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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Kunst der Musen
Das Wort »Musik< weckt heute andere Vorstellungen
als die KOLSIKT} TEXVN. die >Kunst der Musens. in den
Griechen. Sie umfaßt alle Tätigkeiten der Musen, die
in frühgriechischer Zeit als göttliche Kräfte erlebt wurden. Hesiodos besingt in seiner Theogonia Herkunli
und Wirken dieser Bergnymphen. Ihre Mutter ist
Mnemosyne, das »Gedenkens, ihr Vater aber Zeus.
Es sind:
|
|
»neun Töchter vall Eintracht, denen zu singen
innig die Triebe des Herzens befehlen, das Kummer
nicht kennert.
Hart am obersten Gipfel des schneeumhüllten
Olympos.
Wo sie glänzender Reigen (zopoi) sich freuen und
herrlicher Häuser,
Bei ihnen haben die Huldgöttinnen und Himeros
Wohnung
Festlich vereint (£v 9aAing). Und sie öffnen den
Mund zu Singen (n&inovrun) von Leben und Weise der Götter und melden (xAegiovgtv) von .ılaı
Ehrbarem Wandel und öffnen den Mund zu reizendem Klangr.
Die Gipfel des Götterberges Olympas in der Musen-Land-
Und zum Olympos empor. der herrlichen Stimme
schaft Pierien
fi} sich freuend,
föri kur.
Schritten sie unter ambrosischem Sang und von
.
ihrem Liede
Hallte die dunkle Erde, und liebliche (£putös)
Tritte vernahm ınan,
Da zu des Vaters Hause sie zogen, der hersschei
im Himmel (obpuvo)« (Theogoma 60-71).
Alle die neun dem mächtigen Zeus entsprossenen
Töchter,
Kleio und auch Euterpe, Thaleia, Melpomene weiter,
Terpsichore, Erato. auch Polyhymnia weiter,
Dann Urania, endlich Kalliope. allen ein Muster«
Und etwas später werden sie erstmals in der griechiSchen Literatur mit Namen genannt:
»Also sangen die Musen, olympischer Häuser
(Theoganıa 75-79).
Im angeführten Text aus dem Progimion Hesiods sind
Bewohner.
die Ausdrücke auf Griechisch herausgehoben, die die
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Namen der neun Musen in der Beschreibung ihrer
Tätigkeit vorwegnehmen. Es sind alles sprechende
Namen, denn Thalia bedeutet »Fest«, Melpomene
heißt »die das Liied Singende und Tanzende, Terpsichore »die sich am Tanzreigen erfreut«, Polyhymnia
ist die »Hymnenreiche« und Kalliope die »Schönstimmigee. Alle diese Namen stammen also aus der Beund Reden in direkter Form wiedergegeben werden,
Erst diese Korrelation von Mimesis und Dihegey; '
erlaubt es, alle Formen griechischer Literatur zu be. 4
rücksichtigen; von nun an gibt esüberhaupt erst Lite,
schreibung des kitharodischen Liedes selbst oder aus
dienen, als besondere Bildungen begreift: Chorlyrik,
Monodie, iambische und elegische Dichtung, Epos,
Tragödie, Komödie, Prosadialoge und Geschichts.
dem Formelgut kitharodischer Sprache. So ist Kleio
die »Verkünderin des Ruhmese, Euterpe die »Wohlerfreuendez, Erato ist von £putög, »lieblich« gebildet,
das häufig den kitharodischen Gesang charakterisiert.
Urania aber ist die »Himmlische<. Polyhymnia, die
»Hymncnreiche«, klingt in den vorausgehenden Versen gleichfalls an. Nicht nur die Namen der Musen,
sondern auch der ihrer Mutter Mnemosyne, »Gedenken«, sind also aus den Funktionen der Musen im kitharodischen, das heißt von Kithara und Gesang begleiteten, Tanzlied entstanden. Movankt) tern.
»Kunst der Musens, verwirklicht sich im kitharodischen Tanzlied einer Gruppe, es gedenkt der Taten
von Göttern und Heroen und verkündet ihren Ruhm.
Musenkunst in griechischem Sinne ist das instrumental begleitete und getanzte Wort, umfaßt also Melodie,
Rhythmus, Tanz und gesungenes Wort. Sie wird durch
kianarz, daß heißt durch »Aufführung«, »Darstellung«
des tanzenden und singenden Chores, erlebt und geäußert.
Mimesis
Die Mlimesis muß von einem hartnäckigen Mißverständnis befreit werden. Sie bezeichnet den Vorgang,
durch den die dem griechischen Wort vorgegebene
Einheit von Melos, Rhythmos und Wortsinn wirksam
wird. Mimesis geschieht in verschiedenen Graden der
Verwirklichung: am vollkommensten im gesungenen
Tanz und als Aktion des Schauspielers aul der Bühne. Tragödie und Komödie kennen keinen vom Spiel
unabhängigen, außenstehenden Erzähler, sondern
sind reine Mimesis. Von dem Augenblick an. da alle
literarischen Gattungen bei Platon an diesem Mirmesisbegriff’
der alten Musik& gemessen werden, tritt ins
Bewußtsein, wie die einzelnen dichterischen Gattungen daran teilhaben, und es drängt sich die Notwendigkeit auf, den Begrilf der »Dihegesist, der reinen
Erzählung, einzuführen, womit dann auch rein literarische Prosa einbezogen werden kann. So ist Geschichtsschreibung zur Hauptsache ausgesprochene
Dihegesis und wird nur dort Mimesis, wo Gespräche
ratur im heute verstandenen Sinn, die alle sprachi;
chen Produkte, die nicht der unmittelbaren Verstän.
digung in einem bestimmten, einmaligen Aktionsfeld
schreibung. Es ist bezeichnend, daß die erstmalige
begriffliche Fassung der »Literaturt zu einem Zeit.
punkt formuliert wird, da die alte Musik& von einer
neuen, das griechische Wort alsSubstrat verlassenden,
reinen Tonkunst abgelöst wird - ein Vorgang, der zu
den heftigsten Reaktionen der Anhänger der alten
Musik& geführt hat, des Aristophanes, Damons, Platons und anderer, und deren Kampfparolen überhaupt
erst einen Einblick in diese Vorgänge des zu Ende gehenden 5. Jahrhunderts v. Chr. gewähren.
fen viersilbige Takte vor, was nur möglich ist, weil der
Pgeutsche Hexameter wirklich aus dynamisch akzenpierten Takten, nicht aus Quantitätsgruppen wie der
; griechische Hexameter besteht, weil somit die schweTaktstelle die leichten Taktteile überstimmt.
Diese dem altgriechischen Wort inhärente Melo"gie liegt der Umgangssprache genauso zugrunde wie
choio« (Ifias B 815). Nach der vom deutschen Intensitätsakzent bestimmten Schulaussprache aber betont }
man die mit Punkt bezeichneten Silben. Im Hlexameter?
der deutschen Dichtung prägt der dreisilbige Takt den
ganzen Vers, die sechs aufeinanderfolgenden Takte
des Verses bestehen normalerweise aus zwei- oder
dreisilbigen Takten. Es kommen aber auch nicht sek :
ung hinweg:
diese neue Art zu singen, wurde als »Parodiex, als Gesang, der gegen die Wortmelodie verstößt,
verstanden
nicht mehr als »Pros-odie«, als Melodie,
die sich der
Wortmelodie anschmiegte. Damit ist aber
die Grundder Dichtung. Das Griechische kannte daher nicht wie
‚wir heute den Unterschied von gesprochener und ge:sungener Sprache, sondern nur den von Prosa und
- Pichtung, die aber beide „gesungen: wurden. Natürag lich bestand ein gradueller Unterschied. Der MusikIR schriftsteller Aristoxenos, ein Aristoteles-Schüler, sagt
FE darüber: »Wer sich mit dem Melos befassen will, muß
einen Unterschied machen in der Stimmbewegung,
— und zwar in der (Bewegung), welche an der (gleichen)
= Wortstelle stattfindet. Es gibt nämlich nicht nur eine
Art. Sowohl die Stimme des Sprechenden als auch die
der Singenden führt die genannte Bewegung durch -
Hochton und Tiefton gibt es ja offensichtlich in beiden
Arten (sprachlicher Gestaltung) -, die Stimmbewegung in bezug auf die Stelle (im Wort), an der der
— Hoch- und Tiefton erklingt, ist also identisch. Ihr
Unterschied besteht aber darin, daß die beiden StimmSingen und Sagen
bewegungen nicht von derselben Art sind« (Aristoxenos, Eiementa Harmonica Da Rios A 3).
In der »alten« Musik muß also die Melodieführung
In der altgriechischen Dichtung wurde die Zeit ledigeines Liedes auf die vom Wort gegebene Prosodie gelich durch die Abfolge von Silbengruppen gegliedert,
nauso Rücksicht nehmen wie die Melodieführung der
nicht aber durch Takte unterteilt wie in den modernen !
gewöhnlichen Sprache. Melodische Responsion im
Sprachen. Im einzelnen Wort wurde nicht eine Silbe |
Sinne einer modernen Liedinelodie war noch ausgedurch dynamische Betonung hervorgehoben, sondern |
schlossen. Eine Melodie war nicht unabhängig vom
lediglich durch einen Tonhöhenunterschied vor den |
Liedtext gegeben, und dieser Melodie konntenicht ein
übrigen Silben des Wortes ausgezeichnet. Die Abweianderer Text unterlegt werden. So war die Einstudiechung von der normalen Tonlage konnte in der Umrung eines Chorliedes unglaublich anstrengend und
gangssprache bis zu einer Quinte gehen, war aber in
Zeitraubend, denn die Rhythmik für Strophe und
stilisierter Rede wesentlich größer, wie Dionysios von
Gegenstrophe eines Liedes stimmte zwar völlig überein,
Halikarnassos und andere bezeugen. Diese durch
richt aber die Melodie. Sie mußte für jeden Vers
Tonhebung ausgezeichnete Silbe ist nicht an die
besonders eingeprägt werden. Es verwundert
Quantität der tontragenden Silbe gebunden; die Melonicht. daß
die aus Laien bestehenden Bürgerchöre wochenlang
diegipfel einer Wortreihe fallen also nicht mit dem einin strenger Klausur auf Kosten des Choregen
zig von der Silbenquantität abhängenden Rhythmus
lebten
und das Lied tänzerisch und melodisch einstudierten.
zusammen. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen, wobei
Erst gegen Ende der klassischen Zeit wurde
der Akut" Hebung des Tones, der Gravis’ Aufhedas
Singen einer stehenden Melodie alsetwas völlig
bung der sonst üblichen Steigung und Zirkumflex
Neues
und Revolutionäres bekannt. Die Melodie löste sich
Steigen und Fallen der Stimme auf der gleichen Silbe
bedeuten: »Gignösko se, theä, thfgater Diös aigi6
277
über die dem Wort anhaftende Tonbeweg
unter dem Einfluß der musikalischen
Die dionysische Form des musikalischen Ausdr
ucks: Aulosbläser und Tänzerin. Innenbild einer Schale der
Epiktet-
Malers, Einde des 6, Jahrhunderts x. Chr.
London, British
Museum
Neuerungen des
Jüngeren Dithyrambus vom Wort und wurde selbständig, Zum ersten Mal soll der Komödiendichter Kallias
in Lied gedichtet haben, in dem die Strophe und
Gegenstrophe nicht nur rhyihmisch einander völlig ent.
Kane haben, sondern auch melodisch. Euripide
s
PTR
e euerung auch in die Irageführt. Die Melodie setzte sich von jetzt
an
Dieapollonische Form des musikalischen
Ausdrucks: Lyraspieler und Dialogpartnerin. Innenbild
einer Schale des
Oltos- Malers, um 320 v. Chr London, Britis
h Aluseum
Page 3
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)lage der alten griechischen Musik, das Wort mit seinem die Melodie strukturierenden musikalischen Akzent, endgültig verlassen worden. Schon im Altertum
ist diese Entwicklung in vollem Gang, und im 1. Jahrhundert n. Chr. ist der Sprachstand des Neugriechischen in Wortbetonung und Lautsystem im wesentlichen bereits erreicht. Doch wird noch lange nach den
alten Mustern gedichtet, Auskunft aber über die Silbenquantitäten holen sich die Dichter nicht mehr in
ihrer eigenen Sprache, sondern bei den Grammatikern
und beim imitierten Vorbild.
Der Unterschied zwischen »Singen« und »Sagent
konnte folglich im Altgriechischen musikalisch nur in
einer verschiedenen Behandlung der Intervalle bestehen. Auch darüber erfährt man bei Aristoxenos Näheres: »Beim Sprechen vermeiden wir es, die Stimme auf
dem gleichen Ton zu lassen, es sei denn, wir gerieten
infolge seelischer Erregung in diese Bewegungsart;
beim Singen aber tun wir das genaue Gegenteil: Wir
vermeiden den stetigen Wechsel (der Tonhöhe),
trachten vielmehr danach, die Stimme möglichst stehen zu lassen« (Aristoxenos, Elementa Harmonica Da
RiosA 9, Ende). Beim Singen wird die Tonhöhe möglichst lange ausgehalten, die Stimme fällt nicht jeweils
sofort wieder in die Normallage zurück. Doch ist sie
auch hier in ihrer Bewegung nicht frei; sie muß die
natürliche Prosodie des Wortes berücksichtigen. Der
Gesang »verdeutlicht« daher nur die natürliche Melodie der Prosa, wie es Marcus Tullius Cicero im Orator
(55) nach der alten Tradition darlegt: ‚Wunderbar ist
das Wesen des Sprachlautes (eigentlich des Vokals),
denn seine Mannigfaltigkeit ist so groß und so angenehm in den Liedern, obschon er eigentlich nur aus
drei Varianten besteht, aus dem »inflexum« (Tonhebung und -senkung aufderselben Silbe), dem Hochton
und dem Tiefton. Es ist nämlich auch in der gesprochenen Sprache eine Art undeutlicheren Gesanges«
(Orator 55).
der dialogischen Form - ganz offensichtlich einem.
musikalischen Traktat des Musikers Damon folgt, der °
die Musik nach Lexis, Rhythmos und Harmonia be,
handelt hatte. Unter Lexis versteht er die Sprachform,
die in zwei Erscheinungsweisen auftritt. Dichtung is
Gestaltwerdung seelischer Zustände, nyn, und Beweentweder Mimesis, reine Aktion einer handelnden
Person, die in eigenem Namen in der nur ihreigentüm.
Veränderungen in der Musik und ihrer Ausübung weitlichen Weise spricht und handelt, oder aber Dihegesi,,
Erzählung eines dritten, nicht an den Vorgängen und
obdanoo xıvodvrun HOVOIKTIG TPöROL Aveu RoAıreichende Konsequenzen für alles haben müssen:
tIKÖv vöpnv TÜV HEYIOTWV, GG Pol Te Adyov:.
Kal&yo reidonm (Politera 4240). «Denn nirgends.
wird an den Regeln der Musenkunst gerüttelt, ohne
daß nicht auch die wichtigsten Gesetze der Stadt dadurch erschüttert würden. Das sagt schon Damon,
Personen Beteiligten. Das Epos nun ist eine Misch. a
form, da reine Erzählung mit direkter Rede aufiretender Personen wechselt: »So verstehe auch, fuhr ich "
: 3#
fort, daß sich gerade die entgegengesetzte Art der‘ we
Darstellung ergibt, wenn man die Schilderungen des '
und ich glaube es ihm.«
Man muß nun die wenigen außerplatonischen
Zeugnisse zur Damon-Schule anführen, die die kurzen
Hinweise Platons zu ergänzen vermögen. Bei Athe-
Dichters zwischen den Reden herausnimmt und nur
die Wechselreden stehenläßt. So ergibt sich, daß Tragödie und Komödie reine Mimesis sind, nur Dihegesis
findet man am ehesten beim Dithyrambus. Die dritte
Art, die beides vereinigt, haben wir in der epischen
Dichtung, aber auch sonst vielfach« (Politeia 394 b/o).
Nun werden, wiederum im Anschluß an Damon,
naios 628c heißt es: »Nicht übel sagten Damon der
Athener und seine Schüler, daß die Lieder und Tänze
Platon. Römische Marmorkopie eines Bronzeoriginals, vermutlich einer um 365 v. Chr. entstandenen Sitzstatue des
Bildhauers Silanıon. Genf, Privatsammlung
der hier gleich zweimal namentlich erwähnt wird (was
bei Platon ganz außergewöhnlich ist), die Rhythmen
betrachtet, die wie die Formen der Lexis einer strengen Kritik und Auswahl unterworfen werden. Nur
Rhythmen, die das zp£nov, das »Schickliche«, aus
drücken, sollen in der Erziehung verwendet werden,
nicht aber eine Vielzahl von Rhythmen, die häufige
netußoiui, »Veränderungen«, mit sich bringen
»Wenn man dem Vortrag einmal die passende Tonart
und den richtigen Rhythmus gegeben hat, dann wird
sich, wer richtig vorträgt, fast immer an dieselbe
Sprechweise und an dieselbe Tonart halten können
soll... Darüber, entgegnete er, wollen wir uns erst noch
mit Damon beraten, welche Taktarten zu einer niedrigen Gesinnung oder welche zum Hochmut, welche
zur Tollheit oder zu sonstiger Schlechtigkeit passen
und welche Rhythmen man für das Entgegengesetzte
vorbehalten muß. Doch habe ich so dunkel in Erinnenung, einmal gehört zu haben, wie er von einem zusammengesetzten Enhoplios und dann von einem
Daktylos und einem heroischen Versmaß sprach und
diese, ich weiß nicht wie, ordnete und miteinander
verglich. Und eine andere Taktart nannte er, glaube
ich, lambos und eine andere Trochaios und wies ihnen
Längen und Kürzen zu. Und an einigen von ihnen tadelte oder lobte er das Tempo des Fußes nicht weniger
als die Rhythmen selbst, oder etwas an beiden - ich
kann es nicht sagen. Doch überlassen wir das, wie ge-
(die Veränderungen sind nämlich gering) und ebense
an ungefähr denselben Rhythmus« (Politeia 3976).
Nachdem selbst die Tonarten einer ähnlichen
Beurteilung unterzogen worden sind und die orgiasti
schen Instrumente Aulos, Trigonon und Pektis zugun!
sten von Lyra, Kithara und allenfalls Syrinx von der;
Erziehung ausgeschlossen sind, wollen sie im Ar;
Die Mimesis der Musik bei Platon
Im Buch III der Pofrteia sucht Platon nach Kriterien für
die richtige Auswahl der Dichter in der Erziehung seiner Wächter. Der moralische Maßstab ergibt sich dabei aus seiner philosophischen Haltung. Feigheit, Niedertracht, Mutlosigkeit, zänkisches Klagen, alles bei
den homerischen Helden und Göttern zu finden, sollen aus der Erziehung ausgeschlossen sein. Nach dieser moralischen, inhaltlichen Bestimmung geht Platon
über zur formalen Kritik, wobei er - unter Wahrung
2719
gung, Rad, und umgekehrt können die einzelnen
Formen der Musik entsprechend die Ethe und Pathe
des Menschen beeinflussen oder sie gar hervorbringen. So erscheint es nur folgerichtig für Damon, daß
eur ren ne a en m
278
schluß an Damon die für die Erziehung geeigneten!
Rhythmen festlegen: »Nach den Tonarten stellt sich;
uns wohl die Frage nach den Rhythmen, daß wir näm- !
lich nicht den buntwechselnden Rhythmen und det!
mannigfaltigen Taktarten nachlaufen, sondern nur!
darauf sehen, welches die Rhythinen eines geordnetet;
und tapferen Lebens sind. Haben wir diese gefundes
so wollen wir den Versfuß und die Melodie nötigen.
sich der Rede eines solchen Mannes anzupassen, nich!
aber die Rede dem Versfuß und der Melodie. Dein;
Aufgabe ist es nun zu sagen, welches die Rhythme
sind, so wie du die Tonarten bestimmt hast ... Bei]
Zeus, erwiderte er, ich weiß nicht. was ich da sage}
|
|
sagt, dem Damon... (Politeia 400 b).
Die zweimalige Nen nung des Gewährsmannes Damon ist in der Dialogliteratur Platons ganz einmalig.
Der Dialog beruht
ja auf der Fiktion reiner Mündlichkeit. Werke anderer Schriftsteller dürfen daher nicht
Wörtlich zitiert, sondern lediglich aus der Erinnerung
mes Gesprächspartners rekonstruiert werden. Die
Disposition der ganzen Abhandlung verrät, daß Platon
einem ihm vorliegenden Werk Damons folgt, es aber
in Gespräch auflöst. Schon Damon hat eine strengmoralische Kritik an die Musik und ihre Ausübung
angelegt: Musik in allen ihren Ausdrucksformen ist
Lk.
notwendigerweise entstehen, wenn die Seele sich
irgendwie bewegt, und daß Ireie und schöne Seelen
gleichartige (Lieder und Tänze) hervorbringen, gegensätzliche aber gegenteilige.< Bewegungen der Seele, rü9n. und Zustände der Seele, fj9n. finden ihren
sicht- und hörbaren Ausdruck in den ihnen von Natur
zugeordneten Tänzen und Liedern. Doch gilt auch die
Umkehrung, wie das angeführte Zitat aus Platons Palrfera beweist. Lieder und Tänze, die gesamte ymusike
technet, wirken aufdie Seelen; ihre Veränderung wandelt die Menschen und ihre Beziehungen zueinander,
Umschlag der Rlıythmen und Melodien führt zu
neraßoAn, zur Veränderung des Staates, Diese
Umsetzung der Bewegungen der Seele in die sinnlichen Formen der Lieder und des Tanzes war, wie aus
Platon zu schließen ist, schon von Damon Mimesis genannt worden. Mimesis ist also primär nicht »Nachahmunge.
Die antike Musiktheorie und die Ästhetik gehen
immer von der Bedeutung »dramatisches Spiel mit den
Mitteln der Musik« aus. »Darstellenc, »Ausdrückent ist
die notatio dieses Begriffes; dazu kann die connotatio
snachahment treten, wenn nicht-fiktive Gestalten
in
einem realistischen Mimos dargestellt werden. Bei solchem Mimos wurde die connotatio schließlich zur
Hauptbedeutung und verdrängte teilweise die notatio
‚darstellen. Dies ist keineswegs ein singulärer sprachlicher Vorgang. So läßt sich etwa das umgangssprachliche lateinische ad-ripare, san Land kommen. »landen« damit vergleichen, dessen connotatio vankomment sich im Spätlatein und in den romanischen Sprachen (italienisch: arrivare, französisch: arriver} durchsetzte und die ursprüngliche notatio -landen« gänzlich verdrängte. Auch jupneisdut bedeutet daher
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‚nachahmen«, doch stützt sich die Musiktheorie ausschließlich auf die notatio »darstellen«, sausdrücken«.
Dieser kleine linguistische Exkurs ist darum für das
Verständnis Platons besonders nötig, weil er sich in der
Kunstkritik des Buches X der Polsteia ganz. auf diesen
umgangssprachlichen Begriffder Nachahmung stützt,
den er aber dort aus der Philosophie des Demokritos,
nicht mehr aus der Musiktheorie herleitet.
Musik bei Platon und den Pythagoreen
etwa durch Gesetzesbestimmungen bewirkt, sondem
sobald wie möglich und solange sie noch nicht in den
Krieg ziehen, Bittgänge und festliche Aufzüge für alle
Götter abhalten im Schmuck der Waffen und zu Pferde, und dabei, bald schneller, bald langsamer sich im
Tanz- und Marschschritt bewegend, ihre Gebete an
die Götter und an die Göttersöhne richten« (Nomor
durch eine gewisse zuchtlose Genußsucht, die weit da.
von entfernt ist, immer an dem Nämlichen und auf die
gleiche Weise Gefallen zu finden, wie du von den‘
Agyptern erzählst, vielmehr einem steten Wandet.4unterworfen ist« (No»207 660b). Wesentlich umfassen.
796b).
der formuliert Platon die Kulturentstehung aus dem
Geist der Musik: »Wir stellten, wie wohlerinnerlich, zu
Anfang unserer Betrachtungen die Behauptung auf,
Ganz dem Grundsatz Damons entsprechend, daß
. eine Veränderung der musischen Formen zum
Umsturz im Staat führt, fordert Platon durch Tradition
geheiligte Gesänge und Tänze, die nicht verändert
werden dürfen: »Das Mittel zur Bewahrung ist die heilige Weihe, die man jedem Tanz und jedem Gesang
gibt. Für die Feste ist nämlich zunächst, unter wohlberechneter Verteilung auf das ganze Jahr, festzusetzen, welche Feste und zu welchen Zeiten und zu Ehren
welcher Götter oder Göttersöhne oder Dämonen sie
daß alle jugendlichen Geschöpfe feuriger Natur seien*
und nicht imstande. Körper und Stimme völlig ruhen
zu lassen, vielmehr sich immer in regellosen Tönen
Musik in den Gesetzen Platons
Im Spätwerk der Noma: greift Platon in vollem Umfang auf die Musiklehre Damons zurück, die er seiner
ganzen Erziehung zugrunde legt. Hier finden sich die
ausführlichsten und bezeichnendsten Aussagen Platons zur griechischen Auffassung von der youaıKr)
teyvn.»Esgebe kaumein junges Geschöpf, das seinen
Körper oder seine Stimme auch nur einen Augenblick
in Ruhe zu lassen vermöge; vielmehr habe es den
Trieb, sich beständig zu bewegen und Töne vernchmen zu lassen, bald springend und hüpfend, gleichsam
tanzend vor Freude und Spiellust, bald wieder alle
möglichen Töne von sich gebend. Die andern lebenden Wesen nun hätten kein Gefühl für jene Regelmäßigkeit in den Bewegungen, die man Rhythmus
und Sprüngen ergehen. Einer Regelung des Ganges
dieser beiden Arten von Bewegung sei keines dieser
Geschöpfe fähig, nur der menschlichen Natur sei dieser Vorzug eigen. Für die Ordnung der Bewegung aber
habe man die Bezeichnung Rhythmus, für die Verbindung des hohen und tiefen Tones den Namen Harmojedesmal stattfinden müssen; ferner ist zu bestimmen,
welcher Gesang jedesmal die Opfer für die Götter
begleiten soll und welche Reigentänze zur Verherrlichung der Opferhandlung aufgeführt werden sollen.
Man hat also zunächst diese Auswahl zu treffen. Ist
nie, für die Vereinigung beider den Namen Chorreigen. Die Götter aber, sagten wir, hätten sich unser
erbarmt und uns zu Chorgenossen und Chorleiter
den Apollon und die Musen gegeben, und als dritten
nannten wir, wenn erinnerlich, den Dionysos« (Namoi
664€). Die Aussage Platons stimmt überein mit dem,
Saız Damons, daß Gesänge und Tänze xıvounevng
dies aber geschehen, so sollen nach vorausgegange-
RG TAG wuxrig, also durch irgendwelche Bewegung
der Seele entstünden. Konsequent ergibt sich daraus,
daß Erziehung nichts anderes ist als die richtige Pflege
der musischen Künste: An ev rov xopeia ÖAn
Tanzendes Mädchen. Bemalte Terrakottafigur. aus Bor:
often, um 400 v. Chr.Karlsruhe, Badtsches Landesmuseum
und Harmonie nennt« (Nomor
653 «). So wird Sinn für
raidevong Av Auiv, die ganze Tanzkunst ist für uns
Rhythmus und Harmonie das spezifische Merkmal,
durch das sich der Mensch vom Tier unterscheidet. Im
rhythmisch geordneten Tanzlied »äußert« sich der
also die ganze Erziehung: (Nomor 672e); denn der !
Tanz ist die spezifisch menschliche Ausdruckstorm;
»Auch für dieses heitere Spiel also liegt der Anfang in
der natürlichen Gewohnheit jedes Geschöpfes, hinund herzuspringen; der Mensch aber, der, wie gesagt,
ten, Aulosspiel mit Gesang zur Kithara aufführten und
alles miteinander vermischten. Nicht mehr die Richtigkeit war der Maßstab, sondern die Lust. Und so
wandelte sich die »Herrschaft der Besten« zur schmählichen Herrschaft der Zuschauermenge. zur »Theatrodes Gefühles für den Rhythmus teilhaftig ward, wurde
kratiac.
dadurch Erzeuger und Schöpfer des Tanzes, und da
die Melodie mahnend und weckend auf den Rhythmus wirkt, so erzeugten beide in Gemeinschaft den ;
Tanz und das Spiele (Nomor 673 c/d).
;
Nomor 700aff. zeigt das Idealbild der altattischen|
musischen Erziehung, die sich nach den festgefügten |
Das Buch VII der Nomorenthält zahlreiche einzelne
Angaben über die musische Ausbildung, die den in
Buch II und IIT gezeichneten Rahmen erfüllen: »Auch
die mimischen Choraufführungen von der würdigen
Art darf man nicht beiseite lassen. wie hierzulande
(nämlich in Kreta) die Waflentänze der Kureten und in
Sparta die der Dioskuren. Und unsere heimische jungffäuliche Schutzgöttin (nämlich Athene). die ihre
Preude hatte an dem Spiel der Reigentänze, erachtete
esdoch nicht für richtig, mit leeren Händen bei diesem
Mensch, weshalb er später bei Aristoteles das {60V
MIANTIK@TETOV genannt wird. Bereits für Platon isı
das einc Selbstverständlichkeit: »Da die Tänze nun
Ausdrucksformen des Charakters{unnata TPöRWOY)
sind, wie er in den mannigfachen Handlungen und
Schicksalsfügungen entsteht, indem sie ihn durch ihre
Darstellungen objektivieren, so werden notwendigerweise diejenigen, deren durch Natur oder Gewohnheit
oder durch beides bestimmter Sinnesweise das durch
Wort oder Gesang oder irgendwie tanzmäßig Dargestellte entspricht, daran auch ihre Freude haben« (Nom0o:’655d). Da nun der Gesetzgeber zu bestimmen hat,
was als schön gilt, darfkeine Veränderung in den musikalisch gültigen Formen eintreten; die Musik soll hieratisch streng gebunden bleiben, wie die ägyptische
Kunst. In Kreta und Sparta wird diese Forderung bereits erfüllt, nicht aber in den übrigen griechischen Poleis: »...vielmehr folgt da meines Wissens, was die
vönor richtete, wobei der Begriff »Nomos« - »Gesang- }
weise« - überspielt wird von Gesetze; als aber diese;
vö1or verlassen wurden, setzte der Verfall ein: Hym-|
nen, Threnoi, Paiane, Dithyramben waren die festg®
fügten Gattungen, die vöuor- »Weisen« - genannt |
wurden und die die Geltung von vönoı - »Gesetzene- i
hatten. Doch allmählich begannen Dichter, die zwat:
von Natur begabt waren, aber das Recht und Gesel.
Tanzweisen und die übrige musische Kunst überhaupt
der Muse nicht kannten, mit der amusischen rap
vonia,»Gesetzwidrigkeit«, indem sie Threnoi mit def
anlangt, immer eine Neuerung auf die andere, nicht
Hymnen und Paiane mit den Dithyramben vermisch .
281
Spiel aufzutreten, sondern nur im Schmuck der vollen
Wafenrüstung den Reigentanz aufzuführen. Diesem
Vorbild getreulich zu folgen, zur Ehre der huldreichen
Göttin, dürfte sich für Knaben und Mädchen wohl geBemen zum Nutzen der kriegerischen Tüchtigkeit soWie zur Erhöhung der Würde der Feste. Für die Knaaber soll die Einrichtung getroffen werden. daß sie
nem Opfer für die Moiren sowie für sämtliche andere
Gottheiten alle Bürger gemeinsam unter feierlichen
Spenden einem jeden der Götter und derer, die zu
ihnen gehören, seinen besonderen Gesang weihen.
Und wenn jemand irgendeiner Gottheit mit andern als
den festgesetzten Gesängen und Reigentänzen huldigt, so sollen die Priester und die Priesterinnen im
Verein mit den Gesetzeswächtern sie, wie göttliches
und menschliches Recht fordert, von der Feier ausschließen... (Nomor 799).
Von großem Interesse aber ist diese Übersicht für
eine ganz besondere Gattung von Gesängen und Tänzen: »Wir sprachen uns doch, dächte ich, damals dahin
aus, daß die in einem Alter von sechzig Jahren stehenJen Sänger des Dionysoschores eine ganz besondere
Feinfühligkeit erlangt haben müssen für die Rhythmen
und für den Aufbau der Melodie, um auf Grund derselben imstande zu sein, die Darstellung der L.ieder, die
gut und die schlecht wiedergegeben wird, &v tois
ruynuuctv Ötav yuxn yiyvntat, zu beurteilen, und
die guten Nachbildungen und die schlechten beurteilend, die einen verwerfe, die anderen aber heranziehe
und sie den Seelen der Jungen vorsinge und sie so verzaubere und sie so zum Erwerb der Tugend durch die
Darbietungen anreize« (Namor 812b). Der Satz, »wenn
die Secle in den Erregungszustand geräte, ist sehr bezeichnend als eine Erwähnung der musikalischen Pathoslehre, die Platon offenkundig bekannt ist, deren
Einzelheiten er aber nicht breiter ausführt, da er die
orgiastische Musik, aus der diese Beobachtungen
Page 5
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)b., nicht durch Ruhe, sondern im Gegenteil durch Beund einer Lehre von der Katharsis durch die orgiastiu
Yhaukeln und dabei ein Liedchen singen und so die
sche Musik sind deutlich zu erkennen. Gerade die Tatsache, daß Platon das vorliegende Einteilungsschema
Kinder wie durch Flötenspiel einlullen, ganz ähnlich
b ; gie es bei der Heilung bakchischer Raserei geschieht,
nur teilweise benützt und die Musik der bakchischen
und orgiastischen Kulte als sunpolitischest Genos bei-
; Wodie Bewegung des Reigentanzes mit der der Musik
seite schiebt, beweist, daß er eine solche l,ehre voraus-
Zusammenwirkt. Kleinias: Und worin haben wir denn
fan eigentlich den Grund für diese Erscheinungen zu
setzt. Auch im frühen Dialog /or zeigt sich, daß Platon
auf ganz bekannte Erscheinungen auf diesem Gebiet
hinweist. Sokrates zeigt dem Rhapsoden Ion, daß er
nicht kraft einer vernunftmäßig gelehrten stechnet
g. indem sie sie ununterbrochen aufden Armen
a
*
iehen, mein Freund? Athener: Das ist nicht schwer zu
E : gikennen. Kleinias: Nun, wie denn? Athener: Eine Art
"der Beängstigung (dtipaiverv &otiv... tata.. Ta
1. 369m) sind beide Zustände (die Schlaflosigkeit der
j Kinder und die sogenannte Korybantenkrankheit),
„utrd die Angst ist die Folge irgendwelcher ungesunder
Seelenverfassung. Wenn man nun derartigen Zustän-
Musikalischer Wettstreit zwischen dem Kitharoden Apollon und dem einen Doppel-Aulos blasenden Marsyas in
Gegenwart des zum Todesvollstrecker am dionysischen Blösche Wirkung orgiastischer Musik denkt, die ihm wohl
bekannt ist, die er aber nicht in seine Erziehungslehre B
aufnehmen wollte. Zwei weitere, nicht in einem syste.
von der Musenbasts
ser bestimmten Skythen. Marmorrelief\
matischen Zusammenhang stehende Zeugnisse bedes Tempels in Mantincia, zwischen 330 und 320 v. Chr.
Athen, Archäologisches Nationalmuseum
weisen, daß Platon die Lehre von der kathartischen
stammen, bewußt zurückdrängt; gelegentlich kann er
aber nicht vermeiden, sie doch zu streifen — so Nomar
814aff., wo Platon die gesamte Tanzkunst in »ernsthafte« und »unedle« Formen einteilt, wobei jeder Gruppe
zwei Untergruppen entsprechen. Die ernsthafte Tanzkunst gliedert sich in die Emmeleia, das erhabene
Tanzspiel, und in die Pyrrhiche, den Waflentanz, die
unedle aber, wie sie in den Tänzen der Komödie auftritt, soll den Unfreien, den Sklaven zur Aufführung
283
Eden mit einer Erschütterung von außen entgegentritt,
(so bewältigt die von außen wirkende Bewegung die
innere, in Furcht und Raserei (triv &vtög Yoßepuv
odauv Kai navırrjv kivmaiv)sich kundgebende Bewegung, und dieser Sieg gibt sich deutlich zu erkennen
_ ineiner Beruhigung der Seele und einem Aufhören des
? beängstigenden, in allen diesen Fällen vorhandenen
Wirkung der Musik bekannt war. So vergleicht der „ Herzklopfens - eine durchaus ertreuliche Wendung,
trunkene Alkibiades im Symposion Sokrates mit dem
iiie den Kindern zum Schlafe verhilft und die wachen
halbmythischen Aulosbläser Marsyas: »Dieser verGeisteskranken durch Tanz und Flötenspiel mit Hilfe
zauberte die Menschen mit den Instrumenten, durch
- der Götter, denen unter glücklichen Vorzeichen Opfer
die Kraft seines Mundes, und auch jetzt, wer immer
dargebracht werden, aus einem Zustand der Rasereiin
seine Lieder bläst - was nämlich Olympos spielte, beeinen Zustand besonnener Vernünftigkeit zurückverlehrt von diesem Marsyas -, wenn nun ein guter Aulos- _ setzt. Und damit wäre eine annehmbare Erklärung der
bläser oder eine schlechte Spielerin seine Lieder spielt, ” Sache gegeben, soweit sich eine solche wenigstens in
sie allein bewirken Besessenheit und offenbaren die
" kürze geben läßt« (Nomor 790 dff.).
Die Umrisse einer vorplatonischen Mimesislehre
seine Kenntnis von homerischer Dichtung besitzt,
sondern weil er vom Dichter Homeros wie von magnetischen Kräften angezogen ist. Dichter und Seher
nämlich können nicht aus ihrer menschlichen Beschränktheit heraus das Wort der Muse oder des Gattes verkünden, sondern nur, weil sie von ihnen besessen sind. Auch kann der Dithyrambendichter nur Dithyramben, der Ependichter nur Epen dichten und so
entsprechend die anderen Dichter einzig in der ihnen
gegebenen Gattung, und es ergeht ihnen »wie den
Korybanten, die nur jenes Lied wirklich hören, das zu
dem Gott gehört, von dem sie besessen sind; und zu
diesem Lied kennen ste Tanzfiguren und Worte in
großer Zahl, um alle anderen aber kümmern sie sich
überhaupt nicht« (/or 536c).
Die pseudo-platonische Schrift Minos vermittelt
über diese paideutisch-kathartische Verwendung der
Aulosmusik noch etwas mehr. Die Aulosweisen (des
Marsyas und des Phrygers Olympos) »sind sehr göttlich, und sie allein setzen in Bewegung und offenbaren
die, welche der Götter bedürfen. Und auch jetzt noch
des Häßlichen dienen. Er soll diese keinesfalls selbst
aufführen, denn Mimesis des Häßlichen und Schändliwelche der Götter und der Weihen bedürfen, weil sie
eben göttlich sind« (Symposion 215bfl.). Spezifische
Weisen orgiastischer Kulte wirken auf besondere, für
das jeweilige Pathos anfällige Menschen. Sie werden
durch diese Musik erregt, die Erregung wird bis zur
Sättigung gesteigert, worauf die Katharsis, die Be,
chen könnte das Wesen des Darstellers ungünstig verfreiung vom Pathos, eintritt.
erregt und damit erkennbar. Ihre Erregung wird bis
ändern. Wohin gehören aber nun die bakchischen,
orgiastischen Tänze, die im Kult gewisser Gottheiten
immer wieder aufgeführt werden? Platon erwähnt sie
zwar, schiebt sie aber als ein unpolitisches Genos beiseite. Die bakchantischen Tänze und die, die Nymphen, Pang, Silenen und Satyrn, wie die weinberauschten Wesen heißen, darstellen, indem sie Reinigungsund Einweihungsriten vollziehen - diese Tanzkunst
gehört nach Platon weder zum friedlichen noch zum
In den Nomo; wird von der Pflege der Säuglinge g&
sprochen und gefordert, sie seien in ständiger Bewe:
gung zu halten, Tag und Nacht sollen sie ununterbrochen geschaukeit werden: »Wäre es möglich, so müßzur Klimax gesteigert, wodurch sie zur Katharsis, zur
Reinigung und Heilung, gelangen.
Unverkennbar sind somit die Grundzüge einer
überlassen werden, dem Freien aber nur als Schauspiel
kriegerischen Genos; es ist apolitisch und wird deshalb
von der Behandlung ausgeschlossen (Nomas 815c).
Erst aus zeitlich später auftretenden Zeugnissen in der
FPoetik des Aristoteles und in anderen seiner Werke sowie beim kaiserzeitlichen Aristides Quintilianus läßt
sich erkennen, daß Platon schon hier an die katharti-
(Afpros 318b). Bakchische, orgiastische Aulosweisen
sind Ausdruck, piunpu, ganz bestimmter seelischer
Erregungszustände; läßt man sie erklingen, so werden
die, die entsprechenden seelischen Erregungen unterworfen sind, durch die suundadsıe, das ıMitleiden«,
Theorie der kathartisch-orgiastischen Therapie schon
bei Platon und inder frühen Akademie deutlich faßbar,
die dann in den Werken des Aristoteles. in der Politik
und der Poetik, erstmals ausführlich behandelt werden.
ten sie sich immer wie auf der Seefahrt befinden; da
dies aber nicht möglich ist, so muß man bei dieser
jungen Ankömmlingen ein Verfahren einschlagzen, das:
dem wenigstens möglichst nahe kommt. Eine Bestäti
gung dessen muß man auch darin finden, daß nicht
bloß die Wärterinnen der Kleinen auf Grund ihrer
eigenen Erfahrung darauf gekommen sind und es als
nützlich erkannt haben, sondern auch die Frauen, die
sich auf die Heilung der sogenannten Korybantenkrankheit verstehen. Wenn nämlich die Mütter ihre
Kinder in den Schlaf bringen wollen, so bewirken si@
sind diese Weisen erhalten, weil sie göttlich sind«
Kostümierte Satyrn heim grotesken Tanz unter Aulasbegleilung in einem Spiel zu Ehren des Gattes Dionysos. Pasenbild aufeiner attischen Hydria, zwischen 470 und 360 v.
Uhr. Boston, Mass., Museum of Fine Arts, Francis Bartlett
Denation
Page 6
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Platon und die Pythagoreer
die Harmonie befragen. Denn diese machen es ,
cher Begründung der t&yvaı, wie dies im Verfahren
der Dihärese erstmals im platonischen Dialog PArlebos
von den Pythagoreern überliefert wird.
»Alles, was bis jetzt in bezug aufkunstmäßige Erfindungen crreicht worden ist, ist auf diesem Weg kundgeworden. l.erne ihn nun durch mich kennen. - Protagoras: So belehre uns denn! - Eine Gabe der Götter, so
will es mir wenigstens scheinen, ward von irgendwelchem Göttersitz durch irgendeinen Prometheus herabgebracht, umstrahlt von hellstem Feuerglanz; und
gleich wie die Astronomen. Sie suchen die Zahlen,
in den gehörten Konsonanzen liegen, aber sie }a,
Im Buch VII der Posteia befaßt sich Platon mit den
»Lehrgegenständen«, haduata,die als Vorschule der
wahren Philosophie geeignet sind, die Seele aus dem
Schlamm der sinnlichen Welt herauszuziehen, sie zu
reinigen. Dies geschicht in den mathematischen Disziplinen der Arithmetik, Geometrie (und Stereumetrie)
sowie in der Astronomie und Musik. Allerdings dürfen
diese Studien nicht im Konkreten der Zeichnung oder
des Modells verhaftet bleiben, sondern müssen zur
reinen
Anschauung der Zahl und ihren Verhältnissen
vordringen. In der Astronomie dürfen sogar nicht einmal die sichtbaren Erscheinungen der Gestirne berücksichtigt werden, sondern nur die sie regierenden
Zahlen. Ganz Entsprechendes gilt für die Musik oder
genauer gesagt für die Akustik.
»Wie die Augen für die Astronomie geschaffen
sind, sagte ich, so sind die Ohren wohl für die Bewegung der Harmonie geschaffen. Diese Wissenschaften
sind einander wie Schwestern verwandt. So behaupten
die Pythagoreer, und wir, Glaukon, stimmen ihnen zu.
Oder wie sollen wir es halten? - Ebenso, sagte er. - Und
weil das eine weitläufige Sache ist, fuhr ich fort, wollen
wir uns bei ihnen erkundigen, was sie darüber sagen
und was sie vielleicht sonst noch lehren. Bei alledem
sie nicht zu Anlässen des Nachdenkens werden, um
untersuchen, welche Zahlen harmonisch sind
welche nicht, und weshalb sie das oder jenes sin
Von einer großartigen Sache sprichst du da, sagte
Jedenfalls von einer, versetzte ich, die zur Erforsch
des Schönen und Guten nützlich ist; geht man ihra
auf andere Weise nach, so ist sie unnütz« (Po
5304).
Der platonische Sokrates schließt sich jenen Pythag
gen, denen Sokrates bisher begegnet ist, nicht bis zu
den Problemata, nämlich bis zur Frage, welches nun
die symphonen Zahlen sind und welches nicht - das
Nein, beim Zeus - rief
er -, außer ganz wenigen, mit
denen ich zusammengetroffen bin« (Poditeia531e).Mit
den zuletzt genannten Pythagoreern sind wohl Archytas und seine Schüler gemeint, zu denen auch Platon
gehörte. Dem ausführlich zitierten Passus lassen sich
für die Pythagoreer oder die Leute, die sich auf Pythagoras in der zweiten Hälfte des 5. und zu Anfang des#.
Schlägen mit dem Plektron und von Anklagen, vom
Leugnen und von den Ausreden der Saiten sprechen
müssen, will ich ihn nicht weiterführen. Ich erkläre,
daß ich nicht diese Leute meine, sondern jene Pythagoreer, von denen wir eben sagten, wir wollten sie über
nicht eher an das Viele herantreten, als bis man die
fein eınpirischen von den mathematischen Pythagogenaue Zahl dieser Vielheit, die zwischen dem Unend-
‚Wandmalerei des Bukoltschen Malers nach einem Vorbild
An 3. Jahrhunderts v. Chr.. aus Pompeyi, 1. Jahrhundert
"u Chr. Neapel, Museo Archeologico Nazionale
heißt, auch diese lösen sich nicht vollständig vom ge
wie wir das eben von der Astronomie gesagt haben.
men. - Ja, bei den Göttern, riefer - und das aufrecht
lächerliche Weise. Da reden sie von irgendwelchen
'erdichtungen und neigen ihr Ohr, um noch einen
Ton in der Nachbarschaft zu erhaschen. Die einen behaupten dann, sie hörten dazwischen noch irgendeinen Ton und das kleinste Intervall, das als Maß dienen
müsse; die anderen bestreiten dies und sagen, die Töne
seien nunmehr gleich. Und beide stellen dabei das Ohr
höher als die vernünftige Einsicht. - Du sprichst gewiß
von den guten Leuten, sagte ich, die die Saiten quälen
und foltern, indem sie sie auf Wirbel schrauben. Damit
aber der Vergleich nicht zu weit geht und wir nicht von
$ehieden werden sodann im Gebiet der Akustik die
ne Intervalle oder auf das als Maß dienende kleinste
Intervall stützen. Dabei gehen ihm selbst diese smz
thematischen Pythagoreer noch nicht weit genug,
wenigstens nicht alle. Sie gehen, abgesehen von weni. f
. Ehorische Vorbereitungen zu einem dramatischen Spiel.
Oder weißt du nicht, daß man es mit der Harmonie
ganz ebenso hält? Die Konsonanzen und Töne, die sie
hören, messen sie gegeneinander ab und machen sich
damit endlose Mühe, ganz ebenso wie die Astrono-
:sind erst die »Vorgesänge« zur eigentlichen Dialektik,
ge reinigen die Seele in einer Vorschule. Klar unterliefert, daß alles, was nur immer als sciend bezeichnet
würde, aus Einem und Vielen bestehe und Grenze
(nepug) und Grenzenlosigkeit (üngtpov) ineinander
verwachsen in sich trage. Wir müßten also angesichts
dieser durchgehenden Gestaltung des Seienden immer für alles jedesmal eine Idee voraussetzen und
nach ihr suchen, denn wir würden sie auch tatsächlich
darin antreffen. Hätten wir sie in unsere Gewalt gebracht, so müßten wir zusehen, ob es vielleicht nach
und unter ihr zwei gebe, wo nicht drei oder irgendeine
andere Zahl, und bei diesen weiteren Einheiten müßten wir es wieder ebenso machen, bis man denn deutlich erkennt, nicht bloß, daß das anfänglich Eine Eines
und Vieles und Unendliches ist, sondern auch, wieviel
es ist. Mit der Form des Unendlichen aber dürfe man
lich mit dem Gehör erfaßte, rein empirisch gewanagchen? - Daß sich unsere Zöglinge ja nicht unterstehen, auf diesem Gebiet etwas Halbes zu lernen, das
nicht stets auf das hinausläuft, wohin alles führen soll,
werden wir aber unseren Grundsatz wahren. - Welunsere Altvordern, von edlerer Art als wir und näher
den Göttern wohnend, haben als Kunde uns dies übergoreern an, die in der Musik die Zahlen der gehört, 122
Töne und Intervalle suchen, nicht aber sich aufledi
hörten Ton wie früher die Astronomen, die sich immer a
noch an der Beobachtung der realen Gestirne orientieren, statt sich nur mit den zugrunde liegenden
mathematischen Gesetzen zu befassen. Erst dies wäre
wahre Dialektik, die sich mit dem wahren, von det
konkreten Formung unabhängigen Sein befaßt.
»Du glaubst doch nicht, daß die schon Dialektiker
sind, die in diesen Lehrfächern beschlagen sind? -
285
dessen, worin sie zueinander gehören. Aber all dies
fee. Die einen befassen sich nur mit den aKoVopaTu.
lichen und dem Einen liegt, sicher erkannt hat. Dann
erst dürfe man jede Einheit bei allem sich ins Unendliche verlaufen lassen und ihm damit den Abschied
geben. Die Götter also, wie gesagt, haben uns diesen
Weg der Forschung, des Lernens und der gegenseiti-
Jahrhunderts v. Chr. beriefen, immerhin einige wichti-
"mit den Resultaten des Gehärsinns, also den physisch
wahrnehmbaren Tönen und Intervallen, während die
= 'äweite Gruppe das Lern- und Erkennbare, die uu9NIt
»die Zahlenverhältnisse«, sucht. Auf diesen hier
"klar formulierten Gegensatz in der ForschungsrichEr fung geht die später bezeugte Unterscheidung der Py„Ahagoreer in Akusmatiker und Mathematiker zurück,
Beicht aber, wie man gewöhnlich erklärt. auf blindı gäubige Hörer des Pythagoras einerseits. aufselbstänge Grundzüge entnehmen. Die vier »Lerngegenstän-
1 dig forschende Schüler andererseits.
de«, nudruutu, Arithmetik, Geometrie, Astronomie
und Musik, sind nach Ansicht der Pythagoreer miteinander verschwistert, da sie alle durch die Zahl und
durch zahlenmäßige Gesetzlichkeit bestimmt sind. Er
y
_ Die Dihärese in Musik und Sprache
ne Erweiterung der Geometrie durch die Lehre von
den Körpern, die Stereometrie, fällt in die Zeit Platons
“,
«
selbst. Die Verbindung der vier uadnuuru.die dassp& 2 Die Erkenntnis der Zahlenhattigkeit der Töne hat jetere Quadrivium bilden, ist aber schon vorplatonisch; ” doch nicht allein zur Verbindung der vier Mathemata
pythagoreisch, wie die sprachliche Formulierung Plades späteren Quadriviums geführt und nicht nur alttons und das erste Fragment des Archytas beweisen
„.. @ientalische Magie der Zahlen mit ihren spielerischen
Der richtige »Umgang«, 1&IOSogG, mit diesen führt zuf
gegenseitigen Gemeinschaft und Verwandtschaft
das »Zusammendenken«
durch das aulioyiLzoyu,
„ Verknüpfungen aller Lebensbereiche im Griechen
»s hand des 5. Jahrhunderts zu neuem Leben erweckt.
«Sondern auch fruchtbare Ansätze zu wissenschafili-
5
gen Belehrung angewiesen; die jetzigen Weisen aber
unter den Menschen formieren das Eine, so wie es
eben der Zufall bringt und in vielen Fällen rascher oder
langsamer als es sein sollte, nach dem Einen aber setzen sie sofort das Unendliche, die Mittelglieder aber
entgehen ihnen. Danach bestimmt sich der Unterschied, dem zufolge wir beim Disputieren einerseits
Jialektisch, andererseits eristisch verfahrene (PArlebos
Ich).
Das hier ganz abstrakt forınulierte dihäretische
Verfahren wird im folgenden am Beispiel der Musik
und der Sprache verdeutlicht: »Ganz deutlich läßt sich
der Sinn meiner Worte an den Buchstaben (das heißt
Sprachlauten) erkennen: an diesen, die dir
ja von der
Schule her geläufig sind, soll dir die Sache klarwerden.
- Wie das? - Die Stimme, wie sie durch den Mund
geht, isı doch wohl bei allen wie bei jedem einzelnen
eine und doch auch wieder unendlich an Nannigfaltigkeit? - Gewiß. - Keines von beiden aber, weder die
Page 7
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Stimme (Ton) ist doch auch in Hinsicht auf diese
Kunst an sich eine. - Gewiß. - Wollen wir aber zwei
Arten annehmen, den hohen und den ticfen Ton und
als dritten den gleichbleibenden Ton? - So. - Aber mit
diesem Wissen wärest du noch lange kein Musikverständiger; ohne dieses Wissen freilich wärest du ein
ganz krasser Laie auf diesem Gebiet. - Sicherlich. Aber, mein Lieber, wenn du die Intervalle in bezug auf
Höhe und Tiefe der Stimme genau ihrer Zahl und Beschaffenheit nach erfaßt hast, ebenso auch die Grenzen der Intervalle und die daraus gebildeten Systeme,
die unsere Altvordern erkannten und unter dem Namen »Harmonien« uns, ihren Nachfolgern, überliefert
haben, und wenn du andererseits auch als eine weitere
ähnliche Reihe von Erscheinungen die mit den Bewegungen des Körpers zusammenhängenden Unterschiede erfaßt hast, die durch Zahlen gemessen, wie
sie behaupten, als Rhythmus und Metrum bezeichnet
werden müssen, wobei immer zugleich bedacht werden muß, daß jedes Eine und Viele eine derartige
Untersuchung erfordert - wenn du also dieses gefaßt
hast, dann bist du ein wirklicher Kenner geworden«
(Philebos LIGFE).
Erst jetzt, nachdem das Verfahren der Dihärese an
der zahlenmäßig bestimmten Musik erörtert worden
ist, zieht Sokrates die Sprache zum Vergleich herbei
und parallelisiert sie mit der Musik: »Es war irgendein
zott oder vielleicht ein göttlicher Mensch, der das
unbegrenzte Mannigfaltige des Lautes erkannte, wie
denn in Ägypten die Rede geht, daß ein gewisser
Theuth es gewesen sei, der zuerst die Vokale im Gebiet
des Unbegrenzten als Laute erkannte, deren es nicht
bloß einen, sondern mehrere gäbe, ferner wieder andere als solche, die zwar nicht stimmlos, wohl aber tonlos
wären und die auch ihrerseits eine bestimmte Zahl bildeten; als dritte Arı der Buchstaben bestimmte er
unsere jetzt sogenannten stummen Laute. Darauf zerlegte er die stummen oder tonlosen Laute in ihre einzelnen Einheiten und ebenso die Vokale und die mittleren Laute und gab schließlich, nachdem er ihre Zahl
festgesetzt hatte, jedem einzelnen sowohl wie allen
insgesamt den Namen Element (stoıysiov). Da er
aber sah, daß niemand von uns auch nur eines von
ihnen erkennen würde ohne die Hilfe aller anderen, so
ersann er als einheitliches ... Band den Namen der
grammatischen Kunst, den er dann als einheitliche Bezeichnung dem Ganzen beilegte« (Phrlebas 186).
der Tonsysteme erkannt und den Späteren, daruntg; h
Platon, diese Systeme als )Harmonien« überliefert ha
ben. Pythagoreer haben diese in der mathematischeg,
Akustik gewonnenen Erkenntnisse bereits aufdie gie.
chische Sprache angewandt und damit grundlegend?
Begriffe der griechischen Sprachlehre geschaffen. Dy,
Verfahren der Dihärese, das auf Sprache und Logik:
angewandt wurde, ebenso die damit verbundenen Bet
griffle otoıyeiov, »Element«, uAAaßn. »Zusammen. .
fassung zweier Töne«, Öötdotnua, »Intervall«, Sogtrpe, y
»Zusammenfassung der Intervalle«, äppovia als Kombination beider Quarten mittels des Ganztones Zur
Oktave wurden schon in der vorplatonischen, Pythagoreischen Musiktheorie geschaffen und daraufin die
anderen Wissensgebiete übertragen. Rein philolo
gisch, das heißt an chronologisch aufgereihten Zeugnissen, läßt sich das nicht in allen Belangen aufweisen,
weil wichtige Zeugnisse erst platonisch oder nachphtonisch sind. Trotzdem gibt es Wege, etwas weiter
zu
kommen. Auf mathematischem Gebiet hat Bartel L
van der Waerden durch eine sorgfältige Überprüfung
der Voraussetzungen beispielsweise bei Platon überlieferter mathematischer Sätze oder durch eine chronologische Schichtung der euklidischen Geometrie
die Zeugnislage verbessert und wichtige Erkenntnisse
für die Pythagoreer des 5. Jahrhunderts gesichert. Eine
andere Methode, die linguistische Untersuchung der
frühen wissenschaftlichen Terminologie, wie sie der
Verfasser vorgelegt hat. kann hinter die Zeugnis
schranke führen. Tragende Einwände gegen dieses
Verfahren sind bisher nicht vorgebracht worden,
Für die Entwicklung der pythagoreischen Harmonielehre stellt van der Waerden ( Die Pythagoreer,
S.384f.) folgende Etappen auf:
» - 530 Pythagoras
Die Verhältnisse 4:3, 3:2 und 2:1
Das Monochord
Die »Vollkommene: Proportion AM — H:B
- 500 Hippasos
Oktave - Quinte - und Doppeloktave
Experimente an Bronzescheiben
- 450 Anonyme ‚Mathematikoi
Erste axiomatische Begründung der Lehre von den
symphonen Zusammenklängen
- 380 Archytas von Tarent
Zweite Begründung der Lehre aus nur zwei Axiomen (Fehischluß)
Zahlenverhältnisse der drei Tongeschlechter
- 350 Herakleides Pontikos von Pontos
Der Ton als Vielheit von einzelnen Luftstäßen.
a
Lynische Gedichte in griechischerSprache mit - hinter den
Vokalgesetzten - Gesangsnoten. Rückseite einer römischen
1 Mikttärrechnung auf Papyrus, aus Ägypten, um 200 n.
Chr. Berlin, Staatliche Museen, Papyrus-Sammlung
S
pe
die einen jeden von uns zum Sprachkundigen macht. Sehr wahr. - Auch was uns zum Musikverständigen
macht, ist eben nichts anderes als dies. - Wieso? - Die
Harmonia, »Zusammenfügung«, wurde von den
Pythagoreern die V' erbindung zweier Tetrachorde mit
„ lem Ganzton zur Oktave genannt; die vier Töne bil2 den den festen Rahmen aller griechischen Tonleitern,
yr
che; erst die Erkenntnis des Wieviel und des Wie ist es,
287
Aus diesem Text geht eindeutig hervor, daß al
Früheren die Erkenntnis der Zahlenhaftigkej, def
Töne, Intervalle, des Zusammenklanges der Sylkabi, .
u
„. ihre Intervalle Quarte, Quinte, Oktave (4:3, 3:2, 2:1)
Belten einzig als symphon; sie sind die harmonicbil>
Kenntnis von ihrer Mannigfaltigkeit noch die ihrer
Einheit, verhilft uns zu wirklicher Einsicht in die Sa-
Musik bei Platon und den Pythagoreemn
y
wä
N
286
F3
denden otorxeia und zugleich die erste pythagoreische Tetraktys. Ihr Zusammenklang wird von der Seele als Wohllaut empfunden. Da nun nach pythagoreischer Auffassung T& Öpoi® TO önoıov, »mit dem Gleichen das Gleiches, erkannt wird, so ist die Seele selbst
Harmonie aus dicsen vier Stoicheia. Diese Harmonie
wurde auch in den Bewegungen der Himmelskörper
gesehen. In Spuren läßt sich erkennen, daß damit in
einer frühen Phase jedoch noch nicht die Bewegungen
aller Planeten gemeint waren wie im platonischen
Staat, sondern vorerst nur Bewegungen und Abstände
von Mond, Sonne und Fixsternhimmel in bezug
auf die
Page 8
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Erde. Die vier Stoicheia wurden schon von frühen Py-
Tafel ıx
thagoreern ruQu£ves, »Wurzeln« alles Seienden. gecher mit einer Aulosbläserin. Innenbild eines Tellers,
nannt. Der alte Eid der Pythagoreer lautete:
»oU nu TOV ANETERR KEpuaAd rapaddvtu TETPUKrov nayav deväov PÜTEaG Pimp T' Eyovauve,
»(nicht bei dem) der uns die Tetraktys überliefert
hat, welche die Quelle des ewigfließenden Werdens
und seine Wurzel enthält« (Aesios 1, 3,8).
Psiax-Malers, aus Vulcı, um 510 v. Chr. Basel, Anti, !
Anakreontischer Kıitharode als lanzender %
Museum
Hierher gehört der altpythagoreische Spruch, der in
den sogenannten Akusmata überliefert wird:
»Was ist das Orakel von Delphi? Die Tetraktys.
Denn sie ist die Harmonie der Sirenen« (lamblichos, De vita Pythagorica 82).
Platon läßt in Buch X der Politeia auf jedem Planetenkreis eine Sirene mitziehen. die je einen Ton der Tonleiter erklingen lassen. »Aus allen acht aber klinge eine
Harmonie zusammene« (Politeia 617). Das ist allerdings völlig unmöglich, die acht Töne der Tonleiter
ergeben niemals eine symphone Harmonie. Solange
das Bild einfach blieb, eine Tetraktys der vier Stoicheia, wovon jedes mit einer Sirene verbunden war,
also wie im altpythagoreischen Akusma, ergab sich
der Zusarnmenklang von Quarte, Quinte und Oktave
zur Harmonie der Tonleiter. Die Sphärenharmonie
Platons erweist sich so als die Kombination einer relativ einfachen Vorstellung mit einem sehr entwickelten
zeitgenössischen Himmelsmodell, dem die Harmonie
der Tetraktys nicht mehr stimmig angepaßt werden
konnte, Das Bild Platons ist weder praktisch noch in
der Vorstellung realisierbar. Es ist eine Modernisicrung, die Rücksicht zu nehmen hatte auf inzwischen
neu gewonnene Erkenntnisse. Dadurch wird der
ursprüngliche Sinn der tetraktysbestimmten Kosmosharmonie völlig verändert.
Zahlenspekulationen, mystisches Erleben der Zahl,
Zahlen als Grundlage der musikalischen, durch das
Gehör erlebbaren Harmonie, waren die pythagoreischen Grunderfahrungen, die sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen anderer Herkunft verbanden, zu
denen die Pythagoreer selbst einen wichtigen Beitrag
lieferten. Auch aus Weisheit kann Wissenschaft
entstehen, und es ist nicht die schlechteste. Spätantike
Zeugnisse lassen vermuten, daß die Musik bei den
Pythagoreern schon in früher Zeit therapeutisch und
rituell eifrig gepflegt wurde. Wie weit die zuvor geschilderte, von Platon mehrfach erwähnte kathartische Musik bereits von den Pythagoreern betrieben
wurde, ist allerdings noch sehr umstritten; die Frage ist
I
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|
ohne neue Zeugnisse kaum zu beantworten.