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DEDeichgraber, Karl
Goethe und Hippokrates
In: Sudhoffs Archiv, 29 - 1937 - p.27 - 56
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29 (1936)
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Author(s): Karl Deichgräber
Source: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, Bd. 29, H.
1/2 (Mai 1936), pp. 27-56
Published by: Franz Steiner Verlag
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Von KARL DEICHGRABER-Marburg
Unter den antiken Philosophen und Naturforschern, mit denen
sich GOETHE auseinandergesetzt hat und durch die er sich positiv
gefördert sah, nimmt HiPPOKRATES keine zentrale Stellung ein. Die
Schriften des PLATON und ARISTOTELES etwa, dann vor allem das
Gedicht des Lukrez haben auf ihn tiefer und nachhaltiger gewirkt
als die Schriften des großen griechischen Arztes aus der Zeit des
SOKRATES.
Dennoch ist die Frage, welche Stellung GOETHE zu
HIPPOKRATES eingenommen hat, ein Problem, das nicht nur medizingeschichtliche, sondern auch im weitesten Sinne geistesgeschichtliche
Bedeutung besitzt.
Für jeden Arzt und Naturwissenschaftler der
Goethezeit bedeutet die Stellungnahme zu HIPPOKRATES geradezu
ein
wissenschaftliches
Glaubensbekenntnis.
Im
Mittelalter
ist
HIPPOKRATES zusammen mit GALEN das, was damals ARISTOTELES
für die Philosophie bedeutet, also der große Mediziner, und man
hat es auf seine Weise trefflich verstanden, ihn in die christliche
Welt einzuordnen.
Mit der Verselbständigung der Naturwissenschaften seit der Renaissance ist HıppoKRATES nicht mehr dieser
christliche Arzt, mögen auch einzelne Anhänger seiner Lehre ihn
noch unter christlichen Gesichtspunkten sehen.
Er ist jetzt das
Vorbild des medizinischen Beobachters, des Empiristen und Rationalisten.
In dem Kampf zwischen Glauben und Wissen, der das
17. und 18. Jahrhundert erfüllt, taucht die Anschauung auf, daß er
nicht so sehr spekulativer Denker wie empirischer Beobachter sei,
daß er von der Natur, und allein von der Natur ausgehe, ja daß
er atheistischen Tendenzen huldige*).
In diese Linie reiht sich das
Hippokratesbild ein, das GOETHE vorfindet, mag er auch im ganzen
in
HIPPOKRATES
noch mehr finden als den reinen
Empiristen.
1) HIPPOKRATES, Über Entstehung und Aufbau des menschlichen Körpers
(negi cagxay), herausgegeben von K. DEICHGRÄBER, Leipzig 1935.
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Bd. 29, Heft r u. 2
1936
Die Auseinandersetzung GOETHES mit diesem HiPPOKRATES wollen
wir darstellen.
Ausgehend von den ersten Spuren einer Bekanntschaft GOETHES mit HIPPOKRATES wollen wir zu dem zentralen
Erlebnis der hippokratischen Ideen vordringen, und zwar immer
mit dem Blick auf solche Begegnungen, in denen HIPPOKRATES
in klaren Umrissen GOETHE entgegentritt!).
Schon früh wurde GOETHE auf HIPPOKRATES hingelenkt.
Der
Name mag ihm bereits im Unterricht und in früher Lektiire?) begegnet sein als der Name des groBen Arztes der Antike, und eines
oder das andere gefliigelte Wort, etwa das Ars longa vita brevis,
dessen inneren Gehalt ihm das Erleben des eigenen Forschens später
so eindringlich zeigen sollte, wird der Knabe mit dem ahnenden
Vorgefühl für seine tiefe Bedeutung aufgenommen haben.
Einen
wirklichen Begriff von HipPoKRATES aber gewinnt er erst später.
Als er schwer krank von Leipzig nach Frankfurt zurückgekehrt
ist, erwacht unter dem Einfluß des behandelnden Arztes in ihm
das Interesse für die Medizin und ihre Schwesterwissenschaft, die
Alchemie3).
Wie er in dieser Zeit die chemischen Anfangsgründe
des holländischen Arztes BOERHAAVE, des großen Wiederbegründers
der Physiologie, vornimmt, so auch dessen Aphorismen, die rein
medizinischen Inhalts sind, und nicht nur wegen ihrer Form diesen
hippokratischen Titel zu tragen berechtigt sind. Dann ist es PARACELSUS, in dessen alchemistisch-mystischer Medizin der suchende
Jüngling zu finden hofft, wonach sein Inneres sich sehnt, und auch
mit diesem erscheint ein Hauch hippokratischen Geistes. HippoKRATES verkörpert für PARACELSUS im Gegensatz zu den unfruchtbaren, alles tötenden Büchergelehrten GALEN und AVICENNA die
noch nicht von dem Geiste der Finsternis verdorbene Arznei1) Daß HiPPOKRATES auch dann auf GOETHE gewirkt hat oder in seiner
Entwicklung eine Rolle spielen kann, wenn sein Name nicht erscheint, versteht
sich von selbst. Aber all diese unsichtbaren Ströme aufzuzeigen, durch die
Hippokratisches an GOETHE herangetragen ist, ist im Rahmen dieser Arbeit
nicht möglich und übersteigt mein Wissen und meine Kräfte.
Nur die Einflüsse, die als unmittelbar gelten dürfen, sollen aufgezeigt werden. Ich will
also nicht eine Studie liefern, ähnlich der Untersuchung, die FRANZ KOCH
im 2. Kapitel seines Buches „GoETHE und PLoTIN“,
Leipzig
1925,
vorgelegt hat.
2) Dazu vgl. S. 54, Anm. 1.
3) „Dichtung und Wahrheit“, 8. Buch,
gabe.
I 27, 208 der Weimarer Aus-
Über seinen Verkehr mit Medizinern in Leipzig s. ebenda, 6. Buch,
gegen Schluß.
Pagina 5
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Karl Deichgräber.
kunst!). Diese Zeit ist es denn auch, in der in den Exzerpten und
Notizen, die GOETHE sich anlegt, der Name des HIPPOKRATES auftaucht. ,,DIOCLES VON CARYSTE ein Med. sehr in die 7. Zahl verliebt. Auch HipPoKRATES schon für diese Zahl‘, diese Notiz?) zeigt,
welche Interessen GoETHES wissenschaftlichen Studien damals die
Richtung geben; auch da, wo er sich mit medizinischen Problemen
beschäftigt, steht die alchemistische, neupythagoreische Gedankenwelt im Mittelpunkt. Wirklich für HiPPOKRATES gewonnen aber
hat den „seltsamen jungen Menschen‘ der medizinische Unterricht,
dem er in Straßburg beiwohnt.
Hier, wo er von den Pandekten
und Digesten weg sich der lebendigen Natur zuwendet, erfährt er,
was hippokratisches Sehen und Forschen bedeutet.
Die lebendig
konkrete Anwendung hippokratischer Grundsätze am Krankenbett,
wie sie sein Lehrer, der Anatom und Chirurg LOBSTEIN, zu verwirklichen versucht, offenbart ihm die ganze Bedeutung der hippokratischen Methode.
Im 11. Buch von „Dichtung und Wahrheit“
hat GOETHE mit der Beschaulichkeit und dem Wohlwollen des
Alters, das anders und doch auch mehr sieht als der, welcher aus
dem frischen Erleben berichtet — das 11. Buch ist 1813 verfaßt —,
von diesen Demonstrationen am Krankenbett in warmen Worten
erzählt: „Die große Heiterkeit und Behaglichkeit, womit der verehrte Lehrer uns von Bett zu Bett führte, die genaue Bemerkung
bedeutender Symptome, die Beurteilung des Ganges der Krankheit
überhaupt, die schöne hippokratische Verfahrungsart, wodurch sich
ohne Theorie, aus der eigenen Erfahrung, die Gestalten des Wissens
1) Welche Schriften des PARACELSUS GOETHE ganz oder teilweise gelesen
hat, zeigen seine Auszüge (Der junge GOETHE, Neue Ausgabe in 6 Bänden,
besorgt von Max MORRIS, 2. Bd., Leipzig 1910, S. 26).
Doch kann er auch
andere Schriften des PARACELSUS gelesen haben, die hier zufällig nicht genannt
werden.
PARACELSUS” Stellung zu HiPPOKRATES muß noch eingehender untersucht werden, doch läßt sich leicht feststellen, daß er anfänglich den HippoKRATES zusammen mit GALEN und AVICENNA ablehnt, später aber anerkannt
hat.
PARACELSuS’ Werke, Bd, 11, ed. SUDHOFF, S. 125: dieweil got den geist
der arznei
durch
Apollinem,
durch
Machaonem,
Podalirium
und
Hippokratem hat grüntlich lassen angefangen werden und das liecht der natur on
einen befinsterten geist wirken hat lassen und treffentlich wunderbarlich grosse
werk. . dieweil uns aber der bös feint mit seinem raten und unkraut nichts im
lautern weizenacker wachsen läßt, ist die arznei von dem ersten geist der natur
befinstert worden ... Bd. 12, S. 476: wann ist die arznei höcher gestanden,
dan do HIPPOCRATES war?
2) Der junge
GOETHE, a. a. O. S. 26.
Anm. 1 zitierten Schrift S. 43ff.
AGM XXIX
Vgl. HIPPOKRATES in der S. 27
Pagina 6
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)heraufgaben,
die
Bd. 29, Heft r u. 2
SchluBreden,
1936
mit denen er gewöhnlich seine
Stunden zu krönen pflegte, das alles zog mich zu ihm und machte
mir ein fremdes Fach, in das ich nur wie durch eine Ritze hineinsah, um desto reizender und lieber.‘“ So erscheint hier zum erstenmal die hippokratische Wissenschaftsidee als die Idee reiner Beobachtung, als die Idee einer Forschung, die über die Erfahrung zu
den Gestalten des Wissens, den ed” vordringt. Man mag dieses
Erlebnis mit Recht nicht zu den zentralen Eindrücken rechnen, die
GOETHE in Straßburg empfangen hat.
Soviel aber scheint mir
sicher: in dem Erlebnis hippokratischer Verfahrungsart regt sich
der Geist der ruhig-betrachtenden Wissenschaft, jene Forschungsidee, die GOETHE in seinen eigenen naturwissenschaftlichen Arbeiten
später in so vollkommener Gestalt verwirklicht hat.
Was HIPPOKRATES bedeutet, was das Wesen seiner Wissenschaft
ist, zeigt GOETHE mehr als jede theoretische Darstellung das konkrete
Erlebnis der hippokratischen Wissenschaftsidee. Auch von hier aus
versteht man, daß GoETHE sich später immer wieder zur Medizin
hingezogen fühlte und daß er die Verbindung mit den bedeutendsten
Ärzten seiner Zeit und seiner Umgebung, von denen fast jeder ein
Hippokratiker war und sich als solcher fühlte und ausgab, stets
mit Bedacht gepflegt hat*).
In „Dichtung und Wahrheit‘ berichtet
GOETHE selbst ausführlich von dem nachhaltigen Eindruck, den er
von dem Schweizer Arzt JOHANN GEORG ZIMMERMANN empfangen
hat. Dieser Mensch, eine der eigenwilligsten Gestalten des 18. Jahrhunderts, Arzt, Philosoph, Dichter und Biograph zugleich, in der
Vielseitigkeit
seiner
Interessen
seinem
Landsmann
und
Lehrer
ALBRECHT von HALLER nicht unahnlich, — unruhig, launenhaft,
überaus eitel, in Kritik und Gehässigkeit sich selbst verzehrend,
ebensooft angefeindet wie gelobt, der Freund und Bekannte aller
literarischen und politischen Größen der Zeit, dieser hat GoETHE mit
seinen
Ideen wieder an
HIPPOKRATES herangeführt?).
1) Bestimmend für das medizinische
tomischen und optischen Studien.
ZIMMER-
Interesse waren später seine ana-
Ich erinnere an seine Beziehungen zu LODER
in Jena und SÖMMERRING in Frankfurt, um nur diese beiden Namen zu nennen.
2) Die beste Charakteristik dieses Menschen, mag sie auch in manchen
Punkten einseitig sein, steht bei GOETHE „Dichtung und Wahrheit‘ im 15. Buch.
ZIMMERMANNS Biograph ISCHER (JOHANN GEORG ZIMMERMANNS Leben und
Werke, Diss. Bern 1892) teilt S. 47 aus einem Brief folgende Selbstcharakteristik ZIMMERMANNS mit: ‚Meine Seele hat kein beständiges Vergnügen.
Ich
habe einen unruhigen Kopf, der immer geschüttelt, immer auf tausend Arten
bewegt werden muß.
Ein stürmisches Leben ist nichts für mich, ein sanftes
Pagina 7
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)MANN besuchte GOETHE auf einer seiner vielen Reisen im Jahre
1775 zuerst in StraBburg, dann in Frankfurt. Bei diesen Zusammenkiinften und spater in einer Korrespondenz, die leider nicht
erhalten ist, entwickelt sich ein reger Gedankenaustausch. GOETHE
selbst erklärt, daß ihre Gespräche sich im wesentlichen um die
Ideen bewegten, die ZIMMERMANN in seinem Buch „Über die
Erfahrung in der Arzneikunde” ausgesprochen hatte: „Es war
nämlich‘ — so schreibt GOETHE im 15. Buch von „Dichtung und
Wahrheit“ — ,,vorzüglichen, denkenden und fühlenden Geistern
ein Licht aufgegangen, daß die unmittelbare, originelle Ansicht der
Natur und ein darauf begründetes Handeln das beste sei, was der
Mensch sich wünschen könne und nicht einmal schwer zu erlangen.
Erfahrung war also abermals das allgemeine
Losungswort und
jedermann tat die Augen auf, so gut er konnte; eigentlich aber
waren es die Ärzte, die am meisten Ursache hatten, darauf zu
dringen, und Gelegenheit, sich danach umzutun.
Hier leuchtete
ihnen nun aus alter Zeit ein Gestirn entgegen, welches als Beispiel
alles Wünschenswerten gelten konnte.
Die Schriften, die uns unter
dem Namen HIPPOKRATES zugekommen waren, gaben das Muster,
wie der Mensch die Welt anschauen und das Gesehene, ohne sich
selbst hineinzumischen, überliefern sollte.‘‘ Diese Gedanken, letzten
Endes eine bestimmte Ausprägung des rationalistischen Natur- und
Erfahrungsbegriffes,
entsprechen völlig der Vorstellung von den
Ideen des HIPPOKRATES, die ZIMMERMANN in seinem berühmten
Werke mit ebenso viel Temperament wie rhetorischer Kunst entwickelt:
I, 232 (Ausgabe von 1762): „Ich höre unsere Wizlinge
mit einer deutlichen Verachtung für die Ärzte bisweilen anderen
Wizlingen nachsprechen, die Arzneikunst sei noch immer, was sie
in den Zeiten des
HIPPOKRATES gewesen, und die gelehrtesten
Ärzte wissen nur, was er; dieser Schluß ist falsch.
HIPPOCRATES
war freilich der erste gute Beobachter der Natur, den wir kennen,
und selbst nach dem Zeugnis des Herrn D’ALEMBERT sind seine
Schriften das schönste und größte Denkmal der Naturwissenschaft
der Alten.
Weil nun die Wahrnehmungen, die uns HIPPOCRATES
hinterlassen, so wahr sind, als die Natur selbst, so können wir auch
die Natur nicht anders sehen als er, weil wir sie anders sehen müßten
Leben ist nichts für mich.
mein
Element.
Sturm und Ruhe und beständige Abwechslung sind
Pflichten gegen andere Menschen?
Oh, wie wären
Sie so
glücklich, wenn Sie so viele Pflichten nicht auf dem Gewissen hätten.“
ISCHER
über ZIMMERMANNS Verhältnis zu GoETHE S. 140ff.
Pagina 8
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)als sie ist. Darum können wir allerdings in sehr vielen Fallen nicht
mehr wissen, als HIPPOCRATES?).“
Wenn aber ZIMMERMANN dann
seinen Begriff des vollkommenen Arztes näher umschreibt, so erscheint außer dem Begriff der Beobachtung der Gedanke der
genialen Kombination, ein Vermögen, das er wieder, wenn auch
nicht so rein ausgeprägt wie das erste, bei HiPPOKRATES findet?).
Genie und Erfahrung, das ist aber zugleich ein Thema des GOETHE,
der im Begriff ist, vom Sturm und Drang zu klassischem Denken
zu reifen. Aus dieser Perspektive gesehen konnte wie für ZIMMERMANN so auch für GOETHE HIPPOKRATES Vorbild und
Inbegriff
des wahren Forschers sein, der HıppoKRATES, wie wir hinzufügen
dürfen, der Epidemienbücher und des zu diesen zugehörigen Schriftenkreises, in dem zuerst die Erfahrung ohne Theorie, dann aber auch
das Bestreben zur Deutung der Zusammenhänge verwirklicht ist?).
So sah GOETHE den HIPPOKRATES in den ersten Jahren seines
geistigen Schaffens.
Der spätere GOETHE bleibt in dieser Linie,
nur mit dem Unterschied, daß aus der genialen Erfahrung nun
mehr und mehr die sorgfältig auf Einzelbeobachtung gegründete
exakte und systematische Forscherarbeit wird.
Es ist im Winter
des Jahres 1795, als GoETHE sich wieder mit HIPPOKRATES bescháftigt und zum erstenmal eine Schrift des HIPPOKRATES im
1) 1227 , HIPPOCRATES gieng in der Genauigkeit seiner Beobachtungen so
weit, daß in unseren Zeiten die größten Ärzte sich schmeicheln, sie haben die
Natur gesehen, wenn sie gesehen haben was er.“ Zu GOETHES Satz „das Gesehene ohne sich selbst hineinzumischen überliefern‘‘ vgl. I 249 „Anstatt den
Ursachen der Begebenheiten nachzuforschen, begnügte er sich, die Begebenheiten zu erzählen, wie er sie in der Natur aufeinander folgen sah.‘
2) II 23 „Mit dem wahren Genie von der Natur begabet, wird der Arzt
die zerstreutesten
Beobachtungen verbinden,
die Mannigfaltigkeit der Ursachen in eine einfache Erscheinung auflösen, seine Anzeigen auf das wesentlichste in jedem Falle gründen, und nach den Umständen seine Methoden verändern. Von dem bekannten zu dem unbekannten zu steigen, muß er zwar
immer wieder weiter denken als er sieht, das unsichtbare als sichtbar sich vorstellen, von dem, was ist, auf das schließen, was seyn wird, oft errathen und oft
zu Werke gehen, ehe er errathen hat.“ — Interessant ist noch folgende Stelle eines
Briefes von ZIMMERMANN an ISELIN vom 17. Oktober 1757: „Ich schreibe von
der Erfahrung in der Arzneiwissenschaft und ich alter Verächter der Logik schreibe
so, daß ich auf der einen Seite den BAKON und Locke, auf der anderen den HippoKRATES und SYDENHAM vor mir liegen habe.‘ IscHER 276. GOETHE hat ZIMMERMANNS Werk zur Vorbereitung des Abschnittes in der Biographie 1813 in Teplitz
noch einmal gelesen: Tagebuch vom 30. Juli, 1., 3., 7. und 8. August 1813.
3) Vgl. K. DEICHGRABER, Die Epidemien und das Corpus Hippocraticum.
Abh. Berl. Ak. 1933.
Phil.-Hist.-KI. Nr. 3.
Pagina 9
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Original vornimmt. Für den GOETHE dieser Zeit ist es charakteristisch, daß ihn nicht ein Mensch, nicht ein Zufall, nicht dumpfes
Sehfien, sondern bewußte Überlegung, ein klar gesehenes Ziel und
eine dieser Zielsetzung entsprechende Arbeitsweise, wenn auch auf
indirektem Wege, an HipPoKRATES heranführt.
In diesem Lebensabschnitt, in dem er fast weniger Faust als Wagner, weniger der
vorwärtsstürmende Wahrheitsucher als der sammelnde, archivarisch arbeitende Gelehrte wird, entwirft er zusammen mit HEINRICH MEYER, seinem Dezernenten für Malerei und bildende Kunst,
den Plan einer umfassenden Monographie über Italien, das Land,
seine Menschen, seine Kultur und seine Kunst.
An die Stelle des
Tagebuchs, in dem er zuerst die Eindrücke aus der ersten italienischen Reise gesammelt und verarbeitet hatte, sollte nun die wissenschaftlich-systematische Darstellung treten. Italien sollte geschildert
werden als das Land einer bestimmten Kultur und Kunst, aber
auch die physikalischen, geographischen und meteorologischen Vorbedingungen sollten aufgezeigt werden, überhaupt alles Wissenswerte über das Verhältnis von Land und Volk sollte Beachtung
finden*). So begann GOETHE, nachdem HEINRICH MEYER im Herbst
1795 als Vorbereiter der eigenen Reise nach
Italien abgegangen
war, seine ,,Italiánischen Collectaneen“ zu ordnen: Rubrik reiht er
an Rubrik, um sie dann mit den aus eigener Kenntnis und der
Literatur gesammelten Materialien zu fillen?).
Genau so beabsichtigte er, seine eigene Reise zur Forschungsreise auszugestalten
und er hat dann auch auf der Reise in die Schweiz im Jahre 1797,
die ursprünglich nach Italien führen sollte, systematisch gesammelt,
was ihm wissenswert zu sein schien, vom einfachen Dokument des
Theaterzettels bis zur wichtigen geschichtlichen Urkunde*).
Aber
1) Brief an HEINRICH MEYER vom 16. November 1795: „Ich sehe schon
die Möglichkeit vor mir einer Darstellung der physicalischen Lage, im allgemeinen und besondern, des Bodens und der Cultur, von der ältesten bis zur
neuesten Zeit, und des Menschen in seinem nächsten Verhältnisse zu diesen
Naturumgebungen. Auch ist Italien eins von denen Ländern, wo Grund und
Boden bey allem, was geschieht, immer mit zur Sprache kommt. Höhe und
Tiefe, Feuchtigkeit und Trockne sind bey Begebenheiten viel bedeutender
und die entscheidenden Abwechselungen der Lage und der Witterung haben auf
Cultur des Bodens und der Menschen, auf Einheimische, Colonisten, Durchziehende mehr Einfluß als in nördlichern und breiter ausgedehntern Gegenden.“
2) Die Materialien stehen I 34, 2, S. 149ff. mit der Einleitung von SUPHAN,
die auch GoETHES Erwähnungen dieser Arbeiten in den Briefen enthält.
3) Die von ECKERMANN redigierten Stucke stehen jetzt I 34, 1 S. 201 ff.
vgl. auch
3*
AGM
XXIX
Pagina 10
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)nun das, was im Rahmen unseres Themas interessieren muß.
Für
die Frage des Verhältnisses von Volk und Landschaft und insbesondere der Gesundheitsverhältnisse des Landes zieht GoETHE die
eben abgeschlossenen drei Bande des ‚Versuchs einer allgemeinen
medizinisch-praktischen
Geographie“
des
Lingener
Arztes
und
Professors LEONHARD LUDWIG FINKE heran, die Arbeit eines begeisterten Anhängers der hippokratischen Medizin3). ,, Allen Anthropologen und wahren Verehrern des HiPPOCRATIS Buch von der
Luft, den Wassern und Gegenden“ hat der Verfasser sein fleiBiges
Werk gewidmet.
FINKE hat es übernommen, die angegriffene Ehre
des HIPPOKRATES zu verteidigen und er erklärt, daß er sich der
Mühe unterzogen habe, fast das ganze Buch des ,,HIPPOCRATES
über Luft, Wasser und Gegenden“ seinem Werk einzuverleiben.
Überall findet man denn auch bei FINKE Zitate aus dieser Schrift.
Und das ist nun für uns das Wesentliche: FINKES Hinweis verdankt GoETHE die Anregung, die hippokratische Schrift in seinen
Collectaneen zu zitieren und — sie zu lesen. In der Rubrik: ,,Krankheiten‘ (S. 233) steht der Titel des Werkes von FINKE mit dem
Hinweis auf den I. Band, pag. 34, Sicilien und Malta, und pag. 43,
Italien, und unter ,, Ungesunde Lage“ (S. 230) außer dem Hinweis
auf ein medizinisch-geographisches Kapitel aus dem Werk des ORIBASIOS, des Leibarztes des JULIAN?), das Zitat ,,HIPPOCRATES de
aquis, aere et locis“. Und in dem Brief an HEINRICH MEYER vom
30. Dezember
1795
berichtet
GOETHE
über
die
Lektüre
dieser
Schrift: „Jch habe auch diese Zeit die berühmte Abhandlung des
Hippokrates:
De aere aquis et locis gelesen und mich über die
Aussprüche der reinen Erfahrung herzlich gefreuet, dabei aber auch
zu meinem Troste gesehen, daß es ihm, wenn er hypothetisch wird,
gerade geht wie uns, nur möchte ich seine Hypothese eher den
Schiffsseilen und unsere Zwirnsfäden vergleichen.“
Wir erkennen
wieder, worin GOETHE die Größe des HIPPOKRATES sieht, daß es
ein ähnlicher
HIPPOKRATES ist, wie der, den ihm ZIMMERMANN
gezeigt hat, — und wieder der HIPPOKRATES des mit den Epidemien
zusammenhängenden Schriftenkreises?), nur aber jetzt der beobachtende und kombinierende medizinische Geograph.
1) Leipzig, WEIDMANN 1792—95.
2) „lib IX‘: GOETHE denkt an die aus GALEN, ANTYLLOS und ATHENAIOS
entnommenen Abschnitte über Gesundheit und Klima,
jetzt
CMG.
VI
1,2
ed. RAEDER S. 4ff.
3) Auch in einem längeren Abschnitt aus Jon. Baptista Donius De
restituenda salubritate agri Romani, Florentiae 1667, den GOETHE I 34, 2. 237
Pagina 11
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Aber damit ist noch nicht alles angegeben, was uns in diesem
Zusammenhang an der Materialsammlung GoETHES interessiert:
GOETHE hat diesen Collectaneen ein Motto in griechischer und
lateinischer Sprache vorausgeschickt, das, so auffallig es zunächst
sein mag, nun, nachdem wir wissen, daB GOETHE sich gerade im
Winter 1795/96 mit HiPPOKRATES beschäftigt, nicht mehr überraschen kann. Es lautet: ,,oi dè ¿vFowzxzo: tx TÜV paveowy ta dai
oxintectae ovx intotavra:, At vero homines ex manifestis obscura
considerare non noverunt, HIPPOCRATES de Diaeta“ (I, 34, 2, S. 149).
GOETHE entnimmt das Wort, in dem er den Grundsatz seiner
Arbeit, den Sinn seiner Sammlungen ausspricht, dem HIPPOKRATES.
Es ist der erste Satz des Abschnittes aus wep di«irnc, den GOETHE
auch
in dieser Zeit übersetzt und in mehr als äuBerlichen
Sinn übersetzt hat. ‘Ex rôv parsoovr ta apavi oxéiatec
cn, all die
Einzelheiten, die in diesen Rubriken gesammelt waren, sollten als
äußere Form einer geistigen Gestalt, als Manifestationen unsichtbar
wirkender Kräfte begriffen werden.
Doch nun GoETHESs Übersetzung des 11. und 12. Kapitels von
neoi diecitns 1 und zunächst der Text dieses Abschnittes mit den
nötigen Erklärungen!).
Bei der großen Anzahl der Hippokratesausgaben, die GOETHE zur Verfügung standen — die Weimarer
Bibliothek besaß allein deren 82) —, ist es nicht leicht, die Ausgabe
anzugeben, welche GoETHE benutzte. Außerdem fehlen eigentliche
Varianten innerhalb der einzelnen Ausgaben, die eine eindeutige
Identifizierung des von GOETHE benutzten Exemplars ermöglichten,
fast ganz.
Immerhin vermag ich eine Edition vorzulegen, auf die
sämtliche vorhandenen Indizien zutreffen. GOETHE muß, wie das
Motto vor den Italianischen Collektaneen zeigt, eine griechischlateinische Ausgabe zur Hand gehabt haben.
Außerdem ist zu
in seine Collectaneen aufnimmt, erscheint sicher nicht ganz zufällig ein Zitat
aus megi déowy des HIPPOKRATES, doch ohne Titelangabe. GOETHE hat das
Werk für sein Italienstudium zusammen mit anderen denselben Gegenstand
behandelnden Arbeiten am 10. Oktober 1795 aus der Weimarer Bibliothek
entliehen, vgl. VON KEUDELL-DEETJEN (s. a. S. 36, Anm. 1) unter Nr. 57.
1) GOETHE ,,Maximen und Reflexionen‘; nach den Handschriften des
GOETHE- und SCHILLER-Archivs herausgegeben von Max HECKER. Schriften
der GoETHE-Gesellschaft, 21. Bd., Weimar 1907, S. 135. Danach Zitat der
Ubersetzung.
2) Dazu kommen die Ausgaben, die GOETHE in Jena, und zwar in der
Universitätsbibliothek und in der SchloBbibliothek zur Verfügung standen. Ich
verdanke eine Zusammenstellung der Ausgaben, die zu GoETHEs Zeit in Weimar
und Jena vorhanden waren, der freundlichen Auskunft dieser Bibliotheken.
Pagina 12
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Bd. 29, Heft r u. 2
1936
verlangen, daB der lateinische Text seines Zitates mit dem lateinischen Text der Ausgabe, die wir in seiner Hand voraussetzen,
übereinstimmt, dann muB diese oder jene Besonderheit des griechischen Textes und der lateinischen Übersetzung, die wir aus GOETHES
deutscher Übersetzung erschlieBen, in dieser Ausgabe wiederkehren.
Auf Grund dieser Indizien komme ich auf die für ihre Zeit recht
bedeutende, handliche Ausgabe des hollandischen Arztes VAN DER
LINDEN von 1665, die auBer dem griechischen Text die ausgezeichnete
lateinische Ubersetzung aus der Feder des Zwickauer Arztes CorNARIUS enthált*).
Diese lege ich vor und von ihr gehe ich dann in
den folgenden erklärenden Bemerkungen aus.
Den kritischen Text
dieses Abschnittes hat HERMANN DIELS in seiner Einzelausgabe des
HERAKLIT 2. Auflage Berlin 1909 und dann in den Vorsokratikern
geliefert.
Ich fiige die handschriftlichen Lesarten und modernen
Konjekturen in Klammern ein, da ich in der Interpretation auch
diese beriicksichtigen muB.
1) CHOULANT,
Bücherkunde der alten Medizin, 2. Aufl.
Leipzig 1841,
S. 22, verzeichnet folgende vor GOETHE erschienenen zweisprachigen Ausgaben
von regi duairnc
1. Venet. 1588 ed. Hi. MERCURIALIS, 2. Francof. 1595 ed.
Foesius, 3. Lugduni Bat. 1665 ed. VAN DER LINDEN, 4. Paris 1679 ed. CHARTERIUS, 5. Viennae Austriae 1743. 1749 ed. Mack, 6. Basil. 1579 ed. ZWINGER.
Von diesen Editionen fallen weg FoEsius, CHARTIER, MACK und ZWINGER, die
den ersten Satz abweichend von GOETHE übersetzen:
FOESIUS, CHARTIER,
Mack übersetzen mit ‚in considerationem adhibere non noverunt”, ZWINGER
mit ,,conjicere nesciunt‘“. ,,Considerare non noverunt‘, wie in GOETHES Zitat,
übersetzen MERCURIALIS und VAN DER LINDEN. Beide nur in wenigen belanglosen Einzelheiten des griechischen Textes voneinander abweichende Ausgaben standen GoETHE in der Weimarer Bibliothek zur Verfügung. Sollte
GOETHE, was nicht so wahrscheinlich, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, bei
seinem Aufenthalt in Jena (Anfang Januar 1796) die Übersetzung angefertigt
haben, so hätte er aus der Jenaer SchloBbibliothek die Ausgabe des MERCURIALIS, aus der Jenaer Universitätsbibliothek die Ausgabe von VAN DER LINDEN
zur Verfügung gehabt.
Leihzettel, die eine genaue Bestimmung der Ausgabe
ermöglicht hätten, liegen bei keiner der Bibliotheken vor: ELSE VON KEUDELL-
WERNER DEETJEN, GOETHE als Benutzer der Weimarer Bibliothek, Weimar
1931; KARL BULLING, GOETHE als Erneuerer und Benutzer der Jenaischen
Bibliothek.
Claves Jenenses II, Jena 1932 S. 16ff.
Doch besagt das wenig,
da die Jenaer Ausleihezettel erst von 1810 an vorhanden sind und in Weimar
das Ausleihebuch wenigstens bis 1798, bis zur Übernahme der Oberaufsicht
der Bibliothek durch GOETHE und VoıGT, sehr nachlässig geführt ist
KEUDELL-DEETJEN S. IX).
(von
Das Ausleihebuch der Weimarer Bibliothek enthalt zwischen dem 4. November 1795 und dem 10. Juni 1796 keinen Vermerk
über ein von GOETHE entliehenes Werk. — Könnte eine Gesamtausgabe von
HIPPOKRATES Opera ehemals GoETHES persönliches Eigentum gewesen sein?
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)HIPPOKRATES nspi daras 111. 12
Text der Ausgabe van DER LINDEN Lugduni Bat. 1665 Bd.I 189ff.
(in Klammern handschriftliche Überlieferung, moderne Konjekturen, Text des
Mercurialis; Paragraphenbezifferung nach GoeTHES Übertragung)
(621) Oi de ¿vdooro: Ex trav
At vero homines ex manifestis
paveody ta dgavi; cxintsoda:
obscura considerare non noverunt.
OÙX EMLOTUVTUL. TéYYNOL YAO X080-
Quum enim artibus utantur similipevor duoinoıw amtownivy quo
bus humanae naturae, id ipsum
OÙ yIY@OOXOUGL.
ignorant.
dev yao vdos ididake
Divina enim Mens edocuit ipsos
pupéeoda ta ÉQUTOY yiwwoxorsua ipsorum imitari, ita ut cognos-
Tac, E HOLÉOUOL, XUL OÙ Y1VOOXOYcant quae faciunt et non cognoscant
Tac, è ptpéiovtas.
quae imitentur.
(622)
pore idvta xal Evupopa navra
Omnia enim similia sunt dissimilia existentia, et omnia conxai Öıdpopa tóvra: diadsyopuave
cordia, discordia existentia: quae
ov drcheyoueva’ yvounv ÉYOVTA,
comprobamus, non comprobamus,
(623) névra yao duo, &vd-
(Unevavaequitatem habentia, iniqua sunt:
tiog) 6 todnog éxdatwy duodoyovquos
contrarius est modus singulorum
ei quem confitentur. Lex enim et
oicı névta dianatura, quibus omnia transigimus,
nonooôpeva (dianonocouera), ovx
non confitentur quae confitentur.
Uyvapova:
uevos.
vnevavrıov
vOUOS
(¢vorog Merc.)
yao
xai
Gpodoyéetae duoAoysousve.
(624) vduov uèr #3ecav ivi owHO
ŒUÜTOi
Ewvroicıw,
OÙ
ytvd-
CXOVTEG resol wy etecayv. QUOI
dE
navtes
Feo
(rave DV)
dısverunt.
XOOUTOUY.
(625) ra uèr ov
Legem enim posuerunt ac tulerunt homines ipsi sibi ipsis, non
cognoscentes de quibus tulerunt.
naturam vero omnes dii exornadvdomnoı
étecay (diédeouv), ovOËnOT exata
TO @UTO (THUTO) Eye, OÙTE dove
Quae igitur homines sanciverunt, nunquam eodem modo
habent, neque recte, neque non
ÉD esoav(dédeoar), als dOTDs Ex el.
Quae vero dii sanciverunt,
semper recte habent. Et recta et
rel ta dota xui ta un ootd,
non recta in tantum differunt.
OUTE un QD D. Oxdou (dou) de Feos
recte.
TocnvtTOY diagéoe.
(626) ¿yw de (de om Merc.) drAwow téixvas paveous avtownov
nadipuucv ópolas tovouc,
PauvEeooior zul KG VOL.
Ego vero artes hominis manifestas, affectionibus et manifestis
et obscuris, similes esse declarabo.
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Bd. 29, Heft ı u. 2
1936
(627) Mavrixy todvds. toici
pavspoicı piv (rola: pèv q.) ta
agpavia yırmozsıv (Yırdozeı), xl
Scura, ex obscuris vero manifesta,
roisı apaviot TE pavepd" xai
et ex praesentibus futura, et ex
toiow tovar té péllovra: Toicıv
œnodavodor ta Carta. xal TÜV
felligi non possunt, vates intelliaauvitay
P)
gunt:
(628) 6 pio, sldac, alei ¿odos
6 dt, py sldag Adore “hos.
recte,
qui
guow avdodmov xa? oiov (xaì
alias
aliter.
Biov) tata pruéstal.
etiam haec, quantum possibile est,
(rois
&Gaovvéroiot
ovvıdow (cvviaciv Merc.).
Vaticinatio tale quid est: Ex
manifestis quidem cognoscere obmortuis viventia.
Et ea quae inqui quidem doctus est, semper
vero
non
doctus
Naturam
est,
hominis
imitantur.
(629)
«vo
yuvarxe Evyyevó-
Vir mulieri concumbens puerum
pevos naıdiov Énoies (£noinoe), TO
facit:
paveo® to &dniov yivdoxwv (-euv
cognoscere datur, quod sic futurum
hoc
manifesto
obscurum
Merc., -xeı codd.) örı Kavvilaßer.)
add DIELS) oUrws fore. (ohne
est.
Punkt DIELS) yvoun &vdownov
virum transit, hoc praesenti futuaparijs, yivoaxovce ta paveoe,, (.)
rum cognoscit.
Mens hominis obscura, cognoscens manifesta, ex puero
in
ix naıdög kg dvdoa uediorareı, (.)
TE tovri TO uélloy yırvoaza.
(630) ody ôuoror «¿no Pave-
Non simile a morte ullum alirov(=M: dnotave V) Cdovtt, (*)
quod animal existit, neque mortuo
animal vivum. Venter quod into tEetvyxdte To [Gov ode (oider
to 6).
doúverov yaotio: tauty
ovvieuev, Ste Sew) 7) nevi.
felligi non potest novit: per hunc
enim intellegimus quod sitit aut
esurit.
TVS TADEO, TOTOL UEV YIVOOXOUartes vaticinandi et humanae naturae affectiones, cognoscentibus quidem semper recte haow, «lei doF@s. Toicı de un Yıbent, verum non cognoscentibus
vooxovoiv, aist (d. del. WILAMO=
alias aliter.
(631) reòra (ravra) uavrıxi)s
(-n) réyung (-vn) xai quoros cv ow-
Hae
WITZ om P) ¿Adore las.
(632) Xdyoov doyava Texvng
([ard. 6.]
rtéxvgo:
DIELS,
cdi
pou reyvircı WIL. o1dnoovey
oi ?
DEICHGR.). tov oidmoov
xovot (mupi Tixovot
nvevuartı
méorth-
BYWATER),
avayxalovTés
TO nÙO,
Artis fabrilis ferrariae instrumenta ferrum circumliquant, flatu
ignem fabri cogunt, et alimentum
iam praesens auferunt, ubi vero
recte fecerint, feriunt ac tundunt.
Aquae autem alimento ferrum
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Karl Deichgräber.
tiv indogovoar TOOPYY dipaırursus roboratur. Eadem patitur
otovrss (M: -raı cett.), doady de
homo a paedotriba: praesens enim
RoıNoavrss, meiovor xal cuvelavalimentum igne detrahitur, quum
vovow. Údaros dé lou Too
prae spiritu homo cogatur, raredoyvodr yivsraı.
factus autem tunditur,
Touré ndoye
subvertitur. Aquae autem aliunde
&vFownos inò nadoroifov. tiv
incoyovoay Toopyr
accessione corroboratur ac fortis
nvol (nÙo
FREDRICH) &pesptetai, ind nvevpatos
atteritur,
evadit.
(-vor).
divayxaldusvos
epavoúpevos (-vov) dl, xdnrerai,
toifera:, xadarpterai (xadatoetat). vdetav de vnaycoyi dilo dev
loxvods yiverat.
Et fullones idem transigunt.
mal oi yvagpées tO MUTÒ (tTaUTO)
dianonocortea:.
Und nun nach dem Text die leider so notwendigen Erlauterungen, die uns die Stellung dieser Sätze und Gedanken in der
Geschichte der griechischen Philosophie verstehen lassen: Der Verfasser steht mit diesem Kapitel noch in dem einleitenden kosmologischen Teil seines Werkes, der fiir das Hauptthema, die Wirkung
der Nahrungsmittel und die prognostische Bedeutung der Traume,
als allgemeine Grundlage dient+).
methodisch
fundierte
Und zwar gibt er hier eine
Begrundung seiner Lehre
von der coincidentia oppositorum, der Einheit der Gegensatze. D. h.: Das zentrale
Prinzip der herakliteischen Philosophie ist auch sein Prinzip.
demselben Zusammenhang aber sucht er zu
In
beweisen, daB das
menschliche Handeln und besonders die Kiinste der Menschen der
Natur, genauer der Natur des Menschen und damit diesem Gesetz
voll entsprechen, mit seinen eigenen Worten, daB die Menschen
mit ihren Technai die menschliche Physis nachahmen, ein Gedanke,
der ebenfalls eine Verallgemeinerung und Ausgestaltung
der herakliteischen Deutung von Handwerk und Werkzeug darstellt.
Darüber hinaus ist auch in den Einzelheiten der Begründung das
herakliteische Element erkennbar.
Eigentümlich bleibt, wie der
Verfasser dann in einem bis an die Grenze der Sinnlosigkeit getriebenen
Synkretismus
nach
Möglichkeit
auch
alle
Theorien,
Schlagworte und Ideen seiner eigenen Zeit in diese Lehre hinein1) Eine treffende Charakteristik der Schrift liefert ApoLr PALM, Studien
zur hippokratischen Schrift regi deairns, Diss. Tübingen 1933, S. 97 ff.
Pagina 16
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)preBt.
Er selbst hat in der Vorrede seines Werkes auf den Ruhm
der Originalitat für diesen Abschnitt mit einer fiir seinen Stand
und seine Generation überraschenden Offenheit verzichtet!), und
wirklich bleibt bei der Analyse nur wenig über, was mit einem
gewissen Recht als Eigentum des Verfassers gelten kann.
Ich gehe
kurz die einzelnen Satze auf diese Reminiszenzen an die Lehre und
Terminologie der spaten Physiker und der Sophisten durch: So ist
sofort der erste Satz: oi dì dvPowno: ix Toy Pavey ta aparvia
oxinteo da. ovx iniotavte nichts weiter als eine heraklitisierende
Umformung des anaxagoreischen Satzes: öyıs ¿dniow ta parvóusva
„die Erscheinungen sind das Auge des Verborgenen‘“?). Die Sentenz
ist
ihrer ursprünglichen Brachylogie entkleidet, aus
HERAKILTS
douovin aparvys pavepís xosirrov sind die Worte paveods und &paærñc
aufgenommen, durch die kritische Wendung ist der herakliteische Ton
hineingebracht. Der begründende Satz: réyynos yao roeduevo: Öuoinoıy
avdoanivn pice ov yevdoxovorw verwendet gleichfalls herakliteische
Elemente
und sophistisches
Begriffsmaterial:
aus
sophistischem
Denken stammt die Gegenüberstellung von réx»y und gvors, aus
herakliteischen Gedankengängen konnte das Prinzip einer Parallelität von r&yvn und gvorg entwickelt werden, herakliteisch ist die
Paradoxie, die in diesem Satz enthalten ist: 17 où yao poovéova:
roıwüre of moklot Öxoioıg tyxvosiow Sagt HERAKLIT, und 34 qáres
aitoio: uaprvpei navsdvtas aneiva®). In dem nächstfolgenden Satz
Pedy yao vos sidaks (rove advFownovs) puptsoda. ta Ewutay ist vóos
anaxagoreisch, das peuécodas ta éwvr@v dem Zusammenhang angeglichener Terminus des Sophisten KRITIAS, der das nodrrav ta
éovtod in der Erneuerung des alten Wortes: oxoxésev ta éavrod zum
Prinzip des Handelns erhebt. Der partizipiale Zusatz: yivadoxortas &
rROLOVOLY xal ov yivooxovtag & ueutovrar, „sie, die nur wissen, was sie
tun, nicht was sie in ihrem Handeln nachahmen" spricht in Variation
des herakliteischen Gedankens den eigentümlichen Widerspruch aus,
in dem sich die menschliche Erkenntnis befindet. Entsprechend ist
1) VI 466, 16 Littré: dca toùro de tov Aoyov tovroy nooxatarideua Ote
nolloi tay avdgunwy dxdtav TIVOS TOOTÉQOU axOvVTWOL TEQÍ Tivos EENyevuévov,
ovx anmodéyorvtae tov VOTEQOY nsgi tovtwy dtaleyouevov, OÙ Yırwazovıes Ott TIS
avis Stavoing Eori yvovar Ta dedos Eionusva efevoeiy TE TA unnw etonuera. EYU
your woneg einor tois doTa> etonpsvocce NQoTOMOAOTI}CW.
2) Zu diesem Prinzip zuletzt H. DILLER, Hermes 67, 1932, 14ff.
3) Vgl. auch negi diairns VI 524, 1, wo der herakliteische Satz in physiologischer Umformung gebracht wird (Von DieLs-KRANZ nicht beachtet):
de óxoiwy yao dyysiuv ánoxwgel (sc. 7 puxa) xoi gos dxoîa tiva GOUTTE xai
OxOÛOUS Tot AUTOMLOYETOL, TOLAUTE PLOVEOVOL.
Pagina 17
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)auch der folgende Satz mit seinem bewuBten Verzicht auf die
syntaktische Durchformung der ersten Glieder und vor allem natürlich auch in dem Gedanken und in einem Teil der Termini, wenn
auch nicht echt herakliteisch, so doch heraklitisierend: xévra yae
Spore avduoıa iévra rai Evugopa ndvra xaldıcpopa tóvea diadeydueva
ov dıalsyousve, yu yr» Exovra &yvouova* Unevavtiog 6 todreos Exdot av
duoloysóuevos. EYuqooa und dıdpooe ist an dieStelle des bei HERAKLIT
verbalen Ausdrucks £vupepduevor bzw. diapepdpevov getreten, yraun
ist herakliteisch, ebenso duodoyety.
Die nun folgende Zerlegung aller
dianonoodpueva (ionisches Wort) in solche gemäß Nomos und solche
gemäß Physis ist sophistisch, hier ebenso wie in der Antithese des
folgenden Satzes, in dem der Inhalt des zweiten Satzes dieses Abschnittes wieder aufgenommen wird: »duor ut» Éd'eouv dyFownor aúrol
&wvroioıw où yivooxovres neol @v t3ecav. Die darauf folgende Antithese ist ebenfalls wie der zweite Satz mit seinem »dos mit dem
anaxagoreischen Terminus dıexdounoev ausgestattet (Frg. 12).
Der
Gedankenkomplex am Schluß des Kapitels 11 ist im wesentlichen
ebenfalls wieder sophistische Fassung eines herakliteischen Grundgedankens.
Td ur ovy ¿vdomro: EIsoav, obdénore xata TourTd eye,
ovte dodo ovre um db. dxdoa de Feol Edscuv, alel bodas Ever xui
ta dota xai ta un dodd.
Dem entspricht bei HERAKLIT Frg. 102
To piv ded xala navra xal ayada xal dixaua, dvtowno de & piv
dixaua Unadjypacw & de dix.
Der Bewegungsgedanke der Herakliteer und der dod%órnc-Begriff des PRODIKOS sind an die Stelle
der alten kraftvollen
ethischen Begriffe
des HERAKLIT
getreten.
Modernes mit Altem zu verschmelzen, diese Tendenz bestimmt die
Signatur dieser Kapitelreihe und der ganzen Schrift.
Auf die Einzelheiten der folgenden Sätze mit gleicher Ausführlichkeit einzugehen, ist nicht nötig.
In den Kapiteln 12ff. sind
in gleicher Weise wie vorher Steinchen verschiedenster Herkunft zu
einem bunten, fast verwirrenden Bilde zusammengesetzt.
Ein erlauterndes Wort verdient nur der Gedankengang, der besonders in
der alten Ausgabe durch eine große Anzahl verderbter Stellen fast
unverständlich geworden ist. 626 ist klar: die sichtbaren Technai
der Menschen sind ähnlich dem Sichtbaren und Unsichtbaren, das
in dem Menschen vorgeht. Der Gegensatz: sichtbar—unsichtbar ist
hier von
dem Verfasser zu
unsichtbar verkompliziert.
dem
Gegensatz:
sichtbar—sichtbar/
Die Mantik ist dann die erste Kunst,
mit der der Verfasser seine Aufzählung beginnt.
Ihre Aufgabe ist,
Toicı pavepoicı ta apavia yivdoxer und wie der Verfasser, der es
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Bd. 29, Heft r u. 2
1936
nicht unterlassen kann, überall Antithesen anzubringen, hinzufügt:
xai voto pavor ta paevepá (Sc. yivojcxew) und weiter roio: éovor ta
péddovra: xai roicı anodavodcı ta Lóvra: nel toîs dovveroicı ounäotv.
Dazu kommt nach einigen Einschrankungen, in denen die Relativitat
jeder dieser Erkenntnisformen betont wird, in 626 eine Reihe von
fünf Beispielen, die diese fünf Möglichkeiten eine nach der anderen
illustrieren: 1. der Mann, der ein Kind zeugt, erkennt aus dem
pavsoov das pavés, 2. die Einsicht des Menschen, ein «qavés, erkennt
das paveodv, 3. der Mensch entwickelt sich vom Knaben zum Mann,
aus dem ¿óv ergibt sich das uéllor, 4. aus dem Toten, mag es noch
so anders geartet sein als das Lebendige, erschließt der voraus-.
schauende Geist das Lebende, 5. mit Hilfe von &ovvera verschafft
er sich ovveotg:
der Magen, obwohl nicht mit Verstand begabt,
begreift, so oft er hungert und dürstet.
Dieser Abschnitt schließt
mit einer nochmaligen Betonung der Relativität dieser Sätze entsprechend 631.
632 ist dann die Schmiedekunst zur Kunst des
Paidotriben in
Parallele gesetzt und weiter folgen vollkommen
analoge Deutungen der Tätigkeit des Walkers, des Schusters, des
Zimmermanns, des Baumeisters, des Musikers und so fort, bis dann
die Systematik der Künste mit einer Deutung der „Grammatik“
und einem allgemeinen Überblick über die Handlungen der Menschen
endet.
Wie der Verfasser den einzelnen Gedanken regelrecht und
systematisch belegt, so führt er auch seine These durch: er systematisiert, er will Vollständigkeit, wie er vollständig mit umfassen
möchte,
was
die Philosophen
seiner
Zeit
lehren.
Man
gewinnt
geradezu den Eindruck, als ob der Verfasser durch dieses Systematisieren, durch diese Verbindung heterogener Materialien zu einer
lückenlosen Zusammenstellung sich gegen jede Kritik, von welcher
Seite sie auch kommen mag, wappnen möchte.
Von HERAKLIT!)
ist keine methodische Bemerkung im eigentlichen Sinne überliefert,
die Einheit seiner Gedankenwelt ist nicht die Einheit des logisch
fundierten
und in sich selbst logisch aufgebauten Systems, seine
Tekmerien
wirken auch ohne Kommentar durch die sprichwortartige
Eindringlichkeit ihrer Sprache, durch die Anschaulichkeit,
die apodiktische Evidenz, die in der Sichtbarkeit liegt, ohne daB
1) OLor GIGON hat in seinem ausgezeichneten HERAKLIT-Buch: Untersuchungen zu HERAKLIT, Leipzig, 1935, S. 38ff., mit Recht betont, daß es
unmöglich ist, aus nsoi drairys Bruchstücke des HERAKLIT zu gewinnen. Doch
scheint er mir das heraklitisierende Element in regt dueirns in seiner Bedeutung
allzusehr zu unterschätzen.
Pagina 19
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)er es für nötig hielte, sie in langer Aufzählung aneinander zu reihen.
So arbeitet der Meister. Der Verfasser von xao! dıairng ist der gelehrige Schüler, der die großen Gedanken des Meisters mit dem
guten Willen des begeisterten Anhängers und doch so mäßigen
Kräften ausführt,
der Herakliteer,
der, da es keinen zweiten
HERAKLIT geben kann, notwendig Epigone sein muß}).
Wie
übersetzt
nun
GOETHE
den
ihm
Maximen und Reflexionen ‘(HEcKER), 135.
Wanderjahren 1829.
vorliegenden
Text?
Aus Wilhelm Meisters
(‚Aus Markariens Archiv.)
[619. Das Wahre ist gottahnlich: es erscheint nicht unmittelbar, wir müssen es aus seinen Manifestationen errathen.
620. Der echte Schtiler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nähert sich dem Meister.]
621. Aber die Menschen vermögen nicht leicht aus dem Bekannten das Unbekannte zu entwickeln; denn sie wissen nicht, daß
ihr Verstand eben solche Künste wie die Natur treibt.
622. Denn die Götter lehren uns ihr eigenstes Werk nachahmen; doch wissen wir nur, was wir thun, erkennen aber nicht,
was wir nachahmen.
623. Alles ist gleich, alles ungleich, alles nützlich und schädlich,
sprechend und stumm, vernünftig und unvernünftig.
Und was man
von einzelnen Dingen bekennt, widerspricht sich öfters.
624. Denn das Gesetz haben die Menschen sich selbst auferlegt,
ohne zu wissen, über was sie Gesetze gaben; aber die Natur haben
alle Götter geordnet.
625. Was nun die Menschen gesetzt haben, das will nicht
passen, es mag recht oder unrecht sein; was aber die Götter setzten,
das ist immer am Platz, recht oder unrecht.
626. Ich aber will zeigen, daß die bekannten Künste der Menschen natürlichen Begebenheiten gleich sind,
die offenbar oder
geheim vorgehen.
627.
Von der Art ist die Weissagekunst.
Sie
erkennet aus
dem Offenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige, aus dem Todten das Lebendige und den Sinn des Sinnlosen.
1) Es mag gestattet sein, hier GoETHE selbst zu zitieren, Materialien zur
Geschichte der Farbenlehre II 3, 111, 25, nach dem Abschnitt über DEMOKRIT:
„Betrachten wir nun Erıkur und LUKREZ, so gedenken wir' einer allgemeinen
Bemerkung, daß die originellen Lehrer immer noch das Unauflösbare der Aufgabe empfinden, und sich ihr auf eine naive gelenke Weise zu nähern suchen.
Die Nachfolger werden schon didaktisch und weiterhin steigt das Dogmatische
bis zum Intoleranten.“
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Bd. 29, Heft r u. 2 1936
628. So erkennt der Unterrichtete immer recht die Natur des
Menschen und der Ununterrichtete sieht sie bald so, bald so an,
und jeder ahmt sie nach seiner Weise nach.
629. Wenn ein Mann mit einem Weibe zusammentrifft und ein
Knabe entsteht, so wird aus etwas Bekanntem ein Unbekanntes.
Dagegen wenn der dunkle Geist des Knaben die deutlichen Dinge
in sich aufnimmt, so wird er zum Mann und lernt aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige erkennen.
630. Das Unsterbliche ist nicht dem sterblichen Lebenden zu
vergleichen, und doch ist auch das bloB Lebende verstandig.
So
weiB der Magen recht gut, wann er hungert und diirstet.
631. So verhalt sich die Wahrsagekunst zur menschlichen Natur.
Und beide sind dem Einsichtsvollen immer recht; dem Beschränkten
aber erscheinen sie bald so, bald so.
632.
das Feuer
In der Schmiede erweicht man das Eisen, indem man
anblas’t
und
dem Stabe
seine
überflüssige
Nahrung
nimmt; ist er aber rein geworden, dann schlägt man ihn und zwingt
ihn und durch die Nahrung eines fremden Wassers wird er wieder
stark.
Das widerfährt auch dem Menschen von seinem Lehrer.
Und so machen es auch die Walcker?).
Hier bricht die Übersetzung ab.
Wie verhalten sich Übersetzung und Original zueinander? Da
ist doch wohl zu allererst festzustellen, daß GOETHE nur dann
wortgetreu übersetzt, wenn die Worte seiner Edition einen klaren
Sinn ergeben.
Im ersten Abschnitt etwa folgt er deshalb seiner
Vorlage im wesentlichen ohne jede Abweichung.
Aber diesen Gesichtspunkt mußte er aufgeben, wo der griechische Text sinnlos
war, wie etwa in dem Abschnitt über die Mantik.
Hier hat er das
Überlieferte, wie es seine Pflicht war, zu deuten versucht.
Daß
gerade hier das Dichterische zur Geltung kommt, ist vor allem
eben darin begründet, daß hier GoETHE auf sich selbst angewiesen
war. Für seine Technik und für seine geringe Kenntnis des Griechischen, aus der er niemals ein Hehl gemacht hat, ist es durchaus
charakteristisch, daß er in solchen Fällen die lateinische Übersetzung
zu Rate zieht. Aus der lateinischen Übersetzung, die duoAoyeiv statt
mit consentire, congruere mit confiteri übersetzt, stammt GOETHES
,Bekennen”, ebenso hat er bei dem unübersetzbaren griechischen
Text des Mantikkapitels das aus xa? Biov verderbte xa? oiov entsprechend dem lateinischen quantum possibile est mit „nach seiner
1) „Und — Walcker“ nur in den Hss.
Pagina 21
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Weise“ übersetzt. Die Fehler der Übersetzung sind, wie alle Fehler,
nur dann interessant, wenn sie in fruchtbarem Sinne weiterwirken,
also nicht nur auBerliche Versehen darstellen. So ist etwa 630 aus
falscher Zusammenziehung von ¿dovr: rd tedunxdte der fast dichterische Ausdruck ,,das sterbliche Lebende“ entstanden. Nicht berechtigt war GOETHE (ebensowenig wie die moderne Philologie)
621 dy PFownivy zu übergehen, obwohl der Gedanke durch diese Auslassung HERAKLIT näherkommt als mit dem Zusatz, genau so, wie
er 626, hier zugleich verfiihrt durch die lateinische Ubertragung,
unrichtig &vdoœnov statt zu zadnuacow zu réyvas paveods gezogen
und so wieder Menschliche Kunst und Natur statt Kunst und Menschliche Natur gegenübergestellt hat. 628 und 631 hat GOETHE die
Antithese des Originals genau beibehalten. Ausgelassen hat er bei
der Übersetzung in 627 die Wendung, daß die Weissagekunst aus
dem Unsichtbaren das Sichtbare erkennt (xai roioe adpavior ta
paveo«), wieder nicht richtig, obwohl jeder Leser zunächst daran
anstößt,
wie denn auch FREDRICH in seiner kritischen Ausgabe
diese Worte ausgelassen hat.
Ebensowenig wie später der kritische
Philologe hat GoETHE gesehen, daß auch dieser Zusatz durch ein
Beispiel!) erläutert wird. Die unübersichtliche Interpunktion in seiner
Ausgabe, durch die yvauy dvtodnov epaevís — yırdozaı zusammengenommen wird, mag ein Grund sein, weshalb GOETHE diesen Zusammenhang nicht erkannt hat.
Immerhin bleibt es interessant,
daß GoETHE die Überlieferung an zwei Stellen geändert hat, an
denen auch die moderne Philologie zunächst nicht durchkam. Daß
er größere Stücke (hinter 623 und 632) ausläßt, ist bei der Unverständlichkeit des ihm vorliegenden Textes nur zu begreiflich.
Dies und manches andere, was noch an Einzelbeobachtungen
hinzugefügt werden könnte, sind Einzelheiten und doch vielleicht
auch etwas mehr.
Sie zeigen, daß GOETHE nicht übersetzt, um zu
übersetzen, daß er nicht ein Exercitium anfertigt, sondern zu verstehen und sich anzueignen versucht, was er vorfindet.
In anderer
und noch eindrucksvollerer Form zeigt sich dieses Bestreben in der
allgemeinen Umgestaltung, die GoETHE mit Wort und Satz vornimmt, in der Übertragung dieser Sätze in seine eigene Denk- und
Ausdrucksform. Überall entfernt er das Abstrakte, UnlebendigGelehrte, die Worte und Sätze bekommen Farbe, lebhafte Andie lebendige Empfindung hebt die Steifheit des
schaulichkeit,
griechischen Ausdrucks auf, das ruhend Statische wird in Dynamik
1) Das von der Funktion der yv@yz.
AGM XXIX
Pagina 22
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)umgesetzt. Schon die Art, wie GOETHE den stereatyp wiederholten
Ausdruck des Originals variiert, ist für diese Verlebendigung charakteristisch. Das Bekannte, das Unbekannte, das Offenbare, das
Verborgene, das Dunkle, das Deutliche, so wechselt GoETHE mit
dem Ausdruck, wo der Verfasser nur paveods und equwjs gebraucht.
Das ständig wiederkehrende yırooxwv und un Yıraaxwv gibt er bald
mit „Wissen‘, bald mit „Erkennen‘, dann mit ‚In sich aufnehmen‘,
die Partizipia mit ,,einsichtsvoll und ‚beschränkt‘ wieder.
so bekommt
auch
mancher abgegriffene Terminus seine
und sein Leben zurück.
Und
Kraft
Bemerkenswert ist dann aber auch unter
den Abweichungen von dem Original das, was ich die Dynamisierung
des Ausdrucks nennen möchte: ëxéoravra ist jetzt anders als im
Original, nicht ein Können durch ratio und Übung, sondern ein
„vermögen“. Das oxéxteo Fe. im Griechischen soviel wie ,,fragendes
Betrachten‘ wird ‚entwickeln‘.
625 ,,was die Menschen gesetzt
haben, das will nicht passen‘, ist vom handelnden Menschen her
empfunden, im Gegensatz zu dem griechischen Text, der nur das
Ergebnis ausspricht: re pév ov dvPownor ¿Feoav, ovdénote xara
tovro&yeı. „Wenn der dunkle Geist des Knaben die deutlichen Dinge
in sich aufnimmt, so wird er zum Mann und lernt aus dem Gegenwartigen das Zukünftige erkennen“, auch da verwandelt das
organisch-dynamische Denken GoETHES das tote Original in etwas
Lebendiges. Dazu kommt dann GoETHEs Syntax und Rhythmus.
Auch diese beiden Faktoren tragen dazu bei, von dem Wort und dem
Gedanken das gewaltsam Abrupte abzustreifen und aus Teilen Glieder,
aus Gliedern einen lebendigen Körper zu machen. Stil und Ethos
der GoETHEschen Übersetzung vermögen mehr zu befriedigen, als
das nüchterne Original, das die Lehre und Abgegriffenheit der
Worte durch gewollte Paradoxien und Übertreibungen vergeblich
aufzufrischen versucht. Man hat an HERAKLITS Sprache die lebendige
Anschaulichkeit, den Sinn für das Organische und Konkrete, für
Rhythmus und inhaltgemäße Gestaltung gerühmt. Hier in GOETHES
Übersetzung heraklitisierender Gedanken kehrt dieses Dichterische
des herakliteischen Stils wieder.
Seine Übersetzung ist im Stil
herakliteischer als die des Herakliteers.
Aber das alles ist ja, wenn man den Blick über das Formale
zurücklenkt auf das Wesentliche, doch nur Folge, nicht Ursache.
Die dichterische Gestaltung der GoETHEschen Übersetzung, diese
Aneignung des Fremden, ist doch nur Ausdruck einer inneren Verwandtschaft des GoETHEschen Denkens und Seins mit dem Denken
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)dieses heraklitisierenden ‚„HıPppoKRATES“. Daß Gott und Natur
zusammengehören, daß die Natur der Einheit der Gegensätze, wie
der Naturphilosoph GOETHE selbst lieber sagt, der Polarität, gehorcht, daß der Mensch, der nicht den Blick auf das Ganze lenkt,
nur zu einem relativistischen Urteil kommt, dieses Denken, das in
dem Sichtbaren das Unsichtbare-Göttliche anschaut, das in der
konkreten Gegebenheit der menschlichen Natur und des menschlichen Handelns eine Manifestation des göttlichen Urgesetzes sieht,
die Anschauung, daß Natur und Kunst sich finden müssen, ist Geist
der GoETHEschen Philosophie oder besser des GoETHEschen Philcsophierens. So kennen wir es aus den reichen Zeugnissen seines
Denkens und Dichtens. Jeder Satz ließe sich durch einen Ausspruch,
einen Aphorismus von GOETHE, dem Jüngling, dem Mann und dem
Greis belegen. Ich erinnere nur an einige Sätze, die verschiedenen
Grundgedanken dieses Abschnittes entsprechen!). Zunächst an
zwei frühe Worte: „Die Natur versteht gar keinen Spaß, sie hat
immer Recht und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen‘‘2).
„Was wir von der Natur sehen, ist Kraft, die Kraft
verschlingt; nichts gegenwärtig, alles vorübergehend, tausend Keime
zertretend, jeden Augenblick tausend geboren, groß und bedeutend,
mannigfaltig ins Unendliche, schön und häßlich, gut und böse,
alles mit gleichem Recht nebeneinander existierend‘ (von 1772).
Weiter erinnere ich an drei spätere Stücke, in denen ebenfalls
Motive wiederkehren, die in dem übersetzten Abschnitt auftauchen,
so an das Epirrhema:
Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten,
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen,
Denn was innen, das ist außen.
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis (1819/20).
So aus dem Aufsatz „Bildung und Umbildung der
organischen
Naturen“:
in der Er-
,,DaB das, was der Idee nach gleich ist,
fahrung entweder als gleich oder ähnlich, ja sogar als völlig unähnlich
1) Zu erinnern ist bei diesem Abschnitt auch an das im Frühjahr 1801
entstandene Gedicht ,, Dauer im Wechsel‘, als dessen ,,Quelle** WILAMOWITZ
PLATON 1350 Anm. das heraklitisierende Kap. 18 von PLUTARCH De E: apud
Delphos vermutet hat.
2) Vgl. Maximen und
Reflexionen
1250: „Die Natur bekümmert sich
nicht um irgendeinen Irrthum; sie selbst kann nicht anders als ewig rechthandeln,
unbekümmert, was draus erfolgen möge.‘
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erscheinen kann, darin besteht eigentlich das bewegliche Leben
der Natur.“
Und wieder Verse aus dem Künstlerlied von
1816:
Wie Natur im Vielgebilde
Einen Gott nur offenbart,
So im weiten Kunstgefilde
Webt ein Sinn von ewger Art.
GOETHE, der bei HIPPOKRATES die Erfahrung ohne Theorie fand,
und wo Theorien und Hypothesen waren, Gedanken, die ihm gegenüber den modernen und den eigenen Theorien so kräftig und zuverlässig erschienen, daß er sie Schiffsseilen vergleichen konnte, hat
auch in den herakliteischen Gedanken von meoi dcairng sich selbst
wiedergefunden, gerade in diesen, da auch sie sich als Ergebnisse
der Erfahrung ihm darboten!).
Es darf deshalb auch nicht überraschen, daß GoETHE diese Übersetzung in der Erstausgabe nicht
als solche gekennzeichnet hat.
Er hat sie in dem. Anhang zu
„Wilhelm Meisters Wanderjahren‘ in der Abteilung „Aus Makariens
Archiv“ veröffentlicht als Aphorismen und ihnen durch Voranstellung zweier von ihm selbst stammender Sprüche eine Art Einleitung
gegeben (619. 620). Er verfährt hier anders als bei seiner Übersetzung
aus PLOTINS Enneaden, die er auf die Sprüche aus neo} dıwirng folgen
läßt.
Die Sätze aus PLOTIN sind sämtlich durch Anführungsstriche
als Übertragungen aus einer fremden Sprache gekennzeichnet und
zudem in zwei folgenden Aphorismen einer Kritik unterzogen?).
1) Ob GOETHE bekannt gewesen ist, daß er es mit einem Herakliteer zu
tun hatte, läßt sich nicht sagen, doch ist es nicht ausgeschlossen; schon vor
seiner Zeit war die Abhängigkeit der Schrift von HERAKLIT entdeckt und dargestellt.
Besonders
ausführlich
von
Jon. MATTH. GESNER, dem
Göttinger
Philologen, der 1737 seine Schrift Puyai ’Innoxgarov; und 1752 in dem ersten
Bande
der
Commentationes
societatis
Gottingensis
eine
Abhandlung
De
animabus (!) Heracliti et Hippocratis ex huius libro I de diaeta veröffentlicht
hatte.
In beiden Arbeiten suchte GESNER durch Interpretation des Textes, den
er auch vorlegte, die Identität der in regi dieirns genannten yvyai mit den von
LEEUWENHOEK entdeckten Spermatozoen nachzuweisen. Rätselhaft bleibt auch,
wodurch GOETHE gerade auf diese Kapitel von regi drairns aufmerksam geworden
ist.
Daß nur der Zufall ihn an dieses Stück herangeführt hat, glaube ich nicht.
2) Die Übersetzung von PLoTINS Enneaden V, 8, 1 hat GoETHE 1805 in
Lauchstädt nach der lateinischen Übersetzung des MARSILIO Fıcıno gemacht,
sie ist also ,,die Übersetzung einer Übersetzung“ (GOETHE an ZELTER vom 1. Sept.
1805).
Zwar hat sich GOETHE nachträglich von FRIEDRICH AUGUST WOLF den
griechischen Text schicken lassen, doch hat er, sei es, daß er sie nicht für nötig
hielt, sei es, daß ihn in der Folge andere Aufgaben und Gegenstände mehr anzogen, eine Korrektur seiner ersten Übersetzung nicht vorgenommen.
Denn
die an ZELTER (und FRIEDRICH AUGUST WOLF) übersandte Fassung, die GOETHE
Pagina 25
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)GOETHE macht sich den Inhalt dieser Sätze zu eigen dadurch,
daB er sie mit dem Gehalt seines Denkens erfüllt. Wie eigentiimlich
nachhaltig aber diese Beschäftigung mit eo drairys gewesen ist,
das kann man erst ermessen, wenn man ihre Nachwirkung in
GOETHES dichterischem Schaffen kennt.
In eben dem Winter, in
dem GOETHE diesen Abschnitt aus HIPPOKRATES übersetzt, beschäftigt ihn von seinen größeren dichterischen Entwürfen außer
den Xenien, die aber eher als Gelegenheitsarbeiten anzusehen sind,
und der Übersetzung des Cellini allein der Wilhelm Meister. Diese
Arbeit, die er vor fast zwei Jahrzehnten als 28jähriger begonnen
hatte, soll jetzt mit allen Kräften vorwärts und zu Ende gebracht
werden.
Der Roman,
zuerst als Theaterroman gedacht,
zum eigentlichen Bildungsroman geworden,
dann
ist in seiner zweiten
Fassung bis zum 6. Buch gediehen. Nun will GOETHE sein Werk,
das ihm schon so entfremdet ist, daß er sich fast wie ein Herausgeber vorkommt, bevor ihm jede innere Möglichkeit der Weiterarbeit genommen ist, endgültig abschließen‘).
die
Aufgabe,
aus der
Perspektive
des
nun
GOETHE hat jetzt
Erreichten
die
bedeutendste Wendung seines eigenen Bildungsganges dichterisch zu
gestalten. Wilhelm Meister, zuerst der Mensch des Theaters, Schauspieler, Dichter, ja auch als Mensch sich selbst gegenüber Schauspieler,
Dichter,
Theaterheld,
soll
nun
nach
den
vielen
Enttäuschungen, die ihm das Schicksal, in Wahrheit sein Charakter
bereitet hat, zur Erkenntnis seines Wesens und seiner Aufgabe
geführt werden, er soll nun die Illusionen durchschauen, in denen
er bisher gelebt hat, und zu sich selbst kommen.
GOETHE will ihn
nun von dem Irrweg, den er gegangen, zum tätigen Leben leiten,
von der Allgemeinheit des Wortes und der Idee, von der Vielheit
der Erlebnisse zu einem bestimmten gegenständlichen Handeln, zur
geistigen Gesundheit, wie SCHILLER in dem Brief vom 8. Juli 1796
einmal treffend sagt.
So führt GoETHE seinen Helden in einen Kreis
von Menschen, deren unsichtbaren Einfluß er schon früher erfahren
ausdrücklich als noch der Revision nach dem Original bedürftig bezeichnet,
stimmt wörtlich mit der in den Maximen und Reflexionen veröffentlichten
Fassung überein.
Vgl. die textkritischen Bemerkungen zum Brief an ZELTER
und zu den Maximen und Reflexionen. (Dies gegen KARL BAPP, Aus GOETHES
griechischer Gedankenwelt, Erbe der Alten 2. Reihe VI, Leipzig 1921, S. 34.)
Daß GOETHE die Übertragung aus PLOTIN auf seine Übersetzung von regi
dcaitns folgen läßt, wird damit zusammenhängen, daß sich die Stücke inhaltlich
hier und da berühren.
1) GOETHE an SCHILLER vom 27. August 1794.
XXIX
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)hat, die ihm aber erst jetzt den Sinn und im Grunde die Sinnlosigkeit
seiner bisherigen Laufbahn zeigen sollen.
Es sind die Mächte des
Turms, Menschen, die geheimnisvoll wirken, und die doch alle mit
ihrem ganzen Handeln auf dem Boden der Wirklichkeit stehen:
der heroisch-aktive Lothario, der padagogisch-praktische Abbé, der
praktisch-niichterne Jarno und mit diesen die wahrhaft menschlichen
Gestalten der
Therese!).
heilig-schénen
Nathalie
und
der irdischen
In der feierlichen Zeremonie, die Wilhelm Meister in
den ihm bisher verschlossenen Räumen des Hauses erlebt, überreicht ihm der Abbé den Lehrbrief, die Urkunde, in der in Form
allgemeiner Sinnsprüche die Deutung und Kritik seiner bisherigen
künstlerischen Bemühungen enthalten ist. Und hier nun das Überraschende. Dieser Lehrbrief, dessen erste Niederschrift sich auf der
Rückseite des Originalmanuskripts der Übersetzung aus meg? dıeirns
von GOETHES eigener Hand mit Bleistift notiert findet?), bringt zunächst GoETHES eigene Ideen, wie sie sich in der Entwicklung seines
Helden manifestieren, dann aber auch eine Reihe von Gedanken,
die zum Teil direkt, zum Teil umgestaltet, aus HIPPOKRATES xept
öıeirns und HIPPOKRATES Aphorismen, wenn nicht auch noch aus
einem dritten, gleich zu nennenden Werk des HIPPOKRATES übernommen sind.
GOETHE hat an demseiben Tag, an dem er seinem
Schreiber Geist die Ubersetzung diktiert hat, oder auch wenige
Tage spater, den Lehrbrief des Wilhelm Meister auf demselben
Blatt eigenhändig angefügt und dann in den Roman übernommen.
Lehrbrief
Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urtheil schwierig, die
Gelegenheit fliichtig. Handeln ist leicht, Denken schwer; nach dem
Gedanken handeln unbequem.
Aller Anfang ist heiter, die Schwelle
ist der Platz der Erwartung.
Der Knabe staunt, der Eindruck bestimmt ihn, er lernt spielend, der Ernst überrascht ihn. Die Nachahmung ist uns angeboren, das Nachzuahmende wird nicht leicht
erkannt.
Selten wird das Treffliche gefunden, seltner geschätzt.
1) Nach GoETHESs eigener Charakteristik in dem Schema I, 21. S. 332,
Vgl.
auch die schöne Analyse, die SCHILLER in seinem Brief vom 5. Juli 1796 gibt.
2) Vgl.
Heckers Ausführungen über die
Handschriften
S. 351
seiner
Ausgabe der Maximen und Reflexionen und in der Einleitung S. XXXII/IIIR
HECKER hat zuerst auf die Beziehungen zwischen der Übersetzung und dem
Lehrbrief kurz hingewiesen.
GOETHE hat insofern später auf den Zusammenhang beider Stücke aufmerksam gemacht, als er der Übersetzung den Schlußsatz des Lehrbriefes = 620 in den Maximen und Reflexionen vorangestellt hat;
siehe oben.
Pagina 27
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Karl Deichgräber.
Die Höhe reizt uns, nicht die Stufen; den Gipfel im Auge wandeln
wir gerne auf der Ebene. Nur ein Theil der Kunst kann gelehrt
werden, der Künstler braucht sie ganz. Wer sie halb kennt, ist
immer irre und redet viel; wer sie ganz besitzt, mag nur thun und
redet selten oder spät. Jene haben keine Geheimnisse und keine
Kraft, ihre Lehre ist wie gebackenes Brot, schmackhaft und sättigend
für Einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen und die Saatfrüchte
sollen nicht vermahlen werden. Die Worte sind gut, sie sind aber
nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich durch Worte. Der
Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste. Die Handlung wid
nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt. Niemand weiß,
was er thut, wenn er recht handelt; aber des Unrechten sind wir
uns immer bewußt. Wer bloß mit Zeichen wirkt, ist ein Pedant,
ein Heuchler oder ein Pfuscher. Es sind ihrer viel, und es wird
ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwätz häit den Schüler zurück,
und ihre beharrliche Mittelmäßigkeit ängstigt die Besten. Des
echten Künstlers Lehre schließt den Sinn auf, denn wo die Worte
fehlen, spricht die That. Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten
das Unbekannte entwickeln, und nähert sich dem Meister. —
Ich verzeichne die offensichtlichen Übereinstimmungen und
Berührungen mit der Übersetzung im einzelnen nicht und will nur
darauf aufmerksam machen, daß auch der Satz: „Der Geist, aus
dem wir handeln, ist das Höchste.
Die Handlung wird nur vom
Geiste begriffen und wieder dargestellt‘, eine Neugestaltung der
hippokratischen Idee von der Einheit von Natur und Handlung
sein dürfte. Der Einleitungssatz knüpft an den 1. Aphorismus des
HIPPOKRATES an: 0 Bios Boayús, y) de téxvy paxod, 6 dì xaerpos dive,
y dè neioa apalsod, y de xoiois xakenn, denselben Satz, den ein
faustischer GOETHE einst
Mund gelegt hatte).
dem Büchergelehrten Wagner
in
den
Nur den Satz über die Unsicherheit der Er-
1) Wagner zitiert das 1., 2. und 5. Kolon dieser Sentenz: Ach Gott,
die
Kunst ist lang, Und kurz ist unser Leben. Mir wird bei diesem kritischen Bestreben Doch oft um Kopf und Busen bang. Wie schwer sind nicht die Mittel
zu erwerben, Durch die man zu den Quellen steigt! Und eh man nur den halben
Weg erreicht, Muß wohl ein armer Teufel sterben.
Faust: Das Pergament,
ist das der heil’ge Bronnen, Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt? Erquickung hast du nicht gewonnen, Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.
Das geflügelte Wort: , Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang" auch im Munde
des Mephisto vor der Schülerszene. Vgl. noch Tagebuch der italienischen Reise,
22. September, I, 32, 83: O wie weit und lang ist die Kunst und wie unendlich die Welt, wenn man sich einmal ans Endliche halten mag!
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Bd. 29, Heft ru. 2
1936
fahrung hat GoETHE wohl mit Absicht ausgelassen, er konnte ihn
sich bei seiner ganzen Geistesrichtung und an dieser Stelle kaum
zu eigen machen!). Mit ihrer Knappheit stehen die Sätze unwidersprochen und unwiderleglich da.
Dieser Stil, mit dem Gnomenstil
von negi dıeirng von ferne verwandt, ist dann auch auf die folgenden
Sätze übergegangen, die alle kurz und knapp in klarer Antithetik
geformt sind und nur durch ihre leichte Ironie und ein biblisches
Element, das an die Spruchweisheit des Neuen Testaments erinnert),
eine besondere Färbung erhalten.
Mit dem Wort, in dem das besondere Ethos der medizinischen iorooin des HıppoKRATES Gestalt
gewonnen hat, verbinden sich in Form und Wesen zum Teil in
ihrer Originalprägung, zum Teil ins moderne Denken umgeformt,
herakliteisch-hippokratische Gedanken und Gedankenteile, die Idee
vom Wege aller Wissenschaft, von der Nachahmung und ihrem
Vorbild, vom Wissen um das Handeln, von der Entwicklung der
Menschen, vom Sinn der Tat und der Kunst und damit wieder die
Ideen, die GoETHES eigenstes Eigentum sind’).
Die Idee der wahr-
1) Außerdem hat GoETHE das dritte und fünfte Kolon umgestellt, so daß
jetzt die drei Kola, die einen Zeitbegriff enthalten, den Begriff umschließen,
der den Zeitbegriff nicht enthält.
Im übrigen sind die Kola sowohl von Hippo-
KRATES wie von GOETHE nach klanglich stilistischen Gesichtspunkten gestaltet
und geordnet.
Die Homoioteleuta sind bei HıppoKRATES geordnet ababc,
so daß die Substantiva aus Kolon 1 und 3 gleich enden und die Kola 4 und 5
mit einem dreisilbigen Wort schließen. Alles entspricht der Technik des hippokratischen Gnomenstils, vgl. Die Epidemien usw. 70ff. (S. 32 Anm. 3).
GOETHE
formt die ersten beiden und die letzten beiden Kola völlig übereinstimmend.
2) Vgl. z.B. zu „Es sind ihrer viele‘: Matth. 7, 13—14
Der Weg ist
breit, der zur Verdammnis abführt und es sind ihrer viele, die darauf wandeln.
3) Durch einen glücklichen Zufall ist uns das Originaldiktat des 7. Buches
vom Wilhelm Meister erhalten, das GoETHE am 14. Januar 1795 in Jena abgeschlossen hat.
Denn um dieses handelt es sich in dem uns vorliegenden
Manuskript (Beschreibung der Handschrift in der Weimarer Ausgabe
I 23,
S. 313; doch ist hier eigentümlicherweise nicht der Versuch gemacht, die Angaben GOETHES über seine Arbeit am 7. Buch für die Feststellung des Überlieferungswertes der Handschrift auszunutzen, es ist nicht einmal die Frage
gestellt, wie sich diese Handschrift zu den Angaben in GOETHES Briefen verhält).
GOETHE. hat dann später eigenhändig Änderungen vorgenommen und
so aus diesem Manuskript die Vorlage für die Reinschrift, das eigentliche Druckmanuskript hergestellt, das am 16. Juli an den Verleger UnGer in Berlin abgegangen ist.
Er selbst spricht von diesen Änderungen in seinem Brief an
SCHILLER vom 4. Februar: „Ich arbeite es (das 7. Buch) jetzt nur aus dem Gusse
des Diktierens ins reine“;
1 2 S. 797.
vgl. auch GRAF, GOETHE über seine Dichtungen
Da ist es für uns von großem Interesse festzustellen, daß in dieser
Originalhandschrift der Lehrbrief nachgetragen ist, also ursprünglich in ihr
Pagina 29
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)haft kiinstlerischen Tat, die an die Stelle der Worte treten soll,
leuchtet auf und damit die zentrale Idee dieses Romans, von dessen
nicht enthalten war.
GOETHE hat den Wortlaut der Originalfassung eigenhändig geändert und mit einem Verweisungszeichen eine von seinem Schreiber
GEIST angefertigte Abschrift des Lehrbriefes eingefügt (vgl. den Apparat zur
Stelle S. 341).
Die Sätze lauteten ursprünglich: „Wilhelm nahm ihn (den
Lehrbrief) auf und wollte ihn eröffnen, der Abbé sagte: es ist Zeit, wenn Sie
allein sind, sehen Sie sich jetzt in (Ihren), jenen Schränken um“, jetzt dagegen
heißt es mit GoETHEs Änderung: „Wilhelm nahm ihn auf, öffnete ihn und
las.“
Dann folgt der Lehrbrief im Wortlaut:
dann: „Genug, rief der Abbé,
das Übrige zu seiner Zeit. Jetzt sehen Sie sich in jenen Schränken um.“ —
Der Lehrbrief ist nachgetragen.
Natürlich besagt das nicht, daß GoETHE ihn
ursprünglich überhaupt nicht bringen wollte und auch nicht ohne weiteres,
daß GoETHE ihn damals, als er die erste Niederschrift abschloß, noch nicht
geschrieben hatte.
Ebensogut kann der Lehrbrief schon vorhanden und ursprünglich für das 8. Buch vorgesehen gewesen sein.
Das Eigentümliche ist,
daß, obwohl der Lehrbrief kompositionell eine völlig geschlossene Einheit darstellt, für die man sich eine Fortsetzung kaum denken kann, die Worte des
Abbe in der zweiten Fassung dennoch eine Fortsetzung erwarten lassen.
Vielleicht darf man dies so deuten, daß GoETHE den Lehrbrief schon längere Zeit,
bevor er ihn einfügte, verfaßt hatte, und es würde gerade diese Annahme um
so viel mehr für sich haben, weil doch GoETHE sich schon vor dem 30. Dezember
1795 mit HıppoKRATES beschäftigt hat.
Ich nehme also an, daß GOETHE den
Lehrbrief im November oder Dezember 1795 verfaßt hat, dann im 1. Manuskript
des 7. Buches auf den Lehrbrief nur hinwies und sich später entschlossen hat,
ihn schon in diesem Buche mitzuteilen.
GoETHEs Bemerkung über den Lehr-.
brief im Brief an SCHILLER vom 9. Juli 1796 bezieht sich auf den Text der
uns vorliegenden Handschrift, die damals auch SCHILLER vorlag, d.h. den
Text mit dem eingefügten Lehrbrief, ebenso natürlich ScHILLERS Bemerkung
zum Lehrbrief in seinem Schreiben an GOETHE vom 9. Juli.
Beide höchst
aufschlußreiche Stellen möchte ich hier mitteilen. GOETHE an SCHILLER 9. Juli
1796: „Ich hatte den Lehrbrief im siebenten Buch abgebrochen, in dem man bis
jetzt nur wenige Denksprüche über Kunst und Kunstsinn liest. Die zweite Hälfte
sollte bedeutende Worte über Leben und Lebenssinn enthalten, und ich hatte
die schönste Gelegenheit, durch einen mündlichen Kommentar des Abbés, die
Ereignisse überhaupt, besonders aber die durch die Mächte des Turms herbeigeführten Ereignisse zu erklären und zu legitimieren und so jene Maschinerie
von dem Verdacht eines kalten Romanbedürfnisses zu retten und ihr einen
ästhetischen Wert zu geben, oder vielmehr ihren ästhetischen Wert ins Licht
zu stellen.“
Dazu SCHILLER an GOETHE vom 9. Juli 1796: „Es ist wohl ein
bloßer Zufall, daß die zweite Hälfte des Lehrbriefs weggeblieben ist, aber ein
geschickter Gebrauch des Zufalls bringt in der Kunst, wie im Leben, oft das
Trefflichste hervor.
Mir deucht, diese zweite Hälfte des Lehrbriefes könnte
im achten Buch, an einer weit bedeutenderen Stelle und mit ganz anderen Vorteilen nachgebracht werden ....
Ich riete deswegen sehr, jene Hälfte des Lehrbriefs ja nicht wegzulassen, sondern womöglich den philosophischen Gehalt
des Werkes — deutlicher oder versteskter — darin niederzulegen.
Ohnehin
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Bd. 29, Heft ı u. 2
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Helden SCHILLER sagte, daB er von einem leeren und unbestimmten
Ideal in ein bestimmtes tätiges Leben trete.
In dieser Idee
gehen letzten Endes alle Gedanken des Lehrbriefs zu einer mehr
als äußeren Einheit auf.
Damit ist unsere Untersuchung, soweit sie sichere Ergebnisse
liefert, abgeschlossen.
Dennoch kann ich es mir nicht versagen,
am Schluß noch eine Hypothese anzudeuten, die nicht so leicht
zu verifizieren ist. Das einzige Werk des HIPPOKRATES, das GOETHE
besessen hat — er erhielt es 1794 aus der Bibliothek des Vaters —,
war eine Ausgabe der Aphorismen: es war ein Buch im Kleinformat,
gedacht als Vademecum fiir Arzte, eine Ausgabe, wie sie in zahlreichen Auflagen und Fassungen im
19. Jahrhundert erschienen sind*).
17.,
18., ja auch noch im
Dieses Büchlein, heute noch in
kann, bei einem Publikum, wie nun einmal das deutsche ist, zu Rechtfertigung
einer Absicht, und hier namentlich noch zu Rechtfertigung des Titels, der vor
dem Buche steht und jene Absicht deutlich ausspricht, nie zu viel geschehen.“
Ich füge nur hinzu, daß GoETHE dann wirklich, seinem ursprünglichen Plan
und SCHILLERS Gedankengängen folgend im 8. Buche eine Fortsetzung des
Lehrbriefes gegeben hat, die im Gegensatz zu dem ersten Teil, der sich auf die
„Ausbildung des Kunstsinnes‘“ bezieht, vom ‚Leben‘ handelt (S. 211, 14ff.
des Romans).
1) Innoxgarovs
Adolphi Vorstii ...
¿poguruol
Aphorismi
Hippocratis
Ex
recognitione
Acc. Huic Editioni loca Parallela ex ipso Hippocrate
ut et Celso petita ...
Lugd. Bat. Apud Gaesbekios 277 Seiten.
Das kleine
Buch, 5 x 9 cm groß, stammt aus der Bibliothek des Vaters. Vgl. von MALTZAHN, Jahrbuch des Freien Deutschen
Hochstifts 1927 in seinem Aufsatz:
Bücher aus dem Besitz des Vaters in GoETHEs Weimarer Bibliothek 363ff.
Mit Tinte sind mehrere Aphorismen unterstrichen I 1 — yodenyj; 5 nav
reo &uaotrnua — diouta. 6; 8; 12 olov — uyxvvu; 11; 12 0lov Ev nlevgrrixoisı —
unxiver; 13 yégovres — uchore nadia.
Peguóv. dia toùto — tò vuo.
14 tà avSavoueva — Fequor. yegovor —
V 42. Statt des hippokratischen ogxos enthält
das Buch den Doktoreid von LEYDEN, der vor den Aphorismen steht, eine
christliche Umformung des alten hippokratischen Eides. Er reiht sich ein in
die von mir in meiner Studie: Die ärztliche Standesethik des hippokratischen
Eides (Quellen und Studien zur Geschichte der Naturwissenschaften und
Medizin 3, 2 S. 40ff.) skizzierte Entwicklung des ärztlichen Eides. Der Nomos
folgt auf die Aphorismen S.268. — In dem von GOETHEs Sekretär RIEMER
angefertigten Verzeichnis des inhalts eines ‚ersten Kastens“ mit Manuskripten
und Büchern, die GoETHE 1808 in Karlsbad benutzte, ist die Ausgabe genannt
(III 3 420 unter g Aphorismen des HIPPOKRATES). Ob GOETHE die Aphorismen
in Karlsbad gelesen hat, läßt sich nicht mehr feststellen, da er wohl einen
Teil der übrigen Bücher, nicht aber die Aphorismen in seinem Tagebuch
nennt. — Durch das freundliche Entgegenkommen der Direktion des GOETHENationalmuseums konnte ich das Buch einsehen.
Pagina 31
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)der Bibliothek GoETHES vorhanden, enthält aber nicht nur die in
seinem Titel genannten Aphorismen, sondern ihrem Zweck entsprechend auch den hippokratischen Nomos, eine kleine meistens
unmittelbar nach dem „Eid“ überlieferte und gedruckte Schrift
(wenn man die ein, zwei Seiten dieser geschlossenen Aphorismensammlung eine Schrift nennen darf). Was der Nomos enthält, ist
mit dem Titel nicht bezeichnet!). Die Schrift führt aus, welche
Vorbedingungen für die Ausbildung des Mediziners unerläßlich
sind. Es werden die wahren Ärzte den Pfuschern gegenübergestellt,
die nur gleich stummen Schauspielern das Kostüm des Arztes tragen,
in Wirklichkeit aber keine Ärzte sind.
Hier wird gesagt, daß Begabung und Lehre, ein Ort, der zur Belehrung geeignet ist, früher
Unterricht, Fleiß und Zeit zur richtigen Ausbildung nötig sind, und
ein Vergleich mit den Bedingungen, die zur guten Entwicklung des
Samenkorns gehören, demonstriert die Notwendigkeit dieser Voraussetzungen. In dieser kleinen Schrift steht im Schlußabschnitt ein
schönes Wort über die «nein, stehen Sentenzen über das wahre
Wissen und den Schein und zuletzt das bekannte herrliche Wort,
daß die heiligen Dinge nur heiligen Menschen offenbart werden,
daß es nicht statthaft ist, sie dem Uneingeweihten zu zeigen, bevor
er aufgenommen ist in die Weinen der Wissenschaft?). GOETHE
dürfte diesen Nomos, da er in seiner Ausgabe hinter den Aphorismen
steht, gekannt haben. Der Lehrbrief bringt manches Vergleichbare:
er spricht davon, daß nur ein Teil der Kunst gelehrt werden kann,
spricht von den Tätern und denen, die viel reden, den Geheimnissen,
die dem Künstler die Kraft zur Leistung geben, von den Heuchlern
und Pfuschern, deren es viele gibt. Der Lehrbrief ist eine Sammlung
von Sentenzen und z. T. von Gleichnissen. Die Lehre der Schwatzer
wird mit dem gebackenen Brot, dem Mehl, das man nicht säen kann,
und die echte Lehre mit Saatfriichten, die nicht vermahlen werden
diirfen, verglichen. Ich frage: ist es ausgeschlossen, daB GOETHE
dieses Stiick hippokratischen Schrifttums, diesen Lehrbrief hippokratischer Medizin gekannt hat? Nichts läßt sich hier mit voller
1) Der Titel stammt aus dem hippokratischen Eid CMG I, 1 S. 4, 11,
wie auch der Titel der Iogoyyeliaı ebenda S. 4, 9. Der Nomos ist zuletzt ediert
CMG I, 1 S. 7.
2) Das Wort hat WiLaMoWITZ versehentlich und doch aus einem richtigen
Gefühl für die Sphäre aus der es kommen mag, mit dem Vermerk ‚Demokrit‘
seiner Einleitung in die griechische Tragödie vorangestellt. Vgl. dazu Lesefrüchte Hermes 54, 1919, 46ff.
Pagina 32
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Entschiedenheit behaupten, aber genau so wie man feststellen
kénnte, daB die Ubereinstimmungen und Parallelen sich aus der
Verwandtschaft des Themas ergeben,
ebenso könnte man doch
sagen, daß bei dem Thema, das ihn beschäftigte, GoETHE sich
angezogen fühlen mußte durch den Nomos!).
HIPPOKRATES ist GOETHE in seinem Entwicklungsgange mehrmals und in mehr als einer Gestalt begegnet.
Als der Meister der
Beobachtung, als der auf Beobachtung fußende medizinische Geograph, der auf Beobachtung fuBende Herakliteer, so tritt HippoKRATES GOETHE entgegen. Man wird nicht behaupten wollen, daß
sich diese Begegnungen nicht wegdeuten ließen aus GoETHES Entwicklung, daß ein entscheidender Einfluß von diesem Erlebnis ausgegangen wäre.
Aber wenn jede Begegnung GoETHES mit einem
anderen großen Geist Gestaltung seines Selbst bedeutet, dann gilt
dieses auch von der Begegnung mit HIPPOKRATES.
Und wenn die
Nachwirkung des HIPPOKRATES auch in ihrer ganzen Machtigkeit
erscheint, so ist eben dieses doch wohl noch mehr der bleibende
Eindruck, den man bei der Betrachtung von GoETHES Verhältnis
zu HIPPOKRATES gewinnt, daß, wo andere große Gestalten, wo vor
allem die Gestalten der Antike an GOETHE herantreten, der Mensch
GOETHE sich selbst entdeckt, sich selbst entfaltet.
In diesem Sinn
ist es ein spezifisch humanistisches Erleben, Erfahren und Gestalten,
das in den Worten ,,GOETHE und HıPpPoKRATES“ beschlossen liegt.
1) Einige weniger bedeutsame Erwähnungen des HipPoKRATES stelle ich
hier noch zusammen: 142, 2.
525, 14 Notiz auf einem losen Blatt: Niederträchtigkeit der mittlern Zeit, bis ins 16. Jahrhundert treffliche Menschen wie
ARISTOTELES, HIPPOCRATES durch dumme Mährchen lächerlich und verhasst
zu machen.
(Geht auf die mittelalterliche Ausschmückung ihrer Biographie;
Notiz zu den Studien zur Geschichte der Farbenlehre gehörend?).
153. 442, 14
Aus einem Notizbuch mit Eintragungen aus später Zeit: Reisende Philosophen.
DEMOCRITUS.
PORTA.
DESKARTES.
V. HUMBOLDT.
bonus
HIPPOCRATES,
beatus HALLERUS.
Das letzte wohl nicht von GOETHE.
II 3, 1. 420 Der Mitteilung nicht wert.
Bedeutender ist ein Vergleich von MONTESQUIEUS L’esprit
des lois mit HiPPOKRATES” Krankheitsgeschichten: IV 19. 398, 14ff.
aber setzte mich MONTESQUIEU in Erstaunen.
Besonders
Die ganze Geschichte unserer
Zeit steht buchstäblich in seinem Werke. So finden die Ärzte schon im HippoKRATES diejenigen Krankheiten genau beschrieben, an denen sie ihre Patienten
immerfort sterben lassen.
In der Recension von WINDISCHMANN Über etwas,
das der Heilkunst nottut, beruft sich GOETHE auf die Angaben von WACHLER
(Handbuch der allgemeinen Geschichte der litterarischen Kultur I 132.) über
die Geschichte der Medizin und die Leistung des HıppoKRATES, um WINDISCHMANNS These, der Arzt müsse ein Priester sein, zu widerlegen (IV 41, 2. 161/162).