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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Stunden mit Goethe
Für bie
Freunde feiner fiunff und Weisheit
Herausgegeben
von
Y
È
dub
Dr. Wilhelm Bode
BODE,W.
Var
Mit zahlreichen Abbildungen
4
Berlin 1913
Ernft Siegfried Mitticr und Sohn
Königliche Hofburhhandfung
Roltrahe 68 - TI
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ann‘
Von W. Bobe,
Gr bat mehr als einmal über die philologifde
Qucllenforfderei gefpottet, fo aud) in einem Ge:
dichte,
das
hat
der Autor?“
es
um 1824
entftanden
fein
mag:
„Woher
Id) habe niemals banad) gefragt,
Von welhen Schnepfen und Fafanen,
Napaunen und Wellhenhahnen
3d) mein Vaudfein han gemältet.
So bei Pythagoras, bei den Belten,
Ta id) unter zufriedenen Gaften;
Abr Frrohmahl hab’ id) unverbroffen
Niemals
beftohlen,
immer genoffen.
Wenn der Liebhaber Goethes diefe Zeile
n licft,
er
bei
dem Namen Pythagoras,
ftußt
und auf die Gefahr
hin, su den eben Berjpotieten zu treten, wühte
er gern,
marum
Goethe ihn, und nur ihn, ihn vor Allen, nennt.
Zelbit auch auf die Gefahr bin, dab Goethe in einer
Ztenden mit Goethe.
4
li
Oeft 1.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wilhelm Bode.
Viephifto-Laune diejen Namen
die Philvlogen zu narren.
bingeworfen babe, um
Denn, wenn er's jo gemeint,
môdten wir ihn dod) aud) recht verftehen.
Eine Antwort
liegt
nahe:
Pythagoras
Tann
als
Sübrer der Lehrer-Sdar genannt werden, weil er zeitlid) ihnen allen voraus ijt; er lebte im 6. Jahrhundert
vor der driftliden Seitrednung.
Es bleibt aber bie
Saupifrage: wiefo war er denn ein Lehrer Goethes
und
einer
deutfhe
der
Bellen?
Didter?
Was
verdanite
ihm
der
_
Goethe felber gibt uns nirgends eine Untwort; er
Pythagoras fehr felten.
Weiter wird
erwäbnt den
uns die Belehrung dadurd) erfdwert, bah jener Philofoph (der €rfte, der fid) einen Philofophen genannt
haben fol) halb derGejdidte, Halb ber Gage ane
gehört; er hinterließ feinerlei Schriften, und feine Leb:
ren find mit denen feiner Schüler zufammengefloffen.
Wir Haben alfo Leine Urkunden, aus denen wir die
etwaige
Übereinftimmung
Pythagoras
fonnten.
und
unferm
¿wifdjen
dem
deutjhen
Didter
wirfliden
erjehen
Aber auf den wirtliden Pythagoras fommt
es ja aud nidt an: was ibm zu Goethes Zeit que
gefrieben wurde, Das wäre zu vergleidyen.
Ein paar Einzelheiten fallen uns ein.
foll die Harmonie der
Zufammenflang
ber
Sphären gelehrt
bewegten
Pythagoras
haben,
ben
Simmelslörper,
eine
Mufit, die wir Menfdjen nidt vernehmen, weil fie ewig
gleid) flingt. Hier haben wir aljo "bie Quelle von
Raphaels Lobpreijung: „Die Sonne tönt nad) alter
Weile In Bruderfphären Wettgefang.“
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)‚Wilhelm
3
Meifter‘ nimmt
cin
ariftofratifder
Geheimbund das Schidfal des Helden in feine Obhut.
Diefer
Teil
der Erfindung
lag
fehr
nahe
in
einer
seit, wo über Hreimaurer, Illuminaten, Rofenfreuger
und Sefuiten Joviel gedadjt, geredet und gefabelt wurde;
folte Geheimbünde verwandten damals ja aud andere
Didter (3. DB. Schiller im ‚Geifterfeher‘, Jean Paul
im ‚Titan‘, Vulpius im Rinaldo Rinalbdini*); trogdem
bleibt widtig, dak Pythagoras einen folden Geheimbund wirflid geltiftet hat.
{daft
fonnte
man fid)
Diefe erfte derartige Gefellals
etwas Erhabenes,
Vollfommenes vorjtellen; fein Stifter ward als ein Halbgott empfunben, und „autos epha“, er felbft hat es
gefagt,, (Goethe verwendet das Wort in einem DivanSprud)
entfdied bei feinen Jilngern alle Zweifel.
Der Bund
Demofratie
war aud
gerichtet;
in
politifh,
námlid) gegen
die
religiöfer
Hinfiht
bie
war
Hauptiehre bie
ie Einheit Gottes. 3n biejem Pantheismus
erfennen
wir
ei
eine
wichtige Berwandtihaft zwifden
Goethe und dem alten Grieden.
Pythagoras erllärte
die Melt als einen Barmoni[d georbneten Rosmos,
aus
zehn
Zentrum
großen
Körpern
gefchlid)
Zentralfeuer und
beftehend,
bewegen.
bie [id um ein
Das
Zentrum
oder
Monas ift das Nollfommenfte der
Natur, Prinzip der Márme und des Lebens, weldjes
Alles burd)bringt, daher denn Sterne, aud) Götter und
felbft Menfden und Tiere mit der Gottheit verwandt
lind. Eine Mittelgattung zwifchen Göttern und Menfden
find die Dämonen, die durch Träume und Eingebungen
großen Einfluß auf die Menfchen haben.
Gleichwohl ijt
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aber dod) die Gottheit das allgemein wirtende Pringip,
das Fatum. Die Vlenfihenfeele ¡ft ein Ausfluf aus dem
Sentralfener
und
Aether,
fid mit
der
beftebt
aus
jedem
warmem
Stórper
und faltem
verbinden
fann,
nad) dem Fatum aber einen gewilfen Kreis von Rôrtpern
durdwandern
muß;
die Individuen
fehren_in
neuen Gejtalten wieder.
Das find fehr wichtige Anfhauungen, und dod) ges
migt
alles
Gefagte nidt,
um
Pythagoras
für einen
großen Beeinfluffer Goethes zu erfláren. Wir timen
aud) nicht weiter, wenn wir den alten Griedyen als bes
rühmten Wathematifer und die Viatbematif als Unter=
lage feiner Philofophie betradteten, obwohl es wieder
eine widtige Uhnlidteit ift, daß Pythagoras und Goethe
bei
der Weltanfdauung
vornebmlid auf die
Form
der Œrjdeinungen ihre Augen richteten.
IH weiß eine Ertlárung für das Befenninis: „So
bei Pythagoras, bei
den Bejten,
Ga id unter zufriedenen Gäjten“ nur dann, wenn id annehme, dal
Goethe die fogenannten Goldenen Sprüde des Pythagoras gemeint Babe und fid ihnen zu
verpflichtet
großem Dank
fühlte.
Es handelt fid) hier um alte Weisheitsfprücde und
praïtifde Lebensratjchläge, wie man fie 3. B. aud) in
der Bibel (unter den Namen von Salomo und Jefus
Sirad)), in der Edda und bei anderen Yôltern findet;
nur haben fie eben mehr griedife Art.
Wer fie ge:
prägt und miteinander verbunden hat, weiß man nidi;
wieviel fie mit Pythagoras zu tun haben, braudyen wir
nicht zu fragen; es genügt, dah Goethe fie unter dem
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Namen des alten Weifen fennen lernte, und dah fie als
ein Autos epha biejes Mannes flärferen Eindrud
machten. Wann Goethe fie zuerft fab, wifjen wir nidt;
dod) Tann man mit Gewißheit glauben, daß er die erfte
beutfde Tberfegung, diejenige von Gleim, iim Mai 1775
oder bald nadber fas, denn fie erfchien in Wielands
‚Teutfchem Merkur‘, dem der junge Franffurter Dichter,
wie natürlid, große Aufmerkfamfeit [hentte. Wir fünnen
weiter vermuten, dak diefe Zufammenfaffung griemifdjer
Weisheit zur rechten Zeit auf ihn wirkte, denn er war
Jon damals, obwohl nod) ,,biesfeits von Weimar, auf
bem Wege zu der Hellenifdjen Gefinnung, die "einige
Jahre [pater in ihm auf immer zur Serrfaft fam. Er
[djwármte Tängjt für den Homer, fammelte Gipsabgüffe
* nad) antifer Muftern: hier_fand er als ein Drittes
die_antife Philofophie_und Lebensfunft.
Am 8. September 1780 war Goethe mit bem Herzog
Karl Auguft in Jlmenau und [hrieb
Freundin Charlotte v. Stein.
Erbenmängel
unb
von ba feiner
Juerft gebadte er ber
Menfchentorheiten, die
ihm wieder
einmal faft die Stimmung verdorben hätten.
„Dann las if zur Abmalhung und Reinigung einiges
Griehifhe. Davon geb’ ih Ihnen in einer unmelodifdern
und unausdrüdendern Sprade, wenigitens burd) meinen Mund
und Feder, aud Ihr Teil:
Und wenn Du's vollbradt haft,
Wirft bu erlennen der Götter und Menfchen unänbderlid Wefen,
Drinnen fid) Alles bewegt und davon Alles umgrenzt ift,
Stille Jhau'n die Natur fid) gleid in Allem und Allem,
Nidts Unmöglides hoffen und bod bem Leben genug fein."
Das ijt
eine jiemlid)
treue
Überfeyung
aus ben
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‚Goldenen Sprüdjen‘ — Gleim war viel freier mit der
Vorlage umgefprungen — und wir haben hier aljo einen
Beweis, dak Goethe dieje Gnomen im Urterte las. Da
mir aber [deint, daj Gleims liberfegung auf ibn, dem
das Griedifde [dywer fiel, den ftärleren Eindrud magie,
Jo
midte id
die
Lefer
bitten,
fowobl
Gleims Ver:
deutihung wie cine ridtigere Übertragung des Urtextes
au lefen; die Sade ift es wohl wert.
Schon
ein flüdtiges Anfehn
zeigt
uns eine Er
Närung, wiejo id) Goethe zu diefem Grieden "betennen
tonnte. _ Pythagoras tritt bier als Ppilofoph im volistünlicyen Sinne des Wortes vs
vor uns, als ein Geil,
der hohe, mittlere und niedere Erfenntniffe und (Er:
fabrungen gefammelt hat und fie sujammengefaht zu
Nu und Lehre weitergibt. Goethe war ganz ebenfo ein
Philojoph und Sprudjihöpfer;coin Alten, was er fhrieb,
find folde aligemeinen
nen Sake, Jolde Benbadtungsfummen
und
Lebensergebniffe,
eingeflodten.
Wan
fonnte 3. B. aus feinen Briefen ein Bud) der Lebensweisheit entnehmen, beftehend aus Betradtungen und
allgemeinen
feine
Lehr- und Bedentjaken;
Tagebüder
und
Gefpräde
Erjt
viele
ebenfo
ergeben
folde
Gold-,
Gilberund Supfermiinzen.
recht feine Lebens:
beridte,
feine
Auffake.
Aber aud für feine Romane und Dramen
naturwifjenfdaftliden
und
literarifdjen
ift es fennzeidnend, dak alle Perjonen, die darin öfter
das Wort nehmen,
joldje ‚allgemeinen Gate in
ihre
Reden mifden, teils ‘Jelbfterarbeitete, teils aus dem
Sprihwörterfhah des Bolts entnommene. Eben daher
fommt es ja aud, dah wir Goetbefde Sage im täg-
Page 8
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)lidjen
Yeben,
in
den
7
verfdiedenartigiten
Abhandlungen, foviel zitieren.
Neben und
Er muß zweifellos der
befanntefte und «einflugreidfte Philofoph des beut[den ||
Nolles genannt werden, wenn wir nämlid unter dem
oPhilofophen"
einen Auspräger und Wusftreuer
von
Lebensweisheit und Welterfenntnis verftehen. Millionen
von uns fonnen gar nicht mehr benfen und reden, ohne
mit ihren Gedanfen und Worten auf feinen Gleifen zu
fahren.
.
Nun hat Goethe aber aud taufende folder Sak
uneingewoben feinen Lefern vorgefekt; bald hängen fie
innerlid) mit einander 3ufammen, balb find. fie nur jus
Jammengerafft.
Sie beiben Maximen und Reflexionen,
Zahme Xenien, Sprüde in Profa ujw., oder fie geben
"fih als Betradtungen im Ginne der Wanderer, als Ab:
friften aus Wafariens Urdiv oder aus Ottiliens Tage:
buche;
fie beziehen
jih auf Naturwiffenfdaft,
Kunft,
Viteratur, Religion, Ethit, aber aud) auf Dinge bes
alltäglichen Rleinfebens.
Wir wollen namentlid) aud)
aumerfen, dak Goethes Romanbelb Wilhelm Meijter,
als er in die oben erwähnte pythagoraijde Gefellichaft
eintrat,
einen
„Lehrbrief"
Sprücden beftand.
erhielt,
ber
aus
folden
(Lebrjabre, 1. Bud, 9. Sap.)
Wenn nun diefer Goethe, der bejtändig tätige Sprud)bilbner und Philofoph, auf feine Borgänger blidte, lag
es
ihm,
dem
SHellenifchgefinnten,
da
nicht
febr
nahe,
den Pythagoras jtatt aller Anderen zu nennen?
Aber
der Lejer
môdte
nod)
wiffen,
ob
die
ihauungen biejer beiden geitlidà und räumlid fo fehr
getrennten Menfdjen fo ahnlid) find, bah fid) Goethe
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wilhelm Bode.
3u Pythagoras jtellen fann. Td bejahe dicfe Frage und
— erfpare mir den Beweis.
Entweder wird man mir
auftinunen, nad) Lejen der beiden Überiragungen, oder
aber: id) müßte ein ganzes Büdjlein fdyreiben, um die
Jweifelnden zu überzeugen.
3d) finde manoerlei tleine
Ybnlidteiten (,,Sich, das Gute liegt fo nah“ oder „der
Gute freut fid) feiner Tat”) aber auc) widjtigjie Übereinftimmungen:
in den
Gedanlen
Führung des guten Menfden,
über
die
göttliche
über die Bereinigung
von , Tun und Denten, Denten und Tun”, über die
Zufunft des ftrebenden Wienfdjen, über die geringe Zahl
der „Urphänomene“ („wie in Wem fidj gleid die Natur
if).
Dieje Übereinftimmungen werden beim Lefen der
Gleimfden Übertragung deutlidyer werden als bei jener,
die Hugo Lämmerhirt auf meine Bitte verfaßt hat;
Das ift der Hauptgrund, weshalb id) bie ungewöhnliche
Zumutung Stelle, zwei fiberfegungen zu lefen.
Freund
Limmerbirt möge uns aud) nod einiges Weitere Jagen.
Die
goldenen Sprüde des
Pythagoras.
übertragen von Gleim.
Zuerft, bie Götter follft anbeten und verebren,
Wie's did) die Weifeften und die Gefehe lehren!
Gollft ehren jeden Eid und breden feinen nidjt,
Den eine Hand befdhlagt, den eine Zunge [pridt.
Die Helden, mele did) empor gehoben haben
Zu höherer Vernunft durd) ihre Geiftesgaben,
Gollft halten ewiger und grober Ehren wert;
Wird einft ein Weifer fein, wer diefe Helden chrt!
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Ten Geiftern, die umber in allen Lüften [dweben
Unjichtlih, Denen follft did) fo zu fehen geben,
Dah fie fid) deiner freun.
Die Augen weg
Dem Böfen wenden fie
und jehn bes Guten Harmonic.
Dein Mater liebte bid, und deine Mutter? Lohne,
Tu Sohn, du Todjter, fie mit einer Ehrenfrone!
Lich’ alle Menfdjen, fei nicht Eines Lebens Feind;
Den, welder Tugend übt, Den bitte: fei mein Freund!
Mirf deinen [härfften Blid auf deines Freundes Taten,
Willft Taten tun? lak dir des Freundes Weisheit raten!
Verliere deinen Freund um feinen Tleinen will,
Wenn aber fein Bergehn mehr als nur Fehler it,
Wenn feinem Herzen Gift an hellem Tag entflüpfte,
So rei das Band entzwei, das did) an ihn verknüpfte!
Bei der Notwendigleit wohnt nahebei bie Mat;
Das wiffe! Nötig ift: zu haben immer Adıt
Auf jede Leidenfhaft; um fie zu überwinden,
Vinht du zu redter Zeit das rechte Mittel finden.
Tes Jorns, der Schwelgerei, der Trägheit [dame did
An deinem Haus mit bir allein, und öffentlid)!
Sich deinen eignen Wert! Seh deinen hohen Adel
In Meisheit und in Furcht vor beinem eignen Tadel!
Was redeft und was tuft, Das fei geret, und Das
Sei dir [don jung gewohnt, dak ohne Grund und Mag
Nichts tuft! Tu aber bald! bas Erfte, was wir wiffen,
Sit, daß wir Menfden find, und alle fterben miiffen!
All’ unfer Hab’ und Gut in Gebers Händen fteht,
Und wie's erworben wird, aljo verloren geht!
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wilhelm Bode.
Die Gôtter geben dir, o Meufdy, dein Vienfájenleben;
Wenn fie der Lalten viel dir aud) zu tragen geben,
Trag, was du tragen fannit, und made dir es leidl;
Geduld Hilft Jedem fort, der an dem Stabe [dleid)!
Meinft: Sdidfal babe nidt des Frommen Schmerz vergenes:*
Des Ubels Mak, Das ward dem Böfen vollgemeffen!
Bei allen Dingen fieh, was gut ijt und was fdled)t;
Erhelle den Begriff von Unredht und von Regi!
Beifalle nidt gefdwind, tritt langiam in Gedanlen,
Mud prüfe! *Priife jharf, und ohne did) zu janfen,
Sieh alle Meinung an; wenn aber ins Gefidt
Tir Einer Zänter wird und Wahrem widerjpridht,
Bewaffne mit Geduld dein Sera, und ohne feige
Dem rohen Mann zu fein, fei ruhig, weidye, fayweige!
Kein Vienfd) verführe did) zu einer böfen Tat!
Tu Nichts und rede Nidts als Das, was Nuten hat!
Sei dir gebeimer Rat bei jedem Unternehnten!
Wirt feltner fübrobin bid einer Torheit fdamen.
Der ift ein fobledter Mann, der immer feinen Mund
Zum Reben offen Hat, und immer ohne Grund!
Der ift ein edler Mann, ber feines Tuns ji freuet,
Und Bieles tal, und dem von Allen Nidts gereuet!
Fehlt dir's an Wiffenfdaft von Dem und Dem?
Zei fui!
Und was ein weiler Mann did) lebren fann und will,
Das lerne! Ganfter wird dein Bad) bes Lebens fliehen,
Wirft Kenner werden, wirft empfinden, wirjt genichen
Gejund
Das, was Gefundheit dir verftatten mag.
Mus Leib, muß Geele fein, muß immerhin gejund
Erhalten werden! — — Nidt am Horn des Überflujic..
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Git ber gefunde Mann, der Mahe bes Genufjes
Qu halten weik; fist ba, bei feinem Wein und Brot,
Trinlt mäßig, igt [id) fatt, mehr nidt! und rofenrot
Sind feine TBangen, fharf fein Geiftesblid zu fehen,
Was [ón und nötig it zu [einem Wohlergehen!
Bei deiner Lebensart fei große Reinlidfeit
Das erfte Grundgefeh; bas andre: Was den Neid
Nur irgend reizen Tann bebadtjam zu vermeiden;
È
Das dritte: Makiqung in allen deinen Freuden!
Bift reid, bilt redjam? willft verfhwenden Geld und Wort?
Haft deinen Willen, dod bedente Beit und Ort!
Und fdeue nur bie Art des Albernen und Toren:
Mit Wort und Gelde geht bas Schöne leidt verloren,
Und aud) das Ehrlide! Bift tein BVerfchwender? Sei
Zugleid ein großer Feind der Heinen Filzerei,
Die, bis ben Ichten Tag des Lebens, zum Erwerben
Auf Erben ijt und nur geboren, reid) gu jterben!
Geh! wo bu gehen Tannft, bie golbne Nittelitrah’,
Und alle Dinge miß mit ihrem redten Map!
Zum Scäblihen lah nie die Sinnen, die Gebanfen,
Den Willen, ben Geldmad, den Leib, die Füße manten!
Salt Secle, halte Leib in gutem Gleidhgewidt,
Und etwas nidt guvor Erwognes tue nicht!
Die Angen [liche nie zum Schlaf, als bis die Frage
Gefdeben ift: was haft an diefem ganzen Tage
Gelan?
Haft etwa was vergejjen? was verfiumi?
Der Sdhlafer féläft nicht gut, ber [eine Giinden träumt.
Sit Böfes wohl gefhehn? Bit Gutes unterblieben?
Die Götter Tónnen dich, du felbit fannit did) nicht lieben!
Gag's deinem Herzen, {hilt auf jeden böfen Trieb,
Tu diefes Gute heut, das gejtern unterblieb!
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wilhelm Bode.
Haft Gutes.wohl getan, haft Böfes wohl verntieben
?
Sag’s deinem Genius und fet mit dir zufrieden!
Wollft aber nicht zu früh auf deinen Lorbeern run;
Dein Lebens Vorjak fet: Biel denen und viel tun!
Der Unverdrof’ne nur, der rafdjen Schritt der Jugenb
Zum Guten tat, gelangt im Alter zu der Tugend,
Die göttlid) ift — O Wtenfd), bei ihrer Göttlidyfeit,
Bei Dem, der ihrer [id als feiner Tochter freut,
Zu ihr gelangen ift nibt leicht, ich [djwbr”, id fájwbre,
Dem Siingling und dem Mann: daß viel dazu gehöre!
Leg’ an die Meilterhand an bas vollfommne Wert!
Bitt’ aber flehentlid die Götier erft um Start’,
Erquidung, froben Mut, und Weisheit, weg zu wenden,
Was bir enigegen jteht, es herrlich zu vollenden!
Wird deine Bitte dir gewähret, dann, o dann
Gtrablt Lidt in deinen Geift, wart Jimgling, wirft ein Mann!
Warjt lang’ an Geel und Leib ein Kranker, bift genejen,
Gichft ber Unfterbliden Gefchäfte, fiebft das Mejen
Der Erbentinder, fieh{t jedweden Dinges Stand,
Beihaffenheit und Wert, jiehjt bas verborgne Band,
Das fie gufammen hält, fiebft deutlich die Natur
Sid) felbit in Allem gleid), und überall die Spur,
Auf der fie geht und wirkt nad) ewigen Gefeten.
Giebft die Gerechtigkeit, nad) welhen Die zu fhäßen
Bon allen Meijen find, die etwas tiefer jpabn,
Sm Zufall feinen Grund, und Gott in Allem fehn!
Giebjt, was verfdloffen war, in Erb und Himmel offen;
Siehft Alles heiter, wirjt Nidts wiinfden und Nichts hoffen,
Was bu nicht hoffen fannit, fiebft, bak die Dienfdjen fi
Gelbft elend madjen, felbfi id leben jämmertid,
Weil fie, Belrunfene vergdnglider Vergnügen,
Die ewigen nidt fehn, die ihnen nahe liegen.
Ad)! wie jo Wenige, die von der berben Pein
Des furzen Jrdifden [id willen zu befrein!
Page 14
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wilhelm Bode.
Haft Gutes wohl getan, haft Bôfes wohl vermieden?
Sag's deinen Genius und fei mit dir zufrieden!
Wollft aber nicht zu früh auf deinen Lorbecen ruhn;
Dein Lebens Vorjatz fet: Biel denfen und viel tun!
Der Unverdroß’ne nur, der rafdjen Schritt der Jugend
Zum Guten tat, gelangt im Wter zu der Tugend,
Tie gótilid it — O Wenfdy, bei ihrer Gotttidfeit,
Bei Dem, der ihrer fid als feiner Tochter freut,
3u ihr gelangen ift nicht leicht, id [dwór”, id) fhwöre,
Dem Júngling und dem Mann: bah viel dazu gehöre!
Leg’ an die Mteifterhand an das volllommne Wert!
Bitt’ aber flebentlid die Götter erft um Start’,
Erquidung, frohen Wut, und Weisheit, weg zu wenden,
Was bir enigegen ftebt, es herrlid) zu vollenden!
Wird deine Bitte dir gewábret, dann, o dann
Girabli Lit in deinen Geilt, warft Jüngling, wirft ein Dam
Warft lang’ an Seel und Leib ein Stranfer, bifl genefen,
Giehft ber Unfterblidjen Gefdhafte, [iebit bas Wejen
Der Erbenlinder, fiehft jedweben Dinges Stand,
Befdhaffenheit und Wert, fiebft das verborgne Band,
Das fie zufammen hält, [iebft deutlich bie Natur
Sid) felbft in Allem gleid), und überall bie Spur,
Auf der fie geht und wirlt nad) ewigen Gefeßen.
Giebft die Geredtigleit, nad) welchen Die zu [dáten
Bon allen Weifen find, die etwas tiefer fpähn,
Sm Zufall feinen Grund, und Gott in Allem fehn!
Gichft, was verfhloffen war, in Erd und Himmel offen;
Siehft Alles heiter, wirft Nichts wünfhen und Nidjts Hoffen
Was du nicht hoffen tannft, fiebit, daß die Wenfden fid)
Gelbit elend maden, felbit fid) leben jammertid,
Weil fie, Betrunfene verganglider Bergnügen,
Die ewigen nidt [ebn, die ihnen nahe liegen.
Ud! wie fo Wenige, die von der herben Pein
Des furzen Jrdijójen fi wiflen zu befrein!
Page 15
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die armen Menjhen! bic taub, [o ganz verblenbet
Ihr Leben leben, wie verloren, wie gejhänbet,
MRerworfen, hingerolit, als wie ein [dwerer Ball
Nom Berge, welder eilt zu feinem plumpen Fall.
Gie febn, fie hören nicht, fie [chweifen hin und wieder,
Sie Iriedjen, fteigen hod, unwiffenb, ftürzen nieber,
Sind Freunde bdieles Kriegs, der, fcjddlid, böfer Art,
Mit ihnen auf die Welt zugleich; geboren ward;
Der von der Wieg’ ans Grab fie überall begleitet,
Gie treibt, und ohne dak fie's merken, fie bejtreitet;
‚Ihm weidjen follten fie, fie follten ihm entfliebn,
Anftatt dak fie [id [elbît in feine Schlinge ziehn!
© du, ber Menfden Gott und Vater, bürfteft ihnen
Nur zeigen diejen Geilt, ben böfen, dem Jie bienen,
-Aufidreden würben fie, bu mwürbelt fie befrei'n
Mon allem Übel ganz, jie wilrden felig jein;
Gabjt aber ihnen ja Verjtand und freien Willen,
Gefche der Natur zu Tranfen, zu erfüllen!
Teswegen, in der Wahl des Unredts und des Rechts
Daftehender, du Menfd, bit göttlidien Gefdledts!
Auf, reige did) empor zu hohen Seelen-Gorgen!
Die Heilige Natur, enthillend, was verborgen
Sn ihrem Innerften mur blöden Augen ijt,
Lat belto mehr dich [chn, je williger bu bift!
MWirft hr Rertrauter, wirft ihr Liebling: enblid) fallen
Sn ihrem weiten Reid) von allen Dingen, allen,
Die Schleier weg!
Du fiebit mit aufgellartem Blid
In ihre Merlitatt, fiehft, was Unglüd ift und Sind,
Giehft alle Wefenheit der Himmel und ber Erden,
BVefreieit deinen Geijt von icbijhen Befdywerden,
Ziehft immer mehr ihn ab von finnlider Begier.
Und hod) von oben her die Weisheit fommt zu bir,
Begleitet did, bu wirft, dem Gterbliden entnommen,
Ein Bürger in der Stadt der Meijen, und der Frommen.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Hugo Lämmerbirt.
Don Hugo Lämmerhirt.
Bon den vorhandenen Überjehungen genügt Teine,
aud)
nidt
die
mebrfad)
neugedrudte
von
Wilhelm
Binder. Keiner von den Meiftern der Nahdidtung ans
tifer Pocfie hat fid bis heute diefes Gedidtes angenommen: fo fei denn unfer eigner Verfud) gewagt.
Goldene Sprüde.
Ehre zuerit, wie der Braud) es erheifcht, die unfterblichen
Götter,
Udte den Eid, deffen Hüter fie find. Zum zweiten ermeife
Ehrfurdt dann den erhabnen Heroen durd) redtlides
Handeln
Und der Dämonenfhar, die ji über den Erbireis
verbreitet.
Halte zum dritten bie Eltern und Blutsverwandten in
Ehren.
5
Unter ben Underen wirh bir die Beften nur immer zu
Freunden.
Zeige did) fanfter Rede gefällig und gütigen Taten!
Zürne dem Freund nicht, wenn er gefehlt und Verzeihung
nod) miglid;
Denn das Können und Sollen wohnt nad)barlid)
beieinander.
Diefes bewahre.
10
Sodann in Gelbftbeherrihung did) übe:
Unterjode den Hunger, den Schlaf, bie Wolluft, ben
Zühzorn.
Sdimpflides tu niemals, ob es fet mit ben Wndern
gemeinfant
Oder allein; did felber zu adten doc, fet dir das Erlte.
tbe Geredtigleit ferner in Werfen fo wie in Worten.
Page 17
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Hänge dein Herz nicht an irgend ein Ding mit blindem
Verlangen,
15
Sondern fei dir bewuht, bak wir alle dem Tobe
verfallen
Und der Vefig oft [dnell, wie gewonnen, fo wieder
verweht ijt.
Und was fonft nod) zu leiden uns Sterbliden Götter
verhängen,
Wie aud) dein Anteil fei, trag willig es, ohne zu
|
murten.
Fj
Lindern, foviel bu vermagft, [ei Pflidjt bir, aber bebente:
Guten Menfden ift lier bas Schidfal im ganzen gewogen.
Manderlei Reben ber Leute vernimmft du, fo gute
.
wie [dledte:
Sei fiber Nidhts entfeht. Wud) ftrebe nicht etwa, did) völlig
Abzufchlichen. Sebod, hört ein erlogenes Wort bu,
Duld’ es gelaffen und Banbdele ftets — das will ih bir
raten —
So, daß weber mit Wort nod) Tat did) Jemand verleite,
Etwas zu tun und zu fagen, was wider bein belj'res
Gefühl ift.
Geb mit dir felber zu Rat vor bem Werf, fo entfpringt
feine Torheit;
Der it ein Wicht, ber redet und tut, was er nicht
überlegt hat;
Du aber führe nur fold) Ding aus, das bir fpäter nicht
leib wird.
30
Lak deine Hände von Dem, was du nicht verjtehit; dod
erlerne,
Was du nur irgenb bebarfít, — fo wirft du am
frdblidjften leben.
Aud) verfäume nicht etwa, des Körpers Wohl zu bedenten.
Mak im Effen und Trinten und leiblichen Übungen
halte, —
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Hugo Limmerbirt.
Mak aber nenne id) Das, was fpäter nidt Schmerzen
fid) nadgieht. —
Reinlidy und [dlidt: fo fei deine Lebensweife geregelt.
Düle did, etwas zu tun, was den Neid aufregt, und im
Aufwand
Wijle die Grenze zu wahren, die ftets der feine Ge[fmad
zieht.
greilid) audy meide den niederen Geiz, — fei maßvoll in
Allen!
Tue nur Das, was nidt Schaden dir bringt; überleg, eh’
bu banbellt.
40
Laffe ben Soiummer nicht nahn den ermatteten Augen,
bevor bu
Dreimal jeglihes Werk des vergangenen Tags überdadt
ball.
nüeblt id) worin? Was tat id)? Blieb nod) eine Pflicht
gu erfüllen
?“
Alfo beim Erften beginn, prüf Alles burd, und am Ende
Gilt, wenn du Sebler begingft, did) aus; am Redien
erfreu bid).
45
Dies ill’, was du mit Luft follft üben und heißem
Bemühen;
Dies ift der Weg, der did) führt auf dic Spuren ber
.
götllihen Tugend,
Wahrlid, bei Shim, der unferem Geifte der vier Clemente
Heilige Zahl,t) Die Quelle der ew’gen Natur offenbart
hat!
1) Von den ‚Elementen‘ fteht allerdings nidjts im Text,
wohl aber fdon bei den Erflirern bes Ulleriunis. Die Vier:
zahl war jedod) nicht nur unter diefem einen Gefidtspuntte
heilig; [ie bezeichnete aud die Geredtigheit (die Gleiches mit
Gleidem, 2X2, vergilt); und 1-}-24-3-14 ift = 10, der Zahl
der Vollendung.
Page 19
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Uuf nun, ans Werl, das die Gitter dir fegnen mögen!
Und bift du
50
Glidlid) am Ziel, dann wirft bu erfennen ber Götter
und Menfdjen
Innerftes Sein und die Kraft, davon Alles bewegt und
beberr[dt wird;
Mirft erfennen mit Fug, wie in Allem fid) gleid bie
Natur ift,
Daß du Unmbglides nidt mehr erboffit, bas Mirflidje
ar [iebit;
Lu
Scauft dann die Menfdjen gebeugt unter felbjtgefchaffenen
Leiden —
55
Arme! Das Gute, fo nahe es liegt, fie erbliden es
niemals, Hören and nidt darauf; die Erlöfung Tennen nur
Wen'ge, —
So ift der Sterblidjen Sinn vom Scidjal geblendet. Wie
Rugeln
Rollen fie hierhin und dahin, geplagt von unenblidjen
Leiden;
Werden den traurigen Swift nit gewahr, den Gefährten,
ber nagend
60
Sibt in ber Seele, und ziehen ihn groß, ftatt vor ihm
gu fliehen. —
Rater Zeus! Du Tönnteft fie alle aus vielerlei Nöten
Retten, zeigteft du ihnen ben Damon, der fie betöret. —
Tu aber forge bid) nit: ba die Menjden götilicher
Art find,
Macht wohl die heil'ge Natur ihnen fund, was jeht nod)
verhiillt ijt.
Du, dem ein Teil [fon ward, wirft zwingen, was id did)
.
heibe
Dir zur Genefung, und reiten die Seele von jenen
Gefahren.
Stunden mit Goethe.
Heft 1.
Page 20
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Hugo Lämmerbirt.
(Später Schluß:)
Bon den bezeichneten
q
Speifen enthalte did), dent, dab
zur Weihe
Und zur Erlöfung der Seele Dies nötig ijt. Achte auf
Alles!
Ltdne did) ganz der Vernunft, der trefflidften Fibrerin,
!
unter.
70
Streifft bu den Leib dann ab und entrinnft in die Freiheit
des üthers,
Wirft du tein fterblider Menfdy mehr fein, fondern ewige‘ ;
Gottheit. —
Zum
Berftändnis
des
Gedidjtes,
dem
eine
überfidtige neuere Rritif jeden poctifhen fowohl wie philofopbifden Gehalt abgefproden Hat, fei befonders auf
die flare Gliederung des Ganzen hingewiefen, fo wie
wir fie oben fon burd Whjdnitte fenntlid gemadt
haben.
der
Die Vorfdriften beziehen Jid auf die Tugenden
C€hrfurdt
(B. 1 bis 8),
der
Gelbitbeherrfhung
(Y. 9 bis 20), der Gelbjtändigteit des Urteils und des
Charafters (B. 21 bis 31), auf einfadyes Leben (B. 32
bis 38) und Selbitprifung (VB. 39 bis 44). Der in ber
pythagoreijden Schule hertómmlide
ungenanuten
Propheten
diejes
Sdjwur bei
Heifsweges,
alfo
bem
bei
Pythagoras felbit (B. 47 fg.), fdlieht diejen Haupt:
abfdnitt.
An bie Lehren
werden
Berheiungen
ges
fnüpft: höhere Erfenntnis (B. 48 bis 62) und burd) :
diefelbe: Erlófung (VB. 63 bis 66).
Der Schluß fteht im Wiber[prud) mit gut bezeugten
Lebren des Pythagoras, nidt fo mit dem Braud und
Glauben
gemiffer neupythagorei[dher
Gruppen
in
Hrihjeit des Chriftentums. Die innere Einheit der erften
Page 21
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)66 Berfe aber findet ihren deutlidjten Wusdrud in der
Aufforderung an den Lefer oder Zuhörer, [id nad) erfolgter
Mitteilung der Lehre mit bem Beiftand ber
Götter ans Werf zu maden (B. 49).
Der Wortlaut
feht den Beginn eines neuen Lebensabfdnittes bei bem
.
Ungeredeten
voraus;
es
[cheinen
alfo die goldenen
. Worte fürdieAufnahme neuer Jünger, in den Bund
: beredynet zufein, als eine Art Tatechetifcher_ Auszug |der
Lehre,‚ber
d an der "Pforte der Myfterien den Neophyien
mitgeteilt ‘wurde. Sanonifd) geworben, wie die vielen
Anführungen der Alten beweijen, modte er bennod)
zeitlid) und drtlid) manderlei Abwandlungen erfahren.
So
wiirde fid) zur
Genüge die anftöhige Unflarbeit
ciniger Stellen in unferem Texte erflären.
die
Schwierigfeit,
fidjer
zu
ent[deiben,
Und aud)
weldem
der
Sahrhunderte vom vierten vor bis zum vierten nad)
Ehrifti Geburt bie Urfajlung des Gebidtes angehören
mödte, rührt ebenbaber.
Die Farbloligleit, die diefer, wie ähnlihen Sprudfammlungen des [päteren Altertums vorgeworfen und
von den Erforidjern philofophifder Schulmeinungen und
«briude bedauert wird, erweift fi als ein Vorteil für
die zeitlofe Wirkung der Sprüde.
Sie ftellen die abgellärte, allgemein menjhlihe Weisheit des hellenifchen
Atertums” bar, etwas abstraft, wie die idealijierende
Kunft der Spätzeit, in welder ein Windelmann das
Sdeal der Antife verwirklicht fab, aber dafür aud) be:
freit von feftenbaften Wuswiidjen und Spielereien. Und
+.
5 liegt eine gewilfe Sronie darin, daly im Jhärfjten
Gegenfat zu Goethes ftiller und deshalb bisher une
Page 22
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Hugo Lämmerhirt.
beadjteter Bewunderung ein großer Philologe der nad)
goethilhen
Zeit, Auguft Naud (dem
wir die weitaus
bejle Fritifdye Ausgabe der ‚Goldenen Worte‘ und den
Nadweis fäntliher „Quellen“ und Paralleljtellen aus
vor: und naddrifiliden Jahrhunderten verdanten), fid
in fait [don gallfüdtigen Schmähungen gegen den Berfaffer des Gebdidtes nicht genug tun
founte.
Steinen
„Dichter“ will er ihn nennen, — einen elenden Rome
pilator, einen Säljder; feine Ausdrudsweife: barbarild,
den Subalt: unglaublid) abgefdymadt und verrüdt, von
monströfer Zufammenhangstofigfeit u. |. f.
dem
Vorgange
eines
Rirdenvaters,
Und nad)
Gregors
Don
Nazianz, [pottet er über „Die goldenen, beffer gefagt:
die biciernen Gpriide det Pythagoreer.‘
uns
mit alledem nur,
Er beweilt
wieweit zuweilen bas
Berftändnis des Forfdhers Hinter dem
fritijde
intuitiven des
Dichters zurüdbleibt.
Goethe warfür bie bantbareAufnahme
ber
der pythagoreifdjen Weisheits|priide Jozufagen prädejtiniert. Mit
ihnen dedte fit im wefentligen jeineeigene Welt: und
Lebensanfdjauung. | Da Dies feinem unferer Lefer ent:
gangen fein wird, wollen wir nur einen Jpringenden
Punft
hervorheben: die
bebeutfamen Wusdriide,
mit
denen zweimal (B. 48 und 64) die „ewige (gricdifddie ewig quellende, rinnende), die „heilige Natur! ge:
feiert und als Erzieherin, ja Erlöferin des Menfhengefdlehts vor Augen geftellt wird.
Kein Wunder, daß
foldje weltlide Weisheit einem Heiligen der dhriftlidyen
Kirhe miffiel! Und dod, fo zwingend find die Gejehe
der Natur: den Weg zur höheren Erkenntnis, der durd)
Page 23
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)die Reinigung des Wollens und der Sinne geht und
nur von der driftliden Usfefe ftellenweife bis zur Ab:
tótung der Sinne verfolgt wurde, bat aud) Pythagoras
empfohlen; und Goethe hat ihn grade in den Jahren,
wo nad Bodes Annahme Pythagoras ftárfer auf ihn
einwirlte, mit feltener Kraft zu betreten begonnen
;;!) im
Gegenfak zu Fault, der fid) aus Wilfensdurft der Magie
ergibt und fchlieklidy fi mit dem Teufel verbittbet.
Zur „unendliden Natur‘ aber, zu den „Quellen alles
Lebens“
multe
309
aud)
ihn
wie
Fault
bie
Sehnfudt,
bic
Überzeugung
der
Pythagoreer,
und fo
als
feien fie im Vejik biefer geheimnisvollen Quellen, an
die Tafel ihres Meifters loden. Und die dreifahe Erfenntnis, bie bem pythagoreifhen Abepten als Ziel
feiner Mühen verheiken wird (VB. 49 ff.), berührt fio)
in ihrem erften Teil fogar wörtlid, mit Faults Monolog.
. Eben jene Berje, die Goethe im Jahre 1780 für Frau
0. Stein überfeht hat, lauteten fünf Sabre früher, im
Maibeft bes „Zeutjhen Merkur“ fo:
„Siehft der Uniterblidjen Gefhäjte, fiehjt das Mejen
Der Erbenfinder, fiehft jebweden Dinges Stand,
. Beldaffenheit und Wert, fie Hit bas verborgne Band,
Das fie zujammenbált, fiehft deutlid) die Natur
Sid) felbft in Allem gleid und überall die Spur,
Auf der fie wirft und geht nad) ewigem Gefeh.“
Sudeffen ift diefer Unflang nicht eben Das, worauf
es uns bier anfommt; der fog. Pythagoras ift feine
1) Bal. W. Bode, Goethes Leben im Garten am Stern,
1909, bibs. ©. 183 fg., 197, 282—84.
Ebenda aud) [don
ben Hinweis auf die ‚Goldenen Sprüche‘, S. 251.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Hugo Lämmerhirt: Pythagoras.
„Quelle“ von Goethes Faujl, jo wenig oder ni ine
niger, wie Swedenborg eine ijt, Wohl aber hänge uan
gröjter Didter burd geiftige Wablvermandijba]i,
«e
ihm zu Bewuhtjein fam, mit dem Haupt der enti.
goreiichen Schule zufammen.
Der Kultus der heil:
Natur in der Lebensführung und in der Erlenutzi.,
it das Band, das ibn über die platonifche und bris
fide Ara hinweg mit bem erwadjenden philofopuiio.
+:
Geijte des Hellenentums verfnüpft.
NEPS
nh rim
hated Te TyWE |