Mostra testo completo17 pagine
Pagina 1
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Fie Gant
ZUR PROBLEMATIK
DER ALTGRIECHISCHEN
„TONARTEN“
MIROSLAV K. CERNY
|
PRAHA
CernY Miroslav K., Zur Problematik der altgriechischen Tonarten : Eirene
XXV 1988 87-103. | Les témoignages antiques et les interprétations modernes
;
l'influence du pythagorisme et de la musique babylonienne. Les instruments et leur
accord. Une hypothése nouvelle : ce sont les tonoi qui produisent les structures
modales.
Die innere — ,,tonale" oder ,,tonartliche“ — Organisation des Tonmaterials
der altgriechischen Musik gehört zu den bisher unklarsten und kompliziertesten
Problemkreisen der Musik- und Kulturgeschichte und der Musiktheorie der
Antike. Schuld daran tragen nicht nur die Mißverständnisse der neuzeitlichen
Forscher, sondern auch schon die spätantiken Theoretiker. Das betrifft alle,
deren Schriften uns überliefert sind
— bis auf Aristoxenos. Dieser gehört
jedoch auch erst der hellenistischen Periode an und ist von der klassischen
Zeit durch ein Jahrhundert der stürmischen Entwicklung getrennt, in dem
durch die Tätigkeit der kühnen Neuerer des „neuen Dithyrambos“
(der
„Neuen Musik der Antike‘), der Skeptiker und Sophisten, aus deren Umkreis
die Hibeh-Rede stammt, und durch den Aufschwung der Virtuosität die alten
Traditionen der Musik wenn nicht zerstört, doch so sehr erschüttert und
umgewandelt wurden.?
Die aus der römischen Kaiserzeit stammende ,,aristoxenische“ Eicayay?)
dguovızı) eines Kleoneides schreibt dem Meister die Einführung von 13
Tonoi zu, die im Abstand von einem Halbton voneinader entfernt liegen und
deren Paare — mit Ausnahme des Dorischen und der zwei höchsten ‘Yzeoptto-
Adios
und “Yaeogotyws
—
die alten
Namen des Mixolydischen, Lydischen, Phrygischen Hypolydischen und Hypophrygischen tragen und deren
tiefere auch als Aiolisch, Iastisch und zugehörige ,,Hyper““— und „Hypo“
—
Ableitungen benannt werden. In derselben Eisagógé können wir aber auch
folgende Beschreibung der sieben did zac sión lesen: „ne@tov uev tò 2d
1
Die Bezeichnung ,,Tonart‘ wird hier als Sammelbegriff für alle Formen innerer
Organisation des Tonmaterials der griechischen Musik ohne jede Konnotation
der modernen Tonalität benutzt.
3
Vg. L. Richter, Die ,,Neue Musik“ in der Antike, Archiv für Musikwissenschaft
25, 1968, 1—18 u. 134—147,
Pagina 2
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Bapvxixywy neouwyôuevor où apúros 6 tivos Eni td diù
ündınz
únátov ¿ni aapauéony, éxadeiro dì Uno TOY àpyaiwr ptodddiov. Aestepor to
Úxo peconóxvwv nepuegbpevov où dettepos 6 tóvoc: ¿ori de Gnd napundıng
dréror ¿ai toltny dulevypévwr, èxaleiro de Avdıor...““ usw. Deutsch lautet der
ganze Absatz in einer absichtlich wörtlichen Übertragung folgenderweise:
„Das erste [Eidos]
[ist das] von den Barypyknön umfaßte, dessen
[diazeuktischer] Ton der erste von oben ist; es reicht (= ist) von der Hypaté
hypaton zur Paramesé, von den Alten wurde es Mizolydion benannt. Das
zweite [ist das] von Mesopyknön umfaßte, dessen [diazeuktischer] Ton der
zweite von oben ist; es reicht von der Parhypaté hypaton zur T'rité diezeugmenon, es hieß Lydion. Das dritte [ist das] von den Oxypyknón umfaßte, dessen
[diazeuktischer] Ton der dritte von oben ist; es reicht von der Lichanos hypatón zur Paranété, es hieB Phrygion. Das vierte [ist das] von den Barypyknon
umfaßte, dessen [diazeuktischer] Ton der vierte von oben ist; es reicht von
der Hypaté mesön zur Nété diezeugmenön, es hieß Dörion. Das fünfte [ist das]
von den Mesopyknön umfaßte, dessen [diazeuktischer] Ton der fünfte von
oben ist; es reicht von der Parhypaté mesön zur Trité hyperbolaiön, es hieß
Hypolydion. Das sechste [ist das] von den Oxypyknón umfaßte, dessen [diazeuktischer] Ton der sechste von oben ist; es reicht von der Lichanos meson
zur Paranété hyperbolaion, es hieB Hypophrygion. Das siebente [ist das] von
den Barypyknön umfaBte (sic!) dessen [diazeuktischer] Ton der erste von
unten ist; es reicht von der Mesé zur Nété hyperbolaiön, es hieß Lokristi,
oder Hypodórion.''*
Auch Aristides
Quintilianus‘
sowie die Autoren
aus
späteren Jahrhunderten‘ äußern sich — von nur geringfügigen Abweichungen
abgesehen — sehr ähnlich. Durch die passive Übernahme dieser Darlegungen
entstanden die zwei in den neuzeitlichen Büchern über die griechische Musik
stets vorkommenden, reziprok verlaufenden
Reihen
der
Oktavgattungen,
die meist mit den alten Harmoniai identifiziert wurden, und der ,,Transpositionsskalen‘‘ — oder besser ,,Transpositionssysteme“. Die dieses Bild komplizierenden Ausführungen des Claudius Ptolemaios, der nicht nur die Zahl
der zövo: im Einklang mit der Zahl der Systeme (Oktavgattungen) auf 7
reduzierte, sondern auch den Schlüssel zur Lösung der Probleme andeutete,s
wurden nur wenig berücksichtigt. Und von Aristoxenos selbst ist uns zu diesem
3
C. v.
Jan, Musici scriptores Graeci, Lipsiae
1895, S.
203.6— 204.8 (Deutsch:
Cerny) und 197.4—198,9.
+
Aristides
Lipsiae
Quintilianus,
1963, S.
De
musica
20.10—21.8 und
(ed.
R.
P.
Winnington-Ingram),
15.10—15; deutsch Aristides
Quintilianus
von der Musik (R. Schäfke), Berlin 1937, S. 194f. u. 187.
s
Vgl. Bacchii und Gaudenti Isagoge, in Jan, Musict scriptores Graeci.
LI
Vgl. Die Harmonienlehre des Klaudios Ptolemaios (hrsg. I. Düring), Göteborg
1930, S. 60—62 und 74—79;
I.
Düring,
Musik, Göteborg 1934, S. 75—6 u. 89—98.
Ptolemaios und Porphyrios
über die
Pagina 3
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Fragenkomplex nur sein
Zeugnis überliefert, daB von seinen Vorgängern
„niemand etwas [Verniinftiges, Gewichtiges-?] gesagt habe‘ und in der Auffassung der Tonoi eine ähnliche Verwirrung herrsche, wie im griechischen
Kalender, als ,,die Korinthier den zehnten, die Athener den fiinften und einige
anderen den achten [Tag ziihlten]‘‘ und so „einige der Harmoniker zu sagen
pflegten, daB der tiefste [tonos] der Hypodorische, von ihm einen Halbton
höher der Mixolydische, von dem einen Halbton [höher] der Dorische, von
diesem um einen
[Ganz]-Ton héher der Phrygische und gleichso von dem
Phrygischen um einen weiteren Ton der Lydische höher sei‘, oder daß die
anderen „von dem hypophrygischen Aulos in der Tiefe‘ ausgehen möchten,
oder — wenn sie von den Grifflöchern des Aulos ausgehen — die ,,drei tiefsten“
voneinander
im
Abstand
‚dreier
Viertelténe‘‘
[totali diéocow]
zu
sein
behauptet hätten.” Auch dieses zweifellos wertvollle Zeugnis wurde nicht
sehr ernsthaft
erwogen
und die
pevatàavotiuara uehwôetra
Charakteristik der
wurde
zu
weiteren
Tonoi
,,ép’ dv rıde-
Mißverständnissen
fehlinterpretiert.®
Diese Widersprüche versuchte erst der ungarische Musikwissenschaftler
O. J. Gumbosj? zu lösen, indem er nachwies, daß die „Transpositionssysteme‘ — die Tonoi — in die Grundoktave el — e oder fl — f bzw. die Doppeloktava A — a! oder B — b1 projiziert wurden, und zwar so, daß dort die entsprechenden gleichnamigen Oktavgattungen entstanden. Diese wollte
er
aber
gar nicht in Betracht ziehen und hielt sie nur für theoretische Gebilde. Den
Akzent übertrug er ganz auf die Transpositionseysteme, von deren Höhenlage
er sogar das Ethos der Melodien ableiten wollte. Dabei behandelte er das
doppeloktavige Systéma teleion als modernes
Dur- oder
Moll-Modell und
beging so einen ähnlichen Fehler wie früher D. B. Monro!° beim ähnlichen,
viel naiveren Deutungsversuch. Da die Antike keine absoluten Tonhöhen —
keinen Kammerton!!
— kannte, mußten die von der
Tonhöhenlage der
Transpositionssysteme
abhängenden
Ethos
Unterschiede
des
zur
bloßen
Illusion werden und die in dem „thetischen‘‘ Grundsystem entstandenen
Strukturen maßgebend sein. Dies beweist endlich auch das von
7
Gombosj
Aristozeni elementa harmonica (ed. R. da Rios), Romae 1954, S. 46.18—47.8.
Meine Ubersetzung „Vierteltöne‘“ (aus praktischen Gründen) ist natürlich ungenau,
.
Aristoxenos, op. cit. 46.7—8: vgl. O. J. Gombosi, Tonarten und Stimmungen
der antiken Musik, Kopenhagen 1939, S. 17 ff.
>
Tonarten und Stimmungen der antiken Musik, 148 S.; kurze Zusammenfassung:
ders., New Light
on Ancient Greek Music, Papers Read at the international
Congress of Musicology N. York 1939, New York 1944, S. 168—183.
10
The Mode in Ancient Greek Music, Oxford 1894, XVI +145 S.
11
Auch wenn einige
Forscher
so
etwas voraussetzten,
z.
B.
H.
Husman ı,
Grundlagen der antiken und orientalischen Musik, Berlin 1961.
Pagina 4
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)angeführte Zitat aus Ptolemaios.!? Und ich möchte da gegen Gombosi noch
ein weiteres Argument nennen. Wenn sich nämlich das Doppeloktavsystem
des Systéma teleion in dem Tonraum so bewegen sollte, wie es die Auffassung
der Transpositionssysteme verlangt, miiBte der Tonumfang von wenigstens
drei Oktaven zur Verfiigung stehen. Diesen Umfang hatte jedoch die griechische Musik zur Zeit Aristoxenos’ kaum zur Verfiigung, sowohl inder Theorie,
die keine Mittel hatte, ihn zu fixieren, als auch in der Praxis — der Umfang
der menschlichen Stimme sowie der damaligen Instrumente betrug kaum
zwei Oktaven. Das bestätigt würtlich auch Aristoxenos selbst, auch wenn
er ,,tois dıa xac@v“ als Differenz zwischen den tiefsten Tönen der tiefstgestimmten und den höchsten Tönen der höchstgestimmten (parthenioi) Auloi
kennt und als Konsonanz erklärt.”* Die Tonoi waren aber wahrscheinlich
beträchtlich älter.
Was waren also tatsächlich diese Tonoi? Haben sie nicht nur in der
theoretischen spekulativen Abstraktion, sondern auch in der Praxis eine
entsprechende Grundlage? Die Etylomogie suggeriert eine Möglichkeit, sie
als Stimmungen, oder Stimmungsverfahren aufgrund des Zusammenhangs
mit reivo (= spannen, einspannen, ein
[Saiten]-Instrument einstimmen),'s
zu deuten. In dieser Bedeutung war jedoch das Wort tdots gebräuchlicher,
aber auch es wurde mehrmals unter den Synonymen und Bedeutungserklärungen von zóvoz erwähnt.16 Auch die Ableitungen wie eùrovos u. a. bekräftigen diese Deutung. Es muß wieder an den bereits zitierten Aristoxenos-Satz
über Tonoi, nämlich
,,ép'
dv tidéusva ta ovorjuara uelwdeïra erinnert
werden, der jetzt eine mehr reale und sinnvolle Bedeutung gewinnt, und zwar
„die Stimmungen, in denen durch die Melodiebildung die einzulegenden —
passenden, entsprechenden — Syst@mata, d. h. Oktavgattungen entstehen“,
und dadurch auch unsere Hypothese von dem Sinn der Tonoi untermauert.
Die wichtigsten Argumente bringt jedoch die Geschichte. Wie die in
den
letzten
Jahrzehnten
gefundenen
und
veröffentlichten
babylonischen
12
Vgl. Gombosi, Tonarten S. 136 ff.
13
Auch wenn die Theorie von A. Bataille (Remarques sur les deux notations
mélodiques de l’ancienne musique grecque,
Recherches de papyrologie
1961),
der die Entstehung der griechischen Notenschrift erst ins 3. Jh. v. u. Z. legt,
neuerdings ernsthaft erschüttert wurde (D. Jourdan-Hemmerdinger, La date
de la ,.notation
vocale‘
d’Alypios,
Philologus
125,
1981, 299—303) und die
älteren Stammzeichen der Instrumentalschrift die Doppeloktave umfassen sollen
(Gombosi, Tonarten S. 78 f.), ist kaum wahrscheinlich, daß die Notation größeren Umfang hätte als die Instrumente, und diese erreichen die Doppeloktave
wahrscheinlich erst zu Ende des 5. Jahrhunderts.
14
15
Aristoxenos El. Harm. 26. 6—8 da Rios.
‘gl. Liddell-Scott, Greek English Lexicon, New Edition by H. St. Jones, sub
TEÍVO). ETUTEÏVU), TÓVOZ, EÜTOVOS, Yondotovior U. A.
Vgl. Kleoneidou /sagoge, in
Jan, Musici scriptores Graeci S. 202. 8.
Pagina 5
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Texte zeigen, waren in Altbabylonien schon im 18. Jahrhundert v. u. Z. die
sieben modalen Oktavgattungen bekannt, deren Namen mit den Benennungen
des ersten Intervalls (Doppelgriffs) der Quart-Quintschritt-Stimmungskette
identisch waren, die die betreffenden Modus-Oktavgattungen produzierten.!?
Dieses System war nicht nur bis in die neubabylonische Zeit des 7. und 6.
Jahrhunderts v. u. Z. im Gebrauch, sondern wurde — wie weitere Texte
beweisen — auch im 13. Jahrhundert v. u. Z. in Ugarit auf der Mittelmeerkiiste
benutzt,!s was die Annahme weiterer Verbreitung über Vorderasien ermöglicht.
So können wir voraussetzen, daß die Griechen dieses System und das ihm
zugrundeliegende Verfahren kennengelernt haben konnten, weil es mehrere
Wege gab, die das ermöglichten. Wenn wir die halblegendäre Überlieferung
über Pythagoras, der nicht nur mit den ägyptischen, sondern auch mit den
chaldäischen Priestern verkehrt haben soll, beiseite lassen, besteht die Möglichkeit, daß die Pythagoreer — die wahren Begründer der griechischen Musiktheorie — auf Sizilien und in Unteritalien dieses Musiksystem, oder wenigstens
sein Prinzip, von den dortigen phönikischen Kolonisten übernommen haben.
Demnach wäre die ,,pythagoreische Stimmung‘, ähnlich wie der berühmte
nach Pythagoras benannte geometrische Satz von den Seiten des rechteckigen
Dreiecks, eine Verarbeitung der uralten mesopotamischen Praxis. Aber es
bieten sich noch weitere, vielleicht sogar wahrscheinlichere Möglichkeiten
der Übermittlung dieses Systems an die Griechen über Kleinasien, wo griechische Kolonisten und Händler mit den Babyloniern nachweislich schon im 7.
Jahrhundert in direkten Kontakt traten, oder die Vermittlung der kleinasiatischen Völkerschaften ausnutzen konnten, von denen die Phryger und
Lyder die Spur ihrer Einflüsse wenigstens in den Namen der alten Harmoniai
hinterließen. Und schließlich wurden unlängst die Kontakte zwischen den
mykenischen Kulturzentren und Ugarit nachgewiesen, wo die Adaptation
des babylonischen Systems zur Aufzeichung von Musik gefunden wurde.
Natürlich sind alle diese Wege sowie die Übernahme selbst hypothetisch,
wenn auch sehr wahrscheinlich. Aber auch wenn die Griechen das altbabylonische Musiksystem tatsächlich übernommen hätten, wäre es nicht passiv erfolgt.
Die Babylonier stimmten ihre Saiteninstrumente oder konstruierten ihre
Modi — inwieweit und zu welcher Zeit es sich um ein praktisches Verfahren
handelte und wann es zur bloßen theoretischen Operation wurde, ist nicht
17
O. R. Gurney, An Old Babylonian Treatis on the Tuning of the Harp, Iraq 30,
1968, 229—233. Meine Analyse samt Bibliographie in Hudebni véda 1983 (K otazce
vzniku nejstarsiho modälniho svstému v dejinäch hudby, S.
13
3—21) — die
deutsche Fassung erschien in Archiv orientälni 1987, 41—57.
Vgl. u. a. A. D. Kilmer — R. L. Crocker, Music from Silence (Schallplatte u.
Text, 1976, Enki Production). Kritische Bewertung aller Rekonstruktionsversuche,
Bibliographie und eigene Rekonstruktion: M. K. Cerny, Hymnus z Ugaritu,
Opus musicum 1986, &. 1 (deutsches Resumé).
Pagina 6
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)zu erschließen?
mittels einer
stetigen Progression von
absteigenden
Quarten und aufsteigenden Quinten.? Die Griechen gingen dagegen offensichtlich von der Mese aus und stimmten zuerst je eine Quarte hinauf und hinab
und dann je eine Quinte in der entgegengesetzten Richtung, was (eventuell)
durch die Oktaven der Ecktöne vervollständigt wurde. So entstand die von C.
Sachs vorausgesetzte „klassische‘‘ Stimmung der griechischen Leierinstrumente.?! Es gab noch eine andere Möglichkeit, wie das altbabylonische System
zu dieser pentatonischen
Stimmung
umgewandelt werden konnte.
Wenn
nämlich von dem babylonischen,,nid qabli-Modus” (tatsächlich DO-Heptatonik) die letzten zwei ihn generierenden Quart-Quint-Schritte von der Progression
F—C—G—D-—A-—E-—H weggelassen würden, entstünde die Pentatonik
c—d—f—g—a—c'!—d', die in der Tonordnung der d—e—g—a—h—di—et
der ,,Sachsschen' Stimmung gleich ist. Und da wir in Vorder- und besonders
Kleinasien und dem ägüischen Raume des II. und I. Jahrtausends y. u. Z.
neben den relativ seltenen großen altsumerischen und assyrischen Harfen
und Leiern auch die Saiteninstrumente mit kleinerer Saitenzahl, d. h. 4 bis
7 finden,?? so können wir glauben, daß diese Reduktion schon in diesem
Raume verwirklicht worden war, bevor das System selbst oder sein Prinzip
zu den Griechen kam. Doch die griechische Umdeutung mit der Mes? als
Ausgangspunkt scheint wahrscheinlicher zu sein, denn für sie spricht die
Emphasis, mit der besonders die ältesten Quellen die Bedeutung der Mesé
hervorheben. Die aristotelische Benennung als jyeuwv und dey) kann mit
Rücksicht auf die üblichen Bedeutungen dieser Wörter besonders in der
Umgangssprache als Bezeichnung des Anfangs- oder Bestimmungspunktes
—
des Stimmungsverfahrens verstanden werden, weil bei Aristoteles neben den
philosophischen Aspekten auch die Rücksicht auf die Praxis im Spiel war.
Dies entkräftet die anderen Deutungen, die sich entweder auf die Halbierungen
der Saiten des Monochords stützen, wobei die Mesé die Mitte zwischen dem
Endpunkt und der Hälfte der Saite einnehmen sollte, oder die sich auf die
Stellung der Mesé in der Mitte der Siebentonreihe, der sieben Saiten oder
sogar der sieben Planeten berufen, wenn sie das Abbild der Sonne repräsentieren sollte.2* Die Pseudoaristotelischen
Probleme betonen, daß
mit der
19
Der Text U 7/80 (U ET VII 74) ist zweifellos eine praktische Anweisung.
20
Vgl. die Analysen bei Kilmer-Crocker (Anm. 18) und meine Aufsätze (Anm. 17).
22
C. Sachs, Die griechische Instrumentalnotenschrift, Zeitschrift fiir Musikwissenschaft 6, 1923—24, 289—301.
2
Vgl. W. Stauder, Die Harfen und Leiern Vorderasiens in Babylonischer und
Assyrischer Zeit, Frankfurt/M. 1961; B. Aign, Die Geschichte der Musikinstrumente des Ägäischen Raumes bis um 700 vor Christus, Frankfurt/M. 1963.
23
Aristoteles, Meta ta physica 1018b — Jan, Musici scriptores Graeci 17. Auch
Arist. Probl. XIX. 18, 20, 36, Jan 84. 88, 89, 97.
Beide Deutungen bei F. Zaminer, Hypate, Mese, Nete im frúhgriechischen
Denken, Archiv für Musikwissenschaft 41, 1984, 1—26.
Pagina 7
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Bewegung
— Verstimmung
— der Mesé die ganze Melodie geändert oder
verstimmt werde und auch die späteren Quellen bezeichnen oft die Metabolé
als die Anderung der Mesé. Natiirlich kann der Verweis auf die Stellung der
Mesé inmitten des Heptachords — jedoch ohne jene kosmologische und astronomische Färbung
— nicht gänzlich verworfen werden. Er kann nämlich
auf die historische Entwicklung des griechischen Tonsystems hinweisen.
Meines Erachtens war die Mesé nicht nur der ursprüngliche Ausgangspunkt
der Stimmung, sondern auch — und möglicherweise noch früher — der Zentralton der ältesten griechischen Weisen, besonders des halbrezitativischen
Vortrags der Epen.?s
Den Begriff des Zentraltons hat sich die Ethnomusikologie für die Töne
geschaffen, die in den primitiven Melodien den Schwerpunkt bilden und mit
meist zwei benachbarten Tönen umkreist werden. So entstanden schon auf
den sehr niedrigen Entwicklungsstufen die trichordalen melodischen Kernzellen nach dem Prinzip, das der unlängst verstorbene slowakische Musikwissenschaftler J. Kresänek für psychophysiologisch motiviert erklärt und
Stenochorie genannt hat.26 Die Ethnomusikologen haben nicht nur die große
Verbreitung solcher trichordalen Melodien, deren Verlauf sich nach der Melodie
und den melodischen Akzenten der Sprache — besonders der sogenannten
„singenden Sprachen‘‘2? richtet, sondern auch die Tatsache, daß der höhere
Nebenton näher zum Zentralton als der tiefere und oft mit unbestimmter
Tonhöhe intoniert wird,2® zur Gesetzmäßigkeit verallgemeinert.
Auf
der
höheren Entwicklungsstufe traten zu diesen Trichorden noch zwei weitere
dem Konsonanzprinzip folgende Töne meist im Abstand einer Quarte vom
Zentralton auf—
und abwärts, die für emphatische Akzente und Kadenzen
dienten.?9
Solche Strukturen kénenn wir mit Recht auch in der iiltesten griechischen
Musik voraussetzen und davon auch die urspriingliche tonartliche Organisation ableiten. Wenn wir den Ton a als Zentralton — Mesé — wählen, ergibt
sich die Tonreihe e—g—a—b (hes, etwas tifeer, unbestimmt intoniert) —d!
und daraus auch die Stimmung der alten viersaitigen Phorminx als
e—g —a—d!,
was natürlich von den traditionell vorausgesetzten e —a —h —d' oder e —a —h —e1
25
J. Kresánek, Tonalita, Bratislava 1982, S. 27 ff., 36 £. u. 77 f.und M. L. West,
The Singing of Homer and the Modes of Early Greek Music, Journal of Hellenic
Studies 1981, 113—129.
us
Kresänek, op. cit., S. 32 ff.
So wurden die Sprachen genannt, in denen die Tonhöhe der artikulierten Silben
die Bedeutung der Worte bestimmt. Das betrifft z. B. das Chinesische, manche
afrikanische Sprachen usw.
23
F. Bose, Musikalische Völkerkunde, Freiburg i. Br. 1953, S. 102—8; Kresänek,
op. cit., S. 29—30.
Vgl. Kresänek und West a. a. O.
Pagina 8
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)differiert, aber dadurch untermauert werden kann, daB es sich um die Saiten
handelt,
also
deren
Benennungen
nicht
tadty, luyavds, péon, virn,
voneinander abgeleitet
worden
sind;
nicht aber zapauéon oder toitn
2° deren
Namen sicherlich jünger sind. Auf diesem Argument fußt auch die Hypothese
M. L. Wests, die übrigens in ihren Hauptkonturen sehr ähnlich derjenigen
ist, die ich hier vorlege. Doch indem West von literarischen Quellen ausgehend
zur Urform der Enharmonik kommt,3! ziele ich auf die Diatonik.3? Vorausgesetzt wird die etwas tiefere Intonation der Parhypatai und späteren Tritai,
die nach Archytas und Ptolemaios auch in diesem Tongeschlecht mit den
tieferen benachbarten Tönen das Intervall 28/27 bildeten,® welches auf der
Phorminx mit hölzernem Resonanzkörper’* mit einem einfachen Griff erzielt
werden konnte, besonders wenn es sich nicht um genaue Intonation handeln
mußte.
Diese älteste Besaitung wurde dann wahrscheinlich im 7. Jahrhundert
v. u.Z. zur Siebensaitigkeit erweitert. Dies wurde Terpandros zugesprochen
als Hinzufügung der ,,dorischen Nöte“, aber es handelte sich auch um die
Paramesé-T'rité und höchstwahrscheinlich auch um die ,,Hyperhypate”, die
nicht nur durch die Quellen des 5. Jahrhunderts,3 sondern auch in den ,,platonischen Harmoniai des Aristides Quintilianus und dem Orestes-Fragment
als die tiefste Saite unter der Hypaté belegt ist. So entstand die durch Sachs
und andere vorausgesetzte „‚klassische‘‘ Stimmung der griechischen Leierinstrumente d—e—g—a—h—d!—e!.
Diese pentatonische Stimmung, die trotz aller Bedenken und Einwände
jetzt mehr und mehr als historische Realität anerkannt wird, bot — falls die
Hestötes-Tönemit einem Griff um ein kleines Intervall erhöht werden konnten —
die Möglichkeit, drei oder sogar vier solche trichordale melodisché Kernzellen
(wie jene frühere um die Mese) zu bilden. Und die Disposition dieser Trichorde
&
30
»Trite** nach Philolaos, vgl.
si
Op. cit., 121.
Jan, Musici scriptores Graeci, S. 252.
32
Auf die Priorität und das Alter der Diatonik weisen auch antike Quellen, u. a.
Pseudo-Plutarch (Vgl. F. Laserre, Plutarque De la musique, Lausanne 1954,
33
S. 115—16, indem er Olympos die Erfindung der Enharmonik zuschreibt, oder
die Hibeh-Rede, die ihre Verwendung den halbbarbarischen Stämmen zusagt.
Vgl. Crönert in Hermes 44, 1909, 503 ff.
Vgl.I. Dürings Umrechnungen in Ptolemaios und Porphyrios über die Musik,
S. 86 ev. ff.
34
C. Sachs, The History of Musical Instruments, N. Y. 1947, S. 130; S. Michaelides, The Music of Ancient Greece, An Encyclopedia, London 1978, S. 253.
3s
Plutarchos. 1140 — F. Lasserre, Plutarque De la musique, Lausanne 1954,
S. 123.30. Nikomachos schreibt es Pythagoras zu — vgl.
Jan, Musici scriptores
Graeci S. 244.
36
Vel. I. Diiring, Studies in Musical Terminology in 5th Century, Eranos 43,
1945, 376 ff. ,,Hyperhypaté“ wird auch noch bei Boethius erwähnt.
Pagina 9
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)um die Hypatë, Paramesé und Nete, bzw. auch um Mese, wiederholte in einer
größeren Dimension dieselbe Proportion der Abstände wie im Trichord,
daß nämlich der höhere Trichord näher zum Zentrum lag als der tiefere. Der
Melodiebildung standen so verschiedene Kombinationen dieser Kernzellen,
eventuell auch andere stabilisierte melodische Wendungen zur Verfügung,
die wahrscheinlich auch die Struktur der alten Harmoniai bildeten, die sicherlich mehr als bloße Tonleitern waren.37 Aus der Funktion und Frequenz dieser
Kernzellen konnten auch die Register — zóxot gwrjs — resultieren, von denen
im Zusammenhang mit den Tonoi die Rede war, die aber schon die Struktur
und Charakteristik der Harmoniai mitzubestimmen scheinen, was auch die
Aussagen eines Lasos von Hermione ,,... AloAıö’ dua Baoößoouov ápuoviar...**
oder Pratinas „unte otvtovoy Ölwxe, pijte tav dveruévav ’Iactì uovoav, aida
tay uécav rev Goovoar alólile tH pédet...** andeuten.35
Wenn aus meiner auf Stenochorie gestützten Hypothese die Alterspriorität der Diatonik resultiert, möchte ich keinesfalls das Alter der Enharmonik
leugnen. Beide Tongeschlechter entwickelten sich parallel, auch wenn die
Enharmonik doch etwas jünger gewesen sein mußte, sonst hätte die Tradition,
daß sie Olympos — und damit auch „die schöne hellenische Musik“ — erfunden haben sollte, keinen Sinn. Vermutlich wurde der Ansatz dieses Tongeschlechts mit dem Aulos verbunden, was auch der Name des angeblichen
Erfinders beweist. Auf diesem Instrument ist nämlich die für die Enharmonik
charakteristische Naturterz (5/4)*° in der Disposition gegeben. Bei der äquidistanten Bohrung der Grifflöcher entsteht sie schon zwischen dem 1. und
2. Loch von unten, wenn die Löcher in Abständen von 1/6 der Gesamtlänge
gebohrt wurden, oder bei durch Halbierung noch praktischer erreichbaren
Bohrungen in den Abständen 6/8—5/8—4/8—3/8 oder 12/16—10/16—
9/16 —8/16 —7/16 —6/16, die bei dem Grundton A die Tonreihen d—f—a—d1
oder d—f—g—a—h* —d' ergeben. Die letztere dieser Reihen ist sehr nahe
dem phrygischen System, und wenn das fehlende e durch Teilverdeckung
des 2. Grifflochs vervollständigt würde (durch Teilverdeckung der Löcher
können die Töne bis auf um einen Halbton erniedrigt werden), könnte auch
das dorische Tetrachord und die Spondeion-Skala erreicht werden.*!
37
Ofters wird auf Parallelen mit indischen ragas, oder arabischen magam hingewiesen
ähnlich wie bei Nomos. Uber die Nähe beider Begriffe W. Vetter, Musikalische
Sinndeutung des antiken Nomos, in: Mythos-Melos-Musica I, Leipzig 1957,
S. 86 ff.
33
39
Athenaios, Deipnosophistai XIV. 624 f. (III. 378 Kaibel).
Für die älteste halten die Enharmonik besonders H. Husmann, Olympos.
Die Anfinge der griechischen Enharmonik, Jahrbuch Peters 44, 1938, 20.44;
M. Vogel, Die Enharmonik der Griechen, Düsseldorf 1963, 2 Bde., 153 +189 S.
4
H. Husmann, Olympos, S. 31 ff.
Vel. R. P. Winnington-Ingram, Mode in Ancient Greek Music, Cambridge
Pagina 10
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Mit der Konstituierung der beiden ältesten Tongeschlechter und der
Entstehung und wahrscheinlichen Stabilisierung der Besaitung und Grundstimmung — der Stimmung oder Benennung der Saiten und Töne xatà dar
der späteren Theoretiker — wurde keinesfalls die Geschichte des griechischen
Musiksystems, d. h. der Organisation des Tonmaterials vollendet. Im Gegenteil,
dies war erst der Anfang einer komplizierten, vielschichtigen und wahrscheinlich oft widersprüchlichen Entwicklung, die zu den Tonoi und Oktavgattungen
führte, die uns Aristoxenos und die späteren Theoretiker beschreiben. Diese
Entwicklung ist heute schon fast ausnahmslos als Tatsache anerkannt und
es fehlt nicht an Versuchen, sie wenigstens hypothetisch zu rekonstruieren,
*
wobei jedoch nur einzelne Aspekte dieses Prozesses erfaßt werden können,
was auch von den hier vorgelegten Hypothesen gelten muß. Während dieser
Entwicklung, die das 6. und 5. Jahrhundert v. u. Z. ausfüllte, vermischten
sich und verschmolzen allmählich die herkömmlichen stammesgebundenen
oder regionalen und die den importierten orientalischen Stilen* eigenen Idiome
und wurden schließlich zu bloßen „Oktavgattungen‘‘ oder Tonleitern nivelliert, die sogar die Oktave überschreiten oder nicht völlig ausfüllen konnten,
wie die durch Aristides Quintilianus übermittelten Harmoniai der zaw
zalarorarwv.* Diese „„Tonarten‘‘ wurden dann während des 5. Jahrhunderts
von den Theoretikern — pythagoreischer Prägung sowie ,,Harmonikern‘‘45 —
analysiert und systematisiert. Die Mitteilungen Pseudo-Plutarchs und Aristoxenos’ verweisen darauf, daß Lamprokles die wahre Struktur des Mixolydischen, das schon seit Terpandros und Sapho im Gebrauch gewesen war,
erkannt haben sollte, indem er die Diazeuxis zwischen die zwei obersten
Töne setzte, und daß Eratokles die Oktavgattungen (tod dıa zacó» avoryjpara) beschreiben sollte.
1936, S. 22—4 (ders., The Spondeion Scale, Classical Quarterly 1928); M. Vogel,
op. cit. Der Ton et war durch Überblasen zu gewinnen. Es muß jedoch
wermerkt
werden,
daß
-ethnomusikologischen
die
neuesten
organologischen
Untersuchungen
H.
Beckers
und
komparatistisch-
(Zur
Entwicklungsgeschichte der antiken und mittelalterlichen Rohrblattinstrumente,
Hamburg 1966)
und Ch. Ahrens’ (Aulos, Touloum, Fischietti, Aachen 1987, besonders S. 153 ff.)
diese Voraussetzungen etwas problematisieren.
42
E. V. Gereman, Osnovnyje istoritscheskijo etapy evolucii antitschnogo ladovogo myschlenija, Nautschno-metoditscheskije zapiski, Wladiwostok 1975, S. 3—13;
M. L. West, op. cit.; J. Solomon, Towards a History of Tonoi, The Journal
of Musicology III, 1984, 242—251.
43
Vgl. Solomon, op. cit., S. 248—9.
44
Aristides Quintilianus 16.6 ff. Winnington-Ingram.
45
Harmonikoi waren Musiklehrer, oder Theorie-Lehrer ähnlich den Sophisten.
Manchmal waren unter ihnen auch die Dichterkomponisten.
Plutarque De la musique 118.14—16, Mor. 1136; Aristoxenos Elementa Harm.
6.14—7.8 u. 11.2—12 da Rios.
Pagina 11
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Um jedoch analysiert und systematisiert werden zu künnen, muBten
diese Tonarten (Systeme) auch in der Musikpraxis existieren und gespielt
werden, was auch die passende Stimmung der Instrumente — besonders der
Leierinstrumente (die Auloi wurden fiir eine jede Tonart oder Stimmung
speziell hergestellt)” — voraussetzt. Wenn wir die erwähnte hypothetische
„klassische‘‘ Stimmung der siebensaitigen Leier betrachten, zeigt es sich
zweifelsohne, daß in dieser Stimmung sowohl das Dorisch als auch das Phrygisch ohne weiteres gespielt werden konnte, und zwar auch in der von Aristides Quintilianus überlieferten enharmonischen Form. Für die Enharmonik
mußten natürlich die Lichanos- und Paranété-Saiten um einen Ton tiefer
(eventuell für das Synömmenön-Tetrachord die Paramesé um einen Halbton)
oder besser auf die Naturterz von dem obersten Ton des Tetrachords gestimmt
werden. Diese Stimmung von oben beeinflußte wahrscheinlich samt der
unbestimmten, schwankenden Intonation der Parhypatai und Tritai auch
die griechische Auffassung der Tonleitern als herabsteigend. Die Art und
Weise, wie die anderen — besonders die ,,aristidischen” Tonarten — eingestimmt
und gespielt wurden, ist weniger klar. Die hypothetische Rekonstruktion
M. L. Wests sieht zwar auf den ersten Blick wahrscheinlich aus, doch sie
benötigte wenigstens acht Saiten mit der tiefsten für Hypaté hypatön, was
besonders für die älteste Zeit des 7. und frühen 6. Jahrhunderts nicht glaubwürdig ist. Für das Spiel im Lydischen schlägt Gombosi die Möglichkeit
der Umstimmung der Hypaté und Paramesé-Saiten auf f und el vor, was ein
Impuls zur sogenannten „Hochstimmung‘“ sein sollte.” Dies paßt jedoch
erst auf dei vollentwickelte lydische Oktavgattung oder den Tonos.
Auch wenn wir von der Entwicklung der altgriechischen Harmoniai
und Systeme fast gar nichts wissen, weil konkrete Quellen ausbleiben, kénnen wir doch etwas vermuten und voraussetzen. Eine dieser möglichen Hypothesen ist die bereits oben angedeutete Übernahme und Adaptation des
altbabylonischen Stimmungssystems. Mit dem Heranwachsen der Harmoniai
in der schon zu Tonleitern nivellierten Form mußten auch die Schwierigkeiten
der spielerischen Realisation wachsen. Und da eben kam den Griechen die
mesopotamische Art der Stimmung und Konstruktion der modalen Systeme
sehr zugute, gleich auf welche Weise und wann ihnen die Kenntnis derselben
vermittelt wurde. Ihre heimische Tradition, die Stimmung von der Mesé
symmetrisch auf beide Seiten zu entwickeln, führte jedoch zur Umwandlung
“
Vel. K. Schlesinger, The Greek Aulos, London 1939, S. 36 f. u. 69 ff. setzt
verschiedene
Teilungen der Gesamtlänge des
Instruments. Das Stopfen der
Löcher mit Wachs fürs 5. Jh. — vgl. I. Düring, Studies in Musical Terminology
in 5th Century Literature, Eranos 43, 1945, 176—197.
“s
“
West, op. cit.; Gombosi dagegen verzeichnet die ältesten Belege der Achtsaiter
erst auf den Vasen der Hälfte des 6. Jh. (Tonarten und Stimmungen 65 ff.).
Gombosi, Tonarten u. Stimmungen, 22 f.
Pagina 12
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)der altbabylonischen stetigen Auf-und-Ab-Progression in ihr eigenes symmetrisches Verfahren, aber mit einer beweglichen Mese zara Övvauıy, zu der
jetzt jeweils eine andere, dem gewünschten Tonos — oder der Oktavgattung —
entsprechende Saite gewählt wurde. Dieses Verfahren fand schon in der
herkömmlichen hellenischen Praxis eine konkrete Stütze. Wenn nämlich die
schon zur Tonleiter nivellierte phrygische Harmonia in dem ursprünglichen
„thetischen‘ Saitensystem gespielt wurde, so daß die dorische Hyperhypaté
zu ihrem Grundton würde, mußte bemerkt werden, daß der Anfangston des
Stimmungsverfahrens — doz — uéon® — jetzt der fünfte in der Tonleiter
war, also daß die Mesé ihren Platz änderte. Wenn man dann dasselbe Phrygisch in der Grundoktave haben wollte, mußte man das Stimmungsverfahren
von der ursprünglichen (thetischen) Paramesé beginnen, und so entstand
auch die dynamische Mesé, ähnlich der übernommenen Praxis, die jedoch
viel beweglicher war. Und von diesen dynamischen Mesai wurde das übliche
Stimmungsverfahren praktiziert — die zwei Quarten zu beiden Seiten und
die zwei rücklaufenden Quinten und Oktavverdoppelungen — so daß in der
Grundoktave
verschiedene
Kombinationen
von
Tönen
und
Intervallen
entstanden — die Systémata —Oktavgattungen, die den verlangten Harmoniai
entsprachen. Wenn natürlich der Tonumfang nur einer Oktave (oder höchstens
None) zur Verfügung stand und die Mesé sich zu hoch oder tief verschob,
mußte das Stimmungsverfahren mittels der Intervallumkehrungen umgewandelt werden: statt der aufsteigenden Quinten die Quarten abwärts und statt
der absteigenden Quarten die Quinten aufwärts und vice versa. Als jedoch die
Saitenzahl von 7 auf 11 angestiegen war, die den Tonumfang von zwei Oktaven
decken konnte — ich setze stets die pentatonische Stimmung voraus, ohne
die sogar die größte Kithara das Systéma teleion nie umfassen konnte — konnte
auch das Stimmungsverfahren in seiner ursprünglichen Form von jedem Ton
der Grundoktave appliziert werden, oder technisch gesagt: zur Mesé konnte
jede der fünf Saiten zwischen der vierten und achten werden. Und dies wurde
später durch die theoretische Abstraktion des realen Stimmungsverfahrens
in das Transpositionssystem zuerst der dorischen Oktavgattung und dann
auch des ganzen Systema teleion umgewandelt. Es setzt jedoch zweierlei
voraus: erstens eine solche Entwicklungsstufe der
Spieltechnik, daß alle
verlangten Tonarten und Metabolai bei einer und derselben Grundstimmung
möglich waren und die Umstimmungsverfahren als unbrauchbar in Vergessenheit gerieten, und zweitens die notwendige Ausweitung auch des Notationssystems, die besonders im Falle der Transposition des ganzen „Vollständigen
Systems“ nötig war, aber erst im 2. Jahrbundert u. Z. durch den Berliner
Papyrus nachweisbar ist.51
Wenn jedoch diese als „Tonoi‘‘ benannten Transpositionssysteme nicht
Sieh Anm. 23 — Aristoteles Metaph.
Pagina 13
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)bloB rein ideelle Begriffe und Instrumente der theoretischen Analyse, wie
die Systémata, sondern die Sache der Realität und der Praxis sein sollten,
wie man heute meint,‘? mußten sie eine reale Existenzbasis besitzen. Und
die kann kaum etwas anderes bilden als die oben beschriebenen Stimmungsverfahren und deren Ergebnis in der Grundoktave oder dem „thetischen“
Systema teleion. Wahrscheinlich mußten auch diese schon „Tonoi‘ heißen,
wenn wir es auch quellenmäßig nicht belegen können. Dies ist auch der Kern
meiner hier vorgelegten Hypothese.
Jetzt ist also zu fragen: Ist diese Hypothese eine reine historisch-theoretische Spekulation, oder gibt es gewisse Belege und Zeugnisse, die sie
untermauern können? Ich glaube einige Fakta und Aussagen anführen zu
können, die an sich wohlbekannt sind, auch wenn sie — was verwunderlich
ist — bisher nicht in diesem Sinne interpretiert wurden. Dem Alter nach
ist es der toíxovs eines Pythagoras von Zakynthos (Mitte des 5. Jahrhunderts
v.u. Z.), ein Instrument, das aus drei in der Form „des delphischen Dreifusses’‘ verbundenen Leiern auf einem gemeinsamen Resonanzkörper bestand,
dessen Beschreibung uns Athenaios überlieferte.®® Warum war es eigentlich
notwendig, so ein grosses kompliziertes und schwer handhabbares Instrument
zu bauen, wenn sich die Harmoniai nur durch die Höhenlage unterschieden
und in der Grundoktave teilweise überdeckten, wie die später beschriebenen
Syst@mata; zu ihrer „Deckung“ genügte nur die erhöhte Saitenzahl. Nach
den schon erwähnten aristotelischen und pseudo-aristotelischen Aussagen
über die Bedeutung der Mesé möchte ich nun die bei Athenaios zu findende
Kritik derjenigen anführen, die die Unterschiede der eiön nicht zu erkennen
wissen und zur Höhenlage Zuflucht nehmen: ,,xatapoovyréov od» tüv tas
pèv zat’ eidos Ötapopds où dvvayévov Dempeiv Exaxohovdotytwr dì tH Tüv
podyyor dEvrnri zai Baovryte zai tidepévov daeoutsohidiov douoviay zai rdv
dxéo tadıns din.“
Diese Worte gehüren hierher, falls sie von Herakleides Pontikos stammen — wir finden sie nämlich im Kontext mit seinen AuBerungen über die
Namen der alten griechischen Harmoniai, was zusammen mit diesem Wort
und dem Hinweis auf die Nichtexistenz des Ethos vom Hypermixolydischenss
erlaubt diesen Passus ihm zuzuschreiben. Wenn sie aber Athenaios selbst
gehörten, dann gewännen sie noch an Gewicht, denn das hieße, sie entstammen
sı
Vel. Pöhlmann, Denkmäler altgriechischer Musik, Nürnberg 1970, S. 94—112.
s2
Vel. u. a. Solomon a. a. O.
ss
Athenaios XIV, 637 b—f (IH. 406—3 K aibel).
s4
Athenaios 625 d (Kaibel 38)
Sieh oben Anm. 23.
ss
Die Erwähnung von diesem jüngsten Tonos beweist, daß es sich hier tatsächlich
um T'onoi handelt, die also still mit den Eide identifiziert wurden. Doch diese
Erwähnung problematisiert die Zuschreibung dem Herakleides.
Pagina 14
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)der Zeit, wo das Konzept der Tonoi als Transpositionssysteme en vogue war.
Noch deutlicher spricht Klaudios Ptolemaios. Nicht nur, weil er fiir
konservativ gilt, sondern auch weil er auf Praxis seiner Zeit sah, was die in
seiner Schrift angefiihrten praktischen Stimmungen der Leierinstrumente
beweisen. Seine ganze Konzeption ist gegen die Auffassung der Tonoi als
bloß nur durch die Höhenlage unterschiedene Transpositionssysteme gerichtet.
Am anschaulichsten sind die Tabellen „der Zahlen, welche die Einteilung
der sieben Tonarten in den üblichen Tongeschlechtern ergeben“.56 Sie sind
in zwei Varianten für jeden Tonos berechnet, und zwar von der Neté diezeugmenön und Mese zur Hypaté hypaton oder dem Proslambanomenos. Die Erklärung dieses Verfahrens bleibt aus, doch es ist klar, daß es hier Ptolemaios
um die Projektion der Tonoi in das basale „thetische‘‘ System ging und nicht
um deren Höhenlage als ,,transponierter” Systeme von zwei Oktaven. Und
dies bestätigt auch seine Auffassung der Metabolé, für die er nicht die bloße
Transposition anerkennen wollte, sondern nur die, bei der „eine Tonfolge
mit neuen harmonischen Relationen“ (d. h. funktionalen Bindungen der
Töne) entstehen sollte und ‚die Tonhöhe nicht als solche, sondern in ihrer
Beziehung auf die Melodie geändert‘‘ würde.5’ Dies weist ebenso auf die Wandlung der inneren intervallischen Struktur wie die schon erwähnte Aussage
der Pseudoaristotelischen Probleme, daß mit der Änderung der Mes? sich
auch die Melodie ändert.®® Und dasselbe zeigen auch die Dokumente der
Praxis, die überlieferten Musikfragmente, und zwar nicht nur durch den
Tonumfang, der die Grenzen des untransponierten ,,dorischen'* Systëma
teleion — ja meist dessen mittlere Oktave — nicht zu überschreiten und in der
vorausgesetzten „klassischen“ Grundstimmung A—H —d—e—g—a—h—c!—
d!—e! —gt—a! 5° der Leierinstrumente spielbar zu sein scheint. Natürlich die
Fragmentarität besonders der ältesten Denkmäler erlaubt keine verläßlichen
Schlüsse. Klar sprechen jedoch die Metabolai, die in zwei Fragmenten des
Wiener Papyrus G 29825 wörtlich vorgeschrieben sind. Nach der Vorschrift
povyıori‘“‘ folgen die Tonzeichen J M H und P, die nach Pöhlmann dem
Tonvorrat des Hypophrygischen angehören“ und im vorangehenden lydischen
Tonartenkreis leiterfremd sind, was also eine tonartliche Strukturänderung
bedeutet ohne jedwede beträchtliche Änderung der Höhenlage der Melodie.
Und ähnlich folgt in dem zweiten dieser
Fragmente
nach
Avédcrti eine
ss
Die Harmonienlehre des Klaudios Ptolemaios (hrsg. I. Düring), Göteborg
$7
Ebenda 55,9 ff. — deutsch Ptolemaios und Porphyrios über die Musik, Göteborg
se
so
1931, S. 91 ff.
XIX. 20, Jan MSG 89.
Es wird nach Gombosi (a. a. O.) vorausgesetzte
1930, S. 76—80 und passim.
Kithara vorausgesetzt.
6)
Pöhlmann a. a. 0. S. 88—-90.
12-saitige Stimmung der
Pagina 15
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Rückwendung in den Tonvorrat des lydischen Umkreises vom Phrygischen.s!
Ich meine, daB dies ein iiberzeugender Beweis dafiir sein kann, daB die Tonoi
und deren Anderungen zur Herstellung und Wandlung verschiedener modaler
Strukturen im Bereich des der menschlichen Stimme und dem Tonvorrat
der Instrumente entsprechenden Tonumfangs des basalen untransponierten
Systéma teleion eher als der Änderung der Höhenlage der Melodien dienten.
Und zuletzt möge noch eine theoretische Stimme des ‚Aristoxenikers‘
Aristides Quintilianus herangezogen werden. Nachdem dieser die Tonoi nach
Aristoxenos und dessen Schule aufgezählt hat, schreibt er weiter: „Von diesen
[Tonarten] werden die einen vollständig (0
öAov), die andern unvollständig
musiziert. Die Dorische wird jedenfalls in ihrer gesamten Ausdehnung musiziert...‘‘%2 Obwohl dieser Passus etwas umstritten ist, spricht er klar: die
dorische Oktave — der dorische Tonos — samt der Hypo- und Hyperdorischen‘ (wenn es eine solche gegeben hätte) wurde vollständig ‚musiziert‘,
weil alle in den Grenzen des fundamentalen zweioktavigen Systems liegen,
die andern aber „unvollständig‘‘, weil sie diese Grenzen überschreiten und
nur der in deren Rahmen liegende Teil benutzt wurde, eventuell mit Übertragung des jene Grenze überschreitenden Teils auf das andere Ende des Systems.
Das bedeutet also wieder die Projektion des Tonos als Transpositionssystem
in die Grenzen der Grundoktaven. Und so lassen sich schließlich auch die
schon erwähnten Worte von Aristoxenos über die Tonoi, „in denen durch
die Melodiebildung die Systémata entstehen“, sowie viele andere „Stellen“,
die bisher anders gedeutet worden sind, in diesem Sinne interpretieren. Für
ihre vollständige Aufzählung und Auswertung sowie für eine gründlichere
Analyse der Musikfragmente, die das hier gesagte untermauern könnte, bleibt
in diesem Aufsatz kein Platz mehr.
Wenn also die Oktavgattungen — eiön oder ovorjuara tod dia racó»
die Projektion der Tonoi als „Stimmungen“ — gleich ob praktische Verfahren
oder abstrakte theoretische Konstruktionen der modalen Strukturen — in
die natürliche durch das Systéma teleion repriisentierte Stimmlage abbildeten,
was zu beweisen der Sinn vorangehender Zeilen war, waren beide praktisch
identisch. Da muß man jedoch fragen, warum sie in der Theorie so sorgfältig
differenziert wurden und warum diese Identität nirgends artikuliert wurde.
Die erste dieser Fragen wurde schon mit der Auffassung der eiön oder ovotíuata als Mittel der theoretischen Analyse der Tonstrukturen und der tévor als
praktischer Mittel der Konstruktion von derselben wenigstens teilweise
beantwortet. Zu der anderen Frage muß in Betracht gezogen werden, daß
die altgriechische Theorie — gleich
wie die Praxis — wenn sie nicht zur
si
Ebenda 92 f.
62
Aristides Quintilianus 21 W—I, zit. nach Schäfke Ar. Q. über die Musik S. 195.
Ebenda — Kommentar.
Pagina 16
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Notation oder zu proportionalen zahlenmäßigen Ausdrücken der Tonbeziehungen greifen wollte, kein anderes Mittel zur Verfiigung hatte als die von den
Saitenbenennungen abgeleitete Nomenklatur. Diese wurde einmal als ,,kata
thesin“ im Sinne der Bezeichnung von festen Tonhöhen des fundamentalen
Systema teleion ametabolon benannt, das andere Mal als ,,kata dynamin“ als
Bezeichnung der funktionalen intervallischen Beziehung zur „dynamischen“
beweglichen Mese. Wann diese Bezeichnungen in dieser oder jener Bedeutung
benutzt wurden, ergibt sich nur aus dem Kontext. Es wurden sogar Bedenken
geäußert, ob die erstere Bedeutung eigentlich existierte, weil nur die zweite
wörtlich erwähnt wurde.‘ Diese Unzulänglichkeit der griechischen Musiktheorie widerspiegelt sich auch im anfangs zitierten Passus aus Kleoneides,
wo die Systemata durch die Stellung der Grenztòne im oder zum Pyknon,
die Position des diazeuktischen Tones und wieder durch die Grenztöne nach
der eben besprochenen Nomenklatur bestimmt werden. Ob ,,kata thesin“
oder ,,kata dynamin“, ist aus dem Kontext nicht klar, und auch die anderen
Bestimmungen helfen da nicht. Die T'onoi wurden dann nur im Rahmen der
Bedeutungsbestimmung als töroı pww;s nach der Reihenfolge im Abstand
von Halbtönen von oben nach unten aufgezählt. Der zitierte Aristides Quintilianus sucht den Ausweg, indem er die Tonoi nach den Proslambanomenoi
bestimmt, und reiht dieselben von unten aufwarts. 6 Diese Bestimmung kann
aber als eine Umwandlung — oder Verstümmelung?
— der ursprünglichen
Bestimmung nach der Mesai unter dem Einfluß der auch andernorts nachweisbaren Tendenz, die Tonreihen vom tatsächlich tiefsten Ton zu nennen,s?
angesehen werden. Wir müssen auch in Betracht ziehen, daß
diese — und
eigentlich alle samt Aristoxenos — uns überlieferten theoretischen Schriften
aus der Zeit stammen, in der das entwickelte
Notationssystem sowie die
musikalische Praxis mit ihrer virtuosen Spiel- und Gesangstechnik, den vollkommenen großen elf- oder
zwölfsaitigen
Kitharainstrumenten und Auloi
mit vielen durch drehbare Ringe zu verschließenden Grifflöchern nicht nur
die Metabolai im Grundsystem, sondern dessen Transpositionen ermöglichten.
Besonders das Notationssystem konnte die Auffassung der Tonoi als Transpositionen anregen, wie wir es dann besonders bei Alypios, aber auch bei
anderen späten Theoretikern finden. Bemerkenswert ist dabei jedoch, daß
mit der Ausnahme der jüngsten zwei Tonoi alle anderen die Grundoktave,
in der sich wahrscheinlich die meisten Gesänge erstreckten, deckten. Es bleibt
“
Vgl. u.a. Dúring, Ptolemaios und Porphyrios..., Einleitung.
es
Vgl. Kleoneides — Jan MSG 203.
es
Aristides Quintilianus — nach Schäfke S. 194 ff.
67
Vel. die Beziehung von altbabylonischen „nid qabli'* und qablitu-Modus. Sieh
u.a.Cern y, Das altmesopotamische Tonsystem, seine Organisation und Entwicklung im Lichte der neuerschlossenen Texte, Archiv orientälni 55, 1987, 41—57.
Sieh Jan, Musici scriptores Graeci, 306 ff.
Pagina 17
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)jedoch die Frage der Bestimmung der Tonoi als tézot gwvñs. Auch dies kann
aber erklärt und mit unserer Hypothese vereinbart werden. Abgesehen davon,
daB die Bedeutung dieses Begriffs sehr unbestimmt, vieldeutig und schwankend ist — einmal wurde damit der Gesamtumfang der menschlichen Stimme
bezeichnet, das andere Mal approximative Tonhöhenbereiche oder Register,
können wir darin doch einen Hinweis auf die Stimm- oder Melodieregister
sehen. Das muß
jedenfalls nicht zur Transposition der
Systeme weisen.
Viel natürlicher wäre die Voraussetzung, daß es sich um Überreste der erwähnten ältesten Musikpraxis handelt, in der die Mes? nicht nur ein Ausgangspunkt
des
Stimmungsverfahrens,
sondern auch
ein
wirkliches
Melodiezentrum,
Mittelpunkt der zentralen melodischen Kernzelle, um die die Melodie kreiste,
ist. Einige Überreste einer solchen Praxis können auch in den erhaltengebliebenen Musikdenkmälern
— u. a. in dem Orestes-Fragment — noch erfaßt
werden. Wenn wir auch diese Hypothese annehmen — für eine gründlichere
Beweisführung ist leider kein Platz mehr und sie muß weiterer Arbeit überlassen
werden — scheint der leztte Widerspruch beseitigt zu sein. Die Gesamthypothese von den Tonoi als Produzenten der modalen Strukturen erscheint als
lückenlos. Doch es
muß bloß
eine
Hypothese bleiben, denn maßgebende
Quellen fehlen.
os
Vgl. Nikomachos bei Jan S. 239 f., Anonymus Bellermanii II. in Najock
Drei anonyme griechische Traktate über die Musik, Göttingen 1972, S. 82—3;
Bacchii Isagoge in Jan MSG 302, Gaudentii Isagoge — Jan 325—30.