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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)WISSENSCHAFT IN DER ANTIKE
Von Leonip ZHMUD
Einleitend möchte ich eine knappe Skizze des allgemeinen Rahmens meiner Überlegungen
geben. Dabei werde ich insbesondere einige Prämissen nennen, auf denen meine Ausführungen
über das Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie in der Antike aufbauen. Im einzelnen
werden diese Prämissen hier nicht begründet.
Die erste dieser Prämissen betrifft die Existenz der Wissenschaft in der Antike selbst, denn
nicht wenige Wissenschaftshistoriker ziehen es vor, ihr Entstehen mit der Renaissance oder
sogar mit der wissenschaftlichen Revolution im 17. Jh. zu verbinden. Ausgehend von einer
Wissenschaftskonzeption, die als das für sie konstitutive Element die hyporhetisch-deduktive
Methode bzw. die axiomatisch-deduktive in der Mathematik ansicht,! behaupte ich, daß es
bezogen auf dieses Kriterium keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen der Wissenschaft
der Antike und der der Neuzeit gibt.
Zweitens anerkenne ich nicht nur den Unterschied der historischen Wege von Philosophie
und Wissenschaft, sondern auch ihre grundsätzliche epistemologische Andersartigkeit.2 Generell könnte man sie folgendermaßen formulieren: wissenschaftliche Probleme können erfolgreich gelöst werden, philosophische Probleme sind prinzipiell unlésbar, Wissenschaftliche
Probleme werden, wenn sie richtig formuliert sind, früher oder später ihrer Lösung zugeführt,
bzw., wenn sie unkorrekt gestellt sind, abgesetzt (dabei gehen sie nicht selten in die Kategorie
der philosophischen über).
Das heißt nicht, daß Urteile, die zu einer bestimmten Zeit über die Wissenschaftlichkeit von
Problemstellungen gefällt werden, immer endgültige Urteile sein müssen. Es gibt andererseits
auch Beispiele für Fragestellungen, die zunächst in Form einer philosophischen Theorie aufgeworfen wurden, später aber zu Problemen wurden, die man mit wissenschaftlichen Methoden lösen
konnte (z.B. atomistische Theorie).
Philosophische Fragen haben bisher keine eindeutigen und allgemeingültigen Lösungen
erfahren. Das, was einer Schule als Lösung erscheint, kann von einer anderen als Problem
zurückgewiesen oder ignoriert werden. Die Grundtypen der philosophischen Weltanschauung,
die sich in der antiken Philosophie herausgebildet haben, existieren in modifizierter Form bis auf
den heutigen Tag, so daß sich die Entwicklung der Philosophie sowohl in der Entfaltung immer
neuer Varianten dieser Grundtypen als auch in der Präzisierung und Bereicherung von deren
Interpretationsmöglichkeiten zeigt.
Die beiden Fragen, mit denen ich mich in diesem Aufsatz beschäftige, lauten folgendermaßen: I) In welchem Masse hat die antike Philosophie die antike Wissenschaft beeinflußt? 2) Wie
wirkte dieser Einfluß — verzögernd oder stimulierend?
Die Geschichte bietet keine Beispiele für Gesellschaften, in denen Wissenschaft entstanden
wäre und sich entwickell hätte, ohne daß philosophische Lehren formuliert worden wären.? Die
Entstehung der Wissenschaft in Griechenland und ihre Wiedergeburt in Westeuropa ist mit der
!
K.-R. Popper: Logik der Forschung. Tübingen 1969.
?
Die folgenden Überlegungen bezichen sich auf A. Zajcev's Darstellung: Philosophie und Wissenschaft in
der antiken Kultur (Konferenzbericht). Voprosy istorii estestvoznanija i techniki 4 (1988). S. auch: K, von Fritz:
Grundprobleme der Geschichte der antiken Wissenschaft. Berlin/New York 1971, S. 31T.
Sudhoffs Archiv, Band 78, Heft I (1994)
© Franz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH, Sitz Stuttgart
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Bevor ich eine Wertung dieser Ansichten vornehme, müchte ich feststellen, daB wir keinen
Grund haben, a priori einen grundsätzlichen Unterschied in der Art der Wechselbeziehungen
von Wissenschaft und Philosophie in verschiedenen Zeiten anzunehmen.!? Wenn heute die
Mischung von Elementen aus Wissenschaft und Philosophie von kaum einem Spezialisten als
wissenschaftliche Theorie anerkannt wird, warum sollten wir dann annehmen, daß eine entsprechende Mischung in der Antike fruchtbar gewesen sein soll? Wenn das Wesentliche fiir die
Wissenschaft ihre Methode ist, und es zwischen ihr und der Philosophie untiberwindliche
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epistemologische Unterschiede gibt, so hätten sich doch diese Unterschiede von Anfang
auswirken müssen, d.h. bereits im sechsten Jh. v.Chr.
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das unterscheidet uns tatsächlich von der frühgriechischen Wissenschaft. Bei den Vorsokratikem findet man nicht selten in einem Werk sowohl eindeutig metaphysische als auch wissent uns
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15 Dabei gab es in der Antike außer Thales und Pythagoras keinen bedeutenden Philosophen, der
Mathematik etwas Großes geleistet hätte.
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Die Beziehungen zwischen Philosophie und Wissenschaft in der Antike
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Heraklit. der
hartnäckig die Existenz einer kosmischen Ordnung behauptete, jedoch nichts mit Wissensch
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zu tun hatte. Bei Thales aber ist diese Vorstellung einer kosmischen Ordnung
(zumindest
prominenter Stelle) nicht zu finden.!? Gleichzeitig ist unklar, wie die Idee der Gesetzmäßi keit
an sich zum deduktiven Beweis einfacher geometrischer Sätze führen konnte, z.B. zu re
Beweis, ‚daß die Hypotenusenwinkel im gleichschenkligen Dreieck gleich sind | koch den
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durchaus nicht zu einer Empfänglichkeit für wissenschaftliche
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solcher Ansichten
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auf die Philosophie, als das Beispiel des Thales fiir die Beeinflussung in umgekehrter Riche
Nicht leichter ist auch die Verbindung zwischen dem astronomischen System des Felsen
und dem von ihm postulierten metaphysischen Prinzip (ró dime 1pov) aufzudecken
7
| Die Spezialisierung von Wissenschaft und Philosophie geschieht in Griechenland erstaunlich
früh. Bereits Ende des sechsten, Anfang des fünften Jh. finden
wir die Gestalten
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Gelehrter, wie Kleostratos von Tenedos oder Hekataios von Milet, und ‚reiner Plica ba
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war mit Archytas, Theaetetos und Theodoros zwar befreundet, aber sie waren nie seine Schiiler,
im Gegenteil, er lernte von ihnen und nutzte aktiv ihr Wissen. Von den direkten Schülern
Platons hat lediglich Aristoteles in der Wissenschaft Großes geleistet, allerdings erst nach
seinem Fortgang aus der Akademie und auch nur in den Wissenschaften, die er an der Akademie
nie betrieben hatte, d.h. in erster Linie in der Biologie. Für viele war die Akademie als Zentrum
intellektuellen Lebens attraktiv, andere wiederum hatten den Wunsch, Platon persönlich kennenzulernen, aber die professionelle Betätigung der Gelehrten fand außerhalb der Akademie
statt, wenn man einmal von der Herstellung einiger Mathematiklehrbücher für ihre Zwecke
absieht.
Das Aristotelische Lyzeum zeigt eine viel innigere Gemeinschaft von Philosophie und
Wissenschaft innerhalb einer Schule. Gleichzeitig ist gerade bei Aristoteles, trotz seines Bemühens, die aus der Mathematik entlehnte axiomatisch-deduktive Methode” als allgemeine Methode von Wissenschaft und Philosophie darzustellen, erstmals die Erkenntnis der Verschiedenartigkeit von Mathematik und Philosophie festzustellen. So bemerkt er z.B., daß die Mathematik
das einzige Gebiet ist, auf dem es gelungen ist, wirklich etwas zu beweisen.” Die gleiche
Erkenntnis zeigt sich in dem von Schülern des Aristoteles realisierten wissenschaftshistorischen
Projekt. Eudemos schreibt die Geschichte der Astronomie, Arithmetik und Geometrie, Theophrast die Geschichte der Physik, Menon die Geschichte der Medizin. Dabei untersucht Eudemos in der Geschichte der Mathematik und Astronomie rein wissenschaftliche Fragen, ohne auf
die Philosophie zurückzugreifen.?* Die duoıxüv 86ka des Theophrast reflektieren im Gegenteil die damalige Auffassung, Physik sei ein Gebiet, das sowohl die Naturphilosophie, als auch
die Kosmologie und die Naturwissenschaft umfasse.* Die Menonische Geschichte der Medizin
zeigt auch, wie eng medizinische Theorien mit naturphilosophischen Prämissen verbunden
waren.
wie Heraklit oder Zenon von Elea. Im Laufe des fiinften Jahrhunderts vertieft sich dew
Spezialisierung noch, insbesondere in der Wissenschaft.!® Die hervorragenden Mathematik
er
Hippokrates von Chios, Theodoros von Kyrena und Theaetetos haben keinerlei Spuren
philosophischer Studien hinterlassen; dasselbe gilt auch für die Astronomen
Oinopides von Chios,'?
Meton und Euktemon von Athen; auch viele Traktate des hippokratischen Korpus behandeln edi
professionell medizinische Fragen. Zur gleichen Zeit bleibt unter den Philosophe
n das Interesse
an wissenschaftlichen Kenntnissen weitgehend erhalten, obwohl bei Sokrates
tikern eine Philosophie völlig neuer Prägung entwickelt wird.2
und vielen Sokra-
Mit Platon persönlich und seiner Akademie sind in der Tat die Namen der führenden
Mathematiker und Astronomen jener Zeit verbunden, aber was bedeutete diese Verbindung
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Und wer in dieser Gemeinschaft von Philosophen und Gelehrten war Gebender und a
Nehmender? War die Akademie als solche ein wissenschaftliches Forschungs
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R. Olson: Science, 3 Scienti sm
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So z.B.: F. Solmsen: Plato and the Unity of Science. In: Kleine Schriften. Bd 1. Hildesheim 1968, S. 326-
Wien/New York
331; H. Stachowiak: Rationalismus im Ursprung. Die Genese des axiomatischen Denkens.
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1987;
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1971; D.H. Fowler: The Mathematic
Im Philodems Buch über
Philippe d’Oponte. Napoli 1987; K. Gaiser. Philodems Academica. Stuttgart 1988.
Passage darüber, wie
Platons Schule, das teilweise auf einen herkulanischen Papyrus erhalten ist, findet sichY).eineGasers
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2 H Lee: Geometrical Method and Aristotle’s Account of First Principles.American
Journal of Philology 57
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113-124; B. Einarson:
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(1936), p. 33-54, 151-172; W. Kullmann:
Berti, Padova 1981, p. 245-270. Vel. jedoch:
Posteriora. In: Aristoteles on Science. The Posterior Analytics, ed. E.Logic
and Its Modern Interpretations, ed. J.
L Mueller: Greek Mathematics and Greek Logic. In: Ancient
ion. In: Articles on Aristotle 1.
Demonstrat
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Theory
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Barnes:
J.
35-67;
p
1974,
Corcoran. Dordrecht
65-87.
p.
1975,
Science, ed. J. Barnes et al. London
2 Ap. lambl. Comm. math. sc., p. 78.9-11 Festa; W. Burkert: Lore and Science in Ancient Pythagoreanism.
Cambridge, Mass. 1972, p. 50, 447.
24 Budem. fr. 133-149 Wehrli.
25 O. Gigon: Die Arxai der Vorsokratiker bei Theophrast und Aristoteles. In: Naturphilosophie bei Aristoteles und Theophrast, Hrsg. /. Düring. Hildesheim 1969, S. 114-123,
Pagina 4
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Leon Zumup
7
sum (im Sinne Koyrés) denken miisse. Der Kosmos des Aristoteles ist zwar tatsächlich geschlossen, und die Bewegungsgesetze der sublunaren und supralunaren Welt sind grundsätzlich
verschieden. Man iibersieht dabei allerdings die offenkundige Tatsache, daB zwischen dem
Der Einfluß der philosophischen Systeme von Platon und Aristoteles auf die weitere Entwicklung der Wissenschaft wird oft überschätzt.26 Manchmal entsteht sogar der Eindruck, daß die
antiken Gelehrten die platonischen Dialoge und die aristotelischen Vorlesungen genau so
sechsten und vierten Jh. v.Chr., d.h. zu der Zeit, als in der griechischen Astronomie die
fruchtbarsten Ideen entwickelt wurden, die Vorstellungen von einer Vielzahl von Welten und/
oder von der Unendlichkeit des Weltraums vorherrschten,* und eine Einteilung in sub- und
supralunar noch gar nicht existierte. Nach Aristoteles sind diese Vorstellungen keinesfalls
verschwunden — wir finden sie bei Epikur und Lukrez,?* bei den Stoikern,? bei Aristarch von
Samos.36 Man kann sagen, daß die Idee eines geschossenen Kosmos sich in dem Moment
durchgesetzt hatte, als die Entwicklung der griechischen Astronomie zum Stillstand gekommen
war37 Was die Kinematik von Kreisbewegungen betrifft, die einzig Himmelskórpern eigen sein
studieren mußten, wie die heutigen Studenten ihre Lehrbücher durcharbeiten. Dabei wird die
einfache Tatsache übersehen, daß die philosophischen Hauptwerke des Aristoteles nach seinem
Tod 300 Jahre lang außerhalb seiner Schule praktisch unbekannt waren?’ und allein schon
deshalb kaum Einfluß ausüben konnten. Dabei fällt gerade in diese Zeit die Blüte der griechischen Wissenschaft.
Übrigens kann man bei den Peripatetikern selbst kein übermäßige Bestreben registrieren, den
Postulaten ihres Lehrers zu folgen. Aristoteles z.B. unterteilte die Bewegung in natürliche und
unnatürliche; somit wurde die Mechanik aus der Physik herausgenommen, die ja nur natürliche
Bewegungen behandelte. Dieses Postulat hat andererseits gerade nicht die Entstehung des ersten
sollten, so wurden sie mit Erfolg auch in der Mechanik und in der Optik angewandt, sogar von
Mechaniktraktates in der Peripatetischen Schule verhindert, in dem wir erstmals dem klar
den Peripatetikern selbst.
formulierten Hebelgesetz begegnen, das später von Archimedes in deduktiver Form nachgewiesen wurde.2 Der anonyme Autor dieses Traktates zählt die Mechanik teilweise zur Mathematik,
teilweise zur Physik und konzediert, daß die Mechanismen zwar Bewegungen „gegen die Natur“
ausführen, dafür aber zum Nutzen der Menschen.
Nach Aristoteles ist das Ideal eines jeden Gelehrten eine vita contemplativa.?? Kann man
daraus folgern, daß er die Aufgabe der Wissenschaft nur in der Naturbeobachtung, nicht aber in
Experimenten sah? Wenn man seine Traktate über Tiere liest, kann man sich leicht davon
überzeugen, daß er während seiner anatomischen Studien mit eigenen Händen Dutzende von
Tieren sezierte, ohne darin einen Widerspruch zum deklarierten Ideal zu sehen. Straton von
Lampsakos, der nach Theophrast Scholarch der Peripatetischen Schule wurde, bemühte sich,
anhand zahlreicher Experimente eine neue physikalische Theorie zu entwickeln (fr. 35 Wehrli),
die offen der aristotelischen Dynamik widersprach.?! Seine Experimente, insbesondere zur
Pneumatik, haben die Grundlagen dieser Disziplin geschaffen, die später von den alexandrinischen Ingenieuren Ktesibios, Philon und Heron weiterentwickelt wurde.32 Überhaupt bilden das
dritte bis erste Jh. v.Chr. die Blütezeit der technischen Mechanik, was die Vorstellungen von
einer Dominanz des Aristotelismus klar widerlegt.
Sicherlich sollte man auf diese Zeit nicht die veränderte Situation der Spätantike, geschweige
denn die des Mittelalters projizieren, als Aristoteles die alles bestimmende wissenschaftliche
Autorität wurde. So kommt man z.B. zu der Vorstellung, daß man sich den Übergang zwischen
Antike und Neuzeit als einen Wechsel von einer geschlossenen Welt in ein unendliches Univer-
26 According to the popularly received view, Aristotelian philosophy and science were the dominant
intellectual forces from the time of Aristotle himself down to Copernicus and Galileo* (Ch. B. Schmidt: Towards
a Reassessment of Renaissance Aristotelism. History of Science 11 (1973), p. 162).
27 P. Moraux: Der Aristotelismus bei den Griechen. Bd 1. Berlin/New York 1973, S. 3ff,
3 Fr. Krafft: Dynamische und statische Betrachtungsweise in der antiken Mechanik. Wiesbaden 1970.
22 W. Jaeger: Uber Ursprung und Kreislauf des philosophischen Lebensideals. Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (1928), S. 390-421.
ie G. Wöhrle: Zu den Experimenten in den biologischen Schriften des Aristoteles. Eos 74 (1986), S. 61-75.
H. Diels: Über das physikalische System des Straton. In: Kleine Schriften. Hildesheim 1969, S. 233-265;
H. B. Gottschalk: Strato of Lampsacus: Some Texts. Leeds 1966, p. 95-132; G. E. R. Lloyd: Greek Science after
——
1973, p. 15ff.; D. Furley: Strato’s Theory of the Void. In: Cosmic Problems. Cambridge 1989,
32 M. Boas: Hero’s Pneumatica: A Study of its Transmission and Influence. Isis 40 (1949), p. 38-48.
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Sehr schwer zu verifizieren ist auch die oft geäußerte These vom positiven Einfluß des
Platonismus auf die Entwicklung der exakten Wissenschaften und vom negativen Einfluß auf
die angewandten Wissenschaften. Ungeachtet seiner antiempiristischen Haltung gegenüber den
Wissenschaften,38 lassen sich bei Platon schwerlich Spuren eines abschätzigen Umgangs z.B.
mit der Mechanik finden, und nicht von ungefähr war ihr Gründer Archytas ein enger Freund
Platons. Platon selbst schätzte theoretische Forschungen höher ein als empirische, jedoch ist
eine solche Einstellung nicht nur für die meisten Philosophen bis in unsere Zeit typisch, sondern
auch für die meisten bekannten Wissenschaftler. Bemerkenswert ist dabei, daß gerade die
nachplatonische Zeit durch eine rapide Entwicklung der angewandten und technischen Forschungen gekennzeichnet ist. Ob die hellenistischen Gelehrten Platon gelesen hatten? Meist
wissen wir das nicht, und in den Fällen, wo es überliefert ist, kann man kaum feststellen, daß sie
sich nicht auf wissenschaftliche Argumente, sondern auf Platons Ideen stützten.
Es heißt z.B., daß Euklid seine Elemente mit der Betrachtung der sogenannten platonischen
oder regelmäßigen Körper abschließe, weil er Platoniker war und in diesen Körpern die höchste
Vollendung der Mathematik sah.??” Einwände ergeben sich von selbst: Erstens mußte Euklid
wissen, daß Platon nichts mit der mathematischen Konstruktion dieser Körper zu tun hatte;
202 b 38f.; DK 58 A 30), Atomisten
33 Anaximander (12 A 9) Anaxagoras (59 B 4), Pythagoreer (Arist. Phys.
Herakleides Pontikos (fr. 113
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(67 A 1, 68 A 40),
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Innumerab
Cornford:
M.
Wehrli). Die Diskussion darüber s.:
Infinity in the Presocratic Schools and Plato. Assen 1968;
Quarterly 28 (1931), p. 1 ff.; 7. G. Sinnige: Matter and1972.
L. Sweeney: Infinity in the Presocratics. The Hague
Mugier: Deux themes de la cosmologie
34 Epic. Ep. ad Her. 41; Lucr. I, 958-67, 968-83; XI, 1023-89. Ch. D.
Furley: Greek Theories of the Infinite
greque: Devenire cyclique et pluralité des mondes. Paris 1963, p. 145ff.;
Universe. In: Cosmis Problems (Anm. 33), p. 571-585.
Kosmos s.: S. Sambursky: Physics of Stoics. London
35 Uber das unbegrenzte Leere außerhalb des stoischen y.
Columbus 1977, p. 103ff.
Cosmolog
Stoic
of
Origin
1959, p. 110ff.; D. E. Hahm: The
36 Aristarch behauptete, daß Erdbahn in Vergleich zur Fixsternwelt unendlich klein sei; s.: 7. L Heath:
Aristarchus of Samos. Oxford 1913, p. 302, 308f.
37 Im 2. Ih. n.Chr. war es noch nicht ganz geschlossene Frage: R. B. Tod: Alexander of Afrodisias and the
Case for Infinite Universe. Eranos 82 (1984), p. 185-193.
A. P. D.
38 G. E.R. Lloyd: Plato as a Natural Scientist. Journal of Hellenic Studies 88 (1968), p. 78-92;
Mourelatos: Astronomy and Cinematics in Plato's Projection of Rationalist Explanation. Studies in History and
Philosophy of Science 12 (1981), p. 1-32.
39 Procl. In Euci. comm., p. 68 Friedlein.
Pagina 5
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)9
zweitens waren Euklid auf dem Gebiet der Mathematik wesentlich wichtigere Entdeckungen
achten wir in der Medizin,* der Biologie* und auf einigen Gebieten der Physik den Einfluß von
bekannt, und drittens scheint es der Darstellung angemessen, daB die Stereometrie auf die
#0
Planimetrie folgt und das Lehrbuch des Euklid abschlieBt.
spekulativen und aprioristischen Konstruktionen. Deshalb konnten sich Gebiete, in denen der
Man könnte annehmen, daß das platonische Programm die Entwicklung der exakten, deduktiven Wissenschaften hätte anregen müssen, was es auch getan hat, wie einige Beispiele
zeigen.*! Diese Beispiele stammen jedoch fast ohne Ausnahme nicht aus der Antike, sondern
aus der Renaissance und dem 17. Jh. Platon sah klar die potentielle Stärke der deduktiven
Methode; allerdings hat er sie aus der Mathematik entlehnt,42 und mit ihrer Anwendung in der
Philosophie war er nicht erfolgreich* (das konnte er nach der Natur der Dinge auch gar nicht
sein). Offensichtlich hat ein griechischer Mathematiker, selbst wenn er Platoniker war, die
Methodik der mathematischen Beweisführung nicht aus den platonischen Dialogen gelernt,
obwohl sie eine zusätzliche Motivierung für seine professionelle Tätigkeit darstellen konnten.
Mangel an Kenntnissen bzw. die Unkenntnis adäquater Verfahren zu ihrer Gewinnung durch aus
e
=
p>àDaemtp.r
der Philosophie entlehnte Schemata kompensiert wurden, bis zum SchluB nicht wissenschaftlich
entwickeln.
|
Hier sollte man eine Eigenschaft der griechischen Naturwissenschaft erwähnen, die von
etlichen Spezialisten als Ursache für viele ihrer MiBerfolge angesehen wird, und zwar den
Mangel an Selbstbeschrankung.*? Sie hat in der Tat häufig Fragen aufgeworfen, die sie grundsätzlich nicht lôsen konnte. Wenn jedoch gegen die griechische Mathematik Vorwiirfe erhoben
werden, so eher derart, daß es ihr an Kühnheit mangelte, z.B. weil sie es ablehnte, mit
unendlichen Größen zu operieren. Dabei erzielen die Griechen gerade in den exakten Wissenschaften viel größere Erfolge als in den Naturwissenschaften.
Ganz generell kann man feststellen, daß die Psychologie der Wissenschaft kein uniformes
Worin liegt nun aber der Grund für eine so unterschiedliche Entwicklung der exakten und der
Verhalten der Gelehrten gegenüber philosophischen Theorien zeigt. Erstens kann sich der
Wissenschaftler den Luxus leisten, aus einer Vielzahl von Philosophien diejenige Position
auszuwählen, die am ehesten seinen Anschauungen entspricht, und zweitens kann seine wissenschaftliche Praxis der von ihm gewählten Philosophie zuwiderlaufen. So z.B. schildert Eratosphenes, den Solmsen seltsamerweise als „echten Platoniker” bezeichnet,** in seinem Dialog
Platonikos, wie heftig Platon die Mathematiker kritisierte, die das Problem der Würfelverdop-
Naturwissenschaften in der Antike? Meiner Meinung nach liegt er in erster Linie im Wesen ihres
pelung „zu mechanisch“ gelöst hatten. In Wirklichkeit waren jedoch die Lösungen des Archytas,
Faches. Für eine Entwicklung der Mathematik bedarf es außer mathematischen Kenntnissen
keiner weiteren Kenntnisse, sie kann sich weiterentwickeln, selbst wenn es keinerlei weitere
Wissenschaften gibt. Gesetzmäßigkeiten sind in der Welt abstrakter Objekte, deren Eigenschaften vorgegeben sind, wesentlich leichter festzustellen als z.B. Bewegungsgesetze. Die Astronomie der Antike, die sich zur kinematischen Theorie der Himmelskörperbewegungen entwickelt
hatte, bedurfte außer den astronomischen Beobachtungen selbst nur einer Wissenschaft — der
Eudoxos und Menaechmus rein theoretisch, während die Lösung des Eratosphenes selbst
tatsächlich mechanisch war, wobei er besonders stolz darauf war, daß sie praktisch angewandt
schafften es die Griechen, diese Möglichkeit zu nutzen und die wissenschaftliche Astronomie zu
werden könnte!*
realisieren.
Nicht umsonst hat Einstein hervorgehoben, man solle Wissenschaftler nicht danach beurteilen, was sie sagen, sondern danach, was sie leisten. Das gilt für Einstein selbst wie auch für viele
andere Wissenschaftler, die sich für Philosophie interessierten, wobei sie in der Gemeinde der
Funktion des Sonnensystems. Gerade deshalb ist es den Griechen, obwohl sie eine Menge
„Wissenschaftler“ immer eine Minderheit darstellen.
auf dieser Grundlage eine wissenschaftliche Theorie zu entwickeln. Deshalb hat sich in der
Im vierten Jahrhundert v.Chr. wurde bereits offensichtlich, in wie unterschiedlichem Grade
die Philosophie die verschiedenen Wissenschaften beeinflußte. Den geringsten Einfluß kann
man gerade in den Richtungen feststellen, die sich zu wissenschaftlichen entwickelt haben: in
der Mathematik und Astronomie. Das halte ich nicht für zufällig: Dort, wo sich die Wissenschaft selbständig entwickeln und neue Erkenntnisse mit eigenen Methoden gewinnen konnte,
bestand keine Notwendigkeit, philosophische Konstruktionen zu Rate zuziehen. Dagegen beob-
Mathematik. Und da ihr Niveau für die Konstruktion kinematischer Modelle hinreichend war,
Bau und Funktion des menschlichen Organismus sind wesentlich komplizierter als Bau und
Entdeckungen auf den Gebieten der Physiologie und Anatomie gemacht hatten, nicht gelungen,
Antike der Bestand an Wissenschaften gerade so ergeben, wie wir ihn kennen und nicht aus
Mangel an intellektuellen Anstrengungen auf einigen Gebieten und erhöhtem Interesse für
andere: Entscheidend war der unterschiedliche Widerstand des Materials, mit dem die griechischen Gelehrten zu tun hatten.
In einigen Gebieten der Physik gelang es den Griechen, einzelne Probleme zu isolieren und
ihre Erforschung auf ein wissenschaftliches Niveau zu heben. In der Regel waren das die
Gebiete, in denen das Experiment vergleichsweise einfach aufgebaut war, und wo die Ergebnisse sich mathematisch ausdrücken ließen: Akustik, Mechanik, Optik und Statik,5°
4 S, auch: W. R. Knorr: On the Early History of Axiomatics: A Reply on Some Criticism. In: Theory
Change, Ancient Axiomatics, and Galileo Methodology, ed. J. Hintikka et al. V. 1. Dordrecht 1981, p. 194f.
4 S. jedoch: G. Böhme: Platons Theorie der exakten Wissenschaften. Antike und Abendland 22 (1976), S.
40-53.
42 S.z.B.:J. Mittelstraß: Die geometrischen Wurzeln der platonischen Ideenlehre. Gymnasium 92 (1985), S.
a
399-418.
43 R Robinson: Plato's Earlier Dialectic. 2nd ed. Oxford 1966.
“4 F. Solmsen: Eratosphenes as Platonist and Poet. In: Kleine Schriften (Anm. 21), S. 203-224.
45 W. R. Knorr: The Ancient Tradition of Geometric Problems. Boston, 1986, p. 17ff.
4 Uber die Unabhängigkeit der Entwicklung der Mathematik von philosophischen Diskussionen: W. R.
Knorr: On the Early History of Axiomatics: The Interrelations of Mathematics and Philosophy in Greek
Antiquity. In: Ancient Axiomatics (Anm. 40), p. 145-186; idem: Infinity and Continuity (Anm. 13); Mueller. Op.
cit, (Anm. 22).
47 W. H.S. Jones: Philosophy and Medicine in Ancient Greece. Baltimore 1961; L. Edelstein: The Relations
of Ancient Philosophy to Medicine. In: Ancient Medicine (Anm. 6), p. 349-366; J. Longrigg: Philosophy and
Medicine: Some Early Interactions. Harvard Studies in Classical Philology 67 (1969), p. 147-175.
48 O.Gigon: Die naturphilosophischen Voraussetzungen der antiken Biologie. Gesnerus 3 (1948), S, 35-58;
A. Preus: Science and Philosophy in Aristotle’s Biological Works. Hildesheim 1975; Philosophical Issues in
Aristotie’s Biology, ed. A. Gorthelf, J. G. Lennox. Cambridge 1987. Die botanischen Schriften des Theophrast
sind von dem teleologischen Ansatz des Aristoteles viel weniger beeinfluBt: G. Senn: Die Entwicklung der
biologischen Forschungsmethode in der Antike und ihre grundsätzliche Férderung durch Theophrast von Eresos.
Aarau 1933, S. 96 f.; J. G. Lennox: Theophrastus and the Limits of Teleology. In: Theophrastus of Eresos: On His
Life and Work, ed. W. W. Fortenbaugh et al. New Brunswick 1985, p. 143-183.
# W.A. Heidel: Hippocratic Medicine: Its Spirit and Method. New York 1941, p. 115; G. E. R. Lloyd: The
Revolution of Wisdom. Berkeley 1987, p. 20ff.
50 G. E. R. Lloyd: Early Greek Science. Thales to Aristotle. London. 1970, p. 30f., 139f.
Pagina 6
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Leontp ZHmuo
Die beiden letzteren Wissenschaftszweige treten im Kontext der
Diskussionen Uber den
Zusammenhang von Wissenschaft und Philosophie kaum auf. Was
die Akustik und die Mechanik anbetrifft, die in der Pythagoreischen Schule entstande
n sind, wird häufig der Versuch
unternommen, für sie irgendwelche philosophische Begründungen
zu finden. Diese Schule dient
allgemein als Musterbeispiel dafür, wie sehr die Philosophie,
philosophie, die ihren Ausdruck in der bekannten Formel
im vorliegenden Fall die Zahlen-
„alles ist Zahl“ gefunden hat, die
Entwicklung der exakten Wissenschaften gefördert habe. Jedoch wird
goreische Zahlenphilosophie erörtert, Schwierigkeiten haben,
derjenige, der die pythain den Fragmenten der frühen
Pythagoreer, d.h. der Pythagoreer in den ersten einhundert Jahren
der Existenz dieser Schule,
auch nur eine Erwähnung von Zahl im philosophischen Kontext
zu finden. Solche Zeugnisse
gibt es einfach nicht, und nicht ein einziger Pythagoreer hat behauptet,
alles sei Zahl — diese
Formel taucht erst in der aristotelischen Interpretation der pythagorei
schen Philosophie auf.5!
Die Zahlenphilosophie entsteht erst bei Philolaos, das heißt am
Ende des fünften Jh. v.Chr.,
wobei es typisch ist, daß Philolaos in der Mathematik nichts geleistet
hat. In seinem astronomischen System wird auf den Einfluß der Zahlendoktrin zum Teil
daraus geschlossen, daß er
einen nichtexistenten Himmelskórper — die Gegenerde — postuliert
hat, nur um die Gesamtzahl der Himmelskörper auf zehn zu bringen, da doch die Pythagoree
r diese Zahl für vollkommen hielten. Dabei bietet Aristoteles, der darüber schreibt (fr. 13
Ross), eine andere, wahrscheinlichere Interpretation an: Die Gegenerde war angenommen worden,
um die im Vergleich
zu Sonnenfinsternissen häufigeren Mondfinsternisse zu erklären (fr. 16 Ross).52
Schüler Speusippos und Xenokrates, die sich auBerordentlich für
halten.
i
Erstens muß man anerkennen, daß auf der Ebene der unmittelbar kausalen Beziehungen der
Einfluß der Philosophie auf die Wissenschaft, insbesondere auf die antike Wissenschaft, bei
weitem nicht so offensichtlich ist wie die umgekehrte Beeinflussung. Wenn wir über die
Philosophie des Aristoteles oder Platons oder über die Systeme der französischen Rationalisten,
oder über Comte bzw. Spencer sprechen — ganz zu schweigen von der Wissenschaftsphilosophie, die im 20. Jh. eine der führenden Richtungen im philosophischen Denken geworden
ist —, so brauchen wir nicht an irgendwelche unergründete Tiefen zu appellieren, da deren
nik zurückkehren, können wir feststellen, daß ihnen die Überzeugung zugrunde liegt, die
jedoch hat das, was wir über seine Philosophie wissen, fast keine Beziehung
zur Mathematik.
Ein ähnliches Bild bieten die frühen Pythagoreer. Hippasos ist als der Mathematik
er bekannt
dieser Entdeckung seine
philosophische Doktrin, alles entstehe aus Feuer, in Verbindung bringen? Solche
es meines Wissens nicht — aus dem einfachen Grunde, daß sie zum Scheitern
Versuche gab
verurteilt waren.
Eine der wenigen philosophischen Ideen, die mit Sicherheit mit Pythagora
s in Verbindung
gebracht werden kann, ist seine Kosmogonie, nach der die Welt
aus dem Zusammenwirken
zweier Prinzipien entsteht, peras und apeiron. In dieser Kosmogoni
e jedoch fehlen die Zahlen,
re nel tenia die Kosmogonie mathematisch zu interpretieren, sind offensichtli
ch unbefrieigend.
Die Vorstellung einer kausalen Verbindung von Philosophie und wissenschaftlichen
Theori-
Theorien von ein und
demselben Denker bzw. ein und derselben Schule geht. Wenn diese Vorstellung
nicht von
na Zhmud”: „All is Number“? „Basic Doctrine" of Pythagoreanism Reconsidered. Phronesis 34 (1989), p.
32 Das erwähnt auch der Platons Schüler Philippos von Opunt (DK 58 A 36).
5 Eurytas (DK 45), Ekphantos (DK 46).
%# K. von Fritz: The Discovery of Incommensurability ty by by Hippasos
Pr
Hipp
of Metapontum . Annals
Annals
musikalische Harmonie lasse sich in einfachen Zahlenverhältnissen ausdrücken. Diese Überzeugung ihrerseits hängt wieder mit der Vorstellung zusammen, daß die den Menschen umgebende
Natur prinzipiell bestimmten numerischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist. Die so formulierte Idee klingt durchaus philosophisch: das Problem jedoch liegt darin, daß sie in der
Philosophie, die den Pythagoreern vorausging, nicht fixiert ist. Im astronomischen System des
Anaximander ist sie dagegen sehr deutlich zu sehen.36 Die Erde des Anaximander stellt eine
flache Scheibe dar, deren Durchmesser dreimal so lang sei wie ihre Dicke, wobei die Entfernung
zwischen den Himmelskörpern ebenfalls ein Vielfaches von neun sei. Ähnliche Ideen finden
sich auch lange vor dem Auftreten von Philosophie und Wissenschaft, z.B. in der Theogonie des
Hesiod, wo die Distanzen zwischen Himmel, Erde und Unterwelt ebenfalls Vielfache von neun
sind (Theog. 720 ff.).57
In derartigen Vorstellungen spiegelt sich die der Weltauffassung der Griechen eigene Liebe
zur Symmetrie, die sich besonders deutlich in ihrer Architektur und Plastik niedergeschlagen
hat. Natürlich war die griechische Kultur in dieser Hinsicht alles andere als einzigartig; ihre
Besonderheit besteht nur darin, daß die Vorstellungen von der numerischen Ordnung und
56 Krafft: Geschichte (Anm. 4), S, 208ff.
of
i
of Mathematics
55 Zhmud': Op. cit. ( Anm. 51), p. 288.
zugrunde liegen. Bevor man jedoch in diese Tiefen hinabsteigt, muß man zwei Punkte fest-
Mathematiker,
Mathematik bar jeglicher kreativer Potenz. Archytas dagegen war ein glänzender
en scheint so manchem fast selbstverständlich, besonders wenn es um
elle Prämissen suchen müsse, die diesen wissenschaftlichen und philosophischen Theorien
in der eigentlichen
die Philosophie der Mathemageworden, der die irrationalen Zahlen entdeckt hat.54 Kann man mit
Fakten untermauert werden kann, folgt gewöhnlich der Einwand, daß man auf sehr oberflächli-
“ chem Niveau suche, daß dieses Problem viel tiefer liege, daß man gewisse allgemeine intellektu-
Abhängigkeit vom Wachstum der wissenschaftlichen Kenntnisse durchaus augenfällig ist.
Zweitens muß auch geklärt werden, worauf sich die obengenannte Vorstellung gründet. Steht
vielleicht dahinter das Ideal einer harmonischen und ganzheitlichen Persönlichkeit, die die
Ergebnisse ihrer schöpferischen Tätigkeit in ein ganzheitliches System integriert, einer Totalität,
die frei von den Widersprüchen und Brüchen im Bewußtsein ist, die uns normalen Sterblichen
eigen sind, wo oft die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut? Man kann einräumen, daß der
Philosoph bzw. Gelehrte mehr als andere empfindlich auf Widersprüche reagiert, aber dennoch
ist es keinem von ihnen gelungen, sie auszuschließen, selbst wenn sie diese Widersprüche klar
sahen. Dürfen wir annehmen, daß die Ganzheit und Integrität der Persönlichkeit in der Antike
größer war und daß sich die antiken Gelehrten mehr um die Widersprüche zwischen ihren
philosophischen Ansichten und ihrer wissenschaftlichen Praxis kümmerten?
Wenn wir zu den intellektuellen Voraussetzungen der pythagoreischen Akustik und Harmo-
Bei den Schülern des Philolaos finden wir auch so etwas ähnliches wie Zahlenphilo
sophie,
jedoch sind sie als Mathematiker véllig unbekannt. In ähnlicher Weise
waren auch Platons
tik interessierten und zahlreiche Arbeiten zu diesem Thema verfaßten,
11
57 Fr. Krafft: Die Mathematisierung des Kosmos. In: Vorträge des ersten Symposions des Bamberger
Arbeitskreis „Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption“, Hrsg. K. Döring, G. Wöhrle. Wiesbaden 1990, S.
Pagina 7
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)geometrischen Symmetrie nicht nur in Mythen, Folklore und Arithmologie auftauchen, sondem
auch in den im Entstehen begriffenen Wissenschaften.38
Dabei muß unterstrichen werden, daß der Ursprung dieser Ideen nicht in der Philosophie lag.
Die Beziehungen zwischen Philosophie und Wissenschaft in der Antike
13
| Erklárung war ganz im Geiste des Pythagoras, wonach die Welt aus dem Zusammenwirken von
‘zwei entgegengesetzten Prinzipien entsteht. Die Ideen des Alkmaion bilden die Grundlage der
pythagoreischen Diätetik, die das richtige Verhältnis von Essen, Trinken, Erholung und Körper-
In ihr kristallisierten sich lediglich die Ideale, Präferenzen und Werte, die bereits dort vorhanden
übungen anstrebt.
waren, wo man bedingt von kulturellem Klima sprechen kónnte.59 Der Einfluß dieses kulturellen
Klimas auf Entstehung, Entwicklung und Niedergang der griechischen Wissenschaft war weitaus größer als das unmittelbare Einwirken der Philosophie. Deshalb kann die Existenz
Medizin — die humorale Pathologie, die alle Krankheiten mit dem Übermaß einer der Körpervergleichbarer Konzepte in der griechischen Wissenschaft und Philosophie nicht automatisch zu
dem Schluß führen, die Philosophie habe Priorität bei der Entwicklung bestimmender Vorstel-
Das gleiche Schema des Alkmaion schuf auch die berühmteste Theorie der griechischen
flüssigkeiten, z.B. von Blut oder Galle, erklärte.6? Der schematische und spekulative Charakter
dieser Theorie ist offensichtlich. Trotzdem waren einige Behandlungsmethoden, die aus ihr
abgeleitet worden sind und manchmal sogar mechanisch mit ihr in Verbindung gebracht
Ein Ausspruch der Pythagoreer besagt, daß von allen Figuren der Kreis die vollkommenste sei,
wurden, unter Umständen wirksam, z.B. der Aderlaß. Jedenfalls war diese Theorie bis in die
Neuzeit konkurrenzlos. Wie in vielen anderen Fällen galt hier die Existenz einer Theorie, auch
wenn sie alles andere als ideal war, als vorteilhafter als das gänzliche Fehlen einer Theorie.
Endgültig widerlegt hat diese Theorie erst Rudolf Virchow Mitte des 19. Jahrhunderts. Was
hingegen die Vorstellung von der Gesundheit als einem dynamischen Gleichgewicht von
Mensch und Umwelt sowie von allen Komponenten des menschlichen Organismus betrifft, so
und unter den Körpern die Kugel. In diesem Komplex der Präferenzen für Kreisformen und -
ist sie auch für die heutige Medizin kennzeichnend.
lungen besessen, obwohl dies oft getan wird.
Das betrifft insbesondere das Grundprinzip der Mechanik des Archytas, der die Bewegungen
einfachster Maschinen, z.B. des Hebels, auf Kreisbewegungen zurückführte. Die griechische
Astronomie hat die Bewegung von Himmelskörpern ebenfalls mit analogen kinematischen
Modellen erklärt, während die Philosophie die Kreisbewegung als vollkommen definiert hat.
schemata, die der babylonischen Astronomie übrigens völlig fremd waren, ist es sehr schwer,
Urmotive festzustellen.6! Eine gewisse Rolle hat sicher ein unmittelbares ästhetisches Gefühl
gespielt, eine andere die Beobachtung der Sterne und der Sonne, die tatsächlich eine Kreisbewegung vollführen. Der Versuch, das Weltall als ein kinematisches Modell vorzustellen, führt
zwangsläufig entweder zu einer Kugel oder zu einem Kreis, umsomehr wenn es sich um eine
immer wiederholende Bewegung handelt. Die Vollkommenheit von Kreis und Kugel lassen sich
auch aus der mathematischen Vorstellung ableiten, alle übrigen „vollkommenen“ Figuren und
Körper ließen sich in sie einzeichnen. Dagegen läßt sich die Kugelform des Seins bei Parmenides nur partiell mit der Kugelform der Erde im System des Pythagoras erklären, denn Parmenides ließ sich auch durch seine eigenen metaphysischen Vorstellungen von der Vollkommenheit leiten. (Dasselbe gilt auch für die Kugelform der Gottheit bei Xenophanes (21 A 33.2).
Summary
This paper examines the interconnection between science (mostly exact science) and philosophy in Ancient Greece, especially in the archaic and classical periods. Contrary to current belief,
it demonstrates that differentiation between these domains begins very early, in the 6th-5th
centuries B.C. Evidence is presented that ancient mathematics and astronomy were almost
completely autonomous from philosophical debates, while the natural sciences frequently drew
on metaphysical ideas. Furthermore, an attempt is made to demonstrate that ancient philosophy
was more dependent on the development of exact sciences than vice versa. And, on the contrary,
Jedenfalls zeigt dieses Beispiel, wie eine und dieselbe Präferenz unterschiedlich artikuliert und
the influence of even such great philosophers as Plato and Aristotle on the scientific investibegründet werden kann, und wie damit in den verschiedenen Sphären anders gearbeitet wird,
gation should not be overestimated.
was selbstverständlich eine sekundäre wechselseitige Beeinflussung nicht ausschließt.
Es ist jedoch keineswegs so, daß man jeglichen fruchtbaren Einfluß philosophischer Gedanken auf wissenschaftliche Überlegungen ausschließen sollte. Dazu ein Beispiel aus der Medizin:
Der pythagoreische Arzt und Philosoph Alkmaion hat als erster die Idee geäußert, daß die
Gesundheit des Menschen mit dem Gleichgewicht von entgegengesetzten Kräften und Elementen zusammenhängt, Krankheit dagegen mit dem Überwiegen eines von ihnen (24 B 4). Diese
Anschrift des Verfassers:
Dr. Leonid Zhmud
Russia 197198 St Petersburg
Institut for History of Science and Technology
Universitetskaja nab. 5
Fax (812) 235-13-02
58 Krafft: Geschichte (Anm. 4), S. 168ff., 200ff.
9 Zajcev: Op.cit. (Anm. 2), S. 165-166.
60 G. Viastos: Equality and Justice in Early Greek Cosmologies. Classical Quarterly 42 (1947), p. 156-178;
S. Sambursky: Harmony and Wholeness in Greek Scientific Thought. In: Mélanges A. Koyré. V. 2. Paris 1964, p.
442-457; D. Kurz: AKRIBEIA. Das Ideal der Exaktheit bei den Griechen bis Aristoteles. Göttingen 1970; F.
Heinimann: Mass-Gewicht-Zahl. Museum Helveticum 32 (1975), S. 183-196. Das bekannte Bibelwort aus dem
Buch der Weisheit, Gott habe die Welt nach Zahl, Maß und Gewicht geschaffen, ist aus der griechischen Tradition
übernommen worden.
61 S. z.B.: A. Lampugnani: Il circo nel pensiero greco fino ad Aristotele. Firenze 1968; O. J. Brendel:
Symbolism of the Sphere. Leiden 1977; L Ballew: Straight and Circular: A Study of Imagery in Greek
Philosophy. Assen 1979.
62 E. Schöner: Das Viererschema in der antiken Humoralpathologie. Wieshaden 1964.