Griechische Philosophen in Indien? Reisewege zur Weisheit

Auteur
Mannlein Robert, I.
Publié dans
Gymnasium
Année
2009
Sujet
INDIA
Langue
Deutsch
Catégorie
C7 Philosophie
Numéro d'archive
6576

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Afficher le texte intégral14 pages

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Gymnasium 116, 2009 m aot “PAWN LE IN - D Gaab KONGRESS DES DEUTSCHEN ALTPHILOLOGENVERBANDES GÖTTINGEN, 25.-29. MARZ 2008 IRMGARD MÄNNLEIN-ROBERT : TÜBINGEN Griechische Philosophen in Indien? Reisewege zur Weisheit! ter und Mythen, Religion, Kunst, Kultur verdanken, ist bekannt und nicht Dass die antiken Griechen von jeher dem Osten ganz wesentlich ihre Götzuletzt durch die reichen Studien von Martin L. West und Walter Burkert in der Klassischen Philologie und darüber hinaus längst etabliert. Was die griechische Philosophie, soweit sie anhand der erhaltenen schriftlichen Dokumente kenntlich wird, orientalischen oder gar indischen Weisheitslehren verdankt, ob die vielfach erkennbaren Gemeinsamkeiten auf ‚Einfluss‘ im Sinne bewusster Übernahme oder kontaktbedingter Inspiration oder generell auf kulturanthropologischen Konstanten bei der Herausbildung von Hochkulturen beruhen, ist nach wie vor unklar.? ob sich ‚Einflüsse‘, Übernahmen, direkte Parallelen zwischen indischen In der neueren Forschung, so viel sei hier angemerkt, ist es umstritten, (v. a. alten buddhistischen, aber auch hinduistischen) Weisheitslehren und griechischen Philosophemen überhaupt klar diagnostizieren und historisch einbetten lassen. Man wird jedoch davon ausgehen können, dass sich sowohl die griechische wie auch die indische Philosophie nicht nur endogen entwickelten, sondern gerade bei der Erlangung ihres eigentlichen Wesens einer Vielzahl von epigenetischen Bedingungen unterlagen. So ließen sich zumindest manche gegenseitige Verpflichtung, Anklänge und verwandte Denkstrukturen erklären. West Asiatic Elements in Greek Poetry and Myth, Oxford 1997. antiken Der Beitrag gehört in den Kontext einer gerade entstehenden Studie zu ar Philosophenbiographien; die Anmerkungen werden daher hier auf das unmittelb Nötige beschränkt. lässt 2 Für die Gemeinsamkeiten zwischen griechischer und orientalischer Dichtung sich das wesentlich klarer darstellen, siehe West, M.L., The East Face of Helicon. 3 Dass in vorsokratischer Zeit vor allem Persien eine Schlüsselrolle bei der gegenseitigen interkulturellen Vermittlung gespielt haben dürfte, hat v.a. M.L. West (Early Greek Philosophy and the Orient, Oxford 1971) für Heraklit exemplarisch herausgearbeitet. Für die philosophische Komparatistik, die letztlich auf Wests Spuren wandelt, siehe den profunden Beitrag von McEvilley, Th., The Shape of Ancient Thought: Comparative Studies in Greek and Indian Philosophies, New York 2002.

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Im vorliegenden Beitrag soll es freilich vielmehr um die antiken literarischen Zeugnisse gehen, die Informationen tiber griechische Philosophen und ihre möglichen Beziehungen zum Orient und zu Indien bieten. Hier spielen die antiken Philosophenbiographien, also literarische, stilisierte und tendenziöse Texte, eine herausragende Rolle. Es wird zu untersuchen sein, welche Rolle und Bedeutung der Weisheit des Ostens und vor allem Indiens im Leben griechischer Philosophen wie Pythagoras, Platon, Apollonios von Tyana und Plotin eingeräumt wird. Ihre Biographen Apuleius, Diogenes Laertios, Philostrat d. A., Porphyrios und Iamblich, allesamt vom 2. bis zum 4. Jh. n.Chr. zu datieren, sind selbst Philosophen oder, wie im Falle Philostrats und des Diogenes Laertios, zumindest philosophisch versierte Autoren. Dem Programm der eigenen philosophischen Uberzeugung gemäB rücken die Biographen ihren Protagonisten bei den Zeitgenossen und fiir die Nachwelt ins rechte Licht. Geradezu topisch finden wir in diesen Texten Hinweise auf weite Reisen der Philosophen nach A gypten, Persien, Babylonien und — vor allem — Indien, die sie unternommen, abgebrochen oder auch nur geplant haben sollen.* Hinweise auf die Kenntnis fremder Länder und Lehren entnehmen die Biographen zumeist Andeutungen in den Texten der Philosophen selbst oder auffälligen Gemeinsamkeiten mit nicht-griechischen Weisheitslehren. Ein historischer Kern mag mancher Reise zugrunde liegen, ist aber i.d. R. nicht nachweisbar. Es geht daher vielmehr darum zu fragen, wie und mit welcher Programmatik die kaiserzeitlich-spätantiken Biographen einen Philosophen im Wissenskosmos der damals bekannten Welt platzieren. Welche Rolle spielen dabei Reisen nach Indien und was ist das überhaupt für ein Indien — ein reales, ein fiktives oder ein literarisches ‚Indien‘? Was sagen die jeweiligen Reiserouten, seien sie nun historisch oder nicht, über Entwicklung, Interessen und Werdegang des dargestellten Philosophen und über die des jeweiligen Biographen aus, wie sind Wahrnehmung und Funktionalisierung östlicher resp. indischer Weisheit in den antiken Philosophenbiographien literarisch ausgestaltet? 1. Warum reisen Philosophen? In der biographischen Darstellung von Philosophen spielen von jeher die Reisen des Protagonisten eine wichtige Rolle. Dabei lassen sich mehrere Motivationsebenen unterscheiden. Wir finden damit generell — soziohistorisch und mentalitätsgeschichtlich — den Erkenntnis- und Wissensdrang * Einen hilfreichen Überblick über das philosophische Indienbild der Antike bietet Halbfass, W., Indien und Europa. Perspektiven ihrer geistigen Begegnung, Basel/ Stuttgart 1981, 13-36. Griechische Philosophen in Indien? 333 der griechischen Aristokratie dokumentiert, deren Mitglieder durch Reisen das ihnen bekannte Spektrum der Welt erweitern und ihrem Interesse am Neuen, an fremden Ländern und Kulturen Ausdruck verleihen. Poetisch hatte Homer als erster die ethnologischen Erfahrungen Reisender im Zuge der Großen Kolonisation mit den Abenteuerreisen des Odysseus eingefasst. Erinnert sei weiterhin an die bekannten Reisen, die der griechische Politiker und Dichter Solon aus Athen nach der Einführung seiner neuen Gesetze zu Beginn des 6. Jh. v. Chr. unternimmt (etwa nach Ägypten und Lydien). Herodot gibt (1,29.30) als Motivation für Solons 10 Jahre dauernde Reisen dewgin an, also das eigene Anschauen, die Autopsie fremder Länder, Gebräuche und Sitten, Religionen und Kulturen. Der erste wirklich ‚reisende‘ Philosoph, den wir in der Überlieferung finden, ist vermutlich Pythagoras (ca. 572/1-497/6 v. Chr.), der mit seinen weiten Reisen zum Modell in der biographischen Literatur wird. Von Aristotelikern, Stoikern oder Epikureern, die gezielt auf Bildungsreisen gingen, hören wir nichts, dagegen begeben sich, den Biographen zufolge, vor allem Philosophen wie Pythagoras, Demokrit, Platon und Pyrrhon, mitunter auch Vertreter der kynischen Hairesis auf Reisen. Es handelt sich dabei, soweit wir an den erhaltenen Nachrichten sehen können, um planvolle Bildungsreisen, die der Erweiterung des eigenen Wissens von der Welt, dem Bekanntwerden mit fremden und alten (Wissens-)Kulturen dienen. Dabei bewirkt die Loslösung von den alltäglichen und üblichen Beschäftigungen im heimischen Kontext, der Aufbruch in neue und unbekannte Gefilde eine intensive und ausschließliche Konzentration auf das Neue. Die reisenden Philosophen haben auch die Muße, sich auf die fremden Länder und Menschen, die barbarischen Weisen und das Erlernen ihres Wissens einzulassen — Zeit spielt keine Rolle, sie sind oft Monate und sogar Jahre unterwegs. In den Philosophenbiographien erscheinen Reisen als Bilder der Konzentration auf das Neue und auf das Wesentliche. Dabei stellen wir fest, dass die Reisen immer in Phasen persönlicher Krisen, Situationen des Umbruchs im Leben des jeweiligen Philosophen stattfinden. Die Reise als Moment der Ablösung aus einem nunmehr fragmentarisierten, zerstörten Lebenskontext ist daher als Signal einer biographischen Schwellensituation, als Rückzug aus dem alten Leben und Aufbruch in ein neues zu verstehen. So begibt sich Platon, den antiken Biographen zufolge, just nach dem Tode des Sokrates auf seine erste Reise, Pythagoras fährt offenbar nach dem Tod seines Lehrers Hermodamas los, Plotin bricht wohl nach dem Tod seines Lehrer Ammonios Sakkas in den Osten auf. Die sich oft zufällig ergebenden Reiserouten 5 Herodot 1,29: xatd dewping neöpaoıy ExrnAwoag; ebd. 30: tijs Beweing Exönunoas à ZoAwv elvexev.

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und -stationen erweisen sich im überzeitlichen Blick auf das ganze Leben und Wirken des Philosophen dann freilich als plan- und sinnvoll und illustrieren bildhaft den — vermuteten - intellektuellen Bildungsgang, in Griechische Philosophen in Indien? 335 ist ursprünglich die gräzisierte Kollektivbezeichnung für die indischen jedem Fall aber das aus seinen Schriften rekonstruierte Interessenspektrum des jeweiligen Denkers. erstals wahre Asketen erweisen, bevor sie dieser Gruppierung der Weisen Priester (sanskrit: brahmana = Beter, Priester), deren Mitglieder bereits von Geburt an Brahmanen sind. Sie pflegen eine asketische Lebensweise und fungieren vielfach als philosophisch-politische Berater des Königs." Die in der griechischen Literatur (etwa ab 100 v.Chr.)" als ‚Gymnosophisten‘ bezeichneten streng asketischen brahmanischen Philosophen!? hingegen zeigen keinerlei politisch-öffentliche Aktivität und müssen sich Makrokosmos sowie die Reinheit der Secle. Diese bedingt die Reinheit des Körpers, woraus asketische Lebensweise, also absolute Bedürfnisloder Natur wie der menschlichen Seele, sie lehren Wanderung und Wiedergeburt der Seele (Metempsychose), den Zusammenhang von Mikro- und schen Weisen beschäftigen sich, soweit das aus den griechischen Quellen erschlossen werden kann, mit der Lehre vom Sein (Ontologie), dem Sein im engeren Sinne zugerechnet werden dürfen. Der griechische Terminus yvuvoocopioths rückt den für die Griechen ungewöhnlichen Aspekt der Nacktheit weiser Männer stärker in den Vordergrund, die als demonstratives Signum einer unbürgerlichen, spirituellen Existenz verstanden werden muss (wie dies noch im heutigen Indien für moderne nackt gehende Asketen wie z.B. bei den Jainas zu finden ist). Die antiken indi- 2. Die Weisen im Morgenland - Indien aus griechischer Sicht ihre Kompetenzen in Traumdeutung und Planetenkunde. Weiterhin fin- Die griechischen Philosophen treffen, den Biographen zufolge, auf ihren weiten Reisen mit weisen Männern nicht-griechischsprachiger, also barbarischer Völker zusammen, mit denen sie vielfach in intensiven und lang andauernden Kontakt treten und typische Disziplinen ihrer Weisheit erlernen. Es handelt sich dabei z.B. um gelehrte Priester in Ägypten oder um die persischen Mager (uóyot), gleichfalls eine Priesterkaste, die in späteren Quellen mit der Weisheit des Zoroaster (Zarathustra) in Verbindung gebracht wird.’ Die Mager leiten rituelle gottesdienstliche Handlungen und kümmern sich um die rechte Therapeia der Götter’ (daraus erwachsen auch die Magie und Zaubereiim engeren Sinne), berühmt sind sigkeit (abragxia), vegetarische Lebensweise und völlige Beherrschung des Körpers (xagtegia), trainiert durch sexuelle Enthaltsamkeit sowie durch meditative Körperhaltungen (asanas), wie sie heute aus dem Hatha-Yoga bekannt sind, resultieren." Ihre Weisheit und ihre prophetische die Weisen der Inder, im Folgenden mit dem weiteren Begriff ‚Brahma- Begabung scheint letztlich, so jedenfalls die griechische Wahrnehmung, in einer überrationalen theologischen Mystik zu gründen. Was wir über schen Mathematiker, Astrologen, Beschwörer und Zukunftsdeuter, kurz: den wir unter den Weisen des Ostens die babylonischen Chaldäer, einen ursprünglich in Mesopotamien lokalisierten Volksstamm. Mit der Zeit geht die Bezeichnung ‚Chaldäer‘ jedoch immer mehr auf die babyloniauf Gelehrte mitübernatürlichen und überweltlichen Interessen über. Wie die persischen Mager in der griechischen Literatur, und nicht nur in der Bomer (0. Anm. 8) 103 Anm. 1; zu Askese siehe umfassend Michaels, A., Die Kunst des einfachen Lebens. Eine Kulturgeschichte der Askese, Miinchen 2004. hier: 60-63. B Die Inder gelten im Altertum als Inbegriff und Muster der Enthaltsamkeit, Nachrichten dieser Art scheinen auf Megasthenes und Onesikritos zurückzugehen, dazu Theodor Klauser zum 90. Geburtstag, JBAC Ergänzungsband 11, 1984, 57-81, cher Hellenismus in ihren Beziehungen zum Buddhismus, in: Vivarium. Festschrift Indien, in: RAC 18, 1998, 1-56, hier: 10f. und Colpe, C., Heidnischer und christlià 356 Anm. 2 mit Belegen. ‘12 Ob sie mit den seit Megasthenes im Kontext brahmanischer Weisheit erwähnten Sarmanen (Zaguäves) identisch sind, ist umstritten, siehe dazu Dihle, A., Art. Hansen, G.C., Alexander und die Brahmanen, in: Klio 43-45, 1965, 351-380, hier: ‘0 Ausführlicher siehe Stoneman (o. Anm. 9) 105-107. ander Romance, in: JHS 115, 1995, 99-114, hier v.a. 100-103. cultes, Paris 1950, 19-44. Mit kritischer Diskussion der antiken Texte Stoncman, R., Naked Philosophers: The Brahmans in the Alexander Historians and the Alexbiographischen, oft mit den babylonischen Chaldäern verwechselt werden bzw. beide Priester- und Gelehrtengruppen aufgrund ihrer ähnlichen Kompetenzen miteinander identifiziert werden, so werden nicht selten die indischen Gymnosophisten mit den Magoi vermengt (s.u.).* Auch die indischen Gymnosophisten und Brahmanen werden nicht immer unterschieden, freilich ist deren Differenzierung komplizierter.” ‚Brahmanes‘ 6 Zu den ursprünglich iranischen, dann im Wirkungskreis der Perser auftauchenden Magoi siehe Burkert, W., Die Griechen und der Orient, München ?2004, 107-133 mit Anm. 154-159. Zum Interesse der Griechen, bes. der Platoniker, an den Lehren der . Magoi und Zoroasters siehe Momigliano, A., Alien Wisdom. The Limits of Hellenization, Cambridge 1975, 142-149. ? Porph. De abst. 4,16; vgl. Ps.Plat. Alkib. 122 zur Magie Zoroasters. 8 Z.B. Ptolem. geogr. VII 1, 74; Pausanias IV 32, 4, siehe Bömer, F., Der lateinische R.P., La Révélation d’Hermes Trismégiste, Vol. I: L’Astrologie et les Sciences oc- Neuplatonismus und Neupythagoreismus und Claudianus Mamertus in Sprache und Philosophie, Leipzig 1936, 96-109, hier: 101. 9 Ausführlich zu Brahmanen und Gymnosophisten siehe immer noch Festugière,

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nen‘ genannt, wissen, ist im Wesentlichen erst durch Berichte der Alexanderhistoriker bekannt, die in Auszügen bei Autoren wie etwa Diodor, Strabon, Plutarch oder Arrian (allesamt zu datieren in die Zeit vom 1. Jh. v.Chr. bis zum 2. Jh. n. Chr.) erhalten sind. Vorher bezeichneten die Griechen mit ‚Indien‘ meist das Gebiet des heutigen Nordwest-Indien sowie eines Teiles des heutigen Pakistans und Afghanistans." Bis zum 4. Jh. v. Chr. hatten die Griechen eine märchenhafte Auffassung von Indien, dem Land am äußersten Ende der denkbaren Welt, direkt am Okeanos und, wie sie glaubten, neben den Äthiopiern gelegen, mit unzähligen wundersamen tierischen und menschlichen Gestalten und Mischwesen. Erste Informationen über Land und Leute liefern mitsamt zahllosen Fabelwesen wie z.B. Enotokoiten (die in ihren großen Ohren schlafen), Kynokephalen (Hundsköpfier) und Skiapoden (Schattenfüßler), die durchaus auch in indischer Literatur vorkommen,!® zuerst die älteren griechischen Ethnographen und Logographen wie Skylax von Karyanda (Ende 6. Jh. v. Chr.) oder Hekataios von Milet, dann auch Herodot und vor allem Ktesias von Knidos (um 400 v.Chr.). Alle kolportieren, trotz ihres nicht zu leugnenden seriösen Interesses an Geographie, Land und Kultur, ein überwiegend mirakulöses Indienbild.” Im fernen, exotischen Wunderland Indien sind die Reisenden stets der Normalität der realen Welt entchischen Welt vor allem durch Fremdheit und Alterität auszeichnet, freilich hoben. Sie machen ihre Entdeckungen in einem neuartigen geographischen Raum, der sich auf den ersten Blick im Vergleich mit der vertrauten griein seiner Wahrnehmung immer von griechischen Denk- und Erklärungsmustern geprägt ist. Indien ist in der griechischen Literatur seit dem Ende des 6. Jh. v. Chr. als gleichsam imaginärer Raum für die vorhellenistischen Griechen faszinierend und beunruhigend zugleich, die Verhältnisse dort entziehen sich (zumindest fast allen Griechen) jeglicher Kontrolle, der Kontrolle des Augenscheins wie der Vernunft.'® Durch eine derartige Ethnographie des Weltrandes avanciert Indien zu einem sagenhaften „El Dorado’ der griechischen Phantasie. Wirkliche Konturen (mehr allerdings nicht) eines geographisch und ethnographisch realen Indien ergeben sich tatsäch4 Siehe allgemein den ausgezeichneten Artikel von Dihle (o. Anm. 12) 1-56, hier v.a. 1-10. 15 Ausführlich dazu Karttunen, K., India in Early Greek Literature, Helsinki 1989, . 65-140. 6 Eine tabellarische Übersicht bietet Karttunen (o. Anm. 15) 140. der „Vater der Geschichtsschreibung“, in: Große Texte alter Kulturen. Literarische 0 Erinnert sei hier nur an Herodots Bericht über vermeintlich Gold grabende Riesenameisen in Indien (in 3,102), dazu Hose, M., Am Anfang war die Lüge? Herodot, ge 18, 1992, 195-204. Reise von Gizeh nach Rom (hg. v. M. Hose), Darmstadt 2004, 153-174. 8 Siche auch Karttunen, K., Distant Lands in Classical Ethnography, Grazer Beiträ7 Griechische Philosophen in Indien? 337 lich erst mit dem groBen Indienzug Alexanders des Gr. gegen die Perser in den Osten (326 v. Chr.). Erst jetzt erfolgt eine gewisse Wende in der Wahrnehmung Indiens durch die Griechen, erstmals rücken nun auch die bislang in Griechenland praktisch unbekannten, faszinierenden indischen Weisen in den Fokus des Interesses. Wie die erhaltenen Schriftzeugnisse allesamt nahe legen, ist Alexander der Gr. aller Wahrscheinlichkeit nach in Indien damals eine charakteristische Erscheinung im religiösen und spirituellen tatsächlich auf einzelne Asketen und weise Männer gestoßen, die schon Leben Indiens darstellten. Sie machten nicht nur auf Alexander selbst!?, sondern vor allem auch auf seine philosophisch interessierten Begleiter nachhaltigen Eindruck. Im riesigen Gefolge Alexanders auf seinem Indienfeldzug befanden sich u.a. auch der kynische Philosoph Onesikritos sowie die frühesten griechischen Skeptiker, Anaxarchos aus Abdera sowie der spätere Gründer der skeptischen Schule, Pyrrhon von Elis.” Die ausführlicheren Berichte der Alexander-Generäle Aristoboulos, Nearchos und vor allem die indischen Impressionen des dem Kynismus zugewandten Onesikritos?!, die allesamt der griechischen Phantasie reichlich Nahrung für romanhafte und tendenziöse literarische Ausgestaltungen gaben, waren zunächst die ersten einigermaßen ernstzunehmenden Berichte vom „Ende der Taxila auf zwei an Fakire erinnernde Brahmanen trifft und Augenzeuge Welt‘. So erzählt Aristoboulos die Episode, in der Alexander der Gr. in ihrer asketischen Übungen und moralphilosophischen Ausführungen wird.2? Besonderes Aufsehen erregten bei den Griechen stets die öffentlichen Selbstverbrennungen indischer Brahmanen. Onesikritos berichtet, dass ein Brahmane namens Kälanos beim Rückzug Alexanders aus Indien diesem gefolgt sei, ein ungewöhnlicher, da reisender Brahmane, der sich überdies bei den ersten Anzeichen einer Krankheit in Persien ungerührt 65 = FGrHist 134 F 17a. Dazu siehe Diog. Laert. IX 58-61; zu Übereinstimmung ihrer Lehren z.B. mit dem indischen Theravada-Buddhismus siehe Colpe (o. Anm. 12) 65f. Kurzversion bei Plut. Alex. 65, 1£f., 701c-d; längere Version bei Strabon XV, 1, 63- son, L., Alexander’s letter to Aristotle about India, Meisenheim 1980. Leh1% Legendenhaft ist die Überlieferung, nach der Alexander mit seinem früheren rer Aristoteles über die Wunder Indiens korrespondiert haben soll, dazu Gunder20 2 &Anv. pavijvar d’ ÉYXQATÉOTEQOV LAXQ tov vedteQov™ ovvaxohovdijoavra yo 2 Aristoboulos FGrHist 139 F 41 = Strabon 15,1, 61: … tov à ÉoTüvaL NOVOoHeNN, Eúhov Énnouévov Auportgaus taig xegoiv 600V roirnxu xdpvovtos dè tod oxghouc, ini Détegov petagegen Tv Paow xai biatedety oötws Tv MLÉCOV xoù tH Bacıkei Tax dvacteépar nad En’ olxov: pETLÓVTOG TE, abtOV HEhevoon fxewy, el tov Povactar Tuyxdverv. Tov SE ovvandgal méxor tédoug Kal petapqidcactar xai petatéoda tiv dlaıtav, ovvóvra tH Paotret: EMTIUOHEvov à’ Ind zuvaov héyeLy, cag ExcaANQMoere Ta terragdxovra Ern THs doxijoews, & Onéoyero. "AhéEavôgov dt rois naLolv aûtod oÜvar Swoéav.

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Irmgard Männlein-Robert selbst verbrannt und durch seine Todesverachtung Bekanntheit und Anzeitlichen und überräumlichen Weisheit. Das Bild indischer Weiser, der sehen bei den griechischen Philosophen verschiedener Couleurs erlangt Brahmanen und Gymnosophisten, war seither gleichsam topisch festgelegt. haben soll.?? Diese Selbstverbrennungen stellten ein ungewöhnlich intensi- Indien, das für die Griechen so ferne und exotische Land voller ves Paradeigma philosophischer Körper- und Todesverachtung dar, freilich ein für den griechischen Geschmack letztlich zu extremes. Berühmt ist auch das Gespräch, das derselbe Onesikritos mit den indischen Weisen in Taxila geführt haben soll.* Diese so modellhaft geschilderten Begegnungen evozierten phantasievolle literarische Berichte über die weisen Männer die Berichte des Megasthenes noch ergänzt. Dieser verfasst Indiens, die, wir erinnern uns, am Rande der Welt lebend, weit weg vom heimischen Griechenland, eine ideale Folie für die Zeichnung philosophischer Ideale und Utopien abgaben. Längst? ist bekannt, dass sich in diesen Gesprächen von Griechen mit indischen Brahmanen weniger die Grundzüge einer charakteristisch indischen Philosophie?’ als vielmehr die dem Onesikritos wohl bekannten typisch kynischen predigtähnlichen Gebote und Lehren abbilden, als deren Parallelphänomene dieser z.B. Karteria (zunächst körperliche, dann auch seelische Ausdauer und Zähigkeit) sowie Askese und umfassende Bedürfnislosigkeit der indischen Brahmanen identifiziert haben musste. Es handelt sich also bereits zu Beginn der griechi_ schen Wahrnehmung indischer Weiser und ihrer Lehren um eine ‚interpretatio graeca‘, also um eine Interpretation, welche nicht-griechische Götter und Kultpraktiken, aber auch philosophische Anschauungen mit bereits Wunder, wird in der Literatur fortan als Land uralter Weisheit fixiert.” Erst einige Jahrzehnte später wurden die Erzählungen der Alexanderhistoriker durch e, nachdem er 301 v.Chr. als Gesandter des Seleukos I. Nikator nach Pataliputra in Indien, bis zum Ganges-Becken, gereist war, seine Indika, deren Material für indische Ethnologie und Geographie in der griechischen Literatur fortan ka- ‘ sowie nonisch wurde. Megasthenes, der sicherlich Ktesias’ Indien-,Berichte die politisch-religiöse Propaganda Alexanders durch die Alexanderhistoriker kannte, war offenbar damit bei der Abfassung seiner Indika bereits auf eine bestimmte — griechische — Art der Wahrnehmung Indiens festgelegt, die er dann durch Autopsie freilich weit reichend ergänzte.* Obwohl r sich für die hellenistische Zeit nach Megasthenes durchaus ein gewisse kultureller Austausch zwischen Indien und der griechischen Welt nachwei wissenund ionen Expedit che zahlrei sen lässt?! und obwohl jetzt durch r schaftliche Forschungsreisen realistische Beschreibungen landestypische Schicht mobilen einer phie Topogra Sitten und Gebräuche, Flora, Fauna und von hellenistischen Gelehrten, Handelsreisenden und Diplomaten bekannt wurden, dominieren in der hellenistischen Literatur weiterhin Stereotypen ften, bestehenden griechischen Göttern, Kultpraktiken und philosophischen Anschauungen identifiziert und mit griechischen Namen benennt. In dieüber diesen, den allermeisten Griechen weiterhin sehr fernen, sagenha sem Sinne erkannten auch die Griechen in Indien Elemente ihres eigenen philosophischen Kosmos’ wieder. Da sie diese aber in die so ferne, fremde, chen zu fern, als dass es wirklich von Interesse wäre. Seit der alte und bewunderte Kultur Indiens eingebettet sahen, verehrten sie sie als wahre und autoritative Erscheinungsformen einer sehr alten, letztlich über- B Onesier. FGrHist 134 F 17£.; vgl. die Kritik des Megasthenes an diesem Bericht AD 715 F 34a = Strabon 15,1,68. Der Stoiker Zenon verweist auf ihn (SVF I, #4 Vgl. den indischen Brahmanen Zarmanochégas, der zu einer indischen Gesandtschaft an Kaiser Augustus gehörte und sich in Athen selbst verbrannte, so nach Nikolaus von Damaskos FGrHist 90 F 100. Einige hundert Jahre später, genauer im Jahr 165 n.Chr., wird sich der berühmt-berüchtigte Kyniker Peregrinus in Olympia vor einer groBen Volksmenge selbst verbrennen, was den Satiriker Lukian von „Samosata zu einer bösartigen Invektive veranlasst (De morte Peregrini). Vgl. dazu Christine Hensch, Proteische Verwandlung. Die Figur des Peregrinos Proteus im Spiegel der zeitgenössischen Literatur, Gymnasium 114, 2007, 435-460 (Zusatz der Herausgeber). 5 Eine kurze Version dieser Begebenheit findet sich bei Plut. Alex. 65, L£. (701c-d) NR eine längere bei Strabon, Geographika XV 1, 63-65 = FGrHist 134 F 17a. 2 Z.B. Hansen (0. Anm. 11) 354£. u.ö.; Stoneman (o. Anm. 9) 110-114. 27 Vgl. dagegen optimistisch Stoneman (o. Anm. 9) 103f. | exotischen Raum. Das sich real abzeichnende Indien ist den meisten Grie- Alexanderliteratur und Megasthenes werden in die stabilen Stereotypen über Indien allerdings nun auch die weisen Männer dieses Landes miteinbezogen (etwa H., Die Grenzen 28 Knapp und ohne Verweis auf die Brahmanen dazu Sonnabend, 88f. 2007, dt Darmsta Antike, der ungen Vorstell der Welt. Geographische 2 Dazu auch Dihle (o. Anm. 12) 15f. | in der ethno# So bietet z.B. auch Megasthenes einen Bericht über die seit Herodot Gold wobenen sagenum en etabliert Indien über Literatur chen griechis hen graphisc grabenden Ameisen Indiens (FGrHist 715 F 23 b). Ptolemaios 3 Z.B. weitere Gesandtschaften von griechischen Diadochen (wie z.B. selbst Philadelphos an König Asoka, den dritten Maurya-Herrscher). König Asoka Gonatas s Antigono an I., s Antiocho en Seleukid den \ schickte Gesandtschaften an Zum sog. von Makedonien, an Magas von Kyrene sowie an Alexander von Epirus. n bilingue en berühmt den zu Chr., v. Jh. 1. und 2. Indo-Griechischen Königreich im r (griechisch-aramäischen) Inschriften Asokas sowie zum hellenistischen Charakte Greeks in der lokalen indischen Münzprägung siehe immer noch Tarn, W. W., The F.L. Holt Bactria and India, Revised 3rd Edition (new preface and bibliography by m auBerde 31997, ge Cambrid Miller), M.C.J. by and with additional bibliography Kulknapp Dihle (0. Anm. 12) 17-21. Zu griechischen Einflüssen auf die indische tur siehe (etwas einseitig) Banerjee, G.N., Hellenism in Ancient India, Neu-Delh

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die sich selbst verbrennenden Brahmanen usw.). Indien, das im wahrsten Sinne des Wortes ‚extreme‘ Land der Wunder, wird nicht zuletzt aufgrund und göttlicher Bestrafung und Belohnung nach Verdienst im jeweiligen der Brahmanen und Gymnosophisten neben Ägypten? zu einer uralten Wiege originärer Weisheit und bleibt bis in die Spätantike hinein ein imaginärer Projektionsraum griechischer Interessen und weltanschaulich-philosophischer Themen. 341 Leben gelernt habe. Hier werden also ganz wesentliche Bestandteile und Ziige der pythagoreischen Philosophie auf die Lehren der indischen Brahmanen zurückgeführt. Gelten doch seelische und körperliche Katharsis und Reinheit auch ihm als Voraussetzungen fiir wahre Erkenntnis, ist nur durch umfassende Askese und Sophia eine Aufwärtsbewegung und Belohnung der unsterblichen, immer neu eingekörperten und eingekerker- 3. Indienreisen in den Philosophenbiographien Im Folgenden soll mit Blick auf die literarischen Philosophenbiographien selbst untersucht werden, welche Rolle eine Reise in den Osten bzw. nach Indien für den jeweiligen Philosophen spielt und welche Funktion ihr die Biographen im Kontext ihrer Darstellung zuschreiben. Wir beginnen mit den biographischen Zeugnissen über Reisen des ältesten Philosophen unserer Reihe, mit Pythagoras. Der Platoniker und Romancier Apuleius von Madaura (2. Jh. n.Chr.) kommt in seinen bunten Florida (c. 15) auch auf Pythagoras und seine Reisen zu sprechen. Nach dem mutmaBlichen Tod seines Lehrers gelangt dieser nach Ägypten. Das religiöse und das mathematisch-geometrische Wissen, das Pythagoras bei den Agyptern erlernt, ist ihm jedoch nicht genug, und er reist weiter zu den Chaldäern, lernt dort Sternkunde (scientia sideralis), das Wirken nicht-gestalthafter Gottheiten, Geburtshoroskope und medizinische Fertigkeiten. Daraufhin zieht er zu den indischen Brahmanen. Hier wendet er sich, wie es heißt, ‚an die Gymnosophisten unter den Brahmanen‘ (ebd. c. 15, 57 Helm: eorum ergo Bracmanum gymnosophistas adisse). Bereits zuvor war Apuleius in den Florida neben anderen wundersamen Menschen in Indien auch auf die Gymnosophisten zu sprechen gekommen (ebd. c. 6, 21f. Helm). Diese gingen, so Apuleius, nicht etwa gewöhnlichen Beschäftigungen nach, sondern seien allein auf die Weisheit konzentriert (sapientiam percolunt), außerdem hassten sie torpor animi und otium.” Diesen nun verdanke Pythagoras das meiste seiner ten Seele nach dem Jenseitsgericht möglich. Am Rande sei darauf verwiesen, dass sich tatsächlich in indischer Literatur für die genannte Zeit entsprechende psychologische und medizinische Lehren der Brahmanen nachweisen lassen. In den von Apuleius genannten Stationen der Reisen des Pythagoras zu den alten und beriihmten Kulturvélkern des Ostens ist eine deutliche Steigerung erkennbar, die in seinem Aufenthalt bei den indischen Brahmanen kulminiert. Apuleius legt also groBen Wert darauf, den griechischen Protophilosophen Pythagoras und seine Lehren in enge Verbindung zu den indischen Brahmanen, ihn also in eine vermeintlich alte und damit autoritative, freilich nicht-griechische, barbarische Tradition des Wissens um menschliche und göttliche Dinge zu stellen.* Diogenes Laertios (wohl 3. Jh. n.Chr.) stellt in Buch VIII (c. 1-50) seiner biographisch-doxographisch konzipierten Philosophiegeschichte Pythagoras ausführlich dar. Umso erstaunlicher ist es, dass Diogenes auf die Reisen des Pythagoras nur sehr kurz eingeht und sie allein mit Blick auf die Einweihung in verschiedene Mysterien würdigt (Diog. Laert. 8,2£.). So habe der junge Pythagoras von Samos aus, wohl nach dem Tod des Lehrers Hermodamas, ‚jung und lernbegierig‘ (ebd. c. 2: véos & Gv xai piAonad'ng) Reisen unternommen und sich in alle griechischen und nichtgriechischen Mysterien einweihen lassen. Dabei sei er auch nach Ägypten gekommen, war dann auch, so Diogenes ganz lapidar, ‚bei den Chaldäern und Magern‘. Diogenes zufolge reist Pythagoras aber nicht nach Indien. Er erfährt, Diogenes zufolge. auf den Stationen seiner Reise weniger philosophische Belehrung, sondern es geht ihm offenbar ausschließlich um die Initiation in alle erdenklichen Mysterien und Ge- Philosophie, so Apuleius weiter (ebd. c. 15, 57 Helm), da er bei ihnen die Disziplinen des Geistes (mentium documenta), körperliche Askese (corporum exercitamenta), die Teile der Seele, die Lehren von Wiedergeburt 2 Zu Ägypten als v. a. religiösem Projektionsraum für die Griechen siehe Burkert, W., Mysterien der Ägypter in griechischer Sicht: Projektionen im Kulturkontakt in: Walter Burkert. Kleine Schriften III: Mystica, Orphica, Pythagorica (hg. von E Graf), Göttingen 2006, 152-172. # Siehe André, J./Filliozat, J., L'Inde vue de Rome, Paris 1986, A. 274 p. 378f. zum Verdacht, es handle sich hier um die Übertragung eines pythagoreischen Ritus auf die indischen Gymnosophisten. > Apuleius’ Skizze über die indischen Gymnosophisten stimmt ziemlich genau mit indischen Texten überein, dazu André/Filliozat (0. Anm. 33) 379-381. Zur Ubereinstimmung mit dem exakten Bericht des Hippolytos über Indien siehe Filliozat, J., La doctrine des brähmanes d'après saint Hippolyte, Revue de l'Histoire des Religions, Juli-Dez. 1945, 59-91 und ders, Relations extérieures de l’Inde, Vol. I, Pondichéry 1956, 31-60 (La doctrine brahmanique à Rome au III: siècle). 3 Für die auch hier zugrunde liegende Idee einer kulturellen translario siehe den immer noch erhellenden Beitrag von Worstbrock, F.J., Translatio artium. Uber die Herkunft und Entwicklung einer kulturhistorischen Theorie, in: Archiv für Kulturgeschichte 47, 1965, 1-22.

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Pythagoras gelangt also, soweit wir das bisher gesehen haben, nur in der biographischen Skizze bei Apuleius nach Indien, nicht aber bei den anderen Biographen. Die bei Clemens von Alexandria erhaltene Notiz, nach welcher der in etwa um 100 v. Chr. aktive Alexander Polyhistor Pythagoras zum Schüler der Brahmanen macht, ist durch den christlichpolemischen Kontext schwer auszuwerten.” Allem Anschein nach wird Pythagoras von Apuleius und Alexander Polyhistor als ‚Weltweiser‘ in alheimkulte, also um religiös-theologisch-esoterische Weisheit, die er bei den genannten Kulturvölkern findet. Ahnlich verhält es sich bei den in etwa zeitgenössischen neuplatonischen Philosophen und Biographen Porphyrios und Iamblich von Chalkis (beide ca. 2. Hälfte des 3. Jh. n.Chr.). Porphyrios wiirdigt im (erhaltenen) ersten Buch seiner ®ıAocogiag totogia (c. 6-8) Pythagoras als den Urvater der griechischen Philosophie und postuliert eine enge Tradition von Pythagoras über Platon bis hin zu Plotin.” Pythagoras habe die so genannten mathematischen Wissenschaften sowie Sternkunde bei den Agyptern, Chaldäern und Phöniziern, das Wissen um göttliche Dinge und menschliche Beschäftigungen jedoch bei den Magern gelernt. In: der Vita Pythagorica Iamblichs ist eine programmatische Bildungsreise des als ‚göttlichen, heiligen Mannes‘ gezeichneten Pythagoras beschrieben (c. 11-19). Der kommt über Milet nach Phönizien, Ägypten und dann nach Babylon, wird mit Naturphilosophie und Mysterienkulten, Sternkunde und Geometrie vertraut, bis er bei den Magoi in Babylon schließtalischen ter Wissenstradition, umgeben vom Nimbus des Exotisch-Orien dargestellt. Ähnlich geht Diogenes Laertios vor, wenn er einen Kontakt des griechischen vorsokratischen Philosophen Demokrit mit den indischen Weisen postuliert.” Seine Bemerkung, Demokrit habe sich auch bei den indischen Gymnosophisten und sogar bei den Äthiopiern, also am alleräuBersten Ende der Welt aufgehalten, nimmt sich mit Blick lich alles, was ihnen heilig ist, lernt, vor allem Götterverehrung, Arithscheint es ein besonderes Anliegen zu sein, den als ‚Vorläufer‘ Epikurs sch geltenden Demokrit ans äuBerste Ende der Welt und somit symboli und gereist weit als ihn reisen, s Wissen zu den letzten Gründen des alten _ zur Integrationsfigur, die das gesamte menschliche und religiöse Wissen der alten Hochkulturen in sich aufnimmt und in sich vereinigt. Die Magoi, bei denen Pythagoras wahre Religiosität und höchstes Wissen vert somit universal gebildet hervortreten zu lassen. Môglicherweise versuch “ stärken. zu er so, dessen philosophiehistorische Bedeutung mittelt werden, sind trotz aller tendenziellen Unterschiede bei Porphyri- Werfen wir jetzt einen Blick auf die Reisen, die der Philosoph Platon nen Plaunternommen haben soll: In der ersten uns vollständig erhalte De Schrift tonbiographie, mit welcher Apuleius seine doxographische os und lamblich nicht nur formal, sondern auch inhaltlich letzte Station und Krönung des gesamten Initiations- und Bildungsganges. Indien oder gar die Brahmanen spielen in beiden Texten offensichtlich keine Rolle. Platone et cius dogmate eröffnet (c. 1-4), werden (c. 3) die Reisen und Reisepläne Platons genannt: Hier wendet sich Platon nach dem 36 Porphyrios versucht hier, sich vom hellenistischen Philosophie-Biographen Sotion abzusetzen. Anders als dieser, der die Geschichte der Philosophie nach zwei voneinander getrennten Entwicklungslinien verfolgt, nach der Pythagoras der italischen, Platon hingegen der ionischen Tradition angehört, setzt Porphyrios Pythagoras und Platon in ein sukzessives Verhältnis zueinander. _ "etend todtov fyovriai tıveg obx Eatı Gé, Do ÉMEUTG ônhwdiontat oinkelovg và uEv TOV nadnnaTtır@v naAoun&vwv Erıormußvnag’ Atyuntiov te nai Xaddaiwv xal Doıvixwv paoiv Exnadeiv yewpetetas pèv yao En nalaı@v Passus aus Buch 4 (Iambl. Comm. Math. 21 p. 66, 17-67, 2), siehe auch Staab 252 f. Tod des 16 Heet Tuÿayo# Alexander Polyhistor FGrHist LIT a 273 F 94: ARéEavôooc dé Ev tov Tludayogay Lotogel var paÔNTed p ‘Aoovei tO Lagat ou ®v OvPPdLOV xaì Porph. Vita Pyth. c. 6 (p. 19, 21-20, 5 Nauck): Eru xai negi Tg St8acxahias abtot xe6vov éxipedyn diva Alyuntiovg, ta Òë zegì Gordpots te xai Aoyiouods Botvıxac, Xakôatoug dé ta nepl tov obgavov Dewetpata: neoi tas THY Dewy Ayıoteias nal ta Aourd THV zegt TOV Biov éenitndevpdtov nagd TÜV paywv Paci d.axotoai te xai Aaßeiv. 38 ‘Vgl. Tamblich im Kommentar zu Nikomachos’ Einleitung in die Arithmetik, In Nic. § 168 p. 118, 23f. Gerade für diese Fächer wird der ‚Lernort‘ Babylon explizit angegeben; das ist nach Staab, G., Pythagoras in der Spätantike. Studien zu De Vita Pythagorica des Iamblichos von Chalkis, München/Leipzig 2002, 252 ein Hinweis auf eine nötige Legitimierung und dokumentiert plakativ Iamblichs Hochschätzung der Magoi. Als eine Art Resümee der Bildungsreisen des Pythagoras erscheint ein auf die unmittelbar zuvor genannten Gewährsleute Demetrios und Antisthenes als vermutlich topische Erweiterung des konventionellen Schemas resp. Reiseweges aus. Dem Biographen Diogenes, der sich deutlich als Anhänger der Philosophie Epikurs zu erkennen gibt (Diog. Laert. 10,29), metik, Musik (Iambl. VP c. 19).® Wir sehen: Auch hier wird Pythagoras 37 343 Griechische Philosophen in Indien? Irmgard Männlein-Robert | -, guv Boûhea&unnoévar te rod tovtois Tokatav rail Boayudvmv tov Hudayó TOL. ugnis Demo“0 Dazu siehe Diog. Laert. 9,35. Vgl. Clem. Alex. Strom 1, 69 als Selbstze ; u Reisen. krits zu seinen kônn Traditio ischen biograph der 4 Grundlage fiir die weiten Reisen Demokrits in III 40, 7): nen durchaus seine eigenen Bemerkungen gewesen sein, z.B. (bei Stob. Eine ävòoì cog näca yi Path, puxtis yao dyadic natois 6 Eburas x6ouoc. Indienreise Demokrits berichten allerdings auch Aelian. var. hist. 4,20 p. 69, 8 H.; P. 414 WesHippolyt. elench. 113, 1 p. 16, 24 Wendland; Biographi Graeci VII 33 xai Tégoas eis xai yàg ] Demokrit [sc. Nabe Adler: 9-10 termann; Suda II, p. 44, Miles. "Ivôoùs nal Aiyuntious xaì ta zag’ Excdatorg Exardseddy copa. Hesych. ’Ivölov p. 16, 14-15 Flach: … toig yupveoo@uotais auveuıke [sc. Demokrit] xai eig anijoe xai Aifioniav.

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Irmgard Männlein-Robert did dE vous Tijs Sokrates der Philosophie des Pythagoras zu, erforscht auch einzelne Dis- 3,7: Sieyvw St 6 ITAdrwv nai tots Méyois guppiëor ziplinen der pythagoreischen Lehre, so Geometrie bei Theodoros in Kyrene und Astrologie sowie die prophetarum ritus (wohl Orakel-, Wahrsagekunst) in Agypten.*? Nach der Rückkehr ins unteritalische Tarent erfolgt *Aoias noA&novg ANEOTN). können, ist Was wir nun über Platons Reisepläne in den Osten sagen Ägypten“, wo er Folgendes: Platons fernste Reise ist offenbar die nach l bei Apuleius allen Zeugnissen zufolge religiöse Gebräuche lernt. Sowoh in Ägypten halt Aufent den an uss Anschl wie auch bei Diogenes ist im wohl eine die , geplant Indern den zu eine Reise zu den Magern und sogar ungen Bemüh igen bisher der öhung Steigerung, Intensivierung und Überh die und ben Vorha das Allein Platons um religiöse Weisheit andeuten soll. fernoch des Weisen en Planung einer solchen Reise zu den noch weiser mit seinen in neren Ostens legt nahe, dass hier die Viten des Pythagoras fernen Osten als der biographischen Tradition etablierten Reisen in den ter der Reise Modell gedient haben dürften.” Auf den topischen Charak diese Reizu den Magern und Indern weist die Begründung hin, warum Platons direkter Anschluss an zeitgenössische Pythagoreer wie Eurytas und Archytas. Obgleich Platon seine Aufmerksamkeit damals auch auf die Inder und Mager richtete, sei er, so Apuleius, durch die damaligen Kriege in Asien von einer Reise dorthin abgehalten worden (ebd. c. 3 186: et ad Italiam iterum venit et Pythagoreos Eurylta]tum Tarentinum et seniorem Archytam sectatum atque ad Indos et Magos intendisset animum, nisi tunc eum bella vetuissent Asiatica). Wie es im Text weiter heiBt (ebd. c. 3, 187), habe er sich stattdessen umso intensiver mit den Erkenntnissen Parmenides’ und Zenons beschäftigt (quapropter inventa Parmenidae ac Zenonis studiosius exsecutus …). Die Beschäftigung mit Parmenides’ und Zenons — griechischen — Lehren kann allem Anschein nach das Manko einer unterbliebenen Reise in den fernen Osten aufwiegen. Was aber bieten die eleatischen griechischen Philosophen Parmenides und Zenon, das indische und magische Weisheit kompensieren könnte? Wir können spekulieren, ob es sich hier um deren Lehren über Sein und Seele handelt, freilich wird man den Optimismus des 19. Ih. nicht mehr teilen, als man die eleatische Philosophie nicht nur aus dem Orient, sondern sogar aus Indien selbst herzuleiten bemüht war.“ Der Tenor der Darstellung des Apuleius macht jedoch deutlich, dass Platons Philosophie nichts fehlt, obgleich er nicht in den Osten reist. Die Weisheit eines Platon ist also universal und vollständig, wohl nicht zuletzt, da sie zum Teil auf der des Pythagoras beruht, der Apuleius zufolge ja in Indien war. Platon vereinigt, so die Darstellung, also ebenfalls das philosophiin Asien hätten sie unsepläne nicht umgesetzt werden konnten: Kriege ter Kriege möglich gemacht. Die Historizität solcher hier nur vage benann 5 v.Chr., nach wie ist für die Jahre von Platons Reisen, also etwa 395-38 hr sollte mit der vor umstritten, freilich eher unwahrscheinlich.’ Vielme n und Indern Mager den zu geplanten, aber eben nicht vollzogenen Reise oras tradierte Reiseweg einerseits der für den älteren Philosophen Pythag s mit den Lehren zitiert werden,” andererseits jegliche Berührung Platon wurde, als unmöglich Zoroasters, wie sie für Pythagoras rekonstruiert chen Hintergrund des ausgeschlossen werden. Das ist vor dem zeitgenössis den Kreisen kaiserzeit2. Jh. n.Chr. von besonderer Bedeutung, da es in ob und inwielicher Platoniker erbitterte Kontroversen um die Frage gab, -MithrasZervan der fern der zeitgenössische Platonismus in den Kontext Kreise ische Religion eingefügt werden müsse. Während neupythagore sche Wissen verschiedenster Traditionen in sich, vielleicht soll hier soge und -stationen skizziert. Hier gelangt Platon nach Studien griechischer und unteritalischer sowie pythagoreischer Philosophie nach Ägypten zu den Propheten. Von da aus wollte Platon, so Diogenes, auch die Mager aufsuchen, sah aber wegen der Kriege in Asien davon ab (Diog. Laert. 2 Zur Programmatik und zum (wohl) fiktionalen Charakter der Ägyptenreise Platons siche ausführlich Dörrie, H., Platons Reisen zu fernen Völkern. Zur Geschich5 eines Motivs der Platon-Legende und zu seiner Neuwendung durch Lactanz, in: omanitas et Christianitas. FS J.H. Waszink (hg. v. W. den Boeft et al . dam/London 1979, 99-118. (he Stal), Amster a Z.B. À. Gladisch, Die Eleaten und die Inder, Posen 1844; zu diesem Trend im 19. Jh. siehe Kerschensteiner, J., Platon und der Orient, Stuttgart 1945, 9. tradierte Agyptenreise Platons 4 Einen skeptischen Blick auf die in den Biographien phical Tradition, in: Die grieBiogra the in Egypt wirft Lefkowitz, M.L., Visits to internationalen Kongresses des Akten Zeit. r stische helleni in phie chische Biogra S. Schorn), Berlin/New und Erler M. von vom 26.-29. Juli 2006 in Wiirzburg (hg. York 2007 (BZA 245), 101-113. 45 So mit Dörrie (o. Anm. 42) 100. stische Rahmen des kaiserzeitlichen 46 Siehe zur Diskussion Dörrie, H., Der helleni 4 S gar Platons Interesse an Ontologie und Epistemologie stärker als das an religiösen Lehren und theologischen Erkenntnissen akzentuiert werden. Auch in der Platonvita des Diogenes Laertios (Buch 3,6-7) sind Reiscwetar. Aus dem Nachlaß Platonismus. Bausteine 36-72: Text, Übersctzung, Kommen it von Annemarie Mitarbe unter Baltes s Matthia herausgegeben und bearbeitet von 1990 (= Der Platonismus in att Cannst rt/Bad Stuttga Mann, elm Friedh und Dorrie der Antike II), hier: 476. , dass die dem philologisch Überdies wird man mit der Möglichkeit rechnen müssen Apuleius und Diogenes alphen Biogra orientierten Mittelplatonismus zugehörigen fanden, keine jedoch auf selbst Platons Texten den in n Ägypte auf lein Hinweise ierung für die AneigLegitim eine dass fernôstliche Weisheit oder gar Indien, so t wurde. erachte unnötig n für tstehre Weishei er indisch oder nung magisc

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346 eben.“ phie als paganes Gegenbild zur Jesusfigur der Evangelien beschri BildungsIn Buch 2 und 3 beschreibt Philostrat in romanhafter Breite die 5 2005, 268f. er (am die n nicht, er Reise | Jarchas phische Weisheit intereset Jar- JBAC 9, 1982, de Rede Alex56 selbst de bei Arrian (Anabasis 5,25,3-26,8) ausgestaltete flammen Fluss Hyphasis beanders kann die Soldaten nicht zum Weiterziehen bewegen. Der en Gebietes. Wenig schreibt somit die äußerste Grenze des von Alexander erobert des Apollonios plausibel erscheint hier Speyer (o. Anm. 55) 194f., der die Reise a oa nach Indien für eine Jenseitsreise hält. _ OV pooveite, mas 5 Philostr. VA 3,16: zg, ëqn [sc. larchas], w "AnoMovız, TEQLNL ödev meg Ey einev, fj ho ônhot ro pv vera fnelv we 686, iv HAND Tes TOY ELIE, copoteod avd odnwy; ti S68 hdc MAEOV oleı OAVTOD YLYVOORELV; Ey@ HEV, 4 bustega HO TOÂND terdtega. hyoö phenbiogravA 3.19: siche auch Schirren, T., Philosophos Bios. Die antike Philoso at, Heidelberg phie als symbolische Form. Studien zur ‚Vita Apollonii‘ des Philostr aren Höhle, arcam); siehe auch Speyer, W., Die Vision der wunderb —197, hier: 195 Anm. 49. 1978. 54 Siehe dazu z.B. Smith, M., Jesus the Magician, New York … pervenit ad Brig: 55 Vgl. auch Hieron. ep. 53, 1, 4 CSEL 54, 444: (sc. Apollonius) docentem be 7 manas, ut … de natura, de moribus ac de siderum cursu audiret lonios, welche Ansichten die Inder über die Seele hätten, antwort Themen fragt Apollonios nach der Selbsterkenntnis der Weisen. J archas jedes stellt in seiner Antwort die Selbsterkenntnis als Schlüsselqualität (VA Weisen ganz an den Anfang jeglicher philosophischer Bemühung sowie 3,18). Weiterhin werden im Frage-und-Antwort-Modus die Seele r sich die Lehren von deren Wiedergeburt besprochen, als deren Urhebe somit die indischen Brahmanen abzeichnen.™ Auf die Frage des Apolsierten Griechen darlegt. Vor weiteren Gesprächen über philoso die Familiengeschichte dieses löblichen, da an indischer gibt sogleich eine Kostprobe seiner prophetischen Fähigkeiten, indem er das spezifische Wissen der indischen Weisen erfahren möchte. unternommen habe. Er jedoch habe keine Anstrengung gescheut, da verweist darauf, dass noch keiner seiner Landsleute eine so weite tragen langes Haar und gehen barfuß. Der höchste der Weisen, Jarchas, fragt Apollonios, was er denn von den indischen Weisen denke. Der (VA 3,13-49). Die Weisen dort schlafen auf der Erde, sie arbeite selbstverständlich griechisch sprechen und ihn freundlich aufnehmen nios auf der ‚Burg der Weisen‘ bei den indischen Brahmanen wieder, markiert.’ Und damit taucht Apollonios ein in das Wunderland Indien (Buch 3), jenseits der bekannten Welt. Wenig später finden wir Apollo- Monune Grenze zum Reich der weisen Inder. Diese Grenze hatte, wie ches mente dort beweisen, selbst für Alexander das Ende seines Weltrei Ende von Buch 2) mit dem Fluss Hyphasis die bislang nicht überwundegern, dann drängt es Apollonios nach Indien. Dabei überschreitet reisen des Apollonios in den Osten,” zuerst zu den babylonischen Madies propagierten, versuchten eher konservative Mittelplatoniker — wie auch Apuleius — das strikt zu unterbinden, um die Autonomie ihres philosophischen Systems nicht zu gefährden. Dass Platon tatsächlich eine Reise nach Indien zu den Brahmanen unternommen habe, suggeriert erst der spätantike Autor Claudianus Mamertus (5. Jh. n.Chr.).# Ob tatsächlich Bemerkungen Ciceros, nach denen Platon die entferntesten Länder durchstreift habe, Anlass für derartige Erweiterungen gegeben haben, bleibt zu diskutieren (Tusc. 4,44: Platonem ultimas terras lustrasse). Generell steht zu vermuten, dass immanente Aussagen Platons in seinem Werk” von den späteren Biographen als Aufforderung verstanden wurden, von fremden Völkern zu lernen” und so einer entsprechenden Legendenbildung durchGymnosophisten, den indischen Weisen, durchaus vorkam.5! Demnach aus Vorschub leisteten. Uberdies finden sich Belege dafür, dass eine Verwechslung bzw. ,Identifikation‘ der persischen Weisen, der Magoi, mit den konnte sich die Vorstellung herausbilden, dass Platon, dem einige antike Autoren Reisen zu den Persern resp. Magoi attestieren,” durchaus auch nach Indien gekommen sei. Freilich bleibt der Aussagewert der vielfach disparaten Textzeugen weiterhin zu untersuchen. Unser nächster Indienreisender ist der berühmt-berüchtigte Wanderphilosoph Apollonios von Tyana aus dem 1. Jh. n. Chr., der sich, selbst der pythagoreischen Philosophie verschrieben, Pythagoras zu seinem Vorbild erkoren hatte.” Philostrat d.Ä. verfasst auf Wunsch der aus Syrien stammenden Kaiserin Julia Domna (in den ersten Jahrzehnten des 3. Jh. n.Chr.) die Biographie dieses Apollonios. Der neupythagoreische Philosoph und Wundertäter, ein deiog âvíg im kaiserzeitlichen Sinne wird in . dieser legendenhaft überformten, hagiographisch konzipierten Biogra“ Claudianus Mamertus, ep. II p. 204, 9: … aut forsan Platon apex culmenque philosophiae privo naturae bono contentus post Socratis dogmata angustiorem credens Graeciam doctrinarum quam sese virtutum non usque ad Aegyptum et adusque Brachmanos Indorum et adusque Pythagoricarum doctrinarum per heredes indefessus rerum scrutator accessit? Bömer (o. Anm. 8) 7 vermutet hier den Einfluss des Porphyrios, bei dem sich eine Indienreise Platons jedoch nicht nachweisen lässt. 4 Z.B. Plat. Phaidon 7842-7: noAAn uev ñ ‘“EhAúc, Epn [sc. Socrates], & Keßng, &v fi éveroi zov Ayadoi ävöges, zolhò 8ë xai td Tov BaoBdewv yévn, otc advras Koh 5 5 dvegevvaotat Cntodvtas tovottov énwddv, wite KONHÁTWV perôouévous Wijte nóvwv, ds 00x Eotıv eig 6 ti Gv eùxaugórepov avarioxolte xornata. Vgl. Olymp. in Plat. Gorg. 210, 28ff. Westerink. Z.B. Ptolem. Geogr. 7,1,74; Paus. 4,32,4: &y& 58 Xakdaiouc xai ’Ivößv TOÙS payous rotos olda eindvtas ds Kddvardg gotw &vOOdROV Px, Kal optoù nal “EAMvov &Akot te Exeiodyoav nal obx ixtota IIAdtov 6 Agtotwvos; Suda s.v. Pupvocorotai; siehe auch Bömer (o. Anm. 8) hier v.a. 101. * Z.B. Clem. Al. protr. 6,70 p. 53, 12 St; Lact. inst. 4,2,4 p. 477, 14 Vind. % Sein Biograph Philostrat d. À. lässt Apollonios dies ausdrücklich bestätigen (VA 1,32): ‚Meine Weisheit ist die des Pythagoras‘.

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348 chas: ‚Genauso wie Pythagoras es an euch und wir es an die Ägypter wei- * Porph. VP c. 3,13-24. ung Ein dovon vorneherein hier: S90f. Ve: Anhang. Porphy6 Porph. VP c. 3,6-13; dazu Harder, R., Plotins Schriften, Band , Darmstadt 1958, rios, Über Plotins Leben und über die Ordnung seiner Schriften 84f. rten Beina65 Zur indologischen Deutung des seit der Spätantike zuverlässig überliefe ranischen mens „Sakkas' als Abkömmling der buddhistischen Saken (eines indisch-i Volksstammes) siehe Colpe (0. Anm. 12) 66-71. kung von I. Männlein-Robert), München/Leipzig 2002, 581-609, @ Bunap. Vitae Sophistarum 455 gibt als Vaterstadt Lyko an. Autobiogra64 Porph. VP c. 3, dazu Männlein-Robert, I, Biographie, Hagiographie, \ Signatur 1\ phie — die Vita Plotini des Porphyrios, in: Metaphysik und Religion. Zur ’ Mitwirdes spätantiken Denkens (hg. von Michael Erler und Theo Kobusch, unter erlebt, der, wie in der Ammonios-Episode ersichtlich, minierender Zug in der gesamten Vita Plotini ist nämlich die von Porphyrios programmatisch geschilderte ‚Entwicklungslosigkeit‘ des platonischen Philosophen Plotin, der keine Bekebrung im traditionellen Sinne anzitiert. Zum anderen liegt der Grund dafür in Plotin selbst. an Platons geplante, aber ebenfalls nicht vollzogene Ost- und Indienreise Plotins nicht vollzogene Reise zu den Persern und Indern in Anlehn historischen Kern haben sollten. Es steht zu vermuten, dass Porphyrios an Plotin unternommen hat. Plotin lernt nicht bei mehreren Philosophen nten) unterschiedlichen Orten, reist nicht im bekannten (oder unbekan tandiKulturraum herum, um seine Weisheit und sein Wissen zu vervolls t an gen. Seine einzige geplante Reise, die zu Persern und Indern, scheiter pt einen widrigen politischen Umständen, wenn diese Reisepläne überhau os berichtet in seiner Vita Plotini nicht wirklich von Bildungsreisen, dic und gründet dort eine Schule.” Es ist unschwer zu erkennen: Porphyrilangem täglichem Umgang mit Ammonios verspürt Plotin den Drang, sich auch mit persischer und indischer Philosophie auseinanderzusetzen. Als im Jahr 243 n. Chr. der römische Kaiser Gordian III. gegen die Perser resp. Sassaniden zieht, schließt sich Plotin ihm an (Porph. VP c. 3). Wir vermuten, wohl nicht als Söldner, sondern vielmehr als philosophischer Begleiter und Ratgeber des Kaisers.“ Plotins Intentionen werden sehr bald mit der Ermordung Gordians und dem plôtzlichen Abbruch des Feldzuges sowie dem daraus resultierenden politischen Chaos durchkreuzt, er kann sich nach Antiochia retten, gelangt schlieBlich nach Rom findet dort allein in Ammonios Sakkas den Lehrer, den er suchte. Nach Und nun zu unserem letzten Beispiel: Porphyrios berichtet in der Vita Plotini (um 300 n.Chr.), die besonders eigenwillig idealisiert und sogar hagiographisch gestaltet ist, vom Werdegang des neuplatonischen Philosophen Plotin (3. Jh. n. Chr.). Dieser ist in Ägypten geboren, entstammt also bereits dem Land, das als berühmte Stätte alten Wissens seit langem ein Ziel auf Reisen von Philosophen war. Plotin studiert in Alexandria, tergegeben haben‘. Er beschreibt also eine historische Kette, genauer eine Diadoche resp. translatio des Wissens von der Seele von den Indern über die Agypter an Pythagoras, der dies zu den Griechen brachte.$ Weiterhin wird Apollonios von Jarchas über Elemente, Dämonen, Gestirnskunde, Mantik (mit Heilkunde), Gebetspraxis und sogar Geheimlehren unterrichtet. Der Biograph Philostrat motiviert damit die seinerzeit kursierenden Apollonios-Schriften (‚Über Weissagungen aus Gestirnen‘ und ‚Über die Opfer‘). Indien markiert hier sehr deutlich einen bislang so nicht ausgemalten Höhepunkt der Weisheit, die Burg der Weisen wird zum Hort universalen Wissens, zum Ort uralter Weisheit schlechthin. Nur wer sich, wie Apollonios, die Mühe der weiten Reise macht, kann derartiges Wissen erlangen. Das aber basiert auf einer gleichsam asketischen, bedürfnislosen Lebensweise. Körperliche und geistige Strapazen besonderer Art sind gewissermaßen die Voraussetzung für die Teilhabe am universalen Wissen der indischen Gymnosophisten.* Dass diese in der Darstellung des Philostrat als die weisesten Menschen der Welt dargestellt sind, erhellt ein Blick auf eine weitere Station im Leben des Apollonios. In Athiopien (Buch 6) stößt Apollonios nämlich auf ägyptische Gymnosophisten, die eine Mittelstellung zwischen den viel weiseren indischen Gymnosophisten und den anderen Ägyptern einnehmen. Klar wird hier die indische gegen die ägyptische Weisheit ausgespielt (ebd. 6,11). Es wird deutlich, dass in Philostrats Darstellung Apollonios als würdiger Adept des Pythagoras treu in dessen Spuren wandelt, sich bei den indischen Weisen v.a. religiöses Wissen und Praktiken aneignet. Apollonios erscheint fast als ‚neuer‘ Pythagoras, als Träger universalen religiösen und philosophischen Wissens, der somit, wie bereits Pythagoras, zu einem wichtigen Bindeglied in der überräumlichen Kette dieses alten überzeitlichen Wissens wird. 9 Philostr. VA 3,19. Zur nie in Frage gestellten kulturellen Priorität des Orients gerade im TranslatioSchema siehe Worstbrock (o. Anm. 35) 2.9.14 u.ö. 61 Siehe Elsner, J., Hagiographic Geography: Travel and Allegory in the Life of Apollonius of Tyana, JHS 117, 1997, 22-37, der — sehr plausibel — die Reisen des Apolloa nios als allegorische Beschreibung intellektueller Prozesse interpretiert. ‚Ebd. erzählt Apollonios den ägyptischen Gymnosophisten von seiner Berufung zur pythagoreischen Philosophie. Den Ursprung der Weisheit überhaupt habe er selbst in Indien entdeckt. Dort sei es ihm jedoch wie Aischylos bei den Athenern ergangen, habe doch der die dramatische Kunst dort zwar bereits vorgefunden aber unausgebildet und schmucklos. Wie Aischylos daher Neuerungen und Ver. besserungen eingeführt habe und so zum ‚Vater der Tragödie‘ geworden sei, habe Pythagoras die alte Urweisheit der Inder gestaltet, weswegen er, Apollonios, jetzt auch ein Anhänger pythagoreischer Philosophie und Lebensweise geworden sei.

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350 weiß, was er sucht bzw. was er finden muss. Der ideale Lehrer Ammoni- 1987, 15-34, hier: 23-25. _ ® Numenios frg. la Des Places: eig ôë toto Setjoet elstovta nal onumvanevov TALC \ paetvelais tats TAdtwvos avaxognoaodar ral ouvöroacdaı Toig AÓyors TOU ' Ilvdayögov, émxakéouodar 6& ta &dvn td EBÖOXINOÜVTA, NIOGPERÖNEVOV adr@v tag tehetas nal ta Sdypata tag te LÔQUOELS OvvtEhoupevas Tlhatwve dpohoyoupévas, Óróoac Booypöves nai ’Tovdcaioı xai Méyou nai Aiyortior Gtétevrto. 69 Allgemein Momigliano (o. Anm. 6), v.a. 142-149 und Burkert (o. Anm. 6). 7 Einschlägig für diese Vorstellung ist auch Clemens Al. stram. 115, 71,4, dazu Colpe (o. Anm. 12) 63; auch Hadot, P., Théologie, Exégése, révélation, Ecriture dans la philosophie grecque, in: Les Règles de l’interpretation (éd. par M. Tardieu), Paris die auf den biographischen Schriften des Aristoxenos von Tarent (4. Jh. dern übernommen hätten. Die Überzeugung, griechische Philosophie sei zunächst defizitär gewesen, findet Ausdruckin einer bekannten Episode, den Ägyptern erlernt habe, die sie nun ihrerseits wiederum von den In- Apollonios an die Philosophie des Pythagoras anknüpfen, der diese bei &Ands Adyos erkennbar.” Auch Philostrat lässt seinen Protagonisten von der 8«aôoy" resp. translatio des einen, überzeitlichen saAaLög resp. gisch überlegen empfundenen Osten. Deutlich wird hier die Vorstellung Demokrit) bei den Weisen des Ostens. Somit stellen sie sich in diese alte Wissenstradition und verschaffen der griechischen Philosophie als einem Bindeglied Legitimation gegenüber dem als philosophisch und theoloben, lernen die reisenden griechischen Philosophen (Pythagoras, Platon, und (theologischen) Lehren der Brahmanen, Juden, Mager und Ägypter (der Soxuuoÿvra £d’vn) vornehmen, soweit sie mit Platons Auffassungen übereinstimmen. Die erste, bei Numenios besonders gut greifbare Tendenz ist also die, wonach die griechische Philosophie letztlich orientalischer Weisheit und Tradition eng verpflichtet ist. Wie wir gesehen hader eigenen Lehre an die des Pythagoras, dann an die religiösen Riten formuliert seine hohe Anerkennnung der alten Weisen des Ostens im Proömium seiner Schrift ‚Über das Gute‘ (Tleoi tot ayatod). Nachdem er, Numenios, in dieser Schrift seine eigene Lehre mit Zitaten aus Platon gleichsam gesiegelt, also: autorisiert hat, will er in der Geistesgeschichte weiter ‚zurückschreiten‘ (&voxwerjoaodaı) und zuerst eine Anbindung pythagoreisierenden Linie innerhalb des Platonismus zurechnen lässt, östlicher Weisheit bei den Griechen, die ich anhand zweier Beispiele kurz skizzieren möchte: 1) Der platonische Philosoph Numenios (2. Jh. n.Chr), der sich der fernen Indien am Rande der bekannten Welt lokalisierten Brahmanen und Gymnosophisten Träger der gröBten denkbaren Weisheit. Und dennoch gibt es zwei cinander gegenläufige Tendenzen in der Wahrnehmung os bewirkt keine radikale Umkehr, sondern lediglich Stimulierung des philosophischen Adepten, der bereits von sich aus auf dem rechten Weg ist. Ammonios bleibt auch Plotins einziger Lehrer. Dementsprechend unterbleiben auch traditionelle Bildungsreisen, die von jeher eine Entwicklung, ein Lernen, eine Erweiterung des religiösen und intellektuellen Bildungsspektrums abgebildet haben, das für Plotin so nicht zutrifft. Der Abbruch der begonnenen Orient-Reise dokumentiert zum einen die gewtinschte Anlehnung an den Griinder der eigenen Hairesis, Platon, sowie den traditionellen Erwartungshorizont, nach dem ein Philosoph wie Plotin sich um Aneignung des in Persien und Indien gelehrten astrologischen und theologischen Wissens hätte bemühen können. 4. Ostliche Weisheit aus griechischer Perspektive Es ist eine alte griechische Anschauung, der zufolge die Griechen gegenüber den alten Hochkulturen jung und wie Kinder seien. Verwiesen sei hier nur auf die berühmte Episode in Platons Dialog Timaios (22 b 4-9): Wie Kritias berichtet, habe ein ägyptischer Priester, mit dem der Grieche Solon sich unterhalten habe, ausgerufen: °Q ZöAwv, ZoAwv, “EAAnves del naîôëséote, yéowv 68 "EAAnv oùx Zot [...] véou gore, eineïv, tds Wvydg mavtes odôeuiav yao Ev abtaic éyete 60 dexaiav nov nakatàv 6dEav oùôë pdb yedvw modtov ovdév (Solon, Solon, Ihr Griechen seid immer Kinder, einen alten Griechen gibt es gar nicht. [...] Ihr seid alle jung in euren Seelen, denn ihr tragt in ihnen keine Anschauung, die aus alter Uberlieferung stammt, und keine mit der Zeit ergraute Kunde‘). Das Neue, das sich griechische Philosophen wie Pythagoras, Demokrit und Platon auf ihren Reisen im nichtgriechischen Ausland, also bei den Barbaren, aneignen, ist das alte, lange tradierte Wissen auBergriechischer Hochkulturen, die so genannte B&eßagog copia (die Weisheit der ‚Barbaren‘). Vor allem Pythagoras, der erste reisende Philosoph, erscheint als Integrationsfigur. Als Bindeglied zwischen alter östlicher und jüngerer griechischer Weisheit sowie als Ahnherr der griechischen Philosophie überhaupt lässt er Elemente aus östlichen Weisheitslehren und Wissensdisziplinen, die ja durchaus erkennbar sind, in griechischem Kontext plausibel erscheinen. Immer sind die östlichen Kulturvölker als im Besitz uralten Wissens und besonderer Weisheit gedacht. Verbreitet ist unter den Griechen die ethnologische Anschauung, der zufolge mit der weiteren Entfernung von der griechischen Welt auch größere Weisheit einhergeht. Nach der Logik dieser Auffassung sind dann die im besonders

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v.Chr.) basiert:”! Demnach habe ein als weise geltender indischer Philosoph Sokrates in Athen besucht und ihn ausgelacht, da Sokrates sich nur für menschliche, ethische Fragen interessiere, nicht aber ‚die göttlichen g den) orientalischen Einfluss. Betont wird vor allem die Transformierun Chaund grundlegende rationale Durchdringung als typisch griechisches k in rakteristikum. Dieses Selbstbewusstsein findet literarischen Ausdruc Dinge‘ (10. Seïa) beriicksichtige.” Der fremde Weise aus Indien ist Sokrates überlegen, als sein Metier erscheinen religiöse, theologische, mystische Belange. Dagegen überwinde Platon, so Aristoxenos, die einseitig ethische Ausrichtung des Sokrates durch sein universales Konzept von Philosophie, da er naturwissenschaftliche wie metaphysisch-theologische Belange berücksichtige. Es dürfte kein Zufall sein, dass die antiken Bio- Athen mit einem Chaldäer, also einem, der sich auf Sternkunde und 352 graphen allesamt Platon, anders als Sokrates, weite Reisen unternehmen lassen, dass gerade Platons Philosophie als universal, da alle Bereiche des menschlichen und des göttlichen Wissens umfassend, erscheint. 2) Die zweite, eng damit verbundene und doch gegenläufige Tendenz wird im Prooimion der Philosophiegeschichte des Diogenes Laertios deutlich (I pr. 1, 3-9 Marcovich).” Auch dieser würdigt die alte barbatische Weisheit: Gymnosophisten, Druiden, Chaldäer und Mager, dann auch die Agypter spielen mit Blick auf die historische Genese der Phieiner Begebenheit, die sich in den letzten Tagen des sterbenden Platon in Athen zugetragen haben soll (unsere Informationen darüber gehen v.a. auf Philodem zurück, der basierend auf einem Bericht des Neanthes letztlich auf Philippos von Opis [?], dem persönlichen Sekretär Platons, beruht):* Demnach habe Platon sich in der Nacht vor seinem Tod in die Rituale der persisch-zarathustrischen Religion versteht, unterhalten. Der Chaldäer, den Platon offenbar schon länger als Gast bei sich aufgenomwas men hatte, will durch ‚Besingen‘ (&nwöeiv) Platons Fieber senken, Als einer damals verbreiteten psychosomatischen Therapie entspricht. der Chaldäer beim Zauberliedsingen einen rhythmischen Fehler macht, genreagiert Platon sofort und der Chaldäer gesteht generös die Unterle heit der Barbaren gegenüber den Griechen ein.” Der hohe Symbolgehalt dieser Erzählung, die aus dem Umfeld von Platons Schülern stammt, liegt losophie eine repräsentative Rolle. Freilich relativiert Diogenes ihre e auf der Hand: Man ist bemüht, Platons persönliche und gute Kontakt Bedeutung, wenn er das Wissen dieser Weisen als letztlich vor-philosomit Gelehrten aus dem Osten zu zeigen, doch ist Platon phisch der wahren Ausformung von Philosophie bei den Griechen gegenüberstellt. Die Griechen hätten demnach ganz im Sinne eines bekannten Passus aus der pseudo-platonischen Epinomis (987d) das, was sie von den Barbaren übernehmen, stets erst vollendet und überhöht, es ‚schöner‘ gemacht (Aüßwuev Òë ds Örıneg Av “EAAnves Baoßapwv napardßwot, XGA Mov TOUTO els Téhos dsegyábovrai).”* Übernahmen und Anleihen werden zwar eingeräumt, dennoch fassen wir hier den selbstbewussten griechischen Gestus der Abgrenzung gegenüber dem (nicht zu leugnen- " Aristokles bei Euseb. PE 11,2,6-11,3,9. Was für uns hier besonders aufschlussreich ist, ist natürlich zum einen die ausgesprochen sachliche und positive Würdigung Platons durch diesen peripatetischen Philosophen. Zum anderen aber ist dieses Zeugnis für uns deshalb so wichtig, da wir hiermit einen Beleg dafür haben, dass Platon jetzt, im 2. Jh. n. Chr., wieder als Urheber der in der gesamten Antike so virulenten Definitionsformel für ‚Weisheit‘ resp. Philosophie ins Bewusstsein kommt, siche dazu auch Männlein-Robert, I., ‚Wissen um die göttlichen und die menschlichen Dinge‘. Eine Philosophiedefinition Platons und ihre Folgen, WJA 26 (2002) 13-38. 7 Dazu siehe Festugière, A.-J., Grecs et Sages orientaux, Revue de [Histoire des Religions 130, Juli-Dez. 1945, 29-41, v.a. 34f. Siehe auch Aristoteles, frg. 32 Rose = 663 Gigon (Begegnung des Sokrates mit einem Mager, der ihm überlegen ist). 73 Vor allem an den möglichen Quellen des Diogenes ist interessiert Gigon, O., Das Prooemium des Diogenes Laertios: Struktur und Probleme, in: Horizonte der Humanitas. Eine Freundesgabe für Professor Dr. Walter Wili zu seinem 60. Geburtstag (hg. von G. Luck), Bern/Stuttgart 1960, 37-64, hier v.a.: 43f. 74 Dazu allgemein Worstbrock (o. Anm. 35) 9. selbst auf dem r Sterbebett als strenger, souveräner Repräsentant und Vollender jegliche Weisheit gezeichnet. Hier ist der Chaldäer zum weisen Griechen gereist und erkennt, anders als in der Episode um den Inder und Sokrates, Platon Der bzw. seine umfassende philosophische Kompetenz als tiberlegen an. Kontakt mit einem Weisen aus dem Osten findet nunmehr in Athen statt, das somit selbstbewusst als Zentrum der Philosophie gezeichnet wird. Eben diese beiden Tendenzen, die der Verpflichtung und die der Abgrenzung gegenüber östlicher Weisheit, finden wir nun auch in den kaiserzeitlichen Biographien von Philosophen platonischer und pythagoreischer Prägung wieder:” Uns interessiert jetzt vor allem die Strategie der Abgrenzung, die bereits in Porpyhrios’ Pythagoras-Vita als Abgrenzung von populärer platonisierender-pythagoreisierender Philosophie etwa Die 75 Siehe den Text bei Gaiser, K., Philodems Academica. Berichte über Platon Cannstatt und die Alte Akademie in zwei herkulanensischen Papyri, Stuttgart-Bad \\ 1988, 176-181. d.J. (leider '7%6 Dazu auch Gaiser (o. Anm. 75) 429-431. Weiterhin berichtet Seneca gewesen Athen in magi Platons Todestag am dass ngabe), ohne weitere Quellena es seien, die ihm geopfert hätten (Sen. ep. 58, 31 = DB II 60.3). Vielleicht handelt 434. 75) Anm. (o. Gaiser siche , Chaldäer dem mit wie sich um dieselbe Episode und zu Pla7 Zur Ambivalenz im Umgang mit der alten Urwahrheit und -weisheit tons Rolle in diesem v.a. kaiserzeitlich-spätantiken Diskurs siche Erler, M., Legi- Spätantike, timation und Projektion: Die ‚Weisheit der Alten‘ im Platonismus der rg 2001, Heidelbe Stahl), H. und Kuhn D. v. (hg. in: Die Gegenwart des Altertum

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354 ios philosophischer Mystik integrieren, bleibt zu untersuchen.” Porphyr deswird jedenfalls in seiner Lebensbeschreibung Plotins nicht müde, 8 Ancienne 19, 1, 2001, 79-97 mit weiteren Literaturangaben. hen Rei- Homerica 376 F , © Porphyrios kennt Schriften des Bardesanes, siehe z.B. Porph. s’ \ Smith, wo er im Kontext seiner Ausführungen über den Fluss Styx auf Bardesane i vollzieht, Bericht über die Brahmanen als Priestergruppe, die heilige Handlungen En En rekurriert. bemüht ist eo Ähnlich um Abgrenzung Plotins von möglichen indischen Einflüssen 24-28. Vgl. Armstrong, A.H., Plotinus and India, The Classical Quarterly 30, 1936, dagegen Bréhier, E., La philosophie de Plotin, Paris 1938 (va. chap. 11), der sehr optimistisch wesentliche Elemente der Philosophie Plotins auf indische Einflüsse zurückführt. ie Ähnlich auch Lacrosse, J., Le Rêve de Plotin et Porphyre, Revue de Philosoph Erwerb von Weisheit und Wissen im Genre der Philosophenbiographie Wie oben bereits gezeigt, kommt der aktive und mühevol le stufenweise sen der Philosophen in den Osten und nach Indien entsprechen, dass es sich dabei im Grunde um dieselbe, freilich raumsymbolisch verwandelte hanVorstellung einer Aneignung alter Traditionen östlicher Provenienz delt, welche die Biographen für ihre Protagonisten plastisch in Szene setzen. Anachoresis ist demnach auch eine (Rück-)Reise im Raum (2.). man freilich fest, dass diesem ‚Zurückgehen‘ auch die räumlic eher abstrakt ein historisches Zurückgehen bis an die Wurzeln der Weisheit, die im Osten, bei den berühmten eddoxipotvta Edvn liegen: Anaverchoresis ist damit also zunächst im Sinne historischer Recherche zu stellt stehen. Mit Blick auf die kaiserzeitlichen Philosophenbiographien net sind, wieder aufgenommen werden. „Anachoresis' bedeute te hier (1.) zurück zu ihrem göttlichen Ursprung, zum Ausdruck. In diesem Zusammenhang soll noch einmal der vielschichtige Begriff avaxwgeiodan, der Anachoresis, des ‚Rückzuges‘, dem wir vorhin im Numeniostext begegin tümlichen Schriften, in seiner Konzentration auf Seele und Geist, Seele seiner Wendung nach innen, der von ihm geforderten Reise der Der Abbruch der Indienreise soll aber auch eine dezidierte Abgrenzung Plotins von neupythagoreischen Tendenzen, seine Andersheit dokumentieren.®' Diese kommt, so Porphyrios nachdrücklich, in Plotins eigen- 5. Plotins Reise der Seele sen Abneigung gegen Astrologie, Magie und überhaupt traditionell als orientalisch geltende Weisheitslehren, Wissensgegenstände und religiöse Praktiken in zahlreichen Szenen zu illustrieren und stattdessen nachdrücklich die Originalität dieses ‚heiligen‘ Philosophen und Platonexegeten herauszustellen.° eines Apollonios erkennbar war und vielmehr der Akzentuierung der Seriosität des Pythagoras diente. Dies soll exemplarisch am Beispiel von Porphyrios’ Vita Plotini skizziert werden: Indem er Plotins Reise nach Persien und Indien scheitern lässt, ihn also nicht zum Adepten persischer Gelehrter und indischer Gurus macht, grenzt er seinen verehrten Lehrer als seriösen Platoniker gegen andere zeitgenössische „heilige Männer' (Seto. âvôoes) wie Apollonios von ‘Tyana ab. Dieser erfreut sich, wie nicht zuletzt Philostrats umfangreiche Biographie beweist, als Indienreisender und Wundertätiger à la Pythagoras noch im 3. Jh. n. Chr. und zur Zeit des Porphyrios einiger Berühmtheit”? Die romanhafte Überformung der Apollonios-Vita befriedigt ganz offensichtlich nicht zuletzt ein zeitgenössisches Interesse am Wundersamen, an fernöstlicher Exotik und esoterischer Phantastik, wie sie in den Indien-Episoden besonders aufscheinen. Plotin soll demgegenüber in seiner Andersheit abgegrenzt, in seiner bedingungslosen Seriosität als platonischer Philosoph herausgestellt werden. Uberdies scheint Porphyrios Plotins nicht angetretene Reise in den Osten als Moment der Abgrenzung gegen zeitgenössische christliche Apologeten zu funktionalisieren, hatten diese doch spätestens seit Clemens von Alexandrien die Rolle der Juden als altem Kulturvolk und ihren Beitrag zur alten BaoBagos copia des Ostens stark gemacht und somit eine geographisch und historisch legitimierte Autorität und sogar Priorität jiidisch-christlicher Weisheit gegenüber der jüngeren hellenischen Philosophie betont. Weiterhin spielt die programmatische Abgrenzung Plotins von zeitgenössisch-modischen Offenbarungs- und Mysterienlehren wie denen der Christen, der Gnostiker oder der Anhänger Zoroasters eine wichtige Rolle, welche nicht zuletzt durch die nicht vollzogene Reise zu den Persern und Indern, mithin durch diesen dezidierten Verweis auf nie zustande gekommene Belehrung zum Ausdruck gebracht wird (vgl. auch Porph. VP c. 16). Welche Rolle in diesem Kontext zeitgenössische christlich-gnostische Offenbarungslehren etwa eines Bardesanes (2./3. Jh. n. Chr.) spielen, die bekanntlich Elemente indischer % Dass Porphyrios Kenntnisse über Apollonios von Tyana hat, wird z.B. aus Porph. Homerica 376 F Smith (= Stob. I 3, 96) ersichtlich (vgl. Philostr. VA 3,25; 32; 51). . Die Beliebtheit von Philostrats Apollonios-Vita wird nicht zuletzt an der für Virius Nicomachus Flavianus (4. Jh. n.Chr.), einen gebildeten Anhänger der heidnischen Senatsaristokratie, überlieferten lateinischen Fassung dieser Vita (Sidonius Apollinaris ep. 8,3,1) deutlich. Überdies schreibt Porphyrios in der Vita Plotini (c. 16), dass Anhänger der „alten Philosophie‘ in Rom von Plotin, Amelios und ihm, Porphyrios, widerlegt würden. Siehe auch die Abwehrhaltung Plotins gegen östliche Offenbarungslehren (ebd. c. 10) und seine Angriffe gegen gnostische Schriften (ebd. c. 16).

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ektuellen „Entwicklung: tation zu, so dass diese als Illustration der intell tender Reisestau.a. im Bild programmatischer Reiserouten und bedeu diese Texte tionen zum Ausdruck: Ungeachtet historischer Nuclei lassen rische Interpregerade mit Blick auf die Reisen allesamt auch eine allego ht werden, markiellkommnung eines Philosophen, der Vertiefung und universalen Vervo und Reiseziele, seines Denkens verstanden werden dürfen.” Reisewege sei es, dass sie nur angestrebt, sei es, dass sie erreic Philosoph bewegt. Reisen nach Indien, die uns v.a. an die fernsten und Apuleius für Pythaliterarischer Traren schließlich die Koordinaten philosophischer und in dem sich ein ditionen, markieren den geistesgeschichtlichen Raum, dar: Diese Männer, so sollen wir sehen, gehen bis e und übernationale ältesten Wurzeln des Wissens zurück, sie eignen sich das bekannte Wistrat für Apollogoras und Platon, Diogenes für Demokrit sowie Philos aus griechischer nios glaubhaft zu schildern versuchen, stellen dabei die Form der Reise Perspektive weiteste, aufwendigste und vollständigste sen vollständig an, reihen sich in eine überzeitlich Schriften die Rückdagegen ein Traditionskette des Wissens und der Philosophie ein. Wenn e bereits in Philosoph wie Plotin kaum reist, eine geplante Bildungsreis ihren Anfängen scheitert und er vielmehr in seinen en Lebens propagiert, ayy, guyn)” zu reise, den Rückzug der Seele (meist Emiorgopn, anahr fen und Arihrem göttlichen Ursprung, dem Einen, in zahllosen Anläu gumentationen als höchstes Ziel des menschlich der Seele zurück erscheinen die Wendung nach innen sowie die Reise Diese darf gut zu ihrem Ursprung als weitere Form der Anachoresis. verstanden werplatonisch auch als Rückzug aus dem normalen Leben die — wie es bei anderen Plotin liegen Philosophen im Bild der Reise plastisch wurde. Nach den,* als Konzentration auf das eigentlich Wichtige se zu erahdem Intellekt begöttlichen ‚mystische Anachoresis‘ greifbar und nur in seltenen Momenten der seelischen Eksta allein Wurzeln der Seele im transzendenten Einen, das nen ist. Es handelt sich dabei gleichsam um eine ihrem (3.), wenn der ganzen Seele punktuell die Rückreise zu Ursprung gelingt.” €. 23), viermal der Fall, 61) 22-37. 8 Dazu auch Elsner, Hagiographic Geography (o. Anm. 83 Z,B. Plot. Enn. 4,8 [6] 4, 2; ebd. 7, 26; VI 9 [9] 11, 50f. ENOL návrwv Hôovijv (sc. 84 Vgl. bereits Plat. Philebus 32b 4: (sc. Eheyov) … dvaXO elvan). 8 Bei Plotin ist das, nach dem Zeugnis des Porphyrios (VP Porphyrios selbst gelingt es einmal.