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Die Geometrie des Pythagoras.
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in eingehenderer Weise von den Sehicksalen des Pythagoras berichtet wurde,
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dass wenn auch Porphyr „der Göttliche‘ und Jamblich „der BewunderuswdedigeTM höchst mittelmässige
Geister waren,
die einen sehr ungüustigen Begrilf von der neuplatonischen Schule geben, der sie mu das Jahr 300 n Ch. Geh. vorstanden,
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oder vielleicht sogar wegen ihrer Unbedeutendheit die Zusamimenstellung
aus alten Schriftstellern,
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des Pythagoras
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eine getreue Compilation ist mit
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)VI. - Die Geometrie des Pythagoras.
Ich habe mir far’ diesen Abschnitt der Untersuchungen die
Aufgabe gestellt, in der Mathematik des Pythagoras solche Elemente
aufzuschliessen, welche seine Anwesenheit in Egypten und Babylon
bestätigen. Freilich wird dadurch dieses Kapitel und auch das
nächstfolgende einen selbst mehr.mathematischen Charakter annehmen, als das ganze übrige Buch. Meine Leser werden bereits gemerkt haben, dass dieses eben meine nicht mit der Gabel zu vertreibende Natur ist, die immer wiederkehrt. Ich entschuldige mich
desshalb auch nicht mehr, sondern rathe lieber jedem abgesagten
Feinde der Mathematik, diese beiden Kapitel nicht weiter zu verfolgen, als sie ihm verständlich sind.
Das Spätere hängt nicht absolut von deren Detailkenntniss ab, sondern nur von dem im Anfangssatze dieses Kapitels schon ausgesprochenen Hauptresultate, dass
Pythagoras Reisen nach Egypten und Babylon machte. Darauf allein kommt es für meine besonderen Zwecke an, und so könnte
ohne Schaden für meine Folgerungen Alles, was im vorigen Kapitel
in eingehenderer Weise von den Schicksalen des Pythagoras berichtet wurde, ein blosser Roman sein, wenn nur sein Aufenthalt an den erwähnten Orten wahr ist.
ì
Ich glaube indessen auch an jene Einzelheiten. Ich bin mit
Roth durchaus einverstanden, dass wenn auch Porphyr „der Göttliche und Jamblich „der Bewundernswürdige“ höchst mittelmässige
Geister waren, die einen sehr ungünstigen Begriff von der neuplatonischen Schule geben, der sie um das Jahr 300 n. Ch. Geb. vorstanden, trotzdera oder vielleicht sogar wegen ihrer Unbedeutendheit die Zusammenstellung aus alten Schriftstellern, welche sie als
Lebensbeschreibung des Pythagoras und als Abhandlung über das
pythagorische Leben herausgaben, eine getreue Compilation ist mit
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)wenig oder gar keiner eigenen Zuthat. Ich bin ferner der Ansicht, dass
die Stücke, welche ausdrücklich von beiden Schriftellern dem Aristorenos und Dikäarch zugeschrieben werden, ohne allen Zweifel
denselben auch angehören, dass aber diese berühmtesten Schüler -
des Aristoteles, deren Werke von Cicero und dem ganzen Alterthume als klassische geschätzt werden, die kaum 150 Jahre nach
dem Tode des Pythagoras lebten, die selbst Freunde und Zeitgenossen von Pythagoräern waren, dass sie, sage ich, als glaubwirdige Zeugen uns gelten müssen. Aus ihren Aussagen aber hat
Röth zumeist geschöpft und das dort Gefundene durch Bewältigung
einer Menge von Literatur zu prüfen gewusst, vor welcher auch
der blosse Nacharbeiter fast zurückschreckt. Dass dabei ein Lebensbild voll innerer Wahrheit entstand, wird der Leser vielleicht
noch besser aus meinem kurzen Auszuge ersehen als aus dem Originalwerke, in welchem manche Zwischenbetrachtung den einheitlichen Ueberblick stört, Manches auch wohl nicht deutlich genug
hervorgehoben ist, wie z.B. die Einwirkung der jedesmeligen politischen Verhältnisse.
Ich wiederhole also, dass ich in der Röth’-
schen Wiederherstellung der Lebensbeschreibung des Pythagoras
ein
Stück positiver Kritik erblicke, dem ich kaum ein zweites an die
Seite zu stellen wage, und von dessen Richtigkeit ich mich um so
mehr überzeugt habe, je genauer ich mich hineinarbeitete. Ich
füge hinzu, dass ich es als einen Akt der Pietät gegen den Verstorbenen, und wenn auch mehr als früher, doch immer noch nicht
genug Gewürdigten betrachte, zum weiteren Bekanntwerden seiner
Riesenleistung nach Kräften beizutragen.
Ich erfülle damit nur
eine schwache Pflicht der Dankbarkeit gegen einen Mann, dessen
Aufmunterung es ganz besonders war, welche mich in die historisch-mathematischen Forschungskreise hinüberwies. Dieses zu meiner Vertbeidigung Solchen gegenüber, welche das vorige Kapitel
etwa mit einem Kopfschütteln gelesen haben, und noch immer der
Meinung sind, Schwachköpfe wie Jamblich und Porphyr könnten
nimmermehr als Quelle dienen, auch wo sie blosse Abschreiber
sind. Ich bedaure auf deren Beistimmung verzichten zu müssen,
werde jedoch auch in diesen Kapiteln nicht umhin können, ‚ausser
wo meine eigenen Untersuchungen mich Anderes lehrten, mich
durchaus an Röth’s Darstellung anzulehnen, und mit ihm so späte
und wie man behauptet unzuverlässige Gewährsmänner wie Jamblich und Porphyr, neben diesen auch noch Nicomachus, Theoa
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)von Smyrna und sogar Proclus zu benutzen. Vielleicht wird es
mir verziehen, weil ich auch Plato gleichzeitig berücksichtige, den
Röth wohl mit Unrecht einigermaassen vernachlässigte, wo es um
wirkliche Mathematik und nicht um Zahlensymbolik sich handelte.
Noch viel lieber hätte ich mich allerdings an solche Schriftsteller gehalten, welche im Alterthume über Geschichte der Mathematik schrieben. Manches werthvolle Material muss vor Allen in
den Schriften des Theophrastus von Lesbos1##) enthalten
gewesen sein, unter denen sich eine Geschichte der Astronomie in
6 Büchern, eine Geschichte der Geometrie in 4 Büchern, eine Geschichte der Arithmetik in 1 Buche befand. Was wäre von diesem
berühmten Schul- und Zeitgenossen des Dikäarch und Aristoxenos
nicht zu erwarten? Aber leider sind alle diese Werke spurlos verschwunden.
Nur die Titel hat Diogenes Laertius uns aufbewahrt.
Und auch von dem zweiten berühmten Geschichtsschreiber der
Mathematik, vonEudemus von Rhodus, wissen wir nur, dass er
eine Geschichte der Astronomie und der Geometrie verfasst hat. Es
bleibt also keine Wahl. Man muss auf jede historische Betrachtung
dieser griechischen Vorzeit verzichten, oder sich mit den Quellen
begnügen, die ich nannte.
Von den fremden Elementen, welche durch Pythagoras der
europäischen Mathematik überkamen, nenne ich zuerst die egyptisch-geometrische Methode. Die älteste griechische Geometrie, welche uns erhalten ist, ist die des Euclid, eines von Ptolemäus
lagi gegen das Jahr 300 v. Ch. Geb. nach Alexandrien berufenen
Mathematikers. Die Elemente nannte der mit Recht berühmte
Verfasser seine Schrift, und es scheint, dass er damit nur einen Titl benutzte, der schon längst für derartige Werke in Gebrauch
war, für Werke also, welche in bestimmter Form mit Satz und
Beweis, Aufgabe und Auflösung die mathematischen Grundlehren
verbreiteten, welche zur Verständniss anderer Wissenschaften nothwendig waren. Diese Definition ‘**) giebt uns wenigstens Proclus,
der gelehrte wenn auch nicht allzugeistreiche Erklärer des Euclid,
der von 412 bis 485 lebte, '*6) und ebenderselbe erzählt auch von
Elementenschreibern vor Euclid. Als ältesten nennt er‘*™) Hippokrates von Chios, dann Leon, ferner Theudios von Magnesia und
Hermotimos von Kolophon. Hippokrates von Chios aber lebte um
450 v. Ch. Geb., also in der unmittelbarsten Nachbarschaft der Lebenazeit des Pythagoras, und war sowie die drei anderen oben Ge-
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)nannten Pythagorder,'48) während Euclid selbst als Platoniker bezeichnet, wird.1*9) Damit allein wäre freilich der Ursprung der
euclidischen Darstellungsweise noch nicht nachgewiesen, wenn nicht
über die Unterrichtsmethode des Pythagoras und deren Heimath
damit Uebereinstimmendes bekannt wäre. Pythagoras begann die
wissenschaftliche Erziehung seiner Schüler regelmässig damit, dass
er sie zu Anfang viel auswendig lernen liess. Das war so Gebrauch
in Egypten, wo er selbst in ganz ähnlicher Weise unterrichtet worden war,'5°) wo auch noch zu Herodots Zeiten das Gedächtniss
mehr als sonst irgendwo geübt ward. 151) Der erste Gegenstand,
welcher gelernt werden musste, war Mathematik.'52)
Und diese
selbe erste Stelle im ganzen Lehrplan behielt die Mathematik in
allen griechischen Schulen bei.'5%) Um also Gedächtnissstoff zu
sein musste sie nothwendiger Weise in einer prägnanten, scharfen
Form auftreten; in einer Form, die dem Gedächtnisse selbst zu
Hülfe kam durch logische Aufeinanderfolge, wie durch Symmetrie der
Darstellung; kurz in einer Form, die wirklich dem Geiste auch des
Knaben eingeprägt und von ihm behalten werden kann. Und welche Form der Mathematik entspricht diesen Anforderungen so sehr
wie die der sogenannten Elemente? Wenn also schon diese mehr
äusseren Gründe uns dazu führen, eine den euclidischen Elementen
nicht unähnliche Geometrie des Pythagoras und seiner Schule anzunehmen, so ist die aus dem Inhalte derselben sich ergebende
Wahrscheinlichkeit nicht geringer. Arimnestos, der Sohn selbst des
Pythagoras, war Lehrer des Demokrit 15*) und brachte denselben
so weit, dass er sich rühmen konnte, dass ihn im Construiren von
Figuren sowie in der Beweisführung Niemand übertroffen habe,
nicht einmal jene egyptischen Priester, die man Harpedonapten 155)
nenne. Das zeigt doch wohl klar und deutlich, dass die Egypter
grade die Constructionen und Beweisführungen besonders pflegten,
und dass dasselbe den Hauptinhalt der Elemente des Euclid bildet,
ist. bekannt genug. Endlich ist es schon an sich naturgemässer,
wie Roth sehr richtig bemerkt hat,156) dass eine solche ausgebildete, künstliche Form, wie die demonstrative Methode des Euclid
sie bietet, das allmälige Ergebniss einer durch Generationen hindurch
fortgepflanzten Wissenschaft, nicht aber die persönliche Schöpfung
eines Einzelnen ist. Und wie die euclidische Methode sich bis auf
unsere Tage vererbt hat, wie Niemand ansteht, die Lehrbücher der
elementaren synthetischen Geometrie bis
zum Anfange unseres
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Jahrhunderts als abhängig von jenen vor mehr als 2000 Jahren
niedergeschriebenen Elementen zuzugestehen, so dürfen wir gewiss
ohne zu grosse Kihnheit noch weitere zwei Jahrhunderte hinaufgreifen und die euclidische Methode ihrem Vaterlande Egypten zurückgeben. Steht doch auch damit die mehrerwähnte Stelle aus
der Astronomie des Theon von Smyrna 2%) im Einklang.
Ich benutze diese Gelegenheit, um über Theon vonSmyrna
selbst und seine Schriften einige auch später noch zu benutzende
Notizen znsammenzustellen. Er lebte wohl am Anfange des 2.
Jahrhunderts n. Ch. Geb. als älterer Zeitgenosse des bekannten
Astronomen Ptolemäus. Die Schriften Theons bildeten ein einziges
Werk, welches aber in fünf Bücher zerfiel. Seinen ausgesprochenen
Zweck hatte es darin, die zur Verständniss Platos und der Platoniker
nöthigen Vorkenntnisse mitzutheilen.
Schon in dieser Beziehung
ist es also von überaus grosser geschichtlicher Bedeutung, indem es
gewissermaassen in die damals moderne Sprache übersetzt, was
dem Plato schon bekannt gewesen sein muss. Die fünf Bücher behandeln der Reihe nach: die Arithmetik mit Inbegriff der musikalischen Zahlenverhältnisse, die Geometrie, die Stereometrie, die
Astronomie und die Musik der Welten. 157) Leider ging der grössere Theil dieses reichen Inhaltes uns verloren und nur das erste
und vierte Buch blieb erhalten. Jenes, die Arithmetik nebst der
Intervallenlehre, gab Boulliau bereits 1644 mit lateinischer Uebersetzung heraus, dann später nochmals, aber was die neuen Anmerkungen und besonders die Weglassungen betrifft jedenfalls sehr
überflüssiger Weise, ein Holländer De Gelder 1827. Für die Verôffentlichung der Astronomie ist die Wissenschaft Th. H. Martin
(von Rennes) zu Dank verpflichtet, der 1849 eine ausgezeichnete
Bearbeitung derselben lieferte und zugleich die überraschende Nachricht mittheilte, dass diese Schrift schon früher unbewusstermassen bekannt war. Chalcidius, ein Philosoph der platonischen Schule
aus dem 4. oder 6. Jahrhundert, beging nämlich die Frechheit, das
ganze Buch der Astronomie des Theon von Smyrna mit wenigen
entstellenden Veränderungen seinem Commentare zum Timäus des
Plato einzuverleiben, und da er zugleich die Klugheit so weit trieb
nirgends auch nur den Namen des Theon zu nennen, so blieb der
Betrug unenthüllt, bis Martin ihn entdeckte.
In dieser Astronomie sagt also Theon, %) wie ich nochmals
in Erinnerung bringen will, dass Chaldäer und Egypter Methoden
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)besassen, um die Bewegung der Planeten vorher zu bestimmen. Die
Ersteren hätten sich dazu der Rechnung, die Zweiten der Zeichnung
bedient, Beide aber hätten darin gefehlt, dass sie keine physikalischen Betrachtungsweisen damit verbanden. Diesen Gesichtspunkt
hätten dann die griechischen Astronomen hervorgeheben, indem sie
von den Anderen die Principien und die Beobachtungskunst erhielten.
Also auch hier werden, und das ist es, worin ich die Uebereinstimmung mit dem Früheren sehe, die Egypter als mit geometrischen Constructionen besonders vertraut geschildert. Wenn ich
nun endlich noch auf eine Stelle des Proclus 58) verweise, in der
gesagt ist, dass bei den Egyptern die Geometrie erfunden worden '
sei, weil die Niläberschwemmungen haufig neue Grenzbestimmungen
nöthig machten, so wird dieselbe jetzt um so leichter dahin zu erklären sein, dass Proclus, wenn er die Erfindung der Geometrie
an
einen bestimmten Ort und zwar nach Egypten verlegt, damit die
damals gebräuchliche Methode der Geometrie gemeint haben muss.
Die Methode wissenschaftlicher Behandlung gleicht aber in
mancher Beziehung einer Sprache. Es ist nicht gut denkbar, dass
dieselbe erhalten bleiben soll, und Alles untergeht, was in ihr geschrieben war.
Die Sprache haftet nur an schriftstellerischen Producten in derselben, die mathematische Methode nur an einzelnen
Sätzen.
Es wird daher im höchsten Grade wahrscheinr
lich, dass unter den Sätzen, welche Euclid uns aufbewahrt hat, solche waren, an denen er nicht bloss die
nach ihm benannte Methode fortpflanzte, sondern
selbst kennen lernte; mit anderen Worten Sätze, die schon
durch Pythagoras und seinen griechischen Vorgänger Thales gelehrt
wurden, Sätze, die noch früher in derselben Form in Egypten bekannt waren. Den ersten Theil dieser Hypothese können wir zur
Wahrbeit erheben. Wir sind namentlich durch Proclus, aber auch
durch Diogenes Laertius und schon durch Plato in den Stand gesetzt, einzelne Theoreme der Geometrie als thaletisch und pytbagorisch nachzuweisen.
Für den zweiten Theil meiner Hypothese kann ich allerdings keinen weiteren Grund mittheilen, als den
schon angeführten aus der Geschichte der Entwicklung aller Wissenschaften mit innerer Nothwendigkeit sich ergebenden. Nur
möchte ich, um nicht missverstanden zu werden, eine Bemerkung
hinzufügen. Ich bin nämlich weit entfernt, mit dem eben Gesagten behaupten zu wollen, Thales und Pythagoras hätten nur die
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Sätze gelehrt, welche ihnen zugeschrieben werden. Im Gegentheil
glaube ich darin nur einige der neuen Erfindungen zu sehen, mit
welchen beide offenbar die Wissenschaft bereichert haben. Das
Gresse und Ganze ihrer Lehren ist vielmehr unter jenen weitaus
zahlreicheren Sätzen zu suchen, die von einem Elementarschriftsteller zum andern sich vererbten, ohne dass man deren Erfinder
angegeben sieht, einfach aus dem Grunde weil man ihn nicht anzugehen weiss, ebensowenig wie man den Ertinder der Addition,
der Multiplication zu nennen vermag. Und unter diesen anonymen
Sätzen sind sicher auch uregyptische enthalten, deren nähere Bezeichnung vorläufig freilich zu den Unmöglichkeiten gehört, sofern
man sich nicht mit Wahrscheinlichkeitsschlüssen begnügen will.
Proclus meldet uns also
von Thales, 15%) wie zum Theil
schon im vorigen Kapitel berichtet wurde, er habe zuerst den Beweis geliefert, dass der Kreis durch jeden Durchmesser in zwei
gleiche Theile getheilt wird, dass die beiden Winkel an der Grundlinie eines gleichschenkligen Dreiecks einander gleich sind, dass
Scheitelwinkel einander gleich sind und dass Congruenz zweier
Dreiecke stattfindet, wenn eine Seite und zwei Winkel des einen
den ähnlichliegenden Stücken des andern einzeln gleich sind. Bei
Erwähnung des zweiten dieser Sätze bemerkt aber Proclus ausdrücklich, der Satz sei nur einer von den vielen, welche der Erfndungsgabe des Thales zu verdanken seien.
geht noch: etwas mehr auf die Quelle
zurück.
Diogenes Laertius
An einem Orte
theilt er uns mit, dass Thales in Egypten die Höhe der Pyramiden
ws ihrem Schatten gemessen habe. 16°) Er setzt zwar hinzu, die
Nessung sei so erfolgt, dass Thales den Moment erfasst habe, in
welchem die Höhe der Pyramide der Schattenlänge gleich war, doch
ist damit die Methode keineswegs gesichert. Möglicherweise war neben
der Pyramide ein Stab von vorher gemessener, also bekannter Höhe
befestigt, an dessen Schatten man den erwünschten’ Moment gewissermassen ablesen konnte, wenn nämlich Schattenlänge und Stablänge identisch waren. Dann musste vermöge der Aehnlichkeit der
Dreiecke auch die Schattenlänge der Pyramide als Maass ihrer Höhe
gelten können. An einem anderen Orte meldet uns dann Diogenes
Laertius von einem Satze egyptischen Ursprunges, welchen
Thales nur mitgebracht habe, !61) von dem Satze, dass der Peripheriewinkel, der auf einem Halbkreise aufstehe, ein rechter sei.
Von Pythagoras selbst giebt Proclus nur zwei Sätze
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)an, 162) beide freilich des Mannes würdig. Der Eine umfasst
eigentlich eine ganze Theorie, indem, nach Eudemus, Pythagoras es
gewesen sei, der die Anlegung von gegebenen Flächenräumen erfand,
der also, um den bestimmten Fall anzugeben, bei welchem diese
Mittheilung erfolgt, zuerst über einer gegebenen Linie mit gegebenem Winkel ein Parallelogramm beschrieb, welches einem gleichfalls gegebenen Dreiecke gleich war. Der andere Lehrsatz ist die
speciell als Satz des Pythagoras bekannte Grundwahrheit, dass das
Quadrat der Hypotenuse in einem rechtwinkligen Dreiecke der
Summe der. Quadrate der beiden Katheten gleich ist. Mit diesem
Theoreme, welches einer ganz anderen mathematischen Richtung
angehört, habe ich mich im folgenden Kapitel noch ausführlich zu
beschäftigen.
°
Es sei hier noch hinzugefügt, was Proclus als Eigenthum der
nächsten Schüler des Pythagoras anführt. Den Oenopides
von Chios, welcher um 470 v. Ch. Geb., also unmittelbar nach dem
Tode des Pythagoras, dessen Lehren studirte und nachbildete, ! 63)
nennt Proclus als den Erfinder der Aufgaben, von einem gegebenen
Punkte ausserhalb einer graden Linie eine Senkrechte auf dieselbe
zu fällen, und an eine grade Linie in einem gegebenen Punkte eine
Linie unter gegebenem Winkel anzulegen. Der Schule des Pythagoras im Allgemeinen °*) schreibt Eudemus den Satz zu, dass die
drei Winkel eines jeden Dreiecks zwei Rechte betragen, und fügt
bei, die Erfinder hätten sich jenes Beweises bedient, bei welchem
durch die Spitze des Dreiecks eine Hülfslinie der Grundlinie parallel gezogen wird, die beiden Winkel an der Grundlinie alse durch
‘ihre Wechselwinkel ersetzt werden. Endlich an verschiedenen Stelten 165) erwähnt Proclus des Satzes als pythagorisch, dass die
Winkel um einen Punkt vier Rechte bilden, und dass die Ebene
durch Dreiecke gewisser Art erfüllt gedacht werden kann.
Proclus weist damit auf dieselbe Theorie hin, welche Plato
in seinem Timäus angedeutet hat, und welche erst durch Martin's
Erklärung 166) zu einer vollständig verständlichen geworden ist.
Es würde mich zu weit von meinem eigentlichen Zwecke seitab
führen, wollte ich die ganze Stelle hier einer erneuten Erörterung
unterziehen, welche zudem kaum ein anderes Resultat liefern würde
als das von Martin gefundene. Ich begnüge mich daher mit einem
kurzen Berichte. Plato, dessen Lebenszeit (430—347) bekanntlich
kaum näher zu der des Pythagoras liegt, als es mit den beidersei-
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)‚tigen Lehren in vielen Beziehungen sich verhält, 197) lässt in dem
Timäus überschriebenen Dialoge den Timäus von Locri, einen eifrigen Pythagoräer, auffordern, Auseinandersetzungen zum Besten zu
geben über die Entstehung der Welt, über Gott und über die Natur des Menschen. Timäus erfüllt diesen Wunsch, und liefert uns
somit in zusammenhängender Rede die Ansichten seiner Schule über
den angeregten Gegenstand. So kommt er denn auch zu den vier
Elementen: Feuer, Wasser, Luft, Erde, deren Gestalt er auseinandersetzt und damit in ähnlich gewagten Hypothesen sich bewegt,
wie es mitunter auch noch anderen Atomistikern zu ergehen pflegt,
wenn sie die Aneinanderlagerungen der chemischen Elemente versinnlichen wollen. So wenig Interesse diese Hypothesen an sich für
den Mathematiker haben, so wichtig sind sie durch einen weiteren
Schluss, den man aus ihnen ziehen kann. Die gewählten Gestalten
beweisen uns nämlich, dass die Schule des Pythagoras sich
mit den fünf regulären Körpern beschäftigt hat. Denn
die Gestalt, in welcher Timäus das Feuer auftreten lässt, ist der
Tetraeder
, - die Luft besteht aus Octaedern, das Wasser aus Icosaedern, die Erde aus Würfeln, und da noch eine fünfte Zusammensetzung möglich war, so benutzte Gott diese, also das Pentagondodekaeder zum Umriss des Weltganzen.
Andere regelmässige
Körper als diese fünf giebt es aber in der That nicht, und dass
Timäus, das heisst also Plato, der ihm die Worte in den Mund
legt, von dieser Unmöglichkeit überzeugt ist, das ist grade das Bedeutsame für uns; das beweist, dass auch die Lehre von der Kugel bis zu einem ziemlich hohen Grade ausgebildet gewesen sein
muss, in welche ja die regelmässigen Körper beschrieben gedacht
werden können. Es dürfte sogar wahrscheinlich sein,. dass die
Sphärik, die Lehre von der Kugel, vorausging, welche selbst von
den egyptischen astronomischen Methoden untrennbar ist, und dass
erst aus der Sphärik jener eben besprochene Theil der Lehre von
darch Ebenen begrenzten Körpern sich entwickelte, und einen Grad
der Vollkommenheit in der Schule erreichte, für welchen Roth .
noch weitere gewichtige Gründe gesammelt hat, '®*) Gewährsstellen
aus einer ganzen Anzahl der Schule nahe stehender Schriftsteller.
Bevor indessen Timäus die fünf regulären Körper in der angegebenen Weise physikalisch verwerthet, verfolgt er sie erst in ihrer
Entstehung, und hier treten uns wieder Sätze entgegen, die mathematisch geschichtlichen Werth für uns besitzen, dieselben Sätze,
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)von denen Proclus als pythagorisches Eigenthum uns erzählt. Die
fünf Körper, bemerkt Timäus, besässen als Körper sämmtlich Tiete
und seien von allen Seiten von ebenen Flächen eingeschlossen.
Diese Flächen selbst setzten sich immer aus Dreiecken
zusammen, und zwar gebe es zwei Gattungen rechtwinkliger
Dreiecke, aus welchen alle hier nöthigen Figuren hervorgehen. Das
eine sei das gleichschenklige rechtwinklige Dreieck. Daraus bildet
sich das Quadrat, sei es nun, dass man zwei derselben mit der
dem rechten Winkel gegenüberliegenden Seite aneinander setzt, sei
es nun, dass man vier derselben benutzt, die man so legt, dass die
vier rechten Winkel einen gemeinsamen Scheitelpunkt haben. Keine
der anderen Figuren hingegen geht aus dem gleichschenkligen rechtwinkligen Dreiecke hervor. Zu ihrer Bildung ist vielmehr das zweite
noch näher zu beschreibende rechtwinklige Dreieck erforderlieh,
aus welchem umgekehrt wieder das Quadrat nicht entstanden gedacht werden kann. Dieses zweite rechtwinklige Dreieck ist dasjenige, dessen beide spitze Winkel 4 und $ des rechten Winkels
betragen, bei welchem also die Hypotenuse doppelt so gross ist,
wie die kleinste Kathete, und das Quadrat der grösseren Kathete
dreimal so gross, wie das der kleineren. ‘ Zwei solche Dreiecke mit
der grösseren Kathete aneinandergelegt, so dass die kleineren
Katheten eine grade Linie bilden, geben das gleichseitige Dreieck.
Auch aus 6 solchen Elementardreiecken lässt sich ein gleichseitiges
Dreieck bilden, wenn man sie alle so zusammenfügt, dass sämmtliche Winkel von der Grösse von $ Rechten in einem gemeinsamen
Scheitelpunkte zusammenstossen, der alsdann der Mittelpunkt der
Figur ist. Das Interesse dieser Theorie, welche offenbar pythagorisch
ist, wie neben den ausdrücklichen Verweisungen schon der vielfache
Gebrauch” des rechtwinkligen Dreiecks beweisen würde, besteht ‘nus
weniger in den angegebenen Sätzen selbst, als vielmehr darin, dass
wir sehen, wie die pythagorische Schule das mathematische
Experiment liebte. Ganz klar wird diese meine Bemerkung
dem Leser erst im folgenden Kapitel werden können, aber hier
schon wird er darauf aufmerksam gemacht werden können, dass
offenbar die Flächenzusammensetzung aus solchen Elementarfiguren
versucht wurde, und dass man die Fälle, in welchen eine Zusammensetzung gelang, besonders notirte. Fast noch interessanter für
die Geschichte der Mathematik ist ein missglückter Versuch in derselben Richtung geworden. dem ich wohl zuerst hier seinen rich-
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)tigen Platz im Zusammenhange der pythagorischen Lehren anweise.
Die Zusammensetzung der Seitenfläche des fünften Kérpers, also des
Fünfeckes, lebrt Plato nämlich nicht. Mit gutem Grunde, es liess
sich eben aus den beiden angewandten Elementardreiecken nicht
bilden. Aber versucht hat man seine Darstellung aus Dreiecken “in
der pythagorischen Schule. Man hat Hülfslinien aller Art gezogen,
und kam so zum Sternfünfeck. Diese Figur, welche bekanntlich aus den Eckpunkten des regelmässigen Fünfecks sich ableitet,
wenn man je mit Ueberspringung einer Ecke sämmtliche Punkte in
fortlaufendem Zuge mit einander verbindet, \dieselbe Figur, welche
auch unter dem Namen fünfspitziger Stern, Pentalpha, Drudenfuss
bekannt ist, spielte unter den Pythagoräern eine hervorragende Rolle.
Sie galt als Erkennungszeichen
16%) und wurde als solches den
Briefen als Ueberschrift beigegeben, vielleicht nach Kircher's Behauptung '?°) mit Bezeichnung der einzelnen Spitzen durch Buchstaben. Jedenfalls wurde das Zeichen später so ausgesprochen,
dass es die Bedeutung eines Gesundheitswunsches hatte. Dass dazu
der bei den Römern gebräuchliche Anfang der Briefe „Wenn Du
wohl bist, freut es mich, ich bin wohl“ ein interessantes Analogon
darbietet, darf hier wohl hervorgehoben werden. Aber eine noch
viel neuere Anwendung erzählt Kästner 1?!): „in den 80er Jahren
des letzten Jahrhunderts hätten nämlich bei einem Geburtsfeste der
russischen.Kaiserin die dasigen Aerzte an einer fünfeckigen Tafel,
as einem Symbole der Gesundheit gespeist.“
Bei der schon hervorgehobenen Ausnahmestellung dieses und
des nächsten Kapitels darf ich mir wohl auch eine von dem ührigen Buche etwas abweichende Form gestatten, und so möchte ich
zum Schlusse das bisher über die Geometrie des Pythagoras, mit
Ausschluss des nach ihm benannten Satzes, und deren Ursprung
Gesagte nochmals kurz zusammenfassen. Die folgenden Thesen
liefern etwa ein übersichtliches Bild davon.
1) Die geometrische Methode überhaupt ist egyptischen Ursprunges.
2) Die Egypter benutzten die Geometrie praktisch theils zur
Geodäsie, theils zur Astronomie.
3) Die erstere Anwendung machte es nothwendig, besonders
solche Sätze zu erfinden, welche die Gestalt der Figuren von deren Flächeninhalt abhängig machten, also hier abzunehmen, dort
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)zuzusetzen lehrten, mit einem Worte Sätze über die Verwandlung
der Figuren.
.
4) Damit eng verbundefi als theoretisch vorhergehend waren
Winkelsätze über Parallellinien, war die Lehre von der Aehnlichkeit
der. Dreiecke, war endlich die ganze geometrische Proportionenlehre.
5) Von der astronomischen Anwendung der Geometrie aus erklärt sich die Kenntniss der Sphärik.
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6) Von ihr aus kam man zu den fünf regelmässigen Körpern.
7) Die regelmässigen Körper fübrten rückwärts wieder zum
Gebiete der ebenen Geometrie zurück, und zwar zu den regelmässigen Vielecken.
8) Die jetzt damit in Verbindung gesetzte Lehre von der
Verwandlung der Figuren führte zu dem geometrischen Experimente, die regelmässigen Vielecke aus gewissen gleichen Elementen
zusammenzusetzen, und dieselben Experimente gaben den Anlass zur
Entdeckung der Sternvielecke.