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DOSSIER Stairways to Heaven - weshalb Musik uns gut tut
Das Singen der Sirenen
Er gilt als Begründer der Musikwissenschaft, setzte Töne therapeutisch ein und
schuf ein harmonisches Weltmodell. Pythagoras war halb Guru, halb Gelehrter
und eine der schillerndsten Figuren der griechischen Antike. Von Roger Nick]
Seinen Namen kennt auch heute noch jedes
Schulkind. Pythagoras gilt afs Entdecker der geometrischen Regel, wonach in einem rechtwinkligen Dreieck die Summe der Quadrate über den
beiden kürzeren Seiten gleich gross ist wie das
Quadrat über der langen Seite. Die Gleichung
a +b’=c, die sich wohl wie keine andere tief in
unser Gedächtnis cingeritzt hat, bringt diese Erkenntnis mathematisch auf den Punkt.
Su weit, so gut: Mehr wissen wir aber meist
nicht über den Menschen, dessen geometrischer
Beweis über die Jahrtausende den Weg auch in
scharte er zahlreiche Gefolgsleute - Männer genauso wie Frauen - um sich. Die Pythagereer
führten ein streng reglementiertes, beinahe
schon mönchisches Leben, assen vermutlich kein
Fleisch, mieden Bohnen wie der Teufel das Weihwasser, liebten die Musik, und sie betrieben Wissenschaft und machten Experimente.
So nimmt Pythagoras eine Zwischenposition
zwischen Religion und Ratio, zwischen mythischem und wissenschaftlichem Denken ein, die
uns aus heutiger Sicht befremden mag. Er war der
Anführer einer Artantiker Sekte und gleichzeitig
die Schulzimmer des 21. fahrhunderts findet. Zu Unrecht, denn Pythagoras ist eine
der schillerndsten Figuren der griechischen
Antike. Von ihm stammen vermutlich die
Begriffe «Philosophie» und «Kosmos». Und
er gab dem Wort «Harmonie» eine Bedeutung, die Denker und Wissenschaftler noch
viele Hunderte Jahre nach ihm inspirierte.
Christoph Riedweg weiss das. Erboschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Phancmen Pythagoras und hat neben zahlreichen
Aufsätzen auch einen schönen Einführungsband zu dessen Leben, Lehre und Wirkung
geschrieben. «Pythagoras war gleichzeitig Gelehrter und Guru», sagt der Altphilologe und Experte
für die griechische Antike. Pythagoras wurde um
570 vor Christus auf Samos geboren. Mit rund
vierzig Jahren verliess cr die Insel in der östlichen
Die Seele stimmen
psoas 4
«Pythagoras war davon überzeugt, dass die
ganze Welt musikalisch aufgebaut ist», sagt Altphilologe Christoph Riedweg, Und wie immer,
wenn es um den antiken Guru und Gelehrten
geht, wuchern die Legenden, die das belegen
wollen, Legenden notabene, die die Grenze zwischen historischer Wahrheit und mythelagischer
Überlieferung zuweilen fastbis zur Unkenntlichkeit verschwimmen lassen. Einer dieser berühmten Erzählung nach soll Pythagoras einst an einer
Schmiede vorbeigekommen sein. Das Hämmern
der Handwerker, daser daraus vernahm, war für
ihn nicht bloss Lärm. In den Ohren von Pythagoras wurde vs zu Musik. In den Hammerschlägen
konnte der Weise verschiedene Tonintervalle Quarte, Quinte, Oktave - ausmachen, die für ihn
kansonant und deshalb angenehm klangen. Eher
dissonant und weniger schön tönte in seinen Ohren einzig das Ganztonintervall
zwischen Quarte und Quinte. Gemäss der
Legende stellte Pythagoras danach fest,
dass die verschiedenen Töne und Tonintervalle, die er wahrnahm, durch das unterschiedliche Gewicht der Hämmer entstehen, die die Schmiede benutzten.
Inspiriert durch die Erfahrung in der
Schmiede soll Pythagoras darauf zuhause
diverse Experimente gemacht haben. Dabei
hat er herausgefunden, dass jedes konsoein naturwissenschaftlicher Forscher, dessen
Ideen zum Teil bis heute nachwirken. Was für uns
nante Intervall in einem bestimmten Zahlenverhältnis zum Grundton steht: im Verhältnis
2:1 die Oktave, 3:2 die Quinte, 4:3 die Quarte. Obnicht richtig zusammengehen mag, war in der
wohl die Erklärungen, die in den antiken Legenden für diese Entdeckung gegeben werden, zum
Ägäis und wanderte nach Unteritalion aus. Dort,
Frühzeit der griechischen Antike, in der ['vthagoras lebte, aber gang und gäbe. «Damals dachte
man mit grosser Energie und bedingungsieser
in Kroton, dem kalabrischen Crotone von heute,
Neugierde über die Grundlagen der Welt nach»,
gründete er einen mysteriösen Geheimbund, der
den Forschern bis in unsere Tage Rätsel aufgibt.
sagt Christoph Riedweg, «und man wollte,
durchaus auch mit brutalen Vereinfachungen, zu
einem einheitlichen Modell kommen, das die gesamte Wirklichkeit erklärt.» Religion und Ritual
gehören genauso selbstverständlich zu diesem
ganzheitlichen Modell wie die Wissenschaft.
Dreh- und Angelpunkte von Pythagoras’
Weltmodell aber waren Zahlen und die Musik.
Wissenschaftliche Sekte
«Pythagoras muss eine unglaubliche Ausstrahlung besessen haben», sagt Christoph Riedwug,
«in Unteritalien hat er richtiggehend eingeschlagen.» Wie vin Sektenführer modernen Zuschnitts
Teil physikalisch falsch sind, ist das Resultat dennoch richtig. Und so galt Pythagoras bereits in der
Antike als Begründer der Musikwissenschaft.
Klingender Kosmos
«Für Pythagoras war die Erkenntnis, dass der
Musik Zahlenverhältnisse zugrunde liegen, ein
wichtiger Impuls für sein Denken», ist Christoph
Riedweg überzeugt. Denn Zahlen spielten im
Leben der Pythagoreer neben der Musik eine
ganz zentrale Rolle. Sie waren das, was die Welt
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)DOSSIER Stairways to Heaven – weshalb Musik uns gut tut
Das Singen der Sirenen
Er gilt als Begründer der Musikwissenschaft, setzte Töne therapeutisch ein und
schuf ein harmonisches Weltmodell. Pythagoras war halb Guru, halb Gelehrter
und eine der schillerndsten Figuren der griechischen Antike. Von Roger Nickl
Seinen Namen kennt auch heute noch jedes
Schulkind. Pythagoras gilt als Entdecker der geo
metrischen Regel, wonach in einem rechtwinkli
gen Dreieck die Summe der Quadrate über den
beiden kürzeren Seiten gleich gross ist wie das
Quadrat über der langen Seite. Die Gleichung
a2 + b2 = c2, die sich wohl wie keine andere tief in
unser Gedächtnis eingeritzt hat, bringt diese Er
kenntnis mathematisch auf den Punkt.
So weit, so gut: Mehr wissen wir aber meist
nicht über den Menschen, dessen geometrischer
Beweis über die Jahrtausende den Weg auch in
die Schulzimmer des 21. Jahrhunderts fin
det. Zu Unrecht, denn Pythagoras ist eine
der schillerndsten Figuren der griechischen
Antike. Von ihm stammen vermutlich die
Begriffe «Philosophie» und «Kosmos». Und
er gab dem Wort «Harmonie» eine Bedeu
tung, die Denker und Wissenschaftler noch
viele Hunderte Jahre nach ihm inspirierte.
Christoph Riedweg weiss das. Er beschäf
tigt sich seit vielen Jahren mit dem Phäno
men Pythagoras und hat neben zahlreichen
Aufsätzen auch einen schönen Einführungs
band zu dessen Leben, Lehre und Wirkung
geschrieben. «Pythagoras war gleichzeitig Gelehr
ter und Guru», sagt der Altphilologe und Experte
für die griechische Antike. Pythagoras wurde um
570 vor Christus auf Samos geboren. Mit rund
vierzig Jahren verliess er die Insel in der östlichen
Ägäis und wanderte nach Unteritalien aus. Dort,
in Kroton, dem kalabrischen Crotone von heute,
gründete er einen mysteriösen Geheimbund, der
den Forschern bis in unsere Tage Rätsel aufgibt.
Wissenschaftliche Sekte
«Pythagoras muss eine unglaubliche Ausstrah
lung besessen haben», sagt Christoph Riedweg,
«in Unteritalien hat er richtiggehend eingeschla
gen.» Wie ein Sektenführer modernen Zuschnitts
scharte er zahlreiche Gefolgsleute – Männer ge
nauso wie Frauen – um sich. Die Pythagoreer
führten ein streng reglementiertes, beinahe
schon mönchisches Leben, assen vermutlich kein
Fleisch, mieden Bohnen wie der Teufel das Weih
wasser, liebten die Musik, und sie betrieben Wis
senschaft und machten Experimente.
So nimmt Pythagoras eine Zwischenposition
zwischen Religion und Ratio, zwischen mythi
schem und wissenschaftlichem Denken ein, die
uns aus heutiger Sicht befremden mag. Er war der
Anführer einer Art antiker Sekte und gleichzeitig
Die Seele stimmen
Pythagoras brachte sich jeweils am
Morgen mit Musik in die richtige
Stimmung. Und er nutzte Musik, um
verstimmte Seelen zu behandeln.
ein naturwissenschaftlicher Forscher, dessen
Ideen zum Teil bis heute nachwirken. Was für uns
nicht richtig zusammengehen mag, war in der
Frühzeit der griechischen Antike, in der Pytha
goras lebte, aber gang und gäbe. «Damals dachte
man mit grosser Energie und bedingungsloser
Neugierde über die Grundlagen der Welt nach»,
sagt Christoph Riedweg, «und man wollte,
durchaus auch mit brutalen Vereinfachungen, zu
einem einheitlichen Modell kommen, das die ge
samte Wirklichkeit erklärt.» Religion und Ritual
gehören genauso selbstverständlich zu diesem
ganzheitlichen Modell wie die Wissenschaft.
Dreh und Angelpunkte von Pythagoras’
Weltmodell aber waren Zahlen und die Musik.
«Pythagoras war davon überzeugt, dass die
ganze Welt musikalisch aufgebaut ist», sagt Alt
philologe Christoph Riedweg. Und wie immer,
wenn es um den antiken Guru und Gelehrten
geht, wuchern die Legenden, die das belegen
wollen. Legenden notabene, die die Grenze zwi
schen historischer Wahrheit und mythologischer
Überlieferung zuweilen fast bis zur Unkenntlich
keit verschwimmen lassen. Einer dieser berühm
ten Erzählung nach soll Pythagoras einst an einer
Schmiede vorbeigekommen sein. Das Hämmern
der Handwerker, das er daraus vernahm, war für
ihn nicht bloss Lärm. In den Ohren von Pythago
ras wurde es zu Musik. In den Hammerschlägen
konnte der Weise verschiedene Tonintervalle –
Quarte, Quinte, Oktave – ausmachen, die für ihn
konsonant und deshalb angenehm klangen. Eher
dissonant und weniger schön tönte in sei
nen Ohren einzig das Ganztonintervall
zwischen Quarte und Quinte. Gemäss der
Legende stellte Pythagoras danach fest,
dass die verschiedenen Töne und Toninter
valle, die er wahrnahm, durch das unter
schiedliche Gewicht der Hämmer entste
hen, die die Schmiede benutzten.
Inspiriert durch die Erfahrung in der
Schmiede soll Pythagoras darauf zuhause
diverse Experimente gemacht haben. Dabei
hat er herausgefunden, dass jedes konso
nante Intervall in einem bestimmten Zah
lenverhältnis zum Grundton steht: im Verhältnis
2:1 die Oktave, 3:2 die Quinte, 4:3 die Quarte. Ob
wohl die Erklärungen, die in den antiken Legen
den für diese Entdeckung gegeben werden, zum
Teil physikalisch falsch sind, ist das Resultat den
noch richtig. Und so galt Pythagoras bereits in der
Antike als Begründer der Musikwissenschaft.
Klingender Kosmos
«Für Pythagoras war die Erkenntnis, dass der
Musik Zahlenverhältnisse zugrunde liegen, ein
wichtiger Impuls für sein Denken», ist Christoph
Riedweg überzeugt. Denn Zahlen spielten im
Leben der Pythagoreer neben der Musik eine
ganz zentrale Rolle. Sie waren das, was die Welt
MAGAZIN 3/15
07.09.15 10:34
Página 3
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)im Innersten zusammenhält. Dies spiegelte sich
in mathematischen Gleichungen, die die Natur
erklärten, genauso wie in einer mystisch ange
hauchten Zahlensymbolik, für die sich die Pytha
goreer brennend interessierten. Da sich nun aber
im Experiment erwiesen hatte, dass sogar der
harmonische Zusammenklang verschiedener
Töne dem Gesetz und den Proportionen von Zah
len folgte, wurde für Pythagoras die ganze Welt
Musik. Und so begann der Kosmos in seinen
Ohren zu klingen und zu singen. «Das war der
springende Punkt», sagt Christoph Riedweg.
Das Wort «Kosmos» hiess im Altgriechischen
ursprünglich «Schmuck, Zier, Ordnung, Glanz»,
bis ihm Pythagoras eine neue Bedeutung gab. Er
legte den Begriff vermutlich als Erster im Sinne
eines wohlgeordneten Ganzen aus und übertrug
ihn auf die Welt. «Dahinter stand die Vorstellung,
dass das Universum eine wunderbare Maschine
rie ist, in der viel mehr zahlenhafte Strukturen
stecken, als man annahm», sagt Riedweg, «Pytha
goras ging davon aus, dass diese Strukturen im
Wesentlichen den Gesetzmässigkeiten und Pro
portionen gehorchten, die er in seinen musikali
schen Experimenten gefunden hatte.»
Die Pythagoreer ordneten deshalb in ihrem
Modell des Kosmos die damals bekannten Plane
ten in harmonischen Proportionen an und liessen
sie um ein Feuer, das im Mittelpunkt ihres Welt
bildes stand, kreisen. In ihrer Vorstellung beweg
ten sich die Planeten in himmlischen Schalen, den
Sphären. Und sie taten dies unterschiedlich
schnell, wobei jeder Planet einen bestimmten Ton
erzeugte. Im Gesamtklang ergab dies eine himm
lischharmonische Sphärenmusik, die für Nor
malsterbliche nicht wahrnehmbar war. Pythago
ras dagegen, dem in der antiken Überlieferung
immer wieder einmal übermenschliche Fähigkei
ten zugesprochen werden, soll die himmlischen
Klänge vernommen und sie seinen Jüngern ver
mittelt haben.
So fantastisch die Vorstellung der kosmischen
Sphärenmusik sein mag: Sie hat viele Forscher
und Denker angeregt. Bereits Platon liess sich
über hundert Jahre später davon inspirieren. In
seiner mythischen Auslegung waren jedoch nicht
die Planeten, sondern auf den himmlischen Scha
len platzierte Sirenen, weibliche Fabelwesen, für
die Sphärenmusik verantwortlich. Gut zweitau
send Jahre später fand die Idee der Sphärenmusik
44
dann auch Eingang in Johannes Keplers berühm
tes Werk «Harmonia mundi» (1618). Kepler, der
grosse deutsche Astronom, der die Gesetzmäs
sigkeiten entdeckte, nach denen die Planeten um
die Sonne kreisen, zeigte sich darin ergriffen von
der himmlischen Harmonie, die sich ihm in sei
nen astronomischen Studien zeigte. «Denn wir
sehen hier, wie Gott gleich einem menschlichen
Baumeister, der Ordnung und Regel gemäss, an
die Grundlegung der Welt herangetreten ist»,
schrieb Kepler euphorisch.
Bis in unsere Gegenwart gerettet haben sich
die Vorstellungen der Pythagoreer vor allem in
Kunst und Ästhetik. So entwarf beispielsweise
«Pythagoras glaubte, dass die
Seele und die Musik zahlenhaft sind.
Das macht es möglich, dass Musik
auf die Seele einwirken kann.»
Christoph Riedweg, Altphilologe
der 2007 verstorbene, bedeutende Schweizer Ar
chitekt André M. Studer seine Gebäude nach har
monischen Prinzipien und baute so quasi im
Moment eingefrorene Musik.
Beruhigende Klänge der Lyra
Kehren wir zurück in die Antike: Musik spielte
bei den Pythagoreern nicht nur im Nachdenken
über die Welt und den Kosmos die erste Geige.
Sie war auch im Alltag von Pythagoras und sei
nen Gefolgsleuten allgegenwärtig. So soll sich der
griechische Denker schon am Morgen jeweils mit
Musik in die richtige Stimmung gebracht haben.
Und er hat vermutlich die Musiktherapie erfun
den, quasi um verstimmte Seelen zu behandeln.
«Dahinter steckte die Idee, dass die Seele und die
Musik zahlenhaft sind», sagt Christoph Riedweg,
«diese strukturelle Gemeinsamkeit macht es aus
Sicht der Pythagoreer möglich, dass Musik auf
die Seele einwirken kann.»
Unterstützt wurde dieser Gedanke von der in
der Antike weit verbreiteten Vorstellung, dass
bestimmte Tonarten auch ganz spezifische Wir
kungen auf den Menschen haben. Die dorische
Tonart beispielsweise galt als gesetzt und bestär
kend, die lydische dagegen als «schlaff» und für
Trinkgelage geeignet. Darüber, wie Pythagoras
diese Kraft der Musik nutzte, um auf die mensch
liche Seele zu wirken, erzählt eine weitere Legen
de: Sie dreht sich um eine erotisch erhitzte Bande
von Jugendlichen, die einer schönen Frau nach
stellt und in ihr Schlafgemach steigen wollte. Py
thagoras sah das und stimmte, um ein Unglück
zu verhindern, eine getragene, besänftigende
Melodie auf seiner Lyra an. Nicht ohne Folgen:
Die Gemüter kühlten ab und die Jugendlichen
liessen von ihrem Vorhaben ab.
Soziale Harmonie herstellen
Mit Hilfe der Musik gelingt es Pythagoras in die
ser Legende, einen gesellschaftlichen Konflikt zu
vermeiden. Die soziale Harmonie spielte auch in
seinem politischen Denken eine wichtige Rolle.
Besonders in Unteritalien hatte der charismati
sche Philosoph als Berater einen grossen Einfluss
auf die Politiker seiner neuen Heimatstadt Kro
ton. «Er plädierte dafür, dass die Differenz zwi
schen Armen und Reichen nicht zu gross sein
darf, weil sonst die Harmonia gestört ist und der
Kosmos in Unordnung kommt», sagt Antiken
Experte Riedweg. Und er fügt schmunzelnd
hinzu: «Pythagoras wusste schon lange vor der
Abstimmung über die Initiative «1:12 – für ge
rechte Löhne», dass eine zu grosse Ungleichheit
sozialen Sprengstoff birgt.» Um Unruhen zu ver
hindern, sprach er sich deshalb für eine gewisse
Schlichtheit aus und forderte etwa den Verzicht
darauf, Schmuck und Reichtum in der Öffentlich
keit allzu üppig zur Schau zu stellen.
Geht es um Pythagoras, zieht Christoph Ried
weg immer wieder Vergleiche mit der Gegenwart,
und so rückt die Antike zuweilen in unmittelba
re Nähe zu uns. «Man könnte ihn sich heute bes
tens als gut verdienenden Consultant vorstellen»,
sagt der Forscher. Denn Pythagoras hat eine prak
tische Lebenslehre vertreten, die zur gewissen
haften Selbstreflexion, zu Mässigung und Be
scheidenheit, aber auch zur Verpflichtung gegen
über den Mitmenschen anleitet – denn im harmo
nischen Kosmos sind letztlich alle miteinander
verbunden. «Mit seinen Konzepten hätte er heute
sicher grossen Erfolg», ist Riedweg überzeugt.
Kontakt: Prof. Christoph Riedweg,
christoph.riedweg@sglp.uzh.ch
Literatur: Christoph Riedweg: Pythagoras – Leben,
Lehre, Nachwirkung, C.H. Beck Verlag, 2. Auflage,
München 2007
07.09.15 10:34