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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Gymnasium 116, 2009
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KONGRESS DES DEUTSCHEN ALTPHILOLOGENVERBANDES
GÖTTINGEN, 25.-29. MARZ 2008
IRMGARD MÄNNLEIN-ROBERT : TÜBINGEN
Griechische Philosophen in Indien?
Reisewege zur Weisheit!
ter und Mythen, Religion, Kunst, Kultur verdanken, ist bekannt und nicht
Dass die antiken Griechen von jeher dem Osten ganz wesentlich ihre Götzuletzt durch die reichen Studien von Martin L. West und Walter Burkert
in der Klassischen Philologie und darüber hinaus längst etabliert. Was
die griechische Philosophie, soweit sie anhand der erhaltenen schriftlichen Dokumente kenntlich wird, orientalischen oder gar indischen Weisheitslehren verdankt, ob die vielfach erkennbaren Gemeinsamkeiten
auf ‚Einfluss‘ im Sinne bewusster Übernahme oder kontaktbedingter
Inspiration oder generell auf kulturanthropologischen Konstanten bei
der Herausbildung von Hochkulturen beruhen, ist nach wie vor unklar.?
ob sich ‚Einflüsse‘, Übernahmen, direkte Parallelen zwischen indischen
In der neueren Forschung, so viel sei hier angemerkt, ist es umstritten,
(v. a. alten buddhistischen, aber auch hinduistischen) Weisheitslehren und
griechischen Philosophemen überhaupt klar diagnostizieren und historisch einbetten lassen. Man wird jedoch davon ausgehen können, dass
sich sowohl die griechische wie auch die indische Philosophie nicht nur
endogen entwickelten, sondern gerade bei der Erlangung ihres eigentlichen Wesens einer Vielzahl von epigenetischen Bedingungen unterlagen.
So ließen sich zumindest manche gegenseitige Verpflichtung, Anklänge
und verwandte Denkstrukturen erklären.
West Asiatic Elements in Greek Poetry and Myth, Oxford 1997.
antiken
Der Beitrag gehört in den Kontext einer gerade entstehenden Studie zu
ar
Philosophenbiographien; die Anmerkungen werden daher hier auf das unmittelb
Nötige beschränkt.
lässt
2 Für die Gemeinsamkeiten zwischen griechischer und orientalischer Dichtung
sich das wesentlich klarer darstellen, siehe West, M.L., The East Face of Helicon.
3 Dass in vorsokratischer Zeit vor allem Persien eine Schlüsselrolle bei der gegenseitigen interkulturellen Vermittlung gespielt haben dürfte, hat v.a. M.L. West (Early
Greek Philosophy and the Orient, Oxford 1971) für Heraklit exemplarisch herausgearbeitet. Für die philosophische Komparatistik, die letztlich auf Wests Spuren
wandelt, siehe den profunden Beitrag von McEvilley, Th., The Shape of Ancient
Thought: Comparative Studies in Greek and Indian Philosophies, New York 2002.
Página 2
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Im vorliegenden Beitrag soll es freilich vielmehr um die antiken literarischen Zeugnisse gehen, die Informationen tiber griechische Philosophen
und ihre möglichen Beziehungen zum Orient und zu Indien bieten. Hier
spielen die antiken Philosophenbiographien, also literarische, stilisierte und
tendenziöse Texte, eine herausragende Rolle. Es wird zu untersuchen sein,
welche Rolle und Bedeutung der Weisheit des Ostens und vor allem Indiens
im Leben griechischer Philosophen wie Pythagoras, Platon, Apollonios von
Tyana und Plotin eingeräumt wird. Ihre Biographen Apuleius, Diogenes
Laertios, Philostrat d. A., Porphyrios und Iamblich, allesamt vom 2. bis zum
4. Jh. n.Chr. zu datieren, sind selbst Philosophen oder, wie im Falle Philostrats und des Diogenes Laertios, zumindest philosophisch versierte Autoren. Dem Programm der eigenen philosophischen Uberzeugung gemäB
rücken die Biographen ihren Protagonisten bei den Zeitgenossen und fiir
die Nachwelt ins rechte Licht. Geradezu topisch finden wir in diesen Texten
Hinweise auf weite Reisen der Philosophen nach A gypten, Persien, Babylonien und — vor allem — Indien, die sie unternommen, abgebrochen oder auch
nur geplant haben sollen.* Hinweise auf die Kenntnis fremder Länder und
Lehren entnehmen die Biographen zumeist Andeutungen in den Texten der
Philosophen selbst oder auffälligen Gemeinsamkeiten mit nicht-griechischen Weisheitslehren. Ein historischer Kern mag mancher Reise zugrunde
liegen, ist aber i.d. R. nicht nachweisbar. Es geht daher vielmehr darum zu
fragen, wie und mit welcher Programmatik die kaiserzeitlich-spätantiken
Biographen einen Philosophen im Wissenskosmos der damals bekannten
Welt platzieren. Welche Rolle spielen dabei Reisen nach Indien und was ist
das überhaupt für ein Indien — ein reales, ein fiktives oder ein literarisches
‚Indien‘? Was sagen die jeweiligen Reiserouten, seien sie nun historisch
oder nicht, über Entwicklung, Interessen und Werdegang des dargestellten
Philosophen und über die des jeweiligen Biographen aus, wie sind Wahrnehmung und Funktionalisierung östlicher resp. indischer Weisheit in den
antiken Philosophenbiographien literarisch ausgestaltet?
1. Warum reisen Philosophen?
In der biographischen Darstellung von Philosophen spielen von jeher die
Reisen des Protagonisten eine wichtige Rolle. Dabei lassen sich mehrere
Motivationsebenen unterscheiden. Wir finden damit generell — soziohistorisch und mentalitätsgeschichtlich — den Erkenntnis- und Wissensdrang
* Einen hilfreichen Überblick über das philosophische Indienbild der Antike bietet
Halbfass, W., Indien und Europa. Perspektiven ihrer geistigen Begegnung, Basel/
Stuttgart 1981, 13-36.
Griechische Philosophen in Indien?
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der griechischen Aristokratie dokumentiert, deren Mitglieder durch Reisen das ihnen bekannte Spektrum der Welt erweitern und ihrem Interesse am Neuen, an fremden Ländern und Kulturen Ausdruck verleihen.
Poetisch hatte Homer als erster die ethnologischen Erfahrungen Reisender im Zuge der Großen Kolonisation mit den Abenteuerreisen des
Odysseus eingefasst. Erinnert sei weiterhin an die bekannten Reisen, die
der griechische Politiker und Dichter Solon aus Athen nach der Einführung seiner neuen Gesetze zu Beginn des 6. Jh. v. Chr. unternimmt (etwa
nach Ägypten und Lydien). Herodot gibt (1,29.30) als Motivation für Solons 10 Jahre dauernde Reisen dewgin an, also das eigene Anschauen,
die Autopsie fremder Länder, Gebräuche und Sitten, Religionen und
Kulturen. Der erste wirklich ‚reisende‘ Philosoph, den wir in der Überlieferung finden, ist vermutlich Pythagoras (ca. 572/1-497/6 v. Chr.), der
mit seinen weiten Reisen zum Modell in der biographischen Literatur
wird. Von Aristotelikern, Stoikern oder Epikureern, die gezielt auf Bildungsreisen gingen, hören wir nichts, dagegen begeben sich, den Biographen zufolge, vor allem Philosophen wie Pythagoras, Demokrit, Platon
und Pyrrhon, mitunter auch Vertreter der kynischen Hairesis auf Reisen.
Es handelt sich dabei, soweit wir an den erhaltenen Nachrichten sehen
können, um planvolle Bildungsreisen, die der Erweiterung des eigenen
Wissens von der Welt, dem Bekanntwerden mit fremden und alten (Wissens-)Kulturen dienen. Dabei bewirkt die Loslösung von den alltäglichen
und üblichen Beschäftigungen im heimischen Kontext, der Aufbruch in
neue und unbekannte Gefilde eine intensive und ausschließliche Konzentration auf das Neue. Die reisenden Philosophen haben auch die Muße,
sich auf die fremden Länder und Menschen, die barbarischen Weisen und
das Erlernen ihres Wissens einzulassen — Zeit spielt keine Rolle, sie sind
oft Monate und sogar Jahre unterwegs. In den Philosophenbiographien
erscheinen Reisen als Bilder der Konzentration auf das Neue und auf
das Wesentliche. Dabei stellen wir fest, dass die Reisen immer in Phasen
persönlicher Krisen, Situationen des Umbruchs im Leben des jeweiligen
Philosophen stattfinden. Die Reise als Moment der Ablösung aus einem
nunmehr fragmentarisierten, zerstörten Lebenskontext ist daher als Signal einer biographischen Schwellensituation, als Rückzug aus dem alten
Leben und Aufbruch in ein neues zu verstehen. So begibt sich Platon, den
antiken Biographen zufolge, just nach dem Tode des Sokrates auf seine
erste Reise, Pythagoras fährt offenbar nach dem Tod seines Lehrers Hermodamas los, Plotin bricht wohl nach dem Tod seines Lehrer Ammonios
Sakkas in den Osten auf. Die sich oft zufällig ergebenden Reiserouten
5 Herodot 1,29: xatd dewping neöpaoıy ExrnAwoag; ebd. 30: tijs Beweing Exönunoas à ZoAwv elvexev.
Página 3
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)und -stationen erweisen sich im überzeitlichen Blick auf das ganze Leben und Wirken des Philosophen dann freilich als plan- und sinnvoll und
illustrieren bildhaft den — vermuteten - intellektuellen Bildungsgang, in
Griechische Philosophen in Indien?
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ist ursprünglich die gräzisierte Kollektivbezeichnung für die indischen
jedem Fall aber das aus seinen Schriften rekonstruierte Interessenspektrum des jeweiligen Denkers.
erstals wahre Asketen erweisen, bevor sie dieser Gruppierung der Weisen
Priester (sanskrit: brahmana = Beter, Priester), deren Mitglieder bereits
von Geburt an Brahmanen sind. Sie pflegen eine asketische Lebensweise
und fungieren vielfach als philosophisch-politische Berater des Königs."
Die in der griechischen Literatur (etwa ab 100 v.Chr.)" als ‚Gymnosophisten‘ bezeichneten streng asketischen brahmanischen Philosophen!?
hingegen zeigen keinerlei politisch-öffentliche Aktivität und müssen sich
Makrokosmos sowie die Reinheit der Secle. Diese bedingt die Reinheit
des Körpers, woraus asketische Lebensweise, also absolute Bedürfnisloder Natur wie der menschlichen Seele, sie lehren Wanderung und Wiedergeburt der Seele (Metempsychose), den Zusammenhang von Mikro- und
schen Weisen beschäftigen sich, soweit das aus den griechischen Quellen
erschlossen werden kann, mit der Lehre vom Sein (Ontologie), dem Sein
im engeren Sinne zugerechnet werden dürfen. Der griechische Terminus
yvuvoocopioths rückt den für die Griechen ungewöhnlichen Aspekt der
Nacktheit weiser Männer stärker in den Vordergrund, die als demonstratives Signum einer unbürgerlichen, spirituellen Existenz verstanden
werden muss (wie dies noch im heutigen Indien für moderne nackt gehende Asketen wie z.B. bei den Jainas zu finden ist). Die antiken indi-
2. Die Weisen im Morgenland - Indien aus griechischer Sicht
ihre Kompetenzen in Traumdeutung und Planetenkunde. Weiterhin fin-
Die griechischen Philosophen treffen, den Biographen zufolge, auf ihren
weiten Reisen mit weisen Männern nicht-griechischsprachiger, also barbarischer Völker zusammen, mit denen sie vielfach in intensiven und lang
andauernden Kontakt treten und typische Disziplinen ihrer Weisheit erlernen. Es handelt sich dabei z.B. um gelehrte Priester in Ägypten oder
um die persischen Mager (uóyot), gleichfalls eine Priesterkaste, die in
späteren Quellen mit der Weisheit des Zoroaster (Zarathustra) in Verbindung gebracht wird.’ Die Mager leiten rituelle gottesdienstliche Handlungen und kümmern sich um die rechte Therapeia der Götter’ (daraus
erwachsen auch die Magie und Zaubereiim engeren Sinne), berühmt sind
sigkeit (abragxia), vegetarische Lebensweise und völlige Beherrschung
des Körpers (xagtegia), trainiert durch sexuelle Enthaltsamkeit sowie
durch meditative Körperhaltungen (asanas), wie sie heute aus dem Hatha-Yoga bekannt sind, resultieren." Ihre Weisheit und ihre prophetische
die Weisen der Inder, im Folgenden mit dem weiteren Begriff ‚Brahma-
Begabung scheint letztlich, so jedenfalls die griechische Wahrnehmung,
in einer überrationalen theologischen Mystik zu gründen. Was wir über
schen Mathematiker, Astrologen, Beschwörer und Zukunftsdeuter, kurz:
den wir unter den Weisen des Ostens die babylonischen Chaldäer, einen
ursprünglich in Mesopotamien lokalisierten Volksstamm. Mit der Zeit
geht die Bezeichnung ‚Chaldäer‘ jedoch immer mehr auf die babyloniauf Gelehrte mitübernatürlichen und überweltlichen Interessen über. Wie
die persischen Mager in der griechischen Literatur, und nicht nur in der
Bomer (0. Anm. 8) 103 Anm. 1; zu Askese siehe umfassend Michaels, A., Die Kunst
des einfachen Lebens. Eine Kulturgeschichte der Askese, Miinchen 2004.
hier: 60-63.
B Die Inder gelten im Altertum als Inbegriff und Muster der Enthaltsamkeit, Nachrichten dieser Art scheinen auf Megasthenes und Onesikritos zurückzugehen, dazu
Theodor Klauser zum 90. Geburtstag, JBAC Ergänzungsband 11, 1984, 57-81,
cher Hellenismus in ihren Beziehungen zum Buddhismus, in: Vivarium. Festschrift
Indien, in: RAC 18, 1998, 1-56, hier: 10f. und Colpe, C., Heidnischer und christlià
356 Anm. 2 mit Belegen.
‘12 Ob sie mit den seit Megasthenes im Kontext brahmanischer Weisheit erwähnten
Sarmanen (Zaguäves) identisch sind, ist umstritten, siehe dazu Dihle, A., Art.
Hansen, G.C., Alexander und die Brahmanen, in: Klio 43-45, 1965, 351-380, hier:
‘0 Ausführlicher siehe Stoneman (o. Anm. 9) 105-107.
ander Romance, in: JHS 115, 1995, 99-114, hier v.a. 100-103.
cultes, Paris 1950, 19-44. Mit kritischer Diskussion der antiken Texte Stoncman,
R., Naked Philosophers: The Brahmans in the Alexander Historians and the Alexbiographischen, oft mit den babylonischen Chaldäern verwechselt werden bzw. beide Priester- und Gelehrtengruppen aufgrund ihrer ähnlichen
Kompetenzen miteinander identifiziert werden, so werden nicht selten
die indischen Gymnosophisten mit den Magoi vermengt (s.u.).* Auch die
indischen Gymnosophisten und Brahmanen werden nicht immer unterschieden, freilich ist deren Differenzierung komplizierter.” ‚Brahmanes‘
6 Zu den ursprünglich iranischen, dann im Wirkungskreis der Perser auftauchenden
Magoi siehe Burkert, W., Die Griechen und der Orient, München ?2004, 107-133 mit
Anm. 154-159. Zum Interesse der Griechen, bes. der Platoniker, an den Lehren der
. Magoi und Zoroasters siehe Momigliano, A., Alien Wisdom. The Limits of Hellenization, Cambridge 1975, 142-149.
? Porph. De abst. 4,16; vgl. Ps.Plat. Alkib. 122 zur Magie Zoroasters.
8 Z.B. Ptolem. geogr. VII 1, 74; Pausanias IV 32, 4, siehe Bömer, F., Der lateinische
R.P., La Révélation d’Hermes Trismégiste, Vol. I: L’Astrologie et les Sciences oc-
Neuplatonismus und Neupythagoreismus und Claudianus Mamertus in Sprache und
Philosophie, Leipzig 1936, 96-109, hier: 101.
9 Ausführlich zu Brahmanen und Gymnosophisten siehe immer noch Festugière,
Página 4
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)nen‘ genannt, wissen, ist im Wesentlichen erst durch Berichte der Alexanderhistoriker bekannt, die in Auszügen bei Autoren wie etwa Diodor,
Strabon, Plutarch oder Arrian (allesamt zu datieren in die Zeit vom 1. Jh.
v.Chr. bis zum 2. Jh. n. Chr.) erhalten sind.
Vorher bezeichneten die Griechen mit ‚Indien‘ meist das Gebiet des heutigen Nordwest-Indien sowie eines Teiles des heutigen Pakistans und Afghanistans." Bis zum 4. Jh. v. Chr. hatten die Griechen eine märchenhafte
Auffassung von Indien, dem Land am äußersten Ende der denkbaren Welt,
direkt am Okeanos und, wie sie glaubten, neben den Äthiopiern gelegen,
mit unzähligen wundersamen tierischen und menschlichen Gestalten und
Mischwesen. Erste Informationen über Land und Leute liefern mitsamt
zahllosen Fabelwesen wie z.B. Enotokoiten (die in ihren großen Ohren
schlafen), Kynokephalen (Hundsköpfier) und Skiapoden (Schattenfüßler),
die durchaus auch in indischer Literatur vorkommen,!® zuerst die älteren
griechischen Ethnographen und Logographen wie Skylax von Karyanda
(Ende 6. Jh. v. Chr.) oder Hekataios von Milet, dann auch Herodot und vor
allem Ktesias von Knidos (um 400 v.Chr.). Alle kolportieren, trotz ihres
nicht zu leugnenden seriösen Interesses an Geographie, Land und Kultur,
ein überwiegend mirakulöses Indienbild.” Im fernen, exotischen Wunderland Indien sind die Reisenden stets der Normalität der realen Welt entchischen Welt vor allem durch Fremdheit und Alterität auszeichnet, freilich
hoben. Sie machen ihre Entdeckungen in einem neuartigen geographischen
Raum, der sich auf den ersten Blick im Vergleich mit der vertrauten griein seiner Wahrnehmung immer von griechischen Denk- und Erklärungsmustern geprägt ist. Indien ist in der griechischen Literatur seit dem Ende
des 6. Jh. v. Chr. als gleichsam imaginärer Raum für die vorhellenistischen
Griechen faszinierend und beunruhigend zugleich, die Verhältnisse dort
entziehen sich (zumindest fast allen Griechen) jeglicher Kontrolle, der Kontrolle des Augenscheins wie der Vernunft.'® Durch eine derartige Ethnographie des Weltrandes avanciert Indien zu einem sagenhaften „El Dorado’
der griechischen Phantasie. Wirkliche Konturen (mehr allerdings nicht)
eines geographisch und ethnographisch realen Indien ergeben sich tatsäch4 Siehe allgemein den ausgezeichneten Artikel von Dihle (o. Anm. 12) 1-56, hier v.a.
1-10.
15 Ausführlich dazu Karttunen, K., India in Early Greek Literature, Helsinki 1989,
. 65-140.
6 Eine tabellarische Übersicht bietet Karttunen (o. Anm. 15) 140.
der „Vater der Geschichtsschreibung“, in: Große Texte alter Kulturen. Literarische
0 Erinnert sei hier nur an Herodots Bericht über vermeintlich Gold grabende Riesenameisen in Indien (in 3,102), dazu Hose, M., Am Anfang war die Lüge? Herodot,
ge 18, 1992, 195-204.
Reise von Gizeh nach Rom (hg. v. M. Hose), Darmstadt 2004, 153-174.
8 Siche auch Karttunen, K., Distant Lands in Classical Ethnography, Grazer Beiträ7
Griechische Philosophen in Indien?
337
lich erst mit dem groBen Indienzug Alexanders des Gr. gegen die Perser in
den Osten (326 v. Chr.). Erst jetzt erfolgt eine gewisse Wende in der Wahrnehmung Indiens durch die Griechen, erstmals rücken nun auch die bislang
in Griechenland praktisch unbekannten, faszinierenden indischen Weisen
in den Fokus des Interesses. Wie die erhaltenen Schriftzeugnisse allesamt
nahe legen, ist Alexander der Gr. aller Wahrscheinlichkeit nach in Indien
damals eine charakteristische Erscheinung im religiösen und spirituellen
tatsächlich auf einzelne Asketen und weise Männer gestoßen, die schon
Leben Indiens darstellten. Sie machten nicht nur auf Alexander selbst!?,
sondern vor allem auch auf seine philosophisch interessierten Begleiter
nachhaltigen Eindruck. Im riesigen Gefolge Alexanders auf seinem Indienfeldzug befanden sich u.a. auch der kynische Philosoph Onesikritos sowie
die frühesten griechischen Skeptiker, Anaxarchos aus Abdera sowie der
spätere Gründer der skeptischen Schule, Pyrrhon von Elis.” Die ausführlicheren Berichte der Alexander-Generäle Aristoboulos, Nearchos und vor
allem die indischen Impressionen des dem Kynismus zugewandten Onesikritos?!, die allesamt der griechischen Phantasie reichlich Nahrung für romanhafte und tendenziöse literarische Ausgestaltungen gaben, waren zunächst die ersten einigermaßen ernstzunehmenden Berichte vom „Ende der
Taxila auf zwei an Fakire erinnernde Brahmanen trifft und Augenzeuge
Welt‘. So erzählt Aristoboulos die Episode, in der Alexander der Gr. in
ihrer asketischen Übungen und moralphilosophischen Ausführungen
wird.2? Besonderes Aufsehen erregten bei den Griechen stets die öffentlichen Selbstverbrennungen indischer Brahmanen. Onesikritos berichtet,
dass ein Brahmane namens Kälanos beim Rückzug Alexanders aus Indien
diesem gefolgt sei, ein ungewöhnlicher, da reisender Brahmane, der sich
überdies bei den ersten Anzeichen einer Krankheit in Persien ungerührt
65 = FGrHist 134 F 17a.
Dazu siehe Diog. Laert. IX 58-61; zu Übereinstimmung ihrer Lehren z.B. mit dem
indischen Theravada-Buddhismus siehe Colpe (o. Anm. 12) 65f.
Kurzversion bei Plut. Alex. 65, 1£f., 701c-d; längere Version bei Strabon XV, 1, 63-
son, L., Alexander’s letter to Aristotle about India, Meisenheim 1980.
Leh1% Legendenhaft ist die Überlieferung, nach der Alexander mit seinem früheren
rer Aristoteles über die Wunder Indiens korrespondiert haben soll, dazu Gunder20
2
&Anv. pavijvar d’ ÉYXQATÉOTEQOV LAXQ tov vedteQov™ ovvaxohovdijoavra yo
2 Aristoboulos FGrHist 139 F 41 = Strabon 15,1, 61: … tov à ÉoTüvaL NOVOoHeNN,
Eúhov Énnouévov Auportgaus taig xegoiv 600V roirnxu xdpvovtos dè tod
oxghouc, ini Détegov petagegen Tv Paow xai biatedety oötws Tv MLÉCOV
xoù tH Bacıkei Tax dvacteépar nad En’ olxov: pETLÓVTOG TE, abtOV HEhevoon fxewy, el tov Povactar Tuyxdverv. Tov SE ovvandgal méxor tédoug Kal
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Onéoyero. "AhéEavôgov dt rois naLolv aûtod oÜvar Swoéav.
Página 5
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Irmgard Männlein-Robert
selbst verbrannt und durch seine Todesverachtung Bekanntheit und Anzeitlichen und überräumlichen Weisheit. Das Bild indischer Weiser,
der
sehen bei den griechischen Philosophen verschiedener Couleurs erlangt
Brahmanen und Gymnosophisten, war seither gleichsam topisch festgelegt.
haben soll.?? Diese Selbstverbrennungen stellten ein ungewöhnlich intensi-
Indien, das für die Griechen so ferne und exotische Land voller
ves Paradeigma philosophischer Körper- und Todesverachtung dar, freilich
ein für den griechischen Geschmack letztlich zu extremes. Berühmt ist
auch das Gespräch, das derselbe Onesikritos mit den indischen Weisen in
Taxila geführt haben soll.* Diese so modellhaft geschilderten Begegnungen evozierten phantasievolle literarische Berichte über die weisen Männer
die Berichte des Megasthenes noch ergänzt. Dieser verfasst
Indiens, die, wir erinnern uns, am Rande der Welt lebend, weit weg vom
heimischen Griechenland, eine ideale Folie für die Zeichnung philosophischer Ideale und Utopien abgaben. Längst? ist bekannt, dass sich in diesen
Gesprächen von Griechen mit indischen Brahmanen weniger die Grundzüge einer charakteristisch indischen Philosophie?’ als vielmehr die dem
Onesikritos wohl bekannten typisch kynischen predigtähnlichen Gebote
und Lehren abbilden, als deren Parallelphänomene dieser z.B. Karteria
(zunächst körperliche, dann auch seelische Ausdauer und Zähigkeit) sowie
Askese und umfassende Bedürfnislosigkeit der indischen Brahmanen identifiziert haben musste. Es handelt sich also bereits zu Beginn der griechi_ schen Wahrnehmung indischer Weiser und ihrer Lehren um eine ‚interpretatio graeca‘, also um eine Interpretation, welche nicht-griechische Götter
und Kultpraktiken, aber auch philosophische Anschauungen mit bereits
Wunder,
wird in der Literatur fortan als Land uralter Weisheit fixiert.” Erst einige
Jahrzehnte später wurden die Erzählungen der Alexanderhistoriker durch
e, nachdem er
301 v.Chr. als Gesandter des Seleukos I. Nikator nach Pataliputra in Indien,
bis zum Ganges-Becken, gereist war, seine Indika, deren Material für indische Ethnologie und Geographie in der griechischen Literatur fortan ka-
‘ sowie
nonisch wurde. Megasthenes, der sicherlich Ktesias’ Indien-,Berichte
die politisch-religiöse Propaganda Alexanders durch die Alexanderhistoriker kannte, war offenbar damit bei der Abfassung seiner Indika
bereits
auf eine bestimmte — griechische — Art der Wahrnehmung Indiens festgelegt, die er dann durch Autopsie freilich weit reichend ergänzte.* Obwohl
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sich für die hellenistische Zeit nach Megasthenes durchaus ein gewisse
kultureller Austausch zwischen Indien und der griechischen Welt nachwei
wissenund
ionen
Expedit
che
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sen lässt?! und obwohl jetzt durch
r
schaftliche Forschungsreisen realistische Beschreibungen landestypische
Schicht
mobilen
einer
phie
Topogra
Sitten und Gebräuche, Flora, Fauna und
von hellenistischen Gelehrten, Handelsreisenden und Diplomaten bekannt
wurden, dominieren in der hellenistischen Literatur weiterhin Stereotypen
ften,
bestehenden griechischen Göttern, Kultpraktiken und philosophischen
Anschauungen identifiziert und mit griechischen Namen benennt. In dieüber diesen, den allermeisten Griechen weiterhin sehr fernen, sagenha
sem Sinne erkannten auch die Griechen in Indien Elemente ihres eigenen
philosophischen Kosmos’ wieder. Da sie diese aber in die so ferne, fremde,
chen zu fern, als dass es wirklich von Interesse wäre. Seit der
alte und bewunderte Kultur Indiens eingebettet sahen, verehrten sie sie als
wahre und autoritative Erscheinungsformen einer sehr alten, letztlich über-
B Onesier. FGrHist 134 F 17£.; vgl. die Kritik des Megasthenes an diesem Bericht
AD 715 F 34a = Strabon 15,1,68. Der Stoiker Zenon verweist auf ihn (SVF I,
#4 Vgl. den indischen Brahmanen Zarmanochégas, der zu einer indischen Gesandtschaft an Kaiser Augustus gehörte und sich in Athen selbst verbrannte, so nach
Nikolaus von Damaskos FGrHist 90 F 100. Einige hundert Jahre später, genauer im
Jahr 165 n.Chr., wird sich der berühmt-berüchtigte Kyniker Peregrinus in Olympia vor einer groBen Volksmenge selbst verbrennen, was den Satiriker Lukian von
„Samosata zu einer bösartigen Invektive veranlasst (De morte Peregrini). Vgl. dazu
Christine Hensch, Proteische Verwandlung. Die Figur des Peregrinos Proteus im
Spiegel
der zeitgenössischen Literatur, Gymnasium 114, 2007, 435-460 (Zusatz der
Herausgeber).
5 Eine kurze Version dieser Begebenheit findet sich bei Plut. Alex. 65, L£. (701c-d)
NR eine längere bei Strabon, Geographika XV 1, 63-65 = FGrHist 134 F 17a.
2 Z.B. Hansen (0. Anm. 11) 354£. u.ö.; Stoneman (o. Anm. 9) 110-114.
27 Vgl. dagegen optimistisch Stoneman (o. Anm. 9) 103f.
|
exotischen Raum. Das sich real abzeichnende Indien ist den meisten Grie-
Alexanderliteratur und Megasthenes werden in die stabilen Stereotypen über Indien
allerdings nun auch die weisen Männer dieses Landes miteinbezogen (etwa
H., Die Grenzen
28 Knapp und ohne Verweis auf die Brahmanen dazu Sonnabend,
88f.
2007,
dt
Darmsta
Antike,
der
ungen
Vorstell
der Welt. Geographische
2 Dazu auch Dihle (o. Anm. 12) 15f.
|
in der ethno# So bietet z.B. auch Megasthenes einen Bericht über die seit Herodot
Gold
wobenen
sagenum
en
etabliert
Indien
über
Literatur
chen
griechis
hen
graphisc
grabenden Ameisen Indiens (FGrHist 715 F 23 b).
Ptolemaios
3
Z.B. weitere Gesandtschaften von griechischen Diadochen (wie z.B.
selbst
Philadelphos an König Asoka, den dritten Maurya-Herrscher). König Asoka
Gonatas
s
Antigono
an
I.,
s
Antiocho
en
Seleukid
den
\ schickte Gesandtschaften an
Zum sog.
von Makedonien, an Magas von Kyrene sowie an Alexander von Epirus.
n
bilingue
en
berühmt
den
zu
Chr.,
v.
Jh.
1.
und
2.
Indo-Griechischen Königreich im
r
(griechisch-aramäischen) Inschriften Asokas sowie zum hellenistischen Charakte
Greeks in
der lokalen indischen Münzprägung siehe immer noch Tarn, W. W., The
F.L. Holt
Bactria and India, Revised 3rd Edition (new preface and bibliography by
m
auBerde
31997,
ge
Cambrid
Miller),
M.C.J.
by
and with additional bibliography
Kulknapp Dihle (0. Anm. 12) 17-21. Zu griechischen Einflüssen auf die indische
tur siehe (etwas einseitig) Banerjee, G.N., Hellenism in Ancient India, Neu-Delh
Página 6
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)die sich selbst verbrennenden Brahmanen usw.). Indien, das im wahrsten
Sinne des Wortes ‚extreme‘ Land der Wunder, wird nicht zuletzt aufgrund
und göttlicher Bestrafung und Belohnung nach Verdienst im jeweiligen
der Brahmanen und Gymnosophisten neben Ägypten? zu einer uralten
Wiege originärer Weisheit und bleibt bis in die Spätantike hinein ein imaginärer Projektionsraum griechischer Interessen und weltanschaulich-philosophischer Themen.
341
Leben gelernt habe. Hier werden also ganz wesentliche Bestandteile und
Ziige der pythagoreischen Philosophie auf die Lehren der indischen Brahmanen zurückgeführt. Gelten doch seelische und körperliche Katharsis
und Reinheit auch ihm als Voraussetzungen fiir wahre Erkenntnis, ist nur
durch umfassende Askese und Sophia eine Aufwärtsbewegung und Belohnung der unsterblichen, immer neu eingekörperten und eingekerker-
3. Indienreisen in den Philosophenbiographien
Im Folgenden soll mit Blick auf die literarischen Philosophenbiographien
selbst untersucht werden, welche Rolle eine Reise in den Osten bzw.
nach
Indien für den jeweiligen Philosophen spielt und welche Funktion ihr die
Biographen im Kontext ihrer Darstellung zuschreiben. Wir beginnen mit
den biographischen Zeugnissen über Reisen des ältesten Philosophen
unserer Reihe, mit Pythagoras.
Der Platoniker und Romancier Apuleius von Madaura (2. Jh. n.Chr.)
kommt in seinen bunten Florida (c. 15) auch auf Pythagoras und seine
Reisen zu sprechen. Nach dem mutmaBlichen Tod seines Lehrers gelangt
dieser nach Ägypten. Das religiöse und das mathematisch-geometrische
Wissen, das Pythagoras bei den Agyptern erlernt, ist ihm jedoch nicht genug, und er reist weiter zu den Chaldäern, lernt dort Sternkunde (scientia
sideralis), das Wirken nicht-gestalthafter Gottheiten, Geburtshoroskope
und medizinische Fertigkeiten. Daraufhin zieht er zu den indischen Brahmanen. Hier wendet er sich, wie es heißt, ‚an die Gymnosophisten unter
den Brahmanen‘ (ebd. c. 15, 57 Helm: eorum ergo Bracmanum gymnosophistas adisse). Bereits zuvor war Apuleius in den Florida neben anderen
wundersamen Menschen in Indien auch auf die Gymnosophisten zu sprechen gekommen (ebd. c. 6, 21f. Helm). Diese gingen, so Apuleius, nicht
etwa gewöhnlichen Beschäftigungen nach, sondern seien allein auf die
Weisheit konzentriert (sapientiam percolunt), außerdem hassten sie torpor animi und otium.” Diesen nun verdanke Pythagoras das meiste seiner
ten Seele nach dem Jenseitsgericht möglich. Am Rande sei darauf verwiesen, dass sich tatsächlich in indischer Literatur für die genannte Zeit
entsprechende psychologische und medizinische Lehren der Brahmanen
nachweisen lassen. In den von Apuleius genannten Stationen der Reisen
des Pythagoras zu den alten und beriihmten Kulturvélkern des Ostens
ist eine deutliche Steigerung erkennbar, die in seinem Aufenthalt bei den
indischen Brahmanen kulminiert. Apuleius legt also groBen Wert darauf,
den griechischen Protophilosophen Pythagoras und seine Lehren in enge
Verbindung zu den indischen Brahmanen, ihn also in eine vermeintlich
alte und damit autoritative, freilich nicht-griechische, barbarische Tradition des Wissens um menschliche und göttliche Dinge zu stellen.*
Diogenes Laertios (wohl 3. Jh. n.Chr.) stellt in Buch VIII (c. 1-50)
seiner biographisch-doxographisch konzipierten Philosophiegeschichte Pythagoras ausführlich dar. Umso erstaunlicher ist es, dass Diogenes auf die Reisen des Pythagoras nur sehr kurz eingeht und sie allein
mit Blick auf die Einweihung in verschiedene Mysterien würdigt (Diog.
Laert. 8,2£.). So habe der junge Pythagoras von Samos aus, wohl nach
dem Tod des Lehrers Hermodamas, ‚jung und lernbegierig‘ (ebd. c. 2:
véos & Gv xai piAonad'ng) Reisen unternommen und sich in alle griechischen und nichtgriechischen Mysterien einweihen lassen. Dabei sei er
auch nach Ägypten gekommen, war dann auch, so Diogenes ganz lapidar,
‚bei den Chaldäern und Magern‘. Diogenes zufolge reist Pythagoras aber
nicht nach Indien. Er erfährt, Diogenes zufolge. auf den Stationen seiner
Reise weniger philosophische Belehrung, sondern es geht ihm offenbar
ausschließlich um die Initiation in alle erdenklichen Mysterien und Ge-
Philosophie, so Apuleius weiter (ebd. c. 15, 57 Helm), da er bei ihnen die
Disziplinen des Geistes (mentium documenta), körperliche Askese (corporum exercitamenta), die Teile der Seele, die Lehren von Wiedergeburt
2 Zu Ägypten als v. a. religiösem Projektionsraum für die Griechen siehe Burkert,
W., Mysterien der Ägypter in griechischer Sicht: Projektionen im Kulturkontakt
in: Walter Burkert. Kleine Schriften III: Mystica, Orphica, Pythagorica (hg. von E
Graf), Göttingen 2006, 152-172.
# Siehe André, J./Filliozat, J., L'Inde vue de Rome, Paris 1986, A. 274
p. 378f.
zum
Verdacht, es handle sich hier um die Übertragung eines pythagoreischen Ritus auf
die indischen Gymnosophisten.
> Apuleius’ Skizze über die indischen Gymnosophisten stimmt ziemlich genau mit
indischen Texten überein, dazu André/Filliozat (0. Anm. 33) 379-381. Zur Ubereinstimmung mit dem exakten Bericht des Hippolytos über Indien siehe Filliozat,
J., La doctrine des brähmanes d'après saint Hippolyte, Revue de l'Histoire des
Religions, Juli-Dez. 1945, 59-91 und ders, Relations extérieures de l’Inde, Vol. I,
Pondichéry 1956, 31-60 (La doctrine brahmanique à Rome au III: siècle).
3 Für die auch hier zugrunde liegende Idee einer kulturellen translario siehe den immer noch erhellenden Beitrag von Worstbrock, F.J., Translatio artium. Uber die
Herkunft und Entwicklung einer kulturhistorischen Theorie, in: Archiv für Kulturgeschichte 47, 1965, 1-22.
Página 7
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Pythagoras gelangt also, soweit wir das bisher gesehen haben, nur in
der biographischen Skizze bei Apuleius nach Indien, nicht aber bei den
anderen Biographen. Die bei Clemens von Alexandria erhaltene Notiz,
nach welcher der in etwa um 100 v. Chr. aktive Alexander Polyhistor Pythagoras zum Schüler der Brahmanen macht, ist durch den christlichpolemischen Kontext schwer auszuwerten.” Allem Anschein nach wird
Pythagoras von Apuleius und Alexander Polyhistor als ‚Weltweiser‘ in alheimkulte, also um religiös-theologisch-esoterische Weisheit, die er bei
den genannten Kulturvölkern findet.
Ahnlich verhält es sich bei den in etwa zeitgenössischen neuplatonischen Philosophen und Biographen Porphyrios und Iamblich von Chalkis
(beide ca. 2. Hälfte des 3. Jh. n.Chr.). Porphyrios wiirdigt im (erhaltenen) ersten Buch seiner ®ıAocogiag totogia (c. 6-8) Pythagoras als den
Urvater der griechischen Philosophie und postuliert eine enge Tradition
von Pythagoras über Platon bis hin zu Plotin.” Pythagoras habe die so
genannten mathematischen Wissenschaften sowie Sternkunde bei den
Agyptern, Chaldäern und Phöniziern, das Wissen um göttliche Dinge
und menschliche Beschäftigungen jedoch bei den Magern gelernt. In:
der Vita Pythagorica Iamblichs ist eine programmatische Bildungsreise
des als ‚göttlichen, heiligen Mannes‘ gezeichneten Pythagoras beschrieben (c. 11-19). Der kommt über Milet nach Phönizien, Ägypten und dann
nach Babylon, wird mit Naturphilosophie und Mysterienkulten, Sternkunde und Geometrie vertraut, bis er bei den Magoi in Babylon schließtalischen
ter Wissenstradition, umgeben vom Nimbus des Exotisch-Orien
dargestellt. Ähnlich geht Diogenes Laertios vor, wenn er einen Kontakt
des griechischen vorsokratischen Philosophen Demokrit mit den indischen Weisen postuliert.” Seine Bemerkung, Demokrit habe sich auch
bei den indischen Gymnosophisten und sogar bei den Äthiopiern, also
am alleräuBersten Ende der Welt aufgehalten, nimmt sich mit Blick
lich alles, was ihnen heilig ist, lernt, vor allem Götterverehrung, Arithscheint es ein besonderes Anliegen zu sein, den als ‚Vorläufer‘ Epikurs
sch
geltenden Demokrit ans äuBerste Ende der Welt und somit symboli
und
gereist
weit
als
ihn
reisen,
s
Wissen
zu den letzten Gründen des alten
_ zur Integrationsfigur, die das gesamte menschliche und religiöse Wissen
der alten Hochkulturen in sich aufnimmt und in sich vereinigt. Die Magoi, bei denen Pythagoras wahre Religiosität und höchstes Wissen vert
somit universal gebildet hervortreten zu lassen. Môglicherweise versuch
“
stärken.
zu
er so, dessen philosophiehistorische Bedeutung
mittelt werden, sind trotz aller tendenziellen Unterschiede bei Porphyri-
Werfen wir jetzt einen Blick auf die Reisen, die der Philosoph Platon
nen Plaunternommen haben soll: In der ersten uns vollständig erhalte
De
Schrift
tonbiographie, mit welcher Apuleius seine doxographische
os und lamblich nicht nur formal, sondern auch inhaltlich letzte Station
und Krönung des gesamten Initiations- und Bildungsganges. Indien oder
gar die Brahmanen spielen in beiden Texten offensichtlich keine Rolle.
Platone et cius dogmate eröffnet (c. 1-4), werden (c. 3) die Reisen und
Reisepläne Platons genannt: Hier wendet sich Platon nach dem
36 Porphyrios versucht hier, sich vom hellenistischen Philosophie-Biographen Sotion
abzusetzen. Anders als dieser, der die Geschichte der Philosophie nach zwei voneinander getrennten Entwicklungslinien verfolgt, nach der Pythagoras der italischen,
Platon hingegen der ionischen Tradition angehört, setzt Porphyrios Pythagoras und
Platon in ein sukzessives Verhältnis zueinander.
_ "etend todtov fyovriai tıveg obx Eatı Gé, Do ÉMEUTG ônhwdiontat
oinkelovg và uEv TOV nadnnaTtır@v naAoun&vwv Erıormußvnag’ Atyuntiov te
nai Xaddaiwv xal Doıvixwv paoiv Exnadeiv yewpetetas pèv yao En nalaı@v
Passus aus Buch 4 (Iambl. Comm. Math. 21 p. 66, 17-67, 2), siehe auch Staab 252
f.
Tod des
16 Heet Tuÿayo# Alexander Polyhistor FGrHist LIT a 273 F 94: ARéEavôooc dé Ev
tov Tludayogay
Lotogel
var
paÔNTed
p
‘Aoovei
tO
Lagat
ou ®v OvPPdLOV xaì
Porph. Vita Pyth. c. 6 (p. 19, 21-20, 5 Nauck): Eru xai negi Tg St8acxahias abtot
xe6vov éxipedyn diva Alyuntiovg, ta Òë zegì Gordpots te xai Aoyiouods Botvıxac, Xakôatoug dé ta nepl tov obgavov Dewetpata: neoi tas THY Dewy Ayıoteias nal ta Aourd THV zegt TOV Biov éenitndevpdtov nagd TÜV paywv Paci
d.axotoai te xai Aaßeiv.
38 ‘Vgl. Tamblich im Kommentar zu Nikomachos’ Einleitung in die Arithmetik, In Nic.
§ 168 p. 118, 23f. Gerade für diese Fächer wird der ‚Lernort‘ Babylon explizit angegeben; das ist nach Staab, G., Pythagoras in der Spätantike. Studien zu De Vita Pythagorica des Iamblichos von Chalkis, München/Leipzig 2002, 252 ein Hinweis auf
eine nötige Legitimierung und dokumentiert plakativ Iamblichs Hochschätzung
der Magoi. Als eine Art Resümee der Bildungsreisen des Pythagoras erscheint ein
auf
die unmittelbar zuvor genannten Gewährsleute Demetrios und Antisthenes als vermutlich topische Erweiterung des konventionellen Schemas
resp. Reiseweges aus. Dem Biographen Diogenes, der sich deutlich als
Anhänger der Philosophie Epikurs zu erkennen gibt (Diog. Laert. 10,29),
metik, Musik (Iambl. VP c. 19).® Wir sehen: Auch hier wird Pythagoras
37
343
Griechische Philosophen in Indien?
Irmgard Männlein-Robert
|
-,
guv Boûhea&unnoévar te rod tovtois Tokatav rail Boayudvmv tov Hudayó
TOL.
ugnis Demo“0 Dazu siehe Diog. Laert. 9,35. Vgl. Clem. Alex. Strom 1, 69 als Selbstze
;
u
Reisen.
krits zu seinen
kônn
Traditio
ischen
biograph
der
4 Grundlage fiir die weiten Reisen Demokrits in
III 40, 7):
nen durchaus seine eigenen Bemerkungen gewesen sein, z.B. (bei Stob.
Eine
ävòoì cog näca yi Path, puxtis yao dyadic natois 6 Eburas x6ouoc.
Indienreise Demokrits berichten allerdings auch Aelian. var.
hist. 4,20 p. 69, 8 H.;
P. 414 WesHippolyt. elench. 113, 1 p. 16, 24 Wendland; Biographi Graeci VII 33
xai
Tégoas
eis
xai
yàg
]
Demokrit
[sc.
Nabe
Adler:
9-10
termann; Suda II, p. 44,
Miles.
"Ivôoùs nal Aiyuntious xaì ta zag’ Excdatorg Exardseddy copa. Hesych.
’Ivölov
p. 16, 14-15 Flach: … toig yupveoo@uotais auveuıke [sc. Demokrit] xai eig
anijoe xai Aifioniav.
Página 8
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Irmgard Männlein-Robert
did dE vous Tijs
Sokrates der Philosophie des Pythagoras zu, erforscht auch einzelne Dis-
3,7: Sieyvw St 6 ITAdrwv nai tots Méyois guppiëor
ziplinen der pythagoreischen Lehre, so Geometrie bei Theodoros in Kyrene und Astrologie sowie die prophetarum ritus (wohl Orakel-, Wahrsagekunst) in Agypten.*? Nach der Rückkehr ins unteritalische Tarent erfolgt
*Aoias noA&novg ANEOTN).
können, ist
Was wir nun über Platons Reisepläne in den Osten sagen
Ägypten“, wo er
Folgendes: Platons fernste Reise ist offenbar die nach
l bei Apuleius
allen Zeugnissen zufolge religiöse Gebräuche lernt. Sowoh
in Ägypten
halt
Aufent
den
an
uss
Anschl
wie auch bei Diogenes ist im
wohl eine
die
,
geplant
Indern
den
zu
eine Reise zu den Magern und sogar
ungen
Bemüh
igen
bisher
der
öhung
Steigerung, Intensivierung und Überh
die
und
ben
Vorha
das
Allein
Platons um religiöse Weisheit andeuten soll.
fernoch
des
Weisen
en
Planung einer solchen Reise zu den noch weiser
mit seinen in
neren Ostens legt nahe, dass hier die Viten des Pythagoras
fernen Osten als
der biographischen Tradition etablierten Reisen in den
ter der Reise
Modell gedient haben dürften.” Auf den topischen Charak
diese Reizu den Magern und Indern weist die Begründung hin, warum
Platons direkter Anschluss an zeitgenössische Pythagoreer wie Eurytas
und Archytas. Obgleich Platon seine Aufmerksamkeit damals auch auf
die Inder und Mager richtete, sei er, so Apuleius, durch die damaligen
Kriege in Asien von einer Reise dorthin abgehalten worden (ebd. c. 3
186: et ad Italiam iterum venit et Pythagoreos Eurylta]tum Tarentinum
et seniorem Archytam sectatum atque ad Indos et Magos intendisset animum, nisi tunc eum bella vetuissent Asiatica). Wie es im Text weiter
heiBt (ebd. c. 3, 187), habe er sich stattdessen umso intensiver mit den
Erkenntnissen Parmenides’ und Zenons beschäftigt (quapropter inventa
Parmenidae ac Zenonis studiosius exsecutus …). Die Beschäftigung mit
Parmenides’ und Zenons — griechischen — Lehren kann allem Anschein
nach das Manko einer unterbliebenen Reise in den fernen Osten aufwiegen. Was aber bieten die eleatischen griechischen Philosophen Parmenides und Zenon, das indische und magische Weisheit kompensieren
könnte? Wir können spekulieren, ob es sich hier um deren Lehren über
Sein und Seele handelt, freilich wird man den Optimismus des 19. Ih.
nicht mehr teilen, als man die eleatische Philosophie nicht nur aus dem
Orient, sondern sogar aus Indien selbst herzuleiten bemüht war.“ Der
Tenor der Darstellung des Apuleius macht jedoch deutlich, dass Platons
Philosophie nichts fehlt, obgleich er nicht in den Osten reist. Die Weisheit
eines Platon ist also universal und vollständig, wohl nicht zuletzt, da sie
zum Teil auf der des Pythagoras beruht, der Apuleius zufolge ja in Indien
war. Platon vereinigt, so die Darstellung, also ebenfalls das philosophiin Asien hätten sie unsepläne nicht umgesetzt werden konnten: Kriege
ter Kriege
möglich gemacht. Die Historizität solcher hier nur vage benann
5 v.Chr., nach wie
ist für die Jahre von Platons Reisen, also etwa 395-38
hr sollte mit der
vor umstritten, freilich eher unwahrscheinlich.’ Vielme
n und Indern
Mager
den
zu
geplanten, aber eben nicht vollzogenen Reise
oras tradierte Reiseweg
einerseits der für den älteren Philosophen Pythag
s mit den Lehren
zitiert werden,” andererseits jegliche Berührung Platon
wurde, als unmöglich
Zoroasters, wie sie für Pythagoras rekonstruiert
chen Hintergrund des
ausgeschlossen werden. Das ist vor dem zeitgenössis
den Kreisen kaiserzeit2. Jh. n.Chr. von besonderer Bedeutung, da es in
ob und inwielicher Platoniker erbitterte Kontroversen um die Frage gab,
-MithrasZervan
der
fern der zeitgenössische Platonismus in den Kontext
Kreise
ische
Religion eingefügt werden müsse. Während neupythagore
sche Wissen verschiedenster Traditionen in sich, vielleicht soll hier soge und -stationen skizziert. Hier gelangt Platon nach Studien griechischer
und unteritalischer sowie pythagoreischer Philosophie nach Ägypten zu
den Propheten. Von da aus wollte Platon, so Diogenes, auch die Mager
aufsuchen, sah aber wegen der Kriege in Asien davon ab (Diog. Laert.
2 Zur Programmatik und zum (wohl) fiktionalen Charakter der Ägyptenreise Platons siche ausführlich Dörrie, H., Platons Reisen zu fernen Völkern. Zur Geschich5 eines Motivs der Platon-Legende und zu seiner Neuwendung durch Lactanz, in:
omanitas et Christianitas. FS J.H. Waszink (hg. v. W. den Boeft et al
.
dam/London 1979, 99-118.
(he
Stal), Amster
a Z.B. À. Gladisch, Die Eleaten und die Inder, Posen 1844; zu diesem Trend im 19.
Jh. siehe Kerschensteiner, J., Platon und der Orient, Stuttgart 1945, 9.
tradierte Agyptenreise Platons
4 Einen skeptischen Blick auf die in den Biographien
phical Tradition, in: Die grieBiogra
the
in
Egypt
wirft Lefkowitz, M.L., Visits to
internationalen Kongresses
des
Akten
Zeit.
r
stische
helleni
in
phie
chische Biogra
S. Schorn), Berlin/New
und
Erler
M.
von
vom 26.-29. Juli 2006 in Wiirzburg (hg.
York 2007 (BZA 245), 101-113.
45 So mit Dörrie (o. Anm. 42) 100.
stische Rahmen des kaiserzeitlichen
46 Siehe zur Diskussion Dörrie, H., Der helleni
4
S
gar Platons Interesse an Ontologie und Epistemologie stärker als das an
religiösen Lehren und theologischen Erkenntnissen akzentuiert werden.
Auch in der Platonvita des Diogenes Laertios (Buch 3,6-7) sind Reiscwetar. Aus dem Nachlaß
Platonismus. Bausteine 36-72: Text, Übersctzung, Kommen
it von Annemarie
Mitarbe
unter
Baltes
s
Matthia
herausgegeben und bearbeitet von
1990 (= Der Platonismus in
att
Cannst
rt/Bad
Stuttga
Mann,
elm
Friedh
und
Dorrie
der Antike II), hier: 476.
, dass die dem philologisch
Überdies wird man mit der Möglichkeit rechnen müssen
Apuleius und Diogenes alphen
Biogra
orientierten Mittelplatonismus zugehörigen
fanden, keine jedoch auf
selbst
Platons
Texten
den
in
n
Ägypte
auf
lein Hinweise
ierung für die AneigLegitim
eine
dass
fernôstliche Weisheit oder gar Indien, so
t wurde.
erachte
unnötig
n
für
tstehre
Weishei
er
indisch
oder
nung magisc
Página 9
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)346
eben.“
phie als paganes Gegenbild zur Jesusfigur der Evangelien beschri
BildungsIn Buch 2 und 3 beschreibt Philostrat in romanhafter Breite die
5
2005, 268f.
er (am
die
n nicht,
er
Reise
| Jarchas
phische
Weisheit intereset Jar-
JBAC 9, 1982,
de Rede Alex56 selbst de bei Arrian (Anabasis 5,25,3-26,8) ausgestaltete flammen
Fluss Hyphasis beanders kann die Soldaten nicht zum Weiterziehen bewegen. Der
en Gebietes. Wenig
schreibt somit die äußerste Grenze des von Alexander erobert
des Apollonios
plausibel erscheint hier Speyer (o. Anm. 55) 194f., der die Reise
a
oa
nach Indien für eine Jenseitsreise hält. _
OV pooveite, mas
5
Philostr. VA 3,16: zg, ëqn [sc. larchas], w "AnoMovız, TEQLNL
ödev meg Ey
einev, fj ho ônhot ro pv vera fnelv we 686, iv HAND Tes TOY
ELIE, copoteod
avd odnwy; ti S68 hdc MAEOV oleı OAVTOD YLYVOORELV; Ey@ HEV,
4 bustega HO TOÂND terdtega.
hyoö
phenbiogravA 3.19: siche auch Schirren, T., Philosophos Bios. Die antike Philoso
at, Heidelberg
phie als symbolische Form. Studien zur ‚Vita Apollonii‘ des Philostr
aren Höhle,
arcam); siehe auch Speyer, W., Die Vision der wunderb
—197, hier: 195 Anm. 49.
1978.
54 Siehe dazu z.B. Smith, M., Jesus the Magician, New York
… pervenit ad Brig:
55 Vgl. auch Hieron. ep. 53, 1, 4 CSEL 54, 444: (sc. Apollonius)
docentem be 7
manas, ut … de natura, de moribus ac de siderum cursu audiret
lonios, welche Ansichten die Inder über die Seele hätten, antwort
Themen fragt Apollonios nach der Selbsterkenntnis der Weisen. J archas
jedes
stellt in seiner Antwort die Selbsterkenntnis als Schlüsselqualität
(VA
Weisen ganz an den Anfang jeglicher philosophischer Bemühung
sowie
3,18). Weiterhin werden im Frage-und-Antwort-Modus die Seele
r sich
die Lehren von deren Wiedergeburt besprochen, als deren Urhebe
somit die indischen Brahmanen abzeichnen.™ Auf die Frage des Apolsierten Griechen darlegt. Vor weiteren Gesprächen über philoso
die Familiengeschichte dieses löblichen, da an indischer
gibt sogleich eine Kostprobe seiner prophetischen Fähigkeiten, indem er
das spezifische Wissen der indischen Weisen erfahren möchte.
unternommen habe. Er jedoch habe keine Anstrengung gescheut, da
verweist darauf, dass noch keiner seiner Landsleute eine so weite
tragen langes Haar und gehen barfuß. Der höchste der Weisen, Jarchas,
fragt Apollonios, was er denn von den indischen Weisen denke. Der
(VA 3,13-49). Die Weisen dort schlafen auf der Erde, sie arbeite
selbstverständlich griechisch sprechen und ihn freundlich aufnehmen
nios auf der ‚Burg der Weisen‘ bei den indischen Brahmanen wieder,
markiert.’ Und damit taucht Apollonios ein in das Wunderland Indien
(Buch 3), jenseits der bekannten Welt. Wenig später finden wir Apollo-
Monune Grenze zum Reich der weisen Inder. Diese Grenze hatte, wie
ches
mente dort beweisen, selbst für Alexander das Ende seines Weltrei
Ende von Buch 2) mit dem Fluss Hyphasis die bislang nicht überwundegern, dann drängt es Apollonios nach Indien. Dabei überschreitet
reisen des Apollonios in den Osten,” zuerst zu den babylonischen Madies propagierten, versuchten eher konservative Mittelplatoniker — wie
auch Apuleius — das strikt zu unterbinden, um die Autonomie ihres philosophischen Systems nicht zu gefährden. Dass Platon tatsächlich eine Reise
nach Indien zu den Brahmanen unternommen habe, suggeriert erst der
spätantike Autor Claudianus Mamertus (5. Jh. n.Chr.).# Ob tatsächlich
Bemerkungen Ciceros, nach denen Platon die entferntesten Länder durchstreift habe, Anlass für derartige Erweiterungen gegeben haben, bleibt zu
diskutieren (Tusc. 4,44: Platonem ultimas terras lustrasse). Generell steht
zu vermuten, dass immanente Aussagen Platons in seinem Werk” von den
späteren Biographen als Aufforderung verstanden wurden, von fremden
Völkern zu lernen” und so einer entsprechenden Legendenbildung durchGymnosophisten, den indischen Weisen, durchaus vorkam.5! Demnach
aus Vorschub leisteten. Uberdies finden sich Belege dafür, dass eine Verwechslung bzw. ,Identifikation‘ der persischen Weisen, der Magoi, mit den
konnte sich die Vorstellung herausbilden, dass Platon, dem einige antike
Autoren Reisen zu den Persern resp. Magoi attestieren,” durchaus auch
nach Indien gekommen sei. Freilich bleibt der Aussagewert der vielfach
disparaten Textzeugen weiterhin zu untersuchen.
Unser nächster Indienreisender ist der berühmt-berüchtigte Wanderphilosoph Apollonios von Tyana aus dem 1. Jh. n. Chr., der sich, selbst der
pythagoreischen Philosophie verschrieben, Pythagoras zu seinem Vorbild erkoren hatte.” Philostrat d.Ä. verfasst auf Wunsch der aus Syrien
stammenden Kaiserin Julia Domna (in den ersten Jahrzehnten des 3. Jh.
n.Chr.) die Biographie dieses Apollonios. Der neupythagoreische Philosoph und Wundertäter, ein deiog âvíg im kaiserzeitlichen Sinne wird in
. dieser legendenhaft überformten, hagiographisch konzipierten Biogra“ Claudianus Mamertus, ep. II p. 204, 9: … aut forsan Platon apex culmenque philosophiae privo naturae bono contentus post Socratis dogmata angustiorem credens
Graeciam doctrinarum quam sese virtutum non usque ad Aegyptum et adusque
Brachmanos Indorum et adusque Pythagoricarum doctrinarum per heredes indefessus rerum scrutator accessit? Bömer (o. Anm. 8) 7 vermutet hier den Einfluss des
Porphyrios, bei dem sich eine Indienreise Platons jedoch nicht nachweisen lässt.
4
Z.B. Plat. Phaidon 7842-7: noAAn uev ñ ‘“EhAúc, Epn [sc. Socrates], & Keßng, &v fi
éveroi zov Ayadoi ävöges, zolhò 8ë xai td Tov BaoBdewv yévn, otc advras Koh
5
5
dvegevvaotat Cntodvtas tovottov énwddv, wite KONHÁTWV perôouévous Wijte
nóvwv, ds 00x Eotıv eig 6 ti Gv eùxaugórepov avarioxolte xornata.
Vgl. Olymp. in Plat. Gorg. 210, 28ff. Westerink.
Z.B. Ptolem. Geogr. 7,1,74; Paus. 4,32,4: &y& 58 Xakdaiouc xai ’Ivößv TOÙS
payous rotos olda eindvtas ds Kddvardg gotw &vOOdROV Px, Kal optoù nal “EAMvov &Akot te Exeiodyoav nal obx ixtota IIAdtov 6 Agtotwvos;
Suda s.v. Pupvocorotai; siehe auch Bömer (o. Anm. 8) hier v.a. 101.
* Z.B. Clem. Al. protr. 6,70 p. 53, 12 St; Lact. inst. 4,2,4 p. 477, 14 Vind.
% Sein Biograph Philostrat d. À. lässt Apollonios dies ausdrücklich bestätigen (VA
1,32): ‚Meine Weisheit ist die des Pythagoras‘.
Página 10
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)348
chas: ‚Genauso wie Pythagoras es an euch und wir es an die Ägypter wei-
* Porph. VP c. 3,13-24.
ung
Ein dovon vorneherein
hier: S90f.
Ve: Anhang. Porphy6 Porph. VP c. 3,6-13; dazu Harder, R., Plotins Schriften, Band
, Darmstadt 1958,
rios, Über Plotins Leben und über die Ordnung seiner Schriften
84f.
rten Beina65 Zur indologischen Deutung des seit der Spätantike zuverlässig überliefe
ranischen
mens „Sakkas' als Abkömmling der buddhistischen Saken (eines indisch-i
Volksstammes) siehe Colpe (0. Anm. 12) 66-71.
kung von I. Männlein-Robert), München/Leipzig 2002, 581-609,
@ Bunap. Vitae Sophistarum 455 gibt als Vaterstadt Lyko an.
Autobiogra64 Porph. VP c. 3, dazu Männlein-Robert, I, Biographie, Hagiographie,
\
Signatur
1\
phie — die Vita Plotini des Porphyrios, in: Metaphysik und Religion. Zur
’
Mitwirdes spätantiken Denkens (hg. von Michael Erler und Theo Kobusch, unter
erlebt, der, wie in der Ammonios-Episode ersichtlich,
minierender Zug in der gesamten Vita Plotini ist nämlich die von Porphyrios programmatisch geschilderte ‚Entwicklungslosigkeit‘ des platonischen Philosophen Plotin, der keine Bekebrung im traditionellen Sinne
anzitiert. Zum anderen liegt der Grund dafür in Plotin selbst.
an Platons geplante, aber ebenfalls nicht vollzogene Ost- und Indienreise
Plotins nicht vollzogene Reise zu den Persern und Indern in Anlehn
historischen Kern haben sollten. Es steht zu vermuten, dass Porphyrios
an
Plotin unternommen hat. Plotin lernt nicht bei mehreren Philosophen
nten)
unterschiedlichen Orten, reist nicht im bekannten (oder unbekan
tandiKulturraum herum, um seine Weisheit und sein Wissen zu vervolls
t an
gen. Seine einzige geplante Reise, die zu Persern und Indern, scheiter
pt einen
widrigen politischen Umständen, wenn diese Reisepläne überhau
os berichtet in seiner Vita Plotini nicht wirklich von Bildungsreisen, dic
und gründet dort eine Schule.” Es ist unschwer zu erkennen: Porphyrilangem täglichem Umgang mit Ammonios verspürt Plotin den Drang,
sich auch mit persischer und indischer Philosophie auseinanderzusetzen. Als im Jahr 243 n. Chr. der römische Kaiser Gordian III. gegen die
Perser resp. Sassaniden zieht, schließt sich Plotin ihm an (Porph. VP c. 3).
Wir vermuten, wohl nicht als Söldner, sondern vielmehr als philosophischer Begleiter und Ratgeber des Kaisers.“ Plotins Intentionen werden
sehr bald mit der Ermordung Gordians und dem plôtzlichen Abbruch
des Feldzuges sowie dem daraus resultierenden politischen Chaos durchkreuzt, er kann sich nach Antiochia retten, gelangt schlieBlich nach Rom
findet dort allein in Ammonios Sakkas den Lehrer, den er suchte. Nach
Und nun zu unserem letzten Beispiel: Porphyrios berichtet in der Vita
Plotini (um 300 n.Chr.), die besonders eigenwillig idealisiert und sogar
hagiographisch gestaltet ist, vom Werdegang des neuplatonischen Philosophen Plotin (3. Jh. n. Chr.). Dieser ist in Ägypten geboren, entstammt
also bereits dem Land, das als berühmte Stätte alten Wissens seit langem
ein Ziel auf Reisen von Philosophen war. Plotin studiert in Alexandria,
tergegeben haben‘. Er beschreibt also eine historische Kette, genauer
eine Diadoche resp. translatio des Wissens von der Seele von den Indern
über die Agypter an Pythagoras, der dies zu den Griechen brachte.$ Weiterhin wird Apollonios von Jarchas über Elemente, Dämonen, Gestirnskunde, Mantik (mit Heilkunde), Gebetspraxis und sogar Geheimlehren
unterrichtet. Der Biograph Philostrat motiviert damit die seinerzeit kursierenden Apollonios-Schriften (‚Über Weissagungen aus Gestirnen‘
und ‚Über die Opfer‘). Indien markiert hier sehr deutlich einen bislang
so nicht ausgemalten Höhepunkt der Weisheit, die Burg der Weisen wird
zum Hort universalen Wissens, zum Ort uralter Weisheit schlechthin.
Nur wer sich, wie Apollonios, die Mühe der weiten Reise macht, kann
derartiges Wissen erlangen. Das aber basiert auf einer gleichsam asketischen, bedürfnislosen Lebensweise. Körperliche und geistige Strapazen
besonderer Art sind gewissermaßen die Voraussetzung für die Teilhabe am universalen Wissen der indischen Gymnosophisten.* Dass diese
in der Darstellung des Philostrat als die weisesten Menschen der Welt
dargestellt sind, erhellt ein Blick auf eine weitere Station im Leben des
Apollonios. In Athiopien (Buch 6) stößt Apollonios nämlich auf ägyptische Gymnosophisten, die eine Mittelstellung zwischen den viel weiseren indischen Gymnosophisten und den anderen Ägyptern einnehmen.
Klar wird hier die indische gegen die ägyptische Weisheit ausgespielt
(ebd. 6,11). Es wird deutlich, dass in Philostrats Darstellung Apollonios
als würdiger Adept des Pythagoras treu in dessen Spuren wandelt, sich
bei den indischen Weisen v.a. religiöses Wissen und Praktiken aneignet.
Apollonios erscheint fast als ‚neuer‘ Pythagoras, als Träger universalen
religiösen und philosophischen Wissens, der somit, wie bereits Pythagoras, zu einem wichtigen Bindeglied in der überräumlichen Kette dieses
alten überzeitlichen Wissens wird.
9 Philostr. VA 3,19.
Zur nie in Frage gestellten kulturellen Priorität des Orients gerade im TranslatioSchema siehe Worstbrock (o. Anm. 35) 2.9.14 u.ö.
61 Siehe Elsner, J., Hagiographic Geography: Travel and Allegory in the Life of Apollonius of Tyana, JHS 117, 1997, 22-37, der — sehr plausibel — die Reisen des Apolloa nios als allegorische Beschreibung intellektueller Prozesse interpretiert.
‚Ebd. erzählt Apollonios den ägyptischen Gymnosophisten von seiner Berufung
zur pythagoreischen Philosophie. Den Ursprung der Weisheit überhaupt habe er
selbst in Indien entdeckt. Dort sei es ihm jedoch wie Aischylos bei den Athenern
ergangen, habe doch der die dramatische Kunst dort zwar bereits vorgefunden
aber unausgebildet und schmucklos. Wie Aischylos daher Neuerungen und Ver.
besserungen eingeführt habe und so zum ‚Vater der Tragödie‘ geworden sei, habe
Pythagoras die alte Urweisheit der Inder gestaltet, weswegen er, Apollonios, jetzt
auch ein Anhänger pythagoreischer Philosophie und Lebensweise geworden sei.
Página 11
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)350
weiß, was er sucht bzw. was er finden muss. Der ideale Lehrer Ammoni-
1987, 15-34, hier: 23-25.
_ ® Numenios frg. la Des Places: eig ôë toto Setjoet elstovta nal onumvanevov TALC
\ paetvelais tats TAdtwvos avaxognoaodar ral ouvöroacdaı Toig AÓyors TOU
' Ilvdayögov, émxakéouodar 6& ta &dvn td EBÖOXINOÜVTA, NIOGPERÖNEVOV
adr@v tag tehetas nal ta Sdypata tag te LÔQUOELS OvvtEhoupevas Tlhatwve
dpohoyoupévas, Óróoac Booypöves nai ’Tovdcaioı xai Méyou nai Aiyortior
Gtétevrto.
69 Allgemein Momigliano (o. Anm. 6), v.a. 142-149 und Burkert (o. Anm. 6).
7 Einschlägig für diese Vorstellung ist auch Clemens Al. stram. 115, 71,4, dazu Colpe
(o. Anm. 12) 63; auch Hadot, P., Théologie, Exégése, révélation, Ecriture dans la
philosophie grecque, in: Les Règles de l’interpretation (éd. par M. Tardieu), Paris
die auf den biographischen Schriften des Aristoxenos von Tarent (4. Jh.
dern übernommen hätten. Die Überzeugung, griechische Philosophie sei
zunächst defizitär gewesen, findet Ausdruckin einer bekannten Episode,
den Ägyptern erlernt habe, die sie nun ihrerseits wiederum von den In-
Apollonios an die Philosophie des Pythagoras anknüpfen, der diese bei
&Ands Adyos erkennbar.” Auch Philostrat lässt seinen Protagonisten
von der 8«aôoy" resp. translatio des einen, überzeitlichen saAaLög resp.
gisch überlegen empfundenen Osten. Deutlich wird hier die Vorstellung
Demokrit) bei den Weisen des Ostens. Somit stellen sie sich in diese alte
Wissenstradition und verschaffen der griechischen Philosophie als einem
Bindeglied Legitimation gegenüber dem als philosophisch und theoloben, lernen die reisenden griechischen Philosophen (Pythagoras, Platon,
und (theologischen) Lehren der Brahmanen, Juden, Mager und Ägypter
(der Soxuuoÿvra £d’vn) vornehmen, soweit sie mit Platons Auffassungen
übereinstimmen. Die erste, bei Numenios besonders gut greifbare Tendenz ist also die, wonach die griechische Philosophie letztlich orientalischer Weisheit und Tradition eng verpflichtet ist. Wie wir gesehen hader eigenen Lehre an die des Pythagoras, dann an die religiösen Riten
formuliert seine hohe Anerkennnung der alten Weisen des Ostens im
Proömium seiner Schrift ‚Über das Gute‘ (Tleoi tot ayatod). Nachdem
er, Numenios, in dieser Schrift seine eigene Lehre mit Zitaten aus Platon
gleichsam gesiegelt, also: autorisiert hat, will er in der Geistesgeschichte
weiter ‚zurückschreiten‘ (&voxwerjoaodaı) und zuerst eine Anbindung
pythagoreisierenden Linie innerhalb des Platonismus zurechnen lässt,
östlicher Weisheit bei den Griechen, die ich anhand zweier Beispiele kurz
skizzieren möchte:
1) Der platonische Philosoph Numenios (2. Jh. n.Chr), der sich der
fernen Indien am Rande der bekannten Welt lokalisierten Brahmanen
und Gymnosophisten Träger der gröBten denkbaren Weisheit. Und dennoch gibt es zwei cinander gegenläufige Tendenzen in der Wahrnehmung
os bewirkt keine radikale Umkehr, sondern lediglich Stimulierung des
philosophischen Adepten, der bereits von sich aus auf dem rechten Weg
ist. Ammonios bleibt auch Plotins einziger Lehrer. Dementsprechend
unterbleiben auch traditionelle Bildungsreisen, die von jeher eine Entwicklung, ein Lernen, eine Erweiterung des religiösen und intellektuellen Bildungsspektrums abgebildet haben, das für Plotin so nicht zutrifft.
Der Abbruch der begonnenen Orient-Reise dokumentiert zum einen die
gewtinschte Anlehnung an den Griinder der eigenen Hairesis, Platon, sowie den traditionellen Erwartungshorizont, nach dem ein Philosoph wie
Plotin sich um Aneignung des in Persien und Indien gelehrten astrologischen und theologischen Wissens hätte bemühen können.
4. Ostliche Weisheit aus griechischer Perspektive
Es ist eine alte griechische Anschauung, der zufolge die Griechen gegenüber den alten Hochkulturen jung und wie Kinder seien. Verwiesen sei
hier nur auf die berühmte Episode in Platons Dialog Timaios (22 b 4-9):
Wie Kritias berichtet, habe ein ägyptischer Priester, mit dem der Grieche Solon sich unterhalten habe, ausgerufen: °Q ZöAwv, ZoAwv, “EAAnves del naîôëséote, yéowv 68 "EAAnv oùx Zot [...] véou gore, eineïv,
tds Wvydg mavtes odôeuiav yao Ev abtaic éyete 60 dexaiav nov
nakatàv 6dEav oùôë pdb yedvw modtov ovdév (Solon, Solon, Ihr
Griechen seid immer Kinder, einen alten Griechen gibt es gar nicht. [...]
Ihr seid alle jung in euren Seelen, denn ihr tragt in ihnen keine Anschauung, die aus alter Uberlieferung stammt, und keine mit der Zeit ergraute
Kunde‘).
Das Neue, das sich griechische Philosophen wie Pythagoras, Demokrit
und Platon auf ihren Reisen im nichtgriechischen Ausland, also bei den
Barbaren, aneignen, ist das alte, lange tradierte Wissen auBergriechischer
Hochkulturen, die so genannte B&eßagog copia (die Weisheit der ‚Barbaren‘). Vor allem Pythagoras, der erste reisende Philosoph, erscheint als
Integrationsfigur. Als Bindeglied zwischen alter östlicher und jüngerer
griechischer Weisheit sowie als Ahnherr der griechischen Philosophie
überhaupt lässt er Elemente aus östlichen Weisheitslehren und Wissensdisziplinen, die ja durchaus erkennbar sind, in griechischem Kontext
plausibel erscheinen. Immer sind die östlichen Kulturvölker als im Besitz
uralten Wissens und besonderer Weisheit gedacht. Verbreitet ist unter
den Griechen die ethnologische Anschauung, der zufolge mit der weiteren Entfernung von der griechischen Welt auch größere Weisheit einhergeht. Nach der Logik dieser Auffassung sind dann die im besonders
Página 12
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)v.Chr.) basiert:”! Demnach habe ein als weise geltender indischer Philosoph Sokrates in Athen besucht und ihn ausgelacht, da Sokrates sich nur
für menschliche, ethische Fragen interessiere, nicht aber ‚die göttlichen
g
den) orientalischen Einfluss. Betont wird vor allem die Transformierun
Chaund grundlegende rationale Durchdringung als typisch griechisches
k in
rakteristikum. Dieses Selbstbewusstsein findet literarischen Ausdruc
Dinge‘ (10. Seïa) beriicksichtige.” Der fremde Weise aus Indien ist Sokrates überlegen, als sein Metier erscheinen religiöse, theologische, mystische Belange. Dagegen überwinde Platon, so Aristoxenos, die einseitig
ethische Ausrichtung des Sokrates durch sein universales Konzept von
Philosophie, da er naturwissenschaftliche wie metaphysisch-theologische
Belange berücksichtige. Es dürfte kein Zufall sein, dass die antiken Bio-
Athen mit einem Chaldäer, also einem, der sich auf Sternkunde und
352
graphen allesamt Platon, anders als Sokrates, weite Reisen unternehmen
lassen, dass gerade Platons Philosophie als universal, da alle Bereiche des
menschlichen und des göttlichen Wissens umfassend, erscheint.
2) Die zweite, eng damit verbundene und doch gegenläufige Tendenz
wird im Prooimion der Philosophiegeschichte des Diogenes Laertios
deutlich (I pr. 1, 3-9 Marcovich).” Auch dieser würdigt die alte barbatische Weisheit: Gymnosophisten, Druiden, Chaldäer und Mager, dann
auch die Agypter spielen mit Blick auf die historische Genese der Phieiner Begebenheit, die sich in den letzten Tagen des sterbenden Platon
in Athen zugetragen haben soll (unsere Informationen darüber gehen
v.a. auf Philodem zurück, der basierend auf einem Bericht des Neanthes
letztlich auf Philippos von Opis [?], dem persönlichen Sekretär Platons,
beruht):* Demnach habe Platon sich in der Nacht vor seinem Tod in
die
Rituale der persisch-zarathustrischen Religion versteht, unterhalten. Der
Chaldäer, den Platon offenbar schon länger als Gast bei sich aufgenomwas
men hatte, will durch ‚Besingen‘ (&nwöeiv) Platons Fieber senken,
Als
einer damals verbreiteten psychosomatischen Therapie entspricht.
der Chaldäer beim Zauberliedsingen einen rhythmischen Fehler macht,
genreagiert Platon sofort und der Chaldäer gesteht generös die Unterle
heit der Barbaren gegenüber den Griechen ein.” Der hohe Symbolgehalt
dieser Erzählung, die aus dem Umfeld von Platons Schülern stammt,
liegt
losophie eine repräsentative Rolle. Freilich relativiert Diogenes ihre
e
auf der Hand: Man ist bemüht, Platons persönliche und gute Kontakt
Bedeutung, wenn er das Wissen dieser Weisen als letztlich vor-philosomit Gelehrten aus dem Osten zu zeigen, doch ist Platon
phisch der wahren Ausformung von Philosophie bei den Griechen gegenüberstellt. Die Griechen hätten demnach ganz im Sinne eines bekannten
Passus aus der pseudo-platonischen Epinomis (987d) das, was sie von den
Barbaren übernehmen, stets erst vollendet und überhöht, es ‚schöner‘ gemacht (Aüßwuev Òë ds Örıneg Av “EAAnves Baoßapwv napardßwot,
XGA Mov TOUTO els Téhos dsegyábovrai).”* Übernahmen und Anleihen
werden zwar eingeräumt, dennoch fassen wir hier den selbstbewussten
griechischen Gestus der Abgrenzung gegenüber dem (nicht zu leugnen-
" Aristokles bei Euseb. PE 11,2,6-11,3,9. Was für uns hier besonders aufschlussreich
ist, ist natürlich zum einen die ausgesprochen sachliche und positive Würdigung Platons durch diesen peripatetischen Philosophen. Zum anderen aber ist dieses Zeugnis für uns deshalb so wichtig, da wir hiermit einen Beleg dafür haben, dass Platon
jetzt, im 2. Jh. n. Chr., wieder als Urheber der in der gesamten Antike so virulenten
Definitionsformel für ‚Weisheit‘ resp. Philosophie ins Bewusstsein kommt, siche
dazu auch Männlein-Robert, I., ‚Wissen um die göttlichen und die menschlichen
Dinge‘. Eine Philosophiedefinition Platons und ihre Folgen, WJA 26 (2002) 13-38.
7 Dazu siehe Festugière, A.-J., Grecs et Sages orientaux, Revue de [Histoire des Religions 130, Juli-Dez. 1945, 29-41, v.a. 34f. Siehe auch Aristoteles, frg. 32 Rose =
663 Gigon (Begegnung des Sokrates mit einem Mager, der ihm überlegen ist).
73
Vor allem an den möglichen Quellen des Diogenes ist interessiert Gigon, O., Das
Prooemium des Diogenes Laertios: Struktur und Probleme, in: Horizonte der Humanitas. Eine Freundesgabe für Professor Dr. Walter Wili zu seinem 60. Geburtstag (hg. von G. Luck), Bern/Stuttgart 1960, 37-64, hier v.a.: 43f.
74
Dazu allgemein Worstbrock (o. Anm. 35) 9.
selbst auf dem
r
Sterbebett als strenger, souveräner Repräsentant und Vollender jegliche
Weisheit gezeichnet. Hier ist der Chaldäer zum weisen Griechen gereist
und erkennt, anders als in der Episode um den Inder und Sokrates, Platon
Der
bzw. seine umfassende philosophische Kompetenz als tiberlegen an.
Kontakt mit einem Weisen aus dem Osten findet nunmehr in Athen
statt,
das somit selbstbewusst als Zentrum der Philosophie gezeichnet wird.
Eben diese beiden Tendenzen, die der Verpflichtung und die der Abgrenzung gegenüber östlicher Weisheit, finden wir nun auch
in den kaiserzeitlichen Biographien von Philosophen platonischer und pythagoreischer Prägung wieder:” Uns interessiert jetzt vor allem die Strategie der
Abgrenzung, die bereits in Porpyhrios’ Pythagoras-Vita als Abgrenzung
von populärer platonisierender-pythagoreisierender Philosophie etwa
Die
75 Siehe den Text bei Gaiser, K., Philodems Academica.
Berichte über Platon
Cannstatt
und die Alte Akademie in zwei herkulanensischen Papyri, Stuttgart-Bad
\\
1988, 176-181.
d.J. (leider
'7%6 Dazu auch Gaiser (o. Anm. 75) 429-431. Weiterhin berichtet Seneca
gewesen
Athen
in
magi
Platons
Todestag
am
dass
ngabe),
ohne weitere Quellena
es
seien, die ihm geopfert hätten (Sen. ep. 58, 31 = DB II 60.3). Vielleicht handelt
434.
75)
Anm.
(o.
Gaiser
siche
,
Chaldäer
dem
mit
wie
sich um dieselbe Episode
und zu Pla7 Zur Ambivalenz im Umgang mit der alten Urwahrheit und -weisheit
tons Rolle in diesem v.a. kaiserzeitlich-spätantiken Diskurs siche
Erler, M., Legi-
Spätantike,
timation und Projektion: Die ‚Weisheit der Alten‘ im Platonismus der
rg 2001,
Heidelbe
Stahl),
H.
und
Kuhn
D.
v.
(hg.
in: Die Gegenwart des Altertum
Página 13
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)354
ios
philosophischer Mystik integrieren, bleibt zu untersuchen.” Porphyr
deswird jedenfalls in seiner Lebensbeschreibung Plotins nicht müde,
8
Ancienne 19, 1, 2001, 79-97 mit weiteren Literaturangaben.
hen Rei-
Homerica 376 F
, © Porphyrios kennt Schriften des Bardesanes, siehe z.B. Porph.
s’
\
Smith, wo er im Kontext seiner Ausführungen über den Fluss Styx auf Bardesane
i
vollzieht,
Bericht über die Brahmanen als Priestergruppe, die heilige Handlungen
En
En
rekurriert.
bemüht ist
eo Ähnlich um Abgrenzung Plotins von möglichen indischen Einflüssen
24-28. Vgl.
Armstrong, A.H., Plotinus and India, The Classical Quarterly 30, 1936,
dagegen Bréhier, E., La philosophie de Plotin, Paris 1938 (va. chap. 11), der sehr
optimistisch wesentliche Elemente der Philosophie Plotins auf indische Einflüsse
zurückführt.
ie
Ähnlich auch Lacrosse, J., Le Rêve de Plotin et Porphyre, Revue de Philosoph
Erwerb von Weisheit und Wissen im Genre der Philosophenbiographie
Wie oben bereits gezeigt, kommt der aktive und mühevol
le stufenweise
sen der Philosophen in den Osten und nach Indien entsprechen, dass es
sich dabei im Grunde um dieselbe, freilich raumsymbolisch verwandelte
hanVorstellung einer Aneignung alter Traditionen östlicher Provenienz
delt, welche die Biographen für ihre Protagonisten plastisch in Szene
setzen. Anachoresis ist demnach auch eine (Rück-)Reise im Raum (2.).
man freilich fest, dass diesem ‚Zurückgehen‘ auch die räumlic
eher abstrakt ein historisches Zurückgehen bis an die Wurzeln der Weisheit, die im Osten, bei den berühmten eddoxipotvta Edvn liegen: Anaverchoresis ist damit also zunächst im Sinne historischer Recherche zu
stellt
stehen. Mit Blick auf die kaiserzeitlichen Philosophenbiographien
net sind, wieder aufgenommen werden. „Anachoresis' bedeute
te hier (1.)
zurück zu ihrem göttlichen Ursprung, zum Ausdruck. In diesem Zusammenhang soll noch einmal der vielschichtige Begriff avaxwgeiodan, der
Anachoresis, des ‚Rückzuges‘, dem wir vorhin im Numeniostext begegin
tümlichen Schriften, in seiner Konzentration auf Seele und Geist,
Seele
seiner Wendung nach innen, der von ihm geforderten Reise der
Der Abbruch der Indienreise soll aber auch eine dezidierte Abgrenzung
Plotins von neupythagoreischen Tendenzen, seine Andersheit dokumentieren.®' Diese kommt, so Porphyrios nachdrücklich, in Plotins eigen-
5. Plotins Reise der Seele
sen Abneigung gegen Astrologie, Magie und überhaupt traditionell als
orientalisch geltende Weisheitslehren, Wissensgegenstände und religiöse Praktiken in zahlreichen Szenen zu illustrieren und stattdessen nachdrücklich die Originalität dieses ‚heiligen‘ Philosophen und Platonexegeten herauszustellen.°
eines Apollonios erkennbar war und vielmehr der Akzentuierung der
Seriosität des Pythagoras diente. Dies soll exemplarisch am Beispiel von
Porphyrios’ Vita Plotini skizziert werden: Indem er Plotins Reise nach
Persien und Indien scheitern lässt, ihn also nicht zum Adepten persischer
Gelehrter und indischer Gurus macht, grenzt er seinen verehrten Lehrer als seriösen Platoniker gegen andere zeitgenössische „heilige Männer'
(Seto. âvôoes) wie Apollonios von ‘Tyana ab. Dieser erfreut sich, wie
nicht zuletzt Philostrats umfangreiche Biographie beweist, als Indienreisender und Wundertätiger à la Pythagoras noch im 3. Jh. n. Chr. und
zur Zeit des Porphyrios einiger Berühmtheit”? Die romanhafte Überformung der Apollonios-Vita befriedigt ganz offensichtlich nicht zuletzt
ein zeitgenössisches Interesse am Wundersamen, an fernöstlicher Exotik
und esoterischer Phantastik, wie sie in den Indien-Episoden besonders
aufscheinen. Plotin soll demgegenüber in seiner Andersheit abgegrenzt,
in seiner bedingungslosen Seriosität als platonischer Philosoph herausgestellt werden. Uberdies scheint Porphyrios Plotins nicht angetretene
Reise in den Osten als Moment der Abgrenzung gegen zeitgenössische
christliche Apologeten zu funktionalisieren, hatten diese doch spätestens
seit Clemens von Alexandrien die Rolle der Juden als altem Kulturvolk
und ihren Beitrag zur alten BaoBagos copia des Ostens stark gemacht
und somit eine geographisch und historisch legitimierte Autorität und
sogar Priorität jiidisch-christlicher Weisheit gegenüber der jüngeren
hellenischen Philosophie betont. Weiterhin spielt die programmatische
Abgrenzung Plotins von zeitgenössisch-modischen Offenbarungs- und
Mysterienlehren wie denen der Christen, der Gnostiker oder der Anhänger Zoroasters eine wichtige Rolle, welche nicht zuletzt durch die nicht
vollzogene Reise zu den Persern und Indern, mithin durch diesen dezidierten Verweis auf nie zustande gekommene Belehrung zum Ausdruck
gebracht wird (vgl. auch Porph. VP c. 16). Welche Rolle in diesem Kontext zeitgenössische christlich-gnostische Offenbarungslehren etwa eines
Bardesanes (2./3. Jh. n. Chr.) spielen, die bekanntlich Elemente indischer
% Dass Porphyrios Kenntnisse über Apollonios von Tyana hat, wird z.B. aus Porph.
Homerica 376 F Smith (= Stob. I 3, 96) ersichtlich (vgl. Philostr. VA 3,25; 32; 51).
. Die Beliebtheit von Philostrats Apollonios-Vita wird nicht zuletzt an der für Virius
Nicomachus Flavianus (4. Jh. n.Chr.), einen gebildeten Anhänger der heidnischen
Senatsaristokratie, überlieferten lateinischen Fassung dieser Vita (Sidonius Apollinaris ep. 8,3,1) deutlich. Überdies schreibt Porphyrios in der Vita Plotini (c. 16),
dass Anhänger der „alten Philosophie‘ in Rom von Plotin, Amelios und ihm, Porphyrios, widerlegt würden. Siehe auch die Abwehrhaltung Plotins gegen östliche
Offenbarungslehren (ebd. c. 10) und seine Angriffe gegen gnostische Schriften
(ebd. c. 16).
Página 14
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)ektuellen „Entwicklung:
tation zu, so dass diese als Illustration der intell
tender Reisestau.a. im Bild programmatischer Reiserouten und bedeu
diese Texte
tionen zum Ausdruck: Ungeachtet historischer Nuclei lassen
rische Interpregerade mit Blick auf die Reisen allesamt auch eine allego
ht werden, markiellkommnung
eines Philosophen, der Vertiefung und universalen Vervo
und Reiseziele,
seines Denkens verstanden werden dürfen.” Reisewege
sei es, dass sie nur angestrebt, sei es, dass sie erreic
Philosoph bewegt. Reisen nach Indien, die uns v.a.
an die fernsten und
Apuleius für Pythaliterarischer Traren schließlich die Koordinaten philosophischer und
in dem sich ein
ditionen, markieren den geistesgeschichtlichen Raum,
dar: Diese Männer, so sollen wir sehen, gehen bis
e und übernationale
ältesten Wurzeln des Wissens zurück, sie eignen sich das
bekannte Wistrat für Apollogoras und Platon, Diogenes für Demokrit sowie Philos
aus griechischer
nios glaubhaft zu schildern versuchen, stellen dabei die
Form der Reise
Perspektive weiteste, aufwendigste und vollständigste
sen vollständig an, reihen sich in eine überzeitlich
Schriften die Rückdagegen ein
Traditionskette des Wissens und der Philosophie ein. Wenn
e bereits in
Philosoph wie Plotin kaum reist, eine geplante Bildungsreis
ihren Anfängen scheitert und er vielmehr in seinen
en Lebens propagiert,
ayy, guyn)” zu
reise, den Rückzug der Seele (meist Emiorgopn, anahr
fen und Arihrem göttlichen Ursprung, dem Einen, in zahllosen Anläu
gumentationen als höchstes Ziel des menschlich
der Seele zurück
erscheinen die Wendung nach innen sowie die Reise
Diese darf gut
zu ihrem Ursprung als weitere Form der Anachoresis.
verstanden werplatonisch auch als Rückzug aus dem normalen Leben
die
— wie es bei anderen
Plotin liegen
Philosophen im Bild der Reise plastisch wurde. Nach
den,* als Konzentration auf das eigentlich Wichtige
se zu erahdem Intellekt begöttlichen
‚mystische Anachoresis‘
greifbar und nur in seltenen Momenten der seelischen Eksta
allein
Wurzeln der Seele im transzendenten Einen, das
nen ist. Es handelt sich dabei gleichsam um eine
ihrem
(3.), wenn der ganzen Seele punktuell die Rückreise zu
Ursprung gelingt.”
€. 23), viermal der Fall,
61) 22-37.
8 Dazu auch Elsner, Hagiographic Geography (o. Anm.
83 Z,B. Plot. Enn. 4,8 [6] 4, 2; ebd. 7, 26; VI 9 [9] 11, 50f.
ENOL návrwv Hôovijv (sc.
84 Vgl. bereits Plat. Philebus 32b 4: (sc. Eheyov) … dvaXO
elvan).
8 Bei Plotin ist das, nach dem Zeugnis des Porphyrios (VP
Porphyrios selbst gelingt es einmal.