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Beiträge zur Frühgeschichte der griechischen Geometrie I
IE. NEUENSCHWANDER
Communicated by WL VAN bi WARRDEN
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SCENCES
a. AN 5
In der vorliegenden Aldinidiunp selen zwei Probleme der frühen griechischen
Geomelte behndelt werden, deren Lösung, wie che folgende Untersuelning
zeigen wird, zusammenhängt. Das erste ist die Frage, wie die Griechen ohne Benutzung der Parallelogrammtlieorie die Umwandlung einer geradlinigen Figur in
ein ihr flächengleiches Rechteck vollzogen haben könnten. Das zweite, wie die
PYTHAGOREER auf den durch EubeMos überlieferten Beweis für die Winkelsumme
im Dreieck gestoßen sind.
1. Die Verwandlung einer geradlinigen Figur in ein ihr flächengleiches Rechteck ist eine grundlegende Konstruktionsaufgabe der griechischen Geometrie, Sie
findet sich in verallgemeinerter Form ebenfalls in den Elementen KuKLts. In
Proposition 1,45 wird die Aufgabe gestellt, ein einer geradlinigen Figur gleiches
Parallelogramm in einem gegebenen geradlinigen Winkel zu errichten. Die in
Elem. 1,45 aufgezeigte Lösung erfolgt in drei Schritten:
1. Zerlegung der geradlinigen Figur in Dreiecke.
2. Verwandlung dieser Dreiecke in ihnen flächengleiche Parallelogramme mit vorgegebenem Winkel (nach Elem. 1,42).
3. Ancinanderreihen dieser Parallelogramme zu einem einzigen (nach Elem. 1,43,
1,44).
Das ganze Vertahren wird in den Klementen tm Raben der Parallelogramımtheorie (Prop. 1,33 45) entwickelt; kamu also in der uns dort überlieferten Worm
erst etwa zur Zeit des EUboxos entstanden seint,
Der Spezialfall der Verwandlung in ein flächengleiches Rechteck muß jedoch
viel früher bekannt gewesen sein. Eine unerläßliche Voraussetzung für die Versuche zur Kreisquadratur, wie sie von HIPPoKRATES und ANTIPHON ausgeführt
wurden, ist nämlich die Quadratur der geradlinigen Figuren?: Die Möndchen des
I Wie ich in meinem Artikel „Die ersten vaer Bücher der Elemente luklicds’,
Archive for History of [exact Sciences 9 (1973), S. 325 ff, zeigte, waren die Sätze der
Parallelogrammtheorie (Elem. 1,33 1,45) zur Zeit der PYTHAGOREER erst teilweise
und bloß für Rechtecke bekannt.
2 Sie wird in den Berichten über die heiden Quadraturen auch stets explizite erwähnt. Vgl. fiir ANTIPHON Rudio, Simpliciusbericht, 5. 28,14 und S. 106,15; für
HiPPORRATES S. 74,3. Zur Kreisquadratur siehe H. 1. VAN DER WAERDEN, Erwachende Wissenschaft I (Birkhänser, 1956), S. 214
224; T. HiarH, Mathematics in
Aristotle (Oxford 1999), 5.17, 33 et passim: sowie speziell I. Rupio, Der Bericht des
Simplicius über dic Quadraturen des Antiphon und des Hippokrates (Leipzig 1907).
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Source: Archive for History of Exact Sciences, Vol. 11, No. 2/3 (31.XII.1973), pp. 127-133
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Communicated by B. L. VAN DER WAERDEN
In der vorliegenden Abhandlung sollen zwei Probleme der friihen griechischen
Geometrie behandelt werden, deren Lösung, wie die folgende Untersuchung
zeigen wird, zusammenhängt. Das erste ist die Frage, wie die Griechen ohne Benutzung der Parallelogrammtheorie die Umwandlung einer geradlinigen Figur in
ein ihr flächengleiches Rechteck vollzogen haben könnten. Das zweite, wie die
PYTHAGOREER auf den durch EuDEMOS überlieferten Beweis für die Winkelsumme
im Dreieck gestoßen sind.
1. Die Verwandlung einer geradlinigen Figur in ein ihr flächengleiches Rechteck ist eine grundlegende Konstruktionsaufgabe der griechischen Geometrie. Sie
findet sich in verallgemeinerter Form ebenfalls in den Elementen EUKLIDs. In
Proposition I,45 wird die Aufgabe gestellt, ein einer geradlinigen Figur gleiches
Parallelogramm in einem gegebenen geradlinigen Winkel zu errichten. Die in
Elem. 1,45 aufgezeigte Lösung erfolgt in drei Schritten:
4. Zerlegung der geradlinigen Figur in Dreiecke.
2. Verwandlung dieser Dreiecke in ihnen flächengleiche Parallelogramme mit vorgegebenem Winkel (nach Elem. 1,42).
3. Aneinanderreihen dieser Parallelogramme zu einem einzigen (nach Elem. 1,43,
1,44).
Das ganze Verfahren wird in den Elementen im Rahmen der Parallelogrammtheorie (Prop. 1,33—45) entwickelt; kann also in der uns dort überlieferten Form
erst etwa zur Zeit des EUDOxos entstanden sein}.
Der Spezialfall der Verwandlung in ein flächengleiches Rechteck muß jedoch
viel früher bekannt gewesen sein. Eine unerläßliche Voraussetzung für die Versuche zur Kreisquadratur, wie sie von HIPPOKRATES und ANTIPHON ausgeführt
wurden, ist nämlich die Quadratur der geradlinigen Figuren?: Die Möndchen des
1 Wie ich in meinem Artikel ,,Die ersten vier Bücher der Elemente Euklids‘,
Archive for History of Exact Sciences 9 (1973), S. 325ff. zeigte, waren die Sätze der
Parallelogrammtheorie (Elem. 1,33—1,45)
zur Zeit der PYTHAGOREER erst teilweise
und bloß für Rechtecke bekannt.
2 Sie wird in den Berichten über die beiden Quadraturen auch stets explizite erwähnt.
Vgl.
HIPPOKRATES
für ANTIPHON
S. 74,3.
Zur
Rudio,
Simpliciusbericht,
Kreisquadratur
siehe
S. 28,14 und
B. L.vAN
DER
S. 106,15;
für
WAERDEN,
Erwachende Wissenschaft I (Birkhäuser, 1956), S. 214— 224; T. HEATH, Mathematics in
Aristotle (Oxford 1949), S. 17, 33 et passim; sowie speziell F. Rupio, Der Bericht des
Simplicius über die Quadraturen des Antiphon und des Hippokrates (Leipzig 1907).
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)HIPPOKRATES sind nur dann quadrierbar, wenn es die ihnen flächengleich konstruierten, geradlinigen Figuren sind. Ebenso hat der Versuch des ANTIPHON, den
Kreis durch Einschreibung von regulären Polygonen mit ständig zunehmender
Eckenzahl schließlich selbst quadrieren zu können, nur dann einen Sinn, wenn
man weiß, daß die geradlinigen Figuren selbst quadrierbar sind. Wir müssen deshalb annehmen, daß auch die Umwandlung einer geradlinigen Figur in ein Rechteck zur Zeit des Hippokrates und des Antiphon bereits bekannt war, und es stellt
sich die Frage, wie sie mit den damaligen Mitteln, d.h. ohne Benutzung der
Parallelogrammtheorie, gelöst werden konnte.
Zur Abklärung dieser Frage ist es naheliegend, zunächst einmal das in den
Elementen EUKLIDs verwendete Verfahren auf Rechtecke zu beschränken:
1. Zerlegung der geradlinigen Figur in Dreiecke.
2. Verwandlung dieser Dreiecke in ihnen flächengleiche Rechtecke.
3. Aneinanderreihen dieser Rechtecke zu einem einzigen.
Die dadurch entstandene Lösung benützt zwar noch immer die Parallelogrammtheorie (Schritt 2) und kann daher nicht mit der von uns gesuchten übereinstimmen.
Stellt man ihr jedoch die in den heutigen Schulbüchern übliche gegenüber, bei der,
unter weit essentiellerer Verwendung der Parallelogrammtheorie, sukzessive alle
Ecken bis auf die drei letzten eliminiert werden!, so ist trotz allem zu vermuten,
daß die in den Elementen anzutreffende, umständlichere Lösung gerade auf das
ursprüngliche Nichtvorhandensein der Parallelogrammtheorie hinweisen könnte.
Es ist deshalb zu prüfen, ob die in den Elementen benutzte Lösungsmethode in
ihren Grundzügen alt sein könnte und ob sie unabhängig von der Parallelogrammtheorie durchgeführt werden kann. Die Lösung wäre dann erst später, wie es auch
bei vielen andern Problemen der Fall ist, auf Parallelogramme verallgemeinert
worden.
Schritt 1, die Zerlegung der geradlinigen Figur in Dreiecke, war zweifellos ein
bereits bei den PYTHAGOREERN übliches Verfahren?. Die Methode wird in PLATONs Timaios angewendet? und bei EUKLID wegen ihrer grundlegenden Bedeutung
gleich zweimal behandelt5. Schritt 3 verlangt die Konstruktion von Rechtecken
mit vorgegebener Fläche, die sich einer gegebenen geraden Linie entlang erstrecken. Er fällt demnach mit der von EUDEMOS® auch den PYTHAGOREERN ZUgeschriebenen einfachen Flächenanlegung zusammen. Einzig der zweite Schritt
paßt in seiner heutigen Form nicht in einen pythagoreischen Gedankengang
1 Unter Benutzung der Flächengleichheit der Dreiecke, die dieselbe Grundlinie
besitzen und zwischen denselben Parallelen liegen, wird die Ecke eines Teildreieckes so
weit verschoben bis zwei Seiten des Polygons in eine zusammenfallen.
2 Vgl. NEUENSCHWANDER, Die ersten vier Bücher der Elemente Euklids, S. 367f.
3 Vgl. dazu NEUENSCHWANDER, Die ersten vier Bücher der Elemente Euklids,
S. 372.
4 Dort werden die Seitenflächen der regulären Polyeder in Dreiecke zerlegt. Dabei
(53c) wird sogar der Satz zitiert, daB jede geradlinige Grundfläche aus Dreiecken
besteht.
5 Nämlich in Data 47 ,,Der Gestalt nach gegebene geradlinige Figuren lassen sich
in der Gestalt nach gegebene Dreiecke zerlegen‘ und in Elem. VI,20: ‚Ähnliche
Vielecke lassen sich in ähnliche Dreiecke zerlegen, und zwar in gleich viele und den
Ganzen entsprechende ...“.
6 ProxLos, Euklidkommentar, ed. SCHÖNBERGER/STECK (Halle 1945), S. 458,
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)hinein. Wenn unsere Vermutung richtig ist, dann müßten die PYTHAGOREER eine
andere, von der Parallelogrammtheorie und 1,42 unabhängige Methode zur Umwandlung eines Dreiecks in ein flächengleiches Rechteck besessen haben. Bei der
Überlegung, wie diese wohl ausgesehen haben könnte, wollen wir das Problem
unvoreingenommen unter Berücksichtigung der damaligen Kenntnisse betrachten.
Um die gewünschte Flächenumwandlung zu erhalten, ist es naheliegend, das
gegebene Dreieck durch die Höhe in zwei rechtwinklige Dreiecke zu zerlegen.
(Dadurch erhält man in jedem Teil je einen rechten Winkel.) Darauf wird man
versuchen, durch gleichzeitiges Abtrennen und Hinzufügen gleicher Teildreiecke
die rechtwinkligen Dreiecke in Rechtecke zu verwandeln. Dies gelingt z.B. durch
das Ziehen der Parallelen zur Grundlinie in halber Höhe, womit auch der zweite
Schritt ohne Benutzung der Parallelogrammtheorie durchgeführt ist.
Fig. 1
Zur Verifikation der so entwickelten Lösung braucht man nur den von EUDE-
Mos! bereits THALES zugeschriebenen Satz, daß Dreiecke, die in einer Seite und
zwei Winkeln übereinstimmen, deckungsgleich sind. Zudem liegt diese Lösung auf
der Hand und drängt sich auf, sobald man die grundlegende Tatsache kennt, daß
jedes Dreieck gleich der Hälfte des Rechtecks mit gleicher Grundlinie und Höhe
ist. Es ist damit höchstwahrscheinlich, daß die PYTHAGOREER zur Umwandlung
einer geradlinigen Figur in ein Rechteck die in den Elementen überlieferte Methode
(Schritte 1—3) verwendeten und dabei den zweiten Schritt so ausführten, wie eben
beschrieben wurde. Diese Vermutung wird beinahe zur Gewißheit, wenn wir im
zweiten Teil erkennen, daß die PYTHAGOREER ihren Beweis für die Winkelsumme
an derselben Figur fanden.
2. Über die voreuklidischen Beweise des Dreieckswinkelsummensatzes sind uns
zwei wesentliche Mitteilungen überliefert. Die erste steht im Apollonioskommentar
des EUTOKIOS?, Sie stammt von GEMINOS und besagt, daß die Griechen den Satz
von der Winkelsumme zuerst im gleichseitigen, dann im gleichschenkligen, nachher
im ungleichseitigen Dreieck erkannt hätten und daß erst Spätere den Satz allgemein bewiesen.
... was Geminos sagt, ist richtig: Daß die Alten (welche den Kegel als Drehung des
rechtwinkligen Dreiecks um eine dem rechten Winkel anliegende Seite definierten)
angenommen haben, es gäbe nur gerade Kegel. Auch gäbe es nur einen Schnitt
zu jedem einzelnen, zum rechtwinkligen die (wie wir sie heute nennen) Parabel,
zumstumpfwinkligen die Hyperbel, zumspitzwinkligen die Ellipse. Dieser Auffassung
1 PROKLOS, Euklidkommentar, S. 409,31.
? Apollonii Pergaei quae graece exstant cum commentariis antiquis,
HEIBERG (Leipzig 1891—93), Bd. 2, S. 168,17—170,27.
9
Arch. Hist. Exact Sci., Vol. 11
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)entsprechende Benennungen kônne man bei ihnen finden. In gleicher Weise nun, wie
die Alten die [Summe von] zwei rechten Winkeln in jeder Art von Dreiecken
— nämlich zuerst im gleichseitigen, dann im gleichschenkligen, zuletzt im ungleichseitigen — erkannt hatten, und erst von den spätern der folgende allgemeine Satz
bewiesen worden sei: ,,In jedem beliebigen Dreieck sind die drei Innenwinkel zwei
Rechten gleich‘‘, so sei es auch mit den Kegelschnitten gegangen. Den sogenannten
„Schnitt des rechtwinkligen Kegels‘ [= Parabel] hätten sie nur am rechtwinkligen
Kegel betrachtet, mittels einer Ebene, welche diesen normal zu einer Geraden des
Kegel[mantels] schnitt; die Entstehung des ,, Schnittes des stumpfwinkligen Kegels‘‘
[Hyperbel] am stumpfwinkligen Kegel gezeigt, und den ,,des spitzwinkligen“
[Ellipse] am spitzwinkligen. An allen Kegeln hätten sie in gleicher Art die Ebene
normal zu einer Geraden des Kegels gelegt, das möchten auch die alten Namen der
Schnittlinien veranschaulichen. Zuletzt habe Apollonios von Perge etwas Allgemeines erkannt: Daß an jedem Kegel, am rechtwinkligen und am beliebigen,
alle Schnitte bestehen, entsprechend der unterschiedlichen Lage der Ebene zum
Kegel. Ihn hätten seine Anhänger, staunend über das Wunderbare an den von
ihm gezeigten Sätzen über die Kegel, einen großen Geometer genannt. Das also
sagt Geminos im 6. Buch über die mathematische Wissenschaft.
(nach FÜGLISTER)
Die zweite Mitteilung steht im Euklidkommentar des ProkLos* und gibt den
von EUDEMOS überlieferten allgemeinen Beweis der PYTHAGOREER.
Der ... Peripatetiker Eudemos führt die Entdeckung dieses Theorems, daß in
jedem Dreieck die Innenwinkel 2 Rechte ausmachen auf die Pythagoreer zurück.
Er sagt, sie hätten den Beweis folgendermaßen
erbracht. Es sei
SAB das Dreieck, und man ziehe
durch S die Parallele ER zuAB. Da nun AB und E
ER parallel, und die Wechselwinkel gleich sind,
so ist also Winkel ES A = Winkel SA B, und Winkel
RSB=Winkel SBA. Dazu füge man den gemeinsamen Winkel ASB. Die Winkel ESA, ASB
und BSR, das
S
R
An
A
B
|
Fig. 2
sind die Winkel ESA+ASR,
das sind die 2 Rechten, sind also gleich den drei Winkeln des Dreiecks SA B. Die
drei Winkel des Dreiecks sind folglich zusammen gleich 2 Rechten. Das ist der
Beweis der Pythagoreer.
HEATH? meinte, daB die obige Mitteilung des Geminos aus einer von GEMINOS
falsch verstandenen ARISTOTELES-Stelle entsprungen sein kénnte und deshalb
wertlos sei. ARISTOTELES sagt in Anal. Post. 1.5 74°25—32:
Wenn man deshalb auch von jedem Dreieck, sei es durch dieselbe, oder sei es
jedesmal durch eine andere Demonstration beweist, daB jedes zwei rechte Winkel
enthält: das gleichseitige für sich, das ungleichseitige und das gleichschenklige, so weiB man noch nicht von dem Dreieck, daB seine Winkel zwei
Rechten gleich sind, auBer in sophistischer Weise, noch vom Dreieck überhaupt,
auch wenn es sonst kein Dreieck gibt. Denn man weiB es nicht von dem Dreieck,
sofern es ein Dreieck ist, und nicht von jedem Dreieck, auBer der Zahl nach, nicht
aber von jedem der Art nach, wenn es auch keines gibt, das man nicht kennt.
(nach ROLFES)
1 ProKkLos, Euklidkommentar, ed. SCHÖNBERGER/STECK, S. 430,25—39.
2 Siehe T. L. HEATH, A History of Greek Mathematics (Oxford 1921), Bd. 1,
S. 136; sowie Mathematics in Aristotle (Oxford 1949), S. 41ff. Zur Diskussion jener
ARISTOTELES-Stelle vgl. auch K. von Fritz, Platon, Theaetet und die antike Mathematik (Darmstadt 1969), S. 15—18.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Eine vernünftige Rekonstruktion eines Beweises in drei Stufen ist nach HEATH
nur schwer zu leisten. Zudem ist vorderhand unverständlich, daß der Satz, nachdem sein Beweis auch im ungleichseitigen Dreieck gefunden war, noch nicht allgemein bewiesen sein sollte, wie dies GEMINOS behauptet. HEATH nimmt deshalb
an, ARISTOTELES habe hier ein rein hypothetisches Beispiel gegeben, das GEMINOS
bei der Abfassung seiner Mitteilung fälschlicherweise als historisches Faktum
betrachtet hätte.
Dem ist folgendes entgegenzuhalten: GEMINOS hat eine wahrscheinlich ausführliche Enzyklopädie über die mathematischen Wissenschaften geschrieben!,
und dabei erwiesenermaßen auch die Geschichtswerke des EUDEMOS benutzt?.
Ist es in diesem Fall nicht viel naheliegender anzunehmen, die betreffende Mitteilung stamme aus der Geschichte der Geometrie des EUDEMOS, in der sie GEMInos sofort auffinden konnte, als daß er eine Bemerkung des ARISTOTELES falsch
und entgegen des ihm verfügbaren EUDEMOoS interpretiert hätte? Des weitern ist
darauf hinzuweisen, daß GEMINOS bei der Aufzählung der drei Fälle das Verbum
Bewoéw (erkennen, betrachten) benutzt und erst zur Charakterisierung des später
erfolgten allgemeinen Beweises den Terminus dnodeıxvövaı (beweisen). Es ist
aber durchaus sinnvoll zu sagen, daß man den Satz zuerst am gleichseitigen,
gleichschenkligen und ungleichseitigen Dreieck erkannt und erst später bewiesen
habe. Damit wäre auch der Einwand entkräftet, ein derart mehrstufiges Vorgehen
sei nur schwer vorstellbar. Der Mitteilung des GEMINOS muß somit bei einer allfälligen Rekonstruktion der Geschichte des Dreieckswinkelsummensatzes Rechnung getragen werden. Daß dies möglich ist und daß sich dabei ein Beweis ergibt,
der auch mit den übrigen Angaben in Einklang steht, soll durch die folgende
Rekonstruktion gezeigt werden.
Die erste Kenntnis des Dreieckswinkelsummensatzes könnte der Beobachtung
entsprungen sein, daß sich um einen gegebenen Punkt sechs gleichseitige Dreiecke
legen lassen, die sich zu einem regulären Sechseck zusammenschließen. Auf alle
Fälle findet man die Sechserteilung des Kreises schon auf frühgriechischen Bronzefibeln des 8. Jahrhunderts vor Christus3, und die PYTHAGOREER kannten bereits
das allgemeinere Theorem, daß es nur drei reguläre Polygone gibt, die mit ihren
Ecken den Raum um einen Punkt in der Ebene ganz ausfüllen können, nämlich
das Dreieck, das Viereck und das Sechseck*. Auch für das gleichschenklige Dreieck ist der Dreieckswinkelsummensatz leicht einzusehen. Man konnte ihn entweder, wie dies BECKER annimmt, aus einem geometrischen Zickzackmuster auf
frühgriechischen Vasen entnehmen (vgl. Fig. 3), oder man erhält ihn, indem man
nach CANTOR® das Rechteck durch die Diagonale halbiert und die dadurch ent-
1 Siehe den letzten
Satz der obigen Eutoxios-Stelle; vgl. auch T. L. HEATH,
Greek Mathematics, Bd. 2, S. 222ff.
2 Siehe P. TANNERY, La géométrie grecque (Paris 1887), S. 24 und 71ff.
3 Siehe O. BECKER, Grundlagen der Mathematik (Freiburg 1954), S. 27ff. sowie
Das mathematische Denken der Antike (Göttingen 1957), S. 39.
4 Procli
Diadochi
in
primum
Euclidis
Elementorum librum
commentarii,
ex
recognitione G. Friedlein (Leipzig 1873), S. 304,11 ff.
5 Siehe Fußnote 3.
é Vgl. M. CANTOR, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik (Leipzig 1907),
Bd. 1, S. 143.
Page 8
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Fig. 4
stehenden rechtwinkligen Teildreiecke zu einem gleichschenkligen Dreieck zusammenfügt (vgl. Fig. 4).
Die von CANTOR angegebene Methode legt nahe, beim ungleichseitigen Dreieck
wie folgt zu verfahren: Man teilt das Dreieck durch die Höhe in zwei rechtwinklige
auf, die man anschließend zu Rechtecken ergänzt. Nimmt man hierauf die
Deckungsgleichheit der zwei Dreiecke, in die ein Rechteck durch die Diagonale
geteilt wird, als anschaulich evident an, so kann man den Satz über die Winkelsumme aus der Figur ablesen. Das so entwickelte Verfahren verwendet nur die
Deckungsgleichheit, mit der auch THALES in seinen Beweisen immer wieder
operierte!. Es läßt sich selbstverständlich auch auf das gleichseitige und das
gleichschenklige Dreieck anwenden, dürfte aber die Spätern, welche die Geometrie
deduktiv aufbauten, dennoch nicht befriedigt haben. Für sie war der Satz noch
nicht bewiesen, sondern erst erkannt.
Fig. 5
Der erste allgemeine Beweis fiir die Winkelsumme im Dreieck ist der von
EuDEMOS überlieferte, pythagoreische. Er benützt den Satz über die Wechselwinkel an Parallelen (Elem. I, 29) und unterscheidet sich von dem in den Elementen
EukLIDs? erbrachten dadurch, daß in ihm die Parallele durch die Spitze und nicht
durch den einen der beiden Eckpunkte der Basis gezogen wird. Wie könnten die
PYTHAGOREER diesen Beweis gefunden haben? Wohl am ehesten durch die Betrachtung der obigen Figur (vgl. Fig. 5). Der im Beweis zitierte Satz über die
Wechselwinkel ist aus ihr ersichtlich, und die Parallele darin ist durch die Spitze
des Dreieckes gezogen, wie es sein muß. Schon im ersten Teil sind wir auf diese
Figur (vgl. Fig. 1) gestoßen, als wir die von den PYTHAGOREERN benutzte Methode
zur Umwandlung eines Dreieckes in ein flächengleiches Rechteck untersuchten.
Unsere beiden Rekonstruktionen stützen sich somit gegenseitig, und es ist anzunehmen, daß die obige Figur beim Aufbau der deduktiven Geometrie der
PYTHAGOREER eine bedeutende Rolle spielte.
Zum Schluß möchte ich noch darauf hinweisen, daß durch die oben gegebene
Rekonstruktion der Entwicklung des Dreieckswinkelsummensatzes sämtliche
1 Vgl. E. NEUENSCHWANDER, Die ersten vier Bücher der Elemente Euklids, S. 361.
2 Vgl. Elem. I, 32.
Page 9
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Zeugnisse ihren Wert behalten. Es wird verständlich, weshalb GEMINOS sagen
konnte, daß der Satz zuerst am gleichseitigen, gleichschenkligen und ungleichseitigen Dreieck erkannt worden war und erst später allgemein bewiesen wurde.
Es zeigt sich, warum im pythagoreischen Beweis die Parallele durch die Spitze
gezogen war. Ja es ergibt sich sogar eine mögliche Erklärung für jene etwas
seltsame ARISTOTELES-Stelle: Wäre es nicht denkbar, daß ARISTOTELES und
EUDEMOS auch hier! aus derselben Quelle schöpften, die eine der obigen Rekonstruktion ähnliche Aussage machte? EUDEMOS hat diesen Bericht in seiner
Geschichte der Geometrie sinngemäß und ausführlich wiedergegeben (Auszüge
davon sind die bei EUTOKIOS und PROKLOs überlieferten Stellen). ARISTOTELES
dagegen wollte ihn zur Erläuterung einer erkenntnistheoretischen These benützen.
Er hat ihn dabei bewußt oder unbewußt leicht verändert. Bei ihm sind die nach
dem Vorschlag von BECKER (verschiedene Beweise) und CANTOR (gleicher Beweis)
für die drei Arten von Dreiecken geführten Beweise nicht mehr deshalb ungenügend, weil sie auf der Anschauung beruhen, sondern weil der Beweis nur für
jede Art von Dreieck, aber nicht für das Dreieck an sich, erbracht wurde. ARISTOTELES hat übrigens auch an einigen anderen Stellen mathematische Berichte ungenau wiedergegeben.
1 Vgl.
E. NEUENSCHWANDER,
Die
ersten
vier
Bücher
der
S. 359f.
Elemente
Euklids,
|
2 Die bekannteste Stelle ist diejenige über die Kreisquadratur des Hippokrates.
Vgl. T. L. HEATH, Mathematics in Aristotle, S. 33, 47 et passim.
MeientalstraBe 71
8048 Zürich
(Eingegangen am 15. April 1973)