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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Der Gott und der König: Bemerkungen zu Pindar, Kallimachos, Cicero und den
Neupythagoreern Ekphantos und Diotogenes
Source: Hermes, 146. Jahrg., H. 4 (2018), pp. 392-414
Published by: Franz Steiner Verlag
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)AUFSATZE
HERMES 146, 2018/4, 392-414
DOI 10.25162/HERMES-2018-0035
ZSOLT ADORJANI
Der Gott und der Kônig
Bemerkungen zu Pindar, Kallimachos, Cicero und den Neupythagoreern Ekphantos
und Diotogenes'
Adolf Köhnken zum Gedenken
ABSTRACT: It is my endeavour in this paper to connect literary and philosophical texts with
each other which all articulate the relation of the good sovereign to the supreme god. I try
to show that despite the difference in age and genre these texts have some traits in common:
the motiv of the eye looking benignly upon and/or bringing fertility to land and people, and
the metempsychosis with the arrival of the king from the god and/or his return to the divine
sphere. I suggest that the recurrence of these motifs cannot be accidental and might reveal some
continuity of tradition. Although the nature of such conceptual development is bound to be
very complex and its starting point hard to trace, I nevertheless argue for a Pythagorean origin
for the metempsychosis and the eye of the king, attested by Empedocles and Pindar, which
mixed with the old belief of the king assuring fertility, as evidenced in Homer.
Keywords: Pindar - Callimachus - Cicero - New Pythagoreism (Ekphantos and Diotogenes) theory of kingship - eye of the king - metempsychosis
Der Gedanke, dass der König Statthalter und Stellvertreter Gottes auf Erden sei und somit
Gottes Walten sich in der Wirkung des Königs widerspiegele, scheint ein tiefverwurzelter
Bestandteil antiker griechischer Kultur gewesen zu sein und taucht bereits bei Homer
auf. Dieses komplexe Motiv, das ich der Einfachkeit halber als ‚die Parallele von Gott und
König‘ bezeichne, hat im Laufe der Zeit jeweils von Gattung, Autor und geschichtlichkulturellem Umfeld abhängig mehrere Abwandlungen erfahren. Das Anliegen dieses Beitrags besteht darin, Eigentümlichkeiten dieses Motivs aufzuzeigen, die auf eine trotz der
sich wandelnden Kontexte ziemlich beständig bleibende Tradition hinweisen, die sogar
einen Grenzübertritt vom Griechischen zum Lateinischen hin erlaubt. Dazu werden wir
mehrere Autoren und Texte, die bisher gar nicht (es sei denn als entfernteste Parallelen)
synoptisch aufgearbeitet worden sind, zusammenordnen, ein Verfahren, das einiges für
das Verständnis des jeweiligen Autors abwerfen wird, das aber hauptsächlich darauf ab*
Während der Arbeit am Aufsatz wurde ich durch das János-Bolyai-Forschungsstipendium der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und das Eötvös-Stipendium des Ungarischen Staates gefördert.
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)zielt, neue Erkenntnisse für die Geschichte dieses besonderen Motivs ans Licht zu heben.
Zwei Einwande sollen vorab entkraftet werden: (1) Man kénnte die Bezeichnung ,Motiv’ für zu konkret und theoretisch unreflektiert halten. Aber der hier zu untersuchende
Gedanken- und Bildkomplex scheint mir klar genug zu sein, um von einem ‚Motiv‘ sprechen zu können. (2) Man dürfte mit einigem Recht verlangen, die behandelten Werke in
den jeweils zeitgenössischen soziokulturellen Kontext eingebettet zu sehen. Mir war aber
vielmehr daran gelegen, die Kontinuität in der Rezeption eines Motivs herauszustellen —
und darin liegt wohl auch das Novum meiner Annäherungsweise.
1. Homerisch-hesiodeische Präliminarien
Zunächst einmal zu den einschlägigen Stellen Homers und Hesiods, da die Väter der
griechischen Literatur auch zu diesem Motiv Wichtiges zu sagen haben. Bei Homer wird
bereits im ersten Gesang der Ilias anlässlich der heftigen Auseinandersetzung zwischen
Achilleus und Agamemnon auf den Primat des Königs hingewiesen (in Nestors Rede;
V. 278 f.), dem Zeus diesen Ruhm (V. 278: kö80g) gegeben hat. Zuvor hat Agamemnon
selbst darauf gepocht, dass ihn vor allem Zeus ehren wird (V. 174 f.). An diesen Stellen
wird das Königtum als ein gottgegebenes Amt dargestellt, ohne dass der König mit Gott
in Parallele gestellt würde. Das epitheton ornans Stotpegíc, das in V. 176 zum ersten Mal
neben ßaoıAeüg vorkommt, bedeutet aufgrund seiner Bildung ‚von Zeus ernährt‘ was
auf ein besonders enges Verhältnis zwischen Gott und König, etwa dem zwischen Vater
und Sohn vergleichbar, hindeuten könnte. Aber Homer scheint sich nicht viel aus dieser
Ableitung gemacht zu haben, da Agamemnon die Wendung hier auf die anderen Führer
des Griechenheers als Stotpepéeg BacıAneg bezieht (die zahlreichen weiteren Vorkommen des Attributs bestätigen diese Verwendung), nachdem er einen Vers früher (V. 175)
sich als von Zeus legitimierten Herrscher dargestellt hat. Offensichtlich will er dadurch
nicht seinen eigenen Vorrang relativieren, daher muss das Attribut nur mehr einen abgeschwächten Sinn aufweisen.’ ‚Abgeschwächt‘ bedeutet aber, dass es ursprünglich doch
sinnträchtig gewesen sein muss.
Die Odyssee hat in einem Gleichnis (t 109-114), das Penelopes berühmte Tüchtigkeit veranschaulichen soll, das uralte Bild des gottesfürchtigen (V. 109: Jeovöng) Königs
bewahrt,’ der durch seine gottgefállige und gerechte Führung (V. 11: edStxiac; V. 114:
és ebnyeoing) die Fruchtbarkeit von Erde, Baum und Vieh bewirkt, reichen Fischfang
herbeiführt und das Wohlergehen des Volks (V. 114: dpet@ot: hier der Begriff noch
ohne jedweden ethischen Wert) gewährleistet. Hier ist der Zusammenhang der Rechtı
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3
Vgl auch B 196 f. und 204-206. Ein konziser Überblick über die Evidenz der
„Brüchigkeit der Grenze zwischen Gott und Mensch der klassischen Zeit“ ist WALBANK 1987, 371 f., der ebenfalls
mit Homer anfängt
und bis in die hellenistische Zeit hinaufkommt.
WEINREICH 1973, 175 („epischer Zierat“).
Zur Fähigkeit des epischen Gleichnisses, etwas Althergebrachtes, inzwischen Verblasstes
und zum Gleichnis Umstilisiertes auszudrücken, vgl. NORDEN 19273, 162-165 (in Bezug auf
Aen. 6. 205-209: goldener
Zweig und Mistel-Gleichnis).
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)schaffenheit des Kônigs mit dem vornehmlich vegetativen Gedeihen des Landes klar
gezeichnet.* Wir werden es mit diesem Motiv noch zu tun haben, hier gilt es nur zu
vermerken, dass das Verhältnis von Gott und König an dieser Stelle nur in der Form des
‚gottesfürchtigen Herrschers' durchscheint. Die erste Instanz der eindeutigen Parallelisierung des Königs mit dem Gott begegnet in der Ilias in der Wendung Seòv wg (zuerst I
155 in Agamemnons Bittrede auf Achill bezogen, und dann mehrmals in beiden Epen).‘
Doch auch hier wird die Gleichsetzung durch die Vergleichsform gemildert und in den
Bereich des Uneigentlich-Figurativen gerückt.‘
Wenden wir uns jetzt Hesiod zu, so gilt unser Augenmerk jener Passage der Theogonie, in der die Könige als musenbegnadet geschildert werden (V. 81-93). Obwohl
die Musen hier Atòg Koüpaı ueyähoto (V. 81) heißen, wird keine explizite Verbindung
zwischen der Musengabe und dem Zeussegen (V. 82: Stotpepéwy BaoıArwv) geschaffen.
Dies wäre auch nicht erwünscht, da im Vers 96 Zeus und die Musen eindeutig abgehoben werden: den Königen wird der Segen sowohl des Zeus als auch der Musen zuteil.
Auf jeden Fall werden die Könige in V. 81-93 als Favoriten der göttlichen Sphäre charakterisiert. Das neue Motiv, das Hesiod einführt und das sich als einflussreich in der
Geschichte der Parallele von Gott und König erweisen wird, ist das des Blickes. Die
segensreiche und Beredsamkeit herbeiführende Wirkung der Musen äußert sich über
ihren Blick, den sie bei der Geburt auf den zukünftigen König richten (V. 82: yeıvönevöv
v’ éoi8wot). Dem Blick der Musen steht derjenige des Volks gegenüber (V. 84 f.: oi Sé te
haol / nävreg ès adröv Sp@ot), das dem König, wenn er Recht spricht, andachtsvoll zuschaut. Göttliche und menschliche Agenz treten gleichermaßen im Moment des Blickes
zu Tage und werden damit aufeinander bezogen. Eine weitere Bekundung und Steigerung der Reverenz vonseiten des Volkes gegenüber dem König besteht darin, dass man
ihm wie einem Gott (V. 91: $eöv 65) huldigt, während seine Gestalt schöner und größer,
gleichsam von einer göttlichen Aureole umgeben, erscheint (V. 92: petà Se mpémet). Dieses letztere, visuelle Moment ist ein Nachhall des Motivs des Musenblickes, demjenigen
der Gottahnlichkeit sind wir bei Homer schon begegnet.’
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Vel auch Hes. erg. 225-237 (hier pluralische Form der Baoññes). Sowohl die homerische als auch die hesiodeische Stelle wird bei Platon rep. 363B-C anzitiert. Zum Gegenbild des frevelhaften Kônigs und des vom Übel
heimgesuchten Volks vgl. Hes. erg. 238-247 (hier wird in die pluralische Formulierung eine singularische [V.240
f.] eingefügt), die Eingangssituation von König Oidipus des Sophokles sowie die Legende des Fischerkönigs als
Rezeptionsbeispiel. Zur Synkrisis dieser Parallelen (Homer, Hesiod, Sophokles mit Ausblick auf Ägypten) vgl.
ERLER 1987, 16-21 und auch FANTUZZI-HUNTER 2004, 351. Beiden Augusteischen Dichtern wird aus dem fruchtbarkeitsspendenden König ein Topos: vgl. z. B. Verg. georg. 1. 25-28 (vor allem V. 27: auctorem frugum tempestatumque potentem), mit dem Motiv des segensreichen Blicks (V. 25: invisere) verknüpft. Zum Bild des Herrschers
als eines noAtobyoc sowie zu einer Stelle bei Menander Rhetor (377 SPENGEL), der für einen ßaoıAıkög Aöyog den
Topos des Fruchtbarkeit garantierenden gerechten Herrschers empfiehlt, vgl. MYNORS 1990, 8 ad loc. Zur Menander-Parallele vgl. auch KIESSLING-HEINZE 1917°, 425 ad Hor. carm. 4.5. Vgl.auch Hor. carm.1.2. 46: laetusintersis
populo Quirini, wo der Begriff laetus seine vegetative Grundbedeutung (auf fruchtbares Land bezogen) zu wahren scheint. Das Richtige hat hier BORZSAK (1975, 37 £. ad loc.) in seinem ungarischen Kommentar zu den Oden
gesehen. Vgl. auch MCKAY 1967, 185 (in Bezug auf Verg. ecl. 7. 60). Ebenso Hor. carm. 4.15. 4 f. (tua, Caesar, aetas /
5
fruges et agris rettulit uberes).
Vel. 1302, N 218, X 434; n 11, 71, § 205.
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Vgl. TAEGER 1957 159 f. und LUND 1992, 170.
Die Dublette bei Homer (9 170-173) und ihr Verhältnis zu Hesiods Version interessiert uns in diesem
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Sprichwörtlichen Status hat sich dann später die Formulierung éx Sè Atos BaoiAñec
(V. 96) erworben, die im Kontext bedeutet, dass die dem König zuteilgewordene Obhut der Musen befremden könnte, weil es vor allem die Dichter sind, die den Musen
und Apollon am Herzen liegen, während die Könige Zeus unterstehen, doch beide
„Zünfte“ der Gewogenheit der Musen nicht entbehren sollen, wollen sie tatsächlich
öAßıoı heißen. Die Präposition ¿x ist geschickt gewählt, um in der Schwebe zu lassen,
ob die Könige konkret entweder von Zeus kommen oder von ihm abstammen oder
bildhaft seiner Machtsphäre teilhaftig werden. Angesichts dieser Formulierung können
wir meinen, dass Hesiod das konventionelle Attribut Siotpeorig neben Baorretic (V. 82)
wieder mit Sinn aufladen will. Beachtung verdient weiterhin eine Stelle der Erga, die die
Bestimmung des goldenen Geschlechts schildert: toi pév Saiuovés gior Atos neydAov Sia
BovAàg / ¿o9oí, EmıyYövioı, pútaxes Fvnrov avIpwrwv, / [...] / nAovroddraı- Kal todto
yépas BaotAñiov ¿oxov (V. 122-126). Die Menschen des goldenen Zeitalters führen nach
ihrem Ableben eine selige Dämonen-Existenz, die es ihnen ermöglicht, den Sterblichen
zu helfen (pvAaxec). Die etwas umstrittene Parallele mit den Königen könnte also in
diesem Kontext entweder bedeuten, dass die gnadenvolle Bewahrung eine Aufgabe ist,
die diese Geister mit den Königen gemeinsam haben, oder dass die überirdische Lebensform eine Umwandlung darstellt, die auch die Könige infolge ihrer Heroisierung
durchmachen.? Auf jeden Fall wird an dieser Stellen das Königtum mit der göttlichen
Sphäre in Zusammenhang gebracht.”
2. Empedokles und die Metempsychose
Die Stunde für eine konkrete Ausformung des in Rede stehenden Motivs schlägt mit
dem Auftauchen des Gedankens der Metempsychose, die die Grenzen zwischen verschiedenen Existenzformen und Daseinssphären aufhebt. Somit wird auch die Königsexistenz in ein zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre pendelndes teleologisches
Gebilde eingefügt. Pythagoras, dem die Lehre der Metempsychose ziemlich sicher
Zusammenhang nicht, da dort die Beschreibung nicht auf einen König bezogen wird. Die epische Formelsprache dürfte eine mehr oder weniger feste Form der Würdigung des 9eiog ¿vip gekannt haben, die
Homer in dieser allgemeinen Form belassen, Hesiod aber auf den König eingeengt hat. In der vergilischen
Bearbeitung des Bildes in Form eines epischen Gleichnisses (Aen. ı. 151-156) entspricht dem staunenden
Blick des Volkes (V. 151 f.: pietate gravem ac meritis ... virum ... conspexere) im Vergleichsteil derjenige des
Neptunus (V. 154 f.: aequora ... prospiciens; beide am Versanfang) im Erzählteil. Neptun beschwichtigt
die Wogen, wie der charismatische Herrscher das meuternde Gesindel begütigt, ist also ein Ebenbild des
guten Königs. So kommt auch seine Aufsicht (prospiciens) über die beruhigten Wellen der königlichen
Obhut gleich.
Vgl. Kall. h. 1. 79 (Weiteres gleich unten).
Vgl. WEST 1978, 183 ad loc.
10
Interessanterweise wird die hesiodeische Stelle von Macrobius (comm. in Somn. Scip. 1. 9. 6 f. WILLIS) zur
Erklärung jener ciceronischen Stelle über die Verklärung der Staatsmanner herangezogen, die noch
aufs
Tapet kommen wird. Hier sind die $aiuoves Hesiods, Nachkommen des goldenen Geschlechts, praktisch
mit den Königen gleichgesetzt.
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)zugeschrieben wird," scheint dabei die führende Rolle gespielt zu haben. Indirekte
Überlieferung zeugt auch davon, dass er den Königen eine Sonderexistenzform zwischen Gôttern und Menschen zuerkannt habe. Ein Scholion zur Ilias (A 340b) nutzt das
gleichzeitige Vorkommen der drei Gruppen (Gôtter, Menschen, Kônige) in einer eidlichen Beteuerung, um daran die pythagoreische Lehre von der Sonderstellung des Königs als einer Vermittlergestalt zwischen Gott und Mensch anzuknúpfen.” Wollen wir
aber die pythagoreische Auffassung vom Wesen des Königtums etwas besser verstehen,
müssen wir weitere Gewährsleute heranziehen -, wenngleich unser Wissen naturgemäß
fragmentarisch und in manchem hypothetisch bleiben muss.
Empedokles scheint die Metempsychose weitergedacht und sich darin der Könige
auf besondere Weise angenommen zu haben. Denn in zwei meistens verbundenen Fragmenten heißt es: (fr. 146) eig Sì tédoc nävreıg TE Kal duvoréhot kai intpoi / Kai mpdpoL
avSpwnotow éxtySovioww néhovtat, / Evdev avaPAactodor Seoì rıufor pépiotot (fr. 147)
aSavatois Moro duéotiot, adtotpanelor / EÖvres, avópelwv áxéwv AnökAnpoı, ATEIpEic.
Hier gehören die Vorsteher (rpouot ~ Paoikeic) der Menschen unter weiteren Klassen von Seior dvépes zu denjenigen, die nach ihrem Tod Herd- und Tischgenossen der
Götter (ôuéotiot, abrorpänelon), ja selbst Götter (Seoi) werden. Zumal es sich hierbei wie immer beim eschatologischen Denken - um ein zeitliches Nacheinander handelt,
bedeutet die Parallele von Gott und König ein Zweifaches: entweder ein Gott ist zum
König geworden” oder ein König wird zum Gott werden. Die beiden Hälften (vorausgeganges und bevorstehendes Gottsein) verhalten sich zueinander komplementär, so
dass jede unabhängig von der anderen oder auch beide als sukzessive Abfolge gedacht
werden können: Der König kommt von Gott und kehrt zum Gott zurück. Der fragmentarische Zustand der Empedokles-Überlieferung lässt keinen eindeutigen Schluss
zu, welche Eschatologie dem Dichter vorgeschwebt haben mag, doch für unser Motiv
11
Vgl. FRITZ 1963, 187-192 (unter Hinweis auf Pindar und Empedokles, die bei Pythagoras eine Anleihe
gemacht haben).
12
X A 339 ERBSE (npórepos twv Hvdayopix@v ‘Opnpos péonv av9pwrov Kai Jeod pio Baoılıcnv tédeme:
TOV pèv yap anAwc ávdpwrov od Pacidéws Kat’ áupótepá pnoı ¿dártova, Kainep Avdpwrov Kal adtod
övrog- Jeod Sè frrova tov BacıA&a elvai prot 51d tò PIaptov) und 340b (oi Ilvdayöpeıcı kata Yedv Kal xatà
av9panetov yEvog dhov Tpitov Eridevro veßäonıov Tov Bacikta à copòv avdpa Ourpou Tpwtov uetakd Jewv
te kai ávdporwv Yévtos tov PaotAéa (...); bei ERBSE nicht angeführt, mir nur aus BOYANCE 1936, 144
Anm. 6 bekannt). Vgl. auch DELATTE 1942, 163, der eine Beeinflussung dieser wohl aus dem Kommentar
des Porphyrios stammenden Scholienangaben durch die unten zu besprechenden Neupythagoreer annimt
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und daraus ein ante-quem-Datierungskriterium der letzteren ableitet. Die Scholien konnten aber unabhangig von den Neupythagoreer-Fragmenten echte pythagoreische Tradition bewahrt haben.
In einem anderen Fragment des Empedokles (fr. 115) geht es um verfallene daipovec, die gezwungen werden, verschiedene Sphären und Daseinsformen aufzusuchen. Der Dichter zahlt sich zu ihnen (V. 7: tov Kai
¿yo viv einı), aber auch die Könige dürften zu dieser Gruppe gehört haben, wie fr. 146. 1 f. ebenfalls mehrere „Berufe“ umfasst. Die hermetische Schrift Köpn kócuov (= Stob. 1. 45 [408 WACHSMUTH]) unterscheidet ähnlich — wohl unter dem Einfluss der empedokleischen Fragmente 115, 146 und 147 - zwischen Seelen,
die das Königsamt als eine Vorbereitung für die bevorstehende Vergottung innehaben, und denjenigen, die
sich lassliche Frevel zuschulden kommen ließen, infolge deren sie als Könige auf Erden büßen müssen. In
dieser Schrift werden übrigens die Könige wie in den Homer-Scholien als Vermittler bezeichnet: kai 6 pèv
Baotheds twv pèv AMwv Jewv ÉOTIV Eoxatog, TPWTOG Sè Avdpwrwv. Je näher sie den Göttern stehen, desto
reiner verwirklichen sie das Ideal des Königtums (407 f. WACHSMUTH). Vgl. GOODENOUGH 1928, 79 f.
und DELATTE 1942, 154-156 (unter Hinweis auf Empedokles).
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)bleibt festzuhalten: Der König erscheint als ab ovo göttliches Wesen, denn nur so kann
er von Gott kommen und/oder zu Gott werden."
3. Altes und Neues bei Ekphantos und Diotogenes
Eine ganz festumrissene Form erhält der Gedanke der Parallele von Gott und König
erst bei den Neupythagoreern Ekphantos und Diotogenes. Für die Bestimmung ihrer
Entstehungszeit gibt es keine äußeren Anhaltspunkte und man hat sowohl für die hellenistische Zeit (Mitte 3. Jhd. v. Chr.) als auch für die römische Kaiserzeit plädiert (vor
der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr.).* Obwohl ich der hellenistischen Datierung zuneige, der einige inhaltliche Parallelen bei Cicero und Kallimachos, auf die
noch hinzuweisen sein wird, Vorschub leisten, beziehe ich keine dezidierte Stellung in
der Chronologiefrage, da die pythagoreischen Ideen bei Kallimachos und Cicero, wenn
Ekphantos und Diotogenes kaiserzeitlich sind, unschwer durch die Annahme einer anderen gemeinsamen Quelle aus dem Hellenismus erklärt werden können.
Nach Ekphantos ist der König ein ideelles Bild des höheren/göttlichen Königs:
Karaokedaona IN dv 6 Baoıkedg Ev Kal uövov évvontikdy TH Avwrepw BaoıA&wg (VII 64
[272. 14 £.]). Obwohl der Autor eine vulgare Form der Metempsychose in seiner Be-
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Diese Metempsychose des Königs dürfte auch bei Lucan bei der Apotheose des Pompeius (9. 1-18) eine
wichtige Rolle spielen: Die Seele des hochgeschätzten Feldherrn und Staatsmanns erhebt sich in die
Mondsphäre unter die semidei manes (V. 5-7), von wo aus sie die Ordnung der Planeten und Fixsterne
bewundert und die Nichtigkeit des betriebsamen irdischen Getues (darunter seines eigenen Schicksals,
sui ludibria trunci [V. 14]) erkennt (V. 1-14; zum Motiv der Entwertung irdischer Dinge vgl. unten die
Ausführungen zum Somnium Scipionis), anschließend aber zur Erden zurückfliegt und in der Brust des
Brutus und der Seele Catos ihren Aufenthalt nimmt (V. 15-18).
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Die Frühdatierung hat GOODENOUGH 1928 passim verfochten. Für die Spätdatierung vgl. DELATTE 1942,
285 und BURKERT 1972, 53-55 (Zeit der Severer, geistiges Umfeld der Iulia Domna). Kritik gegen DELATTE und Rückkehr zu GOODENOUGHs Ansicht bei THESLEFF 1961, 65-71. Die Zusammenfassung der
Debatte siehe bei CHESNUT 1978, 1313-1315 (unentschieden, aber der Frühdatierung nicht abgeneigt). Eine
Kompromisslösung zwischen den beiden Extremen schlägt SQUILLONI 1991, 43-60 vor, indem sie für das
1-2. Jhd. n. Chr. und ein mittelplatonisches geistiges Ambiente plädiert. Ihr schließt sich SCHOFIELD 1999,
742 an. Aber ihre Ausführungen sind alles andere als konklusiv: Die unleugbaren platonischen Elemente,
die in meiner Darstellung hintangesetzt zu sein scheinen, dürfen nicht gegen die pythagoreischen ausgespielt werden, sondern die beiden Einflussbereiche ergänzen einander. SQUILLONI mag Recht haben
mit ihrer Datierung und der Analyse der platonischen Allusionen, aber der pythagoreische Hintergrund
bleibt trotzdem unanfechtbar. Während sie also für eine platonische Grundstruktur mit pythagoreischem
Anstrich plädiert, erblicke ich in den Fragmenten umgekehrt ein pythagoreisches Substrat in platonischer
Aufmachung.
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Die Neupythagoreer-Fragmente zitiere ich nach DELATTE’s Ausgabe (1942) und füge in Klammern die
Zählung von HENSEs Stobaios-Edition hinzu (in allen Fällen ist der zweite Band der Anthologie gemeint).
Vgl. auch Diotogenes VII 61 (265. 6-8): Eyet Sè kai wo dedos mori x6opov Pacikedo roti nöAıv Kal ws mé
rori Koopov Pacikede mori deóv. DELATTE 1942, 254 vermutet in den Proportionen ‚Gott ~ Welt : König ~
Stadt und ‚Stadt - Welt : König - Gott‘ zu Recht echtes pythagoreisches Denkgut. Vgl. auch den Begriff
appovia (265. 9 und 268. 12) mit GOODENOUGH 1928, 68. Etwas Ähnliches (Gott - König - Welt) auch bei
Horaz carm. 3. 1. 5 f.: Regum timendorum in proprios greges, / reges in ipsos imperium est Iovis (...), carm. 3.
5. 1-3: Caelo tonantem credidimus Iovem / regnare: praesens divus habebitur / Augustus (...) und carm. 1. 12.
49-60 (breit ausgeführt). Die Entsprechung ‚Iuppiter ~ Caesar‘ liegt auch dem zweiten Teil von carm. 3. 4.
(V. 37-80) zugrunde, einem Gedicht, das - wie FRAENKEL 1957, 276-285 gezeigt hat - Pindars erster pythi-
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)trachtung ausklammert, findet sich eine Formulierung, die darauf hindeuten kônnte:
(...) avros andSapydv ti évtt xp ua Kai Éévov éxei9ev agrypévov pos avIpwnwes (VII 64
[275. 1-3]). Der König ist also ein Abgesandter (andSayov ti ... xpfjua) und ein Gast
(&Evog) bei den Menschen.” Diese beiden (,Gottahnlichkeit‘ und ‚göttliche Herkunft‘)
sind schon vertraute Gedanken, die aber erst hier ihre ganz markante Prägung erhalten.
Ein weiteres Motiv ist dasjenige des Lichts und des Blickes. Zum einen nimmt der König das göttliche Licht” der kosmischen Ordnung auf und ahmt sie auf seiner irdischen
Laufbahn nach: laure (...) adtag [sc. edxoopiac] ed9d td KaAöv- Av 6 ninaodnevog St
apetav adt@ te plAog è pepipatat kai todd rAéov Toic dr” adtov tetayuévois (VII 64 [274.
13-16]). Zum anderen äußert sich das Göttliche im königlichen Blick, der wohltuend
auf seine unmittelbare Umgebung wirkt und den Blick der Untertanen durch seine ihm
innewohnende Kraft an sich zieht.” Hier zitieren wir aus dem anderen neupythagoreischen Traktat, dem des Diotogenes:”°
(...) totadtav abt@ Emnpérnav Kal npootaolav Augpıßallöuevov Kal karráv Sw Kal xattòg
Aoyıouwg Kal xattà évSvprpata kai Kattd NYog Tas Yuxäg Kal katräg npäkıag Kal kattàv kivaow
Kai Kattäv JÉOLV TW OWUATOG, WOTE TG TOTAUYATUÉVWG AÜTOV KATAKOCUNIMHEV KATATENÄAYHEVWG
aidot Kal owppoodva SiaSéoe te TA nepi TAV Emrpérpav. od yap ufjov addio Kal appoviag <a> TH
áyado Pactréws notabyaoic dpeihe tpérev Tas Vuyàs Tv roravyacuévov (VII 62 [268. 5-14]).
„(Der König) umgibt sich mit einer derartigen Anmut und Autorität hinsichtlich seiner Erscheinung (div), seiner Gedanken und Erwägungen, der Gesinnung seiner Seele, der Taten, der Bewegung und Positur seines Körpers, dass diejenigen, die auf ihn blicken (tw notavyacpévws),
sich entzückt mit Verehrung (aiSoi)," Mäßigung und einer der Anmut angemessenen Geistesscher Ode nachempfunden ist. THEILER (1935, 16 [= 268]) erwähnt und zitiert in seiner Interpretation des
Gedichts die einschlägige Stelle bei Diotogenes als einem Gewährsmann für die „hellenistische Theorie,
die Staat und König neben Kosmos und Zeus wie Abbild neben Urbild stellt.”
17
Man wird unwillkürlich an die Formulierung des Empedokles puyäg deódev Kal dArjng erinnert (fr. 115.
7). SQUILLONIS (1991) platonische Reminiszenzen (102: Verweis auf den Phaidros und die Lehre der Anamnese) treffen nur einen Teil der Wahrheit. BURKERT 1972, 51 bemerkt zu Recht, dass hier zwar keine
explizite Seelenwanderungslehre propagiert wird, doch die Formulierung daraus abgeleitet sein kann.
ı8
Hier kann die Einwirkung der orientalischen Xvaranah-Vorstellung mit Fug und Recht vermutet werden.
Vgl. GOODENOUGH 1928, 78-83 und DELATTE 1942, 201-204. Zu Rezeptionsfällen mit weiterführender
Literatur vgl. ADORJÁNI 2011b passim.
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Zur dahinter stehenden Auffassung des Sehens als einer Lichterscheinung, die mit dem Motiv des wirkmächtigen Blickes verbunden zu sein scheint, vgl. ADORJANI 2011a passim, vor allem 12-15 mit weiterer
Literatur. Vgl. auch die reiche Stellensammlung bei HEADLAM 1922, 207 ad Herond. 4. 73.
20 Aus dem Ekphantos-Text lässt sich die Formulierung ws Ev pwri Td Bacideia BAenönevov (sc. Baoikev als
katackebaona) vergleichen, bei der Licht (év qui), Kónigtum (rá Paciheia) und Bewunderung durch
(An)blick (ßAenöuevov) eng verknüpft werden (VII 64 [273. 1 £.]). An dieser Stelle (273. 1-4) handelt es
sich sogar um einen dreifachen Erkenntnisvorgang durch Schau: Der Gott als Schöpfer erkennt den König
(1), der König muss ihn als Urquelle des Lichts erkennen (2) und wird seinerseits von den Untertanen
als Lichthaftes angestaunt und anerkannt (3). Sehr relevant ist ein Bild bei Aischylos, der ähnlich Gottes
Blick, Licht und königliche Würde verbindet: AM’ ñôe Se@v ioov SpSadpoic / páos ppatat untnp Bacrréwe
(Pers. 150 f.: ‚wie das Licht aus dem Auge der Götter, so erscheint die Mutter des Königs [páos ist Apposition zu untnp]). Dazu vgl. TAEGER 1957 1 93 f. (epischen Einfluss vermutend) und ADORJANI 2011a, 122 f.
21 Hier erinnert aiSoi als Ausdruck für die Wirkung der Gegenwart des Königs auf seine Umgebung an Hesiod theog. 92: aidoi peduxin (Ehrerbietung der Menschen dem König gegenüber).
Pagina 9
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)verfassung schmiicken lassen. Denn nicht weniger als die Flôte und die musikalische Harmonie
ist der Anblick/Blick (rotavyaoig) des guten Königs danach angetan, die Seele der auf ihn
Schauenden (t@v rotavyaouévwv) zu bewegen.“
Man beachte, dass der Begriff rotavyaois doppeldeutig ist: Zwar wird er gemeinhin als
passivisch (‚Anblick‘) aufgefasst (mit Baothéwe als einem gen. objectivus neben ihm),” eine
aktivische Auslegung als ‚Blick‘ (mit Baoihëws als gen. subjectivus) ist ebenso sinnvoll, was
durch die Parallelbildung rorißAevıs (VII 62 [267. 8]), die eindeutig den ‚Blick des Königs‘ bedeutet, erhärtet wird.” Diese semantische Amphibolie von rotavyaors ist gewollt.
Gleichwohl könnte man einwenden, unsere beiden Neupythagoreer hätten gar keine
echte pythagoreische Lehre vorgetragen, sondern die „Staatslehre“ der hellenistischen
Monarchie in pythagoreischer Aufmachung.’ Dass dem nicht so ist, sondern dass diese
Traktate echtes pythagoreisches Gedankengut bewahrt haben,” geht aus dem eschatologischen Teil von Pindars Olympie 2, der wir uns jetzt zuwenden, hervor.
4. Pindar und das Königtum”
Es untersteht keinem Zweifel, dass die Jenseitsbeschreibung, die in dieser an den akragantischen Herrscher, Theron, adressierten Ode an der Stelle der Mythoserzählung
vorgetragen wird (V. 56-83), Züge der pythagoreischen Metempsychosen-Lehre trägt,
die in Akragas, der Stadt des Empedokles, beheimatet gewesen sein dürfte.” Diese philosophisch-pythagoreische Tradition hat Pindar mit mythischen Motiven verwoben
und dem Ganzen den Stempel seines eigenen Denkens aufgeprägt, so dass nun alles
aus einem Guss zu sein scheint. Diese neuentstandene poetische Einheit der Jenseitsbeschreibung interessiert uns in diesem Zusammenhang nicht,” nur das Moment, dass
22
GOODENOUGH 1928, 72: „to look upon the good king”, DELATTE 1942, 55: „la contemplation du bon roi‘
LSJ s. v.: „gazing at“.
23
Richtig DELATTE 1942, 95 (mit Hinweis auf den Gegensatz von iSév [passivisch] zwei Zeilen vorher [VII
62 (267. 15)] und norıßA&yıog), obwohl er xotavyaotc eindeutig passivisch auffasst (s. Anm. 22). Die angebliche Passivitat des königlichen Auges verleitet SQUILLONI (1991, 79) zu unbegründeten Schlussfolgerungen.
24
GOODENOUGH 1928, 102 („the official political philosophy of the Hellenistic age“).
25
Im bloßen konjekturalen Bereich kann als Ausgangspunkt der einflussreichen Ansicht wohl ein pythagoreisches obußoAov angenommen werden (e. g. <töv Bacidéa xadei Adc öp9aluov>), denjenigen Kenningartigen Ausdrücken ähnlich, die in fr. 45 C2 D-K vorkommen (Bären als Hände der Rheia, Pleiaden als
Leier der Musen, Planeten als Hunde der Persephone usw.).
26
HORNBLOWER 2006 passim untersucht das Thema unter ähnlichem Titel (Pindar and Kingship Theory),
aber seine Arbeit hat außer der Ansicht, dass die pindarischen Oden streckenweise eine implizite Stellungnahme bezüglich des Königtums durchblicken lassen, nichts mit meiner Behandlung gemein (die neupytahgoreischen Traktate werden nur en passant erwähnt [159]).
27
Zur Verbindung Pindars mit Empedokles und dem akragantischen Hintergrund ihrer Lehre als einer
abgewandelten epichorischen Form des Pythagoreismus vgl. WILAMOWITZ 1922, 251, FRITZ 1963, 189
f., DEMAND 1975, 355-357 und GRIFFITH 1991, 54-58.
Zu einer Gesamtinterpretation und zu Einzelfragen, die hier nur gestreift werden, mit weiterführender
Literatur vgl. ADORJANI 20114, 172-196.
Pagina 10
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)den vollends Reinen nach drei makellos verbrachten Leben der Aufenthalt auf der Insel
der Seligen mitten unter den Heroen der Vorzeit verheißen wird (V. 68-83). Auf wen ist
dieser Mythos mit seiner transzendentalen Zuspitzung ausgerichtet? Damit stellt sich die
Frage nach dem Adressaten-Bezug. Der Mythos, dessen Funktion die Jenseitsbeschreibung erfüllt, müsste im Prinzip auf den Adressaten der Ode und seine Umstande zugeschnitten sein. Diese Interpretation ist auch fiir Olympie 2 sinnvoll. Der Bezug auf Theron
und die wechselvolle Geschichte seiner Vorfahren wird bereits im Prolog angeschlagen
und dann bis zum Anfang des „Mythos“ durchgehalten. Der Hinweis auf den athletisch
erfolgreichen, tüchtigen und wohlhabenden Mann unmittelbar vor dem Mythos (V. 4656) mit ausdrücklicher Apostrophierung Therons als tov AivnoiSäuov in V. 46 legt nahe,
auch die Jenseitsbeschreibung auf ihn zu beziehen, indem die zukünftige Vergottung des
akragantischen Herrschers als Belohnung seiner Großtaten und königlichen Milde in
Aussicht gestellt wird.” NORDEN hatte ehedem das Motiv der mit Reichtum gepaarten
Tugend (V. 53: Modtos Aperoig SeSardaduévos), die sich in Wohltaten (vgl.
V. 93: ävöpa
.../ evepyétav) äußert, als heilsame Lichtquelle kundgibt (V. 55 £.: érvuuwtatov / avdpi
péyyos) und schließlich im Jenseits verklart wird, als orphisches Denkgut bezeichnet.” Da
aber der Begriff ‚orphisch‘ sehr umstritten ist und auch keinen Erkenntnisfortschritt verspricht, da Reichtum und evepyecia als Herrscherlob konventionelle Motive darstellen,”
wollen wir ihn sowie sein Verhaltnis zum Pythagoreismus aus dem Spiel lassen.”
Metempsychose, Licht und Blick sind aber Motive, die aus den beiden neupythagoreischen Traktaten als Kerngedanken herausprapariert wurden. Die Wesensgleichheit
von Gott und Kônig ist beiden Auffassungen, sowohl der neupythagoreischen als auch
der pindarischen, eigen. Was aber die Neupythagoreer zu einem Gebilde vom Gott
kommen, von ihm Erleuchtung erhalten und ihn imitieren' abgemildert haben, das wird
bei Pindar zum vollen Klingen gebracht: die auf die Zukunft gerichtete Verheißung
der Gottwerdung des Königs. Dieser Unterschied in der Akzentsetzung wird jedoch -
unbeschadet der evidenten Gattungsdifferenzen - durch eine bestimmte Ähnlichkeit
der Autorintention und des Adressatenbezugs aufgewogen: Bei den Traktaten zepi
Bacideías handelt es sich um eine philosophisch verbrämte protreptische Rede, die sich
29 Zu dieser Interpretation und ihren weiteren Vertretern vgl. ADORJANI 2011a, 191 f.
30 NORDEN 1927), 38-40 (‚Exkurs über die Apokalypse in Pindars zweiter olympischer Ode‘), vor allem 39:
¿Wenn es richtig ist, daß der in der Einleitung und dem Schluss hervorgehobene Begriff des irdischen
‚Segens‘ (nAoötog) den Schlüssel zum Verständnis der segenverheißenden Offenbarungen der Eschatologie gibt, so begreifen wir wohl auch, weshalb der Dichter den xAodtog in der Einleitung unmittelbar vor
Beginn des Themas, mit Attributen versieht, die (...) sich deutlich an die Mysteriensprache anlehnen.’
31 Zum König als Wohltäter vgl.z. B. Diotogenes VII 61 (264. 19) und VII 62 (265. 21, 267. 8 und 270. 5). Der
Reichtum tritt in den Traktaten deshalb nicht in den Vordergrund, weil einem um eine philosophische
Fundierung des Königtums zu tun ist, der materielle Güter gleichgültig sind. Zum ,Euergetismus” als einer im Prinzip des ursprünglich das Verhältnis von Gott und Mensch regulierenden do ut des begründeten
Herrschertugend (nicht nur der hellenistischen Monarchen) vgl. LUND 1992, 165-174. Vgl. auch STEPHENS
2003, 145 f. (bezüglich der Herakles-Gestalt bei Theokritos).
32 Vgl. auch BURKERT 1962, 109: „Im ganzen gibt die Überlieferung mehr Anlass, von Pythagoreismus zu
sprechen als von Orphik in bezug auf die Seelenwanderungslehre bei Pindar, Herodot, Platon und insbesondere Empedokles.*
Pagina 11
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)an einen fiktiv-idealen König oder gar einen konkret-historischen Herrscher richtet,*
bei Pindars Gedicht um ein durch das Schicksal der Seelen belegtes ethisches Paradigma, das der Dichter einem historischen Herrscher nahelegt, um ihn zu loben (éxatvos)
und mit Hinweis auf das jenseitige Glück der Makellosen zum rechtmäßigen Handeln
zu mahnen (rapaiveoıg).
Auch das Motiv des Lichtes und des lichthaften Blickes ist ein Verbindungsglied
zwischen Pindar und den (Neu)pythagoreern. Die von NORDEN hervorgehobene
Formulierung dotip àpi&nAos, &tuuwtarov / avdpi péryros (O. 2. ss f.) ist zwar visuell
eindrucksvoll, muss aber ausscheiden, da dieselbe nicht unmittelbar auf den König,
sondern seinen ehrenhaften Reichtum (V. 53: Modtos äperaig SeSadadpévoc) geht.’
Das Bild der die „elysische” Seligkeit garantierenden Tagundnachtgleiche in V. 61 f. und
die von lauterem Gold strahlende Umgebung der Bewohner der Insel der Seligen (V. 72
f.) verstärken den Eindruck einer starken visuellen Metaphorik. In diesen Zusammenhang fügt sich Therons Blick, den er in seiner Gerechtigkeit auf die Gastfreunde heftet
und der gleich nach seiner ersten Apostrophe in der ersten lobenden Prädikation als
np6ownov tnAavy&g erwähnt wird (V. 6: dm Sixatov Éévwv). dtc bei Pindar kann mit
rotipheyis (VII 62 [267. 8]) und rotadyacıg (VII 62 [268. 13]) bei Diotogenes verknüpft
werden. Dieselbe Metapher wird einige Verse später wieder aufgenommen und auf Therons Vorfahren erweitert: ZıkeXiag ... Eoav / dpIapdc (V. 9 £.). Da schwingt das gesamte neupythagoreische Konnotationsspektrum mit: Die Emmeniden sind nach wie
vor ein heilsames Auge, das auf Land und Volk herabblickt, sie hütet und aufrichtet.
Die Versuchung ist groß, diese Bildlichkeit auf pythagoreischeisches Erbe zurückzuführen. Später bezieht Pindar dieselbe Metapher auf einen anderen Herrscher, Arkesila(o)
s IV. von Kyrene, mit ähnlichem Sinngehalt: Er heißt ueya\äv noAiwv / ... ovyyevis /
33
Da die Traktate bruchstückhaft überliefert sind, muss ihr ‚Sitz im Leben‘ (mithin auch die Frage nach dem
Adressatenbezug) dahingestellt bleiben. Skeptisch eingestellt gegen einen konkreten Herrscher-Bezug ist
allerdings SQUILLONI 1991, $0.
34
Der Stern als Himmelskörper und Lichtquelle ist allerdings nicht uninteressant im Zusammenhang der
Gottlichkeit des Königs. Bei Vergil lesen wir über den verstirnten Caesar: ecce Dionaei processit Caesaris astrum, / astrum, quo segetes gauderentfrugibus et quo / duceret apricibus in collibus uva colorem (ecl. 9. 47-49).
Das Licht ist verantwortlich für das Gedeihen der Saat und der Rebe (zum Fruchtbarkeitsbezug des Herrschers vgl. oben Hom. + 109-114 und unten die Bemerkungen zu Kallimachos). Vgl. dazu auch TAEGER
1960 II 163 und die Verstirnung Caesars bei Ovid (met. 15. 840-850). Vgl. auch Verg. Aen. 8. 680: stans celsa
in puppi [sc. Augustus], geminas cui tempora flammas / laeta [zur vegetativen Metaphorik vgl. Anm. 4] vomunt patriumque aperitur vertice sidus (von DELATTE 1942, 201 angeführt) und Hor. carm. 4. 5. 5-8:
Lucem
redde tuae, dux bone, patriae; / instar veris enim voltus ubi tuus / adfulsit populo, gratior it dies / et soles melius
nitent. Zu diesem Vorstellungskreis scheint auch das „Sonnengleichnis“ bei Ekphantos (VII
64 [273. 2-6])
zu gehören: Die Sonnenhaftigkeit des Königtums prüft seinen Inhaber, wie die jungen
Adler im Anblick
der Sonne auf die Probe gestellt werden. Auch im hermetischen Traktat Köpn xdopod (= Stob.
1. 45 [407 f.
WACHSMUTH]) stehen die besten Könige dem Aither und dem dort die Fixsterne regierenden Helios
nächsten. Zum Stern- und Sonnenvergleich des Herrschers vgl. auch WEINREICH
am
1973, 191 f. Eine interessante Parallele bieten auch die Ithyphalloi der Athener (Verfasser Hermokles von
Kyzikos?) zu Ehren des
Demetrios Poliorketes aus dem Jahre 291 v. Chr. (173-175 POWELL): In den Versen
9-12 wird der Herrscher
35
mit der Sonne, die Hôflinge mit ihn umgebenden Sternen verglichen.
Zu dmc und ópdaAuos in dieser Ode vgl. ADORJÁNI 20114, 123 f. An einer anderen
pindarischen Stelle (P. 8.
67-72) bedeutet dmc den Blick der Götter und wird - interessanterweise ebenso wie bei Diotogenes
62 [268. 12 f.]) - mit äpuovia verbunden, die sich hier auf Apollons günstigen Blick bezieht.
Pagina 12
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)öP9aAuög (P. 5. 16-18). Zwar hat diese Ode mit pythagoreischem Denkgut nichts zu
tun, doch dürfte Pindar den in O. 2. 6-10 geprägten Ausdruck weiterverwendet zu haben. Auch hier wird das Bild in V. 56 f. variiert: dupa ... paevvdotatov / Eévotot. Dabei
ist die strahlende Qualität des Auges durch das Attribut paevvótatov explizit gemacht.
Schließlich soll nur noch ein Fragment Besprechung finden, in dem Pindar zur Metempsychosen-Idee und damit zum Kontext der zweiten olympischen Ode zurückbiegt,
wobei der äpnpwiou6s des Königs ganz explizit gemacht wird. In fr. 133, das ein Bruchstück eines Threnos darstellt, heißt es, dass einige entsühnte Seelen unter anderem
(neben Athleten/Krieger und Dichter-Philosophen) als Könige auf Erden erscheinen,
später aber heilige Heroen genannt (und als solche verehrt) werden: oig Sè Depozpóva
nowav radarod révdcos / Séetat, ¿q tov ÜnepŸev AAıov Keivwv ¿várw ¿rel / avdıdol yuxas
mad, Ex av Pacidñes ayavoi / kai oSévet kparrvol cogía te ueyıoroı / avdpec abkovr"
¿q Sè TOV Acındv xpóvov Hpwes ayvoi poc avipwrwyv xad<éov>tat.? Der Gedanke weist
große Ähnlichkeiten mit, aber auch Unterschiede zu den beiden Empedokles-Fragmenten auf. Wie in fr. 115, geht es auch hier um Seelen, die andere Existenzen erproben, nur
handelt es sich bei dem Königsamt um keine Strafe, sondern um eine Versöhnungsgabe
der Persephone. Und wie in frr. 146-147, treten die Könige, nachdem sie das Zeitliche
gesegnet haben, in eine andere Daseinsform ein. Bei Pindar scheint diese eine heroisierte zu sein, bei Empedokles aber eine ausdrücklich göttliche. Wenn man aber diese
letzteren Fragmente mit der Jenseitsvision der olympischen Ode vergleicht, kann man
sagen, dass sich beide Auffassungen miteinander harmonisieren lassen: Bei Empedokles werden die von Schuld freigesprochenen Seelen zu Königen befördert, in Olympie 2
wird einem König die Entrückung auf die Insel der Seligen in Aussicht gestellt.
Als Fazit für Pindar und sein Verhältnis zum Pythagoreertum kann also feststehen:
Er hat sich pythagoreischen Denk- und Bildguts bedient, und dies ist in entscheidenden
Punkten demjenigen ähnlich, das uns die beiden Neupythagoreer überliefert haben.
Sie müssen also die im Kern authentische pythagoreische Lehre zepi BaotAeiac bewahrt
haben. Die behandelten Pindar-Stellen waren allerdings nur diejenigen, die pythagoreische Königsideologie in herauskristallisierter Form enthalten. Pindar hat aber die Parallele von Gott und König seinem Denken anverwandelt und Ausdrucksmöglichkeiten
dafür gefunden, die vom Pythagoreischen unabhängig sind. So ist z. B. auf die großartige
erste pythische Ode en passant zu verweisen, in der der communis opinio der Interpreten
zufolge Hieron I., der Adressat des Siegeslieds, in Korrespondenz zu Apollon und Zeus,
Garanten der überirdischen Harmonie, erscheint, indem er den harmonischen Frieden
(V. 70: Sapov yepaipwv rpanoı oÚupwvov és fovxiav) auf Erden zu verwirklichen sucht.
36 Zur Interpretation dieser umstrittenen Stelle vgl. ADORJANI 20112, 125-139.
37 „Persephone schickt die Seelen derjenigen, von denen sie die Sühne des alten Leides annimt, im neunten
Jahr zurück in die obere Sonne, aus denen vortreffliche Könige, starke Läufer und durch Weisheit hervorragende Männer entstehen. Sie werden künftig heilige Heroen von den Menschen genannt.
38 Zur synoptischen Betrachtung der Pindar- und Empedokles-Fragmente im Kontext des Pythagoreismus
vgl. DELATTE 1942, 127 f. ROSE 1936, 91 f. vergleicht beide Texte, hebt aber auf deren Unterschiede ab, da er
für den orphischen Hintergrund von Fragment 133 plädiert. Gegen den orphischen Einfluss vgl. kürzlich
HOLZHAUSEN 2004 passim.
Pagina 13
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)s. Kallimachos und das Lob der Ptolemäer als Götter
Wir wenden uns jetzt Kallimachos zu, weil der hellenistische Dichter in manchen seiner Gedichte einen direkten Bezug zu den ptolemäischen KénigInnen schafft, was eine
ähnliche Fragestellung nahelegt, wie sie in Pindars Olympie 2 vorliegt. In einigen dieser
Gedichte ist die höfische Dimension ganz offenkundig und durch eine Gelegenheit bedingt, die dem Gedicht erst seine Daseinsberechtigung gibt. Ich denke hier vor allem
an die Coma Berenices (fr. 10) als Schlusselegie der Aitien und die Ectheosis Arsinoes
(fr. 228) als lyrisches Einzelstück. Beide berufen sich auf die Parallele von Gott und
König(in), indem sie eine zukünftige Apotheose der beiden Ptolemäerinnen andeuten.
Im ersteren Fall handelt es sich um die Verstirnung der Locke Berenikes IL. (V. 59-64)
unter der Mitwirkung der inzwischen als Aphrodite Zephyritis vergöttlichten und góttlich verehrten Arsinoe IL, im letzteren um die Entführung derselben Arsinoe in die
Mondsphäre (V. s f.). Kallimachos nutzt also das aus dem eschatologischen Denkschema sich eindeutig ergebende Moment der Einkehr zu den Göttern/göttlicher Sphäre
(- Sternenhimmel). Ob dies einer Zurückkehr gleichkommt, ob also auch die andere
Hälfte der Eschatologie mitgedacht wird und die Königinnen als von Gott/Himmel
kommend und daher als göttlich versinnbildlicht werden, steht dahin, aber es wird
höchstwahrscheinlich insinuiert. Im Kult dürften die Königinnen (zumindest Arsinoe
IL.) noch zu ihren Lebzeiten als göttlich gegolten haben,” aber realer Kultus und literarische Darstellung können nicht ohne weiteres in eins gesetzt werden.
In anderen Gedichten ist aus gattungsbedingten Gründen der Gelegenheitsbezug
nicht untrennbar mit dem Kunstwerk verwachsen, daher gehört die Erschließung des
Kompositionsanlasses zum Bereich der Konjektur.* Auch in diesen Teil des kallimacheischen Werks sind eindeutige Hinweise auf den ptolemäischen Hof eingeflochten, die
unabhängig von einem konkreten Gelegenheitsszenario aussagekräftig sind. Das Hymnenbuch ist ein gutes Beispiel dafür. Aus den darin untergebrachten sechs Gedichten
bilden die ersten vier Hymnen eine strenge Einheit, die sich auch darin bekundet, dass
sie alle einen Bezug zum Ptolemäerhof aufweisen.” Hier gehe ich nur auf eine kleine
Auswahl an Stellen ein, an denen das Motiv der Parallele von Gott und König besonders
klar zu Tage liegt.
Im ersten Hymnos (an Zeus) wird die Analogie des Aufgabenbereichs des Königs
(wohl des Ptolemaios II.) mit dem des Zeus* ausführlich begründet als ein Beschluss
39
Vgl. FRASER 1972 II 367 Anm. 228.
40 Vgl. BING 1988, 92 Anm. 3 (Unterschied von Kult und Literatur; göttliche Ehren für Ptolemaios II. bereits
bei seiner Thronbesteigung).
41
Als beispielhaften Fall vgl. den Zeus-Hymnos mit CLAUSS’ ansprechenden Hypothesen (1986 passim) zu
42
Die Hymnen 5 und 6 sind eine Einheit für sich und setzen durch ihren mimetischen Charakter (in Hymdessen Anlass.
nos 2 auf Apollon vorweggenommen) eine gelegenheitsgebundene oder sie imitierende Beziehung zu alexandrinischen (oder auf jeden Fall lokalen) Kulten ins Werk. Die Zäsur zwischen 4 und s wird auch durch
das elegische Versmaß der Aoûtpa (h. 5) markiert.
Vgl.Kall.h. 1. 58-65 (implizit) und 86 (fjuetépw ueSéovri) mit CLAUSS 1986, 158 f. und den zur letzteren Stelle gehörigen Scholien (PFEIFFER II 45 ad loc.: nepi tod IItoAguaiov tadra Ayer) sowie auch Y ad h. 1. goab,
Pagina 14
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)des höchsten Gottes, sich die Könige als ihm am nächsten Stehende zu erwählen
(V. 70-80). Dieser göttliche Entscheid findet seinerseits die Erklärung im Dichterwort
Hesiods éx Sè Aros Bacidñes (V. 79 = theog. 96). Während aber dort - berücksichtigt
man auch V. 94 f. - die Könige und Sänger als Götter- und Musengünstlinge gleichberechtigt nebeneinandergestellt wurden, haben hier die Könige den Vorrang, wohingegen die Dichter, obgleich dem Apollon gehörig (V. 78: ®oißov Sì Mipng ed eidörag
oluovg), eindeutig untergeordnet werden als eine subalterne Má£ic (V. 80). Dass damit
der hellenistischen Monarchie das Wort geredet wird, ist klar.** Man kann aber vielleicht einen Schritt weitergehen und den Sachverhalt etwas präziser ins Auge fassen.
Die Fortsetzung (V. 79: nel Atos odSEv áváxtwv / Jeiörtepov) scheint das hesiodeische
Zitat erklärend zu interpretieren. Dabei wird die oben beobachtete Mehrdeutigkeit der
Präposition &x aufrechterhalten: Die Wendung Atòg ... avaxtwv kann sowohl einen gen.
originis (‚von Zeus abstammende Könige‘) als auch einen Genitiv des Bereichs (‚die mit
der Machtbefugnis des Zeus ausgestattete Könige‘) verbergen. Das Wort Setétepov führt
schon über Hesiod hinaus und scheint mit Bedacht gewählt worden zu sein. KIRICHENKO vermutet, dahinter stehe der Göttlichkeitsbegriff der hellenistischen Traktate epi
Paciketac.* In Anbetracht der erwiesenen Kontinuität pythagoreischer Königsideologie kann dies als sehr wahrscheinlich gelten. Auch könnte er mit seiner Gesamtinterpretation des Hymnos Recht haben, dass demselben ein gewisser, an den Herrscher adressierter paränetisch-protreptischer Charakter innewohne.* Dies ist ein Grund mehr,
das Gedicht den Herrscheroden Pindars, vor allem der oben analysierten Olympie 2, an
die Seite zu stellen, wird doch in beiden dem jeweiligen Herrscher durch den Hinweis
auf seine Göttlichkeit/ Tapferkeit indirekt anempfohlen, ‚mögest du dich (Ptolemaios/
Theron) des göttlichen Loses der Könige als würdig erweisen‘.
Man beachte, dass in den Versen 82-90 die Könige in Bezug auf Gerechtigkeit, Reichtum und Geisteskraft unterschieden werden. Es gibt also verschiedene Abstufungen,
aber Ptolemaios wird offensichtlich als Höchster rangieren, was sowohl als Lob wie
wo das Pronomen aùtég einmal (a) auf Ptolemaios, einmal (b) auf Zeus bezogen wird. Zur Verbindung
des Themas ‚Zeus als Machthaber über die irdischen Machthaber‘ mit der Prädikation des Proöms (V. 3:
‚Hüter der Schlammgeborenen und Richter der Uraniden‘) vgl. KÖHNKEN 1984, 444 f. Auch PIETSCH
1999, 189 erwähnt „die Parallelität göttlicher und menschlicher Strukturen“ im Hymnos, aber nur, um dadurch die Vorrangigkeit der politischen Deutung zu bestreiten. Dass die allgemein-theologischen Ideen
vom Dichter zeit- und zweckgemäß konkretisiert und instrumentalisiert werden, wird nicht beachtet.
44 So z.B. ZIEGLER 1913, 337-339 und BING 1988, 78-83 (vor allem 78: „... the Hesiodic vision of ideal similarity and a special bond between earthly and heavenly kingship was bound to strike an especially resonant
chord. Call. could hardly have enlisted a bigger gun in the service of royal praise“). CAMERON 1995, 12 vermisst einen Hinweis auf die Gottlichkeit des Kônigs in h. 1, aber dieser ist durch das Hesiod-Zitat eindeutig
gegeben. Im Ubrigen hat CAMERON Recht mit der Akzentuierung des spielerischen, fast neckischen Charakters des Herrscher-Dichter-Verhältnisses (11-23). Zur „Narrenfreiheit“ des alexandrinischen Dichters
vel. auch WEBER 1993, 16 f. und STEPHENS 2003, 74 f. Aber selbst wenn die Göttlichkeit des Königs eine
nicht ganz ernst zu nehmende dichterische Pose (jedoch keineswegs leere Posse) ist, darf die dahinter
stehende toposhafte Gleichung ‚Gott - König‘ nicht verkannt werden.
45 KIRICHENKO 2012, 198. Vgl. auch MICHALOPOULOS 2012, 378 f. und 384, der ähnlich auf den möglichen
Einfluss der hellenistischen philosophischen Tradition über das Königtum abhebt.
46 KIRICHENKO 2012, 199. Zum protreptischen Charakter des Zeus-Hymnos vgl. auch CUYPERS 2004, 106114.
Pagina 15
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)auch als Ermunterung interpretiert werden kann.” Die unmittelbar nachfolgenden Verse (V. 81-83: Swxac Se nroAiedpa quhacoëuev, eo $” avrós / dxpyo’ év nodAieoouy, ¿mó
Loc
ol te Sixyot / Aadv und oxodifo” cit’ EunaAty ¡dóvovorw-) gehen auf weitere hesiodeische
Verbindungen zurück: Die schirmende Präsenz (guacotuev) der Könige und die Aufsicht des Zeus &nöwıog* über den geraden oder krummen Rechtsspruch erinnern an
die unsterblichen qÜlaxes des Zeus (erg. 253) und an das Auge des Gottes (erg. 267),
dem keine Rechtsbeugung entgeht.” Zudem wird aber die visuelle Metaphorik wohl
mit pythagoreischen Reminiszenzen angereichert. Wenn Zeus von oben auf die Stadt
herabschaut, so muss der Blick auch dem König zugeschrieben werden, will man an der
streng durchgeführten Parallele von Gott und König festhalten. Die Verbindung von
Gott und König über den hütenden Blick des letzteren ist aber ein Motiv, dem wir bei
den Neupythagoreern begegnet sind. STEPHENS sieht auch in dem durch Zeus gewährleisteten Reichtum (V. 84: év 8 pungeviny ¿Badés opio, &v 8 ais öAßov) ein Symbol
der Wirkung des gottbegnadeten Königs (= Ptolemaios) und verknüpft es mit der erst
durch Zeus’ Geburt behobenen Dürre Arkadiens (V. 19-21).
Wir können damit zum zweiten Hymnos (an Apollon) übergehen, dessen Gott in
den Versen 26 f. (ög paxetat paxápecow, ¿ug Paid: páxorto- / dotic ¿uy Bao, Kal
Ar6Mwvi páxorro) wieder mit dem ptolemäischen König in eins gesehen wird. Aber
Apollon ist nicht zuletzt der musische Gott, der im Epilog des Hymnos das neue ästhetische Programm des Dichters gutheißt (V. 105-112). Dass der alexandrinische Herrscher sowohl königliche (- Zeus-Hymnos) als auch musische (~ Apollon-Hymnos)*
Aufgaben innehat, kann im Lichte der obigen Ausführungen als eine Neuinterpretation
der hesiodeischen Stelle (theog. 94-96) aufgefasst werden, deren zweite Hälfte im Zeus-
Hymnos zitiert wurde (V. 79: &x Sè Atos BaoiAñes). Jetzt steht dem König sogar diejenige
Würde zu, die bei Hesiod dem Sänger zukam. Kallimachos scheint dabei seinem Apol-
47
48
Eine in diesen Versen versteckte Mahnung nimmt auch REINSCH-WERNER 1976, 66 wahr.
Zu £nöyıog vgl. auch fr. 85. 14 f. (Heimsuchung der frevelhaften Lokrier durch einen Gott [Apollon oder
Zeus]
). Vgl. REINSCH-WERNER 1976, 277 f.
49
Vgl. REINSCH-WERNER 1976, 64-66 mit Hinweis auf theog. 84-92 (vgl. den Austausch der blickenden
Agenten: das Volk bei Hesiod, Zeus bei Kallimachos) und erg. 7-9 sowie 248-269. Man beachte in diesem
Zusammenhang neben Atdc 6p9aAydg (V. 267) auch die vox difficillima dmc (V. 251) (vgl. die Behandlung
bei ADORJÄNI 2011a, 154-159).
50
STEPHENS 2003, 111 f. (vgl. auch 110). Es liegt nahe, angesichts des Ausdrucks pungevin (V. 84) an die Nilüberschwemmungen (~ ‚strömender Reichtum‘) zu denken (vgl. STEPHENS 1998, 176 f. mit Hinweis auf
äBpoxos als Terminus des niedrigen „Pegelstandes“ in Ägypten), aber verbindlich ist es nicht, da Wasser
ein universales Fruchtbarkeitssymbol darstellt. Zur Problematik der ‚ägyptisierenden‘ Interpretation vgl.
unten Anm. 66.
51
Auch die Opposition im Vers 26 f. gegen Apollon und Herrscher könnte metapoetische Bedeutung haben,
da die Theomachie durch die Niobe-Geschichte belegt wird (V. 22-24), in der sich das kallimacheische
Gegensatzpaar ‚viel-,wenig‘ abgebildet findet, wobei Letos wenige Kinder den vielen
Niobes den Rang
ablaufen. Zur metapoetischen Interpretation der Niobe-Parabel vgl. BING 1988, 117 (in Bezug
auf h. 4. 96
f.). Vgl. auch FANTUZZI 2011, 435.
52
Vgl. auch Theokrits Attribut piAöuovoog für Ptolemaios Philadelphos (14. 61) und BING
1988, 135 Anm. 84:
»Like Apollo, Philadelphus was characterized by his love for music (Theokritus calls him PLAGUOVOOG,
62, which is hardly surprising since the king was a student of Philetas of Cos), while Keraunos
was headstrong and contentious, like Ares.“
Pagina 16
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)lon-Hymnos die erste Hälfte des Hesiod-Zitats (V. 94 f.: die Singer stammen von den
Musen und Apollon) sowie die unmittelbar vorausgehende Beschreibung musenbegnadeten Königtums (V. 81-93) zugrunde gelegt zu haben,‘ indem er die musische Sphäre
in die königlichen Kompetenzen hineinbezog: Ptolemaios ist ein Vertreter auf Erden
nicht nur des Zeus, sondern auch des Apollon.* Damit ist die Parallele zwischen Gott
und König auch in diesem Hymnos begründet.’ Interessanterweise erscheint auch das
Motiv des göttlichen Blickes: peta ke BouBôotov TeA&Yoı TAEOV, OddE KEV alyes / SebotvTO
Bpepéwv EnıunAdödes, How AndMwv / Bookouevno’ dpSadpov errare: (V. 50-52). Jene
Analogie, die im Zeus-Hymnos erforderte, den Blick des Gottes um denjenigen des
Herrschers zu ergänzen, muss auch hier angewandt werden, da die gleiche Korrespondenz zwischen Apollon und Ptolemaios besteht. Der Blick aber steht hier nicht mit den
ethischen Normen der x6Aiç im Zusammenhang, sondern mit dem Gedeihen des Viehs.
Dies ist genau besehen ein recht ausgefallenes Bild, da in den homerischen Epen und
Hymnen die Götter zwar schützend oder bestrafend auf die Sterblichen blicken, aber
daraus nie ein Fruchtbarkeit spendender Einfluss hervorzugehen scheint.’ So ist dabei über das allgemeine Konzept des wirkmächtigen Götterblicks hinaus eher mit dem
Motiv des sakralen Königtums zu rechnen, das Kallimachos in der pythagoreischen Tradition (wohl nebst dem Motiv des Blickes) wiedergefunden haben dürfte und sicher
mit dem Material des homerischen Gleichnisses (t 109-114: ohne das Motiv des königlichen Blickes) verquickte.” Später im Hymnos wird der Blick des Gottes — durchaus
s3
Auf dieselbe hesiodeische Stelle spielt auch Theokrit (17. 73-75) an (Zeus lässt den Königen Sorge angedeihen, 6 8’ ¿£oxoc dv ke pion / yetvopevov tà rpúra), wobei eine Verbindung des Ptolemaios Philadelphos sowohl mit Apollon (V. 58-70 steht seine Geburt auf Kos mit der Apollons auf Delos in Parallele) als
auch mit Zeus (V. 71-73) anvisiert wird. Am Anfang des Gedichts (V. ı-4) wird die Parallele ‚Zeus- Ptolemaios‘ als Anlass der hymnischen Verherrlichung verwendet.
54 Auf die Verquickung der musischen mit den herrscherlichen Aufgaben könnte aber auch das Proöm der
ersten pythischen Ode Pindars eingewirkt haben, das Zeus, Apollon und Herrscher (Hieron 1.) in Korrespondenz treten lässt, und zwar unter Erwähnung des Antagonismus der ungestümen, der Musik und dem
Ordnungsprinzip des Olymp widerstreitenden Kräfte (V. 13-28: Typhos-Parabel). Auch Kallimachos hebt
das Moment des Kampfes hervor (h. 2. 26 f.: paxetat ... payorto / ... páxorro). Vgl. HUNTER-FUHRER
2002, 168.
55 Vgl. auch MANAKIDOU 1993, 234 f., die diese Gleichstellung von Gott, König (und Dichter) im Apollon-
Hymnos zur Interpretation von Ait. fr. 114 (über die delische Apollon-Statue) heranzieht, um die dortige
Parallelisierung von Gott und König mit parainetischen Zielen innerhalb der Allegorie zu belegen.
s6 Zur Aufsicht der Götter über die Menschen bei Homer und Hesiod vgl. ADORJANI 2011a, 154-159. Einzigartig und vereinzelt bleibt die Schilderung des fruchtbaren Gedeihens infolge der Wirkung der Eumeniden
bei Aischylos (Eum. 938-948), aber da sind die zuständigen Gottheiten chthonischer Art, während sie bei
Kallimachos ihren olympischen Charakter nicht verleugnen. Die chthonische Herkunft der Fruchtbarkeit
möchte der Grund dafür sein, dass den Olympiern kein vegetativen Segen spendender Blick zugewiesen wird. Pindars Fragment 153 (V. ı £.: SevSpéwv Sè voudv Awvvoog rodvyadig aviávol, / ayvov péryos
énwpas) könnte auch eine Ausnahme darstellen und Dionysos als Vegetationsgottheit mit Fruchtbarkeit
bewirkendem Licht (~ Blick) präsentieren (wenn sich die Apposition &yvèv péyros ônwpas auf ihn und
nicht - was auch gut möglich ist - den vou6v bezieht), aber der mangelnde Kontext und die syntaktische
Unsicherheit mahnen zur Vorsicht.
57 Vgl. WEINREICH 1973, 194 („Die lebendige Religiosität des Hellenismus hat wieder Wirklichkeit werden
lassen, was bei Homer selbst nur noch in einem Gleichnis verwertet ist“), MERKELBACH 1981, 31 und
ERLER 1987, 25-27 (Rückgriff des Kallimachos auf die vorhesiodische und vorhomerische Vorstellung
sakralen Kônigtums). Wenn WILLIAMS 1978, 52 f. ad 51 f. Recht hat, hier sei Apollon dem Sonnengott
Pagina 17
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)der Bildlogik gemäß - als eine die Urbewohner Kyrenes schirmende Macht dargestellt
(V. 90: todg pèv dvak iSev adróc).*
Den historischen Hintergrund des dritten Hymnos (an Artemis) zu beweisen, fallt
schwerer, zumal darin keine expliziten Apostrophierungen ptolemäischer Herrscherpersônlichkeiten begegnen. Trotzdem ist es môglich, den Nachweis zu führen, dass
das Gedicht als Gegenstück zum Apollon-Hymnos und der darin enthaltenen Philadelphos-Hommage konzipiert wurde, was auch den Schluss nahelegt, dass hinter der
Göttin Artemis die Gestalt der Arsinoe II., Schwester und Gattin des Philadelphos, hindurchscheint.® Wie Apollon-Philadelphos dem Hymnosdichter die Stange halt (h. 2.
105-112), so übernimmt auch Artemis-Arsinoe in der Binneninvokation des Hymnos
(V. 136-141) die Rolle einer inspirierenden Muse, und wie derjenige des GeschwisterGottes (h. 2. 50-52), bewirkt ihr Blick gleichermaßen die Fruchtbarkeit von Feld, Vieh
und Haus: oig Sé kev ebpetdrc te Kal Maog adyäoona, / Kelvorg Ed uEV äpoupa qépel
otayvv, eb Se yevéSAn / tetpanddwv, ed 8’ olkog ággerar: (V. 129-131). Diese Stelle steht
am Anfang der Schilderung einer gerechten und glücklichen Stadt (V. 129-135), die mit
einer ungerechten (V. 122-128), die die ergrimmte Göttin mit ihren Pfeilen heimsucht,
kontrastiert. Schließlich mündet die Passage in die Invokation der Göttin (V. 136-141).
Der hesiodische Hintergrund ist wiederum unübersehbar (erg. 225-247: gerechte und
ungerechte Stadt in umgekehrter Reihenfolge). Nimmt man hinzu, dass die Gestalt
gleichgesetzt, dann drängt sich die Identifikation mit dem „Sonnenkönig“ um so mehr auf. Ein Vers bei
Properz (4. 6. 76: Bacche, soles Phoebo fertilis esse tuo) spielt mit der Ambivalenz der Identität Apollons als
Sonnengott oder Musengott, indem die vegetative Wirkung des Sonnengottes (die Reben tragen Frucht
aufgrund des Lichts des Phoibos [abl. causae]) um eine geistige (Die Weinseligkeit bringt dem Musengott
[dat. commodi] reichen Ertrag) ergänzt wird. REED 2000, 322 macht auf die vegetative und kulinarische
Fülle anlässlich des von Arsinoe II. propagierten Adonis-Festes bei Theokrit (14. 112-122) aufmerksam. In
diesem Fall sei das inszenierte Wohergehen durch die herrscherliche Obhut, die über das Fest wie auch die
Fruchtbarkeit des Landes walte, bedingt. Vgl. auch GIGANTE LANZARA 1994, 104-106 und 116 f.
58
Zu demselben durch das verbum simplex ausgedrückten wirksamen Blicken vgl. Pind. I. 2. 18: el$’ AnoMwv
vw [Xenokrates] xöpe t’ 4yhatav (wohlgemerkt, der Akteur ist auch hier Apollon, dessen Blick einen athletischen Sieg bewirkt). Vgl. auch GIANGRANDE 1968, 712-714 (zum emphatischen Sehen als kontextabhängig gut oder böse). Zum unmarkierten, jedoch wirkmächtigen Blick des Gottes in politischem Zusammenhang vgl. Hor.c. s. 65-68 (hymnisch-faktualer Konditionalsatz: Apollon schaut [V. 65: videt] auf die
Altäre auf dem mons Palatinus und damit auf das ganze römische Reich hinab).
59
Zur eingehenden Untersuchung dieser These vgl. meinen Beitrag: Artemis und Arsinoe: Zeitlosigkeit und
Zeitbezug im Artemis-Hymnos des Kallimachos, Hermes 145, 2017, 61-78.
60
Vgl. auch den Blick der Artemis auf die Stadt Magnesia bei Anakreon (fr. 348. 6: ¿oxadopás rólv mit
PETROVIC 2010, 220), der aber hier eindeutig mit ihrem Kultnamen Leukophryene zusammenhángt. Die
vegetative Metapher notpaivets (V. 8) stellt den Versuch dar, die „politische“ Artemis der Stadt Magnesia
mit der ursprünglichen vegetativen Funktion der Göttin, von der letzten Endes auch ihre klassisch-homerische Gestalt rórvia Snpwv herrührt, in Einklang zu bringen. Die Erläuterung der Stelle im Artemis-
Hymnos (V. 129-131) durch PETROVIC 2010 passim mit dem Hinweis auf die hellenistische Wirklichkeit
der ‚Artemis roAıas‘, die mit den traditionellen Eigenschaften der Artemis als ‚Göttin des Draußen‘ legiert
wäre, scheitert an der Tatsache, dass dieselbe Vorstellung neben Apollon (h. 2. 50-52) erscheint, bei dem
kein zeitgenössisches Artemis-Bild mitwirken konnte. Deswegen muss eine gemeinsame Grundlage gefunden werden, die beide Stellen erklärt. Wahrscheinlich geht es auch hier um einen Aspekt der Geschwister-Rivalität zwischen Apollon und Artemis, indem es Artemis auch hinsichtlich der städteschirmenden
Funktion ihrem Bruder gleichzutun versucht. Zu einem ähnlichen Problem (Angleichung ‚Isis-Artemis‘)
vgl. unten Anm. 62.
Vgl. REINSCH-WERNER 1976, 81.
Pagina 18
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)von Arsinoe II. in das Artemis-Portrat hineinspielt, so scheint auch hier hinter dem
göttlichen der königliche Blick auf.” Zudem fällt auf, dass das Verb für ‚blicken‘ (V. 129:
abydoonaı) aus demselben Stamm gebildet ist wie rotavyaois (VII 62 [268. 13]) bei
Diotogenes (vom Blick des Königs).®
Der Ptolemaios-Bezug ist im vierten Hymnus (an Delos) am eindringlichsten und
offenkundigsten ausgeprägt, so dass sich eine ausführliche Besprechung erübrigt. Als
Schlüsselpassage in dieser Hinsicht erscheinen V. 162-195, die eine Prophezeiung des
noch ungeborenen Apollon aus dem Mutterleib der Leto heraus enthält, der von dem
Verweilen auf Kos abrät, da diese Insel einem anderen Gott (V. 165: $edç ¿Moc) vorbehalten sei, der sich im späteren Teil der Rede als Ptolemaios Philadelphos (V. 188: &ooöueve
TIroXgyaie) entpuppt. Die Weissagung selbst, die den Mittelteil der Rede einnimmt, ruht
auf der Parallelisierung von Gott und König vermittels einer geschichtlichen Fiktion auf.
Da Ptolemaios die keltischen Horden des Brennus vernichtet hat (274 v. Chr.), die früher Delphi ausplündern wollten (279 v. Chr.), lässt Kallimachos die beiden diachronen
Ereignisse in einer synchron-paradigmatischen Konstruktion aufgehen, die Apollon und
Ptolemaios als Verbündete und Mitkämpfer gegen die Galater schildert.
Was also Kallimachos anbelangt, hat sich aus der Untersuchung ein Dreifaches ergeben: (1) Den Hymnen wohnt eine ähnliche zeitpolitische Tendenz wie auch den Aitien
inne. Während sich aber in den Aitien ein teleologisches Denken abzeichnet insofern,
als die ptolemäische Gegenwart aus der Vergangenheit heraus erklärt wird und die Gegenwart am Ende den Blick auf die Zukunft, Berenikes Vergöttlichung, freigibt, zeigen
die Hymnen die besungenen Götter als eine beständige, dem zeitlichen Wandel nicht
unterworfene Größe auf. Demgemäß werden sowohl die Ptolemäer von Alexandrien als
auch die Götter des Olymp als durch die Zeiten hindurch unentwegt wirkende Mächte
dargestellt. (2) Aus dieser Perspektive folgt die Möglichkeit der literarischen Schilderung. Kallimachos wählt Momente aus, mit deren Hilfe Gott und König hinsichtlich
62 Die Symbolik der Königsaugen kann auch durch die ikonographische Darstellung der Ptolemäer Bestätigung erfahren, in der die Augen sehr groß gezeichnet werden. Vgl. KOENEN 1993, 27 mit Hinweis auf
Berenike II. („She has large eyes as the Ptolemies usually do, thus expressing her superhuman nature“)
und MÜLLER 2009, 347 unter Bezug auf den von Ptolemaios und Arsinoe IL. vertretenen ,leoninen' Typus
(„Das große Auge deutet Strahlkraft, Weitsicht und göttliche Nahe an“) (Münzenbilddarstellung auf 452).
ERLER 1987, 35 will die fruchtbringende Eigenschaft der Artemis (das Motiv des Blickes lässt er dabei außer
Acht) über die Isis-Gestalt erklären, die in der ägyptischen Religion der Königin gleichgesetzt wurde und
von Haus aus für vegetatives Gedeihen zuständig war (daher wurde sie nach der interpretatio Graeca mit
Demeter identifiziert). Aber diese Motivation muss als sekundär betrachtet werden, zumal dieselbe Assoziation mit Apollon verbunden vorkommt (h. 2. 50-52), der doch nichts mit Isis zu tun hat. Vgl. auch FANTUZZI-HUNTER 2004, 351-355, die zum griechisch-ägyptischen Synkretismus von Artemis, Demeter und
Isis den dritten Isis-Hymnos des Isidoros (1. Jhd. v. Chr.) heranziehen. Zwar liegt dieses Gedicht Kallimachos zeitlich fern und ist wohl sogar von seiner Hymnendichtung abhängig, wird daran klar, wie Hesiods
(theog. 81-93) und Homers (t 109-114) Vorstellung vom guten Konig weiterwirkt. Hier wird allerdings der
König dem Gott unterstellt und nicht — wie bei Kallimachos — gleichgesetzt. FANTUZZI-HUNTER 2004,
354 sprechen zu Recht von einer Angleichung der Machtbefugnisse der Artemis an diejenigen des Zeus.
63 Da die Wurzel *ady- etwas Leuchtendes bedeutet, kommt in der Etymologie des Wortes die Gleichheit
von Sehen/Auge und Licht schön zum Ausdruck (vgl. CHAINTRAINE 1968, 137 s.v. abyr) und unten das
semantisch verwandte lumen bei Cicero). Dasselbe Verb, auf die göttliche Strafaufsicht bezogen, ist bei
Kallimachos in fr. 85. 15 (Aktivform) belegt. Vgl. oben Anm. 48.
Pagina 19
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)ihrer Interessen oder Taten miteinander parallelisiert werden. Wir haben aus diesem
Reservoir Beispiele gesehen, die vor Augen führen, wie viel Kallimachos vor allem in
seiner Hymnendichtung über literarische Einfliisse hinaus einer philosophisch-pythagoreischen Tradition“ verdankt.“ (3) Schließlich folgt aus diesem letzteren Punkt, dass
jene angeblichen Zugeständnisse, die Kallimachos gerade bezüglich des Königsbildes
an die altägyptische Tradition zu machen scheint, sich restlos aus der griechischen
Überlieferung erklären.“
6. Abschluss und Ausblick: Cicero und die Vergöttlichung der Staatsmänner
Es wird nicht ohne Nutzen sein, auch einen lateinischen Schriftsteller in Augenschein
zu nehmen, der sich anscheinend der pythagoreischen Lehre vom Königtum angenommen hat. Cicero, der in den früheren Büchern seiner Schrift De republica stellenweise auf
die Gottesnähe des Staatmanns hinweist,” lässt im Somnium Scipionis, der Abschlusspartie des letzten, sechsten Buches, den alten Scipio Africanus seinem staunenden Enkel Scipio Aemilianus die Lehre von der Vergöttlichung der Staatsmänner vortragen:
nihil est enim illi principi deo, qui omnem mundum regit, quod quidem in terris fiat acceptius,
quam concilia coetusque hominum iure sociati, quae civitates appellantur; harum rectores
et conservatores hinc profecti huc revertuntur (6. 13). Hier mussten an der alten monarchischen Theorie naturgemäß einige Abstriche vorgenommen werden, um sie mit der
64
In anderem Zusammenhang nimmt auch ASPER 1997, 75-94 einen pythagoreisch-mysterienreligiösen
Hintergrund für die Weg- und Wagen-Metaphorik des Aitien-Prologs (fr. ı. 25-29) an. Was bei ihm pythagoreische äkoboyata, orphische Texte und hellenistische iepoi Aöyoı leisten, leisten in unserem Fall
neupythagoreische Traktate (Diotogenes, Ekphantos oder ihre Vorlagen).
65
Zwarhaben HUNTER und FUHRER (2002, 168) Recht, als sie behaupten: „Ihe analogy between the master
of Olympus and the great king on earth became a commonplace of Hellenistic kingship theory“, und dazu
neben der hellenistischen politischen Theorie auf Hesiod und Pindars erste pythische Ode verweisen,
aber der Begriff commonplace ist irreführend, zumal er etwas ohne weiteres sich zu Verstehendes bedeutet,
auf das man nicht einzugehen braucht. Im Gegenteil legt Kallimachos starke Akzente auf diesen Gedanken
und arbeitet ihn sorgfältig aus, was zeigt, dass ihm viel daran gelegen ist. Dieser Einwand trifft auch auf
REINSCH-WERNERS (1976, 81) Aussage zu: „Die magische Fertigkeit, durch einen Blick Glück oder Unglück zu bewirken, ist nicht nur der Artemis eigen, sondern so vielen Göttern, daß man von einem Topos
sprechen kann, der als Symbol für die göttliche Macht gilt“ Das übermäßige Rekurrieren auf verbreitete
Vorstellungen und Topoi läuft Gefahr, zu übersehen, mit welchem Ziel der Dichter einen bestimmen Topos eingesetzt und wie er ihn darauf hin abgewandelt hat.
66
Vgl. MERKELBACH 1981, 32 und BING 1988, 132 f. (der König als Apollon-Horus im Delos-Hymnos) mit dem
Fazit: ,Thus, in his story of Delos, Callimachus once again disposes his myth in such a way that it is
meaningful both from the standpoint of Egyptian kingship practices as well as from Greek perspective (138).
Zur Ähnlichkeit der beiden Kulturen in puncto Göttlichkeit des Herrschers und damit verkiipfter XvaranahVorstellungen vel. auch HERZ 1996, 31-37, vor allem 34 £ Statt aber mit KOENEN 1993, 81 von einer griechischen
Oberflache mit agyptischem Substrat zu sprechen, wiirde ich an einem griechischen Wesenskern
So ist es geratener, statt auf die Hellenisierung ägyptischer Vorstellungen vielmehr
festhalten.
auf einige punktuelle Berührungen beider paralleler Kulturen abzuheben. Die Homogenität der griechischen
Tradition beziiglich des
Herrscherbildes akzentuieren auch ASPER 2001, 103 (2004, 18-20) und MÜLLER 2009, 210.
67
Dere publ. 1.7. 12: neque enim est ulla res in qua propius ad deorum numen virtus accedat
humana, quam civitafis auf condere novas aut conservare iam conditas. Zum Zusammenhang der Vergöttlichung des
10. 17-20) mit der Eschatologie des Somnium vgl. BÜCHNER 1976, 25.
Romulus (2.
Pagina 20
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)republikanischen Gesinnung vereinbar zu machen: Es heißt nicht reges, sondern rectores
et conservatores, die civitates sind iure sociati,* und es ist nicht zu leugnen, dass die Gottesnähe der principes rei publicae mit der platonischen Lehre der Unsterblichkeit aller
Seelen verbrämt wird,‘ aber dies ändert nichts an der Tatsache, dass hier eine klassische
Metempsychose der Staatsmänner, die von Gott kommen und zu Gott zurückkehren,
ins Auge gefasst wird. Zudem hebt Cicero auch das Einvernehmen (acceptius) zwischen
Gott (principi deo) und den rectores et conservatores und die daraus resultierende Symmetrie in ihrem Aufgabenbereich hervor: Wie Gott die Welt, so regiert der Staatsmann
die civitates, was der Grund ist, sie beide principes nennen zu dürfen.
Die Quellen dieser im Werk Ciceros einzigartigen Lehre sowie die des gesamten
Somnium (die nicht weniger sonderbare Kosmosschau und Ruhmentwertung mit einbegriffen) waren lange Zeit heiß umstritten. Inzwischen hat man die These poseidonischen
Einflusses, die in NORDEN einen sehr eloquenten und autoritären Verteidiger gefunden
hat,” aufgegeben, und Platon,” dann Aristoteles” als Gewährsmann vermutet. BOYANcE gebührt aber das Verdienst, den Rückgriff auf Pythagoras erwiesen zu haben, der
sich vor allem in der führenden Rolle der Sonne im Planetensystem (6. 17),” der Sphärenharmonie (6. 18 f.), und nicht zuletzt der Göttlichkeit der Wohltäter der res publica
bekundet”. Er weist sogar namentlich auf die beiden Neupythagoreer Diotogenes und
Ekphantos (sowie auf Sthenidas) hin,* und umgekehrt kommt im Kommentarteil der
Standardausgabe dieser Traktate von DELATTE die Cicero-Stelle (6. 13) als Beleg vor.”
Zwei ergänzende Anmerkungen sind hier noch angebracht, die den pythagoreischen
Einfluss bei Cicero nachzuweisen vermögen. Nachdem Ekphantos die Erprobung des
Königs angesichts des Göttlichen mithilfe des Sonnengleichnisses beschrieben hat, fügt
er hinzu, dass die Unfähigkeit, in die Sonne zu schauen, die Untauglichen bloßstellt:
pappapvyai te yap roMai Kai oKorodiviägeıg wo ¿q toc ÖYvelov EmBavtac Tos vódoS
äntAeykav (VII 64 [273. 6-8]: „Die vielen Blendungen und Schwindel haben die Unech-
68 Vel. De re publ. 1. 25. 39 (coetus multitudinis iuris consensu et utilitatis communione sociatus).
69 Vgl. De re publ. 6. 24-28 mit BUCHNER 1976, 76-81. Vgl. allerdings BOYANCE 1936, 146 mit Hinweis auf de
leg. 2. 11. 27 £, wo zwischen animi immortales (platonische Seelenlehre) und divini (gôttliche Erwählung)
unterschieden wird.
70 NORDEN 1913, 24-27, 99, 105-107 sowie ders. 1927°, 24. Dagegen vgl. bereits BOYANCE 1936, 173.
71 HARDER 1929, Sf. (= 119 f.) und 8 f. (122 £.).
72
BÜCHNER 1976, 52-58.
73 BOYANCE 1936, 102-104. Man beachte die Formulierung: Sol ... dux et princeps et moderator luminum
reliquorum, mens mundi et temperatio. Vgl. auch meine obigen Bemerkungen zur solaren Metaphorik
(Anm. 34) und zu Kall. h. 4. 170.
74 BOYANCÉ 1936, 105-107. Vgl. auch BÜCHNER 1976, 69 f. Wohlgemerkt, hier wird auch die Abbildung der
Sphärenharmonie durch Musik sowie die Rückkehr der (pythagoreischen) Musiker und anderer cogoi, als
einer umfassenden Kategorie Jeiwv ävôp&v, in die himmlischen Ränge erwähnt: quod docti homines nervis
imitati atque cantibus aperuerunt sibi reditum in hunc locum, sicut alii, qui praestantibus ingeniis in vita humana
divina studia coluerunt (18).
75 BOYANCE 1936, 144 (auch im hellenistischen evepy&tng-Kult sieht er eine Folge griechischer philosophischer Traditionen). Zum pythagoreischen Einfluss im Somnium vgl. auch FESTUGIERE 1946, 371 (Milchstraße als Heimstatt der Seelen) sowie RONCONI 1966’, 26, 78 und 104.
BOYANCE 1936, 143 f. nebst 144 Anm. 6.
77 DELATTE 1942, 143 (mit Hinweis auf Empedokles und Pindar).
Pagina 21
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)ten enthüllt, die sich zu einer äußersten Höhe aufschwangen“). Diese Stelle könnte auf
Cicero gewirkt haben, der die Ohnmacht der Sterblichen, die pythagoreische Sphärenmusik wahrzunehmen, mit einer ähnlichen visuellen Metapher verdeutlicht: (...) sicut
intueri solem adversum nequitis, eiusque radiis acies vestra sensusque vincitur (6. 19). Weiterhin ist auf die Stelle am Anfang der Traumunterredung zu verweisen, an der der altere
Scipio im Vorgriff auf die seinem Enkel bevorstehenden Unbilden des Schicksals eine
Mahnung und eine Verheißung an ihn richtet: hic tu Africane ostendas oportebit patriae
lumen animi ingenii tui consiliique. (...) in te unum atque in tuum nomen se tota convertet
civitas, te senatus, te omnes boni, te socii, te Latini intuebuntur, tu eris unus in quo nitatur civitatis salus (...) (6. 12). Hier wird mit der Metapher des Lichts und des Blicks operiert,
und zwar so, dass einerseits Scipio als Staatsmann das von innen her (animi) kommende
heilsame Licht (lumen) vermittels des feierlichen Trikolons animi ingenii tui consiliique
zugeschrieben wird,” andererseits die Bewunderung der Menschen gegeniiber Scipio
durch das visuell gepragte intuebuntur zum Ausdruck kommt (mit mehrfacher Anapher
des tu-Pronomens in hymnischem Stil).
Noch ein abschließendes Wort zum Ton des gesamten Somnium Scipionis: Der Charakter der Scipio-Rede, der zwischen Zuspruch, Ermutigung und Mahnung schillert, ist
durch die dramatische Situation vorgegeben und durch den ganzen Abschnitt hindurch
bewahrt. Gegen das Ende liest man die rhetorisch hôchst wirksame Aufforderung des
Alten an den Jungen, die für das Ganze stehen könnte: hanc [sc. vim animi] tu exerce in
optimis rebus! sunt autem optimae curae de salute patriae, quibus agitatus et exercitatus animus velocius in hanc sedem et domum suam pervolabit, idque ocius faciet, si iam tum, cum erit
inclusus in corpore, eminebit foras, et ea, quae extra erunt, contemplans quam maxime se a
corpore abstrahet (29). Dieser paränetische Ton ist eine durchgängige Charakterisik, die
die behandelten Texte von Pindars Olympie 2 über den Zeus-Hymnos des Kallimachos
bis zu den neupythagoreischen Fragmenten prägt.
Als Schlussfazit ergibt sich, dass die Parallele von Gott und König in der griechischen Tradition einige Aspekte (Herkunft und Rückkehr zu Gott, Lichtmetaphorik,
Blick und Auge, Fruchtbarkeitsbezug) aufweist, die eine bemerkenswerte Kontinuität
78
Zum metaphorischen lumen vgl. Philipp. 2. 37, 54; 5. 39 (die beiden letzteren von Pompeius) und Lael. 27.
100 (lumen auch hier mit ostendere).
79
Zu einer ähnlichen Vorstellung vgl. de imp. Cn. Pomp. 14. 41: Itaque omnes nunc in eis locis Cn. Pompeium
sicut
aliquem non ex hac urbe missum, sed de caelo delapsum intuentur. (...) Nunc imperi vestri splendor illis gentibus
lucem adferre coepit. Hier sind splendor und lux mit der Gottähnlichkeit des Pompeius (de caelo
delapsum)
verbunden und mit sideraler Bildlichkeit angereichert, als ware er ein vom Himmel herniederfahren
der Komet. Der verbale Ausdruck fiir das staunende Anschauen des Volks ist derselbe ( intuentur)
wie im Somnium.
Vgl. auch Hor. carm. 4. 14. 41-44 (te [Augustus] Cantaber non ante domabilis / Medusque et Indus,
te profugus
Scythes / miratur, o tutela praesens / Italiae dominaeque Romae). Sowohl miratur als auch tutela
tragen das
Geprage der visuellen Metaphorik. Auch der Nachruf auf Romulus als anonymer Kommentar
der Romer bei
Ennius ist zu vergleichen (fr. 61 [105-109] SKUTSCH: o Romule, Romule die, / qualem te patriae
custodem di genuerunt! / O pater o genitor o sanguen dis oriundum, / tu produxisti nos intra luminis oras.
/ Romulus in caelo cum
dis genitalibus aevum / degit). SKUTSCH 1986, 260 ad 109 vergleicht sehr treffend auch Pind. O. s. 14
(Psaumis
aywv és páos tovde Sauov dotwv). ZIEGLER 1966, 66 f. hält die Ennius-Passage für
einen „Ableger“ der vom
zeitgendssischen Herrscherkult geprägten Kônigs-Enkomien der (sonst verlorenen)
historischen Epik des
Hellenismus, aber die Motivik ist viel alter, wie wir gerade gesehen haben.
Pagina 22
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)zeigen. Sowohl die griechische als auch die lateinische Uberlieferung bei Cicero hat den
notigen Fingerzeig gegeben, den Ursprung des Gedankens (vor allem der Metempsychose und der visuellen Metaphorik) in der pythagoreischen Lehre über das Königtum
zu vermuten. Jene Form der Doktrin, die die Neupythagoreer Ekphantos und Diotogenes bewahrt haben, lief sich bis in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. hinauf (bis
Empedokles und Pindar) verfolgen. Die pythagoreische Lehre dürfte sich aber solcher
Vorstellungen bedient haben (göttliches Königtum, Fruchtbarkeitsbezug), die bereits
Homer und Hesiod in festen Kontexten und zum Teil formelhaften Wendungen festgehalten hatten, und in denen sich indoeuropäisches Erbgut widerspiegeln könnte.
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