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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)'... maxime locum habet in Comoediis'. Die 'Musica Pythagorica' des Athanasius Kircher: Spielwerk als Sinnbild — RIMAB
26-06-13 10:17
SCHOLA CANTORUM BASILIENSES
REPERTOIRE DICONOGRAPHIE DE LA MUSIQUE ANCIENNE, BASEL
Hochschule für Alte Musik
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.. mfaxime locum habet in Comoediis'. Die 'Musica Pythagorica' des
Athanasıus Kircher: Spielwerk als Sinnbild
Autoren:
Klaus-Jürgen Sachs
Publikationsjahr:
1995
Buchtitel:
> Musikalisches Welttheater. Festschrift Rolf Dammann zum 65. Geburtstag
erausgeber:
Schaal, Susanne; Seedorf, Thomas; Splitt, Gerhard
Verlag:
Laaber
Erscheinungsort:
Laaber
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Serie, Schriftenreihe:
Freiburger Beiträge zur Musikwissenschaft
Kapitel:
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' ... maxime locum habet in Comoediis'. Die "Musica Pythagorica' des Athanasius Kircher: Spielwerk als Singbild
Seiten:
97-135
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Disposition:
® 18. Musikanschauung
RIMAB-Keywords:
Basler Bibliographie
http: / /www.rimab.ch/content/bibliographie/SCB-Bib-1995-01-939
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Pagina 2
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Inhalt
VOLWOLL. eeeeeeenansssnennnnnnnnnennennennnnnnnnnnnennehensnnnnnnnnannnnnsnnnnnesnnenansenssenssssssssssnsnsssnnnssnnennnnnnn IX
HARTMUT MÖLLER
Im Kampf mit dem Teufel:
Die Messe als Heilsdrama bei Honorius AugustudonensiS.......uueresusessssessnnnnsnnennenennnn 1
SABINE EHRMANN
Emilio de' Cavalieris »Rappresentatione di anima, et di corpo«.
'Welttheafer; Oper; Öraterium? ax... 21
GERHARD SPLITT
Das dramatisierte Sonett.
Monteverdis Petrarca-Vertonung »Hor ch'el Ciel e la Terra«..............uunen 43
WERNER BRAUN
»Amor docet musicam«: Emblematik und Musiktheater ............uuuuueeeeeeeeeeeee
nn 85
KLAUS-JÜRGEN SACHS
» ... maxime locum habet in Comoediis«.
Die »Musica Pythagorica« des Athanasius Kircher: Spielwerk als Sinnbild............... 97
WOLFGANG RUF »
Athanasius Kirchers »Decachordon naturae«:
Die Orgel.als Symbol der Well...
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115
SUSANNE SCHAAL
Von der Opera seria zum Sacred Drama:
Tradition und Neuerung in Händels Bühnenwerken...........uneeessssessessnsnensesnnnnnn 137
KONRAD KÜSTER
Don Giovannis Canzonetta: Rollenporträt an den Grenzen des Theaters.................. 161
GÜNTER SCHNITZLER
»The Rake's Progress«. Hogarth, Lichtenberg, Strawinsky ........eneesesseeseeneesneennnnnn 177
HERMANN DANUSER
Notizen zu Hindemiths »Die Harmonie der Welt«........ueecenesssneensessennnnnensnnnnneenennnnn 203
ALBRECHT RIETHMÜLLER
Karlheinz Stockhausen: Der Komponist als Interptet...........ueeeeeeseesseseesesnenseneennnnnenn 213
Schriftenverzeichnis Rolf Dammann .................cusssssssssssessssnnnnensnnnnnnnennnnnnnnnnenennnnnnnn 223
PErsoHefitegisien..u.caumeunennenenn
ee an 225
Pagina 3
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Werner Braun
» ... maxime locum habet in Comoediis«.
Die »Musica Pythagorica« des Athanasius Kircher:
Spielwerk als Sinnbild
machen. Unser Hauptspruch wurde — das haben die Ausführungen gezeigt
— gesagt, geschrieben, gedruckt, gesungen, gezeichnet, gemalt und
mannigfach ausgestaltet. Daß man ihn nicht explizit für die Entstehung
der Oper bemühte, liegt — zusätzlich zur oben (in Abschnitt II) genannten
Ursache - an seiner »Stringenz«: Was ohnehin auf der Hand liegt, braucht
nicht weiter betont zu werden. Und die Vorstellung von einer
musikdramatisch bewirkten Wiederbelebung der Antike enthält den
Bezug auf unseren Kernspruch, denn schon das Singen und Sagen damals
war als Folge der Liebe verstanden worden.
KLAUS-JÜRGEN SACHS
Im 9. Buch seiner Musurgia Universalis!, das den »Zauber« (»Magia«)
im Bereich des Musikalischen behandelt und — nach psychoakustischen,
therapeutischen, legendären und echotechnischen Wirkungen der Musik
- in einem 5. Teil? als besondere »Wunderwerke« zehn verschiedene sich
selbst bewegende oder selbstklingende Geräte (»Machinamenta«) beschreibt, leitet Athanasius Kircher beim 9. Machinamentum dazu an, eine
automatische pythagoreische Musik zu wohlproportionierten Hämmern
dreier Zyklopen herzustellen3. Dabei erklärt er technisch recht minuziös
und anhand einer bildlichen Darstellung* die Funktionsweise eines durch
Wasserkraft getriebenen mechanischen Orgel-Spielwerks, das beim Erklingen drei Figurengruppen in Mitbewegung versetzt: 1) die links vom
Pfeifenprospekt abgebildeten? und auf einen Amboß schlagenden
Schmiedegesellen, die mit den Zyklopen in der Werkstatt des Vulcanus
gleichgesetzt werden, doch primär an die mythologische Szene der Entdeckung musikalischer Zahlengesetze durch Pythagoras erinnern sollen;
2) acht auf einer rechts gegenüberliegenden Scheibe tanzende Gestalten,
deren Konstruktion und Mechanismus in einer Skizze (unmittelbar
darüber) veranschaulicht wird; 3) eine in der Mitte zwischen beiden
Gruppen auf einem Podest sitzende Einzelfigur als »Dirigent der ganzen
Musik« (»choragus totius musicae«). Die entscheidenden Bauteile des
Machinamentums und ihre Funktionen sind aus Kirchers vorangegange1
Athanasii Kircheri [...] Musurgia Universalis sive Ars Magna consoni et dissoni in X
libros digesta, Rom 1650, ND Hildesheim/New York 1970.
2 Betitelt »Musurgia thaumaturga sive De omnis generis Instrumentis Musicis Automatis,
3
sive Autophonis«; ebd., Bd. 2, S. 308.
(»Musicam Pythagoricam Automatam exhibere ad malleos trium Cyclopum proportionatos«) Ebd., Bd. 2, S. 346.
4 Eingefügt in Bd. 2 zwischen S. 546 und 347, mehrfach in neuerer Literatur abgebildet
(siehe Anmerkung 8), unten auf S. 110 in der geringfügig veränderten Darstellung aus
Schriften des Caspar Schott wiedergegeben; vgl. P. Garparis Schotti [...] Mechanica hydraulico-pneumatica |[...], Würzburg 1657, P. Gasparis Schotti [...] Magia universalis
naturae et artis, sive Recondita naturalium & artificialium rerum scientia |[...], Würzburg
1657, Pars I.
5 Vgl. unten S. 110.
Pagina 4
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)nen Beschreibungen ähnlicher Automaten bekannt und gehörten - vielleicht mit Ausnahme der Windkammer (»Camera aeolia«)® - zum seinerzeit üblichen Fundus handwerklicher Hilfsmittel wie Antriebsräder
(»rotae«), Stiftwalze (»cylindrus phonotacticus«), Hebel (»palmulae«),
Griffe (»manubria«) u.a. Auch entsprechen Ausstattung und mechanische
Kombination mit beweglichen Figuren, die synchron zur Musik bestimmte Aktionen vollführen, anderen Machinamenta Kirchers.
Doch singulär ist, daß der Autor dem Instrument und seiner Szenerie
einen eigens geschaffenen und textierten achtstimmigen Satz beigab, dessen Aufzeichnung”? sich über sechs Seiten erstreckt und die Überschrift
»Musica Pythagorica ad proportionem malleorum« trägt.
Obwohl die Abbildung, mit der Kircher seine Konstruktion veranschaulichte, wiederholt reproduziert worden ist®, hat sich die Forschung
entweder mit knappen Hinweisen auf das eigentümliche Instrument begnügt oder aber ausdrücklich ihr Befremden über sein spielzeugartiges
Wesen geäußert. In ihm sah Oskar Kaul® nur ein Indiz kircherscher
»Vorliebe für Kuriosa«, die »den Leser, mehr unterhaltend als belehrend,
mit allerhand seltsamen Instrumenten« bekannt mache; »mit der Geste
des Jahrmarktrufers« führe Kircher »ein Museum von automatischen
Wunderinstrumenten vor: singende Statuen, mechanische Orgelwalzen
und Glockenspiele, ein Orchestrion, den »Pythagoräischen Hammerschmied« u. dgl. mehr«; diese Bemerkungen aber fügen sich in Kauls weit
umfassendere Kritik: die Musurgia habe »zum Teil unverdiente Wertschätzung« genossen und zeuge »von einer peinlichen Enge des Hori6
Die »Musica Pythagorica« des Athanasius Kircher
99
zonts«, es fehle Kircher »an strenger Methode der wissenschaftlichen Arbeit, am philologischen Gewissen sowie an klarem Unterscheidungsvermögen zwischen dem Haupt- und Nebensächlichen«, doch sei es ihm gelungen, »sich vorteilhaft in Szene zu setzen und mit seinem Wissensprunken eine produktive Leistung vorzutäuschen, die, nicht frei von Irrtümern
und Widersprüchen, der Hauptsache nach nur als reproduktiv zu werten
ist«10. Auch wenn, zumal nach den Arbeiten von Rolf Dammann und Ulf
Scharlaull, schwerlich noch ein Forscher so unbekümmert die eigenen
Prämissen zu Maßstäben für Kirchers Werk erheben dürfte, mag doch die
Enttäuschung auf Verständnis stoßen, die Albert Protz angesichts von
Kirchers achtstimmigem Satz zu dem beschriebenen Spielautomaten äuBerte: »Für unsere Ohren unangenehm sind die durch nichts begründeten plötzlichen Harmoniewechsel. Der Satz selbst enthält keinen besonderen musikalischen Gedanken, offenbar wollte Kircher ihn durch die Harmoniewechsel interessanter gestalten. Das Pythagoräische dieses Werkes
und seiner Musik besteht also nur in dem Klingen der Schmiedehämmer.
Ein etwas dürftiger Rest der alten Lehre, wenn man bedenkt, daß die
kleinen Schmiedehämmer doch nur einen geringen Klang geben.«1!2
Die eingehendere Beschäftigung mit dem Gegenstand läßt nun allerdings entschieden bezweifeln, daß Kirchers »Musica Pythagorica« lediglich als ein »etwas dürftiger Rest der alten Lehre« zu betrachten sei, und
führt zu einer doch beträchtlich anderen Einschätzung, was im folgenden
in fünf Argumehtationsschritten dargestellt werden soll.
Die Skepsis von Albert Protz (Mechanische Musikinstrumente, Kassel 1940, S. 68f.,
sowie in dessen Artikel zum selben Schlagwort in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 8, Kassel u.a. [1960], Sp. 1877: »Seine immer wieder erwähnte und abgebildete
Camera aeolia ist eine technische Unmöglichkeit.«) kann nicht geteilt werden, weder im
Blick auf Kirchers Erläuterungen, Abbildungen und Beurteilungen der verschiedenen
Typen einer »Camera aeolia« (Bd. 2, S. 308-310, und Iconismus XVII nach S. 312)
noch angesichts der wahrlich nicht komplizierten Mechanik beim Prinzip des Wasserstrahlgebläses. Auch Caspar Schott erörtert in seinen einschlägigen Schriften — vgl.
Mechanica, S. 384-388 und Magia, S. 307-309 - diese Konstruktion Kirchers und
Die »Musica Pythagorica« sticht unter den zehn Machinamenta aus
jenem Teil der Musurgia nicht allein durch die zugehörige achtstimmige
Notenbeigabe hervor, sondern auch durch spezielle Hinweise, mit denen
Kircher die Erörterung beginnt: Dieses Machinamentum sei »mit Fug und
Recht eines der erstrangigen«!3, offenbar weil der Autor diese »zu den
Hämmern geschaffene Musica Pythagorica [...] oft an verschiedenen Orbezeugt, diejenige in einer römischen Orgel aus Autopsie zu kennen (»quam nos diligenter
7
8
inspeximus«);, Schott, Mechanica, S. 386.
Kircher, Musurgia, Bd. 2, S. 346-351; eine Übertragung findet sich im Anhang der zitierten Schrift von Protz; die unten auf S. 106 vorgelegte Version basiert auf der - in Details
10 Ebd.,
S. 365.
11
Die musikologisch gründlichsten, daher jetzt maßgebenden Untersuchungen und Würdiabweichenden - Wiedergabe bei Caspar Schott (siehe Anmerkung 19).
gungen der Musurgia finden sich bei Rolf Dammann, Der Musikbegriff im deutschen
So in: Protz, Mechanische Musikinstrumente (1960), Sp. 1871f., Universale Bildung im
Barock, Köln 1967, passim, und bei Ulf Scharlau, Athanasius Kircher (1601-1680) als
Barock: Der Gelehrte Athanasius Kircher. Ausstellungskatalog, hg. von der Stadt Rastatt
Musikschriftsteller. Ein Beitrag zur Musikanschauung des Barock, Marburg 1969
unter Mitarbeit von Reinhard Dieterle u.a., Rastatt 1981, S. 36; Reinhold Hammerstein,
(= Studien zur hessischen Musikgeschichte, Bd. 2). Als wichtige Vorarbeit aber bleibt zu
Macht und Klang. Tönende Automaten als Realität und Fiktion in der alten und
erwähnen Erich Katz, Die musikalischen Stilbegriffe des 17. Jahrhunderts, Phil. Diss.
mittelalterlichen Welt, Bern 1986, S. 101.
9 Oskar Kaul, Arhanasius Kircher als Musikgelehrter, in: Aus der Vergangenheit der Universität Würzburg. Festschrift zum 350jährigen Bestehen der Universität, hg. von Max
Buchner, Berlin 1932, S. 363-370 (Zitate S. 368).
12
Freiburg i. Br. 1926, S. 14-53.
Protz, Mechanische Musikinstrumente (1940), S. 74.
13 (»Inter cetera machinamenta harmonica, hoc quod sequitur merito primas tenet«)
Kircher, Musurgia, Bd. 2, S. 346.
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Die »Musica Pythagorica« des Athanasius Kircher
101
ten vor verschiedenen Fürsten mit so viel Beifall und Bewunderung« vorgeführt habe, daß Zuschauer und -hörer »durch die Wiederholung« der
Darbietung »anscheinend kaum gesättigt werden konnten«!4. Aus solchen
Erfahrungen umreißt Kircher die Zweckbestimmung: »Diese Musik hat
vor allem ihren Platz in erfinderisch zu gestaltenden Lustspielen«
(»Musica maxime locum habet in Comoediis ingeniose exhibendis«).
Hintergrund dieser Bemerkungen ist, daß Kircher, der seit seinem 17. Letenwerk ausführen lassel8. Das 9. Machinamentum ist demnach die
Spielwerk-Fassung eines realen kleinen Theaterstückes.
bensjahr (1618) der Gesellschaft Jesu (als Novize, dann Professor und
(1608-1666), der 1631 in Würzburg Kirchers Schüler war, dann 1652-54
Priester) angehörte, bereits von den frühen Stationen seiner Biographie
her — Paderborn, Koblenz, Heiligenstadt, Mainz, Würzburg (ehe er 1633
nach Rom berufen wurde) — mit Praxis und Zielen der jesuitischen Schulkomödie vertraut war, die damals in den Ordensgymnasien zu hoher
Blüte kam!5. Diese szenischen Darbietungen biblischer, historischer, legendärer oder moralischer Stoffe dienten gleichermaßen für die Schüler
zur Einübung in lateinische Deklamation, gute Körperhaltung, beherrschtes Auftreten, exaktes Zusammenspiel und ins Selbstverfassen von
Stücken wie für den gesamten Kreis der Anwesenden zur ansprechenden
Unterhaltung, Belehrung oder Ausgestaltung von Festen. Hierbei muß
Kircher nicht nur aktiv, sondern auch so erfolgreich gewesen sein, daß er,
wie seine Selbstbiographie erwähnt!®, wegen einer gelungenen Aufführung des Festtheaters in den Verdacht der Zauberei geriet.
Für einen solchen Rahmen hatte Kircher offenkundig eine spielerische
Szene entworfen, die im Kern aus dem achtstimmig doppelchörigen Satz
bestand, in dessen versifiziertem Text der mythische Gott der Schmiedekunst, Vulcanus, seine Zyklopen zu einem »besonders herausragenden
Vorhaben« (»in insignem aliquam expeditionem«)!T anfeuert, während
zum Gesang, der mit Gestik und Tanz verbunden wurde, ständig die genau proportionierten Hammerschläge erklangen. Ob diese Szene noch
durch ein Auftreten des Pythagoras und die Darbietung des um ihn gewobenen Legendenstoffes der Entdeckung grundlegender Konsonanzproportionen erweitert wurde — was nahelag - , ist freilich nicht zu ermitteln.
Ausdrücklich aber griff Kircher auf diese »bisher in Komödien mit lebendiger Stimme, mit Tanz und Bewegung vollführte Darbietung« zurück,
um nun bei den musikalisch-technischen Wundergeräten in der Musurgia
zu zeigen, wie dieselbe Szene sich auch durch ein unbelebtes Automa-
14 (»Esique Musica Pythagorica ad malleos constituta, quam saepius diuersis in locis
15
coram diuersis Principibus tanto cum plausu & admiratione exhibuimus, vt eius repetitione vix satiari posse viderentur«) Ebd.
Vgl. hierzu Bernhard Duhr, Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge, Bd.
2/1, Freiburg i.Br. 1913, S. 657-703 (»Die Schulkomödie«).
16 Vgl. Nikolaus Seng, Selbstbiographie des P. Athanasius Kircher, Fulda 1901, 8. 25.
17
Kircher, Musurgia, Bd. 2, S. 346
Da
Dies wird ausdrücklich bestätigt in zwei Schriften des Caspar Schott
in Rom mit Kircher wissenschaftlich zusammenarbeitete und wie dieser
als bedeutender Polyhistor unter den jesuitischen Gelehrten bekannt
wurde. In seiner Mechanical? wie in seiner Magia?V referiert Schott mit
Hinweis auf Kirchers Musurgia dessen »Musica Pythagorica«. Und da
diese Versionen sowohl untereinander als auch mit Kirchers Darstellung
in Details differieren, die aufschlußreich sind, sollen im folgenden einige
Ergebnisse des Vergleichs dieser Texte berücksichtigt werden.
Schotts Mechanica und Magia erschienen zwar im selben Jahr (1657),
entstanden aber nicht gleichzeitig, sondern spiegeln verschiedene Phasen
wider21. Während die Mechanica (in Pars II, Classis III auf S. 420-432)
als Machina VII sowohl die »Cyclopes automati Musicam Pythagoricam
exhibentes« beschreibt und abbildet als auch die »Musica Pythagorica ad
proportionem malleorum P. Athanasii Kircheri Societatis JESU octo
Vocibus in duos Choros distributis« partiturmäßig im achtstimmigen Satz
wiedergibt, erinhert die Magia (in Pars II, Liber VI auf S. 320-328) als
Syntagma quintum zunächst an die bereits in der Mechanica beschriebene
»Machina 7. quae quia ingeniosa est, & huius loci propria, eam hic
denuö repetere visum fuit, apposito eodem schemate quo ibi sumus usi«,
um anschließend im Caput primum die »Musica Cyclopum non
automata«, im Caput secundum die »Musica Cyclopum automata &
autophona« zu behandeln. Diese Trennung zwischen nicht-automatischer,
also von menschlichen Akteuren dargebotener, und automatischer, durch
ein Spielwerk ausgeführter, »Musica Pythagorica Cyclopum« verdeutlicht
den von Kircher erwähnten Unterschied zwischen einer ursprünglich für
Komödien bestimmten musikalischen Szene und ihrer mechanisierten,
verkleinerten Imitation durch ein technisches Wundergerät. Aufschlußreich ist aber auch, welche Inhalte dem ersten Kapitel zufolge die nichtautomatische »Musica Cyclopum« betreffen. Da ist zunächst die legen18
(»Hanc itaque representationem animata voce, saltu motuque hucusque in Comoedüs
exhibitam, quomodo inanimato machinamento automato exhibere possimus, videamus«)
Ebd.
19
20
Schott, Mechanica, S. 420-432.
Schott, Magia, Pars II, S. 320-328.
21
Schon die Daten für das jeweilige Imprimatur machen dies deutlich: 23. Januar 1655
(durch Goswin Nickel zu Rom) und 21. Januar 1656 (durch Nithard Biber zu Würzburg)
in der Mechanica; 3. Juni 1657 (durch Petrus Deumer zu Würzburg) in der Magia.
Pagina 6
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)däre Begebenheit um Pythagoras, der, in der Nähe einer Schmiede vom
Zusammenstimmen verschiedener auf einen Amboß geschlagener Hämmer fasziniert, die Werkstatt betreten, dann beim Prüfen der Bedingungen
für jenes »Konsonieren« die in einfachen Proportionen stehenden
Gewichte der Hämmer erkannt und von daher die Zahlenverhältnisse als
Gesetze musikalischer Intervalle entdeckt haben soll. Sodann werden für
ein Nachspielen dieser — nun mit Vulcanus und den Zyklopen besetzten —
Szene die erforderlichen Gewichtsverhältnisse der Hämmer genannt und
Einzelheiten zum kircherschen Vokalsatz erwähnt (der aber in der Magia,
anders als in der Mechanica, nicht erneut abgedruckt wurde). Und bei der
eigentlichen Aktion, wie sie Schott skizziert, vollführen harmonisch auf
den Amboß hämmernde Zyklopen und acht die Musik auch gestisch-tänzerisch mitgestaltende Sänger »ein wunderbares und für Augen wie Ohren
höchst angenehmes Schauspiel« (»mirum & gratissimum oculis
Die »Musica Pythagorica« des Athanasius Kircher
geht hervor, daß offenbar trotz experimenteller Bemühungen zu Kirchers
Zeiten noch ein Dissens in der Beurteilung der Schmiedehämmer-Erzählung bestand25, bei dem Kircher wie auch Schott — der mit »Panormus«
gewiß auf den für ihn selbst bezeugten Sizilienaufenthalt?6 anspielt bona fide die (freilich unzutreffende) Lehre direkter Proportionalität von
Gewicht und Schwingung eines Metallkörpers verteidigten. Dies aber
wirft nicht nur ein Licht auf empirische Probleme einer Nachprüfung des
Hämmer-Experiments, sondern auch auf Kirchers Pythagoras-»Bild« und
damit auf sein Verständnis der »Musica Pythagorica«. In ihr ging es nicht
lediglich darum, mit Hilfe einer legendären Begebenheit ein unterhaltsames Theaterspiel zu stimulieren. Mit dem »pythagoreischen« verband sich
ein viel tiefer liegender Sinnzusammenhang.
IH
auribusque spectaculum«), wie es vor allem in Komödien seinen Platz
habe und von Kircher in Deutschland, aber auch von anderen in Sizilien
und andernorts aufgeführt worden sei. Während diese Darbietung als
leicht ausführbar gilt, unterstreicht Schott die Schwierigkeit, die darin
bestehe, dasselbe mit einem unbeseelten, selbstbewegten und selbstklingenden Gerät (»inanimato Machinamento automato & autophono«) auszuführen??.
In der vorangegangenen Version der Mechanica hatte Schott weder so
deutlich zwischen nicht-automatischer und automatischer »Musica
Pythagorica« getrennt noch die »difficultas« der Spielwerkkonstruktion
betont. Doch fügte er in direktem Anschluß an Pythagoras-Legende und
(vermeintliches) Intervallgesetz?3 eine Notiz ein, der Bedeutung beizumessen ist: Einer von Marin Mersenne zustimmend referierten Kritik des
Johannes Faber, das Hämmer-Experiment des Pythagoras sei
(physikalisch) »falsch«, wird nicht nur die Meinung der »Alten«< entgegengehalten, sondern auch die von Kircher oft und auch von anderen in
Deutschland wie zu Panormus (Palermo) auf Sizilien gemachte Probe
(»experientia«), die Faber nicht korrekt vorgenommen habe?*. Daraus
22
23
Pythagoras steht in Kirchers Denkweise noch ganz konkret am Beginn
der auf »Vollkommenheit« hin angelegten Musica. In deutlicher RollenMetaphorik äußert Kircher über ihn, er habe »den Chorführer dargestellt«
(»Choragum egit«), der als erster aus der Proportion der Hämmer die
Proportionen der harmonischen Bewegungen lehrte, die er zugleich an
Zahlen veranschaulichte?7. Dies aber bedeutete mehr als eine bloß akustische Entdeckufg: »mundum harmonicum primus ostendit« bringt lakonisch zum Ausdruck, daß es Pythagoras war, der »die Welt« als
»harmonisch« geordnet entschlüsselte. Vor allen anderen griechischen
Philosophen, die Kircher (im Paragraphen »De mystica Veterum Musica«)
erwähnt28, habe Pythagoras das den Göttern in die Hand gegebene
»instrumentum musicum«, das Zusammenstimmen und Harmonie sei, im
Wesen durchschaut. Was er, der »höchst geschickte Erforscher der natürlichen Ordnung und Zusammenstimmung« (»naturalis ordinis concentusque solertissimus indagator«), zuerst wahrnahm, wird als von Gott geschaffene »Weltseele« (im Sinn Platons) angesprochen, die — wie Andreas
Nachdruck zugängliche Auflage zu zielen. Die Lehre, daß sich die Gewichte schwingender
Körper wie die Kubikzahlen der an Saiten gemessenen Intervallproportionen verhalten,
Schott, Magia, Pars II, S. 322 (letzte Angaben bereits im Beginn des Caput secundum).
Schott, Mechanica, S. 420: »ita esse sonum ad sonum, vt est magnitudo ad magnitudinem
in eadem specie«.
24 Schott, Mechanica, S. 420-421: »Experimentum Pythagoricum de malleis falsum esse
asserit loannes Faber apud Mersen. lib. 4 Harmon. fol. 364. cui ipse consentit. Sed
obstat communis opinio Antiquorum, Nicomachi lib. 1. Manualis Harmonices, Macrobij
lib. 2. in Somnium Scipion. cap. 1. Boethij, & aliorum, & experientia a P. Kirchero
saepius, & ab aliis etiam tum in Germania, tum Panormi in Sicilia facta; quam non recte
instituit Faber. Malleorum igitur justä proportione contemperatorum ope institui potest
harmonia perfectissima, quam Musicam Pythagoricam appellare possumus.« Die Magia
bietet in anderem Zusammenhang (Pars II, S. 266-267) einen ähnlichen Passus, der die
Allgemeingültigkeit des »Pythagorae inventum« als »Axioma Musicum« noch zuspitzt. Der Hinweis auf Mersenne und seinen Gewährsmann Faber scheint auf eine nicht im
103
findet sich z.B. in: Marin Mersenne, Harmonie universelle, Paris 1636, Buch III, S. 180,
ND Paris 1963, bzw. Harmonicorum libri XII, Paris 1648, 2. Teil, Buch IV, S. 154, ND
Genf 1972.
25 Dies wäre gegenüber der Darstellung bei Barbara Münxelhaus ergänzend zu bemerken und
wohl auch genauer zu untersuchen; vgl. Barbara Münxelhaus, Pythagoras musicus. Zur
Rezeption der pythagoreischen Musiktheorie als quadrivialer Wissenschaft im lateinischen Mittelalter, Bonn-Bad Godesberg 1976 (= Orpheus-Schriftenreihe zu Grund26
27
fragen der Musik, Bd. 19), S. 36-42, 50-55.
Vgl. Bernhard Duhr, Geschichte der Jesuiten, Bd. 3, München/Regensburg 1921, S. 590.
Kircher, Musurgia, Bd. 1,8. 71.
28 Ebd., Bd. 1, S. 532f.
Pagina 7
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Die »Musica Pythagorica« des Athanasius Kircher
105
Hirsch übersetzte29 — »die Welt-glider lebendig machet/ sie mit einer
harmonischen Einigkeit verbindet/ und die concentus deß Weltdecachordi vollkomlich übereinstimmig machet«. Doch gilt Pythagoras
nicht nur als »Entdecker« im Bezug auf jenes göttliche »instrumentum
Ternäres Metrum, adäquat den zum »Lobpreis« — wessen? — aufrufenden Versen wie der als gottgegeben verstandenen pythagoreischen
musicum«, das - im 10. Buch der Musurgia — »decachordon naturae sive
Prämissen, die auf »Bedeutung« zielen, wobei freilich offenbleibt, ob
organum decaulum« (»zehnstimmiges Instrument«) heißt; er ist zugleich
»mit hellerem Licht und von denjenigen erleuchtet, die den Geist göttlicher Weissagungen«30 zogen aus dem, was sie »von den Egyptiern / dise
von den Hebraeern / dise aus dem Wort Gottes und den Propheten«3! gehört hatten. Diese Denkfigur einer Übertragung von Weisheit und Gotteserkenntnis durch »non Theologi tantum Christiani, sed & gentiles
philosophi«3? verbindet nun in Kirchers Sicht die pythagoreische Zahlenlehre auch mit der aus göttlicher All-Einsheit in alle geschaffenen Dinge
überfließenden Trinität. Für dieses Pythagoras-Bild aber dürfte entscheidend gewesen sein, daß Kircher und Schott den mythischen Philosophen,
gerade auch in jener angezweifelten Doktrin einer direkten Proportionalität der Hämmergewichte, als einen unwiderlegten Zeugen ewiger Wahrheit ansahen.
auch ein Moment des »Archaischen« mitgemeint war.
Während Kirchers Musikbeispiel in der Musurgia fragwürdige Details
enthält, deuten die Abweichungen in der Version aus Schotts Mechanica
IV
Diesen Pythagoras, seine Entdeckung und seine Lehre in einem
»Schauspiel« zu vergegenwärtigen, fügte sich für Kircher in ein naheliegendes Konzept ernsthaft bildender Bemühungen, denn »gerade der Orden, der sich die asketische Predigt am entschiedensten zu eigen gemacht
hat, der Orden der Jesuiten, hat dem Theater am ausschweifendsten geopfert, ja, er hat das Theater zum beredtsten Organ seiner asketischen
Predigt gemacht«>3.
Selbst wenn die »Musica Pythagorica« nicht eine im eigentlichen Sinn
»asketische« Botschaft vermittelte, sollte sie - in spielerischem Gewand —
auf Wesen und Walten der ewigen Ordnungen hindeuten und keinesfalls
als bloße Kuriosität aufgefaßt werden.
Auch eine Beurteilung von Kirchers achtstimmigem Musikbeispiel zu
eigenem Text darf dessen lehrhaft-symbolischen Hintergrund nicht übersehen.
Zahlenordnung, und rein konsonanter Satz aus Grundakkorden, in dem
sich jener allumfassende »concentus« widerspiegeln kann, sind offenbar
darauf hin, daß in ihnen Korrekturen von Fehlern der kircherschen Ausgabe, die in relativ kurzer Zeit fertiggestellt wurde3*, beabsichtigt waren.
Die bessere Textgestalt bei Schott steht außer Zweifel:
(1) »Adeste validi Vulcani socii,
(2) instructi malleis bene sonantibus:
(3) concinnum numeris melos efficite.
(4) Cantate vocibus, pulsate malleis,
(5) saltate socii. Quid moras nectitis?
Takt
1-4
5-8
9-12
13-16
17-20
(6) Cantate, pulsate, saltate, gaudete
21-24
(7) socii. Cantemus, plaudamus vocibus,
(8) organis, fistulis, citharis, chelybus.
(9) Triplato cydite acuta sonitu
25-28
29-32
33-38
(10) confestim spicula,
(11) queis expugnetur Morpheus.«
39-42
43-54
(1) »Seid dabei, ihr starken Gesellen Vulkans,
(2) ihr mit wohlklingenden Hämmern Vertrauten:
(3) bringt den mit Zahlen zusammenstimmenden Klang hervor.
(4) Singt mit Stimmen, schlagt mit Hämmern,
(5) tanzt, ihr Gesellen. Was legt ihr Pausen ein?
(6) Singt, schlagt, tanzt, freut euch,
(7) ihr Gesellen. Laßt uns singen, laßt uns loben mit Stimmen,
(8) Orgeln, Flöten, Kitharen, Lyren.
(9) Mit dreifachem Klang prägt sofort
(10) die scharfen Wurfspieße,
(11) mit denen Morpheus vertrieben werde.«)
29 Andreas Hirsch, Philosophischer Extract und Auszug / aus deß Welt-berühmten
Teutschen Jesuiten Athanasii Kircheri von Fulda Musurgia Universali, Schwäbisch-Hall
1662, S. 360, ND Kassel u.a. 1988.
30
31
Kircher, Musurgia, Bd. 2, S. 455 (fälschlich 457).
Hirsch, Philosophischer Extract, S. 360.
32 Siehe Anmerkung 30.
33 Richard Alewyn, Das große Welttheater. Die Epoche der höfischen Feste, München
21985, S. 62.
34 Die Niederschrift erfolgte — nach allerdings langwieriger Materialsammlung - in den Jahren 1648 und 1649; vgl. Scharlau, Athanasius Kircher, S. 40.
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Die »Musica Pythagorica« des Athanasius Kircher
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Athanasius Kirchers »Musica Pythagorica«, übertragen nach Caspar Schotts Mechanica
(1657), S. 422-427.
Pagina 9
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Denn Vers 2 in der Fassung der Musurgia (»adeste socii instructi
malleis«) wiederholt zunächst und läßt dann »bene sonantibus« aus; ihr
Vers 4 (»cantemus, plaudamus, pulsate malleis«) ist offenkundig durch
Teile aus Vers 7 gestört, ähnlich wie die Reihenfolge der Imperative in
Vers 6 (»Cantate, saltate, pulsate, gaudete«) gegenüber der Analogie in
Vers 4 verändert zu sein scheint und Vers 7 (»socii. Cantemus plauditum
vocibus«) das die Folgeaufzählung lenkende Verbum eingebüßt hat.
Von den wenigen satztechnischen Abweichungen sind als »Verbesserungen« gegenüber der Musurgia zu werten: T. 3, 2. Tenor, 3. Note a; T.
10, 2. Alt, 1. Note e'; T. 12, 1. Sopran, 1. Note b'; T. 18, 2. Alt, dreimal d',
T. 29, 1. Baß, dreimal B. Konsequenter wirkt auch der Wegfall der
Mittelnote a im 1. Tenor der Takte 43, 47 und 51.
Die »Taktstrich<-Setzung, in der Musurgia (außer zu Beginn) regelmäBig nach je sechs Ganzen Noten, ist bei Schott durch zusätzliche Teilung
(T. 1-6, 9-11) verschoben, mündet aber (durch T. 21) in die Notierung
der Vorlage ein (gleichwohl signiert und zählt die auf S. 106 beigegebene
Übertragung die Kurztakte analog zu Kirchers Kommentar und zur abgebildeten Stiftwalze, die aus »54 temporibus id est tactibus« besteht).
Akzidentien sind in beiden Versionen gleichlautend unvollständig eingetragen; doch über die notwendigen Ergänzungen (in Klammern) dürften
kaum Zweifel bestehen.
Inwieweit das Stück beabsichtigtermaßen gegen Satzregeln wie das
Parallelenverbot (zumal innerhalb desselben, hier stets des zweiten,
Chores: T. 1-2, Sopran-Tenor; T. 14, Sopran-Alt; T. 43-44, Sopran-Tenor;
ebenso T. 47-48, 51-52) verstößt, ist unsicher, doch läßt sich die Intention
eines »>archaischen< Zuges wohl nicht ausschließen. Einerseits betont
Kircher zwar, niemals professioneller Musiker gewesen zu sein35; andererseits muß er kompositorisches Rüstzeug besessen haben, denn er verwahrt sich gegen Vorwürfe des Dilettantismus und mangelnder Kenntnis,
beruft sich auf in Deutschland unter fremdem Namen gedruckte Eigenkompositionen36 und gibt — wohl kaum zu Unrecht — die Sätze im ersten
Band der Musurgia S. 243-245 und S. 311-313 als eigene aus3”.
Konzeptionell ist Kirchers achtstimmiger Satz der Musica Pythagorica
bei aller Schlichtheit doch »gestaltet<: Die regelmäßigen, syllabisch gefüllten Viertaktgruppen je Vers werden zunächst durch wechselnde Einzelchor-Kadenzen bei »bene sonantibus« (T. 7-8, nach d) und bei »Quid
moras nectitis«? (T. 19-20, nach g) gegliedert, dann aber modifiziert
durch den »einstimmigen< Vers 6 mit (zum erstenmal offengelegtem)
35
36
Kircher, Musurgia, Praefatio II, im Nachdruck von 1970 auf S. [XXIII].
Ebd.: »[...] cum & compositiones meae variae sub aliorum tamen nomine impressae in
Germania, summa audientium voluptate circumferantur, & in precio habeantur.«
37 Ebd., Bd. 1, S. 585: »Cuiusmodi compositiones vide in libro V fol. 243. & 311. a nobis
composita triphonia [...].«
Die »Musica Pythagorica« des Athanasius Kircher
109
»Dreiklangs<-Motiv und durch die anschließenden Taktpaare mit alternierend einchöriger Übernahme der Motive (aus T. 21 und 22) im Sopran;
für die Verse 9 und 10 aber wandelt sich — textbezogen (»Triplato
cudite«) — die Gruppierung in Dreitakter mit eröffnender Chorpause für
die »Soli< der Hämmer, ehe im dreimal auftretenden, nun rhythmisch veränderten Viertakter der Vers 11 schlußbekräftigend wiederholt wird.
Diese Anlage, zu deren Voraussetzungen offenbar Note-gegen-Note-Satz
und rhythmische Gleichförmigkeit durch strikte Bindung an die Textmetren Tribrachys und (ab T. 42) Jambus gehörten, ist bei einer faktischen
Bindung an nur neun verschiedene Grundakkorde (C, c, D, d,F,G,g, A,
B) jedenfalls durchdachter, als es zunächst scheinen mag.
Das Prinzip konsonanter Klangbildung mit vollständigen Dreiklängen
wird, bezogen auf die »Octophonie« beider Chöre, kaum anders behandelt
als in Exemplum und Lehre für das »Octophonium« aus der Musurgia
(Bd. 1, S. 259-260); denn insgesamt terzlose Klänge sind — außer an den
offenbar dafür reservierten Stellen zum Wort Morpheus (T. 45-46, 49-50,
53-54) - selten (T. 15, 28, jeweils letzter Klang), und Quintlosigkeit bleibt
auf einchörige Takte (7, 19, 26) beschränkt. Die Quartsextakkorde, die
nur in Chor 1 auftreten (T. 38, 42, 45, 46, 49, 50, 53), beweisen, daß dieser Chor, obwohl im Satz zumeist der »bessere<, von vornherein mit der
Ergänzung durch den zweiten Chor rechnete. Die Übertragung dieses
Satzes auf das mechanische Spielwerk läßt jedoch Fragen offen. So bleibt
unklar, warum Kircher die Tonsignierungen in der Abbildung der
Stiftwalze nur für den ersten Chor (in seinen Takten 1-10, freilich bei
einigen Eintragungsfehlern und -lücken) wiedergeben ließ38, obwohl in
der Konstruktionsanweisung von einer Verteilung des achtstimmigen
Stückes auf den Zylinder die Rede ist?9. Damit hängen andere
Eigentümlichkeiten zusammen. Die in der Musurgia dem Beginn von
Chor 1 vorgesetzten Marginalien (»Malleorum proportiones. Dupla.
Sesquialtera. Proslambanomenos«), die zumindest fehlplaziert sein dürften, suggerieren »Stimmenbezeichnungen«, die den ersten Chor gegenüber
dem zweiten Chor mit seiner durchgehend unterlegten Textzeile
»abzuheben« scheinen. Schotts Mechanica vermeidet jenen dubiosen Vorspann, textiert aber alle acht Stimmen des Satzes einzeln, so daß eine vokale Darbietung, die den automatisch abzuspielenden Satz »ergänzt«,
jedenfalls ermöglicht zu sein scheint. Auf einen »Vorrang< des ersten
38 Die Signierungen gelten auf der Stiftwalze, von oben nach unten gelesen, für eine Rotation
im perspektivischen Uhrzeigersinn, die allerdings eine Drehung von Antriebsrad (»rota
aquatica« = B C) und an seiner Achse befestigtem Zahnrad (über T) im Gegensinn
impliziert, wie sie der Zeichnung des auftreffenden Wasserstrahls widerspricht.
39 Kircher, Musurgia, Bd. 2, S. 347: »Melothesiam hic appositam octophonam in cylindrum
transferes« (zuvor bereits: »Melothesiam|...] in 8 voces distributam cylindro phonotactico|...] transpones«).
Pagina 10
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Die »Musica Pythagorica« des Athanasius Kircher
111
Chores aber deutet auch hin, daß dessen Außenstimmen (Sopran und Baß
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in den Takten 1-6) am Sims links und rechts der Klaviatur gleichsam
mottoartig aufnotiert sind, wobei die »Taktstriche< sowohl der WalzenEinteilung und dem Kommentar als auch dem Notenbeispiel bei Schott,
doch nicht dem bei Kircher entsprechen, was abermals gewisse
Unstimmigkeiten in der Musurgia verrät.
Die Abbildung des Spielwerks, die Schott in seinen beiden Schriften
vorlegte (Mechanica, Iconismus XLI, S. 429; Magia, Iconismus XVII,
S.323, hier in Hochformat), ist nicht identisch mit derjenigen aus
Kirchers Musurgia (Iconismus XXI, S. 346 in Bd. 2). Die Unterschiede beruhen nicht auf Retuschen in Details, sondern zeigen, daß Schott
eine >neue< Abbildung benutzte, die von der kircherschen auch in völlig
»neutralen< Einzelheiten abweicht*0. Manches in Schotts Abbildung hat
wiederum den Charakter einer »Korrektur< des kircherschen Werkes; so
wurden auf der Stiftwalze beispielweise die Fehler in T. 5 (dreimal H im
fünften Feld von
links)
vermieden — ohne
allerdings eine
völlig
irrttumsfreie Walzen-Signierung der betreffenden Takte von Chor 1 zu
erzielen.
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Doch der bedeutsamste Unterschied zwischen der Abbildung in Schotts
Schriften und derjenigen in Kirchers Musurgia verbirgt sich hinter der
Tatsache, daß Schott die beiden Devisen wegließ, die das optische wie
hermeneutische Zentrum des Iconismus bei Kircher bilden. Mit den beiden Inschriften, neben der Gestalt des »Dirigenten< (»Numero Deus
impare gaudet«) und über der Tastatur (»Sic Cuncta Deo cantant triplato
carmine laudes«), schafft Kircher zwischen der im Metrum und in den
Hämmern des musikalischen Satzes ausgeprägten Dreizahl des antikmythologischen Sujets und der spezifisch christlichen Trinität einen latenten Bezug. Die erste, eher allgemeine Aussage (»Gott freut sich der ungeraden Zahl«) wird durch den folgenden Hexameter (man könnte ihn verdeutschen durch »So lobsinget das All dem Gotte in dreifachem Liede«)
pointiert; die zunächst unauffällige Beziehung aber offenbart sich
schließlich überdeutlich im zahlensymbolisch kalkulierten Schlußstück
der Musurgia, dem Registrum X. aus Liber X. über das »Decachordon
naturae« (Bd. 2, S. 454-462), aus dem die Rolle des Pythagoras bei der
Enthüllung göttlicher Geheimnisse bereits (oben S. 104) berührt wurde.
Athanasius Kirchers automatisches Spielwerk für die »Musica Pythagorica«
in der Abbildung aus Caspar Schotts Mechanica (1657), S. 429.
40 Dazu gehören z. B. das »Hinausragen« der Seitenfront des Pfeifenwerkes über die Kante
des schraffierten >Spieltisches<, die Relationen von Pfeifenfuß zu Pfeifenkörper oder die
Typographie der Signatur-Buchstaben.
Pagina 11
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)Die »Musica Pythagorica« des Athanasius Kircher
113
Doch bedarf es nicht erst der in ihrer Gesamtschau einer theologisch
fenen Wesen und Dinge, Gott ständig darbringen — und es mag Kirchers
und kosmologisch »universalen< Musica schwerlich zu überbietenden
Absicht gewesen, mit dem besonderen 9. Machinamentum aus Buch IX
versteckt den Kern des späteren Registrum IX vorwegzunehmen, das die
hymnischen Schlußabschnitte des kircherschen Werkes, um das Sinnbildhafte der »Musica Pythagorica« zu erfassen.
Bereits im Frontispiz der Musurgia, das wiederholt abgebildet und am
eindringlichsten durch Rolf Dammann interpretiert wurde®!, vertritt die
Harmonie aller Geschöpfe im Rahmen einer »Musica Angelica« im
»Decachordon naturae« entfaltet. Die Welt-Orgel hingegen repräsentiert
die gesamte Schöpfung als ein ewiges Spielwerk der göttlichen Weisheit.
Gestalt des Pythagoras, auf eine Art »Gesetzestafel< (mit »musikalischen«
Daß Schott, wie erwähnt, die beiden Inschriften wegließ, entsprach sei-
Zahlen und einer Figur des nach ihm benannten Lehrsatzes) gestützt
sowie auf die unterirdische Schmiede zeigend, in der ebenfalls vier Gestalten arbeiten, davon drei hämmern, den Ursprung menschlicher Erner vorrangig technologischen Absicht, war aber gerade angesichts des
bei Kircher übergreifenden Sinnbezuges der »Musica Pythagorica« nur
konsequent. Insofern tritt Schott, dessen Darstellungen mancherlei für den
pythagoreischen Spielautomaten zu klären vermögen, hinter Kircher zurück, wo es darum geht, die eigentliche Sinnbildhaftigkeit des Gerätes zu
beleuchten.
Bleibt schließlich die Gestalt des »Dirigenten< beim pythagoreischen
Spielwerk zu beachten. Daß sie in Schotts Abbildung genauer im Mittelpunkt steht als in derjenigen bei Kircher, mag zufällig sein. Immerhin
gleicht sie in beiden Darstellungen weniger einem »Weisen< wie dem
Pythagoras des Frontispizes als vielmehr einem Putto oder Engel. Obwohl
doch auch Pythagoras als ein »Choragus« bezeichnet wurde#2, scheint er
in dieser auf dem Podest sitzenden Figur nicht verkörpert zu werden.
Aber ein anderer Bezug ist zu bedenken. Kirchers gewaltige theologischkosmologische Analogien münden, kurz vor dem Übergang in den gebetsartigen »Epilogus totius operis« der Musurgia, in ein Alleluja für Gott als
dem »höchsten Choragus, der durch seine Weisheit die Weltensymphonie
dirigiert« (»DEO ceu supremo quodam chorago, per sapientiam suam
symphoniam dirigente«)*3. Ob die — nur automatisch, daher scheinhaft —
»dirigierende< (Engels?-) Gestalt des pythagoreischen Spielwerks darauf
verweisen soll, daß in kircherscher Perspektive »Musica« wie »Mundus«
in Wahrheit einem anderen »Choragus« gehorchen?
kenntnis der alles durchwirkenden Musica; doch auch in dieses emblematische Titelblatt wurde eine ähnliche Gruppe von Reigentänzern aufgenommen, wie sie im Machinamentum der »Musica Pythagorica« zur
Schmiedeszene korrespondiert.
Sinnbildhaftes der Spielwerkkonzeption klärt sich auch anhand einer
anderen symbolischen Darstellung aus Kirchers Musurgia, nämlich der
(als Iconismus XXIII nach Bd. 2, S. 366, numerisch genau folgenden)
sogenannten »Welt-Orgel«. Auch dieses »Instrument< wurde mit jener
seltsamen Klaviatur »trinitarisch« angeordneter Obertasten ausgestattet,
deren Zahl (18 = 6 x 3) in ihrer Symbolik durch die als »Register< veranschaulichten Schöpfungstage evident ist. Zwar scheint Kircher im Sonderfall jenes »hic Romae inuentum nouum Clauicymbali genus, quod
Spinettino vocat« (Bd. 1, Iconismus IV et V, Fig. II und S. 454) eine
>reale< Dreiergruppierung von Obertasten zu kennen; gleichwohl kann die
Klaviatur von pythagoreischem Spielwerk und Welt-Orgel — im Gegensatz
zu der konkreten, beispielsweise in Iconismus X, nach S. 512 in Bd. 1 nur auf ihrer abbildhaften Bedeutung beruhen. Daß diese Klaviatur 28
Untertasten besitzt, dürfte vom Nimbus der (nach 6 zweiten)
vollkommenen Zahl< bestimmt sein; allerdings zeigt sich auch hier eine
Diskrepanz zur abgebildeten Stiftwalze für das pythagoreische Spielwerk,
die mit ihren 35 bezeichneten Tonstufen exakt den Ambitus des
achtstimmigen Satzes (F bis f) füllt, doch, in der Abbildung unten, von
nur 28 Hebeln abgegriffen wird (da solche für die drei tiefsten und vier
höchsten Töne fehlen).
In der Abbildung der »Welt-Orgel« dient ebenfalls eine an den zitierten
Hexameter (»Sic Cuncta Deo cantant triplato carmine laudes«) erinnernde Inschrift nahe der Tastatur als »Motto< (»Sic ludit in orbe terrarum
aeterna Dei Sapientia«). Beide Devisen geben mit ihrem eröffnenden
»Sic« das »Gleichnishafte< der jeweiligen Abbildung zu erkennen: Die
automatische »Musica Pythagorica« repräsentiert jedwede zahlhaft geordnete Musik als ein Stück des Lobgesangs, den »Cuncta«, alle erschaf-
42
43
Vgl. oben S. 97.
Kircher, Musurgia, Bd. 2, S. 461f.
Nachtrag (aufgrund eines Hinweises von Herrn Dr. habil. Gerhard Splitt während der
Endredaktion dieses Beitrages): Beachtung verdient die Einschätzung Kirchers durch Paul
41 Dammann, Musikbegriff, S. 406-411.
Hindemith, die Andreas Traub jüngst bekannt machte (Eine Ehrenrettung Kirchers, in:
Hindemith-Jahrbuch 1992/XXI, Mainz u.a. 1993, S. 158-162).