Gnome, Anekdote und Biographie

Autore
Wehrli, F.
Pubblicato in
Museum Helveticum
Anno
1973
Argomento
SEVEN SAGES
Lingua
Deutsch
Categoria
C7 Filosofia
Numero d'archivio
2714

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Mostra testo completo17 pagine

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En dehors des recueils de sentences des Sept Sages, il devait exister déja a descriptif ou anecdotique. On peut supposer que les biographies de philosophes postsocratiques sont dans une large mesure tributaires de ces maximes « romancées ». L’attribution individuelle de ces sentences se faisait assez indistinctement dans le cas des Sages, elle était plus personnalisée dans les cas de —- Pittacus, de Solon, etc. Modalités de ce moyen de caractérisation en ce qui concerne Simonide, et l’œuvre d’Ion de Chios, d’Aristippe, de Diogéne Laérce - et d''Antigonos de Karystos. ~Gnome, Anekdote und Biographie Von Fritz Wehrli, Zürich Friderieo Solmsen septuagenario Unter die Ergebnisse, zu welchen das Studium der antiken Biographie bisher geführt hat, ist zu rechnen, dass sie gattungsinässig keine strenge Finheit bildet. So wie in der griechisch-rönuschen Literaturwissenschuft eine umfassende Bezeichnung für sie fehlt, lassen sich vom vierten oder dritten Jahrhundert v. Chr. an drei Haupttvpen der literarischen Menschendarstellung mit zuhlreichen Übergangsformen unterscheiden. ls sind die (von I°. Leo mit unzureichendenGründen als peripatetische Schöpfung beurteilte) Philosophen- und Dichterbiographie, die meistens enkomiastisch-rhetorisch gehaltene Lebensbeschreibung von Staatsmännern und Feldherren sowie der knappe Lebensabriss vor allem literarischer Persönliehkeiten!. Ein gemeinsames Merkmal beinahe aller erhaltenen Biographien besteht darin, dass ihnen eine durchgehende Krzählung des Lebensablaufes felt, dass sie vielmehr ein im wesentlichen statisches Bild der Persönlichkeit und ihrer Lebensweise (bios) zu vermitteln suchen. Soweit politische Biographien nicht bloss als Teil der allgemeinen Zeitgeschichte gemeint sind, hatin ihnen der Tatenbericht durch entsprechende Auswahl die politisch-kriegerischen Bigenschaften des jeweiligen Helden zu veranschaulichen?. Bei der Darstellung von Philosophen, welche den llauptgegenstand der vorliegenden Untersuchung bildet, tritt das gleiche Prinzip noch deutlicher hervor, Die Episoden, welche hier der Charakterisierung zu dienen haben und darum in der Regel thematisch, nicht chronologisch angeordnet sind, werden gerne anekdotiseh abgerundet und dabei auf einen prägnanten Ausspruch, ein Apophthegma, ausgerichtet. In allen Spielformen der Biographie pflegen immerhin Jugend und Erziehung, bei Philosophen auch Lehrbezichungen, als geschlossener Teil behandelt zu werden. 1}. Leos Werk Die grie chiherömische Biographie nach ihrer Üitererischen Wurm (Leipzig 1901) bleibt trotz vielfacher Anfechtharkeit unentbehrlich. Den neuesten Überblick über Problemlage und Forschung gibt A. Momigliano, The development of Greck biography (Cambridge Mass, 1971). * Eine gewisse Sonderstellung uimint der — wirkliche oder fingierte — autobiographische Rechenschaftsbericht ein, der vornehmlich durch die sokratischen Apologien, durch Platons Siebenten Brief und Isokrates' f/eol drtiödoewz vertreten wird. Als literarisches Derivat der Cerichtsrede führt er aber die Lebensdaten ebenfalls in Auswahl vor, nämlich nach den Gesichtspunkten der Verteidigung. Einem zwoekfreien Lebensüberblick komint die erste Rede des Libanios (Bios 7 Leoi tic Eavtot 1692) nahe, obwohl sie galbimgsmássig zu den Rechensehaftsbericliten zu zählen ist, vgl. Libanios, Autobiogra phische Schriften, eingeleitet, übersetzt und erläutert: von P. Wolf (Zürich 1967) 251. 13 Musewin Helvetieum arie , une époque très ancienne des maximes gnomiques présentées dans un cadre

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MUSEUM HELVETICUM Fase. 4 Gnome, Anekdote und Biographie Von Fritz Wehrli, Ziirich Friderico Solmsen septuagenario Unter die Ergebnisse, zu welchen das Studium der antiken Biographie bisher geführt hat, ist zu rechnen, dass sie gattungsmässig keine strenge Einheit bildet. So wie in der griechisch-römischen Literaturwissenschaft eine umfassende Bezeichnung für sie fehlt, lassen sich vom vierten oder dritten Jahrhundert v. Chr. an drei Haupttypen der literarischen Menschendarstellung mit zahlreichen Übergangsformen unterscheiden. Es sind die (von F. Leo mit unzureichenden Gründen als peripatetische Schöpfung beurteilte) Philosophen- und Dichterbiographie, die meistens enkomiastisch-rhetorisch gehaltene Lebensbeschreibung von Staatsmännern und Feldherren sowie der knappe Lebensabriss vor allem literarischer Persónlichkeiten!. Ein gemeinsames Merkmal beinahe aller erhaltenen Biographien besteht darin, dass ihnen eine durchgehende Erzáhlung des Lebensablaufes fehlt, dass sie vielmehr ein im wesentlichen statisches Bild der Persónlichkeit und ihrer Lebensweise (bios) zu vermitteln suchen. Soweit politische Biographien nicht bloss als Teil der allgemeinen Zeitgeschichte gemeint sind, hat in ihnen der Tatenbericht durch entsprechende Auswahl die politisch-kriegerischen Eigenschaften des jeweiligen Helden zu veranschaulichen?. Bei der Darstellung von Philosophen, welche den Hauptgegenstand der vorliegenden Untersuchung bildet, tritt das gleiche Prinzip noch deutlicher hervor. Die Episoden, welche hier der Charakterisierung zu dienen haben und darum in der Regel thematisch, nicht chronologisch angeordnet sind, werden gerne anekdotisch abgerundet und dabei auf einen prägnanten Ausspruch, ein Apophthegma, ausgerichtet. In allen Spielformen der Biographie pflegen immerhin Jugend und Erziehung, bei Philosophen auch Lehrbeziehungen, als geschlossener Teil behandelt zu werden. ı F. Leos Werk Die griechisch-römische Biographie nach ihrer literarischen Form (Leipzig 1901) bleibt trotz vielfacher Anfechtbarkeit unentbehrlich. Den neuesten Uberblick über Problemlage und Forschung gibt A. Momigliano, The development of Greek biography (Cambridge Mass. 1971). 2 Eine gewisse Sonderstellung nimmt der — wirkliche oder fingierte — autobiographische Rechenschaftsbericht ein, der vornehmlich durch die sokratischen Apologien, durch Platons Siebenten Brief und Isokrates’ ITegi ävrıödoewg vertreten wird. Als literarisches Derivat der Gerichtsrede führt er aber die Lebensdaten ebenfalls in Auswahl vor, nämlich nach den Gesichtspunkten der Verteidigung. Einem zweckfreien Lebensüberblick kommt die erste Rede des Libanios (Bios 7) IIeoi tic &avroö tTéynç) nahe, obwohl sie gattungsmássig zu den Rechenschaftsberichten zu zählen ist, vgl. Libanios, Autobiographische Schriften, eingeleitet, übersetzt und erläutert von P. Wolf (Zürich 1967) 25ff. 13 Museum Helveticum assise Phil:

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In den frühen Lebensumständen werden die Faktoren gesehen, welche im Wechselspiel mit der Naturanlage (gydotc) dem Menschen sein bleibendes Gepräge geben?. Dem Erwachsenen dagegen wird keine Lebensgeschichte im Sinne der Erfüllung oder Verfehlung von Möglichkeiten zugebilligt, die in der Abfolge von Entscheidungen bis zum letzten Atemzuge offen bleiben. Eine Ausnahme macht nur der Tod, durch welchen sich der Weise wie der Kriegsheld zu bewähren hat und der seit dem platonischen Phaidon zur Topik der Philosophenvita gehört“. Da die Darstellung des Kernstückes, der Lebensmitte, sich besonders in der Weisen- und Dichtermonographie nicht an die zeitliche Abfolge der Geschehnisse hält, ist sie hier mehr literarisches Porträt als Biographie im heutigen Sinne®. Ihre wichtigsten Themen, welche auf die schon angedeutete Art am Beispiel ausgewählter Episoden behandelt wurden, bildeten die Berufung zur Philosophie, die protreptisch-erzieherische Leistung, deren Formen und Erfolg sowie die eigene Lebensführung. Bei dieser war die Aufmerksamkeit mehr auf das sittliche Verhalten im Alltag als auf die Besonderheiten der einzelnen Schule gerichtet; eine Ausnahme bildeten Denker wie Aristippos und die Kyniker, welche ihre Grundsätze selber durch auffälliges Verhalten in der Öffentlichkeit zur Schau stellten. Dass insbesondere der doxographische Bericht keinen notwendigen Bestandteil der frühhellenistischen Philosophenbiographie bildete, lehren diejenigen des Antigonos von Karystos, von dessen Werk die umfangreichen Exzerpte bei Diogenes Laertios eine besonders anschauliche Vorstellung vermitteln®. Und wie zutreffend festgestellt worden ist, macht Antigonos vom gleichen Wertmasstab einer allgemein humanen Gesittung wie Platon Gebrauch, wenn dieser in seinen Frühdialogen Sokrates schildert?. Mehr noch als dies, Platon und in geringerem Masse die anderen Sokratiker hinterliessen ein so nachdrückliches Bild ihres Meisters, dass dieser auf die spätere Philosophenbiographie trotz ihrer gattungsmässigen Selbständigkeit bis auf Einzelheiten der Topik als Modell wirkte®. Dies gilt für jedes einzelne der oben aufgezählten Themen: Über die Berufung zur Philosophie als Motiv der sokra® Der idealisierende Kyrosroman Xenophons, die Kyrupädie, bringt durch den Titel zum Ausdruck, dass die Vorbildlichkeit des persischen Herrschers durch seine ausführlich dargestellte Jugendgeschichte vorgezeichnet sei. Das Entsprechende wird für Onesikritos’ Schrift ITösg * Alé£avôoos #xôn (FGrHist 134) zu gelten haben. 4 Auch die paradoxe, ja skurrile Todesart, für welche Diogenes Laertios (DL) Beispiele in Menge liefert, soll meistens in irgendeinem Sinne wenigstens charakteristisch sein. Dass das Motiv auf alte volkstümliche Tradition zurückgeht, lehren Melampodie (fr. 177 Kinkel) und Homerlegende, die beide den im Rätselspiel Unterlegenen sterben lassen. 5]. Bruns fragt in seinem bewunderungswürdigen Buche Das literarische Porträt der Griechen im fünften und vierten Jahrhundert vor Christi Geburt (Berlin 1896) nach den Gesichtspunkten der Menschendarstellung, während F. Leo (oben Anm. 1) Probleme der literarischen Gattungen verfolgt. Es besteht also keine unmittelbare Beziehung zwischen den beiden Werken; ihre von modernen Vorstellungen bestimmten Titel lassen sich aber beide nur behelfsweise für die Erfassung antiker Menschendarstellung verwenden. SU. v. Wilamowitz, Antigonos von Karystos (Berlin 1881) 27ff. 7 A. Dihle, Studien zur griechischen Biographie (Göttingen 1956) 107ff. ® A. Dihle (oben Anm. 7) 13ff.

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tischen Literatur liegt eine eindringende Studie vor®; wie Sokrates erziehend wirkte, indem er in der Erfüllung altiiberlieferter Polistugenden lebte und starb, gibt bei Plato seinen dialektischen Unterhaltungen Wirklichkeitsbezug. Nun zeigt sich die Sokratik aber ihrerseits zunächst fiir Einzelnes älterem Vorstellungsgut verpflichtet. So steht die Auszeichnung des Sokrates durch das Chairephonorakel (Plat. Apol. 20 e; Xen. Apol. 14), seine Berufung zur Philosophie, in thematischer Beziehung zur Musenoffenbarung Hesiods (Theog. 22), und noch näher verwandt ist sie mit der zweifellos schon archaischen Dreifuss- oder Bechernovelle!!. Wie in jener geht es um die Frage nach dem Weisesten, welche die Phantasie wie diejenige nach dem Glücklichsten und Frömmsten beschäftigte, und wiederum wird die Auszeichnung vom Geehrten demütig zurückgewiesen. Die dabei sichtbar werdende Beziehung zur Überlieferung von den Sieben Weisen führt uns auf die Frage, ob diese nicht auch in einem weiteren Umfang für die Vorgeschichte der sokratischen wie der nachsokratischen Philosophendarstellung in Betracht zu ziehen sei. Den Griechen galten die Sieben neben den Dichtern als älteste Lehrer richtiger Lebensführung, so wie noch Diogenes Laertios die Reihe seiner Weisenbiographien mit ihnen eröffnet, und einer von ihnen, Thales, erlangte überdies einen festen Platz in der philosophischen Doxographie. Das soeben formulierte Problem lässt sich darauf konzentrieren, ob sich zwischen den Sprüchen der Sieben und der nachsokratischen Apophthegmatik, welche in novellistischer Einkleidung ein Hauptelement der biographischen Darstellung bildet, ein geschichtlicher oder mindestens typologischer Zusammenhang feststellen lässt. Die Mehrzahl der Weisenchrien ist allerdings in blossen Sentenzensammlungen überliefert, wo sie keine thematische Beziehung zu ihren jeweils angegebenen Urhebern haben und darum unter verschiedenen Namen eingeordnet werden können. Dagegen sind Apophthegmen prinzipiell personen- und situationsmässig gebunden; wie jedoch noch durch Beispiele zu belegen sein wird, hat man von altersher nicht nur einzelne Gnomen anekdotisch eingekleidet, sondern ganze Sammlungen von solchen in einen erzählerischen Rahmen gestellt. Damit erhielt ihr allgemeingültiger Inhalt, in ähnlicher Weise wie der von Fabel und metaphorischem Sprichwort, die Anschaulichkeit eines Exempels, und wurde die Möglichkeit geschaffen, den — historischen oder fiktiven — Urheber in einem idealtypischen oder persönlichen Sinne zu charakterisieren. Auf der anderen Seite zielten die Apophthegmen von Philosophen sehr häufig vom Besonderen zum umfassend Gültigen, so dass sie sich der Gnome näherten, und als geistiges Vademecum behauptete diese ihrerseits bis in die Spätzeit ihren Platz!2. 2 O. Gigon, Antike Erzählungen über die Berufung zur Philosophie, Mus. Helv. 3 (1946) 1ff. 10 Der gleichen Tradition gehört das Proömium im Lehrgedicht des Parmenides (Vorsokr. 28 B 1) und in weiterem Sinne die Jugendgeschichte Pindars (Vita 1, 65 p. 92 und 2, 5 p. 97 Westerm.) an. 1 B, Snell, Leben und Meinungen der Sieben Weisen (München 1938) 108ff. 12 Zwischen die archaische Spruchweisheit und die Kyriai doxai Epikurs ordnet sich die Gnomik Heraklits und Demokrits ein, vgl. P. Friedlander, ‘“Yro#7xa., Hermes 48 (1913) 558, und

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Wo man die Sieben Weisen gemeinsam auftreten liess, bot sich nur geringe Méglichkeit, dem Einzelnen durch seine Ausspriiche persônliches Profil zu geben. Die geheiligte Zahl Sieben, welche bestimmten Namen vorgegeben war, bedeutete eine Potenzierung geistiger Uberlegenheit, nicht ihre Differenzierung. Das wirkungsvollste Mittel, die Sieben als Gruppe vor Augen zu fiihren, war das Motiv des gemeinsamen Gelages, das wahrscheinlich auf ein archaisches Volksbuch zuriickgeht. Für ein so hohes Alter spricht die anscheinend frühe Zuweisung von Skolien an einzelne Mitglieder des Kollegiums!* und noch entschiedener der in alter Tradition stehende Inhalt des plutarchischen Weisensymposions. Zu diesem gehören die Ratselspiele mit Fragen nach superlativischen Begriffen und deren Beantwortung, die sich ebenso im Agon zwischen Homer und Hesiod, in den Aesopica sowie anderen Dokumenten eines volkstiimlichen, in vorklassischer Zeit begriindeten Schrifttums finden, Übrigens stehen dieselben jenen Novellen nahe, welche der Vor- | stellung von höchstem Glück und vollkommenster Weisheit oder Frömmigkeit nicht abstrakt, sondern mittels einzelner Beispiele Ausdruck geben. Dass die beiden Sprüche y&dı cavtdéy und Myóév &yav dem delphischen Gotte von den Sieben gemeinsam geweiht worden seien (Plat. Protag. 346 b), setzte sich gegen andere aitiologische Erklärungen ihres Vorhandenseins am Tempel nicht durch', Das Übliche war, solche Gnomen auf einen einzelnen Weisen zurückzuführen, wofür die Behandlung von yadenov éod40v Zuuevaı als Ausspruch des Pittakos den frühesten Beleg gibt (Plat. Protag. a. O.). Und dass diese Zuweisung schon für Simonides feststand, ergibt sich aus der polemischen Auseinandersetzung in dessen Gedicht, von welchem Platon seinerseits den Sophisten Protagoras ausgehen lässt (a. O. 339 b). Zunächst sind knapp formulierte Lebensregeln und Erfahrungssätze verschiedener Art, zu denen auch Sprichwörter gehören, allerdings namenlos überliefertes Gut, madarás quiocopias ... Eyxaraleiuuara, wie Aristoteles jene genannt hat (Zleoi pidocopías fr. 8 R.). Den Ernst, mit dem noch die frühklassische Zeit in ihnen gedacht hat, zeigen Aischylos, Herodot und am nachdrücklichsten Pindar, dessen Gedichte davon eigentlich durchsetzt sind. In eigenem Namen haben für uns als erste Hesiod und Theognis Spruchsammlungen angelegt, und zu ihnen traten solche, welche sich durch die Fiktion empfehlen sollten, auf Vertreter der heldischen Vorzeit zurückzugehen. In einer solchen ermahnte der Kentaur Cheiron P. Von der Mühll, Epikurs Kyriai doxai und Demokrit, Festgabe für A. Kaegi (Frauenfeld 1919) 172. Über allgemein gattungsgeschichtliche Fragen A. Otto, Die Sprichwörter der Römer (Leipzig 1890/Hildesheim 1964), Einleitung VIIff.; W. Gemoll, Das Apophthegma, Literarkritische Studien (Wien/Leipzig 1924). 13 B. Snell (oben Anm. 11) 61. 14 Plut. Septem sap. conv. 147 B. 152 F; Agon Homeri et Hesiodi 71ff.; Aesop. Sententiae 4. 6. 11. 12 p. 49 Perry. 15 Vgl. oben S. 195. Solche Novellen lassen sich als Grossform anekdotisch eingekleideter Spruchweisheit verstehen. Über die Verwandtschaft zwischen Gnome und Exemplum vgl. unten $. 199ff. 16 Als Vertreterin der delphischen Priesterschaft hat die Pythia Phemonoe (Voigt, RE XIX 1957) auch mehr historische Glaubhaftigkeit fiir sich als die Sieben.

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seinen Zögling Achilleus (Pind. Pyth. 6, 21), in einer anderen Amphiaraos den jungen Amphilochos (Pind. fr. 43 Sn.; vgl. Theogn. 215 und Athen. 317 a). Dass solche Kodifikationen iiberlieferter Weisheit sowie ihre Zuweisung an beriihmte Vertreter der Vergangenheit aus dem vorderen Orient stammen, ist heute als erwiesen zu betrachten!”. Das geläufigste Argument bilden die Sprüche Salomos und das Vorwort von Jesus Sirach. Ferner ist auf die ägyptischen Sammlungen hinzuweisen, welche mit denjenigen griechischen Ursprungs überdies gemeinsam haben, dass sie sich an einen bestimmten Adressaten wenden und dabei Veranlassung und Umstände der Unterweisung mehr oder weniger anschaulich machen. Ähnlich wie bei Hesiod der Erbstreit mit seinem Bruder Perses den Rahmen bildet und die theognideischen Sprüche für den Freund Kyrnos bestimmt sind, belehrt z. B. der König Amenemhet seinen Sohn im Augenblick, da er ihm, von Undank enttäuscht, die Herrschaft überlässt. Eine andere Sammlung gibt sich als Unterweisung des Veziers Ptahhotep und eine dritte als Vademecum, mit dem Duauf seinen Sohn Pepi auf die Fahrt zur Schule entlässt!®. Ein Anreiz, so berühmte Namen heranzuziehen, ging nicht nur von deren Autorität aus, sondern auch von den Möglichkeiten erzählerischer Ausschmückung, sei diese nun mehr belehrend oder unterhaltend ausgerichtet. Was Hesiod betrifft, ist zutreffend festgestellt worden, dass der Erbstreit als Anlass seines Zuspruchs primär ein literarisches Motiv ist, das aus der Tradition der Gattung verstanden werden muss, dass dadurch aber eine persönliche Erfahrung des Dichters als Hintergrund nicht ausgeschlossen wird”. Leichter als ganze Sammlungen liessen sich einzelne Sentenzen novellistischanekdotisch einkleiden. Das Ereignis, auf das sie dabei bezogen wurden, erschien dann als der aitiologische Ursprung, dessen man bei Anwendung des geflügelten Wortes gedachte. Für die Griechen ist dieser Typus so früh belegt wie derjenige des blossen Spruches; als Form des gleichnisartigen Sprichwortes soll er ihnen und den Westasiaten nach der Meinung von B. E. Perry sogar als Besonderheit eigen sein wie jener den Agyptern®. Angesichts des alten Kulturaustausches zwischen Ost und West ist eine solche Unterscheidung vielleicht allzu strikt; die Möglichkeiten, welche eine erzählende Umrahmung bot, sind jedenfalls auch in den oben 1” Scharfsinnige Feststellungen bei F. Dornseiff, Antike und alter Orient (Leipzig 1956) 72ff., der auch die Geschichte des Problems behandelt. Aus der orientalistischen Literatur seien nur folgende Werke genannt: A. Erman, Die Literatur der Ägypter, Gedichte, Erzählungen und Lehrbücher (Leipzig 1923), H. Gressmann, Israels Spruchweisheit im Zusammenhang der Weltliteratur (Berlin 1925); P. Walcot, Hesiod and the Near East (Cardiff 1966). 18 A. Erman (oben Anm. 17) 86ff. P. Walcot (oben Anm. 17) 70 gibt weiteres Material. 19 F. Dornseiff (oben Anm. 17) 7; R. Harder, Kleine Schriften (München 1960) 171. P. Walcot (oben Anm. 17) 91 verweist auf eine babylonische Warnung vor dem Besuche des Gerichtshofes. 20 B. E. Perry, Babrius and Phaedrus (Loeb Classical Library 1965), Introduction XIXff.: Nature and origin of fable, veranschaulicht unter Bezugnahme auf K. Krumbacher, Geschichte der byzantinischen Literatur? (München 1897) 906f. den Unterschied zwischen den beiden Typen am Beispiel der Redensart, einem geschenkten Gaul schaue man nicht ins Maul. Bei Griechen und Westasiaten hatte sie danach etwa folgende Gestalt: «einem schenkte man einen Gaul (oder Esel), und da schaute er diesem auf die Zähne».

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angeführten ägyptischen Spruchsammlungen wahrgenommen?!, Im übrigen übt die Anschaulichkeit des metaphorischen Beispiels eine unmittelbare Verlockung zum erzählenden Verweilen aus, welche der abstrakten Gnome fehlt. Trotzdem stammen die folgenden Beispiele aus der zweiten Gruppe. Das älteste gehört der Zeit des Alkaios an und wird für diesen durch Diogenes Laertios 1, 31 bezeugt (fr. 360 Lobel-Page). In Erinnerung an irgendein ärgerliches Erlebnis zitiert der Dichter hier den Ausspruch des Spartaners Aristodamos, der Wert eines Mannes werde nur nach seinem Besitz bemessen??, Vom gleichen Wort macht auch Pindar Isthm. 2, 9 Gebrauch, nur dass er einen Argiver als Urheber bezeichnet, doch ohne diesen mit Namen zu nennen. Trotz einem Ausgleichsversuch des Scholiasten zur Stelle sind zwei Varianten anzuerkennen: dass hier volkstümliche, in keiner Fassung festgelegte Überlieferung vorliegt, verrät die weitere Angabe desselben, Aristodamos habe zu den Sieben Weisen gehört. Vermutlich wusste man schon in alter Zeit eine persönliche Erfahrung anzugeben, welche diesen zu seinem Ausspruch führte, denn sonst wäre es sinnlos gewesen, ihm das geflügelte Wort zuzuweisen. Nach dem Scholiasten verliessen ihn seine Freunde, als er verarmte*, In den Bereich der bekannten Sage führt die Mahnung eines Skolions, ein Wort des Admetos zu beherzigen und seine Freunde unter den Edlen, nicht den Feiglingen zu suchen**. Auch dies ist gegenwartsbezogene Spruchweisheit, welche ohne die Autorität eines mythologischen Namens auskommen könnte. Im Munde Admets liess sie sich durch das stellvertretende Todesopfer begründen, zu welchem sich unter allen Angehörigen allein Alkestis bereit fand. Der Verfasser des Trinkliedes muss eine Dichtung gekannt haben, in welcher Admetos der Dankbarkeit seiner Gattin gegenüber sententiös geformten Ausdruck gab; die allgemeine Mahnung gewann dadurch den Rückhalt eines mythologischen Vorbildes, obwohl dieses nur 4 In der rhetorischen Theorie werden für die Sentenz die beiden Formen sozusagen als gleichwertig zur Wahl gestellt. So unterscheidet Quint. Inst. or. 19, 3f. für die Vorbildung des zukünftigen Redners sententia und ethologia (Kurzerzählung) nach denselben, während die Chrie nach seinen Worten verschieden gestaltet sein kann: chriarum plura genera ..., unum simile sententiae, quod est positum in voce simplici: «dixit ille» aut «dicere solebat»; alterum quod est in respondendo: «interrogatus ille» vel «cum hoc et dictum esset, respondit» etc. Obwohl Quintilian es hier nicht ausdriicklich sagt, gilt fiir inn doch die allgemein rhetorische Unterscheidung der Chrie von der Sentenz, dass sie stets Ausspruch — oder Handlung - einer bestimmten Person sein muss. Belege bei H. Lausberg, Handbuch der literarischen Rhetorik (München 1960) $$ 1117-1120. 2 DL 1, 31, ús ydo Önnor’ ”Apraródapov paio” oùx Andiauvov Ev Zndpraı Adyov ein, xonnar’ dvno, néviyooc 6’ 086 sic méler” Eodoc oùdè Tinos. # Eine herrenlose Sentenz des gleichen Inhalts wird von Hesiod an in zahlreichen Spielformen überliefert: Hes. Erga 686; Theogn. 697; Pythermos (Athen. 625c; hier wird ausserdem ein Vers des Ananios oder Hipponax zitiert, welcher den Pythermos als Urheber der Sentenz nennt: eine Parallele zu den Bezugnahmen des Alkaios und Pindar!); Ps. Plut. Prov. Alex. 96; Diogenian 6, 94; Suda O 793. #% Aristoph. Wesp. 1239 mit Scholion sowie Athenaeus 695 c u. a.: *Aôumrov Adyov, à Eraige, padov tods áyadods pile, tav der Adv 5 ánéyow, yroùc dti derdoîc dAiyn ydpis.

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im Reflex des lobenden Ausspruches erschien. Eine ähnliche Form findet sich bei Pindar Ol. 6, 16, wo ein Wagensieger durch den Vergleich mit Amphiaraos verherrlicht wird, dieser selbst aber seine Charakterisierung nicht direkt, sondern durch die Wiirdigung eines Dritten, des Adrastos, findet. Das auf den Wagensieger iibertragene Lob des Amphiaraos, er sei grosser Seher und zugleich Held gewesen, stammt aus der kyklischen Thebais?. Obwohl diese Charakterisierung als allgemein verbindliche Wertung gemeint ist, bleibt sie formell doch auf einen einzelnen bezogen. Dagegen sind im Skolion die Worte Admets zwar durch die Bewunderung fiir Alkestis angeregt, aber als Maxime formuliert wenden sie die Aufmerksamkeit von allem Besonderen der Personen und Umstände ab. Was die beiden Dichterstellen verbindet, lasst sich als Hereinnahme eines abstrakt wertenden Elementes in die Gegenstandlichkeit des Mythos umschreiben, welche dessen exemplarische Bedeutung zu erhôhen hat. Es bewahrheitet sich dabei die Verwandtschaft zwischen Spruchweisheit und mythischem oder anekdotischem Beispiel. Die angeführten gnomischen Ausspriiche in erzählender Umrahmung berechtigen zur Annahme, dass solche von altersher einem der Sieben Weisen in den Mund gelegt und dabei durch eine bestimmte Erfahrung motiviert wurden. Durch die erhaltenen Sammlungen, welche die Sentenzen der Sieben ohne jede Einkleidung aufreihen und deren Geschichte sich nur bis zu Demetrios von Phaleron zuriickführen lässt*, werden solche Überlieferungen nicht ausgeschlossen. Der älteste Beleg für einen der Sieben als Träger von Spruchweisheit ist Simonides, der sich bekanntlich in einem von Platon zitierten Gedicht mit dem Worte des Pittakos, es falle schwer, edel zu sein, auseinandersetzt?”. Diese Kritik lässt sich als negativ-polemische Spielform der Berufung auf eine Autorität verstehen, die Platon dann auch Protagoras, und zwar in einer für den Sophisten bezeichnenden Weise, üben lässt. Nach paroimiographischer Überlieferung sprach Pittakos sein Wort, als er von seiner Machtstellung als Aisymnet zuriicktrat*, und ergänzend heisst es in einem Teil der Zeugnisse, dies sei geschehen, als Periander zu tyrannischer Gewaltherrschaft iiberging?. Nach dieser Fassung begann Pittakos eigenen Machtmissbrauch zu fürchten, als ihm menschliche Verführbarkeit am Beispiel eines anderen vor Augen kam; er wird dadurch zum Gegenspieler des Herrn von Korinth, den die Novelle als bedenkenlosen Tyrannen par excellence behandelt*, Thematisch verwandt mit dem von Simonides aufgegriffenen Spruch 25 Pind. Ol. 6, 16 dugdtegoy udvrıv T’ayadov xal Oovoi udovacdai, dazu das Scholion: 6 ’Aoxinmıdöng pnoi radra eiAnpévat dx tic xuxluxc OnBaidoc. *6 Demetrios von Phaleron fr. 114 Wehrli. 27 Plat. Protag. 339 b. Simon. fr. 4 Dieh. = fr. 542 Page; vgl. oben S. 196. Nach dem Zitat des Simonides hatte der Ausspruch folgenden Wortlaut: yalendv éo0 dv Eupevac. 28 Macar. 8, 78; Apostol. 18, 7; Zenob. 6, 38; Appendix 5, 22. 22 Varianten und Erweiterungen operieren auch mit dem sinnverwandten Spruch yadend ta xadd. % Uber das geringe Alter dieser Verbindung vgl. unten S. 200f. Nach Plut. Septem sap. conv. 147 D erfährt Pittakos die Gefahren der Macht ohne fremden Anschauungsunterricht: xai Ilirtaxòs ei uovaoyig un nooonAdev, oùx dv sinev, dc yaderdv éodAòv Eupevar.

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ist das Wort, welches Diogenes Laertios 1, 77 dem Pittakos zuschreibt, der Mann zeige sich im Besitze der Macht, doy7) ävöoa delxvvow, sowie auch eine ebendort wenigstens in den Umrissen erhaltene Anekdote. Nach dieser antwortete er unter irgendwelchen nicht mitgeteilten Umständen auf die Bemerkung eines Phokäers, es gelte, einen geeigneten Menschen zu finden, das folgende: Wenn er zu sehr suche, werde seine Mühe vergeblich sein*!, Im Gegensatz zur meistens willkürlichen Verteilung der Weisenmaximen unter die Sieben sind die angeführten Pittakoschrien als gezielte Zuweisungen zu werten. Ihre charakterisierende Wirkung wird durch die anekdotische Einkleidung noch erhöht, aber das Alter derselben lässt sich im einzelnen nicht zuverlässig bestimmen*?, Auch für Simonides bezeugt Plato nur die Kenntnis eines Pittakoswortes, nicht die Umstände, unter welchen es angeblich geprägt wurde. Allgemein gesehen müssen solche Anekdoten aber zum ältesten Bestand der Sieben-Weisen- Überlieferung gehören, weil sie von jeher mit der griechischen wie der aussergriechischen Gnomik verbunden waren. Wie weit in den Pittakosworten persönliche Erinnerungen nachwirken, bleibe dahingestellt; jedenfalls wären solche stark typisiert. Die Aussprüche ergeben das Bild eines Staatsmannes, das von den Verunglimpfungen von Pittakos’ Gegner Alkaios unberührt blieb. Als hervorragender Zug erscheint eine zurückhaltende Einschätzung menschlicher Vorzüge bei sich und anderen, die an das Bescheidenheitsmotiv der Dreifuss- oder Bechernovelle und die Überlieferung des Chairephonorakels erinnert, also offensichtlich von einem verbreiteten Weisenideal bestimmt wird. Für eine pittakosfreundliche Tradition, welche sich auch in Chrien niederschlagen konnte, zeugt eine Anzahl weiterer Erzählungen bei Diogenes Laertios, und eine Örtlichkeit namens Pittakeion, die einzelnen derselben Rückhalt gab, war noch Sosikrates bekannt (DL 1, 75). Die kontrastierende Zusammenstellung des Periander mit Pittakos, die sich bei den Paroimiographen findet, kann wegen ihres spielerischen Gepräges nicht alt 31 DL 1, 77 &pn ... noûc tov ... pdoxovra deiv Cyteiv onovöaiov ävdownov av Mav Enri, oby Eevonoetc. 32 Es gibt immerhin Kriterien stilistischer Art für eine relative Datierung. Die angeführten Chrien heben sich spürbar von anderen Kurzerzählungen ab, welche die Hochherzigkeit des Pittakos im Stile eines hellenistischen Tugendpathos zur Schau stellen. Nach der einen verzichtet er auf Rache am Mörder seines Sohnes oder an dem in seine Hände gefallenen Alkaios mit den Worten ovyyvun peravolas (beziehungsweise tıuwelas) xgeloowr (DL 1, 76). Nach einer anderen nimmt er von einer Ehrengabe der Mytilenäer nur einen Teil an mit der Begründung tó fuiov Tod navtòs nÂstov, oder er weist ein Geschenk des Kroisos zurück, weil er seit dem Tode seines Bruders ohnehin doppelt so viel besitze, wie ihm lieb sei (DL 1, 75 éyew dv éBovieto dınldana). 33 Das geistreiche Epigramm des Kallimachos AP VII 89 (Callimachus ed. Pfeiffer IT p. 80), in welchem Pittakos den Rat erteilt, nicht über Stand zu heiraten, erhält seine Pointe erst durch die stillschweigend gemachte Voraussetzung, dass er als Mann verächtlicher Herkunft eine Tochter aus dem vornehmen Penthilidenhause zur Frau genommen habe und darum aus eigener Erfahrung spreche. In gleichem Sinne spielte schon Alkaios verächtlich auf seine Ehe an (Schachermeyr, RE XX 2, 1863, 50ff.), aber die vielfach belegte, z. T. auch anderen

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sein. Dafür gehen nicht nur die bei Herodot erzählten Tyrannengeschichten von ihm (I 20; III 48ff.), sondern auch die politischen Ratschläge, die unter seinem Namen überliefert wurden, in archaische Zeit zuriick. Eine von Diogenes Laertios erwähnte Sammlung von solchen* gehörte augenscheinlich zum gleichen literarischen Typus wie die Sprüche des Cheiron und Amphiaraos (oben $. 196f.) sowie die jenen ähnlichen Kodifikationen aus dem vorderen Orient. Im Munde des Herrn von Korinth musste das reiche Spruchgut über Glück oder Unglück tyrannischer Macht, über ihre Gefährdung und die Mittel, sie zu behaupten, besonders authentisch wirken35, Neben dieser Sammlung gab es einzelne szenisch ausgeschmückte Chrien; nach antiker Theorie war eine solche auch die wortlos vollzogene Handlung, durch welche Periander dem Tyrannen von Milet, Thrasybulos, zu verstehen gab, wie er sich gefährlicher Konkurrenten zu entledigen habe, das Abschlagen der auf einem Getreidefeld herausragenden Ähren®. Mit dieser Rollenverteilung kennt die Anekdote Aristoteles Politik 1284 a 26, welcher damit die ursprünglichere Fassung wiederzugeben scheint als Herodot V 92 ¢, denn dieser lässt Periander durch die gleiche Vorführung durch Thrasybulos belehrt werden, obwohl er selber, nicht jener, der bekannte Meister tyrannischer Praxis war. Herodot hat die Überlieferung offensichtlich um des Zusammenhanges willen, in den er sie stellte, umgeformt”. Sie diente ihm als Begründung für die zunehmende Grausamkeit von Perianders Herrschaft, welche ihrerseits die widersprechenden Traditionen über dieselbe zu erklären hatte. In der Vorstellung vom Gewaltherrscher war die geschichtliche Erinnerung noch stärker vom unpersönlich Typischen aufgesogen als in den Pittakoschrien. Ohne die Koordination allgemeiner Begriffe kommt aber auch die spätere Biographie nicht aus, so sehr sie aus erhöhtem Interesse am Individuellen differenzieren mag. Die Erinnerung an wissenschaftliche Leistungen des Thales (Hdt. I 74) gab diesem in der volkstümlichen Weisenüberlieferung eine Sonderstellung als Vertreter der kontemplativen Lebensform. Die erzählenden Veranschaulichungen derselben gleichen Anekdoten nachsokratischer Philosophenbiographien nach Stil wie nach Funktion. Wie jene ist die Geschichte von Thales’ Sturz in einen Brunnen und seine Verspottung durch eine thrakische Magd auf ein Apophthegma angelegt. zugewiesene Maxime (Plut. De puer. educ. 13 F; DL 1, 92; Diogenian 8, 46; Apostolios 18, 32 u. a.) kann damit auch später in Verbindung gebracht worden sein, vielleicht handelt es sich um einen eigenen Einfall des Kallimachos. Über die barbarische, aber nicht niedere Herkunft des Pittakos vgl. D. Page, Sappho and Alcaeus (Oxford 1955) 170. * DL 1, 97 ‘Yoda eis Enn diogidia. % Belege bei DL 1, 97, vor allem das Wort des Periander, er bleibe Tyrann, weil es ebenso gefährlich sei, freiwillig zurückzutreten wie gestürzt zu werden. 36 Quint. Inst. or. 1 9, 4 etiam in ipsorum factis esse chriam putant etc. 37 F. Wehrli, Mus. Helv. 25 (1968) 222 (Kl. Schr. [Zürich und München 1972] 157). 38 Plat. Theaet. 174 a, Vorsokr. 11 A 9. Die kunstreich antithetische Form ds tà uév ¿v odpavó neodvuoito sidévas, tà 0° önıodev adroó xai apa nddas AavÜdvos adróv macht zunächst einen jungen Eindruck, aber die Zweiteilung von Sentenzen ist nach Ausweis vorderasiatischer Spruchsammlungen als solche altüberlieferte Form: vgl. Sprüche Salomos oder Jesus Sirach

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Inhaltlich findet dieselbe in einer anderen Erfindung ihr korrigierendes Gegenstiick. Wenn sie nämlich einer gutmiitigen Geringschätzung für die Unbeholfenheit des Philosophen Ausdruck gibt, so will jene zeigen, dass er seinen Vorteil sehr wohl wahrzunehmen weiss, wenn er nur will. Nach dem Referat des Aristoteles (Politik 1259 a 6; Vorsokr. 11 A 10) soll Thales mit eben dieser Absicht auf Grund einer meteorologischen Prognose rechtzeitig Olmiihlen aufgekauft und dadurch aus einer reichen Ernte Gewinn gezogen haben. Das, womit Bias von Priene sich der Nachwelt einprägte, war allgemein persönlicher Rang, nicht die Wahl einer besonderen Daseinsmöglichkeit wie diejenige des Thales, neben welcher sich andere darbieten. In diesem Sinne ehrt ihn jedenfalls Heraklit mit dem Wort, sein Ruf sei höher als der anderer. Den Zeugnissen des Hipponax und Demokedes ist unlängst abgelesen worden, dass er diesen nicht als Richter, sondern als hilfreicher Anwalt der Schwachen, der gerechten Sache verdient habe“. An Anekdoten, welche sein Wirken im Einzelnen veranschaulichten, kann es nicht gefehlt haben, und ebenso eignete er sich für die Zuweisung von Gnomen über Gerechtigkeit. Dass von seinem Wirken allein dessen Sprichwörtlichkeit zeugt, muss am Zufall der Überlieferung liegen. Solon schliesslich steht zwar gemäss alter Novellentradition“ bei Herodot mit überlegener Lebenseinsicht dem Kroisos gegenüber (I 29ff.), aber in der reichen biographischen Überlieferung ist dasanekdotisch-apophthegmatische Element verhältnismässig schwach vertreten. Dies liegt wohl an seinen Gedichten, die als ungleich eindrücklicheres Dokument von der attischen Geschichtsschreibung aufgenommen und dadurch für sein Erinnerungsbild massgebend wurden. Eine Durchmusterung der übrigen Weisenüberlieferung würde den vorgelegten Beobachtungen wenig beifügen. Die Ausbeute an solchen ist bescheiden ausgefallen, doch genügt sie als Bestätigung dafür, dass es ausser den Sentenzensammlungen der Sieben auch anekdotisch eingekleidete Aussprüche gab, die mehr erzählend als belehrend wirken wollten und als Mittel der Charakterisierung den Apophthegmen der nachsokratischen Philosophenbiographien nahe kamen. Als Gegenstand biographischer Darstellung steht Simonides in der Mitte zwischen Sieben Weisen und Sokratikern, so wie er auch im platonischen Protagoras ein philosophisches Problem über die Generationen hin vermittelt. Das Volksbuch, welches Chamaileon für seine Simonidesbiographie benützt haben muss”, gehörte der gleichen Traditionsschicht an wie die Erzählungen von den Sieben Weisen, passim. Die Antithese bildet hier eine Spielform der variierenden Verdoppelung, z. B. Sprüche Salomos II 21; III 33. 35; IV 18. 3 Vorsokr. 22 B 39 év ITouivy Bias éyéveto 6 Tevrduew, ob nAelwv Adyos À tv Glow, dazu O. Gigon, Untersuchungen zu Heraklit (Leipzig 1935) 5. 40 P. Von der Mühll, Mus. Helv. 22 (1965) 178 zu DL 1, 84. Als verbreitete Novellenfigur ist uns allerdings nur der weise Richter geläufig, z. B. Salomo und Bokchoris (Plut. Demetr. 27 und Zenob. 2, 60); vgl. Hes. Theog. 80ff. über die Könige als Richter. 4 Vgl. F. Wehrli, Hauptrichtungen des griechischen Denkens (Zürich und Stuttgart 1964) 39. 42 Chamaileon fr. 33-35 Wehrli, dazu U. v. Wilamowitz, Sappho und Simonides (Berlin 1913) 143.

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Homer und Hesiod mit ihren besonderen Formelementen, der Anekdote und dem treffenden Ausspruch. Im Gegensatz zu manchen nachtriglich eingekleideten Weisenchrien sind die Apophthegmen des Simonides aber wesensmässig situationsbedingt. Und wenn auch jedes Witzwort fiir sich genommen dem Unterhaltungsbediirfnis genügt, so ist doch unverkennbar, dass die Erzählung zugleich auf das Vergnügen an der geistreichen Persönlichkeit zielt, der es eingefallen sein soll. Ja, die Gesamtheit der erhaltenen Anekdoten ergibt ein Porträt mit individuellen Zügen, das von der Schilderung bestimmter Denker der jüngeren Zeit nicht allzu verschieden ist (vgl. unten $. 205). Wo Simonides von Aristophanes eingeordnet wurde, zeigt eine Szene aus dessen Wespen (1401ff.), wo zwei Sklaven sich für ihr Geplänkel auf Äsop wie auch auf Simonides und Lasos beziehen. Dabei setzen sie ein Wortgefecht dieser letzteren in Szene, das eine burleske Spielform des Agon zwischen Homer und Hesiod und der damit verwandten Schöpfungen archaischen Ursprungs bildet. Nach einzelnen Autoren zählte Lasos auch zu den Sieben Weisen (DL 1,42), obwohl er und Simonides in der anekdotischen Überlieferung auch modernere Züge aufweisen. Die Spassmacher, in deren Rolle diese sie auftreten lässt“, waren nach ihrer sozialen Stellung oft Parasiten®, und als solcher erscheint Simonides an der Tafel des Hieron von Syrakus. Hier hilft er sich mit seinen witzigen Einfällen gegen Herabsetzungen, indem er z. B. bei der Ubergehung mit einem Gericht einen darauf beziehbaren Homervers (Ilias 14, 33) in entsprechend abgeänderter Form zitiert“. Zur Gattung des Rätselspiels gehört ein selbstironischer Ausspruch, der ihm über sein Verhältnis zu Hieron in den Mund gelegt wird. Von dessen Frau gefragt, was mehr wert sei, Geld oder Weisheit, erklärt er, die Antwort sei damit gegeben, dass man nur den Weisen zum Reichen gehen sehe, nie das Umgekehrte*. Damit vergleichbar, wenn auch philosophisch selbstbewusster, ist das Apophthegma, mit dem Aristippos den Tadel seiner Genussucht durch Diogenes heimzahlte: Wenn jener so gut wie er mit Königen umzugehen verstünde, wäre er nicht auf die schäbige Kost des Kynikers angewiesen (DL 2, 68; Hor. Epist. I 17, 13). Das typische Parasitenelend erhält bei Simonides eine persönliche Note durch die Verbindung mit Habgier und Geiz, seinen angeblichen Eigenschaften, von denen die Anekdoten manches zu erzählen wissen. Die unfreundliche Nachrede begegnet schon bei Xenophanes und Aristophanes“ und kann wie bei den Sophisten auf die Verachtung jeder bezahlten Lei43 Aristoph. Wespen 1410, Aäoös nor’ ávredldacre xai Zuuwvlöns. | Eneıd’ 6 Adoos elnev: öAlyov poe udleı. “ Zu den Lasos zugeschriebenen, Lasismata genannten Scherzworten (Hesych s. v.; G. A. Privitera, Laso di Ermione [Roma 1965] 49) gehörten vermutlich auch sophistische Fangschlüsse. 45 Vgl. A. Thierfelder, Philogelos (München 1968) 10, der die ältere Literatur verzeichnet. 4 Athen. 656 d oddé ydo <oöö’> edpús neg Ev ¿Elxeto Öeügo. 47 Aristot. Rhet. 1391 a 8 toùs copods ... pn body êni vais ray nlovolow Opus diaroiBovtas. 48 Xenophanes Vorsokr. 21 B 21 dießeßAnro ¿ni quagyvola ... Zevopávas KiuBixa adróv xgooayogedeı. Aristoph. Frieden 698 Ziywvións ... STI yégow dv nal cargos xéodove Exate xdy Eri dınög nAdor.

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stung zuriickgehen. Bei dieser lag es nahe, Lohnforderungen iibertrieben zu finden und durch missliche Charakterziige zu erklären. So soll es einen Sieger im Maultierrennen einen besonders hohen Preis gekostet haben, von Simonides die pompöse Verherrlichung seiner Tiere als deAAonddwv Piyatoes Innwv zu erlangen (Aristot. Rhet. 1405 b 24). Wie er selber sein knauseriges Wesen beschönigte, wurde durch die Geschichte vor Augen gestellt, er habe von seinem Anteil an der fürstlichen Bewirtung das meiste zurückbehalten und dann verkauft, angeblich um von der eigenen Anspruchslosigkeit und der Grosszügigkeit Hierons Zeugnis abzulegen*. Noch einen Schritt näher als die Simonidesüberlieferung stehen den nachsokratischen Lebensbeschreibungen die Epidemiai des Ion von Chios, welche von Begegnungen mit Staatsmännern sowie mit Philosophen und Dichtern erzählt haben (FGrHist 392). Was hier in anekdotischer Form von Verhalten und Äusserungen der Dargestellten wiedergegeben wird, zielt nun ganz auf das Individuelle. Die Berufung auf Selbsterlebtes und der darin liegende Anspruch, wahrheitsgetreu zu berichten, schliesst eine Stilisierung auf das Typische, Exemplarische mindestens prinzipiell aus®. Ein Beispiel charakterisierender Verwendung von Apophthegmen gibt die Wiedergabe eines metaphorischen Vergleichs von einprägsamer Plastik, mit welchem Ion die spartanerfreundliche Gesinnung des athenischen Staatsmannes Kimon zum Ausdruck brachte®!. Dass Ion seine Bekanntschaften beim Gelage schloss, war durch die herrschenden Lebensformen gegeben, stand aber zugleich in der Tradition von Sieben-Weisen- und Simonides-Anekdotik. Ebenso wählten Platon und Xenophon wie auch ihre Nachahmer bei Gelegenheit einen sympotischen Rahmen, denn er erlaubte, einen Menschen mit seinen gesellschaftlichen Umgangsformen als Glied der urbanen Gesellschaft vorzuführen‘?. In dieser Eigenschaft, nicht primär nach seiner Bedeutung auf einem besonderen Tätigkeitsfeld, zeichnet einen solchen auch Ion. So berichtet er von Sophokles, er sei zu geistreichem Spiel beim Weine begabt gewesen, und zum Beweis dafür erzählt er die bekannte Geschichte, wie jener dem Schenken durch ein kleines ‘Strategem’ einen Kuss geraubt habe (F6). Der gewonnene Überblick erlaubt uns nun, die vorliterarischen Elemente in einigen ausgewählten Monographien über Philosophen der sokratischen und nachsokratischen Zeit zu bestimmen. Für eine auf Anekdote und Apophthegma konzentrierte Darstellung eigneten sich von diesen besonders Aristippos und Diogenes, weil der wesentliche Gehalt ihrer theoretisch einfachen Lebensweisheit dabei tat4° Chamaileon fr. 33 Wehrli önws, einev, % te “Iéowvos peyadonoérera xaraparız $ xal 1) ¿uy so qu ql Anspruch tatsächlich erfüllt wird, erlauben die Fragmente nicht zu beurteilen. Immerhin ist mit Freiheiten der literarischen Gestaltung zu rechnen, und diese sind in den Memorabilien Xenophons, welche den Epidemiai gattungsmässig nahe stehen, sehr gross. Vollends kennt die jüngere Philosophenvita kein Gesetz, sich an das Verbürgte zu “halten, auch wenn sie Zeitgenossen darstellt. 51 F 14 Kluwv ... todo ’Adrmwalovs ... nagaxalaw pres tiv “EAAdda yodiv puite tiv nov Eregölvya negudsiv yevevnuévnp. 52 I. Bruns (oben Anm. 5) 50f. 239ff.; A. Dihle (oben Anm. 7) 46ff..

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sächlich Ausdruck fand. Was sich bei Diogenes Laertios über ihre Lebensdaten erfahren lässt, gehört fast ausnahmslos zu den Gegebenheiten der einzelnen SzenenTM und hat darum keinen eigenen Stellenwert. Einer Ähnlichkeit des Aristippos mit Simonides wurde schon gedacht (oben S. 203). Wie er sich als Parasit des Dionysios von Syrakus über dessen Beleidigungen tröstete, gibt die Geschichte zum besten, er sei von ihm bespuckt worden und habe darauf erklärt, dass um ihrer Ernährung willen auch die Fischer auf dem Meere nicht fürchteten, nass zu werden (DL 2, 67). Die Verbindung von Hedonismus und Verachtung für das gesellschaftliche Decorum, die in zahlreichen Anekdoten solcher Art anschaulich wird, bildete aber nicht das letzte Wort von Aristippos’ Lehre. Eine Anzahl von Apophthegmen lässt zum Ausdruck kommen, dass seine vollkommene Unvoreingenommenheit ihm auch erlaubte, so leichten Herzens wie die Kyniker Verzicht zu leisten, wenn die Umstände es forderten (DL 2, 66f. 75 u. a.) Den Sieben-Weisen-Chrien kommen solche Worte des Aristippos wie auch andrer Philosophen der jiingeren Zeit formell am nächsten, welche als Urteile allgemeiner Art weder person- noch situationsgebunden sind und darum den Sprechenden wie jene nur beiläufig charakterisieren. Zu diesen gehört ein Vergleich der für Philosophie gleichgiiltigen Bildungsbeflissenen mit den Freiern Penelopes, welche sich zum Entgelt fiir ihre Missachtung mit den Magden der Herrin einliessen (DL 2, 79) und ähnliches mehr. Sie zeigen, wie fliessend der Ubergang zwischen Apophthegmatik und Spruchweisheit ist, und bestätigen, dass sich das eine wie das andere als biographisches Darstellungsmittel eignet (vgl. oben $. 195. 199 u. a.). Als Drittes gesellen sich in der Aristippvita die besonderen Formen, Scharfsinn und Schlagfertigkeit zu beweisen, hinzu, die Beantwortung von Vexierfragen oder - im Wortwechsel mit Dionysios — der Einsatz von Dichterzitaten, welche durch Umgestaltung einen aktuellen Bezug erhalten (DL 2, 73. 80ff.). Nach ihrer Herkunft anonymes Gut wie alle Spruchüberlieferung, prägen solche Motive Aristippos die typischen Züge auf, welche sich auch im Porträt des Simonides finden; über dessen Zuflucht zu einem Homervers vgl. oben 8. 203. Diese Einschränkung individueller Zeichnung darf als weiterer Hinweis auf die gesuchte Vorgeschichte der antiken Biographie festgehalten werden. Die wenigen biographischen Angaben, die sich über die Herkunft des Diogenes aus Sinope erhalten haben, machen sich verdächtig, aus anekdotischer Fiktion zu stammen. Sein Vater soll offenbar nur darum Geldwechsler gewesen sein und sich der Falschmünzerei schuldig gemacht haben (DL 6, 20), weil Diogenes seinen eigenen Kampf gegen gesellschaftliche Konventionen als Umprägung alles dessen, 5° Für Aristippos lässt sich dieser Tatbestand besonders leicht damit erklären, dass Diogenes Laertios als Quellenwerke über ihn lauter Dialoge angibt (Aischines und Phainias [2, 65], Speusippos [4, 4] und Stilpon [2, 120] sind Autoren von solchen). Zur Herkunft der biographischen Angaben über Diogenes vgl. unten S. 206, ferner K. v. Fritz, Quellenuntersuchungen zu Leben und Philosophie des Diogenes von Sinope, Philologus Suppl. 18 (1926).

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was in Kurs steht, bezeichneteTM. Und dass er nach romanhaft ausgeschmiickten Erzählungen Seeräubern in die Hände fiel und von diesen als Sklave verkauft wurde®5, ist vermutlich durch den Äsoproman angeregt, dem wir in der Vorgeschichte der Biographie schon wiederholt begegnet sind. Wie Äsop, der Sklave des Xanthos (Vita G und W Perry passim), zeigt sich auch Diogenes seinem Herrn überlegen, nur dass die Apophthegmen, zu welchen das Dienstverhältnis den Rahmen bildet, nicht bloss durch ihren Witz unterhalten wollen, sondern die Lehre bekräftigen, dass nicht gesellschaftliche, sondern geistige Rangunterschiede den Ausschlag geben. Gemeinsam mit den noch zahlreicheren Aussprüchen, welche ohne erzählende Einkleidung überliefert sind, konnten diese anekdotischen Überlieferungen als Vademecum dem gläubigen Kyniker ein theoretisches Lehrbuch ersetzen. Unter den Aussprüchen philosophischen Gehalts findet sich wie bei Aristippos auch altes Traditionsgut wie die Beantwortung von Rätselfragen nach superlativischen Begriffen oder Witze besonders in der Form von Wortspielen (DL 6, 24. 33. 40. 69 usw.). Es dient der Ethopoiie, sofern sich darin die Schlagfertigkeit kynischer Protreptik oder Polemik zur Schau stellt. Schliesslich soll die Darstellungskunst des Antigonos von Karystos, in welcher die nachsokratische Biographie ihre Vollendung erreicht hat, am Beispiel seines Lebensbildes von Menedemos aus Eretria gewürdigt werden. Im Gegensatz zur Aristippos- oder Diogenesüberlieferung ist es nicht so sehr auf typische, traditionell gegebene Züge wie auf eine individuelle Charakterisierung angelegt; es zeigt auch nicht den Vertreter einer Sekte, sondern eine Persönlichkeit, die bei dogmatischer Unabhängigkeit doch in ihrer ganzen Lebensführung von philosophischem Ernst geleitet wird. Die Ausrichtung auf die besondere Art eines Einzelnen bringt es auch mit sich, dass die in jenen beiden anderen Porträts herrschende Freiheit der Fiktion eingeschränkt wird. Antigonos teilt den Anspruch auf Lebenswahrheit mit Ion von Chios, obwohl er nicht wie jener ausschliesslich aus persönlicher Begegnung mit dem Dargestellten schöpft. Als jüngerer Zeitgenosse des Menedemos und Euböer wie jener hat er denselben anscheinend persönlich gekannt, doch liegt es in der Natur der Sache, dass er für das Einzelne, besonders für Anekdoten und Apophthegmen, auf Hörensagen angewiesen war. Ausserdem hat er literarische Quellen benützt, denn die anschauliche Schilderung von Menedems Gastfreundschaft beruht auf einem Satyrspiel des Lykophron®, und für seine Charakterisierung berief er sich anscheinend auf den Kyniker Krates und Timon von Phlius (DL 2, 126). Die persönliche Bekanntschaft mit Menedemos mag Antigonos erlaubt haben, Gehörtes und Gelesenes nach seinem allgemeinen Aussagewert abzuschätzen und demgemäss zu verwenden. Dieser bestimmte die Grenzen des lites DL, 6, 20 adrös negi adrod pnow &v tH Ilopódiw de napayapdkaı tò vépiopa. 55 DL 6, 30f. und 74 nach Eubulos A:oyévovg noäcıs. Vom Missgeschick des Diogenes war zu seiner Zeit freilich auf griechischen Gewässern jedermann bedroht, vgl. z. B. Demosth. 52, 5. 56 DL 2, 139 (dazu 2, 133) und Athen. 419 e und 55 c; dazu U. v. Wilamowitz (oben Anm. 6) 86 und B. Snell, TrGF 100 F 2 (I p. 222, 100).

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rarischen Spielraumes und schloss auch einzelne Ziige konventioneller Topik nicht aus. Wie stark iiberarbeitet Antigonos’ Darstellung bei Diogenes Laertios vorliegt, lässt sich einigermassen nach stilistischen Gesichtspunkten festlegen. Die Berufung auf jüngere Autoren? beweist jedenfalls, dass sie nicht einzige Quelle war, auch wenn jene sie ihrerseits voraussetzen, und die Zurückweisung einer Geschichte des Hermippos (2, 142) ist konkreter Beweis für anekdotische Überlagerung des Urspriinglichen®. Den auch qualitativ erkennbaren Grundstock, der nach Abtragung der jüngeren Schichten bleibt, Antigonos zuzuweisen, wird dadurch gerechtfertigt, dass dessen Monographie durch drei Zitate gesichert ist (DL 2, 136. 143; Athen. 419 e). Wie Antigonos die frugale Lebensweise Menedems auf Grund von Lykophrons Satyrspiel beschrieben hat, stammt von ihm zweifellos auch die Anekdote, nach der jener dieselbe einem verschwenderischen Gastgeber durch Mitbringen von Oliven demonstrierte. Fraglicher ist dagegen, ob Antigonos genau dasselbe wie Diogenes Laertios 2, 127 von Menedems eigenwilligen Zurechtweisungen junger Leute erzählte, durch welche er sich angeblich als vguvodg, &nıxönrng und nagenotacthc zu erkennen gab. In gleichem Sinne werden sonst hauptsächlich Angehörige des Kynismus geschildert, dem Menedemos allerdings als Schüler Stilpons verpflichtet war. Das hier an ihn angelegte Schema wird ihm mit seiner Radikalität aber nicht gerecht, da er wenig doktrinär gewesen sein soll. Unter ausdrücklicher Berufung auf Antigonos wird jedenfalls berichtet, Menedemos habe keine Schriften verfasst und sich darum auch auf keine einzelne Lehre festgelegt (DL 2, 136). In ihrer Gesamtheit schliessen sich die von ihm überlieferten Züge zum Bilde einer prägnanten Persönlichkeit mit ihren Widersprüchen und Schwächen zusammen, das durch seine Lebensnähe glaubhaft wirkt. Mit der erzieherischen Unerbittlichkeit verbindet sich darin eine freie Lässlichkeit des Unterrichtsbetriebs (DL 2, 130), wie mit Schonungslosigkeit in Kritik und Verhöhnung eine selbstlose Hilfsbereitschaft (DL 2, 136). Für das Bemühen um eine authentische Darstellung spricht der Hinweis auf eine in Eretria befindliche Statue Menedems, an welche sich die Schilderung seines Aussehens hält (DL 2, 132). Ebenso werden zur Dokumentierung des staatsmännischen Wirkens Abschnitte aus je einem von ihm redigierten Brief und Volksbeschluss vorgelegt (DL 2, 141/2). Mit dieser historischen Treue liess sich die fiktive Komponente, welche allem Anekdotischen von Natur anhaftet, nicht leicht vereinbaren. Antigonos scheint ein gewisser Ausgleich durch Straffung der charakterisierenden Exempla und durch 57 Herakleides Lembos (DL 2, 43) scheint Diogenes Laertios’ Hauptvermittler zu sein (U. v. Wilamowitz [oben Anm. 6] 88f.). Ausser diesem werden von ihm Antisthenes (2, 134 über die Eristik des Menedemos) und Euphantos (2, 141 über seine Gesandtschaftsreise zu Demetrios) zitiert. 58 Wegen seiner Phantastik und chronologischen Konfusion muss auch der Bericht über die Freundschaft mit Asklepiades (DL 2, 137f.; Athen. 168 a) überarbeitet sein.

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häufigen Verzicht auf sie, bei dem er zur Charakterisierung durch eigene Worte griff, gelungen zu sein. Als Meister des biographischen Porträts muss er unter seinen näheren und ferneren Zeitgenossen eine Sonderstellung eingenommen haben. Soweit sich von den übrigen Quellenautoren des Diogenes Laertios oder Athenaios überhaupt eine Vorstellung gewinnen lässt, war ihnen ein vergleichbares Bemühen um individuelle und verbiirgte Menschendarstellung fremd. Nicht weniger fern steht ihm Satyros jedenfalls als Autor des Dialoges iiber Euripides. Das Charakterbild, das er von diesem entwirft, beruht einerseits auf Zitaten aus seinen Werken, die er biographisch oder als persönliche Meinungsäusserungen auslegt, anderseits auf bekanntem Komödienklatsch. Dass er diesen zwar mit Vorbehalt wiedergibt, aber dabei keinerlei Anstalten trifft, ihn zu korrigieren, spricht nicht fiir Interesse an historischer Verbindlichkeit®. Vollends Hermippos, der als extremer Vertreter einer allgemein befolgten Richtung zu gelten hat, betätigte seine Wissenschaft im Sammeln von Varianten der Überlieferung, anscheinend ohne je ernsthaft nach Kriterien der geschichtlichen oder ethopoetischen Glaubwürdigkeit zu fragen. Vor allem als Unterhaltungsliteratur verstanden, näherte sich die Biographie durch ihn und die ihm gleichgesinnten Autoren ihren Ursprüngen in Volksbuch und Anekdote, wobei das Individuelle vom Typischen, jedermann Geläufigen weitgehend wieder überdeckt wurde. Wie das späte Sammelwerk des Diogenes Laertios zeigt, gewannen dabei Anekdote und Apophthegma ihre alte Autonomie zurück, die hauptsächlich durch Antigonos eingeschränkt worden war“. 5 G. Arrighetti, Satiro: Vita di Euripide (Pisa 1964) 23. ‘0 Eine kommentierte Sammlung der Fragmente Hermipps hat der Verfasser im Manuskript abgeschlossen. Die von ihm behauptete Stellung des Antigonos von Karystos bedarf der Bestätigung, welche von einer umfassenden Aufarbeitung der nachsokratischen Biographiefragmente zu erwarten wäre.