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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)WISSENSCHAFTLICHE ZEITSCHRIFT DER HUMBOLDT-UNIVERSITAT ZU BERLIN
GESELLSCHAFTS- UND SPRACHWISSENSCHAFTLICHE REIHE : JG. XV (1986) HEFT 3
HERAUSGEBER:
AD
oAs
.uPe—nr
DER
REKTOR
RUDOLF SCHOTTLAENDER
Musik als Brücke zwischen Mathematik und Medizin in den Anfängen des Pythagoreismus
Unser ältestes glaubwürdiges Zeugnis über die Stelgleichzeitig die von der natiirlichen Stimme erzeugten
lung des Pythagoras von Samos in seiner zweiten Hei-
Tòne und Worte und die dem Kunstprodukt eigenen
mat Kroton in Unteritalien ist eine Nachricht des Ari-
Klänge hervorbringt. Aber gerade daß der Musiker ein
stoteles in einem der wenigen Fragmente seiner Schrift
zu seinem eigenen Spiel Singender und Sagender ist,
„Über die Pythagoreer“. Dieses Zitat aus der verlorekennzeichnet die apollonische Musik. Nur so kam es
nen aristotelischen Schrift besagt, für Pythagoras hätzur Ausbildung einer lyrischen Liederdichtung. Erst in
ten die Krotoniaten
die Anrede
„Apollon
Hyperbounseren Streichern, von der mittelalterlichen
„Fidel“
reios“ !. Den Volksnamen „Hyperboreer“ verstand man
an, löst sich das Saiteninstrument von der Stimme und
im Altertum in dem Sinne, daß er einen im Norden
verselbständigt sich wie in den Blisern. Aber im Alter-
„jenseits
der Stürme“
wohnenden
Stamm
bezeichne.
tum
waren
Lyra,
Kithara
und
die
harfenähnliche
Bei den Hyperboreern soll der Gott Apollon Verehrung
Phorminx, denen der zupfende Finger oder das schlagenossen haben; bei ihnen, so glaubte man, überwintere
gende Stäbchen den Klang entlockte, die Instrumente
er. Für ein griechisches Ohr enthielt schon der Name
des Sängers, zu denen er sein Lied ertönen ließ. Als
-$in
„Pythagoras“
Kitharode bezaubert, bewegt, besänftigt Orpheus die
„Pytho“ hieß die Landschaft um Delphi, wo Apollons
Menschen,
meri
berühmtester Tempel stand und seine Orakel verkündas Meer. Auch im Altertum gab es schon Flöten, auf
TeDEU©NGaRNET
eine
Hindeutung
auf
Apollon.
Denn
Bäume,
die Steine,
den
Wind und
det wurden. „Pythagoras“ klang also wie „der, aus dem
denen zur Kithara gespielt wurde. Aber in dieser Art
der Pythier Apollon spricht“. Wie der Name „Apollon“
von Begleitung fehlte das Wort, und die Sprache der
zu deuten sei, ist unsicher. Die volkstümlichste Seite im
Worte gehört unabdingbar zu Apollon.
Wesen dieses Gottes haben die Römer, gerade weil sie
Der Anfang einer Ode Pindars (der ersten pythischen)
ein fremdes Volk waren, von Anfang an gut erfaßt.
Hierüber erfahren wir aus Macrobius, einem lateinivergegenwärtigt
die
Wirkung
des
göttlichen
Saiten-
„Apollons und der dunkellockigen Musen“
aus dem Namen „Apollon“ von jeher den Anklang an
Das Auffallendste ist, daß das „Schwingen“ der angedas lateinische Verbum
,pellere“
(treiben)
herausgegepriesen.
rührten Saiten und die davon ausgehenden
„raschen
hört und den Gott als „Übelvertreiber“ aufgefaßt.? Das
Würfe“
stimmt ausgezeichnet zu den verschiedenen Funktionen,
sehen werden, die das sonst Wacheste, Wildeste, Wütigdie dem Apollon zugeschrieben werden, in erster Linie
zu seiner Eigenschaft als Gott der Heilkunde und Vater des Asklepios (lat. Aesculapius), des mythischen
Ahnherrn jenes uralten Ärztegeschlechtes auf der Insel
Kos,
der
Asklepiaden,
deren
bedeutendster
Sproß
¿
Hippokrates war, der Begründer der wissenschaftlichen
Medizin.
Uns zunächst fremder ist die Vorstellung, daß auch die
Musik die Kraft haben sollte, Übel auszutreiben oder
:
abzuwehren. Und doch wurzeln das Musikalische und
-
das Medizinische
gleichtief
im
Wesen
Apollons.
Die
Sage macht ihn zum Vater des Sängers Linos und diesen wieder zum Urgroßvater des Orpheus. Er ist der
Gott des Saitenspiels, nicht aber des Fiôtenspiels, zu
dem er sogar in einen Gegensatz gebracht wird. Daß die
von seinem
unglücklichen
Rivalen
Marsyas
geblasene
Flöte das Gesicht entstelle, ist ein oberflächlicher Er-
| klärungsversuch. Der Grund muß tiefer gesucht werden. Ein Bläser kann nicht zugleich singen; das Blas= instrument läßt es nicht zu. daß einunddieselbe Person
als
Ursache einer wunderbaren
Ruhe
angeste — den Adler des Zeus, den Kriegsgott Ares — unwiderstehlich erfaßt. Daß die Erquickung heilender Art
ist, wird ausdrücklich gesagt. Es ist die Ruhe „jenseits
der Stürme“,
in
der man
sich
das
Hyperboreervolk
wohnend dachte.
Bei den Pythagoreern herrschte die Überzeugung vor,
daß die Musik eine „Reinigung“ (katharsis) bewirke.
Die
Reinigungsriten
charakterisieren
keinen
antiken
Gotteskult so sehr wie den des Apollon. Aischylos nennt
ihn den „Seherarzt“ und „Reiniger“ ”. Die „Kathartik“,
wie Erwin Rohde sie einst in seinem heute noch grundlegenden Werk „Psyche“ genannt hat, ist ein hervorstechender Zug, durch den sich die griechische Religion
in den Jahrhunderten der Herrschaft des delphischen
Orakels von der Zeit unterscheidet, in der die homerischen Gedichte entstanden waren. Aber daß neben den
vielen strengen Vorschriften über Reinigung von Blutschuld, Enthaltung von bestimmten Genüssen, körperliche Säuberungen und asketische Praktiken aller Art
auch die Musik eine kathartische Funktion haben sollte,
war zur Zeit des Pythagoras und der frühesten Pytharg
encata der Vorsokraliker, hrsg. von Diels-Kranz. 17,
. 99, 5.
2 Saturnalien I, 17.
bGoa
Wiss. Z. Humboldt-Univ. Berlin, Ges.-Sprachw. R. XV (1966) 3
SOUINIYILDA95
99, ha
spiels. Die „goldene Phorminx“ wird als Gemeinbesitz
schen Autor des 5. Jahrhunderts u. Z., in Rom habe man
:
-
Tiere,
Cr
goreer, also um 500 v. u. Z., etwas Neues. Das Wirken
3 Eumeniden 62 f.
Pagina 2
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)des Pythagoras in Kroton und später in Metapont
während des letzten Drittels des 6. Jahrhunderts wurde
so sehr.als „reinigend“ empfunden, daß die Pythagoreer den Gebrauch des Ausdrucks „Katharsis“ für die
quergelegten Verbindungspfähle.
Wirkung der Musik und ebenso die Entdeckung der
der Wirbel, dann auch das Stimmungsergebnis: die
Tonleiter. Dagegen ist die uns selbstverständliche Anmusikalischen Analogie zur „kathartischen“ Wirkung
Später auf Saiteninstrumente angewendet, bezieht sich der Ausdruck
“harmonia“ auf das Stimmen des Instruments und
meint die verschiedene Spannung der Saiten vermittels
der Medizin auf ihren Meister zurückführten.
Nun heißt aber Apollon, wie schon erwähnt, „Seherwendung des Harmoniebegriffs auf die Akkorde von
arzt“, genauer: Seher mit den Eigenschaften, die den
Arzt ausmachen; denn es gibt auch Propheten ohne
Heilkraft. Es fragt sich, ob und in welchem Sinne auch
der gleichzeitige Zusammenklang der Töne, sondern
diese Eigenschaft von den Pythagoreern für Pythagoras
in Anspruch genommen wurde. Zum besseren Verständnis des Problems muß ich vorausschicken, daß die
„seherkunst“ (Mantik) schon bei Homer die Erkenninis nicht nur der sonst unerkennbaren Zukunft, sonder altpythagoreischen Vorstellung fernzuhalten. Nicht
ihr melodisches Fortschreiten bestimmte den Eindruck
ihres
ihrer
harmonischen Zueinanderstimmens oder aber
harmoniewidrigen Unstimmigkeit. Auch diese
Eigentümlichkeit
des
klassisch
hellenischen
Musizierens, die uns als Beschränktheit erscheint, ergibt sich
offenbar aus dem völligen Parallelismus des Spielens
und des Singens. Wie einundderselbe Musiker Akkorde
dern auch des schwer Erkennbaren in Gegenwart und
nicht singen kann, so spielt er sie auch nicht, wenig-
Vergangenheit einschlieBt. Solche Erkenntnis wird auch
stens nicht während des Singens. Die Oktavenharmonie
vom
Vollkommenheit
wird daher als ein Durchlaufen sämtlicher sieben Saiglaubte man sie in Apollon verkörpert. Wenn Pythaten des Instruments verwirklicht, als „diapasön“. So
Arzt
gefordert.
In
gôttlicher
goras als sein Ebenbild auf Erden galt, muB er, wo
kann denn „harmonia“ auch einfach die durchlaufene
nicht das Gleiche, so doch etwas Vergleichbares geleistet
Oktave bedeuten, z.B. bei dem Altpythagoreer Philozu haben scheinen. Hier erhebt sich aber die Schwieriglaos, dessen Schrift frühestens ein halbes Jahrhundert
keit, daB die delphische Prophetie in den Spriichen der
nach dem Tode des Pythagoras, wahrscheinlich aber
Pythia von rätselhafter Dunkelheit und somit das geerst gegen Ende des 5. Jahrhunderts, eine Darstellung
rade Gegenteil der rationalen Klarheit pythagoreischer
Mathematik ist. Es gab eine Uberlieferung, die den
der
Pythagoras in Verbindung brachte mit der Themistokleia in Delphi, einer zu ihrer Zeit offenbar beriihmten
Pythia. Die Pythien weissagten aus irrationaler Inspiration. Diesen älteren, unphilosophischen Apollinismus
scheint
Pythagoras
an
haben, um ihn durch
Ort
eine
und
Stelle
Art von
studiert
zu
neuapollinischer
Mantik zu überbieten. In der spiitantiken Pythagorasbiographie des Jamblichos wird der Orakel- und Opfersprache des Apollonkults die Zahlensprache zur Seite
gestellt: ,Gleichwie der Pythier und die Natur selbst“
habe
Pythagoras
die
Wahrheit
vermittels
kurzer
Spriiche verkiindet, in denen das Wesen der Zahl, die
Eigentümlichkeiten bestimmter Zahlen und besondere
arithmetische
Relationen
im
Mittelpunkt
standen.
Unter solcher Zahlenmantik läßt sich freilich das Verschiedenste denken, auch alles mögliche krause Zeug.
Von diesem pythagoreisierenden Unwesen, das schon
vor fast zweieinhalb
Jahrtausenden
begann
und
bis
heute fortdauert, sehe ich hier ab. Das Verhältnis zur
apollinischen Mantik steht hier nur im Hinblick auf
die wissenschaftliche Musiktheorie, die wissenschaftliche Arithmetik und die wissenschaftliche Medizin der
Pythagoreer in Frage.
Um die Antwort kurz vorwegzunehmen: Die wissenschaftliche Arithmetik schien an die Stelle der älteren,
irrationalen Seherkunst des delphischen Orakels eine
neue, bessere, philosophische zu setzen. Die früheste der
mathematischen Entdeckungen mit solchem philosophischen Ertrag ist musiktheoretischer Art. Sie geht mit
größter Wahrscheinlichkeit auf Pythagoras selbst zurück, Die Nachricht, die das behauptet, stammt von
Xenokrates, Platons jüngerem Zeitgenossen und Schüler. Der Begriff, auf dessen Verständnis hier alles ankommt, ist der der Harmonie. Das Wort „harmonia“
bedeutet
zunächst,
im
homerischen
Sprachgebrauch,
das materielle Mittel der Verklammerung, beim FloBbau des Odysseus (Odyssee 5,248) wahrscheinlich die
$ Vgl. W.K. C. Guthrie, A History of Greek
Cambridge 1962, S. 222.
382
Philosophy.
ursprünglich
nur
mündlich
überlieferten
Lehre
Bab.
Um die dem Pythagoras zugeschriebene arithmetische
Grundlegung der Musikwissenschaft zu rekonstruieren,
muß man die Beziehung zwischen Schwingungsanzahl
und Tonhöhe so erfassen, wie sie den Altpythgoreern
vorschwebte. Auszugehen ist von dem großen Fragment aus der „Harmonik“ des Archytas von Tarent, des
bedeutendsten Pythagoreers seiner Zeit, der mit Platon
befreundet war.’ Er gründet die Verwandtschaft der im
engeren
Sinne
mathematischen
Wissenschaften
(einschließlich der Astronomie) mit der Musiktheorie auf
das physikalische Wesen des Schalles. Der Zusammenhang zwischen den in schneller bzw. langsamer Folge
auf die Luft ausgeübten Stößen und dem hohen bzw.
tiefen Ton wird von ihm durch eine Reihe von Beispielen
empirisch
Platon im
bewiesen.
„Timaios“
Diese Ansicht rekapituliert
(67 B). Den Schall (phone, d.h,
auch Stimme, Laut, Ton, Klang) definiert er als einen
Schlag, der von der Luft durch die Ohren bis zur Seele
hindurchgegeben wird; die dadurch verursachte Bewegung im Kopf sei das Hören. Hieran schließt sich die
These:
„Eine schnelle Bewegung bringt einen hohen
Ton hervor; je langsamer die Bewegung, desto tiefer
der Ton.“ Daß mit der „Bewegung“ die „Luftbewegung
infolge der Saitenschwingungen" gemeint ist, erläutert
ein Autor der Zeit des Kaisers Hadrian (117-138
u. Z.),
der Mathematiker Theon von Smyrna"” im Anschluß
an den bedeutendsten aller Platonerklärer, den Stoiker
Poseidonios (135—51 v.u.Z.). Werden die Schwingungen auf Saiteninstrumenten erzeugt, so hängt die Zahl
der Aufschläge auf die Ohren des Hörenden von der
Zahl
der
Saitenschwingungen
ab.
Das
verschieden
schnelle Vibrieren der Saiten konnie jeder sehen, die
daraus resultierenden Intervalle jeder hören. Das Probieren durch Drehen der Wirbel, um möglichste Reinheit und schönes Zueinanderstimmen der Töne herauszubekommen.
mußte
seit
Erfindung
der
Lyra
und
> Diels-Kranz Nr. 47 B1.
5 Vgl. Guthrie, a. a. O., S. 228.
Pagina 3
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)=< Kithara längst bekannt sein. Aber die in bloßer Aus3 bung ihrer Kunst nur empirisch hinhorchenden
„nicht auf die Probleme zurück, weiche Zahlen
symphonisch (d.h. harmonisch zueinanderstimmend) sind und welche nicht und weswegen das
so ist",
¡Wie sollte man aber Schwingungsfrequenzen messen?
Yorke Ichts berechtigt zu der Annahme, bereits Pythagoras
SH hätte direkte Frequenzmessungen dieser Art bewerk-
ES saitige Lyra darauf kommen, um so weniger, als die
ee "Saiten der griechischen Musikinstrumente von gleicher
&.Länge waren. So verdient eine Angabe Theons von
E Smyrna den Vorzug vor anderen mehr oder weniger
$ legendáren Erzáhlungen. Theon verweist auf ein In-
Bahnabständen der Gestirne eine „Sphärenharmonie“
analog der musikalischen Harmonie zu errechnen, die
dem übernatürlich feinen Gehör des Pythagoras sogar
vernehmbar gewesen sei. Von solchen astronomischen
Spekulationen hier absehend —,sie unterstreichen
übrigens die zentrale Stellung der Musiktheorie im Altpythagoreismus! —, kehre ich zu der Frage zurück, inwiefern die musikwissenschaftliche Entdeckung der
arithmetischen Erklärungsgründe schöner Tonfolgen
den Pythagoras als Verkörperung Apollons erscheinen
ließ. Es war eben nicht nur Schönheit, es waren auch
die reinigenden und ruhespendenden Wirkungen der
Musik, die dadurch erklärt schienen, daß als Ursache
die einfachen Verhältnisse ganzer Zahlen aufgewiesen
waren. Wenn nun aber die Arithmetik auf einem ihr
ursprünglich
so
fernliegenden
Gebiet
wie
dem
der
= strument mit nur einer Saite, das Monochord (griech.
Musik zu den Gründen der Reinheit und Ruhe hinwe war. Wenn Pythagoras auf diesem allereinfachsten Insich
ia kanön), auf dem ein verschiebbarer Steg angebracht
E strument experimentierte, so brauchte er nur die
vo* . sicherlich längst bekannte Beobachtung, daß die län-
7 gere Saite langsamer, die kiirzere schneller schwingt,
‘
‘, zu Hilfe zu nehmen, um die Schwingungsfrequenzen
zu
messen.
Direkt
‚wechselnden
Längen
der
okSia
indirekt
nämlich
vom
maß
er
verschiebbaren
die
Steg
markierten Teilabschnitte der Saite, um aus der Pro;
portion der gemessenen Längen auf die Proportion der
nicht direkt meßbaren Schwingungszahlen zu schließen.
:
Wie jeder Experimentator wußte er auch, worauf er
.
hinauswollte. Der Eindruck von Schönheit oder Un-
,
schönheit,
hervorgebracht durch das Zueinanderstimmen oder -nichtstimmen der je nach den Stegverschiebungen
nacheinander
einfachen
erklingenden
Zahlenverhältnissen
Töne,
erklärt
sollte
aus
werden.
Der
Experimentator begnügte sich nicht mit der Erfahrung:
„längere Saite — langsamere Schwingungen; kürzere
= Saite — schnellere Schwingungen“, sondern er suchte
+»
und fand die „symphonischen“ Zahlenverhältnisse als
=
Ursache des harmonischen Eindrucks. Es sind dies 2:1
:.
für die Oktave, 3:2 für die Quinte, 4:3 für die Quarte
.
sowie 9:8 für den Ganzton, d.h. für das festgelegte
x
Intervall zwischen Quinte und Quarte. War also die
y
unterste der sieben Saiten (die nach antikem Brauch
aso,h
den höchsten Ton gab!) halb so lang wie die oberste,
so war, genau umgekehrt, ihre Schwingungsfrequenz
doppelt so hoch. War die fünfte von oben anderthalbmal so lang wie die unterste, so betrug dagegen ihre
Schwingungszahl nur zwei Drittel. Hatte die vierte,
d. h. mittelste der sieben Saiten nur drei Viertel der
Länge der obersten, so war dafür ihre Schwingungsgeschwindigkeit einundeindrittelmal so groß. Auf den
einfachen Zahlenverhältnissen der ganzen Zahlen 1, 2,
3 und 4 beruhte demnach der ästhetische Wert der
akustischen Phänomene, ihre „Harmonie“ 8.
Der Siebenzahl der Saiten auf der Lyra schien analog
die Siebenzahl der scheinbar die Erde umkreisenden
Himmelskórper
(in
altpythagoreischer Anordnung:
Mond, Venus, Merkur, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn).
Diese Analogie wiederum verführte die Pythagoreer
dazu, sich den Himmel wie ein makroskopisches Saiteninstrument zu denken und aus den vermuteten
ui) e mm.
hr
ES
een>
? Staat 531 C.
Die genaue Formulierung der GesetzmaBigkelt des umführte, sollte sie das nicht überall vermögen? Konnte
der
seherishe
Einblick
in
die
mathematische
Struktur der seelenheilenden Harmonie nicht auch bewähren als Hellsichtigkeit für arithmetische Proportionen bei der Wiederherstellung jener Harmonie im
Körper, die wir „Gesundheit“ nennen? Erst nach solcher Leistungsprobe hätte die neue, wissenschaftliche
„Hellseherei"
die alte, irrationale in vollem Umfang
nicht sowohl ersetzt als gründlich überwunden, und es
wäre dadurch — so konnte es auch einem frommen
Bewußtsein erscheinen — dem Willen Apollons besser
Genüge getan als durch seine bisherigen Prophetinnen
und Priester.
Daß nicht bloß vorzeiten Medizinmänner und Magier,
sondern
schließlich
auch
wissenschaftliche Mediziner
höchsten Ranges eine Art von Seherkunst für sich in
Anspruch nahmen, beweist der Anfang des hippokratischen Prognosenbüchleins mit seinem unzweifelhaft
beabsichtigten Anklang an den homerischen Vers über
den Seher Kalchas, „welcher wußte, was ist und was
wird und was früher gewesen“ ?, Hippokrates führt an
dieser
programmatischen
Stelle
das
Vertrauen
der
Patienten darauf zurück, daß der Arzt ihnen besser, als
sie selbst es vermögen, die Phasen ihrer Krankheit „in
der Gegenwart, in der Vergangenheit und in der Zukunft‘ erklärt und sie durch darauf gegründete Ratschläge heilt. Das entspricht ganz der Erwartung, die
man
dem
Seher
entgegenbringt,
wenn
man
ihn
in
Übeln aller Art, besonders aber in Krankheitsfällen
befragt, nur daß jetzt die Vertrauenswürdigkeit des Befragten auf seiner gründlichen wissenschaftlichen Erkenntnis beruht.
Der tiefste Grund der altpythagoreischen Verbindung
von Musik und Medizin aber ist philosophischer Art.
Wir erfassen ihn nur, wenn wir eine Seite der fundamentalen musikwissenschaftlichen Entdeckung betrachten, die wir bisher noch außer acht ließen. „Hoch“ und
„tief" (im Griechischen oxy, d.h. scharf, und bary, d.h.
schwer) sind die Namen des Gegensatzes von Tönen.
Dieses Gegensatzpaar ist etwas Geläuflges und dem
vorwissenschaftlihen Denken ebenso bekannt wie
Warm und Kalt, Hell und Dunkel, Süß und Bitter, Naß
und Trocken und vieles andere. Eine Systematik der
Gegensatzpäare scheint aber erst vom frühen Pythaoreismus versucht worden zu sein. Was wir darüber bei
Aristoteles lesen 19, macht allerdings den Eindruck einer
zugleich pedantischen und ordnungslosen Klassifikation
gekehrt proportionalen Zusammenhanges von Wellenlänge
und Schwingungszahl stammt von dem Mathematiker und
9 Tllas 1, 70.
Akustiker J. Sauveur (1653-1716).
10 Metaphysik I, 5. Kap.
Pagina 4
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)unter dem Zwang der aberglaubisch verehrien Zehnzahl und des Zwecks, den Dualismus des Besseren und
Schiechteren
in
metaphysischer
Schwarzweiß-
„symmetrischen“ Mischung vor, sondern auch der originelle und echt altpythagoreische Vergleich mit den
politischen Verhältnissen der „Monarchie“ und der
malerei zu unterstreichen. Dafür schien sich die Héhe
„Isonomie“. Aller Schatten fällt auf die im üblen Sinne
und Tiefe von Ténen nicht recht zu eignen. In anderen
der Tyrannis verstandene „Monarchie“ z.B. des Heißen
Gegensatz
(über das Kalte) oder des Nassen (über das Trockene).
regelmäßig. Für die pythagoreische Philosophie muß er
Solche „Monarchie“ ist die Ursache aller Krankheiten:
eine Art von Musterwert insofern besessen haben, als
ein
die Harmonie des Entgegengesetzten nirgends so sinn-
Krankheiten
fällig schön und zugleich so exakt begründbar ist wie
dererseits auf einen Nenner zu bringen. Die „Isono-
Zusammenhängen
aber
erscheint
dieser
naturphilosophischer
d.h.
wie
Fieber
Versuch,
so
einerseits,
Wassersucht
Gleichberechtigung
verschiedene
anbei der Oktavenharmonie. Der tiefe Grundton der Lyra
mie“,
und ihr höchster erreichbarer Ton bilden in der Oktave
aber ist das, was den Körper in gesundem Zustand erder Gegensatzglieder,
eine Einheit und stimmen zusammen, weil die Schwinhält. Die Entstehung von Krankheiten wird von Alkgungszahl der siebenten (untersten) Saite genau dopmaion ganz pythagoreisch
pelt so groß ist wie die der ersten (obersten). Auf diese
zurückgeführt, z. B. auf ein Zuviel oder Zuwenig an
Harmonie scheint übrigens auch Heraklit anzuspielen,
Wärme, ein Zuviel oder Zuwenig an Nahrung. Zu dieauf quantitative Faktoren
wenn er die Lyra als ein Beispiel dafür nennt, daß
sem Fragment fügt sich in bezug auf die „Symmetrie“,
zweierlei, was nach enigegengesetzten Richtungen geht,
d.h. das harmonische Maß in der Ernährung, die Nach-
Verhältnis
richt eines anderen Autors.! Die ihm vorliegende Uber-
(logos) verbunden sein kann.!! Sollte er dabei an die
lieferung sprach von besonderen Leistungen pythagore-
Entdeckung des Pythagoras gedacht haben, so würde
ischer
sein Lyrabeispiel am besten vom Aufwärts- und Ab-
„Symmetrie“
wärtsdurchlaufen
komme. Wiederum handelt es sich um eine arithmedoch
durch
das
immer
gleiche rationale
der Oktave her zu verstehen sein.
Arzte
in
der
von
fester
Diätetik,
und
in
der
flüssiger
es
auf
die
Nahrung an-
Dies würde dann für die Lyra der Sinn des sonst rättisch festzulegende Proportion: die der Nahrungsmittel,
selhaften
sein.
die dem Körper zuzuführen sind, wenn er gesund wer-
Allerdings ist die heraklitische Lehre vom lebendigen
Kampf der Gegensatzglieder ganz unpythagoreisch.
den oder bleiben soll. Die auf wissenschaftliche Er-
Echt pythagoreisch aber und schon vor Heraklit kon-
Abwägung
und
zipiert ist die philosophische Verallgemeinerung,
heute
ausgezeichnete
Ausdrucks
„gegenwendige Harmonie“
die
kenntnis gegründete Kunst der bezifferten Zumessung,
das
Mischung
der
Nährstoffe
Merkmal
der
ist
ja
bis
sich an das Musterbeispiel der musikalischen Harmonie
Therapie.
Seltsam freilich und mehr an magische Praktiken gelieren und nimmt in der Medizin die Gestalt der zu erweisenden Vorausbehauptung an, daß die für Gesundmanche Krankheiten durch „Ansingen“ zu heilen suchheit und Krankheit wichtigsten physischen Gegensätze
ten, weil sie meinten,
usw. in harmonischem oder aber unharmonischem Verhältnis stehen
stimmen
können,
ganz so,
wie es
Zusammenund Nichtzusammenstimmen von Hoch und
Tief bei Tönen gibt. Das „Symphonischwerden“ gegensätzlicher Tonqualitäten muß den gleichen Grund
haben wie das
„Symmetrischwerden“
Qualitäten
Temperatur,
der
Geschmacksempfindung.
der
gegensätzlicher
Feuchtigkeit,
der
„Symmetrie“,
wahrscheinlich
schon ein Terminus der frühesten Pythagoreer, bedeumahnend
ist
die
Nachricht,
daß
die
Pythagoreer
„daß auch die Musik einen großen Beitrag zur
Gesundheit leiste, wenn man auf gehörige Art
von ihr Gebrauch macht“ 55,
Solange die „gehörige Art“ nicht genau bestimmt wird,
ist der Absturz in höchst ungehörige Kurpfuscherei
jederzeit möglich. Verstehen wir aber die These von
der Heilkraft
der Musik nicht als Ermächtigung zu
spezieller Therapie, unbestimmt welcher Art, so läßt
sich zumindest dem apollinischen Musizieren die Mögtet arithmetische
lichkeit medizinischer Nebenwirkungen nicht abspremahl“
chen. Wenn wirklich Reinheit und Ruhe in den hingegeben Lauschenden einströmen und die Ursache
dafür in der einfachen arithmetischen Struktur der
Wohlproportion. In Platons „Gastvergleicht der Arzt Eryximachos ausdrücklich
den musikalischen Gegensatz von Hoch und Tief mit
den physiologischen Gegensätzen von Kalt und Warm,
Süß und Bitter, Trocken und NaB.!? Ganz gleichlautend
Harmonie gelegen ist, schlägt die Musik auch praktisch
sind die Gegensatzpaare physiologischer Natur formueine Brücke
liert in einem Auszug aus einem Teil der Schrift des
würden
Arztes und Philosophen Alkmaion von Kroton.” Die
Stadt Kroton, die Wirkungsstätte des Pythagoras, war
sprechen, nur daß die immer weniger
schon vor seiner Ankunft Sitz einer Ärzteschule. Berühmt wurde der Arzt Demokedes von Kroton durch
in dem uns zugänglichen Musizieren auf Möglichkeiten
seine
Erfolge
am
Perserhof,
wo
er
den
Großkönig
‘
diätetischen
schloß. Sie läßt sich auch als Arbeitshypothese formuwie Naß und Trocken, Warm und Kalt, Süß und Bitter
|
von
heute
der Mathematik
von
,psychogenen“
zur Medizin.
Wir
Heilungsfaktoren
„apollinische“
Entwicklungstendenz unserer Musik es uns erschwert,
heilender Wirkung zu stoßen. Ein Grieche würde angesichts der spezifisch modernen Musik eher vom Wal-
Dareios und dessen Gemahlin Atossa heilte. Von Alkten des Dionysos sprechen. Dionysos läßt die Gesund-
.
maion heißt es, er sei ein Hörer des Pythagoras gewesen. Zwar ist er nicht als Pythagoreer im strengsten
heit überschäumen, er setzt sie voraus und stellt
sie
nicht her. Die Pythagoreer sind, wie ihr Schutzgott
:
Sinne
Apollon,
der
bedingungslosen
Sektengefolgschaft
anzusehen. Aber der beherrschende Einfluß pythagoreischen
Denkens ist auch bei ihm unverkennbar. In dem erwähnten Zitat kommt nicht nur das Wort von der
durch
rauschhaften
und durch
Treiben
undionysisch
abgeneigt.
Die
und
allem
Eigenart
ihrer .
Stellung im griechischen Geistesleben beruht darauf,
daß ihre extreme Nüchternheit nichtsdestoweniger ~
eminent musisch
ist.
Diese Paradoxie läßt sich
nur
il Diels-Kranz 2 B 51.
12 Ebd., 186
C bis 187 E.
13 Ebd., 24B 4.
384
m Aristoxenos bei Jamblichos, vgl. ebd. 58 D 1.
Pagina 5
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)durch einen Riickgang auf den urspriinglichen Sinn der
Musenverehrung enträtseln.
Die neun Musen galten als Téchter des Zeus und der
religiösen
Geheimkulte.
Denn
gerade
die
neue
Arithmetik, Geometrie, Musiktheorie und auch als Me-
Gôttin der Erinnerung (Mnemosyne). Schon in dem
griechischen Wort „Musa“ steckt ein Wortstamm, der
dizin ist die schweigende Geistesanspannung charakteristisch.
Wer
etwa „Gedenken“ bedeutet. Damit stimmt zusammen,
gründet,
redet
daß im Altpythagoreismus geradezu ein Kult des Gedächtnisses getrieben und dem Pythagoras übermenschliche Gedächtniskraft zugeschrieben wurde. So ist es
kein Wunder, daß als eine der neuen Musen „Klio“, die
einer Musik lauscht oder selbstvergessen einen Kranken
Muse der Geschichtsschreibung gilt. Doch befriedigen
Musik ausgehend,
untersucht
einen
mathematischen
so wenig wie
und
ihm
zuhört.
Sachverhalt
einer,
Solche
der
erhingegeben
selbstvergessene
Hingabe an den Gegenstand galt ursprünglich als Wirkung
der
Musen.
Die
Pythagoreer
zwar den
Kreis
haben,
der
von
neun
der
Musen
überschritten, ohne damit zu erreichen, daß eine zehnte
die aus der Theogonie (Götterentstehungslehre) und
Etymologie (Wortstammkunde) hergeleiteten Erklärungen nicht ganz, Eine zusätzliche philosophische
Überlegung scheint mir nötig, um den vollen Sinn des
Musischen im Hinblick auf die Anfänge des Pythagoreismus zu erfassen. Gedächtnis resultiert aus Aufsowohl die Mathematik als auch die Musik und die
merksamkeit. Je besser man achtgibt, desto besser be-
Timaios von Tauromenion (Taormina in Sizilien), eines
Muse der Mathematik und eine elfte der Medizin im
Volksglauben sich durchsetzte. Aber die Art, wie sie
Medizin
auffaßten,
war durchweg musischer
Natur.
Und so liegt ein tiefer Sinn in einer Mitteilung des
hält man. Darin liegt der Rechtfertigungsgrund des
um 300 v.u.Z. schreibenden Historikers: Er berichtet
seltsamen „pythagoreischen Schweigens“. Es ist kein
nämlich (zufolge dem Zitat in der Pythagorasbiograbloßes Stummsein, sondern ein — wie berichtet wird,
fünfjähriges — schweigendes Zuhören als Grundlage
phie des Neuplatonikers Porphyrios'6), bei den Einaller späteren Betätigung einschließlich der redneriehemalige Haus des Pythagoras „Museion“.
wohnern von Kroton heiße der Wohnbezirk um das
schen. Das schweigende Erfassen und Gedenken kon-
—dm—em
für
wissenschaftliche Seherkunst in ihrer Betätigung als
(Eingang: 25. 11. 1965)
trastierte stark mit der Redefreudigkeit des Griechenvolkes. Es ist aber, trotz der in den Anfängen des
Pythagoreerbundes streng auferlegten Pflicht der Geheimhaltung aller empfangenen Lehren, nicht zu verwechseln
mit
dem
mystischen
Schweigen
der
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Verfasser: Schottlaender, Rudolf, Dr. phil., Prof., Mitarbeiter am Institut für Altertumskunde der HumboldtUniversität zu Berlin.
16 Ebd., I, S. 102, 16.
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