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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Jörg Zimmermann
WANDLUNGEN DES PHILOS
OPHISCHEN MUSIKBEGRIFFS:
ÜBER
DEN GEGENSATZ VON MAT
HEMATISCH-HARMONIKALE
R
UND
SEMANTISCH-ÄSTHETISCHER
BETRACHTUNGSWEISE
Für meine Eltern
SSR
ZIHMMERMASN,
are
BB
I. Vorbemerkung
Das Verhältnis von Philosop
hie, Mathematik und Musikthe
orie ist Gegenstand ältester Überlieferung,
das mit dem Namen Pythagor
as verbundene harmonikale Denken ein wesentli
ches Strukturmoment der aben
dländischen Metaphysik. Die kritische Rekons
truktion dieser Denkform steh
t
daher im MittelPunkt der folgenden
Überlegungen. Sie betreffen die
Rolle der Musik als Manifestation einer zahlhaft begr
ündeten melaphysischen Ord
nung, wie sie in der
Definition der Musik als Drei
heit von musica mundana,
mus
ica humana und
musica instrumentalis impl
iziert ist, die wiederum den
auße
rord
entlichen Rang
erklärt, der der Musik im Sys
tem der antiken und der mitt
elal
terl
ichen „‚Wissenschaft” zukommt. Mit der
metaphysischen ist die ontologi
sche
Frage nach
der „Seinsart‘“‘ musikalische
r Proportionen verknüpft, die
vor
alle
m
das Verhältnis von „theoretischer
und „Praktischer" Musik betr
ifft
.
Von
beso
nderer
Bedeutung sind schließlich
die ideologischen Konsequen
zen des harmonikalen
Denkens, wie sie in der Ethi
k und Staatslehre zum Aus
druck kommen.
Die metaphysische Problema
tik ist eng init einer method
ologischen und
einer ästhetischen verknüpf
t, deren Relevanz sich nich
t
zule
tzt in der Kritik
des Anspruchs harmonikaler
Metaphysik erweist. Kann
die
mat
hematische Erkenntnis tatsächlich eine Para
tligmatische Rolle für die phil
osophische und
asthelische Begründung der
Musik beanspruchen? Lass
en sich „Sinn“ und ‚‚Bedeutung“ musikalischer Stru
kturen durch den Rekurs auf
Zahlenverhältnisse
angemessen bestimmen? Best
ehen zwischen Quantitäten
und
Qualitäten cındeutige Korrelationen? Läßs
t sich die Wirkung der Musik
nach
dem Modell des
Psychophysischen Parallelismu
s erklären?
Alle diese Fragen sind im Denken
der Antike zum
indest schon angelegt; die
Akzente haben sich in der
Folgezeit allerdings verlager
t. Dominiert im Altertum
und Mittelalter der metaph
ysische Aspekt, so rücken
im
Zeitalter des Rationalismus angesichts der Fortschr
itte naturwissenschäftlicher
Forschung methodo-
Page 2
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)logisschu Gesichtspunkte ın den Vordergrund.
Fast gleichzeitig stellt sich m
Zuge der Emanzipation der Kunst in der bürger
lichen Gesellschaft vor dem
Ihntergrund einer neuen Ästhetik das Proble
m,
ob sich das ästhetische Feld
überhaupt im Sinne des matliemätischen Method
enideals rationalisieren läßt.
Damit wird eine Betrachtungsweise inauguriert,
die heute angesichts der wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzung
en um Gegenstand, Methode und
Erkenntnisziel kunstwissenschäftlich-philolog
ischer Forschung einen neuen
Stellenwert gewinnt. Diese Konsequenzen sollen
jedoch nur nach angedeutet,
nicht mehr im einzelnen diskutiert werden. So
verstehen sich die folgenden
Überlegungen in erster Linie als ein Gang durch die
Geschichte, in dessen Verlauf die wesentlichen Stationen des Verhältnisse
s von Philosophie bzw. Ästhetik, Mathematik und Musiktheorie bis zur Roinan
tik nachgezeichnet werden
sollen!.
Jede historische Rekonstruktion setzt einen
Standort voraus, von dem aus
vergangene Formen des Denkens erschlossen
werden. Es gibt keine von allen
Vormeinungen unabhängige Erfassung ıhres
„Wesens Die vorliegende Darstet
lung ıst u. a. durch sprach- und ideotogiekri
tische Gesichtspunkte bestinnmt.
So versucht sie zu zeigen, in welcher Weise
metaphysische Aussagen von unreNcktierten sprachlichen Voraussetzungen abhän
gen und welche Ieologischen
Motive hinter ihnen verborgen sein können.
Vor allem aber soll sie deutlich
machen, daß die Wendung von der mathem
atisch
will.
dessen Konsequenzen
man den Status der Musik als „Kunst“
sowie die Bedingungen ihrer Produktion und
Rezeption adäquat bestimmen
>. Das Verhältnis von Philosophie, Mathematik
und Musiktheorie in der Antike?
2 1. Die Grundlagen des harmonikalen Denke
ns
2.44. Die pythagoreische Denkform ist eine
kulturelle Realität, deren Ausstrahlung bis in die Neuzeit hinein verfol
gt werden kann. Die Struktur dieses
Denkens läßt sich vor alleım aul der Grund
lage des platonischen und neuplatonischen Schrifttums rekonstruieren,
die Vagheit der historischen Gestalt
des
Pythagoras und der M angel an Primärguel
len ist daher von nicht allzu gravierender Bedeutung.
I) Dabeı kann es sich natürlich nur um
Vieles spricht dafür, den für den Pyth
agoreischen Ansatz charakteristisc
hen
analogischen Zusammenhang von
Metaphysik, Mathematik und Musi
k als Ausdruck einer ursprünglichen „Intuition
“ zu deuten, deren Wurzeln in eine
m
mythischen Welt- und Sprachverstä
ndnis zu suchen sind?. Die Eigenart
diese
r
Intuition liegt in der ontologische
n und methodologischen Auszeich
nung des
zahlhaften Logos sowie in der unlös
lichen Verbindung von quantitativem
und
qualitativem Verständnis der Mathemat
ik.
Der zweideutige Status der Zahl als
Quantität und Qualität erklärt, waru
m
das pythagoreische Denken historisch
in zwei einander letzlich entgegenge
selzte Richtungen gewirkt hat: Der quali
tative Zahlbegriff prägt die Entwielklu
ng
der harmonikalen Metaphysik, der quant
itative Zahlbegriff dagegen die Entwicklung des naturwissenschaftlic
hen Denkens, dessen Fortschritte
schließlich
den Verfall der Metaphysik als „Wis
senschaft“ nach sich ziehen. In den
metaphysischen Systemen des 17. Jahr
hunderts sind beide Gesichtspunkte
noch
zu
einer Einheit verschmolzen, so daß
man die „Lebenszeit" des Pytiingore
isinu
s
in seiner Grundstruktur bis Zu Mers
enne, Kepler und Leibniz datieren
kann.
Die modernen Restaurationsversuch
e im Sinne einer „harmonikalen Wisse
nschaft“ sind demgegenüber Nachklän
ge, die vor allem aus ideologiekritis
cher
Perspektive interessant sind.
-metaphysischen zur semanusch-ästhetischen Musikbetrachtung ein Fortsc
hriti ist,
gunau bedacht werden mussen, wenn
83
2.1.2. Die methodologische A uwsze
ichnu
ng der Zahl
Die für den pythaporeischen Ansa
tz charakteristische methodologis
che Auszeichnung der Zahl hat sich wie kauı
n ein anderes Prinzip des Denkens
bewährt;
vs ist zum Kernstück der naturwis
senschaftlichen Forschungslogik gewo
rden
und hat cine rationale Beherrschung
der Welt allererst moglich gemacht.
Durch die Anwendung des Zahlbegrif
fs läßt sich das Kontinuum der Phan
omene ın dıskrete Elemente zerlegen,
werden die Dinge überhaupt erst vergl
eichbar®. Erkennbarkeit und zahlenmä
ßsige Bestimmtheit sind miteinan
der verschränkt; olıne die Zahl wäre alles
grenzenlos und undeutlich und dunk
e®. Also hat alles, was erkannt wird, Zahl.
Denn es ist unmöglich, daß ohne
diese
irgend etwas im Denken erfaßt oder
erkannt wird®. Die Zahl ist der Maßs
tab,
an
dem alles gemessen werden kann.
So geschen ist sie ein Instrument (ler
Nivel
lerung des qualitativ Verschiedene
n, seiner Reduktion auf quantitativ
vergleichbare Strukturen. Hinsichtli
ch ihrer zahblenmäßsigen Bestiminth
eit
könn
en
die Elemente verschiedener Seinsber
eiche einander entsprechen und in
komdie philosophischen Grundzüge
der Problementwicklung handeln, richt uni eine vollständige
und bis ins einzelne gehende Darstellung.
Umfangreiches fustorisches Material bietet vor
allem die Abhandlung Schäfkes, die nach
wie vor als
die beste „Geschichte der Musikästheti
k" angesehen werden muß,
2) Zu Einzelheiten der antiken Musikp
hilösophie vgl. die Abhandlungen von
H. Abert (Lehtv vom Eilos), R Schäfke
(Teil I-VD,D Zottai(Teil I, 3.
L.ohmann und G. Wille.
3) Zur Etymologie und zu den mytho
logischen Wurzeln vel. H. Hüschen:
Harınonie, S.
158Yff und J. Lohmann: Musik& und Logos
, S. 1031
4) Philolaos: Fragmente, zit. nach Capell
5)a.a. O.,$. 477 Nr. 12
6)a.a.0.,8. 477 Nr. 9
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)plexe Ordnungen eingehen, die nach mathematischen Regeln ableitbar bzw.
rekonstruierbar sind. So läßt sich auch noch die pythagoreische These, daß alle
Dinge Mimesis (Darstellung) von Zahlenverhältnissen sind, methodisch-rational
verstehen.
Andererseits darf nicht übersehen werden, daß die Pythagoreer die Bedingungen der Anwendung des von ihnen aufgefundenen Prinzips nicht adäquat
erkannt haben: In aller Regel werden die mathematischen Korrespondenzen
nicht durch „empirische“ Erforschung entdeckt, sondern aufgrund bestimmter mythisch-spekulativer Vor-Urteile in die Dinge „hineinprojiziert‘”. Die qualitative Auffassung der Zahl und ihre ontologische Auszeichnung als Urgrund
tarch®) alles Seienden verhindern eine konsequente Entfaltung des methodischen Prinzips.
Zahlenverhältnissen erfahren
'?.
So manfestiert sich der mathematische Logos gleichermaßen in der Ordnung
der Musik, der Sprache, der Seele und des Kosmos. Deren Elemente bilden wie
die Zahlen Verhältnisse, die wiederum in Analogien (and lögon)"* als „‚Beziehungen von Beziehungen” eingehen, so daß idealiter alles mit alleın qua Verhältnis und Analogie miteinander verbunden ist.
2.1.4. Die ontologische Auszeichnung der Zahl
Der Schritt von der methodologischen zur ontologischen Auszeichnung der
Zahl wird
um mit Wittgenstein zu sprechen - dadurch ermöglicht, daß ‚man
von der Sache prädıziert, was in der Darstellungsweise liegt.""'* Von der eine
absolute Sicherheit der Erkenntnis verbürgenden Anwendung mathematischer
Begriffe wird auf ein zeitlos gültiges Sein der Zahlen geschlossen. Da „lögos"
2.12. Die Vieldeutigkeit des logos
l.ohınann hat die „Intuition“, die dem pythagoreischen Denken zugrundehegt, im Begriff des Logos konzentnert. /n dem ursprünglich-griechischen Bevriff der Musik& waren das All und die Seele
kösmos und psych£
zu einer
. Einheit verbunden, in einer nicht mystischen, sondern mathematischen Harmonie, die der „logos, d.i. der griechische Begriff der , Sprache”, zugleich formuliert und ist®.
-
Wenn der Begriff des 1.0808 als gemeinsame Wurzel aller antiken „Wissenschaften"? und seine Aussage als Wiedergabe des to on!” betrachtet werden
kann, so ist seine ursprüngliche Vieldeutigkeit aus sprachkritischer Perspektive
geradezu die Möglichkeitsbedingung harmeonikäaler Metaphysik: Die Entfaltung
des Logos-Sinnes und der mit ihm verwobenen harmonikalen Grundbegriffe
stiftet eın Netz von Beziehungen, dessen Sprach-Relativität nicht durchschaut
wird, so daß ein sprachlich nahegelegtes Sinnverständnis als Erfassung des „Wesens“ erscheinen kann. Dabei spielt die Bedeutung des Logos als Zahlenverhältnis die Rolle eines Paradigmas, d. h. eines Maßstabs, an dem gemessen wird!'.
Alle anderen Dimensionen des Logos und der mit ihm verwandten Begriffe
werden hinsichtlich ihres Sinnes auf die Zahl als einheitsstiftendes Prinzip bezogen, ılıre in einem ursprünglichen Sprachverständnis begründete semantische
Verwobenheit auf diese Weise metaphysisch als analogische Entsprechung von
zugleich mathematisches Verhältnis, sprachliche Aussage und Vernunft bedeuten kann, läßt sich der ontologische Status der Zahlen auf den der Begrilfe übertragen: Platon trägt im Grunde nur die Konsequenzen des pythagoreischen Ansatzes aus, wenn er die mathematische Erkenntnis als Erkenntnis
eines zeitlosen unbeweglichen Seins zur Bedingung des philosophisch notwendigen „Aufsteigens“ zum reinen Sein der Ideen erhebt".
Aristoteles deutet denn auch die platonische Methexis als bloße Umbenennung der pythagoreischen Mimesis (Met. 987b). Platon selbst ist der Ansicht,
daß die Pythagoreer nicht streng genug zwischen „körperlichen" und ‚ideelten” Zahlen unterschieden hätten (Resp. 5304 - S3lc). Der rationale Kern
dieses Arguments betrifft die Differenz von „reiner“ und „angewandter" Mathematik;es wird jedoch primär im Sinne der eleatischen Seinsichre zur Demonstration des ontologischen Gegensatzes von „Erscheinung" und „Wesen',
sinnlicher und intelligibler Welt, benutzt. Denn die mathematische Bestimmung
der Phänomene weıcht von den idealen Verhältnissen der Zahlen mehr oder
weniger stark ab; auch ist sie instabil, weil die Phänomene veränderlich sind.
Die phänomenalen „Abbilder‘ können also das archetypische „Urbild‘“ nur
unvollkommen repräsentieren!®.
12) Die Funktion des Zahl-Paradigmas hat schon Arıstoteles ın seinem kritischen Bericht
über die Pythagoreer angesprochen, ohne allersiings den grundsätzlichen Zusanmmenlang
73 Vgl W. Burkeit 8. 451. Die merkwürdigen Zahlenanalogien, die schon Aristoteles als py
thagoreisch kennt, sind nicht nachträgliche Ausführung oder gar Vergröberung einer pythagareischen Philosophie oder Mathernatik, sondern wurzeln in der urtümlichen Zahlenaufjussung.
8) 4. l.ohmann: ebd. S. I
y)a.2.0.5 17
10)a.2.0.,8. 109
11) Als sprachphilusophischer Terminus wurde der Begnff Paradigma" von L.. Wittgenstein eingeführt (Philosophische Untersuchungen 8 50).
von Metaphysik und Spiachverständnis zu erkennen. Die Pythagoreer hielten nach Arıstuoteles die Prinzipien der Mathematik für die Prinzipien aller Dinge, weil in der Mathematik
die Zahlen der Natur nach das Erste sınd, und sie in den Zahlen viel Ähnlichkeiten zu sehen
glaubten mit dem, was ist und entsteht. (Met. 985b).
13} cf. J. Lohmann: ebd. $. 110
14) 1. Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen $ 104
15) Die Abhängigkeit der platonischen Ideenlehre von der pythagoreischen Zahlenlehre hat
schon Aristoteles betont (Met. 987b).
16) Eine sehr klare Zusammenfassung der platonischen Philosophie der Mathematik und ih-
Page 4
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)1.5. Zahlen als Qualitäten
Legt die Sicherheit mathematischer Erkenntnis
ihre Allgemeingültigkeit
und Unveränderlichkeit
den Schluß auf ein zeitloses Sein der Zahlen nahe,
50 stützt he Möglichkeit einer „erschöpfenden" Analysis des Komple
xen die
Vorstellung, daß alles Seiende aus „letzten Elementen" bestehe,
che als diskrete Kinheiten isoliert werden können”. Die Tatsache, duß
der analytische Verfahren auch außerhalb der Mathematik anwendbar ist, wird
ontologisch ‚mißverstanden”, die Abhangigkeit des Element-Seims von der gewählt
en Methode
verkannt. Daher erscheinen die verschiedenen Seinsbertiche hinsicht
lich ihrer
Flemente als „wesenhaft" aufeinander bezogen. Entspre
chungen in der Anzahl
gelten als real motivierte Korrespondenzen, quantitative Gleichh
eiten als quahtativ begründete!
Qualitäten im engeren Sinne sind die © rundzahlen Eins,
Zwei, Drei und
Vier sowie jene Zahlen. die durch elementare mathematische
Operationen wıe
2. B. äritlimelische, geometrische und harmonische Mittelb
ildung aus den Zahlen der Fetraktys gewonnen werden können!”
Die den qualitativ ausgezeichneten Zahlen zugeschriebene
n Wesensattribute
sind Zum Teil wiederum Produkte einer onlolopischen
Umdeutung methodischer Begriffe, wie z. B. im Falle des Schlusses von der
Unteilbarkeit der Eins
auf cin unteilbares Sein oder von der Zugehörigkeit einer
Zahl zur „geraden‘
bzw. „ungeraden" Reihe auf eine Existenz des Geraden
und Ungeraden. Viele
der den Zahlen zugeschriebenen Eigenschaften lassen sich
jedoch nicht mehr
als Hypostasierung mathematischer Bestimmungen deuten;
die vor alleın im
Neupythagoreismus wuchernde Zahlensymbolik bleibt
einer rationalen Erklärung unzugänglich.
2106 Harmonie der Zahle
Die ontolögische Auszeichnung deı Zahl als Seinsprinzip
und die Auffassung
der Grundzahten als „individueller Qualitäten wırd
ergänzt und gleichsam
überhöht durch de Auszeichnung bestimmter Zahlenk
onfigurationen, die als
1 Kunsequenzen für die Metaphysik gibt Proklos ın seinem
Kuklıd-Komment
ar Auszupge
in Becker S. L2ltt).
IP) Lohmann iS. 95) nennt „steichsion”
den Grundbegriff der ulr-pyrhagoreischen
Zahlenlehre
und betrachtet Demokaus Altomasınun
sowie Platons Idealismus als Varianten
ENES Ursprung:
hehen
Bleinentarısinus
(8 5).
18) Schon Aristoteles hat sich über solche aufgrund
quantitativer Gleichheit angendminener
Wesenskonsespondenzen lustig gemacht:
Sieben sind
Harmonie, sieben Pleigden gibt es, und mit
enge nämlich, undere aber nicht (Met.
10934).
19) Die Finzelheiten diese Lehre sind u. a.
in Umrissen, S.
7 dargestellt.
der Vokale, sieben Saiten bilden die
sieben Jahren wechseln die Tiere ihre Zähne
bei R Schäfke: Geschichte der Musikästhetik
„Ilarmonie“ eine metaphysische Seinsordnu
ng reflektieren. Lohmann charakterisiert den Harmonie-Begrift als die mir letzte
r Absolutheit mathematisch Destimmbare und bestimmte Struktur der „Okt
we aus den Prinzipien der sym-
Phönia und der diaphönia, als musifkalschen
Ur-Begriff und alteste Proklamation des Prthagoreismus?®. In seinem mythi
schen Ursprung scheint er Harınonie-Beprill zunächst allgemein die Vorstellung
einer Vereinigung polar enligegengeselzter Kräfte verkörpert zu haben?!
Dieser übermusikalische Gehalt findetsich auch an vielen Stellen der vorsokratisc
hen Philosophie. In diesen Sınne spricht Heraklit von der schönsten Hurmo
nie, die aus der Vereinigung des
Widerstrebenden, aus dem Einklang der
Gegensätze entstehe??, Philolaox von
der Pereinigung des Vielgemischten und
Eintracht des Zwieträchtigen®".
Diese Harmonie manifestiert sich ın allem
Seienden, sei es in Kosmos, Seele
oder Körper, sei es im ästhetischen, ethisc
hen oder politischen Bereich. Pythagoreisch grundet jede Harmonie in einer besti
mmten zZahlbaften Ordnung, so
daß der Begriff in seinem universäalen Anspr
uch eier als ein mathematischer
denn als ein musikalischer angesehen werde
n muß, wenngleich die Schlüsselrolle des epimörios lögos als „generatives“
Prinzip primär auf die musikalische
Manifestation der Harmonie verweist.
Da es a priori viele mögliche Konfigurationen
von Zahlen gibt, unterstreicht
die Auszeichnung einer bestimmten als „harm
onischer" Ordnung den qualıtauv-wertenden Grundzup des Pythagoreischen
Denkens. Er rückt vor allem dort
in den Vordergrund, wo diese Ordnung
nur noch spekulativ postuliert werden
kann. Gerade der melaphorische Schein
einer in allen Dingen mehr oder weniger wirksamen transzendenten Harmonie
nicht ihre streng mathematische
Deduktion
ist für jene außerordentliche Faszination
verantwortlich, die der
Pythagoreismus über Jahrhunderte Ninweg
ausgeübt hat.
217. Der ideologische Hintergrund des
harmonikalen Denkens
Die ideologische Funktion des Pythagorei
schen Zalilendenkens hat vor allem
Nietzsche betont. Die Prrhagorver, die
unterirdischen Äuite, das Schweigen, die
Jenseits-Furchtmittel, die Mathe malti
k. religiöse Schatzung, eine Art Verkehr mit dem kosmischen All: - das Priest
erliche, Asketische, Transzendente
..°* Die methodologische Vollkommienheit
wird normativ als Zeichen einer
DJ. Lohmann: ebd. $. 108 und 51
21) Vgl. dazu I. Hüschen. ehd. $ 1543
223 Heraklıt: Fragmente, zit. nach Capell
e S. 134 Nr. 25 und 26
23) Philolaos: Fragmente, zit. nach Capell
e 8. 479 Nr. 18
24) F. Nietzsche: Werke Bd. III S. 638.
Die prımär ethische Bedeutung der pythag
oreischen
Musik mathematik betont O. Gigeon in:
Der Ursprung der griechischen Philosophie,
S. 143:
Derselben Wurzel, der Reini
gung des Menschen, en Ispringt
auch
die Beschäftigung der Pythagoreer mit der Musik. Auch da ist
das Erste nicht das theoretische Intere
sse un der Proportion der Töne, sondern die Bedeutung
der Musik für die Reinigung und Besänf
tigung der
Page 5
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)besonderen metaphysischen Dignität verstanden. In platonischer Radıkalisierung des pythagoreischen Ansalzes wird das ideale Sein der Zahlen zum Kriteram der Unterscheidung zwischen einer veränderlich-trügerischen „scheinbaren“ und einer ewigen „wahren“ Welt, eine Unterscheidung, die Nietzsche als
die fur die Entwicklung des Denkens verhängnisvollste metaphysische „Fälschung“ bezeichnet hat??, Ihre ideologische Bedeutung liegt darin, daß die
„wahre“ Welt zugleich die „bessere“ Welt sein muß: Die ethische Zielsetzung
ist durch das Verlangen geprägt, die vergängliche „Schattenwelt" im Hinblick
auf eine ewige Ordnung zu Lranszendieren. Diese Konsequenz des Zahlendenkens erklärt, warum gerade das Christentum eine besondere Affinität zum Pyihagoreismus-Platonismus entwickeln konnte?®. Weil sich die harmonikalen
Begrilfe wie „Maß“ und „Harmonie“ zugleich mathematisch und ethisch gebrauchen lassen, ist die Zahl ebensogut ein Symbol des Wahren wie des Guten.
2.2. Die philosophische Begründung der Musik
2.2.1. Die philosophische Bedeutung der Musik Zeigt sich aus der Sicht des
Pythagoreismus darin, dafs sich in der musikalischen Harmonie der mathematische Logos auf zweifelsfrei demonstrierbare Weise empirisch („ästhetisch“)
manifestiert. Daraus folgt jedoch noch nicht ohne weiteres, daß hier - wie
Lohmann behauptet
die mathematische Struktur des Weltganzen (und in
eins damit die des „Mikrokosmos" der menschlichen Seele) zuerst erkannt
wurde und nun jederzeit verifizierbar war®”. Diese These ließe sich nur dann
aufrecht erhalten, wenn das für den Pythagoreismus charakteristische analogische Denken am Leitfaden der Zuhl mit einer methodisch kontrollierten wissenschaftlichen Forschung vergleichbar wäre. Die spekulative Projektion harmonikaler Zahlenstrukturen auf Makro- und Mikrokosmos kann aber kaum als
„Erkenntnis“ bezeichnet werden. (Immerhin hat schon Aristoteles die Übertragung des musikalischen Harmoniebegriffs auf Seele und Planetensphäre ver-
2 1.8 Der harmonikale Schönheitsbegriff
worfen“®),
Die Zahl ist aber auch ein Symbol des Schönen. Der pythagoreische Schönheitsbegriff ist nicht durch Qualitäten der ästhetischen” Erscheinungswelt,
sondern durch solche der transzendenten Seinsordnung charakterisiert. Schönheit, Wahrheit und ethische Vollkonmenheit sind systemarisch miteinander
verschrankt und manifestieren sich gleichermaßen durch die Ordnung, die Symmetrie [Proportioniertheid), die klare Bestimmtheit””. Zahlhaft ist sowohl die
sechsche als auch die körperliche Schönheit. Negativ formuliert: Das Korperlich
Haßliche leiter sich her von dem durch die Materie bedingten Mangel an Ordnung, Gestaltung, Symmetrie und Bestimmitheit, der bi allen Zusammengesetzten steh auswirkt, die seelische Haßlichkeit aber beruht auf der Unvernunft, die
in ihren Bewegungen nicht Regel noch Ordnung kennt, den Forderungen der
Vernunft sich nicht fugt und von daher eine feste Begrenzung nicht annehmen
will. So möchte denn auch die Schänheit ihr Sein auf die entgegengesetzten
Forzuge gründen, eben auf Ordnung, Symmetrie und Bestimmtheit. Diese gewähren wir aber vor allem in der mathematischen Wissenschaft .
Auf der anderen Seite konnte die Tatsache, daß die durch das Monuchord
demonstrierbare musikalische Harmonie skeptische Einwände, wie sie gegenüber einer unkontrollierten Verallgemeinerung des Zahlendenkens erhoben
werden konnten, nicht zuließ, das Bewußtsein des Musiktheoretikers von der
philosophischen Dignität seines Gegenstandes bestärken. Allein an der Musik
Kst sich die vermutete oder geglaubte harmonikale Struktur des Weltganzen
unmittelbar exemmplifizieren, sie enthält unter dieser Voraussetzung die Anjunge und Grundlagen (urche)} des gesamten Wissens (mathesis)>'. Sie macht die
in allen Korpern verborgenen Harmonien sichtbar und... bietet den Schlussel
zu der Erkenntnis, daß auch im Bereich der für ulle Menschen schwer fußbaren
Seele, sowohl des Einzelnen wie bereits des Universums, Verhältnisse sich bewahren?!.
Der Preis, der für diese philosophische Auszeichnung der Musik gezahlt
wird, ist ihre Abwertung als empirisch-ästhetische Erscheinung. Als Wissenschaft, in der sichere und unfehlbare Erkenntnis herrschr?’, muß sie sich auf’
die Analyse rein noetischer Beziehungen beschränken. Unter dieser Voraussetzung ist die Musik lediglich ein „Testobjekt“ für die Plausibilität der pyıhagoreisch-platonischen Metaphysik.
Seele Der Begriff der katharsıs ist eigenrümlich pythagvreisch. Er verbindet die Dietätik
der Seele mit derjenigen des Leibes.
25) F Nietzsche: ebd. Bd 11 S. 71781
26) Nietzsche Nat bekanntlich das Christentum als Platonismus fürs Volk bezeichnet (Bd. II
Ss. sach.
27) Proklos. kuklid-Kommentar, zit. nach Becker S.
28)a a 0.8.1239
129
29) J. Lohmann: ebd. S. 8
30) cl. weiter unten Ziffer ?. 2. 3.
31) Arıstides Quintilianus $. 366
32a.2.0.,8. 161
33)a.4.0.,8. 165
Page 6
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)2.2.2 Platon: Musik und Metaphys
2.2.2.1. Voll entfaltet begegnet d
; harmonikale Denken und
der mit ilım
verbundene Musikbegriff in den
platonischen Schriften, deren
Pyih
agoreischer
CGrundzug schon von Aristote
les betont worden ist. Die Einm
ätig
keit
, mit der
sich Eklektiker der Spätantike
zugleich auf Platon und Pyth
agor
as
beru
fen und
beider Lehre als eine Einheit
betrachten, bestätigt ı chträgli
ch
das
aris
tote
lische
Urteil.
Aristides zitiert eine Legende,
nach der Pytliagoras mit sein
em Rät, stets das
Monochord zu spielen, habe
offenbar machen wollen, daß
der Gipfel der Voltendung in der Musik mehr rein
geistig (noetös) durch die Zahl
en als sinnlich
(uisıhötös) durch das Gehör wied
erzugewinnen sei”. Damit wird
ein Grundprinzıp der platonischen Metaphys
ik -— die kalegoriale Trennu
ng von „wahrer“ und
„scheinbarer“ Welt — auf die
M usik angewandt: Platon hat
laut Aristides den Beweis geführt, daß die sinnlich
wahrnehmbure Musik hinter
der rein geistigen,
intelligiblen an Genauigkeit
stark Zuruckstehe?®. Die konk
ret erklingende Musık ist lediglich die unvollkom
mene Darstellung (mimesis)
einer reinen Lranszendenten Harmonie’?
22.22 Die A nalogie von musi
kalischer, psychischer und kosm
ischer
Harmonie
Platon selbst grenzt seine „ule
alistische" Auffassung der Math
ematik von
Jer mehr „realistischen“ der
Pythiagoreer ab und wendet
sich
dami
t gegen alle
Versuche, die harmonischen
Zahlenverhältnisse unmittelhar
aus
der
Erfahrung
Zu entnehmen: dies hieße, das
Ohr höher zu halten als die
Vern
unft
(Res
p. 531
4). Bie mathematischen Wissensc
häften Artthinetik. Geometrie.
Astr
onom
ie
und Harmonik müssen ihren Gege
nstand idealisieren. wenn sie
zu
währ
en
Erkenntnissen gelangen
wollen. Die Differenz von Aisthesi
s
und Noesis darf nichi
verwischt werden.
Die Begründung der Analogie
von musikalischer, kosmisch
er und psychischer
Harmonie gewinnt einen Sche
in von Motiviertheit zunächst
aus
sprachlichen
Gründen, wenn ınan vorausse
lzt, daß Platons vieldeutige
Ver
wen
dung der harmonkalen Grundbegriffe cine
n schon eingespielten Sprachge
brauch reflektiert, z. B. wenn glei
chermaßen von der „Beweg
ung“ (kindsis) der Töne
und
der Planeten, des Körpers und
der Seele die Rede ist?®, Vers
tärkt wird die se-
34) Zur Musikphilosophie Platu
handlung von b. A
ns vel. außer der ın Arım. > ange
gebenen Literatur die AblLıppman
353) Aristides Quimtilianus
S. 311
36) 4.4.0.8. 310
31a.2.0.,8 3211
38) K. Gasser (S. 17319)
unterscheidet ın seine
r Platon-Interpretätion zehn
Arten der Kinemaäntische Annähe
rung der infrage stehende Seinsb
n
ereiche noch durch eine
eigentümli
che Metaphorik, z. B.: Wie die reine „Sti
mm
ung“ der Saiten elwas
Unsichtbar und Unkö
es
rperliches und gar Schöne un Gö
d
s
ttliches ist gegenüber dem vergängl
ichen und gelrübten Klang des real er
tö
nenden Instruments,
so die reine „Stimm
ung“ der Seele gegenüber der prek
Harmonie des Leiär
en
bes (Phaid. 8Se). (Noc un
ser heutiger psycholo
h
Sp
gi
ra
sc
chgebrauch ist
he
r
von harmonik
alen Metaphern durchzogen wie sie fü de
r
gr
,
n
ie
chischen Begriff
der Seele charakte
ristisch sind, wenngleich wir uns ihre me
r
ta
ph
ysischen Implikationen nicht mehr be
wußt sind.)
Die mäthemat
isch-harmo
nikale Grundstruktur der Philosophie Platonseis
in ihren verschie
t
denen Ausprägungen von Gaiseı aufü
berzeugend Weise FÜkonstruiert worden Die Za
e
.
hlenverhältn
isse sind das unveränderlich Ble ibende
und für Platon damit das ei
gentlich Seiende in allem We
chsel und bei aller Verschledenhe der einz
it
elnen Dinge. So ist in der Symp
ho
nie der ersten Zahlen
die ganze Welt ursprü
nglich enthalten. Der ganze Sein
sa
ufbau gipfelt in einem
durch Logosbez
iehungen geordneten Kosmos von Zahl
en, der als Prignantester Ausdruck des Dime
nsions-Zus
un
da
d
mit des ganzen Seinsgeummenhan
füges gelten kann”. So en
thält die Zahlenre gs des „T
im
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e
aios“ (1,2, 3,4,8,9,
27) neben der Tetrak
tys die Potenzzahlen von ? und 3 bi
s zur dritten Potenz,
die wiederum die geom
etrischen Kategorien von Punk
Li
t,
nie, Fläche und
Körper repräsen
tieren, sowie die harmonis
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ch
en
hältnisse, wie sie
von den Pythagor
eern überliefert sind. Der Vierza ents
hl
prechen aber auch die
Elemente Feuer, Luft Wa
,
sser und Erde sowie die St
ufenordnun der Erkenn
nis (noüs, epistems döxa
g
t, aisthesis), so daß die Letire de „T
,
s
imaios" als Ferbindung der musiKa
lisch-akusti
schen Geserzmäßigkeiten und Phänomene mit
den allgemeine
ren, struk turellen Verhaltnis
sen und Bezugen im Seinszusam
nenkang angesehen werden kann
*®.
Oline Bezug auf die symb
olische Zahlenordn
ung bleibt die Analogie von
musikalische psychi
scher und kosmischer Harmon
r,
ie weitgehend unverständ
lich, es sei denn, man ve
rwendet den Begriff „har
monisch" nach sehr verschie
denen Kriterien. So läßt si
ch der geordnete Umlauf de Ge
r stirne als „‚harmon
sche" Bewegung beze
iichnen, zahlhaft insofern als mi
t ihrer Hilfe eine Period
,
sierung der Zeit mögl
iich wird, einem in Zahlen fort
sc
hreitenden unverginglichen Bilde der in dem Ei
nen verharrend
en Unendlichkeit (Tim. 374). „Harmonisch“ kann auch die Wi
rkung der Musik auf die Seel ge
e
nannt werden, ohne daß damit schon eine ma
thematisch präzisie
rbare strukturelle Entsprec
hung
sıs, die in der Weise geordnet
sind, daß die einfachere Bewe
gungsart jeweils dem Ursprüng
licheren, in höherem Grade
Seienden, die rıelfältigere Be
wegung dagegen den untergeo
neten Erscheinungen zukomm
rdt (S. 181).
39 K. Gaiser: Platons ungeschr
iebene Lehre, S. } 24
2.2.0.,8. 154
Page 7
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)2 2.2. Platon: Musik und Metaphysik”
2.2.24, Voll entfalter begegnet das
harmonikale Denken und der mit ihm
verbundene Musikbegriff in den plato
nischen Schriften, deren Pytbagoreischer
Grundzug schon von Aristoteles beton
t worden ist. Die Einmütigkeit, mit
der
sich Eklektiker der Spätantike zugleich
auf Platon und Pythagoras berufen und
beider Lehre als eine Einheit betrachten
, bestätigt nachträglich das aristotelisc
he
Urteil.
Aristides zitiert eine Legende, nach der
Pythagoras mit seinem Rat, stets das
Monochord zu spielen, habe offenbar
machen wollen, duß der Gipfel der Voltendung in der Musik mehr rein geistig
(noetös) durch die Zahlen als sinnlich
(aistherös) durch das Gehör wiederzuge
winnen sei. Damit wird ein GrundprinZip der platonischen Metaphysik - die
kategoriale Trennung von „wahrer“ und
„scheinbarer" Welt - auf die Musik angew
andt: Platon hat laut Aristides den Beweis geführt, daß die sinnlich wahrnehm
bare Musik hinter der rein geistigen,
intelligiblen an Genauigkeit stark Zurüc
kstehe®. Die koukret erklingende Musık ist lediglich die unvollkommene
Darstellung (mim&sis) einer reinen Lranszendenter Harınonie’”
2.2.2. Die Analogie von musik
alischer,
Harmonie
psychischer und kosmischer
PP
Platon selbst grenzt seine „wealistische‘"
Auffassung der Mathematik von
der mehr „realistischen“ der Pythagoree
r ab und wendet sich damit gegen alle
Versuche, die harmonischen Zahlenverh
ältnisse unmittelbar aus der Erfahrung
zu entnehmen, dies hieße, das Ohr höhe
r zu halten als die Vernunft tResp.
531
). Die mathematischen Wissenschaften
Arithimetik, Geometrie, Astronomie
und Harmonik müssen ıhren Gegensta
nd idealisieren. wenn sie zu wahren
Erkenntnissen gelangen wollen. Die Diffe
renz von Aisthesis und Noesis darf
nicht
verwischt werden.
Die Begründung der A nalogie von musik
alischer, kosnuscher und psychische
r
Harmonie gewinnt einen Schein von Mötiv
iertheit zunächst aus sprachlichen
Gründen, wenn man voraussetzt, Jaßs
Platons vieldeutige Verwendung der
harinonikalen Grundbegriffe einen scho
n eingespielten Sprachgebrauch reflek
tert, z.B. wenn gleichermaßen von der
„Bewegung” (kindsis) der Töne und
der Planeten, des Körpers und der Scele
die Rede ist”®, Verstärkt wird die se34) Zur Musikphilosophie Platons vgl.
handlung von BE. A. Lippinan
außer der in Anm. ? angegebenen Litera
tur die Ab-
333 Arıstides Quintilianus $. sıl
36)a 2a.0,8.30
IMa.ıu.O0,8. 321
38) KR. Gaiser (S. 1731) unterscheide
t in seiner Platun-Interpretation
zehn Arten der Kinemanfische Annäherung der infrage stehe
nden Seinsbereiche noch durch eine
eigentümliche Metaphorik, z. B.: Wie
die reine „Stimmung“ der Saiten elwus
Unsichtbares und Unkörperliches und
gar Schönes und Göttliches ist gegen
über dem vergänglichen und getrübten
Klang des real ertönenden Instrument
s,
so die reine „Stimmung“ der Seele
gegenüber der prekären Harmonie des
Leibes (Phaid. 8S5e). (Noch unser heutiger
psychologischer Sprachgebrauch ist
von harmonikalen Metaphern durch
zogen, wie sie für den griechischen Begri
ff
der Seele charakteristisch Sind, wenng
leich wir uns ihrer metaphysischen
Implikationen nicht mehr bewußt
sind.)
>
Die mathematisch-harmonikale Grun
dstruktur der Philosophie Platons ist
in ihren verschiedenen Ausprägungen
von Gaiser auf überzeugende Weise
rekonstruiert worden. Die Zahllenverhältn
isse sind das unverinderlich Bleibende
und für Platon damit das eigentlich
Seiende in allem Wechsel und bei aller
Verschiedenheit der einzelnen Dinge. So ist
in der Symp
honie der ersten Zahle
n
die ganze Welt ursprünglich enthalten.
Der ganze Seinsaufbau gipfelt in eine
m
durch Logosbeziehungen geordneten
Kosmos von Zahlen, der als Pragnantester Ausdruck des Dimensions-Zusam
menhangs und damit des ganzen Seins
gefüges gelten kann’®. So enthält die Zahle
nreihe des „Timaios“ (1 ‚,2,3,4,8,9,
27) neben der Tetraktys die Potenzzahl
en von 2 und 3 bis zur dritten Poten
z,
die wiederum die geometrischen Kateg
orien von Punkt, Linie, Fläche und
Körper repräsentieren, sowie die harm
onischen Intervallverhältnisse, wie sie
von den Pythagoreern überliefert sind.
Der Vierzahl entsprechen aber auch
die
Elemente Feuer, Luft, Wasser und
Erde sowie (lie Stufenordnung der
Erkenntnis (nolis, epist&ind, döxa, atsthesis),
50 daß die Lehre des „Timaios" als Verbindung der musikalisch-akustischen
Gesetzmußigkeiten und Phänomene
mit
den allgemeineren, strukturellen Verhä
ltnissen und Bezugen im Se ÄnsZtsammenbang angesehen werden kann*®.
Ohne Bezug auf die symbolische Zahl
enordnung bleibt die Analogie von
musikalischer, psychischer und kosm
ischer Harmonie weitgehend unverständ
lich, es sei denn, man verwendet den
Begriff „harmonisch" nach sehr versc
hiedenen Kriterien. So läßt sich der geor
dnete Umlauf der Gestirne als „harmoni
sche‘ Bewegung bezeichnen, zahlh
aft insofern, als mit ihrer Hilfe eine
Periodisierung der Zeit möglich wird, eine
m in Zahlen forts "hreitenden unvergängl
ichen Bilde der in dem Einen verharrend
en Unendlichkeit (Tim. 374). „Harmonisch“ kann auch die Wirkung der
Musik auf die Seele genannt werden,
ohne daß damit schon eine mathematisch
präzisierbare strukturelle Entsprechung
sis, clie in der Weise geordnet sind, duß
licheren, in höherem Grade Seien
die einfachere Bewegungsarı jeweils
den, die wielfältigere Bewegung
neten Erscheinungen zukommi (S. I$|
).
39) K. Gaiser: Platons ungeschriebene
L.ehre, $. | ?4f
40) 4.4.0.8. 154
dem Ursprüngdagegen den un tergeard-
Page 8
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)zum Tonsystem impliziert sein müßte.
l:in Grund für die Entstehung der Analogie in vorplatonischer Zeit scheint
die Zufällige Übereinstimmung zwischen der Zahl der Töne im griechischen
"Tonsystem und der Zahl der (in der Antike bekannten) Gestirme gewesen zu
sein: Da diese Gleicheit als „wesentlich empfunden wurde, konnten Jie Intervalldıstanzen mit den Abständen der Gestirnbahnen in Beziehung gesetzt und
so das Unbekannte aus dem Bekannten, die Struktur des Kosmos aus der Struktur der Musik abgeleitet werden®'. Die Vorstellung einer psychischen Harmonie
ist demgegenüber lediglich ein Implikat der postulierten kosmischen Ilarmonie,
da (ie Gestirne ursprünglich als beseelte Wesen galten. die ihrerseits in die Weltseele integriert wären.
nisch eine Modifikation ethisch-metaphysischer Vollkonmmenbheit, d. h.: das
Gute existiert als Schönheit und Verhältnismäßigkeit und Wahrheit (Phileb.
65a). Das vollkommene Schöne ist keine Qualität des ästhetisch Erscheinenden, sondern dasjenige, das nicht voll menschlichen Fleisches ist und Farben
und anderen sterblichen Flitterkrames (Symp. 21le).
Auch die Musik als eine Wissenschaft des Eros in bezug auf Harmonie und
Rhythmus (Symp. 187c) unterliegt der Ethik des Maßes. Denn ihre Wirkung
ist zweideulig, da der Eros in allen Dingen ein Zwiefacher ıst > zum Guten und
zum Schlechten (Symp. 1864). Dieses Abhängigkeitsverhältnis zeigt sich unmißverständlich im Rahmen der Staatstheorie. Wollredenbeit und Wohlklang
und Wohlanstiundigkeit, ulles folgt der Wohlgesinntheit und Güte der Seele
Platon lehrt im „Vimaios‘, daß die Weltseele durch harmonische Mischung
(Resp. 4004). Nur solche musikalischen Mittel, die Wohlanständigkeit mit sich
des unteilbaren Geistigen mit dem teilbaren Körperlichen, die menschliche Serführen und also auch wohlanständig machen, sind ethisch gerechtfertigt (Resp.
lc analog dazu aus dem verbliebenen Rest der Weltseel-Mischung als eine nicht
401 d). Die Musik wird in den Dienst der platonischen Staatsideologie gestellt;
ganz so reine Harmonie von Geist und Körper nach musikälischen Interväallbeziehungen” erschaffen worden ist (Tin. 35 a-d / 41 d). Die Fesselung der unhen. Daher muß man scheuen, Gattungen der Musik neu einzuführen, als wage
sterblichen Seele an die Materie kann jedoch Jazu führen, daß die an sich harmonischen Umschwünge bıs zur ordnungs- und vernunftiosen Bewegung verzerrt werden (Tim. 43b). Daher bedarf es besonderer padagogischer Anstrengungen, um die „Bewegungen“ des Gemüts wieder in geordnete Bahnen zu
lenken (lim. 44b).
Dieser Übergang vom mathematischen und musikalischen zum ethischen Gebrauch der harmonikalen Begriffe ist besonders folgenreich: Die „harmonische
ihre Aufgabe ist es, den Menschen zu gesetzeskonformem Verhalten zu erzieman dabei ulles: weil nirgendwo die Gesetze der Musik geundert werden, als
nur zugleich mit den wichtigsten bürgerlichen Ordnungen (Resp. 424).
2.2.2.2. Die Differenz von mathematischer und semantischer Begrundung
der Musik
Stimmung" der Scele wird mit dem sittlich Guten, die Disharmonie dagegen
init dern Tadelnswerten identifiziert (Phard. 930). Wie das mathematische Mais
das grenzenlose Feld der Einpirie rational beherrschbar macht, wie das musikahısche Maß das Kontinuum der tönenden Materie harmonischen Proportionen
unterwirft, so soll das ethische Maß der „grenzenlosen"” Natur menschlicher
Bedürfnisse und Leidenschaften Gesetz und Ordnung geben (Phileb. 26). Ins
Politische erweitert wird die Ethik des Maßcs, die die Herrschaft der Seele über
In ihren Details ist Platons ethische Interpretation der Musik nicht mehr allein mithilfe harmonikaler Begriffe verständlich. Denn seine kritische Analyse
bezieht sich weniger auf die Musik als „reine“ Konfiguration tönender Zahlen
als auf ihre empirischen” Erscheinungsformen Die Frage etwa, welche Tonarten, Zeitinaße und Instrumente ethisch brauchbar sind, kann nicht mehr mathematisch, sondern nur noch hermeneutisch ım Hinblick auf das in einer bestiminten Wirkung sich dokumentierende Verstehen musikalischer Zusammenhänge beantwortet werden.
die Ansprüche des Leibes begründet, zur L.egitimationsinstnaz der Herrschaft
des gesellschaftlichen Systems über den Menschen. Zoltar spricht in diesem Zu-
Dieser Übergang wird durch die Zweideutigkeit des Logos als „Zahlenverhältnis" und als Dedeutungstragende „Aussage” verschleiert”®. Das wahre Band
sammenlang von einer „Vertlechtung‘ des harmonikalen Denkens mir der als
Apologıe der Sklavenhalterordnung funktionierenden Staatstheorie®*.
zwischen Musik und Ethos ist nicht die Zahl, sondern die sprachlich artikulierte Bedeutung.
Neben dem mathematischen, musikalischen und ethischen läßt sich bei Pla-
Mathematik, Harmonik und Grammatik lassen sich pythagoreisch in der
ton auch ein ästhetischer Gebrauch harmonikaler Begrilte feststellen, der allerdings den anderen Gebrauchsweisen untergeorunet bleibt. Schönheit ist plato-
44) Ber Zusammenhang von mathematischer und sprachlicher Reflexion des Seienden ın
der Philosophie Platons wird vor allem von Gaiser betont. Nimmt man die verschiedenen
Außerungen Platons über dıe Eigenschaften und Funktionen der Sprache... zusammen, su
4} Über ie verschiedenen Varianten der Lehre von der Sphärenharmonie cl. R. Schäfke:
ebd. S. d?H
42) Zur Rekonstruktion der Timaios-Skala cf. J. Handschin: Der Toncharakter, S. 136ff
+3) D. Zoltar. Eihos und Aftekt, 8. 31
ergibt sich, daß die Sprache die Dinge und Seinsverhältnisse aufnehmen und „abbilden“
kann. Sie hat diese Fähigkeit offenbar mit dem Sysıem der Mathemutika gemeinsam: auch
zwischen dem Bereich der Mathematik und der Sprache scheint ein Analogieverhältnis zu
bestehen. (5. Öl)
Page 9
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Ebene der Klementaranalyse zueinander in Beziehung setzen, da der Begriff
des „stoicheion" gleichermaßen auf mathematische Bestinnmungsstücke, Sprachlaute und Töne angewandt werden kann®®. Die Vorstellung der ‚„Vokalharmone" ist eine Ausdrucksform dieser Analogie. Wie in der pythagoreischen
Harmonik die akustischen Erscheinungen in ps6phos = Geräusch und phöne
= Klang geschieden werden, so in der Grammatik die phonetischen in Konsenant und Vokal. Die Tonhöhe (1äxis) erlaubte die Beziehung auf die Kurbe des
Vokals. Und wie man aus der unendlichen Welt der Töne sieben auswählte und
>u einem kosmisch-musikalischen System ordnete, so aus den unendlichen Bildungsmoglichkeiten der Vokalisation die Gruppe der sieben Vokale”.
Auch Platon vergleicht die mathematische Begrenzung des unendlichen Kontinuums mit der Strukturierung der Tonmmaterie durch das Tonsystem und der
Lautmatene durch das Alphabet der Sprache (Phileb. 17a - 18d). Damit antızipiert er in gewisser Weise den Iinguistischen Begriff der „phonologischen”
Gliederung und die strukturalistische Einsicht, daß das Eleinent erst im System
seinen Wert echält, da niemand von uns auch nicht einen (Sprachlaut)
für
sich allein ohne sie insgesamt verstehen Kann (Phileb. 180). Der Bezug zur Maıhematik kann hier jedoch nicht mehr konkret als zahlhafte Äquivalenz, sondern nur noch methodisch im Sinne einer Analyse des Komplexen in seine einfachen Elemente aufrecht erhalten werden.
Demgegenüber erscheint die Beziehung zwischen Sprache und Musik auch
als qualitative Verwandtschaft, wenn man davon ausgeht, daß Wort und Ton
in frühgriechischer Zeit als eine Einheit aufgefaßt wurden. (Georgiades spricht
in diesem Zusaminenhang vom ursprünglich „musikalischen" Charakter der
griechischen Sprache??.) Hier scheint der tiefere Grund für die Verbindung von
mäthematischem und semantischem Musikbegriff
zu liegen. Diese äußert sich bei
Platon vor allem in einer gegenuber dem pytDagoreischen Ansatz veränderten
Bedeutung des Mimesis-Begriffs, dem innerhalb der antıken „Kunsttheone” ın
nachplatonischer Zeit eine Schlüsselrolle zukonimt. Aristoteles bemerkt diesbezüglich tadelnd, dab Platon vs anderen überlassen habe zu untersuchen, was
diese Mimesis sei (Met. 987b). Jedenfalls versteht sie Platon nicht mehr allein
im pylhagoreischen Sinne al: Mimesis von Zahlen.
So heißt es einmal, daß nur diejenige Kunst legitim sei, die durch Nachbildung (mimesis) des Schönen Ähnlichkeit (mit dem Nachgebilderen) besitzt,
daher könne ihr Wert nur an der Wahrheit (der Darstellung), nicht an der erregten Lust bemessen werden (L.egg. 668a). Ein Dichter ist zu tadeln, wenn er
45) vgl. J Lohmann. ebd. S. 3f1
46) R Schafke ebd. 5.83
47) Gemeint ıst damit in erster Lane ine rhythimische Einheit. Der musikalisch eigenständiee Rhythmus war mit dem Wort verwoben. Die Sprache war also selbst musikalisch; sie
in seiner Rede von Göttern und Heroen unrichtig darstellt, wie sie geartet sind
(Resp. 377e). Mimesis kann in solchem Zusammenhang nur als sprachlich explizierbare Bedeulungsrelation aufgefaßst werden.
Daß Platon auch die mimetische Funktion der Musik semantisch versteht,
zeigt sich an seiner Kritik der reinen Instrumentalmusik: Ihier sei es höchst
schwierig zu erkennen, was die von keinen Worten begleiteten Rhythmen und
Zusammenklänge
besagen wollen und welchen der Bedeutung würdigen
Nachbildungen sie zu vergleichen seien (Legg. 669e). Die semantisch-mimetische Vieldeutigkeit solcher Musik macht es unmöglich, auf zweilelsfreie Weise
ihr Ethos zu bestimmen. Denn zur Beurteilung des Ethos einer Musik ist ws
notwendig zu wissen, was da nachgebildert sei (Lege: 669a). Dies ist aber nur
möglich, wenn Harmonie und Rhythmus dem Sinn und Tonfall einer Rede folgen, die im positiven Falle als Mimesis des Tugendhaften (Resp. 3974) ein der
Gesinnung nach geordnetes Gemüt (Resp. 400e) repräsentiert. Die Bestimmung
des Ethos musikalischer Mittel gelingt also nur auf dem Umwege über die Beurteilung ihrer „Angemessenheit" gegenüber ethisch unzweideutigen Sprachinhalten. Setzt der Zweifel an der ethischen Eindeutigkeit einer Musik voraus,
daß sie sich vom sprachlichen Ausdruck trennen und eine ihr eigentümliche
Wirkung entfalten kann, so scheint umgekehrt die Forderung, daß auch die
Musik ein bestimmtes präzisierbares Ethos verkörpern müsse, einer Tradition
zu entstammen, für die die Finheit von Wort und Ton noch selbstverständlich
war, SO uals das Problem, was eine Musik eigentlich „besagen“ wolle, gar nicht
auftreten konnte.
2.2.2. Aristoteles. Kritik des Prthagoreismus im Zeichen des semantischen
Logos
Daß der ethische Gehalt der Musik ın der Zeit der klassischen griechischen
Phulosophie nicht mehr in jedem Falle ‚von selbst" verstanden wurde, zeigt
das Eingeständnis von Aristoteles, daß es nichr leicht zu sagen ist, welches ihre
{der Musik) Wirkung ist, noch wozu man sie üben soll (Pol. 1339a). Das „Wesen“ der Musik wird für Aristoteles aber auch deshalb zum Problem, weil er die
methaphysische Basis des Pythagoreismus-Platonismus nicht mehr als verbindlich anerkennt. Fr entzieht sich der suggestiven Vieldeutigkeit der harmonikalen Grundbegriffe und verwirft die ontologische Auszeichnung der Zahlen als
idealer Wesenheiten. Die Zahl ist für ihn lediglich ein Produkt des abstrahieren«den Geistes. Die aristotelische Ert-Mathemuatisierung der Philosophie” zeigt
sich u. a. darin, daß sich das Interesse vom mathematischen zum semantischen
Logos (lögos semantikös) verlagert, der in die Dreiheit von apophantischer,
wieseinen musikalischen Klungleib auf. (Th. Ceoigtades: Der griechische Rhythmus,
48) K. Gaiser: ebd. S. 317
Page 10
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Pragmatischer und poetischer Rede auseinandergelegt wird?
Gegenüber der platonischen Abwertung der Erscheinungswelt betont Aristoteles die fundamentale Rolle der empirischen Erkenntnis. Da sich auch Astronomie und Harmonik außphysische Phänomene beziehen, müssen ihre Prinzipien in der Erfahrung verankert sein (Phys. II 194 a).
Im besonderen wendet sich Aristoteles gegen die mathematisch-harmonikal
begründete Analogie von musikalischer, psychischer und Kosmischer „Bewegung”. Wenn die Zahl nicht ontolögisches Prinzip Carcht) der Dinge ist, dann
kann sie auch keine qualitativen Entsprechungen zwischen verschiedenen Bereichen des Seienden herstellen. Da sich für Aristoteles die Astronomie auf
physische Erscheinungen bezieht, lehnt er die Annahme einer Sphärenharmonie „reähstisch” mit dem Hinweis aufihre faktische Unhörbarkeit ab (De coel.
119. >90b). Am unsinnigsten ist die Behauptung, die Seele sei sich selbst bewegende Zahl (De an. 408 b); sie ist Ausdruck des pythagoreischen Dogmas,
daß die Zahlen die Urformen an sich und die Urgründe sind (De an. 404 b),
was Platon Jazu verleitet hat zu glauben, daß die Seele nach harmonischen
Zahlen geteilt sei, damit sie angeborene Wahrnehmung der Harmonie besitze
und sich das All in harmonischen Laujen bewege (De an. 406b). Die Ertahru ng
zeigl demgegenüber, daß sich die Alfektionen der Seele nicht a priori einer bestimmten Harmonie zuordnen lassen; ebenso ungereimt BSTZu meinen, die Seele sei das Mischungsverhaltnis (De an. 408a). Aristoteles argumentiert in diesem Zusammenhang nicht nur „empirisch“, sondern auch beerifisanalytisch,
indener zeigt, daß die harmonikälen Begriffe konkret angewandt zu Widerspruchen führen.
Mit den metaphysischen Grundlagen des Pythagoreismus-Platonisinus verfällt auch der mathematisch-harmonikale Musikbegrilf der Kritik. Die Beziehung zwischen Musik und Seele wird nicht mehr als Strukturäquivalenz, sondern als empirisch feststellbare Kausalrelation aufgefaßtl Nun sind die Rhythmen und Tone den wirklichen Naturen des Zorns, ler Milde, der lupferkeit
und Zucht und ihrer Gegensalze und den andern ethischen Dingen außerordentlich verwandt, wie die Erfahrung zeigt: denn wir verwandeln uns seelisch,
wenn wir solches hören... . In den Tönen haben wir eine unmittelbare Nachuhmung der (seelischen) Charaktere, wie sich das fük tisch zeigt: denn schon
die Arı der Harmonien zeigt Unterschiede, so daß wir uns als Hörer beijeder
von ihnen verwandeln und uns unders einstellen (Pol. 1340a). Aristoteles hält
die Wirkungen der Musik für „natürlich“, weil er (ie Abhängigkeit der psychischen „Natur“ von einem lebensweltlich verankerten Sprachverständnis nicht
durchschaut. Berücksichfigt man diesen Umstand, so wird deutlich, daß die
bestimmten Auslegung des semantischen Logos möglich ist. Es sind Analogien
der „Bedeutung“, die die Verbindung zwischen identifizierbaren seelischen
Zuständen und musikalischen Wirkungen herstellen.
Die von Aristoteles angeführten Beispiele zeigen, daß die mögliche Eindeutigkeit der musikalischen Ethos-Darstellung den Bezug auf eine hinsichtlich
ihres ethischen Gehaltes „passende sprachliche Darstellung voraussetzt. Auch
wenn sich die musikalischen Mittel gegenüber der Sprache verselbständigen,
können sie noch mil jenem Ethos assozilert werden, das sie in Verbindung mit
bestimmten Worten traditionellerweise besaßen. Sofern der konventionelle
und damit historisch veränderliche Charakter dieser Verbindung wegen ihrer
selbstverständlichen Geltung nicht bewußt wird, erhält das den verschiedenen
musikalischen Ausdrucksmitteln zugeschriebene Ethos einen Schein von „Natur“. So merkt Aristoteles an, daß es Philoxenos nicht gelang, seine Mythen in
dorischer Harmonie zu komponieren, sondern unter dem Zwang der Natur
selbst geriet er zur phrygischen Harmonie als zur ungemessenen (Pol. 1342 b).
Die dieser Feststellung folgende Berufung auf einen allgemeinen Konsensus
ın der Beurteilung der ethischen Wirkung der Tonarten erweist jedoch den
vermeintlichen Zwang der Natur als die selbstverständliche und deshalb nicht
problematisierte Geltung einer Konvention. Nur solange dieser Konsensus besteht, läßt sich die Annahme einer eindeutigen Entsprechung zwischen musikalischer „Erregung“ und seelischer „Wirkung“ aufrecht erhalten.
In ihrer entwickelten Form ist die Etlioslehre eine Art dogmatischer Hermenceubk, ın deren Rahmen musikalische Kategorien wie Tonart, Klanggeschlecht, Rhythmus, Tempo, Stimmklasse, Art des Instruments etc. hinsichtlieh ihrer ethischen Wirkung spezifiziert sind, ähnlich wie innerhalb der Rhetorik Jie sprachlich-Hiterarischen Stihnittel. Die Tonkunst wird als eine Art Spruche aufgefußt, deren Wortausdrücke in ihrer Einzelbedeutung es zu verdulmetschen gilf".
Was Musik vor dem Hintergrund dieser Hermeneutik „besagen" kann, ıst
durch den aristotelischen Begriff der Mimesis auf die Darstellung einer ethisch
bedeutsamen menschlichen Praxis eingeschränkt°!. Aristoteles räumt ein, dab
Zwar die gesamte Dichtung, aber nur der größere Teil der Flörenkunst und Kitharakunst ıhrein Wesen nach mimetisch sei (Poet. 1447). So erweist sich die
Frage nach der Ausdrucksfunktion reiner Instrumentalmusik — deren Existenzberechtigung Aristoteles im Gegensatz zu Platon offensichtlich anerkennt (Pol.
1339b) - als Crux einer Hermeneutik, die den Begriff der Mimesis in seiner
semantischen Funktion zum Ausgangspunkt ihrer Explikationen macht’?
ethisch-psychologische Begründung der Musik nur vor dem Hintergrund einer
19) ve zudieser Unterscheidung E. Coserin. Die Geschichte ler Sprächphilosophe von
der Antike bis Zur Gegenwart, S. 77
SOIR. Schäfke. chd. 8. Rd
51) Zum anstotehschen Begrilt der Mimesis vgl. E. Grassi: Die Theorie des Schönen ın (er
Antıke,S. 12317
5?) Das hier nur „negativ anklingende Problem einer Hermeneutik „absoluter” Musik wird
Page 11
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)2.2.4 Aristoxenos und seine Rolle als Antipode von Prthagoras
Schäfke faßt den Einfluß der aristotelischen Philosophie auf die Musik theorie dahingehend zusammen, daß Aristoteles der mathematischen Interpretution der Tonkunst ihre empirische Grenze angewiesen habe: Sie wird zu einer
bloßen wissenschaftlichen Hilfsmethode bei Betrach tung der musikalischen
Phänomene eingeengt. Das spezifisch Musikalische innerhalb der sinnlichen
Erfahrung tritt in den Blickkreis. Einer dialektisch-noetischen Spekulation über
Musik isı der Boden entzogen’.
Der Gegensatz zwischen „Kanonikern“ und „Musikern“ wird in der Folgezeit bis zum 18. Jahrhundert immer wieder diskutiert, obwohl sich Aristoxenos
als Repräsentant des aristotelischen Ansatzes innerhalb der Musiktheorie
durchaus nicht so prinzipiell von der pythagoreischen Denkweise distanziert
hat, wie es manche spätere Gegenüberstellung nahelegt.
Festzuhalten bleibt jedoch, daß für Aristoxenos die Mathematik weniger
eine ontologische als eine instrumentelle Funktion besitzt. Mathematische
Überlegungen werden den musiktheorelischen Erfordernissen untergeordnet.
Zahlenverhältnisse, die vom Gehör „ästhetisch” nicht mehr realisiert werden
können, bleiben unberücksichtigt’®. Unmiliverständlich zieht Arıstoxenos
dıe
Grenzen einer rein mathematisch-harmonikalen Betrachtungsweise der Musik:
Um ein musikalisches Urteil zu gewinnen, muß man zuerst die Zusammengehörigkeit der einzelnen Teile der Musik richtig ins Auge füssen. . . : Wer bloß
Harmoniker ist, der ist in enge Schranken eingeschlossen. Überhaupt muß bei
der Beurteilung der einzelnen Teile der Musik unser Gehör und unser Urteil
zugleich mit fortschreiten®. Es gilt, die Musik als Einheit von melischeim,
rhythmischem und poetischem Ausdruck zu begreifen. Nur so läßt sich die
ethische Wirkung auf unser Gemur beurteilen, die doch der eigentliche SelbstZweck der Komposition ist. Die auf Zahlenverhältnisse fixierte Harmonik da
gegen läbt die Bedeutung des (einer jeden Tonarı eigentumlichen) Charakters
unberucksichtigr°. Diese Distanzierung gegenüber dem pythagoreischen Ansalz unterstreicht die Kluft zwischen mathematischem und semantischem Muerst in der Romantik ın seiner ganzen Tragweite erkannt, zu einem Zeitpunkt also, in dem
erstmals hie reine Instrumentalmusik als ‚eigentliche" Manifestation des musikalisc
hen Ausdrucks anerkannt wird.
SI) R. Schäfke: ebal. S. 138
4) Ob Anıstoxenosche „gleichschwebende Femperatur antızıprert
hat. st in der Fiteranın
umstritten. Schalke (8 151) spricht von einer A anäherung, Husinann
48. 39) meint Was
aus Anıstoxenos selbst hervorgeht, ist, daß er tatsächlich törmpertert
wverfährt. Vogel(S. 430)
dagegen behauptet, daß diese Theoretiker der Kersuchung
erlagen, die eigene A nschunung
auf die anrıke Musik zu projizieren, denn die Lehre von Anstoxeno
s habe mir Temperierung
suchts zu fun,
55) Arıstoxenos Bd 1, S. 481
56)a.a.0.,8. 48? und 483
sikbegriff sowie die Unmöglichkeit, synthetisch gewonnene Urteile über die
Wirkung von Musik aus Tonzahlkonfigurationen abzuleiten,
Damit entsteht eine neue philosophische Disziplin: die Lehre von der kritischen Beurteilung (Krisis) der Musik°?. Sie ist gleichsam die früheste Form der
Musikästhetik, auch wenn vorerst die ästhetische Bedeutung der Musik ihrer
ethischen Aufgabe untergeordnet bleibt.
Die aristoxenische Maxime, dafs für den Musiker die Schärfe der sinnlichen
Wahrnehmung nahezu die Bedeutung einer Grundbedingung habe°® und Ausgangspunkt aller musiktheoretischen Überlegungen sein müsse, wird in der neueren Musikästhetik zu einer Frage, an der sich „die Geister scheiden“: Pythagoras und Aristoxenos —- zwei Graubärte, so sich zu Richtern au werfen? — repräsentieren im 18. Jahrhundert den Gegensatz von Ratio und Sensus, der
auch im Zentrum der neuen Erkenntnistheorie steht und schließlich von Kant
im Sinne der „Gleichursprünglichkeit" beider Vermögen transzendental vermittelt wird.
Walther vermerkt 1732 in seinem „Musikalischen Lexikon“ unter dem Slichwort „Aristoxenus“: Dieser Philosophus und Musicus hat zu allererst eine dem
Prthagorae gantz widrige Meynung in Musicis geheger, und daher zu zwo Secten Gelegenheit gegeben, so, daß diejenigen, welche mit Pyrthagora Rautionem vor dem Richter in musicalischen Dingen erkenneten, Canonivi
, und
die, welche mit ihm Auditum davor erwehlet, Harmoniei genennet
worden. Adlung berichtet im Jahre 1758, daß Mattheson sich eine Ehre duraus
mache ein Aristoxenianer zu seyn, und daß er sich an etlichen Orten den jüngern Aristoxen nenne‘°. Den im Zeichen der neuen Ästhetik geführten Angriffen Matihesons gegen die Canonische Anatomie®! der Musik steht auf rauonaIistischer Seite die Verteidigung des pythagoreischen Ansatzes durch Diderot
in den „Allgemeinen Prinzipien der Akustik" gegenüber: Die Musik hat.
unverunderliche Prinzipien und eine Theorie das ist eine Wahrheit, die
schon
den Alten bekannı war. Pythagoras schuf die erste Grundlage zur Lehre vun
den Tönen. Er wußte nicht, wie das Ohr die Beziehungen der Töne aufnimmt:
er täuschte sich sogar über die Grenzen dieser Be: iehungen, aber er entdeckte,
daß ihre Wahrnehmung die Quelle des musikalischen Wohlgejallens ist. Aristoxenos, der in der Lehre des Pythagorus die wahren Prinzipien nicht herausfand,
betrachtete eine Methode als Jalsch, die lediglich noch mangelhaft war, beschaftigte sich also auch nicht damit, sie zu verbessern, schloß vielmehr aus der
Komposition Zahl und Rechnung aus und verließ sich bei der Auswahl und
ST)vgl. Inerzu R. Schälke: ebd., S. 105
58) Arıstoxenos Bd. I, S. 441
59) J. Adlung: Anleitung zu der musikalischen Gelahrtheit, $. 32
60) a.a.0., S. 34
61) So die Überschrift des vierten Teils von Matthesons „Uritica Musica“
Page 12
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)der A ufeinunderfülge der
Konsonanzen allein auf da
s Ohr. Man kann ulso sagen, daß sich Prthagoras
tausch te, indem er zuviel
au
f seine Proportionen gab,
Aristoxenos aber, indem
er sie auf nichts reduziert
e": In seiner 1759 erschienenen „Knitischen Einlei
tung ın die Geschichte und
Lehrsätze der alten und
neuen Musik" diskutiert
Marpurg die Kontroverse
zwi
schen Pythagoras und
Aristokenos am Beispiel
des Problems der Abgren
zun
g
von Konsonanz und
Dissonunz: Wenn Piirhago
ras den £Zühlen vor dem
Geh
ör
den Vorzug gab, so
NTesgar wicht zu
verwundern, daß dersel
be nie
ht hinter die walren
natsrlichen
Verhältniße der Interval
len kommen Konnte. Er
untersuchte NICHT, was
Rationen 3.4:6 für eine
die
Wirkung auf die menschlic
hen Ohren thaten. Das
mußte sich bei ihm nac
Ohr
h den Zahlen richten, und
, weil er sich, dem Vor
/e der Alten für den Qua
urtheiternionem zu F,olge, vor
genommen hatte, alle ein
Rarionen, die diesen Umf
fache
ung überschritten, für diß
onirend zu erkennen: so
ten die Zahlen 3:4:6 folg
har
lich das Unglück, von der
A nzahl seiner Consonanz
ausgeschloßen zu werden
en
... Man härte denken
süllen, daß, als die Prthag
sche Secte von dem A ris
ori
toxenus verdrungen, und
die A rithmeuik auf ihr
Throne erschüttert ward,
em
die Verzen und Sexten
ein sanfter Schicksal hät
erfahren mußen. Aber 4
ten
ristoxenus, der auf das
Geh
or pochte, hatte gleichwohl noch nicht Gehör
genung, diesen Intervallen
R echt wiederfahren zu
Ben. Wenn er gleich
lain seinem chromatischtoniäischen Geschlech
t den Ohren
eine kleine Terz in der
Ration 6:3 vorstellte: so
Ran ihm, weil er seiner
weichung von den Prrhha
Abgoraern ungeachtet, noc
h an den vier ersten Zah
fingen blieb, diese 6 3
len
gleichwohl nach nicht con
sonirend vor®. Marpurg
lert mit dieser Argumenta
fietion unfreiwillig einen
Beweis für die Historizität
des Kunsonanz-Begrifts.
Seine Berufung auf die
„währe“ Natur, nach der
Terzen und Sexten als Kon
auch
sonanzen betrachtet wer
den müssen, und sein Vor
Wurl, Arıstoxenos habe
sich den Forderungen dies
er Natur durch dogmäatis
Annahmen entzogen, ist
che
eDentälls Ausdruck eine
s Vorurteils daß sich in
musikalischen Rezeption
dei
u numttelbar bestimmte
natürliche Grundlagen der
Musik widerspiegeln und
der geschichtliche Wandel
in der Konsonanzauflassun
lediglich auf den Umstan
g
d zunickzulühren Ist, dals
erst
ım Zeitalter der Aufklärung diese Natur adä
quat erkannt werden konnte
.
101
2. Neuplatonismus und Mitt
elalter:
Musik als Chiffre einer transz
aufgrund der selbstverstä
„Bedeutung“ musikalischer
Strukturen wird jedoch
ndlichen Geltung bestimmte
r überlieferter EthosZuschreibungen Jogmatisc
h festgeschrieben und in
ihre
r möglichen Komplexität auf eine relativ kleine
Anzahl „typischer“ Züge
redu
zier
tss,
Der Vorzug größerer Näh
e zum Phänomen, die der
sem
ant
ische gegenüber
dem mathematischen Mus
ikbegriff besaß, Konnte
alle
rdin
gs
nich
t verhindern,
Jaßs sich der Pythagoreisc
he Ansatz historisch zunäch
st als wirksamer erwies.
Nur die über allen Zweife
l erhabene mathematisch
e Erkenntnis schien die
siktheorie dauerhaft als
Mueine Wissenschaft erhalten
zu
können, in der Sichere
und unfehlbare Erkenntni
s herrschi**, die den mög
lichen Veränderungen im
praktischen Bereich entzog
en war.
Im Neupythagoreismus und
Neuplatonsmus erschein
t die Musik wieder
prımar als Chiffre cıner
franszendenten Ordnung,
ıhr
Eih
os als Ausdruck der
harmonikalen Entsprech
ung von musikalischer und
seel
isch
er „Bewegung“.
Die Kluft zwischen „Si
nnlicher" und „intelli
gidler" Musik verschär
ft sich:
Zwar wird durch die sys
tematische Ordnung des
Klangkontinuums der ung
wisse Charakter der Sinnes
ewahrnehmungen im Prinzip
überwunden®”, die kon64) Außer auf R. Schä
tke (Teil VD und
BD. Diderat: Ästhetis
che Schritten Bd. 1. S. 191
63) P.W. Marpurg: Krit
ische Einksitung S 1471
endenten Ordnung®*
Die Vertreter des mathem
atisch-harmonikalen und
des ethisch-semantischen
Musik begriffs treifen sich
in der Überzeugung, daß
es jeweils um Wahrheiten
gehe, die im unveränderli
chen „Wesen“ der Sache
begründet sind. Der Unterschied von historisch-kultu
rell bedingter Norn und
Naturgesetz ist ihnen nich
bewußt. Auf der einen Seit
t
e kaschiert die Autorität
der Mathematik als Garant
einer ewipen Ordnung den
möglichen Wandel in der
Auffassung von Tonzahlkonfigurationen. Das mat
hematische Präzisionsideal
täuscht über die hermeneutische Vieldeutigkeit
der Beziehung von Quanti
tät und Qualität hinweg.
Die Stringenz ein facher
mathematischer Prinzipi
en überlagert die schwer
überschaubare Mannigfaltigkei
t der Kriterien, mit denen
musikalische Strukturen
beurteilt werden können
.
Gegenüber den Pythagore
ischen Abstraktionen besi
tzt die Ethoslehre zwar
einen Bezug zur Praxis; die
H. H. Egpebrecht sei
Musikanschauung des Mitt
verwiesen auf! A. Aber
r:
elalters, und G. Pietzsch
: Die Musik im Erziehun
dungsideal des ausgehend
gs- und Bil.
en Altertums und frühen
Mittelalters
65) Das Problem der Gesc
hichtlichkeit musikalische
r Ausdruckscharaktere
lich negativ in der vor alle
erscheint ledıgm durch die Fragmente
Philodems belegten Skep
der Verbindlichkeit der
sis gegenüber
Ethoslehre. (Vgl. R. Schä
fke Teil IV, H. Abert (Leh
über die „formalistische
re von: Ethos)
Richtung“ und A. J. Neu
becker.) Nach Philodem
der Musik eine Folge der
ist die Wirkung
durch die begleitenden
Dichterworte nahegelegten
66) Arıstides Quimtili
„doxn".
anus $, 165
67)a.a.0.,$. 308
Page 13
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)krei erklingende Musik verliert jedoch durch die Mischung mit der körperlichen
Materie die den Zahlen anhaftende Genauigkeit und höchste Erhabenheit, was
wiederum bedeutet, daß die Musik nur in den überirdischen Regionen genau
und richtie stimmt und unverdorben ist®®.
Das empirische Faktum der Abweichung „materieller“ Intervalle von den
„reinen“ Zahlenverhältnissen wird durch den wertenden Gebrauch des Reinheits-Begriffs in den ınetaphysischen Gegensatz von schmutzig-schlammiger
und rein-unverdorbener Weltregion verkehrt®”. Schönheit in der Musik kommt
einzig dem unsinnlichen in künstlerisches Maß gefaßten Logos zu”®, - als Abbild der Schönheit des Kosmos; denn (er Schöpfer hat all das, was wir sehen,
durch unsichtbare Kunstmirttel zusammengefaßt und jede Seele durch Verhält-
104
den Ganzen betrachtet werden muß, so kann aus neuplatonischer Sicht auch
die harmonische Weltordnung nur dann Bestand haben, wenn jeder an seinen
Platz gestellt ist, wenn er also einen widrigen Ton im Dunkel und im Tartarus
von sich gibt, denn hier ist gerade ein solcher Ton schön. Und so ist das Ganze
schön, nicht wenn jeder ein Stein ist, sondern wenn er seinen ihm eigenen Ton
mitbringt und beitragt zu der einen Harmonie, indem er gleichfalls sein Leben
ertönen läßt, wiewohl ein geringeres, schlechteres und unvollkommeneres’”.
Aufl’ solche Weise gebraucht dient der Jlarmonie-Begriff schließlich auch zur
iWeologischen Rechtfertigung der mittelalterlichen Ständehierarchie: Harınonie entsteht nämlich nicht nur bei Tönen, die nach den entsprechenden Zahdenkende, berechnende Vernunft, Idee und Eins ist mit dem Weltbaumeister
lenverhältnissen zusammengestellt sind, sondern auch bei anderen Dingen, die
richtig geordnet sind... . Die ganze Schöpfung, die nach der Ordnung Gottes
gefügt ist, ist zwar im einzelnen verschieden, aber eine Harmonie alles Geschafidentisch”!
fenen”’. Konsonanz wohnt demnach jeder Kreatur inne, auch den Ständen
nisse der Harmonie Kunstvoll gestalter. Der 1.0g0s in seiner Vieldeutigkeit als
Hier liegt der unmittelbare Anknüpfungspunkt für die christlich-theologische Umdeutung des harmonikalen Denkens. Christentum und Neuplatonismus treffen sich in ihrer sinnenfeindlichen, auf Chiffren der Transzendens ausgerichteten Intention. Diese Affinität ist für die außerordentliche ideologische
Bedeutung verantwortlich, tie der antıken Musikspekulation über Jahrhunderte
hinweg zukommt.
Aus solcher Gesinnung heraus fordert Augustinus eine geistige Berechnung
der in Zahlen tönenden Welt", um aus den niedrigeren Schichten des veränderlichen Seienden zu jenen seinen Proportionen Zu gelangen, die in der unveränderlichen Wahrheit selbst ihren Ursprung haben”. Der theologische Hintersinn einer solchen Berechnung zeigt sich in der Hoffnung, daß unser ganzes
Leben wieder seine Richtung zu Gott erhalten und dem Körper die Zuhlen der
Gesundheit geben wird, ohne von ihm Lust zu empfangen”. Auf diese Weise
wird die aller ästhetischen Verlockung entsagende Seele durch das Prinzip der
Zahlen und der Ordnung, das sie in den Dingen liebt, zur Liebe Gottes aufge:
rufen”.
Neuplatonisches Gedankengut ist vor alleın die Anwendung des HarmonieBegriffs auf die hierarchische Ordnung des Stufenkosinos, die dem scholastischen Ordo-Ideal entspricht. Wie das System der Musik dadurch charakterisiert
ist, daß jeder Ton nicht an sich selbst, sondern als Funktion eines übergreifenverschiedener Menschen”®.
Die mittelalterliche Hochschätzung der Musik als vornehmste aller Wissenschaften”, ohne die keine undere Wissenschaft vollkommen sein kann®®, lolgt
unmittelbar aus der Auszeichnung der reinen intelligiblen Harmonie. Denn Pythagoras hat die Grundlagen der Musik nicht durch ein empirisches Urteil gewonnen, in dem Keine Feinheit zu finden ist, sondern durch vernünftige Überlegung®'. Unsinnlich ist auch die der Musik zukommende Schönheit, da nichts
anderes dem Geiste gefällt... uls die rationalen Verhältnisse verschiedener Intervalle, die, miteinander verglichen die Süße der Musik ausmachen®”. Die metaphysische Dignität der Musik besteht darin, daß sie exemplarisch zeigt, wie
die Einigung der gesamten Natur aus verschiedenen und einander entgegengesetzten Dingen zustandekommr"”. Die Kehrseite dieses hohen Ranges der Musik als sarionaler Wüsenschaft von zusammenstimmenden und sich ausschlieBenden Tönen nach Maßgube der Zuhlen®® ist ihre mangelnde Beachtung oder
gar Verachtung als praktische Kunst und sinnlich-ästhetische Erscheinung”
76) Plotin, zit. nach Phriogner 8. 68
77) Othlo v. St. Emmeram, zit. nach Assunto S. 149
78) Othlo v. St. Emmeram, zıt. nach Plrogner S. 1201; vgl.D. Zoltai S. 89
79) Thomas v. Aquin, zit. nach Pfrogner S. 133
80) Isidor v. Sevilla, zit. nach Assunto 8. 137
68) 4.2.0.8. 3. 2 und 323
69)a.a.0.,58.3 Y
70) a. 4. 0.,5. 160
’a.4. 0... 163
72) Augustinus S. >51
81) Adelard v. Bath, zit. nach Assunto S. 165
82) Scotus Eriugena, zit. nach Händschin S. 159
83)a.2.0., 5. 15%
84) So die Definition der Musik in der „Musica enchiriad
is”
85) H. H. Eggebrecht hat darauf hingewiesen, daß während des ganzen Mittelalters neben
der mathematischen Definition der Musik, die sie in das Quadrivium einreiht, auch eine
73) Augustinus. Überschrift des sechsten Buches von „De musiva”"
thetorische Definition existiert, die die Beziehung der Musik zum Trviam der sprachlichen
74) Augustinus S. 251
Wissenschaften und damit ihre praktische Seite - den „Vortrag“ — betont (S. 30611). Von
einer Rückwirkung dieser Definition auf die philosophische Begründung der Musik ist aller-
75)a.2.0.,8 263
Page 14
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)In seiner strengen „äsketischen“ Form manifestiert sich der philosophische
Musikbegriff des Mittelalters noch einmal bei Cusanus, bei dem jedoch schon
das später für den Rationalismus charakteristische inethodologische Ideal einer
nach mathematischer Denkweise verfahrenden Vernunft in den Vordergrund
rückt. Der mathematische 1.0g0s wird zur Grundlage aller philosophischen Forschung erklärt, und zwar unter ausdrücklicher Berufung auf Pythagoras, er in
der Kraft der Zahlen das Konstitunioms- und Erkenntnisprinzip von allem gewahrt hat”“. Zebt man namlich die Zahl auf, so verschwindet die Unterscheidung, die Ordnung, die Proportion, die Harmonie der Dinge und damit die
4. Das Zeitalter der naturphilosophischen Spekulation:
Musik als tönende Materie”
4. 1. Kündigt sich bei Cusanus schon der „geometrische Geist“ des Rationalismus an, so äußert sich die qualitativemystische Seite des pythagoreischen
Zahlendenkens vor allem in der Naturphilosophie der Renaissance, deren Protelligiblem Urbild denkt Cusanus analog der Approximätion des Vielecks an
bleinstellung noch das Denken von Fludd, Kepler und Kircher beein lußst”®.
Zahlen und Proportionen werden wieder wie in den Anfängen des Pythagoreismus als „Wesenheiten“, häufig stärker noch: als Modifikationen einer pantheistisch verklärten Welt-Materie aufgefatst. So kommt es zu einer merkwürdigen Verbindung zwischen der ontologischen Auszeichnung der Zahl ad der
den Kreis. Weil diese Näherung ins Unendliche weist, ohne dafs es je zu einer
Identität von Abbild und Urbild käme, bleibt die ontologische Kluft zwiihr ursprünglich widerstreitenden aristotelischen Überzeugung von der Irreduzibilität materieller Qualitäten, durch die der musikalische Ton zum Gegenschen „Erscheinung“ und „Wesen“ erhalten. Auch in der Musik gibt es keine
stand der „Physik“ erklärt wurde”.
Vielheit des Seienden selbst”. Das Verhältnis von sinnlichem Abbild und in-
Prazision. Kein Ding stimmt mit dem andern in Gewicht, Länge und Dich tig-
Die harmonischen Proportionen sind in allen Bereichen des Seienden verkeit überein, und zwischen den verschiedenen Tönen von Fisteln, Glocken,
borgen; sie durchwälten Mikrokosmos und Makrokosmos. So enthält der
Mensch als eine Welt im Kleinen... alle Zahlen, Maße, Gewichte, Bewegungen, Elemente, kurz alles, was zu seiner Vollendung gehört, in sich. Der
Menschen und Instrumenten dußt sich Keine präzise harmonische Proportion
herstellen, die nicht noch präziser sein Könnte. Eine präzise Proportion besteht
daher nur rational; in der Sinnenwelt ist auch die schönste Harmonie nicht
menschliche Körper setzt sich gemäß der Ordnung der musikalischen Konsoohne Mangel, weil sie dort nicht zu finden ist®. Wiederum wird das empirische
Faktum der Abweichung von reinen Zahlenverhältnissen normativ als Zeichen
eines Mangels an Sein gedeutet und die Erfüllung eines methodologischen Ideals zuin Kriterium metaphysischer Vollkommenheit erhoben: /n der Einheit
ist alle Zahl complicite, in der Zahl alle Proportion und Vermittlung, in der
Proportion ulle Harmonie, Ordnung und Einklang, somit alle Schönheit, die
in Ordnung, Proportion und Einklang sich abspiegelt®®.
89) vgl. Nierzu E. Bloch: Philösophische Aufsätze, 5. 5 14fl und K. Meyer: Bedeutung und
Wesen der Musik, Kap. 3 und 4.
Y0) Im Bemühen, abgegoltenen Mythus von nachdenklich gebliebenen Idealbildern zu unterscheiden, betrachtet Bloch die im Zentrum der naturphilosophischen Spekulation stehende Idev einer rönenden natura naturans als Lösungsversuch des vergessenen PylhagorusProblems einer nicht nur quantitativen, sondern qualitativen Mathematik sowie des dumit
zusammenhängenden, obwohl utopischen Problems eines Kosmos wie große Musik (8.
SI). Den uneingelösten Anspruch dieser Idee erkennt Bloch in der Möglichkeit eines
Begriffs von „Natur, dereiner underen Gesellschaft als der ulles entqualifizierenden, einer
underen Nuturbeziehung als der ulles mechunwierenden angehört (6. 529). Dee Krwartung
ware an dem Sinne zu spezitizieren, dab cs such hics an um einen an menschlicher Praxes
wirksam werdenden ästhetischen Naturbegrif handeln kann, mcht gedoch um Jen
pseudowissenschaftlichen eines irrationälen Neupythagoreismus.
91) Die stärkere Berücksichtigung des „uahlativen” Seite der Musik mmplwaert che Üben
nahme der anıstotelschen Wissenschaltseintetlung. So endnen Lnzyklopadinten wie FL iwigms
dings wer zu verspüren. Anstoteliker wie Johannes de Grochess und Roger Bacon, die gezei die Zahlenspekulation und die Annahme cıncı Sphärenhaimemie bzw. Leib-Seele-Harund Bilstennis gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Musik nicht mehr ın das Quadrivmın
der mathematischen Wissenschaften ein, sondern zusammen mi Optik, Astronomie, Lover
ment Zu Felde ziehen, vn den Primat der konkret erklingenden Musik zu bekräftigen,
graphie und Medizin indie „Physica”. Während die Mathematik als Wissenschaft von der
können nicht verhindern, daßs ver Pythagoreismus über das Mittelalter hinaus seine beherrschende Stellung behauptel
K6)Cusanus Bd. 1, 5,9, Cusanus beruft sich nn. a. auf che von Pythagoras entdeckte dreifaltige Finheit (1, 31) und läßt damit die ursprüngliche Auszvichnung der Vierzahl (Tetraktys)
zugunsten des christlichen Tranıtätsgedankens ın den Hintergrund treten. (Die Einheit ist
Dreiheit, denn sie bedeutet Ungeteiltheit, Unterscheidung und Verbindung. I, 39)
87) Cusanus Bi. 1,8. 21
„Quantität“ den numerus sonorus zum Gegenstand hat, beschäftigt sich die Physik al Wir
senschaft von der „Qualität” mit der qualitas audibilis der Musik. (ef. K. W, Niemöller: Zur
88) Cusanus, zit. nach Ptrogner S.
in Ansehung Ihres Gebrauches. Dieses heißt die musikalische Critik. (F.W. Marpurg Anlangsgründe $. If)
8Ba)a.a 0.8.
1438
14)
Musiktheorie ..., 8. 23/7)
{m 18. Jahrhundert kommt als dritte der „philosophischen" Betrachtungsweisen die kr
tisch-ästhetische hinzu: Der philosophische Theil der Musik beschäjftiget sich mit der Betrachtung der Töne, entweder 1) in Ansehung ihrer Natur. Dieses heißt die physische Tonkunde, ?) in
Ansehung ihrer Verhältnisse. Dieses heißt lie mathernatische Tonkunde. 3)
Page 15
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)nanzen (Oktave, Quinte und Quarte) zusaminen”?.
Fludd hat die Vision eines zwischen Himmel und Erde gespannten Weltenmonochords, dessen Saite die Materie selbst ist, das von der Weltseele bzw.
den wesenzeugenden Licht gespielt wird”,
Gegen solchen Paracelsismus der Chymiker und Hermetiker wendet sich
Kepler unter Berufung auf che Öberlegenheit der tplatonischen) Geomelnie”®,
Dies hundert ihn jedoch nicht daran, sich seinerseils in harmonikalen Zahlenspekulationen zu ergehen, diean Kühnheit und empirischer Unmotiviertheit
auch Elemente des cartesianischen Rationalismus - insbesondere seine Psychologie — übernommen; ignoriert wird dagegen dessen aufklärerischer Impuls:
die Forderung, alle überlieferte Wahrheit infrage zu stellen und Gewißheit allein in einer methodisch kontrollierten Vernunfterkenntnis zu suchen. Die
Harmonische Metaphysik” bleibt als Verklärung einer christlich verstandenen
ewigen Weltordnung, deren Prinzipien nicht zuletzt die sich auflösende feudule
Gesellschaftsstruktur ıdeologisch rechtiertigen, der einigende Hintergrund der
Musikphilosophie. Auch die neuen akustischen Forschungen bleiben zunächst
denjenigen Fludds kaum nachstehen”®. Vom pythägoreischen Ansatz distanin die harmonikale Grundansicht eingebettet. So versteht Mersenne seine Akuziert sich Kepler nur insofern, als er den Wert der Arıtımetik gering schätzt
und demgegenüber ein geometrisches Verfahren propagiert: Also daß es einer
stik primär als Beitrag zur Bestätigung der Harmonie Universelle und verfolgt
das Ziel, unsere Seele zu der glückseligen Vereinigung mit dem Urbilünd Uruuß meinen Gedancken ist, ob nicht die gantze Natur und alle himmlische Zierligkeit in der Geometria symbolisirt sey. Daher enthält die Geometrie auch
quell der Dinge durch die Betrachtung ihrer unsterblichen Gedanken zu erheben!®. Es gelte, den Nutzen der Harmonik für das spirituelle Leben zu erweidie eygentliche Ursachen der Coneordantien in der Musica. Die wahren Ursasen, aber auch für Kriegskunst, Moral und Politik.
chen sind bei den Pyrhagoreis oder Aristotelicis nicht zu finden, weil sie die
Rolle des Kreises für die Begründung der harmonischen Proportionen nicht
erkannt haben”.
Keplors musikphilosophische Originalität (die nichts mit wissenschaftlichem
Fortschritt zu tun hat) liegt darin, daß seine harmonikalen Behauptungen die
musikgeschichtliche Entwicklung berücksichtigen, womit er, ohne sich dessen
bewulst zu sein, die angenommene Zeitlosigkeit harmonikaler Wahrheit infrage
stellt. „Harmonie“ erscheint bei ihm vor allem als Ausdruck der Einheit polyphoner Musik”?, die urpythagoreische Polarität von hartem männlichen und
weichem weiblichem Prinzip als Dualismus von Dur und Moll, u. a. versinnbildlicht an der Ehe zwischen Erde und Venus”
Das auf die Intuition verborgener Qualitäten zielende Denken der „Hermetiker” wirkt im 17. Jahrhundert vor allem in Deutschland nach. Dabei werden
9.7 Aguıppa v. Nettesheim, Zit. nach Pirogner S. 154
IR. Fludd, zit. nach Pirugner S. 16}
94)cH. Stichwort „lud an MGG (S. 440), R. Dammann (5. 405) zitiert Werckmeisters
Berufung auf Kepler, dieser bewense, daß GOr den Archerypus Coelorum wie die 3 regularen Cörpern (Platons) gebildet.
98) Schäfke (8. 230) bemerkt ın diesem Zusammenhang zu Recht
Der Umsturz des
Ptolemaischen Weltsystems durch Kopernikus hat zwur Einzelhriten der tradinionellen
Sphärenharmonie zerstört, daß er aber ihre formale, philosophische Orundauffassung nicht
zu berühren brauchte, dafür ıst gerade der Astronom Kepler ein Beweis.
Bloch sieht Keplers Bedeutung und kıgenart darin, daß es für ihn noch einen eigenen
Klang ın Zahlen gab, worin inneres Leben des sogenannten töten Draußen widerhallte. Dieser Klang selber, nicht nur das mechanisch aujgeschlagene Buch der Natur, war ın Zahlen
geschrieben, harmonisch all das
All durchdringend. (5.522)
96) J. Kepler: Warnung an die Gegner der Astrologie, 8. 143 und 89
97) So erklärt die Überschrift des Kapitels Vil der „Harmonices mundi”, daß es Gesamt
harmonien aller sechs Planeten gleichsam als gemeinsame vierjache Kontrapunkte gibt.
38) Zus Kritik an Keplers Zahlenspekulationen vgl. J. Handschin: ebd., S. 1621
4. 2. Kirchers „Harmonische Metaphysik
Exemplarisch zeigt sich die eigenartige Verbindung von Mystizismus und
Rationalismus in der Musurgia Universalis von Athanasius Kircher, in der alle
Motive der harmonikalen Musikspekulation zu einem „phantastischen“ System
zusammengeschlossen sind.
Im Mittelpunkt dieser metaphysischen Apotheose der Musik steht «lie These, daß die Natur und die guntze Welt nichts anderster zu seyn scheinet, uls ein
vollkommene Music, und Musicalische Harmonie (252). Durch die harmonısche Proportion wird alles ordentlich disponiret und erhalten... Dunn wann
wir alle gradus der natürlichen Ding durchgehen, befinden wir in allen verborgene consensus & dissensus, Natürliche Ein- und Wiederstimmung, leges ori
& umicitiae, dardurch alle Sachen mit einem freundlichen concursu vereiniget,
und mit einem feindlichen disjungiret werden (253).
Diese oAkulte Harmonie (293) begegnet auf allen Stufen der kosmischen
Ordnung: im harmonischen Concent der Himlischen Cörper (271), ın den die
Harmonie der Fixsterne als chorus chororum einsummt (274), aber auch in der
Elementarischen Welt, deren Harmonie wir gewißlich vernehmen würden, wann
Gott unser Gehör extraordinari verstarcken sollte (299).
Summa, es ist kein
Kraut, das nicht mit einem andern consoniret und dissoniret (300).
Der Mensch als Kleine Welr (258) ıst Ort eines mächtigen consensus Zwischen
der Harmony und den Lebens-geistern (167). Da der Mensch ein soziales Wesen
ist, ist seine mikrokosmische Ordnung ın die Regier-Welt-Music integriert
(332); denn gleich wie in der Music die Harmony entstehet aus underschidlichen tonis, also die Welt-Harmony bestehet aus hohen, niedern und mittlern
99) A. Kircher: Musurgia universalis, S. 344
100) M. Mersenne, zit. nach Stichwort „Mersenne“ in MGG (Sp. 132).
Page 16
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Ordnungen, die stimmen all zusammen, damit das bonum publicum erhalten
werde. Summua, was in der Musik die Harmony, das ist im
gemeinen Weltwesen
die Einigkeit (332). Wie die Seele den Leib beherrschen soll, so der
Monarch
seine Untertanen (333). Da finden sich Herrschende und Gehorche
nde, Reich
und Arme, Edel und Gemeine, Gelehrt und Ungelehrte, und noch andere
Stand,
Grad und Person mehr: daraus wird aber ein schöner Concent, ein
tebliche
Harmony, und gleich wie in der Music ein Stimme der
'
der als Zahlenverhältnis verstandene mathematische Logos: Alles
andern hilft, wann laukönte auch
das Gemeine Wesen nicht bestehen, wann wir alle gleich wären (3331).
Die
Hierarchie der Töne dient Kircher also zur Rechtfertigung der
feudalen Gesellschaftsordnung, politische Unterdrückung und soziale Ungleichh
eit werden
musıkphilosophisch legitimiert, die Demokratie als Herrschaf
t des Pöbels mit
dem Chaos gleichgeseizt (335).
Die feudale Weltordnung versinnbildlicht wiederum die göttliche
Weltordnung, denn Gott hat wie ein verstandiger Organist t 254) die Creaturen
in underschidene ordines und Reihen gleichsam als in gewisse registra
ein- und abgetheilt (255). Die Natur ist Gortes Kunst, die den allmäch tigen wunderba
ren
Werckmeisigr als die hochste vollkommenste monadem uler Einigkeit,
so
gleichsam sichtbarlich und empfindlich vorstellt (254).
tus, ist er proportionirt, so afficirt er die Seel und das Gehör wohl, ist er
uber
disproportioniret, so ajficirt er übel und das sind die erste fundamenta
vonsoni & dissoni (150}. Auf dieser Grundlage versucht Kircher, die versch tedeaen
musikalisch erregbaren Affekte mit den Tonbeziehungen innerhalb der diatonischen Skala zu korrelieren. Die Ursach aber dieser gantzen Diversität
ist der
unterschidene motus und situs deß seritonü durch die Octav, und hat
duch
seine nuturliche Ursach,. Dann wird es zu letzt oder zu A nfangs gesetzt.
aufuuch die
folgende t10nos ein, daher entstehen weiche Gemuts-Bewegungen, Lieb, Traurigkeit; wird es aber mitten gesetzt, so verursachets ein Künheit, Ernsthafrt
igkeit, weil die mollities deß semitonü von den vor- und nüchgehenden
tonis also obtundirt und gedämpft wird, daß sie ihre Kraft nicht auslassen kan,
sondern muß ein andere an sich nehmen (140).
ader absteigend, so wirds enwus weich, und nimmt mit seiner Weiche
aller
in sich begreift,
Da Gott alle Dinge
nach Maß, Zahl und Gewicht erschaffen It, findet sich in
«der Welt die allerrollkommenste Symphony und Zusammensuimmung 254).
Von der Narurulmusik ist die Artificialmusik zu unterscheiden,
die wiederum in einen praktischen und einen theoretischen Teil zerfällt
(72). Die theoretische Musik ist eme vollkommene Wissenschaft, die in der Mathemat
ik ihre
principia aeternae veritatis haı (149). Wie die Vernunft höher steht als der
Sinn, so übertrifft die Wissenschaft die Kunst. Allerdings ıst ratio
für sich genonimen unvollkommen und bedarf einer Ergänzung durch
sensus (72).
Folgt Kırchers Klassifikation hier der - aristotelisch
modifizierten
Kirchcs „mechanstisches" Modell der Bezichung zwischen Musik
und Atfekt muß jedoch dem Unistand Rechnung tragen, daß derartige Beziehung
en
in concreto durchaus nicht eindeutig sind. Daß ein tonus bei allen einerlei
uffectum haben, und gleichen Affecı bewegen solle, ist nicht müglich, weil die
subjecta nicht einerlei seyn, nicht einerlei Temperament haben (152).
Die Alfektenlehre muß daher mit der Temperamentenlehre zu einer Einheit verschmolzen werden. D. h.: Der durch die Musik bewegte Lebensgeist vermischt
sich mit den verschiedenen Auemores und rapores des Körpers. Die sechsche
Wirkung der Musik wird also mitbestimmt durch das dem jeweils vorherrsc
henden Temperament entsprechende Verhältnis der inneren Säfte und Dämpfe.
ls ist folglich zu unterscheiden zwischen dem stplus impressus einer Musik,
Überlielerung, so setzt seine Begründung der psychischen Wirkung
von Musik insolern einen neuen Akzent, alser den Zusammenhang von musikalis
cher und
sechscher Bewegung" mithilfe der vartesianischen Psychologie
nahezu meehanıstisch zu erklären versucht,
Unter Berufung auf das Phänomen der mitklingenden Resonanzs
aite postuhert er eine der „äußeren“ Schwingung des Instruments entsprechende
„innere
Schwingung der Seele, die dadurch ermöglicht wird, daß
die durch den Ton
erzeugte Lufibewegung eine analoge Bewegung der inneren
Luft
des seelischen Pneurnas — bewirkt, die sich ihrerseits als Alfekt
(„Gemütsbewegung“)
oder als außerliche Leibs-Bewegung (um Tanz) objektivie
ren kann (136). Da
die Seele selbst als reiner Geist keine proportion zu den sonis
haben kann,
wirkt der Ton unmittelbar nur auf den spiritus animals, weicher
der Seel Instrument ist, und der, weil er ein gar subtiler blutreicher Dampf
ist, gar zarı
das aber, was
einen sonum von sich gibt, schließt die Bewegung deß Lufis in sich, diser moter unisonae zusammen stimmeten, wäre es kein Harmony: also
Numeren Proportion mit ihrem unbegreiflich-weiten centro
und beweglich, gar leichtlich von dem harmonisch geregten Luft angegriff
en
wird, wodurch die Seele, wann sie solche Bewegung fühlet, underschi
dliche
uffectus herfürbringt (165).
Das zwischen Musik, äußerer und innerer Luft bewegung, Lebensgeist, Seele,
Alfekt und Leibesbewegung vermittelnde Prinzip ist wie schon in der Antike
der von deß Menschen seinem natürlichen Temperament dependiret
, und dem
styrlus expre yıus als dem allgemeingültigen Kanon musikalischer Aflekterz
eugung!"
\
1Ol) Um zu erfahren, zu welchen Alfekten eine bestimmte Komposition erstlich
ponisten selbsten, darnach ihre Zuhörer inclinieren würden,
die Comhat Kircher eine Reihe von Musikertm aufgefordert, verschiedene vorgegebene Alfekte musikalisch
darzustellen, - ein „vinpitischer“ Validierungsversuch, der an ınanche „Psycholngischen Experiment
wart erinnert, mit deren Hilfe man die Wirkung von Musik zu „inensen“
e“ der Gegenversucht. (S, 157)
Page 17
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)5. Rutionalismus. Mathematische Analysis als methodologisches Ideal
und das Naturfundament der Musik"?
3. 1. Die Ableitung des ästhetischen Wohlgefallens aus der mathematischen
Struktur
Kircher ist zwar von der cartesianischen Psychologie beeinflußt; das magischmystische Fundament der „Musurgia Universälis“ ist jedoch dem Geist des Rationalısmus entgegengesetzt.
In die Begründung der rationalistischen Plulosophie und der neuen Naturwissenschaft geht nur noch der Aulbe Prihagoras (Bloch) ein: Die Zahlen gelten nicht mehr als besondere „Wesenheiten‘“, die eine okkulte Harmonie der
Dinge stiften, sondern sind im Gegenteil ein Instrument, um qualitativ Verschiedenes auf bloße quantitative Bestimmungen zu reduzieren. Descartes betont, daß er Keine undere Materie der körperlichen Dinge anerkenne, als in jeder Weise teilbare, gestaltbare und bewegliche, welche die Geometer als Größe
bezeichnen, und dal er in ihr nur diese Teilungen, Gestalten und Bewegungen
beuchte und nichts an ihnen als wirklich anerkenne, was nicht aus jenen Gemeinbegriffen, an deren Wahrheit man nicht zweifeln kann, so klar abgeleitet
wird. daß es uls mathematisch bewiesen gelten kann". Nach Galilei ist das
Buch der Natur in mathematischer Sprache geschrieben und kann nur mit ihrer Hilfe entziffert werden. Die Vernunft darf sich nicht mehr auf die Autorität überlieferter Texte berufen, sondern nur noch auf methodisch kontrullierte Erfahrung: Unsere Untersuchungen haben die Welt der Sinne zum Gegenstand, nicht eine Welt von Papier!
Unter dieser Voraussetzung muß auch der spekulative Hintergrund des Pythagoreismus der Kritik verfallen; lediglich seine „empirische“ Basis - die Monochordexperimente - finden weiterhin Beachtung.
Im Geiste des Rationalismus verkündet Sauveur die Absicht. aus der Musik
ein natterwissenschaftliches Fuorschungsobjekt zu machen, die Hauptregeln der
musikalischen Komposition zu ermitteln und in die Metaphysik des Angenehmen emzudringen!®. Die neue Akustik verbindet sich mit einer rationalen
Psychologie und Ästheuk, mit deren Hilfe der Universalitätsanspruch der mathematisch-analytischen Methode eingelöst werden soll.
Bie Annahme einer durchgängigen „Entsprechung“ zwischen phiysischem
Reiz und psychischer Reaktion läßt die mathematisch-physikalische Analyse
der Musik als Paradigma einer Rationalisierung des „dunklen“ Reichs der Atfekte und Empfindungen erscheinen. Vor diesem Hintergrund versucht schon
Descartes in seinem „Compendium Musicuin“ zu zeigen, daß bereits die sinnliche Wahrnehmung in der Vorliebe oder Abneigung gegenüber bestimmten
Tonverbindungen „raliona I“ verfahre: Je einfacher - mathematisch gesehen
die Klangstruktur, desto größer das Vergnügen des Ohrs. Diese These rellektiert in einer der musikgeschichtlichen Entwicklung zur Mehrstimmigkeit und
zum Dur-Moll-Dualismus entsprechend modifizierten Form die alte pythaporeische Annahme, daß die Intervalle in einer mathematisch explizierburen natürlichen Rangfolge geordnet sind.
Das ursprünglich auf die „intelligible“ Harinonie angewandte Prinzip wird,
nunmehr auf die konkrete Musik bezogen, zur Grundformel rationalistischer
Musikästhetik: Die ästhetische Vollkommenheit eines Kompositionselements
bemißt sich nach seiner Stellung innerhalb der dem luuffe der Natur folgenden
mathematischen Ordnung. So weisen uns die Zahlen, wie wir in Musicis recht
natürlich handeln können und sollen!®. Mathematische Durchsichtigkeit, Ratonalität und Schönheit sind wechselseitig aufeinander bezogen, denn alles
was in guter Ordnung beruhet und mit dem Verstunde kan begriffen werden,
das ist einem vernünfftigen Menschen angenehm '!””. Alle Konsonanzen sowie
die Mensuren sind durch einfache Zahlenverhältni : darstellbar, Alles was der
Unitat am nähesten ist, das ist deutlicher, ordentlicher und angenehmer als
dasjenige so die Vielheit und Irrationalität, welche Verwirrung veruhrsachet,
zieler!®. Nur die Vernunft kann in Sachen der Musik ein gewisses Urteil (iudiclum exactum) fällen, wenn Arithmetica und Maıthesis vorher den rechten Weg
zeigeten!®®. Jenseits dieser rationalen Ordnung ist Chaos und verwirretes Wesven
110
Erscheint dieses Rangordnungsprinzip innerhalb der deutschen Musikphilosophie theologisch überhöht (Unität = Gott; Ordnung = Gottesnähe: Chaos =
Gotiesferne), so wird es innerhalb des französischen Rationalismus später zu
einem rein ästhetischen Beurteilungsmaßstab relativiert: Da das Wohlgefallen
in der Wahrnehmung von Tonbeziehungen gründet, das Ohr jedoch viel leichter die Beziehung zweier Töne wahrnehmen wird, die sich wie 1 zu ? verhalten, als die Beziehung zweier Töne, die sich wie 18 zu 19 verhalten, sind Jie
vollkommensten Zusammenklänge jene mit der einfachsten Struktur!"
106) A. Werckmeister, zit. nach Dammann S. 67; zum folgenden vgl. die ausführliche Durstellung im 1. Kap. („Der Begriff musikalischer Ordnung‘) von Damımann
107)a.a.0.,5S.31; vgl. auch $. 85: Aus den harmonischen Zuhlen entspringet alle Schön-
1092) Zum Zusammenhang von tulionshstischer Erkenntnistheorie und Ästherik vgl. E.Cas
sirer. Plulosophie dei Aufklärung, 7. Kap.
103} R. Descartes: Die Prinzipien der Philosophie, S. 63
104) G. Galilei, zit. nach Vorländer S. 257
105) 3. Sauveus, zit. nach Scherchen S. II
heit und Zierde.
108)a.2.0.,5. 34
109) a.4.0.,8. 34
110) a.a. O.,$. 70; vgl.auch das Zitat S, 296, in dem Werckineister am Beispiel chromatischer Fortschreitungen zu bedenken gibt, daß solche „irrationalen" Verhältnisse vom Verstand kaum noch kontrollierbar sind.
I11) D. Diderot: Ästhetische Schriften, Bd. 1, S. 181, als psychologisches Prinzip von Fon-
Page 18
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)„unwesentlichen” Details der Darstellung abstrahlert wird, Da musikalische
5.2. Der rationalistische Schönheitsbegriff
Das Prinzip der rationalen mathematischen Tonordnung setzt als ästhensches Beurteilungskriterium nicht nur die problematische Annahme des psychophysischen Parallelismus voraus; seine Anwendung ist darüber hinaus auf
„atomistische" Strukturen wie Intervall- und Akkordlolgen beschränkt. Alle
komplexeren Faktoren der musikalischen Komposition - erst recht ihre durch
das Zusammenspiel von Rhythmus, Harınonik, Melodik, Text, Instrumentation ete. konstituerte Finheit — entziehen sich einer vlerartigen Beurteilung.
Die rationalistische Ästhetik muß also, um ihren Anspruch auf die Musik
als solche ausdehnen zu können, von der „mikroästhetischen" zu einer ‚maKroästhetischen” Betrachtungsweise fortschreiten. Sie muß ihren Gegenstand
in ciner Weise interprelieren, die Ihn als eine im ganzen mathematisch geordnete Struktur erscheinen lassen, d.h. in erster Linie als quasi-architektonische
durch Symmetrie und Proportion formal gegliederte Einheit!!?: Die Quelle
uller Schönheit ist unter dieser Voraussetzung das genaue Verhälmis, die Ördnung und richtige Abmessung aller Teile, daraus ein Ding besteht". Vorbild
des rationalistischen Schönbeitsbegriffs ist hier die harınonikale Vorstellung
vom „Weltgebäude“ als eines anschaulich nach mathematischen Formkatego-
Tien geordneten Kosmos. Sie prägt auch noch den Naturbegriff des Rationalismus, der wiederum dem rationalistischen Kunstbegriff zugrundeliegt, insofern
die Kunst mittels einer „‚Präzisierung'“ des alten Mimesis-Prinzips auf die
„Nachahmung der Natur" verpflichtet werden soll! ",
Eine solche „Reduktion der Schönen Künste auf ein und dasselbe Prinzip“
(Batteux) gelingt jedoch nur durch einen schon ım Ansatz vieldeutigen Gebrauch des Wortes „Natur“, da lediglich im Falle der Bildenden Künste eine
unmittelbare „makroästhetische" Erfassung mathematischer Formkategorien
möglich ıst,
allerdings auch hier nur unter der Voraussetzung, dafs von allen
Kompositionen eine simultane Vergegenwärtigung ihrer Ganzheit nicht erlauben, Hißt sich der rattonalistische Schönheitsbegriff in seiner strengen Fassung
höchstens mdirekt
auf der Grundlage einer von den Bedingungen ästhetischer Rezeption absehenden Formanalyse - auf die Musik anwenden.
In seiner schwächeren Fassung impliziert der rattonalistische Schönheitsbegriff lediglich den Eindruck durchgängiger Regelhaftigkeit und Systematizität.
Das Kunstwerk soll im einzelnen wie im ganzen als rational durchsichtige Struktur wahrgenommen werden können. Die „makroästhetische" Erfassung würde
sich demnach von der „mikroästheuschen“ nur graduell unterscheiden; der
Aufstieg vom Einzelnen zum Gänzen ließe sich nach denselben Regeln vollziehen.
In diesem Sinne versucht Diderot den rationalistischen Schönheitsbegrift
genetisch abzuleiten: Schon die ersten Empfindungen und Gedanken ordnen
die Dinge nach mathematischer Methode, und so sind wir vom Begriff einer
Vielzahl von Künstlichen und natürlichen, in bestimmter Weise angeordneten,
proportionierten, kombinierten und symmetrisch gebauten Wesen zum positiven abstrakten Begriff von Ordnung, Anordnung, Proportion, Kombination,
Beziehung und Symmetrie und zum negativen abstrakten Begriff von Disproportion, Unordnung und Chaos gelangt!"°. Es handelt sich dabei um ewige, ırsprüngliche, souveräne, wesenhafte Regeln des Schönen!'®; nur dasjenige ist
also „schön“ zu nennen, das ir uns die Idee von Beziehungen weckt!!”. Diese
müssen allerdings nicht bewußt erkannt werden: /ch verlange... nicht, daß
jemand, der ein Konzert hört, manchmal mehr wisse als der Musiker: daß der
ader jener Ton zu einem bestimmien anderen Ton in einem Verhältnis von
zweizu vier oder von vier zu fünf stehe. Es genügt, wenn er wahrnimmt und
empfinder,... daß die Töne dieses Musikstückes entweder Beziehungen zueinander oder zu anderen Gegenständen haben!".
Neben den bestimmten Beziehungen, die nach ihrem zahlenmäßigen Betrag
eingeschätzt werden können, gibt es auch unbestimmte Beziehungen!" die in
tenelle wie tolgt formullert Die Kielfältigkeit jener Wahrnehmungen, die der Seele gefallen,
ist beschränkt. Sie dürfen nie schwer fußbar werden, verwirrt schemen, oder sich aus zu
Versehiedenem Zusammensetzen. (Zt. nach Scherchen S. SH
IH} Die „mäakroästhetische" Anwendung pythagercischer Zahlenproportionen innerhalb
de Bildenden Künste hat bekanntlich eine alte Tradition, wie Polykiets Theorie des „‚Kanons" und Vitravs „De tchitectura” beweisen. c1. Grass 8. 491 und 16311) In dieser Tradrin stehen u. a, Alberw’s Atctutekturtheorie, Paciol's „De dwvina proportione" und Duten Propartionienlehte, Das Malverhättnis des „goldenen Schnitts" ist in gewisser Weise das
einem Kunstwerk verwirklicht sein können. Daß sich mit dieser Unterscheidung
der Begrilt der Beziehung Jedoch qualitativ verändert, muß Diderot ım Interesse seines rationalistischen Ansatzes verschweigen. Nur durch eine probleinatische Assimilation der verschiedenen Gebrauchsweisen des Wortes „Beziehung
lassen sich Kunst und Wissenschaft aul einen gemeinsamen Nenner
den der
mathematisch durchsichtigen Strukturiertheit - bringen !?®.
Fundament aller klassizistischen Ästhetik. Daß „makroasthetische" Proportionen und Symmeinen ın der Musik als Zeitkunst nun eine periphere Rölle spielen können, hat Handschin
15.3991) zu Recht hervorgehoben.
115) D. Diderot: ebd. Bd. 1,S. 118
II I.CR. Gottsched, zit. nach Bacumler S. 74
116)a.4.0.,58. 119
IA). Cassırer hat den Ansatz der rationalistischen Ästhetik auf Folgende Formel gebracht:
117)a.a.0.,8$. 121
Wahrhei und Schönheit, Vernunft und Natur sind nur verschiedene Ausdrücke für dieselbe
Suche, für cin und dieselbe unverbrüchliche Ordnung des Seins, die sich uns von verschiede-
118)2..0,8. 121
119) a.2.0.,8. 131
nen Seiten her in der Naturerkenntnis, wie im Kunstwerk enthällt. (8. 377).
120)a.a.0.,8.23
Page 19
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)aß die Regeln der Kunst ihren Grund
in der unverinderlichen Natur der
Dinge selbst haben?! und insofern den
Regeln der Wissenschafi analog sind,
ließe sich nur dann behaupten, wenn sich
die Kunst als „Nachahmung der Natur tatsächlich in toto nach matheinäti
scher Methode rekonstruieren ließe,
so daß der Geist auf einmal die Folgen
und die Grundquelle als ein vollkommen unter sich verbundenes Ganzes erkennen
weis für die Musik zu führen, ist das Anlie
könnte!22. Eben diesen Nachgen Rameaus.
3.3. Rameaus philosophische Deduktion
der Musik
Rameau versteht seine „Darstellung des
Prinzips der Harmonie als Grundlage aller theoretischen und praktischen
Musik" von 1750 ausdrücklich als Beitrag eines Philosophen (80), da es sich um
absolute philosophische Wahrheiten
handelt (79), die nach der Methode Desca
rtes’ in einleuchtender Weise demonstriert werden sollen (39).
Um bei der Suche nach der wahren Ursac
he aller Musik (79) nicht den
durch die Macht der Überlieferung näheg
elegten Vorurteilen und den ANLTZOgenen Gewohnheiten zu verfallen, fingie
rt Rameau in Analogie zum Ansatz
der carteßis
en
’ Meditationen" die Situation einer
reinen Aufinerksamkeit
des Bewußtseins, das nur dasjenige
als wahr anerkennt, was es auf‘ unmit
Weise als unbezweifelbar erfährt. So glaub
telbare
t er, die vielen Iradierten Lheoretischen Systeme der Musik von jeneim einzi
gen nalturgegebenen (40) sondern zu
können, das derselben Ordnung wie die
Dinge folgt (39).
Als „Urphänomen“, das die verlangte
Evidenz der Erkenntnis ermöglicht,
erweist sich der zum Erklingen gebra
chte ‚tönende Körper“, der außer
dem
Hauptton. . . die Duodezime uber dem
Hauption, d.h. die höhere Oktuve sch
ner Quinte im Aufstieg, sowie die große
Septdezime, d.h, die Doppeloktave
seiner großen Ter: hörbar werden läßt
(19). Hier zeigt uns die Natur in der
Musik das physikalische Prinzip in seine
n ersten, rein mathematischen Begrif:
Jen an, auf denen alle Wissenschaften
basieren, d.h. in den harmonischen,
arıthmetischen und geometrischen
Proportionen, aus denen wiederum
die
Progressionen derselben Art Solgen
(13).
Dasentdeckte Prinzip ist im Gegensatz
zu den zahllosen Berechnungen aller
alten und neuen Systeme von erößt
er
nfachheit CI Ti: die Möglichkeit seiner
Bestäligung setzt allerdings die Forts
chritte der neuen Phulosop ie und
der mit
itır verbundenen Wissenschaften vorau
s. So begegnen am Beispiel des ‚tön
enden Körpers“ in methodisch kontrollie
rter Erfahrung die wichtigsten math
ematlischen Grundsätze ihrem physikal
ischen Prinzip selber in der Natur (60).
Gaben die bloßen Berechnungen bishe
r nur einen Fingerzeig, so erkennt jetzt
121) )J.Ch. Gotisched, zıt. nach
I22JCH. Batteux: „Vortede"
Büeumler S. 73
115
der Sinn ohne die Hilfe des Geistes auf
unmittelbare Weise die wahren Ursachen der Musik (61). Rameau beanspruch
t also gegenüber der Tradition, das
einzige von der Natur ungezeigte und
andererseits von der Erfahrung bestä
tigte
Prinzip zur Begründung der Musik gefun
den zu haben (79),
Die Berufung auf die Erfahrung als Bestä
tigungsinstanz impliziert die Ablehnung aller für die Entwicklung des Grund
prinzips irrelevanten mathematischen
Überlegungen, wie z.B. jene, die sich
auf den Unterschied des Kommas zwi
schen dem großen und kleinen Ganzton
beziehen (771): Die vollkommene imner gegenwärtige Harmonie des Grund
basses rückt nämlich für das Ohr alle
leichten Alterationen zurecht (78); die
gleichschwebende Temperatur gehört
daher zu den unmittelbar von der Natu
r eingegebenen Dingen (77).
u
Der Universalitätsanspruch der salio
nalistischen Methode zeigt sich in der
Absicht, jegliche theoretische und
Praktische Musik ohne Einschränkung
für
den Verstand und das Gehör aus den
mithilfe des „tönenden Körpers" gewon
nenen Proportionen abzuleiten ( 151).
Die Grenzen dieser Proportionen werde
n
in der Musik sowohl für den Verstand
wie für das Ohr durch ie Dissonanz
bestimmt (16).
Das Ideal einer Ableitung aller musik
alischen Erscheinungen aus einem einzigen Urquell (60) blendet Rameau
so sehr, daß er sich zu der Behauptung
verleiten läßt, die Natur selbst wolle dus
einmal geltende Prinzip überall herrs
chend
machen; alles soll sich darauf beziehen,
alles sich ihm unterordnen, sich einfügen: Harmonie, Melcdie, Reihenfolge,
Tonart, Gattung, Wirkung (63)'3. JeJoch schon bei der Ableitung der MollTonleiter muß er einräumen, daß die
Natur hier lediglich einen Ilinweis gebe
und es Aufgabe der Kunst sei, sich das
von der Natur Intendierte zu eigen zu
machen (6 [1}. Erst recht bleibt die These, daß in der Musik der „tönende Körp
er“ unmittelbare Ursache aller ihrer
Wirkungen sei (44), ohne konkrete Begrü
ndung.
Ausgehend von der Annahme eines
psychophysischen Parallelismus modif
iziert Rameau lediglich das alte Prinzip
‚Je näher der Unitas -- desto vollkonmmener die Wirkung‘ im Sinne seiner
Fund amentalbaß-Theorie: Je weiter dus
Grendprinzip von seinem ersten Wege
abweicht, desto mehr verliert es sein
ur
sprungliches Recht an das Ohr 3. Die
PFOPOFLIO INplat 12) ist Quelle des
vollkommenen diatonischen, die propo
rtio quintupla 1:5) Quelle des wenig
er
vollkommmenen chromatischen und
enharmonischen Tongeschlech
ts (15).
Wegen seiner größseren Nähe zum Ursp
rung ıst Dur - dieser erste Wurf der Nutur — gegenüber Moll als Herrscher in
der Harmonie zu betrachten (68).
Verglichen mit dem Standpunkt der
griechischen Theoretiker beweist die
Auszeichnung des Unterschieds von große
r und kleiner Terz in der Beantwor123) Gemäß der rationalistischen Devise
meau später in seinen „Nouvelles
, daß das Prinzip von allem eines sei,
Reflexions sur la Demonstration
du
nie“, Paris 1752, das von ihm entdeckte
versucht Ra-
Principe de I’Marıno-
Prinzip auch auf andere Künsıe anzuw
enden.
Page 20
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)tung der Frage nach der „Wirkung“ von Musik wieder eininal, daß sich dieselben mathematischen Grundbestimmungen Jdurchaus verschieden interpretieren
lassen, daß die Natur nicht eindeutig „zu verstehen gibt”, was ihre Prinzipien
Frage nach der affektiven Bedeutung und dem Sprachcharakter der Musik ein
immer größeres Gewicht. Im 17. Jahrhundert häufen sich die Versuche, auf
der Basis harmonıkaler Proportionen eine Typologie musikalischer Affektwir-
„bedeuten“ können. Die von Rameau als Zeichen eines entscheidenden Portschritis auf dem Wege zur Wahrheit betrachtete Differenz von alter und neuer
kungen zu entwickeln; sie kommen jedoch über sehr allgemeine Grundsätze
kaunı hinaus. Die Berechenbarkeit der Alfekte aufgrund einer genauen Kennt-
Theorie ist also aus kritisch-hermeneutischer Perspektive lediglich Ausdruck
nis des Consens zwischen dem spiritu animali und dem Affect'””, bleibt ein
eines historisch-kulturell bedingten Wandels der musikalischen Erfahrung.
Die von Rameau angedeutete weitergehende Spezifizierung der „Wirkung“
absiraktes Ideal. Einigkeit besteht nicht einmal über Zahl und Art der Grundalfekte!"®, erst recht nicht darüber, welche musikalischen Darstellungsmittel
musikalischer Darstellungsmittel — dat sich z. B. im Moll das Zurre, mehr noch
aulgrund welcher mathematischer Proportionen welchen Affekten „entsprechen“, Unbestritten ist lediglich die antagonistische Wirkung von Konsonanz
das Traurige spiegele (74) - läßt sich auch dann nicht mehr aus lem Naturprinzip des „tönenden Körpers“ ableiten, wenn man dessen Vieldeutigkeit einund Dissonanz sowie der atfektive Gegensatz von Tonarten mit großer und "
gesteht. Hier handelt es sich vielmehr um Konventionen, die mit dem Sprachcharakter der Musik zusammenhängen und nur aufdem Umweg über die
solchen mit kleiner Terz. Diesen Zusammenhang hat Dammann in seiner Darproblematische Annahme eines psychophysischen Parallelismus mit Zahlenverhälmissen assoziiert werden können.
näher die Proportionen der Unitas, je „vollkommener‘
sie sind, desto freudistellung des barocken Musikbegriffs auf eine prägnante Formel gebracht: Je
ger sind die Affekte, die dadurch erregt werden; je weiter sie der Unität entJernt liegen, je „unvollkommener“
sie sind, desto trauriger die Affekte. Daher
35.4. Die Grenzen einer mathematisch begründeten Affektenlehre
und das Problem der Sprache
ist die Trias harmonica perfecta (c-e-g) mit der Proportion 4:5:6 ihrer Natur
nach fröhlich, die imperfecte Trias (a-c’-e’ = 10:12:15) traurig".
Jeder Versuch, über den allgemeinen Gegensatz von „fröhlich“ und ‚‚trau-
Die Frage, welche affektive „Bedeutung“ der Musik zukommt und was mit
ihrer Hilte ‚verstanden‘ werden kann, transzendiert die Dimension jener Elementar-Musık, welche die Natur selber uns liefert!
*.
Die Grenzen einer mathematisch-physikalischen Betrachtungsweitse der Mu-
Analogie von Musik und Sprache berücksichtigen. Der Hinweis auf angeblich
vorhandene mathematische Proportionen kann nicht hinwegtäuschen über die
stillschweigende Orientierung an rhetorischen Kategorien und affektiv bedeutsik werden innerhalb der rationalistischen Ästhetik allerdings durch den vielsinen Inhalten, die sprachlich artikuliert werden können. Wenn 2. B. Kircher
deutigen Gebrauch des Wortes Natur" verschleiert!*’ So beruft sich 2. B.
Batteux einmal auf die ‚Natur‘ der Musik, wie sie der allgemeine Lehrsatz des
mit dem Hinweis auf einen Prediger, der wußste, welche Saiten er rühren sollte,
behauptet, daß hier der Zuhörer durch numerus und proportio der Bewegung
des Lufts harmonisch affiziert werde, so muß man diese Konzession an Jdas
harmonikale Denken von der konkreten Erklärung unterscheiden, nach der
die Wort der Phantasiae das objectum vorstellen, ists lieblich, so entstehen
Cartesius, des Parer Mersenne, des Herrn Sauveur, des Herrn Rameau zugrundelegt'*®, zum anderen aber auf die „innere Natur“ des Menschen als eines fühlenden und empfindenden Wesens, die die Musik
als Sprache, die mir naturlich ist"? -- nachzuahrmen habe.
Das hier auftretende Problem des Verhältnisses von mathematischer und
affektiver „Natur“ reflektiert in gewisser Weise das antike Problem der Beziehung zwischen pythagoreischer Harmonik und arıstotelischer Ethoslehre. Vor
rig‘“ hinaus!
?* die spezifische Affektwirkung der Musik zu erklären, muß die
liebliche affectus und motus, ists traurig, kommen die Threnen, Seufzer etc".
Die Theorie der Affektdarstellung und -wirkung ist also von bestimmten Annahınen über die sprachliche „Verkörperung“” von Affekten abhängig und damit auch von allgemeineren sprachtheoretischen Vorausselzungen.
allem seit Wiederentdeckung der „Institutio oratoria" Quintilians!®® im Jahre
1416 und der Anwendung ihrer rhetorischen Kategorien auf die Musik im Rahmen der „Musica poetica“ von der Mitte des 16. Jahrhunderts an gewinnt die
129) A. Kircher: ebd., $. 153
130) A. Kircher: ebd. (8. 158) spricht von acht Grundaffekten; bei Descartes waren es dagegen sechs.
124) B. de Fontenelle unter Berufung auf Sauveurs Klanganalysen, zit. nach Scherchen $. 53
125) Zur Vieldeuugkeut des Begiilts „Natur” innerhalb der Musiktheorie vgl. W. Wiora
26) Un. Batteux: Die Schöne Künste... .,S. 254
127)a.4.0.,5. 240
12%) Über das Verhältnis von Musik und Rhetorik bei Quinulian vgl. G. Wille $. 4491
131) R. Dammann: Der Musikbegrift des deutschen Barock, S. 283
132) Unter Berufung auf Jie cartesianische Psychologie erklärt noch Mattheson die freudige
Wirkung weiter Intervalle durch eine enisprechende
Ausbreitung unserer Lebensgeister, die Lraurige Wirkung enger Intervalle durch eine
Zusammenziehung solcher
subtilen Teile unserer Leiber.
133) A. Kircher: ebd, 8. 138
Page 21
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)In der Antike stiftete die Vieldeutigkeit des Logos-Begriffs eine Analogie
zwischen Mathematik, Musik und Sprache, die u. a. dafür verantwortlich war,
ats die Musiktheorie sowohl zu den mathematischen als auch zu den SprachWissenschaften in Beziehung treten konnte. Eine präzise Begründung hat die
Stellung der Musik „zwischen“ Mathematik und Sprache jedoch nie erfahren.
Die rationalistische Philosophie nimmt die Vorstellung einer strukturellen
Entsprechung von matlienatischem und sprachlich: m Logos wieder auf, indem
sie die Errichtung einer Ordnung für alle Gedanken fordert, ebenso wie es eine
natürlich eingerichtete Ordmung für die Zahlen gibr!**. Diese rationale Sprache
soll als universale Charakteristik und Kombinatorık eine rationale Philosophie
von gleicher unangreifbarer Klarheit wie die Arithmetik begründen. Die geforderte Kindeutigkeit und quasi-mathematische Verknüpfung der Zeichen
sieht Leibniz in der Notenschrift verwirklicht", so daß in dieser Ebene eine
Analogie zwischen Musik und (rationaler) Sprache zu bestehen scheint. Darnit
Schon Pascal hatte den rationalen Prinzipien die Prinzipien des Feinsinns,
dem analytisch von einfachen Elementen zu komplexen Einheiten fortschreitenden „kalkulierenden“ Denken die synthetische Erfassung eines in sich ınannigfach differenzierten Ganzen durch das Gefühl gegenübergestellt'*#,
Innerhalb der deutschen Philosophie gibt paradoxerweise der „Rationalist‘
Leibniz den entscheidenden Anstoß zur Entfaltung eines neuen ästhetischen
Denkens: Die unmerklichen Perzeptionen der sinnlichen Anschauung sind in
ihrer Vielzahl und Feinheit analytisch nicht repräsentierbar; daher entzieht
sich auch die das Unendliche einschließende Individualität der Erscheinungen
einem rationalen Zugrift"”®. Paradigmatisch zeigt sich die Grenze analytischer
Zerlegung ın der Beurteilung des Schönen: So erkennen wir manchmal auf klare Weise, ohne aufirgendeine Art im Zweifel zu sein, ob ein Gedicht oder ein
Bild gut oder schlecht gemacht ist, weil es ein „Ich weiß nicht was“ gibt, das
Frage nämlich, ob zwischen der „Bedeutung“ musikalischer und sprachlicher
uns befriedigt oder ubstößt*, Das Schöne wird vom Gefühl empfunden, ehe
der Verstand nach Gründen fragen kann'*".
Während die „sentimentalistische“ Ästhetik diese Differenz zwischen einem
Strukturen überhaupt eine Korrespondenz besteht und — wenn ja — ob diese
Verstandes- und einem Geschmacks- bzw. Gefühilsurteil als eine nicht übernach Art der mathematischen Analysis expliziert werden kann. Was „sagt“ die
Musik und mit welchen Mitteln sagt sie es? Nach welchen Kriterien können
brückbare versteht, bleibt Leibniz seinen rationalistischen Prämissen insofern
Kompositionen hinsichtlich ihrer „Wirkung“ auf den llörer beurteilt werden?
die sich nur deshalb nichi in eine analytische Ordnung bringen lassen, weil wir
sie so wenig kennen”. Gerade die Musik scheint ihm als verborgene arithmeist jedoch das entscheidende semantische Problein noch gar nicht berührt, die
Die Antwort, die die Musikphilosophie und -ästhetik des 18. Jahrhunderts
gibt, offenbart eine prinzipielle Distanz zum rationalistischen Denken und dem
Ideal mathematischer Analysis. Die allmählich sich durchsetzende Auffassung
der Musik als „Sprache des Herzens‘ — der Leidenschaften und Empfindungen
- setzt einen nichtanalytischen Begriff von Sprache voraus, wie er im Ansatz
der neuen „sentimentalistischen” Ästhetik involviert ıst.
6. Die neue Ästhetik und das Problem des Geschmacksurteils'””
6. 1. Pilosophisch wird die entscheidende Wende von der mathematischharınonikalen Zur semantisch-ästhetischen Musikbetrachtung durch eine Eintwicklung vorbereitet, die sich gegen die rationalıstische Abstraktion der Subjektivitat als eines bloßen „Ich denke" richtet und die unbedingte Geltung der
treu, alser die „unmerklichen Perzeptionen“ zu virtuellen Gedanken erklärt,
tische Übung des unbewußt zählenden Geistes das Modell einer Rationalisierung des Ästhetischen zu liefern, weil doch die Wirkung des unmerklichen Zahlens
das daraus resultierende Wohlbehagen bei Kuonsonanzen, oder das Mißbehagen bei Dissonanzen — allgemein erkennbar sei!®,
Mit dieser Ableitung des musikalischen Wohlgefallens aus der mathematischen Struktur opfert Leibniz den an der irreduziblen Individualität des Kunstwerks exemplifizierten Schönheitsbegriff dem harmonikalen Ideal. Als letzter
der großen Pythagoreer mit metaphysischem Anspruch versteht er die musik.rlische Harmonie als Abbild der Weltharmonie'!*, die wunderbare Einstimmung
der Musik als sinnlichen Forgeschmack der nur dem Verstande vollständig zugänglichen wenderburen Einstimmung der Natur!”. So hindert ihn das harmonikale Denken daran, aus dem Eingeständnis des Je ne sais quoi'®, das die
Vernunft-Instanz durch eine erkenntnistheorelische Aufwertung der „Vermögen’ des Geschmacks, des Gefühls und der Kinbildungskraft einzuschränken
138) B. Pascal: Nr. I und 3 der „Punsees‘"
sucht.
1343) RK. Descartes in canein Briel an Mersenne vom 20 11. 1629
135)G W. Leibniz:
Haupischiiften $. 19
139) G.W, Leibniz: Werke Bd. IIl-I, Vorrede $S. XXV
140)a.a.0.,Bd.1,$. 126f
1431) vel.a.a.0., Bd. 1,8. 392
1363) c1. D. Zohai $S. 180, ganz analog vxemplifiziert übrigens Wittgenstein in seinem „Trartatus logico-philosophicus“ an der Notensprache die eindeutige Abbildungsbeziehung einer
logisch klaren Sprache (Ziffer 4.0131}
137) Zus Entstehung der neueren Ästhetik vgl. die Abhandlungen von K. H. v. Stein und
14?2)a.8.0., Bd. IlI-1,S. 67
143)G.W. Leibniz in einem Brief an Goldbach vom 17.4. 1712
144) G. W. Leibniz, zit. nach Haase $. 37
A. Barumler
146)G.W. Leibniz: Werke Bd. III-], S. 455
145)a.2.0.,8.38
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Grenze nathematischer Analysis markiert, die entscheidenden Konsequenzen
für die Problemstellung der Ästhetik zu ziehen.
Die ästhetisch motivierte Kritik des Rationalismus wird vor alleın von Dubos
in die Wege geleitet: Das ursprüngliche Seelenvermögen des Menschen ist nicht
der Verstand, sondern das Gefühl; dieses aber wird in der Kunst — der „Sprache
des Herzens" - am reinsten virkörpert. Wie der Gegenstand der Kunst die „mnere Natur“ des Menschen ist, so kann auch die „Wirkung“ des künstlerischen
Ausdrucks nur durch Gefühl und Geschmack beurteilt werden. „Delicatesse‘“ ’
hervorstechende Eigenschaft des gelungenen Kunstwerks, läßt sich nicht anaIytisch ableiten. (Ce qui nous Charme, hieß es schon bei Bouhours, c’est un je
ne sals quoi inexplicable."")
Die Proponenten einer rationalistischen Ästhetik erkennen den gegen sie gerichteten Angriff der Lehre vom „irrationalen“ Geschmacksurteil sehr wohl,
D’Alembert nennt sie eine derni-philasophie, die uns von der Wahrheit ablenke'?#, Gotisched bemerkt tadelnd: Niemals habe ich noch vom Geschmacke
in der Arithmetik und Geometrie, oder in andern Wissenschaften reden hören,
woman aus deutlich erkannten Grundwahrheiten die sirengsten Demonstrationen zu machen vermögend ist!®.
Aber der neuen Ästhetik gelit es gar nicht um die Wissenschaft, sondern um
die Kunst: Die Hinwendung zum Geschmack und Gefühl ist gleichbedeutend
mit der endgültigen Emanzipation des Ästhetischen, der wiederum das neue
Selbstbewußtsein eines seiner Subjektivität bewußt gewordenen Bürgertums
entspricht!5®
6. 2. Kritik der mathematischen Musikbetrachtung'®'
die Töne eine „Bedeutung“, die nur durch das Gefühl verstanden werden
2, woraus lolgt, daß eine Musik, die in allen ihren Tönen aufs schärfste
kann!
ausgerechnet, und in ihren Accorden noch so geometrisch ist, wofern sie bey
Bedeutung haben sollte, sich mit
diesen Eigenschaften nicht die geringste
das uns die schönste Colorite
ließe,
nichts, als mit einem Prisma vergleichen
durstellt, aber kein Gemälde entwirft!?.
Daß sich die „Bedeutung“ musikalischer Strukturen nicht aus quantitätiven
Verhähnissen ableiten laßt, ist die Grundüberzeugung „sentimentalistischer"
Musikästhetiker wie Mattheson, Scheibe, Krause und Hiller, die die Musik als
„Sprache der Empfindung‘ verstehen und als solche der blossen Intellectualmusik'°* gegenüberstellen. Das liebe Monochord vermag keine einzige musikulische Wahrheit darzuthun: wol aber einige harmonikalische von mittelmäßiger
Wichtigkeit'®. Daher ist es ein Irrtum zu glauben, daß die Mathematik der Musik Hertz und Seele sey: daß alle Gemuths- Veränderungen, so durch Singen und
Klingen hervorgebracht werden, bloß in den verschiedenen ausserlichen Verhälinissen der Tone ihren Grund haben'”.
Das rationalistische Ideal einer Subsumption des besonderen Falls unter allgemeine Regeln weicht der Forderung nach dem jeweils auf den konkreten
Kontext reflektierenden und an der Individualität des einzelnen Werkes orientierten Geschmacksurteil; die neue Musikästhetik ist in erster Linie ästhetische
Kritik.
Nicht die gelehrten Harmoniker, sondern die kultiviert empfindenden Liebhaber sollen das Urteil über Wert und Unwert einer Komposition zu fällen haben, jene also, welche zwar viel Musik gehöret, und auch einen guten Geschmack haben können, die aber weder von den Regeln der Harmonie viel
wissen, noch sonst durch Vorurtheile eingenommen sind. Sie müssen es auf
artigen Begründung des Sprachcharakters der Musik und ihrer ‚Wirkung‘ auf
den Ausspruch ihrer Ohren und ihres Herzens ankommen lassen, und fur solche Zuhörer wird die Musik ordentlicher weise gemacht”.
an
Was für den Hörer gilt, muß auch der Komponist beherzigen: Die Klänge,
sie
man
nachdem
böse.
und
gu
aber
werden
sie
sich, sind weder gut noch böse;
Geschmack, Gefühl und Einbildungskraft.
War die Musik vormals Paradigma einer „rationalen“ Kunst, so wird sie jetzt
Verhalt dem Gehör recht seyn soll, muß die mathematische Richtigkeit alle-
Innerhalb der Musikreflexion zeigen sich die Konsequenzen der neuen
Ästhetik „negativ“ in einer entschiedenen Kritik an der behaupteten Relevanz
mathematischer Kriterien für die Beurteilung der Musik, „positiv“ in einer neudagegen Zum bevorzugten Gegenstand einer „irrationalen“ ästhetischen Sensibilität erhoben. In dieser Funktion sprengt sie sogar den Rahmen der in ihren
Grundsätzen rationalistischen Ästhetik Batteux’s: Seiner Ansicht nach tragen
gebraucht. Diesen Gebrauch lehret Keine Meß- oder Zahl-Kunst. Wenn auch der
mahl nachgeben !°®.
.
IS?) Ch. Batteux: ebd. S. 246
153) a.a.0.,8. 245
154) Ch. G. Krause: Von der musikalischen Poesie, S. 36
147) DB. Bouhours, zit.
nach Knabe, Stichwort, ‚Beaute/Beau“
148) J. d’Alembert, zit. nach Knabe, Stichwort „Goüt“
149) 3). Ch. Gottsched, zit nach Bacumler S. 106
150) Die gesellschaftlich-politischen Hintergründe der Wandlungen innerhalb des Musikverständnisses betont vor allem D. Zoitas (S. 18717).
151) vgl. hierzu das 6. Kap. von R. Dammann
155) J. Mattheson: Kapellmeister, $. 17
156) 4.2. 0.5.16
I5ST)Ch.G. Krause: eb4., S. 311, Zoltai sieht in der ästhetischen Forderung
des unmiıtelbar
verständlichen Inhalıs der musikalischen Formen, der Allgemeinverständlichkeit der musikalischen Bedeutungsordnung einen Ausdnuck für die Emanzipation des Bürgertums (S. 187).
158) J. Mattheson: Kapellmeister, S. 19
Page 23
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)lın Bewusstsein der neuen ästhetischen Freiheit versucht Scheibe den Beweis
zu führen, daß die Mathematik weder zur Composition eines musikalischen
Sticks gehörei, noch etwas dazu beyträgt!””. Er empfindet es als lächerlich,
daß man die größten Federkriege bloß aus der Ursache gejführeı hat, ob Rario
mathematica, oder Nensus in der Musik richten soll!"®, wo es doch nicht auf
123
Wendung, Stärcke, Schwäche, Hefftigkeit, ordentliche und außerordentliche Bewegung. Besänfftigung, Aufschub, Stille und tausend andre Dinge mehr. die
kein Cirkel, kein Linial, kein Maasstab, sondern nur der edlere, innerliche Theil
des Menschen begreiffen und beurtheilen kann, wenn ihn Natur und Erfahrung
unterrichtet und belehret haben!®. Das von Bouhours und Leibniz als Grenze
die AAusmessung der Töne, sondern auf den guten Geschmack, die glückliche
der analytischen Methode erfahrene „Ich weiß nicht was” enthält für Matthe-
Einbildungskraft und die wirkliche Empfindung ankommi'!®'. Mehr noch: die
son die wahren Kräffte melodischer und harmonischer Wirckungen zur Erregung des empfindlichsten Wohlgefallens'®®. Es charakterisiert in der Zurückweisung rationaler Erklärungen die Eigenart ästhetischer Erfahrung.
Rücksicht auf Zahlenverhältnisse würde den Komponisten zum mechanischen
Rechenmeister zusammen schrumpeln lassen, sein Feuer hemmen, seinen erhabensten Ausdrucken Gewalt antitun, und seine geistreichsten Gedanken matt
muachen. Er würde alsdann bey dem Anblicke einer gräßlichen Proportion seiner auf einander folgenden Töne den schönsten Einfall verlassen, und einen
schwächern und schlafrigen an dessen Stelle setzen’
®*.
Die Kritik der Musikmathematik verbindet sich mit einer Betonung der Rolke des Genies, das sich selbst die Regeln setzt, das als ein Feuer, welches ohne
Ordnung wütet. . . durch seine eigene Stärke und Erfindsamkeit dasjenige ersetzen muß, was in den allgemeinen Regeln des Systems nicht bestimmt werden Konnte. Es soll seinen Gegenstand so viel als möglich zur Individuation
bringen. wenn er ihm Ehre verschaffen... . soll Dieses kann das System nun
unmöglich lehren!®® Der Bruch zwischen mathematischem und ästhetischem
Benken manifestiert sich in der Entgegensetzung von allgemeiner Regel und
besonderem Fall, abstrakter Vernunft und konkreter sinnlicher Erfahrung,
System und Individuation. Der Überschaubarkeit und Gleichförmigkeit mathematischer Proportionen steht die unerschöplliche Fülle „empfindsamer
Vorstellungen‘ gegenüber, die die Musik durch immer neue Verwandlungen
des fönenden Mediums zu wecken vermag. Des Hertzens Bewegung hat. . . ihren
Grund, d. i ihre Ursache, ihren Ursprung nimmermehr in den bloßen Klängen
. wie sie da, an und für sich selbst, abgemessen, eingerheilet, hingesetzt und
geschrieben werden; sondern in den sehr verschiedenen Begriffen, die das Genuih, den vielfältigen Umständen nach, mit ihnen verbinder. Wer wird aber wol
sagen, daß solche geistige Begriffe mathernatisch sind? Denn die Seele, als ein
Geist, wird empfindlich gerühret. Wodurch? wahrlich nicht durch die Klänge
an und fur sich, noch durch ihre Größe, Gestalt und Figur allein; sondern hauprsuchlich durch deren geschickte, immer neuersonnene, und unerschöpfliche Zusammenfügung, Abwechselung, Anwendung, Mischung, Eigenschafft, Ab- und
Einführung, Erhöhung, Tiefe, Schritte, Sprünge, Verweilung, Beschleunigung,
159) 3. A. Scheibe‘ Überschrift des 7°. Stücks
160) 3. A. Scheibe: cbu., S. 29
lol)a.a. 0.5. 29/31/660
162) a.a.0., 8.663
163) C. F. Flögel, zit. nach Baeumler S. 164
6. 2. Musik und Sprache
Die Auszeichnung der Vokalmusik gegenüber der reinen Instrumentalmusik
verhindert allerdings bis zur Romantik eine entschiedenere Freisetzung der
„ästhetischen Bedeutung‘ musikalischer Strukturen. Das Festhalten am Mimesis-Prinzip läßt eine Autonomie der Musik nicht zu und gründet ihr Wesen auf
eine „Natur“, die schon in der Wort-Sprache artikuliert ist. Leitend ist dabei
die Vorstellung einer ursprünglichen, in Urzeiten realisierten Einheit von Wort
und Von: die Musik hat demnach die Akzente, die Seufzer, die Brechungen
der Stimme zum Vorbild, d. h. die Sprache, mit deren Hilfe die Narur selbst
ihre Empfindungen und Leidenschaften ausdrückt!°®. Wird die „Klangrede"
der Musik in dieser Weise auf die Wort-Sprache in ihrer aifektiv-emotionalen
Funktion bezogen, so gilt, daß allein die Wahrheit der Deklumation die Musik
zu einer Kunst zu machen vermag, deren Grundsätze in der Natur wurzeln!”.
Die Unterordnung der Instrumentalmusik unter die Vokalmusik zeigt sich
nicht nur in der Forderung nach Entsprechung von musikalischer und spruchlicher „Deklamation“*, sondern auch im Bedürfnis nach einer Jer sprachlichen
Bedeufungsartikulation analogen Bestimmitheit des musikalischen Ausdrucks.
Hier wirkt in der Musikästhetik noch das rationalistische Kriterium der „Klarheit“ und „Deutlichkeit“ nach: „Sprechend“ ist im Grunde nur die Musik, die
einen deutlichen Verstand giebt, bey welchem weder Dunkelheit noch Zwerdeutigkeit start finder!®®. Eine reine Instrumentalkomposition, die weder Tonmalerei ist noch deklamatorisch den Tonfall der Sprache nachahmt, muß vor
dem Hintergrund dieser Forderung als „unbestimmt“ und „vieldeutig” erscheinen. Der Musiker, der sich nicht an Worten orientiert, bringt nur allgemeine
164) J. Matiheson: Kapellmeister S. 17
165) a.a. O.,$. 20
166) J.-B. Dubos, zit. nach Serauky S. I I; ähnliche Sprachursprungstheorien (Idee ciner musikälischen Ursprache) finden sich bei Rousseau, Harrıs, Condillac und anderen Philosophen
des I8. Jahrhunderis.
167) E.M. Gretry, zit. nach Zoltai S. 166
168) Ch. Batteux: ebd., S. 2401
Page 24
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Vorstellungen in mir hervor. Ein Adagio macht mich betrüht, ein Allegro frölieh. ich weiß aber nicht, warum und worüber! !°° Bei ausschließlich musikalisch dargestellten „Leidenschaften“ wissen wir dennoch nach aller Mühe nicht
streng unterschieden werden, die nur für die wissenschaftliche Begriffsbildung
so gut und so deutlich, was sie sagen wollen, als solches be» den Worten gedene Kritik am mathematischen Schönheitsideal.
schieht, weil wir damit nicht bis auf die einzelne Dinge herunter kommen könmütsbewegung, welche die Musik hervorbringt, hat die Mathematik sicherlich
nicht den mindesten Anteil (433). Alles was der mathematischen RegelmäßigKeit nahekonmt, bereitet dem Geschmack und der Einbildungskralt Langeweile 1327). Hervorstechende Rigenschaft des Kunstwerks ist Originalitar (406);
sie erfordert die bewußte Abweichung von der gemeinen Regel (419). Das Gemieprodukt ıst singulärer Natur, Kann also in Aeiner Formel abgefaßt zur Vor
nen!
In diesem Bedürfnis nach „eindeutiger“ Aussage liegt der Grund für die Bevorzugung der Vokalmusik. Weil... . unser Verstand bey den Bewegungen der
Seele inner mitarbeiten will, und also die deutlichen Gedanken auch an der
Musik Theil haben wollen, so verbindet man Worte und Tone mit einander”.
Vormals war die Musik durch ihre mathematische Bestimmtheit deliniert;
verbindlich ist!”°.
Die von Kant betonte Autonomie des Ästhetischen impliziert eine entschieAn dem Reize und der Geschrift dienen, denn sonst wurde das Urteilüber das Schöne nach Begriffen bedieser wird nunmehr jede Relevanz für die ästhetische Beurteilung abgesprochen. Für die mathematischen Beziehungen gilt: Wenn sie nichts bedeuten, so
stimmbar sein (408f). Jeder mathematischen Kunstbetrachtung ist damit der
gleichen sie denen Geberden der Redner, die bloße Zeichen sind, daß der Redner noch am Leben ist!"*. Die Forderung nach mathematischer Bestimmtheit
nie ist nicht identisch mit ästhetischer Vollkommenbheit; die Kriterien sind jeweils verschieden.
wird jedoch nicht umstandslos durch solche Kriterien ersetzt, die die Musik
als eine Ausdrucksform sui generis erweisen könnten, sondern durch die Forderung nach semantischer Bestimmtheit. Deren Grenze Zeigt sich andererseits
in der Erfahrung, daß die „Wirkung“ der nicht mit Worten verbundenen Musik
vor dem Hintergrund sprachlich normierter „Bedeutungen“ unbestimmt und
vieldeutig bleibt.
0.4 Kant: Musik als Darstellung „ästhetischer Ideen“
Dem Zwiespalt zwischen der Forderung nach quasi-sprachlicher Bestimmtheit und der Erfahrung, daß der musikalische Ausdruck nur unter Verlust seiner eigenen Spezifität jener Forderung zu genügen vermag, spiegelt sich noch
ın Kants Definition der Musik als einer Kunst, die durch lauter Empfindungen
Boden entzogen: Mathematisch begründete Proportion, Ordnung und Harmo-
7. Romantik: Autonomie des musikalischen Ausdrucks,
AIsthetisierung des harmonikalen Denkens
Erst die romantische Musikphilosophie zieht aus der „‚Begriffslosigkeit" des
musikalischen Ausdrucks positive Konsequenzen: Die These, daß die Musik
eine Art „Sprache sei, darf! meht so verstanden werden, daß der Ton nie sich
rom Wort oder von der Gebehrde trennen dürfe, so duß diese ihn bei jedem
kleinsten Schritt begleiten und dollmetschen müßten... Auch die Musik muß
Freiheit haben, allein zu sprechen... Ohne Worte, blos durch und an sich, hut
sich die Musik zur Kunst ihrer Art gebildet‘”*. Die Musik-Sprache ist autonom. Was anschaulich dem Menschen nicht werden kann, wird ihm in ihrer
Weise, in ihrer Weise allein, mirtheilbar, die Welt des Unsichrbaren. Sie spricht
ohne Begriffe spricht (43 )). Das positive Kortelat solcher Begriffslosigkeit ist
mit ihm, regend, wirkend. er selbst. (er weiß nicht wie] ohne Mühe und so
die Fahrgkeit der Musik, die astherische Idee eines zusammenhungenden Ganmuchtig, ihr minwirkend!"®".
zen einer unnennbaren Gedankenfülle auszudrücken (432), d.h. eine Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch ir-
Die Musik redet in einer fremden, unuberseizbaren Sprache”; sie schafft
eine abgesonderte Welt für sich selbst'”?. Der autonome Ausdruck „absoluter“
Musik wird zum Vorbild einer freien Kunst, in der der Geist die Natur unendgend ein bestimmter Gedanke, d. i Begriff adäquat sein Kann, die Jolglich
keine Sprache völlig erreicht und verständlich machen kann (4131). Ästhetische Deutlichkeit, die die Aussicht in ein unabsehbares Feld verwandter Vorlich übertrifft. Mirgends . . . ist es auffallender, daß es nur der Geist ist, der die
Gegenstände, die V: eränderungen des Stoffs poetisiert, und daß das Schöne,
stellungen eröffnet (4151), muß von logisch-mathematischer Deutlichkeit
der Gegenstand der Kunst uns nicht gegeben wird oder in den Erscheinungen
173) vgl. hierzu die Reflexion Nr. 2378 ın 1. Kant: Nachlass
109) Ch. GG. Krause! ebi $. 40
170) 2.4.0,8. 42
170 2.3..0.8. 44 zur Idee eines „musikalischen Wörterbuchs”, das die „„Beileutung” aller
gebräuchlichen musikalischen Auscrucksmittel enthält, vgl. D. Zoltai S. 184
172) Ch. Batteux: ebd. 8. 241
174) 3. G. Herder Bd. XXH, S. 185
175) a.u.0., S. 187; ihren stärksten Ausdruck findet dıe ınetaphysische Auszeichnung der
autonomen Musik-Sprache später in der Philosophie Schopenliauers,
1706) W. 1, Wackenroder, zit. nach Schäfke 5. 348
ITML. Tieck, zıt. nach Schätke $. 348
Page 25
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)schon fertig liegt
als in der Musik... Der Musiker nimmt das Wesen seiner
Kunst aus sich — auch nicht der leiseste Verdacht von Nachahmung kann ihn
treffen!”®.
Die Kluft zwischen mathematischer und ästhetischer Musikbetrachtung wird
Kunstwerks begleitet!#°. Und da die Welt in romantischer Verwandlung ihrerseits als ein poetisches Kunstwerk erscheint, wird die künstlerische Produktion
zum Vorbild einer utopischen (Pseudo-}Wissenschaft, die als vollendete in den
allgemeinen Ocean der Poesie zurückfließen soll'®®.
unüberbrückbar. Was die Eilers, und d’Alembert's und Diderors und Mersenne
und Gravesande und Sauveurs mit ihren Untersuchungen geleistet haben, trägt
Der ästhetisch verstandene Pythagoreismus wird auf diese Weise in ein Denken eingebettet, das die Dinge im Gegensatz zur prosaischen naturwissenschaftkein Jota zur Philosophie des Tonartig Schönen bei”. Quantität und Qualität
sind inkommensurabel!#. Es ist unmöglich, aus Verhältnißen und Proportioihnen sieht!®?. Dieses In-Beziehung-Setzen aller Dinge im Rahmen einer „‚prolichen Weltansicht immerfort deutet und eine figürliche Unerschöpflichkeit in
nen das wahre, erste, ursprüngliche Vergnügen des Ohrs zu erklaren!®'. Die
mathematisch-physikalisch begründete Harmonielehre verhält sich zur Ästhetik wie die Logik zur Poetik !?2; sie stehen in erklärten Gegensatz zueinander.
Angesichts solcher heftiger Angriffe gegen die Musikmäthematik mag es zumantischen Sinne — als freies Spiel einer immer neue „Bedeutungen“ erzeugenden Phantasie — verstanden werden, auch wenn Novalis in solchem Zusanimennächst verwundern, daß sich gerade in der Romantik Tendenzen zu einer Retik beschwört!®#.
stauration des pythagoreischen Denkens Zeigen, dessen „Schwärmereien‘ die
Der Wissenschaftsbegriff der Romantik — und damit auch der Versuch einer
Restauration des Pythagoreismus als Theorie der Natur - hat sich als unfruchtbar erwiesen; ihr Kunstbegriff dagegen harte eine in die Zukunft weisende
Funktion, nicht zuletzi deshalb, weil mit der Anerkennung der Autonomie
des musikalischen Ausdrucks der Musikästhetik und -hermeneutik neue Wege
eröffnet wurden.
Aufklärung schon glaubte überwunden zu haben.
Der Pythagorcismus wird allerdings weniger ın seiner strengen Form als Lehre von einer mathematisch exakt definierbaren Weltordnung wıeder in Erinnerung gerufen; es ist vielmehr die Vision eines durchgängigen qualitativen Zusanmenhangs von Mikrokosmos und Makrokosinos, einer „sympathetischen‘“
Entsprechung alles Seienden, die der romantischen Bewußtseinslage entgegenkommt. Der (spät)pythagoreische Naturbegrilf erscheint als „poetische“ Allernalive Zum „prosaischen” der neuzeitlichen Wissenschaft. Vor allem Schelling erliegt der trügerischen Hoffnung, daß sich die qualitative Naturphilosophie
im Sinne der Keplerschen Harmonik erneuern und erweitern lasse!#, Er sicht
gressiven Universalpoesie“ kann nicht im mathematischen, sondern nur im sehang die Möglichkeit einer schönen, mystischen und musikalischen Mathemu-
8. Einige Konsequenzen
Für eine aktuelle Reflexion des Verhältnisses von Philosophie, Mathematik
und Musiktheorie sind die skizzierten historischen Positionen nur noch bedingt
die höchste Bedeutung von Rhythmus, Harmonie und Melodie darin, daß sie
die ersten und reinsten Formen der Bewegung im Universum sind'®®.
relevant. Dies gilt vor allem für die metaphysischen Aspekte des Problems. Der
Die einzige positiv ausweisbare Funktion des harmonikalen Denkens innerselten Ausdruck eines kulturkonservativen Protestes gegen den „Verlust der
Mitte“ im Kunst- und Weltverständnis der Moderne, dem durch die Beschwöhalb der romantischen Weltdeutung aber bleibt die ästhetisch-sentimentalische:
das Gefühl einer unendliche Harmonie, das als Rührung die Vollendung eines
178) Novalıs Bd. II, S. 5737, das Überwiegen der Kunst gegenüber der Natur in der Musik
wird später vor alkeın von Hegel betont (Bd. 11,8. 268)
179) 3.G. Herder Bd. IV, S. 90 und 91
180)4.4.0.,8.92 und Y5
18 1)u.4.0.,8S.96
182) 4.4.0 ,8$. 113; gegen die übermäßige Beschäftigung mıl dem Töodtengerippe der Mu-
Versuch, den Pythagoreismus als ‚Weltanschauung‘ zu restaurieren, ist nicht
rung altvertrauter Werte Einhalt geboten werden soll'®”. Jedenfalls mutet es
I85) F.W. 3. Schelling: Schriften von 1799-1801, 5. 617
186) a.a.0.,8.629
187) A.W. Schlegel, S.8 11.
188) Novalis Bd. 11, S. 543; für Novalıs besteht eine Analogie zwischen Mathematik, (absortuter) Musik und (poetischer) Sprache insofern, als mathematische, musikalische und sprachhehe Zusammenhänge cind „eigene Welt” konstituieren, deren „Bedeutung“ aufdie Welt
sik wenden sich auch Ch. F. D. Schubarth’s „Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst“” (S. I).
der empirischen Erscheinungen Keine Rücksicht zu nehmen braucht. (Vgl. Bd. II, S. 67?)
183) Zu Schetlings Musikphubsophie bemerkt Bloch Kritisch: Reaktiondr-romantisch liegt
auch noch beı Schelling das musikalische Gold in der Siebenzahl begraben, ja Keplers Pythageräismus triumphiert in Schellings Philosophie der Kunst dermaßen total, daß hier die
Musik nur als eine Art unvollkommener Architektur, als ein noch gärendes Abbild des
Das Problem einer ‚„ıimmanenten“ (nıcht-referentiellen) Bedeutung ästhetischer Strukturen
wird damit zum Zentralen Thema einer Hermeneutik der Kunst, für die das Mimesis-Prinzip
dußern Universums erscheint, zum Unterschied von der Poesie, dem Akı des ungeronnenen,
lebendigen Sprechens selber und der emzigen inneren Seite der Welt (S. 507).
1843) FW.) Schelling: Philosophie der Kunst S. 147
nicht mehr verbindlich ist.
189) Diese Funktion erfüllt der Pythagoreismus vor allem innerhalb der anthroposophischen
Bewegung im Anschluß an Steiner’s Vortrag über „Die Welt dei Hierarchien und die Welt
der Töne“. So gewinnt Bindel aus den „Zahlengrundlagen ter Musik“ «die „Einsicht": Das
Rätsel der Oktavverwandrschaft isı nur der musikalische Ausdruck unseres Ichrätsels. Prım
Page 26
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)geltsam än, wenn in einer modernen Musikenzyklopädie zu lesen ist, daß die
neu-neupythagoreische Harmonik, die das Seiende nach qualitativen Gesichts-
” punkten ordnen soll, als exakte Wissenschaft zu bezeichnen sei, weil sie mit
Vorliebe naturwissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse benutze!”®. Wie ver-
129
wären. Die allgemeine These, daß wir am Tonerlebnis jene „wunderbare‘ Enrsprechung zwischen dem Innen und Außen konstatieren, bei der die in beide
Bereiche hineinreichende Zahl als Band dient!”, abstrahiert jedoch von vornherein von den konkreten Bedingungen musikalischer Rezeption: In dieser ist
gänglich angesichts des beschleunigten Größenwachstums solche „Erkenninisse" sind, Zeigt die Auslegung des durchschnittlichen Größenverhältnisses zwidas Erlebnis des Tones primär nicht durch seine „ewige“ Stellung im pythagoschen Mann und Frau als Geschlechtsintervali (170cm : 163 cm = 25: 24 =
5/6: 4/5 = Verhältnis zwischen kleiner und großer Terz)".
Selbst ein in der Regel vorsichtig argumentierender Musiktheoretiker wie
Handsehin spielt mit seiner Rede vom rwunnlichen und weiblichen Charakter
der Vöne!”? auf derartige „Korrespondenzen“ an. Auch bei ihm versteckt sich
hinter dem Interesse an Zahlenverhältnissen noch das alte ideologische Motiv,
lischen Elementar-Qualitäten haben sich in einem langen geschichtlichen Proinsofern er zu der Einsicht verhelfen möchte, daß auch wo wir die Verhältnisse
nicht nachrechnen können, eine göttliche Ordnung vorhanden ist, die Ordnung
der Löne also eine on Transzendenten wurzelnde Einheit darstellt!”
Das Schlüsselproblem aller Untersuchungen, die zwar mit der pythagoreıschen Grundhaltung sympathisieren, sich jedoch aut die Feststellung musiktneorelischer Sachverhalte beschränken, ist die Beziehung von Quantität und
Quatbtät innerhalb der musikalischen Erfahrung. Lassen sich aber Quantitäten
in einer Weise mit Qualitäten korrelieren, die es gestaltet, aus Zahlengrundlagen psychologische oder gar ästhetische Schlüsse zu ziehen? Die vorsichtigeren
Anhänger des Pythagoreismus glauben dies zumindest in bezug auf die „Wirkung“ von Konsonanz und Dissonanz behaupten zu können. In diesem Sinne
beruft 2. B. Handschin das Wunder der Entsprechung zwischen dem tonlich
Einleuchtenden und dem zahlenmäßig Einleuchtenden'!”", so als ob die Kriterien des „Einleuchtens“ im Falle der Zahlen und im Falle der Töne dieselben
reischen System bestimint, sondern durch seine spezifische Funktion innerhalb
eines nur hermeneutisch explizierbaren Konlextes, dessen Delerminanten
nicht Naturgesetze, sondern historisch-kulturelle Normen sind!®®. Die musikazeß in ihren Bedeutungen und Wertmaßstäben zu dem hin entwickelt, was
heute verbindlich erscheint!”
.
Daher muß sorglältig zwischen mathematisch-experimentellen und äsıhetisch-bermeneutischen Gesichtspunkten unterschieden werden; zwischen beiden besteht keine eindeutige Korrelation. Es wäre Dogmatismus, wollte man
z. B. im Fälle des Konsonanzproblems einen bestimmten mathematischen Sachverhalt zur alleinigen Entscheidungsinstanz erheben. Es gibt kein „Wesen" der
Konsonanz, das auf seine endgültige Definition zu warten hätte. Was „Konsonanz‘ ist, hängt immer auch davon ab, was wir als Kriterien der Anwendung
des Wortes „Konsonanz“ gelten lassen. Und solcher Kriterien gibt es verschiedene, die zwar in manchem miteinander verwandt sein können, nicht jedoch in jeder Hinsicht zur Deckung kommen!”. Vor allem dürfen die Kriterien als solche nicht mit den mathematischen Sachverhalten identifiziert wer-
195) J. Handschin: ebd., S. 123
196) Aufl’ naturwissenschaftlicher Seste hat vor allem Helmholtz auf den Unterschied von
„Naturgesetzen" und „ästhetischen Prinzipien“ innerhalb der Musik hingewiesen. (ct. Dahlhaus: Herinann von Helmholtz... .S. 39 ff) A. Schönberg ($. 108) stellt diesen Unterschied
und OKtar stehen ın unserer Seele einander wie nwederes und höheres Ich, wie Erde und
sehr prägnant heraus, wenn cr schreibt.
Himmel, wie Tiefe und Höhe gegenüber. (Bd. 1,8. 30).
190) Stichwort „Kaysc”" m MGG (5. 766). Das Zitat stanımt nicht von Kayser selbst, sonunser Künstliches in sie hıneinlegen können, und sicher ließen sich auch nuch andere Systeme ebenso natürlich aus ihr begründen wie das unsere. Aber auch ebensowenig! Es ist also
dern ast cine Zusammenlassende Wertung des Autors des Artikels.
etwas, dus sich gerade noch uus der Natur auch begründen läßt.
19 1) Bine „krkennins"” Kayser, die von Hüschen keinmentarlos efertert wird {S. 1608)
Pirogner „„kaont" seine ansonsten seha interessante Anthologie zur Geschichte der Musik-
Die Natur ıst allerdings so vieldeutig, daß wir selbst
197) H.P. Reinecke: Über die Eigengesetzlichkeit .. . S. 42
198) Über die mehrfache Bestimmtheit des Konsonanzbegriffs und die dureh deren Nichtphilosophie nit spektilafiven Auslührungen von Harburger, Steiner und Kayser, deru. a.
beachtung entstehenden Widersprüche ef. Dahlhsus: Konsonunz-Dissonanz S. 1501. Werden
un Deeisehalenaufbau der Erde die Dreiklangstruktur des Erdinnern zu gewahren glaubı
(Pfioener 8. 375).
192) 3. Handschin: ebd, S. 12
193) 2.2.0.8. 123 und 41%, Gegenstand der hier geübten Kritik sind natürlich nicht die
Autarbeitung der historischen Quellen und die Versuche uiner Rekonstruktion alter SystekKnitenologische Differenzen ım Sinne dei Alternative von empirischer Wahrheit oder Falschme, sondern ledighich die analogischen Verallgemeinerungen von „Zahlengesetzun ım Sınne can harmonikalen Weltdeutturnig.
194) a.4.0.,5 11%, Winckel sieht in der These: Da in den Dingen die Zahl liegt und auch
in der Seele die Zahl, deshalb seien die Dinge durch die Seele erkennbar einen Grundirrtum
der traditionellen Musik Iheorie und betont den Gegensatz von „pythagoreischein" und
„müusischem" Prinzip (5.47 und 51).
heit mißbverstanden, so entstehen Scheinprubleme, z.B. ın folgender Formulierung: Duß
die gefühlsmäßigen Eindrücke der Konsonanz und Dissonanz mit Lust- bzw. Unlustgefühlen
zu identifizieren sind, entspricht keineswegs den Tatsachen. So ist z. B. der lustvolle Eindruck einer Terz ungleich größer als der einer Oktave, obwohl leiztere einen erheblich stärkeren Konsonanigrad aufweist als die Terz. (H. Grabner $. 84) Es handelt sich hier nicht um
eine empirische Widerlegung, sondern um die Zurückweisung cınes Kriteriums für de Anwendung des Begriffs ,Konsonanz”, das mit einem als verbindlich betrachteten Kullidiert,
weil es eine andere Rangordnung festlegt. Nach dem einen Kriterium (Lust/Untust) ist die
Teız „Konsonanter“ als die Oktave, nach dem anderen verhält es sich umgekelirt. Das eine
Kriterium ıst deshalb nicht falsch, sondern eben anders; ob es überdies praktikabel ist, ist
ein zusätzlicher Gesichtspunkt, der nicht mit der Tatsachenfrage vermengt werden dart.
Page 27
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)noch keine Rangordnung impliziert, obwohl die Koinzidenz von Folge und
Mit dem Blick auf die Idee einer „wisseuschäaftlichen” Begründung der Musikästhetik hat Adorno betont, daß ästhetische Phänomene nicht mathematisieren sich lassen, da gleich in der Kunst nicht gleich sei: Mathematisierung als
Rangordnung durch das mathematische Teilungsprinzip „nahegelegt““ wird
(Je einfacher das Zahlenverhältnis, desto vollkommener das Intervall). Dersel-
Alethode zur immanenten Objektivierung der Form ist schimärisch?®. Zur Begründung dieser Behauptung bedürfte es allerdings detaillierter „Fallstudien,
be mathematische Sachverhalt läßt sehr verschiedene Interpretationen und dainit „qualitative" Auffassungen zu '””. Schon im Falle isoliert wahrgenommemit deren Hilfe die Grenzen mathematischer Musikbetrachtung und einer sich
als empirische Wissenschaft verstehenden Ästhetik aufgezeigt werden könnten.
Die vorangegangenen Bemerkungen sollten lediglich die Richtung anzeigen,
die eine aktuelle Reflexion des Verhältnisses von Philosophie (als Ästhetik und
us Methodenkritik), Mathematik und Musiktheorie einzuschlagen hätte.
den, die als Begründungsmomenı ıhrer Geltung fungieren. So ist z. B. in der
bloßen Folge der durch entsprechende Saitenteilung gewonnenen Intervalle
ner Intervalle war die Korrelation von Quantität und Qualität historisch veränderhch; wie „vieldeutig‘ aber wird diese Beziehung, wenn man die Funkton von Intervallen in den unterschiedlichsten ästhetischen Kontexten verlolgı?®.
..
Die Gefahren mathematischer Musik berrachtung hiegen nicht nur ın der
Möglichkeit einer durch vorgängige Abstraktion von den konkreten Rezeptionsbedingungen bedingten Simplifizierung der Probleme, sondern auch in
der Möglichkeit einer psychologisch und ästhetisch irrelevanten „internen“
Komplizierung. So kommen durch die Mathematisierung in die musikalische
Theorie Implikationen und Widersprüche hinein, die von den „Möglichkeiten
des Hörens oft gar nicht erfaßt werden können... Man denke an manche
Einzelheiten der Diskussion über Stimmung, uber „Konmata“, denen eine
Bedeutung oft nur im Sinne einer von der Musik losgelösten Spekulation zugeschrieben werden kann’.
So fragwürdig heute die Auffassung der Zahl als metaphysisches bzw. ontor
logisches Prinzip geworden ıst, so gerechtfertigt erscheint ihre methodologische
Auszeichnung als Grundlage aller „wissenschaftlichen" Musikbetrachtung. Die
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199) Zur Vieldeutigkeit der Beziehung von Quantität und Qualität ın Ästhetischer Hinsicht
dogmatisch mit bestimmten Zahlenwerten korreliert, so daß eine Exaktheit suggeriert wird,
die den Bestingungen ästhetischer Rezeption widerspricht. (Zur Entwick lung einer „‚Maätasthetik" vgl. M. Bense 5. 4301)
203) Th. W. Adorno $. 434 und 215. Eine engagierte Kritik der mathematischen Musik betrachtung in ihrer traditionelleren Form findet sich bei Bloch, der in emphatischer Weise
Natur und Kultur einander gegenüberstellt und die Musik als eine geschichtlich-dialek
tische
Erscheinung versteht, deren adaquate Charakterisierung den Bezug auf die in ihren Grund
eintönende Subjektivitäi erfordert (S. 513). Mathematik bleibt der Schlüssel zur Natur, niemals aber kann sie der Schlüssel zur Geschichte, zu jenen Selbsiverständigungen Jer NichrGleichung und des Unsymmetrischen sein, gegen das die Zahl erfunden wurde, und zu dessen mählicher Objektivierung der Menschengeist zuletzt noch die große Musik herausgesetzt
hat (5. 508).
vgl. C. Dahlhaus:
Musikästheuk $. 123
VO) H. P. Remecke (Über die Kigengesetzlichkeit .... 8.37) spricht in diesem Zusanmenlang von der phänomenalen Mehrdeutigkeit musikalischer Erscheinungen! die Spekulationen
mut Proportionen und Schwingungsverhältnissen verlehlen daher die Eigenart des musıkaschen Hörens (S. 44).
>01} H.P. Reinecke: Über Zusarmmenhänge....S. 64
>03) Die Problematik des szientistischen Ansatzes ınnerhalb der Ästhetik zeigt sich aın
deutlichsten beim Übergang von dei Beschreibung zur Wertung ästheuischer Strukturen,
d.h. bei allen Versuchen, ein „ästherisches Maß“ auı der Basis einer Quantifizierung von
Ordnungsbeziehungen zu gewinnen, Hier werden hermeneutische Kategorien wie ästhetische „Anmutung" ete., deren Bewertung und Verständnis prinzipiell kontextabhängig sınd,
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