Mostra testo completo7 pagine
Pagina 1
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)AYRE
KEN AR À “ |
Istvan M. Bodnar, Budapest
Deh
Die folgenden Ausführungen befassen sich hauptsächlich mit der Wechselwirkung zwischen Philosophie und Wissenschaften in den beiden wichtigsten philosophischen Schulen Athens: in der Akademie und im Peripatos. Vielen Lesern
wird das, was ich zu sagen habe, sicher als Darstellung eines offensichtlichen
Zusammenhangs erscheinen. Dennoch muss ich auf einige Einzelheiten eingehen,
die den Ort der marhematischen Wissenschaften im Curriculum der Schule Platons und später im Forschungsprogramm der Akademie und des Peripatos betreffen. Dies erscheint erforderlich, weil es seit dem berühmten Verdikt Otto Neugebauers, Platon habe nichts zum mathematischen Wissen beigetragen,! wachsende
Zweifel daran gegeben har, wie viel mathematisches Wissen wir Platon und und
den anderen Mitgliedern der Akademie zuschreiben können.” Im Gegensatz zu
dieser einflussreichen Auffassung, werde ich die Ansichr verteidigen, dass die
Akademie nicht ausschließlich eine philosophische Schule war und dass die
Zeugnisse, denen zufolge die dort durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen unter philosophischer Leitung standen, wichtige Aspekte der Armosphäre einer gemeinsamen intellektuellen Unternehmung einfangen. Es bedarf keiner
Erwähnung, dass ich zu diesem Zweck die philologischen Argumente nur in ihren
Grundzügen darstellen kann. Gegen Ende meiner Ausführungen werde ich, auch
wenn es manchen Lesern als verfrüht erscheinen mag, zu einigen vorläufigen
Schlussfolgerungen übergehen.
1.
Jede Erklärung des Wechselspiels zwischen Wissenschaft und Philosophie in der
Akademie sollte zunächst das Inventar der Entwicklung von Philosophie und
Wissenschaften in den vorangegangenen Jahrhunderten aufnehmen. Hier ist
gewiss nicht der Ort, einen Gesamrüberblick zu bieten. Start dessen möchte ich,
tn
L
»His [Plato's] own direct contributions to mathematical knowledge were obviously nil.
That, for a short while, mathematicians of the rank of Eudoxus belonged to his circle is
no proof of Plato’s influence on mathematical research« (Neugebauer 1969, 152).
S. z.B. Alan Bowen, der sich gegen frühere Versuche wendet, einen Einfluss der Eudoxischen Himmelstheorie auf den späten Platon zu schen, (Bowen 2001, 806-839) und
Zhmud 2006, Kap. 3: »Science in the Platonic Academy«, 82-116.
Pagina 2
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)als Einleitung, lediglich einige Aspekte hervorheben, die die parallele Entwicklung, die Wechselwirkung und den sozialen und institutionellen Hintergrund von
andere Weise, ebenfalls für die Platonische Akademie kennzeichnend, wie ich
weiter unten bei der Verteidigung der traditionellen Auffassung zeigen möchte.
Wissenschaft und Philosophie betreffen.
Was an der frühen griechischen Philosophie am meisten hervorsticht, ist die
fast kaleidoskopische Vielfalt von Zwecken, Zielsetzungen und Methoden, die
2.
dieses intellektuelle Unternehmen kennzeichnen - wenn wir überhaupt berechtigt
sind, von einem solchen Unternehmen im Singular zu sprechen, start die verschiedenen und miteinander konkurrierenden Philosophiebegriffe, die wir vorfinden,
im Plural zu präsentieren. Besonders herauszuheben sind hier zwei Schulen: die
Schule der Pythagoreer und die der Eleaten. Im Unterschied zu anderen Gestalten
in der griechischen Philosophie haben sowohl die Pythagoreer als auch die Eleaten intellektuelle Gemeinschaften gebildet. Im Fall der Pythagoreer mit ihrer
angeblich fast sprichwörtlichen Verschwiegenheit ist das offenkundig. Von Ähnlichem ist im Fall der Eleaten nichts zu hören, obwohl es doch, bedenkt man die
Abweichung der Schüler von ihren Lehrern bei anderen intellektuellen Nachfol-
Im folgenden werde ich zunächst einen Zugang wählen, der eher indirekt wirken
könnte. Vor einer Bewertung der Zeugnisse zur Akademie möchte ich diskutieren, was wir über die Aktivitäten der Akademie aus den Schriften des Aristoteles
lernen können, der zwanzig Jahre lang, von seinem 17. bis zum 37. Lebensjahr,
an der Akademie tätig war. Da die Werke des Aristoteles die unter denen der
Schüler Platons am besten erhaltenen sind, dürfen wir hoffen, in ihnen einige
Hinweise auf den Unterricht und die sich daraus ergebenden wissenschaftlichen
Forschungsaufträge zu finden, die Aristoteles während der zwei Jahrzehnte an
Platons Schule erhielt.
An erster Stelle sind hier die wiederholten und unerbittlichen Kritiken zu nengeverhältnissen, bemerkenswert ist, wie sehr sich Zenon mit der Verteidigung der
Ansichten des Parmenides zufriedengab und wie behutsam Melissos einige wenige
- allerdings größere — Veränderungen an den Parmenideischen Lehren einführte,
nen, die Aristoteles an den Lehren Platons und seiner Anhänger übte, besonders
an Speusipp, der Platons Neffe und Nachfolger als Leiter der Akademie war.
Aristoteles bezichtigt Speusipp unentwegt, Mathematik (oder eine Theorie oder
offenkundig eher, um ihre Kohärenz insgesamt zu erhöhen, als in der Absicht,
Ontologie der Mathematik) mit Philosophie zu verwechseln. Ähnliche Bemerkungen fallen auch iiber Platons andere Schiiler. Dies zeigt, dass beide Facher in
einen unabhängigen Gedankengang zu entwickeln. Es ist ebenfalls bemerkenswert, dass diese beiden philosophischen Schulen sehr nah beieinander in der so
der Akademie diskutiert worden sein miissen, anderenfalls hatte es keinen Anreiz
genannten Magna Graecia tätig waren, in Süditalien und in Sizilien. Neben den,
gegeben, die cine für die andere zu halten (oder die Prinzipien der einen für die
irgendeine Art von Wechselwirkung oder sogar Verwandtschaft nahelegenden
der anderen). Das allein könnte ausreichen, um manche zu überzeugen. Dennoch,
Spuren des pythagoreischen Einflusses auf das eleatische Denken könnten sich,
seit kürzlich dafür argumentiert wurde, dass die Akademie unter Ausschluss der
wie Hermann Diels vor über hundert Jahren betont hat, die institutionellen Ähnlichkeiten auch durch die örtliche Nähe erklären: Gegenüber der pythagoreischen
Schule mussten die Eleaten ähnliche institutionelle Rahmenbedingungen übernehmen, um im Wettbewerb um begabte junge Studenten mithalten zu können,
die später geeignete Kollegen sein würden (Diels 1887, 247 f.).
Obwohl Sokrates und die Sophisten auf jeweils unterschiedliche Weise cbeneigentlichen Mathematik nur an der Philosophie der Mathematik interessiert war,
falls Horden von heranwachsenden Athenern mehr oder weniger dauerhaft anzosagt, dass die zuvor die verschiedenen Formen der Proportion - Proportionen
zwischen Zahlen, Linien, Volumina und Zeiten - voneinander unabhängig pargen, können wir in ihrem Fall nicht von der Organisation einer echten Schule
sprechen: Weder Sokratische Unwissenheit und wiederholte radikale Überprüfung von Lebensweisen noch die umherziehenden Sophisten mit ihren intellekruellen One-Man-Shows gestatteten systematische Forschung innerhalb eines institutionellen Rahmens. Pythagoreer und Eleaten, die beiden frühesten Schulen, sind
aus der Sicht der Akademie auch deshalb besonders wichtig, weil Platon offenbar
für die Form seiner Schule durch das inspiriert wurde, was er bei Besuchen der
pythagoreischen Freunde in Sizilien sah und hörte. Das wenige, was wir über die
Pythagoreer wissen, zeigt uns, dass sie mathematische Unterweisung und Forschung in die philosophischen Lebensweise integrierten.” Das war, auf etwas
3
Zu beachten ist die verschiedene Reihenfolge von Initiation und Unterweisung - Platon
wird behaupten, dass die mathematischen Studien nach oben zur ihnen übergeordneten
Dialektik führen, durch die man die tiefsten philosophischen Einsichten gewinnt.
könnten wir einen Blick darauf werfen, über welches mathematische Wissen
Aristoteles verfügte, wobei wir annehmen, dass er es zur Gänze oder zumindest
zum größten Teil während der prägenden Jahre an der Akademie erworben hat.
Das wichtigste Lehrstück, das erwahnt wird, ist die neue Theorie der Proportionen, auf die sich Aristoteles in Analytica posteriora 1 5 bezieht. Aristoteles
allel behandelt wurden und dass ein Theorem, das auf alle diese unterschiedlichen Formen der Proportion anwendbar sein sollte, für jeden Bereich einzeln
bewiesen werden musste. Aristoteles fügt dann hinzu, dass die neue Theorie der
Proportionen ein solches Vorgehen in mehreren Schritten überflüssig mache, da
es durch einen allgemeinen Beweis ersetzt worden sei (vgl. auch An. post. L 24,
85a36-b1). Streng genommen könnte diese Aussage auf alle möglichen Theorien
der Proportionen zutreffen und nicht nur auf die Theorie des Eudoxos, andererseits müsste man sich schon sehr zwingen, irgendeine andere geeignete Proportionstheorie als Kandidatin zu benennen, die Aristoteles hier vor Augen gehabt
haben könnte. Im vorliegenden Zusammenhang ist es jedoch beinahe unerheblich, auf welche Theorie der Proportionen sich Aristoteles bezieht, da es weit
wichtiger ist, dass Aristoteles ein Bewusstsein besitzt für die unterschiedlichen
Beweisverfahren und für den allgemeinen Fortschritt von einer früheren Merhodologie zu neuen Entdeckungen. Es ist sicher kein Fortschritt in der Philosophie
Pagina 3
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)261
oder Ontologie der Mathematik, von dem Aristoteles berichtet, sondern cher ein
Fortschritt in den mathematischen Verfahren selbst.
Der andere größere Bereich mathematischer Forschung, auf den wir in Aristo-
Fortschritt mathematischer Forschung interessiert war, ohne weiteres Zugriff
auf seine wichtigen mathematischen und astronomischen Entdeckungen haben.
Nach diesen allgemeinen Erwägungen sollten wir uns dem zuwenden, was Ariteles’ Werk stoßen, ist die Astronomie. Wie er in Metaphysik XII 8 ausdrücklich
stoteles uns über Eudoxos mitteilt. Das erste, noch nicht mathematische oder
astronomische Zeugnis finder sich in der Nikomachischen Ethik, im zweiten
sagt, legt Aristoteles die astronomischen Systeme von Eudoxos und Kallippos
zugrunde. Da Eudoxos mehr als einmal in dieser Diskussion auftaucht, sollten
wir uns einen Überblick darüber verschaffen, welche Belege es für seine Verbindung zur Akademie gibt, bevor wir erschließen, welche Kenntnis Aristoteles von
seinem Werk besaß.
Die Verbindung zwischen Eudoxos und der Akademie muss genau geprüft
werden, weil inzwischen, im Unterschied zum früheren Verständnis der biographischen Berichte, häufig bezweifelt wird, dass Eudoxos überhaupt an der
Akademie tätig war. Wir erfahren, dass er einige Zeit in Athen verbracht habe
und dass seine Schüler für eine gewisse Zeit an der Akademie geblieben seien,
nachdem er in seinen Geburtsort Knidos zurückgekehrt sei. Das legt nahe, dass
er an den Debatten und Untersuchungen der Akademie nicht als gelegentlicher
Kapitel des zehnten Buches. Dort wird von Eudoxos gesagt, dass er eine wichtige,
metaphysisch aufgeladene Theorie des Wertes vertrete, die eine ethische Lehre
untermauere. Auch wenn es nicht völlig auszuschließen ist, so erscheint es doch
als ungerechtfertigt anzunehmen, dass Aristoteles von dieser Lehre nur durch
indirekte Vermittlung nach dem Tod des Eudoxos erfahren haben sollte. Wenn
Aristoteles jedoch Informationen zu ethischen Überlegungen des Eudoxos aus
erster Hand gehabt haben konnte, dann haben wir keinen Anlass zu bezweifeln,
dass ihm auch zu den mathematischen Forschungsergebnissen Informationen aus
erster Hand zugänglich waren.’
.
Nach dem wir das Aristotelische Zeugnis zur Eudoxischen Theorie der Werte
betrachtet haben, besteht der nachste Schritt darin, zu bestimmen, wann Aristote-
Gast teilgenommen hat, sondern in der Rolle von jemandem, der eine gewisse
les die von Eudoxos formulierte Theorie der Himmelsbewegungen kennengelernt
Form der regelmäßigen Verbindung pflegte - oder würden wir von einem gelegentlichen Gast erwarten, dass er ein ganzes Gefolge seiner eigenen Schüler
haben kann. Da ich hier nicht ins Detail gehen kann, bleibt mir nur, dogmatisch
mitbringt und dann abreist? Wir erfahren, dass er von Platon nach dessen Tod
nur mit Ausdrücken der tiefsten Ehrfurcht gesprochen habe. Und wir erfahren
auch von einer Debatte zwischen Menaichmos, einem Schüler des Eudoxos,
und Speusipp und Amphinomos über den Status mathematischen Wissens.
Wenn es nicht zutrifft, dass »die Debatte keine historische Tatsache, sondern
das Produkt des (Proklos’schen) Verständnisses eines latenten Unterschieds in
zwei akademischen Theorien des geometrischen Beweises« ist*, dann ist diese
Information äußerst wertvoll, weil sie zeigt, wie sehr die Schülerschaft oder,
wenn man so will, die »Schule: des Eudoxos in der Lage war, bei Begegnungen
mit Mitgliedern der Akademie intellektuelle Integrität zu bewahren.
All dies legt nahe, dass nicht die besondere Form der Verbindung hier wichtig
ist, sondern vielmehr hervorgehoben zu werden verdient, dass Eudoxos und
seine Schüler sich offenbar, in welcher institutionellen Form auch immer, an
einem kontinuierlichen Dialog init Platon und seinen Schülern beteiligten. Das
war nichts Ungewöhnliches. Athen war zu dieser Zeit das unbestrittene intellektuelle Zentrum Griechenlands — man erinnere sich an Platons fiktive Dialoge
zwischen Parmenides und Zenon, die nach Athen reisen und hier, umgeben von
einem sehr exklusiven, kleinen Zuhörerkreis, den jungen Sokrates treffen; oder
an andere Dialoge, die verschiedene geistige Größen und ihre Anhänger darstelzu behaupten, dass Versuche, in der Aristotelischen Schrift De caelo die eher
technischen Bemerkungen in II 12 (als spätere Hinzufügungen) vom Rest dieses
Werks abzutrennen, nicht überzeugend sind. Die dort vertretene Theorie liegt auf
derselben Linie wie die vorangehenden Kapitel des zweiten Buchs von De caelo.
Gleichzeitig gibt es einen auffalligen Unterschied zwischen dem System der homozentrischen Sphären, das hier vertreten wird, und dem System in Metaphysik
XII 8. Das legt nahe, dass die Metaphysik-Passage tatsächlich eine spätere Hinzufügung zur allgemeinen Untersuchung der Prinzipien der Substanz ist. Diese beiden Kapitel, eines sehr früh und eines sehr spat verfasst, belegen mithin, dass
Aristoteles sich sein ganzes Leben lang für die Entwicklung der theoretischen
Astronomie interessiert hat.f
Aber es spricht noch mehr für Aristoteles’ Interesse an Astronomie als nur diese
beiden Kapitel mit ihren leicht unterschiedlichen Versionen der Theorien homozentrischer Sphären. Aristoteles berichtet von zwei astronomischen Beobachtungen, die er selbst gemacht hat. Die erste finder sich im gleichen Kapitel von De
5
Einwand: Platon kennt das Eudoxische System der homozentrischen Himmelssphären,
das nicht einmal in den Nomoi auftaucht, anscheinend nicht. Und es gibt auch keinen
len. Es war nicht außergewöhnlich, weder von Aristoteles noch von Eudoxos
noch auch von den Schülern des Eudoxos, nach Athen zu fahren und sich am
Hinweis darauf in der späteren pseudo-platonischen Schrift Epinomis (einem Anhang
zu den Nomoi). Dieser Einwand ist allerdings nicht überzeugend: Die Schrift Epinomis
intellektuellen Austausch hier zu beteiligen. Da es keinen Zweifel daran gibt,
dass Eudoxos mehrmals nach Athen gereist ist, konnte eine Schule, die am
muss keinesfalls moderner sein als die Platonischen Dialoge, die sie imitiert, es sind.
6
4
So formuliert Alan Bowen (1983, 15) die aus seiner Sicht weniger attraktive Deutungsmöglichkeit.
Und Platon, der Dialoge schrieb, musste nicht die neuesten Forschungsergebnisse zusammentragen, wenn er ein Gespräch zwischen Rednern wiederzugeben beanspruchte,
die keine Experten in mathematischer Astronomie waren.
Auf Aristoteles’ metaphysischem Gebrauch der theoretischen Astronomie kann man
Theophrasts Bemerkung in seiner Metaphysik über die Grenzen des Beitrags der Astronomie zur Untersuchung der ersten Prinzipien beziehen (vgl. Theophr. Metaph. 9b24-
Pagina 4
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)263
caelo, das die verschachtelten Sphären von Eudoxos beschreibt”. Aristoteles teilt
es ihm erlaubte, die spektakulärsten Beobachtungen mitzuverfolgen, wenn sie
mit, dass er selbst beobachtet hat, wie der Mars vom aufgehenden Mond im ersten
sichtbar waren. Ähnlich kann man argumentieren, dass Aristoteles, wenn er die
in De caelo beschriebene Beobachtung nur später in Pella gemacht hat oder als er
Viertel bedeckt wurde, Für diese Beobachtung gibt es vier mögliche Zeitpunkre
zwischen dem Jahr 380 und dem Jahr 320 v. Chr.: 20. Marz 361, 4. Mai 357 und
24, Juni 340 v. Chr‚? Zur Zeit der ersten beiden Okkultationen war Aristoteles
Student oder junges Mitglied der Akademie. Im Jahr 340 hielt er sich höchstwahrscheinlich am makedonischen Hof in Pella auf und im Jahr 336 in seiner
Heimatstadt Stagira. Offenkundig sind die wahrscheinlicheren Daten für diese
Beobachtungen die ersten beiden: Die Beobachtung, auf die Aristoteles sich bezieht, erforderte die Anleitung durch einen Experten.? Es ist am einfachsten anzunehmen, dass Aristoteles auf die bevorstehende Okkultation von jemandem
hingewiesen wurde, der regelmäßig Beobachtungen durchführte und zumindest
über ein Verfahren verfügte, das es erlaubte, die Planetenbewegungen für kürzere
Zeiträume im Voraus zu bestimmen. Diese Folge von Beobachtungen erforderte
keine Eudoxische Theorie. Wenn wir die pessimistischsten Einschätzungen der
Reisen des Eudoxos nach Athen annehmen wollen, hielt er sich nicht einmal
zwischen den Jahren 367 v. Chr. und 350 v. Chr. in Athen auf. Wenn die Okkultation, von der Aristoteles spricht, entweder diejenige des Jahres 361 oder die des
Jahres 357 v. Chr, ist, dann muss Aristoteles von einer kontinuierlichen Sammlung der Ephemeriden, d.h. der Planetenpositionen, Gebrauch gemacht haben, die
schon in Stagira war, höchstwahrscheinlich selbst das Forschungsprojekt, das
auch beobachtende Astronomie enthielt, an diese (zumindest intellektuell) provinzielleren Orte aus Athen mitbrachte, und zwar höchstwahrscheinlich aus der
Akademie.
!®
Die andere Beobachtung, von der Aristoteles berichtet, ist weit schwerer auf ein
bestimmtes Datum festzulegen: Aristoteles sagt in der Schrift Meteorologie (I 6,
343530), dass er die Konjunktion eines der Sterne aus dem Sternbild der Zwillinge
mit dern Planeten Jupiter beobachtet habe. Da wir nicht wissen, auf welchen der
vielen Sterne in dieser Konstellation er sich bezieht, können wir nur Jahre angeben, in denen Jupiter sich mehrere Monate lang in dieser Konstellation befand.'!
Da diese Zeiten einander im Abstand von zwölf Jahren folgen, kommen nur drei
Beobachtungszeiträume in Frage: 360 v. Chr. (als Aristoteles in der Akademie
war), 348 v. Chr. (als er noch immer in der Akademie oder bereits auf Assos war)
und 337 bis 336 v. Chr. (als er in Stagira war).!? Wiederum können wir schließen, dass Aristoteles entweder zumindest gelegentlich an einer kontinuierlichen
Folge von Beobachtungen in Athen teilgenommen hat, vermutlich in der Akademie, oder dass er etwas Ähnliches ins Leben gerufen hat, als er sich nicht mehr in
Athen, sondern auf Assos oder in Stagira aufhielt. In jedem Fall schloss die Forschung höchstwahrscheinlich an das Muster an, das er in Athen während seiner
7
Vgl. De caelo II 12, 292a3-6: »denn wir haben gesehen, dass der halbvolle Mond sich
8
hellen wieder herauskam (rip yap oeArjvijv éwpáxapev ÖLxöronov pèv ovoar, brreÂdoöoav Öè rüv dorépav rov trod “Apeos, kai amoxpudévra pêv Kara To péAay aùrijs,
êEeADovra B xara TO favor kat Aaumpôv)« und II 12, 293a3-10.
Die früheren Berechnungen dieser Okkultationen hat freundlicherweise Chris Peat von
Jahre in der Akademie kennengelernt hat.
über den Planeten Mars schob, der auf dessen dunkler Seite verschwand und auf der
der Heavens Above GmbH (www.heavens-above.com) für mich durchgeführt. Für die
Berechnungen wurden die neuen langzeitigen Planeten- und Mond-Ephemeriden (DE406/LE-406) des Jet Propulsion Laboratoriums (Pasadena, Kalifornien} genutzt, für
den Uhrfehler der Erdrotation der Wert AT angesetzt, wie er bei Stephenson (1997) angegeben ist. Das Ergebnis des Horizons ephemeris system (HES) des Jet Propulsion Laboratoriums der NASA, erreichbar unter hetp://ssd.jpl.nasa.gov/?horizons (sic), zeigt,
dass am 8. September 336 v. Chr. die Okkultation von Griechenland aus nicht sichtbar
war. Ferner fand die Okkultation am 24. und 25. Juni 340 v. Chr. nach dem HES sehr
nah am Horizont statt, der Mars — wie er von Pella aus zu sehen ist — taucht nach dieser
3.
Nun können wir uns den traditionellen Zeugnissen späterer Autoren über die Akademie zuwenden. Bemerkenswert ist, dass diejenigen, die eine internalistische Erklärung der Entwicklung der Mathematik verteidigen, mit ihrem skeptischen Arsenal
lediglich behaupten konnten, dass die Vorstellung einer Zusammenarbeit oder eines
philosophischen Forschungsgebiets innerhalb der Mathematik und Astronomie sich
in die akademischen Zirkel des späten vierten Jahrhunderts v. Chr. zurückverfolgen
ließe. Angesichts dieses Ausweichmanövers sind zwei Punkte hervorzuheben: Erstens liegt dieses Datum auffällig nah an Platons Lebenszeit (er starb im Jahr 347
v. Chr.) und eine Schultradition über eine oder eineinhalb Generationen könnte
Anzeige dreißig Minuten vor dem Monduntergang hinter dem Mond wieder auf. Wenn
wir in Betracht ziehen, dass der Uhrfehler der Erdrotation mit Bezug auf Aristoteles’
Zeit einen vergleichbaren Rahmen der Genauigkeit hat, gibt es eine sehr geringe Wahr-
10 In einer neueren Veröffentlichung berichtet F. Richard Stephenson, dass seine Berechscheinlichkeit dafür, dass die zweite Phase der Okkultation im Jahr 340 v. Chr. nicht
oberhalb des Horizonts von Pella stattfand. Aber diese Uberlegung gefährdet nicht die
nungen den 4. Mai 357 v. Chr. als einzigen möglichen Zeitpunkt zwischen 370 v. Chr.
{als Aristoteles 14 Jahre alt war) und Aristoteles’ Tod im Jahr 322 v. Chr. für die Okkul-
These, dass Aristoteles’ Beobachtungsberichte mit der Akademie verkniipft waren, (Ich
tation ergeben. Es ist zu beachten, dass die Zurückweisung der anderen beiden Daten
den Status der mathematischen und astronomischen Forschung in der Akademie nicht
berührt, da sie die Beobachtung direkt in den Zeitraum seiner Akademiezugehörigkeit
setzt.
11 Auch diese Berechnungen hat mir Chris Peat freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
danke Henry Mendel! für den Hinweis auf die Okkultationen und das HorizonsSystem.)
9
Okkultationen von Planeten gibt es häufig, es sind aber keine alltäglichen Phänomene,
Seit der ersten Veröffentlichung dieses Aufsatzes habe ich geprüft, wie oft der Mond zu
Lebzeiten des Aristoteles Planeten vollständig bedeckt har: Es waren — vorausgesetzt,
dass der Himmel in keiner dieser Nächte bedeckt war — höchstens achtzehn derartige
Okkultationen sichtbar.
12 Sheldon M. Cohen (1992, 676 f.) führt die folgenden Konjunktionen auf: 24. April 360,
6. April 348, 22. Juli 337, 5. Dezember 337, 14. März 336, 2. Juli 325 und die von ihm
als wahrscheinlichste Kandidatin angesehene Okkultation am 5. Dezember 337.
Pagina 5
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)265
durchaus ein wichtiges Stück Wahrheit enthalten. Zweitens, obwohl diese Gemen diese Aufgabe gestellt, noch auch die Einschränkungen in den Blick genommen
schichten aus der Alten Akademie stammen, wurden sie doch von Mittelsmannern
zu haben, die sich aus ihr für die astronomische Theoriebildung ergeben,
! aber
weitergegeben, denen man keine große Liebe zu Platon und seiner Schule nachsagen
kann. Eratosthenes, der Leiter der Bibliothek von Alexandria und eine Zeitlang ein
Schüler von Arkesiliaos aus der Mittleren Akademie war, hatte keine besondere
Adrastos schreibt Platon sehr viel mehr zu als Sosigenes, wenn er die weit fragwürdigere, de facto unmögliche Behauptung aufstelit, dass Platon eine Theorie der
Epizyklen einer Theorie der exzentrischen Zyklen vorgezogen habe.!” Der Unter-
Vorliebe fiir orthodoxen Platonismus. Die von ihm gewähite Dialogform und eine
schied zwischen Sosigenes und Adrastos läuft darauf hinaus, dass Adrastos nicht
Handlungskonstellation, bei der das Delische Problem der Würfelverdopplung einer
(zweifellos fiktiven) Versammlung von Platon, Archytas, Eudoxos und Menaichund den Astronomen als Aufgabe gestellt wurde, sondern dass er selbst die (im
mos vorgelegt wird, diente dazu, alternative Lösungen dieses Problems zu präsentieren!?. Mit der Rolle, die Eratosthenes Platon in diesem Dialog zuschreibt, zollt er
der Einsicht, die man Platon in das Wesen geometrischer Forschung zuschreibt,
seinen Tribut. Ein derartiger Tribut muss, wie sogar skeptische Mathematikhistoriker zugeben, auf irgendeiner Quelle aus der Alten Akademie beruht haben. Der
epikureische (!) Philosoph Philodem (erstes Jhdt. v. Chr.) zitiert in seinen Academica (die auf einem Papyrus aus Herkulaneum erhalten sind'*) einen Autor, der Platon als den Organisator und Architekten von wissenschaftlichen Unternehmen
beschreibt. Vermutungen über die Identität des Autors reichen von Dikaiarch (einem Schüler des Aristoteles) bis zu Philipp aus Opus (einem Schüler und de facto
auch Sekretär Platons, von dem man annimmt, dass er die Nomoi herausgegeben
und die Epinomis verfasst habe). Mit beiden Optionen erreichen wir die Generation
nach Platon, da es sehr unwahrscheinlich ist, dass der Peripatetiker Dikaiarch, ohne
frithere Zeugnisse in diese Richtung zu besitzen, Platon eine derartige architektonische Aktivität zuschreiben würde. Von geringerem Gewicht ist das Zeugnis zu
dieser angeblichen Organisationsleistung Platons, das von Sosigenes stammt, einem
peripatetischen (!} Kommentator des ersten nachchristlichen Jahrhunderts und
Lehrer Alexanders von Aphrodisias. Er schreibt Platon das Programm >die Phänomene zu retten: (owlew 7a dacvopeva) zu, das heißt: eine Erklärung für die offenkundig unregelmäßigen Planetenbewegungen durch Kombination von Kreisbewegungen zu finden. Dies allerdings war nicht nur eine reine Vermutung von Sosigenes; vielmehr dürfte er an eine Schultradition angeknüpft haben. Zu beachten ist,
dass einige wesentliche Elemente dieser Schultradition vorlagen, als Theon aus
Smyrna, ein Zeitgenosse des Sosigenes, die Erklärung von Adrastos zitierte, der die
Aufgaben und Bestrebungen der antiken Astronomen ebenfalls mit diesem Ausdruck beschrieb.'5 Ausdrücklich wird Platon weder zugeschrieben, den Astrono13 Die Fragmente dieses Dialogs hat E. Hiller (1870) zusammengestellt. Die Lösungen von
Archytas, Eudoxos und Menaichmos finden sich auch im sogenannten pscudoeratosthenischen Brief an König Prolemaios IN. und dem (echten) Widmungsepigramm
(in: Heiberg 1915: 88-97), in dem Eratosthenes die Durchfiihrbarkeit seiner eigenen
Lösung betont, bei der ein »Mesolabium« (peooAaß9) genanntes mechanisches Hilfsmittel eingesetzt wird, das Mittelgrößen zwischen gegebenen Größen konstruieren kann.
14 Vgl. Gaiser 1988.
15 Der Ausdruck »die Phänomene rerrenc (owbeur 7a darvopeva) finder sich nicht bei
Aristoteles, statt dessen beschreibt er das Ziel, die zusätzlichen Sphären des Kallippos in
das System des Eudoxos zu integrieren (Metaph. XII 8, 1073b36 f.) und dem System
des Kallippos die eigenen entgegenwirkenden Sphären hinzuzufügen, (1073b391074a1) als ein »Wiedergeben der Phänomene: (dmodıdsvar ra parvoueva). Vor Sosigenes finden wir die Formulierung »die Phänomene retten« für die Anpassung einer Theobehauptet, dass das Programm im eigentlichen Sinn von Platon selbst formuliert
rie an die Beobachtungsdaten, die sie erklären soll, im zweiten Jahrhundert v. Chr. bei
Attalos (zitiert und kritisiert von Hipparchos) und bei Hipparchos selbst. Dann wurde
der Ausdruck (wie Simplikios berichtet, s.u.} von Geminos verwendet und von Adrastos
(erzerpiert von Theon) ~ der sogar das Aristotelische »Wiedergeben der Phänomene:
(drodıdovaı 7a haivdpeva] zu einem »Retten« (owbeiv) umgestaltet (vgl. 180.9 Hiller) -,
und unter den Zeitgenossen des Sosigenes bei Plutarch (im Zusammenhang mit Aristarch). Zu beachten ist, dass die Stellen, an denen die Formulierung »die Phänomene
retten« in der astronomischen Literatur des zweiten Jahrhunderts v. Chr. auftaucht, die
Möglichkeit offen lassen, dass, wenn der Bericht des Simplikios über den Bericht des
Eudemos über Kallippos’ Gründe, zusätzliche Sphären einzuführen (vgl. Simpl. In De
caelo 497.17-22 = Eudemos Fragm. 149 Wehrli) dies als »die Phänomene retten« beschreibt, diese Formulierung nicht notwendigerweise von Simplikios eingeführt wurde,
sondern ebensogut auch bereits im Bericht des Eudemos vorgelegen haben kann. - Vgl.
auch den in der Begrifflichkeit des -Rettens der Phänomene: gehaltenen Bericht des
Simplikios über die Himmelstheorie von Herakleides Pontikos in Herakleides’ Fragm.
106-108 und 110 Wehrli (die letztgenannte Stelle ist ein Zitat des Alexander aus Geminos’ Abriss der »Meteorologie« des Poseidonios).
|
16 Vgl. jedoch 160.8 Hiller, wo in einer Passage, die beschreibt, wie eine Theorie der
Epizyklen zur Rettung der Phänomene beiträgt, Platons Zustimmung erwähnt wird —
allerdings nur zur jährlichen Bewegung der Sonne entlang der Ekliptik. In der Passage
weist nichts darauf hin, dass Platons Zustimmung nur auf diese Bewegung begrenzt wäre und dass er die übergeordneten methodologischen Überlegungen, die hier erwähnt
wurden, nicht unterschrieben hätte.
17 Vgl. 188 f. Hiller. Zu beachten ist, dass obwohl die Behauptung offenkundig sachlich
falsch und in anachronistisch technischer Sprache formuliert ist, in ihr ein wichtiger Zug
der Platonischen Erklärung des Planetensystems erfasst wird. Wie von Wilbur Knorr
(1990) rekonstruiert wurde, kann die Platonische Erklärung nicht an eine Eudoxische
Theorie der homozentrischen Sphären angenähert werden, weil sie von drei Komponenten der Planetenbewegung ausgeht: die täglich wiederkehrende, rechtläufige Bewegung,
die rückläufige Bewegung, die für den Planeten selbst charakteristisch ist (seine mittlere
Periode) und als dritter Faktor eine Bewegung, die sich in beide Richtungen vollziehen
kann und auf diese Weise die Vor- und Rückbewegungen des Planeten erklärt. Wenn
diese dritte Komponente ebenfalls durch eine regelmäßige Kreisbewegung hervorgebracht werden soll, ist eine rudimenräre Theorie der Epizyklen das einfachste Muster.
Das legt es nahe, dass es, sobald eine Theorie der Epizyklen vorlag, am narürlichsten war
zu behaupten, dass schon Platon eine derartige Theorie im Sinn hatte, Adrastos’ Behauptung sollte verglichen werden mit der ähnlichen Bemerkung (202.6 f. Hiller) in dem Derkyllides-Abschnitt der Schrift Theons, wo behauptet wird, dass Platon astronomische
Hypothesen vertreten hat, die die Einführung exzentrischer Himmelsbahnen ausschließen. Derkyllides kontrastiert eine Theorie der exzentrischen Bahnen allerdings nicht mit
einer Theorie der Epizyklen, sondern eher mit der Theorie der homozentrischen Sphären
von (Eudoxos,) Menaichmos, Kallippos und Aristoteles.
Pagina 6
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)267
Sinne der methodologischen Standards seiner Zeit) schlüssige und in ihren wesentli-
Philosophie in dieser Ausführlichkeit beschäftigt habe. Wenn man sich fragt, auf
chen Einsichten gültige Lösung fand. Angesichts dieser sogar noch stärkeren Behauptungen können wir daher den Ursprung der Geschichte, dass Platon die wewelche Weise Intellektuelle durch die Muster beeinflusst werden, die in den Wissensentlichen Aufgaben für Astronomen formuliert habe, nicht Sosigenes zuschreiben:
In einem intellektuellen Klima, in dem Adrastos’ Erklärung als glaubwirdig gelten
konnte, angesichts der Passage im siebenten Buch der Politeia, in der Platon nach
einer radikalen Reform des astronomischen Unternehmens ruft und fordert, dass
Astronomen, statt ihre Aufmerksamkeit beinahe ungeteilt auf die wirklichen Bahschaften ihrer Zeit vorherrschen, wird deutlich, dass es auch im Fall der Akademie
und des Peripatos viele Beispiele für eine derartige Beeinflussung gibt. Sie dürften
jedoch nicht notwendigerweise etwas aufdecken, das für das in diesen Schulen
verfolgte philosophische Unternehmen von grundsätzlicher Bedeutung wäre. Während in der vorsokratischen Philosophie wissenschaftliche und philosophische Fragestellungen oft verschmolzen, befanden sich diese beiden Schulen an der Kreuzung,
nen der Planeten zu richten, sich eher darauf einstellen sollten, diese Fragen in Form
als die Wege dieser Traditionen sich institutionell und intellektuell trennten, Es ist
von Problemen (mpoßAnpaoıv, 530b6) zu behandeln, war die Schlussfolgerung
eine Tatsache, dass beide auf ihren jeweiligen Wegen große Reintegrationsprojekte
verfolgten; die Akademie in Form einer eher imaginären als metaphysischen Bevormundung der mathematischen Wissenschaften, der Peripatos durch Anerkennung der Autonomie dieser Disziplinen,!® und dadurch, dass er eine enzyklopädische Sammlung ihrer rational rekonstruierten jeweiligen Geschichte hervorgebracht
hat. Diese Geschichtsdarstellungen, gemeinsam mit den riesigen Faktensammlungen
(z.B. zur Institutions- und Sozialgeschichte Griechenlands) und den Kompendien
von Theorien und Lehrinhalten (z.B. zu verschiedenen philosophischen Themen
und Schulen) bilden ein Corpus von hypomnematischen Schriften unter den Werken der peripatetischen Philosophen. Aber die Tatsache, dass diese Schriften zur
Gruppe der hypomnematischen Schriften gehören, kann nicht verbergen, dass die
Beziehung zwischen den Geschichten der verschiedenen Wissenschaften und diesen
unvermeidlich, dass Platon nicht nur die neueste Methodologie des »Rettens der
Phänomene: anwandte, sondern auch verantwortlich war für deren Einführung als
Forschungsprogramm. Hinter der Aussage eines peripatetischen Interpreten begegnet uns aufs Neue eine Schultradition, die zumindest bis zur Zeit von Adrastos
zurückreicht.
Unter den drei Zeugnissen sind offenkundig die ersten beiden wichtiger. Nicht
weil sie in höherem Maße vertrauenswürdige Berichte von historischen Fakten zum
wirklichen Verlauf der Wechselwirkung zwischen Metaphysik und Mathematik
wären, sondern weil sie bis zur ersten Generation nach Platon zurückverfolgt werden können. Sie stehen für die Art und Weise, in der die Alte Akademie sich selbst
unter den zeitgenössischen Institutionen als den Mittelpunkt der Forschung gesehen
wissen wollte. Die Bedeutung des Berichts von Sosigenes liegt nicht so sehr darin,
dass er diesem Portrait weitere Details hinzugefügt hat, sondern eher darin, dass er
belegt, wie spätere Historiographen der griechischen Philosophie und Wissenschaft,
Wissenschaften selbst sich grundlegend unterscheidet von der Beziehung zwischen
den anderen Sammlungen und Kompendien zu den Forschungsbereichen, für die sie
bestimmt waren. Die Geschichte der mathematischen Wissenschaften oder sogar
seien sie Epikureer oder Peripatetiker, die Frühgeschichte der mathematischen Disdie der Medizin zu schreiben war daher ein Unternehmen von größerer philosophiziplinen nur in der von der Akademie geprägten Sprache beschreiben konnten.
Andere Konstruktionen standen nicht zur Verfügung. Wenn moderne Wissenschaftshistoriker internalistische Erklärungen verteidigen, bleibt ihnen nur, alles,
scher Bedeutung; diese Geschichtsdarstellungen stellten kein Rohmaterial für die
aktuelle Forschung in diesen Bereichen zusammen, noch konnte vorausgesetzt
was aus der Akademie eingedrungen ist, wieder herauszulösen. Auch wenn moderne Historiker mit der Behauptung recht haben, dass Eudemos’ Darstellungen der
Geschichte der Mathematik und der Astronomie keine Geschichten über Platon
enthielten, hat Eudemos doch auch keine in sich geschlossenen Geschichtsdarstellungen von Einzeldisziplinen in der Weise vorgelegt, dass eine derartige Wechselwirkung völlig unwahrscheinlich würde.
sollte.
Platons Vorschriften darüber, wie Dichter und Musiker im Idealstaat behandelt
4,
werden, dass mathematische Forschung philosophischen Überlegungen entsprechen
und kontrolliert werden sollten, müssen an dieser Stelle nicht aufgeführt werden.
Es reicht aus hervorzuheben, dass zwar das, was heutzutage in die Zuständigkeit
der Geisteswissenschaften fiele, für Philosophen wie Platon ein echtes Problem
darstellen konnte, das behandelt oder sogar geheilt werden musste, um einen
gesunden sozialen Organismus zu erhalten, dass sie aber keine Veranlassung
dafür sahen, über die Trennlinie zwischen den Geisteswissenschaften und der
Philosophie zu streiten. Eine derartige Trennlinie zwischen Philosophie und den
mathematischen Wissenschaften konstituierte sich schrittweise in den fortwäh-
Abschließend sollten zwei Punkte gestattet sein. Erstens, dass der Unterricht in
der Akademie ein gewisses Maß der Vermittlung von neueren Entwicklungen in
renden Diskussionen, die im Kreis Platons und seiner Schüler über die Natur
der Mathematik und der Astronomie enthalten haben muss. Die Tradition, der
wir in so vielen und in so vielen unterschiedlichen Quellen begegnet sind und die
mathematischer Gegenstände und den Status des mathematischen Wissens geführt wurden. Indem sie die Geschichten der verschiedenen Wissenschaften auf
Platon die Autorität zuschreibt, Forschung anzuleiten, die zu diesen Entwicklungen führte, dürfte das Ergebnis der philosophischen Reflexion über diese Tatsache verdeutlichen.
18 Vgl. dazu Aristoteles’ Bemerkungen über das Verhältnis von Astronomie und Metaphy-
Der zweite Punkt hängt mit dem ersten zusammen und am besten eingeführt
werden, indem der Grund angegeben wird, aus dem ich mich mit Wissenschaft und
sik. Die Ergebnisse der Astronomie mussten von jemandem, der Theologie / Metaphysik studierte, zunächst akzeptiert werden, um dann einer weiteren theologischen Analyse unterzogen werden zu können.
Pagina 7
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Vom Nutzen der Pflanzen für den Menschen
eine, deren methodologische und ontologische Unabhängigkeit anerkennende
Weise darstellten, stellten wiederum Aristoteles und seine Schüler einen neuen
und sehr erfolgreichen Rahmen für diese Trennlinie bereit. Damit waren Aristoteles und seine Schüler in der Lage, definitiv mit der pythagoreischen, philosophische Einsicht und mathematische Forschung miteinander verschmelzenden Tradi-
Anthropozentrische Perspektiven in Theophrasts botanischen Schriften*
tion zu brechen, die in der Platonischen Akademie transformiert und weitergeführt worden war.!?
Georg Wöhrle, Trier
Übersetzung: Tim Wagner
Literatur
Bowen, A. C. 1983: »Menaechmus Versus che Platonists: Two Theories of Science in the
Early Academy«, in: Ancient Philosophy 3.
Bowen, A.C. 2001: »La scienza del cielo nel periode pretolemaico«, in: Istituto della
Enciclopedia Italiana (Hrsg.), Storia della scienza. Bd. 1: La scienza antica, 806-839.
Coben, S. M. 1992: » Aristotle and a Star Hidden by Jupiter«, in: Sky and Telescope, Juni.
Diels, H. 1887: »Uber die ältesten Philosophenschulen der Griechen«, in: Ders., Philosophische Aufsärze. Eduard Zeller zu seinem fünfzigjährigen Doctor-Jubilaum gewidmet, Leipzig, 241-260.
Gaiser, K. 1988: Philodems Academica. Die Berichte über Platon und die Alte Akademie in
zwei herkulanensischen Papyri, Stuttgart-Bad Cannstatt.
Heiberg, J. L. (Hrsg) 1915: Archimedis Opera omnia cum commentariis Eutocii, Bd. IH,
Leipzig.
Hiller, E. 1870: »Der »Platonikos des Eratosthenes«, in: Philologus 30, 60-72.
Knorr, W. 1990: »Plato and Eudoxus on Planetary Motions«, in: Journal for the History of
Astronomy 21, 113-123.
Neugebauer, O. ?1969: The Exact Sciences in Antiquity, New York (leicht gekürzter photomechanischer Nachdruck der Ausgabe: New York 1957; '1951).
Stephenson, F. R. 1997: »Historical Eclipses and Earth’s Rotation«, Cambridge.
Zhmud, L. 2006: The Origin of the History of Science in Classical Antiquity, Berlin.
INS: WISSEN Und Riu
€ iw
DER AWTS Prilesoram
19 Das Lykeion war nicht nur das, was man den Urheber einer internalistischen Geschichtsschreibung der mathematischen Wissenschaften nennen könnte, sondern bereitete auch den Aktivitäten der Bibliothek von Alexandria den Weg. Es ist interessant
festzustellen, dass die Alexandrinische Bibliothek durch die Arbeit an der Klassifikation, Katalogisierung und Organisation eine neue Form der Integration von unterschied-
Der folgende Beitrag soll mit einem kurzen Überblick über Aufbau, Inhalt und
Funktion der botanischen Schriften Theophrasts beginnen. Danach werde ich
fragen, inwieweit in ihnen von anthropozentrischen Perspektiven zu sprechen
wäre, und diese Frage zunächst mit einem Blick auf Aristoteles verbinden, um in
einem dritten Abschnitt einige Stellen aus Theophrast genauer zu untersuchen.
Eine kurze Zusammenfassung soll die Ergebnisse noch einmal verdeutlichen.
Es sei also zunächst erlaubt, einen Überblick über die Schriften Historia plantarum und De causis plantarum zu verschaffen. Theophrast steht ja immer ein
wenig im Schatten seines bedeutenden Lehrers. Und auch wenn mittlerweile sein
Werk zu großen Teilen neuesten Ansprüchen genügend und mustergültig ediert
ist! und ebenso die zahlreichen Fragmente jetzt in einer vorzüglichen Sammlung
mit fortschreitender Kommentierung vorliegen (Fortenbaugh u.a. 1992), so wird
die Zahl der Leser gerade seiner beiden botanischen Werke doch wohl weiterhin
gering sein, so dass sich ein solcher Überblick wohl lohnen mag. Ist doch Theophrast mit Fug und Recht wie Aristoteles der »Vater der Zoologie: - und überhaupt der Biologie — der »Vater der Botanik« zu nennen. Denn er hat in den beiden Pflanzenschriften unter Aufführung von etwa 550 Pflanzen — sicher ohne
damit allerdings Vollständigkeit erreichen zu wollen — die Grundlagen der Pflanzensystematik und Pflanzenphysiologie gelegt, die auch heute noch — um im Bild
zu bleiben — die >Wurzeln« der modernen Wissenschaft bilden. Einer der wichtigsten Gesichtspunkte ist: dabei gewiss der Vorrang der funktionellen Morphologie,
also der Erklärung der Gestalt aus der Funktion und umgekehrt, den Theophrast
bei der Untersuchung und Darstellung seines Pflanzenmaterials — und dabei auf
aristotelische Einsichten und Methoden zurückgreifend — einräumt. Ich selbst
lichen Wissenszweigen hervorgebracht hat. Ohne allzu sehr ins Detail zu gehen, sollte
man daran erinnern, dass Eratosthenes, einer der Autoren, die den Gedanken der philosophisch angeleiteten mathematischen Forschung wieder in die Alten Akademie eingeführt haben, der Chefbibliothekar in Alexandria war.
*
!
Dieser Aufsatz beruht auf einem Vortrag, der bei der Tagung »The Humanities and the
Social Role of the Intellectual« am Collegium Budapest - Institute for Advanced Study
(11. bis 13. Februar 2000, Budapest) gehalten wurde. Die Übersetzung folgt weitgehend
der Veröffentlichung: »Science and Philosophy in the Academy« (in: Acta Antiqua 42,
2002, 67-76) mit freundlicher Genehmigung des Verlags Akadémiai Kiadó, Budapest.
Dieser Beitrag wurde zum ersten Mal in der Reihe » Antike Naturwissenschaft und ihre
Rezeption« (AKAN), Bd. XV, 2005, 73-89, publiziert.
Besonders hervorzuheben ist die jetzt vollständig vorliegende kommentierte Edition und
Übersetzung der Historia plantarum aus der Hand von 5. Amigues (1988-2006). Wünschenswert wäre eine entsprechende Ausgabe für die Schrift De causis plantarum. Gute
Dienste leister einstweilen die zweisprachige Edition von B. Einarson und G. K. K. Link
(1976-1990). Für die in diesen Themenkreis nach gehörende Schrift De odoribus sei
verwiesen auf: Eigler/Währle 1993.