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DSOAL BERK C.
CHARLOTTE SCHUBERT
MENSCHENBILD UND NORMWANDE!.
IN DER KLASSISCHEN ZEIT
Dic Bewertung menschlichen Handelns nach den Kriterien von
Nutzen und Schaden gehört zu den ältesten alltagsethischen
Handlungsmaximen. Ihre Herkunft aus dem archaischen Vergeltungsdenken ist wohlbelegt'. Die Qualifizierung alltäglichen
Handelns nach den Kriterien von ‘gut’ und ‘schlecht’ bezieht
sich immer, wenn auch nicht unbedingt bewußt, auf ein dahinter
stehendes Regelsystem, das nach einer allgemeinen Vorstellung
von Gerechtigkeit richtiges und falsches Handeln zu unrerscheiden erlaubt. Davon abgeleitere Werturteile gehen als praktische
Richtschnur für alltägliches Handeln in die l.ebenswelt ein”.
Die geläufige Maxime, den Freunden zu nützen und den Feinden zu schaden, die aus diesem Vergeltungsdenken abgeleitet
ist, finder sich schon bei Hesiod?. Die hier zugrunde liegende
UK. Larre, “Schuld und Sühne in der griechischen Religion”, in ARW 20
(1920/21), 254-298; Ders., “Der Rechtsgedanke im archaischen Griechentum”,
in AGA 2 (1946), 63-76.
* Vel. zu der Anwendung des Begriffes ‘Lebenswelt’: Ch, SCHUBERT, “Einführung zu: Die antike griechische Stadt als Lebenswelt”, in Archiv für Kulturgeschichte 78 (1996), 1-4. Zu der Herkunft von Normen aus der Lebenswelt: B,
WALDENFELS, la den Netzen der Lebenswelt (Frankfurt 1985), 129fF.; bes.131f,
(AGE Von diesen alltagsethischen Handlungsmaximen sind metaphysisch begründete Vorstellungen von ‘gut’ zu unterscheiden, da nach diesen nur das als ‘gut
bezeichnet werden kann, das in und aus sich selbst gut und vollkommen ist. Von
einem solchen metaphysisch begründeren Standpunkt aus sind allragsethisch:
Handlungsmaximen nur außermoralische Werturteile, da sie nicht das in sich
selbst ‘Gute’ bezeichnen, sondern instrumentellen Charakter haben.
3 Hes. Op. 351; vgl. Inn, Pyeh. 2,83; Lys. 9,20.
Pagina 2
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)einfache Gegenüberstellung von Nutzen und Schaden ist auch
in den Schriften des CH zu finden‘. Später bei Platon wird sic
dann mit Bezug auf Semonides als allgemein übliche Auflassung
eines gerechten Handelns, u.a. in der Medizin, diskutiert‘.
Platon läßt seinen Sokrates daran jedoch Kritik üben, denn zu
einem gerechten Handeln könne es nicht gehören, anderen
Schaden zuzufügen®. Fine ähnliche Zurückhaltung dem zweiten
Teil der Maxime gegenüber finder sich in der berühmten Empfehlung des ersten Epidemienbuches: ®peréew à un Printew”.
Die Parallele bei Thukydides, Nikias in den Mund gelegt,
geht darüber noch hinaus: Die unvernünftige Fehlhandlung (die
Abstimmung über die Sizilienexpedition) könnte zum größten
Schaden für die Polis Athen werden, während der Prytane als
Arzt der Stadt durch die erneure Abstimmung den größten
Nutzen bringen würde. Hier wird das pi, Phórerew um das
Wort exwv ergänzt, so daß auch das ‘nicht schaden’ als eine
willentlich herbeigeführte Absicht definiert wird. Mit einer von
enmei
ene
méamàr:e
der Struktur her ähnlichen Argumentation versucht sich Lysias
von dem Vorwurf der Tyrannenfreundlichkeit freizusprechen!°
Zwar habe er durch sein Verbleiben während der Herrschaft der
30 der Demokratie in Athen nicht direkt genutzt, aber immerhin habe er ihr auch nicht willenrlich geschadet.
Diese hier zu erkennende, andere Gewichtung der Nutzen/
Schaden-Maxime finder sich erkennbar auch in der Konzeption
von Vertragsverhältnissen, die die Beziehungen zwischen zwei
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belegten Defensivbiindnisse basieren auf dem Gedanken, sich
gegenseitig beizustehen, und Schaden durch einen Dritten abzuwenden!!, Dies zeigt immerhin. daß es sich hier nicht nur
um eine intellektuelle Diskussion handelte, sondern um eine
im Alltag praktizierte Regel des Handelns.
Die enge Verbindung, die diese Nurzen/Schaden-Maxime zu
den Vorstellungen von Vergeltung und Ausgleich hat, legt die
Überlegung nahe, die in diesen Prinzipien zum Ausdruck kommende Dynamik als Ausgangspunkt zu nehmen, um die Rolle
und die Bedeutung dieses grundlegenden alltagsethischen Bewertungsmodells für die griechische Medizin der klassischen
Zeit zu untersuchen.
Zu den charakreristischen Zügen dieser Zeit gehört es, daß
man nach Erklärungssystemen suchte, nach Regeln, die den
Phänomenen der Natur zugrunde lagen und nach Methoden,
sie zu erkennen. Für die Physis, d.h. den Kosmos, die umgebende Natur und auch den einzelnen Menschen, wurden Regeln
gesucht und formuliert, die der Dynamik des beobachteten
Geschehens, — Entstehen und Vergehen — feste Strukturen
geben sollten. In den medizinischen Schriften zeigt sich dies
u.a. in dem Bestreben, die Veränderungen, die mit und durch
das Krankheitsgeschehen eintreten, so exakt wie möglich zu beschreiben'2. In den meisten der älteren Schriften des CH geschicht dies unrer Zuhilfenahme von Konzepten und Modellen: u.a. desjenigen von Gleichgewicht und Mischung der Säfte
Poleis regeln sollten. Die aus der zweiten Hälfte des 5. Jh.s.
I 7GP61= ML 65 = HCIÓ 104, Z.21-22 (430/29 oder 424/3 v.Chr);
13 53 = MI. 63 =
vel. JG 311 = MZ 37= HGIÙ 58; IGP 12= HGIÙ 96; IG
FCI 99; IG P 54= ML 64 = HGIÜ 100; dazu auch Arist. Pol. 3,9, 1280 a
39-40, der ausdrücklich betont, die Funktion von Verträgen zwischen Poleis sei,
das ph eue zu gewährleisten. Die andere Formel tel: abtodb: plhms vai
ey Opts youitery, die dem Prinzip ‘Freunden nützen und Feinden schaden’ entspricht, ist für 478/77 nur literarisch und inschriftlich erst für das Ende des
5.Jh.s belegt: vgl. dazu Ch. SCHURERY, Perikles (Darmsradr 1994), 45f. mit
4 ZB.: Fract. 22,2 (L.); 30,51 (L.); on. 4,11 (L.); Aff 47,5 (L.).
$ PLAT, Resp. 331 e UE; vel. dazu E KUDLIEN, “Medical Erhics and
Pople Ethicsin Greece and Rome”, in Clio Medica 5 (1970), 91-121, bes.
91
© Pilar. Resp. 335 b 2fl.
? Epid. 1,11.
8 Truc. 6,14.
? Vgl.dazu A. Dite, Die Vorstellung vom Willen in der Antike (Göttingen
Anm.113.
10 Lys, 25,1-35.
bes. 270fF.
da Vel. grundlegend zu dem Physis-“Begriffin der Medizin des 5.Jh.s: ]. KOL-
LESCH, oe vom Menschen in dee hippokratischen Medizin”, in
R. MULLER (Hg.), Der Mensch als Maß der Dinge (Berlin 1976), 269-282,
cmenais2
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)sowie der Qualitäten bzw. derjenigen von der Störung dieses
Gleichgewichtes!”.
Bei den Uberlegungen, wie die Stérungen bzw. Veránderungen. die zur Stórung fiihren, zu erkennen und beseitigen sind,
findet man implizierte oder auch klar formulierte Vorstellungen,
die für die Gesundheit ein bestimmres Maß postulieren, das das
gleichgewichtige oder ausgewogene Verháltnis der an dem Geschehen in und um den Körper beteiligten Faktoren bedingt.
Die Physis ist die bare Sixaty, sie gibt die Norm für Gesundheit vor!%, Krankheit dagegen entsteht durch Maßüberschreitung oder aus der Verfehlung des Mafes. Sowohl Maßüberschreitung als auch das Gegenteil, die für die Gesundheit
charakteristische Mischung werden mit Werturteilen verbunden,
ebenso wie das daraus abzuleitende Handeln des Arztes. Beide
werden also von einem moralischen Standpunkt aus beurteilr!5.
Da die Strukturen, die für das Maß und auch für das Zustandekommen der Maßüberschreitung angenommen werden,
nicht die gleichen bleiben!°, ist hier zu fragen, ob sich mit den
Konzepten auch die Werturteile ändern und worin hierfür die
Ursachen liegen könnten.
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1. Norm und Maf in der Vorstellung von Krankheit und Gesundheit
Alkmaion von Kroron definiert in seinem Fragment 4 Gesundheit und Krankheit unter Einbeziehung von moralischen
und politischen Vorstellungen:
Das Erhaltende/Zusammenhaltende der Gesundheit sei eine
Isonomie der Kräfte: Mier nennt er das Feuchte, das Trockene,
das Kalte, Warme, Bittere, Süße und anderes, das nicht weiter
in dem Fragment aufgezählt wird. Krankheit dagegen werde
bewirkt durch die Monarchie einer der Kräfte. Als Grund führt
er an, daß die Monarchie einer der Suvéuerc verderbenbringend
sei”,
Diese Erklärung für das Ereignis von Krankheit wird im weiteren näher erläutert: Ursache sei ein Übermaß von Hitze oder
Kälte (als direkte Verursachung)'®, mittelbar auch ein Übermaß
oder Mangel von Nahrung (mittelbare Folge)!? und die Zentren,
in denen sich die Krankheit manifestiert, seien Blut, Mark oder
Hirn?®, Auch äußere Ursachen können Krankheit veranlassen:
Wasser einer bestimmten Art, Landschaften, Schläge, Verhängnisse und dergleichen.
!* Vgl. zu einer Typologie der Vorstellungen von Gleichgewicht und Ausgleich: Ch. SCHUBERT, “Mischverfassung und Gleichgewichtssystem. Polybios
und seine Vorläufer”, in Rom und der Griechische Osten. Festschrift für Hatto H.
Schmitt zum 65.Geburtstag, hrsg. von Ch. SCHUBERT und K. BRODERSEN (Sturtgare 1995), 225-235. Allg. zu der gegenseitigen Beeinflussung von vorsokratischer Philosophie und Medizin: J. DE La VEGA, “L'idée de la santé chez les présocratiques et son influence dans l’histoire de la médecine”, in Proceed.
of the
Internat.
Hum Symp.at Delphi (Athen 1970), 350-360.
14 Vgl. dazu M. MICHLER, “Die praktische Bedeutung des normariven Physis-Begriffes in der hippokratischen Schrift De fracturis-De articulis”, in Her
mes 90 (1962), 392ff.; vgl. zu der Interpretation des Norm-Begriffs bei Michler E KUDLIEN, 2.2.0. (= Anm.5), 91ff, der diesen Norm-Begriff auf die
knochenchirurgischen Schriften beschränken will. S.a. G. WOHRLE, Studien
zur Theorie der antiken Gesundheitslehre, Hermes Einzelschriften 56 (Stu ttgart
1990), 150ff.
> Vel. dazu W. Mori, “Der Maßgedanke bei griechischen Ärzten”, in Gpnnasium 57 (1959), 183-201; E WEHRL, “Echik und Medizin. Zur Vargeschichre der
aristotelischen Mesonlehre”, in ATH 8 (1951), 36-62; 1. TRACY, Physiological Theory
and the Doctrine of the Mean in Plato and Aristotle (The Hague/Paris 1969).
16 Vgl.zu dieser Entwicklung Ch. SCHUBERT, a.a.0. (=Anm.13), 225ff.
ted0mni
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|
Die abschließende Definition von Gesundheit, die Alkmaion
gibt, heißt, daß Gesundheit eine symmetrische Mischung von
allem genannten sei. Symmetrie bedeutet hier Kommensurabilitat:
17 ALCMAEON, Vorsokr. 24 B 4: dy abroig; exarzpog kann nach LS] x». mit
‘eines von beiden’ überserzt werden (so Vorsokr. 1 p.215: “Denn verderblich
wirke die Alleinherrschaft des einen Gegensarzes”) oder als ‘eines von vielen’ (so
G.S. Kırk/).E. RAVEN/M. SCHOFIELD, Die Vorsokratischen Philosophen (dr. v.
K. HOLSER], Stuttgart 1994, 286: “Denn die Monarchie irgendeines einzelnen
bringe Verderben”). Vgl.dazu im einzelnen: Ch, SCHUBERT, “Der Begriff der Isonomic bei Alkmaton”, in Klio 66 (1984), 40-50; grundsätzlich zu der politischen
Entwicklung sowie der Prägung der Begriffe Isonomie und Demokratie:
KA. Raartaus, “Einleitung und Bilanz: Kleischenes, Ephialtes und die Begründung der Demokratie”, in K.H. KinzL (Hg), Demokratia (Darmstadt 1995),
1-54, bes. 49ff.
18 ALCMAEON, Vorsokr. 24 B 4: Sq’ ob.
19 ALCMAEON, Vorsokr. 24 B 4: 28° ob.
20 ALCMAEOR, Vorsokr. 24 B 4: iv alc.
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Also soll der Krasis ein fiir alle beteiligten Faktoren gleicher
Maßstab zugrunde liegen?!.
Einzelheiten zu diesem schwierigen Kontext sind aus dem
kurzen Fragment nicht zu entnehmen, jedoch lassen sich einige
allgemeine Vorstellungen erkennen:
Nicht alle der genannten Kräfte können von vornherein gleich
sein, wie Alkmaion am Beispiel der Hyperbole von Hitze oder
Kälte, von Nahrung bzw. Nahrungsmangel oder der anderen
Aufzählungen zeigt. Denn es handelt sich um Elemente und
Faktoren, für die sich nicht ohne weiteres ein einheitliches Maß
finden läßt. Die einzigen Anhaltspunkte ergeben sich aus der
Verwendung der politischen Termini Isonomie und Monarchie
und aus der moralischen Bewertung.
Die Monarchie einer der Suvageız wird als verderbenbringend
qualifiziert. Ubermaf wird mit Symmetrie kontrastiert: Unter
moralischem Aspekt ist damit jedes Übermaß als schlecht und
krankheitsbringend bewertet??, im Gegensatz dazu eine ausgewogene Mischung, die auf einem einheitlichen Maß beruht, als
gut und gesundheitsbewahrend.
Gleichzeitig werden damit die politischen Konzeptionen, die
mit dem Begriff Isonomie und Monarchie verbunden sind, bewertet: Isonomie, als Teil der Gesundheitskonzeption. als gut,
Monarchie, als Teil der Krankheitskonzeption, als schlecht.
Dahinter stehen klare politische Definitionen:
Der Begriff der Isonomie (“Gleichverteiltheit”)** verdeutlicht den Anspruch auf gleichen Anteil an der Ordnung, zuerst
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der Rechtsordnung, danach der gesamten politischen Ordnung,
Die Interessen der einzelnen Bürger wie z.B. die gleiche Behandlung vor dem Recht und gleicher Zugang zu den politischen
Organisationsformen, sollten in gleichem Recht nebeneinanderstehen, ohne daß Gesichtspunkte wie Abstammung, Reichtum
etc. ins Gewicht fielen. Die Berücksichtigung der Interessen
sollte unabhängig von solchen, nicht in der politischen Ordnung verankerten Aspekten erfolgen — eben isonom, nur auf
den Nomos als die Gesamtordnung bezogen”,
Alkmaion kombiniert diesen Isonomie-Begriff mit demjenigen
der Symmerrie. Die Verhältnisse innerhalb und außerhalb des
Menschen sollen symmetrisch sein, d.h. diejenigen Verhältnisse,
die alle Faktoren in ihrer Beziehung zueinander bestimmen, sollen ein gemeinsames Maß haben. Das entspricht nach dem Verständnis des Alkmaion der Gesundheit. Der Begriff der Symmetrie zeigt hier, wie er sich das Verhältnis des Menschen in sich und
zu seiner Umwelt als eine Ordnung von Kräften innerhalb eines
Ganzen vorstellt. Der Maßstab, der die Symmetrie ermöglicht. ist
die Isonomie. Gur und schlecht in Bezug auf den Einzelfaktor,
2.B. Ortlichkeit, Nahrung, Konstitution des einzelnen Organes
oder der einzelnen Qualität, sind bestimmt durch das Verhältnis
zum Ganzen, die symmetrische Anpassung an das Ganze.
Hier werden Interessenerwägungen aus dem politischen Bereich und Maßvorstellungen mit moralischen Bewertungen
verknüpft, sodaß die Konzeption von Krankheit als einer unrechtmäßigen, das Maß, also den Nomos, überschreitenden
Herrschaft im Körper entsteht.
|
2 Vgl. zu der Entwicklung des Symmerrie-Begriffs im 5.Jh.: Ch. SCHUBERT
‘Symmetrie und Medizin: Zur Verwendung eines mathematischen Begriffes in
i 2” Schriften des Corpus Hippocraticum”, in Sudboffs Archiv 73 (1989),
Neben diesen allgemeinen Vorstellungen zeigt sich bei Alkmaion in der Anwendung des Maßgedankens ein Element, das
Ancient Greece (Warminster 1992), 493.
24 Zur Frage der Authentizität der Termini im Fragment des Allanaion vel.
J. JOUANNA (Hg.), Hippocrate. La nature de l'homme, CMG 11, 3 (Berlin 1975),
| 25 Aus den Bestandteilen (sos und véusc: “Gleichverteiltheie”. Zu der
50 mit Anm. 2.
Kontroverse, ob véuos (von véuew) ursprünglich in passiver Bedeutung — als
das “Zugercilte” — oder als nomen actionis — als das Verteilte — aufrricr:
G. Baupy, “Hierarchie oder die Verteilung des Fleisches”, in B. GLADIGOW/
H. KIPPENBERG, Neue Ansätze in der Reliogionswissenschaft (München 1983), 131174, hier 1576; anders: E HEINIMANN, Nomos wid Physis (Darmstadt 71980), SHE
pensée dans la Collection Hippocratique, Actes du IV Colloque International Hippocratique, Lausanne 1981 (Genève 1983), 441-458.
2 N.R.E. FISHER, Hybris. A Study in the Values of Honour and Shame in
25 So auch G. CAMBIANO, “Patologia e metafora politica. Alcmeone, Platone,
Corpus Hippocraticum”, in Elenchos 3 (1982), 219-236, bes, 221ff. Vel.ders.,
“Pathologie er analogie polirique”, in È LASSERRE/Ph. Mupry (Hg), Formes de
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)in der weiteren Entwicklung des medizinischen Denkens eine
besondere Rolle spielen sollte: Es ist die Frage, wie die Veränderung, die den Übergang von Gesundheit zu Krankheit markiert, vor sich geht und wie der Vorgang zu bewerten ist.
Für Alkmaion ist die Veränderung von Gesundheit zu Krankheit ein Wandel, der durch Maßüberschreitung zustandekommr,
wobei das aktive Element in der Krankheit liegt. Sprachlich zeigt
sich dies darin, daß die Krankheit durch eine motyots zustande
kommt (die Monarchie/Alleinherrschaft ist das Wirkende: cornruchy — edoporrotóv, hervorbringend — verderbend). Hier ist
also ein Bereich des Handelns beschrieben. Durch eine krankheitsbewirkende Aktion kommt eine Unordnung, eine Norm-
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dic wiederherbcigefiihrre Gesundheit einem neuen Zustand entspricht, hier nicht vorhanden ist. Gerade dies weist auf einen
wichtigen Punkt hin: den zeitlichen Standort dieser Bewuftseinsstufe, die sich bei Alkmaion niedergeschlagen hat.
Die Charakterisierung der Veränderung, die sich im Verlauf
des Krankheirsgeschehens ereignet, läßt sich am Beispiel der
Vorstellung von Apostase und Apokrise weiterverfolgen. Daß
die übermäßige Menge oder Ansammlung eines am Geschehen
in der Physis des Einzelnen beteiligten Faktors zur Absonderung
und Krise führt, ist in den medizinischen Schriften des CH fast
schon ein Allgemeinplatz. Nichtsdestoweniger lassen sich in
der Art und Weise, wie die Apostase oder Apokrise beschrieben
bendes Element deutlich durch die Gegeniiberstellung von ro
wird, welche Faktoren zu der damit verbundenen Veränderung
beitragen und vor allem, wie die Veränderung bewerter wird,
Unterschiede erkennen, die auch auf darin zum Ausdruck
nruehv —— auvertiany (hervorbringend — bewahrend) ausgekommende cthische Vorstellungen hinweisen.
überschreitung zustande. Dagegen ist die Gesundheit definiert
als symmetrische Krasis der Kräfte, deren dauerndes und bleidrückt wird. Wenn auch in dem Gedanken des gemeinsamen
Maßes als der Grundlage des ausgewogenen Verhältnisses eine
gewisse Dynamik innerhalb des Körpers möglich ist, so doch
nicht mehr in der Wirkung nach außen. Denn die Gesundheit
generiert keinen neuen Zustand, sondern bewahrt und verlängert
den gegenwärtigen Zustand, der durch die erhische Bewertung
der Gesundheit als des guten und richtigen Zustandes ausgezeichnet ist. Der Vorstellung von Gesundheit als eines Zustandes steht derjenige von Krankheit als eines Bereiches des Handelns gegenüber: Durch die Wiederherbeiführung der Gesundheit
und die Überwindung der Normüberschreitung ist das eingreifende und verändernde Element dieses Bereiches charakterisiert.
Das Verhalten des krankheitsbewirkenden Flementes zeigt so eine
Ambivalenz: einerseits verbunden mit der moralisch negativen
Charakterisierung (durch das Herbeiführen einer von der Gesundheit abweichenden Struktur), andererseits als Übergang zu
einer neuen Normalität#, wobei allerdings die Vorstellung, daß
5
2° Vel. dazu B, WALDENFEIS, a.a.0.(= Anm, 2), GL mic Bezug auf M, Merleauonty.
So spricht der Autor des 1. Epidemienbuches von guten und
schlechten Apostasen (Epid.1, 11): Gute (xaààc anrostacias)
sind solche, die schnell zur Krise führen und eine schnelle
Wiederherstellung der Gesundheit anzeigen, schlechte (xaxúc
¿roo=acioc) sind solche, bei denen die Krise nicht stattfindet,
stattdessen die Apostase andauert, weil keine Pepsis stattfindet
und somit Krankheit, Tod und Rückfall eintreten?”. In diesem
Zusammenhang des Erkennens von guten und schlechten Apostasen nennt der Autor auch das Ziel der Behandlung: Niitzen
oder wenigstens nicht Schaden (wpedéery 7 un Prarnrewv). Die
richtige Bewertung der Apostase ist also Teil der alltagsethischen
Handlungsmaxime in der Medizin.
Der Autor der Schrift De natura hominis etwa sieht die entscheidenden Konstituenten des Körpers in den 4 Säften, deren
Verhältnis zueinander Gesundheit und Krankheit (%Ay0c) bestimmen (De natura hominis 4). Der höchste Grad an Gesundheit
7 Vgl. Epid. 1,23: ebenfalls zu dem Unterschied von guten und schlechten
Apostasen und Krisen. Vgl. dazu grundsätzlich V. LANGHOLF, Medical Theories
in Hippocrates, Early Texts and the ‘Epidemics’ (Berlin 1990).
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)wird erreicht, wenn die Säfte nach Maß und Menge, nach
Qualität und Quantität im richtigen Verhältnis zueinander
stehen und am besten gemischt sind. Schmerz und Krankheit
entstehen, wenn ein Saft im Unrer- oder Übermaß vorhanden
ist, sich absondert und für sich ist: nerin-usıc und Arönpierc
beschreiben diesen Vorgang.
Auch hier definiert sich Gesundheit als richtige Proportion, als
Gleichgewicht, die ausgeglichene Mischung ist Maß und Norm,
während Krankheit durch Maßüberschreitung entsteht.
Als Therapie wird empfohlen, eine Überfüllung mit Entleerung
und umgekehrt zu beantworten, eine Inaktivität durch Aktivität
etc. (De natura hominis 9). Die Anwort durch Anwendung des
Gegensatzes führt den Ausgleich herbei und damit erneut ein
Gleichgewicht.
Die Überlegung, daß auch eine Veränderung zum Guten hin
durch eine Absonderung einsetzen könne, so etwa im 1. Epidemienbuch für eine schnelle Apostase formuliert, findet sich in
dieser Gleichgewichtskonzeption nicht. Dies könnte auch damit
zusammenhängen, daß der Autor jede Form der schnellen und
plötzlichen Veränderung, wie erwa eine schnelle Umstellung
der Ernährung aus Therapiegründen ablehnr?. Jedoch ist auch
seine Vorstellung von Gesundheit, die proportionale Mischung
der Säfte, nicht statisch: Entsprechend dem Alter, den Jahreszeiten und der Konstitution soll die Ernährung angepaßt werden,
um optimale Gesundheit zu erzielen. Der Autor impliziert also
durchaus unterschiedliche Grade von Gesundheir®,
Unter dem Aspekt von Maßverfehlung und Maßüberschreitung
beschreibt auch der Autor von De vetere medicina Krankheir
und Gesundheit (VA 3): Entsprechend der menschlichen Natur
muß die Nahrung gemischt werden, das zu starke und ungemischte mit dem Schwächeren, um Gesundheit zu gewährleisten,
Ungemischte, zu starke Nahrung führt ebenso zu Schmerz.
Krankheit und Tod wie Absonderungen im Körper: Durch beides wird das Maß verfehlt".
Diese Dynamik des Ausgleichs wird in De vetere medicina,
im Unterschied zu De natura hominis oder auch dem ersten
Epidemienbuch, nicht nur auf die Behandlung von Krankheiten
bezogen, sondern ist für den Autor von De vetere medicina auch
ein wesentliches Merkmal für Gesundheir*?, Desgleichen herrscht
bei Gesundheit im Körper Kampf zwischen den Qualitäten
(De vetere medicina 16; 17). Sowohl Krankheit als auch Gesundheir unterliegen demnach Regeln des Ausgleichs: Jedoch
nicht die Säfte bewirken hier Veränderungen, sondern die Veränderungen der Mischungsverhältnisse geschehen durch qualitacives Übermaß (zu scharf, zu salzig, zu bitter). Das Maß für
den Ausgleich als Norm für Gesundheit ist kein absolutes: die
individuelle Konstitution, vor allem die individuelle Wahrnchmung, die als0eatg toh caros (De vetere medicina 9) be
stimmt das Maß, das die Mischung als Gesundheit für den
Einzelnen definiert?.
Vergleicht man die verschiedenen Beispiele, dann zeigt sich,
neben der allgemeinen bekannten Bewertung von Gesundheir
als gut und Krankheit als schlecht, daß der dahintersrehende
Gedanke der Maßverfehlung am Anfang des 5. Jahrhunderts
mit einem statischen Gesundheitskonzept verbunden und die
eigentliche Dynamik im Bereich der Krankheit lokalisiert wird.
Diese klare Unterscheidung von Krankheit und Gesundheit verändert sich in späterer Zeit: Der Gedanke der Maßverfehlung
wird variiert, Gesundheit wird nicht mehr als ein Zustand
3 Vol. De verere medicina 12: Der xougés wird verfehlt; 14,4fE(= p. 136.14ft.
Jouanna) zur Absonderung; vgl. J. JoUANNAs Kommentar ad loc. tu den causes
externes’ und ‘internes für die Absonderung, in Hippocrate IL, 1: De l'ancienne
Jouanna): 1.1.0, (= Anm. 24), 256£. ad loc.
® De natura hominis 16,2 (= p. 206,11 Jonanna): ueydar 4 potafiors,
*” Dazu ausführlich G. WÖHRLE, a.a.O. (= Anm. 14), GOLF.
u
médecine (CUF, Varis 1990), 186.
32 So auch J. JOUANNA in seinem Kommentar zu De vetere medicina, 3.2.0.
(= Anm. 31), 180; vgl.Ders., Einführung zu De natura hominis, 2.2.0. (= Anm.
24), 51 mit Anm.2.
%% Komm. von J. JOUANNA zu De natura hominis 4 (= p. 172,15-174,10
151
MENSCHENBILD UND NORMWANDEL
|
|
_.
3 Zu den sich hieraus ergebenden Unterschieden zwischen dieser für die
Medizin spezifischen Ausformung des atotencc-Begriffs und dem viel allgemeineren zioßenrs-Regriff der zeitgenössischen Philosophie vgl. W. WALDSTEIN, Rez,
zu Verf. (1993 = Anm. 48), ZRG 113 (1996), 45801
Pagina 7
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In dem ersten Epidemienbuch finden wir dagegen die Vorstellung,
contraria contrariis behandelt?. Bei dieser Methode der Neuen,
die Nutzen und Schaden aus den Bedingungen der 4-Sáfte und
4-Qualitäten-Lehre ableitet, soll das Gleichgewicht durch Einbringen eines Gegensatzes herbeigeführt werden. Das hält der
Autor von De vetere medicina fiir viel zu schematisch, um der
individuellen Bedingung gerecht zu werden. Er hält vielmehr
eine Steigerung der individuellen Kräfte für das Richtige. In
dieser Hinsicht vergleichbar ist die Meinung des Aurors De
acutis: Das roc nai 6p0G rarely soll sich an dem sup.pépov
orientieren (c. 28), das für die Gesundheit des einzelnen gilr.
Dies ist das Maß, an dem sich die diitetische Therapie auch im
Krankheitsfall zu orienticren hat: ein relatives und vor allem
daß auch das Normüberschreitende gut sein kann und in De
individuelles Maß.
betrachtet, sondern hat eine eigene Dynamik wie Krankheit
auchó%,
Die wichtigste Veränderung jedoch ist in der Vorstellung von
Maß zu sehen: Das Maß für Gesundheit und Krankheit wird
individualisiert, nach Situation und Augenblick definiert.
Fiir die Frage nach damit verbundenen Werturteilen, also dem
moralischen Kontext, ergibt sich aus dem Vergleich der Einschiitzung bei Alkmaion mit den später im 5. Jahrhundert schreibenden Autoren des CH eine erkennbare Entwicklungslinie.
Bei Alkmaion stehen sich Norm und Normüberschreitung
deutlich gegenüber: nur Krankheit ist das Normiiberschreitende.
vetere medicina ist das Maß, das den Unterschied zwischen
Krankheit und Gesundheit definiert und damit eine Maßverfehlung bzw. Normüberschreitung anzeigt, ganz in die Abhängigkeit von der individuellen Situation gelegt.
Es hat ganz offensichtlich eine Diskussion um die richtigen
Methoden und Therapien in der Medizin des 5. Jahrhunderts
gegeben®. Diese kreist in den älteren Schriften des CH vor
allem um den Stellenwert der Empirie einerseits und naturphilosophischer Konzepte andererseits. Bei denjenigen Autoren,
die ihre Überlegungen auf eigene empirische Erfahrungen
stützen, finder besonders die Diárerik Berücksichtigung, die entweder als uralte medizinische téyvq (De vetere medicina) oder als
neue und eigene Therapiemethode (De victu /De acutis) präsentiert wird”. Der Autor von De vetere medicina stellt hierbei seine,
an der individuellen Situation des einzelnen orientierte Diäretik der sog.neuen Methode gegenüber, die nach dem Prinzip
36 Ausführlich dazu G. WOHRLE, 2.2.0. (=Anm. 14), GOfÉ
ist, zeigt sich im Zusammenhang der aus der individuellen
Situation heraus definierten Normüberschreirung eine Relativierung der ethischen Bewertungen, d.h. dessen. was als gut
oder schlecht im Bereich von Krankheit und Gesundheit be-
2. Normwandel
# Grundlegend dazu J. KOLLESCH, a.a.O. (= Anm. 12).
=
Vgl. dazu MIL ciner Übersicht . LONGR GG, Greek Rationa
Während noch bei Alkmaion die erhische Bewertung vor
allem durch die Verwendung der politischen Termini eindeutig
ledicine
zeichnet wird.
Die deurlichste Formulierung finder sich in De vetere medicina 20, wo der Autor das Beispiel der sehr unterschiedlichen
Verträglichkeit von Käse anführt, um zu belegen, daß die individuelle Konstitution, worunter für ihn auch anatomische Gegebenheiten fallen, und xo1p4¢ für jeweils den einzelnen über
Nurzen und Schaden. Gesundheit und Krankheit entscheiden.
Linen anderen, wenn auch unter dem Aspekt der Relativierung der Werte vergleichbaren Standpunkt vertritt der Autor von
De arte, wenn er die Grenze zwischen Nutzen und Schaden für
den Parienten, nämlich das óp0ó», beschreibt.
Der Autor erläutert dies ausführlich anhand der Frage, ob
aussichtslose Fälle behandelt werden sollen. Die Behandlung
von aussichtslosen Fällen wird strikt abgelehnt. Kratos, also die
37 Zu dem Prinzip contraria contrariis vgl. De natura hominis 9,1H.(= p. 188,
3ff. Joanna).
Pagina 8
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Frage von Herrschaft und Macht, gibt den Ausschlag darüber,
keine absoluten, ethischen Werte, somit sind auch Krankheit
und Gesundheit nur relativ zu definieren, wie es ja in den
Dissoi logoi ganz deutlich ausgesprochen wird”.
Eine kritische Gegenposition zu diesen ethischen Vorstellungen
ist z.B. in De victu (1, 24) zu lesen. Der Autor stellt eine Verderbnis der Sitten in der Palaistra fest und verbindet dies sofort
mit der Relativierung der ethischen Werte, u.a gerecht/unge-
134
wie das 6p06v, also Schaden und Nutzen für den Kranken
definiert werden. Wenn die Krankheit stärker ist, dann bestehe
kein Nutzen in einer Behandlung”. Der Gesichtspunkt der
Leidensminderung wird hier dem Gesichtspunkt des Erfolges
untergeordnet. Eine erfolglose Behandlung, d.h. eine Behandlung. die nicht zur Gesundheit führt, ist nutzlos. Es ist also
letztendlich die Macht und Herrschaft über die Natur des
Menschen, sei es die Herrschaft der Krankheit über den Menschen
135
recht, häßlich/schön, schlecht/gutf!, Über die Unwissenden,
Schaden bestimmen. So wird auch deutlich, welcher Kairos
d.h. das Volk, sagt der Autor von De vietu, sie urteilten von
Situation zu Situation verschieden, unterschieden nicht das
Wahre und das Richtige, sondern verhielten sich “bald so, bald
den Einsatz der Techne bestimmt. Das Interesse des Arztes ist
so’. Auch hier kritisiert er deutlich eine Relativierung der ethiauf den Erfolg gerichtet, der darin liegt, daß die medizinische
Techne klar und eindeutig eine Gesundung bewirkt. Dieses Inschen Werte, die er für sich jedoch nicht teilt.
teresse ist demjenigen des Kranken, das durchaus auch in einer
3, Normwandel und Menschenbild
bloßen Leidensminderung bestehen kann, übergeordner.
Anhaltspunkte für die Beantwortung der Frage, womit dieser
fesezustellende Normwandel zusammenhängen könnte und wo
die Gründe zu lokalisieren wären, lassen sich aus den medizinischen Schriften dieser Zeit finden,
Sowohl bei Alkmaion als auch vielen der medizinischen
Autoren, dic auf die moralische Wertung der Vorstellung von
oder diejenige des Arztes über den Menschen, die Nutzen und
Auch hier zeigt sich, wie die Normen gut/schlecht, richtig/
falsch, das Prinzip von Nutzen und Schaden relativiert werden:
Erst der Erfolg des Arztes in der Alltagsrealität definiert sie. De
arte 13 zeigt diesen Zusammenhang sehr deutlich: Die Taten,
die die Masse, also die Öffentlichkeit, sehen kann, bestimmen die
Realität der medizinischen Techne und entscheiden darüber, wie
in diesem Fall Nutzen und Schaden definiert werden können.
Die Relativierung der Werte läßt sich auch vergleichen mit
den sophistischen Argumentationen etwa der Dissoi logoí. In
dieser Schrift werden die üblichen, das Handeln im Alltag prägenden Werte einander gegenüber gestellt: gut/schlecht, schön/
häßlich, gerecht/ungerecht, wahr/falsch. Als entscheidend für
die Bewertung im Sinne eines der jeweiligen Gegensätze wird
der xowpóc hervorgehoben”. Auch hier ist deutlich, daß die
Situationsbedingtheit der ärztlichen Entscheidung, die die Dissoi logoi erwähnen, auf der Relativität der Werte beruht. Es gibt
M Dissoi logei, Vorsokr. 90, 1,16: meg! dyallar zul xaxòi.
4 Wie der Autor der Dissoi fogoi Kap. 3: zzgl dixalou zul ¿Suero bezieht der
Autor von de siete auch die Schauspielkunst in diese Erörterung mit ein.
#2 De vietu 1, 12 (= p. 136,13-14 Joly).
3 Vorstellungen von Veviinderung im Bereich der Moral im 5.Jh. untersuchen,
allerdings nich: von den medizinischen Schriften ausgehend, auch A. ADKINS, Merit
and Responsibility (Oxford 1960), 211ff, 235ff,; L. Prarson, Popular Ethies in
Ancient Greece (Stanford 1962), 1721É, die dies jedoch mic den Erfahrungen des
Peloponnesischen Krieges und den sich seit den 20iger Jahren des 5.Jh.s ihrer
Ansicht nach abzeichnenden Tendenzen zu einer sog. radikalen Demokratie verbinden. Ein ähnliches Muster legt auch WR. Connor, The New Politicians of FifthCentury Athens (Princeton 1971), 87IE zugrunde. Zu der methodischen Problematik,
die darin liege, solche fesrgesrellten Veränderungen mir dem Einfluß der sophistischen
bzw. der darauf aufbauenden Therapie zu finden auch in: De retere medicina 19;
Rhetoren zu verbinden (so etwa E. Donns, Die Griechen und das Irrationale [Darmstadr 1970] oder auch G.B. Kerrero, The Sophistie Movement (Cambridge 1981],
831), vel. Ch. SCHUBERT, 2.2.0, (= Aum. 48), 47 mit Aum. 76. Vgl. dazu speziell
auch EL], Grurke, “Die klassische Polisgesellschaft in der Perspektive griechischer
De victu \, 2; 7; De acut. 9.
Philosophen”, in Saeentem 36 (1985), 133-150.
M8 De arte B.
32 Kairos als eruscheidendes Kriterium, um den Nurzen in einer Prognose
Pagina 9
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Krankheit und Gesundheit eingehen, begegnen im gleichen Kontext Sprachwendungen und Termini aus dem politischen Bereich. Mit den Bildern und Verdeutlichungen, die dabei intennis des Richtigen, des öp0%6v, führen soll, wird als Dokimasie beund der Pflege des Familienkultes zum Ausdruck. Die politische
Bedeutung der Dokimasie über die reine Routine hinaus har sich
in den Jahren nach dem Sturz der Tyrannis der 30 in Athen erwiesen. Aus dem Corpus des Lysias sind allein vier Reden erhalten, die sich auf Dokimasie-Verfahren beziehen und die von
der Disqualifizierung wegen des Vorwurfes der Kooperation
mit den Tyrannen handeln*?.
Diese Bezugnahme auf eine aktuelle politische Konzeption läßt
sich natürlich auch schon bei Alkmaion feststellen. Die Vorstellung von der Tyrannis als der normüberschreitenden Handlung und der Isonomie als dem normbewahrenden Zustand
zeichnet.
zeigt, daß die Isonomie noch nicht unter dem Gesichtspunkt
dierr sind, werden dabei auch ganz bestimmte Erfahrungen aus
politischen Situationen in den Kontext hineingebrache*,
Eine der auffälligsten Stellen stammt aus dem 6. Buch der
Epidemien (6.3.12), an der der Autor sich zu dem methodischen Vorgehen eines Arztes äußert: Der richtige Weg sei es, aus
dem Vergleich von Ähnlichkeiten und Unterschieden Zusammengehöriges zu ermitteln. Der Auswahlprozeß, der zur Erkennt-
Die Dokimasie, die Überprüfung der Amtshewerber vor ihrem
eigentlichen Amtsantritt, ist für diese Zeit nur aus der atrischen
Demokratie bekannt. Ein attisches Volksgericht harte alle Bewerber um ein Amt daraufhin zu prüfen, ob sie gute attische
Bürger waren, die ihren familiären, religiösen und militärischen
Pflichten bis dahin nachgekommen waren*. Dies war einerseits eine formale Überprüfung, da keinerlei Fähigkeiten geprüft wurden, sondern die rein formalen Qualifikationen wie
Bürgerrecht, Alter etc. Aber es heißt auch, daß ein Bürger
wegen der Unwürdigkeit, ein Amt zu bekleiden, in der Dokimasie abgelehnt werden konnte“. Der allgemeine moralische
Bezug kommt in den Fragen nach der Achtung vor den Eltern
14 Dazu G. CAMBIANO, a.a.O. (= Anm. 25), mit den verschiedensten Beispielen für die Übertragung von Termini, die mit politischer Machtausübung
zusammenhängen (zpareiv, Sivayes etc.); vgl. auch G. WÖHRLE, 2.2.0. (= Anm.
14), SIÉ
45 Arist, Ath, 45: Dokimasie der zukünftigen Bouleuten und Archonten
durch die Boule; 49: Dokimasie der Ritter einschließlich einer Überprüfung der
Pferde; 55: Dokimasie aller anderen Beamten durch ein Dikasterion; vgl. dazu
ausführlich M.H. HANSEN, Die athenische Demakratie im Zeitalter des Demosthenes (Berlin 1995), 226f.; PJ. RHODES, A Commentary on the Aristotelian Athe-
137
einer neuen Ordnung gesehen wird, sondern im Gegenteil als
Zustandsbeschreibung. Das bedeutet, daß sie als Wiederherstellung eines, der Alleinherrschaft vorhergehenden Zustandes
aufgefaßt wird, der die Normabweichung der Tyrannis beseitigt.
Schließlich läßt dies auch erkennen, daß man zwar zu Beginn
dieser Entwicklung die Normabweichung erkannt hat, jedoch
die Veränderung nicht als Einleitung zu einer politischen und
gesellschaftlichen Neubegründung verstanden hat, sondern als
die Wiederherstellung eines älteren, bereits vorher bestehenden
Zustandes. Umgekehrt ist nämlich dann die Einschätzung, die im
Verlauf der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts, als die Diskussion um die neuen Werte der Demokratie einsetzt, im Bewußtsein vieler sich festsetzt: Die Demokratie, d.h. ihr handelndes
Subjekt, der attische Demos, ist es, der die Normen überschreitet, der sich als Alleinherrscher über alle anderen Teile der
Polis erhebt.
In Herodots Verfassungsdeharte stehen sich diese beiden Vorstellungen dann gegenüber (3, 80-82). Oranes, der für die Isonomie plädiert, sieht dieses normüberschreitende Element in dem
Verhalten des Tyrannen, dic Herrschaft des Volkes dagegen wird
naion Politeia (Oxford 1981), 472, 542; M. CHAMBERS (Hg.), Aristoteles. Staat
der Athener (Berlin 1990), 35Gf., 386€: bis zur Einrichtung der Dikasterien (vermutlich 462) lag die Überprüfung der Kandidaten für die Boule ausschließlich
in den Händen des Rates.
6 Lys. 16,9.
Lys. 16; 25; 26; 31.
18 Vel. dazu Ch. Scuupert, Die Macht des Volkes und die Olmmacht des
Denkens, Historia Einzelschriften 77 (Stuttgart 1993), 20-68.
Pagina 10
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)als Zustand der gleichmäßigen Berücksichtigung und Verteilung
Gegensatz Hellenen — Barbaren bzw. Europa — Asien stilider Interessen beschrieben®. Dagegen beschreibt Megabyzos. der
siert.
138
die Einführung einer Oligarchie befürwortet, die Demokrarie
als Form des tyrannischen, sich selbst überhebenden Hochmutes,
der alle Normen überschreitet. Die Bindung dieser Sichtweise
an ethische Normen kommt im Kernsatz. seine Rede deutlich
zum Ausdruck (3, 81, 2: obre si: xurdv odStv odi’ oleo»).
Das Volk sieht das Gute nicht, noch har es es von Haus aus. Es
kann also das Gute, d.h. gutes und richtiges Verhalten und
Handeln, weder erkennen noch hat es die dazu befähigenden
Anlagen von Geburt und Herkommen. Demnach ist es blind
für die Norm und wird sich in seiner Zügellosigkeit dagegen
vergehen.
Die Entwicklung der Isonomie zur Demokratie steht in enger
Verbindung mit der Auseinandersetzung zwischen Hellenen und
Eine wichtige Stellung für das Verständnis dieser Auseinanderserzung nimmt die kulturtheoretische Schrift De aeribus ein,
die sich speziell mit dem Gegensatz zwischen Asien und Europa
auseinandersetzt. In Kap. 12 beschreibt der Autor das Klima in
einem bestimmten, durch seine Mittellage gekennzeichneten
Landstrich in Asien als ein ausgewogenes. Dieses Klima prägt
nach seinen Vorstellungen den sanften, kultivierten Charakter
und die guren Sitten der Einwohner. Auch ihre körperliche
Schönheit ist durch das Klima bedingt, jedoch kombiniert
auch mit Schlaffheit und Feigheit. Europa dagegen, wie der Autor
in Kap. 16 und auch in den Schlußkapireln 23/24 ausführt, ist
gekennzeichnet durch große Schwankungen des Klimas (ustxBorzi), die Psyche und Soma prägen: Er spricht von einem
eines neuen Selbstbewußtseins in Athen, das sich in der erfolgwilden Temperament, Leidenschaft und Tollkühnheit, Arbeitsamkeit und besonders ausgeprägten Fähigkeiten in Bezug auf
die téyva5!. Damir charakterisiert er den von ihm beschriebenen Menschentyp sowohl von seinen rationalen als auch seireichen Abwehr und Bekämpfung der Perser entwickelt und
nen irrationalen Anteilen her.
bestätigt hat. Daß es sich hier um erwas grundsätzlich Neues
handelte, darauf deutet vor allem der Niederschlag hin, den die
Besonders prägend ist die é£utluia®?, deren Bedeutung der
Autor in c. 24,9-10 ausführlich beschreibt: Diese Menschen
haben einen scharfen Sinn für die reyvaı, ihre oúveo:s ist ausgeprägter als bei anderen Menschentypen (24,10 = p. 82,11-12
Persern. Der Kampf gegen die persische Tyrannis, die Bewährung im Krieg trotz der schlechteren Voraussetzungen, das mannhafte Ertragen von Armut und Härten sind die Charakteristika
Auseinandersetzung zwischen alter und neuer Ordnung in den
Eumeniden des Aischylos gefunden har. Die Auseinanderserzung mit den Persern war das entscheidende Moment in der
Entwicklung des demokratischen Bewuftseins in Athen. Einerseits war die persische Tyrannis das perfekte Gegenbild, an dem
sich das neue Selbstbewußtsein des actischen Volkes hochstilisieren konnte, und andererseits gaben die Siege iiber die Perser den
Athenern und ihrer im griechischen Raum neuartigen Verfassung
Diller: &¢ te tus réyvac dÉurépous re xai Euverorépouc). Jedoch
ihre Arbeitsamkeit, also gerade das Gebiet, in dem sic diesen
Sinn für die téyvo. praktizieren, ist gekennzeichnet von heftiger
Leidenschaftlichkeir®?, Die gleiche Polarität legt die Schrift bei
der Beschreibung von ethischen Verhalrensweisen zugr unde: In
ihren Sitten zeichnen sich die Einwohner Europas durch
die entscheidende Legitimation. So wurde gerade die Auseinandersetzung der Athener mit den Persern zu dem allgemeinen
sui bei ALCMAEON B 4 zu erkennenist.
* Diese Meinung entspricht ganz der älteren tsonomie-Vorstellung wie sie
% Vel. dazu Chr. Meter, Die Entstehung des Politischen bei den Griechen
(Frankfurt 1980), 144 ff
51 Line Parallele hierzu erwa bei ANTIPHON frB 1 Maidment: Über den Iribur
von Samothrake, 421 v.Chr: búnato, texydg verbunden mit dem Topos der relaciven Armut, der ionischen Abstammung und dem Tyrannenhaß.
2 Elvas: De victer 1, 36,2 (= p. 156,24 Joly); De aeribus 24, 9-10: 8E6:
in 24,%= p. 82,6 Diller); 24,10(= p. 82,9 und 12 Diller).
3 P 82,9-10 Diller: +4 ve &pyarındy HENdueto dy cH pons tH ruhen.
Pagina 11
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)&ypurvia aus und ihr Temperament ist von anmaßender, rücksichtsloser und eigensinniger Leidenschaftlichkeit geprägt”. Das
&yeurvoy ist von Diller als “Wachheit’ interpretiert worden, wodurch hier eher der intellektuelle als der irrationale Anteil dieses
Charakterzuges betont wird. Sicher ist hier unter dem Aspekt
der Unruhe (&ypés), vielleicht sogar der Unstetigkeit und Unbeständigkeit, beides intendiert. Schließlich bezeichnet der Autor
diesen Menschenschlag noch als einen mehr wilden als kultivierten Typus und insofern auch kriegerischeren??, Die hier mehrfach und für die angesprochenen Bereiche wie den intellektuellen
Bereich in den besonderen Fähigkeiten im Bereich der +£yveu, den
gesellschaftlich-sozialen Bereich in der ausgeprägten Arbeitsamkeit
und den ethischen Bereich in der &ypurvix der Sitten als prägend
bezeichnete 6€u0upia kann als Grundlage dieser polaren Struktur
betrachtet werden. So ergibt sich als Eigentiimlichkeit dieses Menschentypus, trotz seiner besonderen rationalen Fähigkeiten, ein
stärkeres Element in seinen leidenschaftlichen, irrationalen Trieben.
Zusätzlich geht der Autor von De aeribus in Kap. 16 auf die
Rolle der Verfassungen in diesem Zusammenhang ein. Er nennt
zwei entscheidende Kriterien: Das mächtig sein über sich selbst’
und das autonom sein‘. Wenn diese Bedingungen für Menschen
nicht gegeben seien, so können sie nie für sich selbst Nutzen
gewinnen und somit auch der Gemeinschaft keinen Nutzen erweisen. Wenn diese Bedingungen in Asien aber doch gegeben
seien, dann — hier nennt der Autor als Beweis die Griechen
und Barbaren in Asien — seien sie die kriegerischsten und tapfersten von allen. Den Ausschlag in einer solchen, widersprüchlichen Situation gibt, auch wenn vom Klima her betracht die
Voraussetzungen ungünstig oder überhaupt nicht gegeben sind.
der entsprechende Nomos.
141
Ein klarer Hinweis auf die politische Bezugnahme in dieser
Konzeption liegt in der Verwendung des Begriffs adtovoula”.
Dieser Begriff, der ebenso wie Isonomie einen ausschließlich
politischen Kontext hat, meint, gerade im 5. Jh., niche die Unabhängigkeit nach außen, die Freiheit von äußerer Unterdrückung, sondern vielmehr die Freiheit der Selbstbestimmung |
im Inneren eines politischen Gebildes’’. Der Gegensatz dazu
ist, wie der Autor von De aeribus immer im gleichen Kontext
deutlich sagt, die Gewaltherrschaft eines Königs oder Tyrannen
im Inneren’®. Die Autonomie gewährleistet jedoch im Inneren
der Polis auch die guten Nomoi.
In Kap. 23,8 und 24,4 (Diller) bezicht sich die Schrift De
aeribus auf den Gegensatz zwischen Nomos und Tyrannis als
konstituriv für Charakter und Moral”. Die Dynamik des Geschchens und der damit verbundenen Auseinandersetzungen beeinflussen die Normen. Aber anders als noch vor ihm Alkmaion
diesen Zusammenhang beurteilt hat, ordnet sie das dynamische
Element, das kreative Potential derjenigen politischen Verfassung,
zu. die der Despotie und Tyrannis entgegengesetzt ist. Das ist
in diesem Zusammenhang natürlich auch als Hinweis auf die
56 De aeribus 16,4 (= p. 62,13 Diller); 16,7 (= p. 64,3 Diller); 23,8 (= p.
78,5 Diller).
5’ Dazu ausführlich M.H. HANSEN, “The ‘Autonomous City-Stare”, in
M.FL Hansen/K.A. RAAFLAUB, Studies in the Ancient Greek Polis, Historia Finzelschrifren 95 (Stuttgart 1995), 21-43, bes. 26; K.A. RAAFLAUB, Die Entdeckung
der Freiheit (München 1985), 199€ Beide widerlegen die ältere Ansicht von E.).
BICKERMAN, “Auronomia, Sur un passage de Thucydide (1,144,2)”, in RIDA 5
(1958), 313-343.
58 Vel, Hor. 1,96,1; XEN. HG 3,1,20; Isoc. 4,117; DEM, 17,7-8; Arist.
Pol. 5,11, 1315 a 4-6. Da der Terminus zuerst für den Friedensvertrag 446/5
zwischen Athen und Sparta belegt ist (die Verwendung durch Pausanias 479
gegenüber Plataiai ist unsicher), ergibt sich hieraus ein terminus post quem für die
Konzeption und Abfassung von De aeribus. Zur Datierung des Begriffs Autonomia: MIE. HANSEN, 1.2.0, (= Anm. 57), 38.
4 Aypunvia: De aeribus 24,10 (= p. 82,10 Diller): td &ypunvov vi re Also;
vgl. De morbo sacro 14,3 (= p.82,43 Grensemann); rücksichtslose und eigensinnige Leidenschaftlichkeit: De aeribus 24,10 (= p. 82,10-11 Diller): rag Copy:
aulládeas wat Broyverrovac.
55 24,10 (= p. 82,11-13 Diller): vob tz 2yglon pv peséyovras à ro huépos...
yal tà rokëua «uelvnuc ebphesıs... vgl. De aeribus 23, 6 (= p. 78, UE. Diller),
5 Überhaupt ist in dieser Schrift weniger von dem Gegensatz. Griechen-Barbaren zu spüren als von dem Gegensatz Furopa-Asien im Sinne eines 2-SphärenModells, Das starre typologische Schema, das auf klaren Differenzen im klimatischgeologischen Bereich beruht, ignoriert völlig die relativ geringen klimatischen
Unterschiede zwischen weiten Bereichen Kleinasiens und Griechenlands. Vgl.
allgemein dazu: J. HEINRICHS, lonien nach Salamis (Bonn 1989).
Pagina 12
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Isonomie zu verstehen, die sich ebenso wie die Autonomie aus
dem Gegensatz zur Gewaltherrschaft definiert. Auf dem Hintergrund der ganz anderen Auffassung von der Funktion der Isonomie bei Alkmaion scheint sich hieraus zu ergeben, daß der
Autor von De aeribus in einer solchen Auseinandersetzung auch
die Ursache fiir einen Wandel in moralischer Hinsicht gesehen
hat. Herodot (5, 78) schitzt diese Entwicklung in Athen vergleichbar cin. Demnach wire die Bewährung der Athener in
ihrem Kampf gegen den Perserkönig, den Tyrannen per se, auch
als eine Form einer neuen Erfahrung einzuordnen.
Die hier zutagetretende Umbruchsituation steht im Zusammenhang mit der Ausformung konkurrierender Menschenbilder,
denen bestimmte physische, politische und moralische Wertungen zugeordnet werden. Fiir die Entwicklung der Wertvorstellungen innerhalb des medizinischen Denkens ist hier ein Anhaltspunkt dafür gegeben, den Wandel der Gesundheitskonzeption
mit der Veränderung der politischen Verhältnisse zu verbinden.
Die besondere Betonung, die der Autor von De aeribus auf die
Ansicht legt, daß die politischen Verfassungen auch die Sitten
eines Volkes prägen können, zeigt, daß nicht nur Veränderungen in diesem Bereich erkannt, sondern daß sie auch ganz bewußt mit politischen Einrichtungen verbunden wurden. Der
spezifische Nutzen, der sich aus einer isonomen bzw. demokratischen Ordnung für den einzelnen ergibt, führt zum Erfolg
dieses politischen Modells (De aeribus 23). Damit beschreibt
der Autor die Erfahrung, daß sich die attische Demokratie gegen
die Tyrannis des Perserkönigs durchsetzen konnte und baut dies
in seine Klimatheorie und Handlungsanleitung für Ärzte ein.
Obwohl De aeribus erheblich später ist als das die verändernde
Entwicklung selbst einleitende Ereignis der politischen Reform
und das für den Normwandel ausschlaggebende Kriegsgeschehen,
so weist die Schrift doch in der Gegenüberstellung konkurrierender Menschenbilder und Verhaltensweisen ebenso wie Bräuchen
und Sitten auf eine Diskussion um die Gültigkeit von Normen.
Geknüpft ist die Diskussion an die zurückliegenden Ereignisse
der konkreten Auseinandersetzung der Griechen mit den Persern
MENSCHENBILD UND NORMWANDEL
143
als dem Inbegriff der Barbaren, die ohne die politischen Veränderungen in Athen nicht zu denken wären. Hierin zeigt sich
eine Ungleichzeitigkeit zwischen dem den Umbruch einleitenden
Geschehen und dem, nach Ansicht der Autoren des 5. Jh.s dadurch bedingten Normwandel. Auf die Bedeutung des inhaltlichen Zusammenhanges dieses Prozesses mit dem Normwandel
gehr der Autor der Schrift Über die Umwelt ein: Das dynamische
Element im Handeln des von ihm beschriebenen griechischen
Menschentypes zeigt sich durch die ständige Auseinanderserzung mit der Umwelt in Erfindungsgeist, Kreativität und Wildheit dieser Menschen. Die Dynamik dieses Geschehens prägı
die ethischen Normen ebenso wie die politische Verfassung.
Die grundlegende Erfahrung ist demnach diejenige, daß der
Nomos die Physis prägen kann und daß somit auch der Bereich
von Sirten, Moral und Werten menschlichen Eingriffen unterliegt. Die Verknüpfung solcher Veränderungen von Moral und
Norm mit speziellen Verfassungen wie Tyrannis und Demokratie
gibt nicht nur einen Hinweis auf den zeitlichen Rahmen, in dem
man diese Veränderungen wahrnahm, sondern auch darauf, wo
man die Ursache für diese Veränderungen sah, die zur Erfahrung
einer Relativierung von Werten und Normen führte und die als
solche auch in das medizinische Denken Eingang fand.
Die Erfahrung einer Umbruchsituation, nämlich derjenigen
der Perserkriege und der damit zusammenhängenden Ausformung der atrischen Demokratie kann daher verbunden werden
mit der Entstehung konkurrierender Menschenbilder. Ein wesentliches Element dieser Erfahrung ist die Meinung geworden. daß
der Maßstab für moralische Normen mit der jeweiligen Verfassung zusammenhängen kann. Die dadurch bedingte, andere
Einschätzung der Verbindlichkeit von Normen steht im Zusammenhang der im letzten Drittel des 5. Jahrhunderts in vielen
Bereichen zu beobachtenden Relativierung der Werturteile, die
bei allen individuellen Unterschieden zwischen den einzelnen
Autoren sich auch bei den Medizinern zeigt.
Pagina 13
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)DISCUSSION
Ve Nutton: lt seems to me in principle hard to distinguish
between a situation where the words, like isonomia, that one
uses to describe it import the notion of something ethically
good or bad, and one where the situation itself is good or bad.
All fifth- and fourth-century writers see disease and illness as
something bad, health as something good, and many, as we
know also from Anonymus Londinensis, view health as some
mean, and illness as some alteration in that balance. Political
and under ethical concerns, in my opinion, enter only rarely,
notably in Airs, waters, and places, where the authors political
considerations require an alteration in the expected tri-parrire
145
um generelle Wertungen und Bewertungen außermoralischer
Art geht, die in Bezug stehen zu Bewertungen des menschlichen Lebens, beziehen sich diese auf einen Maßstab. In dem
von mir behandelten Zusammenhang geht es um den Maßstab
Nutzen/Schaden. Die damit verbundenen Wertungen sind
primär außermoralischer Art, also nicht in einem eigenständigen moralischen Sinn gut und schlecht, sondern beziehen sich
auf einen bestimmten Erlebens- und Erfahrungshorizont. Hierbei gewinnen sie jedoch dann auch einen moralischen Wert: So
wird Isonomie mir Vorstellungen von Gerechtigkeit verbunden, die immer auf einen moralischen Kontext hinweisen oder
es werden, wie in De aeribus mit einem Menschenbild auch
Charaktereigenschafien definiert, d.h. eine moralische Disposition, um in einer bestimmten Situation entsprechende gute
oder schlechte Handlungen ausführen zu können.
H. Flashar: Th möchte nach der ethischen Dimension im
schema. There are other instances, notably in Ancient medicine,
medizinischen Denken und im Horizont Ihrer Überlegungen
where a metaphor of conflict between powers, political or milfragen. Maßüberschreitungen und Abweichungen von festgelegten Normen werden sowohl bei Alkmaion wie in den politiitary, is used to explain the situation in the sick body. But I
would like to ask you to be more precise about the instances
where you think that descriptions of health and disease, or of
the healing process, as good or bad carry with them ethical
connotations, My question may depend on any own confusion
over the meaning of ethics in German and English, but one
needs to be careful about imposing ethical criteria where none
may have existed in the Hippocratic period.
Ch. Schubert: Die Begriffe xaxé¢ und xodós können hier
natürlich nicht im streng moralphilosophischen Sinn als
moralische Verpflichtungs- und moralische Werturteile verstanden
werden, sondern sind primär als normative Aussagen über außermoralische Werte zu verstehen.
Aber grundsätzlich gilt doch, daß moralisch richtig und
schen Zusammenhängen mit moralischen Wertungen versehen. In der Konsequenz dieses Ansatzes läge es nun, im
medizinischen Denken auch des Corpus Hippacraticum die
Abweichungen von der Norm der Gesundheit entsprechend
moralisch zu qualifizieren. Indessen scheint der Gebrauch der
Wörter xakéc und xaxdg z.B. im 1. Epidemienbuch nur den
guten oder schlechten, d.h. letalen Ausgang der Krankheit
anzuzeigen. Und in der Tar liegt es hippokratischer Anschauung wohl fern, den Patienten als solchen moralisch zu disqualifizieren. weil er krank ist. Oder ist es die Krankheit selber, die
unabhängig von ihrem "Träger entsprechend gewertet wird (vgl.
Epid. 1,5)?
falsch nie unabhängig von den Folgen der davon bestimmten
Ch. Schubert: Sie haben selbstverständlich damit recht, daß
etwa in den Epidemien sich die moralische Disqualifizierung
Handlungen im Alltagsleben zu bestimmen sind. Wenn es also
auf das Krankheitskonzept richtet und generell nicht der Arzt
Pagina 14
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)DISCUSSION
147
Eigenschaften u.a. d€00vu0¢, Suouevic, ebvouc, Gerade diese
zählen doch üblicherweise zu den sittlichen Tugenden bzw. als
den beiden Gegensätzen rechnen können, liegt natürlich nahe.
Die einschlägigen Stellen, die man für eine solche Annahme
anführen kann, sind die von A. Garzya genannte Euripides,
Suppl. 238fF. und darüberhinaus Thukydides 6,18,6. Ich würde
Suppl. 238ff. nicht quantitativ verstehen wollen, also im Sinne
einer Dreiteilung, sondern im Sinne einer Hierarchie moralischen Verhaltens. Auch Thukydides 6,18,6, wo wir die Reihe
sittlich negativ ausgezeichneten Eigenschaften. Bedeutet die Ausoablov-éoov-Tavò anpıßes haben, die zu einer ap&oız av naLdav
als derjenige betrachtet wird, der cinen Patienten moralisch
bewertet. Allerdings môchte ich in diesem Zusammenhang auf
De victu 1,36 hinweisen: Hier sagt der Autor, daß bestimmte
Charaktereigenschaften durch die Physis bedingt und keinesfalls durch die Statry zu beeinflussen seien. Er nennt als solche
sage nicht, daß wenn aus schlechter Veranlagung (Physis) einc
Krankheit erwächst, die Ursache dieser Krankheit eben die
negative Charakterdisposition ist?
A. Garzya: Vous avez esquissé avec bonheur une ligne d'évolution de l'éthique médicale en parallèle avec la politique de la
polis et sa constitution dans une perspective bipolaire: Gesundheit/Krankheit, ésonomial monarchia, etc. Ma question est
kommen sollen, meint doch wohl nicht die Einrichtung einer
Verfassung der Mirtleren im Sinne eines dritten Teils — wie
dies oft als Krwähnung eines Vorläufers der Mischverfassungstheorie interpretiert wurde —. sondern sicht das péco» als
Interessenausgleich zwischen den Gegensätzen. Darauf deutet
auch die Bezeichnung petpia... Ebyxpacig (Thukydides 8,97,2)
für diese Verfassung hin.
terminologique (en médecine et en politique) et historico-cul-
J. Pigeaud: Nous nous trouvons au coeur du probleme, si
l'on admet que la difficulté est le passage de la nature à l'éthique
turelle, également un quid medium. c'est-à-dire ce que Pon a
(l'éthique supposant une valeur).
la suivante: pourrait-on insérer dans cette perspective, à la fois
coutume d'appeler le juste milieu (<6 pésov)? Il est vrai que la
doctrine relative sera formulée par Aristote plus tard, mais l'on
sait, et Fritz Wehrli s'en occupa dans un article remarquable (MA
8 [1951], 36-62), que le philosophe fut sensible à cer égard à des
suggestions émanant de la pensée médicale, En outre, il y a
tout au début le moment décisif. que vous avez évoqué, de la
doctrine aleméonienne de la xpämc, d'un côté, et de l'autre,
plus tard, le témoignage, encore une fois, de la tragédie, Je pense
à un passage bien connu des Suppliantes d'Euripide (pièce datant
de l’année 423 4 peu près), où il est question de la UEGOTHS
comme moyen propre à sauver la cité: 244-245: totdiv dè pod
% 'v uso amber née, xó0
Low (la ‘constitutio’, un hapax sémantique dans la tragédie du V* siècle, A comparer avec Hérodote 1, 65,
4 voy viv xatentediza Köctunv) guidava byt’ kv raEn WAS.
Ch. Schubert: Die Frage, ob wir schon im 5. Jahrhundert mit
einer Vorstellung von einem uécov als einem Mittleren zwischen
Charlotte Schubert a utilisé le passage bien connu d'Alcméon;
elle a étudié les termes d’!sovopix er de cupperpia, mot qu'elle
traduit par commensurabilité. En fait, nous sommes dans une
|
situation très intéressante de ‘mesure du qualitatif”.
la
fait
qui
galénique,
solution
la
élégante,
Il existe une solution
un
dans
synthèse, si l'on peut dire, entre Aleméon et Polycléte,
passage du de temperamentis (Vorsokr. 40 A 3, I p.391). La ouupergio polycléréenne est assimilée à un péons (à une moyenne),
comme il y a cans la crase.
Pour ce qui est de Pimportance de la médecine dans la conciliation de nature et norme, nature et droit, nature et éthique
finalement, je vous rappelle l'importance d’Airs, Laux, Lieux 14,
chapitre sur les Macrocéphales, où il est dit que la nature vient
en aide au nomos: + quoi ÉvuBanrerar TH vou (14,2).
Ch. Schubert: Der Vorschlag von ]. Pigeaud, dies als das qualitative Mitrel zu verstchen. überzeugt mich sehr, denn — wie
Pagina 15
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)DISCUSSION
die Entwicklung des Symmetrie-Begriffes im 5. Jahrhundert
deutlich zeigt — können wir erkennen, wie sich ovpperpla, die
mathematische Kommensurabilität, ausdehnt von einem nur
(cf. H. Diels, Doxographi Graeci, p. 442). On peut donc se
demander, après d'autres, si les expressions toovopix et jpovapyia
peuvent être attribuées ou non à Aleméon. Le cas est encore
arithmetisch bestimmbaren Maß (einem Maß der Zahl nach)
zu einem qualitativ bestimmbaren Maß, das einen gemeinsamen
plus net pour l'emploi de l'adjectif cbujereog dans la définition
de la santé (ray dé byelav THY oúpuerpor rüv tom xpiow).
»óyos für bis dahin als inkommensurabel geltende Größen darstellt. Diese qualitativ orientierte Maßvorstellung, die in ihrem
Il avoisine l’expression zöv rot», trop récente pour être attribuée à Alcméon. De rels problèmes philologiques sont incon-
Ursprung wahrscheinlich auf die mathematische Diskussion um
tournables, même quand on sen tient au niveau de histoire
das Problem der Inkommensurabilität zurückzuführen ist, findet
des idées.
149
ihren Niederschlag auch in den älteren Schriften des CH (VM 9;
De victu 1,2, 3-4 = Joly p. 124,17-29; 3,67, 1-3 = Joly p. 194,1-
16; vgl. Nat.hom. 3,1 = Jouanna p. 170,8-172,2) und könnte
hier durch aus als ein Vorstadium zu der späteren arisrotelischen
Meson-Lehre gesehen werden.
Fl. von Staden: Für den ersten Teil Ihrer Argumentation ist das
Testimonium tiber Alkmaion zentral. Laut Ihrer Interpretation
gehören nicht nur die umstrittenen Begriffe isovopia und Lovapzia zum Wortlaut Alkmaions sondern auch route) und avv
extue. Erstens ist die doxographische Quelle des Testimoniums
Ch. Schubert: Die Verwendung des Begriffs iouvouix bei
Alkmaion dürfte nach H. Diels, Doxographi Graeci (S. 442) doch
hinlänglich sicher sein, was jedoch, worauf J. Jouanna und
H. von Staden völlig zu Recht hingewiesen haben, nicht für die
Begriffe der Symmetrie und der Monarchie gilt. Allerdings
lassen sich für die Authentizität dieser beiden Termini doch immerhin die innere Konsistenz der inhaltlichen Bezüge anführen,
die für cbppeteoc darin liegt, daß sich die xpäoic tév nore
tatsächlich nur auf cin Maß für die sehr heterogenen Faktoren
(der sogenannte Aétius Doxographus) aber sehr spät (und, wie
beziehen kann, die für Gesundheit bestimmend sind; für die
povapyía lift sich dies darin sehen, daß unter der brepBo»;
Sie wissen, ist Aétius sowieso eine äußerst problematische Quelle),
und zweitens scheint mir das Gegensatzpaar GUVEXTIXY]-TOUY TLL,
Tyrannis zu versrchen sein kann. Wenn man dies so sieht, ist
stoischen Ursprungs zu sein.
auch das Begriffspaar rorqrich-ovvextoch. das von der reinen
eines Faktors auch nur eine Art Übermacht im Sinne einer
Staden concernant le témoignage d'Alcméon sur la santé et la
Begrifflichkeit her sicher später ist als Alkmaion, kein Fremdkörper in dem Beziehungsgeflecht des Textes: rormrucn entspricht
der 6repBoX} und dem glloporotoy, avvextuch entspricht der
maladie, je voudrais
‘Gleichverreiltheit’, der isovopto und ordnet sich der Symmetrie-
J. Jouanna: Dans le sens de l'intervention de Heinrich von
rappeler les
problèmes
philologiques
importants que pose ce témoignage. Contrairement à la pré-
Konzeption zu.
sentation de H. Diels & W. Kranz, Vorsokratiker, qui rangent ce
texte sous B. Fragmente (= 24 B 4, 1 pp. 215-216), ce n'est
pas
J. Jouanna: Vous êtes Vavis que doxıpasin, employé dans le
un fragment mais une doxographie, dont le vocabulaire n'est
sixieme livre des Epidemies, est un terme politique lie A la vie
pas antérieur à Aristote (cf. par exemple suvextexyy). Par ailpublique athénienne. Avant d’en faire une évidence, il conviendrait de procéder A un détour par l'histoire de la langue, de
même que l’interprération du témoignage d'Alcméon exige un
détour par la tradition manuscrite. Il conviendrait d'examiner,
leurs le texte de la doxographie présenté dans les Vorsokratiker
comme un texte d’Aetius est une reconstruction à partir de deux
témoignages parallèles ayant chacun sa tradition manuscri
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en partant des contextes d’emploi des mots de la famille, si
d'autres domaines ne peuvent pas étre envisagés. Or, par exemple.
>
.
à
$
des mots de la famille sont employés à propos de Por que l’on
teste.
V Nutton: If my memory is correct, words like Soxuasta
and SoxdCewv are used first of things like coinage. wine, and
even horses, and do not carry any implication of the Athenian
practice of the examination of candidates for office.
H. Flashar: Ich möchte zur Frage der Dokimasie Srellung
nehmen. Das Problem ist dies, daß eine Einrichtung der hen.
schen Demokratie in einem außerattischen Text als Beispiel angeführt sein soll. Es ist in der Tat auffallend, daß das Substantiv doxyaoty im Corpus Flippoeraticum nur an der einen Stelle
im 6. Buch der Epidemien vorkommt. Aber es gibt immerhin
das Verb Soxmäteu im 1. Epidemienbuch (Il p. 678,1 Littré),
wo es ganz einfach ‘prüfen’ heißt, hier für ein Aufzeichen auf
einen tödlichen oder günstigen Krankheitsverlauf.
Vor allem im 4. Jahrhundert (in deren Mitte das 6. Epidemienbuch gehört) kann sich das Wort Soxsudlew auf verschiedene, auch nicht-politische Bereiche beziehen. Ein instruktives
Beispiel dafür ist Aristoteles, EN 3, 10, 1118 a 28, wo durch
die Wendung órep rode oi tobs ofvouc doxıudlovre; eine
stereotype Bezeichnung für berufsmässige Prüfer von Weinsorten
benannt ist. Es ist also die Frage, ob in Epid. 6 unbedingt auf
die athenische Einrichtung der Dokimasie bei der Amterbesctzung angespielt sein muß,
Ch. Schubert: Bei einer Durchsicht der bei LSJ unter doxıualeo
und Soxipacia aufgeführten Belege überwiegen insgesamt doch
die aus der politischen Soxipacia abgeleiteten Bedeutungen.
Insgesamt bedeutet doxıualeoder bei den attischen Rednern
‘fiir mündig erklärt werden’ (Lysias, 22, 9: Isokrates, 7.
37, usw.; weitere Belege in RE
V 1 [1903], 1268ff., so. Aoxıpacta).
151
Um dem Ursprung dieses speziellen Ausdrucks fiir Prüfung
náher zu kommen, ob urspriinglich als eher technischer Art
und später für eine politische Prozedur übernommen oder ob
die politischen Bezüge durch die Einführung der Prozedur
dominant und in andere Bereiche (u.a. den medizinischen)
übertragen worden sind, ist — wie Hellmut Flashar betont hat
— besonders das 1. Épidemienbuch (U p. 678,1 Litrre) wichtig:
Hier geht es darum zu prüfen, ob die beobachreten Erscheinungen zu einem plötzlichen Tod oder zu einer chronischen
Krankheit mit zu erwartendem rédlichem Ausgang führen. Erst
wenn dies durch die Prüfung ausgeschlossen werden kann, ist
eine Behandlung sinnvoll zu beginnen. Die Prüfung besteht hier
zuerst in der Grundsatzfrage, ob überhaupt behandelt werden
soll. Dies entspricht durchaus dem Inhalt der Formulierung in
Epid. 6, 3, 12 (V p. 298,8f. Littré), wo darüberhinaus auch das
&eyyac für die Ablehnung bei negativem Prüfungsergebnis auf
eine öffentlich-rechtliche Prozedur hinweist.
Die anderen, dem Literaturbestand des 5. Jahrhunderts angehörigen Stellen zu Soxpatew sind Aristophanes, Wespen 578,
wo es um die Prüfung der Zulassung zur Ephebie geht, und
Herodot 2, 38, wo es sich um die Prüfung der sakralen Reinheit
von Opferstieren handelt. Gerade diese beiden frühesten Srellen
belegen den von mir postulierten Zusammenhang der Verwendung von 3oxpacia im 6. Epidemienbuch deutlich: Einerseits
die Prüfung der bürgerlichen Zugehörigkeit (zu der die Prüfung
der Pferde als des Belegs für die Statuszugehòrigkeit der Ritter,
auf die sich Vivian Nutton bezieht, auch gehört) und andererseits die Verbindung mit dem religiösen Anspruch auf Reinheit.
Gerade letzteres ist, wie Aristoteles, Ath. 55 zeigt, immer auch ein
Kriterium für den guten, d.h. hier auch moralisch einwandfreien Bürger gewesen.
Auch die spätere technische Verwendung in EN 3, 10, 1118 a
28£. und bei der Münzprägung bezieht sich auf allgemeine öffentliche Aufsichtsfunktionen und läßt darin die politischen Ursprünge noch erkennen: Insbesondere Münzprüfung war im allgemeinen ein wichtiges politisches Herrschaftsmittel (vgl. ML 45).
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Für Aristoteles geht es in dem genannten Kapitel um die
Charakterisierung der Besonnenheit als der Mitte zwischen den
Etwas ganz anderes ist die Frage nach der Priorität, nach der
Berechtigung der “athenischen Hypothese‘. Es ist m.E. gerecht-
Extremen der Sinneswahrnehmung. Für die Möglichkeit, solche
Sinneswahrnehmungen zu differenzieren, nennt er die Weinprüfung als Beispiel. Doch auch hier — hinter dem technischen Gefertigt, unseren lirerarischen Quellenbestand aus dem 5. Jhdt.
im großen und ganzen synthetisch zu betrachten, da wir in
praktisch allen diesen Quellen (der unterschiedlichsten Gattungen) gemeinsame Grundzüge, sogenannte durchgängige Modi
des Denkens, feststellen können (z.B. in der Entwicklung des
brauch — ist die urspriingliche ethische Bedeutung dieser Priifung
noch deutlich erkennbar. Auch ZN 8, 12, 1162 a 14 verwendet
Soxuacia als Prüfung im ethischen und öffentlich relevanten
Sinn (hierbei wieder im Kontext der biirgerlichen Abstammung).
A. von Staden: Um nicht-athenische ‘lexte (d.h. die hippokratischen) zu interpretieren, haben Sie Texte, die über die
athenischen politischen Erfahrungen des 5. Jhdts v.Chr. Aussagen machen bzw, athenische Ideologie bezeugen und propagieren, benutzt. Dies mag legitim sein, aber dabei fragt sich (1)
inwiefern wir in unserer Interpretation des 5. Jhdts weiterhin
Opfer athenischer Propaganda sind, (2) ob die athenische Demokratie eine so einzigartige politische Erscheinung war, wie Sie es
dargestellt haben, und (3) weshalb Ihre arhenische Hyporhese
gerade im Hinblick auf die hippokratischen Schriften anderen
Erklärungshyporhesen überlegen ist.
Ch. Schubert: Insgesamt berrachtet ist die Entwicklung zur
und die Entstehung der Demokratie in Athen vermutlich kein
singulärer Fall gewesen (vgl. etwa ML 8). Die Besonderheit
und Bedeutung der spezifisch attischen Demokratie ergibt sich
m.E. aus dem politischen Aufstieg Athens im 5. Jhdt., d.h.
dem Erfolg dieses speziellen Modells und natürlich auch aus
dem ungeheuer eindrücklichen Niederschlag, den dies literarisch,
kunsthistorisch und intellektuell hinterlassen hat (Tragôdie,
Komödie, Philosophie, Architektur, Plastik, etc.). Finer der
153
Physis-Begrilfes und der “lechne-Konzeption). Weiterhin zeigen
Ereignisse wie der Prozeß gegen Anaxagoras und Sokrates oder
auch die Bekanntheit des Hippokrates in Arhen (seine Erwähnung im platonischen Protagoras!), daß sich die unterschiedlichen Wirklichkeitsbereiche von Philosophie, Medizin und Politik
gegenseitig wahrnahmen und auch füreinander relevant waren.
Die Frage der Priorität, die Sie aufgeworfen haben, könnte man
rein wissenssoziologisch beantworten, indem man auf die in der
Regel geringe soziale Relevanz der sogenannten Intellektuellen
(oder allgemeiner gesagt. derjenigen Gruppe verweist, die sich mit
Fragen des Wissens oder der Wissensvermittlung auscinanderserzt) für die politisch-gesellschaftliche Entwicklung hinweist, die
ihrerseits jedoch sehr deutliche Spuren in den Bereichen des Wissens. eben auch der Medizin, hinterläßr. Ich will hier keineswegs
für eine einseitige Richrung solcher Prozesse plädieren. aber daß
grundlegende politische und gesellschaftliche Umbrüche — und
daß der Fall Athen ein solcher war, läßt sich wohl kaum besrreiten — auch in literarischen bzw. wissenschaftlichen Texten, ganz
zu schweigen von solchen, die an alltäglichen Problemen orientiert sind. ihren Niederschlag finden, ist naheliegend. An den
erliuterten Beispielen des Isonomie-Begriffes und der Verwendung des ‘Terminus Dokimasie zeigt sich dies m.E. sehr konkret.
Grundzüge dieses Niederschlags ist das oft betonte Bewußtsein
Ph. Mudry: 1) Pourriez-vous préciser ce que vous entendez
exactement lorsque vous parlez de la definition de la santé chez
einer Umbruchs- und von Neuartigem geprägten Situation.
Alcméon comme d’un concept dynamique? En outre, pourriez-
Solange wir über keinen anderen vergleichbaren Quellenbevous citer quelques définitions de la santé, dans la Collection
stand verfügen, können wir kaum anders vorgehen als dies für
hippocratique par exemple, qui illustreraient cette conception
dynamique?
exemplarisch zu nehmen,
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2) Cette définition dynamique de la santé me parait être liée
exclusivement aux doctrines pathologiques humorales, qu'il
s'agisse en l'occurrence d'humeurs (sang, bile, phlegme etc.) ou
de qualités (doux, amer, froid, chaud etc.). Elle ne saurait convenir, à mon sens, à des doctrines pathologiques autres, comme
la pathologie pneumatiste ou la pathologie des solides. Quen
MENSCHENBILD UND NORMWANDEL
155
von Herrschaft (xpureiv, Suvactyc) verbunden werden, als besonders deutlichen Ausdruck des Einflusses von Entwicklungen
im politischen Bereich auf Konzepte des CH verstehen (vgl. dazu
Heraklit, Vorsokr. 22 B 53; B 80; Herodot 5, 78; speziell für
den Zusammenhang von Krieg und Physis: Thukydides, 2, 82,
2 FF).
pensez-vous?
J. Jouanna: La conception de la santé comme équilibre des
forces est une idée tout à fait présente dans la Collection hippocratique (par exemple Nature de l'homme 4,2 cité par Charlotte
Schubert: ¿rav perpicos yn talita tic rpùs Ma Suvdizioc
xai tod mn0ecc). Le terme grec Sovautc, traduit généralement
par ‘qualité’, a en grec un sens plus plein er signifie également
‘pouvoir, ‘puissance’ (cf. le verbe Ayvanzı). La qualité est souvent considérée comme agissante. Et il peut y avoir lutte entre
les qualités (cf. Airs, eaux, lieux 9 à propos de la lutte des qualiés dans les eaux mélangées). Plus que le vocabulaire de la
politique, c'est le vocabulaire de la lurte et de la guerre qui est
présent dans la conception des phénomènes biologiques à
l'époque de Phippocratisme.
Ch. Schubert: In der Definition der Dynamik schließe ich
mich den Bemerkungen von Jacques Jouanna an. In Hinsicht
auf die Unvereinbarkeit einer pneumatischen Pathologie mit
den dynamischen Konzeptionen von Gesundheit und Krankheit möchte ich auf De flatibus 7 hinweisen, wo eine solche mit
einem monistischen Ansatz kombiniert ist.
J. Jouanna hat darauf hingewiesen. wie oft die Metapher von
Kampf und Krieg im Zusammenhang mit den dynamischen
Konzepten in den Schriften des CH begegnet. Jedoch ist die
kämpferische Auseinanderseczung im Krieg dasjenige Element,
das für die Entwicklung von politischen Konzepten in der Erfahrung der Historiker und Philosophen eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt hat. Von daher würde ich die Metaphern
von Krieg und Kampf, die ja gerade auch oft mit denjenigen
UBERT, Charlotte. - Menschenbild
de Crotone (Morac
* Chez Alcméon
et morale (+ 68-13492) 121-155.t d'équilibre
en
des forces, une répartition
24 B 4), la santé est définie comme
und Normwandel in der klassischen Zeit.
symétrique des composantes de l'être, tandis que la maladie naît d’une rupture de
cette isonomie. Cette polarité santé/ maladie est traditionnellement associée à des
valeurs morales, telles que le bien / le mal, l'utile / le nuisible et politiques, comme
l'isonomie/ la tyrannie. Puis, dès a fin du 5e s. dans leoa ria=
it
ap
individualisées, sclon la situation et le
l'idéeqe ts norme, la Picone doivent êtreCette
relativisation des valeurs est la
évolution
rt à cette stricte conception
moment, et adaptées de cas en cas.
conséquence du bouleversement politique lié à la lutte contre la tyrannie perse, lors
de laquelle Athènes prend une nouvelle conscience d'elle-même et adopte un
régime démocratique.