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AUS SELYMBRIA
(Tafeln 77-78)
Unter den zahlreichen, verschiedenartigen Grabmonumenten im Athener Kerameikos fällt eines durch seine schlichte kubische Form aus dem Rahmen. Nicht ein
einziges Profil, keine Palmette oder sonstiger plastischer Schmuck zieren das Monument, ja nicht einmal farbige Bemalung scheint einst vorhanden gewesen zu sein.
Dennoch ist das Denkmal nicht etwa anspruchslos. Vielmehr zeugen allein die Ausmafe, die wohltuend proportionierte Form und schließlich die exakte technische
Ausführung vom Vermögen des Auftraggebers und der Persönlichkeit des Verstorbenen. Es ist das Grabdenkmal des Gesandten Pythagoras aus Selymbria im
Pontos, dem sich bei näherer Betrachtung zwei Geheimnisse ablesen lassen: das eine
betrifft die Lage des eigentlichen Grabes, und das andere bezieht sich auf den Entwurfsvorgang.
Lage und Entdeckung (Abb. 1)
Vor mehr als 100 Jahren, bei den ersten großen Grabungen der Griechischen Archäologischen Gesellschaft im Kerameikos, wurde zunächst die Gräber- oder Weststraße mit den vorwiegend spätklassischen Grabterrassen freigelegt. Im Jahr 1870
erweiterte sich das Grabungsgelände nach Osten, und am Fuß eines nach Süden ansteigenden Hügels, kamen zwei wohlerhaltene Grabmonumente ans Tageslicht
(Abb. 1). In einem Plan von S. Kumanudis aus demselben Jahr! sind beide Monumente eingezeichnet und die auf den Sockeln befindlichen Inschriften mitgeteilt. Aus
letzteren geht hervor, daß in beiden Gräbern nicht Athener Bürger sondern Gesandte bestattet sind. Es muß als Zeichen ihres Ansehens gelten, wenn man ihnen
einen besonders ins Auge fallenden Platz anwies: ganz in der Nähe des Heiligen
Tores, wo sich am Abzweig der sogenannten Gräberstraße von der Heiligen Straße
der Straßenraum platzartig erweitert. Das Monument des Pythagoras erhebt sich so
hart am Rand der Straße, daß es mit Prellsteinen vor dem Wagenverkehr geschützt
werden mußte.
Die Ausgräber glaubten zunächst an eine Entstehung des Grabmals im frühen
4. Jh. v. Chr.?. Später untersuchte U. Köhler die Inschrift? genauer und schlug eine
Datierung nicht nach der Mitte des 5. Jh. vor, eine Meinung, die bis heute nicht angefochten wurde. Die ersten detaillierten Pläne des Monuments legte A. Brueckner
1 Año yevixal ouvekevaets tiv étaiguv ris iv *Adívars doxuwAoytxijs Erargiac, 1870.
2 IIgaxt. 1871, 8. 10.
3 AM. 10, 1885, 366 ff.
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Abb. 1. Skizze zur Lage der Gesandtenstelen im Athener Kerameikos. Zustand nach dem Bau
der themistokleischen Mauer (Heiliges Tor der Phase Themistokles I b)
in seinem generellen Werk über die Nekropole vor‘. Durch Beobachtung der
Niveauverhältnisse stellte er fest, daß zur Zeit der Errichtung der benachbarten
Stele der Kerkyräer in der ersten Hälfte des 4. Jh. v. Chr. der Sockel des Pythagoras-Monuments schon teilweise unter den Boden gekommen war. In Jüngster Zeit
schließlich untersuchte U. Knigge das Gebiet beider Gräber neuerlich. Neben den
wichtigen topographischen Ergebnissen dieser Arbeit sei vor allem die Entdeckung
der zum Kerkyräer-Monument gehörenden Bestattung erwähnt?. Historische aber
auch topographische Fragen sollen im folgenden nicht wiederum angeschnitten werden: Hier interessiert ausschließlich die eigenwillige Form des Monuments des Pythagoras.
Beschreibung (Taf. 77-78; Abb. 2-5)
Auf den ersten Blick scheint das Monument aus zwei regelmäßigen geometrischen
Gebilden zu bestehen: aus einer fünfteiligen Stufenpyramide und einer hohen
quaderförmigen Stele. Der Funktion nach betrachtet, gliedert sich die Pyramide
jedoch in mehrere Teile: Die unterste Schicht stellt das Fundament dar, darüber folgt
ein Sockel aus drei Stufen. Ihn bekrönt die Basis, in die die hohe Stele eingelassen
4 A. Brueckner, Der Friedhof am Eridanos 6 ff.
5 AA. 1972, 594 ff.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ist. Die Differenzierung von Fundament, Sockel und Basis findet auch in Materialunterschieden Ausdruck.
Das Fundament besteht aus sechs Quadern, teilweise aus Poros, teilweise aus
Muschelkalk. Sie sind etwa gleich groß und bilden eine quadratische Fläche. Die
Oberseiten sind sorgfältig abgeglättet und auch der Fugenschluß ist gut, während
die Außenseiten und die Ansichtsflächen nur roh bearbeiter sind. Auf der zur Seite
weisenden Seite ist eine 8 cm hohe, regelmäßige Kante ausgeschlagen, die das Niveau
des Erdreichs zur Erbauungszeit angibt. Der südwestliche Eckblock ist an der äuße-
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Abb. 2. Grundriß des Grabmonuments des Pythagoras aus Selymbria, M 1:20
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Abb. 3. Frontansicht (Nordseite) des Grabmonuments, M 1: 20
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ren Ecke abgeschlagen, um einer Wasserleitung Raum zu geben‘. Die Höhe der
Blöcke liegt, soweit es sich vom Rand aus beobachten läßt, zwischen 29 und 40 cm.
Die folgende unterste Stufenschicht des Sockels aus Porosblöcken bildet in der
Grundfläche ein exaktes Quadrat. Der Außenseite läßt sich an den Fugen ablesen
(Abb. 2-5), daß die Schicht aus vier Quadern besteht, von denen jeder doppelt so
lang wie breit ist. Eine Seite wird also jeweils von 1*/: Blöcken eingenommen. Aus
dieser Anordnung ergibt sich zwingend, daß in der Mitte zwischen den ringförmig
verlegten Quadern ein Hohlraum besteht oder anders gesagt, daß die Blöcke um
diesen Hohlraum gruppiert sind. Die sichtbare Oberfläche der Steine ist leicht abgewittert, Spuren der Bearbeitung sind nur auf der rückwärtigen Ansichtsfläche zu
sehen. Verwendet wurden breite Zahneisen und Scharriereisen. Adern und Sprünge
zeugen nicht von bester Steinqualität.
Die zweite, gegenüber der unteren zurückgesetzten Stufe des Sockels besteht
wiederum aus vier Porosblöcken. Sie bilden ebenfalls im Grundriß ein Quadrat. Die
Länge der Blöcke beträgt hier jedoch mehr als das Doppelte der Breite, ganz offensichtlich, um den Hohlraum gleicher Größe der unteren Schicht zu umschließen.
Abweichend von dieser Konstruktion ist die dritte Stufe nur aus zwei Blöcken zusammengesetzt, die ebenfalls ein Quadrat als Grundfläche bilden. Sie sind offensichtlich dazu bestimmt, den Hohlraum der beiden unteren Schichten abzudecken.
Beide Blöcke sind gleich groß und bestehen ebenfalls aus Poros.
Für die Basis des Monuments wurde dagegen ein besseres Material gewählt: Sie
besteht aus aderlosem, pentelischen Marmor. Abweichend von den Stufen bildet die
Basis in der Grundfläche nicht ein Quadrat sondern ein Rechteck. Wie sich an den
Kanten erkennen läßt, ist sie in die oberste Stufenschicht eingelassen und die Fuge
von außen rundherum mit Blei ausgefüllt. Auf der vorderen Breitseite ist das vierzeilige Epigramm aufgetragen, in dem Name, Beruf und Herkunft preisend genannt
sind. Die Vorderseite, beide Seitenflächen und die Oberfläche der Basis sind gut geglättet; stellenweise sind feine Zahneisenspuren zu bemerken. Die Rückseite zeigt
dagegen bei einem dreiseitigen Spiegel mit ı cm Rand eine leichte Bosse, deren
Fläche mit vertikalen Spitzmeißelspuren übersät ist.
Auf der Basis erhebt sich aus gleidiem Material die hohe Stele in Form eines
simplen Pfeilers. Die Querschnittsform weicht hier noch mehr vom Quadrat ab. Die
Stele ist in gleicher Weise in die Basis eingelassen und mit Blei verfugt wie die Basis
in der obersten Stufe. Vermutlich schon bei der Aufstellung unterlief ein Fehler: Der
Block neigt sich nicht unbetrachtlich nach Osten’. Risse in der Verbleiung sind nicht
zu sehen. Die Behandlung der Oberflächen entspricht der Basis: Die Vorderseite ist
Inschriftträger und gut geglättet; ebenso glatt sind die beiden Seiten, während die
Rückseite bis auf schmale Randstreifen mit Spitzmeißelhieben aufgerauht ist. Da
die Hiebe horizontal laufen, muß die Oberfläche vor dem Versatz, am liegenden
6 Vgl. Knigge a. O. 584 Abb. 3.
7 In Abb. 3 und 5 ist die Abweichung von der Vertikalen mit einer gestrichelten Linie sige.
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Abb. 4. Westliche Seitenansicht des Grabmonuments des Pythagoras, M 1:20
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Abb. 5. Ridansé Südseite) des Grabmonuments, M 1:20
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Block fertiggestellt worden sein. Eine erhöhte Bosse ist hier im Gegensatz zur Basis
nicht ausgeführt. Die Oberseite der Stele ist etwas unregelmäßig, was zweifellos
auf Verwitterung zurückzuführen ist. Farbspuren sind nirgends zu erkennen?.
An dem gänzlich unberührten Monument lassen sich weder die Stoßfugen noch
die Art der. Verbindung der Steine beobachten. Vermutlich sind benachbarte Steine
mit Klammern und dic Schichten untereinander mit Dübeln verbunden.
Das Grabmal scheint bald nach seiner Anlage unter die Erde gekommen zu sein,
denn eine deutliche Verwitterungsspur läuft schräg über die obersten Stufenblöcke,
und nicht unbegründet ist der Erhaltungszustand der Oberfläche oberhalb dieser
Linie schlechter. Da das Monument hart an der Straße stand und durch Prellsteine
geschützt wurde, muß auch eine Erhöhung der Straße stattgefunden haben. Wie aus
den Untersuchungen von U. Knigge an der benachbarten Kerkyräer-Stele hervorgeht, fällt diese Niveauerhöhung in das 4. Jh. v. Chr. In den folgenden Jahrhunderten wuchs das Gelände am Heiligen Tor, dem tiefsten Punkt der antiken Stadt,
ständig und dürfte in der Kaiserzeit das frühklassische Monument endgültig begraben haben. Durch den Erddruck vom Hügel, bei langsamem Versinken, haben sich
einige Blöcke bis zu 2 mm verschoben, wie den entsprechenden Fugenklaffungen abzulesen ist!°.
Die Bestattung
(Abb. 6)
Attische Grabstelen stellte man in der Regel vor oder neben der eigentlichen Bestattung auf, und so hatte A. Brueckner durchaus Grund, das Grab des Pythagoras
hinter oder neben dem pyramidenförmigen Monument zu suchen. Die sorgfältige
Grabung ergab jedoch keinerlei Spuren einer Bestattung, und auch spätere Veränderungen waren dem Boden nicht abzulesen. Resignierend schreibt Brueckner in der
Publikation!!: »Das Grab wird unter dem Male anzunehmen sein, denn dahinter
ist 2 m weit vergeblich nach Spuren einer Grabstätte gesucht worden. Der steinerne
Stufenbau hat also den Grabhügel ersetzt.« Diese Annahme hat allein deshalb wenig
für sich, weil man auf dem frischen Boden eines ausgehobenen Grabes schwerlich
ein großes Monument setzen würde; die Gefahr von Setzungen und Fugenklaffungen ist zu groß. Bei der neuerlichen Untersuchung von U. Knigge wurde das Fundament bis zu 70 cm untergraben; dennoch ergaben sich keine Hinweise auf eine Bestattung!*, Das Rätsel löst sich bei genauer Betrachtung des alternierend-korrespondierenden Fugenschnitts der ersten und zweiten Stufe: Die Pyramide birgt in
diesem Bereich einen Hohlraum. Der Fugenschnitt kann auch nicht zufällig sein
oder einfach praktisch-technische Gründe haben, hätte man doch in diesem Fall
8 Für einen ursprünglichen Aufsatz der Stele gibt es keinen Anhaltspunkt.
9 Die-Behauptung U. Köhlers, AM. 10, 1885, 366 f., daß auf der Stele das Bild des Verstorbenen
in »nahezu natürlicher Größe aufgemalt« war, beruht auf reiner Vermutung.
10 Bei den Maßangaben auf den Zeichnungen sind alle Fugenklaffungen eliminiert.
11 Brueckner a. ©. 11.
12 Knigge a. O. 584.
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Abb. 6. Das Grabmonument des Pythagoras aus Selymbria mit Darstellung des Hohlraums in der Stufenpyramide, M 1: 50.
Oben: Längs- und Querschnitt, unten: die Steinlagen in Aufsicht
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)auch bei der zweiten Schicht dic Steine doppelt so lang wie breit ausgeführt. Ganz
offensichtlidi kam es vielmehr darauf an, in beiden Schichten einen Hohlraum
gleicher Größe zu umschließen, der dann in der dritten Schicht von zwei Blöcken
abgedeckt wurde. Die Grundfläche dieser Kammer ist fast quadratisch; sie mißt
57,0
x 56,7 cm, und die Höhe beträgt 72,8 cm. Zweifellos befindet sich somit das
Grab nicht unter der Pyramide sondern in ihr. Und wir können aus der Größe des
Hohlraumes weiter schließen, daß es sich nur um ein Brandgrab handeln kann; die
Asche des Toten muß in einer Urne untergebracht sein. Erst eine Offnung des Monuments wird darüber Aufschluß geben, ob es sich um ein bronzenes Gefäß handelt
und ob weitere Beigaben sich in dem Grab befinden”.
Der Entwurf (Abb. 7-9)
Die ungewöhnliche Schlichtheit des Monuments, das ausschließlich aus horizontalen und vertikalen Flächen besteht, legt den Gedanken an eine geometrische Konzeption des Architekten nahe. Es handelt sich ausschließlich um Quader verschiedener Dimensionen, aus denen das Grabmal zusammengesetzt ist.
Die Stufen bestehen aus drei Quadern mit quadratischer Grundfläche; da der Abstand zum Rand stets gleichist, bilden sie eine Stufenpyramide. Die Basisist dagegen wie auch die Stele im Grundriß rechteckig, fügt sich also nicht gleichmäßig in
das System ein.
Am Anfang standen zunächst Überlegungen, ob die Abmessungen der Quader
Proportionen entsprechen, die sich in einfachen Zahlen ausdrücken lassen. Ein
solches System mit einer möglicherweise alternierenden Zahlenreihe ist jedoch nicht
erkennbar. Als Grundlage für den Entwurf scheinen vielmehr geometrische Zeichnungen gedient zu haben. Kaum zufällig lassen sich Stufen und Basis in eine regelmäßige Pyramide mit quadratischer Grundfläche einpassen; nur die Kanten der
besonders hohen dritten Stufe durchbrechen den geometrischen Körper auf jeder
Seite um einige Zentimeter. Im Schnitt dargestellt zeigt sich die Pyramide als Dreieck, bei dem die Ecken der Stufen die Seiten berühren (Abb. 7). Befragen wir das
Dreieck auf seine Proportionen, so ergibt sich überraschend, daß es sich nicht um ein
beliebiges Dreieck handelt sondern, daß sich die Grundseite zu den anderen Seiten
genau wie 5:6 verhält.
Nehmen wir also an, daß ein Dreieck mit den Seitenverhältnissen 5:6 Ausgang
für den Entwurf des Grabmals war. Der Unterbau einschließlich der Basis solltein
dieses ‘Dreieck einbeschrieben werden. Für die horizontale obere Begrenzung des
Unterbaues ist weiterhin eine geometrische Lösung zu erwarten, und es zeigt sich in
13 Seitlich läßt sich die Pyramide ohne Beschädigung nicht öffnen, jedoch könnten ohne Gefahr
für das Monument mit einem Flaschenzug die Decksteine des Hohlraums zusammen mit Basis und
Stele angehoben werden. Mit geophysikalischen Projektionsmethoden können so kleine Hohlräume
nichr untersucht werden, wie mir G. Bachmann, Frankfurt, freundlicherweise mitteilt. Für Fotografien mictels Glasfaserbündel müßte der Stein durchbohrt werden.
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Abb. 7. Das Grabmonument des Pythagoras mit der geometrischen Entwurfsfigur. Bei den
Gleichungen gilt: links die theoretischen Entwurfswerte (arithmetrisch errechnet), in E = rechts
die am Monument gemessenen Werte= Abweichungen in mm
Page 12
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)der Tat, daß ein dem Dreieck einbeschriebener größtmöglicher Kreis die Oberfläche
des Unterbaues berührt.
Man fand also, so folgern wir, mit Hilfe eines dem Dreieck einbeschriebenen
Kreises die Höhe des Stufenbaues. Auf die Einteilung der Stufen kommen wir
unten zurück, hier soll zunächst die Frage nach der Höhe der Stele angeschlossen
werden. Sie entspricht genau einem zweiten Kreis, dessen Mittelpunkt in der Spitze
des Dreiecks liegt, und der den ersten, einbeschriebenen Kreis berührt, Der Durchmesser dieses zweiten Kreises macht die Höhe der Stele aus.
Für die Ansicht des Monuments ist nun die Stelenbreite zu ermitteln.-Sie scheint
mit Hilfe eines dritten Kreises bestimmt worden zu sein. Schreibt man nämlich dem
Dreieck einen weiteren Kreis ein, im verbleibenden Zwickel über dem ersten Kreis,
so ergeben die Berührungspunkte mit den Seiten des Dreiecks die Stelenbreite.
Es scheint also, daß die Grundkonstruktion des Monuments aus einem geometrischen Gebilde gewonnen wurde, das aus einem Dreieck mit den Seitenverhältnissen 5:6, zwei einbeschriebenen und einem Kreis mit dem Mittelpunkt in der
Dreieckspitze besteht (Abb. 8). Dieses einfache Schema hat man auf die Einteilung
der Stufen jedoch nicht ausgedehnt. Jegliche Versuche, geometrisch die Höheneinteilung zu ermitteln, blieben erfolglos, sowohl beim Aufriß als auch beim Grundrif. Offenbar sind diese Werte nicht durch Kreise oder Schnittlinien bestimmt, sondern durch einfache Proportionen festgelegt. Die Vermutung ist um so wahrscheinlicher, als bei der Festlegung der Mittellinie wie schon bei den Verhältnissen des
Dreiecks auch hier die Zahlen 5 und 6 vorkommen. Die Höhe der beiden unteren
Stufen verhält sich nämlich zu der der beiden oberen genau wie 6:5. Die weitere
Einteilung konnte natürlich nicht nach denselben Proportionen bestimmt werden.
Die oberste Stufe oder Basis der Stele hat in der Breite und Tiefe die geringsten Abmessungen und muß deshalb am niedrigsten sein; ihre Höhe verhält sich zur Stufe
darunter wie 5:7. Wollte man die beiden untersten Stufen etwa annähernd gleich
groß machen, so war ein Verhältnis in ganz einfachen Zahlen nicht zu erreichen. Die
Höhen verhalten sich vielmehr wie 16: 17.
Diese Einteilung der Stufen brachte einen auffallenden Schönheitsfehler mit sich.
Überzeugender wäre eine Pyramide mit gleichhuhen Stufen gewesen oder eine Einteilung, bei der die Stufen entsprechend der abnehmenden Breite in gleicher Weise
nach oben an Höhe verlieren. Das Festhalten an Proportionen führt dazu, daß zwar
die beiden untersten Stufen ausgewogen wirken, die dritte jedoch zu hoch, da sie in
der Tat noch um einige Millimeter höher ist als die zweite Stufe. Die Crux an der
Einteilung betrifft also im wesentlichen die dritte Stufe, die zudem den Fehler hat,
mit den oberen Kanten die Pyramide um einige Zentimeter auf jeder Seite zu durchbrechen. Auch dieser Mangel erklärt sich durch das Festhalten an den Proportionen:
Wäre bei einer Höhengliederung von 5:7 der obersten Stufen auch die dritte ganz
in die Pyramide einbeschrieben, so wäre die Auftrittfläche über der zweiten Stufe
ungewöhnlich groß und die über der dritten Stufe besonders klein geraten. Das aber
wäre dem Auge zweifellos mehr aufgefallen als die gewählte Notlösung, nämlich
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Abb. 8. Geometrische Entwurfsfigur für das Grabmonument des Pythagoras aus Selymbria, M 1:20
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)die Pyramide zu durchstoßen, um einen Ausgleich bei den Auftrittflächen herzustellen.
Die hypothetischen Entwurfswerte im Vergleich mit den
ausgefiihrten Werten (Abb. 7)
Die vorgetragene Hypothese vom Entwurf des Grabmals bedarf noch einer genaueren Beweisfiihrung. Bisher wurde das Monument im Schnitt zeichnerisch aufgetragen (im Maßstab 1:10) und dann die geometrische Konstruktion aus Dreieck
und Kreisen eingezeichnet, ein Vorgang, der dem des Entwerfens natürlich entgegengesetzt ist. Um die ausgeführten Maße mit den theoretischen des Entwurfs genau
vergleichen zu können, müssen letztere erst mathematisch errechnet werden. Wir
gehen aus von dem Dreieck, das sich aus einer Grundseite von 6 Einheiten (E) und
zwei weiteren Seiten von je 5 E zusammensetzt. Der genaue Basiswinkel in diesem
Dreieck beträgt 728 64’, die Höhe 5,454 E. Schreiben wir in dieses Dreieck einen
größtmöglichen, das heißt auf drei Seiten tangierenden Kreis ein, so ergibt sich
dessen Durchmesser mit 3,210 E, was der Höhe des Sockels entspricht. Der Durchmesser des der Stelenhöhe entsprechenden Kreises ergibt sich aus der Differenz der
Höhe im Dreieck und dem Durchmesser des unteren Kreises; er beträgt im Durchmesser 4,488E. Zur Ermittlung der Stelenbreite kann zunächst mit Hilfe der
Winkelhalbierenden der Radius des einbeschriebenen kleineren Kreises ermittelt
werden. Die Berührungspunkte des Kreises mit den Dreieckseiten werden als Ecken
eines kleineren Dreiecks angenommen. Seine Grundseite mit 1,200 E entspricht der
Stelenbreite.
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Abb. 9. Entwurfsfiguren ähnlicher Grabmonumente bei Änderung der Proportionen des
Grunddreiecks
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Für die Stufen ergeben sich folgende Werte: Bei einer Teilung von 5:6 für die
Hôhen der beiden oberen Stufen 1,459 E und fiir die beiden unteren 1,751 E. Die
weitere Aufteilung im Verhältnis 5:7 und 16: 17 ergibt für die einzelnen Stufen von
unten nach oben 0,902 E, 0,849 E, 0,851 E und 0,608 E. Mit Ausnahme der dritten
Stufe sind die Breiten durch das Dreicck begrenzt; die Werte für die Breite, wiederum von unten nach oben sind: 4,400 E, 3,394 E und 2,058 E für die oberste Stufe.
Diese in Einheiten des Grunddreiecks ausgedrückten Werte sind rein theoretisch
und spiegeln nicht etwa den Vorgang des Entwerfens wider. Um nun die Maßeinheit zu ermitteln, müssen wir die sicher meßbaren Strecken am Monument!* mit den
E-Werten kombinieren:
Breite der obersten Stufe
Breite der zweiten Stufe
Breite der Stele
Höhe der beiden untersten Stufen
Höhe der beiden obersten Stufen
85,5 cm=2,058E
1.41,6m =3,394E
49,8 cm= 1,200 E
7j,2cm=1,751E
61,2cm=1,459 E
4.11,3m =9,862 E
Daraus folgt durch Division E = 41,71 cm.
Da uns der Zentimeterwert fiir E nun bekannt ist, lassen sich die vorher theoretisch bestimmten Strecken an der geometrischen Figur nunmehr umrechnen und
mit den abgegriffenen Maßen im einzelnen vergleichen. In der folgenden Tabelle
sind die theoretischen Entwurfswerte den gemessenen Werten gegenübergestelit und
rechts die Abweichungen in mm und in Prozent angegeben.
Theoretische
gemessene
Differenz
Differenz
Entwurfswerte
Werte
in mm
in %
Höhe des Sockels
Höhe der Stele
Breite der Stele
1.339M =
1.87,2m =
50,0 cm =
1.34,4 mM
1.85,5m
49,8cm
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0,4
0,9
0,5
Breite der ersten Stufe
1.74,1m =
1.74,7m
-6
0,3
Breite der zweiten Stufe
Breite der vierten Stufe
Höhe der beiden untersten Stufen
Höhe der beiden obersten Stufen
Höhe der ersten Stufe
Höhe der zweiten Stufe
Höhe der dritten Stufe
Höhe der vierten Stufe (Basis)
I.41,6M =
85,8 cm=
73,0cm=
60,9 cm =
37,7 cm =
35,5 cm=
35,7cm=
25,5cm=
1.41,6m
85,5cem
732m
61,2cm
37,7cm
35.5cm
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14 Einige Flächen und Kanten am Stufensockel sind verwittert, so daß sich keine genauen Maße
nehmen lassen. Für die Berechnung wurden im übrigen jeweils die Durchschnittswerte aus allen vier
Seiten angenommen.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Abweichungen der theoretischen Werte von den gemessenen Werten sind entweder gleich Null oder doch so gering, daß sie noch unter 1% bleiben. Bei der
Stelenhöhe, wo die Differenz am größten ist und 0,9 %o erreicht, läßt sich einschrankend sagen, daß die Oberfläche der Stele abgewittert ist, so daß auch hier eine noch
größere Übereinstimmung anzunehmen ist. Betrachten wir nun noch den sich durch
die Stufen für das Dreieck ergebenden Winkel: Der Sockel aus vier Stufen, den wir
uns in das Dreieck einbeschrieben denken, berührt die Seiten mit der Oberkante der
obersten und der der untersten Stufe. Das sich durch diese vier Punkte ergebende
Trapez hat den Basiswinkel von 72* 49’. Der Basiswinkel am Trapez aus der Oberkante der zweiten und der vierten Stufe beträgt rechnerisch 725 64’ und stimmt damit haargenau mit dem theoretischen Winkel überein, der für ein Dreieck mit den
Seitenverhältnissen 5:6 vorliegen muß.
Die Übereinstimmung mit der geometrischen Figur und dem Monument ist so
groß, daß wir in ihr meines Erachtens tatsächlich die Grundlage für den Entwurf.
erblicken können. Und darüber hinaus ist den Handwerkern für die Umsetzung in
die Tat sorgfältige Arbeit zu bescheinigen. Vorlage dürfte eine Zeichnung gewesen
sein, denn rechnerisch war die Aufgabe nach damaligen Kenntnissen nicht zu bewältigen. Man kann sich ferner vorstellen, wie der Architekt beim Entwurf nach dem
geeignet proportionierten Dreieck suchte, durch das die Formen des Grabmals bestimmt wurden. In Abb. 9 ist links ein gleichschenkliges Dreieck dargestellt, in der
Mitte ein Dreieck mit den Seitenverhältnissen 5 :6 und rechts mit den Verhältnissen
5 :7. Bei zwei Figuren sind die Proportionen offensichtlich mißraten: links gerät die
Stele im Verhältnis zum Sockel zu klein, und rechts erhält sie eine Größe, bei der der
Unterbau zu kleinteilig wirkt. Nur bei der mittleren Figur mit den tatsächlich ausgeführten Proportionen ist Ausgewogenheit zwischen Sockel und Stele erreicht.
Die Maßeinheit
Vorausgehende Versuche, Kantenlängen und Höhen von Stufen, Basis und Stele
unter Verzicht auf eine geometrische Lösung in den bekannten antiken Fußmaßen
zu erschlüsseln, ergaben große Differenzen und blieben erfolglos. Weder der dorische Fuß von 32,6 cm noch der kaum zu erwartende attische Fuß von 29,4 cm
Länge können als bestimmende Einheit beim Entwurf des Grabmals gedient haben.
Die Ermittlung der geometrischen Grundfigur schließlich läßt über die Frage des
Entwurfs kaum Zweifel bestehen. Aus dem entscheidenden Dreieck mit den Verhältnissen 5:6 in Kombination mit den meßbaren Strecken ergibt sich eine Einheit
von E = 41,71 cm, ein Maß, das sich weder bei den Kantenlängen noch bei den
Höhen der Blöcke unmittelbar abgreifen läßt. In dieser Einheit E nun, so ist zu erwarten, muß eines der bekannten Fußmaße wenigstens in der Form eines Bruches
enthalten sein; einem glatten Fuß- oder Ellenmaß (dem anderthalbfachen des
Fußes) entspricht es nicht. Betrachten wir deswegen zunächst die Basisstrecke des
Dreiecks von 5 E. Mit 2.08,6 m entspricht sie weder einem glatten Maß in attischen
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)noch in dorischen Fuß, stimmt aber überraschend genau mit 6 samischen Fuß überein. Auf einen Fuß entfallen 34,77 cm oder abgerundet 34,8 cm.
Wie oben gezeigt wurde, war es cine Bedingung des Entwurfs, daß sich die Seiten
des Dreiecks wie 5:6 verhalten. Wir können nun ergänzend feststellen, daß die
Grundstrecke des Dreiecks mit 6 FuBangenommen wurde. Die notwendige Teilung in
$ gleiche Strecken ergab eine Einheit von E = %s Fuß. Auf die beiden anderen Seiten
des Dreiecks mit den Längen von 6 E entfallen dann je 89/5 oder 71/5 Fuß.
Das errechnete Fußmaß von 34,77cm Länge wurde in genau gleicher Größe von
W.B. Dinsmoor am archaischen Artemision nachgewiesen!5, Dieser Umstand sowie
auch die Schlüssigkeit unseres Ergebnisses muß Bedenken zerstreuen, die sich auf das
Vorkommen des samischen Fußes in Athen überhaupt beziehen. Freilich handelt es
sich hier um einen Sonderfall, der nur durch eigentümliche Umstände zu erklären ist.
Das Grabmal und die Pythagoreer
Das Fehlen von Grabdenkmälern in Attika in der ersten Hälfte des 5. Jh. v.Chr.
wird meist auf ein Anti-Luxus-Gesetz des Kleisthenes zurückgeführt!®. In unserem
Zusammenhang soll dieses Problem nicht weiter erörtert werden, es muß nur festgehalten werden, daß das Grabmal des Pythagoras eines der wenigen großen sepulkralen Monumente seiner Zeit in Attika ist und der allgemeinen Form nach an
wesentlich ältere, archaische Beispiele anknüpft. Sowohl vierstufige Sockel als auch
einfache hohe Stelen kommen an Grabmälern des 6. Jh. vor". Es stellt sich jedoch
die Frage, ob nicht in der Zwischenzeit doch ähnliche Denkmäler errichtet worden
sind, da auf attischen weißgrundigen Lekythen etwa aus der Mitte des 5. Jh. derartige Grabmäler oft abgebildet sind. Auf mehrstufigen Sockeln erheben sich
schlanke Stelen, mitunter sich leicht nach oben verjüngend, manchmal auch mit einer
Profilleiste am oberen Rand abschließend'®.
Was diese Abbilder sowohl als auch die archaischen Vorgänger vom Grabmal des
Pythagoras unterscheidet, ist das Verhältnis von Sockel zu Stele. Kein Beispiel ist
zu nennen, bei dem der Unterbau so wuchtig und breit angelegt ist. Der Grund für
die ungewöhnlichen Ausmaße liegt zweifellos in der Bedingung, mit den Stufen
einen Hohlraum für die Aschenurne zu umschließen. Es handelt sich mithin nicht
nur um einen Sockel, der zur Erhöhung und Aufwertung der Stele dient, sondern
15 W.B. Dinsmoor, AAG. 339. Zu den leicht schwankenden Maßen des ionischen oder samischen
Fußes vgl. G. Gruben, Jdl. 78, 1963, 84 Anm. 12.
16 Erwähnt bei Cicero, De legibus II 26, 64. Vgl. G. Richter, The Archaic Gravestones of Attica
53, wo auch auf die widrigen Zeitumstinde hingewiesen ist, die ebenfalls für das Fehlen der großen
Grabkunst verantwortlich sein können.
17 So das Grabmonument des Phaidimos mit vierstufigem Sockel, OJh. 16, 1913, 87 oder dreistufiger Sockel beim Grabmal des Kroisos aus Anavyssos, Chr. Karusos, Aristodikos 63. Siehe auch
allgemein M. Jacob-Felsch, Statuenbasen (Diss.) 51.
18 Besonders ähnlich die Grabmäler auf der Lekythos Kassel T 378, A. Fairbanks, Athenian Lekythoi II Taf. 1,1, und Boston 94.127, Fairbanks a.O. Taf. 5.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)auch um eine Form des Grabes, das in ungewöhnlicher Weise mit der Stele kombiniert wurde. Freilich darf man wohl annehmen, daß dem Beschauer dieser Zusammenhang nicht bewußt werden sollte, und in der Tat ist das Geheimnis auch in den
letzten hundert Jahren, da die Stele wieder freiliegt, nicht geliiftet worden.
Die Art der Bestattung, in einer Kammer im Sockel, der die Form einer Stufenpyramide hat, ist in Attika ohne Parallele und diirfte auch im iibrigen Griechenland
kaum anzutreffen sein. Drängt sich nicht der Vergleich mit ägyptischen Pyramiden
auf, zumal hier wie dort die Lage der Kammer und des Zugangs Geheimnis bleiben
sollte? Wenn wir diesem Gedanken nachgehen, so wäre zu folgern, daß der Architekt zur Geometrie der Ägypter eine Beziehung gehabt hat. Bei Pythagoras und
seiner Schule ist das keine erzwungene Konstruktion, sondern durch den langen
Aufenthalt des Philosophen im Nilland'? als sicher anzunehmen. Es muß sich die
Frage anschließen, inwieweit die geometrische Konzeption des Grabmals im Kerameikos mit der Mathematik der Pythagoreer zusammenhängt.
Fassen wir zunächst noch einmal die Charakteristika des Entwurfs zusammen: Es
geht offensichtlich nicht um die bildnerische Darstellung des Verstorbenen oder um
die Schaffung eines Monuments von höchstem künstlerischem Rang, sondern darum,
ein geometrisches Schema zu finden, durch das die allgemein vorgegebenen Formen
von Stufensockel und Stele ihre genauen, sozusagen mathematisch kalkulierten Abmessungen erhalten. Ein gleichschenkliges Dreieck mit den Seitenverhältnissen 5:6
in Kombination mit drei Kreisen erfüllt diese Bedingungen; die Höhen der Stufen
werden nach einfachen Proportionen festgelegt, wobei wieder die Zahlen 5 und 6
eine Rolle spielen. Es handelt sich um ein rein geometrisches Problem, das sich mit
Hilfe von Lineal und Zirkel zunächst theoretisch lösen ließ. Bei der Umsetzung in
die Wirklichkeit wurde die Basisseite des Dreiecks mit 6 samischen Fuß angenommen, womit auch die Abmessungen aller anderen Teile bestimmt waren.
Man ist nun versucht, dem häufigen Vorkommen der Zahlen 5 und 6 einen tieferen Sinn beizulegen, zumal es als sicher gilt, daß die Zahlensymbolik in die altpythagoreische Zeit zurückreicht?°. Neben anderen Zahlen spielen bei den Pythagoreern auch 5 und 6 eine Rolle. 5 ist die Summe aus der ersten geraden (weiblichen)
und ungeraden (männlichen) Zahl und hatte die Bedeutung der Ehe?!. 6 wurde
unter anderem mit der Beseeltheit gleichgesetzt? und stellt die kleinste »vollkommene« Zahl dar, da sie die Eigenschaft hat, der Summe ihrer Teiler gleich zu sein.
Ein eindeutig pythagoreisches Problem, etwa ein Fünfeck oder ein gleichseitiges
Dreieck in der Aufteilung der Tetraktys** liegen jedoch ebensowenig vor wie deut-
19 Vgl. RE. 24, 1, 179 ff. s. v. Pythagoras (K. von Fritz).
20 RE. 24, 1, 284 s. v. Pythagoreer (B. L. van der Waerden).
21 E. Zeller, Die Philosophie der Griechen I4 360.
22 Zeller a.O. 411.
23 Dasheißt6= 1 + 2 + 3. Vgl. RE. 24, 1, 202 s. v. Pythagoras (K. von Fritz).
24 RE. 24, 1, 200 ff. s. v. Pythagoras (K. von Fritz).
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)lich aus der Harmonielehre entlehnte Proportionen”. Eine Verbindung zu den
Pythagoreern läßt sich allein aus dem geometrischen Schema oder an angewandten
Zahlen kaum beweisen, wenngleich die Verwendung des samisch-ionischen Fußes sie
nahelegt. Möglicher erscheint mir, daß einfach der Name des Verstorbenen den
Architekten auf den Gedanken brachte, einen »pythagoreischen«, d. h. durch geometrische Grundformen und Proportionen bestimniten Entwurf zu liefern. Damit
äußerte sich ein ähnlich sinnfälliges Illustrieren des Namens, wie wenn bei einem
Verstorbenen namen Phoinix eine Palme oder bei einem Leon ein Löwe dargestellt
wurde**, So wäre auch die Einmaligkeit unseres Monuments am besten erklärt, denn
zweifellos war es nicht üblich, für den Entwurf von Grabmälern Mathematiker zu
Rate zu ziehen”. Versuche, nun auch an anderen Monumenten ähnliche Schemata
nachzuweisen, dürften kaum Erfolg haben*.
Athen
Wolfram Hoepfner
25 RE. 24, 1, 277 ff. s. v. Pythagoreer (B. L. van der Waerden). Vgl. auch M. Vogel, Die Enharmonik der Griechen, Teil 2. — Die hier gegebene Pyramide hat eine vierseitige Grundfläche und stellt
keinen Tetraeder dar, der sich aus gleichen Dreiecken zusammensetzt und bei den Pyıhagoreern die
Bedeutung des Feuers hatte, vgl. E. Sachs, Die fünf platonishen Körper.
26 Vgl.
A. Conze, Die attischen Grabreliefs 111 285 Nr. 1318 und A. Milchhöfer, Die Museen
Athens 16 Nr. 13.
27 Unser Lösungsversuch unterscheidet sich also von solchen, bei denen mit Hilfe geomerrischer
Schemata allgemein die Arbeitsweise von Architekten in der Antike aufgezeigt werden soll, so T.
Brunés, The Secrets of Ancient Geometry and its Use, oder besonders interessant H. Junecke, Die
Meßfigur, AA. 1970, 544 ff., cine einfache Methode, ausgehend von den »fünf pythagoreischen Dreiecken«, die freilich angewendet auf Tempelgrundrisse und Fassaden, zunchmend kompliziert wird.
Zu Proportionen bei Bauten vgl. auch R. Wittkower, Grundlagen der Architektur im Zeitalter des
Humanismus, mit zahlreichen Literaturhinweisen.
28 Schon am benachbarten Monument der Kerkyrier lißt sich keine derartige geometrische Entwurfsfigur ermitteln.
— Das Grabmonument des Pythagoras aus Selymbr
ia: MDAI(A) LXXVIII
1973 145-163. | Das Grabmonument auf dem Athener
Koranıcikos Ist nach
einem mathematischen Schema entworfen. Offenbar brachte der
Nume des
Verstorbenen den Architekten uuf den Gedanken, einen « pythagore
ischen »,
d.h. durch geometrische Grundform
dP
;
zu liefern.
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Jam
en und
Proportionen bestimmten Entwurf
g Fra 2notes 2 Tafeln
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)TE ILE NGIUN SS. 1978
APOE NISO HERO MEL
Das Geabmonument des P
VALLI 77
Page 21
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)VAL EE 7S
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t. Das Grahmonument der Ps razor, Blich von der
benachbarten Stele der KRerbusier wahrend dei Grabung sen 1483