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Leonardo, Vitruv und Pythagoras
Le. TONE ECARRBREN-FORMEN
Rolf Dragstra
Kaum eine zweite Abbildung hat so oft und so unterschiedlich Verwendung gefunden wie Leonardos Proportionsstudie nach Vitruv!. Sie entstand ca. 1490 in
Mailand, in einer Zeit, in welcher auch das Treffen Leonardos mit Francesco di
Giorgio Martini stattgefunden haben muß, Beide arbeiten am Projekt der Mailänder Domkuppel, und beide reiten gemeinsam nach Pavia, wo sie als Berater
an der dortigen Planung der Kathedrale beteiligt sind?.
Leonardo besitzt in späteren Jahren (möglicherweise von diesem Zeitpunkt
an) einen Traktat des Francesco di Giorgio, der sich heute in der Biblioteca Laurenziana in Florenz befindet: den Codex Ashburnham 361. Dieser Traktat, in
dem sich einige Notizen und Anmerkungen Leonardos befinden, enthält neben
Konstruktionsskizzen für unterschiedliche Gebäude oder Geräte auch solche zur
indirekten Messung von Höhen und Entfernungen und zur Messung der
perspektivischen Tiefenverkürzung; darüberhinaus hat Francesco di Giorgio
entscheidende Passagen aus Vitruvs Büchern über Architektur roh übersetzt und
zusammengefaßt, insbesondere auch solche, die sich mit der Maßgebung der
Bauwerke und Tempel befassen?. Francescos Aufzeichnungen gehen bis auf die
frühen 80er oder gar 70er Jahre zurückt; sie können also - ganz gleich, ab wann
Leonardo den Traktat besessen hat - Gesprächsgegenstand während der gemeinsam in Mailand und Pavia verbrachten Zeit gewesen sein; und da Francesco
noch bis ca. 1490 mit der ausführlicheren (ersten!) Übersetzung Vitruvs ins
Italienische befaßt war”, so mag er gerade davon gesprochen und seinem
Kollegen Auskünfte gegeben haben... Natürlich war auch für Leonardo der
meßtechnische Zusammenhang von Problemen der Architektur, der Anthropometrie, der Landvermessung und der Perspektive von besonderem Interesse.
Befragen auch wir zum Verständis dieses Problemkreises vor allem Vitruv selbst
- in der nicht unberechtigten Annahme, daß dasselbe auf je eigene Weise auch
IVgl. Luisa Cogliati Arano, Leonardo - Disegni, Venedig 1980, S. 92 f.: Abbildung nebst Texttranskription und Erläuterungen
2Vgl. Carlo Pedretti, Leonardo architetto, Mailand 1978, S. 52
vgl. Corrado & Livia Maltese (Hg.), Francesco di Giorgio Martini - Trattati di architettura, ingegneria e arte militare (2 Bde.), Mailand 1967, Bd. 1, S. 39 (folio 9 verso) zu Vitruvs ordinatio und
symmetria; S. 120 - 132 ( 28” - 31" ) zum Quadranten und zu Methoden der Landvermessung, S. 139 f.
(327 ) zur perspektivischen Bildkonstruktion.
4Zum schwierigen Problem der Datierung vgl. Massimo Mussini, Il trattato di Francesco di Giorgio
Martini e Leonardo, Parma 1991, S. 59 ff., und: Frank Zöllner, Vitruvs Proportionsfigur, Worms 1987,
S. 72.
Diese findet sich im zweiten Teil des Codex Magliabechianus 11.1141; zur Datierung desselben vgl.
Massimo Mussini, S. 112 und Frank Zöllner, S. 73
In: Töne - Farben - Formen / Elisabeth Schmierer [Hrsg.]. — Laaber : Laaber-Verlag, 1995. —
ISBN 3-89007-314-X,
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Leon Battista Alberti, Francesco di Giorgio, Leonardo da Vinci und Donato
konstruierter, inkommensurabler, also "asymmetrischer" Größenverhältnisse
Bramante getan haben:
auf keinen Fall ausschließen darf!!. Vitruvs Symmetriebegriff hat also
Vitruvii de architectura libri decem, liber primus, 11.2:
"mit der spiegelbildlichen Gleichheit beiderseits einer Achse, wie wir das
“2. Ordinatio est modica membrorum operis
commoditas separatim universeque proportionis ad symmetriam comparatio. Haec compo-
"2. Ordinatio ist die verhältnismäßige Abstimmung der (Größen der) Bauglieder im eindem Maß entsprechende, das Maßgerechte, um es mittelalterlich-fachmännito ex quantitate, quae graece xoootN¢ dicitur. Quantitas autem est modulorum ex ipsius
_ operis sumptio e singulisque membrorum parti-
Bigkeit und Meßbarkeit im ganzen. Dieser
bus universi operis conveniens effectus."6
Wort gebrauchen, zunächst nichts zu tun. TO cvupetpov ist TO ovv nerpv , das
zelnen und der Vergleich von Verhältnismänisch auszudrücken. Es kann aber auch übersetzt werden mit 'Gleichmaß' in
Vergleich stellt sich durch das her, was griedem Sinn, daß beim Vergleich zweier Größen eine Maßeinheit zugrundegechisch posotés genannt wird: die quantitas.
legt wird, eben das Symmetron, das in beiden Größen enthaltene Einheits-
Diese bedeutet aber die Ableitung von kleinen
maß."12
Maßstäben aus dem Bauwerk selbst und die angemessene Ausführung des Gesamtbaus aus den
Damit aber sind wir schon bei der zweiten Änderung: modulus = kleiner Maßeinzelnen Teilen der Bauglieder."7 (Erg. d.
stab.
Ubers.)
Denn es ist ein in allen Größen enthaltenes Einheitsmaß, welches den Ab-
In dieser Neuübersetzung des Vitruvschen Passus verdanken sich zwei entstimmungsprozeß ermöglicht, indem es die Größenverhältnisse der einzelnen
scheidende Änderungen Frank Zöllners Studie zur Vitruvschen Proportionsfigur8. So verstanden, gibt die ordinatio genau das Verfahren an, das wir im weiteren mit dem Begriff der Maßarbeit kennzeichnen wollen.
Teile von Baugliedern wie auch die Verhältnisse dieser Glieder zum Ganzen
umfaßt und bestimmt. Frank Zöllners Untersuchung gibt uns in dieser Hinsicht
unmißverständlichen Aufschluß: praktisch ist nämlich Vitruvs Herstellung der
Kalkulierbarkeit von Baumaßen untrennbar mit der Benutzung unterschiedli-
Erste Änderung: symmetria = Meßbarkeit: Die symmetria Vitruvs ist auf ein
Verhältnis meßbarer, kommensurabler Größen zu beziehen?: symmetron = das
Meßbare, im Gegensatz zu Größen, die kein gemeinsames Maß haben; asymmecher Maßstäbe verknüpft, die bei der Herstellung eines Modells oder einer
Zeichnung wie auch beim Zusammenfügen der Bauglieder vor Ort je nach Größenordnung angemessen sind: “conveniens effectus”!3. Unter dem “modulus”
= das Inkommensurable!9, z. B. das Verhältnis der Diagonale zur Seite im
wäre daher nichts anderes zu verstehen als ein kleiner Teil oder die Teilgröße
Quadrat, welches irrational ist: also streng genommen gar kein nach Zahlen bestimmbares, berechenbares und damit meßbares Verhältnis. Und Vitruv handelt
eines solchen Maßstabs, die zugleich gemeinsames Einheitsmaß aller anderen
tron
Maßstäbe wäreli.
Auf diese Weise lassen sich nun in der Tat die gleichen Maßverhältnisse in
von einem Prozeß der "Abstimmung" (“commoditas”), in welchem "Proportionen" mit meßbaren Größenverhältnissen "verglichen" (“comparatio”) genauer:
unterschiedlichen Größenordnungen, vom Teil bis zum Ganzen, reproduzieren.
Insbesondere beim Tempelbau, wo, so Vitruv, die Herstellung der "Symmetrien”
auf diese abgeglichen werden. Der Begriff einer Proportion, die dieses Vergleiches
bedarf, muß dem der symmetria gegenüber an dieser Stelle unpräzise bleiben, da
er die baupraktische Möglichkeit rechnerisch unpräziser, nämlich geometrisch
6Vgl. Francescos Rohübersetzung im Codex Ashburnham 361, folio 9 Y, zit. wie in Anm. 33: Vitruvs
modulus wird an dieser Stelle einfach mit “Modell” wiedergegeben.
7Vgl. die deutsche Übersetzung Curt Fensterbuschs (Hg.), Vitruvs zehn Bücher über Architektur,
Darmstadt 1964, S. 37. Der Abstimmungsprozeß umfaßt mehrere Schritte der Kalkulation wie Konstruktion, bei denen eine wechselseitige Korrektur stattfinden kann: das erschwert eine analytische
Beschreibung, und Vitruvs Schwierigkeit, diesen Prozeß in theoretischen Begriffen zu definieren,
resp. die Schwierigkeit seines Lesers, diese Grundbegriffe voneinander abzugrenzen, liegt daher in
der dialektischen Natur der Sache: der Praxis der Maßarbeit selbst.
BVgl. Ann. 4
?vgi. Curt Fensterbusch, S. 537 (Anm. 42): Vitruv prägt für die griechische symmetria eigens den
Term “commensus”, der allerdings keine Aufnahme ins Lateinische gefunden hat.
10Vgl. Arpad Szabd, Anfänge der griechischen Mathematik, Budapest 1969, S. 112
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als meßbarer Verhältnisgleichheiten “diligentissime”, also peinlichst zu handhaben ist:
tbaside
TBErPoafNdetTaie
1lZu Vitruvs Proportionierung des Atriums mit der Quadratdiagonale - liber sextus, [11.3 - vgl.
Frank Zöllner, S. 35.
12Theodor Fischer, Zwei Vorträge über Proportionen, München/Berlin 1934, S. 77.
Die achsensymmetrische Geometrie einer baulichen Konstruktion verstärkt natürlich die Wirkung
gleicher Maßverhältnisse durch deren Verdopplung ganz ungemein - sicherlich auch deshalb, weil
sowohl der ganze Leib wie insbesondere unser wahrnehmendes Gesicht und Gehör nach einer solchen
Symmetrie eingerichtet ist, und funktioniert. Vgl. auch Frank Zöllner, $. 39 - 41.
ISvgl, Frank Zöllner, 5. 31 - 35, Kap. 2.4.: Der Maßstab. Der handwerkliche Umgang mit unterschiedlichen Maßstäben, der auf die Architektur weder beschränkt war noch ist, setzt die Fähigkeit voraus, einen Maßstab wie den des menschlichen Körpers getreulich verkleinern oder auch verzu können.
4Frank Zöllner, S. 41
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Vitruv, liber tertius, 1.1:
Neuübersetzung 15:
“Aedium compositio constat ex symmetria,
cuius rationem diligentissime architecti tenere
debent. Ea autem paritur a proportione, quae
graece avadoyia dicitur. Proportio est ratae
partis membrorum in omni opere totoque commodulatio, ex quo ratio efficitur symme-
"Die Formgebung der Tempel beruht auf der
MeBbarkeit, an deren Verhältnis sich die
Architekten peinlichst zu halten haben. Diese
aber kommt der Proportion gleich, die die
Griechen analogia nennen. Sie besteht in der
maß(stabs)gerechten Abstimmung der Glieder
im ganzen Bau auf den Gesamtbau, durch eine
berechnete Teilgröße. Aus der Proportion
ergibt sich
so
das
Verhältnis
der
Meßbarkeiten. Denn kein Tempel kann ohne
triarum. Namque non potest aedis.ulla sine
symmetria atque proportione rationem habere
compositionis, nisi uti [ad] hominis bene figurati membrorum habuerit
exactam rationem." (Herv. erg.)
MeBbarkeit und Proportion (d. h. ohne Maße
und Maßverhältnisse) eine vernünftige
Formgebung haben, wenn seine Glieder nicht in
einem bestimmten Verhältnis zueinander
stehen, wie die Glieder eines wohlgeformten
Menschen.” (Erg. d. Übers.) 16
Durch die Me&barkeit aller Teilmaße ergeben sich also berechenbare Verhältnisgleichheiten, die wir in Zahlen ausdrücken können: das haben denn auch die
Griechen ursprünglich unter der analogia verstanden!7, Und das "Verhältnis der
Mefbarkeiten", die”ratio symmetriarum”, die sich im einzelnen wie im ganzen
ergeben soll!8, stellt sich her vermittels einer”berechneten Teilgréfe", dem modulus, als”kleinem Maßstab”, als symmetron oder Einheitsmaß aller anderen
Maßstäbe. Daher kann die "ratio symmetriarum” praktisch nichts anderes sein
als das Verhältnis der verschiedenen Maßstäbe untereinander, in Vielfachen
ihres gemeinsamen Einheitsmaßes ausgedrückt. Und genau dafür ist nun dem
Vitruv der menschliche Leib ein Modell - nicht gleich für die Gestalt des zu bauenden Tempels, seinen "symmetrischen Anblick”, wohl aber als Modell des kalkulatorischen Verfahrens der Maßarbeit, praktisch: der Bestimmung und Anfertigung der Maßstäbe für den Tempel!?. Nun müßte sich doch jenes kalkulatorische Verfahren der Maßstabsbestimmung auch an diesem Generalbeispiel des
menschlichen Körpers demonstrieren lassen” - und das geht auch: vel. fig. Li.
Leonarios Text über der Zeichnunet":
|
a
avvas der Archnesi sag: in semem Werk ser due Arche
dad ie
ces Merscher o Ser inlgenden Weise auspelen seien es Solder. nam
= Finger eine Handbreit, 4 Handbreiten einen Fuß, 6 Handbreiten eine Elle
(cubito). 4 Ellen (cubiti) ergeben ein Klafter (passo) und 24 Handbreiten die
Länge eines Menschen; und diese Maßverhältnisse finden sich in seinen Gebäuden. Wenn du die Beine soweit spreizest, daß sich deine Größe, vom Kopf
gemessen, um 1/14 vermindert, und wenn du deine Arme soweit öffnest und
erhebst, daß du mit den Mittelfingern die Linie auf der Höhe des Scheitels berührst, dann wisse, daß das Zentrum der äußersten Punkte der ausgestreckten
Gliedmaßen der Nabel, und daß der Raum, der sich zwischen den Beinen befindet, ein gleichseitiges Dreieck sei."
Unter der Zeichnung der Maßstab; dann wie eine Überschrift:
"So weit öffnen sich die Arme des Menschen, wie es seiner Höhe entspricht.”
Schließlich der restliche Text:
"Von den Haarwurzeln bis unter das Kinn ist der zehnte Teil der Höhe des
Menschen; von unterhalb des Kinns bis zum Scheitel ist der achte Teil der
Höhe des Menschen; von der Höhe der Brust bis zum Scheitel sei der sechste
Teil des Menschen, von der Höhe der Brust bis zu den Haarwurzeln der siebte
Teil des ganzen Menschen. Von den Brustwarzen bis zum Scheitel sei der
vierte Teil des Menschen; die größte Breite der Schultern enthält in sich den
vierten Teil des Menschen; vom Ellenbogen bis zu den Fingerspitzen sei der
vierte Teil des Menschen; vom selben Ellenbogen bis zum Ende der Schultern
sei der achte Teil dieses Menschen; die ganze Hand sei der zehnte Teil des
15Vgl. Fensterbuschs Übersetzung, 5. 136
16Zur "rata pars”, der "berechneten Teilgröße” vgl. Vitruvs liber primus, Il. 3. und 4., wo die
Menschen, das männliche Glied beginnt in der Mitte des Menschen; der Fuß
sei der siebte Teil des Menschen; von unterhalb des Fußes bis unter das Knie
sei der vierte Teil des Menschen. Die Teile, die sich zwischen dem Kinn, der
"symmetria” im Zusammenhang mit der “eurythmia” definiert wird.
17Zur Bedeutungsentwicklung des Analogiebegriffs im Sprachgebrauch der griechischen Mathematiker vgl. Arpad Szabö, Die frühgriechische Proportionenlehre im Spiegel ihrer Terminologie, in:
Archive for the History of the Exact Sciences, vol. 2 nr. 3, 1965, S. 212. In seiner bewunderungswürdigen Studie hat Szabò die in Euklids Elementen enthaltenen Restbestände der älteren Proportionenlehre ausgemacht, deren Entwicklung er in die vorhippokratische Zeit (Hippokrates von Chios, 1.
Hälfte des 5. Jhdts. v. Chr.) verlegt. Die terminologische Untersuchung ergibt nun, daß sich diese
frühe Proportionenlehre höchstwahrscheinlich aus Experimenten am Monochord entwickelt hat,
die gemeinhin den Pythagoreern zugeschrieben werden, namentlich dem Pythagoras selbst. Der
logos der geometrischen Proportionen des Eudoxos und des Euklid, der mit dem Verhältnis der
Seitenlängen ähnlicher Dreiecke in der Fläche operiert, wäre demnach hervorgegangen aus den
pythagoräischen Experimenten zum Verhältnis der Saitenlängen und Tonhöhen am "geschnittenen"
19Es scheint, als habe Francesco di Giorgio schon früh beide Deutungsmöglichkeiten der Vitruvschen
symmetria des menschlichen Körpers miteinander verknüpfen wollen: die optische und die kalkulatorische. Das geht aus seiner Rohübersetzung der Vitruvschen Definition im liber primus 11.4. - vgl.
Anm. 16 - hervor, die wiederum auf folio 9 Y des Codex Ashburnham 361 (zit. wie in Anm. 3 - zu finden ist; es geht dem Francesco um die kalkulierte Aufstellung einer Treppe oder Stufenleiter von
Maßstäben, wie sie der menschliche Körper als Vorbild aufweist. Damit aber hat er die praktische
Bedeutung des Vitruvschen honto quadratus für den Prozeß der Maßkalkulation schon sehr früh erkannt.
20Das hat Frank Zöllner leider unterlassen, wie auch eine Neuübersetzung der betreffenden Vitruvkanon - Euklid: "sectio canonis” - also aus Experimenten am Monochord, als Meßinstrument und Maßstab der Musik, wo mit Strecken in nur einer Dimension operiert wird: in Richtung der schwingenden
schen zu verstehen.
Saite des Maßstabs selbst.
21Die hier wiedergegebene Übersetzung deckt sich sinngemäß mit jener, die wir nebst einer Texttran-
18. nämlich im Singular: “symmetria”, wie im Plural: “symmetriarum”.
skription bei Zöllner, S. 78 f., finden.
stellen; in diesem Sinne sei vorliegende Arbeit als Versuch einer kritischen Fortsetzung der Zöllner-
Pagina 4
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Nase, den Augenbrauen und den Haarwurzeln befinden, sind jeder für sich
(der Linge nach) dem Ohr ähnlich, das ist einem Drittel des Gesichts."
Zunächst einmal folgen wir Frank Zöllners Ansicht, daß die Veranschaulichung
der menschlichen Größenverhältnisse im homo ad quadratum und homo ad circulum bei Vitruv - liber tertius, 1.2 und 1.3 - auf die praktischen Fundamente des
fig.1)
Leonardo, Mailand, ca. 1490:
Proportionen des menschlichen Körpers nach Vitruv
Bauhandwerkes abzielt: Der Mensch im Geviert veranschaulicht zugleich den
Maßstab und den rechten Winkel: ein in regelmäßigen Abschnitten gegliedertes
Richtscheit und ein Winkelmaß, dessen Scheitel unter der Achsel liegt. Und der
Mensch im Kreis veranschaulicht den Zirkel, in welchem zu Beginn des Baus
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PO EN u Idome mt
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die Himmelsrichtungen festgelegt werden”.
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Lesen wir zuerst den Text unter der Zeichnung: Leonardos detaillierte Auseine
e] bi
andersetzung mit dem homo quadratus. Sie bezieht sich zweifellos auf
AAA
| Anganbrauen
Vitruv, liber tertius, 1.2.:
Übersetzung nach Curt Fensterbusch?4;
P Beasthohe
"Corpus enim hominis ita natura composuit,
"Den Körper des Menschen hat nämlich die
b Beusdecte
uti os capitis a mento ad frontem summam et
Natur so geformt, daß das Gesicht vom Kinn
sten Rande des Haarschopfes 1/10 beträgt,
+ Beschtarht
radices imas capilli esset decimae partis,
item manus pansa ab articulo ad extremum
medium digitum tantundem, caput a mento a
summum verticem octavae, cum cervicibus imis
Spitze des Mittelfingers ebensoviel, der Kopf
L foie
Kran
| Kknlesbaibg
Fup roble
bis zum oberen Ende der Stirn und dem unterdie Handfläche vom Handgelenk bis zur
ab summo pectore ad imas radices capillorum
vom
sextae, < a medio pectore > ad summum verti-
Scheitels 1/8, von der Höhe der Brust mit dem
Kinn
bis
zum
höchsten
Punkt des
cem quartae. [psius autem oris altitudinis teruntersten Ende des Nackens bis zum untersten
tia est pars ad imo mento ad imas nares, nasum
ad ibis naribus ad finem medium superciliorum
Haaransatz !/¢,< ... > bis zum höchsten
Scheitelpunkt 1/4, Vom unteren Teil des Kinns
tantundem, ab ea fine ad imas radices capilli
aber bis zu den Nasenlöchern ist der dritte
frons efficitur item tertiae partis. Pes vero al-
Teil der Länge des Gesichtes selbst, ebensoviel
titudinis corporis sextae, cubitum quartae,
pectus item quartae. Reliqua quoque membra
suas habent commensus proportiones, quibus
etiam antiqui pictores et statuarii nobiles usi
magnas et infinitas laudes sunt adsecuti.”
die Nase von den Nasenlöchern bis zur Mitte
der Linie zwischen den Augenbrauen. Von
dieser Linie bis zum Haaransatz wird die
Stirn gebildet, ebenfalls 1/3. Der Fuß aber ist
1/6 der Körperhöhe, die Elle 1/4, die Brust
ebenfalls 1/4. Auch die übrigen Glieder haben
ihre meßbaren Verhältnisse, durch deren
PORC poe UE NN
"dh
\
a
palmi
oo
WR | etre,
palmi
diri tt
des Maßstabs unter der Zeichnung?
dh
o
=.
Ze
——a
cubiti
dd
vin
0 a am
palmi
LA ALLA
digiti
(ow
oenn
Beachtung auch die berühmten Maler und
Bildhauer großen und unbegrenzten Ruhm
erlangt haben."
Leonardos Zeilen setzen zweifellos eine zumindest indirekte, aber doch genaue Kenntnis der Vitruvschen Maßverhältnisse voraus25, Dies aber gerade deshalb, weil Leonardo jene nicht nur übernommen, sondern auf ihre Konsistenz
überprüft und viermal abgeändert hat. Vergleichen wir dazu die hervorgehobenen Textstellen:
Leonardo hat erstens die Entfernung von der Brusthöhe zum "Scheitel" statt
zum "Haaransatz" zu einem Sechstel der Körpergröße bestimmt: also zu vier
23Vgl. Zöllner, S. 34 f. und 42 f.
24Fensterbusch, S. 136 f. (vgl. Anm. 15)
25 Als möglicher Informant ist aus schon genannten Gründen - (vgl. auch Anm. 19) - in jedem Fall
22 Auf die optische Symmetrie dieses waagrechten Maßstabs geht Frank Zöllner, S. 79 f., nicht ein.
Francesco di Giorgio zu nennen.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)@ 3-: 10) Elle =
Sechsteln der Elle, 2/3 Elle. Da er wie Vitruv die Kopflange zu einem Achtel der
sy Elle=*" 129 der Körpergröße.
Körpergröße, also einer halben Elle, bestimmt, und die der Handlänge gleiche
Ein Siebtel der Körpergröße ist aber: 1/7 e 17;17= 17: 119 der Körpergröße!
®
Gesichtslänge zum Zehntel der Körpergröße, also vier Zehnteln der Elle: 2/5 Elle,
Nun zum Text über der Zeichnung, zum ersten Satz, wo Leonardo die nach
Vitruv für die Baukunst grundlegenden Maßverhältnisse ohne Änderung aufgeergibt sich fiir den Haarschopf vom Ansatz bis zum Scheitel:
(1/2 -2/5) Elle = 1/10 Elle.
führt hat: hier geht es nicht um Anthropometrie, sondern um die metrologische
Wie bei Vitruv wird die Gesichtslänge von 2/5 Ellen noch einmal gedrittelt:
Basis der Architektur. Dafür hält Leonardo auch am Fuß als Sechstel der Körperdurch Nase und Augenbrauen. Das ergibt eine Gesichtseinheit, die 2/15 Elle entgröße fest:
Entsprechung von Spannweite oder dem Klafter und der Höhe des menschlispricht.
Zweitens hat Leonardo, wie auch Frank Zöllner dargelegt hat, den Abstand
von der Höhe "der Brustwarzen", nicht "der Brust" zum Scheitel als ein Viertel
der Körpergröße bestimmt?6. Damit erhalten wir in der Vertikale eine in sich
chen Körpers:
1 Klafter = 4 Ellen = 6 Fuß = 24 Handbreiten = 96 Fingerbreiten.
Darin enthalten ist aber der folgende Proportionskalkül:
konsistente Aufteilung des cubitus, des Ellenmaßes, die wir schon rechts neben
So wie der Körper als ganzer sich zur Elle verhält,
der Zeichnung angedeutet haben: von der Brustmitte zum Scheitel. Wenn wir
von diesem aus in Zwölfteln der Gesichtslänge messen?”, also in Schritten der
verhält sich auch die Hand- zur Fingerbreite: wie 4:1.
Länge 1/12: 275 Elle = 1/30 Elle, erhalten wir eine Elle für den Abstand der Brustmitte, 2/3 Elle für die Brusthöhe, 1/2 Elle fürs Kinn, (1/2 -2/15) = 11/30 Elle für den
Das gleiche Verhältnis, im ganzen wie im kleinen.
Und so wie sich die Elle zur Fingerbreite verhält,
verhält sich das Ganze des Klafters zur Handbreite: wie 24:1.
Abstand der Nase, (1/2 -4/15) = 7/30 Elle für den Abstand der Brauen, und wieder
Ein weiteres festes Verhältnis, das Glieder und Ganzes miteinander ver-
(!/2-6/15) = 3/30 = 1/10 Elle für den Abstand der Haarwurzeln vom Scheitel. Die
schränkt. Es ergibt sich eine "doppelte Proportionalitàt", oder, im Sinne Vitruvs:
Rechnung geht also auf, und in Zwölfteln der Gesichtslänge als Maßeinheit er-
Es ergeben sich zwei "Symmetrien":
gibt sich, wenn wir wie im ergänzten Maßstab rechts von fig. 1) vom obersten
4:1=96:24
Viertel des Klafters, dem Abstand zwischen Scheitel und Brustmitte ausgehen
24:1=9%:4.
und diesen schrittweise verringern:
Brustmitte : Brusthöhe : Kinn : Nase: Brauen : Haaransatz =
30
:
D
#565
=
Mh:
7
:
3
Bei Anlegung des passenden Maßstabs läßt sich also das Ergebnis auch in ganzzahligen Verhältnissen überprüfen.
Leonardos dritte Änderung der Lange des Fußes von einem "Sechstel” in ein
"Siebtel" der Körpergröße zeigt deutlich, daß er in diesen Zeilen Vitruvs Angaben auch mit seinen eigenen Erfahrungen beim Messen der Gliedmaße konfrontiert, das traditionelle Fußmaß:
!/g der Körpergröße, also zumindest anthropometrisch nicht gelten lassen will28.
Frank Zöller weist darauf hin, daß Leonardo zur Bekräftigung dieser
Korrektur viertens und letztens die von Vitruv zu einem "Sechstel" bestimmte
Distanz "von der Höhe der Brust bis zu den Haarwurzeln"?? nun ebenfalls als
"siebten Teil des ganzen Menschen" angibt. Das ist nun ein erstaunlich genauer
Näherungswert; denn für diese Entfernung ergibt sich doch aus bisherigem:
26Das entspricht der Konjektur: <da mezo il pecto>, die zuerst Cesare Cesariano in seiner italienischen Vitruvübersetzung von 1521 angebracht hat; vgl. Zöllner, 5. 81
27 Zöllner, S. 28 f., wo auch die doppelte Inkonsistenz in Vitruvs Angaben zum Abstand von der
Brusthöhe (oder -mitte?) zum Haarschopf (Ansatz oder Scheitel?) auseinandergesetzt wird.
25 Zöllner, S. 80 f.
29 . also nicht “bis zum Scheitel”, wie Zöllner, 5. 82, irrtümlicherweise angibt.
294
30Sein Siebtel muß Leonardo nicht unbedingt auf diesem rechnerischen Wege eingepaßt haben; denn
ausgehend von einem vertikalen Maßstab wie dem neben fig. 1) von uns ergänzten (in ausreichender
Größe) läßt sich ein Fuß von 4/7 Ellenlänge in den Zirkel nehmen und so konstruktiv überprüfen.
Pagina 6
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Leonardos Angaben halten sich an:
Vitruv, liber tertius, 1.3.-7.:
"3. Similiter vero sacrarum aedium membra ad
universam totius magniludinis summam ex
partibus singulis convenientissimum debent
habere commensus responsum [...| Nam si ad
pedibus imis ad summum caput mensum erit eaque mensura relata fuerit ad manus pansas, invenietur eadem latitudo uti altitudo, quemadmodum areae, quae ad normam sunt quadratae [...]
4. Ergo si ita natura composuit corpus hominis,
uti proportionibus membra ad summam figurawie 6:1.
Übersetzung nach Fensterbusch?!:
"3. In ähnlicher Weise aber müssen auch die
Glieder der Tempel eine Meßbarkeit haben,
die von ihren einzelnen Teilen her der
Maß auf die ausgestreckten Hände anwendet,
1 Klafter
= 4 cubiti
Breite ergeben, wie bei Flächen, die nach dem
Winkelmaß quadratisch sind [...]
4. Wenn also die Natur den menschlichen Körconstituisse videntur antiqui, ut etiam in
operum perfectionibus singulorum membrorum
entsprechen, scheinen die Alten mit gutem
Recht bestimmt zu haben, daß auch bei der
respondeant,
cum
ad universam figurae speciem habeant
commensus exactionem[...]
6:1=24:4
In summa:
so wird sich das gleiche in der Höhe wie der
causa
eius
Elle und Handbreite ebenfalls auf das Ganze des Klafters zu beziehen, und wi
erhalten als dritte "Symmetrie":
Gesamtsumme der ganzen Größe genau entspricht [...) Wenn man nämlich von den Fußsohlen bis zum Scheitel Maß nimmt und dieses
per so zusammengesetzt hat, daß die Glieder
in ihren Proportionen dessen Gesamtgestalt
tionem
Damit gelingt es nun, das bisher noch nicht reproduzierte Maßverhältnis vo:
Ausführung von Bauwerken diese eine genau
In digiti:
24:1=96:4——
= palmus
= 6 pedes
cubitus:palmus
= 24 palmi
pes:palmus
=6:1=24:4=96:16— = pes
=4:1=24:6=96:24— = cubitus
= 96 digiti
—————= Klafter
Die Proportion 6:1 vermittelt hierbei zwischen den ersten beiden: und in diesem Sinne ist der Fuß, der in Bezug aufs Ganze für die Sechs steht, das entscheibestimmte Meßbarkeit der einzelnen Glieder
im Verhältnis zum Gesamtbild der Gestalt
dende “Mittelma£” zwischen Hand und Elle, welches genau das hervorbringt,
haben [...]
keiten"33,
was Vitruv die "ratio symmetriarum” genannt hat: das "Verhältnis der Meßbarcunt. Perfectum autem antiqui instituerunt numerum, qui decem dicitur; namque ex manibus
digitorum numero est inventus [.-]
5. Ebenso hat man die Maßverhältnisse, welche man bei allen Werken für notwendig ansah, von den Gliedern des Körpers entlehnt,
wie die Finger- und die Handbreite, Fuß und
Elle, und hat diese Maße auf eine "perfekte
Zahl“, griechisch: teleon, verteilt. Als perfekte Zahl aber bestimmten die Alten die Anzahl, die Zehn genannt wird, denn sie wird an
funden |...)
33Vitruvs Anspielung auf die mathematischen Eigenschaften perfekter Zahlen gibt Anlaß zu fol-
6. Mathematici vero contra disputantes ea re
6. Die Mathematiker jedoch behaupten im
gender Überlegung: Im Verhältnis von Ellenlänge und Handbreite, 6 : 1, definiert der Fuß = 4 Hand-
5. Nec minus mensurarum rationes, quae in omnibus operibus videntur necessariae esse, ex
corporis membris collegerunt, uti digitum,
palmum, pedem, cubitum, et eas distribuerunt
in perfectum numerum, quem Graeci teAgov diperfectum dixerunt esse numerum, qui sex dicitur, quod is numerus habet partitiones eorum
rationibus sex numero convenientes [...]
den Händen durch die Anzahl der Finger ge-
Widerspruch dazu, vollkommen sei die Zahl
sechs, weil sie Anteile hat, die ihrem der
Sechs angepaßten Rechnungssystem entsprenoch den irreführenden Begriff "passo”. Zöllner, S. 24, folgt dieser zweiten Bestimmung, und führt
nun den fünffüßigen passus, den “Doppelschritt” der römischen Landvermesser, als "römisches Klafter” ein: damit käme er bei einem römischen Fuß von ca. 29 1/2 cm auf eine menschliche Durchschnittsgröße von unter 1,50 m! Vgl. Friedrich Hultsch, Griechische und römische Metrologie, Berlin
1882, 5.78 f. und $. 88 - 98.
breiten einen besonderen "mittleren Schnitt”, der weder dem arithmetischen:
—
4
4
+
6
i
a
chen [...]
7. Non minus etiam, quod pes hominis altitudinis sextam habet partem- ita etiam perficitur
ab eo, quod pedum numero, sexies, corporis
altitudines terminavit - eum perfectum constituerunt, cubitumque animadverterunt ex sex
palmis constare digitisque XXIMI[...]"
7. Nicht weniger aber auch daher, weil der
Fuß des Menschen der sechste Teil der Höhe
ist, folglich diese aus jenem in sechsfacher
Anzahl hervorgeht, und weil sie, sich der
Elle zuwendend, bemerkten, daß auch diese
aus sechs Handbreiten und 24 Fingerbreiten
besteht [...]"
Dort also, wo Vitruv am Ende von der Bedeutung spricht, die die Mathematiker der “perfekten Zahl 6” beimessen, führt er in Bezug auf deren anthropometrische Grundlage an, daß sich das Klafter so zum Fuß verhalte wie die Elle zur
Handbreite?2;
31Curt Fensterbusch, 5. 138 - 142; vgl. Anm.15) und 24);vgl. auch Zöllner, S. 206 f.: Appendix I.
32Und das gilt für den attischen wie den römischen Fuß: nicht fünf, sondern sechs entsprechen dem
Klafter als menschlicher Durchschnittsgröße. Vgi. Anm. 22: Leonardo bemißt die menschliche
Größe nach “4 cubiti”, also sechs Fuß, verwendet jedoch unmittelbar darauf anstelle des Klafters
296
4
_
hr
K
2
a-x=x-b
noch dem geometrischen:
a:x=x:b
noch dem harmonischen:
a: b = (a-x):(x-b)
Mittel algebraisch gleichzusetzen ist; mit
a = Elle (6), b = Hand (1), x = Fuß (4) wird
3
oK
a:x = (x-b}:(a-x)
die algebraische Formel dieser sectio canonis. Die Pythagoreer kannten zur Zeit des Nikomachos von Gerasa nicht weniger als elf verschiedene solcher Mittel,
die durch verschiedene Schnitte auf dem kanon eine Verhältnisgleichheit von Zahlen definieren:
vgl. Arpad Szabd, zit. wie Anm. 17
S. 212 (Anm. 29). Daß nun grad dieser Schnitt: 6: x : 1 im Falle des Fußes sich als ganze Zahl bestimmen läßt: x = 1, liegt indes genau daran, daß die Sechs zugleich Summe und Produkt aller ihrer
Teiler ist, also das, was die Mathematiker eine "perfekte Zahl" nennen: 6=1-2-3=1+2+3.
Denn daraus folgt:
a:ıx
=
(x-b):(a-x)=
6:(3+1)= ((3+1)-1):(6-(3+1)),d.h. 6:4=3:2.
So lassen sich auf dem Maßstab der Musik, dem Monochord als kanon, d. h.: “Lineal”, durch Hinwegnahme einer Längeneinheit: 6 1= 5 harmonische Verhältnisse, hier das der Quinte 6 : 4 als
3:2, mit 3 + 2 = 5, reproduzieren. Derart wurden im gesamten Mittelalter wie auch wohl schon in
der Antike auf mannigfache Weise Tonskalen auf dem Monochord vermessen und erprobt: vgl dazu
Joseph Smits van Waesberghe, Musikerzichung. Lehre und Theorie der Musik im Mittelalter, Leipee ar f.,
-
36, 60, und
97
-
- 39 (Einleitung) und S. 86; aus der Reihe der Abbildungen insbesondere Abb. 33
Pagina 7
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Das kleinste Verhältnis, das im so erweiterten Proportionsgefüge gebildet
werden kann, ist das der Elle zum Fuß:
6:4 = 3:2.
Diesem Verhältnis entspricht ein Spielraum oder "Intervall"#, das größte gefig. 2)
2:1
I
LI
I
1
2
3
a
TS
:2
»
Quin
3:1 Oktave
+ Quinte (Duodecime)
4:3 Quarte
meinsame Teilmaß von Klafter, Elle und Fuß:
1/2 Fuß = Elle - Fuß = 2 Handbreiten = 1/12 des Klafters.
4:2 Oktave
4:1
Mit diesem Spielraum als modulus, "kleinem Maßstab" erhalten wir die Duodezimalteilung:
Oktave
3:2
Doppeloktave
Die hier wiedergegebene Notation der tetraktys, der pythagoreischen Vierzal
samt aller in ihr enthaltenen Zahlenverhältnisse, arbeitet mit Hilfe von Bögeı
durch deren Begrenzungen oder Enden ein Zahlenverhältnis in umkehrbare
1 Klafter = 12¢(!/2 Fuß) = 12°(2 Handbreiten).
Auf diese geht auch Vitruv ein:
Form wiedergegeben ist: zwei oder drei kann mit eins oder vier verglichen weı
Vitruv, liber tertius, 1.6. (Forts.):
Übersetzung nach Fensterbusch?5:
den oder umgekehrt; der Bogen spezifiziert nicht, wie das Divisionszeichen ode
"Cum ad duplicationem crescat, supra sex
“Wenn die Sechs zur Verdopplung anwächst,
Wer aber danach fragt, wie oft eine Zahl in eine andere hineingeht, oder, wi
etwa Leonardo fragen könnte: “quanto una quantita entra in un’altra”, der wir
appellatur [...] Duodecim autem, quod ex
das zweite Drittel der Zwölf: 4 . 8-12), der
epitritos genannt wird; durch Hinzufiigung der
der Bruchstrich: 2:1#1:2;2/1#1/2.
adiecto asse egextov; cum facto sunt octo, quod
est tertia adiecta, tertiarium alterum, qui
emtpiroo dicitur; dimidia adiecta cum facta
sunt novem, sesquialterum, qui nutoAtoo
erhalt man durch Hizufiigung der Eins den
ephektos; durch Hinzufügung eines Drittels
entsteht die Acht, der zweite tertiarius (d.h.
duobus numeris simplicibus est effectus,
Halfte entsteht die Neun, der sesquialter, der
hemiolios genannt wird [...] Die Zwölf aber,
die aus zwei einfachen (perfekten) Zahlen
bildet ist, diplasiona (2-6 =12)." (Erg. d.
öınkacıwva."
rs.)
erst das Umgekehrte getan, wenn wir dem Bericht des Gaudentius aus dem vier
ten Jahrhundert n. Chr. Glauben schenken dürfen?®:
Er schlug zuerst immer die ganze Monochordsaite an, dann ihre um einen bestimmten Bruchteil verkleinerte Länge. Da nunmehr jedoch dieser "verkleinerte
Maßstab" der verkürzten Saitenlänge als neues Einheitsmaß, als modulus be-
Wie aber wächst “die Sechs zur Verdopplung an"? Durch die Halbierung des
Fußes oder die Verdopplung der Handbreite. Und in diesem Rahmen ist nun der
Fuß - 4 palmi - das arithmetische Mittel zwischen der Elle, 6 palmi, und dem
Einheitsmaß, 2 palmi. Ein Achtel dieses modulus oder symmetron ist aber der
digitus, das kleinste gemeinsame Teilmaß von Klafter, Elle, Fuß und Handbreite.
Derart wird vom Zwölffachen bis zum achten Bruchteil in der Tat das
"Verhältnis der Me£barkeiten" als Verhältnis zugleich geltender, unterschiedlicher Maßstäbe untereinander von Stufe zu Stufe überschaubar und praktisch
anwendbar.
zuerst die kleinere und dann die größere Zahl betrachten. Am Monochord als In
strument zur (Saiten-)Lingenmessung von Tonhöhen hat Pythagoras wohl zu
nutzt wurde””, ergab sich letztlich doch die gleiche praktische Betrachtungsweise.
Denn nun wurde bestimmt, wie oft der "kleine Maßstab” in den großen
"hineinging": zweimal, anderthalbmal, eineindrittelmal.
Die antike Monochordlehre hat denn auch die Namen der harmonischen Intervalle anders wiedergegeben als die griechische Umgangssprache - und zwar so,
wie auch Vitruv sie uns im ersten Jahrhundert v. Chr. überliefert hat: die Oktave, die in der griechischen Umgangssprache "durch alle" Töne (der achtsaitigen
Leier) hindurchgeht: diapasön, heißt in der antiken Monochordlehre dipläsion
|
Im Gefolge der Duodezimalteilung bieten sich nun natürlich die harmonischen Proportionen als einfachstes Modell einer “symmetrischen” Gesamtheit
ganzzahliger Verhältnisse an. Daraus erklären sich auch die Namen, die Vitruv
fúr die verschiedenen Bruchteile zwischen der 6 und der 12 verwendet. Die Zahlenverháltnisse der Oktave, Quinte und Oktave entdecken wir auf einem geviertelten Maßstab, der der Länge einer schwingenden Saite entspricht:
36Zum Bericht des Gaudentius vgl. Carl von Jan (Hg.), Musici scriptores Graeci, Leipzig 1895, S. 341,
zit. nach Szabò, S. 229.
37V
gl. Szabò, S. 245 f.: Vom modulus spricht Szabd in diesem Zusammenhang nicht, da er nicht von
der Baukunde Vitruvs, sondem von der antiken Proportionenlehre handelt; was aber fiir deren praktische Herkunft so wesentlich ist wie die Maßarbeit am Monochord, könnte doch auch für ihre Anwendung in der Baukunst wesentlich sein; ja es ist vielleicht mehr als nur zweckmäßig, die Bedeutung des Monochords für die metrologische Tradition überhaupt genauso ernst zu nehmen wie für die
Baukunst im besonderen - wenn denn schon Pythagoras das Gerät als "MaBstabsgenerator” benutzt
"Strecke": vgl. Arpad Szabò, S. 226.
hat. Für die Wiederentdeckung der antiken Proportionenichre in der italienischen Renaissance
spielt der musikalische Maßstab wohl eine Schlüsselrolle; schon Vasari hat indes die Bedeutung
der pythagoreischen tetraktys auf der Schreibtafel in Raffaels "Schule von Athen” nicht mehr verstanden: vgl. Giorgio Vasari, Leben der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Baumeister, hg.
von Schorn /Förster, Stuttgart / Tübingen 1843, Bd. III, XCIU, S. 196 und Emil Naumann, Erklärung
der Musiktafel in Raffaels ‘Schule von Athen’, in: Zeitschrift für bildende Kunst Nr. 14, 1897, S. 1 -
35vgl. Anm. 31
14
34Das griechische Wort diästema fürs musikalische Intervall bedeutet zunächst einmal nichts als
298
a
à
AVR
LEAT 299
I Man Ste v25
Pagina 8
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)diàstema, "doppelte Strecke“; die Quinte, “durch fünf" Töne hinduch: diapente,
Mittelfingerspitze gemessen wird®!, sondern drittelt: 3°2 Fuß = 1 Klafter. Das abi
tut die römische ulna, so wie sie Ovid und Vergil verwendet haben*2. Die uln
heißt als Maß auf dem Monochord hemiölion diastema, “anderthalbfache
Strecke”; und die Quart, “durch vier” hindurch: diatessaron, heißt als Maß epitriton diàstema, “eineindrittelfache Strecke"38. Das aber sind Bezeichnungen der
jeweils einem "kleinen Maßstab" angemessenen vollen Monochordlänge. Und
so haben auch Boethius und die mittelalterlichen Lehrmeister der ars musica
diese Intervallnamen benannt: das duplum für die Oktave, den sesquialter für
zwei römischen Fuß angesetzt. Denn der Fuß, bei den Griechen wie den Römer:
die Quint, das sesquitertium für die Quart: "doppelt" (noch ein Ganzes), "noch
das grundlegende Wegmaß der Geometer oder Agrimensoren, blieb fast duchwe;
ein Halbes", und "noch ein Drittel".
als Sechstel des Klafters maßgebend. Das Verhältnis der Armlänge zum Fuß, 2:1
fand zwar ebensowenig wie der cubitus bei den Römern als Wegmaß Verwer:
dung, muß aber doch anderweitig, wohl auch und gerade als Handwerksmaß bı
nutzt worden sein; sie entspricht bei den Dichtern des Augusteischen Zeitalter
der Armlänge, von der Schulter bis zum Handgelenk, und wird als solche mi
Die Notation mit Hilfe der ganze Zahlen verbindenden Bögen vermeidet
ist um so bedeutender, als wir die Armlänge als Handwerks-, Bau- und auch
zunächst einmal die Komplikationen der Umkehrung der Größenverhältnisse,
neben dem römischen Fuß - als Wegmaß im Italien der Renaissance mit regiona
die bei der Bruchrechnung auftreten, und lenkt den Blick auf das praktisch Wesentliche: auf die Meßpunkte, in denen der Kanon unterteilt, "geschnitten" wird,
und die Assoziation derselben mit Zahlen, deren Differenz die Vergrößerung der
Saitenlänge und deren Verhältnis das des Intervalls wiedergibt, welches bei entsprechender Veränderung der Saitenlänge erklingt - ganz gleich, welcher Ton daunterschiedlicher Bemessung antreffen: im braccio.
bei zunächst angeschlagen wird.
Beschränkt man nun in dieser analogen Betrachtungsweise das Augenmerk
Der braccio milanese, mit dem Leonardo als Bau- und Wegmaß nach den
Umzug an den Hof Lodovico Sforzas, also nach 1482 zu tun bekam, entspracl
höchstwahrscheinlich recht genau zwei römischen Fuß, von 291/2 bis 293/5 cn
Lánge%,
Mit dem braccio hat Leonardo sich aber zudem in seinen anthropometrischen
Versuchen auseinandergesetzt. In den Skizzen, die er ab 1489 als Vorarbeiten zu:
Notation der Bestimmung gleicher Zahlenverhältnisse, die optisch symmetrisch,
großen Proportionsstudie von 1490 anfertigt, arbeitet er noch wiederholt mit
dem braccio, der allerdings in der zeichnerischen Endfassung dem cubitus, dem
von links nach rechts et vice versa lesbar ist:
Viertelmaß, weichen wird:
auf die assoziierten Zahlen, so wird die Bogenschrift zu einer kalkulatorischen
124,
+
= 2:1,
d.h.: 4:2
oder: 1:2
= 2:4;
6
89 12,
>
oder: 6:8
= 12:9,
(kleine Bogen!)
und 128= 96,
oder 69
= 8:12.
{große Bögen!)
= 86,
d.h. 129
Derart wurden in der italienischen Renaissance einfache Dreisatzrechnungen
notiert39. Ebenso wie in der griechischen Mathematik, zum Beispiel am Anfangspunkt des oben gezeichneten Monochords, die Null fehlt, ebensosehr fehlte
noch in der Renaissance wie in der antiken Notation das Gleichheitszeichen49,
vermittels dessen wir heute den Dreisatz in algebraischen Gleichungen notieren
Leonardo da Vinci, Mailand, W 19129” - 19132 Y [ K/P 24° - 27 Y], ca. 1489.
In diesen Skizzen wird zunächst die Armlänge mit 2 Fuß angegeben##; dann
auch als Drittelmaß der Körpergröße, und ebenda zudem der "chupido” (cubitus)
als Viertelmaß derselben®#5, der aufgrund der eigentümlichen Schreibweise dem
Leonardo zum betreffenden Zeitpunkt als Maß noch nicht sehr vertraut gewesen
sein kann.
Für die Anthropometrie war es nun weitaus praktischer, mit dem cubitus zu
arbeiten; denn die Armlänge war aufgrund ihres Ansatzes am Schultergelenk
und ausrechnen.
Wollen wir nun den von Leonardo übernommenen vitruvischen Proportionskanon: Klafter : Elle : Fuß : (2 Handbreiten) = 12:3:2: 1 mit Hilfe der Duodezimalteilung nochmals, nämlich zur vollständigen ratio symmetriarum des
harmonischen Proportionskanons von Oktave, Quinte und Quarte ergänzen, so
fehlt uns dazu offenbar nur noch ein Maßstab von 2 Fuß = 4-(2 Handbreiten)
Länge, der das Klafter nicht viertelt, wie der cubitus, der vom Ellenbogen bis zur
#1Vgl. Leonardos Proportionsstudie: der neben der Zeichnung von uns ergänzte Maßstab verdeutlicht, wie der cubitus als anthropometrisches Maß den Leib nicht nur der Breite, sondern auch der
Länge nach viertelt.
4291. Friedrich Hultsch, S. 77 f., insbesondere Fußn. 1 und 2
43Mit 59 1/2 cm wird der braccio milanese zum Zeitpunkt der Vereinheitlichung des italienischen
Maßsystems angesetzt: vgl. Carlo Todini, braccio, in: Encyclopedia italiana, Bd. VII, Rom 1930,
S. 649. Ob er jedoch zur Zeit Leonardos anders bemessen war, läßt sich nicht ohne weiteres feststellen. Zum Maß des röm. Fußes vgl. Anm. 32.
38Zu den griechischen Intervallnamen vgl. Szabò, S. 225 f. und S. 243 f
44Kenneth Clarke / Carlo Pedretti (Hg), The Drawings of Leonardo da Vinci at Windsor Castle,
39ygl. Michael Baxandall, Painting and Experience in 15th Century Italy, Oxford 1972, Kap. 11.10;
London 1968/69, folio 19129 "; in der neuen Ausgabe, Kenneth Keele / Carlo Pedretti (Hg.), Corpus of
Leonardo benutzt die Schreibweise im Codex Forster 1,3 17" - 217, hg. von der Commissione Vinthe Anatomical Studies at Windsor Castle, London 1992: folio 24 "; im folgenden kurz:
ciana, Rom 1934.
l
o
W 19129" K/P 24").
40Vgl. Moritz Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, Leipzig 1913, Bd. 2, S. 479:
45V
gl. W 19131 "| K/P 26] und W 19132 "| K/P 27]; zur späteren Schreibweise des “chupido”:
Einfiihrung des Cleichheitszeichens (=) durch Robert Recorde, Leibarzt Edwards IV.
“cubito”, vgl. Anm. 22
Pagina 9
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)viel schwerer zu messen als die Ellenlänge. Aber es bleibt dabei, daß Leonardo
Armlänge wie Elle zur gleichen Zeit benannt und auf das gleiche Grundmaß der
menschlichen Durchschnittsgröße bezogen hat.
Also wird ihm auch klar gewesen sein, daß ein solcher "braccio” sich zum
"chupido” wie vier zu drei verhält, d.h. um ein Drittel größer ist: einen halben
Fuß oder zwei Handbreiten. Damit ist auch die vierte "Symmetrie" bezeichnet,
die wir für den vollständigen harmonischen Proportionskanon noch benötigen:
Handbreiten:
fiir zwei Ellen
= 1/2 Klafter die Sechs,
fiir zwei Armlangen
= 2/3 Klafter die Acht,
für drei Ellen
= 3/4 Klafter die Neun,
für drei Armlängen
=
1 Klafter die Zwölf.
Die so erweiterte ratio symmetriarum der menschlichen Maßstäbe entspricl
ratio symmetriarum:
nun derjenigen des zwölfgeteilten kanon, mit dem laut Gaudentius ebenfal.
Klafter : Armlänge : Elle : Fuß : (2 Handbreiten) = 12:4:3:2: 1.
schon Pythagoras selbst operiert hat”; werden doch auch erst durch die Zwölfte
lung auf dem Monochord die zwei Tetrachorde ("Vierklánge") der griechische
Symmetrische Erweiterung von der tetraktys auf die “erste” tetrakr}s:
fig. 3)
Elle und Arm erhalten wir in Einheiten des duodezimalen symmetron von zw:
6 pedes = 24 palmi 2 12
,
3 ulnae = 4 cubiti
Leier meßbar, auf denen die griechische Harmonielehre beruht: (12 : 9) und (8: 6
im durch Quinten übergriffenen Sekundabstand (9 : 8), griechisch: epògdoòn. Di
"erste" tetrakiys
4
4
18
16
+ 9
+8
3 cubiti
2 ulnae
3
12
+56
2 cubiti
2
8
4
ulna
6
3
cubitus
2
pes
bloße Vervielfachung der der in der tetraktys schon enthaltenen Oktav-, Quin!
und Quartverhältnisse erzeugt noch eine fünfte "Symmetrie", diejenige der sc
genannten "ersten tetraktys"48 , d.i. die "doppelte harmonische Proportion":
4Fuß:3Fuß
1 Klafter: 3 Ellen
Ipes
4
2 paimi
q
i 1
1259
te
1 Klafter:2 Armlängen
almus
|
digitus
423¢
6
12:8
;
;
121
=
8:6
=Arm:Elle
=
4:3
=3Ellen:2Ellen
= Elle
=
=
9:6
: Fuß
3:2
41
Dem nunmehr hinzugekommenen kleinsten Verháltnis, dem der Quarte,
also Arm: Elle = 4:3, entspricht aber der gleiche Spielraum von zwei Handbreiten
wie zuvor dem Quintverhältnis, Elle:Fuß = 3:2. Daher läßt sich eine duodezimale
Teilung, deren Leonardo sich in seinen Manuskripten immer wieder bedient, an
dieser Stelle auch ohne den Fuß definieren, wenn wir stattdessen den Arm als
"Mittelmaß” dem Vitruvschen Kanon einverleiben*s. Denn als Vielfache von
di migliore grazia, piglia tue misure."
(Herv. und Erg. d. Übers.)
stimmen, wahle einen von besonderer Anmut,
und nimm alsdann Maß.”
Wir dürfen vermuten, daß es bei der “regola” um die kalkulatorische Vorschrift geht, nach der di
Maßverhältnisse des menschlichen Körpers die Baukunst bestimmen - und die wir auf diesen Seite:
schrittweise zu demonstrieren versucht haben. Seine rein anthropometrische Funktion hat ja del
46vgl. Leonardo da Vinci, Codex Atlanticus, Bibliotheca Ambrosiana di Milano, folio 160”ecto-a. in
der neuen Ausgabe des Codex Atlanticus, Hg. Contmissione Vinciana, Florenz 1975 - 80: folio 430 re
im folgenden kurz: CA 160 74 [ 430 7}.
Leonardo gibt auf diesem folio folgende recht definitive Erklärung zum braccio ab:
"Se l'omo di due braccia e piccolo,
quello di quattro e troppo grande.
Essendo la via di mezzo laudabile,
il mezzo 2 e 4 si è 3. Adunque
piglia un omo di 3 braccia e quello misura colla regola ch'io ti darò.
Se tu me dicessi; io me potrei ingannare giudicando uno bene proporzionato che sarebbe il contrario, a questa
parte i’ rispondo che tu debbi vedere
molti omini di 3 braccia, e quella
maggiore quantità, che sono conformi di membra, sopra uno di quelli
302
“Ist ein Mensch von zwei Armlängen (Größe)
zu klein, so ist einer von vier zu groß. Loben
wir uns den Mittelweg - die Mitte zwischen 2
braccio wohl ab dem Zeitpunkt, da Leonardo den“chupido” als “cubito” annimmt und nutzbar macht
eingebüßt; in der Zusammensetzung der Gliedmaßen in der Vertikalen wie Horizontalen ist dic
Armlänge, die jene der Hand nicht mit einschließt, so ungünstig positioniert, daß sie auf Grund ihre:
Lage zwischen Hand und Schulter schon als symmetron der Spannweite, also des Klafters, nicht ir.
Frage kommt. Leonardo geht in diesem Zusammenhang auch beileibe nicht so akribisch vor wie in
der Anthropometrie: zwei braccia milanese - unter 1,20 m - sind zuwenig, vier - fast 2, 40 m - entschieden zuviel; also nimmt er die arithmetische Mitte: ca. 1, 785 m.
und 4 ist aber die 3. Also nimm einen Men-
Er behauptet nicht, daß die Mehrzahl der Menschen diesem Maß entspräche, wohl aber, daß dic
Mehrzahl der Menschen gleicher Größe auch in den übrigen Gliedern (der Größe nach) übereinschen von 3 braccia (Größe), und-diesen miß
stimmen.
nach der Regel, die ich dir geben werde.
Sagtest du mir nun, da8 ich mich täuschen
kénnte in der Beurteilung einer wohlproportionierten Gestalt, die so groB gar nicht sei,
Das Maß selbst, “3 braccia”, erscheint als reine MaBstabskonvention zur praktischen Nutzung der
mit ihm gegebenen Größenverhältnisse, umsomehr, als der braccio milanese zwei römischen Fuß
recht gut entspricht, dieser aber nach Vitruv auch den cubitus mißt, als anderthalbfache Größe. Das
erwiderte ich darauf, daß du viele Menschen
von 3 braccia (Größe) betrachten mußt, und
aus der größeren Anzahl derselben, die (der
womöglich genau die “regela” der Verhältnisse, welche Leonardo durch seine anthropometrischen
Messungen überprüfen und etablieren will.
Größe nach) auch an den Gliedern überein-
Maßverhältnis von Arm und Elle, 2:1 1/2 = 4:3, ist indes keine bloße Konvention, sondern bestimmt
47Vgl. Anm. 36
48vgl. Nikomachos v. Gerasa, hermonikon, 11.7, in: Carl v. Jan, (zit. wie in Anm.36), S. 279
Pagina 10
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Die in Vitruvs Vorschrift ursprünglich enthaltenen Maßverhältnisse von
Ctesebios bekannt waren. Immer aber ist diese Maßarbeit mit der handwerk!
Klafter, Elle, Hand- und Fingerbreite, die Leonardo in seiner anthropometrischen
chen Notwendigkeit verknüpft, die Berechnung kommensurabler Maßverhäl
Studie so deutlich verkörpert hat, sind im so erweiterten Proportionskanon entnisse vermittels verschiedener, gleichzeitig benutzter, kommensurabler Mai
halten; der Kalkül ist bei dieser Erweiterung der gleiche und einfache geblieben,
stäbe praktisch umzusetzen, um gleiche Verhältnisse in den verschiedenen Gri
den ein praktisch denkender Leser aus Vitruvs Ausführungen entnehmen
£endimensionen eines Werkes handwerklich reproduzieren zu können. Lege
konnte, auch ohne dessen schwierige Grundbegriffe der Baukunst im einzelnen
wir dabei mit Vitruv die alten Maße von Klafter, Elle, Fuß, Hand- und Finge:
verstanden zu haben, und anwenden konnte, ohne mit Brüchen rechnen zu
breite zugrunde, ergeben sich natürlich immer wieder andere "Symmetrien", |
nachdem ob wir vom sechsfüßigen Klaftermaß oder der perfekten Zahl 6
müssen. Den praktisch denkenden Leser müssen wir uns allerdings als jemanden vorstellen, der ganzzahlige Verhältnisgleichheiten von Maßen in verschiedenen Größenordnungen reproduzieren und wechselweise miteinander ver-
1+2+353, oder vom digitus ausgehen, d.h. von der Fingerzahl 10%, oder die Lang
des Fußes in digiti, 16 = 6+10 als Schlüssel der Kalkulation benutzen®>. In uns:
haben - nämlich in der Herstellung dessen, was Luca Pacioli, Freund und Marem Beispiel wurde die doppelte Handbreite zugrundegelegt, die zusammen m
dem Fuß als Sechstel und der Elle als Viertel die Hälfte des Klafters: 12 palmi
(2+4+6) palmi, und im Verein mit der Elle die Armlänge, als Drittel des Klafteı
thematiklehrer Leonardos, die “proportionalita” genannt hat#?. Und zugleich
ausmacht: (6+2) palmi = 8 palmi.
bunden wissen möchte; und der weiß, daß es in dieser Hinsicht die musici, insbesondere in der Monochordlehre und im Instrumentenbau, recht weit gebracht
steht damit das Modell des menschlichen Körpers für die prinzipielle Möglich-
Daß Vitruv gerade bei der Bestimmung der "Symmetrien” für den Tempelba
keit, einen gegebenen Maßstab wie den des Klafters schrittweise zu verkleinern:
fast achtlos auf die harmonischen Zahlenverhältnisse der tetraktys eingeht, ma
daher rühren, daß wir in ihm einen Anhänger der Harmonielehre des Aristoxı
nos vermuten dürfen, die er auch ausführlich darstellt: im liber quintus, IV
Damit aber ware Vitruv auf eine musiktheoretische Tradition aristotelischer Pré
gung verpflichtet gewesen, die dem pythagoreischen Primat der Bestimmung de
Tonintervalle durch Zahlenverhältnisse ausweichend bis ablehnend gegenübe:
im Maßstab 1:6, oder, mit Vitruv, “modulo pedis”, im Maßstab 1:24 - “modulo
palmi” - oder 1:96 - “modulo digiti”. Das ist die hinreichende und notwendige
Bedingung, um Bauzeichnungen oder Modelle herstellen zu können’. Umgekehrt muß der Maßstab natürlich ebenso vergrösserbar, vor Ort auf den Bau
selbst übertragbar sein?!’
All das ist zweifellos nicht allein für den Tempelbau von Interesse: die ordinatio als Abstimmung der Meßbarkeiten aufeinander läßt sich mit gleicher Peinlichkeit z.B. auch auf die Konstruktion von Meßinstrumenten wie Quadranten
und Astrolabien und anderer Gebäude wie Geräte anwenden - Vitruv selbst, liber
stand‘.
Wenngleich sich aber aus den unterschiedlichen "Symmetrien” unterschied
lich lange Maßstäbe mit unterschiedlichen Meßskalen in unterschiedlichen Lär
genverhältnissen zueinander ergeben: solange letztere Verhältnisse ganzzahli:
primus, 11.4.(Forts.), gibt folgende Hinweise dazu:
"Et primum in aedibus sacris aut
e columnarum crassitudinibus aut
triglypho aut etiam embatere, ballista
e foramine, quod Graeci nepitpetov
vocitant, navibus interscalmio, quae
Surmxvara dicitur, item ceterorum
phon oder auch dem embater, bei der Balliste aus
dem Bohrloch, das die Griechen peritreton nen
nen, bei Schiffen aus dem Abstand zweier Ruder
zapfen - dipechyaia genannt - und ebenso bei den
operum e membris invenitur symmeübrigen Bauwerken aus einzelnen Gliedern die
triarum ratiocinatio."
Berechnung der Symmetrien gewonnen."92
“Und vornehmlich bei heiligen Bauwerken wird
entweder aus den Säulendicken oder dem trigly-
Das gilt natürlich erst recht für den Bau von Musikinstrumenten, vornehmlich Orgeln, welche - hydraulisch betrieben - den Griechen seit den Zeiten des
49Vgl. Luca Pacioli, Summa de arithmetica, geometria, proportione e proportionalità, Venedig
1494; so der Titel jenes Mathematiklehrbuchs, das Leonardo in dessen Erscheinungsjahr fiir 119 soldi
ekauft hat.
50Vgl. Frank Zöllner, $31 f. (Anm. 35), zur Vergrößerung eines Katapults durch Philon von Byzanz,
2. Jhdt. v. Chr., den Vitruv als Quelle genutzt hat.
51 Zöllner, S. 36f. (mit Anm.), wo insbesondere auch die Anfang 1980 im Apollotempel von Didyma
entdeckten Bauzeichnungen im Naturmaßstab behandelt werden.
52Vgl. Anm. 16
304
53Vgl. Anm. 33
54Das Maß der Gesichtslänge als Klafterzehntel - vgl. Anm. 59) - paßt noch in den kalkulator
schen Rahmen einer Dezimalaufteilung; daß aber mit der Zehn auch die pythagoreische tetraktı
als Summe: 10 = 1 + 2+ 3 + 4 in Betracht kommt, hat Vitruv mit dem Bezug auf Plato zumindest ind
rekt noch angedeutet - vgl. liber tertius, I. 5:
"glaubte auch Plato, diese Zahl sei deshalb vollkommen, weil die Zehnheit aus Einheiten &
steht, die die Griechen “Monaden” nennen.”
Zumindest ein Hinweis auf die pythagoreischen Grundlagen der Arithmetik: die Einheiten dı
Vierzahl, die die Zehn bilden, erzeugen den Punkt (1), die Linie (2 Punkte), die Fläche (3 Pkt.
Dreieck) und den Körper (4 Pkt.e: Tetraeder mit 4 Dreiecksflächen), welche als Bausteine der Natu
in der allwirkenden und alles vollendeten Zehnzahl enthalten sind; vgl. Paul v.Naredi-Rainer, A:
chitektur und Harmonie, Köln 1989, S. 34 ff.
55Vitruv, Liber tertius, 1.8 (vgl. Anm. 53):
" Nachdem sie aber bemerkt hatten, daß beide Zahlen (10 und 6) vollkommen seien, zählten si
beide zu einer Zahl zusammen und machten 16 zur vollkommenen Zahl."
56Das starke Interesse Vitruvs an Musik, Akustik und Instrumentenbau ist offensichtlich: liber pr
mus, 1.8 f. (Von der Ausbildung des Baumeisters), liber quintus, IV. (Harmonielehre des Aristox
nos), ebenda, V., VI., VH. (Schallgefäße im Theater, Auswahl des Bauplatzes, Theaterbau), lik:
decimus, XII. 1 f., (Spannung des Katapults durch Einstimmen der Zugschnur). Zur Harmonielehr
des Aristoxenos, der übrigens nicht umhin konnte, ebenfalls mit dem Monochord zu operieren, vgl.
Smits van Waesberghe, (zit. wie in Anm. 22), S. 34.
Pagina 11
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)bleiben?7, läßt sich das Verfahren auch von solchen Handwerkern und Baumeistern handhaben, für die - und das war bei Leonardo auch nach 1490 noch der
Fall58 - das Beherrschen der Bruchrechnung, einschließlich deren Division, keineswegs selbstverständlich ist. Denn hat man einmal mit Richtscheit und Zirkel
seine Maßstäbe konstruiert und hergestellt, dann lassen sich alle Vielfache und
Bruchteile eines solchen auf einem passenden anderen als möglichst einfache
Verhältnisse ganzer Zahlen ablesen und weitergeben: "So wie die Hand sechsmal
in die Elle, soll der Fuß ins Klafter gehen, die Elle aber viermal hinein!" Damit
ließ sich arbeiten...59 "Kein Bauwerk ohne symmetria”: das mag in der Renaissancearchitektur auch als Glaubenssatz verkörpert sein; entscheidend ist jedoch
deren praktische Notwendigkeit für alle am Werk Beteiligten.
Und die pythagoreische tetraktys war als einfaches Kalkulationsmodell einer
vollständigen symmetria, als "Proportionalitátsgenerator” von großem verfahmonie im Leib des Menschen, die dann noch auf ein Bauwerk zu übertrage
war...62 Der Versuch, die menschliche Gestalt direkt auf den Grund- und Aufri
eines Sakralgebäudes zu übertragen, läßt sich als (jener gedanklichen Ellipse en
sprechender) praktischer Kurzschluß eines humanistisch geneigten Architekte
werten. In jedem Falle wäre die Auffassung der vitruvschen "Symmetrie" al
harmonischem Proportionsschema und zugleich als optischer Symmetrie - ir
heutigen Wortsinn - ein wenn auch vielleicht sehr fruchtbares Mißverständni
des cäsarischen Baumeisters®?.
Es ist nicht unmöglich, daß auch Leonardo, ähnlich wie Francesco di Giorgi
den Vitruv in diesem zugleich verengten wie verdoppelten Wortsinn verstar
den hat, der arithmetisch wie geometrisch so klare und einfache Lösungen lic
ferte. So sehr aber noch Spekulation bleibt, ob Leonardos symmetrische Zentra:
baustudien aus der gleichen Mailänder Zeit mit der Proportionsstudie nach Vi
renstechnischen Interesse. Über eine Bekanntschaft mit der musikalischen Pratruv im Zusammenhang stehen, so fest steht, daß Leonardo im Rahmen seine
xis60 oder mit Elementen der Harmonielehre des Boethius, die auch schon einanatomischen Studien experimentelle Anthropometrie betrieben und sich au
mal im Unterricht einer scuola dell’abbaco zum Thema werden konnte®!, waren
dieser Basis kritisch mit Vitruvs Vorgaben auseinandergesetzt hat. Auch wen:
die harmonischen Proportionen einem Künstler der italienischen Renaissance
doch noch ganz anders zugänglich als nur auf dem naturphilosophischen Umweg einer "mikrokosmischen" Entsprechung "makrokosmischer" Weltenhar-
Leonardo dabei selbst das altehrwtirdige Maß des Fußes antastet®, bleibt er den
noch bei der metrologischen Basis des Vitruv für die architektonische MaBarbeit
Diese aber war auch unverzichtbar - nicht allein für die Baukunst, sondern aucl
für die Messung von Höhen und Entfernungen in der Natur wie in deren bildli
57 Das gilt, wie erwähnt, auch noch für Leonardos Anthropometric in der Vertikalen:
30:20:15:11:7:1,in welcher duodezimale und dezimale Anteile zugleich auftreten.
58 Zöllner, S. 31, ist in diesem Zusammenhang etwas ungenau, wenn er vom "selbstverständlichen
cher Darstellung.
Gebrauch von Brüchen” spricht; dieser Gebrauch muß eben nicht die Bruchrechnung schon mit einschließen; mit deren Division tat sich Leonardo schwer: vgl. CA 279 "€ [ 75971, CA 283 "” [ 772 7D] -
62Zurecht kritisiert Frank Zöllner, S. 3 ff. und S. 16 - 18, Rudolf Wittkowers vorwiegend symboli
ca. 1502 - und Auguste Marinoni, Leonardos Schriften, in: Leonardo der Forscher, Stuttgart 1981,
sche Interpretation der Vitruvschen Proportionsfigur "und die Folgen”: ein Musterbeispiel kunsthi
S. 94.
storischen Um-die-Ecke-Denkens...
59Wo Maße derart weitergegeben werden, da wird, wenn überhaupt, mit dem Dreisatz gerechnet,
63Die optische Symmetrie als Konstruktionsmittel ist natürlich nicht so neueren Datums wie der ih:
und dabei entstehende Maßverhältnisse werden in und durch die Arbeit nachvollziehbar verkörpert. Auch Leonardo hat Maßverhältnisse derart mitgeteilt, arithmetische wie geometrische - vgl.
entsprechende enge Wortsinn; vielmehr ist sie auf Grund ihrer Zweckmäßigkeit zu allen Zeiten unc:
in allen Weltecken verwendet worden, in allen Handwerken und Künsten. Der Umgang mit der sym
metrischen Optik, der die Verdopplung als deren Ordnungsprinzip einschließt, ist keineswegs al:
"naiver" Anthropomorphismus zu verstehen; die Symmetrie unseres Körpers, seiner Sinnesvermöger
und deren Wahrnehmung ist ja auch beileibe kein bloß trivialer Tatbestand; vgl. auch Anm. 12.
CA 42"
[ 1197] (ca. 1487):
Indirekte
Höhenmessung
“sole” F a
"misura senza mutarti:
NES
quanto m nentrainms,
-___lhe—p
tanto
o p entrain pe.”
Noch die Streckenverhältnisse dc : op , mp : hp werden wie solche von Dingen vorgestellt, von denen
das kleinere in das größere “hineingeht”. Unter den Zahlenverhältnissen sind aber gerade die
ebenso vorgestellten, einfachsten ganzzahligen Proportionen auch die harmonischen, die schon in
der Vierzahl enthalten sind.
60Zu Leonardos Freundschaft mit Franchino Gaffurio, dem Kantor des Mailänder Domes und Verfasser so wichtiger Schriften zur Harmonielehre, und zu seiner Bekanntschaft mit dem hochtalentierten Instrumentenbauer Lorenzo Gusnasco vgl. Emanuel Winternitz, Leonardo as a Musician, New Haven / London 1982, 5.5 ff. und S. 17 - 21, und ders., Lira da braccio, in: Friedr. Blume (Hg.), Die Musik
in Geschichte und Gegenwart, Band 13, Kassel 1966, Sp. 936 - 954.
61Schon Edmondo Solmi, Le fonti dei manoscritti di Leonardo da Vinci, Turin 1911, S. 104, hat vermutct, daB Leonardo mit den Werken des Boethius, insbesondere dessen De musica, von früher Jugend
an bekannt gewesen ist. Von Solmi, S. 95 f., datiert auch die Vermutung, daß Leonardo eine scuola
dell’ abbaco besucht habe.
306
64ygl. Rudolf Wittkower, (zit. wie in Anm. 41), S. 15 f.: Abb. 5 a - c; wichtig sind in diesem Zusammenhang auch jene Skizzen, die Carlo Pedretti als frühe Ideen für den Umbau der Kirche von Sant:
Maria delle Grazie ausgemacht hat: vgl. Carlo Pedretti, The Original Project for Santa Maria dell
Grazie, in: International Congress on Bramante, Mailand 1970, 5. 30 - 42, und ders., Leonardo archi
tetto, Mailand 1978, S. 81 - 112.
65Zur Genesis des Fußmaßes vgl. Friedrich Hultschs Hypothese, 5. 94 ff: Der altägyptischen Königselle war eine im Verhältnis 7 : 6 verkleinerte Elle als Handwerksmaß hinzugesellt; vier deı
sechs Handbreiten dieses Handwerksmaßes ergeben einen ab dem 8. Jhdt. v. Chr. nachweisbaren
altpeloponnesischen Fuß; dieser "olympische Fuß“ könnte bei der Festsetzung des attischen Fuße:
durch Solon als Vorbild gedient haben. Der römische Fuß verhält sich nun zum attischen so, als
wäre die attische Elle um einen von 24 römischen digiti größer: also wie 24 : 25. Diese Genesis entspricht aber der Verkleinerung des älteren Maßstabs nach Maßgabe einer anthropometrischen symmetria, und zwar wiederum derart, daß der ältere Maßstab in Einheiten des verkleinerten neuen gezählt wird: eineinsechstel, eineinvierundzwanzigstel. Das entspricht genau der geschilderten Vorgehensweise bei der Maßstabsverkleinerung am Monochord, wo ebenfalls zunächst, vor der sectio
canonis, eine Einheit des alten Maßstabs abgezogen wird: vgl. Anm. 22!
Pagina 12
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Ab 1483-85 befaßt Leonardo sich mit dem Problem der Verkürzung sichtbarer
Größen bei zunehmender Entfernung: dem Problem der perspektivischen Tievor Augen erscheinen und der Größe nach auf einer skalierten Stellwand, di
“pariete” Leonardos, festgehalten werden kónnen?0.
fenverkürzung®, und ab 1487 beginnt er, sich landvermesserische Techniken an-
Bei der Vervielfachung des Grundabstandes ergibt sich aber aus flächentreu:
zueignen und experimentell auf das Problem der Tiefenverkürzung anzuwen-
Sicht mit zwingender Notwendigkeit eine umgekehrte, im Sinne der Brucl
den. Sein Hauptinteresse gilt den verschiedenen Techniken der indirekten Mesrechnung reziproke Abnahme der Ausgangsgröße auf immer kleiner werdend
sung von Höhen und Entfernungen im Gelände. Dabei wurde im Rahmen einer
Bruchteile. Das gleicht aber ganz einer Größenabnahme wie der einer Oktave, aı
MeGreihe eine weit entfernte und daher als fix genommene Höhe, die nicht nur
eine Quinte, auf eine Quart, auf die große und schließlich die kleine Terz (5
unbekannt, sondern zuweilen auch gar nicht zugänglich war, aus verschiedenen
und 6:5):
1:1/2:1/3:1/4:1/5:1/6.
Entfernungen anvisiert. Das konnte mit einfachen Meßruten, einem Jakobsstab,
Diese Größenverhältnisse lassen sich nun mit großer Wahrscheinlichkeit au
einem Quadranten oder einem verwandten Instrument geschehen. Derart wurde
Leonardos "Abendmahl" (1495?-1497) im Refektorium des Klosters von Sta M.
diese Berg- oder Turmeshöhe zusammen mit ihrer Entfernung vom Auge im
ria delle Grazie zu Mailand ablesen: 12:6, 12:8 und 9:6, 12:9 und 8:6, 12:10 (6:5) un.
verkleinerten Maßstab als rechtwinkliges Dreieck festgehalten und durch Ver-
10:8 (5:4)71.
gleich mit dem noch viel kleineren Maßstab des Instruments als verkleinerte
Für Leonardos Freund Gaffurio müfte das nun aber, als Resultat einer per
Größe meßbar gemacht”. Aus unterschiedlichen Entfernungen und Sichtwinspektivischen Konstruktion, von Interesse gewesen sein. Unter Beriicksichtigun
keln ergaben sich nun unterschiedliche Verkleinerungen, also unterschiedliche
einer musikalischen Praxis, die sich auch der Terzen als harmonischer Intervall
Meßwertpaare für die verkleinerte Höhe und Distanz des Beobachtungsobjekts.
langst bediente und schon zur Erprobung temperierter Einstimmung von In
Auf diese Weise ließ sich indirekt, aus den Differenzen oder Spielräumen zwistrumenten übergegangen war, hatte sich der bedeutende Musiktheoretiker un
schen den unterschiedlichen Standorten, die tatsächliche Höhe und Entfernung
Freund Leonardos schon 1482-83, in der Abfassung seiner Practica musicae, libe
bestimmen - wieder vermittels des Dreisatzes, der regula de tri, diesmal aber im
tertius, cap. 2, dazu durchgerungen, die Terzen 5:4 und 6:5 (als arithmetische
Rahmen der geometrischen Seitenverhältnisse von Paaren ähnlicher rechtwink-
Mittel der Quinte 6:4) zum Ausgangsort seiner Lehre vom Kontrapunkt zu ma
liger Dreiecke, als welche die Mefreihe sich darstellt.
chen, um gar die Quintharmonie aus jener der Terzen zusammenzusetzen, ab
Diese Technik war aber auch andersherum anwendbar: wenn man von einer
zuleiten: 6:5:472.
bekannten wie zugänglichen Höhe in der näheren Umgebung ausging, um deren
zunehmende Verkleinerung bei schrittweise wachsendem Beobachtungsabstand
zu messen. Damit sind wir beim Problem der perspektivischen Tiefenverkürzung aus der Sicht des Landvermessers. Was wir aber für Filippo Brunelleschi
mit gutem Grund vermuten dürfen, ist bei Leonardo Schritt für Schritt nach-
70Vgl. ders., CA 36 VP[ 103 BT], ca. 1490.
71 Vorliegende Arbeit ist gekürzter Bestandteil einer in Arbeit befindlichen Habilitationsschrift, il
welcher auch die Genesis der Perspektive Leonardos im Kontext der Landvermessung sowie de
Maßarbeit Leonardos im Refektorium von S.M. delle Grazie abgehandelt wird; in diesem Rahme:
wird auch der harmonische Proportionskanon des "Abendmahls" eine eingehende Begründung er
weisbar: die Entwicklung seiner Perspektive aus der praktischen Auseinandersetfahren.
zung mit Techniken der Landvermessung®. An die Stelle der bekannten Grö-
Liber tertius - De contrapuncto
& eius elementariis vocibus,
caput secundum - De natura et
denominatione specierum contrapuncti :
Buch HI - Vom Kontrapunkt
und seinen elementaren Klängen,
Kapitel 2 - Vom Wesen und der
Benamung des Kontrapunklarten:
"Quinta autem...componitur ex duabus
primis simplicibus, tertia minore atque
"..Die Quinte aber...ist aus den zwei
ersten einfachení Kontrapunktarten) zusammentertia maiore concordi medietate
gesetzi, aus kleiner und grofer Terz,
servata.”
unter Wahrung der harmonischen Mitte.
Bendimensionen eines Gebäudes in mittlerer Entfernung - wie des Florentiner
Baptisteriums oder des Palazzo Vecchio bei Brunelleschi - tritt nun aber bei
Leonardo spätestens ab 1490 als Ausgangsgröße in der Tat der menschliche Leib
selbst oder eines seiner Glieder®, wie diese in einem anfänglichen Grundabstand
72V
gl. Franchino Gaffurio, Practica musice, Hg. Giuseppe Vecchi, Bologna 1972:
66Vgl. Leonardo da Vinci, Codex Forster 1, 1157, (zit. wie in Anm. 36)
67Vgl. Kim H. Veltman, Studies on Leonardo da Vinci I, München 1986, S. 87 - 112 und Marco Carpiceci, Leonardo - La misura e il segno, Mailand 1986.
68Zu Brunelleschi vgl. Jehane $. Kuhn. Measured Appearances, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes, (JWCI), vol. 53. London 1990, S. 114 - 132; Martin Kemp, Science, Non-Science and
Nonsense, in: Art History 1,2 (1978), S. 134 - 161, und E. H. Gombrich, From the Revival of the Letters to the Reform of the Arts, in: Essays in the History of Art presented to Rudolf Wittkower, Lon-
Mit der "medietas concors” ist nicht das harmonische Mittel gemeint, sondern die (arithmetische
Mitte des Quintintervalls, die die concordia, den Wohlklang der kleinen und großen Terz, so hervor
bringt wie das arithmetische Mittel des Grundtons und der Oktave die Harmonien von Quarte unc
Quinte; vgl. auch Irwin Young, Gafurius - Practica musicae (engl.Ubers.), Madison 1969, S. 127 und
don 1967, S. 71 - 82.
Introduction, S. XXII. Die pythagoreischen Terzen, 32 : 27 und 81 : 64, welche auch Gaffurio als Schüler des Boethius und der mittelalterlichen Musiktheorie lehrte, waren hingegen nicht harmonisch:
die Kleinterz 81 : 64 entsteht durch Zusammenfügen zweier Sekunden: (9 : 8) ' (9 : 8), die Großterz
69Vgl. Leonardo da Vinci, Ms. A 103”, 1490 - 92: “Dei gradi del diminuire”.
durch Abzug der letzteren von der Quinte: (3 : 2) : (81 : 64). Die Kleinterz der Pythagoreer ist größe: