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ARNOLD KEYSERLING
Wien
‘ PYTHAGORAISMUS UND NEUZEITLICHE WISSENSCHAFT
KEYSERLING A., Pylhagordismus und neuzellliche Wissenschaft : Antiquitas
Graeco-Romana (cf. Enseignement : Congrès) 513-515.
Antiquitas Graccn-Romana ac tempora nostra. Acta Congressus internationalis
habiti lirunae diehus 12-16 mensis Aprilis MCMLXVI, cd. cur. Buman J.
& Vinuan L. : Praha Ceskoslov. Akad. Vid 1968 585 p.
Der Einfluß des Pythagoräismus auf die neuzeitliche Wissenschaft war
außerordentlich groß; diejenigen Denker, die wir als Begründer der kontinentalen Naturwissenschaft betrachten, Kopernikus, Galilei und Kepler, verdankten ihre neuen Erkenntnisse bewußt der Wiedererweckung pythagoräischer
Gedanken. Bei Kopernikus ist die heliozentrische Hypothese eindeutig auf die
pythagoräische Lehre zurückzuführen; doch bei Galilei ist die philosophische
Grundauffassung noch klarer zu bestimmen: sie bildet die Grundlage seiner
Unterscheidung der primären und sekundären Qualitäten. Als primäre galten
ihm Zahl, Größe, Figur, Bewegung und Ruhe; als sekundäre die sinnlichen
Qualitäten wie Farbe, Geruch oder Geschmack.
Die Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten wurde von
Locke später in die bekannte Form gebracht, welche die Daten des Tastsinnes,
Solidität und Beharrungsvermögen, gegenüber Gesicht und Gehör heraushob.
In seiner Hinsicht besteht die Kritik von Berkeley, Hume und später Ernst
Mach zurecht: die Daten des Körpersinnes sind in keinem höheren Maße
real als die des Gesichtssinnes; was aber Galilei meinte war, daß die Zahl
selbst in ihrem arithmetischen und geometrischen Aspekt das Grundgesetz
der Wirklichkeit erkenntlich mache, so wie er es selbst ausdrückte:
„Pas Buch der Natur ist in mathematischer Sprache
geschrieben, und die Schriftzüge sind Dreiecke, Kreise
und andere geometrische Figuren, ohne deren Hilfe cs
unmöglich ist, auch nur ein Wort zu verstehen.‘
Pythagoras hatte die Zahl in ihrem arithmetischen, geometrischen und
schließlich musikalischen Sinn -— der Maß und Schwingung, Ruhe und Bewegung vereint und sinnlich verifizierbar ist — als Grundlage sowohl der
Natur als auch der Erkenntnis betrachtet. Hiermit sehen wir, wie falsch es
ist, wenn man Galilei als Urheber oder Nachfolger der nominalistischen quantitativen Betrachtungsweise erklärt: Zahl war ihm nicht nur meBbar. sondern
gleichzeitig die absolute Qualität, im Unterschied zu den ableitbaren Sinnes-
Pagina 2
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)qualitäten, die in Abhängigkeit vom Beobachter zu verstehen sind, und auch zu
den verborgenen Qualitäten und Entelechien der aristotelischen Scholastiker,
welche die Zahl als Attribut, als Beschreibung der Substanz verstanden und sie
damit der sprachlichen Aussage, dem Axiom unterordneten. Als Galilei entdeckte, daß die mit gleichmäßig anwachsenden Geschwindigkeiten durchlaufenen Bahnen eines Körpers auf der schiefen Ebene sich wie die Quadrate der
Zeiten. also wie die pythagoräisch-platonische Zahlenreihe verhielten, suchte
er nicht, wie etwa ein hentiger Wissenschaftler. aus dem Experiment. die wahrscheinlichsten
Zahlenverhältnisse
herauszufinden,
sondern
die
Reihe
der
Quadratzahlen galt ihm von vorne herein als privilegiert; er hatte also eine
vorausgesetzte Theorie. und untersuchte die Tatsachen, um ihre Übereinstimmung mit dieser festzustellen. Zwar bewertete er auch
im Anschluß an Telesius das Experiment gemäß seiner Bedeutung. doch ausdrücklich war ihm
das Ziel der Naturwissenschaft die nur auf mathematischen Weg zu gewinnende
Einheit der Betrachtung.
Die aristotelisch scholastische Logik hielt er als gültig dafür, einen bereits
vorliegenden Gedankengang nachzuprüfen und richtig zu ordnen; niemals könne
aber aus ihr eine Entdeckung einer neuen Wahrheit entspringen. Diese sei nur
als mathematische Vereinigung von analytischer und synthetischer Methodik
— metodo resolutivo, welche die Elemente feststellt, und metodo compositivo,
welche die Kombination aufzeigt -- zu erreichen.
Berufung auf Gott, oder animistische Erklärungen wie etwa jene der
Magnetkraft aus Sympathie und Antipathie seien verfehlt; die
Bewegungsvorgänge und Kräftebeziehungen ließen sich einzig und allein, aber auch schlüssig in Funktion mathematischer Beziehungen von Zahlen deuten. So sei ihr
Wesen, ihre Substanz mathematisch: man brauche nach keiner anderen und
weiteren Kraft wie etwa der „Schwerkraft“ Ausschau zu halten, um das mathematisch eindeutig Bestimmbare doch nur zu verwässern.
Während Kopernikus die heliozentrische Hypothese wieder zur Geltung
brachte, und Galilei das Zahlensystem von der beschreibenden in eine essentiell bestimmende Rolle in der naturwissenschaflichen Betrachtung, im Einklang mit dem durch Cassendi wiederbelebten demokritisch-epikuräischen
Atomismus zurück versetzte, schloß Kepler in seinem Buch Harmonice mundi;
in dem er die Umlanfsgesetzte der Planeten bestimmte, an der musikalischen
Interpretation der Astronomie, also der pythagoräischen Sphärenharmonie an.
Nur über dic Musik lassen sich Raum und Zeit, Ruhe und Bewegung aus der
Zahl ableiten; in ihr erfahren wir schlüssig, daß die Verhältnisse von Maß
und Schwingung unmittelbar als Funktionen der Zahl zu verstehen sind, daB
also alle okkulten Suhstanzen und erdachten Wirkkräfte sich als überflüssige
Hypothesen erweisen. Nichts als Quantitäten, oder durch Quantitäten allein.
vermag der Mensch vollkommen zu erkennen --- so lautet einer seiner Kernsätze. Doch niemals ist diese Quantität im Sinne der Nominalisten oder Em-
Pagina 3
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)piristen zu betrachten: Rückführung auf die Quantität bedeutet bei Kepler
das, was wir die Qualität der Zahlen nennen würden.
Der dritte Aspekt des Pythagoräismus, nämlich die ursprüngliche sprachliche Deutung der Zahlen, wie sie hauptsächlich im islamischen Kulturkreis
in AnschluB an die Lauteren Brüder von Basra gepflegt worden war, kam einerseits in den vielen esoterischen Bewegungen wie den Kabbalisten und Rosenkreuzern zum Ausdruck, andererseits aber bei Leibniz, der alle diese Bewegungen genan studierte und selbst bekanntlich mehrere Jahre Sekretär der Nürnberger Rosenkreuzer war; Helmont behauptete sogar, daß die Monadologie
nichts anderes darstelle als eine Verwässerung der jüdisch-kabbalistischen
Lehre. In seiner kombinatorischen Logik nahm er die pythagoräische Vorstellung wieder auf, daß die Zahlen in ihrer qualitativen Bedeutung erkannt sein
müßten, um eine echte Grundlage der Erkenntnis zurück bis zur Identität
der Einheit zu finden. So bedeute die Fins geradezu die Identität; die Zwei
sei als Spannung und Widerspruch aufzufassen, deren Versöhnung sich dialektisch in der Drei vollziche; die Vier stelle dagegen cine eigene Substanz dar,
wie ja auch das Quadrat: mit seinen
Diagonalen als geometrischer Ausdruck
dieser Zahl einen zusätzlichen Mittelpunkt erzeugt. der zum Kennzeichen der
Quintessenz wird, und so fort. Leibniz versuchte die Zahlen also nicht nur aus
der Reihe, sondern auch in sich, als Wesenheiten zu bestimmen.
Heute sind sowohl die qualitativ-deduktive Methode Galileis, als auch
die musikalisch-astronomische Keplers und die kategorial-numerologische bei
Leibniz ans dem wissenschaftlichen
Denken verschwunden; an ihrer Stelle
herrscht, die konventionalistische Auffassung, welche die Zahlen
als „Freie
Schöpfungen des menschlichen Geistes“ als Idealwissenschaft im Gegensatz
zu den Realwissenschaften betrachtet. Den Neubegriindern des wissenschaftlichen Denkens wäre diese Unterscheidung von Renlität und Idealität unverständlich geblieben; ihnen ging es immer darum, den ganzen Menschen in
seinem Verhältnis zur Wirklichkeit und ihren Gesetzen zu verstehen. So bietet
sich der Gedanke an, ob nicht eine vertiefte Erkenntnis der pythagoräischen
Lehre, die so oft schon einen Neubeginn des Denkens eingeleitet hat, auch heute
wieder die Philosophie aus ihrem sterilen
Relativismus herauszuführen vermöchte.