Volledige tekst tonen38 pagina's
Pagina 1
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)113
—
Kriterienlehre nicht als Gegenargument gegen unsere These gelten
lassen, sind wesentlich verschieden von den Griinden, aus denen
wir die karneadeische Wahrscheinlichkeitslehre nicht als Gegenargument anerkannten.
5. Kapitel.
Der Rationalismus.
Die Pythagoreer.
Die Eleaten.
„Nur in der Meinung besteht das Süße, in der Meinung das
Bittere, in der Meinung das Warme, das Kalte, die Farbe; in Wirklichkeit besteht nichts als die Atome und der leere Raum“ — so
hatte Demokrit gelehrt.
Wir sahen, daß in dieser Lehre eine bestimmte Stellungnahme zum Wirklichkeits- wie zum Wahrheitsproblem begründet liegt. Im Wirklichkeitsproblem bedeutet sie die
nur teilweise Umbildung des naiven Realismus der altionischen
Naturphilosophen und des Realismus überhaupt.
der später sogenannten „sekundären“
Die Wirklichkeit
sinnlichen Eigenschaften
ist eine nur ideale. Geschmacksqualitäten, Temperatur, Farbe usw.
sind nur wirklich, insofern sie sich im wahrnehmenden Bewußtsein
als wirksam erweisen. Diese Bestimmung läßt sich aus dem NomosBegriff (dem: ‚in der Meinung‘‘) der demokritschen These für das
Wirklichkeitsproblem herausholen.
Im Wahrheitsproblem aber bedeutet diese These eine teilweise
Umbildung des naiven Objektivismus der alten Ionier und des
Objektivismus überhaupt.
Objektive Wahrheit im
Sinne
der
Übereinstimmung mit einem „außerbewußten“, real wirklichen
Gegenstande kann bei unseren Geschmacks-, Temperatur-, Farbenusw. Wahrnehmungen, bei den entsprechenden Wahrnehmungsvorstellungen
und
Wahrnehmungsurteilen
gar
nicht in Frage
kommen. Diese können vielmehr nur subjektiv wahr sein, insofern
sie den subjektiven
Bedingungen und Ansprüchen des wahrnehmenden Subjektes entsprechen.
Diese Bestimmung läßt sich
aus dem Nomos-Begriff (dem: ‚in der Meinung‘) der demokritschen
These für das
Wahrheitsproblem
herausholen.
Aber es zeigte sich, daß man bei der nur
Herbertz, Wabrheitsproblem,
teilweisen
Pagina 2
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Umbildung des Realismus und Objektivismus durch Demokrit und
durch die mechanistische Weltanschauung überhaupt, nicht stehen
bleiben kann. Wenn die Gründe, die für die nur ideale Wirklichkeit
der sekundären Qualitäten und für die nur subjektive Wahrheit
der ihnen entsprechenden Vorstellungen und Urteile sprechen,
tatsächlich stichhaltig sind, dann gelten sie mit gleicher Beweiskraft auch für die sogenannten „primären“ Qualitäten. Die Gründe,
die die Erkenntnistheorie der mechanistischen Weltanschauung
für die Ausnahmestellung der geometrisch-mechanischen Eigenschaften und für den höheren Erkenntniswert der ihnen entsprechenden Erkenntnisse vorbringt, erweisen sich bei kritischer Nachprüfung
als nicht stichhaltig.
Realismus und Objektivismus müssen ihrem
ganzen Umfange nach umgebildet werden. Zu dieser Einsicht
gelangten schon im Zeitalter des Demokrit selbst und unabhängig
von ihm die Sophisten. Protagoras brachte in seinem Homo-mensura-
Satz den Idealismus im Wirklichkeitsproblem, im IsostheneiaSatz den Subjektivismus im Wahrheitsproblen auf klassischen
Ausdruck.
Aber es zeigte sich, daß diese beiden Sätze und Standpunkte
den Keim der Selbstzersetzung in sich tragen.
Aus der ,, Welt als
Erscheinung“, für die der Mensch das Maß ist, macht der Skeptiker
die „Welt des Scheins“, für die es ein Maß nicht gibt.
Aus den
beiden „einander gegenüberstehenden Reden“, die beide — jede
von dem subjektiven Standpunkt des Redenden aus — gleich
wahr sind, werden dem Skeptiker zwei einander widersprechende
Reden, die beide gleich unwahr sind, oder richtiger: über deren
Wahrheit oder Falschheit sich nichts ausmachen läßt.
Um den Wirklichkeitsbegriff vor dieser skeptischen Zersetzung
zu retten, müßte der Realismus erneuert werden.
Um den Wahrheitsbegriff vor der gleichen Zersetzung zu bewahren, müßte der
Objektivismus erneuert werden.
Die Skeptiker erneuerten nun beide Standpunkte im Sinne
von Postulaten.
Die Unerfiillbarkeit dieser Postulate führt sie
zu ihrem Skeptizismus in beiden Problemen.
Der Gedanke, der
bei ihnen stets im Hintergrund steht, ist dieser: Idealismus und
Subjektivismus sind unzulänglich.
müßten durchgeführt werden.
Realismus und Objektivismus
Wenn wir diesen Gedanken als den
Pagina 3
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)vorbereitenden
115
—
wegleitenden
Grundsatz
des
Skeptizismus
betrachten, dann dürfen wir behaupten, daB der Skeptizismus
lange vor Pyrrhon und der eigentlichen skeptischen „Richtung“
durch eine andere Philosophenschule vorbereitet und seinem wegleitenden Grundgedanken
nach ausgesprochen worden ist: nämlich durch die Eleaten.
Auch die Eleaten erkennen — genau so wie die Skeptiker —
die unlösbaren Schwierigkeiten des Idealismus und Subjektivismus.
Auch sie stellen — genau so wie die Skeptiker — diesen Schwierigkeiten gegenüber Objektivismus und Realismus als Postulat auf.
Es ist daher ein Wort feinsinnigsten philosophiegeschichtlichen
Verständnisses, wenn Brochard in seiner Monographie über den
griechischen Skeptizismus die Eleaten als „les vrais ancétres du
scepticisme“ !) bezeichnet.
Die Trennung der eleatischen von der skeptischen Denkweise
tritt erst da ein, wo es sich um die Frage der Erfüllbarkeit
des realistischen
und des objektivistischen
Postulates
handelt.
Während nämlich die Skeptiker hier mit aller Energie verneinenden Geistes sind, antworten die Eleaten mit einem ebenso
energischen Ja.
Und zwar fallen sie einem ebenso ausgesprochenen
Radikalismus aufbauender Denktätigkeit, einem ebenso radikalen
Dogmatismus
anheim, wie die Skeptiker sich — wenigstens
in den extremen und typischen Richtungen eines Pyrrhon und
Ainesidemos — einem
Radikalismus
niederreißender
Tätigkeit
hingeben.
Was liefert nun den Eleaten die Mittel, was setzt sie in Stand
zu ihrem Aufbau?
Die vor und gleichzeitig mit den Eleaten forschenden Naturphilosophen sind als Empiriker ausgesprochene Freunde der Sinneswahrnehmung.
Die
Grundprinzipien
ihrer
wissenschaftlichen
Gesamtauffassungen des Wirklichen — ihre Archai — sind, wie
das Wasser des Thales und das Pneuma des Anaximenes, Gegenstände einer als möglich denkbaren Sinneswahrnehmung;
oder
doch, wie das Apeiron des Anaximander, nach Analogie der Gegenstände möglicher Sinneswahrnehmung gedacht.
Der in diesen
1) Brochard, a. a. O. $. 6.
Pagina 4
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Lehren steckende
—
Sensualismus
ist es aber gerade, der
zu jener Entwicklung führt, die vom naiven Realismus und Objektivismus dieser naturalistischen Erfahrungsphilosophen abfiihrt,
zum Idealismus und Subjektivismus hinleitet, und durch deren
Selbstzersetzung schlieBlich in einem unabweisbaren Skeptizismus
endigt.
Der Sensualismus bildet recht eigentlich das innere antithetische Moment, welches zu dieser ganzen Zersetzungsentwicklung
treibt.
Betrachten wir zunächst das Wirklichkeitsproblem.
In
ihm bedeutet der Sensualismus jene Auffassung, welche keine
anderen Gegenstände als wirklich anerkennt, als die tatsächlicher
oder möglicher Sinneswahrnehmung und etwa noch die nur nach
Analogie möglicher Sinneswahrnehmung gebildeten Gegenstände.
In Verbindung mit dem Realismus ergibt dieser Sensualismus
jenen
sensualistischen
Realismus,
welcher selbständige, von unserem Bewußtsein unabhängige, ,,reale“ Wirklichkeit
nur
den
Gegenständen
der
Sinneswahrnehmung,
„Sinnendingen“ oder ,,AuBenweltdingen® zuerkennt.
den
Ist dieser
sensualistische Realismus naiv, dann sieht er unsere Sinneswahrnehmungen als ihrem Inhalte nach jenen real wirklichen Sinnendingen gleich an.
Betrachten wir ferner das Wahrheitsproblem. In ihm bedeutet
der Sensualismus jene Auffassung, welche keine anderen Wahrheiten kennt, als die sinnlichen, keine andere Quelle der Wahrheitserkenntnis, als die Sinneswahrnehmung.
In Verbindung mit dem
Objektivismus ergibt dieser Sensualismus jenen
schen
Objektivismus,
sensualistiwelcher alle Wahrheit für begründet hält in der Übereinstimmung der Sinneswahrnehmungserkenntnis mit dem Sinnending, auf das sich diese Wahrnehmung
richtet.
Ist dieser sensualistische Objektivismus naiv, so hält er
jene Übereinstimmung für selbstverständlich.
Es ist nun klar, daß alle Schwierigkeiten, die uns bisher im
Wirklichkeits- und im Wahrheitsproblem erwachsen sind, lediglich
auf Grund des Umstandes entstanden, daß wir uns in beiden Problemen auf sensualistischen Standpunkt stellten.
Die Bedenken,
die in uns dagegen aufstiegen, den Dingen eine von unserem Bewußtsein unabhängige Wirklichkeit zuzuschreiben, die Kritik, die uns
Pagina 5
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)dazu führte, zunächst den „sekundären“, später aber auch den
„primären“
Eigenschaften
der
Dinge
nur
ideale
Wirklichkeit
zuzuerkennen, die Gründe endlich, die uns veranlaßten, den Menschen zum Maß der Wirklichkeit aller Dinge zu machen — alle
diese Bedenken, Kritiken und Gründe bezogen sich nur auf wirkliche Sinnendinge.
|
Die Bedenken ferner, die in uns dagegen aufstiegen, die Wahrheit unserer Erkenntnisse in ihrer Übereinstimmung mit dem
Gegenstande zu sehen, auf den sie sich beziehen, die Kritik, die
uns dazu führte, jedes objektive Wahrheitskriterium als unhaltbar
anzusehen, die Gründe endlich, die uns veranlaßten, alle Wahrheit
als subjektiv, d. h. durch die Bedingungen und Ansprüche des
erkennenden Subjektes diktiert anzusehen, — alle diese Bedenken,
Kritiken und Gründe bezogen sich nur auf wahre Sinnes-Wahrnehmungen, -Vorstellungen und -Urteile.
Wie nun, wenn wir im Wirklichkeits- und im Wahrheitsproblem unseren Sensualismus fallen ließen?
Wäre
es uns dann nicht wieder möglich, im Wirklichkeitsproblem am
Realismus, im Wahrheitsproblem am Objektivismus festzuhalten?
Diese Möglichkeit muß unbedingt bejaht werden, wenn es uns
gelingt, für das mit dem Fallenlassen des Sensualismus im Wirklichkeitsproblem verlorene Sinnending und für die im Wahrheitsproblem
damit zugleich verlorene
sinnliche
Wahrheit
einen
Ersatz
zu finden.
Wir wiederholen nunmehr unsere obige Frage: Was lieferte
den Eleaten die Mittel zu ihrem dogmatischen Aufbau, was setzte
sie in Stand, den Konsequenzen der skeptischen Zersetzungsphilosophie zu entgehen?
Antwort: der Umstand, daß sie jenen
Ersatz für Sinnending und sinnliche Wahrheit, den wir soeben als
Bedürfnis bezeichneten, tatsächlich fanden.
Die Eleaten setzten nämlich an die Stelle des Sinnendinges
(alsdöv),
das
durch
die
Sinneserkenntnis
(aisdyo) erfaßt
wird, das Vernunftding (vontév), das durch die Vernunfterkenntnis, die Episteme (¿moripy), erfaßt wird.
Diese Leistung der Eleaten ist von epochemachender philosophiegeschichtlicher Bedeutung.
Durch sie wird der klassische
Standpunkt der griechischen Philosophie, der Standpunkt eines
Pagina 6
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Plato und Aristoteles, allererst méglich gemacht.
War die bisher
besprochene Philosophie im wesentlichen sensualistisch, so
gründen die Eleaten den neuen Standpunkt, den
be-
Rationalis
-
mus. Und dieser Rationalismus erméglicht es ihnen, jene Postulate
als erfüllbar zu bezeichnen, die die Skeptiker später als unerfüllbar
ansahen.
Es gibt zwar keine real wirklichen Sinnendinge — der sensualistische Realismus im Wirklichkeitsproblem ist unzulänglich —,
wohl
aber
real
wirkliche
Vernunftdinge:
der
rationalistische
Realismus ist haltbar. Es gibt zwar keine objektiv-wahren Sinneserkenntnisse — der sensualistische Objektivismus im Wahrheitsproblem ist unzulänglich —, wohl aber objektiv-wahre Vernunfterkenntnisse: der rationalistische Objektivismus ist haltbar.
Und
zwar ergibt sich — auf Grund der inneren logischen Folgebeziehung
zwischen den beiden Problemen
— aus
dem
rationalistischen
Standpunkt im Wirklichkeitsproblem der entsprechende Standpunkt im Wahrheitsproblem fast von selbst.
Wir wollen nunmehr zunächst den rationalistischen Realismus
im Wirklichkeitsproblem und den rationalistischen Objektivismus
im Wahrheitsproblem geschichtlich näher betrachten.
zunächst zu erwähnen,
Da ist
daß die Eleaten in ihrer Stellungnahme
zu unseren beiden Problemen Gesinnungsgenossen gehabt haben,
die die Position zwar nicht mit gleicher Klarheit und radikaler
Schärfe bezeichneten, aber trotzdem höchst beachtenswert sind,
nämlich die
Pythagoreer.
E. Cassirer macht 1) mit Recht darauf aufmerksam, daß bereits
von den Pythagoreern eine neue Art von Wahrheit — und wir
fügen hinzu: auch eine neue Art von Wirklichkeit — entdeckt
wurde.. Es ist das eine Wahrheit und eine Wirklichkeit, dievon der
„sinnfälligen“ Wahrheit und
der Außenweltwirklichkeit des naiv sensualistischen
schieden ist.
oder Sinnending-
Standpunktes grundver-
Die Pythagoreer bildeten „gegenüber der Geometrie
der Ägypter, die noch in den nächsten praktischen Zielen empirischer Messung wurzelte“, eine mathematische Wissenschaft aus,
deren Wissenschaftlichkeit eben in ihrem Hinausgehen über das
Empirisch-Sinnliche, in ihrem rationalistischen Charakter bestand.
1) 2.2.0. S. 26.
Pagina 7
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Indem
nun
diesen
119
—
ihren
neugewonnenen
rationalistischen
Standpunkt und die begrifflichen Neuschöpfungen desselben über
die Mathematik hinaus zu einer wissenschaftlichen Gesamtauffassung des Wirklichen verwandten, kamen sie zu ihrer eigenartigen
Philosophie, die lehrt, daß die Zahl das Wesen aller Dinge sei,
und daß Zahlenprinzipien die — keineswegs bloß formalen —
Prinzipien aller Dinge seien.
Bestärkt wurden sie in dieser ihrer
Ansicht durch ihre Erfahrungen in der Musiktheorie
und
der
Astronomie, Wissenschaften, die ja die Bedeutung von Zahlenharmonien fiir den Bestand
des Wirklichen deutlich erkennen
lassen.
So
wird
also
Aristoteles
die
Entstehung
der
pythagoreischen Zahlenphilosophie im ganzen richtig charakterisieren,
wenn er in seiner Metaphysik folgendes ausführt: „Die Pythagoreer ... haben sich mit dem Studium der Mathematik beschäftigt
und zunächst diese gefördert; in dieser heimisch geworden, haben
sie sodann die Prinzipien derselben zu Prinzipien des Seienden
überhaupt machen zu dürfen geglaubt. Da nun unter den Prinzipien
der Mathematik der Natur der Sache nach in erster Linie die Zahlen
stehen,
so glaubten sie
in
den
Zahlen mancherlei Gleichnisse
für das, wasist undgeschieht, zu finden, und zwar hier eher als in
Feuer, Erde oder Wasser.
So bedeutete ihnen eine Zahl mit bestimmten Eigenschaften die Gerechtigkeit, eine andere Seele und
Vernunft, wieder eine andere den rechten Augenblick, und so
fand sich eigentlich für alles ein Gleichnis in einer Zahl.
Da sie nun
auch darauf aufmerksam wurden, daß die Verhältnisse und Gesetze
der musikalischen Harmonie sich in Zahlen darstellen lassen, und
da auch alle anderen Eigenschaften eine natürliche Verwandtschaft
mit den Zahlen zeigten, die Zahlen aber das erste in der gesamten
Natur sind, so kamen sie zu der Vorstellung, die Elemente der
Zahlen seien die Elemente alles Seienden, und das gesamte Weltall
sei eine Harmonie und eine Zahl.
Was sich nur irgendwie an Übereinstimmungen zwischen den Zahlen und Harmonien einerseits
und den Prozessen und Teilen des Himmelsgewölbes andererseits
auftreiben ließ, das sammelten sie und suchten einen Zusammenhang herzustellen; wo ihnen aber die Möglichkeit dazu entging,
da scheuten sie sich auch nicht vor künstlichen Annahmen, um
Pagina 8
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)nur ihr systematisches Verfahren als streng einheitlich durchgeführt
erscheinen zu lassen“ 1).
Der Wirklichkeitsbegriff der Pythagoreer ist danach durchaus
der
des
rationalistischen
Realismus
Es
gibt
eine vom erkennenden Subjekt unabhängige reale Wirklichkeit,
eine Wirklichkeit, die „rein für sich und ohne daß nach der Existenz
der Einzelsubjekte und Einzelbeispiele gefragt zu werden brauchte“
(Cassirer), existiert.
Aber diese reale Wirklichkeit ist keine Wirklichkeit von ,,AuBenweltdingen* oder „Sinnendingen“, sondern
sie besteht in einem Inbegriff zahlenmäßiger Prinzipien, wie sie
den Gegenstand des mathematischen Denkens bilden. Das Wirkliche ist
licher
nicht
Gegenstand tatsächlicher oder auch nur mög-
Sinneswahrnehmung,
ja,
nicht
einmal
nach
Analogie dieser vorstellbar, sondern es ist ausschließlich Gegenstand
tatsächlichen oder möglichen (mathematischen)
Denkens oder
nach Analogie der im mathematischen Denken gedachten Gegenstände aufzufassen.
Das
Kriterium
des
Wirklichen
kann
daher
auch nur in einer durch das Denken — des näheren durch das
zahlenmäßig-mathematische
Denken
—
zu
ermittelnden
Bestimmung liegen. In diesem Sinne bestimmt der Pythagoreer Philolaos „das Begrenzende“ in seinem Gegensatz zum Unbegrenzten
als Kriterium des Wirklichen, wobei die Zahl als Prinzip für die
Erkenntnis dieser Begrenzung zu denken ist.
Philolaos lehrte
über die Natur: „Die Natur ward aber bei der Weltordnung aus
Unbegrenztem
auch
die
und Begrenzendem
ganze
Weltordnung
beiden besteht....
entweder
alle
zusammengefügt,
und
Notwendig müssen
begrenzend
oder
alles
in
ihr
wie
aus
denn
diesem
die vorhandenen Dinge
unbegrenzt
oder
beides
zugleich sein. Dagegen nur unbegrenzt (oder nur begrenzend) können
sie wohl nicht sein.
Da sie nun offenbar weder aus lauter Begrenzendem bestehen noch aus lauter Unbegrenztem, so ist doch
klar, daß die Weltordnung und was in ihr ist aus Begrenzendem
und Unbegrenztem zusammengefügt ist ...“?).
1) Metaphysik I 5, 985 b, 23 ff.
Übers. v. A. Lasson, a. a. O. S. 17 f.
2) a phage 8 dv tH xéouy apudydy
Gros è xdopos xal ta
Und endlich —
25 drelpwv te val cepatvevtwy vai
dy abru mdvta ...... dvéyen tà dévra eluev rdvra 7
Pagina 9
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)in deutlicher Hervorhebung des Begrenzenden als Wirklichkeitskriterium: „Überhaupt wird es nicht einmal ein Objekt der Erkenntnis geben können, wenn alles unbegrenzt wäre“ 1).
Die
Zahl ist aber das Prinzip für die Erkenntnis, die „ratio cognoscendi“
dieser durch ihre Begrenzung wirklichen Wirklichkeit; denn: „in
der Tat hat ja alles, was man erkennen kann, eine Zahl. Denn ohne
sie läßt sich nichts erfassen oder erkennen“ 2),
Wenn aber die Zahl die ratio cognoscendi für das Wirklichkeitskriterium des „Begrenzenden“ ist, d. h. wenn es zahlenmäßige
Erkenntnisse sind, durch die wir das Wirkliche erkennen, dann
muß in der Möglichkeit zahlenmäßiger Erkenntnis zugleich das
Kriterium der Wahrheit liegen.
Damit leiten wir vom
rationalistischen Realismus zum rationalistischen Objektivismus
iiber.
Daß
|
zunächst
die
Stellungnahme
des
Philolaos
zum
Wahrheitsproblem eine rationalistische ist, daß also für ihn die
Wahrheitserkenntnis nicht sinnliche Erkenntnis sein kann, sondern
Vernunfterkenntnis, gedankliche Erfassung des Wirklichen sein
muß, sehen wir schon aus seinen oben zitierten Worten: „Ohne
die Zahl läßt sich nichts erfassen oder erkennen (oUte vord%pusv,
odts yvwsdruev).
Das vosiv
die Bedeutung eines
und
yryvéoxew hat hier durchaus
gedanklichen
Erfassens und eines
begrifflichen Erkennens. Denn das, was durch diese Erkenntnis erkannt werden kann (das yıyvwoxöpewov), das O b jekt dieser Erkenntnis (das yvwoodpevov), ist selbst gedanklicher
Natur, ein „Gedankending‘“: die Zahl!
Der gesamten griechischen, rationalistischen Philosophie, der
pythagoreischen ebenso wie der eleatischen, liegt „die Überzeugung
zugrunde, die Welt müsse so beschaffen sein, daß sie auf eine unserem
Geiste angemessene Weise in ihrer Gesetzmäßigkeit erkannt werden
repalvovta 7 drzipa } mepalvovid te xat dreipa, dreipa dì pávov (7) repalvovra
pévov) 05 xa ein. ¿rel tolvev palverar or’ 2x mepatvévtwy mévtwy edvta, odT
dE drelpwv névrwv, dov tápa Gt x reparvóviwv te zal drelpwv & te x6quos
xal tà dv abe suvappdy9y. Philolaos fragm. 141.2. Diels a. a, O. Bd. 1. S, 239 f.
1) dpydv yap odól 16 yvwoobpevov dacetrar ndvtwy drelpwv éévrwv. Philolaos fragm. 3.
Diels a. a. O. S. 240.
2) val ndvta ya pay ta ytyvwoxdueva dpiduòv Eyovrı où yép oldv te oddav obte vonduev odte yvwcbuey dvev costo». Philolaos fragm. 4, Diels, ebenda .
Pagina 10
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)kann.
—
Die mathematische [zahlenmäßige] Erkenntnis aber war
diejenige, welche die durchsichtigsten Gesetze lieferte, also mußte
das Weltbild auch mit Hilfe der Mathematik entworfen werden“ 1),
durch begrifflich-mathematische Erkenntnis erfaßt werden. „Wahr“
sind die Erkenntnisse, insofern sie auf einer derartigen zahlenmäßigen begrifflich-mathematischen Erfassung der Objekte beruhen.
Diese zahlenmäBig-begriffliche Weise ist die „unserem
Geiste angemessene‘ Weise des Erkennens.
Die auf diese Art
gewonnenen Erkenntnisse stimmen — im Sinne des rationalistischobjektivistischen Wahrheitsbegriffes — mit dem Gegenstand überein,
auf den sie sich beziehen (mit dem yvesnópevov).
„Denn die
Natur der Zahl ist kenntnisspendend, führend und lehrend für
jeglichen in jeglichem Dinge, das ihm zweifelhaft oder unbekannt
ist.
Denn nichts von den Dingen wäre irgendwem klar, weder in
ihrem Verhältnis zu sich noch zu anderen, wenn die Zahl nicht
wäre und ihr Wesen‘ 2). Am klarsten und deutlichsten aber spricht
sich folgende Stelle zugunsten der Zahl als Kriterium der Wahrheit
aus: „Nichts von Lug nimmt die Natur der Zahl ...
in sich auf. ...
Denn ihrer Natur steht der Lug als unversöhnlicher Feind gegenüber,
die
der
Zahl
Wahrheit
von
aber
Haus
aus
ist
dem
Geschlechte
angeboren“?°).
Über die besondere Art und Weise, in der die Zahl für den
menschlichen Geist kenntnisspendend wird und ihn die Wirklichkeit
auf eine ihm angemessene Weise erkennen läßt, entwickelt nun
Philolaos eine höchst eigenartige Hypothese, welche sich an eine
den Alten geläufige mathemathische Begriffsbildung anschließt.
Es ist dies die Hypothese vom „Gnomon“.
Unter Gnomon verstanden die alten Mathematiker eine Figur, die sich aus der Vergleichung zweier Quadrate oder Parallelogramme ergab, und die
1) W. Freytag:
Die
Entwicklung
der
griechischen Erkenntnistheorie
bis Aristoteles (Halle 1905, Niemeyer), S. 15.
2) pop yap d phos 4 th dorbpò al fyepovend nal üdaszarızz tH
aropoupévw ravrös zal éyvoupéve ravtí,
rpaypdrwv
obte
d costò abgia.
où yap
Fs
roy obbevt obdèy Tüv
abr@v mod” abta obte Mm rpès Mo, el mh Te Apıduöc aad
Philolaos fragm. 11.
Diels, a. a. O. S. 248.
3) dedos dì obôèv Géyetar à tH Apdo púas...» cohdutov yap sai dyNpov Ta póser cò dedños, & 6’ di deta olzetov xal cbpovroyv tat TH
apt0e@ yevedt.
Philolaos fragm. 11.
Diels, a. a. O. S. 244.
Pagina 11
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)eine bestimmte geometrische Bedeutung hat. Auch fand die Theorie
des Gnomons Anwendung in der Arithmetik bei der Ausziehung
von Quadratwurzeln!).
Den Pythagoreern war nun auf Grund
ihrer mathematischen Studien und Forschungen diese besondere
Art mathematischer Begriffsbildung wohlbekannt.
Sie verfuhren
mit ihr so, wie mit allen anderen mathematischen Begriffsbildungen
auch: sie iibertrugen sie aufs metaphysische Gebiet.
Auch die
Prinzipien der Gnomonlehre glaubten sie — mit Aristoteles zu
sprechen — ,,zu Prinzipien des Seienden iiberhaupt machen zu
dürfen“.
In diesem Sinne lehrt Philolaos: „So aber bringt sie
(se. die Zahl) alle Dinge mit der Sinneswahrnehmung in Einklang
1) Gnomon
der Astronomie.
nannten
die
Alten
zunächst
ein uraltes
Meßinstrument
Speziell war es ein aufrechtstehender Stift, der auf einer mit
Stundeneinteilung versehenen Tafel stand und als Schattenmesser diente.
Über den mathematischen Begriff des Gnomons berichtet Hultsch in
„Pauly-Wissowa-Krolls
Realenzyklopädie
der
klassischen Altertumswissenschaft“, Bd. VII S. 1500 ff. folgendes:
a) Geometrische Bedeutung.
„Aus der Vergleichung zweier Quadrate
oder rechtwinkliger oblonger Parallelogramme ergab sich unter der Voraussetzung, daß die kleinere Figur nur mäßig von der größeren überragt wurde
als Unterschied die Form |L oder [L, die als Winkelmaß gedeutet und ebenfalls
Gnomon benannt wurde.....
Bei Euklid elem. 11 def. 2 ist dieser Ausdruck
auf den Unterschied von zwei Parallelogrammen, gleichviel ob sie recht- oder
schiefwinklig waren, ausgedehnt worden. An zwei Seiten des kleineren Parallelogramms und an seine verlängerte Diagonale lehnten sich dann zwei Streifen an,
die zusammen den Gnomon oder Überschuß des größeren Parallelogramms
über das kleinere darstellten.“
b) Arithmetische Bedeutung.
„In der Arithmetik hat die Theorie des
Gnomon ihre Anwendung bei der Ausziehung von Quadratwurzeln gefunden.
Setzen wir a = Seite des kleineren Quadrates und b = ÜberschuB der Seite
des größeren Quadrates im Vergleich zu a und nehmen an, daß beim Wurzelausziehen a? gefunden worden ist, so bleibt in der geometrischen Figur ein
Gnomon übrig, der zwei rapa\npbpata von der Form a» b, und das Quadrat
über b enthält. Aus diesem UberschuB sind dann, soweit als tunlich, die Bruchteile der Wurzel zu entnehmen.
Cantor Vorles. J? 460 ff.
Hultsch, u. Arithmetica $ 15 f.
Die fortschreitende Summierung der ungeraden Zahlen von 1 ab ergibt
die Reihe der Quadratzahlen, denn es ist 1 + 3 = 2°, 1 + 3 + 5 = 3? usw.
Indem die ungeraden Zahlen, wie ich vermute, von 3 ab alternierend zu den
Schenkeln eines rechten Winkels beigeschrieben wurden, entstand eine an ein
WinkelmaB erinnernde, ebenfalls Gnomon benannte Figur.“
Pagina 12
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)innerhalb der Seele und macht sie dadurch kenntlich und einander
entsprechend
nach des Gnomons Natur,
indem sie ihnen
Körperlichkeit verleiht und die Verhältnisse der begrenzenden
und unbegrenzten Dinge jegliches für sich scheidet“).
In der
Welt der mathematischen Gedankendinge hatte der Gnomon eine
gewisse, mathematische Begriffsrealitäten schaffende und ordnende
Bedeutung.
So wirkte er auf diesem Gebiete „kenntnisspendend‘“,
So sollte der Gnomon auch in der Welt der Gedankendinge überhaupt, in der Welt des rational-real Wirklichen, zu der sich den
Pythagoreern jene mathematische Gedankenwelt erweiterte, in
gleichem Sinne wirken.
Die Erkenntnis, die uns der Gnomon hier
zu spenden vermag, ist eine Erkenntnis der Wahrheit im rationalistisch-objektivistischen Sinne.
Der Erkenntnisinhalt, der „nach
des Gnomons Natur“ gewonnen ist, stimmt überein mit dem real
wirklichen Vernunftding,
auf
das sich die Erkenntnis richtete.
So lehrt uns das zitierte Fragment des Philolaos die metaphysische
Wendung kennen, die dieGnomonlehre bei den Pythagoreern nahm,
und zeigt uns, wie diese Wendung für die spezielle Ausgestaltung
des rationalistischen Objektivismus der Pythagoreer bestimmend
wurde.
Gleichzeitig ist aber das Fragment für uns auch deshalb
besonders interessant, weil es uns zeigt, daß der Rationalismus
im Wirklichkeits- und im Wahrheitsproblem bei den Pythagoreern
zwar deutlich vorhanden, aber gewiß nicht so rein ausgeprägt war, wie bei den Eleaten.
Begriff und Sein, intellektuelle Prinzipien und Sinnendinge — so bemerkt Cassirer mit
Recht — gehen hier noch unterschiedslos ineinander auf.
Der
Rationalismus im Wirklichkeitsproblem ist noch nicht rein ausgeprägt.
Denn es ist offenbar noch ein Kleben am Sensualismus
der vorwissenschaftlichen Weltanschauung, wenn die wirklichkeitssetzende Kraft des Gnomons dadurch bezeichnet wird, daß von
ihm gesagt wird, es „verleihe den Dingen Körperlichkeit‘‘ (arepyatera
Soparóv).
Auch
der
Rationalismus
nicht reinlich vollzogen.
1) voy
im Wahrheitsproblem ist
Denn es wird von der Zahl gesagt, sie
dì obros zarräv Luyav áppóloy alsdiger avez yuwstá «al motáyoga dido xata yyHpovocs pus drepyálerar Swparóv zal oyilwv tods
Adyous ywpis Exdotoug tay mpaypdtwy thy Te
Philolaos fragm, 11.
Diels, a. a. O. $. 243.
dreipwv xal
thy mepatvdvtwy.
Pagina 13
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)mache die Dinge für die Vernunfterkenntnis „nach des Gnomons
Natur“ dadurch zugänglich, daß sie sie „innerhalb der Seele mit
der
Sinneswahrnehmung
in
Einklang
bringe‘
(xattàv doyav
apuctuv aisbraet),
Wir gehen nunmehr zu der klareren und bestimmteren Ausprägung des rationalistischen Realismus und Objektivismus bei den
Eleaten über.
Bei Xenophanes finden wir diese Lehrmeinung noch nicht scharf gefaßt und folgerichtig durchgeführt,
sondern nur erst angedeutet.
Bei dem fahrenden Rhapsoden,
dem rastlosen Wanderer, dem Ruhe und Anlaß zu systematischer
Ausarbeitung des
Beobachteten und Ersonnenen während des
größten Teiles seines Lebens fehlten, darf uns dies nicht wundernehmen. Wir wiesen oben darauf hin, daß Eleatismus und Skeptizismus insofern in ihren Wurzeln zusammenhängen, als beide den
Unzulänglichkeiten des Idealismus und Subjektivismus gegenüber
den Realismus und Objektivismus als Postulat aufstellen.
Auch
Xenophanes mag diese Unzulänglichkeiten gefühlt haben, und dieses
Gefühl mag dazu beigetragen haben, daß er einem ausgesprochenen
Stimmungsskeptizismus verfiel, wie er bei einem Philosophen
begreiflich ist, welcher jenes skeptisierende Postulat bereits in
unbestimmter Weise innerlich für sich aufgestellt hat, ohne es
schon in dem rationalistischen Sinne der entwickelten eleatischen
Philosophie als erfüllbar bezeichnen zu können.
„Und was nun
die Wahrheit betrifft, so gab es und wird es niemand geben, der sie
wüßte in bezug auf die Götter und alle die Dinge, welche ich erwähne. Denn spräche er auch einmal zufällig das allervollendetste,
so weiß er’s selber doch nicht.
schieden“ 1).
Denn nur Wahn ist allen be-
Nicht mehr als einen Stimmungsskeptizismus, nicht
eine erkenntnistheoretische begründete skeptische oder gar „nihilistische‘‘ Überzeugung möchte ich in dieser Äußerung des Rhapsoden von Kolophon erblicken.
Denn wenn hier auch nicht nur
die Möglichkeit der Wahrheitserkenntnis im allgemeinen bezweifelt,
1)
aa To piv obv capis obtis Avip yéver? odñé mis Estat
- slide dpt dev ce xal dooa Adyw nepi rivive
el yap «al ta paálista Toyor tercheomévov elmo,
abrös Gps 00% olde. ddzos 8’ nl nor Téruxtat.
Xenophan, fragm. 34.
Diels, a. a. O. S.51f.
Pagina 14
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)sondern im besonderen ein Kriterium der Wahrhcit ausdriicklich
geleugnet wird (,,so weiß er’s selber doch nicht“), so lassen sich
doch dem Fragment andere an die Seite stellen, die mit einem
erkenntnistheoretisch festbegründeten Zweifel an der Möglichkeit
jeder Wahrheitserkenntnis unvereinbar sind.
So wird die Möglichkeit eines allmählichen Fortschritts zur Wahrheitserkenntnis hin
ausdrücklich anerkannt in den Worten: „Nicht von Anfang an
haben die Götter den Sterblichen alles Verborgene gezeigt, sondern
allmählich finden sie suchend das Bessere‘ ?).
Parmenides, der die Lehre seines Vorgängers schärfer faßte
und folgerichtig durchführte, bleibt nicht bei diesen Andeutungen
der Möglichkeit eines Fortschrittes zur Wahrheit, die einen allgemeinen Stimmungsskeptizismus gelegentlich unterbrechen, stehen,
sondern er zeigt deutlich, wo die Wahrheit zu suchen ist.
Idealismus
im
Wirklichkeitsproblem,
dem
Dem
Subjektivismus
im
Wahrheitsproblem stellt er die Forderung des Realismus und
Objektivismus klar entgegen, und zeigt zugleich, wie diese Forderung zu erfüllen ist: durch Verlassen der sensualistischen Vorurteile
und Hinwendung zu einem unerschrockenen Rationalismus. Dieser
unserer Auffassung steht nun die bekannte Tatsache scheinbar
entgegen, daß Parmenides in seinem Lehrgedicht über die Natur
eine Zweiteilung macht: während der erste Teil ganz im Sinne
unserer Darstellung den strengen Rationalismus lehrt und den
Forderungen des rationalistischen Realismus und Objektivismus
gerecht wird, stellt sich der zweite Teil ganz auf den Boden der
unzulänglichen
anschauung.
Voraussetzungen
der
sensualistischen
'Welt-
Dabei hat es zunächst durchaus den Anschein, als
ob der Philosoph von Elea in beiden Teilen des Lehrgedichtes
eigene Anschauungen vortrage, und Diogenes Laertios berichtet
auch ausdrücklich, Parmenides habe eine doppelte Philosophie
gelehrt, die eine der Wahrheit, die andere der „Meinung“ entsprechend 2).
1)
Ähnlich meldet Alexander von Aphrodisias, unser
octo an dpyis mávza Deol Yvytot? brocas,
ada ypévy Entadvres Épeuplozonsiy dpewwov.
Xenophan. fragm. 18.
Diels, a. a. O. $. 49.
2) Diog. Laert. IX, 22 Stss%v te Epn thy puesopiar, thy pay vata Ahle
Yerav, thy dì zata Sézav.
Diels, a. a. O. S. 106.
Pagina 15
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Philosoph habe „beide Wege beschritten“, den der Wahrheit und
den der Meinung!).
Dieser Auffassung scheinen auch die Worte
des Aristoteles (Metaphysik 986 b, 30 ff.) zu entsprechen, daß
sich Parmenides, neben seiner Lehre vom einen Seienden, „gezwungen‘‘ gesehen habe, sich auf die Erscheinungen und die Vielheit der sinnlichen Wahrnehmung einzulassen.
So kommt anscheinend ein Widerspruch in die Lehre des Eleaten hinein.
Noch
Überweg behauptet: „Zwischen Sein und Schein fehlt bei ihm die
philosophische Vermittlung;
die Entstehung eines Scheines ist
nicht erklärt und mit dem obersten Prinzip der parmenideischen
Doktrin unvertraglich“ 2). Es war von jeher ein beliebter Gegenstand
der Erprobung philosophischen und philologischen Scharfsinnes,
Versuche zur Beseitigung dieses „Widerspruches“ zwischen den
beiden Teilen des Lehrgedichtes zu machen. Eine erste Hypothese
will, daß für die Erklärung der Welt des Scheins, die Parmenides
aufstellt,
soll.
nur
„hypothetische“
Gültigkeit
beansprucht
werden
Angesichts des unversöhnlichen Widerspruches, in dem die
Erklärungsgrundsätze des zweiten Teiles des Lehrgedichtes zu
denen des ersten stehen und angesichts des radikalen Dogmatismus
unseres Philosophen halte ich diese Hypothese für schlechterdings
ausgeschlossen.
Plausibler erscheint eine
zweite Hypothese —
die wohl als die gegenwärtig verbreitetste angesehen werden kann,
und die -sich scheinbar auf Aristoteles berufen kann — nach der
Parmenides den allzu schroffen Gegensatz seiner rationalistischen
Spekulationen mit
dem
,,Sinnenschein*,
Meinung baut, gefühlt und deshalb
den
die gemeine
,,unbefangen“
auf
seiner Darlegung der Wahrheit eine solche der Meinungen der Menschen hinzugefügt habe.
Es ist nun aber nicht abzusehen, weshalb sich der
sonst zu Abschwächungen seiner Lehrmeinung und Zugeständnissen
wenig geneigte Philosoph zu dieser „unbefangenen“
(sic!) Konzession an die Meinungen der Menschen bequemt haben soll, wenn
er nicht diesen Meinungen wenigstens einen Kern von Berechtigung zuerkannt hätte.
Eine solche Anerkennung würde ihn aber
sofort mit seiner „wahren“ Lehre in Widerspruch gesetzt haben,
1) Alex. in Metaphys. A 3, 984, 63 27° durepotépas Ade
Diels, a. a. O. S. 107.
2) Uberweg, a. a. O. S. 62.
Tas 6509s xo.
Pagina 16
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)deren Grundprinzipien kein versöhnliches „sowohl — als auch“
dulden, sondern ein rigoroses ein „entweder — oder“ fordern,
Um unsererseits ein Urteil darüber zu gewinnen, wie das Verhältnis zwischen den beiden Teilen des Lehrgedichtes zu beurteilen
ist, wollen wir zunächst einmal den genauen Wortlaut der Stellen
des Gedichtes betrachten, in denen Parmenides selbst das Verhältnis zwischen dessen beiden Teilen bezeichnet.
Nachdem sich
unser Philosoph durch von Heliadenmädchen gelenkte Rosse zum
Sitz der Göttin der Weisheit hat führen lassen, läßt er diese Göttin
folgende Worte an ihn richten: „So sollst Du denn alles erfahren:
der wohlgerundeten Wahrheit unerschütterliches Herz und
der
Sterblichen Meinungen ($étas), denen verläßliche Wahrheit nicht
innewohnt.
Doch wirst Du trotzdem auch das erfahren, wie man
bei gründlicher Durchforschung annehmen müßte, daß sich jenes
Scheinwesen verhalte‘ 1).
Nachdem dann der Philosoph an der
Hand der Göttin den Weg der Wahrheit zu Ende durchschritten hat,
sagt seine Führerin: „Damit beschließe ich mein verläßliches Reden
und Denken über die Wahrheit.
Von hier ab lerne die menschlichen Meinungen (Sótas) kennen, indem Du meiner Verse trüglichen Bau anhörst“ 2).
1) Parmenid. fragm. 1.
Die alsdann vorgetragenen naturphiloVers 28 ff.
soso ype dé ce ndvra mudicdar
Aptv ’Adrdeing edxvaddos dtpepèe Trop
HSE Bporav dózas, tats odx Eve mari Andre.
(a Eunns «al taïta padhsent, ds tà Soxotiven
ypi» Soxpds’ elva Gta navrös ndvra Tepüvra).
Diels, a. a. O. S. 115.
2) Parmenid. fragm. 8.
Vers 50 ff.
dy tu dor madw migrèy Aóyow 7168 vór
ua
apple dindelns: Sótas aro todbe Bpotélas
pávdave adopov tpiv ¿més Anarı)köv dxodwv.
Diels, a. a. O. 5,121.
Diels übersetzt an beiden Stellen das „Sc&as‘ mit „Wahngedanken“. Nun
soll aber m. E. im zweiten Teil des Lehrgedichtes nicht nur eine Ablehnung
gewisser, auch vom immanent-kritischen Standpunkte aus unhaltbarer Lehren
der Naturphilosophen gegeben werden (diese Lehren könnte man freilich als
„Wahngedanken“ bezeichnen), sondern auch eine „Erklärung der Welt des
Scheins“ geliefert werden, die der immanenten Kritik standhält. Dieser Erklärungsversuch kann aber gewiß nicht als „Wahngedanke‘ bezeichnet werden,
auch wenn er von Voraussetzungen ausgeht, die eine transeunte Kritik als
Pagina 17
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)sophischen Meinungen „erinnern“ (wie Uberweg sich ausdrückt)
in auffallendster Weise an Lehren der zeitgenössischen Naturphilosophie — Anaximander, Heraklit — und der Pythagoreer.
Das ist nicht merkwürdig.
Denn Parmenides hatte alle Veranlassung, sich mit diesen Lehren auseinanderzusetzen.
Interessierte er sich doch selbst lebhaft für naturphilosophische Fragen.
Die Bedürfnisse dieses Interesses wären nun offenbar keineswegs
befriedigt worden, wenn unser Philosoph auf eine Auseinandersetzung mit den Theorien über das „Scheinwesen‘“ der uns in sinnlicher Wahrnehmung gegebenen Natur völlig verzichtet hätte,
mit der Begründung, daß diese Theorien ja doch alle von grundsätzlich falschen Voraussetzungen ausgingen.
Wir können uns
denken, wieviel der eleatische Philosoph an diesen Theorien auch
dann noch auszusetzen gehabt haben wird, wenn er von der grundsätzlichen Falschheit ihrer Voraussetzungen einmal absah.
können uns denken, wie unsympathisch ihm
auch
im
Wir
einzelnen die Lehren eines Heraklit gewesen sein müssen, wie sehr
ihm die Gedanken, die der mystische Philosoph von Ephesos über
die Natur ersonnen und ausgesponnen hat, als „Wahngedanken“
erscheinen mußten.
Wir können begreifen, daß er so weit ging,
die heraklitischen Theorien mit den Vorurteilen der im Sinnenschein
befangenen Menge zu identifizieren, „wie sehr auch Heraklit selbst
diese Gleichsetzung mit Entrüstung abgewiesen haben würde‘
(Überweg).
Kurz, wir können erkennen, wie viel ihm an einer
„gründlichen
Durchforschung
(Sd mavtds ravra mep@vra) auch
des „Scheinwesens‘ gelegen sein mußte.
Von hier aus versteht
es sich nun fast von selbst, wie wir das gegenseitige Verhältnis
der beiden Teile des Lehrgedichtes aufzufassen haben.
Der erste
Teil gibt uns die Philosophie des Parmenides selbst, den strengen
Rationalismus, dem Konzessionen — wenn auch nur in Form
einer „Hypothese“ — an den Sensualismus der gemeinen Meinung
und der nichteleatischen Naturphilosophen schlechterdings unmöglich sind. Die Lehren der Sensualisten sind bloße „Meinungen“,
denen irgendwelche verläßliche Wahrheit nicht innewohnt.
Diese
ist vielmehr einzig und allein in dem „weit ab von der Menschen
unhaltbar erkennen läßt. Ich habe daher für „Wahngedanken“ den als Übersetzung für ¿60 auch sonst geläufigen Ausdruck „Meinungen“ eingesetzt.
Herbertz Wahrheitsproblem.
Pagina 18
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Pfade“
liegenden
Reiche
der
130
—
Vernunftphilosophie zu
die der erste Teil des Lehrgedichtes entwickelt.
suchen,
Die vom Standpunkt dieser allein wahren Philosophie unternommene transeunte
Kritik der sensualistischen Systeme läßt diese sämtlich als in ihren
Grundvoraussetzungen verfehlt erscheinen.
Aber auch eine immanente Kritik, die von diesen falschen Voraussetzungen aus die
zeitgenössischen Naturphilosophien prüft, wird in diesen — namentlich in der Philosophie des Verfechters der Lehre vom beständigen
Fluß aller Dinge — im einzelnen erschreckend viele Unzulänglichkeiten finden.
Eine gründliche Durchforschung auch des ,,Scheinwesens“, gründlicher als sie bisher von irgendeinem Philosophen
betrieben worden ist, ist daher sehr am Platze.
Parmenides ist
überzeugt, im zweiten Teil seines Lehrgedichtes eine Darstellung
dieses Scheinwesens vom sensualistischen Standpunkt aus gegeben
zu haben, die so gründlich ist, wie das auf diesem Standpunkte
überhaupt möglich ist, so daß seine Darstellung allen bisherigen
sensualistischen Naturphilosophen überlegen ist.
Daher sagt er:
„Diese Welteinrichtung teile ich dir, scheinbar wie sie ist, ganz
mit;
so ist’sunmöglich, daß dirirgendwelche
menschliche
Ansicht
den
Rang
ablaufe“?).
So ergibt die Unterscheidung zwischen transeunter und immanenter Kritik die denkbar einfachste Lösung des Problems des
gegenseitigen Verhältnisses der beiden Teile des parmenideischen
Lehrgedichtes.
Es verhält sich mit diesen beiden Teilen ganz
ähnlich, wie mit den skeptischen und den den Heraklitismus befürwortenden, angeblich dogmatischen Äußerungen des Skeptikers
Ainesidemos.
Die Stellung des Parmenides zum ersten Teil des
Lehrgedichtes entspricht der des Ainesidemos zum radikalen Skeptizismus; das „gründlich durchforschte Scheinwesen“ bedeutet für
den eleatischen Philosophen dasselbe, wie der Heraklitismus für
jenen Skeptiker.
Bei Annahme dieser Deutung verschwindet zugleich jeder
„Widerspruch“ aus der Lehre des Verfassers des Lehrgedichtes:
er ist strenger dogmatischer Rationalist, er stellt den Realismus
1) Vers 608.: tév ao ¿yw Srdxospov fomita révra pariíw,
de od ph roté tis ce Booty your napehdssy,.
Parmenid. fragm. 8.
Diels, a. a. O. $. 122.
Pagina 19
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)im Wirklichkeits- und den Objektivismus im Wahrheitsproblem
als Postulate auf und halt diese beiden Postulate fiir im Sinne
seines Rationalismus erfüllbar.
Wir
wenden uns zunächst dem Wirklichkeitsproblem zu,
so wie es sich fiir Parmenides darstellt.
Da gilt es vorab, zu dem
vielumstrittenen Problem Stellung zu nehmen, wie die eigenartige Beziehung zu verstehen ist, in die der eleatische Philosoph
dieses Wirkliche — das Seiende — zum Denken und seinen Funktionen setzt.
Die Schwierigkeit dieses Problemes steckt in dem
Umstand, da8 der Wortlaut der Fragmente, die den parmenideischen
Rationalismus fest begriinden, leicht zu der Deutung verfiihrt,
als nehme unser Philosoph dem Wirklichkeitsproblem gegeniiber
gar nicht eine realistische, sondern im Gegenteil eine streng und
extrem idealistische Stellung ein.
TS yap adtd vosiv Estiv ce xal elvas ist
uns als
Ausspruch
unseres Philosophen überliefert (fragm. 5.) und Diels übersetzt
(a. a. O, S. 117): ,,Denn das Seiende denken und sein ist dasselbe.‘
Tadrov O ¿gi vosty te nal odvexdv ¿om vémua heißt es ferner im
ersten Teil des Lehrgedichtes.
Diels übersetzt (a. a. O. S. 120):
„Denken und des Gedankens Ziel ist eins.“
aber diese Einheit?
Worauf gründet sich
Wir erfahren es sogleich: où yip dvev {nd
diving, iv @ Tepattoutvov
dotiv,
eúpíoeis to vos.
„Denn nicht
ohne das Seiende, in dem es sich ausgesprochen findet, kannst
du das Denken antreffen.“
Wird nicht in diesen Stellen die ideale Wirklichkeit des Seienden
begründet? .Wenn das Seiende denken und sein dasselbe ist: ist
dann nicht die Wirklichkeit dieses Seienden lediglich eine solche
im Denken, im Bewußtsein, also eine ideale Wirklichkeit? Wenn —
wie dies die Diels’sche Übersetzung zum Ausdruck zu bringen
scheint — Parmenides tatsächlich die Identität des Seins mit dem
Inhalt des Denkens, also einer Bewußtseinsfunktion, gelehrt haben
sollte, dann wäre freilich unsere Auffassung vom rationalistischen
„Realismus“ des Philosophen falsch und wir müßten ihm einen
Idealismus im Wirklichkeitsproblem zuschreiben, der grundsätzlich
gleich wäre mit dem Idealismus der späteren heftigen Feinde der
Eleaten, der Sophisten.
Denn einen vom Standpunkt des gegenwärtigen Problemzusammenhangs aus nur modalen, nicht grund9*
Pagina 20
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)sätzlichen Unterschied sehe ich darin, daß der Idealismus der
Sophisten sensualistisch ist, während der (vermeintliche) Idealismus
des Parmenides dagegen rationalistisch begründet wäre. Die in der
„Welt als Gedanke‘ wie die in der „Welt als Vorstellung“ wirklichen Dinge besitzen in genau gleicher Weise nur eine ,,ideale‘‘
Wirklichkeit.
Diese sind lediglich im vorstellenden, jene lediglich
im denkenden Bewußtsein wirklich.
Nun halte ich aber die Diels’sche Übersetzung „denn das
Seiende denken und sein ist dasselbe“ für bedenklich.
schon deswegen, weil sie mißverständlich ist.
Zunächst
Ihrem Wortlaute
nach könnte man sie nämlich so deuten, als ob Parmenides die
Existenz des denkenden
Subjektes
durch seinen Satz habe
sicherstellen wollen, als ob er habe sagen wollen: das Sein des
Denkenden ist identisch mit dem Sein des Seins; weil und indem
einer ein Seiendes denkt, ist er auch.
Der eleatische Philosoph
hätte danach mit seinem Ausspruch gar nichts anderes sagen
wollen, als später Descartes mit seinem „cogito, ergo sum‘ oder
besser „cogito, id est sum“.
Diese Auffassung erscheint mir nun
völlig unhaltbar.
Parmenides will mit seinem Satz offenbar etwas über den
Denkprozeß und das gedachte
denkende
Objekt,
nicht etwas über das
Subjekt aussprechen.
Was aber soll über Prozeß und Objekt des Denkens ausgesprochen werden ? Die Diels’sche Übersetzung läßt hier — nachdem
die Beziehung auf das Subjekt ausgeschlossen ist — nur die Deutung
übrig: Gedacht werden und Sein ist identisch.
Wir hätten also
ganz den „Idealismus‘‘ Berkeley’scher Art, nur daß an Stelle des
esse gleich pereipi ein esse gleich cogitari getreten ist.
Einen solchen
Idealismus
dem Parmenides zuzuschreiben,
halte ich nach allem, was uns von ihm überliefert ist, für völlig
unmöglich.
Diese ganze Auffassung wird nun aber sofort unnötig, wenn
wir
das
16 yap aùrò vosiv éorív te xal elvar
nicht
im
Sinne
der Diels’schen Übersetzung, sondern folgendermaßen deuten:
„Etwas denken und es als seiend annehmen, ist dasselbe.“ In diesem
Sinne deutet auch Uberweg die Stelle: „Was gedacht wird, ist
auch, es läßt sich nichts mit dem Denken erreichen, was nicht
Pagina 21
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Existenz hatte, da das Nichts kein Objekt des Denkens sein kann;
das Nichtseiende ist eben nicht zu denken“).
Diese Deutung,
welche — wie Überweg richtig hervorhebt — die aus dem ganzen
Zusammenhang der Verse hervorgehende ist, würde, in moderne
Terminologie gekleidet, besagen: Wirklichsein und intentionaler
Gegenstand des Denkens sein, ist dasselbe.
Alles was Gegenstand
des Denkens sein, d. h. in sinnvollen Urteilen „gemeint“ sein kann,
ist wirklich; und umgekehrt, alles Wirkliche kann Gegenstand
des Denkens werden, kann in sinnvollen Urteilen ,,gemeint‘ sein.
„Des Gedankens Ziel“
(das oûvexév
tou
vémua) wäre also der
„intentionale Gegenstand“, und die Stelle „denn nicht ohne das
Seiende, in dem es sich ausgesprochen findet, kannst du das Denken
antreffen‘“‘ wäre im Sinne unserer Auslegung zu deuten: das Denken
„findet sich in dem Seienden ausgesprochen“, d. h. es hat in ihm
seinen intentionalen Gegenstand.
ein Denken also, das
nicht
Ein gegenstandsloses Denken,
in einem Seienden seinen intentionalen Gegenstand fände, gibt es nicht.
Wenn ich an etwas
denke, so denke ich eben stets notwendig
an
Nichtetwas,
etwas.
Das
das Unwirkliche, das Nichtseiende als Gegenstand
des Denkens anzunehmen, ist ein Widerspruch in sich selbst.
So kommen wir zur negativen Formulierung unseres Grundsatzes: Was nicht Gegenstand des Denkens werden kann, was
nicht
in sinnvollen Urteilen gemeint sein kann, ist auch nicht
wirklich; und umgekehrt, was nieht wirklich ist, kann auch
nicht Gegenstand des Denkens, nicht in sinnvollen Urteilen „gemeint werden.
Das „runde Viereck“ z. B. ist ebenso unwirklich,
wie undenkbar.
Diese Bedeutung lege ich der parmenideischen
Lehre bei, daß das Nichtseiende ebenso wenig sein als gedacht
werden könne; eine Lehre, die er der anderen: Nur das Seiende
ist, und nur das Seiende kann gedacht werden, stets zur Seite stellt.
Bei jeder anderen Interpretation verliert die eigentümliche Lehre
des Parmenides vom Nichtseienden ihre erkenntnistheoretische
Bedeutung und wird geradezu banal.
Trifft unsere Auslegung ins Schwarze, dann fällt offenbar die
Theorie vom Idealismus des Parmenides im Wirklichkeitsproblem
ohne weiteres dahin. Wenn ,,Sein und „intentionaler Gegenstand
1) Überweg, a. a. O. $. 59.
Pagina 22
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)des Denkens sein“ Wechselbegriffe sind, dann ist die Wirklichkeit
des Seins eben nicht lediglich eine solche in unserem Bewußtsein
(Denken). Die Gegenstandstheorie ist vielmehr durchaus realistisch.
Der Begriff des Intentionalen soll eben zum Ausdruck bringen,
daß der’ wirkliche Gegenstand in seiner Wirklichkeit nicht durch
das Bewußtsein „gesetzt‘‘ oder lediglich im Bewußtsein „‚gegeben‘“
ist, sondern vielmehr eine dem Bewußtsein gegenüber selbständige,
reale Wirklichkeit besitzt.
Seine
Beziehung zum Bewußtsein
kann daher auch nicht durch Ausdrücke bezeichnet werden, die
seine Wirklichkeitin
oder
gar
ihm
zuschreiben.
nente,
Abhängigkeit zum Bewußtsein bringen
eine
„bewußtseinsimmanente“
Wirklichkeit
Der bewußtseinsabhängige bzw. bewußtseinsimmadurch das
„gegebene“
dem
nur
Bewußtsein
„gesetzte‘‘
oder im
Bewußtsein
Bewußtseinsinhalt ist streng zu unterscheiden von
bewußtseinsunabhängigen,
Gegenstand des Bewußtseins.
selbständigen,
real-wirklichen
Bei den Eleaten ist nun natürlich
diese moderne gegenstandstheoretische Begriffsbildung noch nicht
entwickelt — ebensowenig wie bei irgendwelchen anderen antiken
Philosophen. Aber im Sinne des in dieser Begriffsbildung steckenden
Realismus glauben wir die zitierten Fragmente des Parmenides
deuten zu dürfen.
Mit alledem scheint uns der rationalistische Realismus des
Parmenides in seinen Grundlagen genügend sichergestellt zu sein.
Es handelt sich nunmehr um den weiteren Ausbau dieses neuen
Wirklichkeitsbegriffes.
gefunden.
Das Kriterium des Wirklichen haben wir
Es bestand darin, daß das Wirkliche ,,intentionaler*
Gegenstand des Denkens werden kann.
um die Merkmale dieses Wirklichen.
Nunmehr handelt es sich
Diese bringt uns nun unser
Lehrgedicht in fast erdrückender Fülle bei.
Es heißt vom Seienden:
„Weil unentstanden (Diels: ungeboren), ist es auch unvergänglich,
ganz, von einer Art (Diels: eingeboren), unerschütterlich und ohne
Ende“),
„Auch teilbar ist es nicht, weil es ganz gleichartig
1) Vers 3ff.:..... 5 dyévitoy tiv ami dvbhebpdy ¿ori
oddov povvoyevés te xal dtpsuds 15 dréhestov.
Parmenid. fragm. 8.
Diels, a. a. O. S. 119.
Ich weiche hier in der Übersetzung an zwei Punkten von Diels ab,
indem ich erstens äyévntoy statt mit ,,ungeboren“ mit ,,unentstanden“ und
Pagina 23
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)ist“). Ferner ist das Sein „unbeweglich“ 1). Auch „darf es
nieht ohne Abschluß sein. Denn es ist mangellos. Fehlte ihm der
[Abschluß], so wäre es eben durchaus mangelhaft‘). „Aber da
eine letzte Grenze vorhanden, so ist das Seiende abgeschlossen
nach allen Seiten hin, vergleichbar der Masse einer wohlgerundeten Kugel, von der Mitte nach allen Seiten hin gleich stark“).
Wir haben hier den ersten eindringlichen Versuch vor uns,
das „Wesen des Seienden“ im Sinne des Rationalismus nach seinen
begrifflichen Merkmalen zu bestimmen.
Dieser Versuch ist von
epochemachender philosophiegeschichtlicher Bedeutung.
Er zeigt
uns die innere Verwandtschaft einer jeden auf das ,,Wesen des
Seienden‘ ausgehenden, d. h. einer jeden metaphysischen Philosophie mit dem Rationalismus. Indem die griechische Philosophie
sich unter dem maßgebenden Einfluß der Eleaten und weiterhin,
zweitens povvoyevés statt mit ,eingeboren‘ mit „von einer Art“ wiedergebe.
Das
sprachlich durchaus
statthafte
„unentstanden“
scheint mir viel ungezwungener den Sinn der Stelle wiederzugeben und für eine metaphysische Begriffsbestimmung besser zu passen, als das etwas gekünstelte, ohne Not zum
Bilde greifende: ungeboren.
uouvoyevés
als
„eingeboren‘‘
würde zunächst sachlich dem dyévrtow
—
sowohl im Sinne von ungeboren als auch von unentstanden — widersprechen.
Denn das „Eingeborene“ verdankt seine Entstehung, sein Wirklichwerden
doch eben der Geburt.
Es tritt mit der Geburt zugleich ins Dasein.
Sprachlich aber ist die den sachlichen Widerspruch vermeidende Übersetzung mit „von einer Art‘ zulässig. Denn novoyevhs kommt nicht nur in der
Bedeutung „einzeln, allein geboren oder einziger Sohn‘, sondern auch in der
Bedeutung: „von gleichem Geschlecht, gleicher Gattung, gleicher Art“ vor.
Euripides Hel. 1701: povoyevods dp” autos.
Plat. Legg. III, 691d: öldupov
duty putedoas thy Tv Basthdwy yévesty de povoyevobe.
Auch bei den Grammatikern kommt povoyevés als: „von einem Geschlecht“ vor.
1) Vers 22: obôèÈ
perds got, nel nav Este ópotov.
Vers 26: abräp ulm.
Parmenid. iragm. 8. Diels, a. a. O. $, 190.
2) Vers 32 f.: oúvexev obx dtehedtytov tó dov Jéute elvar
Eott yap odx émbenée, [un] dov 8’ dv mavrós Zero,
Diels, ebenda.
4) Vers 42 f.: adràp ¿mel meipas mpatoy, tetehcouévoy dort
ravrodev, ebxbxAon upalprs-Evadlyuıov Spa,
pessódey lsomadis maven:
Parmenid. fragm. 8.
Diels, a. a. O. $, 121.
Pagina 24
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)in anderem sachlichen Zusammenhange, des Sokrates rationalistischen Tendenzen hingab, war ihr zugleich ihr wesentlich metaphysischer Charakter vorgezeichnet.
In den großen klassischen
philosophischen Systemen des Altertums gehen Metaphysik und
Rationalismus Hand in Hand.
Dieses Bündnis hat den Untergang
der antiken Philosophie und der antiken Kultur überhaupt überdauert.
Es bleibt im patristischen und scholastischen Zeitalter
bestehen und tritt besonders stark hervor in den großen Systemen
zu Beginn der neuzeitlichen Philosophie, bei Descartes, Leibniz und
vor allem bei Spinoza.
Ich betrachte es als eine der wesentlichsten
Neuleistungen unseres Zeitalters auf philosophischem Gebiete, mit
dieser mächtigen Tradition gebrochen und gezeigt zu haben, daß
die Metaphysik auch mit der dem Rationalismus entgegengesetzten
Denkweise,
mit dem Empirismus, ein Bündnis
eingehen kann.
Nicht nur nach der spezifischen Methode des Rationalismus, auf
dem Wege der Deduktion, sondern auch nach der vom Empirismus
ausgebildeten Methode der Induktion lassen sich in der Metaphysik
Ergebnisse gewinnen.
Im Sinne dieses neuen Bündnisses
der
Metaphysik erstrebt Eduard von Hartmann in seiner Philosophie
des
Unbewußten
,,spekulative
Resultate
nach
induktiv-naturwissenschaftlicher Methode“, und in diesem Streben sind ihm viele
moderne Philosophen, bei aller Verschiedenheit ihrer sonstigen
Überzeugungen, verwandt.
„Die Idee einer induktiven, aus den
übrigen Wissenschaften hervorwachsenden und sie ergänzenden
Metaphysik“ ist typisch für unser Zeitalter.
|G. Th. Fechner,
E. von Hartmann und W. Wundt darf man wohl als die Philosophen
bezeichnen, die zuerst mit vollem Bewußtsein die Idee einer induktiven Metaphysik zur Ausführung gebracht haben. (Külpe.)
Traditionell dagegen ist die Vereinigung metaphysischer und
rationalistischer Denkweise.
Des Parmenides Wesensbestimmung
des Seienden durch seine auf begrifflich-deduktivem Wege ermittelten Merkmale bietet uns hierfür ein erstes, monumentales
Beispiel, und es ist höchst merkwürdig und gewiß kein Zufall, wenn
dabei seine begrifflichen
Bestimmungen eine ganz
auffallende
Ähnlichkeit zeigen mit denen eines großen neuzeitlichen Philosophen, nämlich mit denen des Begründers der deutschen Philosophie: Leibniz.
Der griechische Denker des 6. vorchristlichen
Pagina 25
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)und der deutsche Philosoph des 17. christlichen Jahrhunderts
reichen sich hier — gleichsam über die Jahrhunderte hinweg —
im Geiste der rationalistischen Metaphysik die Hand.
Die Parallele 148t sich im einzelnen durchführen. Beide Philosophen geben zunächst ein grundlegendes
ursprüngliches
Merkmal des „wahrhaft Seienden‘ an, Leibniz — im Anfang seiner
„Monadologie‘“ — die Einfachheit, als deren Wechselmerkmal er die
Teilelosigkeit ansieht; Parmenides dasUnentstandensein. Bei beiden
Philosophen werden dann aus dem ursprünglichen Merkmal in
verschiedenen Ableitungsstufen weitere Merkmale
abgeleitet;
Leibniz leitet aus der Einfachheit und Teilelosigkeit die Ausdehnungs- und Gestaltlosigkeit sowie die Unteilbarkeit ab; für
Parmenides folgt aus dem Nichtentstandensein die Unvergänglichkeit, Ganzheit, Einartigkeit, Unerschütterlichkeit und Endlosigkeit; aus der Ein- oder Gleichartigkeit ergibt sich dann wieder —
als abgeleitetes Merkmal nächst niederer Ableitungsstufe — die
Unteilbarkeit, während aus der Mangellosigkeit sich die Unabgeschlossenheit ableiten läßt.
Es ist nicht Formalismus, auf diese logische Struktur der
parmenideischen
Wesensbestimmung
des
Seienden
hinzuweisen
und sie in Parallele zu den Bestimmungen zu setzen, die Leibniz
von seiner ,,Monade‘ oder „einfachen Substanz‘ gibt. Denn dieser
Parallelismus der Ideenentwicklung gibt uns das Recht, Analogien
aus der leibnizschen Substanzlehre zur Unterstiitzung da heranzuziehen, wo uns die Feststellung des Sinnes der Bestimmungen
über das Seiende im parmenideischen Lehrgedicht Schwierigkeiten
bereitet.
So lernen wir z. B.
einsehen,
daß
das dyévyzov, das
Parmenides vom Seienden aussagt, treffender als mit ,,ungeboren“
durch „unentstanden‘ wiedergegeben wird, indem der Satz: „weil
das Seiende unentstanden ist, deshalb ist es auch unvergänglich‘“
genau entspricht dem leibnizschen: „il n'y a aucune [manière concevable] par laquelle une substance simple puisse commencer naturellement* und „il n’y a aussi point de dissolution à craindre‘
(Monad. 5 u. 4). Ebenso entspricht das pouvoyevé des Parmenides
der leibnizschen Bestimmung, daß die Monade keine Veränderung und
keinen Wechsel in ihrem Innern erfahren kann (pas étre altérée, ou
changée dans son interieur; Monad. 7), weil sie durch ein sie
Pagina 26
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)individualisierendes
—
,,principe interne“,
das ihre „denomination
intrinsèque‘ ausmacht, ein für allemal in ihrer Wesensart festgelegt
ist. Ähnlich will Parmenides sagen, daß das Seiende keinem inneren
Wechsel unterliege, sondern — vom Flug der Zeiten unberiihrt und
räumlichen Veränderlichkeiten nicht
unterworfen — immer und
überall dasselbe bleibe, also „von einer Art‘, kurz: einartig
sei. Das Diels’sche ,,eingeboren‘ erscheint von hier aus als nicht sinnentsprechend.
Weiterhin erfährt durch den Vergleich mit Leibniz’
Monadenlehre die bisher nicht recht klare Bestimmung der ,,Unerschiitterlichkeit‘ (dzpeugs) eine neue Beleuchtung.
Wir stellen
sie, indem wir sie als innerliche Unbeweglichkeit auffassen,
mit der äußeren Unbeweglichkeit (œxivrtoy)
zusammen.
Dann
haben wir das genaue Analogon zu den Ausführungen des $ 7 der
Monadologie, wo behauptet wird, daß die Substanz weder äußeren
Bewegungseinwirkungen (puisqu’on n’y saurait rien transposer)
noch inneren Erschütterungen (aucun mouvement interne, qui puisse
être excité. . . . là-dedans) zugänglich ist. Wenn ferner Parmenides
aus dem ursprünglichen Merkmal der Gleichartigkeit (öyuninv) das
Merkmal der Unteilbarkeit (038: Grmperév) ableitet, so entspricht
das der leibnizschen Gedankenfolge, die an den Begriff des ,,simple,
c'est-à-dire sans parties‘ den Satz anschließt: ,,or là où il n’y a
point de parties, il n’y a aucune divisibilité possible‘ (Monad. 3).
Viele Schwierigkeiten hat es von jeher gemacht, die
losigkeit
dessen
(dré\estov)
des
parmenideischen
Abgeschlossenheit
(obx
End
Seienden
mit
dreksötrrov) nach allen
Seiten hin (tereleopévov rávcodev), die aus seiner Mangellosigkeit
(odx ¿mbeués) gefolgert
wird,
in
endlos
nicht
abgeschlossen sein, hier scheint
ist,
kann
doch
ein Widerspruch vorzuliegen.
Einklang
zu
bringen.
Was
Die Endlosigkeit nur als zeitliche
und die Abgeschlossenheit — in Verbindung mit dem Kugelvergleich — nur
als räumliche Bestimmung zu fassen, ist eine
Ausflucht, der im sachlichen Zusammenhang des Lehrgedichtes die
genügenden Grundlagen fehlen, und die außerdem zu dem schwer
faßbaren Begriff eines zeitlich unendlichen, aber räumlich endlichen Seienden führt.
Denken wir nun aber daran, daß die Abgeschlossenheit aus
der Mangellosigkeit, positiv ausgedrückt aus der Vollendung des
Pagina 27
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Seins abgeleitet wird, so wird dadurch die Vermutung nahegelegt,
daß es sich hier um eine rein metaphysische Wertbestimmung
handelt, die mit räumlichen und zeitlichen Seinsbestimmungen
—
wenigstens unmittelbar — nichts zu tun hat und daher dem étéheatov
als räumlich-zeitlicher Endlosigkeit nicht widerspricht.
Diese
Vermutung wird nun völlig plausibel, wenn wir an Leibniz’ entsprechende Lehren denken,
Auch der deutsche Philosoph legt
den einfachen Substanzen oder Monaden, die die Bausteine des
gesamten Seienden bilden, eine gewisse Mangellosigkeit oder Vollendung als metaphysische Wertbestimmung bei (elles ont en elles
une certaine perfection; Monad. 18) und leitet aus ihr das Merkmal
des In-Sich-Abgeschlossenseins ab, das ebenfalls als eine wertverleihende Bestimmung gedacht ist. Denn die Monaden gewinnen
dadurch eine gewisse
Selbstgenügsamkeit, weil die Kraftquelle
für alle inneren Aktionen, die bei ihnen stattfinden können, in
ihnen selbst gelegen ist (une suffisance qui les rend sources de leurs
actions internes).
Parmenides sieht in dem Merkmal der Abgeschlossenheit eine Wertbestimmung des metaphysischen
Leibniz mehr eine solche der
Tätigkeit.
Seins,
Weil die Monade
abgeschlossen ist, deshalb trägt sie das Gesetz der Aufeinanderfolge
ihrer
Tätigkeiten
suarum) in sich selbst.
(lex
continuationis
seriei
operationum
Dieser Verschiedenheit zwischen Sein und
Tätigkeit entspricht auch die Verschiedenheit der
Bilder und
sinnlichen Vergleiche, die die beiden Philosophen zur Veranschaulichung der so abstrakten Begriffsbestimmung der Abgeschlossenheit
des Seienden wählen.
Tätigkeit
Leibniz spricht, um die abgeschlossene
der Monade anzudeuten, von einem „unkörperlichen Automaten‘ (automate incorporel; Monad. 18). Parmenides
vergleicht
das
Seiende,
um
dessen abgeschlossenes
(ruhendes)
Sein anzudeuten, mit „der Masse einer wohlgerundeten Kugel,
von der Mitte nach allen Seiten hin gleich stark“.
So erfährt also auch die so fremdartige, schwerverständliche
und daher vielumstrittene Lehre des Parmenides von der Kugelgestalt des Seienden eine neue Beleuchtung.
Diese Lehre wird von vielen Forschern im eigentlichen, nichtbildlichen Sinne aufgefaßt.
Deutung
verficht
Das Seiende ist eine Kugel.
insbesondere
Windelband.
Nach
Diese
seiner
Pagina 28
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Meinung lassen ,,die Fragmente des großen Eleaten keinen Zweifel
darüber, daß er das Sein und die Körperlichkeit als dasselbe angesehen habe, daß ihm Sein und Raumerfüllen identisch waren‘ 1).
So wird das Seiende zum körperlich Vollen (xò xAéov), das Nichtseiende
zum
körperlich
Leeren (tó xevóv).
Die
Merkmale des
Seins als des Vollendeten, in sich Begrenzten und Abgeschlossenen
machen aber — auf das Körperliche, Volle übertragen — dieses
zur Kugel.
So wird das Seiende zur Kugel. Ähnlich wie Windelband meint auch Überweg, daß nach Parmenides ‚das Seiende
in der Gestalt einer einheitlichen und ewigen Kugel existiert“,
und er fügt ausdrücklich hinzu, daß wir dies „schwerlich als einen
nach dem eigenen Bewußtsein des Parmenides bloß symbolischen
Ausdruck zu deuten berechtigt sind‘ 2).
Ich bin nun meinerseits ganz im Gegenteil fest davon überzeugt,
daß unser Philosoph hier nur einen sinnlichen
Vergleich
zur Veranschaulichung seiner in ihrer Abstraktheit schwer faBbaren Wesensbestimmung des Seienden aufstellen will.
Die Analogien zu Leibniz bestärken mich in dieser Überzeugung. Wie Leibniz
seine Monade im bildlichen Sinne einen unkörperlichen Automat
nennt, so Parmenides im bildlichen Sinn sein Seiendes eine wohlgerundete Kugel.
Ausdrücklich heißt es: Das Seiende ist abgeschlossen nach allen Seiten hin,
gleichbar“
Kugel.
(évadtyxtos)
der
„ähnlich“
Masse
einer
oder
„verwohlgerundeten
Ein solcher Vergleich liegt übrigens da überaus nahe, wo
man dem Seienden die metaphysischen Wertbestimmungen der
Vollendung, Abgeschlossenheit usw. zuschreiben will.
Es ist wohl
keine zu kühne Parallele,
wenn wir die parmenideische Kugel
dem leibnizschen
métaphysique zur Seite stellen,
point
als
welchen der deutsche Philosoph seine Monade bildlich bezeichnet,
um ihr zugleich die Exaktheit des unrealen mathematischen Punktes
und die Realität des unexakten physischen Punktes (Atomes)
zuzuschreiben.
Die Kugel
des Eleaten zieht sich hier gleichsam
zum Punkte zusammen. Die Deutung dagegen, die bei Parmenides
mehr als einen sinnlich-veranschaulichenden Vergleich annehmen
1) W. Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie (4. Aufl.
2) Uberweg, a. a. O. 5.58 u. 60.
Pagina 29
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)will: „das Seiende ist eine Kugel“, paßt in ihrem groben Sensualismus zu dem Rationalismus des Eleaten wie die Faust aufs Auge.
Windelband läßt sich durch seine Auffassung, daß nach Parmenides das Sein mit der Körperlichkeit zusammenfalle, und daß
dementsprechend die Seinsfülle mit dem körperlich Vollen (4 xAgov)
identisch scin müsse, dazu verleiten, dieses xAgov auch da mit
körperlich-voll, kugelartig zu übersetzen, wo der ganze Zusammenhang offenbar die Deutung des Wortes im Sinne des Komparatives
von roAö, also als: mehr, das Mehrere, das Vorwiegende oder dergleichen fordert.
Er sagt: „Das Sein ist also eine wohl gerundete,
in sich vollkommen gleichartige Kugel, und dieser einzige und einheitliche Weltkörper ist zugleich der einfache, alle Besonderheiten
von sich ausschließende Weltgedanke: t4 yap mÀfov ¿gn véruatt 1).
Betrachten wir nun das Fragment, das diesen zuletzt zitierten
Satz enthält.
Wir finden es in der aristotelischen Metaphysik,
da wo es der Stagirit für die Ansicht anführt, daß sich mit der
subjektiven Beschaffenheit des Erkenntnisorganes auch die Erkenntnis selbst ändere.
Nachdem hierfür zunächst Aussprüche
des Empedokles angeführt worden sind, heißt es weiter: ,,Im gleichen
Sinne äußert sich Parmenides:
Wie der Verstand auf der Mischung beruht viel schweifender
Sinne,
So stellt er in den Menschen sich dar; denn eins und dasselbe
Ist’s, was denkt in den Menschen, in sämtlichen so wie injedem,
Seiner Organe Natur;
was
hier
vorwiegt,
ist
Gedanke“ ?) (td yap hoy tari vónpa).
Man muß dem Sinn und Zusammenhang dieser Stelle die
größte Gewalt antun, um aus ihr eine Identifikation des „Weltgedankens“ (virux) mit dem einheitlichen Weltkórper, d. h. der
1) Windelband, a. a. O. S. 31.
2) Metaph. 5, 1009 b, 21.
xal Ilappevlône dè dnopalvetat tov abröv tpérov“ds yao tadotor” Eyer past peléwy rolorAdyatwy,
ts véos dvipérorst mapistátar: th yap abtó
fatw Grep opovéer peléwv poate dvbpdrotay
nal näsu zal mavrle tó yap mitos dott vénpa.'
Parmenid. fragm. 16.
a a. 0. $. 76.
Diels, a. a. O. S. 124.
Übersetzung nach A. Lasson,
Pagina 30
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Kugel als dem vollendeten körperlich ,,Vollen“
zulesen.
(2% xàfov) herausLI
Auch Diels übersetzt, im Widerspruch zu Windelband
und ganz im Sinne unserer Deutung: „Denn
das Mehrere
ist der Gedanke“
1).
Nunmehr können wir die parmenideische Lehre vom Seienden
verlassen. Der rationalistische Realismus desgroßen eleatischen Philosophen im Wirklichkeitsproblem erscheint genügend sichergestellt.
Im Wahrheitsproblem ergibt sich daraus mit fast selbstverständlicher logischer Konsequenz ein ausgesprochener rationalistischer Objektivismus.
Scharfe Ablehnung des
empiristisch-sensualistischen und Befürwortung des rationalistischen
Wahrheitsbegriffes geht zunächst hervor aus den Worten: „Laß
dich
nicht durch die vielerfahrene Gewohnheit auf diesen Weg
zwingen, nur deinen Blick, den ziellosen, dein Gehör, das brausende,
deine Zunge walten zu lassen: nein, mit
bringe die vielumstrittene Prüfung,
scheidung‘ ?).
dem Verstande
die ich dir
riet,
zur Ent-
Daß dabei die Wahrheit der — allein wahren —
Verstandeserkenntnis in ihrer Übereinstimmung mit jenem realen
Verstandesding
die
(vorróv) besteht,
das für den Rationalisten an
Stelle des realen Sinnendinges
(aisbyx6v) getreten ist, geht
aus allen den Stellen ohne weiteres hervor, die oben auch zum
Beweise des rationalistischen Realismus angeführt werden konnten.
Wenn „Denken und Sein dasselbe ist“, d. h. wenn sich nichts mit
dem Denken erreichen läßt, was nicht auch Existenz hätte, dann
kann die Wahrheit dieses Denkens in gar nichts anderem bestehen,
als eben in dem ,,Erreichtwerden'** des intentionalen Gegenstandes
durch das Denken.
Das liegt auch in den Worten: „Denken und
des Gedankens Ziel ist eins.‘
Falsch kann das Denken nur sein, wenn es an seinem Ziel
vorbeigeht, d. h. wenn es den unmöglich gelingenden, weil in sich
widerspruchsvollen Versuch macht, das Nichtseiende zu erfassen.
1) Diels, ebenda.
2) Vers 34 ff.: undè o ¿dos noddretpov dddv var tive Bristo,
vupäv daxorov dpa xal DYTETTAY dovi,v
za yraosav, xpivar De Aye rolbónpty Eleyyov
di ¿pédev pnbévra.
Parmenid. fragm. 1.
Diels, a. a. O. S. 115.
Pagina 31
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Indem das Denken sein Ziel, seinen intentionalen Gegenstand
erreicht, indem es seine „Intention‘“ erfüllt und so zum Denken
des wahrhaft Seienden wird, wird es zugleich zum wahren Denken
und zum Denken der Wahrheit.
Der radikale und extreme Rationalismus der Eleaten macht
also die
Beziehung zwischen Realismus im Wirklichkeits- und
Objektivismus im Wahrheitsproblem zu mehr als einer bloßen
logischen Folgebeziehung: er macht Realismus und Objektivismus
geradezu zu Wechselbegriffen, zu einer und derselben nur von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachteten Sache.
Es ist das Verdienst der zweiten, durch
Sokrates
angebahnten Richtung des griechischen Rationalismus, der Richtung,
die in Platos Metaphysik auf ihre klassische Höhe gebracht und
mit
dem
entsprechend
modifizierten
Eleatismus
verschmolzen
wurde, diese Problemverschlingung wieder gelöst zu haben.
Plato
behauptet die reale metaphysische Wirklichkeit seiner „Ideen“
ebenso wie Parmenides die seines Seienden; aber diese Behauptung
ist dem großen Sokratesschüler
nieht — wie dem Eleaten —
gleichbedeutend mit der Lehre, daß die wahren Erkenntnisse die
mit diesem „wahrhaft Seienden“ in seinem ,,intentionalen Gegenstande‘“‘
zusammenfallenden
Erkenntnisse
seien.
Wir
werden
vielmehr schen, wie Plato durch
psychologische
Untersuchung
des
Zustandekommens
der
gelangt,
dem
Wahrheitsproblem
eine
Wahrheitserkenntnis
selbständige
dazu
Bedeutung
zuzuschreiben und es vom Wirklichkeitsproblem zu trennen.
Nach der eingehenden Behandlung des Parmenides können
wir uns hinsichtlich der übrigen Eleaten — Zenon und Melissos— kürzer fassen.
Zenons Verdienst um den Rationalismus im Wirklichkeitsproblem besteht darin, daß er mit außerordentlichem
Scharfsinn
den
entgegenstehenden
Wirklichkeitsbegriff der gewöhnlichen sensualistischen Vorstellungsweise durch
Aufweisung der in ihm enthaltenen Widersprüche ad absurdum
führte.
Er verteidigt also den rationalistischen Realismus auf
indirektem
dinge“,
Wege
Als die Wesensmerkmale der „Sinnendie nach dem sensualistischen Realismus das Wirkliche
ausmachen, werden Vielheit und räumlich-zeitliche Bestimmtheit
angesehen.
Die sinnliche „Außenwelt‘“ besteht aus einer unbe-
Pagina 32
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)grenzten Vielheit von Dingen im Raum und in der Zeit. Die Mannigfaltigkeit und Veränderlichkeit, die der Welt der aiodnté zugeschrieben wird, beruht darauf, daB die Dinge scheinbar zu verschiedenen Zeiten verschiedene Orte einnehmen, d. h. sich be wegen
können.
Durch
die
Annahme
einer
Vielheit
sich
bewegender oder der Bewegung fähiger Dinge ist der sensualistische
Realismus typisch charakterisiert.
LieBe es sich also beweisen,
daß es eine Vielheit und eine Bewegung nicht geben kann, dann
wäre damit zugleich der sensualistische Realismus ad absurdum
geführt. In diesem Sinne und in dieser Absicht unternimmt Zenon
seine berühmten Beweise gegen die ,,Realität der Vielheit und
der Bewegung, von denen namentlich die letzteren (der „fliegende
Pfeil“, „Achilleus und die Schildkröte‘‘ usw.) noch heute im Zusammenhang erkenntnistheoretischer Erörterungen über das Kontinuitätsproblem verdientermaßen eine mehr als nur geschichtliche
Berücksichtigung finden !).
Wenn Zenon die Vielheit und die Bewegung als môgliche
Merkmale des allein haltbaren rationalistischen Wirklichkeitsbegriffes ablehnt, so gibt er dadurch zunächst nur negative Bestimmungen des Seienden: es ist nicht vieles, nicht bewegt, nicht
wechselnd usw.
Wie aber ist das Seiende
positiv
zu bestimmen?
Es
könnte scheinen, als ob unser Philosoph hier auf Merkmale sinnlicher Natur — unter Verleugnung seines Rationalismus — zurückgegriffen habe.
Denn nach des Simplieius Bericht sagte er über
das Seiende folgendes: „Ist es aber vorhanden, so muß ein jeder
seiner einzelnen Teile eine gewisse Größe und Dicke und Abstand
vom anderen haben.
Und dasselbe läßt sich von dem vor jenem
liegenden Teile behaupten.
Auch dieser wird natürliche Größe
haben, und es wird ein anderer vor ihm liegen.
Das gleiche gilt
also ein für allemal. Denn kein derartiger Teil des Ganzen wird die
äußerste Grenze bilden, und nie wird der eine ohne Beziehung
zum anderen sein“ 2). Danach scheint es also, als ob Zenon Räum1) Vgl. R. Herbertz: Die Philosophie
des
Raumes
(Stuttgart 1912,
Spemänn).
2) Simpl. phys. 140, 34 el 82 Eorıv [scil, tó dv], dvdyen Euastov péyedde
rt tye val ndgoc zat dnéyew adrod tó Ecepov And tod Etépov.
«al mepl tod
Pagina 33
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)lichkeit und Körperlichkeit — Größe, Dicke, gegenseitigen Abstand — positiv als Merkmale des Seienden aufgestellt habe.
In
einem ganz ähnlichen Sinne wie in der Atomistik hätten wir uns
einen indefiniten homogenen Raum zu denken, mit materiellen
Teilchen, die in gewissen Abständen voneinander durchgängig
diesen Raum erfüllen und in einer durchgängigen, wechselseitigen
gesetzmäßigen Beziehung — etwa mechanischer Art — zueinander
stehen.
Wir hätten also eine „sensualistische‘‘ Seinslehre ähnlich
der im eigentlichen Sinne gedeuteten Lehre des Parmenides vom
Seienden als dem materiell Vollen, als dem einheitlichen kugelförmigen Weltkörper.
Zu einer bildlichen Interpretation gibt
uns aber im vorliegenden Falle weder ein eingefügtes ,,vergleichbar“ (&vakfyaınz) noch überhaupt der ganze Wortlaut der Stelle
irgendein Recht.
Trotzdem dürfen wir das zitierte Fragment weder im Sinne
einer
sensualistischen
Seinslehre
noch
überhaupt
Bestimmung des Seinsbegriffes auffassen.
als
positive
Denn der ganze Zusammenhang, in dem die zenonsche Äußerung bei Simplieius
vorgebracht ist, läßt vielmehr keinen Zweifel darüber, daß hier
der Eleat
nicht
eigene
Ansichten
vorträgt, sondern
nur die Voraussetzungen der gegnerischen sensualistischen Lehre
entwickelt,
um
alsdann
mit
jenem Scharfsinn,
dessentwegen
ihn Aristoteles den „Erfinder der Dialektik“ nannte, Folgerungen
aus
diesen Voraussetzungen zu
ziehen, deren Absurdität
Widerlegung des Sensualismus dienen soll.
uns
unmittelbar
vorher,
Zenon
habe
zur
Simplieius berichtet
bewiesen,
daß
den
Sinnendingen Größe nicht ohne Widerspruch zugeschrieben werden
könne
Was
nicht.
Also existieren die Sinnendinge nicht wirklich.
aber
keine
Größe
besitzt,
existiert
überhaupt
Als ein
Argument innerhalb dieses Beweisverfahrens ist unser Fragment
aufzufassen. Es schließt dann mit den Worten: ,, Wenn es also“ 1) —
nach der unwissenschaftlichen Meinung der sensualistischen Vornpobyovros è adrós Adyos.
xal yap axetvo Eier péyedos xat npodber adrob ti
Sporoy dh toSto Frag te elneiv xal del Ayer: obûèv yap adtob toredrov Écyarov
Eorar obte Erepov xpos Erepov 6x Estar.
1) odrwg ef moAld este,
Zenon fragm. 1.
Diels, a. a. O. $. 133.
Avdyan abra pexpd te elvar xal peydhz® puxpa
pèv dote ph yew péyedos, peydha dè dote dnetpa eivzu
Zenon fragm. 1.
Diels, ebenda.
Herbertz, Wahrheitsproblem.
Pagina 34
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)stellungsweise — ,,viele Dinge gibt, so müssen sie notwendig zugleich klein und groß sein: klein bis zur Nichtigkeit, groß bis zur
Unendlichkeit.“ Dies aber — so haben wir zu ergänzen — ist unmöglich, ist in sich widerspruchsvoll.
Dinge.
Also gibt es nicht viele
Der Sensualismus, der sie annimmt, ist unzulänglich.
Der
Rationalismus hat recht, der nur ein Ding — ein Vernunftding —
als das allein wahrhaft Seiende annimmt.
Positive Bestimmungen sinnlicher Art, wie Größe, Dicke, Abstand, Vielheit usw. will also Zenon dem Wirklichen gewiß nicht
zuschreiben.
Die einzige positive Bestimmung, die nach ihm für
das Seiende in Frage kommt, ergibt sich aus jenen, oben angeführten negativen Bestimmungen: das Seiende kann nicht vieles,
nicht bewegt, nicht wechselnd usw. sein, w eil der Begriff eines bewegten, wechselnden, Vielheit in sich schließenden Seins widerspruchsvoll ist.
Die einzige positive Bestimmung und damit
das Kriterium der Wirklichkeit ist also die Widerspruchslosigkeit.
Hierin stimmt der Eleate
ein.
Melissos ganz mit Zenon über-
Wir besitzen von diesem Philosophen eigenartige Fragmente,
die nur verständlich werden, wenn wir sie als Darlegungen des Gedankens betrachten, daß allein das Widerspruchslose wahrhaft
wirklich sein kann.
So tut z. B. Melissos den merkwürdigen Ausspruch, das Seiende empfinde weder Schmerz noch Leid.
nicht?
Antwort:
Warum
„Empfände es dergleichen, so wäre es nicht
mehr eines 1).“* Auch „könnte es nicht vollständig im Sein aufgehen,
wenn es Schmerz empfände, denn ein schmerzempfindendes Ding
könnte nicht ewig sein“ 2).
Unser Philosoph geht hier aus von der
Tatsache, daß das Bewußtsein etwas unaufhörlich Wechselndes,
Dahinfließendes ist, also Veränderlichkeit und damit Vielheit in
sich trägt. So insbesondere das Zustandsbewußtsein des Schmerzes
und Leides. Wenn wir also dem Seienden ein solches Leiden (Patbos)
zuschreiben — wie das in den anthropopathischen Seinstheorien
der Naturphilosophen geschehen ist —, dann schreiben wir ihm
ein Merkmal zu, das mit seiner Unveränderlichkeit und Einheit
1) Simpl. phys. 111,18 ...... obte dÂyet odte dvedita el yap n
todtwy nécyot, odx dy En Ev ein.
Melissos fragm. 7.
Diels a. a. O. S. 145.
2) obdt dAyei* ob yap dv av eln dhyéov (0% yap Av Bóvarro det elvar
yempa diyéov) . . .
Melissos fragm. 7.
Diels ebenda.
Pagina 35
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)unverträglich ist.
widerspruchslos.
nicht zuschreiben.
147
—
wahrhaft
Seiende
aber
ist
Also dürfen wir ihm Schmerz und Leid
Es ist ferner eine psychologische Tatsache, daß
Schmerzen und Leiden stets nur eine begrenzte Dauer haben
können. Ein leidendes Ding kann also — als solches — nicht ewig
existieren. Das Seiende aber ist ewig. Wenn wir ihm also ein Pathos
zuschreiben, so schreiben wir ihm damit eine seinem Wesen widersprechende Bestimmung zu.
Das aber ist unzulässig, wiederum
weil Widerspruchslosigkeit das Kriterium des wahrhaft Seienden ist.
Auch folgende Stelle wird nur verständlich von dem Grundsatze aus, daß das Wirkliche das Widerspruchslose ist: „Auch
kann es kein Dicht oder Dünn geben. Denn das Dünne kann unmöglich voll sein wie das Dichte, sondern durch das Dünne entsteht ja bereits etwas, das leerer ist als das Dichte. Man muß aber
folgenden Unterschied annehmen zwischen dem Vollen und dem
Nichtvollen:
Faßt nämlich ein Ding etwas oder nimmt es noch
etwas in sich auf, so ist es nicht voll; faßt esaber nichts und nimmt
es nichts auf, so ist es voll.
So muß es demnach voll sein, wenn es
nicht leer ist 1).“
Diese etwas langatmige Darlegung ist —- ebenso wie die unmittelbar vorhergehende Erörterung über das „Leere“ — eine
Polemik gegen die atomistische Lehre von der
alleinigen Wirklichkeit der Atome und des leeren Raumes. Melissos
hat unmittelbar vorher bewiesen, daß es kein Leeres gibt
Dann
stellt er die Unterscheidungen zwischen Dichtem und Dünnem,
Vollem und Nichtvollem auf und zeigt, daß die Merkmale des
Dünnen und Nichtvollen einem Seienden, in dem es kein Leeres
gibt, nicht widerspruchslos zuerkannt werden können.
Nur die
Merkmale des Dichten und Vollen sind widerspruchslos mit ihm
vereinbar. Da aber allein das Widerspruchslose wahres Sein besitzt,
so kann das Seiende nur dicht und voll sein. Daß dabei diese Bestimmungen nicht im körperlich-materiellen Sinne zu verstehen
1) nuzvév dì zal dpatòv obx Av ein. td yap dpatòv ob“ dvuatév TAL
elvat 6uolws Tu muxve, GAN’ Fön tò dpardv ye xevemtepov ylverar tod muxvod.
xptow Be tabrny yph rorhoaodar tod mAdw xal tod un mAdw’ el uèv odv ywpet
aL 7 eloddyetat, ob mAdwy* el dì pre yupet pâte eloddyetat, mAdwy.
tolvoy rhéwy elvat, el xevòv ph Eoriv.
Melissos fragm. 7.
dvdyen
Diels a. a. O. S. 146f.
Pagina 36
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)sind, daß das Seiende nicht als ein dichter, voller Weltkörper
zu betrachten ist, sagt uns der Philosoph aus Samos ausdrücklich:
,,Wenn das Seiende also überhaupt vorhanden ist, so
muB es eins sein.
Körper
Ist es aber eins,
besitzen.
so
darf
es keinen
BesäBe es Dicke, so besäße es auch
Teile und wäre dann nicht mehr eins 1).* Diese klare und deutliche
Absage des Melissos an die Lehre von der Körperlichkeit des Seienden unterstützt uns in unserer Auffassung, daß auch die „wohlgerundete Kugel‘ seines Gesinnungsgenossen Parmenides nur ein
sinnliches Symbol des Seienden bedeuten soll.
Melissos entwickelt übrigens seine Begriffsbestimmungen über
das Seiende nach derselben Methode wie Parmenides (und Leibniz):
aus gewissen als ursprünglich angenommenen Merkmalen ergeben
sich auf Grund einfacher Deduktionen weitere abgeleitete Merkmale.
So folgt in dem zuletzt zitierten Fragment das abgeleitete
Merkmal der Körperlosigkeit aus dem ursprünglichen der Einheit.
Ferner werden abgeleitet: aus dem negativen Merkmal des Unentstandenseins die positive Bestimmung der zeitlichen Unendlichkeit a parte ante und a parte post (Frag. 2); aus dieser — logisch
unzulässigerweise und abweichend von dem hier vorsichtigeren
Parmenides — die
Unendlichkeit und
Unbegrenztheit in
der
„Größe“ (Frag. 3); endlich aus der Einheit — entgegen dem
„Augenschein der einzelnen Wahrnehmung, daß alles sich ändert
und umschlägt 2) — die Unveränderlichkeit, positiv ausgedrückt:
die Beharrlichkeit.
Auch für Zenon und Melissos ist also — genau so wie für Parmenides — der Wahrheitsbegriff im Grunde nur ein Wechselbegriff
zum Wirklichkeitsbegriff.
Daher kommt alles, was wir über ihre
Stellungnahme zum Wirklichkeitsproblem ausführten, ebensosehr
auch für ihre Wahrheitslehre in Betracht.
Das wahrhaft Wirkliche
und die wirkliche Wahrheit fallen zusammen.
Die reale Wirklichkeit ist diesen extremen Rationalisten eins mit der objektiven
1) el pèv odv ein [scil. 76 6v], Set abró Ev elvar Ev Bè dv dei abró spa
ph Eyew.
el dì
fragm. 9.
Diels a. a. O. S. 149.
Eyor ndyos,
Eyot
dv
popra,
xal obxért Ev
ein.
Melissos
2) ..... rdvra Erepotovoda: fiv doxei xal meraninteiv èx tod Exdotote
bpwpévov.
Melissos’fragm. 8.
Diels a. a. O. S. 148.
Pagina 37
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Wahrheit. Die Urteile auf Grund von Sinneswahrnehmung kénnen
ebensowenig wahr sein, wie ihr Gegenstand, der Sinnenschein, wirklich ist.
Sie sind
deshalb
unwahr,
weil ihr Gegenstand
unwirklich ist. Ja noch mehr: die Unwirklichkeit des Gegenstandes
und die Unwahrheit des auf ihn sich beziehenden Denkens sind im
Grunde eins und dasselbe.
Fiir Zenon sind die Urteile auf Grund
von Sinneswahrnehmung: ,,Achilleus kann die vor ihm kriechende
Schildkröte einholen“ und „der fliegende Pfeil bewegt sich“, zu
denen uns der Sinnenschein veranlaßt,
nieht in dem Sinne unwahr, daß in ihnen die Vorstellungen oder Begriffe
untereinander nicht übereinstimmten, daß in ihnen das Verhältnis der
Wahrnehmungsvorstellungen: Achilleus, Wegstrecke, Schildkröte
bezw. Pfeil, Flugbahn zueinander nicht richtig geregelt wäre; nicht
in diesem logisch oder psychologisch immanenten Sinne sind die
Urteile auf Grund von Sinneswahrnehmung unwahr.
Sondern sie
sind in dem transeunten Sinne unwahr, daß der Gegenstand, auf
den sie sich beziehen, der Sinnenschein also, etwas Unwirkliches ist.
Das Unwirkliche aber ist das Widerspruchsvolle, so wie das Wirkliche das Widerspruchslose ist.
Weil jene Wahrnehmungsurteile
nichts wahrhaft Wirkliches zum intentionalen Gegenstande haben,
deshalb
kann man ihr
Achilleus kann
Pfeil ruht.
kontradiktorisches Gegenteil
die Schildkröte
nicht
einholen,
beweisen:
der fliegende
Es gibt eben keine wahrhaft wirkliche „laufende
Schildkröte‘, keinen wahrhaft wirklichen „laufenden Achilleus‘
oder „fliegenden Pfeil“.
Wahr kann also ein Urteil nur sein, das
sich nicht auf etwas Unwirkliches, nieht auf den Sinnenschein
bezieht, sondern auf etwas Wirkliches, auf das Vernunftding, das
eine Seiende.
Die reale Wirklichkeit dieses Vernunftdinges und
die objektive Wahrheit des sich auf dasselbe beziehenden Urteils
sind im Grunde ein und dieselbe Sache, nur von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet.
Rationalistischer Realismus und
rationalistischer Objektivismus sind Wechselbegriffe.
Das ist der
letzte Sinn des vielumstrittenen parmenideischen Ausspruches, der
auch Zenons Meinung trifft: Denken und Sein sind dasselbe.
Der gleiche Gegensatz gegen den sensualistischen Wahrheitsbegriff und die gleiche Ineinssetzung des rationalistischen Realismus mit dem rationalistischen Objektivismus spricht sich auch in
Pagina 38
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)den Worten des Melissos aus:
,,Es liegt also auf der Hand, daB
unser Blick sich täuschte, und daß der Anschein jener Vielheit von
Dingen trügerisch ist.
Denn wären sie wirklich, so schlügen sie
nicht um [und veränderten sich nicht, wie das die Gegenstände
der sinnlichen Wahrnehmung tun], sondern jedes bliebe so, wie es
vordem
aussah.
Denn
stärker als
die
wirklich
vorhandene
Wahrheit ist nichts *).“
VI. Kapitel.
Sokrates und Plato.
O. Külpe
stellt
in
seiner ,,Einleitung in die Philosophie“
folgende Definitionen auf: Ein mit sich selbst nach den Gesetzen
der Logik übereinstimmendes, widerspruchsloses Denken ist wahr,
ein
den
Tatsachen
entsprechendes Denken
ist
richtig.
Eine
notwendige selbstevidente Beziehung zwischen der Wahrheit und
der Richtigkeit besteht nicht.
Man kann nicht ohne weiteres aus
der Richtigkeit auf die Wahrheit oder umgekehrt schließen.
Akzeptieren wir diese Begriffsbestimmungen, so können wir
sagen, daß die Eleaten die Selbstevidenz der Beziehung zwischen
Richtigkeit und Wahrheit künstlich herstellten.
wurde
für
sie zu
einer
und Richtigkeit sind gleich.
solchen
der
Diese Beziehung
Gleichheit.
Wahrheit
Diese Ineinssetzung gelang unseren
Rationalisten dadurch, daß sie die „Tatsache“, der das richtige
Denken entsprechen muß, zum Gedankending machten.
Das mit
sich selbst nach den Gesetzen der Logik übereinstimmende, widerspruchslose, d. h. also wahre Denken stimmt aber auch mit seinem
Gedankending als seinem
,,intentionalen Gegenstand‘ überein.
Indem nun die Bedeutung des Gedankendinges als realer und als
intentionaler Gegenstand in eins gesetzt wird, wird die Richtigkeit
zugleich zur Wahrheit.
Damit haben wir nur den erkenntnis-
2) So rofvuv, Ste obx dphide Swpduev, oböt dxeiva not ¿pde Soxei
elvat’ où yap dv perénumtev, ef dAndH Tv" GAN Fv oldv mep ebdxet Exaotov
totobtov. tod yap Edvros dAndevod xpeissov chdév. Melissos fragm. 8.
Diels a. a. O. S. 148.