Das Singen der Sirenen

Auteur
Riedweg, C.
Publié dans
UZH Magazin
Année
2015
Sujet
SIRENES
Langue
Deutsch
Catégorie
C2 Musique
Numéro d'archive
7973

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ag ten aars cause: C DOSSIER Stairways to Heaven - weshalb Musik uns gut tut Das Singen der Sirenen Er gilt als Begründer der Musikwissenschaft, setzte Töne therapeutisch ein und schuf ein harmonisches Weltmodell. Pythagoras war halb Guru, halb Gelehrter und eine der schillerndsten Figuren der griechischen Antike. Von Roger Nick] Seinen Namen kennt auch heute noch jedes Schulkind. Pythagoras gilt afs Entdecker der geometrischen Regel, wonach in einem rechtwinkligen Dreieck die Summe der Quadrate über den beiden kürzeren Seiten gleich gross ist wie das Quadrat über der langen Seite. Die Gleichung a +b’=c, die sich wohl wie keine andere tief in unser Gedächtnis cingeritzt hat, bringt diese Erkenntnis mathematisch auf den Punkt. Su weit, so gut: Mehr wissen wir aber meist nicht über den Menschen, dessen geometrischer Beweis über die Jahrtausende den Weg auch in scharte er zahlreiche Gefolgsleute - Männer genauso wie Frauen - um sich. Die Pythagereer führten ein streng reglementiertes, beinahe schon mönchisches Leben, assen vermutlich kein Fleisch, mieden Bohnen wie der Teufel das Weihwasser, liebten die Musik, und sie betrieben Wissenschaft und machten Experimente. So nimmt Pythagoras eine Zwischenposition zwischen Religion und Ratio, zwischen mythischem und wissenschaftlichem Denken ein, die uns aus heutiger Sicht befremden mag. Er war der Anführer einer Artantiker Sekte und gleichzeitig die Schulzimmer des 21. fahrhunderts findet. Zu Unrecht, denn Pythagoras ist eine der schillerndsten Figuren der griechischen Antike. Von ihm stammen vermutlich die Begriffe «Philosophie» und «Kosmos». Und er gab dem Wort «Harmonie» eine Bedeutung, die Denker und Wissenschaftler noch viele Hunderte Jahre nach ihm inspirierte. Christoph Riedweg weiss das. Erboschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Phancmen Pythagoras und hat neben zahlreichen Aufsätzen auch einen schönen Einführungsband zu dessen Leben, Lehre und Wirkung geschrieben. «Pythagoras war gleichzeitig Gelehrter und Guru», sagt der Altphilologe und Experte für die griechische Antike. Pythagoras wurde um 570 vor Christus auf Samos geboren. Mit rund vierzig Jahren verliess cr die Insel in der östlichen Die Seele stimmen psoas 4 «Pythagoras war davon überzeugt, dass die ganze Welt musikalisch aufgebaut ist», sagt Altphilologe Christoph Riedweg, Und wie immer, wenn es um den antiken Guru und Gelehrten geht, wuchern die Legenden, die das belegen wollen, Legenden notabene, die die Grenze zwischen historischer Wahrheit und mythelagischer Überlieferung zuweilen fastbis zur Unkenntlichkeit verschwimmen lassen. Einer dieser berühmten Erzählung nach soll Pythagoras einst an einer Schmiede vorbeigekommen sein. Das Hämmern der Handwerker, daser daraus vernahm, war für ihn nicht bloss Lärm. In den Ohren von Pythagoras wurde vs zu Musik. In den Hammerschlägen konnte der Weise verschiedene Tonintervalle Quarte, Quinte, Oktave - ausmachen, die für ihn kansonant und deshalb angenehm klangen. Eher dissonant und weniger schön tönte in seinen Ohren einzig das Ganztonintervall zwischen Quarte und Quinte. Gemäss der Legende stellte Pythagoras danach fest, dass die verschiedenen Töne und Tonintervalle, die er wahrnahm, durch das unterschiedliche Gewicht der Hämmer entstehen, die die Schmiede benutzten. Inspiriert durch die Erfahrung in der Schmiede soll Pythagoras darauf zuhause diverse Experimente gemacht haben. Dabei hat er herausgefunden, dass jedes konsoein naturwissenschaftlicher Forscher, dessen Ideen zum Teil bis heute nachwirken. Was für uns nante Intervall in einem bestimmten Zahlenverhältnis zum Grundton steht: im Verhältnis 2:1 die Oktave, 3:2 die Quinte, 4:3 die Quarte. Obnicht richtig zusammengehen mag, war in der wohl die Erklärungen, die in den antiken Legenden für diese Entdeckung gegeben werden, zum Ägäis und wanderte nach Unteritalion aus. Dort, Frühzeit der griechischen Antike, in der ['vthagoras lebte, aber gang und gäbe. «Damals dachte man mit grosser Energie und bedingungsieser in Kroton, dem kalabrischen Crotone von heute, Neugierde über die Grundlagen der Welt nach», gründete er einen mysteriösen Geheimbund, der den Forschern bis in unsere Tage Rätsel aufgibt. sagt Christoph Riedweg, «und man wollte, durchaus auch mit brutalen Vereinfachungen, zu einem einheitlichen Modell kommen, das die gesamte Wirklichkeit erklärt.» Religion und Ritual gehören genauso selbstverständlich zu diesem ganzheitlichen Modell wie die Wissenschaft. Dreh- und Angelpunkte von Pythagoras’ Weltmodell aber waren Zahlen und die Musik. Wissenschaftliche Sekte «Pythagoras muss eine unglaubliche Ausstrahlung besessen haben», sagt Christoph Riedwug, «in Unteritalien hat er richtiggehend eingeschlagen.» Wie vin Sektenführer modernen Zuschnitts Teil physikalisch falsch sind, ist das Resultat dennoch richtig. Und so galt Pythagoras bereits in der Antike als Begründer der Musikwissenschaft. Klingender Kosmos «Für Pythagoras war die Erkenntnis, dass der Musik Zahlenverhältnisse zugrunde liegen, ein wichtiger Impuls für sein Denken», ist Christoph Riedweg überzeugt. Denn Zahlen spielten im Leben der Pythagoreer neben der Musik eine ganz zentrale Rolle. Sie waren das, was die Welt

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DOSSIER Stairways to Heaven – weshalb Musik uns gut tut Das Singen der Sirenen Er gilt als Begründer der Musikwissenschaft, setzte Töne therapeutisch ein und schuf ein harmonisches Weltmodell. Pythagoras war halb Guru, halb Gelehrter und eine der schillerndsten Figuren der griechischen Antike. Von Roger Nickl Seinen Namen kennt auch heute noch jedes Schulkind. Pythagoras gilt als Entdecker der geo­ metrischen Regel, wonach in einem rechtwinkli­ gen Dreieck die Summe der Quadrate über den beiden kürzeren Seiten gleich gross ist wie das Quadrat über der langen Seite. Die Gleichung a2 + b2 = c2, die sich wohl wie keine andere tief in unser Gedächtnis eingeritzt hat, bringt diese Er­ kenntnis mathematisch auf den Punkt. So weit, so gut: Mehr wissen wir aber meist nicht über den Menschen, dessen geometrischer Beweis über die Jahrtausende den Weg auch in die Schulzimmer des 21. Jahrhunderts fin­ det. Zu Unrecht, denn Pythagoras ist eine der schillerndsten Figuren der griechischen Antike. Von ihm stammen vermutlich die Begriffe «Philosophie» und «Kosmos». Und er gab dem Wort «Harmonie» eine Bedeu­ tung, die Denker und Wissenschaftler noch viele Hunderte Jahre nach ihm inspirierte. Christoph Riedweg weiss das. Er beschäf­ tigt sich seit vielen Jahren mit dem Phäno­ men Pythagoras und hat neben zahlreichen Aufsätzen auch einen schönen Einführungs­ band zu dessen Leben, Lehre und Wirkung geschrieben. «Pythagoras war gleichzeitig Gelehr­ ter und Guru», sagt der Altphilologe und Experte für die griechische Antike. Pythagoras wurde um 570 vor Christus auf Samos geboren. Mit rund vierzig Jahren verliess er die Insel in der östlichen Ägäis und wanderte nach Unteritalien aus. Dort, in Kroton, dem kalabrischen Crotone von heute, gründete er einen mysteriösen Geheimbund, der den Forschern bis in unsere Tage Rätsel aufgibt. Wissenschaftliche Sekte «Pythagoras muss eine unglaubliche Ausstrah­ lung besessen haben», sagt Christoph Riedweg, «in Unteritalien hat er richtiggehend eingeschla­ gen.» Wie ein Sektenführer modernen Zuschnitts scharte er zahlreiche Gefolgsleute – Männer ge­ nauso wie Frauen – um sich. Die Pythagoreer führten ein streng reglementiertes, beinahe schon mönchisches Leben, assen vermutlich kein Fleisch, mieden Bohnen wie der Teufel das Weih­ wasser, liebten die Musik, und sie betrieben Wis­ senschaft und machten Experimente. So nimmt Pythagoras eine Zwischenposition zwischen Religion und Ratio, zwischen mythi­ schem und wissenschaftlichem Denken ein, die uns aus heutiger Sicht befremden mag. Er war der Anführer einer Art antiker Sekte und gleichzeitig Die Seele stimmen Pythagoras brachte sich jeweils am Morgen mit Musik in die richtige Stimmung. Und er nutzte Musik, um verstimmte Seelen zu behandeln. ein naturwissenschaftlicher Forscher, dessen Ideen zum Teil bis heute nachwirken. Was für uns nicht richtig zusammengehen mag, war in der Frühzeit der griechischen Antike, in der Pytha­ goras lebte, aber gang und gäbe. «Damals dachte man mit grosser Energie und bedingungsloser Neugierde über die Grundlagen der Welt nach», sagt Christoph Riedweg, «und man wollte, durchaus auch mit brutalen Vereinfachungen, zu einem einheitlichen Modell kommen, das die ge­ samte Wirklichkeit erklärt.» Religion und Ritual gehören genauso selbstverständlich zu diesem ganzheitlichen Modell wie die Wissenschaft. Dreh­ und Angelpunkte von Pythagoras’ Weltmodell aber waren Zahlen und die Musik. «Pythagoras war davon überzeugt, dass die ganze Welt musikalisch aufgebaut ist», sagt Alt­ philologe Christoph Riedweg. Und wie immer, wenn es um den antiken Guru und Gelehrten geht, wuchern die Legenden, die das belegen wollen. Legenden notabene, die die Grenze zwi­ schen historischer Wahrheit und mythologischer Überlieferung zuweilen fast bis zur Unkenntlich­ keit verschwimmen lassen. Einer dieser berühm­ ten Erzählung nach soll Pythagoras einst an einer Schmiede vorbeigekommen sein. Das Hämmern der Handwerker, das er daraus vernahm, war für ihn nicht bloss Lärm. In den Ohren von Pythago­ ras wurde es zu Musik. In den Hammerschlägen konnte der Weise verschiedene Tonintervalle – Quarte, Quinte, Oktave – ausmachen, die für ihn konsonant und deshalb angenehm klangen. Eher dissonant und weniger schön tönte in sei­ nen Ohren einzig das Ganztonintervall zwischen Quarte und Quinte. Gemäss der Legende stellte Pythagoras danach fest, dass die verschiedenen Töne und Toninter­ valle, die er wahrnahm, durch das unter­ schiedliche Gewicht der Hämmer entste­ hen, die die Schmiede benutzten. Inspiriert durch die Erfahrung in der Schmiede soll Pythagoras darauf zuhause diverse Experimente gemacht haben. Dabei hat er herausgefunden, dass jedes konso­ nante Intervall in einem bestimmten Zah­ lenverhältnis zum Grundton steht: im Verhältnis 2:1 die Oktave, 3:2 die Quinte, 4:3 die Quarte. Ob­ wohl die Erklärungen, die in den antiken Legen­ den für diese Entdeckung gegeben werden, zum Teil physikalisch falsch sind, ist das Resultat den­ noch richtig. Und so galt Pythagoras bereits in der Antike als Begründer der Musikwissenschaft. Klingender Kosmos «Für Pythagoras war die Erkenntnis, dass der Musik Zahlenverhältnisse zugrunde liegen, ein wichtiger Impuls für sein Denken», ist Christoph Riedweg überzeugt. Denn Zahlen spielten im Leben der Pythagoreer neben der Musik eine ganz zentrale Rolle. Sie waren das, was die Welt MAGAZIN 3/15 07.09.15 10:34

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im Innersten zusammenhält. Dies spiegelte sich in mathematischen Gleichungen, die die Natur erklärten, genauso wie in einer mystisch ange­ hauchten Zahlensymbolik, für die sich die Pytha­ goreer brennend interessierten. Da sich nun aber im Experiment erwiesen hatte, dass sogar der harmonische Zusammenklang verschiedener Töne dem Gesetz und den Proportionen von Zah­ len folgte, wurde für Pythagoras die ganze Welt Musik. Und so begann der Kosmos in seinen Ohren zu klingen und zu singen. «Das war der springende Punkt», sagt Christoph Riedweg. Das Wort «Kosmos» hiess im Altgriechischen ursprünglich «Schmuck, Zier, Ordnung, Glanz», bis ihm Pythagoras eine neue Bedeutung gab. Er legte den Begriff vermutlich als Erster im Sinne eines wohlgeordneten Ganzen aus und übertrug ihn auf die Welt. «Dahinter stand die Vorstellung, dass das Universum eine wunderbare Maschine­ rie ist, in der viel mehr zahlenhafte Strukturen stecken, als man annahm», sagt Riedweg, «Pytha­ goras ging davon aus, dass diese Strukturen im Wesentlichen den Gesetzmässigkeiten und Pro­ portionen gehorchten, die er in seinen musikali­ schen Experimenten gefunden hatte.» Die Pythagoreer ordneten deshalb in ihrem Modell des Kosmos die damals bekannten Plane­ ten in harmonischen Proportionen an und liessen sie um ein Feuer, das im Mittelpunkt ihres Welt­ bildes stand, kreisen. In ihrer Vorstellung beweg­ ten sich die Planeten in himmlischen Schalen, den Sphären. Und sie taten dies unterschiedlich schnell, wobei jeder Planet einen bestimmten Ton erzeugte. Im Gesamtklang ergab dies eine himm­ lisch­harmonische Sphärenmusik, die für Nor­ malsterbliche nicht wahrnehmbar war. Pythago­ ras dagegen, dem in der antiken Überlieferung immer wieder einmal übermenschliche Fähigkei­ ten zugesprochen werden, soll die himmlischen Klänge vernommen und sie seinen Jüngern ver­ mittelt haben. So fantastisch die Vorstellung der kosmischen Sphärenmusik sein mag: Sie hat viele Forscher und Denker angeregt. Bereits Platon liess sich über hundert Jahre später davon inspirieren. In seiner mythischen Auslegung waren jedoch nicht die Planeten, sondern auf den himmlischen Scha­ len platzierte Sirenen, weibliche Fabelwesen, für die Sphärenmusik verantwortlich. Gut zweitau­ send Jahre später fand die Idee der Sphärenmusik 44 dann auch Eingang in Johannes Keplers berühm­ tes Werk «Harmonia mundi» (1618). Kepler, der grosse deutsche Astronom, der die Gesetzmäs­ sigkeiten entdeckte, nach denen die Planeten um die Sonne kreisen, zeigte sich darin ergriffen von der himmlischen Harmonie, die sich ihm in sei­ nen astronomischen Studien zeigte. «Denn wir sehen hier, wie Gott gleich einem menschlichen Baumeister, der Ordnung und Regel gemäss, an die Grundlegung der Welt herangetreten ist», schrieb Kepler euphorisch. Bis in unsere Gegenwart gerettet haben sich die Vorstellungen der Pythagoreer vor allem in Kunst und Ästhetik. So entwarf beispielsweise «Pythagoras glaubte, dass die Seele und die Musik zahlenhaft sind. Das macht es möglich, dass Musik auf die Seele einwirken kann.» Christoph Riedweg, Altphilologe der 2007 verstorbene, bedeutende Schweizer Ar­ chitekt André M. Studer seine Gebäude nach har­ monischen Prinzipien und baute so quasi im Moment eingefrorene Musik. Beruhigende Klänge der Lyra Kehren wir zurück in die Antike: Musik spielte bei den Pythagoreern nicht nur im Nachdenken über die Welt und den Kosmos die erste Geige. Sie war auch im Alltag von Pythagoras und sei­ nen Gefolgsleuten allgegenwärtig. So soll sich der griechische Denker schon am Morgen jeweils mit Musik in die richtige Stimmung gebracht haben. Und er hat vermutlich die Musiktherapie erfun­ den, quasi um verstimmte Seelen zu behandeln. «Dahinter steckte die Idee, dass die Seele und die Musik zahlenhaft sind», sagt Christoph Riedweg, «diese strukturelle Gemeinsamkeit macht es aus Sicht der Pythagoreer möglich, dass Musik auf die Seele einwirken kann.» Unterstützt wurde dieser Gedanke von der in der Antike weit verbreiteten Vorstellung, dass bestimmte Tonarten auch ganz spezifische Wir­ kungen auf den Menschen haben. Die dorische Tonart beispielsweise galt als gesetzt und bestär­ kend, die lydische dagegen als «schlaff» und für Trinkgelage geeignet. Darüber, wie Pythagoras diese Kraft der Musik nutzte, um auf die mensch­ liche Seele zu wirken, erzählt eine weitere Legen­ de: Sie dreht sich um eine erotisch erhitzte Bande von Jugendlichen, die einer schönen Frau nach­ stellt und in ihr Schlafgemach steigen wollte. Py­ thagoras sah das und stimmte, um ein Unglück zu verhindern, eine getragene, besänftigende Melodie auf seiner Lyra an. Nicht ohne Folgen: Die Gemüter kühlten ab und die Jugendlichen liessen von ihrem Vorhaben ab. Soziale Harmonie herstellen Mit Hilfe der Musik gelingt es Pythagoras in die­ ser Legende, einen gesellschaftlichen Konflikt zu vermeiden. Die soziale Harmonie spielte auch in seinem politischen Denken eine wichtige Rolle. Besonders in Unteritalien hatte der charismati­ sche Philosoph als Berater einen grossen Einfluss auf die Politiker seiner neuen Heimatstadt Kro­ ton. «Er plädierte dafür, dass die Differenz zwi­ schen Armen und Reichen nicht zu gross sein darf, weil sonst die Harmonia gestört ist und der Kosmos in Unordnung kommt», sagt Antiken­ Experte Riedweg. Und er fügt schmunzelnd hinzu: «Pythagoras wusste schon lange vor der Abstimmung über die Initiative «1:12 – für ge­ rechte Löhne», dass eine zu grosse Ungleichheit sozialen Sprengstoff birgt.» Um Unruhen zu ver­ hindern, sprach er sich deshalb für eine gewisse Schlichtheit aus und forderte etwa den Verzicht darauf, Schmuck und Reichtum in der Öffentlich­ keit allzu üppig zur Schau zu stellen. Geht es um Pythagoras, zieht Christoph Ried­ weg immer wieder Vergleiche mit der Gegenwart, und so rückt die Antike zuweilen in unmittelba­ re Nähe zu uns. «Man könnte ihn sich heute bes­ tens als gut verdienenden Consultant vorstellen», sagt der Forscher. Denn Pythagoras hat eine prak­ tische Lebenslehre vertreten, die zur gewissen­ haften Selbstreflexion, zu Mässigung und Be­ scheidenheit, aber auch zur Verpflichtung gegen­ über den Mitmenschen anleitet – denn im harmo­ nischen Kosmos sind letztlich alle miteinander verbunden. «Mit seinen Konzepten hätte er heute sicher grossen Erfolg», ist Riedweg überzeugt. Kontakt: Prof. Christoph Riedweg, christoph.riedweg@sglp.uzh.ch Literatur: Christoph Riedweg: Pythagoras – Leben, Lehre, Nachwirkung, C.H. Beck Verlag, 2. Auflage, München 2007 07.09.15 10:34