Die Grundlegung einer Ethik der Wissenschaft in der fruhgriechischen Philosophie

Auteur
Bremer, D.
Verschenen in
Philosophisches Jahrbuch
Jaar
1993
Onderwerp
PHILOSOPHY
Taal
Deutsch
Categorie
C16 Ethiek
Archiefnummer
1679

PDF openen(opent in een nieuw venster)

Volledige tekst tonen11 pagina's

Pagina 1

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
in der frühgriechischen Philosophie* Von Dieter BREMER (München) sal ER ÿ. ‘443 Die moderne Zivilisation, beherrscht von Wissenschaft und Technologie, bedarf einer ihr zugehörigen neuen Erhik der Verantwortung! — das ist heute kaum zu bestreiten. Dennoch: Daß Wissenschaft und Ethik zusammengehören, beginnen wir erst wieder zu lernen. Die Geschichte der neuzeitlichen Wissenschaft, bis in dieses Jahrhundert hinein, har das Gegenteil gelehrt. Die Vorstellung einer Wertfreiheit der Wissenschaft hat in Max Webers Trennung von wissenschaftlicher Forschung und subjektivem Werturteil ihre folgenreichste Darstellung gefunden - weit über die Ebene sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkennenis hinaus, für die sie zunächst entworfen war? In der Konsequenz der Scheidung eines bloß subjektiven Werturteils von einer objektiven Wissenschaft liegt die Serzung der Wissenschaft als ethisch neutraler Rationalität und des Werturteils als irrationaler ethischer Privarsache.? Die Geschichte dieses Jahrhunderts hat die Unhaltbarkeit dieser Vorstellung zum Vorschein kommen lassen. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg sind Konsequenzen sichtbar geworden, die schließlich zur Destruktion des Wertfreiheitspostulars und zum Ansatz eines Erkenntnisinteresses der Wissenschaft geführt haben.’ Man nimmr an, daß die Verbindung von Rationalität und Wertfreiheit an der Vorbildfunkrion der narurwissenschaltlichen Methode für Wissenschaftlichkeit überhaupt orientiert ist, Es ist mehr als ein Paradox der Wissenschaftsgeschichre, daß die Auswirkungen eben dieser Naturwissenschaft die Vorstellung einer wert* Der folgende Aufsarz bringt in erweiterter Form den Text eines Vortrags, alec in Rahmen der Ringvorlesung „Edhik der Wissenschaften“ im November 1991 an der Universität München gehalten wurde, Im April 1993 konnte er = dank Arbogast Schmitt — an der Universitat Marburg vorgetragen werden, 'H. Jonas, Das Prinzip Veraneworrung. Versuch einer Ethik für die ceclhuofogische Zivilisation (Frankfurt a. M, 1979). Val. auch H. Jonas, Warum wir heute eine Ethik der Selbstbeschränkung brauchen. in: E, Ströker (Hu), Ethik der Wissenschaften? Philosophische Fragen (Atinchen 1984} 75-86. ? M. Weber, Der Sinn der ‚Wertfeetheit‘ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften, Logos 7 (1957) 40-88: abyedr. in: M. Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre (Tübingen ?1988} 459-540, + Dazu &.-O. Apel, Das Apriuri der Kommunikazionsgemeinschatt und die Grundlagen der Exhik. Zum Problem einer rationalen Begründung «ter Ethik im Zeitalter der Wissenschaft, in: K.-O. Apel, Transformation der Philosophie, Bd. 2 (Frankfurt a. M, 1973) 358-435, hier 361 €. 1), Habermas, Erkenntnis und Interesse (1965), in: J. Habermas, Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘ (Frankfurt a. M. 1968) 146-868; erweitert in: J. Habermas, Erkennenis und Interesse (Frankfurt a. AL 1968).

Pagina 2

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
freien Wissenschaft ad absurdum geführt haben. Heute ist, angesichts von Gentechnologie und ökologischer Krise, die ethische Veranrwortung der Naturwissenschaft in aller Munde. Und das Bewußtsein wächst, daß die Neben- und Spätfolgen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts nicht durch weitere Stei- Wenn wir uns heute, etwa aus der angedeuteten Perspektive der praktischen Philosophie, auf die Normenbegründung in der antiken Ethik besinnen, könnten wir, wie es naheliegt, von Aristoteles ausgehen? — gibt es doch überhaupt erst seit Aristoteles im strengen Sinn Ethik als Begriff und Wissenschaft wie auch Wissenschaft als einzelne Fachdisziplin, Aber eben in dieser ‚Disziplinierung‘ der Wisgerung von Wissenschaft und Technik beseitigt werden können. Es hat eine Reflexion begonnen, die politisch in der Einsetzung von Ethik-Kommissionen sich bemerkbar macht und wissenschaftsintern in der Einrichtung von Symposien und Vortragsreihen. Wir sind hier und jerzt zur Reflexion aufgefordert. Wenn wir auf einige Stuten der bisherigen Reflexion, wie sie von verschiedenen wissenschaftstheoretischen Ausgangspunkten in der letzten Zeit vollzogen worden ist, kurz hinweisen, so wird bereits als gemeinsame Stofrichtung der unterschiedlichen Argumentationen der Anstoß an der Trennung von Wissenschaft und Ethik erkennbar.’ Erwa so: Die praktischen Folgen wissenschaftlichen Handelns können nicht melır als wertindifferent bezeichner werden, Oder: In den scheinbar wertfreien Regeln instrumentell rattonalisierter Praxis sind Entscheidungen über letzte Wertserzungen des menschlichen Handelns immer schon vorausgesetzt. Oder: Wissenschafeliche Theoriebildung ist, wie wir seit Aristoteles wissen, eine Form der Praxis und steht damit in der Rückbindung an die ethischanthropologische Dimension; zur Logik der Forschung gehört eine Erhik der Forschung. Dabei soll die Verbindung von Wissenschaft und Ethik in der Wissenschaft selbst wirksam werden, mit Konsequenzen für deren Strukturen und Methoden. Ob über die jeweilige Reflexion in der einzelnen Wissenschaft hinaus noch eine philosophische Reflexion wirksam werden sollte, wie sie aussehen könnte’ und in welches Verhältnis sich die Einzelwissenschaft zu ihr stellen müßte, kann uns hier nicht beschäftigen. Stattdessen möchte ich anknüpfen an eine Feststellung, die aus der Perspektive der Philosophie und Politischen Theorie getroffen worden ist: „Wir betinden uns, akademisch wie politisch, in einer Zeit sich erneuernder prakuscher Philosophie, und deren Quintessenz ist, seit der Antike, Bemühung um die Einlösung des Anspruchs auf Rationalität, das heißt auf Begrindbarkeit der Normen, die unser Mandeln, sei es mit moralischer, 319 senschaft durch Aristoteles liegt ein Problem. Man könnte es für das Verhältnis von Ethik und Wissenschaft so formulieren: Tritt nicht durch den Akt der Disziplinierung die Ethik als eine unter vielen in die Reihe der Wissenschaften ein? Kann sie in dieser Rolle als wissenschaftliche Teildisziplin die mögliche Funktion einer Regulative von Wissenschaft wahrnehmen? Ich kann auf das damit gegebene sachliche Problem nicht näher eingehen. Vielmehr möchte ich das Problem in einer Richtung verfolgen, die der heurigen Gewichtung des griechischen Denkens im ganzen entspricht. Von Nietzsche und Heidegger her ist die Weisung ergangen, bei der Diskussion der geschichtlichen Entscheidungen, die durch die Begriffe und Bestimmungen der griechischen Philosophie für das europäische Denken maßgeblich geworden sind, nicht die großen Philosophenschulen von der platonischen Akademie bis zur Stoa zugrundezulegen, sondern von den Urspringen auszugehen; in den Anfängen des griechischen Denkens, vor Sokrates und Platon, wären demnach die entscheidenden Weichenstellungen erfolgt, und zwar so, daß nach Sokrates mancher Gedankenzug auf dem falschen Gleis in die Neuzeit abgefahren set. Der späte Heidegger hat nicht nur Katastrophen des modernen Denkens - so tat es Nietzsche —, sondern auch des modernen Lebens wie etwa Technik, Umweltzerstörung usw. letztlich auf Fehlentscheidungen und Fehlentwicklungen des griechischen Denkens seit Platon zurückzuführen versucht. Ich möchte auf diesem Weg nicht weitergehen und also auch dem Versuch nicht folgen, aus der Misere der modernen Wissenschaft und Technologie den Ariadnefaden eines anderen Anfangs im anfänglichen Denken der Griechen zu finden. Dennoch halte ich die methodische Wegweisung zum frühgriechischen Denken für verbindlich - schon deswegen, um eine mögliche Verengung und Verkürzung der anfänglichen Denkansätze durch die spätere Philosophie zu versci es mit juridischer Verbindlichkeit, regeln.“® Soweit Hermann Lübbe. Der Hinweis auf die Antike bezeichnet die Richtung der jetzt zu vollziehenden Reflemeiden. xion. Dabei soll das Verhältnis von Wissenschaft und Echik so auseinandergelege schichte des Verhältnisses von Ethik und Wissenschaft berichten. Historisch gesehen, gibt es Echos ohne Wissenschaft, und es scheint so, daß ein Leben mit Ethos ohne Wissenschaft besser gedeiht als ein Leben mit Wissenschaft ohne Ethos. Zeugnisse sind die Quellen des Philologen: Etymologie, Semantik und frühe Dichtung. Wir können Rückschlüsse auf die Beziehung von Ethos und Wissen ziehen, auch wenn explizit keine Aussagen zum Verhältnis von Ethik und Wissenschaft aus der griechischen Frühzeit vorliegen.'? Ethische Wertvorstellungen sind historisch wirksam vor und jenseits einer begrifflich gefaßten werden, daß die antiken Positionen zugleich in ihrer historischen und sachlichen Tragweite hervortreten: als historische Paradigmen, die bis hin zu den neuzeitlichen Problemlösungen gewirkt haben, und als grundlegende Modelle, die den prinzipiellen Horizont möglicher Problemlösungen umreißen. Y Vel E. Braun (My), Wissenschaft und Ethik (Bern 1986) 9f, * Zu Teratenzen gegen eine innere Verscheänkung von Wissenschatt und Eduk vgl. etwa KE. Bayertz, Das Ethos der Wissenschabten and die Moral, n: L. Step (Hg), Echik als Anspruch an die Wissenschaft oder: Ethik in der Wissenschaft (München/Zürtch 1988) 9-20, "Ve z.B K.-O. Apel, Das Problem der Begründung einer Veranrwortungsethik im Zeitalter der Wissenschaft, in: Braun, Wissenschaft und Ethik, 11-52. “Fl Lübbe, Sozialwissenschaften und Politik. Der Wertureeilsstreit als exemplarischer Fall, in: U. Opolka (Red), Verantwortung und Erhik an der Wissenschaft (Stuttgart 1985) 235-247, hier 238. Ich möchte im folgenden zunächst einige Episoden aus der Vor- und Frühge- * So in der Abgrenzung von der modernen Problematik E. Tugendhar, Antike und moderne Ethik (1991), in: Tugendhat, Probleme der Ethik (Stuttgart 1987) 33-56, bes. Bf. ' Yul.J. Ferguson, Moral Values in the Ancient World (Landon 1958}; A. W. H. Adkins, Moral Values and Political Behaviour in Ancient Greece (Londan 1972),

Pagina 3

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
ethischen Reflexion.!! Das politische Leben ist von ihnen Welt der Literatur. Ohne diese vorreflexiven Gestalt ebenso geprägt wie die en ethischen Denkens würde nicht nur die historische Kenntnis verkürzt, sondern bliebe einer wissenschafrlichen Ethik unverständlich. auch die Entstehung Was seit Aristoteles als ethische bzw. praktische Disziplin von der theoretischen getrennt wurde, umfaßt nicht nur das Handeln und Verhalten des einzelnen; vielmehr steht der handelnde Mensch von Anfang an in einer Gemeinschaft, so daß die ethische Dimension ursprünglich mit der politischen Sphäre zusammenhängt. Damit fällt in den Umkreis einer vorphilosophischen Ethik alles, was zur Polis gehört, die geltende Sitte ebenso wie Religion und Kultus, bildende Kunst und Dichtung.!: Hegel beschreibt die hier genannten Erscheinungen als ‚griechische Sitelichke it‘, deren Auflösung er mit dem moralischen Bewußtsein des Sokrates beginnen sieht;!! er steht damit Nietzsche näher," als dieser ihm zugestehen wollte. | Niche zuletzt angesichts der vorreflexiven Gestalten von Ethik ist etwas zu den Begriffen ‚Erhik‘ und ‚Ethos‘ zu sagen. Der Begriff ‚Echik‘, der sich im Laufe des 18. Jahrhunderts einbürgerte, ist aus den Titeln der Aristorelischen Schriften r bezeichnet ‚ethisch‘ im Unterschied zu ‚moralisch‘ bzw. ,sittlich' nicht ein Verhalte n oder eine Hand- Physik ~ eben deshalb wäre ‚unethisch‘ sowenig sinnvoll wie ,unphysikalisch* Erst seit Aristoteles wird das Adjektiv Weds als Terminus der wissenschaftlichen Ethik gebräuchlich. Das zugehörige Substantiv füug bezeichnet zunächst die gewöhnlichen Aufenthaltsorte von Tieren oder die Wohnsirze von Völkern dann die Gewohnheit, die Sitte, die eigene Art. Es tritt semantisch in die Nähe y y on der frühgriec ihyriechi hischen Dichtung i ven sokcatischen Philosophie vel. L. Montoneri, Gh albori dell'etica n es x - = ar der griechischen Ethik, 2 W. E. der Geschichte (Stuttgart 1828) 345-352, * So etwa mit ale dem Saez: »Sokri „Sokrates ist ials moralisch Bd, 11: Vorlesungen ee er Lehrer berîibme: ; ii (er der Moral." (Hervorhebung von Hegel bzw. seinen Herausgeber, vi aca. O. 350) : * E, Schwartz, Ethik der Griechen. hy. von W. bindungen setzen die Anschauung voraus, daß ethisch qualifizierbare Verhaltensweisen durch Wissen aktualisiert werden. Man spricht in diesem Zusammenhang ie Phi Richter (Stuttgart 1931) 14, i Piloni vielmehr aber ist er d i auch das Wissen und später die Wissenschatr vom Ethos und ethischen Verhalten her bestimmr wird. Dies darf für die frühgriechische oopía jedenfalls behauptet werden: Dem mit diesem Ausdruck bezeichneten intellektuellen Wissen oder künstlerischen Vermögen ist eine damit verbundene erhische Qualifikation nicht abzusprechen.!” Auch den bekannten ‚Sieben Weisen‘, von deren legendarischer vopía Plutarch eine späte Brechung gibt, wird cine Weltweisheit und Lebenslt Vid. E. Riandato, Echos (Padua 1961). gfuca, in: Sophia 34 (1966) 52-85, Bd, 1 (Leipzig 1908) 24. Hegel, Sämtliche Werke, hy. von H, Glockner, wie „milde Ratschlüsse wissen“ oder „das Gebührende wissen“ .!” Derartige Vergleicher Weise, wie ethisch qualifizierbares Verhalten vom Wissen bestimmt ist, , eine Forderung m einen Änspruch weit cher als ein Verbot“;!5 vielmeh " Zur geschichtlichen Enewieklung N des ethischen Denkens in spezifischen Wortverbindungen. In den homerischen Epen gibt es Ausdrücke die einer Erhik entspricht, die aus dem Grund, den der Philolope Eduard Schwartz benannte: „man spürt darin etwas Positives sit Aristoteles als wissenschaftliche Disziplin in Im Unterschied zu der vergleichsweise eingeschränkten und klar umgrenzten Bedeurung von 100g zeigen die frühgriechischen Ausdrücke für den Begriff des Wissens einen sehr komplexen Bedeutungsradius: Sie umfassen insgesamt und teilweise auch im Einzelwort theorerisches Wissen und technisch-praktisches Können und verbinden es mit sittlichen Einstellungen und Verhaltensweisen. Nicht nur in einzelnen sprachlichen Ausdrücken, wie z.B. cocpic, ‚Weisheit‘, zeigt sich eine Verschränkung von Wissen, Können und Verhalten, sondern auch einer Reihe steht z.B, mit der schaft" als Ethikwissenschaft, zu einem festen Bestandt eil der philosophischen Systeme, Ciceros moralis philosophia ging als »Moralphilosophi e* durch die Jahrhunderte und har die Eindeutschung \Sittentebre' überdaue rt. Die Bedeutungsdifferenzen von ‚ethisch‘, ‚moralisch‘ und ‚sittlich ‘ lassen sich an ihren Negationen ablesen, von denen auffallenderweise ‚unsittli ch" kaum weniger gebraucht wird als sein positiver Gegenbegriff. Zu dem Wort ‚ethisch‘ allerdings gibt es keilung, sondern deren Beurteilung und Bewertung, von vóoc, ‚Brauch‘, und wächst bei Thukydides und Platon in die politische Sphäre und schließlich in die im engeren Sinne ethische Dimension hinein." seit langem von einem ‚ethischen Intellekrualismus‘ und har diesen Intellekrualismus als Grundzug der griechischen Ethik von Homer bis zu den hellenistischen Systemen nachzuweisen versuchr.® Was bedeuten diese Beobachtungen für unser Problem? Erhisch qualifizierbare Verhaltensformen sind, seit wir sie bei den Griechen fassen können, immer schon von Vernunft und Einsicht besummt. In der Sprache der späteren Philosophie formuliert, heißt dies: Es gibt kein ethisch qualifizierbares Verhalten ohne rationale Rechenschaft, also das, was Platon »óyov didóvea nannte. Platon hat dies in einem argumentativen Diskurs über die konkurrierenden Ansprüche von Lust und Geist auf das Gelingen des Lebens in seinem Dialog Philebas dargestellt; der Vertreter der Lustposition, der schöne ‚Freund der Jugendblüte‘, auf dessen Namen der Dialog benannt ist, entzieht sich im Gedanken an Aphrodite dem Diskurs (12b) — konsequent in seinem praktizierten Hedonismus, aber doch so, daß der von ihm vertretene Anspruch des Lustprinzips unberücksichtigt bleibt. Erst dadurch, daß dieser Anspruch von einem Vertreter des Logos auf den Begriff gebracht wird, kann er in die Synthese des gelungenen Lebens aufgenommen werden. Wir werden fragen müssen, ob in nuixa gewonnen, die lateinisch mit morali: überset zt wurden. Erst in der nacharistotelischen Zeit wird yOu) (zu ergänzen enorm) , d.h, ‚ethische Wissenne negative Entsprechung - wohl nicht so sehr 321 an - 1" flias 4, 361: Odyssee 2, 231. Für die Verstindnisvoraussetzungen derartiger Ausdrüvke grundlegend A. Schmitt, Selbständigkeit und Abhängigkeit menschlichen Handelns bei Homer, Hermeneuésche Untersuchungen zur Psychologie Homers, Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz {Stuttgart 1990) 126 ff, M, Wundt, Der Intellektualismus in der griechischen Ethik {Leipzig 1907). Wie es versucht wird von Schwartz, Ethik der Griechen, 58: „Das Idealbild des oopág ist somit im Grunde erwas vollig Intellektuelle: mit der Echik hat es nichts zu tun.“ Pub. Jahrburh 100700

Pagina 4

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
klugheit zugeschrieben, die aus gesteigerter Intelligenz Rarschlä ge für das praktische und politische Leben zu erteilen vermag. Damit stehen wir am Anfang von Philosophie und Wissenschaft. „Das Lachen der Thrakerin“ — unter diesem Titel erzählt Hans Blumenberg ‚eine Urgeschichre der Theorie',% die Geschichte von Thales, dem Philosophen im Brunnen, In seinem Dialog ,Theaitet“ (174a-b) überträgt Platon eine äsopische Fabel auf den Mathematiker und Astronomen Thales, der hier im Munde des Sokrates zum Prototyp des Philosophen wird. „Während er die Sterne beobachte te und nach oben blickte, sei er in einen Brunnen gefallen; da habe ihn eine hübsche und witzige thrakische Magd ausgelacht, weil er die Dinge am Himmel zu wissen bekommen wolle, was ihm aber vor den Füßen läge, bliebe ihm verborgen .“ Der Platonische Sokrates fügt im Stil der Fabel auch sogleich die Moral von der Geschichte hinzu: „Derselbe Spott aber triffe auf alle, die mit der Philosophie ihre Zeit verbringen.“ Mit Blick auf Sokrates und sein Schicksal har Platon hier in wehen vorgezeichner, den nigen Worten die archetypische Geschichte des Philosop sein Wissenwollen in eine tragikomische Situation bringe. ablesen: „Wahrhaftig wird die Rechtsgöttin auch fassen die Baumeister und Zeugen von Lügen.“ Das Recht garanuert offenbar nicht nur die Richtigkeit des Verhaltens von Staatsbürgern und Sternbahnen, sondern auch von Aussagen. Es gibt seiner Vorhersatheoretischer Wissenschaft demonstriert hatte: „Man beschimpfte nämlich Thales ~ wie unniitz sei doch die Philosophie, Da wegen seiner Ärmur sah er, wie man erzählt, aufgrund seiem wenig Geld - sicherte er sich mit einer Anzahlu Winter er hatte gerade ng die gesamten Ölpressen in Milet und Chios; er konnte sie billig mieten, da niemand Wert darauf legte. Als die Reifezeit kam, wurden viele zugleich und plörzlich gesucht; da vermietete er sie, zu welchen Bedingungen er wollte, verdiente viel Geld und bewies, daß es ein leichtes ist für Philosophen reich zu sein, sofern sie wollen, aber daß es nicht dies ist, worum sie sich bemühen.“ 2 Es ist kein Zufall, daß Aristotele s diese Anekdote in seiner „Politik“ vorfithre; damit ist der Bezug zur Ethik gegeben, Mit den beiden von Platon und Aristoteles erzählten Geschich ten, die je verschieden um Wissen und Verhalten des ersten Philosophen kreisen, ist der Horizont umrissen, aus dem die griechische Vorstellung vom Ethos der Wissenschaft hervorgegangen ist. Uber das Verhältnis von Wissenschaft und Ethik bei den ersten Philosoph en und Wissenschaftlern selbst ist mit diesen Anekdoten und späteren Ausdeutungen noch nichts gesagt. Wie steht es damit bei den Vorsokratikern? Der erste Spruch eines europäischen Philosophen, den wir mit einiger Zuversicht als authentisch ermitteln können, bringt Sachverhalte der physisch en Wirklichkeit in einen Zusammenhang mit erhisch-juridischen Begriffen . Soweit wir die Aussage des Anaximander rekonstruieren können,?' beschreibt sie Entstehen und Vergehier also eine ethisch-juridische Instanz, personal gefaßt als Dike, die über die Richtigkeit von Aussagen wacht und Scheinerkenntnis und Lügenkonstruktionen in die Schranken weist. Entscheidend ist bei Heraklic die innere Verschränkung von ethischer und intellekrueller Redlichkeit; Weisheit umfaßt dabei die Orientierung des Redens an der Wahrheit und des Handelns an der Natur, wie aus dem folgenden Fragment (112) hervorgeht: „Gesund Denken ist die größte Tugend, und die Weisheit liegt darin, Walires zu sagen und zu handeln gemäß der Natur, auf sie hinhörend.“ Was in der späteren Ethik als ‚Besonnenheit‘ (cuppoobvyn) zu einer Kardinaltugend wird, trägt bei Heraklit noch den etymologisch vorgegebenen Charakter des ‚gesunden Denkens‘, das als Denken ausdrücklich durch seine Allgemeinverbindlichkeit ausgezeichnet wird? Das Prinzip dieser Allgemeingültigkeit von Denken und Handeln ist der Adyog als das rationale Verhältnis, das sich in der Welt ebenso wie in der Sprache darstellt.** Verständnis für den A6yog zu wecken und die Menschen zum Bewußtsein und zu wachem Handeln zu bringen - darauf zielt das Denken und Sprechen Heraklits von Anfang an. Wenn es ein Urbild der heute sogenannten deontologischen Ethik gibt, dann hier: did det, beginnt Fragment 2: „Daher muß man mitgehen mit dem All- 376-382; H. Sehwabl, Anaximander, in: Archiv für Begritfsgeschichte 9 (1944) 59-73; T. Ferran, Su Anassimandro B 1, La Parola del Passato 34 (1979) 118-126. "+ Diels/Kranz, 12 BI, # G. Viastos, Equaliey and Jusoce in Early Greek Cosmologies, in: Classical Philology 42 (1947) 156-178; überarb. in: D. J. Furley/R. E. Allen (Hg), Studies in Presveratic Philosophy 1 {London 1970) 56-91, hier 73-83, + Diels/Kranz, 22 BA. ? Diels/Kranz, 22 B113; B 116. = Frankfurt a. M. 1987, °' Blumenberyg, Das Lachen der Thrakerin, 24H. 2 Pohtuk 12591 9-18, Y Vigli ata, E Dicimeier, Der Satz des Anaximandros von der Reflexion von Echos und Wissen läßt sich aus dem folgenden Fragment (28) es seine Gegendarstellung vom Wissen und Können des Wissenschaftlers, der mit ner Astronomie eine reiche Olernte voraus, und noch im hen der vorhandenen Dinge „gemäß der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander Strafe und Buße für ihr Unrecht ...“.# Offensichtlich ist von Anaximander die im privaten und im politischen Bereich erfahrene und in der Dichtung ecwa von Hesiod und Solon dargestellte Geltung der normativen Kraft des Rechts auf die gesamte Wirklichkeit angewendet worden. Unrecht als Ubergriff in eine fremde Rechtssphäre ruft die ausgleichende Gerechtigkeit auf den Plan und führt durch Vernichtung des Übergreifenden zur Wiederherstellung des Gleichgewichts in der Welt. Das Modell für den Kosmos ist die Polis; das Wissen vom Kosmos wird entworfen nach Maßgabe politischer Ethik. Die Welt als Ordnung (das ist der Sinn des griechischen Wortes kóonog) bleibt in ihren Bahnen und Maßen durch regulierende Instanzen des Rechts — diese Anschauung führt von Anaximander zu Heraklit, bei dem es heißt: „Der Sonnengott wird seine Maße nicht überschreiten; sonst werden ihn die Erinyen, die Schergen der Rechtsgöttin, ausfindig machen.*? Ein bemerkenswerter Schritt in Gegen diese Spannung von ‚Himmelskenntnis und Erdentüchtigkeit‘?! setzt Aristotel ge einer Sonnenfinsternis den ersten spektakulären Erfolg 323 2 Dazu D. Bremer, Logos, Sprache und Spiel bei Heraklit, in: Synthesis Philosophica 10 (1990) Mitet, in: Khemisches Museum 87 (1938)

Pagina 5

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
gemeinen. Obwohl aber der Adyos allgemein ist, leben die Vielen, als hätten sie eine private Vernunft,“ Der Aóyos als rationales Weltverhältnis führt durch seine Allgemeinverbindlichkeit zum ethischen Verhalten. Aus der Logik des Kosmos, wie Heraklit sie in seinen Gleichnissen verifiziert, folgt eine Ethik, die sich an der Natur orientiert.* Der Mensch entspricht in seinem höchsten intellektuellen und ethischen Verhalten der Lebensbewegung der Natur, die sich im feuerhafren Wandel kosmischer Energie darstellt, So ist Fragment 118 zu verstehen: „Trokkene Seele weiseste und beste.“ Im Hören auf den Aöyoc vollzieht sich das Einstimmen (Ónokoyeiv, Fr. 50) als jene Einsicht in die Einheit von allem, die im denkenden Mirvollzug des Aöyog ihr eigenes Ethos erhält. Damit gewinnt ‚das Weise‘ (aubôv) als der bedeutsamste Ausdruck der frühgriechischen Verschränkung von Ethos und Wissen seine umfassendste Gestalt. „Eins ist das Weise, sich zu verstehen auf den Erkenntniswillen, als welcher alles durch alles steuert.“ (Fr. 41) Hier komme ‚das Weise’ zum Bewußtsein seiner integralen theoretischen Möglichkeiten und universalen praktischen Wirkungen, so wie im Aóyoc das rationale Verhiltnis von Sprache und Welt zum Bewußtsein gebracht wird. Seit Hegel ist verschiedentlich bemerkt worden, daß mit Parmenides eine neue Stufe in der Geschichte des Denkens erreicht ist, dadurch daß das Denken selbst zum Gegenstand des Denkens wird. Es liege nahe, daß damit auch das Verhältnis von Wissen und Echos neu gedacht wird. Wie bei Anaximander und Heraklit wird die Wirklichkeit in ihrer Wahrheit garantiert durch Dike, die göttliche Macht des Rechts, der Gerechtigkeit und des richtigen Verhaltens. In einem Sprachbild, dessen metaphorische Kraft noch bis in die Niederungen unserer heutigen Wissenschaltssprache reicht, wird der ‚Schlüssel‘ — so heißr es wörtlich 325 Nietzsche har in seiner Kritik der europäischen Metaphysik und ihrer Ursprünge den ‚Willen zur Wahrheit‘ auf die Formel gebracht „ich will nicht täuschen, auch mich selbst nicht“ und damit zurückgeführt auf den „Boden der Mo1114 Der Wille zur Wahrheit, der zum Wissen und zur Wissenschaft führt, wäre demnach fundiert in einer moralischen Qualität, nämlich der Tugend der Wahrhaftigkeit, Wenn wir Nietzsches psychologische Konstruktion hier beiseite lassen und historisch nach dem Ursprung und den Vorformen des Parmenideischen Wissenserhos fragen, stoßen wir auf die mythische Vorstellung des allwissenden Gottes. So spricht Pindar von dem ‚allwissenden Geist‘ des Apollon: er nicht an, und es trügt ihn kein Gort, kein Sterblicher mit Taten „Lügen rührt noch Plänen.“ 3? Der von Pindar genannte ‚allwissende Geist’ des Gottes Apollon entspricht zwar nicht dem Moralitärsverdachr Nieczsches; denn zweifellos zielt der sich in ihm aussprechende ‚Wille zur Wahrheit‘ weniger darauf, ‚nicht zu täuschen‘ als daraul, ‚sich nicht täuschen zu lassen‘ - was Nietzsche mit seiner psychologischen Konstruktion gerade bestreitet. Entscheidend aber ist zunächst die Kontinuität des Geistbegriffs: Der v6og als Ort der Wahrheit hält sich durch, erscheint jedoch bereits bei Parmenides vom Gott zum Menschen verlagert. Daß mit dem Problem von Täuschen und Getäuschtwerden nicht nur der erkenntnistheoretische Bereich berührt ist - so wie wir von ‚Sinnestäuschung‘ sprechen -, sondern vielleicht doch die Sphäre der Moral, möchte der Philologe vermuten, wenn er Pindars Ausdruck für ‚täuschen‘ bzw. ,trügen‘ beachtet - Khérreiv heißt soviel wie ‚stehlen‘, ‚verhehlen‘, dann ‚berrügen‘ und ‚täuschen‘. Man mag hier an die Verse denken, mit denen Xenophanes seine Kritik an der anthropomorphen Gottesvorstellung begründet: „Alles haben den Gôtrern Homer und Hesiod anbei Parmenides Y - zur Wahrheit des Seins in die Hand der Dike gelegt. Der Weg wird dem Denker gewiesen durch Mächte des Lichts, Sonnenmädchen, die seine Auffahrt geleiten: eine anagogische Bewegung, die mit dem Lichtcharakter des gehängt, was bei Menschen Schimpf und Tadel ist: Stehlen und Ehebrechen und einander Betriigen.*% Hier nun stehen wir zweifellos im Umkreis von Lug und Trug, also doch, mit Nietzsche zu reden, „auf dem Boden der Moral“. Und die Erkennens ebenso wie mit dessen erotischem Impuls auf Platon vorausweist. Die Vermutung, daß philosophische Theologie und Erkenntniskritik, Logik und Ontologie, wie sie von Xenophanes bzw. Parmenides begründet wurden, wenn schon nicht ‚auf dem Boden der Moral‘ gewachsen, so doch jedenfalls in einem ethischen Umfeld gedichen sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn man auch bereit ist, den Ursprung von Erkennenistheorie, Logik und Ontologie nicht als abstrakte Kopfgeburt zu betrachten, sondern den Logos der beginnenden Philosophie in Verbindung mit einem ihm zugehörigen Ethos zu durch Dike aufgeschlossene Wahrheit des Seins wird in einem Denken erfahren, das sich selbst als richtiges Erkennen denkt, nämlich als räuschungsfreies. Das richtige, weil täuschungsireie Erkennen kennt keine Veränderung in Raum und Zeit. Das so erfahrene Wirkliche ist das Bestindig-Seiende. Die demgemäß gedachte Wahrheic steht als Sein in der Gegenstellung zum Schein. Damit ist tatsachlich das Verhältnis von Ethos und Wissen neu gedacht, nämlich aus dem Echos des Nichträuschens. Das Organ dieses Wahrheitswissens ist der vóos, d.h. Geist bzw. Intellekt, demgegenüber die Wahrnehmung der Sinne als nicht täuschungstre: abgewertet wird, Wie aber kommt es zu einer derartigen ‚echischen‘ Begründung von Erkennen und Wissen, wie sie, von Parmenides angeserzt, von Placon aufgenommen und weitergeführt, seit Descartes in der europäischen Philosopluc herrschend geworden ist? sehen, so stellt sich doch die Frage nach einer solchen Verbindung im Flinblick aul eine Form des Wissens, die als Wissenschaft bezeichner werden kann. Es ist hier von Interesse, wo ein Kenner der antiken Wissenschaftsgeschichte wie Kurt v. Fritz die Anfänge einer Wissenschaft im modernen Sinn ansetzt, nämlich bei den Pythagoreern.TM Trotz der absonderlichen Mischung von wilder ZahlenspeY Die Fröhlielie Wissenschafe Nr, 344: mi Friedrich Nietzsche, Werke, Britische Gesamtausgabe, hy. von G, Colli/M, Monrinari (KGW), V2 {Berlin/New York 1973) 258, * Uber die Verbindung van Naturphitusaphie und Ethik bei Heraklit als Paradigma für die stuische * Pyth, 3, 291.; Pych. 9, 42-49. 4 Diels/Kranz, 21 811, honzeprion vgl. M. Forschner, Die stoische Ethik (Stucegarı 1981) 14 tf. 34 Ko vo Fritz, Grundprobleme der Geschichte der antiken Wissenschaft (Berlin/New York 1971) ” Diel/Kranz. 28 B1, 14.

Pagina 6

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
kulation und wissenschaftlicher Mathematik bleibt die kühne Verallgemeinerung „alles ist Zahl“ beachtlich. Aber für unsere Frage noch beachtenswerter als die Entdeckung, daß die Wirklichkeit mathematisch strukturiert ist, erscheint die Invon der Musik bis zur Politik reicht. Pythagoras selbst war nicht nur Philosoph und Mathematiker, sondern zugleich Mystiker und erhisch-religiöser Reformer. sie dient zur Befreiung von Furcht und Aberglauben." Wie aber steht es mit dem Verhältnis von Ethik und Wissenschaft bei Demokrit selbst? Zunächst ist das Faktum bedeutsam genug, daß Demokrit Grundlinien einer Ethik entworfen hat und daß diese Ethik als überliefernswert uns erhalten geblieben ist, wenn auch nur bruchstückhaft: eine Fülle von Maximen zur Lebenskunst, deren praktischer Rationalismus gelegentlich an die französische Moralistik denken läßt. Gegen die tegration dieser Mathematik in einen harmonischen Lebenszusammenhang, der 327 Der Anspruch dieser pythagoreischen mathesis universalis ist so komplex gewe- Vorstellung eines unverbundenen Nebeneinander von Ethik und Physik bei Desen, daß erwa auch die Tugend, die Gerechtigkeit und die Ehe einer mathematischen Wesenserfassung unterworfen wurden. Wenn Platon in seiner Vorlesung „Über das Gute“ in ausgreifender mathematischer Verifikation das Gute als Eins auslegte, folgte er damit der pythagoreischen Deutung erhischer Qualitäten als mathematischer Größen. Platon soll dabei übrigens seine Hörerschaft aus der Stadt verloren haben, denn die erwartete bei einem Vortrag ‚Über das Gute‘ keine mathematischen Diskurse, sondern erbauliche Reden über Reichtum, Glück und langes Leben. Ob wir ein Recht haben, in den ethischen Spekulationen der Pythagoreer die Anfänge einer wissenschaftlichen Ethik zu sehen, mag man bezweifeln, Unbestreitbar scheint aber zu sein, daß im Kreise der Pythagoreer nicht nur ein hohes wissenschaftliches Ethos ausgebildet worden ist, sondern daß Ethik als Integral der wissenschaftlichen mathesis universalis fungierte. Wir dürfen annehmen, daß die pythagorcische Zahlenlehre von der Musik ausgegangen ist, nämlich von der Erfahrung harmonischer Intervalle in einfachen Zahlenverhältnissen. Die Verbindung von Ethik und mathematischer Wissenschaft liegt hier also letztlich in dem durch die Musik vermittelten Element der Harmonie. Wenn in der Überlieferung den Pythagoreern die Bestimmung der ethischen Tüchtigkeit als Harmonie zugeschrieben wird,” so scheint es nur ein kleiner Schritt zu sein zur Echik des Demokrit. „Das Glück und die Heiterkeit und das Wohlbefinden bezeichnet er als Harmonie, Symmetrie und Ataraxie”, wird in mokrit hat der Marburger Philosoph Paul Nacorp bereits vor der Jahrhundertwende deren innere Verknüpfung deutlich gemacht.* Es ist die Frage nach dem, „was in Wirklichkeit ist“ (éreñ), die Demokrits Erkenntnislehre und Physik ebenso bestimmt wie seine Ethik.* Dies ist übrigens der Punkt, wo Platon, den man als [dealisten gewöhnlich von dem sogenannten Materialisten Demokrit trennen zu müssen glaubt, in allen genannten Wissensbereichen anknüpft. Die Frage nach dem Wirklich-Seienden führt bei Demokrit auf eine „echte Erkenntder antiken Doxographie berichtet.” Der Begriff Ataraxie, der als ,Unerschiitterlichkeit’ Gleichmut und Seelenruhe umfaRt, ist über Epikur in das römische bezeichnet, der ethische Reflexion als eigenständige Instanz gegenüber der Wissenschaft auszeichnet. Trifft diese Deutung zu, wäre damit nicht nur die Forde- Denken eingedrungen und mit dem stoischen Begriff der Apathie eine Vermischung eingegangen, aus der das Bild des Philosophen und seiner Haltung rung nach einem der Wissenschaft zugehörigen Echos gegeben * oder der Versuch einer Ableitung von Ethik aus Naturwissenschaft,” sondern vielmehr der entstand, das bis in die Neuzeit leitend geblieben ist, Auch die inhaltliche Bestimmung der erhischen Harmonie bei Demokrit, daß sie nämlich „aus der Begrenzung und Unterscheidung der Lustempfindungen entstehe",* ist von Epikur aufgenommen worden, wenn auch vergróbert.* Vor allem aber nahm Epikur und im Anschluß an ihn Lukrez Grundzüge der demokritischen Physik auf, allerdings einseitig funktionalisiert: Die Wissenschaft trier in den Dienst der Ethik, Sean Anschluß an Frühere Wunde, Geschichte der griechischen Ethik, 142. DielsRranz, 58 B La. " Daels/ rans, 68 A 167. > Ebd. Y Zum Verhälnis von Ethik und Narurwissenschafe im Anschluß an Demakrit vgl. R, Müller, Le nis“ ®, die auf die Realität der Atome bezogen ist; ihr entspricht die echte Lustempfindung. Was sich im ethischen Verhalten als das Schöne im Sinne des Gleichgewichtigen und Maßvollen zeigt (10 icov und tó keroiov)," entspricht der allgemein gesetzmäßigen Gleichförmigkeit der Natur. Als Reflexionsinstanz des ethischen Bewußtseins tritt das Prinzip der pedvyous bzw. des Aoyunids hervor,W d.h. vernünftige Besinnung als Organ rationaler Rechenschaft.’ Die vollkommene innere Übereinstimmung der Ethik mit der Physik wird an einem entscheidenden Punkt durchbrochen, den Natorp zwar bemerkt,” aber nicht zureichend gedeuter har: Höhe des erhischen Bewußtseins als absoluter Ruhezustand, dessen metaphorischer Ausdruck ,Windstille’ (yaatyvn) von Platon bis Epikur und darüber hinaus die Integration der ethischen Existenz bezeichnet. Wenn Demokrit mit dem Ansarz eines absoluten psychischen Ruhezustandes von der Physik abweicht, so ist eben damit der entscheidende Freiheitsspielraum Y Dazu Y”. Schmid, Lucretius ethicus, in: Lucrece, Fondation Harde, Entretiens Bd. 24 (Genf 1978) 123-165. # P. Natorp, Die Ethika des Demokritos (Marburg 1393). Y Val, Natorp, 91 ff. * Diels/Kranz, 68 B 11, # Diels/Kranz, 68 B 102; B 233; B 191. % Diels/Kranz, 68 B2; B119; B 195, > Zur moralischen Reflexionsinstanz des Selbst im Begriff der Selbstachsung bei Demokrit vgl. Diely/Kranz, 68 B 264. Eine Beziehung zur Autonomie als Selbstgesetzgebung der Vernunft bei Kant wird angedeutet von C. Kahn, Demoeritus on Moral Psychology, in: Proceedings of the Ist Internarapport entre la philosophie de la nature es la docurine morale chee Démocrite es Epicure, in: Demotional Congress on Democritus (Xanthi 1984) 1 307-316, hier 315. #7 Nacorp, ML # Suz.B. 68 BIS, cito e l'atomismo antico, he. von 1, Romano, Siculorum Gymnasium 33,1 (1980) 325-351; R. Müller, Natinphulosophre und Ethik an antiken Atomismus, in: Philologus 124 (1980) 1-17. Planck, vgl. v. Fritz, Grundprobleme der Geschichte der antiken Wissenschaft, 127. Y Zu einen modernen Versuch der Ableitung von Ethik aus Naturwissenschaft, nämlich bei Max

Pagina 7

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
Ansatz eines Freiraumes, in dem sich ethische Reflexion und Entscheidung gerens nicht nur bei der Ausübung der ärztlichen Kunst, sondern auch in der Beachtung ‘eines standesgemäßen Lebens. „Rein und heilig werde ich mein Leben bewahren und meine Kunst“ - die damit die erhische Ausrichtung von ärztlicher Kunst und Existenz leitenden Bestimmungen der Reinheit und Heiligkeit gehören der rituellen Sphäre des Gottesdienstes an bzw. der Observanz eines górrlichen Gebotes und natürlichen Gesetzes. Mit den religiösen Begriffen dieser bindenden Formel ist Herkunft und Begründung der normativen Bestimmungen klar bezeichnet. Es ist wichtig, die hier vorliegende Ethik der medizinischen Wis- 328 genüber der Wissenschaft entfalten und behaupten kann. Als Leitbegriff in der ethischen Grundfrage erscheint bei Demokrir das Gute, das in jeder Form von Ethik, sei sie religiös, idealistisch oder utilitaristisch, Orientierungspunkt geblieben ist. Die Orientierung am Guten als dem Förderlichen, Zurräglichen, Nützlichen zeigt sich auch in dem Bereich der griechischen Wissenschaft, der bis in die Gegenwart das klassische Paradigma für eine Echik der Wissenschaft bierer, nämlich der griechischen Medizin. An der ärztlichen Standesethik, wie sie beispielhaft und bis heute vorbildlich im hippokratischen Lid ausgesprochen ist, können wir am ehesten Einsicht in Ursprung und Form emer frühgriechischen Ethik der Wissenschaft gewinnen. Die maßgebliche Formel des Eides, die auch heute selbst bei Nichtmedizinern im Bewußtsein ist, laucet in emphatischer Wiederholung „zum Nutzen der Kranken“ (x dxpeheiy Kunvövtuv),® Mit der Verpflichtung zur Förderung des Nutzens der Kranken ist die zum Schutz vor Schaden ausdrücklich verbunden; eine mögliche Schädigung wird an den beiden Stellen als Gdtxin, d.h. Unrecht bzw. Übergriff bezeichnet. Um die ethische Motivation des Eides historisch richtig beurteilen zu können, muß man ihn auf dem Hintergrund der allgemeinen Moralvorstellungen und der ärztlichen Berufsethik seiner Zeit betrachten.*! In einigen wissenschaftlich ernstzunehmenden hippokratischen Schriften sind Empfehlungen zu lesen, die wir heute als verantwortungslos ansehen würden. Mit seinem Beruf ist dem Arzt von Anbeginn die Möglichkeit gegeben, daß der durch seine Kunst bewirkte Nutzen weniger der des Kranken als sein eigener ist. Selbst wenn man auf diesem Hintergrund utilitaristische Interessen zum Nutzen und Ansehen des Arztes und des Arztestandes nicht übersieht, bleibt ein Kern ethisch-normativer Verpflichtung im Eidestext unbestreitbar. Dazu gehören insbesondere die Verpflichtungen, die dem Schurz des ungeborenen Lebens und der Fortpflanzungsfähigkeit dienen. Diese Verpflichtungen haben echischen Charakter nicht dadurch, daß damit profitable Einnahmequellen verschlossen wurden, sondern vor allem deshalb, weil ein Verbot der Abtreibung weder durch die praktizierte Moral noch durch gesetzliche Bestimmungen vorgegeben war; die Ablehnung von Abortivmitteln ist im übrigen nicht von allen Ärztegilden geteilt worden. In zwei weiteren Bestimmungen des hippokratischen Eides, die auch heure ganz selbstverständlich der ärztlichen Berulsechik zugehören, nämlich Schweigepflicht und Verpflichtung zum standesgemäßen Verhalten, wird als Ursprungsbereich ein religióses Ethos deutlich. Die Schweigepflicht wird begründet mit der Vorstellung, daß hier etwas vorliegt, was nicht auszusprechen sei, &gpnte — dieses Wort bezeichner das Geheimnis griechischer Mysterien als ‚Unaussprechliches‘. Ganz deutlich wird dieses religiose Ethos in der Forderung eines rein ethischen Verhalx Zut Erläuterung des Textes aus der Perspektive der Geschichte der Medizin vgl, C. Lichtenthaeler, Der Eist des Hippokrates (Köhn 1984), Y Dazu K. Deichgriber, Die arzdiche Sundesechik des hippokratischen Eides (1933), in: H. Flashar (Hg.), Antike Medizin (Darmstade 1971) 94-120. Vgl. ferner D. Schlamp, Kategorien ärztlicher Etluk in der Antike (Liss. Kiel 1986). senschaft abzugrenzen von einer allgemeinen Menschenliebe, wie sie als Philanthropie im Aischyleischen „Prometheus“ diesem Titanen auch im Hinblick auf ärztliche Hilfeleistungen bereits zugesprochen wurde, ebenso wie von einer Nächstenliebe, die als caritas erst durch ein spezifisch christliches Ethos hervorgebracht wird. Eine der Wurzeln des ärztlichen Echos und der Ethik der medizinischen Wissenschaft liege vielmehr in der kultischen Reinheit, die Apollon repräsentiert. Als Gott der Besinnung, des Maßes und des gesunden Denkens schreibr Apollon auch das richtige Verhalten vor, wie es der Dike entspricht, der sörtlichen Macht von Recht und Gerechtigkeit. Und damit ist die zweite Wurzel dieser ethischen Gesinnung benannt - die Bindung an das Recht. Die Ethik der medizinischen Wissenschaft folgt der Entwicklung der Ethik und deren Verháltnis zur Wissenschaft, wie es durch den Dike-Begriff seit Anaximander und Heraklit vorgezeichnet ist. Zugleich bleibt sie dem religiösen Gebot der Reinheit und dessen Urheber Apollon verpflichter. „Ich schwöre bei Apollon, dem Arzt...“ - so beginnt der hippokratische Eid. Apollon war es, dessen Geist bei Pindar die Täuschungsfreiheit des Wissens vorgab, dergemäß bei Parmenides die Vernunft zum täuschungsfreien Denken des reinen Seins ermächtigt wurde, In der griechischen Medizin zeigen sich diese beiden Ursprungsbereiche der Ethik, der religióse und der iuridische, in einer Verbindung, aus der hier zum ersten Mal eine Besinnung hervorgeht auf ‚Leben und Kunst’, wie es ausdrücklich heißt. Das als réyvn bezeichnete Wissen und Können des Arztes wird in seiner Koppelung an die Lebensform dem Anspruch ethischer Reflexion unterstellt. So erscheint griechische Philosophie und Wissenschaft seit ihren Anlängen auf Ethik bezogen: bei Parmenides als Erkennenislehre, Logik und Ontologie, bei Pythagoras als Mathematik, bei Demokrit als Physik. Und in der hippokratischen Schule, so scheint es, hat die ethische Reflexion auf Wissenschaft ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht, Es ist kein Zufall, daß die Medizin als Wissen und Können im Sinne einer téyvy den Heraustorderungen der Praxis entsprechend den ersten Entwurf einer Wissenschaftsethik als regulativer Verhaltensnorm vorgezeichnet hat. Im Rückblick wird deutlich, daß grundlegende Bestimmungen des Verhältnisses von Ethik und Wissenschaft nicht erst bei Platon und Aristoteles gewonnen worden sind, sondern bereits im vorsokratischen Denken. Ob man in diesem anfanglichen Fragen und Denken mit Nietzsche und Heidegger die eigentlich schöpferische und wegweisende Phase der griechischen Philosophie und Wissenschaft sieht, mag dahingestellt bleiben. Allerdings ist nicht zu übersehen, daß auch für das Verhältnis von Ethik und Wissenschaft mit Sokrates eine neue Periode beginnt.

Pagina 8

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
Dieter Bremer % Das Sokratische Philosophieren nun ist, nicht anders als das Platonische, auch als Antwort auf die Sophistik zu verstehen. Nietzsche hat versucht, gegen das seit Platon im Verdacht des Immoralismus stehende Bild des Sophisten dessen Einordnung in die Galerie der von ihm beschriebenen Persönlichkeiten der ‚Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen‘ von Thales bis Anaxagoras und Demokrit durchzusetzen. Und in der Tat spricht historisch alles dafür, einen Protagoras in die Nähe Demokrits zu stellen.5? Aber was verbinder konkret die Sophistik mit der archaischen Wissenschaft? Mit der Medizin z.B. die Auffassung des Wissens als téyvn, die an Schüler weitergegeben werden kann. Insofern dieses Wissen als téxvy ein Können ist, das sich auf die Praxis in der Polis bezieht, nehmen die Sophisten für sich in Anspruch, dgeti, d.h. ethische Tiichtigkeit zu lehren. Daß die Sophisten auch die echischen Grundfragen nach dem Guten und Gerechten gestellt haben, wissen wir nicht zuletzt aus Platon. Wenn allerdings der Sophist Thrasymachos in Platons Dialog über den Staat das von Nacur Gerechte definiert als das, was dem Stärkeren nützlich ist,’ oder Kallikles in Platons „Gorgias“ das natürliche Recht des starken Einzelnen über die im Herkommen einer Satzung befangene Menge proklamiert + - Nietzsches Unterscheidung von ‚Herrenmoral‘ und ‚Sklavenmoral‘ setzt hier an -, frawen wir nach der Stärke dieses starken Mannes. Es ist die von Gorgias benannte Macht des Wortes (tod Adyou Süvequg),f die den Starken stark macht. Und mit Hilfe dieser Macht des Wortes vermag der Starke auch, „den schwächeren Aöyog zum stärkeren zu machen“ 5 ‚aus schwarz weiß zu machen‘, wie wir sagen. Also Rhetorik versus Ethik? Bei ähnlichem Bezug der veyvn auf den Menschen wie in der Medizin (immerhin hatte ja auch in der Sophistik Protagoras den Menschen zum „Maß aller Dinge“ erklärt) % und trotz vergleichbarer Einschätzung der poor als Basis des gesunden und starken Lebens ~ zeigt sich hier in der Frage des ethischen Bewußtseins zwischen Medizin und Sophistik eine diametrale Entgegensetzung? Auch wenn man den vorgegebenen Immoralismusverdache nicht ohne weiteres gelten läßt, bleibt unbestreitbar: Die Antwort auf die in der Sophiscik a Fragen nach dem Verhäknis von Wissen und Echik geben Sokrates und Maton. Y Im Nachlaß der Achezigerjahre heißt es: „Der Augenblick ist sehr merkwürdig: die Sophisten streifen an die erste Artik der Moral, die erste Einsicht in die Moral... Wo war nur die mtellektuefle Rechischaffeaben damals? die griechische Cultur der Supluseen war aus allen griecluschen Instinkten herausgewachsen: se gehöre zur Cultur der Perikleischen Zeit, so norhwendig wie Placa nicht zu ihr gehört: sie hat thre Vorgänger in Heraklit, in Demukrit, in den wissenschaftlichen Typen der alten Philosophie; sie hac in der hoheo Caltur des Thukydides z.B, ihren Ausdruck — und, sie bat sehliedhich Recht bekommen; jeder Forsschritt der erkenneniBrheoreteschen und moralisuschen Erkenntniß hat die Sophisten restituir... (AGW, VIII 3 [BerlinéNew York 1972] 841.). 5% Platon, Politeia 338. # Platon, Gorgias 4842-b 5 Zu Nivteschey Rückgriff aut die Sophistik vyl, D Bremer, Platomsches, Antiplacomsches. Aspekte der Platon-Rezepuon in Nierzsches Versuch einer Wiederherstellung des trühgriechischen Daseinsverständnisses, in: Nietzsche-Studien 8 (1979) 39-103, bes. 434. * Diels/Kranz, 82 B 11 (14). * Protagoras zugeschrieben 7, B. von Aristoteles, Rhetmik 14020 23, * Diels/Kranz, $0 Wt. | è Wir haben den Spannungsbogen von Ethik und Wissenschaft im vorsokratischen Denken durchgezogen und könnten hier abbrechen: zum einen, weil wesentliche Ansätze zur Begründung des Verhältnisses von Ethik und Wissenschaft im griechischen Denken vor Sokrates bereits gegeben sind; zum andern, weil die vorsokratischen Denker von Thales bis Demokrit in höherem Maße wissenschaftsorientiert waren als die späteren Philosophen - man kann vielleicht erwarten, daß für ‚Echik der Wissenschaft‘ nur Kompetenz besitzt, wer selbst Wissenschaftler ist. Dagegen könnte man geltend machen, daß die spätere griechische Echik und Wissenschaft der neuzeitlichen Vorstellungsart und Begrifflichkeit mehr entspricht. ich möchte daher den Bogen von Sokrates zur Moderne zum Schluß jedenfalls noch anreißen. Es ist verschiedenthch gesagt worden, daß Sokrates die Philosophie vom Himmel auf die Erde und zu den Menschen zurückgeführt habe und als der Begründer einer rauonal argumentierenden Moralphilosophie gelten dürfe.” Platon har in seinem Dialog „Phaidon“ Sokrates als Kritiker der frühgriechischen Nacurwissenschaft vorgeführt und damit zugleich seine eigene Enttäuschung über deren releologisches Defizit artikuliert. Für Sokrates bedeutet dieses Defizit: Es fehlt die rationale Begründung der Frage nach dem Menschen als Frage nach dem, was für ihn letztlich gut ist. Die Frage nach der besten Verfassung des Menschen, die sein Glück ausmachen soll, ist mich Sokrates aus der Erhik nicht mehr wegzudenken. Sokrates selbst hat diese beste Verfassung, die im Griechischen doety heiße und eine ‚Tüchtigkeit‘ bezeichnet, die etwa einem Schiffe eignet, wenn es seetüchtig ist, mit dem Wissen derart gleichgesetzt, daß die Kritik seit Aristoteles daran Anstoß nahm. Das Wort für dieses Wissen, mor, das bei den Philosophen vor Sokrates keine Rolle gespielt har, ist seit Platon zu der leitenden Bezeichnung für Wissenschaft überhaupt geworden; es bedeuter ursprünglich soviel wie ‚sich auf eine Sache verstehen‘, etwa das, was man heute als Know-how bezeichnet. Auch die Sophisten wollten &gemi) lehren, nämlich eine Tüchtigkeit, die in der Polis stark macht, und zwar als ein Können im Sinne einer téyvy, die durch die Mache des Wortes vermittelt wird. Wenn Sokrates (per als politische Tüchtigkeit in der Erin begründet, zielt er zunächst auf Sachverstand. Es ist die Situation, die wir aus den Platonischen Dialogen kennen: Sokrates nimmt sich die Repräsentanten des altgriechischen Wissens und Könnens vor und verhört sie, was sie denn eigentlich von dem verstehen, was sic tun. Damir wird eine Reflexion in Gang gesetzt, die bei Platon später als Frage nach dem Wissen des Wissens fortgeführt wird.“ Bei Sokrates zielt sie in Form des maieutischen Dialogs — d.h. eines Gesprächs, das Hebammendienste bei der Geburt von Wissen leistet — auf ein Sichverständigen über die erhischen Vorbegriffe, die jeder im alltäglichen Reden und Handeln voraussetzt. Sokrates hat das moralische Bewußtsein sensibilisiert, niche zuferzt in der Form seines Nichtwissens. Gerade weil er W Vel. A. Patzer, Sokrates als Philusoph, in: A. Patzer (Hg), Der historische Sokrates (Darmstailt 1987) 434-452, # Platon, Phaidon 95-99, Vyl. dazu W. Wieland, Die aristotelische Physik (Göttingen 21970) 187 ff. bl Placon, Charmides 166-171.

Pagina 9

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
an der vorsokratischen Wissenschaft die rationale Begründung der Frage nach dem Guten vermißt, und damit eine zureichende Ethik der Wissenschaft, macht er selbst die ersten Schritte auf der Suche nach der Begründung einer Wissenschaft der Ethik. Was er dabei selbst einbringt, ist das Ethos seiner Existenz als Wissen des Nichtwissens. Dieses Ethos ist von Platon aufgenommen worden zusammen mit der Frage nach dem Wissen des Guten. Das Wissen von dem, was an sich und für den Menschen ‚gut‘ ist, und das mathematische Wissen als die exakteste Form von Wissenschaft hat Plaron zu einer Verbindung gebracht, die ebendie Wissensformen zusammenzuführen versucht, die dem modernen wissenschaftlich orientierten Menschen am weitesten auseinanderzuliegen scheinen.f? Platon stellt diese Verbindung durch die Ideenlehre her, Dabei nimmt die Idee des Guten die höchste Stelle im Bereich der Ideen wie auch für die Ordnung der Welt ein.” Daß die Idee des Guten als Grund von Sein und Erkennen angesetzt wird, bedeutet: Es gibt überhaupt.erst ein bestimmbares Seiendes, wenn es als Gestaltetes und Geordnetes im Licht des Guten zur Darstellung kommt. Die Idee des Guten als Grundlage der Erkenntnis strukturiert alle Wissenschaft,“ nämlich so, daß das Prinzip des Guten wissenschaftsimmanent wirksam ist: Wissenschaft funktioniert nur, wenn ein Bewußtsein von guten und weniger guten Problemlösungen vorhanden ist, und zwar zunächst im außermoralischen Sinn. Die Frage nach dem Ethos der Wissenschaft bzw. dem moralischen Verhalten des Wissenschaftlers ist von anderer Art. Daß Haltung und Verhalten dessen, der sich auf den Weg der Wissenschaft einläßt, fiir Platon nicht ethisch indifferent oder wertneutral zu denken sind, zeigen seine Entwürfe von Staar und Erziehung. Die Verfassungen des Erkennenden und des Erkannten stehen in genauer Entsprechung, wobei die höchste Erkennunis der ‚reinen‘ Vernunft ihren Ursprung in kultischreligiösen Vorstellungen nicht verleugnen kann. Daß Platon damit weit entlernt ist von der modernen Forderung einer wertfreien Wissenschaft, liegt auf der Hand. Nicht weniger weit entfernt aber erscheint sein Wissenschaftsbegriff von dem der Moderne: Was nach heutigem Verständnis neben der Mathematik als exakteste Wissenschaft gilt, die Physik, trägt bei Platon den Charakter von Wahrscheinlichem und das heißt der Wahrheit nur Ähnlichem - übrigens gar nicht so weit von dem neuesten Theorieverstindnis erwa bei Heisenberg entfernt, der von Modellen und Symbolen spricht; Plaron betrachtet als Wissenschaft im strengen Sinne der ¿xotíoy neben der Mathematik vor allem die Ethik, die nun gerade der moderne Wissenschaftler ins subjektive Belieben stellen möchte. Mit seiner ontologischen Verankerung der ethischen Grundbegriffe bindee Platon Ethik und Wissenschaft in einer Form aneinander, die im vorsokratischen Denken vorgezeichnet ist. So führt bereits in Platons Dialog „Gorgias“ die Frage nach dem Die Geundlegung einer Ethik der Wissenschaft in der frühgriechischen Philosophie 333 Guten zum Gedanken der Ordnung; menschliche Ungerechtigkeit erscheint als Verlerzung einer geometrischen Gleichheit, die im Kosmos walter.** Platon demonstriert Wissen als Ethos so, wie Sokrates Ethos als Wissen vorgeführe hatte. Ohne Echos gibt es für Platon kein Wissen; der Vollzug von Wissenschaft wird zum ethischen Akt. Wenn Plaron das philosophische Ethos als die Erfahrung des Staunens benennt, die zum Ursprung der Philosophie führt,‘ knüpft er an jene “ey an, die das Denken der Vorsokratiker begründet hatte. Auch bei Aristoteles steht am Anfang als Ethos der Philosophie das Staunen. * Das Streben nach Wissen wird im ersten Satz der Aristotelischen „Metaphysik“ als universal-anthropologische Bestimmung dem Menschen „von seiner Natur her“, d.h. seiner Seinsweise gemäß, zugesprochen. Aber wenn bei Platon das Wissen als Ethos zum Ansatz einer philosophischen Ethik more geometrico führt, legt Aristoteles den Grund zu einer wissenschaftlichen Ethik als empirisch-phänomenologischer Disziplin der Philosophie.” Der Gang der Wissenschaft ist gekennzeichnet durch fortschreitende Differenzierung. So differenziert Aristoteles die dgetfj, d.h. ‚Tugend‘ bzw. ‚Tüchtigkeit‘, in erhische und dianoetische; er unterscheidet also moralische und intellektuelle Qualifizierung. Dem entspricht die Aristotelische Differenzierung des Begriffs der poéwnois, d.h. ‚Besinnung‘ und ‚Klugheit‘. Bei Plaron ist in diesem Begriff die Einheit von theoretischer und praktischer Vernunft gedacht; der Philosoph kann als Repräsentant der Idee des Guten erscheinen. In der Gegenstellung gegen den sokratisch-plaronischen Intellektualismus kritisiert Aristoteles die sokratische Position, daß alle Tugenden Formen der poóvnoi< seien, und modifiziert sie dahingehend, daß ayer} nicht ohne poóvyars möglich sei.” Aristoteles differenziert die verschiedenen Wissensformen und unterscheidet von der praktischen Klugheit (poévn016) und dem technischen Können (réyvn) das Wissen der Wissenschaft (Expo), die Vernunft (voûc) und das spekulative Wissen (coqia). Was bedeuter die Aristotelische Trennung einer ethischen Einsicht von der wissenschaftlichen Erkenntnis für unsere Fragestellung? Zweifellos ist mit dieser Trennung jene sozusagen selbstverständliche Verbindung von Ethos und Wissen, die von den Anfängen des griechischen Denkens bis Platon reicht, aufgelöst; zugleich ist damit eine neve Stufe des Verhältnisses von Ethik und Wissenschaft bezeichnet. Eine differenzierte Ethik der Wissenschaft serzt diese Trennung voraus. Aristoteles begründet die Wissenschaft der Ethik, Wie aber kann die von ihm grundgelegte und in den nachfolgenden Systemen entfaltere ‚ethische Wissenschaft‘ (90 Emotion) mehr sein als eine Ethikwissenschaft, d.h. eine wissena. 4 Platun, Gorgias 504 a; 503 4? Platon, Theaitet 155d. % Aristoreles, Metaphysik 982b 11 ff, “= Vel dazu v. Entz, Grundprobleme der Geschichte der antiken Wissenschaft, 252th "* Dazu H. J. Krämer, Arete bei Platon und Aristoteles (Heidelberg 1959). “Vgl. A. Gasser, Platons ungescheiebene Lehre (Stuttgart 71968). % W, Heisenberg, Wandlungen in den Grundlagen der Narurwissenschaft (Stutigarı 11959) 77-84; Heisenberg, Physik und Philosophie (Seategart 1978) 47ff. € Zur Integracion der Ethik im Horizont der praktischen Philosophie vgl; ©. Höfte, Prakusche Philusaphie. Das Madell des Aristoteles (Múnchen/Salzbury 1971), Zum Verhältnis von Ethik und Poliuk vel. G. Bien, Die Grundlegung der politischen Philosophie bei Aristoteles (Freiburg/ München 1973) 195 ff. 5 Nikomachische Echik 1103a 3 ff. ” Ebel, 1144b 17-21,

Pagina 10

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
schaftliche Ethik? Wie kann sie zu einer ethischen Wissenschaft als Wissenschaftsethik werden? Die normative Instanz der Aristotelischen Ethik ist die Einsicht dessen, der ernsthaft ist (omovdaios), insofern er von der Vernunft be- Wissenschaft sein Leben finder.” Damit bleibt Aristoteles in der Nähe zu Platon - nicht nur zu dessen Konzept des philosophischen Eros im Bezug zum xahov von der sinnlichen bis zur intelligiblen Schönheit -, aber zugleich an die Anfänge des griechischen Denkens zurückgebunden.”* Aus einem scheinbar antiplatonischen Ethos hat Nietzsche in seiner „Genealogie der Moral“ die Frage formuliert „Was bedeuten asketische Ideale?“. Es heißt dort: ,... jener unbedingte Wille zur Wahrheit, das ist der Glaube an das asketische Ideal selbst, wenn auch als sein unbewusster Imperativ, man täusche sich hierüber nicht, — das ist der Glaube an einen metuphysischen Werth, einen Werth stimmt wird.” An die Stelle einer normgebenden besten Staatsverfassung als eines absoluten, aber utopischen Maßes setzt Aristoteles den ernsthaften Menschen, der die sitrlichen Qualitäten verkörpert. Demgemäß finder das ethische Wissen seine Vollendung nicht in den Allgemeinbegriffen von Gerechtigkeit, Besonnenheit usw., sondern in der konkreten Form einer Anwendung, die aus diesem Wissen bestimmt, was hier und jetzt tunlich ist.” Entsprechend wie Aristoteles als normative Instanz für die sittliche Entscheidung in der konkreten Handlungssituation den ‚ernsthaften Mann‘ ansetzt, wäre die Ethik der Wissenschaft in der Ernsthaftigkeit des Wissenschaftlers zu begründen, d.h. in seinem Verantwortungsbewußtsein.”* Über die konkreren Anforderungen an den verantwortungsvollen Wissenschaftler, der in seiner Person das Ethos des Wissens repräsentiert, macht Aristoteles kaum Aussagen — weil sich ihm die konkreten Herausforderungen und Aufgaben einer Ethik der Wissenschaft nicht stellten, Wenn Aristoteles also zur Logik der Forschung nicht eine unseren Fragen und Bedürfnissen zureichende Ethik der Forschung entwickeln konnte, so hat er doch ein Moment, das für ihn ins Zentrum der Ethik führt, wie kaum ein Philosoph und Wissenschalder vor und nach ihm herausgehoben: die Lust zu und an der Forschung.” Lust des Denkens und Freude an der Wissenschaft - damit ist die spezifische Tätigkeit des Menschen bezeichnet, die seinem höchsten Vermögen entspricht und sich in einem theoretischen Verhalten vollendet, das an der absoluten évéoveix Gottes als des höchsten Geistwesens orientiert ist. Von den Gipfelpunkten der Aristotelischen Ethik und Metaphysik aus gesehen, läßt sich als der theologische Sinn der theoretischen Wissenschaft ausmachen: Die Form des Bios Vewpntixög steht bei Aristoteles nicht neben seiner Wissenschaftslehre als ein separates ethisches Motiv; vielmehr werden in der Konzeption des theoretischen bzw. kontemplativen Lebens die Konsequenzen gezogen, die sich aus der theoretischen Wissenschaft selbst ergeben für das Verhalten dessen, der in dieser = Ebd, 110% 24ff, "H.-G. Gadamer, Über die Möglichkeit einer philosophischen Erhik, in: Gadamer, Kleine Schriften I (Tübingen 1967) 179-151, hier 187, Y Zu dieser Verhältnis aus der zeitgenössischen Sicht vgl. H, Lübbe, Wissenschaltsfeindschaft und Wissenschaftsmoral. Über die Verantwortung des Wissenschaftlers, in: P. Labudde (Hu), Wissenschate und Verantwortung (Bern 1980) 7-17. Vel, ferner FH. Lenk, Zum Verantwortungsproblem in Wissenschaft uml Technik, in: Stroker (Hp), Echik der Wissenachaften?, 87-116. SAM prägnantesten scheint eine Verantwortung des Wissenschaftlery angesprochen zu sein in der 335 an sich der Wabrbeit, wie er allein in jenem Ideal verbürgt und verbrieft ist (er steht und fällt mit jenem Ideal). Es giebt, streng geurtheilt, gar keine ,voraussetzungslose‘ Wissenschaft, der Gedanke einer solchen ist unausdenkbar, paralogisch: eine Philosophie, ein ‚Glaube‘ muss immer erst da sein, damit aus ihm die Wissenschatr eme Richtung, einen Sinn, eine Grenze, eine Methode, ein Recht auf Dasein gewinnt.“ Im folgenden zitiert Nietzsche aus seiner Schrift „Die fröhliche Wissenschaft“ einen Aphorismus, der den Titel wägt „Inwiefern auch wir noch fromm sind“:” „Es ist immer noch ein metaphysischer Glaube, aul dem unser Glaube an die Wissenschaft ruht, - auch wir Erkennenden von Heute, wir Gottlosen und Antimetaphysiker, auch wir nehmen nnser Feuer noch von jenem Brande, den ein Jahrtausende alter Glaube entzündet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube Plato's war, dass Gott die Wahrheit ist, dass die Wahrheit gärtlich ist... Von dem Augenblick an, wo der Glaube an den Gort des asketischen Ideals verneint ist, giebt es auch ein nenes Problem: das vom Werthe der Wahrheit. — Der Wille zur Wahrheit bedarf einer Kritik - bestimmen wir hiermit unsre eigene Aufgabe —, der Werth der Wahrheit ist versuchsweise einmal in Frage zu stellen ...* Nietzsches scheinbar nur philosophiegeschichdiche Kritik an Platonismus und Christentum führt hier im Stile einer ‚Experimental-Philosophie' zu der Forderung nach einer ‚Rechtfertigung der Wissenschaft‘, die erst in den Jerzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts entschieden wahrgenommen worden ist. Daß nicht nur die Wissenschaft allgemein einer Rechtfertigung bedarf, sondern daß sich auch die einzelnen Wissenschalten ausweisen müssen, und zwar nicht nur in ihrem Nutzen für die Gesellschaft, ist als Fragestellung in der Wissenschaftsgeschichte immer noch neu. Bei Nietzsche zieht sich die Frage nach dem ‚Wert‘ von Wahrheit bzw. Wissenschaft als eine der Leitiragen durch sein gesamtes Werk, und zwar auch in wissenschaftsspezifischer Entfaltung. So hat Nietzsche aus der frühen Erfahrung der historisch-kritischen Wissenschaft eine wissenschaftskritische Position gewonnen, in der die Historie als Paradigma el ner Wissenschaft vom Menschen emer außerwissenschaftlichen Instanz unterpharenusch-aristotehsch inspirierten Umtormung der alestoischen Telos-Formel durch Poscidonios, De Telos-Formel. che in der stoischen Phalusophie von Antang an das Ziel des Lebens vorgab (in der lörmuherung des Zenon als „an Übereinstimmung leben“, gemäß der von Chrysipp erweiterten und verbindlich gewordenen Formel als „in Übereinstimmung mit der Natur deben"), wird van Poseido- ” 5, Ritter, Die Lehre vom Ursprung und Sinn der Theorie bei Aristoteles (1953), in: Ritter, Metaphysik und Politik (Frankfurt a. M. 1969) 9-13, hier 20. TM Val. dazu S. Zeppi, „Bios thearetikds' e bios pulitikés’ come ideali di vita nella filosofia preplatomen folgendermaßen abgewandelt (Clemens, Strom, 2,129): Man soll leben in der Betrachtung der Wahrheit und Ordnung des Ganzen, und zwar so, daß man sie soweit möglich mitaulbaut, indem nica, in: Logos 4 (1972) 219-248. man sich in nichts vom irrationalen Teil der Seele leiten Like." “ Nikumachische Ethik 11774 12 - 11794 32. » Die fráhliche Wissenschaft, Nr. 344; im folgenden zitiert in der leicht veränderten Form, die Nietzsche in der „Genealögie der Moral" wähle: KGW, VI 2 (Berlin 1968) +18.

Pagina 11

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
stelle wird. In der zweiten der „Unzeitgemässen Betrachtungen“, die den ambivalenten Ansatz der Wissenschaft im Titel trägt („Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben“), wird „über den Werth und den Unwerth der Historie“ kritisch diskutiert - „Belehrung ohne Belebung“ wird ebenso verworfen wie „Wissen, bei dem die Thätigkeit erschlafft": ‚Nur soweit die Historie dem Leben dient“, wird sie anerkannt. Nietzsche hat die Ambivalenz der Wissenschaft in einer Perspektive entwickelt, die er aus der späten Rückschau auf sein Frühwerk als ‚jene Aufgabe‘ formuliert „- die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehn, die Kunst aber unter der des Lebens ...“.* Nietasches Wissenschaftskritik trite nicht im Namen einer Ethik auf, sondern ‚des Lebens’. Ob neben der Kritik an traditioneller Moral und Metaphysik aus dem Begriff des Lebens bei Nietzsche Umrisse einer Ethik aufzunehmen wären, die dem heute geforderten ‚Prinzip Verantwortung‘ entsprächen, sei dahingestellt. 2 Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, Vorwort: KGW, 111 1 (Berlin /New York 1972) 241, # Die Geburt der Tragödie, Versuch einer Selbstkmtik, 2: KGW, UL 1 (Berlin/New York 1972) 8, IN! Palo SO Par His Val. 10 2. SAAR