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Gian.
PZABA,H.
\aeR
XYNEAPIA THE 16H MAÌOY 1968
ANAKOINQZEIZ MH MEAQN
MAOHMATIKA.—
Wie kamen die Pythagoreer zu dem Satz Eucl.,
Elem. II 5?*, öno Arpad Szabô**, “Avexowadty txd tot "Axaònnaizod x. DO. Bactretov.
I.
Der bisherige Stand der Forschung
II.
Meine These: II 5 ist ein Hilfssatz zu dem Beweis des hochwichtigen Satzes II 14
III.
Elemente einer pythagoreischen Theorie über die Flächenbestandteile der Parallelogramme
IV.
Wie findet man zu einem gegebenen Rechteck das flächengleiche Quadrat?
V.
Zusammenfassung
I.
Man halt den Satz «Elem.» II 5 —nach den Ergebnissen jener historischen Forschung, die heute gewissermassen als consensus doctorum
gilt
— für einen Bestandteil der altpythagoreischen Mathematik, genauer:
für einen Satz der sog. «geometrischen Algebra der Pythagoreer». Gewöhnlich wird nämlich dieser Satz zusammen mit dem unmittelbar nach ihm
folgenden, dem Satz II 6 behandelt. Diese beiden besagen:
II 5:
«Teilt man eine Strecke sowohl in gleiche als auch in un-
* ARPAD SZABO, Tlic ol Hubayépelor Eepbaaav els Thv medtacw II 5 tev
«Zroxelwvn» to} EdxAelôov;
** Mathematisches Forschungsinstitut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften - Budapest.
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AOHNQN
gleiche Abschnitte, so ist das Rechteck aus den ungleichen
Abschnitten der ganzen Strecke zusammen mit dem Quadrat
über der Strecke zwischen den Teilpunkten dem Quadrat
über der Hälfte gleich.»
und
116:
«Halbiert man eine Strecke und setzt man ihr irgendeine
Strecke gerade an, so ist das Rechteck aus der ganzen Strecke
mit Verlängerung und der Verlängerung, zusammen mit dem
Quadrat über der Hälfte, dem Quadrat über der aus der Hälfte
und der Verlängerung zusammengesetzten Strecke gleich.»
Man liest in der heute massgeblichen historischen Darstellung der
griechischen Mathematik über den Satz II 5 die Feststellung, dass dieser
sich als ein geometrisches Äquivalent für unsere algebraische Formel
bzw. für
at—-b'=(a—b).(a+b)
al=(a—b).(a+b) +b?
auffassen lässt'. Aber eigentlich besagt dasselbe auch der Satz II 6.
Wozu diese «seltsame doppelte Form»? — Es wurde versucht, dieses Rätsel
folgendermassen zu erklären’:
im Grunde wären II 5 und II6 nicht
Sätze, sondern Lösungen von Aufgaben: es handelte sich in II 5 um die
Konstruktion von zwei Strecken x und 2 deren Summe und Produkt gegeben sind, während in II 6 die Differenz und das Produkt gegeben sind.
Unter «Aufgaben»
— um deren Lösung es sich hier handeln soll — verstand man eigentlich «algebraische Aufgaben», die man erst nachträglich
in geometrisches Gewand gekleidet hätte®. Ursprünglich hätten nämlich
noch die Babylonier sich diese algebraischen Aufgaben gestellt und
gelöst; * und die Pythagoreer hätten — wie es uns versichert wird — offensichtlich die babylonischen Regeln zur L,ösung der algebraischen Systeme
geometrisch formuliert und bewiesen’.
Ablehnen muss ich diese historische Interpretation aus den folgenden Gründen:
1. Selbst wenn wir glauben, dass es eine «babylonische Algebra»
wirklich gegeben hatte
— wie O. NEUGEBAUERS Forschungen uns davon
überzeugen möchten —,auch dann hat man bisher noch mit gar keiner
konkreten Angabe wahrscheinlich machen können, dass die Griechen in
voreuklidischer Zeit eine solche Algebra wirklich gekannt hatten, geschweige denn, dass sıe dieselbe übernommen und geometrisiert hätten.
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(Die Griechen haben nicht einmal die positionelle Bezeichnungsart der
Zahlen von den Babyloniern übernommen !)
2. Jene Sätze bei EUKLID, die man gewohnt ist
— seit einer Arbeit
von P. TANNERY ° — als «algebraische Sätze in geometrischem Gewand»
anzusehen, haben mit der Algebra in der Wirklichkeit nur soviel zu tun,
dass wir
in der Tat sehr leicht unsere algebraischen Aquivalente
für diese Sätze angeben können. Aber es kann gar keine Rede davon
sein, dass diese Theoreme ursprünglich «algebraische Sätze», oder Lösungen für «algebraische Aufgaben» gewesen wären. Nein, diese sind alle
—
sowohl die Sätze, wie auch die Aufgaben
— rein geometrischen Ursprungs.
Auch II 5 ist ein rein geometrischer Satz. Wohl kann man diesen Satz
in der modernen Interpretation mit einer «algebraischen Aufgabenlösung»
vergleichen. Aber man nehme sich in acht, damit ein solcher Vergleich
den
ursprünglichen und
echt
geometrischen
Sinn
des
Satzes
nicht
verdunkle!
II.
Nach meiner historischen Interpretation ist II 5 — wie man es im
folgenden sehen wird
— ein rein geometrischer Hilfssatz zu der Lòsung
bzw. zu dem Lösungsbeweis jener ebenfalls rein geometrischen Aufgabe,
die in dem Satz II 14 folgendermassen gestellt wird:
«Ein einer gegebenen geradlinigen Figur gleiches Quadrat zu errichten».
Dass der Satz II 5 in der Tat ein Hilfssatz su dem eben genannten
II 14 ist, das ersieht man zunächst nicht bloss aus den modernen Ausgaben und Übersetzungen, in denen anlässlich des Satzes II 14 auf II 5
meistens zurückverwiesen wird, sondern noch mehr aus dem Wortlaut
des Urtextes. Denn in dem Beweisteil des Satzes II 14 wird ja der Wortlaut
von II 5 weitgehend wiederholt
— zum Zeichen dessen, dass auch der
antike Verfasser auf II 5 zurückverweisen wollte.
Ja, denkt man an die komplizierte, schwerfällige sprachliche Form
des II 5, so muss man sich unwillkürlich fragen: ist dieser Satz nicht
sozusagen ein «Fertigbauteil» zu dem anderen (II 14)? Musste der antike
Verfasser den II 5 nicht eben deswegen so kompliziert und schwerfällig
formulieren, weil er im voraus wusste, dass er das betreffende Theorem
eben in dieser, scheinbar schwerfälligen sprachlichen Form wird in dem Beweis
des II 14 am bequemsten gebrauchen können?—
Ich werde in dem fol-
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AQHNON
genden zeigen, dass zwischen den beiden Sätzen — II 5 und Il 14—in
der Tat eben dieser Zusammenhang besteht.
Aber ich möchte hier nebenbei auch darauf hinweisen, dass offenbar eine ebensolche Erklärung auch noch für andere Sätze bei EUKLID
gültig sein muss, die man bisher ähnlicherweise als Bestandteile einer
«geometrischen Algebra» erklären wollte. Der oben zitierte Satz II 6 ist
z. B. ein ebenso rein geometrischer Hilfssatz (ebenfalls ein «Fertigbauteil»)
zu dem Beweis des Satzes II 11, wie II 5 zu dem Beweis des Satzes
II 14. Der Satz II 6 sieht nur darum als ein «Spezialfall» des II 5 aus,
weil auch sein Hauptsatz, der hochinteressante II ıı (zu dessen Beweis
II 6 benutzt wird) im Grunde nur ein Spezialfall des II 14 ist. Kein Wunder, dass eben deswegen auch die Hilfssätze —II 5 und 6— zu den beiden hochwichtigen Sätzen II 14 und II 11 als Spezialfälle voneinander
aussehen.
Ja, genau auf dieselbe Weise ein rein geometrischer Hilfssatz, ein
«Fertigbauteil» ist auch der Satz II ro, den man ebenfalls zu der «geoınetrischen Algebra» hinzurechen wollte‘. Dass in der Wirklichkeit derselbe Satz (II ro) ein Hilfssatz ist, wird durch PROKLOS bezeugt‘. Wohl
wurde in diesem Fall das betreffende altpythagoreische Theorem, zu
dessen Beweis man II 10 benutzt hatte,
in EUKLIDs
«Elemente» nicht
aufgenommen, aber die moderne Forschung vermochte dasselbe Theoüber jeden Zwei— lle
— eben aufgrund der erwähnten PROKLOS-Ste
rem
fel zu rekonstruieren”.
Ich möchte jedoch in diesem Zusammenhang einstweilen nur die
Genesis des Satzes II 5 näher beleuchten. Darum muss ich in dem nächsten Kapitel vor allem an einige Elemente einer interessanten pythagoreischen Theorie über die Flächebenstandteile der Parallelogramme
erinnern.
III.
Wir wollen zunächst von jener Szene in PLATONs Dialog «Menon» (32 B-85 E) ausgehen, wonach dem ungelernten Sklaven durch
SOKRATES die Frage gestellt wird: wie verdoppelt man die Fläche jenes
Quadrats (in Quadratform), dessen Seite 2 Fuss lang ist. Mit anderen
Worten: wie lang wird die Seite jenes anderen Quadrats —als eine Zahl
ausgedrückt—, dessen Fläche das Doppelte der Fläche des gegebenen mit
2 Fuss langer Seite darstellt? —Der Sklave glaubt zunächst, dass man, um
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die Fiäche des Quadrats zu verdoppeln, seine Seite verdoppeln müsste.
Er möchte also das gesuchte Längenmass als die Zahl 4 angeben. Aber
SOKRATES zeigt ihm, sogleich nach dieser ersten Antwort, dass durch
die Verdoppelung der Seite die Fläche des Quadrats nicht verdoppelt
sondern vervierfacht wird. (Die Flache des Quadrats mit 4 Fuss langer
Seite besteht aus 16 kleinen Quadraten, wobei das Ausgangsquadrat aus
4 solchen bestand; siehe Abb. I). Der nächste Versuch des Sklaven — das
Langenmass der gesuchten Quadratseite als eine Zahl zu bestimmen —
gcht darauf hinaus, dass vielleicht das Quadrat mit 3 Fuss langer Seite
die doppelte Fläche des Quadrats mit 2 Fuss langer Seite haben könnte.
Aber SOKRATES zeigt —wieder
vermittels
einer
Zeichnung
(siehe
Abb. 2) —, dass die Fläche des Quadrats mit 3 Fuss langer Seite aus g kleinen Quadraten besteht, also keineswegs das Doppelte der ursprünglichen
Quadratfläche ist.—Es wird also in diesen beiden ersten Versuchen wohl
angedeutet, dass die Seite des Quadrats, dessen Fläche das Doppelte eines
anderen (kleineren) Quadrats mit zahlenmässig bestimmter Seite darstellt, sich
nicht als eine Zahl angeben lässt. In der Tat ist die gesuchte Quadratseite
— zu der Seite des gegebenen Quadrats
— eine der Länge nach inkommensurable Grösse. Merkwürdigerweise wird jedoch das Problem der Inkommensurabilität in unserer PLATON-Szene ausdrücklich nicht erwähnt. Anstatt dessen zeigt SOKRATES — vermittels einer neuen
Zeichnung
(Abb. 3)—, dass die Diagonale die Fläche des Quadrats in zwei untereinander gleiche gleichschenklige auflöst, und dass man eben deswegen mit der
Diagonale als Seite ein solches grösseres Quadrat konstruieren kann,
dessen Fläche — wie die Zeichnung zeigt
— gerade das Doppelte der
ursprünglichen Quadratfläche ausmacht.
Ich glaube, wir dürfen aufgrund dieser ‘Menon'-Szene zu rekonstruieren versuchen, wie einst die griechischen Mathematiker die lineare
Inkommensurabilität entdeckt haben mögen. —Es tauchte zunächst in der
Geometrie ein arithmetisches Problem auf. Man ging von einem Quadrat
aus, dessen Seite als eine Zahl gegeben war, und man wollte die Seite des
dazugehörigen anderen Quadrats mit gerade doppeltem Flächeninhalt
ebenfalls als eine Zahl angeben. Aber diese Aufgabe erwies sich
innerhalb der Arithmetik
— unter Beachtung der grundlegenden Euklidischen Definition für die « Zahl » (VII def. 2) als unlòsbar. Interessant
war jedoch dasselbe Problem auch von der Geometrie her betrachtet.
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Nachdem man nämlich eingesehen hatte, dass die Fläche eines beliebigen
Quadrats mit der Diagonale desselben als mit Seite eines grösseren Quadrats, sich verdoppeln lässt, und nachdem die Lange dieser Diagonale
— im Verhältnis zu der Seite
— sich zahlenmässig nicht bestimmen liess,
musste man wohl bald dahinterkommen dass die Diagonale des Quadrats
zu der Seite linear inkommensurabel ist, Die Entdeckung der linearen
Inkommensurabilität ging jedoch Hand in Hand mit der Erkenntnis der
quadratischen Aommensurabilität.
Die Diagonale des Quadrats ist
im
Verhältnis zu der Seite nur der Länge nach unmmessbar; nachdem sie
jedoch als Seite eines neuen Quadrats gerade die doppelte Fläche des
ursprünglichen ergibt, ist sie quadratisch messbar.— Die Schwierigkeit
der linearen Inkommensurabilität kann also auf dem Wege der quadratischen Kommensurabilität umgegangen werden.
Noch interessanter wird dieselbe ‘Menon’-Szene von historischem
Gesichtspunkt aus, wenn man bedenkt, dass das arithmetische Problem der
Quadratverdoppelung mit dem Problem der Mittleren Proportionale zwischen
einer Zahl und ihrem Doppelten Äquivalent ist'. Es muss in der Tat den
pythagoreischen Aritlımetikern der folgende Satz bekannt gewesen sein:
«Zwischen einer Zahl und ihrem Doppelten gibt es keine mittlere Proportionalzahl».
Ich erschliesse die Kenntnis dieses Satzes aus dem noch stärkeren
Satz Sectio canonis 3, der besagt:
«Zwischen zwei Zahlen in überteiligem Verhältnis — also: (n+1):n —
gibt es keine mittlere Proportionalzahl».
Nun glaube ich
— unter Berücksichtigung des eben angeführten
arıthmetischen Satzes, sowie der vorlıin erwähnten ‘Menon’ - Szene—
drei interessante Schritte in der Entwicklung der voreuklidischen Mathematik folgendermassen rekonstruieren zu dürfen:
a.) Es tauchten zunächst in der Arithmetik Probleme auf, die man
nicht lösen konnte. Man ist dann, auf dem Wege der genaueren
Untersuchung, bald dahintergekommen, dass diesse Probleme in
der Arithmetik entweder völlig unlösbar, oder nur unter gewissen
Bedingungen lösbar sind. — Ein solches unlösbares Problem der
Arithmetik war z. B. die mittlere Proportionalzahl (x) zwischen einer
Zahl und ihrem Doppelten (also zwischen a und 2a). Es war natürlich eine grosse Errungenschaft,
wenn man schon aussagen, und
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auch begründen konnte: warum es eine solche Zahl nicht geben
kann.
‘ 5.) Man hat wohl erst verhältnismässig später entdeckt, dass man
dieselben unlösbaren (oder auch nur unter gewissen Bedingungen lösbaren) arithmetischen Probleme auf geometrischem Wege leicht lösen
kann. Ist z.B. a nicht eine Zahl sondern eine beliebige gerade
Strecke, so findet man die Mittlere Proportionale (x) zwischen a
und 2a auf dem Wege, dass man mit a als Seite ein Quadrat konstruiert; die Diagonale (d) dieses Quadrats wird die gesuchte Mittlere
Proportionale (d= x), nachdem a:d=d:2a ist. Man beweist die
letztere Proportionalität mit Hilfe von ähnlichen rechtwinkligen
Dreiecken (siehe z.B. meine Abb. 3) — geseizt, dass die Verhältnisgleichheit (= Proportionalität) auch für inkommensurable Grössen definiert ist, wie z.B. in der sog. eudoxischen Definition bei EUKLID, «Elem.»
V def. 5. — Man sieht also, dass auf dieser Entwicklungsstufe die
geometrische Lösung derselben Aufgabe, die auf Stufe a.) arithmetisch unlösbar erschien, auf das engste verbunden ist
— nicht nur mit
der Kenntnis der Inkommensurabilitit, sondern auch mit derjenigen
der eudoxischen Definition der Proportionalität.
c.) Es gibt jedoch auch eine «mittlere Entwicklungsstufe» " zwischen a.) und 6.) Man kann nämlich die arithmetisch unlösbaren Probleme der Stufe a.) geometrisch auch so lösen, dass dabei weder das
Problem der Kommensurabilitit (bzw. Inkommensurabilitât) noch
die Frage der Proportionen berücksichtigt werden. Allerdings muss
man dazu die ursprüngliche Aufgabe transformieren, Man fragt z.B.
in dem vorhin behandelten Fall
nicht nach der Mittleren Proportionale zwischen einer Zahl (oder Grösse) und ihrem Doppelten,
sondern man fragt nach jener Strecke, mit deren Hilfe ein Quadrat mit
gegebener Seite (a) sich verdoppeln lässt. Diese letztere Frage ist der
vorigen (nach der Mittleren Proportionale) völlig gleichwertig; doch
braucht man nach der Transformation sich gar nicht mehr um die
Proportionen und um die Frage der Inkommensurabilität zu ktimmern. Die grosse Bedeutung dieser mittleren Entwicklungsstufe
besteht eben darin, dass die Transformation der Aufgabe die Probleme der Proportionen und der Inkommensurabilität sozusagen
ausschlatet. Vermutlich eben die Entdeckung dessen, dass die ange-
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deutete Transformation möglich ist, hat den Ausbau jener interessanten pythagoreischen ‘Fldchengeometrie’ veranlasst, die ich in dem
folgenden behandeln werde, und die man früher als «geometrische
Algebra» interpretieren wollte.
*
Nun möchte ich hier vor allem darauf hinweisen,
dass jene historische Entwicklung in drei Stufen, die ich (in den Punkten a., b. und e.)
zu konstruieren versuchte, sich in der Tat mit zahlreichen Beispielen
aus EUKLIDs
«Elementen»
illustrieren lässt.
Es seien hier
darum
zunächst drei Beispiele dafür eingefügt.
Erstes Beispiel
Stufe a) Man denke an die folgenden arithmetischen Sätze in den
«Elementen» :
IX. 16: «Sind zwei Zahlen gegeneinander prim, so ist nicht möglich,
dass, wie die erste zur zweiten, sich die zweite zu einer weiteren verhielte.»
(Sind also a und 5 relativ prim, so gibt es keinex, woraufa:b=
=b:x wäre).
IX. 18: «Bei zwei gegebenen Zahlen zu prüfen, ob es möglich ist, zu
ihnen eine Dritte Proportionale zu finden». (Also wie sollen die Zahlen
a und 5 beschaffen sein, damit man eine x finden könne, worauf
a:b=b:x ist?)
IX. 19: «Bei drei gegebenen Zahlen zu prüfen, ob es möglich ist, zu ihnen
eine Vierte Proportionale zu finden.» (Wie sollen die Zahlen a, è
und c beschaffen sein, damit man eine x finden könne, worauf
a:b=c:x ist?)
Man ersieht aus diesen Sätzen, dass es zu jener Zeit, als diese abgefasst wurden, den Arithmetikern schon bekannt war: die Aufgabe, eine Dritte Proportionale zu zwei gegebenen Zahlen, a und b
— oder eine Vierte Proportionale zu drei gebebenen Zahlen, a,b
und c— zu finden, ist nur unter gewissen Bedingungen lösbar.
Stufe 5.) Natürlich kann man dieselben in der Geometrie
— wenn a, b
und c keine Zahlen, sondern beliebige gerade Strecken sind
— immer
lösen. Eben dies wird bei EUKLID in den Sätzen VII 11 und 12
gezeigt. Doch werden die Konstruktionen der letzteren Sätze nur
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aufgrund der eudoxischen Definition der Proportionalität gültig. Denn
die gefundene Dritte bzw. Vierte Proportionale wird ja häufig eine
inkommensurable Grösse,
Stufe c.) Man kann jedoch dieselben Aufgaben — auf einer vermutlich
mittleren Entwicklungsstufe — auch ohne Rücksicht auf Proportionen
und Inkommensurabilität allgemeingültig
lösen, wenn man die folgende
Transformation vollzieht. Die Frage nach der Dritten Proportionale
zu zwei gegebenen Zahlen oder Grössen (a:5=b:x) lässt sich auch
so auffassen: gegeben ist das Quadrat bd’, und man sucht das flächengleiche Rechteck ax, dessen eine Seite (a) ebenfalls gegeben
ist. Ähnlicherweise transformiert man die Frage nach der Vierten
Proportionale (a:b==c:x): gegeben ist das Rechteck be, und man
sucht das andere flächengleiche Rechteck mit der einen gegebenen
Seite a. — Für beide Aufgaben gilt der Euklidische Satz:
I 44: «An eine gegebene Strecke ein einem gegebenen Dreieck gleiches
Parallelogramm in einem gegebenen geradlinigen Winkel anzulegen.»
{Nur zuliebe einer grösseren Allgemeingültigkeit ist in dem Wortlaut dieses Satzes die gegebene Fläche, anstatt eines Rechtecks, ein
«Dreieck»; und eben darum redet auch EUKLID anstatt des anderen Rechtecks von einem «Parallelogramm in einem gegebenen
geradlinigen Winkel».) Das ist die bekannte parabolische Flächenanlegung der Pythagoreer, bei der die Inkommensurabilitàt und die
Proportionen nicht berücksichtigt werden.
Zweites Beispiel
Stufe a.) Man beachte die beiden Sätze bei FUKLID:"
VIII 18: «Zwischen zwei ähnlichen ebenen Zahlen gibt es eine Mittlere
Proportionalzahl.»
und VIII 20: «Lässt sich zwischen zwei Zahlen eine Mittlere Proportionalzahl
einschalten, so müssen die Zahlen ähnliche ebene Zahlen sein,»
(Zugrundeliegen beiden Sätzen die Definitionen: VII def. 16 und
def. 21.) Im Sinne dieser beiden Sätze gibt es also zwischen zwei
Zahlen, a undd, nur
dann eine Mittlere Proportionalzahl, wenn
eine solche Faktorenzerlegung möglich ist: a = cd und
c:e=d:f
b=ef, wobei
ist. Wird diese Bedingung nicht erfüllt, so findet man
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keine Mittlere Proportionalzahl zwischen den beiden gegebenen
Zahlen, d.h. die betreffende Aufgabe ist arithmetisch unlösbar.
Stufe b.) Sind jedoch a und è keine Zahlen sondern beliebige gerade
Strecken, so findet man zu ilınen immer die Mittlere Proportionale
nach dem Euklidischen Satz VI 13. Doch ist die Konstruktion des
letzteren Satzes wieder
nur aufgrund der eudoxischen Definition
der Proportionalität gültig. Denn die gefundene Mittlere Proportionale wird ja häufig eine inkommensurable Grösse.
Stufe c.) Man kann dasselbe Problem auf einer «mittleren Entwicklungsstufe» mit der folgenden Transformation lösen. Die Frage nach
der Mittleren Proportionale zwischen zwei gegebenen Zahlen oder
Grössen (a:x=x:b) ist gleichwertig mit dem Problem: gegeben ist
das Rechteck ab, und man sucht dazu das flächengleiche Quadrat
(x°). — Gerade diese Aufgabe wird bei EUKLID — ohne Proportionen
und ohne Rücksicht auf die Inkommensurabilität— in dem Satz II 14
gelöst.
Drittes Beispiel
Stufe a.) Als drittes Beispiel möchte ich den sog. ‘pythagoreischen Lehrsatz’ selbst anführen. Wie bekannt, lässt sich dieser Satz arithmetisch
nur dann verifizieren, wenn die Seiten des rechtwinkligen
Dreiecks sog. ‘pythagoreische Zahltripel’ (also etwa 3,4, 5; oder
7, 24, 25 etc.) sind. Es scheint, dass die Bahnbrecher der griechischen
Mathematik in der Tat an dieser arithmetischen Verifikation interessiert waren. (Wohl darum hat man auch Regeln dafür ausgearbeitet, wie man solche “Tripel in unbeschränkter Anzahl herstellen
kann!) Nun ist also die Verifikation des ‘pythagoreischen Lehrsatzes’ wohl auch eine solche Aufgabe, die in der Arithmetik nur
unter sehr beschränkten Bedingungen lösbar ist.
Stufe b.) Allgemeingültig beweist man den ‘pythagoreischen Lehrsatz’
meistens mit Hilfe von Proportionen, indem man von dem rechten
Winkel auf die Hypotenuse das Lot fällt, und dadurch das gegebene rechtwinklige Dreieck in zwei kleinere, sowohl untereinander
wie auch zu dem ursprünglichen Dreieck ähnliche rechtwinklige
Dreiecke auflöst. Nachdem die Seiten der Ähnlichen Dreiecke unter-
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einander proportionell sind, kann man aus den
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entsprechenden
Proportionen die bekannte Formel a? + b*=c* leicht ableiten.
— Wohl
ist ein solcher Beweis bei EUKLID nicht überliefert worden. Da
jedoch eine allgemeinere Form des ‘pythagoreischen Lehrsatzes’
auch bei EUKLID (VI 31) mit Proportionen bewiesen wird, kann man
mit Recht vermuten, dass der Beweis mit Proportionen für die
gewölinliche Form desselben Satzes auch schon in voreuklidischer
Zeit wohl benutzt wurde. — Doch wird ein solcher Beweis mit Proportionen nur dann zwingend, wenn die Proportionalität auch
fiir inkommensurable Grössen irgendwie schon definiert ist. (Diese
Aufgabe erfüllt bei EUKLID die eudoxische Definition: V def. 5).
Stufe c.) Bei EUKLID wird der ‘pythagoreische Lehrsatz’ (I 47) nicht mit
Proportionen, sondern mit einer Art ‘Flachengeometrie’ bewiesen,
fiir welche dasselbe charakteristisch ist, was auch in den beiden
anderen Beispielen
die Stufe c./kennzeichnet, dass sie nämlich die
Proportionen und das Problem der Inkommensurabilität gar nich berücksichtigt. (Zu dem folgenden siehe Abb. 4) Verlängert man nämlich
das Lot (CD) von dem rechten Winkel eines allgemeinen rechtwinkligen Dreiecks auf die Hypotenuse, so wird dadurch — also
durch DE — das Quadrat auf der Hypotenuse in die beiden Rechtecke «R,» und «R,» geteilt. Dass nun «R,» = «Q,» und «R.» = «Q,»
ist, wird folgendermassen gezeigt. Die beiden schraffierten Dreiecke CAF und HAB (Abb. 5) sind offenbar kongruent; je zwei Seiten und ihr Winkel sind nämlich auf alle Fälle gleich. Das eine
Dreieck (HAB) macht dabei
die halbe Fläche von «Q,», während
das andere (CAF) die halbe Fläche von «R,» aus (vgl. den Satz I 41
bei EUKLID). Darum müssen also auch die ganzen Flächen «Q,» und
«R,» untereinander gleich sein.
— Mit ebensolchen «Hilfsdreiecken»
beweist man auch die Gleichheit von «O,» und «R,»; und addiert
man dann die beiden Teilergebnisse für «R,» und «R,», so hat man
damit den pythagoreischen Lehrsatz “flächengeometrisch’ bewiesen.
Nun hoffe ich, sowohl mit dem ‘Menon’-Beispiel wie auch mit den
danach angeführten anderen drei Beispielen im voraus wahrscheinlich
gemacht
zu
Bestandteile
haben,
dass jene ,“Flachengeometrie’, deren elementare
in
folgenden
zusammengestellt werden — also
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Stufen c.f—die Anwendung von Proportionen und das Problem der Inkommensurabilität zu beseitigen bestrebt war.
*
Wir werden die elementarsten Bestandteile jener ‘Flächengeometrie’, die bisher, nach einem Vergleich von P. TANNERY,’ als «geometrische Algebra» ausgelegt wurde, in drei Punkten überblicken.
1. Es wird sich lohnen, wieder von der Sklavenszene in PLATONs
Dialog ‘Menon’ auszugehen.
— SOKRATES zeigt dem Sklaven zunächst
ein Quadrat mit 2 Fuss langer Seite. Das gezeichnete Quadrat bestcht
also aus vier kleineren, nachdem die Seite zweigeteilt ist. Später wird
durch SOKRATES auch darauf hingewiesen, dass die Diagonale die Quadratfläche halbiert. (Siehe Abb. 6 sowohl für die Auflösung der Quadratfläche in vier kleinere Quadrate, wie auch für die Halbierung mittels
der Diagonale. Schon hier muss ich auch die triviale Tatsache hervorheben,
dass die Strecken, die die Seiten halbieren, und die Diagonale sich in einem
Punkt schneiden. Dieser Schnittpunkt der Diagonale wird in dem folgenden eine wichtige Rolle spielen.) Nun sind die beiden Arten, die Quadratfläche in kleinere Bestandteile aufzulösen — also das Teilen mittels der
Diagonale einerseits, und das Halbieren der Seiten andrerseits—, in je einer
allgemeineren Form, auch als Euklidische Sätze überliefert worden. Denn
bei EUKLID wird ja in dem Satz I 34 gerade dasselbe, was SOKRATES
über die Quadratdiagonale ausspricht, auf Parallelogramme verallgemeinert: «das Parallelogramm wird durch seine Diagonale halbiert»s.— Noch interessanter ist die Euklidische Verallgemeinerung dessen, wie man das
Quadrat durch Teilen der Seite in kleinere Flächenbestandteile auflöst.
SOKRATES ging von jenem einfachsten Fall aus, dass die Seite des
Quadrats halbiert wird; dies führt zu vier kleineren kongruenten Quadraten. Aber wie wird die Quadratfläche aufgelöst, wenn man die Seite
in zwei beliebige Segmente teilt? Gerade dies wird bei Euklid in dem
Satz II 4 behandelt:
«Teilt man eine Strecke, wie es gerade trifft, so ist das Quadrat über der
ganzen Strecke den Quadraten über den Abschnitten und zweimal dem
Rechteck aus den Abschnitten zusammen gleich».
Durch das Teilen der Quadratseite in zwei beliebige Segmente wird
also die Quadratfläche selbst in die Summe von zwei verschiedenen Qua-
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draten und von zwei kongruenten Rechtecken aufgelöst (siehe Abb. 7).—
Wohl ist dieser Euklidische Satz das geometrische Aquivalent fiir unsere
algebraische Formel fa + 6)? = a+ b' + 2ab, aber ich glaube nicht, dass
man diese ‘Tatsache in dem Sinne auslegen dürfte, als ob hier die «nachträgliche Geometrisierung eines urspriinglich algebraischen Gedankenganges» vorlige. Denn erstens kann man aus der griechischen Uberlieferung der voreuklidischen und Euklidischen Zeit die Spuren von irgendwelchen echt algebraischen Gedankengängen gar nicht nachweisen. Und
zweitens würde man durch die eben angedeutete historische Auslegung
auch den grundlegenden Unterschied zwischen
der angeführten algebraischen Formel und dem vorhin zitierten Euklidischen Satz unerlaubterweise verwischen. Schliesslich ist ja der Ausdruck (a+b)' in der Algebra
viel allgemeingültiger als der entsprechende bloss-geometrische Satz bei
EUKLID. (Der geometrische Satz ist nur eine mögliche Auslegung für die
algebraische
Formel,
die
jedoch
keineswegs
nur
«Quadrate»
und
«Rechtecke» bedeuten kann!)
2. Es lässt sich zeigen, dass die Pythagoreer den eben zitierten Satz
II 4— über die Auflösung der Quadratfläche durch das Teilen der Seite
in zwei beliebige Segmente
— auch auf Parallelogramme verallgemeinert
hatten. Ihr alter Satz hiess etwa folgendermassen (siehe Abb. 8):
«Zieht man durch einen beliebigen Punkt der Diagonale zwei Parallelen zu den beiden Seiten eines Parallelogramins, so wird dadurch
die Fläche des Parallelogramms in insgesamt vier Flächenstücke
zerlegt. Von diesen vier Flächenstücken sind zwei — die beiden ‘um
die Diagonale liegenden Parallelogramnıe’ (die leergelassenen Flächenstücke in fbb. 8) — sowohl untereinander wie auch zu dem
ursprünglichen Parallelogramm ähnlich, während die beiden
anderen Flächenstücke — die sog. zaganınowmara (schraffiert in
Abb. 8) — untereinander gleich sind».
Wohl ist dieser Satz zunächst nur meine eigene Rekonstruktion.
Man findet ihn bei EUKLID nirgends in dieser wiederhergestellten Form.
Denn EUKLID musste ihn — offenbar aus kompositorischen Gründen — in
zwei Sätze zerlegen, von denen den eine erst im Buch VI. der «Elemente»
untergebracht werden konnte. In der Tat behandelt der Satz VI 24 die
ITAA
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Ahnlichkeit der ‘um die Diagonale liegenden Parallelogramme’; zu dem vollständigen Beweis dieses Satzes ist ja die eudoxische Definition der Proportionalität im V. Buch (V def. 5) unerlässlich nötig. — Dagegen konnte
die andere Hälfte des rekonstruierten Satzes— über die Gleichheit der
Ergänzungen’ (parapleromata) — auch schon im I. Buch behandelt werden
{I 43), nachdem in diesem Fall die Proportionalitat und die Inkommensurabilität gar nicht berücksichtigt werden mussten. Der Beweis für
diesen letzteren Satz wird einfach auf dem Wege von Subtraktion der
überflüssigen Flächenstücke geführt.
-
Num muss ich hier nachdrücklich betonen, dass der von mir eben
rekonstruierte Satz eine sehr wichtige Rolle in jener ‘pythagoreischen
Flächengeometrie’ gespielt hatte, die nach P. TANNERY den unglücklichen und irreführenden Namen «geometrische Algebra» erhielt. Der Satz
über die Gleichheit der ‘parapleromata’ hat z.B. jene parabolische Flächenanlegung der Pythagoreer '* ermöglicht, auf die ich hier nochmals hinweisen möchte.
— Es wurde oben, anlässlich meines «ersten Beispiels»,
schon erwähnt, dass man die Suche nach der Vierten Proportionale zu
drei gegebenen Zahlen oder Grössen (a:b =c:x) auch so auffassen kann:
gegeben ist das Rechteck be, und man sucht dazu das andere flächengleiche Rechteck, dessen eine Seite (a) ebenfalls gegeben ist. Nun wird
diese Aufgabe bei EUKLID in dem Satz I 44 aufgrund der folgenden
Überlegung gelöst (siehe 465. 9 und 10): man fasst das gegebene Rechteck be als ein ‘parapleroma’ auf. Eine beliebige Seite des gegebenen
Rechtecks fc oder 5) und die Strecke a ergeben im ersten Schritt das
eine ‘um die Diagonale liegende Parallelogramm’ (ac oder ab). Die Verlängerung der Diagonale selbst und die Verlängerung der Rechteckseite
(coder b) ergeben im zweiten Schritt auch das andere ‘um die Diagonale liegende Parallelogramm’ (bx oder ex). Nachdem man nun das eine
‘parapleroma’ und die beiden ‘um die Diagonale liegenden Parallelogramme’ gewonnen hat, muss man nur noch das andere ‘parapleroma’
bzw. seine gesuchte Seite x hinzufügen. (Parabolisch heisst diese Art
Flächenanlegung deswegen,
weil die gegebene Fläche bc an die gegebene Strecke a angelegt wird; vgl. das Wort zagaßuhkew).
Aber es gibt auch einen anderen, wie mir scheint, noch wesentlicheren Beleg dafür, dass der vorhin rekonstruierte Satz eine sehr bedeu-
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MA’IOY
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tende Rolle in der Geometrie der Pythagoreer gespielt haben muss. Fasse
man nur noch einmal denselben Satz ins Auge. Man zieht durch einen
beliebigen Punkt der Diagonale zwei Parallelen zu den beiden Seiten
eines
Parallelogramms; es wird dadurch die gegebene Fläche in zwei
solche Flächenstücke zerlegt, die untereinander gleich, und in zwei
andere, die untereinander (und zu dem ursprünglichen Parallelogramm)
ähnlich sind.— Hat nicht eben diese, an und für sich einfache und
doch schöne Entdeckung auch zu jener berühmten altpythagoreischen Aufgabe geführt, über die PLUTARCH bei einer Gelegenheit-(Symp. VIII 2,4)
folgendermassen berichtet:
«Es gibt unter den schönsten geometrischen Theoremen, oder eher
Problemen, die folgende: gegeben sind zwei Figuren, und man soll
eine dritte konstruieren, die der einen von den gegebenen gleich
und der anderen von den gegebenen ähnlich
auch,
ist. Man sagt
dass PYTHAGORAS in seiner Freude über diese Entdeckung
sein berühmtes Opfer dargebracht hätte. Kein Zweifel, dieses Theorem ist in der Tat viel raffinierter und der Wissenschaft viel würdiger, als jenes andere, wonach das Quadrat auf der Hypotenuse
der Summe der Quadrate auf den beiden Katheten gleich ist» '.
3. Zum Schluss muss ich unter den elementaren Bestandteilen der
behandelten pythagoreischen ‘Flachengeometrie’ noch die Euklidische
Definition für den geometrischen Begriff ‘Gnomon’ anführen:
II def. 2: «In jedem Parallelogramm soll ein beliebiges der um seine Diagonale liegenden Parallelogramme zusammen mit den beiden Ergänzungen
{parapleromata} ein Gnomon heissen».
Wie man sieht, hat auch zu diesem Begriff die vorhin behandelte
Vierteilung des Parallelogramıms geführt. Man zieht nämlich durch einen
beliebigen Punkt der Diagonale zwei Parallelen zu den beiden Seiten des
Parallelogramms. Aber diesmal werden von den insgesamt vier Flächenstücken, die auf diese Weise entstehen, drei — ein beliebiges der ‘um die
Diagonale liegenden Parallelogramme’ und die beiden ‘parapleromata’
—
als «Gnomon» zusammengefasst. Zur Illustrierung zeige ich als dbb. 11
den Gnomon eines Quadrats. Die drei Bestandteile des Gnomons wurden
durch verschiedene Schraffierungen kenntlich gemacht. Ausserdem zeigt
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AGHNON
diese Abbildung auch noch, dass das ursprüngliche Quadrat (x*) diesmal
in die Summe des kleineren Quadrats (y°) und des Gnomons aufgelöst
wurde. (Mit anderen Worten: subtrahiert man das kleinere Quadrat y°
von dem grösseren x’, so bleibt ein Gnomon übrig).
Wichtig ist nun die eben angedeutete Auflösung des Quadrats fx")
in die Summe eines kleineren Quadrats (y°) und des Gnomons deswegen,
weil man dabei den Gnomon selbst sehr leicht in ein Rechteck verwandeln kann. Ja, es gibt sogar zwei verschiedene Möglichkeiten für diese
Verwandlung des Gnomons in flächengleiches Rechteck. Man kann nämlich entweder so verfahren, wie es unsere Abb. 12, oder so wie es die
Abb. 13 zeigt. In dem einen Fall fAbb. 12) bleibt bloss das eine ‘parapleroma’ an seiner ursprünglichen Stelle; dagegen wird die Fläche, die
aus dem ‘Parallelogramm um die Diagonale’ (dem kleinsten Quadrat, auf
unserer Abbildung) und dem anderen ‘parapleroma’ besteht, dem an
seiner Stelle belassenen ‘parapleroma’ als eine Art ‘Fortsetzung nach
links zu’ hinzugefügt.
— In dem anderen Fall (Abb. 13) bleiben dagegen
das eine ‘parapleroma’ und das ‘kleinste Quadrat’ an ihren urspriinglichen Stellen, und bloss das andere ‘parapleroma’ wird ihnen als ‘Fortsetzung nach links zu? hinzugefügt.
—In beiden Fällen wird die eine Seite
des konstruierten Rechtecks, das dem Gnomon flächengleich ist (schraffiert in den Abb. 12 und 13): x + y. und die andere Seite: x— y. (Zu den
Buchstaben x und y siehe auch Abb. 11). Ein Unterschied bestelt zwischen
den beiden Fällen bloss insofern: was mit dem “kleinsten Quadrat’, dem
Bestandteil des ursprünglichen Gnomons wird
? — In dem ersten Fall (Abd. 12)
scheint dieses kleinste Quadrat dem konstruierten Rechteck zu fehlen
(eine). Darum ist dies ein sog. elliptischer Fall der Flächenanlegung.
— In dem anderen Fall (Abd. 13) shiesst dasselbe kleinste Quadrat über
das Quadrat y’ hinaus («Überschuss» = OsepBo).ú). Darum ist dies ein Ayberbolischer Fall der Flächenanlegung. — Nun kann ich mich in diesem Zusammenhang mit der ‘Elleipsis’ und mit der ‘Hyperbole’ nicht eingehender
beschäftigen”. Es sei hier nur darauf hingewiesen, dass bei EUKLID in
der Konstruktion des Satzes II 5 eben die angedeutete elliptische Flächenanlegung, während in der Konstruktion des Satzes II 6 der Ayperbolische
Fall zur Anwendung kommt.
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MA'TOY
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219
IV.
Nun können wir zu dem Satz II 5, dessen Genesis hier erklärt
werden soll, zurückkommen.
Es wurde oben im Kapitel II. schon angedeutet, dass dieser ein
Hilfssatz zu dem Beweis des anderen wichtigen Satzes, II 14 ist; er wird
auch in dem Beweisteil des letzeren wörtlich zitiert. Darum fassen wir
vor allem den Satz II 14 näher ins Auge. Die in ihm behandelte Aufgabe
heisst:
«Ein einer gegebenen geradlinigen Figur gleiches Quadrat zu errichten».
EUKLID erstrebt immer die grösstmögliche Allgemeingültigkeit.
Darum geht er nicht sogleich von einem Rechteck, sondern im allgemeinen von einer «geradlinigen Figur» aus. Zuerst wird — unter Hinweis auf
den früheren Satz I 45
— die gegebene «geradlinige Figur» in Rechteck
verwandelt, und erst dann kommt der wesentliche Inhalt des II 14, der
sog. ‘tetragonismos = «das Verwandeln des Rechtecks in flächengleiches
Quadrat».
Ich habe oben, in meinem «zweiten Beispiel» schon darauf hingewiesen, dass das Verwanden eines Rechtecks in flächengleiches Quadrat
der Aufgabe die Mittlere Proportionale zwischen zwei Zahlen oder Grössen zu
finden, gleichwertig ist. Die Konstruktion der Mittleren Proportionale zu
zwei geraden Strecken wird bei EUKLID in dem Satz VI 13 behandelt.
Die beiden Sätze, VI 13 und II 14, führen also zu demselben Ergebnis
'*,
Uns interessiert jedoch
diesmal eben der Unterschied der beiden Sätze.
Das Überraschende and den Konstrukrionen in VI 13 und II 14 ist
nämlich, dass die wichtigsten Schritte in beiden Fällen auf den ersten
Anblick als völlig identisch aussehen (siehe Abb. 14). In beiden Fällen werden
zunächst die Seiten des betreffenden Rechtecks — bzw. die Strecken a und
b, zu denen man die Mittlere Proportionale sucht
— einer geraden Linie
entlang addiert. Dann halbiert man die Summe der beiden Strecken und
man schlägt mit der halben Strecke den Jlalbkreis um den Halbierungspunkt. Und schliesslich errichtet man die Senkrechte in dem Berührungspunkt der beiden Strecken a und b bis zur Peripherie des Halbkreises;
die so gewonnene Strecke d wird die gesuchte Mittlere Proportionale
zwischen a und db, bzw.
die Seite des dem ab flächengleichen Quadrats.
Beachtet man bloss die eben zusammengefassten Schritte, so wäre
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man zunächst geneigt, die beiden Konstruktionen VI 13 und II 14 für
identisch zu halten. Und doch uuterscheidet sich der Sinn derselben
Schritte in den beiden Fällen so vollkommen wie nur möglich! Die
Gedankengänge
der
beiden
Sätze,
die
sich hinter den «identischen
Schritten» stecken, sind völlig verschieden. Man überlege sich nämlich
zunächst, welchen Sinn die eben angedeuteten Schritte
— von dem Gesichtspunkt des Satzes VI 13 aus — haben müssen.
Man addiert die beiden Segmente a und è — zu denen die Mittlere
Proportionale gesucht wird —, weil man die Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks (AC, 46d. 14) bekommen will. (Man weiss dabei im voraus,
dass a und b je für sich längere Kathete bzw. kürzere Kathete von zwei
anderen rechtwinkligen Dreiecken werden!) Man halbiert das Segment
AC, und man schlägt mit der halben Strecke den Halbkreis, weil man
—
im Sinne des thaletischen Satzes — zunächst die geometrischen Stellen
aller jener rechtwinkligen Dreiecke sucht, deren Hypotenuse AC ist. Und
schliesslich wird d die gesuchte Mittlere Proportionale zwischen a und b,
weil sie kürzere Kathete des rechtwinkligen Dreiecks ABD, und zu gleicher
Zeit längere Kathete des rechtwinkligen Dreiecks BCD ist, wobei die
Dreiecke ABD und BCD untereinander ähnlich sind.—Zweifellos bildeten
eben diese Gedanken die Grundlage zu der Konstruktion in dem Satz
VI 13. Aber man findet nichts von
denselben Gedanken in der nur
scheinbar identischen Konstruktion des Satzes II 14. — Versuchen wir in
dem folgenden jene Gedankengänge zu reproduzieren, die zu der Konstruktion in dem Satz Il 14 geführt hatten '".
Soll man ein gegebenes Rechteck ab — ohne Anwendung von Proportionen
— in flächengleiches Quadrat verwandeln, so denkt man etwa
folgendermassen. Wir haben sozusagen einen Weg hinter uns zu legen.
Gegeben ist unser «Ausgangspunkt», das Rechteck ab. Das «Ziel», zu
dem wir gelangen müssen, ist das dem Rechteck ab flächengleiche
Quadrat, d’.
— Man hat das Gefühl, dass «Ausgangspunkt» und «Ziel»
ziemlich weit voneinander entfernt sind; es gibt sozusagen einen NiveauUnterschied zwischen den beiden. Könnten
«Ausgangspunkt» und «Ziel»
nicht irgendwie einander nähergebracht werden? Es wäre z.B. sogleich
etwas gemeinsames in dem «Ausgangspunkt» und in dem «Ziel», wenn
man sie beide als Zrgebnisse je einer geometrischen Operation auffassen
könnte, Wie wird nun sowohl das gegebene Rechteck ab, wie auch das
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MA'TOY
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gesuchte Quadrat d’ zum «Ergebnis je einer Operation»?
— Wir wollen
es zunächst mit dem Rechteck versuchen.
Man denke an die Subtraktion in den obigen Abbildungen 11 und 12,
Subtrahiert man von einem grösseren Quadrat x’ ein kleineres y°, so
bleibt ein “Gnomon? übrig, der jedoch sehr leicht in das Rechteck
(x +y).(x— rv) verwandelt werden kann. — Unser Rechteck (ab) unterscheidet sich von dem letzteren bloss darin, dass hier anstatt der Quadrate, die man auseinander subtrahieren soll —a* und y’—, unmittelbar
die Seiten des Rechtecks a und 6 gegeben sind. Aber selbstverständlich
kann man aus den beiden Seiten des Rechtecks auch die Quadrate x* und
y° bekommen :
2
xi ( >)
__
3
und y* = ¢ 3 >) .
(Siehe die Abb. 12).
Wir fassen also unseren «Ausgangspunkt», das Rechteck ab als die
Differenz der deiden Quadrate ( + 2) (>)
auf.
So
wird
der
«Ausgangspunkt» zu dem «Ergebnis einer geometrischen Operation».
(Eigentlich
wird
eben
diese
Transformation
des «Ausgangspunktes»
durch den Hilfssatz II 5 im voraus zustandegebracht
!)
Ähnlich kann man auch das «Ziel», zu dem wir gelangen wollen,
d’, als «Ergebnis einer anderen geometrischen Operation» auifassen. Ja,
auch diese andere Operation kann eine Subtraktion sein. Denn für das
rechtwinklige Dreieck in unserer 8). 15 gilt ja der ‘pythagoreische
Lehrsatz’: «==
y +d*, Subtrahiert man darum aus dem Quadrat der
Hypotenuse das Quadrat der einen Kathete, so
bekommt man das Quadrat der anderen Kathete : a° — y’=d?.— Hat man dies erkannt, so hat
man die Lösung unserer Aufgabe
— das Verwandeln des Rechtecks ab
in flächengleiches Q uadrat
— sozusagen schon in der Hand.
Denn vorhin führte die Subtraktion der beiden Quadrate auseinander zu einem Rechteck, und jetzt führte dieselbe Subtraktion® zu einem
+
Quadrat. Will man also ein Rechteck ab in flächengleiches Quadrat verwandeln, so besteht die
I,ösung daraus, dass man die beiden Ergebnisse
‘
a+k
miteinander verbindet. Das grössere Quadrat ( > ):
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AOHNON
das kleinere subtrahiert, wird das Quadrat auf der Hypotenuse eines
rechtwinkligen Dreiecks. Dagegen wird das kleinere, das subtrahierte
a—b\?
.
B
.
Quadrat (>) das Quadrat auf der einen Kathete. Aus den beiden
Angaben:
Hypotenuse =
a
b
.
-
und eine Kathete
a—b
- 2
.
soll man die andere
Kathete des rechtwinkligen Dreiecks bekommen (siehe bb. 16). Das
Quadrat auf dieser anderen Kathete (d) ist flächengieich dem gegebenen
Rechteck ab. Das ist der Sinn der Konstruktion im Satz II 14.
Man sieht also, dass das Addieren der beiden Seiten des Rechtecks
(a-+b) in dieser Konstruktion (s. Abb. 16) in der Tat einem anderen
Sinn hat, als in dem Satz VI 13 (siehe zu dem leztzeren die Abb. 14).
Dort addierte man die beiden Strecken, weil die Summe a+
5 Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks wurde, Diese Hypotenuse musste in
VI 13 halbiert werden, um den thaletischen Satz anwenden zu können.
—
Dagegen haben dieselbe Addition und dieselbe Halbierung in Il 14 den Sinn,
dass die halbe Summe der beiden Seiten des Rechtecks:
a +b
selber Hypotenuse eines anderen rechtwinkligen Dreiecks wird (4bb. 16).
Es sei hier als eine interessante Tatsache noch hervorgehoben, dass
in der Konstruktion des Satzes II 14 die Seite jenes kleineren Quadrats
a —b\°
(
2
):
das von dem Quadrat der Hypotenuse
a+
b\?
CS)
.
subtrahiert
4
wird, gar nicht besonders konstruiert werden soll. Denn die Streche zwischen dem Halbierungspunkt von a + b und dem Berührungspunkt von a und b
.
a—b
= y.
ist eben:
*
Zum Schluss
muss ich
noch meine
frühere
Behauptung
— dass
nämlich der Satz II 5 nur einen Hilfssatz, sozusagen einen «Fertigbauteil» zu dem Beweis des Satzes II 14 darstellt
— etwas näher begründen.
Es sci vor allem darauf hingewiesen dass EUKLID den II 5 (den
Wortlaut siehe oben am Anfang des I. Kapitels) an einer Zeichnung
erklärt und beweist, die in allem wesentlichen meiner Abb. 12 entspricht.
Mit dieser Abbildung habe ich veranschaulicht, wie die Pythagoreer eine
beliebige Quadratfläche in die Summe eines kleineren Quadrats und eines
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Gnomons, bzw. in diejenige eines Quadrats und eines Rechtecks auflösten.
Es handelt sich im Grunde eben um dasselbe auch in dem Satz II 5. Allerdings geht EUKLID nicht von einem Quadrat, sondern von einer Strecke
aus, die halbiert und in ungleiche Abschnitte geteilt wird. —Das Teilen in
ungleiche Abschnitte ist offenbar nur die Umkehrung dessen, dass in
II 14 die beiden Seiten des Rechtecks addiert werden. In II 14 macht
man aus den beiden Seiten des Rechtecks eine Strecke, während in II 5
aus der gegebenen Strecke
— durch beliebiges Teilen —ein Rechteck
gemacht wird. — Die «Halbierungen» haben in beiden Sätzen
— II 5 und
II 14 — denselben Sinn: auf die halbe Strecke wird jenes grössere Quadrat errichtet, von dem ein kleineres subtrahiert werden soll.
Aber noch interessanter ist das folgende. Ich habe schon hervorgehoben, dass zu der Anwendung des ‘pythagoreischen Lehrsatzes’ in
II 14 auch die halbe Differenz der beiden Rechteckseiten ( =) nötig ist.
(Das Quadrat auf dieser Strecke wird von dem Quadrat der Hypotenuse
(
atb\?
.
.
.
.
3 ) subtrahiert.) Man braucht jedocli diese Strecke gar nicht besonders zu konstruieren; sie ist die «Strecke zwischen dem Halbierungspunkt
von
a+b und dem Berührungspunkt von a und b». Dasselbe Segment wird
bei EUKLID in II 5 als die «Strecke zwischen den Teilpunkten» bezeichnet.
— Auch diese sprachlich schwerfällige, beinahe unbeholfene Bezeichnungsart ist für mich ein schlagender Beweis dafür, dass der alte Geometer den Satz
II 5 im Hinblick auf
II 14 im voraus aufgestellt und
bewiesen hatte.
V.
Man kônnte jene Ergebnisse der vorangestellten Untersuchung, die
mir auch von dem Gesichtspunkt der weiteren Forschung aus als wichtig
vorkommen, etwa in den folgenden Punkten zusammenfassen:
1. Der Satz II 5 ist ein rein geometrischer Hilfssatz zu dem Beweis
des Satzes II 14.
Es wäre irreführend, diesen Satz als «Lösung einer
algebraischen Gleichung» aufzufassen. Die algebraische Auslegung — auch
wenn sie dem Satz EUKLIDs Äquivalent ist— verdunkelt den wahren
geometrischen Sinn dieses Satzes, und historisch erweckt sie den fal-
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AOMNDN
schen Schein, als hätten die Griechen in voreuklidischer Zeit in der Tat
mit «algebraischen Gleichungen» operiert.
2. Ks wurde oben im Kapitel IT. auch darauf hingewiesen, dass auch
die übrigen Sätze der sog. «geometrischen Algebra der Pythagoreer» sich
als rein geometrische Sätze erklären lassen. Dagegen hat man Spuren
von echt algebraischen Gedankengängen®' aus der voreuklidischen und
Euklidischen Überlieferung bisher richt nachweisen können.
3. In einem Punkt werden jedoch die Gedanken von P. TANNERY,
mit denen er die späteren Spekulationen über die angebliche «geometrische Algebra der Griechen» angeregt hatte’, beibehalten. P. TANNERY
war nämlich der Ansicht, dass diese Art Geometrie ihr Entstehen
der
Entdeckung der Inkommensurabilität zu verdanken hat. Es wurde in der
Tat auch in meiner Arbeit darauf
hingewiesen,
dass die behandelte
‘Flichengeometrie der Pythagoreer’ das Problem der Inkommensurabilität ausschaltet und die Benutzung von Proportionen konsequent vermeidet.
4. Jene Vermutungen, die die «geometrische Algebra der Pythagoreer» als Übernahme bzw. griechische Weiterentwicklung von urspriinglich babylonischen Gedankengängen auffassen wollten, waren voreilig.
Der Zusammenhang dieser Art Kenntnisse mit der «babylonischen Wissenschaft» ist in der Wirklichkeit nirgends erwiesen. Im Gegenteil! Man
hat eher den Eindruck, dass die hier behandelte ‘Flächengeometrie der
Pythagoreer’ eine rein griechische Errungenschaft war.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)AKAAHMIAS
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Anmerkungen
to
B.L. v.d. Waxnroen,
Erwachende Wissenschaft, Basel-Stuttgart 1956 196.
Ebd. 198. — Natürlich geht diese Erklärung auf H. G. Zeuvruex, bzw. noch
i
auf P. Taxxery zurück; siche unten meine Anm. 6.
In diesem Siune wird II 5 natürlich auch bei Ty. L. Hearn, Euclid’s Elements
vol. I 382 ff.
(Dover Publication) behandelt, Darum redet Hari über eine
«Geometrical
solution
of
a quadratic
equation»,
Der
Unterschied
gegen
B.L. v.d. Warrpen besteht bloss darin, dass Hearn «Babylon» noch nicht
erwähnt. Er hat ja seine Kompilation noch ror O. NEUGEBAUER zusammengestellt. Siehe die nächste Anm.
Hingewiesen wird dabei gewöhnlich auf den Entdecker der sog. babylonischen Algebra:
O. NEUGEBACER,
«Zur geometrischen Algebra. Studien zur
Geschichte der antiken Algebra III.»,
Quellen und Studien zur Gesch. d.
Math. ete. B 3 1936 245
- 259.
Das letztere nach B. L. v. d. WakrDEN, op. cit. 203.
P. Tannery,
«De la solution
avant Fuclide»,
géométrique
1882 — Mémoires
des
ploblêmes
Scientifiques I.
Paris
du second degré
igt2.
254 -280.—
H.G. ZeuruenN, dessen «Verdienste» um die Entdeckung der sog. «geometrischen Algebra der Griechen» durch 0. Neuvornaver (siehe oben meine Anti. 4)
so übertrieben hervorgehoben wurden,
hat in der
Wirklichkeit in seinen
beiden Werken
(«Die Lehre von den Kegelschnitten
hagen 1886» und
«Geschichte der Mathematik im Altertum und Mittelalter,
im Altertum,
Kopen-
Kopenhagen 1896»; ein Auszug aus dem letzteren Werk auch bei O. BECKER,
«Zur Gesch. d. griech. Mathematik, Darmstadt, 1965» 18 ff.)
— was die «geometrische Algebra» betrifft — nur den irreführenden Vergleich von P. TANNERY
weitergebaut. (Man hätte sich nämlich erst einmal fragen müssen: inwiefern
überhaupt erlaubt ist, im Zusammenhang mit Euxkııns geometrischen
Konstruktio-
Si
Vgl B.L. v.d. WaERDEN, op. cit. 202.
Nn
nen über Lösungen von algebraischen Gleichungen zu reden !).
Kommentar zu Praroxs Staat II. Kapitel 23 und 27.
B.L. v.d. Warrven, op. cit. 206 ff.
Wie bekannt, hat HrepoKratEs von Chios vorgeschlagen: man soll zwischen
einer Zahl und ihrem Doppelten zwei Mittlere Proportionalen einfügen, und
damit wird das Problem der Wiürfelverdoppelung gelöst;
mathematische
Denken der Antike,
Göttingen
vgl. O. Becker,
Das
1957, 75.— Aber wie kam
Hıprorratzs auf diesen glücklichen Einfall ? — Offenbar auf dem Wege, dass
er wusste:
die planimetrische Aufgabe der Quadratverdoppelung wird dadurch
gelöst, dass man zwischen einer
Zahl
und
ihrem Doppelten
eine Mittlere
Proportionale einfügt ; das verwandte stereometrische Problem der Würfelverdoppelung löst sich also wohl dadurch — so mag HippokRATES richtig geschlossen
haben —,
dass
man
anstatt
einer
einzigen
zwei Mittlere
Proportionalen
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MA TOY
zwischen den. fraglichen Grössen (d.h. genauer;
1968
229
zwischen einer Grösse und
ihrem Doppelten) einfügt.
II.
Ich will natürlich keineswegs behaupten, dass die Stufe e.) auch zeitlich der
Stufe 6.) unbedingt vorangeheu muss.
Die Stufen b.)
und c.} könnten sehr
wohl auch gleichaltrig sein.
Wichtiger als die Frage der Chronologie — die
sich hier nicht entscheiden
lässt
(denn
schliesslich ist
ja auch das nicht
unbedingt sicher, dass die sog. «eudoxische Definition der Proportionalität»
wirklich erst von Eupoxos stammt !) — scheint mir die Tatsache selbst, dass
die Stufe c.) den Versuch zeigt, das hetreffende Problem ohne Rücksicht auf
Proportionen und auf Inkommensurabilität zu lösen.
12.
13.
Ich zitiere den Satz VIII 18 — Einfachheithalber — in verkürzter Form.
Vgl. O. Becker, Das mathematische Denken der Antike, 52 ff.
Siehe oben Anm. 6.
Proclus in Rucl. (F) 419, 15-420, 23; aus der modernen Literatur siehe dazu
Tu. L- Hearn, Euclid’s Elements vol. 1, 343 f.
Ich kann mich mit dieser Aufgabe in dem vorliegenden Zusammenhang nicht
eingehender beschäftigen. Man vergleiche jedoch dazu,
wie diese in der
historischen Forschung bisher behandelt wurde, einstweilen Tu. L. HRATH,
Euclid’s Elements vol. 1, 343 ff.
Siehe wieder die vorige Anmerkung!
|
Wie bekannt, hat J. L. Huermers (eMathematisches bei Aristoteles», Abhandlungen zur Gesch. d. math. Wissenschaften, 18.
Heft,
Leipzig 1904)
Hinweis auf die beiden wichtigen ArisrotTeLes
- Stellen,
13-20,
und
Metaph. B 2.996b 18-21,
den
Satz VI 13
unter
De anima II 2.413a
für den älteren und
ursprünglicheren gehalten ; demgegenüber könnte— seiner Ansicht nach—
I] 14
eine jüngere Variante sein.
Derselben Ansicht
hat sich auch
Tu. L. Heatn
(«Mathematics in Aristotle», Oxford 1949 191-193) angeschlossen. — Ich muss
in diesem Zusammenhang
zwei
Tatsachen festlegen:
1.
der Satz II 14 ist
aller Wahrscheinlichkeit nach altprthagoreisch; 2. die relative Chronologie der
beiden Sätze VI 13 und Il 14 lässt sich nicht mit Bestimmtheit entscheiden.
(Siehe auch oben meine Anmerkung 11.) Auch VI 13 kann altpythagoreisch
sein, obwohl zu seinem Beweis bei Euknın
allerdings die eudoxische Definition der Proportionalität nötig ist.
Ich.möchte hier dankbar betonen,
dass
mein
Leitfaden
in der folgenden
Rekonstruktion — wie auch sonst in der Rekonstruktion
antiker mathematischer Gedankengänge sehr oft — das schöne Büchlein von G. Porva, «How
to solve it? war. Ich bin überhaupt der Ansicht, dass nicht nur die mathematische Heuristik in den Dieust der historischen Forschung gestellt werden
kann,
sondern
auch umgekehrt:
die historische
Forschung die keimende
Wissenschaft der Heuristik fördern soll.
Meine Buchstabierung in Abb. 15 wollte im
den Leser erleichtern.
voraus den Gedankengang für
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)ARAAHMIAT
AOINON
4
25.
Echt algebraisch ist z. B, die Interpretation von B. L. v. d. Wakrbkx für den
Beweis des Satzes If 14 (Erwachende Wissenschaft 1956, 193; oder Science
awakening 1963, 118). Anstatt von Flächen arbeitet hier der moderne Verfasser
mit Produkten aus zwei Faktoren, bzw. mit Grössen zweiten Grades, wobei man die
Gefahr läuft, dass in dem Leser der grundlegende
Unterschied
der Geometrie und der Algebra gar nicht bewusst wird. Natürlich ist auch der moderne
Beweis von B. L. v. d. Warxpen tadellos.
Aber mit dem antiken Gedankengang hat er in der Wirklichkeit gar nichts zu tun.
22.
Vgl. oben meine Anmerkung 6.
NEPIAH VIE
TO zegtegduevov ris TagoVanz dvuxoiwwoems dururar và ouvoriodn eis tu
esis onueta: ‘Ou lov, i) sig tà «otoryetu» tot Etrheidou zoóraous II 5, zui°
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