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Friedrich Heglmeier (Erlangen)
Die griechische Astronomie zur Zeit des Aristoteles
Ein neuer Ansatz zu den Sphärenmodellen des Eudoxos und des
Kallippos
1. Einleitung
Dem
Weltbild des
Artstotcles
liegen
die
kosmologischen
Modelle
des
Eudoxos von Knidos' und des Kallippos von Kyzikos zugrunde, das eine auf
dem anderen aufbauend. In Buch XII der Metaphysik stützt sich Aristoteles auf
dieses System, um die Himmelserscheinungen wiederzugeben. Das eudoxischkallippische Modell schließt eine Theorie der Bewegungen von Sonne und
Mond ein. Die Mondtheorie des Eudoxos gibt die Mondbewegung vorzüglich
wieder,
die
Eigenart
der
eudoxischen
Sonnentheorie
gab
zu
heftigen
Diskussionen Anlaß. Hier werde ich mich trotzdem auf die Planetenmodelle des
Eudoxos und des Kallippos beschränken, also auf die eigentlichen Planeten
Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn.
Die Geschichtswissenschaft der Astronomie befaßt sich seit der Arbeit
Idelers’, also seit mehr als 150 Jahren, eingehender mit den homozentrischen
Sphären
des
eudoxischen
Eudoxos.
Die
Modells
eine
omocentriche di
ist
bahnbrechende
Schrift
von
Arbeit
G.
V.
zum
Verständnis
Schiaparelli:
„Le
Eudosso, di Callippo e di Aristotele“, erschienen
des
sfere
1874 in
Mailand’. Soweit cs die Bewegung der eigentlichen Plancten im Modell des
Eudoxos anbelangt, ist die Arbeit Schiaparellis das Standardwerk geworden.
Fragmente
der
astronomischen
Schrilten des
Eudoxos sind
in
FU
Lasserre,
Die
Fragmente des Eudoxos von Knidos, Berlin 1966, 67-73 gesammelt.
Aristoteles, Metaphysik XII 1073b171f.
Ideler, L.. Über Eudoxos. Abhandlungen der königlichen Akademie der Wissenschat-
HEGLMEIER, Friedrich. - Die griechische Astronomie zur Zeit des Aristoteles:
ein neuer Ansatz zu den Sphärenmodellen des Eudoxos und des Kallippos. .
Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption. 6 (= 67-13568) 51-71. [67-13035
ten zu Berlin, Hist.-Philol. Klasse, 1828, 189-212 und 1830, 49-88,
Schiaparelli, G. V., Memoria letta nell'adunanza del 26 nov. 1874. Memorie del Reale
Litiluto Lombardo, Classe di scienze matematiche, vol. XII, ser. 3, vol. 4. Deutsche
Übersetzung von W. Horn, Die homocentrischen Sphären des Eudoxus, Kallippus und
Aristoteles, Leipzig 1877. (Hierauf beziehen sich auch die ang. Seitenzahlen).
Page 2
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Kritik an seiner Rekonstruktion der Sonnen- und Mondbewegung habe ich
in meiner Dissertation weitgehend widerlegt.‘
AN LD
Das platonische System — dargestellt in der Politeta, im Timaios und im
Phaidon — ist wohl im wesentlichen pythagoreisch."
Das eudoxische Sphärensystem hat durch Kallippos von Kyzikos entscheidende
Verbesserungen
erfahren.
Die
Rekonstruktion
dieses
kallippischen
2.2 Die Rettung der Phänomene
Modells ist allerdings weder Schiaparelli selbst noch seinen Kritikern gelungen.“
Hier soll cin neuer Ansatz zum Sphärenmodell
des
Kallippos versucht
Als besonders unzugänglich für mathematische Erklärungen erwies sich dabei
werden, der zu überraschenden Ergebnissen führt. Dazu kann ich an dieser
der Mechanismus der Planetenbewegung. Nach dem Kommentar des Simplicius
Stelle die Lösungswege nur skizzieren und die wichtigsten Ergebnisse angeben.
zu Aristoteles’ De Caelo" hat Platon — wohl unzufrieden mit den ihm verfügba-
Ich stütze mich dabei auf eine Reihe von graphischen Darstellungen und kann so
ren Weltmodellen — den Mathematikern die Problemstellung gegeben, durch
auf die explizite Ausführung mathematischer Herlettungen weitgehend verzichwelche gleichförmigen, kreisförmigen und geordneten Bewegungen die Phänoten.’
mene bezüglich der Planeten gerettet werden könnten."
Eudoxos sei der erste gewesen, der die Lösung durch seine Hypothese der
sogenannten „aufrollenden“ Sphären gefunden habe.'* Diese wurden von
2. Der Auftrag Platons
Schiaparelli die „homozentrischen Sphären“ genannt.
2.1 Kosmologie zu Beginn des vierten Jahrhunderts
Den Textstellen von Platon in seiner Polireia, im Timaios und im Phaidon
3. Die Sphärentheorie des Eudoxos von Knidos
entnehmen wir das große Interesse der griechischen Philosophie des 4. Jahrhunderts an der Struktur des Kosmos. Vor Eudoxos hatten sich schon die Pythago-
3.1 Quellen
reer mit der Planetenbewegung beschäftigt. Geminos berichtet:
Aristoteles beschreibt im XII. Buch der Metuphysik das Modell des Eudoxos
Dic Pythagoreer waren die ersten, welche an derartige Untersuchunso:
gen herantralen und für die Sonne, den Mond und die fünf Planeten
kreisförmige und gleichförmige Bewegungen annahmen. Konnten
Eudoxos nahm nun an, dab die Ortsbewegung der Sonne und des
sie doch für die göttlichen und ewigen Himmelskörper nicht eine
Mondes in drei Sphären vor sich gehe; hiervon sei die erste die
derartige
dieselben
Unregelmäßtgkeit
bald
schneller,
annehmen,
bald
vermöge
langsamer
welcher
bewegen,
bald
sich
Sphiire der Fixsterne, dic zweite habe ihre Richtung mitten durch
gar
den Tierkreis, die dritte verlaufe in geneigter Richtung durch die
Breite des Tierkreises. Die Bewegung der Planeten erfolge in vier
stillstehen sollten (...).*
B. L. van der Waerden, Die Astronomie der Pythagoreer, Amsterdam 1951, 25.
Simplicii in Aristotelis De caelo conimentaria, Ed. 1. L. Heiberg, Academia Litterarum
Hegimeier, Friedrich, Die homozentrischen Sphären des Eudoxos und des Kallippos
und der Irrtum des Aristoteles. Diss. in der Phil. Fakultät I, Friedrich-AlexanderUniversität Erlangen-Núrnberg, 1988.
S.
die Erklärungsvorschläge
von
P.
in:
Seconde
note
sur
le
système
astronomique d'Eudoxe, Mem. de la Soc, des Sciences phys. el nat. de Bordeaux, 2°
näheren
Studium
der Phänomene ertand, vel. Saltzer, W. G., Theorien und Ansätze in der griechischen
Sciences, No. 23. Wiesbaden 1976, S. 10 Anim. 16. Saltzer mißt der Frage nach der
Urheberschaft keine fundamentale Bedeutung zu: „In Wirklichkeit kommt es nur auf
den Nachweis an, daß das Bediirfnis bestand, die manifesten Anomalien bei den fünf
mathemalischer
Herleilungen
verweise
ich
auf
meine
Dissertation (wie Anm. 5).
Geminus, Elementa astronomiae. Ed. C. Manitius, Stuttgart
Ausgabe von 1898).
Zur Frage, ob Platon selbst oder Eudoxos es war, der die Problemstellung zur Rettung
Astronomie, in: Collection des travaux de Academie International d'Histoire des
Tannery
ser., t. V, 1883, 129-147.
Zum
Regia Borussica, Berlin 1894, 495-497,
Planeten. d.h. ihre Rückläufigkeiten und die evidenten Helligkeitsschwankungen bei
Venus, Mars und Jupiter mit
1974 (Nachdruck der
Hille einer geordneten periodischen Kinematik zur
Darstellung zu bringen, und das ist für die Akademie unbestreitbar”.
Simplicius (wie Anm. 10) 492.
Page 3
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Für die Planeten gibt Simplicius die folgenden synodischen Umlaufzeiten
Sphären, und davon seien die erste und die zweite dieselben wie die
ersten beiden Sphären von Sonne und Mond (denn die Sphäre der
an:
17
Fixsterne führe alle anderen herum, und die Sphäre, die unter ihr
angeordnet ist und die in der Richtung der Mittellinie des Tierkreises bewegt wird, sei allen gemeinsam; die Pole der dritten Sphäre
Tabelle der Umilaufzciten”
Planet
jedes Planeten befänden sich in der Mittellinie des Tierkreises; die
Sphäre mit dem Fixsternhimmel täglich um ihre Achse drehe, die zweite bewege
30
12
2
|
die Sonne durch den Tierkreis, und die dritte trage die Sonne in einer weil lang-
Venus
|
Überraschend an dieser Darstellung ist zunächst, daß der Sonne drei Bewe-
Synodische Umlaufzeit
(Jahre)
(Tage)
Moderner
Simplicius
29,458
11,862
1,881
|
|
Moderner
Wert
Wert
Saturn
Jupiter
Mars
Merkur
gungen zugeordnet werden. Simplicius kommentiert sie so, daß sich die erste
Zodiakale Umlautzeit
Simplicius
Bewegung der vierten Sphäre verlaufe aber nach der Richtung eines
gegen die Mitte der dritten Sphäre schrägen Kreises (...).''
AN DH
Die griechische Astronomie zur Zeit des Aristoteles
390
390
260
110
378
399
780
116
570
584
sameren Drehung längs eines zum Tierkreis schrägen GroBkreises."
Die Sonne bewegt sich demnach also nicht genau in der Ebene der Ekliptik.
Die dritte Sphäre mit ihrer langsamen Umdrehung bewirkt, daß die Sonne sich
über mehrere Jahre oberhalb bzw. unterhalb der Ekliptik aufhalten würde.
Schiaparelli hat. deshalb wohl zu Recht einen Irrtum des Aristoteles in der Zuteilung der Sphärengeschwindigkeiten angenommen.
Der analoge Fehler bei der eudoxischen Mondtheorie müßte - wegen der
größeren Neigung der Mondbahn gegen die Ekliptik - zu noch offensichtliche-
3.2 Die Rekonstruktion durch Schiaparelli
Schiaparelli zeigt in seiner Arbeit, daß es Eudoxos möglich gewesen ist, mit
den Prinzipien der elementaren Geometrie die Planetenbewegungen nach seinem
Sphärenmodell zu konstruieren.”
In Figur | sind die Aguatorkreise und dic Rotationsachsen der zweiten, dritten und vierten Sphäre eingezeichnet. Die vierte Sphäre schließt mit der dritten
und dritten Sphäre des Mondmechanismus, erhält man ein sehr brauchbares
den Inklinationswinkel i ein, der als Winkel zwischen den Rotationsachsen und
den Äquatorkreisen in der Figur erscheint. Die dritte Sphäre rotiert um die xAchse, die vierte um die x,-Achse mit dem Neigungswinkel i gegen die x-Achse.
Modell der Mondbewegung.'*
Die Ebene der Ekliptik wird von der x- und z-Achse aufgespannt.
ren Abweichungen lühren.'" Auch hier nimmt Schiaparelli einen Irrtum bei Aristoteles an. Vertauscht man auch hier wieder die Geschwindigkeiten der zweiten
Während der Planet in der x,-y,-Ebene, der Äquatorebene der vierten Sphäre,
um den Winkel v, gedreht wird, rotiert der Schnittpunkt der dritten und vierten
Sphäre um den Winkel v, in der Aquatorebene der dritten Sphäre. Da die beiden
Drehungen entgegengesetzt orientiert sind, entfernt sich der Planet nie zu weit
von der Ekliptik (s. Figur 1: Sphärenmodell des Eudoxos).””
Y Aristoteles, Metaphysik XH, 107389710.
4
Simplicius (wie Anm. 10) 493.
do]
Vel. Hegimeier (wie Anm. 5) 120-139.
" Schiaparelli (wie Anın. 4) 117-119.
Simplicius (wie Anm. 10).
Vel. Lasserre (wie Anm. 1) 206. Die modernen Werte entnehme ich A. Unséld. Der
neue Kosmos, Berlin "1981, 28 Tab 5,1 für die äußeren Planeten, für die inneren nach
Umrechnung Herrmann, div-Atlas zur Astronomie, München 111993, 55.
Schiaparelli (wie Anm. 4) 139.
Page 4
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)D =]
press
.Sphäre
A x,_Achse
.
ra
— _ 2.Sphare
~
Va
Y
=
Las
br 9x
very
>
Achse
qe
TT
a
.
Z,22 -Achse
4
3
z-Achse
Figur I: Sphärenmodell des Eudoxos
Zentrales Element dieses Modells ist die sogenannte Hippopede. Diese Kurve
cu-u—o:
entsteht allein durch die Bewegungen der dritten und vierten Sphäre. Der Planet
benötigt zum Durchlaufen dieser Kurve die synodische Periode. Die Form der
Hippopede wird durch die Wahl des Inklinationswinkels zwischen der dritten
und vierten Sphäre festgelegt. Dadurch wird gleichzeitig die Bewegung nach
Breite bestimmt. Der Mittelpunkt der Hippopede wird nun auf der zweiten
Sphäre mit der zodiakalen Umlaufgeschwindigkeit transportiert. Die zweile
Fiir die Planeten Saturn, Jupiter und Merkur liefert das Modell des Eudoxos
Sphäre (und mit ihr natürlich auch die dritte und vierte) wird zusammen mit dem
Fixsternhimmel einmal täglich (entsprechend der täglichen Erdrotation) um die
hinreichende Ubereinstimmung mit der Beobachtung. Es treten Riickliiufe und
Stillstände in der Größenordnung der beobachteten Größen ein. Auch die dabei
durch den Himmelspol laufende Achse gedreht (s. Figur 2: Hippopede).*
auftretenden Breitenabweichungen bleiben innerhalb der tatsächlich beobachtharen Größenordnungen (s. Figur 3: Saturnbahn des Eudoxos).”
“! Schiaparelli (wie Anm. 4) Tafel I, Fig. 7.
"= Schiaparelli (wie Anm. 4) Tafel II, Fig. 14.
Page 5
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)4
—
Die griechische Astronomie zur Zeit des Aristoteles
2
2
3
—
AN
ú
=
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5
59
6
Breite
—
Lâängengrace
]
10°
F
51
Länge
«qa
1
140
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40
Il
\
300
200
y
0
100
sd
3.3 Die analytische Rekonstruktion
Die Ortskoordinaten des Planeten, der sich auf dem Aquator der 4. Sphäre
-10°
P
befindet, lassen sich nach einer geeigneten Koordinatentransformation mit Hilfe
von Drehmatrizen so darstellen:
x=sini sinv
y =sin 2v sin? 1/2
Figur 4: Venushewegung nach Eudoxos
(re)
z= | - 2sin?v sin2i/2
Die auffälligste Erscheinung ist dabei das Fehlen von Rückläufen oder Sullständen in diesem Model! — legt man realistische Werte für die synodische Um-
Die ekliptische Länge des Planeten beschreibt folgender Term:
laufzeit zugrunde.
L =L; + L*
mit
L=uwt
1
und
L* = arc tg x/z
Dabei ist u, die Winkelgeschwindigkeit der 2. Sphire, L* ist der durch die
Hippopede erzeugte Anteil der ekliptischen Länge.
Die analytische Methode hat gegenüber den geometrischen Konstruktionen
Schiaparellis den
Vorteil, daß sich die
Koordinaten
des
Planeten
Auffallend an den von Simplicius überlieferten Werten ist die viel zu kurze
synodische Periode des Mars mit nur 260 Tagen (moderner Wert 780 Tage).
Schiaparelli sieht diese falsche Periode als eine Hilfskonstruktion des Eudoxos,
um einen rückläufigen Bogen zu bekommen. Da diese Perioden jedoch mit den
Beobachtungen überhaupt nicht übereinstimmen - außerdem hat das auch
Konsequenzen im Hinblick auf dic Häufigkeit der Ekliptikdurchgänge — halte
leichter
ich Experimente mit Bewegungen dieser Art für wenig erfolgversprechend. Die
erschließen, nicht nur für Sonderfälle nachrechnen und auch in ein Computerfalsche Periode bei Mars könnte durchaus auch ein Übertragungsfchler sein, wie
programm übertragen und dort auswerten lassen.
Lasserre*” vermutet (s. Figur 5: Marsbahn nach Eudoxos).”
3.4 Die Planetenbahnen des Mars und der Venus nach Eudoxos
Weniger zufriedenstellend als bei Saturn, Jupiter und Merkur arbeitet das
eudoxische Modell für die Planeten Venus und Mars (s. Figur 4: Venusbahn
nach Eudoxos).”*
24
Lasserre (wie Anm. 1) 206. Nach Hinzufügen von „erkosin" ergäbe sich die synodische
Periode zu 28 Monaten und zwanzig Tagen, also insgesamt 860 Tagen, was der
Wirklichkeit von 780 ‘Tagen nahekäme.
23 Heglmcicr (wie Anm. 5) 192 Fig. 21.
Page 6
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)61
Breite À
Brelte
30°
20°
-10°
, Linge
Länge
300°
200°
100°
300°
,
\
200°
100°
.
-NDr
~ 204.
m
-30Y
- 5?
Figur 5: Marsbahn nach Eudoxos mit T,=840 d, i=34°
Figur 6: Marsbewegung nach Eudoxos mit Tz=840d, i=95°
Offensichtlich waren es die Unzulänglichkeiten der mangelnden Rückkiufe
Als Schlüssel zu dem Modell des Kallippos erscheint mir jedoch der Versuch
interessant, das Verhalten des Modells mit den korrekten Perioden, dafür aber
bei annehmbaren Breiten bzw. zu großer Breitenbewegung beim Auftreten
rückläufiger Bogen, die dem Modell des Eudoxos Kritik eintrugen.
mit überhöhten Inklinationen zu verfolgen. So zeigt sich bei der Marsbewegung
(T, = 840 d) — wählt man cine Inklination von 95° — cine rückläufige Phase. Der
4. Die Verbesserungen durch Kallippos von Kyzikos
große Inklinationswinkel führt allerdings zu einer Breitenbewegung des Planeten (bis zu 33°), die völlig indiskutabel ist (s. Figur 6: Marsbahn mit tiberhéhtem
4.1. Quellen
Neigungswinkel).*°
Die notwendige Reform des eudoxischen Sphärensystems nahm Kallippos
von Kyzikos in Angriff, ein Schüler des Polemarchos, der wiederum ein Freund
und Schüler des Eudoxos war.” Aristoteles beschreibt die Reform des Kallippos
im 12. Buch der Metaphysik so:
Kallıppos nalım dieselbe Anordnung der Sphären an wie Eudoxos,
das ist dieselbe Reihenfolge, und gab für Jupiter und Saturn dieselbe
Anzahl an; aber bei der Sonne und beim Mond, meinte er, müsse
man noch je zwei Sphären hinzufügen, um von den Erscheinungen
Rechenschaft zu geben, für die übrigen Planeten je eine.”
2
Kallippos ist nach A. Böckh im Jahre 370 y, Chr. geboren, seine Ankunit in Athen
datiert er auf 334: s. Böckh, A. Ueber die vierjährigen Sonnenkreise der Alten,
vorzüglich den Eudoxischen, Berlin 1863, 155,
26 Heglmcier (wie Anın. 5) 203 Fig. 27.
"Aristoteles, Metaphysik XII, 1072b32¢f.
Page 7
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)63
Simplicius beruft sich in seiner Beschreibung des kallippischen Modells auf
”
Eudemos von Rhodos:
Er (Eudemos) erzählt, jener (Kallippos) habe erklärt, wenn die
Zeiten zwischen den Solstitien und den Äquinoktien so große
Unterschiede aufwiesen wie Methon und Euktemon sie annehmen,
so genügten für jeden Planeten jene drei Sphären nicht, um die
Erscheinungen zu retten, da olfenbar bei den Bewegungen der
Planeten diese Ungleichförmigkeit mit in die Erscheinung trete.
Weshalb er weiter bei den drei Planeten Mars, Venus und Merkur
eine Laufbahn
hinzugesetzt hat,
hat
Eudemos
knapp
und
klar
dargestellt.
Om—esun
Die Darstellung des Eudemos von Rhodos ist uns nicht überliefert.
4.2 Der Rekonstruktionsversuch von Schiaparelli
Schiaparelli hat versucht, das Modell des Kallippos dahingehend zu deuten,
daß die zusätzliche Sphäre zwischen die dritte und fünfte eingeschaltet werde
und mit doppelter Winkelgeschwindigkeit rotiere. Tannery folgt ihm in dieser
Hypothese. Schiaparelli erhält diese Kurve durch geometrische Konstruktion (s.
Figur 7: Rekonstruktion nach Schiaparelli").
Durch die Wiedergabe dieser These durch Tannery*', Heath", Dreyer” und
DicksTM erfuhr sie eine gewisse Kanonisierung.
Unterzieht man diesen Ansatz Schiaparellis einer mathematischen Analyse, so
erhält man eine Marsbewegung, die einen zu kleinen
rückläufigen Bogen
aufweist. Unübersehbar führt dieses Modell aber auch zu einer überhöhten
Anzahl von Ekliptikdurchgiingen. Entsprechend erreicht der Planet in zu kurzen
Abstinden seine Breitenmaxima und -minima (s. Figur 8: Schiaparellis Rekonstruktion der Marsbahn des Kallippos**).
Tannery, P., Note sur le systèrne astronomique d'Eudoxe. Mem. de la Soc, des Sciences
phys. et nat. de Bordeaux, 2e ser. t. I, Bordcaux 1876, 441-449,
“*
Heath, Sir Thomas, Aristarchus of Samos, Oxford 1913, 213-215.
Dreyer, I.L.E., A History of Astronomy from Thales to Kepler, New York 1953, 104-
” Simplicius (wie Anm. 10) 497. Ühers. von H. Balss, Antike Astronomie, München
1949, 121.
> Schiaparelli (wie Anm. 4) Tafel IT Fig. 19.
Dicks, D.R., Early Greek Astronomy to Aristotle, Ithaka 1970, 191-193,
Page 8
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)65
y= sin2v sin?i/2 .
Breite
Länge IA VAS
190°
sr
Legt man mit der Wahl des Inklinationswinkels i die Liinge der rückläufigen
Bewegung fest, so muß die Breitenbewegung durch einen geeigneten Term auf
ein vertretbares Maß reduziert werden. Dieser Term muß im Sphärensystem
durch die Rotation einer Sphäre mit der Frequenz 2v bewirkt werden (s.
Gleichungen *** S. 58), also mit der doppelten Rotationsgeschwindigkeit der
sal
eudoxischen 3. und 4. Sphäre.
Legt man nun den Planeten auf den Äquator dieser 5. Sphäre, wird die beabsichtigte Korrektur zu groß. Befestigt man diesen Planeten aber in einem frei
wählbaren Winkelabstand vom Pol auf der 5. Sphäre, läßt sich auch die Größe
Figur 3: Marsbalin nach Schiaparellis Ansatz
der Digression frei festlegen — und im Gegensatz zum eudoxischen Modell unabhängig vom gewählten Inklinationswinkel zwischen seiner 3. und 4. Sphäre.
Tannerys Verhesserungsversuche liihren noch weiter von den Beobachtun-
Zu den ekliptischen Koordinaten, die schon für die Bewegung der Hippopede
gen weg." Eine wirkliche Verbesserung des eudoxischen Systems wäre mit
errechnet wurden,wird der durch die Rotation des Planeten auf der fünften
dieser Lösung nicht gelungen. Daß Kallippos damit gearbeitet haben könnte, ist
Sphäre im Winkelabstandj von deren Pol erzeugte Beitrag addiert. Die ckliptiwohl auszuschließen.
sche Breite ergibt sich als Summe aus der eudoxischen Hippopedenbewegung B
und dem Anteil fs aus der Drehbewegung der fünften Sphäre:
4.3 Ein neuer Ansatz
Ein neuer Ansatz führt zu einem völlig neuen Modell des Kallıppos. Zunächst
gehe ich davon aus. daß Kallıppos die wesentlichen Fehler des eudoxischen
Planetenmodells beheben wollte. Simplicius erwähnt in seinem Kommentar die
Kritik am eudoxischen Modell: „Die Breite derselben (der Hippopede) ist genau
der Breitenbewegung des Gestirns gleich; dieses gab Veranlassung, Einwürfe
gegen Eudoxos vorzubringen.**”
Eudoxos konnte bei Mars und Venus Rückläufigkeit nur dadurch herstellen,
sin By = - sin | sin 2v
Zur ekliptischen Länge des eudoxischen Modells wird noch der Anteil L,
addiert, den die fünfte Sphäre liefert:
tan L, = tan | cos 2v
Allein aus den Bewegungen der dritten, vierten und fünften Sphäre ergibt
sich die „kallippische Hippopede“ (s. Figur 9a: Planetenbewegung nach Kallippos und Figur 9b: Hippopede des Kallippos)".
daß er die Inklinationen weit überhöhte. Die Digression wurde dementsprechend zu groß. Dann nehme ich die Bemerkung des Aristoteles sehr ernst, daß
Kallippos die zusätzliche Sphäre angefügt — also eine fünfte Sphäre als letzte an
die bestehenden vier eudoxischen angehängt - hat. Kallippos muß nun nach
einem Mechanismus gesucht haben, der mit einer fünften angelügten Sphäre
diese überhöhte Breitenbewegung zurücknehmen konnte.
Die mathematische Analyse stellt sehr deutlich klar, wo die Schwierigkeit
beim eudoxischen Modell auftritt: Durch die Wahl des Parameters i wird außer
der Breitenabweichung gleichzeitig auch die Länge des rückläufigen Bogens
festgelegt. Der Term für die Abweichung nach Breite ist
16
3% Simplicius (wie Anm. 10) 497. Übers. von Balss (wie Anm. 29) 111.
Page 9
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)67
sehr nahekommen. Die Rückläufe und die Breitenbewegungen bleiben innerhalb
beobachtbarer Grenzwerte, die heikic Frage der Ekliptikdurchgänge löst sich im
Breite |
großen und ganzen zufriedenstellend (s. Figur 10a: Marsbahn nach Kallippos,
und Figur 10b: Marsbahn 1986)",
10°.
Brelte È 5°
vines
\)
“
po
Nu
LoS"
Figur ida: Marsbahn nach Kallippos (i=64°, j=20°)
360°
220°
Brelte
| pa
Länge
Figur Ja: Planetenbewegung nach Kallippos
-5°
Brelte
Figur 10b: Marsbahn 1986
Bei geeigneter Wahl der Parameter t und j beträgt die Abweichung von der
Ekliptik 3,7° bei Mars, die Länge des Rücklaufs ist 16°. Ähnliche Ergebnisse
8
-50°
9
;
50° Lange
N
u
7
|
|
quo
Le
zeigen sich bei Venus und Merkur (s. Figur I la: Merkurbahn nach Kallippos,
und | Ib: Merkurbahn 1986)".
€
|
|
ds |
|
em 12 el
r
21
|
Figur 9b: Die Hippopede des Kallippos
4.4 Die Planetenbahnen von Venus und Mars
Wendet man diesen Ansatz auf die Bahnen der Planeten Venus und Mars an,
so lassen sich Bahnen finden, die qualitativ den tatsiichlich beobachtcten Bahnen
Page 10
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)69
schiedliche Dauer der Jahreszeiten im Modell zum Ausdruck zu bringen. Kallip|
4
Breite
pos kannte ja die Dauer der Jahreszeiten besser als alle seine Vorgiinger:"'
bs
Unter der Annahme einer Inklination der beiden zusätzlichen Sphären von 2°
erhält Schiaparelli damit eine Hippopede von 4° Länge auf der Ekliptik bei einer
zu vernachlässigenden Breitenbewegung von nur I". Damit lassen sich nun auch
Variationen in der Länge der Elongationen von Merkur- und Venusbahn erklä-
BR
Länge
i
L
100°
50°
0°
ren.
Diese Genauigkeit kommt fast derjenigen gleich, die später mit Hilfe der
exzentrischen Kreise erlangt wurde.
-
4.6 Aristoteles und seine reagierenden Sphären
sa
Zusammen mit der verbesserten Sonnentheorie hätte damit Kallippos ein
Figur | la: Marsbahn nach Kaflippos
Modeil gefunden, das überraschend elegant und effektiv sein konnte. Aristotcles
übernahm das System des Kallippos, allerdings nicht unverändert. Eudoxos und
Kallıppos hatten sich ein System ausgedacht, in dem jedem Plancten ein cigenes
aretted
E
Untersystem an Sphären zukam, die diese einzelnen Planeten zu transportieren
gt
hatten. Auf die Bahnen der übrigen Planeten hatte dieses Untersystem keinen
Einfluß. Aristoteles verbindet in seinem Sphirensystem die Bewegungen aller
Nm
N
100°
n rá
e
;
260°) q.
0°
Sphären miteinander.
Damit nun aber durch gleichzeitige Kombination aller (Sphären) von
den Erscheinungen Rechenschaft abgelegt werden könne, ist es
Linge
notwendig, daß für jeden Planeten (außer den vorigen) ebenso viele
Sphären,
sel
weniger eine,
angenommen
werden,
welche die erste
Sphäre des unmittelbar darauf folgenden Gestirns immer in dieselbe
Stellung zurückführen, weil es nur auf diese Weise möglich ist, dab
Figur I 1b: Merkurbahn 1986
Variationen innerhalb gewisser Grenzen sind denkbar und ftihren zu
qualitativ ähnlichen Ergebnissen.
Neben den oben dargelegten Gründen, mangels einer brauchbaren Alternative und wegen der ersichtlichen Effektivität der vorgestellten Lösung spricht
auch eine bestechende Einfachheit dafür, daß Kallippos mit diesem Modell gearsich die Bewegungen der Planeten vollziehen können. Da nun die
Anzahl der Sphären, welche sich bewegen, einerseits 8 und andererseits 25 ist, so werden von diesen nur diejenigen nicht zurückgedreht werden müssen, von welchen die Bewegung des untersten
aller dieser Gestirne abhängt. Für die beiden ersten Gestirne werden
. also 6 reagierende (Sphären) bestehen, und für die vier folgenden
beitet haben könnte.
Frühjahr
4.5 Die Sonnenbahn nach Kallippos
Daß Kallippos das Sonnenmodell des Eudoxos durch die Hinzufügung
zweier zusätzlicher Sphären verbessert hat, gibt ihm die Möglichkeit, die unter-
Sommer
Herbst
Winter
Kallippos:
94
92
89
90
Wahrer Wert:
94,17
92.08
88,57
90,44
Vel. Rehm, Albert, Parapegmastudien. Abhandlungen der Bayerischen Akademie der
Wissenschaften, Philosophisch-historische Abteilung. Neue Folge, H.
19, München
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16; die Gesamtzahl wird also 55 betragen. Wenn man bei der Sonne
5. Conclusio
und beim Mond die Bewegungen, von denen wir sprachen, nicht
Schon den Alten waren Defekte des eudoxisch-kallippischen Systems aufgehinzufiigt, wird die Gesamtzahl 47 betragen."Um nicht die Wirkungen der äußeren Planeten auf die innenliegenden Sphärensysteme zu summieren, benötigt er reagierende Sphären, die die Drehungen
fallen. Der schwerwiegendste Einwand galt den unterschiedlichen scheinbaren
Größen der Planeten, besonders deutlich bei Mars und Venus. Simplicius kommentiert das so:
der Untersysteme der weiter außen liegenden Planeten neutralisieren. Insgesamt
Aber es ist gewiß, daß auch von folgendem (Phinomen) keiner
kommt Aristoteles so auf eine Anzahl von 55 Sphären, eine Zahl die umstritten
derselben (gemeint sind Eudoxos und Kallippos) vor Autolykos aus
und offensichtlich falsch ist.” In dieser Zahl sind nämlich die jeweils äußeren
Pitane eine Erklärung durch Hypothesen zu geben versuchte, welche
Sphären eines jeden Planeten, die täglich mit der Fixsternsphäre rotieren, noch
überdies auch keine Erklärung davon geben konnte (...): nämlich
enthalten. Auf eine geringere Sphärenzahl kommt Schiaparelli", der auf sechs
der sieben äußersten Sphären, die jeweils die tägliche Umdrehung bewirken,
scheinen, manchmal entfernt, was bei cinigen derselben auf den
von der Tatsache, daß die Sterne uns manchmal
verzichten möchte und damit eine Gesamtzahl von 49 Sphären errechnet. Dieser
nahe zu sein
ersten Blick auffällt.
Ansicht schließen sich auch Neugebauer“ und Ross" an. Auch Hanson stellt
fest, daß ein System von 55 Sphären nicht funktionsfähig sein kann. Entweder
Hier vermag cin homozentrisches System naturgemäß keine Lösung anzubiewerde die Rotation der Fixsterne von der äußersten Saturnsphäre auf alle inneten. Dennoch wurde durch dieses System — wie Schiaparelli meint — „dem Bau
ren übertragen, indem die jeweils äußersten der einzelnen Planeten weggelassen
der Welt doch eine Eleganz bewahrt, (...) welche bis zu den Zeiten Keplers
werden, oder die Drehung dieser äußersten Sphäre eines jeden Planeten werde
ihresgleichen nicht wieder fand.“
jeweils durch eine reagierende Sphäre aufgehoben. Im ersten Fall ergebe das
eine Summe von 49 Sphären, im zweiten Fall von 61, was Hanson für angemessener hält.”
Man muß Aristoteles aber zugute halten, daß es ihm hier wohl nicht auf
astronomische Details ankam, sondern cher auf die Idee, mit Hilfe dieses
Mechanismus mit einer einzigen, von außer einwirkenden Bewegung alle Himmelskörper ihre Bahnen ziehen zu lassen.
"2 Aristoteles, Metaphysik XII 8, 1073b538ff, Úhers. Horn (wie Anm. 4) 181.
1 Zweilel sind bereits hei Sosigenes erkennbar (s. Simplicius |wie Amm, 9] 502). der eine
reagierende Sphäre für die äußerste Saturnsphäre für nötig hall, diese dann aber doch
mit der äußersten Jupitersphäre zusammenfallen läßt.
“4 Schiaparelli (wie Anm. 4) 176,
45
Neugebauer, O., A History of Mathematical Astronomy. Bd. I - HL, Berlin - Heidelberg - New York 1975, 685.
% Ross, W. D., Aristotle’s Metaphysics, Oxford 1975, 392.
4 Hanson, N. R. Constellations and Conjectures. Boston 1973, 66-70.
Simplicius (wie Anm. 10) 504, 22-27. (Übers. wie Anm. 4, 194-195),
Schiaparelli (wie Anm. 4) 114.