwandelt ihre aufgelösten Teile in die
einzelnen Weltkörper und weiterhin in die lebenden Wesen und
Dinge. So sind nach dem ausdrücklichen Zeugnisse des Aristoteles
Wasser und Luft Mischungen von Feuer und Erde, d. h. der
Gottessubstanz und der tellurischen Grundmaterie. Für diese
Ausgestaltung des Kosmos haben wir das eigene Zeugnis des
Parmenides, welcher von den verschiedenen Sphären oder
Ringen des Kosmos spricht, welche dadurch, die eine von der
andern, sich unterscheiden, daß die oberen aus reinem Feuer,
die unteren aus nächtlichem Dunkel bestehen, während die
1) Fr. 9
.
adräp êredh tdvta doc xal vúE dvouagtai
xal ta Kata opetépas duvduers émi Toiol te Kai Toîs,
mâv nÂéov eotiv du00 pdeos Kai vuxrèç äpdvrou
lowv àäuporépuv, èrel oddetépw peta undév.
Page 42
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das Weltzentrum unterhalb der Erde.
dazwischen liegenden eine Mischung aus Feuer und Dunkel
darstellen *).
In dieser Anordnung der Ringe ist zweifellos wieder der
Einfluß pythagoreischer Vorstellungen zu erkennen. Und wie
in der Lehre des Pythagoras die zehn Sphären um den feurigen
Weltmittelpunkt kreisen, so nimmt auch Parmenides ein kosmisches
Zentrum an, welches von den himmlischen Ringen umkreist wird.
Aber Parmenides hat, im Gegensatze zu Pythagoras, nicht
gewagt, den geozentrischen Standpunkt zu verlassen, und so ist
in sein Weltsystem etwas Halbes und Schiefes gekommen. Es
bleibt die Erde im Mittelpunkte der Welt und um sie kreisen
der Fixsternhimmel, die Planeten nebst Sonne und Mond, und die
Atmosphäre; formell aber muß sie ihre zentrale Würde aufgeben,
indem Parmenides ein eigenes Weltzentrum unterhalb des Erdkörpers annimmt, von dem aus die Weltbildung sich vollzogen
haben soll?). Das ist ein höchst eigentümliches Zugeständnis
an die pythagoreische Weltanschauung. Für die letztere ist
dieser Weltmittelpunkt, um den auch die Erde gleich den andern
Sphären kreist, ein notwendiger Bestandteil ihres Gesamtsystems3
in der Kosmosbildung des Parmenides wird er zu einem unorganischen Anhängsel, der unberechtigt erscheint und nur aus
der Abhängigkeit vom pythagoreischen Dogma sich erklärt.
Allerdings hat es Parmenides, wie wir noch sehen werden,
verstanden, dieses von ihm, wenn auch modifiziert, von Pythagoras übernommene kosmische Zentrum für seine Weltgestaltung
1) Von der Entstehung der einzelnen Weltkörper handeln Fr. 10, 11. Über
die orepdvar Fr. 12
al yap oteıvörepar mAfñivro mupôs Akpritoro
ai à énl rais vurtöc, uerà dè pAoròs ferm altaar
Vgl. dazu Aetius 2, 7, 1 orepdvag elvar nepinenleyrnevas, eEnaAAnkous, Thy uèv ex
tod Gpaiod, thy de ex TOO muxvoDd‘ puxrdç dE GAdac Ex pwròs Kal oxdtou, pETAED
roûrwv. Das folgende ist durch Interpolationen entstellt, über die vgl. Arch. f.
Gesch. d. Philos. 20, 38ff.; 23, 421
ff. Aristot. 330b 13 of 8 eb@ùs S00 motoDvrec
Donep TT. rp Kal fv, ta petaEd uelyuata mowdor Tobrwv olov âépa Kal Üdwp.
%) Die Angabe Diog. 9, 21 Tv Tv — Ev uéow xeiodaı wird modifiziert
durch die weitere Angabe Theol. arithm. p. 6 Ast. mepl td uégov TÔv rteoodpwv
drotgelwv keiodal Tuva évadixdv bidmupov xÜBov, welche letztere die weodtns der
Welt ist. Es wird hinzugefügt, daß of mepi 'Eunedoxhéa xal Tlapuevibnv dieses
lebren und darin den Pythagoreern folgen.
Page 43
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Weltschöpfung.
als den Demiurgen, die Materie als Hyle bezeichnet zu haben.
Wir ersehen daraus, wie Parmenides ‚den Anschauungen, die
wir als die herrschenden schon kennen gelernt haben, treu
bleibt: die Materie, an sich eine feste und starre, dunkle und
kalte Masse, wird. durch das feinteilige lichte Feuer und seine
Wärme zerteilt, aufgelöst, zu lebensvollen Formen und Bildungen
gestaltet.
Es ist uns bestimmt bezeugt, daß Parmenides die Weltbildung in ihrem Werden und Entstehen eingehend dargestellt
habe. Und wir haben noch die eigenen Worte des Parmenides,
in denen er den ursprünglichen Zustand der Welt zeichnet!).
Es stand dem milden, lichten, sich selbst gleichen ätherischen
Flammenfeuer, d. h. der Gottessubstanz, die lichtlose Nacht als
eine dichte, schwere körperliche Bildung gegenüber. Diese
beiden gegensätzlichen Mächten, die an Kräfte einander gleich
erscheinen, erfüllen ursprünglich das ganze Weltgebäude: keinem
von beiden kommt am andern ein Anteil zu. Aus der Verbindung
beider Mächte gehen dann die einzelnen Weltsphären, wie die
Einzelorganismen und Dinge hervor. Und zwar vollzieht sich
diese Verbindung in Form der Mischung: die schöpferische
göttliche Substanz vermischt sich mit der starren, in der Erdmasse konzentrierten und kondensierten Materie, löst sie mehr
oder weniger auf, und verwandelt ihre aufgelösten Teile in die
einzelnen Weltkörper und weiterhin in die lebenden Wesen und
Dinge. So sind nach dem ausdrücklichen Zeugnisse des Aristoteles
Wasser und Luft Mischungen von Feuer und Erde, d. h. der
Gottessubstanz und der tellurischen Grundmaterie. Für diese
Ausgestaltung des Kosmos haben wir das eigene Zeugnis des
Parmenides, welcher von den verschiedenen Sphären oder
Ringen des Kosmos spricht, welche dadurch, die eine von der
andern, sich unterscheiden, daß die oberen aus reinem Feuer,
die unteren aus nächtlichem Dunkel bestehen, während die
1) Fr. 9
abràp énedn ndvra pdog Kai vil dvönactaı
Kai ta Kata ometépas duvduets èmi Toiol TE Kai Toîs,
mv théov eotiv 5400 pdeog Kai vuxtds äpdvrou
Towv äuporépwv, énei oddetépw uera undév.
Page 44
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das Weltzentrum unterhalb der Erde.
dazwischen liegenden eine Mischung aus Feuer und Dunkel
darstellen *).
In dieser Anordnung der Ringe ist zweifellos wieder der
Einfluß pythagoreischer Vorstellungen zu erkennen. Und wie
in der Lehre des Pythagoras die zehn Sphären um den feurigen
Weltmittelpunkt kreisen, so nimmt auch Parmenides ein kosmisches
Zentrum an, welches von den himmlischen Ringen umkreist wird.
Aber Parmenides hat, im Gegensatze zu Pythagoras, nicht
gewagt, den geozentrischen Standpunkt zu verlassen, und so ist
in sein Weltsystem etwas Halbes und Schiefes gekommen. Es
bleibt die Erde im Mittelpunkte der Welt und um sie kreisen
der Fixsternhimmel, die Planeten nebst Sonne und Mond, und die
Atmosphäre; formell aber muß sie ihre zentrale Würde aufgeben,
indem Parmenides ein eigenes Weltzentrum unterhalb des Erdkörpers annimmt, von dem aus die Weltbildung sich vollzogen
haben soll*). Das ist ein höchst eigentümliches Zugeständnis
an die pythagoreische Weltanschauung. Für die letztere ist
dieser Weltmittelpunkt, um den auch die Erde gleich den andern
Sphären kreist, ein notwendiger Bestandteil ihres Gesamtsystems3
in der Kosmosbildung des Parmenides wird er zu einem unorganischen Anhängsel, der unberechtigt erscheint und nur aus
der Abhängigkeit vom pythagoreischen Dogma sich erklärt.
Allerdings hat es Parmenides, wie wir noch sehen werden,
verstanden, dieses von ihm, wenn auch modifiziert, von Pythagoras übernommene kosmische Zentrum für seine Weltgestaltung
1) Von der Entstehung der einzelnen Weltkörper handeln Fr. 10, 11. Über
die otepdvat Fr. 12
at yap otewdtepar nAfivro mupôs ÄKpryroto
ai à ni tai vuxtôç, peta dè pAoyès Teruı altaar
Vgl. dazu Aetius 2, 7, 1 Otepdvas elvar mepinenAeyuévas, émalAnhouc, Thy uèv ek
To0 &parod, Thy de ex TOO TUKVOO: puxräç dE BAdacg ex puwuTôs Kai oxdtou, pETAED
toûtwv. Das folgende ist durch Interpolationen entstellt, über die vgl. Arch. f.
Gesch. d. Philos. 20, 38ff.; 23, 421
ff. Aristot. 330b 13 of 8 eb@ùs dbo morodvrec
Worep TT. nûp Kal yiiv, ta ueruëd uelyuara mo100n TOUTWY olov dépa Kai ddwop.
*) Die Angabe Diog. 9, 21 Tv yfiv — Ev péow xeiodaı wird modifiziert
durch die weitere Angabe Theol. arithm. p. 6 Ast. nepl td uégov Tv tecodpwv
ororxelwv xeiodal Tuva Evadındv dtdtrupov Kifov, welche letztere die meoóTns der
Welt ist. Es wird hinzugefügt, daß of nepl ’Eunedoxika Kal TTappeviònv dieses
lehren und darin den Pythagoreern folgen.
Page 45
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Schöpfung der Einzelorganismen.
auszunutzen: die Setzung desselben an sich kann nur als unter
dem Zwange pythagoreischer Traditionen erfolgt verstanden
werden.
Nach der Schöpfung der Weltsphären erfolgt nach Parmenideischer Lehre die Gestaltung der Einzelorganismen, und
auch für diese wird an derselben Art der Bildung, aus der die
Weltkörper als solche hervorgehen, festgehalten. Alle Wesen
und Dinge entstehen nämlich aus der Mischung der göttlichen
Feuersubstanz mit der tellurischen Materie; und je nach dem
Übergewichte des einen oder des andern Faktors bestimmt sich
der Wert des Einzelwesens!). Das tritt namentlich in der Bildung
der Seele hervor, die für die Erkenntnis der Parmenideischen
Weltanschauung von höchstem Interesse ist. Parmenides spricht
sich selbst über sie in folgenden Worten aus: „wie sich die
Vernunft in bezug auf die Mischung mit den vielfach irrenden
Organen des Menschen verhält, so tritt sie an den Menschen
heran; das was denkt im Menschen ist nämlich identisch mit
der Beschaffenheit seiner Organe. Das gilt für alle und jeden:
das Mehrere ist das Denken.“ Von der Mischungsart des göttlichen
Feuerprinzips mit dem tellurischen kalten Stoffe hängt demnach
das Denken ab. Ist die feurige Gottessubstanz die Vernunft
schlechthin, so wird ihre Kraft und Wirkung durch.die Verbindung
mit der irdischen Materie beeinträchtigt und teilweise unterdrückt. Je stärker die letztere, desto geringer vermag sich das
göttliche Element geltend zu machen. So kann die Substanz
der Seele an sich als Feuer bezeichnet werden, da sie aus der
Gottessubstanz selbst stammt; die Erkenntnis, d. h. die Kraft
der Vernunfttätigkeit, der Grad des logischen Denkens, ist aber
von dem Hinzutreten des tellurischen Elements abhängig, mit
dem sich jene verbindet*). Und dem entspricht es, daß die
1) Diog. 1, 22 abröv (Töv àvOpdwrov) Ündpyev td Bepuöv Kal td wyuxpév,
é Dv ta ndvra ouveordvar.
2) Fr. 16
ds yap éxdotor’ Eyer kpâaiv peddwv toAuTAdyKtwy,
Ts véos avOpWroin tapioTata td yap aùró
Eotiv Önep ppovéer gehéwv Plaıs avOpwroionv
Kai ndow xal ravri Tò yap tAdov éoti vônua.
Vgl. dazu Theophr. bei Diog. 1, 22 Tv wuyiv Kal tov vo0v 7 abrèv elvar; ebenso
Aetius 4, 5, 5, daher obdev Av eln Z@ov &Aoyov xuplws; Aetius 4, 3, 4 TUPWÒN
Page 46
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Parmenides’ Auffassung der Vernunfttätigkeit.
Sinne von Parmenides als unzuverlässig charakterisiert werden:
denn in ihnen hat das irdische Element die Oberhand; nur das
reine Denken der Begriffsbildung bringt die ungemischte Kraft
der Gottessubstanz zum Ausdruck?),
Auch in dieser Auffassung der Vernunfttatigkeit folgt
Parmenides älteren und speziell Heraklitschen Lehren. Denn
das Denken beruht auf der funktionellen Tatigkeit eines Denkstoffs,
einer Vernunftsubstanz, die, in ihren Ursprüngen rein gôttlich,
sich mit den körperlichen Organen des Menschen verbindet und
so das göttliche Element im Menschen selbst darstellt. Aber
dieses vernünftige und im letzten Grunde göttliche Denken wird
getrübt und entstellt durch die Einwirkung der Materie, d. h.
des irdischen Stoffs, des tellurischen Elements, welches durch
seine Kälte, seine Tragheit und Starrheit die volle Entfaltung
der göttlichen Substanztätigkeit beeinträchtigt, unterbindet, verhindert. Und in dieser Auffassung der verniinftigen Gottessubstanz, als der objektiven sowohl wie der subjektiven Vernunft,
liegt die letzte und entscheidende Erklärung für die Bedeutung,
welche die eleatischen Denker dem Begriffe zuschreiben. Denn
in dem letzteren kommt für sie die ungebrochene Kraft der
Gottesvernunft zum Ausdruck: in ihm überwindet die im Menschenleibe gefesselt ruhende göttliche Denktätigkeit die Hemmnisse
und Widerstände, welche der irdische Stoff des Körpers bietet;
der Begriff ist der reine und ungetrübte Ausdruck der absoluten
Gottesvernunft.
Die Ausgestaltung des Kosmos, wie sie Parmenides lehrt,
gewinnt nun aber dadurch noch ein spezielles Interesse für uns,
weil sie dem Parmenides Gelegenheit gibt, über die nationalen
tiv wuxtiv); Macrob. S. Scip. I, 14, 20 ex terra et igne (animam esse). Daher
Theophr. sens. 1 die yvWoig xard td ürepßdAlov des einen oder des andern
ororxelov: éàv yap Ömepalpn td Bepuöv A td wuxpòv, GAAnv yiveodaı Tv didvorav,
BeAtiw dè xal xadapwrepav Tv dià Td Bepuöv.
1) Theophr. sens. 3 16 yap aicOdveoOa Kai td We tabtd Aéyer did Kai Tv
uvhunv xal Thy MOnv dtd Tobrwv (näml. Bepuöv und wuxpdv) Yiveodaı dia Kpdoews.
Wenn er trotzdem lehrt, Aetius 4, 9, 1 weudeis elvat tac aloñoes, so erklärt sich
das daraus, daß die mépoi des Körpers, welche den Sinnen dienen, durch die Einwirkungen des hemmenden wuypóv nicht richtig funktionieren.
Page 47
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Gott und Gôtter.
Gôtter sich auszusprechen. Hier ist aber zu unterscheiden. Vom
Standpunkte der reinen Vernunft aus betrachtet, gibt es für
Parmenides nur einen Gott, eben die den Kosmos gleichmäßig
erfüllende Gottessubstanz!). Die praktische Vernunft aber kann
die Götterwelt des Volksglaubens nicht entbehren und ist
bestrebt, dieselbe dem Verständnis näher zu bringen. So sehen
wir Parmenides bemüht, den einzelnen Gottheiten der nationalen
Religion ihre Stelle im Kosmos anzuweisen und in diesem Bemühen,
zwischen
den
eigenen Weltkonstruktionen
und
den
religiösen Traditionen einen Ausgleich herbeizuführen, erhebt
er sich nicht über den Standpunkt, den wir schon durch die
Ionier und die Pythagoreer vertreten kennen gelernt haben.
Ist für Parmenides ebenso wie für Pythagoras und Heraklit das
Feuer die eigentlich göttliche Substanz, so ergibt sich die
Identifizierung verschiedener Göttergestalten von selbst?). Gleich
dem Pythagoras und dem Heraklit erkennt auch Parmenides in
der Licht- und Feuerregion des Fixsternhimmels den höchsten
Gott des Volksglaubens; und in gleicher Weise wachsen ihm
die reinen Feuersphären der Gestirnregionen bis hinab zur
Mondsphäre in die Würde nationaler Gottheiten hinauf. Daß
hier wieder die Sonne einen hervorragenden Platz einnimmt,
braucht kaum bemerkt zu werden: Parmenides identifiziert dieselbe auch seinerseits mit der idealsten und hehrsten Gottheit
des nationalen Kults Apollon. Weiter ist bestimmt bezeugt,
daß er die Luftregion, d. h. das Element der Luft, als Hera
auffaßte: und ähnlich wird er auch andere Sphären und Phasen
des Weltprozesses hypostasiert und apotheosiert haben. Denn
auch den Weltprozeß selbst hat er unter göttlicher Kraftwirkung
1) Daher Aetius 1, 7, 26 1d dxlvntov Kai menepaouèvov opaipoetdés Beós.
Nur für diesen gilt Aristot. 298b 14 &veîhov yéveoiv xal PBopdv; daher die Lehre
pôAov Erepas Kal mpotépac À TAS PUOIKAS oxdwews.
%) Vgl. allgemein die unter dem Namen des Menander Rhetor. Gr. (ed. Spengel)
gebende Schrift Tûv êmdeiktik@v 3, 1 (p. 333), 5 (p. 336f.) puorol (vor) ods ol
nepi Tlappevidny xal ’Eumedoxika eroinoav, Tis ñ tod ArróAAwvos púos, Tic À TOO
Atos, npoondenevor. — ol dè Totodror Stav ’AméAAwvos Öuvov Aéyovres FAtov
aùròv elvar pdoxwyev — Kai mepi "Hpas dm dip, Kai Zeùc td 6epuôv: of yap
Torodror vor mudrodoyiKol xal ypwvrar de tH TOtoUTWY Tpónw TTappevlöng Te Kal
"EumedoxAfic axpipidg — Tlappevidns ev yap Kat ’EureboxAñs EEnyoOvrat —.
Page 48
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Eros.
sich vollziehend dargestellt und gerade dieser verdient noch eine
genauere Betrachtung !).
Plato berichtet, Parmenides habe ebenso wie Hesiod von
gewaltigen und schrecklichen Ereignissen berichtet, die, im
Anfange der Kosmosbildung geschehend, die Gôtter betrafen.
Aus den eigenen Worten des Parmenides wissen wir, daß derselbe
den Eros, das Verlangen, als die erste Zeugung an den Anfang
der Weltgeschichte stellte, und gerade durch den Eros läßt
Parmenides, wie Plato bezeugt, all die furchtbaren Taten,
Fesselungen, Morde und andere Gewalttätigkeiten, geschehen.
Denn der Eros, das Verlangen, ist es, durch welches die Gottheit
überall geschlechtliche Paarung und weherfülltes Gebären anregt, indem sie dem Manne zum Weibe, dem Weibe zum
Manne brünstiges Begehren einflößt, und damit die ganze Weltentwicklung in die Wege leitet. Wir ersehen daraus wieder,
daß Parmenides auf die religiösen Traditionen seines Volks einging und dieselben zu deuten und zu erklären suchte. Und
hierfür bot ihm die Setzung eines Weltmittelpunkts den geeignetsten Anlaß ?).
Wir haben schon gesehen, daß es nur aus der Macht
pythagoreischer Vorstellungen, deren Einfluß Parmenides sich
nicht entziehen konnte, zu erklären ist, daß der letztere ein
Zentrum annahm, um das sich die himmlischen Sphären bewegten,
und welches zugleich in engster räumlicher Verbindung mit der
Erde sich befand. Von diesem Zentrum aus hat Parmenides
nun auch die Weltbildung selbst sich vollziehen lassen. Es
1) Da Parmenides Aetius 2, II, 14 TV mepipopèv thy éEwrdrw — elvar
tov dupavöv und diesen TrÚptvov lehrte, so ergibt sich daraus die Göttlichheit des
oùpavós von selbst, daher Cic. n. d. 1, 12, 28 lucis orbis, qui cingit caelum, appellat
deum, d. h. Zeus. Ebenso sind die Gestirne Aetius 2, 13, 8 mANnaTa rupös; fiAtos
2, 20, 8; oeArjvn 2, 25, 3 TÚptvot, also göttlich. In Fr. 10 erscheint otpavdc’
Adios, alOip, ydAa, ÖAuunog Eoyatos h 8 äorpwv Oepuèv pévoc als Weltkörper.
Wenn daneben auch ff} genannt wird, so ist damit nicht gesagt, daß die Erde an
und ftir sich göttlich ist: sie ist es, insoweit der Erdkörper und die irdischen Geschöpfe aus der Mischung mit dem Oepydv sich gebildet haben. Clem. protr. 5, 64,
p- 55 P. Beoùs elonrhoato Op Kal yfjv ist in dieser Fassung kaum haltbar.
*) Plato Symp. 195C; 197B và nalaıd npdyuata nepi Beoùs à “Holodo¢
Kai TTappevidns Adyoumv — éxrouai — deopoi äAAMAuv — Kai GA\a roAAd xal
Bla. Über den Eros Fr. 13 npWrıorov uèv “Epwta Gedy untloaro mdévtw.
Page 49
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Weltschôpferin.
zeigt sich auch darin also der engste Anschluß an pythagoreische
Vorstellungen. Wir können deshalb auch nicht zweifeln, daB die
Weltschöpferin, die wir hier nach Parmenideischer Lehre thronend
finden, durchaus dem pythagoreischen Zentralfeuer entspricht,
das als die erste Schöpfung von dem höchsten Gotte in den
Mittelpunkt des kosmischen Raumes gesetzt wurde, um von hier
aus den Kosmos zu gestalten. Die Gôttin, welche in der Lehre
des Parmenides als die eigentliche Weltschöpferin und Weltordnerin erscheint, und welche in gleicher Weise als eine Lebensund als eine Todesgewalt charakterisiert wird, entspricht, wie
bemerkt, durchaus dem pythagoreischen Zentralfeuer, wie denn
auch beide Mittelpunkte als der Herd der Welt bezeichnet
werden’). Es ist nur der Unterschied, daß Pythagoras mehr die
formende und maßgebende Wirksamkeit des Zentralfeuers zum
Ausdruck bringt, Parmenides dagegen das zeugerische und
schöpferische Moment dieses Weltmittelpunkts hervorhebt. Denn
in der Phantasie des letzteren nahmen die Ursprünge der Welt
einen wilden, einen furchtbaren Charakter an, und entsprachen
so den Vorstellungen des Volks, denen die Kosmologen Ausdruck
gegeben hatten. Die ersten Mischungen der Gottessubstanz mit
der tellurischen Stoffmasse hatten ungeheuerliche Bildungen
erzeugt, die sich gegenseitig bekämpften, überwältigten, vernichteten. Es ist uns bezeugt, daß Parmenides den Krieg, den
Streit, die Begierde als solche ursprüngliche göttliche Mächte
dargestellt hatte, in denen offenbar der Charakter der lichtfeindlichen Materie noch das bestimmende Moment bildete*). So
war es dem Parmenides möglich, die religiösen Traditionen
seines Volks zu verwerten und zugleich eine Erklärung und
1) Simplic. pug. 31, 10; 34, 14; 39, 12 schildert die daluwv als td ToınTıKöv
Kai alriov mdons yevéoews schlechthin, daher Fr, 12, 3
ev dE uéow tobtwv daluwv À mdvya Kupepva:
ndvra yap À oruyepoîo téKou Kal uiEtos äpxer
nméunovo’ äpoen Adu pryfv T6 7 évavriov atric
Gpoev Ondutépy. Daher Eros Plut. amat. 13, p. 756F als T@v Aqpoditns Epywv
mpeopitatov genannt. Simplic, mud. 39, 18 hebt hervor, daß diese Göttin nicht
nur tds wuxds Téunet tote pev Ex TOO éupavods els td derdéc, Tote de dvdradtv.
N) Cic. n. d. 1, 12, 28 multaque ejusdem (modi) monstra: quippe qui Bellum,
qui Discordiam, qui Cupiditatem, ceteraque ejusdem generis ad deum revocat, quae
vel morbo vel somno vel oblivione vel vetustate delentur; eademque de sideribus —.
Page 50
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die ,baluwv“.
Deutung für dieselben zu finden. Und wie nach pythagoreischer
Lehre das Zentralfeuer des Kosmos neben den im Himmel
thronenden Göttern sich als Weltmacht erhält, so hat auch
Parmenides der im Mittelpunkte der Welt sitzenden und herrschenden Göttin den Hauptanteil an der Weltregierung gelassen,
während dem Himmelsgotte, als der höchsten Feuer- und Lichtmacht, ein dem Weltgetriebe selbst mehr entrücktes, seliges
Dasein vorbehalten bleibt. Es tritt denn auch im Gedichte des
Parmenides diese im Weltzentrum thronende Göttin als der
eigentliche Mittelpunkt alles Weltgeschehens hervor: sie heißt
die Göttin, die Dämon, schlechthin; sie ist die Notwendigkeit
und das Schicksal, die Vorsehung und die Dike; sie ist aber
auch zugleich die Weltordnerin und die Weltregiererin.
Es
würde aber wieder durchaus falsch sein, wenn wir in dieser
übergewaltigen Macht, wie sie die Phagtasie des Parmenides
geschaffen, nur eine Abstraktion, ein blut- und lebensloses
Gebilde, erblicken wollten.
Ist für Parmenides die höchste nur
begrifflich zu erfassende Gottheit nicht ohne ein stoffliches
Substrat und demnach nicht ohne körperliche Bildung‘ denkbar,
so kann auch die Schicksalsmacht, welche die Welt bestimmt
und leitet, nicht ohne körperliche und stoffliche Bildung gedacht
werden’). Und ebenso sind auch die Gewalten, die sie gebiert
und denen sie Macht über die Welt und deren Geschöpfe gibt,
wieder nur als ungeheuerliche körperliche Gebilde zu denken,
die dann allmählich ihre Kraft verlieren oder sterben, um maßvolleren Gestalten Platz zu machen. So ist erst im Laufe langer
Zeitperioden die Welt in die. Ordnung gelangt, unter der sich
jetzt der Naturprozeß vollzieht, und die Götter, welche den
einzelnen Sphären und den verschiedenen Beziehungen und Ver
hältnissen des Weltgeschehens heute noch vorstehen, sind erst
im Verlaufe der Kosmosevolution an die Stelle älterer Göttergestalten getreten. Aber auch jene vollkommneren Göttergebilde
1) Die daluwv Fr. 1, 22 Bed; Fr. 12, 3 daluwv AM mdvra xußepvd; als
Aphrodite Plat. amat. 13, p. 756F, die zugleich die Todesgöttin, Persephone Hippol.
5, 8, p. 164 ed. Gotting.; daher Aetius 2, 7, 1 Avrıva Kai dafpova xußepvfitiv
xaì KAndoOxov érrovoudZer diknv te Kal ävdyamv; daher 1, 25, 3 tdvta Kat’ Avdyanv”
Tv d adrñv etvar eluapuémv xal diknv Kai mp6vorav Kai Kooponotdv. Als Herd
Eoriag Tp6nov Theol, arithm. p. 6.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)können nur als persönliche Wesen verstanden werden, welche
entweder, den reinen Feuersphären des Himmels entsprechend,
den ungemischten Feuerleib an sich tragen, oder, aus der Mischung
der Feuersubstanz mit der tellurischen Materie hervorgegangen,
weniger vollkommene und mehr irdische Bildungen darstellen.
So hat es Parmenides verstanden, einen völligen Ausgleich
seiner eigenen Überzeugungen mit dem Volksglauben zu erzielen. Die „reine Vernunft“ erkennt nur die eine Gottessubstanz
an, die aber zugleich eine stoffliche und körperliche Bildung ist;
die „praktische Vernunft“ kann nicht auf die Gôtterwelt des
Volksglaubens verzichten und beweist die Existenzberechtigung
des letzteren. Vom Standpunkte des begrifflichen Denkens kann
es nur die eine Substanz geben, und in Begründung dieser glaubt
Parmenides den ionischen Monismus stützen und beweisen zu
können; vom Standpynkte der Erfahrung und der sinnlichen
Wahrnehmung hat auch die Erfahrungswelt volle Berechtigung,
und damit ist der Dualismus anerkannt. Der Gegensatz beider
Weltanschauungen erscheint unausgleichlich *).
Parmenides hatte die von Xenophanes nur ganz allgemein
als das Eine Seiende charakterisierte Gottessubstanz in ihrer
Qualität näher bestimmen zu können geglaubt, indem er sie als
Feuer definierte: Melissus*) ist zu der älteren Lehre des Begründers der eleatischen Weltanschauung zurückgekehrt®). Aber
er hat zugleich eine Korrektur des Xenophaneischen und zugleich
des Parmenideischen Dogmas vorgenommen, indem er das Eins
der Gottessubstanz und damit zugleich den Kosmos, dem jenes
immanent, als ein Apeiron, d. h. hier als unendlich und unbegrenzt, faßte, während Xenophanes sich über die Ausdehnung
1) Auch P. hat das Vergeben des Kosmos nach einer bestimmten Zeitperiode
angenommen, wobei aber nur an die Einzeldinge, nicht an die äußere Form des
Kosmos zu denken ist. Vgl. Hippol. 1, 11 tov xöonov Eqn Ybelpeodan, tb dé
tpétw oùx einev.
*) Über Melissus Diels Kap. 20. Auch über seine Lehre orientiert die Schrift
mepi MeAlooou Aristot. 974% 1ff., die ihrem wesentlichen Inhalte nach auf eine
echte Schrift des Aristoteles Diog. 5, 25 zurückgeht. Doch ist jene Abhandlung
deshalb nicht so grundlegend, wie die mepl Zevopdvous, weil uns Simplicius im
Kommentar zur Physik die Hauptteile der Schrift des Melissus selbst erhalten hat.
3) Im folgenden schlieBe ich mich auch dem Wortlaute nach eng an meine
Abhandlung Rhein. Mus. a. a. O. an.
ar
Reine und praktische Vernunft und die Gottheit.
at al
Page 52
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Melissus’ Kôrperlosigkeit des Einen Seienden.
des Kosmos und seiner Substanz nur zweifelnd und unsicher
ausgesprochen, Parmenides beides bestimmt als begrenzt definiert
hatte. Und gerade aus dem Begriffe des Apeiron hatte Melissus
die Einheit der Gottessubstanz begründen und beweisen zu können
geglaubt. Im übrigen ist auch für Melissus diese eine kosmische
Grundsubstanz die absolute und zugleich in sich homogene, die
ewige und unveränderliche, die unbewegte und jedem Einfluß
von außen entzogene. Aber weil dieselbe unbegrenzt, kann sie
auch kein Körper sein, und so behauptet Melissus im Gegensatz
zu den älteren Eleaten die Körperlosigkeit jenes Einen Seienden 4),
Die göttliche Weltsubstanz wird damit zu einer zwar stofflichen,
aber zugleich körperlosen, die aber räumlich an den Kosmos
gebunden bleibt. Zeitlich und räumlich unbegrenzt, formlos und
körperlos, bleibt die Gottheit auch in dieser modifizierten Auffassung der ewige und unendliche Lebensgrund der Welt?).
Dem Unverändertsein dieser göttlichen Grundsubstanz
gegenüber können die Einzeldinge der Erscheinungswelt in ihrem
Werden und Wandeln keinen Anspruch auf ein wahrhaftes Sein
machen. Anderseits steht es aber auch für Melissus fest, daß,
obgleich Sein und Werden begrifflich unvereinbar, dennoch
irgend ein Zusammenhang des Einen Seienden und der Vielen
Werdenden bestehen müsse, wenn sich dieser auch unserer Erkenntnis entzieht®).
Es scheint, daß Melissus sich diesen Zu-
1) Fr. 1 &yévyntov (Aristot. 9748 1 &v dv Aldıov); Fr. 2—6 Gmeipov (9748 11;
975% 30; 975> 36); Fr. 7 Spoiov (9748 12; 976% 13); Axlvntov (9748 14); àävubdovov Kai dvdAyntov, otte ueraxoouobuevov Bédet, oüTE Ereporoluevov elder, ofte
pervopevov äAAw (9749 18), Ópolws Anav wAfpes dv (976b 7) und deshalb, weil
ohne xevöv Axlvntov (976> 12); und dbialpetov Fr. 10. Das oWpa dv 9768 10,
19 in der Aristotelischen Polemik nur hypothetisch, daher 976* 29 muite oÛua;
Fr. 9 sagt bestimmt @v dé dv dei abtd cua u Exerv. Diog. 9, 24 faßt die Einzelbestimmungen zusammen 1d trav Aneıpov elvar xal dvallolwrov Kal dxivntov kat
& Bporov éaur@ xal wAfpes? xtvnolv te pr elvar, doxeiv dE eivar Vgl. noch
Aristot. 1868 6ff.; 213> raff.; 3258 2. Der bestimmten Angabe gegenüber, daß
wie das &v dv, so auch der xöonog selbst Gmeipos Aetius I, 3, 14. ist die Angabe
2, 1, 6 M. lehre td pev nav äreipov, tov dè xöouov menepdvOar unhaltbar.
2%) Das doWpatov kann nur heißen, daß die Substanz keine bestimmte körperliche
Form hat (wie die Parmenideische Kugelbildung): keineswegs aber soll dadurch das
Unsubstantielle oder Unstoffliche, also rein Geistige der Gottheit ausgedrückt werden.
#) Dem Nachweis, daß die Erscheinungswelt nicht das wirkliche Sein widerspiegeln, dient Fr. 8. Hier wird die vorhergehende Beweisführung zusammengefaßt;
Gilbert, Griech. Religionsphilosophie.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Reine und praktische Vernunft und die Gottheit.
können nur als persönliche Wesen verstanden werden, welche
entweder, den reinen Feuersphären des Himmels entsprechend,
den ungemischten Feuerleib an sich tragen, oder, aus der Mischung
der Feuersubstanz mit der tellurischen Materie hervorgegangen,
weniger vollkommene und mehr irdische Bildungen darstellen.
So hat es Parmenides verstanden, einen volligen Ausgleich
seiner eigenen Überzeugungen mit dem Volksglauben zu er:
zielen. Die „reine Vernunft“ erkennt nur die eine Gottessubstanz
an, die aber zugleich eine stoffliche und körperliche Bildung ist;
die „praktische Vernunft“ kann nicht auf die Gôtterwelt des
Volksglaubens verzichten und beweist die Existenzberechtigung
des letzteren. Vom Standpunkte des begrifflichen Denkens kann
es nur die eine Substanz geben, und in Begründung dieser glaubt
Parmenides den ionischen Monismus stützen und beweisen zu
können; vom Standpynkte der Erfahrung und der sinnlichen
Wahrnehmung hat auch die Erfahrungswelt volle Berechtigung,
und damit ist der Dualismus anerkannt. Der Gegensatz beider
Weltanschauungen erscheint unausgleichlich 1).
Parmenides hatte die von Xenophanes nur ganz allgemein
als das Eine Seiende charakterisierte Gottessubstanz in ihrer
Qualität näher bestimmen zu können geglaubt, indem er sie als
Feuer definierte: Melissus?) ist zu der älteren Lehre des Begründers der eleatischen Weltanschauung zurückgekehrt?). Aber
er hat zugleich eine Korrektur des Xenophaneischen und zugleich
des Parmenideischen Dogmas vorgenommen, indem er das Eins
der Gottessubstanz und damit zugleich den Kosmos, dem jenes
immanent, als ein Apeiron, d. h. hier als unendlich und unbegrenzt, faßte, während Xenophanes sich über die Ausdehnung
1) Auch P. hat das Vergehen des Kosmos nach einer bestimmten Zeitperiode
angenommen, wobei aber nur an die Einzeldinge, nicht an die äußere Form des
Kosmos zu denken ist.
Vgl. Hippol. 1, 11 tov Kóopov ëpn Ybelpeodaı, dp dé
Tpóny oùk einev.
2) Über Melissus Diels Kap. 20. Auch über seine Lehre orientiert die Schrift
mepi MeAlooou Aristot. 974% 1ff., die ihrem wesentlichen Inhalte nach auf eine
echte Schrift des Aristoteles Diog. 5, 25 zurückgeht. Doch ist jene Abhandlung
deshalb nicht so grundlegend, wie die nepl Zevopdvous, weil uns Simplicius im
Kommentar zur Physik die Hauptteile der Schrift des Melissus selbst erhalten hat.
3) Im folgenden schließe ich mich auch dem Wortlaute nach eng an meine
Abhandlung Rhein. Mus. a. a. O. an.
Page 54
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Melissus’ Körperlosigkeit des Einen Seienden.
des Kosmos und seiner Substanz nur zweifelnd und unsicher
ausgesprochen, Parmenides beides bestimmt als begrenzt definiert
hatte. Und gerade aus dem Begriffe des Apeiron hatte Melissus
die Einheit der Gottessubstanz begründen und beweisen zu können
geglaubt. Im übrigen ist auch für Melissus diese eine kosmische
Grundsubstanz die absolute und zugleich in sich homogene, die
ewige und unveränderliche, die unbewegte und jedem Einfluß
von außen entzogene. Aber weil dieselbe unbegrenzt, kann sie
auch kein Körper sein, und so behauptet Melissus im Gegensatz
zu den älteren Eleaten die Körperlosigkeit jenes Einen Seienden }),
Die göttliche Weltsubstanz wird damit zu einer zwar stofflichen,
aber zugleich körperlosen, die aber räumlich an den Kosmos
gebunden bleibt. Zeitlich und räumlich unbegrenzt, formlos und
körperlos, bleibt die Gottheit auch in dieser modifizierten Auffassung der ewige und unendliche Lebensgrund der Welt
®).
Dem Unverändertsein dieser göttlichen Grundsubstanz
gegenüber können die Einzeldinge der Erscheinungswelt in ihrem
Werden und Wandeln keinen Anspruch auf ein wahrhaftes Sein
machen. Anderseits steht es aber auch für Melissus fest, daß,
obgleich Sein und Werden begrifflich unvereinbar, dennoch
irgend ein Zusammenhang des Einen Seienden und der Vielen
Werdenden bestehen müsse, wenn sich dieser auch unserer Erkenntnis entzieht®.
Es scheint, daß Melissus sich diesen Zu-
1) Fr. 1 éyévnrov (Aristot. 9748 1 êv dv Aldıov); Fr. 2—6 &meipov (9748 11;
975% 30; 975b 36); Fr. 7 öpotov (9748 12; 976% 13); dxlvntov (974% 14); dvudovov Kai AvdAyntov, otre ueraxoouobuevoy Beder, ote étepoiobuevov elder, oÖte
pervönevov Ay (974% 18), duolwe dav nAñpes bv (9766 7) und deshalb, weil
ohne xevöv äxivnrov (976b 12); und äbiaipetov Fr. 10. Das oûua bv 9768 10,
19 in der Aristotelischen Polemik nur hypothetisch, daher 9768 29 pute oùua;
Fr. 9 sagt bestimmt év dè dv dei abrò oa ur Exetv. Diog. 9, 24 faBt die Einzelbestimmungen zusammen 16 av &treipov efvar Kal ävaAlolwrov Kal dxivntov Kal
&v duorov éaut@ Kal mAñpes” xlvnolv Te ph elvan, doxeiv dé elvar. Vgl. noch
Aristot. 1868 6ff.; 313 raff.; 3258 aff, Der bestimmten Angabe gegenüber, daß
wie das tv dv, so auch der xdcpos selbst Ureipoc Actius 1, 3, 14. ist die Angabe
2, 1, 6 M. lehre td pév wav ämeipov, tov dè kóopov menepdv8at unhaltbar.
9%) Das doWpatov kann nur heißen, daß die Substanz keine bestimmte körperliche
Form hat (wie die Parmenideische Kugelbildung): keineswegs aber soll dadurch das
Unsubstantielle oder Unstoffliche, also rein Geistige der Gottheit ausgedrückt werden.
8) Dem Nachweis, daß die Erscheinungswelt nicht das wirkliche Sein widerspiegeln, dient Fr. 8. Hier wird die vorhergehende Beweisführung zusammengefaßt;
Gilbert, Griech. Religionsphilosophie.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Gottessubstanz als Apeiron bei Melissus und Anaximander.
sammenhang durch die Annahme einer allmählichen Evolution
klarzumachen versucht hat, indem er aus dem Absoluten, als
der gemeinsamen Ursubstanz des Kosmos, zunächst die vier
Elemente, und aus diesen wieder die Einzeldinge hervorgehen
ließ. Aber wie sich Melissus diese allmähliche Stoffevolution
der Sinneswelt aus der Gottessubstanz zum Verständnis gebracht
hat, wissen wir nicht.
Auch er muß, soweit wir urteilen dürfen,
sein Ignoramus nach dieser Richtung ausgesprochen haben. Denn
der Ursprung des in unausgesetzter Bewegung befindlichen
Werdenden aus dem ewig unbewegt ruhenden Einen ist und
bleibt ein unergründliches Problem !).
Melissus hatte seine Gottessubstanz als Apeiron charakterisiert. Als Apeiron der Zeit nach ist dasselbe ewig; als
Apeiron dem Raume nach ist es unendlich; als Apeiron seinem
innern Wesen nach ist es ein unbestimmtes und ungeschiedenes,
und kann so die gemeinsame Ursubstanz der Materie werden.
Damit tritt aber Melissus’ Lehre in unmittelbare Beziehung zu
Anaximanders Lehre: denn auch für diesen ist die Grundsubstanz
ein Apeiron der Zeit, dem Raume und der inneren Wesenheit
nach.
Es bleibt nur der, freilich sehr wesentliche, Unterschied,
daß Anaximanders Apeiron selbst in ewiger Bewegung ist,
während das Apeiron des Melissus in ewig unbewegter Ruhe
sich befindet. Anaximander kann so das ganze kosmische
Werden organisch mit seiner göttlichen Substanz verbinden und
damit die ganze Weltevolution zu einer Selbstentfaltung der
Gottheit erheben: für Melissus und die Eleaten überhaupt stehen
Gotteinheit und Weltvielheit als gegensätzlische Mächte einander
gegenüber, die zwar auf innere Verknüpfung und kausale
Worte cuuBatver ute Ópâv pte ta Svta (das wahrhaft Seiende) yıyıbareıv. où
rolvuv Tara &AAhAorg ôuoloye. pauévois yap elvar TroAhd Kal Aldıa Kal edn Te
xal loxdv Exovra, ndvra éreporo0oBar ftv doxet Kal neranimreiv ex tod ékdotote
Ópwuevou. dhrov Tolvuv Sri oùx dpOidc éwpiduev, obdE Exeiva TOAAd SpOUc boxe
elvar: où yap av petémmrev, ef àAnOA Av’ GAN’ fy olóv wep ébôket Exaotov
toio0tov. tod yap Eövrog GAnOivol Kpeiccov oùdév.
1) Galen zu Hippokr. nat. hom. 15, 29 êóike dè 6 ävip (Melissus) évvoñoat
pèv elval rıva obolav xoivñv ÖnoßeßAnuevnv Tolg tértapa oroixelois dyévntóv Te
xol äpBaprov, fv of pet’ aèrdv 6Anv (Absolute) éxdAecav, où phy dinpOpwyevwe
ye duvmOfivat todto dnAWoar. taltny 9 obv amv Thy obolav Övondle Td ev
kai To nâv.
Page 56
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Suchen nach der Gottheit.
Wechselbeziehung angewiesen sind, die aber begrifflich sich
absolut ausschließen, und so in ihrem Gegenseitigkeitsverhältnis
ein ungelöstes Rätsel bleiben *).
So verschieden nun aber auch die Grundanschauung des
Anaximander und der Ionier einerseits, des Melissus und der
Eleaten anderseits ist, wir erkennen doch, wie derselbe Gedanke
sie Alle beherrscht*).
Es ist das Suchen nach der Gottheit,
welches ihr Denken erfüllt.
Es muß dem ewigen Werden, der
unausgesetzten Veränderung des Stoffwandels, ein Etwas, ein
Kern zugrunde liegen, welcher sich unverändert und unwandelbar
unter allen Wechseln erhält; es muB eine Substanz geben, welche,
dem Kosmos immanent, der göttliche Ursprung und Träger aller
kosmischen Evolution ist. Für die Ionier ist die Erscheinungswelt selbst Ausgangspunkt und Ziel alles Forschens und Deutens,
der göttliche Grundstoff wird in das Werden der Dinge mit
hereingezogen und so als ein Werdender selbst dem Wandel
ein- und untergeordnet. Für die Eleaten dagegen tritt die
Wirklichkeitswelt, wie sie die Sinne widerspiegeln, weit zurück
gegen die Erforschung und begriffliche Erkenntnis der Einen
göttlichen Wesenheit, der Gottessubstanz, die den Kosmos als
dessen unwandelbarer Grund in seinem innersten Sein trägt
und zusammenhält.
Melissus hat sich durch Annahme des Evolutionsgedankens
dem monistischen Standpunkte der Ionier entschieden angenähert:
als die eigentlichen Vertreter des Eleatismus können nur
Xenophanes und Parmenides angesehen werden. Und als dasjenige Moment, in dem sie eine einschneidende Korrektur an
der ionischen Lehre vorgenommen haben, ist die Scheidung
der einheitlichen Gottessubstanz von der Materie anzusehen.
Während die Ionier die beiden Grundformen des kosmischen
Geschehens, Sein und Werden, in der einen Substanz zu vereinen und aus ihr zu entwickeln suchten, haben die beiden
Eleaten die Unmöglichkeit erkannt, beide Formen auf diese
Weise zu verbinden. Die eine Substanz, der das ewige Sein
1) Das äneipov dem Raume wie der Zeit nach Fr. 2; als ddpiotov die ovola
Koıvr) der vier Elemente Galen a. a. O.
3) Aetius 1, 7, 27 die Lehre des Melissus und Zenon: td Ev xal mâv scl.
deöv elvat.
Page 57
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Organische Verbindung von Sein und Werden ein Mysterium.
zukommt, muß unabhängig von der andern Substanz, der
elementaren Materie, sein, mit der allein die Bewegung, das
Werden, verbunden ist. Aber die Verbindung beider, wesentlich
verschiedenen, Substanzen ist auch für sie eine so enge, so
organisch innerliche, daß eine Trennung derselben sich ausschließt. Wie aber die Vereinigung dieser gegensätzlichen
Substanzen sich vollzieht, und wie eine solche Vereinigung
beider überhaupt möglich ist, das haben jene beiden Denker
erklären zu können für unmöglich angesehen. Die organische
Verbindung beider Substanzen ist und. bleibt für sie ein unergründliches Mysterium.